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Khamenei neben Elvis

Erstellt von DL-Redaktion am 16. Mai 2015

Die politischen Bilderwelten des Iran und ihre verborgenen Botschaften

von Charlotte Wiedemann

Wer in diesen Tagen nach Teheran kommt, sieht am Valiasr-Platz einen erstaunlichen Beweis iranischen Selbstbewusstseins. Auf einer Kunststoffwand, die eine ganze Hausfront überspannt, durchquert eine Menschenmenge mit Porträts von Khomeini und Revolutionsführer Khamenei in Mosesmanier wogende Meeresfluten. „Unser Wille teilt die Wasser!“

So viel auftrumpfender Nationalstolz könnte zu einem neuen Iran passen – als Regionalmacht immer wichtiger und zugleich in vorsichtiger Annäherung an den Westen. Das Mosesbild hängt indes schon etwas länger an dem zentralen Teheraner Kreisverkehr, und deshalb lässt sich das Motiv auch so deuten: In Isolation und schweren Zeiten hilft nur Vertrauen in eine theokratische Führung.

Die Ansicht, der Islam verbiete Bilder, wird nirgendwo so vehement dementiert wie in Iran. Die Islamische Republik ist geradezu eine Republik der Bilder; sie lassen die Atmosphäre, die Anmutung dieses Systems spüren, oft – wie beim Mosesmotiv – durchaus mit einer gewissen Ambiguität. In einem Staat, der selbst ein Hybrid aus theokratischen und republikanischen Elementen ist, sind die Bilderwelten umkämpfte Landschaften; hier zeigen sich neue Spielräume der Gesellschaft ebenso wie die Machterhaltungsstrategien der Herrschenden.

Als ich vor mehr als zehn Jahren zum ersten Mal die riesenhaften Märtyrergemälde auf Teheraner Hauswänden sah, meinte meine iranische Begleiterin: „Wir sehen diese Bilder gar nicht mehr; sie sind für uns wie Bäume.“ Ein bemerkenswerter Satz, die Wirkung von Propagandabildern relativierend, die immerhin bis zu sechs Stockwerke hoch sind. Junge Männer, fotografisch genau porträtiert, vor blauem Himmel und weißen Wolken, das Paradies andeutend, zu ihren Füßen oft blutrote Tulpen, Symbol des Märtyrertums.

Mittlerweile sind diese Bilder auch für mich ein wenig wie Bäume geworden, Teil einer Stadtlandschaft, einer unverwechselbaren Ästhetik, wie die schlanken Silhouetten schwarz gekleideter Studentinnen. Und doch erzählen die Megabilder etwas Wesentliches über den heutigen Iran: wie stark sein ideologischer Überbau der Vergangenheit zugewandt ist.

Der opferreiche irakisch-iranische Krieg fand vor drei Jahrzehnten statt, er hat die Psychologie der damals jungen Republik stark geprägt. Obwohl in diese Phase auch die schlimmsten politischen Säuberungen fallen, erinnern viele Iraner die Kriegsjahre als eine Zeit der Solidarität, der Geschlossenheit, in der es noch möglich war, an das Ursprungsideal der Revolution, soziale Gerechtigkeit, zu glauben. Das Gedenken an die Kriegstoten verbindet sich dabei mit einem religiösen Märtyrerkult, der auf die Anfänge der Schia im 7. Jahrhundert zurückgeht, auf die Ermordung Husseins in der Schlacht bei Kerbela.

Quelle: Le monde diplomatique >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Jeanne Menj

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