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Andrang in der Naxoshalle in Frankfurt am Main am 9.2.2026 zur 25-jährigen „Hallenbesetzung“. – Loblied auf Willy Praml

Erstellt von Redaktion am Mittwoch 18. Februar 2026

Naxoshalle: 25 Jahre Hallenbesetzung

Loblied auf Willy Praml

Andrang in der Naxoshalle in Frankfurt am Main am 9.2.2026 zur 25-jährigen „Hallenbesetzung“.

Fast alle, die sich zur alternativen Kulturszene Frankfurts zählen, strömten zu Willy Praml, dem Urgestein des freien Theaters, von der Theaterstadt München importiert. Eigentlich über den Umweg Berlin.
Es war eine Lesung des Ensemble-Theaters Willy Praml mit anschließendem Podium. Die Halle war proppenvoll, Karten gab es bereits Tage vorher nicht mehr.

Die erste Stunde der Veranstaltung galt der erratischen Politik der ersten 10 Jahre, von 1990 bis 2000, dem Gerangel um die Naxoshalle, mittendrin damals: Willy Praml.

Eine Vorlesung aus Zeitungsausschnitten, abwechselnd von 5 Schauspielern vorgetragen, dokumentierte minutiös, Jahr für Jahr, den Werdegang der Naxoshalle für das Willy Praml Theater, eine gähnende Zumutung für das Publikum, das wohl hautnah erfahren sollte, wie sich damals die Jahre genauso chaotisch wie bleiern dahinschleppten. Das darauffolgende Podiumsgespräch mit Willy Praml, dem Publikumsliebling, war nachgerade eine Erlösung.

Der Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Schneider aus Hildesheim moderierte die Runde, die da auf dem Podium saß: Willy Praml, weiterhin der frühere Rundschau-Journalist Claus-Jürgen Göpfert, Simon Möllendorf vom Leitungsteam Produktionshaus Naxos, die frühere Kulturdezernentin Linda Reisch (1990-1998), Alfred Gangel (Liegenschaftsamt 1998-2012) und Ruth Schrödel (Dramaturgie Burgfestspiele Bad Vilbel).

Da saß er nun, der Willy, auf dem Podium, in seinen eisbärfarbenen Plüschmantel gehüllt, dem frostigen Durchzug der hohen Fabrikhallen trotzend, gemütlich in seiner menschenliebenden, herzlichen Art, dennoch den Schalk in den Augen, zusammen mit den ehemaligen Stadtpolitikern, und meinte, die Politik zur Kunst erheben zu müssen.

Und das war sie auch damals, zwischen 1989 und 2000. So lange dauerte es, bis die Naxoshalle zum kühnsten Theater Frankfurts werden durfte. Ein Gemisch aus Professionellem und Unprofessionellem, freies Theater also, das in den 90iger Jahren mit Einbindung der Arbeiterjugend startete, mit den am meisten minderprevilegierten Kindern, bevorzugt Kinder von Gastarbeitern.

Dazwischen die Politik, ein Kasperle-Theater von Kauf- und Verkauf der ehemaligen Naxos-Union, die ihren Standort nach Butzbach verlegte und die Naxoshalle zuletzt an den Milliardär Josef Buchmann verkaufte.
Denkmalgeschützt oder nicht. Es war ein wildes Hin und Her. Letztlich siegte Ersteres.
Buchmann vermietete die alte Fabrik für Schleiftechnik an die Stadt Frankfurt für horrendes Geld, bis diese deswegen beinahe aufgab.

Es sei, so Göpfert, in den 90iger Jahren „eine Realsatire, ein Trauerspiel vom Versagen der Politik“ gewesen, politische Gegensätze, Hilmar Hoffmann, Paradigmenwechsel, Rot-Grün, nur die Kultur hätte keine Rolle gespielt. Frau Reisch hätte aufopferungsvoll gekämpft, jedoch ohne Rückendeckung, auch in der eigenen Partei.

Da kam Praml und besetzte mit seiner Truppe kurzerhand die Räume.
Es sei aber auch, so Gangel, ein Spiel der Ämter gewesen. „Bei dem Leerstand kam Praml gut zu pass mit den Jugendlichen“, die auch noch Instandsetzungsarbeiten geleistet hätten.

Inmitten dieses Getöses kämpften Linda Reisch und Alfred Gangel damals für das alternative Theaterprojekt und durften nun freudig neben dem lieben Willy auf der Bühne sitzen, selbst bereits angegraut. Es war tatsächlich ein politisches Kunststück, sich zwischen den Fronten der damals stadtregierenden Parteien, SPD, CDU, Grüne, Petra Roth, Tom Königs durchlaviert zu haben, ein Feilschen, Sehnen und Klagen, bis es endlich im Jahre 2000 gelang, Buchmann die Hallen abzuluchsen, zu einem fairen Preis, wie Gangel feixend konstatierte. Ein echtes Glück für Frankfurt! Und erst recht, Willy Praml eine künstlerische Heimat gegeben zu haben, der Frankfurt zur beinahe zweiten Kulturstadt nach München noch machen könnte.

Immerhin ist Praml in München aufgewachsen, Vater Metzger, Mutter Gastronomin, hat dort studiert, Kunst, Theaterwissenschaften und die Aufnahmeprüfung an der elitären Schauspielschule Falkenstein bestanden. Seine Eltern wollten nicht, dass er Schaulspieler wird. So, jetzt erst recht! „Einem Praml kann man nichts verbieten, ihn auch nicht räumen“, wie Gangel breit lächelnd konstatierte.

Ja, den Dickkopf und die Art, wie ein Metzger draufzuhauen, sich durchzusetzen, hat er wohl von seinem Vater geerbt . Aber immer nur für die anderen, wie bereits erwähnt, bevorzugt für die Kinder von Gastarbeitern, die er als Laienschauspieler in das Ensemble seines Freien Theaters holte.

Zur 1200Jahr-Feier Frankfurts im Jahre 1994 führte Praml sogar Faust I und II in der Paulskirche auf mit einem Ensemble aus 8-20 Schauspielern, eben mit der interessanten und neuartigen Mischung aus professionellen und nichtprofessionellen Darstellern. Praml betonte dazu explizit: „Die Halle hat sich der Stromlinienförmigkeit der Stadt nie angepasst“

Deswegen ist es ein riesengroßer Gewinn für Frankfurt, die widerständige Kultur des freien Theaters zu erhalten und zu pflegen.

Ein solches Urgestein künstlerischer Avantgarde, wie Willy Praml eines ist, zu feiern, ihn als Korrektiv zu sehen gegenüber Vorurteilen, die sozialen Randgruppen allzu schnell zuteil werden, ziehmt sich einer Stadt wie Frankfurt am Main mehr als genug, einer Stadt, die bundesweit als die kapitalistischste gilt, wo die Spaltung zwischen Arm und Reich jedem eklatant ins Auge schlagen müsste!

Charlotte Ullmann am 16.2.2026

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