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Paco de Lucia

Erstellt von Gast-Autor am 4. März 2014

Ein Nachruf

Autor: Reyes Carrillo

Rationalgalerie

Datum: 03. März 2014

Francisco Sánchez Gómez, als Ausnahme-Flamencogitarrist weltberühmt unter dem Künstlernamen Paco de Lucía (der Vorname seiner Mutter) ist tot. Er, der Kette rauchende, aber immer topfit erscheinende aktive Fußballer erlag in seiner Wahlheimat Mexico mit nur 66 Jahren einer Herzattacke. Er habe wohl gerade am Strand Fußball mit seinen – noch jungen – Kindern gespielt, heißt es.

Die bloßen Daten dieser außergewöhnlichen künstlerischen Vita, die Beleuchtung der vielfältigen Meilensteine seiner Entwicklung, die verdienten Huldigungen vor dem Genius dieses musikalischen Internationalisten stehen gegenwärtig natürlich überall im weiten Netz für jeden nachzulesen. Dies alles muss deshalb auch nicht noch einmal aufgeführt werden.

Ich durfte Paco de Lucía Anfang der 80er Jahre im spanischen Granada/Sacromonte zu einem längeren Interview treffen. Das war die Zeit, in der er mit dem „Sextett“ wieder einmal Musikgeschichte schreiben sollte und Carlos Sauras „Carmen“ in letzten Planungen war. Der Sacromonte ist die berühmte Siedlung der Granainer Gitanos (Zigeuner), die dort in liebevoll (alternativ: oft extrem touristisch) ausgestalteten Berghöhlen, den cuevas leben. Dort fühlte sich Paco de Lucía wohl und geborgen und er wurde behandelt als einer von ihnen…

Mich persönlich elektrisierte von Beginn an die Art, wie Paco (er hätte sich heftig gewünscht, in seinen Nachrufen einfach so – so normal genannt zu werden!) den Flamenco mit seiner einzigartigen Technik und Virtuosität neu interpretierte, ohne dabei die Seele des Flamenco zu opfern, und der spanischen Gitarre als Soloinstrument, seinem Lehrer Sabicas folgend, die Tür zu den größten Konzertsälen der Welt öffnete. Das war 1968, nachdem das Werk „La fabulosa guitarra de Paco de Lucía“ auch nach Argentinien gekommen war. Danach stieg Paco kontinuierlich in Argentinien zum populärsten, am meisten bewunderten und respektierten ausländischen Musiker jenseits der Popmusik auf. So viele Male bereiste er meine Heimat. Seit dieser Zeit habe ich mich intensiv mit dem Werk Paco de Lucías beschäftigt, erlebte unzählige Konzerte, viele davon auch in Deutschland – in diesem November wäre er nach München gekommen…

Doch zurück auf den Sacromonte; Paco de Lucía war inzwischen schon längst ein international gefeierter Star geworden. Er erledigte Zeit seines Lebens zwar immer höflich und geduldig all diese wohl tausende Pressetermine mit immer denselben Fragen, aber er, der fast kindlich Scheue, hasste sie zutiefst. In Erinnerung geblieben sind mir seine mich anfangs irritierenden, unglaublich flinken, unruhigen Augen, die wie bei einem gerade fressenden Tier ohne Unterlass die Umgebung scannten. Doch das gab sich mit der Zeit. Die nächste Überraschung war seine Sprache. Zu jener Zeit, da es freilich noch kein YouTube gab, ich Paco auch noch nie im Fernsehen redend erlebt hatte, konnte ich natürlich nicht wissen, wie dieser Mann wohl sprechen würde. Zu meiner Verblüffung sprach Paco den mit Abstand breitesten, „dreckigsten“ andalusischen Slang, den ich mir vorstellen konnte. Ohne jeden erkennbaren Anspruch an sich selbst, auch nur halbwegs als gebildet, als weltläufig oder gar als intellektuell wahrgenommen – und damit völlig missverstanden zu werden. Das war grandios entwaffnend und imponierte mir sofort. Paco de Lucía war und blieb Zeit seines Lebens, egal wo er auch gerade lebte, ein Teil seiner andalusischen Heimat, tief verwurzelt in der Volkskultur, aus der er kam, dem flamenco-gitano-andaluz (der wissenschaftlichen Korrektheit wegen). Je einfacher die Menschen, desto wohler fühlte er sich, je „alltäglicher“ die Gespräche um Haus und Hof, um Frau und Kinder, um Fußball, ums schlichte Überleben – dann strahlte er, dann lachte und schimpfte, schwieg und hörte er zu, und seine unruhigen Augen wurden still. Seine jährlichen Konzerttermine rund um die Welt, ein großer Teil davon war nichts anderem als geradezu preußischem Pflichtgefühl geopfert, war Korrektheit seinem Management, war Tribut seinen Fans gegenüber. Spaß machte ihm das aber nur selten.

Wir sprachen länger über Politik, obwohl er es nicht sehr mochte, öffentlich über Politik zu referieren und dies auch meistens vermied. Ich denke, er wollte einfach seine Ruhe haben in dieser Hinsicht. Wie in der Flamencoszene eigentlich traditionell üblich (mit klassischen, bekannten Ausnahmen!) schlug auch Pacos Herz links. Mir sagte er, dass er sich der Kommunistischen Partei (PCE) verbunden fühle, aber seit dem miesen Umgang der Partei mit dem einstigen Generalsekretär, Santiago Carrillo, den er wohl auch kannte, dieser den Rücken zukehren wolle. Paco de Lucía war aber nie ein so politischer Künstler und gar Aktivist wie sein Freund, der Flamencotänzer Antonio Gades (weltbekannt vor allem durch den Film „Carmen“), der ein leidenschaftlicher, praktizierender Kommunist war. Allerdings besuchte Paco de Lucía zusammen mit Gades Fidel Castro, der ein guter Freund von Antonio Gades war und quasi als eine Art „Auslandsbeauftragter“ der Kommunistischen Partei Kubas galt. (Sicher nicht uninteressant: Man hat in Havanna sogar eine Statue von Antonio Gades errichtet, seine Asche beherbergt das „Mausoleo de los Héroes de la Revolución Cubana”, zudem war er Träger des höchsten Ordens, den die Republik Kuba zu vergeben hat, den „Orden de José Martí“, den er zwei Wochen vor seinem Tod aus der Hand Castros erhalten hatte.)

Paco jedenfalls war zutiefst angetan von Kuba und dachte gerade noch vergangenes Jahr darüber nach, seinen Wohnsitz für eine Zeit auf diese Insel zu verlegen. Im Oktober 2013 sagte er in Havanna: „Wahrscheinlich werde ich nach Kuba kommen, um hier eine Zeit zu verbringen. Denn es ist ein sehr interessantes, es ist ein einzigartiges Land. Es gibt nirgendwo auf der Welt ein Land wie dieses.“ (Gerade auch in diesen Sätzen vor vornehmlich spanischen Mikrofonen zeigt sich, wie ich finde, Pacos große Zurückhaltung, politisch deutlicher zu werden. Das kann man verstehen, aber man konnte es gelegentlich auch sehr vermissen.)

Paco de Lucía entpuppte sich im damaligen Interview jedenfalls zutiefst beseelt vom Gedanken einer gerechten Welt – und erzählte dabei so wunderbar fern des oft üblichen und zu Recht berüchtigten kommunistischen Politsprechs. Ihn interessierten die Menschen, mit denen er damals in seinem barrio in Algeciras aufgewachsen war und vor allem interessierte er sich für die Situation der Gitanos, deren kulturelle Leistung er in die Welt brachte. Der grandiose, brutale Zynismus der Spanier, immer dann die buntberockte, castañuelasklappernde Kultur der Gitanos stolz vorzuführen, wenn es dem eigenen Ruf als Kulturnation dient, sie ansonsten jedoch im Alltag oft wie Dreck zu behandeln, hat sich bis heute nicht geändert. Eine aber sogar in diesem Alltag wahrnehmbare, leichte Veränderung zum Positiven, in denen behördlicherseits respektvoller mit den Gitanos umgegangen wurde, gab es nur in den ersten zwei Regierungsjahren des andalusischstämmigen, sozialistischen Ministerpräsidenten Felipe Gonzales, also zu jener Zeit des Interviews. Paco, der payo, der Nicht-Zigeuner betonte wiederholt seine große Hoffnung, die er mit ihm, mit Gonzales verbände. Im weiteren Verlauf des Gesprächs fiel eine Unmenge von Namen aus seiner engeren und weiteren Umgebung, deren Schicksal ihn beschäftigte und an deren Schicksal er offenbar das schreiende Unrecht kapitalistischer Gesellschaften aufzeigen wollte. Dabei gelang es dem Zurückhaltenden, sich regelrecht in eine Art besselter Rage zu reden. In diesem Moment erreichte der Sprechende die Authentizität des vom duende (der Dämon des Flamenco) erfassten Spielenden.

Sichtlich enttäuscht allerdings war Paco dann jedoch ab dem Moment, als er schmerzlich zur Kenntnis nehmen musste, dass ich von Fußball weniger als nichts verstand und es sich nicht lohne, dieses Thema überhaupt anzureißen. Allerdings erkannte er durchaus auch an, dass ich ja nur eine Frau sei. Obschon, versuchte er es nochmal, gerade ich als Argentinierin müsse doch eigentlich…, meine ganze Nation sei doch schließlich fußballverrückt. In diesem für ihn offenbar peinlichen Moment sah er aus wie ein kleines, ertapptes Kind.

Als Genie empfand sich Paco de Lucía nie. Er verband seine Fähigkeiten und seinen Erfolg nahezu singulär mit seiner Geburt in genau die Kontexte hinein, die ihn damals umgeben hatten. Sein älterer Bruder Ramón spiele nur deshalb nicht auf seinem Niveau, weil er einfach zuwenig geübt habe und übe. Basta. Ja, der Gitarre-Gott Paco de Lucía hat geübt wie ein Berserker – immer, Tag für Tag, Jahraus, Jahrein. Und er hat es mit der Zeit immer zunehmender gehasst. In einem späten Interview mit TVE spricht er dann auch resignierend davon, dass die Gitarre ihn jetzt langsam endgültig aufzehre. Davon, dass ihn die Gitarre nicht glücklich gemacht habe, im Gegenteil, dass sie ihm vor allem Leiden gebracht habe. Sein Vater war es, der ihn zum Perfektionisten drillte. Denn dann wurde er von ihm geliebt. Während andere Jungs Ball spielten, musste er im zugeriegelten Zimmer üben. Man mag es kaum glauben, aber Paco de Lucía wurde noch als Weltstar dauerhaft von dem Albtraum gequält, nicht gut genug zu sein, dass ihn seine Fähigkeiten vielleicht plötzlich verlassen könnten, dass er nicht mehr die Perfektion des gestrigen Tages erreichen werde. In einem Film über sein Leben erzählt er, dass er gerade im Autoradio einen Gitarristen gehört habe, der ihn ob seiner Virtuosität völlig erschreckt und demoralisiert habe und er sofort daran gedacht habe, mit dem Spielen endgültig aufzuhören. – Es war er selbst, der da im Radio zu hören gewesen war…

Einer meinte letzten Donnerstag in einem spanischen Kondolenz-Forum: Ay Paco, spiel’ Gott einfach deine „Almoraima“ vor. Er wird dich dafür lieben.

Eine sehr gute Idee, mach’ das!

Adiós y gracias por todo, Paco.

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber kornell

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