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„Die Linke hat den Anschluss verpasst“

Erstellt von DL-Redaktion am 27. September 2015

Philosoph über neue Technologien
„Die Linke hat den Anschluss verpasst“

Ja, das ist genau das was wir hier immer behaupten. Die LINKE ist bei Marx, Liebknecht und auch Luxemburg stehengeblieben. In der Schule würde vom Sitzenbleibern geredet, sie ist hinter dem Mond geblieben. Der Umgang mit der Neuzeit ist vollkommen auf der Strecke geblieben.

Die neuen Widerstandskämpfer schauen nicht mehr aus wie der Che Guevara mit seinem Rauschebart im Urwald, nein, das sind die Assanges und die Edward Snowdens. Die haben übrigens keinen Platz vor der Europäischen Zentralbank besetzt. Die Widerstandsformen von Mitte des 20. Jahrhunderts nützen nichts gegen Gegner, die mit avancierten technologischen Mitteln kämpfen. Es bringt nichts, gegen die NSA oder einen hochkomplexen Finanzmarkt auf die Straße zu gehen und Flugblätter zu verteilen. Die Glorifizierung von flachen Entscheidungsstrukturen, die Fetischisierung von Offenheit, Horizontalität und Inklusion seitens der Mehrheit der heutigen Linken hat die Voraussetzungen für ihre Wirkungslosigkeit geschaffen. Da muss man sich doch wenigstens fragen dürfen, ob andere Formen demokratischer Prozesse erfolgreicher sein könnten.

Armen Avanessian ist Beschleunigungsphilosoph – deshalb redet er schnell. Etwa darüber, warum ihm die Linke zu gestrig ist und warum er Hirnchips toll findet.

Der Beschleunigungsphilosoph – der „Akzelerationist“ – Armen Avanessian lebt in einem Altbau in Berlin-Mitte. Mit seiner Jeans, seinem hellblauen Hemd und den orangefarbenen Turnschuhen sieht er aus wie ein typischer Vertreter der Generation Web 2.0. Das Smartphone und seinen aufgeklappten Laptop lässt er kaum aus den Augen – auch nicht, wenn er spricht. Und Avanessian spricht schnell. Sehr schnell.

taz.am wochenende: Herr Avanessian, würden Sie sich einen Computerchip in das Gehirn einpflanzen lassen, wenn dieser Ihre Denkleistung beschleunigen könnte?

Armen Avanessian: Vielleicht sind die Chips ja schon längst in unseren Gehirnen. Ich denke und schreibe schon schneller, obwohl oder weil ein Teil meines organischen Langzeitgedächtnisses verkümmert, ich aber weiß, wie ich es gemeinsam mit meiner Festplatte bedienen kann. Derrida wurde einmal gefragt, was er sich wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte: Seine Antwort war: „Ich würde gerne irgendeine Elektrode in meinem Kopf haben, die es mir ermöglicht, dass ich so schnell schreiben kann, wie ich denke.“

Sie würden sich den Chip also implantieren lassen?

Klar, warum denn auch nicht? Er dürfte natürlich nicht zu mehr Überwachung führen. Ich möchte auch nicht, dass irgendwelche Unternehmen mit meinem Denken einen ökonomischen Mehrwert akkumulieren. Aber wenn diese Chips unsere Denkkräfte und unsere Produktivkräfte auf progressive Art und Weise fördern würden, wären sie doch ein Fortschritt. Es gibt diesen wunderbaren Satz von Spinoza: „Wir wissen noch nicht, was unser Körper kann. Akzelerationistisch übersetzt heißt der Satz: Wir wissen noch gar nicht, was der techno-soziale Körper kann.

„Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit.“ Wissen Sie vielleicht, aus welchem Text dieser Satz stammt?

Das klingt mir nach Futurismus.

Richtig. Er stammt aus Marinettis 1909 erschienenem Manifest des Futurismus. Ist der Akzelerationismus eine Art Neofuturismus?

Das ist ein grundlegendes Missverständnis. Im Akzelerationismus gibt es keine Ästhetisierung der Politik. Nirgendwo geht es da um eine Schönheit oder um eine Glorifizierung von Geschwindigkeit. Wir stellen einfach fest, dass wir in einer beschleunigten Wirklichkeit leben, die wir zum Großteil nicht verstehen. Beschleunigung meint eine positive Dynamik, die nicht gleichbedeutend mit mehr Geschwindigkeit ist. Wir sollten uns die technologischen Beschleunigungsgewinne aneignen, um eine andere, eine bessere Gesellschaft aufzubauen.

Wie soll das aussehen?

Weshalb nutzen wir zum Beispiel die Algorithmen von Facebook nicht für neue Formen der Zusammenarbeit, der Kommunikation, der politischen Selbstbestimmung? Warum nutzen wir die Möglichkeiten der Automatisierung nicht, um allgemein viel weniger zu arbeiten? Die Linke muss endlich ihren technologischen Analphabetismus überwinden.

Wie meinen Sie das?

Das Problem ist, dass die Linke, auch die linke Theorie, nicht mehr hegemonial ist, dass sie nicht mehr die entscheidenden Stichworte liefert und ihre Überzeugungskraft verloren hat. Sie hat den Anschluss an die modernen Technologien verpasst. Es gelingt ihr nicht, den technologischen Fortschritt aus der Zwangsjacke des Kapitalismus zu befreien. Rückzug und Entschleunigung sind keine Lösungen. Ganz im Gegenteil muss man die Technologien des Kapitalismus nutzen, um soziale und politische Fortschritte zu bewerkstelligen. Die echten Beschleunigungsgewinne des Neoliberalismus haben weder zu weniger Arbeit noch zu weniger psychischem Druck geführt. Darum geht es uns doch.

Die Linke hat versagt?

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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