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Im Erdzeitalter des Kapitals

Erstellt von DL-Redaktion am 31. Dezember 2014

Dunkle Sonne  —  Im Erdzeitalter des Kapitals

von Elmar Altvater

Seit dem Ende der bipolaren Welt verweisen Geowissenschaftler und Klimaforscher – anders als politische Ökonomen – nicht nur auf „Grenzen der Globalisierung“, sondern auf „planetary boundaries“. Grenzen werden definiert, um überwacht und geschützt zu werden. Dazu dienen der globalisierte Datenklau durch die NSA, aber auch „Dienste“ oder Killerdrohnen und andere Waffen für globale „Hightech-Kriege“. Dazu passt, dass Geopolitik – seit der „Volk ohne Raum“-Rhetorik der Nazis komplett desavouiert – längst wieder eine weltweit anerkannte Disziplin geworden ist.

Andererseits ist das Ende der Fahnenstange erreicht, auch wenn da oben noch stolz die Flagge von Kapitalismus, Wachstum, Wohlstand flattert. Beginnt jetzt also, nach der Globalisierungseuphorie, der Katzenjammer? Im Gegenteil: Das Spektakel des Wandelns an planetarischen Grenzen wird fasziniert genossen. Filmemacher produzieren Blockbuster wie „Avatar – Aufbruch nach Pandora“. Aber das Genre des Transhumanismus ist längst keine Kinofiktion mehr. Menschen haben nicht nur die Natur des Planeten Erde in eine Realdystopie verwandelt, sondern sich selbst in Avatare, in Hybride aus organischen und technischen Elementen.

Kommunikation zwischen Menschen wird zu Schnittstellenmanagement, weil immer ein Technokonstrukt – Mobiltelefon, PC oder Tablet – samt der „Cloud“ der ganz irdischen Supercomputer dazwischen geschaltet ist. Mit der Folge, dass die dabei ausgetauschten Daten von der NSA und anderen „Diensten“ abgefangen werden können. Deshalb sind die Dimensionen des planetarischen Datenklaus, den Edward Snowden aufgedeckt hat, erst im Kontext des neuen Erdzeitalters voll zu erfassen: als Teil der Bemühungen, das planetarische Energie-, Klima- oder Wirtschafts- und Informationssystem unter Kontrolle zu halten.

Der Homo sapiens in seiner ganzen Weisheit hat die biblische Botschaft, sich die Erde untertan zu machen, so wirkungsvoll in die Realität umgesetzt, dass inzwischen „das ganze Universum in unseren Händen ist“. So sagt es mit imperialer Überheblichkeit Ray Kurzweil, ehemals Chefingenieur bei Google und einer der Gurus der „technologischen Wahnideen des Silicon Valley“. In seinem Schmöker über die „Menschheit 2.0“ behauptet Kurzweil, diese Menschheit habe „eine neue Art von Evolution“ angestoßen, durch Technik. Dank „dieser Entwicklung konnte der beschleunigende Fortschritt weitergehen, der mit der biologischen Evolution begann?“

Die Evolution hat die Menschen mithilfe der Technik aus dem Holozän in ein neues Erdzeitalter, in das Anthropozän, befördert. Als Menschheit 2.0 beherrscht sie heute alle entscheidenden Sphären der Erde nach Art eines komplexen Systems: Wir sind alle Geoingenieure, wenn wir den Globus mit Pipelines umwickeln, oder CO(2) in die Atmosphäre blasen und das Klima kollabieren lassen, oder Braunkohle in der Lausitz, Teersand in Alberta und Eisenerz in Carajás wegbaggern und Mondlandschaften hinterlassen. Wir alle sind planetarische Zauberlehrlinge.

Quelle: Le monde diplomatique >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia- Urheber Sander van der Wel from Netherlands

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