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Schatten im Paradies

Erstellt von DL-Redaktion am 22. Juni 2015

Gegen die Wand: Modell Deutschland 2015

von Stefan Welzk

Die große Schutzmacht USA mutiert zum Big Brother. Der deutsche Geheimdienst mischt mit und hilft. Der Nahe Osten samt Nordafrika versinkt in Ruinen und Blut. Im Mittelmeer ertrinken Flüchtlinge zu Tausenden. In mühsamer Kleinarbeit versucht Putin, das russische Imperium wieder zusammenzurauben. Ringsum randalieren Populisten, von Madame Le Pen über den Vlaams Belang und Geert Wilders’ Partij voor de Vrijheid bis zu Ungarns Orbán. Doch Deutschland genießt seinen Frieden. Fast jeder Zweite geht nicht mal mehr zu den Wahlurnen, so vertrauensvoll und zufrieden sind offenbar die Wählermassen.

Und warum auch nicht? Es geht uns doch gold: 43 Millionen Erwerbstätige gibt es derzeit, so viele wie niemals zuvor. Die Zahl der Arbeitslosen, vor einem Jahrzehnt fast fünf Millionen, ist auf unter drei Millionen abgesunken, die Arbeitslosigkeit auf 6,5 Prozent. Nirgendwo in der EU liegt sie niedriger, nicht einmal in der Steueroase Luxemburg.

Die Löhne steigen kräftig: Ein Plus von 3,4 Prozent hat die IG Metall, die meist Maßstäbe für die folgenden Tarifrunden setzt, jüngst herausgeholt. Der Export boomt. Die Industrie trifft passgenau die Nachfrage der Alt- und Neureichen in den BRICS-Staaten und anderswo im Süden und Osten. Deren Repräsentationsgier verlangt nach Mercedes oder BMW und nicht nach Renault oder Fiat.

Und noch immer steht der deutsche Maschinenbau mit seiner bewundernswerten Spezialisierung und Logistik fast ohne Konkurrenz da. Der Exportüberschuss – 229,3 Mrd. Euro im Jahr 2014 – ist wieder größer als der von China und damit Weltspitze. Das Handelsdefizit der Vereinigten Staaten gegenüber Deutschland hat sich binnen drei Jahren fast verdoppelt: auf 50,7 Mrd. Euro. Selbst gegenüber China fahren wir einen Milliardenüberschuss ein.

Die Staatsverschuldung sinkt. In der EU verbucht neben Luxemburg nur Deutschland bei der öffentlichen Hand 2014 ein Plus, und das sowohl bei Bund und Ländern als auch bei Gemeinden und Sozialversicherungen – in summa 18,4 Mrd. Euro. Die Ersparnisse sind praktisch wertfest; die Inflation ist nahe Null. Zudem wirkt der Absturz des Ölpreises als kostenloses Konjunkturprogramm: Was einem nicht an den Zapfsäulen abgenommen wird, verbleibt als realer Kaufkraftzuwachs. Auch die Handelspartner haben deshalb mehr Geld übrig. Weggeblasen ist die Angst vor dem Absturz in Dauerarbeitslosigkeit, zumindest beim Gros der Lohnabhängigen. Erwartungsfroh blickt man hierzulande in die Zukunft und ist nicht unzufrieden, weder mit der Wirtschaft noch mit der so angenehm unpathetischen Kanzlerin.

Schatten im Paradies

Doch jeglich Ding hat mindestens zwei Seiten. Kanzler Helmut Schmidt hatte einst proklamiert, eher als fünf Prozent Arbeitslosigkeit nähme er fünf Prozent Inflation in Kauf. Jetzt liegt letztere bei nahe Null und die Arbeitslosigkeit bei über sechs Prozent. Alles eine Frage der Gewöhnung? Hinzu kommen noch die „stille Reserve“, rund 700 000 Menschen, die meist gerne Arbeit hätten, aber resigniert den Jobcentern fernbleiben.

Quelle: Blätter >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Author Usien

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