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Wachstum bis zum Untergang

Erstellt von DL-Redaktion am 15. August 2015

Das Wachstum der Weltwirtschaft

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von David Harvey

Dem Kapital geht es immer um Wachstum, und es wächst notwendigerweise exponentiell. Diese Bedingung der Kapitalreproduktion stellt einen extrem gefährlichen, aber bis heute weitgehend unbeachteten und vernachlässigten Widerspruch dar. Nur wenige Menschen verstehen die Mathematik des Zinseszinses oder das Phänomen des exponentiellen Wachstums und seine Gefahren. Selbst die Wirtschaftswissenschaft verkennt die Bedeutung des Zinseszinses für die wachsende Verschuldung. So kam es, dass ein entscheidendes Element der Erklärung für die globale Krise von 2008 im Dunkel blieb. Es stellt sich also die Frage: Ist exponentielles Wachstum auf Dauer möglich? In letzter Zeit äußern einige Wirtschaftswissenschaftler die Sorge, dass der bedingungslose Glaube an ewiges Wachstum ein Irrtum sein könnte. So schrieb Robert Gordon unlängst, das Wirtschaftswachstum der letzten 250 Jahre „könnte durchaus eine einmalige Episode in der menschlichen Geschichte bleiben. Es gibt keine Garantie für einen endlosen Fortschritt im gleichen Tempo.“ Er stützt sich dabei vorwiegend auf einen Überblick über die Entwicklung und die Auswirkung der produktivitätssteigernden Technologien, die wesentlich für das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens verantwortlich waren.

Gordon ist sich mit zahlreichen anderen Ökonomen einig, dass die Innovationswellen der Vergangenheit sehr viel stärker waren als die meisten jüngeren Wellen, die seit den 1960er Jahren auf Elektronik und Computerisierung beruhten. Diese letzte Welle sei in ihrer Wirkung schwächer, als im Allgemeinen angenommen, und habe sich im Übrigen weitgehend erschöpft (nachdem sie in den 1990er Jahren ihren Höhepunkt mit der Dotcom-Blase erreicht habe). Auf dieser Grundlage macht Gordon die Vorhersage: „Das künftige Wachstum des realen Pro-Kopf-BIPs wird langsamer verlaufen als in irgendeiner längeren Periode seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, und das Wachstum des realen Pro-Kopf-Verbrauchs für die unteren 99 Prozent der Einkommensverteilung wird noch langsamer sein.“ Die wachsende soziale Ungleichheit, Probleme durch wachsende Kosten und sinkende Qualität des Bildungssystems, Auswirkungen der Globalisierung, Umweltvorschriften, die Überalterung der Bevölkerung, wachsende Steuerbelastung und wachsende Verbraucher- und Staatsverschuldung werden ihren Teil zu dieser weitgehenden Stagnation beitragen. Aber auch ohne diese zusätzlichen Schwierigkeiten, erklärt Gordon, würde das Wachstum im Vergleich mit den letzten 200 Jahren eher gebremst verlaufen.

Kapitalakkumulation durch Schuld und Zins und Zinseszins

Es ist nicht leicht, sich ein klares Bild von der Beziehung zwischen Zinseszins, exponentiellem Wachstum der Kapitalakkumulation und den damit verbundenen Gefahren zu machen. Ein flüchtiger Blick auf die verfügbaren historischen Daten über das Gesamt-BIP lässt darauf schließen, dass es in der Geschichte des Kapitals zwar schon immer eine gewisse Beziehung zwischen Reichtum und Schuldenakkumulation gab, dass aber seit den 1970er Jahren die Akkumulation von Reichtum viel enger mit der Akkumulation der Staats-, Unternehmens- und Privatverschuldung verflochten ist. Das nährt den Verdacht, dass Schuldenakkumulation heute eine Vorbedingung für die weitere Akkumulation des Kapitals ist. Sollte das richtig sein, ergäbe sich daraus der überraschende Schluss, dass die Sparpolitik der rechten Republikaner (oder der deutschen Regierung) eine weit größere Bedrohung für die Zukunft des Kapitals darstellt als die Arbeiterbewegung in Vergangenheit und Gegenwart.

Das Prinzip von Zinseszins oder exponentiellem Zins ist sehr einfach. Ich zahle 100 Dollar auf ein Sparkonto ein, für das ich 5 Prozent Jahreszins bekomme. Nach einem Jahr habe ich 105 Dollar, aus denen bei konstantem Zinssatz ein weiteres Jahr später 110,25 Dollar geworden sind (die Zahlen sind höher, wenn der Zinseszins monatlich oder täglich berechnet wird). Am Ende des zweiten Jahres ist die Differenz zwischen dieser Summe und dem Ergebnis bei einem linearen Zins sehr klein (gerade einmal 25 Cent) und damit zu vernachlässigen. Aus diesem Grund bleibt er leicht unbemerkt. Doch nach dreißig Jahren habe ich auf meinem Konto zu 5 Prozent Zinseszins 432,19 Dollar im Gegensatz zu den 250 Dollar, die sich bei 5 Prozent linearem Zins angesammelt hätten. Nach sechzig Jahren wären es 1867 Dollar gegenüber 400 Dollar und nach einhundert Jahren 13 150 Dollar gegenüber 600 Dollar. Die Zinseszinskurve steigt also eine Zeit lang nur sehr langsam an und beginnt dann steiler zu werden, bis sie zum Schluss zur Singularität wird, wie die Mathematiker sagen – sie geht gegen unendlich.

Ein Beispiel für die Gefahren des Zinseszinses ist der Fall von Peter Thelluson, einem wohlhabenden Schweizer Handelsbankier, der in London lebte, einen Treuhandfonds über 600 000 Pfund einrichtete und verfügte, dass das Geld 100 Jahre festliegen sollte. Bei 7,5 Prozent Zinseszins wäre der Fonds 1897, zu dem Zeitpunkt, da das Geld unter seinen glücklichen Nachkommen verteilt worden wäre, 19 Millionen Pfund wert gewesen (weit mehr als die britische Staatsverschuldung). Selbst bei 4 Prozent, so errechnete die damalige Regierung, hätte das Erbe 1897 noch der gesamten Staatsverschuldung entsprochen. Die exponentielle Verzinsung hätte zu einer ungeheuren finanziellen Macht in privater Hand geführt. Um das zu verhindern, wurde im Jahr 1800 ein Gesetz verabschiedet, das die Lebensdauer solcher Fonds auf zwanzig Jahre beschränkte.

Das Wachstum der Weltwirtschaft

Quelle: Blätter >>>>> weiterlesen

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Grafikquelle     :

Hermann Scheer, 29. April 1944 in Wehrheim – 14. Oktober 2010 in Berlin, Grabstätte: Feld 16-A-20/21, Trakehner Allee 1, Berlin-Westend Friedhof Heerstraße (Waldfriedhof Heerstraße)

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