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Die Fackel der Aufklärung

Erstellt von Gast-Autor am 11. Oktober 2013

Diderots Enzyklopädie

Autor: Botho Cude

Rationalgalerie

Datum: 10. Oktober 2013
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Buchtitel: Diderots Enzyklopädie
Buchautor: Denis Diderot u. a.
Verlag: Die Andere Bibliothek

Gewiß wird dieses Werk mit der Zeit eine Revolution im Denken bewirken, und ich hoffe, daß die Tyrannen, Unterdrücker, Fanatiker und Unduldsamen das Nachsehen haben. Wir werden der Menschheit einen Dienst erweisen; doch wir werden schon lange Staub und Asche sein, bevor man uns dafür Dank weiß.
Diderot an Sophie Volland, 25. Sept. 1762 /1/

Liebe LeserInnen,

am 5. Oktober jährt sich der Geburtstag des französischen Aufklärers Denis Diderot das dreihundertste Mal. Die Andere Bibliothek hat beschlossen, dem Heros der Lexikografie anlässlich des Jubiläums ein Denkmal zu setzen, und was könnte das anderes sein, als ein großes Buch? Es ist ein Prachtband im Quartformat geworden, der ausgewählte Artikel aus Diderots Hauptwerk enthält. Das ist die „Enzyklopädie oder Auf Vernunfterkenntnis gegründetes Lexikon der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks“. Verschönt wird das Buch durch die Wiedergabe von Kupferstichen, die den Tafelbänden der Enzyklopädie entnommen sind. Im Zeitalter des E-Books dürfte es den FreundInnen moderner Buchkunst zunehmend seltener vergönnt sein, solch gewichtige Köstlichkeiten in Händen zu halten.

Denis Diderot wird 1713 geboren als Sohn eines Messerschmieds in Langres. Grosse und befestigte Stadt in Champagne auff einem Berge, am Ursprung der Marne, schreibt dazu Johann Hübners Staats- und Zeitungslexicon von 1704. /2/ Er besucht das dortige Jesuitenkolleg, verlässt es 1728 vorzeitig und verzichtet somit auf die geistliche Laufbahn, geht nach Paris und macht daselbst 1732 den Magister in Jurisprudenz. Diderot heiratet 1743 und ernährt die Familie mit Übersetzungen und literarischer Gelegenheitsarbeit. Dann übernimmt er 1747 mit dem Mathematiker d’Alembert die Herausgabe der Enzyklopädie. Dieses Werk wird ihn in Europa berühmt machen. Und obwohl die ideologischen Institutionen der Zeit, voran die Sozietäten der Jesuiten und Jansenisten, ihn öffentlich angreifen, kann er sich (anders als heute Salman Rushdie) frei in der Gesellschaft bewegen. Keine fanatisierten Meuchelmörder bedrohen sein Leben.

Die Hauptfeinde der Enzyklopädisten sind der Klerus und die konservative Aristokratie und damit das von ihnen konservierte mittelalterliche Weltbild. Die Enzyklopädisten sind blind für die Schönheit der jüdischen Sagen und Mythen der Thora und belächeln die wirre Prophetie des Neuen Testaments. Für sie sind Moses, Jesus und Mohammed nur Betrüger, als die sie schon das Buch De Tribus Impostoribus zu Luthers Zeiten verlästerte.

Die Arbeit an der Enzyklopädie ist von Anbeginn von staatlicher Verfolgung überschattet. Noch vor Erscheinen des ersten Bandes wird Diderot 1749 verhaftet nach Veröffentlichung seines sensualistischen „Briefs über die Blinden zum Gebrauch für die Sehenden“ und für drei Monate in Vincennes eingekerkert. Das erscheint uns heute ziemlich milde, wo das Randalieren in Kirchen und Schmähgesänge auf den Herrscher Russlands mit zwei Jahren Arbeitslager geahndet werden. Diderots Freilassung erfolgt allerdings erst nach Unterzeichnung einer Selbstverpflichtung, künftig alles zu Veröffentlichende der Zensur zu unterwerfen. Von nun an werden seine Werke anonym in der „Literarischen Korrespondenz“ oder erst nach seinem Tod erscheinen. Darunter finden sich köstliche ironisch-philosophische Dialoge wie „Rameaus Neffe“ (von Goethe übersetzt), ein assoziativer Roman ohne lineare Handlung („Jakob der Fatalist und sein Herr“) und der Erstling des bürgerlichen Dramas („Der Hausvater“).

1752 werden die ersten beiden Bände der Enzyklopädie auf Befehl des Königs verboten wegen mehrerer Maximen, die darauf abzielen, die königliche Autorität zu zerstören, den Geist der Unabhängigkeit und der Revolte zu befestigen und die Grundlagen des Irrtums, der Sittenverderbnis und des Unglaubens zu errichten. /3/ Aber das Verbot zeitigt keine Folgen und so können bis 1759 sieben Bände erscheinen. Dann wird als Reaktion auf ein Attentat auf den König im Januar 1757 und die Verdammung der Enzyklopädie durch Papst Clemens XIII. im Jahr 1759 die königliche Druckerlaubnis entzogen. Aber die Mde. de Pompadour, einflussreiche königliche Maitresse, protegiert das Werk und Lamoignon de Malesherbes, Oberaufseher des Buchwesens unter Ludwig XV. und späterer Minister Ludwigs XVI., unterstützt die Enzyklopädisten. Ihm ist es wesentlich zu danken, dass das Riesenwerk zu Ende gebracht wird. Als Diderot die Hausdurchsuchung droht, verbirgt er dessen Manuskripte in seinem Haus. Was waren das für heroische Zeiten! Heute scheint es unmachbar, dass der verpimpelte deutsche Innenminister auch nur unsere harmlosen E-mails vor dem Zugriff der NSA bewahrt.

Nachfolgend wird die Veröffentlichung stillschweigend geduldet, denn die Enzyklopädie ist auch zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. In seinen besten Zeiten hat das Werk über 150 Autoren, die für die Ehre arbeiten, darunter die Großen der französischen Aufklärung, Voltaire, Montesquieu, Rousseau, Turgot, Marmontel. Unter dem Druck der Verfolgung beenden alle nach und nach die Mitarbeit, auch der Mitherausgeber d’Alembert, und am Ende bringen Diderot und der Chevalier Louis de Jaucourt, der „Lastesel der Enzyklopädie“, zu zweit den Textteil zu Ende. Jaucourt setzt dabei sein gesamtes Vermögen zu und schreibt über 17.000 Artikel!

Es ist nicht das erste Nachschlagewerk der Aufklärung. Am Anfang steht Pierre Bayles Historisches und kritisches Wörterbuch, das 1697 in Holland erschien. Das von ihm ersonnene Mittel der Querverweise treiben die Enzyklopädisten raffiniert auf die Spitze.

Z. B. wird am Ende des Artikels Eucharistie auf den Artikel „Menschenfresser“ verwiesen, was auf eine Verspottung der Lehre von der Transsubstantiation hinausläuft. Die Enzyklopädie enthält in weiser Vorsicht keine Personenartikel, mit denen sich spätere Lexika selbst zu entlarven pflegen, dafür aber alles Wissenswerte über das damalige Handwerk.

Diderot erhält für seine über zwanzigjährige Arbeit weniger als 80.000 Livres. Der Profit der Verleger wird sich auf zirka 2.400.000 Livres belaufen. Ein Gesamtexemplar der Enzyklopädie kostet etwa 900 Livre. Zum Vergleich: Ein Lyoner Seidenarbeiter verdient damals zusammen mit seiner Frau 639 Livre im Jahr. /4/ Damit ist die Klientel der Enzyklopädie beschrieben: Es eine exklusive Gruppe unter den Reichen und Mächtigen. Das Werk wird in Raubdrucken in ganz Europa verbreitet werden und macht seinen Verfasser hochberühmt. Goethe schreibt im 11. Buch von „Dichtung und Wahrheit“ nach einem gewundenen Lobgesang auf die Enzyklopädie: Diderot war nahe genug mit uns verwandt; wie er denn in alle dem, weshalb ihn die Franzosen tadeln, ein wahrer Deutscher ist. /5/

Diderots Geldsorgen nehmen erst 1763 ein Ende, als die russische Kaiserin Katharina eingreift. Die Zarin kaufte die Bibliothek für 15.000 Frances, überließ sie ihm und stellte ihm obendrein eine Pension von 1.000 Frances, damit er seine eigene Bücherei verwalten könne, berichtet Mde. de Vandeul, die Tochter Diderots. /6/ Diese Pension wurde ihm übrigens auf 50 Jahre im Voraus ausbezahlt. (Ein France entspricht 1795 knapp einem Livre.)

Diderot verlässt das Unternehmen „Enzyklopädie“ kurz vor Abschluss, als ihm bewusst wird, dass die Verleger aus eigener Machtvollkommenheit den Inhalt kastriert haben. Der spätere Baron Melchior Grimm, d’Alemberts guter Freund, ist der Herausgeber der handschriftlich verbreiteten „Literarischen Korrespondenz“ aus Paris, die damals viele Fürstenhäuser Europas mit dem Neuesten aus Kultur, Kunst und Klatsch beliefert. Er berichtet unter dem 1. 1. 1771: Die Drucklegung des Werkes ging schon ihrem Ende entgegen, als Herr Diderot einen seiner großen philosophischen Artikel unter dem Buchstaben S nachlesen musste und ihn völlig verstümmelt fand. … Er sah die besten Artikel von seiner wie von seiner Helfer Hand durch und fand fast überall das gleiche Durcheinander… Die Entdeckung versetzte ihn in einen Zustand der Raserei und Verzweiflung, den ich nie vergessen werde. /7/

1773 gönnt sich Diderot endlich die Reise zu seiner Gönnerin Katharina II. von Russland. Katharina hatte seinerzeit nach dem Verbot der Enzyklopädie generös angeboten, den Druck des Werks in Russland fortzusetzen. Diese noble Geste, liebe LeserInnen, gemahnt uns an das Asyl, das der Despot Putin dem von den Wächtern der Demokratie verfolgten Whistleblower Edward Snowden gewährt hat.
Nicolas Chamfort, dem die französische Revolution das Schlagwort „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ verdankt, hat die folgende Anekdote überliefert: Diderot hatte während seines Aufenthalts in Rußland leibeigene Bauern, Muschiks, bemerkt, entsetzlich arm, von Ungeziefer zerfressen. Er entwarf der Kaiserin ein schreckliches Bild ihres Elends. „Denken Sie denn, sie sollten sich um Häuser kümmern, in denen sie doch nur zur Miete wohnen?“, antwortete Katharina. – Dem russischen Bauern gehört wirklich nicht einmal sein Körper. /8/

Als Diderot St. Petersburg verlässt, sind Kaiserin und Philosoph von einander etwas enttäuscht.

Denis Diderot stirbt 1784 in Paris. So entgeht ihm die französische Revolution, der wir auch den Begriff des Terrorismus verdanken. Sein einstiger Beschützer Malesherbes kehrt 1792 aus der Emigration zurück, um König Ludwig XVI. vor dem Konvent zu verteidigen. Vergebens. Der Bürger Louis Capet wird 1793 guillotiniert. Malesherbes’ Kopf rollt im Jahr darauf.

Anmerkungen

/1/ Denis Diderot, Briefe an Sophie Volland, Reclam Leipzig 1986, S. 218 f.
/2/ Johann Hübner, Reales Staats- und Zeitungslexicon, Gleditsch 1704, Sp. 598
/3/ Diderots Enzyklopädie, Die Andere Bibliothek 2013, S. 29 (Vorwort)
/4/ Vgl.: Artikel aus der von Diderot und d’Alembert herausgegebenen Enzyklopädie, Reclam Leipzig 1972, S. 10
/5/ Johann Wolfgang Goethe, Sämtliche Werke 16, Münchner Ausgabe 2006, S. 520
/6/ Voltaires Briefwechsel mit Friedrich dem Grossen und Katharina II., Hans von Hugo Verlag 1944, S. 187 (Anm.)
/7/ Melchior Grimm, Paris zündet die Lichter an, Dieterich 1977, S. 325
/8/ Nicolas Chamfort, Aphorismen und Anekdoten, R. Piper o. J., S. 125

Fotoquelle: Wikipedia – References Joconde database: entry 000PE002831

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