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Wie der IS Europa radikalisiert

Erstellt von DL-Redaktion am 13. Dezember 2015

Der Westen und der Islamische Staat

von Adam Shatz

In Paris sind radikale junge Europäer von potenziellen Straßenkämpfern zu dschihadistischen Terroristen geworden. Dass nun Muslime unter Generalverdacht stehen, ist der falsche Schluss. Ebenso der neue „Krieg gegen den Terror“ mit seinen absehbar fatalen Folgen.

Vor dem libanesischen Bürgerkrieg galt Beirut als das Paris des Nahen Ostens. Heute hat es zunehmend den Anschein, als sei Paris zum Beirut Westeuropas geworden – eine Stadt der aufgeheizten ethnischen Spannungen, der Geiselnahmen und Selbstmordattentate. Inzwischen gehen die Menschen in Paris wieder über die Straßen und setzen sich ins Café, mit derselben Bereitschaft zur Normalität, wie sie die Libanesen seit Mitte der 1970er Jahre wunderbarerweise an den Tag legen. „Même pas peur!“, proklamieren sie trotzig auf Plakaten und an den Hauswänden der Place de la République. Und doch ist die Angst allgegenwärtig, nicht nur in Frankreich. Allein in den letzten Wochen hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Massaker in Bagdad, in Ankara und in Beirut verübt und ein russisches Flugzeug mit 224 Passagieren zum Absturz gebracht. Den Überlebenden droht der IS weitere Attacken an, als lege er es darauf an, gewaltsame Vergeltungsschläge zu provozieren.

Genau diesem Wunsch scheint Frankreich – das schon durch die Attentate vom Januar traumatisiert war – nun entsprechen zu wollen. „Wir sind im Krieg“, erklärte François Hollande und ließ kaum 48 Stunden nach den Attentaten die IS-Hochburg Rakka bombardieren. Zudem will er eine Verfassungsänderung durchsetzen, um den auf drei Monate begrenzten Ausnahmezustand unbefristet verlängern zu können.

Damit hat der Islamische Staat – eine 35 000 Mann starke Miliz, deren selbst erklärtes „Kalifat“ von niemandem als Staat anerkannt wird – etwas erreicht, was Frankreich der algerischen Befreiungsbewegung FLN bis 1999 verweigert hatte. Dass man in Algerien einen Krieg geführt hat – und nicht nur einen Feldzug gegen „illegale Banden“ –, hat Paris erst 37 Jahre nach der algerischen Unabhängigkeit eingeräumt.

Zur Kriegspartei aufgewertet

Sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass Frankreich doch noch Bodentruppen nach Syrien entsendet, wäre damit für den IS die ersehnte Gelegenheit gekommen, die Soldaten der „Kreuzfahrer“ direkt auf dem eigenem Territorium zu bekämpfen.

Die Anerkennung als „Kriegspartei“ ist nicht der einzige strategische Erfolg des IS. Er hat es auch geschafft, Frankreich in Panik zu versetzen und die Spannungen im Land zu verschärfen. Das Massaker war die direkte Vergeltung für französische Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien und im Irak, aber die Islamisten hatten auch andere Gründe: Für sie ist Paris Symbol für eine verachtenswerte gottlose Zivilisation, ein Hort „der Prostitution und des Lasters“, wie in einem IS-Bekennerschreiben stand.

Frankreich ist in Nordafrika und im Nahen Osten nicht nur als ehemalige Kolonialmacht erinnerlich, es hat auch – zusammen mit Großbritannien – die Sykes-Picot-Linie durchgesetzt,1 die der IS nach der Einnahme von Mossul triumphierend niedergewalzt hat. Noch bedeutsamer ist aber: Frankreich ist das EU-Land mit dem höchsten Anteil muslimischer Staatsbürger, deren Familien zumeist aus den früheren französischen Kolonien eingewandert sind. Es gibt zwar eine wachsende muslimische Mittelklasse, und viele Muslime heiraten andersgläubige Partner. Doch eine nennenswerte Minderheit lebt immer noch in trostlosen, isolierten Vorstädten, in denen eine hohe Arbeitslosigkeit herrscht.

Bei einem Wirtschaftswachstum von nur 0,3 Prozent ist der „französische Traum“ für die meisten Bewohner der Banlieues heute längst ausgeträumt. Sie fühlen sich ausgegrenzt, erleben alltägliche Diskriminierung und brutale Polizeigewalt und haben oft den Eindruck, dass die säkulare Religion der „laicité“ nur als Instrument zur Maßregelung der Muslime dient.

So kann es nicht überraschen, dass sich mehr als tausend französische Muslime aufgemacht haben, um Ruhm und Bestätigung auf den syrischen und irakischen Schlachtfeldern zu finden. Die meisten der jugendlichen Dschihadisten haben sich nicht in der Moschee, sondern über das Internet radikalisiert. Einige von ihnen – auch die Attentäter vom Januar und vom November – saßen mehrfach im Gefängnis.

Der Westen und der Islamische Staat

Und jeder vierte der vom IS rekrutierten Franzosen soll zum Islam erst konvertiert sein. Eine Gemeinsamkeit der meisten Dschihadisten besteht offenbar darin, dass ihnen jegliche ernsthafte religiöse Ausbildung fehlt. Untersuchungen belegen eine umgekehrt proportionale Beziehung zwischen muslimischer Frömmigkeit und Bereitschaft zum Dschihad. Diesen Befund hat Oliver Roy, Verfasser einiger Bücher über den politischen Islam, kürzlich so formuliert: „Wir haben es weniger mit der Radikalisierung des Islam als mit der Islamisierung des Radikalismus zu tun.“

Wenn der IS eine Gruppe französischer und belgischer Dschihadisten losschickt, um Pariser Bürger in Restaurants und Konzerthallen zu massakrieren, will er eine Welle feindseliger Reaktionen gegen Muslime auslösen, damit deren Frustration noch weiter anwächst. Die Opfer der Angriffe vom 13. November waren jedoch ganz unterschiedlicher Religion und Hautfarbe, das Morden war wahllos, und in Seine-Saint-Denis, wo die Bomben vor dem Stade de France hochgingen, leben auch viele Muslime.

Theoretisch könnte diese Tragödie also – anders als das Charlie-Hebdo-Attentat vom Januar – die Gesellschaft zusammenschweißen. Allerdings sind es vor allem die Muslime, die unter den Notstandsmaßnahmen und der neuen Rhetorik nationaler Selbstbehauptung zu leiden haben.

Faycal Riyad, ein Franzose algerischer Abstammung, der an einem Gymnasium in Aubervilliers unterrichtet (ganz in der Nähe der Fluchtwohnung der Attentäter, die von der Polizei am 18. November belagert wurde), beschreibt das veränderte politische Klima: Im Januar habe Hollande in seiner Rede klar zwischen Islam und Terrorismus unterschieden, jetzt aber habe er gewissermaßen das Gegenteil getan. „Er sprach von der Notwendigkeit, die Grenzen dichtzumachen, womit die Täter quasi zu Ausländern wurden; aber vor allem stimmte er in den Ruf des Front National ein, dass man Franzosen mit Doppelpass die französische Staatsbürgerschaft entziehen müsse, wenn sie wegen Aktionen gegen das Interesse des Landes verurteilt werden. Durch solche Töne werden unsere Ängste noch verstärkt.“

Marine Le Pen kann also jubeln. Ihr rechtsextremer Front National hat bei den Regionalwahlen im Dezember sehr gut abgeschnitten. Doch die antimuslimische Stimmung beschränkt sich nicht mehr auf die äußerste Rechte. Auch in der rechten Mitte wird vor einer „fünften Kolonne“ der Muslime gewarnt. Und eine gewichtige Stimme von Sarkozys Republikanern2 schlägt sogar vor, 4000 mutmaßliche Islamisten in Sonderlagern zu internieren.

Kampf mit Champagner und Waffen

Quelle: le monde diplomatique >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Die schwimmende Moscheen / „Floating“ mosque of Kuala Terengganu.

Author bbbsheep from singa-po –/– CC BY 2.0

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