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Archiv für die 'Feuilleton' Kategorie

Kinder ohne Lobby

Erstellt von DL-Redaktion am 24. Mai 2020

Kitas im Corona-Lockdown

Flickr - The U.S. Army - Story time with General Casey.jpg

Von Heike Haarhoff

Neben der Angst vor dem Virus herrscht nun der Wunsch nach einer neuen Normalität. Dabei brandmarkt man leicht die Schwächsten als Gefahr.

Zunächst die Bitte, die Erinnerung an Ihre Kindheit aufzufrischen. Wissen Sie noch, wie das war damals, mit vier oder fünf? Als Sie sehnsüchtig um Schokolade, wahlweise Ihre Lieblingsfernsehsendung bettelten? Und auf „übermorgen“ vertröstet wurden, was begrifflich Ihr Zeitvorstellungsvermögen überstieg?

Um dann abends heimlich durchs Schlüsselloch zu erspähen, dass das Sich-in-Geduld-Üben für Erwachsene offenbar nicht galt (Schokolade und Chips bei laufendem Fernseher plus Füße auf dem Couchtisch)? Das Ohnmachtsgefühl. Die Entrüstung. Über die Erkenntnis, dass „die Großen“ durften, worauf „wir Kinder“ verzichten sollten. Was blieb, war ein Versprechen: Wenn wir groß sind, behandeln wir Kinder fair, immer.

Und heute? Müssen wir uns dank Corona, diesem Virus, das den Blick aufs Wesentliche schärft, eingestehen: In der Pandemie haben wir, die es besser machen wollten, den Kindern gegenüber versagt. Und dabei geht es um mehr als Banalitäten: Seit zehn Wochen, was sich im kleinkindlichen Zeithorizont wie lebenslänglich anfühlt, sind Kindergartenkinder von ihren Gemeinschaftseinrichtungen ausgesperrt und in die häusliche Isolation gezwungen; für Millionen von Schülerinnen und Schülern stellt sich die Lage – mit Ausnahmen – ähnlich desaströs dar (wohl dem, der wenigstens Geschwister hat).

Während Erwachsene sich allmählich erlauben, tagsüber in ihre Büros zu ihren Kollegen zurückzukehren, abends gesellig im Restaurant zu sitzen und wochenends mit Freunden durch Möbelhäuser zu schlendern, sehen sie für Kinder, die ohne soziale Kontakte und Interaktion mit Gleichaltrigen seelisch wie körperlich verkümmern, weiterhin die Verbannung in die Einsamkeit vor. Und reden sich dies schön mit dem (kurzsichtigen) Argument, Kitas und Schulen seien ökonomisch bedeutungslos, verglichen mit Baumärkten, Autohäusern, der Bundesliga.

File:Playground Braunhirschengasse, COVIDed 05.jpg

Die schrittweise Öffnung der Kitas kommt viel zu spät

Das ist nicht bloß bestürzend. Es ist ein Vergehen an den Kindern. Seit Monaten werden sie, die bei einer Coronavirusinfektion viel weniger schwer erkranken als Erwachsene, nicht zu ihrem eigenen Schutz weggesperrt, sondern einzig – wie rechtlose Wesen – zum Schutz Dritter. Die Folgen – Verhaltensänderungen, Entwicklungsverzögerung, Gewichtszunahme, Leistungsverweigerung – sind bekannt.

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Grafikquellen        :

Oben    —       Army Chief of Staff Gen. George W. Casey Jr. celebrates the Army’s 234th Birthday with children of Fort Detrick’s Forest Glen Annex Child Development Center in Maryland. See more at www.army.mil Gen. Casey reads ‚Sam the Army Dog‘ to Army kids

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Unten       —           Absperrung der Spielgeräte im Braunhirschenpark in Rudolfsheim-Fünfhaus, Wien, während der Corona-Krise und der durch sie von der Bundesregierung verfügten Beschränkungen.

Author Herzi Pinki

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Das Schlimmste kommt noch

Erstellt von DL-Redaktion am 24. Mai 2020

Ab Herbst 2020 wird die grauenhafteste aller Seuchen über die Menschheit hereinbrechen.

Catrinas - Day of the Dead Ladies.jpg

Quelle       :       Scharf  —  Links

Satire von Ullrich Mies und Jens Wernicke

Alles, was wir bisher über Corona-Gefahren wussten, ist Makulatur. Auch die zweite, von unseren verantwortungsbewussten Regierungen, ihren Arbeitgebern in der Finanzindustrie und Big Pharma so dringend herbeigesehnte Corona-Welle wird nur ein Sonntagsspaziergang gegen die Seuche sein, die auf die Menschheit ab Herbst 2020 zukommen wird: Mammut-Fußpilz!

Aus absolut vertrauenswürdigen Kreisen wurde mir die folgende Information zugespielt:

Paläontologen und Biologen haben im auftauenden sibirischen Permafrost einen Mammut ausgegraben und nach ersten Untersuchungen an dem Tier eine völlig neue Fußpilzerkrankung entdeckt. Diese erwies sich als derart hochinfektiös und gefährlich, dass sie auf die gesamte Grabungsmannschaft übersprang. Wie die Übertragung des Mammut-Fußpilz auf den Menschen erfolgte, wird derzeit in Russland fieberhaft untersucht.

Fest steht jedoch schon jetzt:

Die Mannschaft kontaminierte bereits ihr gesamtes Umfeld mit Mammut-Fußpilz und die Infektion wird sich weit über Russlands Grenzen hinaus in Richtung Zentraleuropa ausbreiten.

Erste Forschungen haben ergeben, dass Mammut-Fußpilz in seiner Gefährlichkeit mit normalem Fußpilz, Tinea pedis, in keiner Weise zu vergleichen ist. Mammut-Fußpilz kriecht die Beine hoch, breitet sich über den gesamten Leib aus und dringt über die Kopfhaut schließlich ins Gehirn. Dieser Prozess führt innerhalb weniger Wochen zum Tode. Es ist dramatisch.

„Wir“ haben noch gar kein Mittel gegen diese hochgefährliche Mykose. Was der Menschheit bevorsteht, ist offensichtlich: Ab Herbst 2020 wird ein Massensterben einsetzen.

Der Mammut-Fußpilz wird Millionen Menschen in allen Ländern dahinraffen.

„Wir“ müssen uns schon jetzt auf diese grässlichste Seuche vorbereiten, die jemals über die Menschheit kam. Corona, die Pest, Cholera, Typhus, alles Kinderkram gegen das, was kommen wird. „Wir“ können nur hoffen, dass sich „unsere“ verantwortungsbewussten Regierungen über die Schwere der zu treffenden Entscheidungen im Klaren sind.

Coughs and Sneezes Spread Diseases Art.IWMPST14158.jpg

Wie wir es von der Corona-Krise bereits kennen, müssen wir jeden Kontakt untereinander vermeiden. „Wir“ müssen erneut alle Hotels und Restaurants schließen und das gesamte kulturelle Leben sowie die Wirtschaft „herunterfahren“. Die kurzzeitig geöffneten Grenzen werden wieder geschlossen. Ab Herbst müssen alle zu Hause bleiben, auch alle Familienmitglieder müssen sich in getrennten Räumen aufhalten. Das dürfte kinderreiche Familien sicher vor neue Herausforderungen stellen.

„Wir“ müssen unsere Forschungseinrichtungen mit ausreichenden finanziellen Mitteln ausstatten, damit sie Gels, Salben und Sprays entwickeln, um hoffentlich schon bald den horrormäßigen Mammut-Fußpilz bekämpfen zu können.

Das kann ohne Weiteres zwei oder drei Jahre dauern, bis die für unser aller Wohl arbeitende Pharmaindustrie und die angeschlossenen Forschungseinrichtungen der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung die Mittel gegen Mammut-Fußpilz bereitstellen können. Das Robert Koch-Institut wird uns mit allen erforderlichen Informationen versorgen.

Bis die Mittel gegen Mammut-Fußpilz zur Verfügung stehen, sind „wir“ allerdings nicht völlig hilflos. Bisher ist folgendes bekannt: Neopren verhindert die Ausbreitung von Mammut-Fußpilz über den Körper. „Wir“ werden also ab Herbst alle Taucheranzüge inklusive Kopfhauben und Schwimmflossen tragen müssen. Das wird Pflicht. Die Krankenkassen haben bereits signalisiert, dass sie die Kosten für Stürze, Hals- und Beinbrüche nicht übernehmen werden.

Die zweite wichtige Schutzmaßnahme wird, wie die Regierung unlängst ankündigte, sein, dass jedweder persönliche Kontakt zwischen Menschen ab sofort strikt zu unterbinden ist und unter Strafe steht. Für absolut unvermeidbare Kontakte, wie etwa das Berühren von Säuglingen durch ihre Mütter, sicherte die Regierung zu, zeitnah 150 Zentimeter lange Kneifzangen zur Verfügung zu stellen, mit denen die Babys fortan zu wickeln und umarmen seien.

„Wie hochseriöse Studien der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung unzweifelhaft ergeben haben, verhindern Neopren-Anzüge allein noch nicht die grassierende Lebensgefahr!“, bestätigte Kanzlerin Merkel den Plan der Regierung gegenüber Rubikon. Eine Anleitung für diese „Kneifzangen der Liebe“ mit dem Titel „Die deutsche Mutter 2.0“ würde zeitnah an jeden Haushalt versandt.

„Vor allem aber müssen ‚wir‘ jetzt schon gegen die Verschwörungstheoretiker, Antisemiten und Querfrontler vorgehen, die die Gefährlichkeit von Mammut-Fußpilz in Abrede stellen oder sich gegen das Tragen von Taucheranzügen oder die Nutzung von Kneifzangen als sinnvolle Schutzmaßnahme zur Wehr setzen wollen“, so Merkel abschließend.

Zuerst erschienen bei: https://www.rubikon.news/artikel/das-schlimmste-kommt-noch

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Grafikquellen      :

Oben        —           Catrinas – Day of the Dead Ladies

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Unten           —      Coughs and Sneezes    –    Husten und Nießen 

(Ministerium für Gesundheit (Spahn)    —   Erziehung in der Öffentlichkeit

Central Council for Health Education (publisher/sponsor), Ministry of Health (publisher/sponsor), Bateman, Henry Mayo (artist), Chromoworks Ltd, Willesden, London (printer), Her Majesty’s Stationery Office (publisher/sponsor)http://media.iwm.org.uk/iwm/mediaLib//138/media-138605/large.jpg This is photograph Art.IWM PST 14158 from the collections of the Imperial War Museums.

  • Gemeinfrei
  • File:Coughs and Sneezes Spread Diseases Art.IWMPST14158.jpg
  • Erstellt: zwischen 1939 und 1945 date

 

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Von Meisen unterm Pony

Erstellt von DL-Redaktion am 23. Mai 2020

Von Menschen, Meisen und Vollkornbrot

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Von Arno Franh

Wir sind ja alle nicht ganz dicht, aber gerade zeigt sich, bei wem es so richtig durchs Dach regnet. Ist die vegane Bioszene anfällig für Verschwörungstheorien?

Zu den heftigsten und zugleich hübschesten Zuschreibungen, zu denen meine Oma fähig war, gehörte die Einschätzung, jemand habe „eine Meise unterm Pony“. Die betreffende Person war demnach nicht ganz bei Sinnen, bei Trost, bei Verstand. Der Clou der Formulierung ist nicht die Meise, sondern der Pony – als Grund, warum man den Vogel oft nicht bemerkt.

Es ist das gute Recht der Bürgerinnen, gegen die virusbedingten Einschränkungen seitens der Bundesregierung zu protestieren. Nebenbei aber zeigt sich auf den „Hygienedemos“, wer noch Herr seiner Sinne ist – und wessen Privatquatsch gewissermaßen überläuft ins Öffentliche.

Auffällig sind hier nicht nur die rechten Trolle und deren „Follower“, Hooligans, AfD, ein laienhafter Journalistendarsteller, gemütskranke Schnulzensänger und andere, die gerne eine Welt brennen sehen wollen, in der sie keinen Platz haben. Auffällig sind auch Leute, von denen man das nicht erwartet.

Gemeint sind die „Guten“, wenn man so will. Unabhängige Geister. Ökos. Tierschützer und Anthroposophen. Kritiker von Globalisierung und Regierung. Jesus-Freaks, Anarchisten und ein paar Versprengte, die schon immer vor dem Mobilfunkstandard 5G gewarnt haben. Abonnentinnen der taz („Wo ist das kritische Hinterfragen? Wo ist die Aufklärung?“), enttäuscht von ihrem Blatt. Dissidenten. Veganer.

Leute unterschiedlichster Herkunft und Geisteshaltung also, die sich selbst zugutehalten, als „Querdenker“ aufrecht durchs Leben geschritten zu sein – und sich nun aufgefordert fühlen, mal so richtig auf den Putz zu hauen. Was früher richtig war, kann jetzt nicht falsch sein, nur weil da drüben Ken ­Jebsen steht. Und die Meise unterm Pony darf ausfliegen und tirilieren.

Meistens machen wir uns von den gigantischen Abmessungen und der ubiquitären Verbreitung menschlicher Dummheit keine Vorstellung. Wir alle pflegen unsere kleinen oder größeren Irrtümer. Meistens aber bleiben die Spinnereien und Grillen sozusagen unter der eigenen Schädeldecke. In Latenz.

Der Glaube an die eigene Bestimmung zum Großen, an eine jüdische Weltverschwörung, an tödliche Strahlungen, an die heilsame Wirkung von Globuli, an Echsenmenschen aus der Unterwelt und an ähnlichen Unfug mag tragisch sein, schadet aber nur dem Gläubigen. Privatsache.

In diesen eigenartigen Zeiten aber zeigt sich, wer noch „ganz dicht“ ist. Und bei wem es gewissermaßen durchs Dach regnet, wo der bisher latente Blödsinn auf aggressive Weise manifest wird. In den digitalen Durchlauferhitzern des Irrsinns, aber auch auf dem Münchner Marienplatz, dem Cannstatter Wasen in Stuttgart oder am Maschsee in Hannover.

Da wäre Attila Hildmann, Koch und Autor des Buchs „Vegan for Fun“. Der Mann mag Tiere und pflanzliches Essen. Privatsache. Er verabscheut die „Pharmamafia“, Bill Gates und die Bilderberger, das hängt alles irgendwie zusammen. Privatsache. Bisher.

Nun bringen ihn die Umstände dazu, seinen latenten Sojabohnenquark öffentlich auszubreiten. Er schreibt: „Sind meine und Theorien anderer korrekt dann werden wir von den dunkelsten Mächten regiert und am 15.5 Mai nach dem INKRAFTTRETEN der Gesetzesnovelle werden SIE ALLE IHRE MASKE ABNEHMEN und ihr wahres Gesicht zeigen!“

Jelenia G. Church ascending.JPG

Die Quarzsandhandschuhe angezogen hat auch Joseph Wilhelm, 66, Gründer und Geschäftsführer des Bioherstellers Rapunzel. Wilhelm hält Viren für „Bio“ und glaubt, Corona leiste einen „Beitrag zur Weiterentwicklung“ menschlicher „Anatomie und Psyche“. Geschenkt, dass das Unternehmen seinen Chef zurückpfeifen musste. Man verkauft schließlich das „Gute“, und zwar vornehmlich in Gewissensform. Braune Flecken stören das Geschäft.

Was passiert? In tänzerischer Überschreitung ihrer Kompetenzen überführen der Unternehmer und der Koch unbestrittene Einsichten in gesunde Nahrung und deren gesunde Zubereitung in intuitive bis esoterische Einsichten in das Große und Ganze. Hinzu kommt der habituelle Argwohn jedes Abweichlers, vom „System“ verschaukelt zu werden. Anstelle von Epidemiologen oder Virologen erklären uns auf einmal Landwirte und Gastronomen, was und wie es wirklich läuft – nämlich schief.

Let that sink in for a minute.

Gibt es wirklich keinen Zusammenhang? In der Welt wird bereits über einen klandestinen Konnex gemutmaßt: Veganer und Verschwörungstheoretiker: zwei Welten, die zusammenpassen. Ohne Fragezeichen.

Aufgeschreckt erkundigte sich die Informationsplattform der Szene (vegan.eu) bei den eigenen Mitgliedern. Die Ergebnisse: 84,7 Prozent der 3145 Befragten lehnen jede Verschwörungstheorie ab; 95,7 Prozent forderten obendrein eine „Distanzierung von rechtsgerichtetem Denken“, solches schade der „veganen Gemeinschaft“ (85,7 Prozent).

Die Anfälligkeit für Hokuspokus und Zinnober scheint in der Szene also wesentlich weniger ausgeprägt als im Bundesdurchschnitt, wo sie bei etwa 30 Prozent liegt.

Quelle          :            TAZ           >>>>>              weiterlesen

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Grafikquellen              :

Oben          —         Blaumeise.

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Unten        —          Ascension of Christ cellar painting in the Grace Church (Church of St. Cross) of Jelenia Góra (Hirschberg)

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Gewalt in der Coronakrise

Erstellt von DL-Redaktion am 23. Mai 2020

Kinderleid, so oder so

Flickr - The U.S. Army - Story time with General Casey.jpg

Eine Kolumne von Thomas Fischer

Präventionsmaßnahmen gegen die Epidemie haben, so wird behauptet, Leid über die Kinder gebracht. Wie viele Opfer-Eltern in Wahrheit Täter-Eltern sind, bleibt unklar. Wir fragen nach.

Moral

Muss man, wenn man einen Text über Gewalt gegen Kinder veröffentlicht, zunächst versichern, dass man weder ein Freund der Gewalt noch der Gewalttäter, weder ein Geringschätzer noch ein Nichtversteher des Leids ist, und dass man die Apologeten der „ausrutschenden Hand“ verachtet? Die Frage zu stellen ist die halbe Antwort. Die andere Hälfte dieser Einleitung besteht aus der Feststellung, dass die Antwort nervig, langweilig und verlogen ist. Denn sie ist vor allem demonstrativ. Sie zeigt nicht den hohen Stand des Kinderschutzes in dieser Welt, sondern den Stand des Bedürfnisses von Erwachsenen, das Maß ihrer moralischen Vorbildlichkeit vorzuzeigen. Auf vertrackte Weise ist das verwoben mit der kindlichen Bedürftigkeit der Erwachsenen selbst, jedenfalls des medial sichtbarsten Teils von ihnen, und mit den gelegentlich bizarren Formen ihres Interesses an Kindern. Überwölbt wird alles von der Glocke einer Rationalität, die mit Begriffen der Demografie, des Rechtsgüterschutzes, der Ökonomie und der psychischen Gesundheit hantiert.

Kinderleid

Wir haben in den vergangenen zwei Monaten viel gehört und gelesen über das Leben der Kinder an sich, die Bedingungen ihrer Gesundheit und die Faktoren ihrer seelischen Krankheiten, und über die Anforderungen, welche die Welt erfüllen muss, um ihnen einen gelingenden Lebensstart zu ermöglichen. Die Anzahl der Experten für Kindeswohl, denen immer noch Neues einfällt, ist seit Frau Dr. Merkels Einkerkerung des deutschen Volkes nochmals gestiegen, und die durch eigene und fremde Lebenszeit erfahrenen alten rosafarbenen Frauen und Männer durften täglich erfahren, das Spielen in Wald und Flur sei gesünder als das Surfen auf YouTube.

Stress“, dessen Ergründung wir glatt verpasst hätten, wenn ihn uns nicht rührende Inhaltsangaben sensationeller Erkenntnisse „amerikanischer Forscherinnen“ nahegebracht hätten, einschließlich der Erkenntnis, dass das Leiden der Kleinen bei sechs Wochen Corona-„Lockdown“ ähnliche Folgen habe wie das der Kinder in den rumänischen Waisenhäusern der Ceaucescu-Diktatur. Nun überlegen wir, welch sadistischer Plan hinter der Ordnung einer Gesellschaft stecken mag, die seit drei Jahrzehnten ihre allerliebsten Kleinen systematisch vor Bildschirmen vereinsamt und zum Ausgleich dafür mit Outlet-Stores für die Petit-Couture zuschüttet und mit Teddybär-Bergen auf den Gräbern der Schlagzeilen-Opfer. Und wer daran wohl schuld sein könnte, dass Eltern keine Zeit haben und ihren Kindern immer ähnlicher werden. Und wer davon gewusst haben mag. Die gehören doch alle eingesperrt! Und zwar mindestens lebenslang. Plus Sicherungsverwahrung. Oder?

Misshandlung

Am 15. Mai veröffentlichte die „Neue Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) unter der Überschrift „Teils schwere Gewalt gegen Kinder“ ein Interview mit dem Leiter der „Kinderschutz-Hotline“ des Bundesfamilienministeriums. Die hierzu von dpa veröffentlichte Meldung:

Die Zahl der Anrufe bei der … Kinder­schutzhotline hat während der Coronakrise stark zugenommen. Allein in den ersten beiden Mai-Wochen sei das Hilfsangebot in mehr als 50 Verdachtsfällen durch medizini­sches Personal genutzt worden, sagte der Teamleiter der Hotline, Berthold, … der Neuen Osnabrücker Zeitung. Das seien fast so viele Fälle gewesen wie im gesamten April. ‚Wir werden teilweise wegen Verletzungen kontaktiert, die sonst nur bei Zusammenstö­ßen mit Autos auftreten“, sagte Berthold. Es gehe dabei etwa um Knochenbrüche oder Schütteltraumata. Betroffen seien besonders Kleinstkinder, die noch nicht selbst laufen können. ‚Da liegt der Verdacht nahe, dass den Kindern massive Gewalt zugefügt wurde‘, sagte der Kinderarzt…

übernahmen zahlreiche Medien in ganz Deutschland praktisch wörtlich unter verschiedenen Überschriften:

Mediziner berichten von massiver Gewalt gegen Kinder“ („Tagesspiegel“); „Dramatischer Anstieg der mutmaßlichen Gewalt… Die Kinderschutz-Hotline des Familienministeriums läuft heiß“ (HNA). Das „Ärzteblatt“ wusste zu berichten, dass „der rein virologische Blick auf die Dinge nicht ausreicht“.

auf erhebliche Gewalteinwirkung hindeuten. Ob eine Zunahme um etwa 25 nicht näher bezeichnete Verdachtsfälle in zwei Wochen ausreicht, um die überaus düsteren Prognosen von allerlei „Experten“ aus dem April zu belegen, scheint mir allerdings fraglich. Erst recht dürften Meldungen aus den ersten beiden Mai-Wochen keine belastbare Auskunft darüber geben, welche Feststellungen „nach dem Ende der Maßnahmen“ getroffen werden können. Wir sind, liebe Schlagzeilen-Freunde, von valider Empirie Lichtjahre entfernt.

Bezeichnen Sie, verehrte Leser, den Sachverhalt, dass ein Kraftfahrzeug ein Kind an- oder überfährt, für gewöhnlich als „Zusammenstoß“? Mir erscheint diese Bezeichnung eher schräg. Haben Sie in Ihren Leben schon einmal einen Knochenbruch erlitten? Wenn ja: Wie oft, und durch welche Ereignisse? Wie viele Sportunfälle, Stürze, Haushaltsunfälle waren darunter? Und wie viele „Zusammenstöße mit Autos“? Ich bezweifle auch, dass es sich beim „Schütteltrauma“ um eine Verletzung handelt, die für einen Zusammenstoß mit einem PKW typisch ist, vor allem bei „Kleinstkindern, die noch nicht laufen können“. Ich habe in meinem Beruf als Strafrichter viele Fälle von (häufig tödlichen) Schütteltraumata bei Kleinstkindern gesehen und viele unglaubhafte Erklärungsversuche von Täter(innen) gehört. Zusammenstöße mit Autos gehörten definitiv nicht dazu.

Natürlich kann man sagen: Eine etwas schräge Beschreibung ist egal, denn die Verletzungen sind ja in jedem Fall gravierend. Es geht aber um etwas anderes: Um ein bewusst verwendetes, „Stimmung“ erzeugendes Bild: Eine grausame Maschine übt vernichtende Gewalt auf „Kleinstkinder“ aus. Da werden die mitleidheischenden gestressten „Homeoffice“-Opfer zu mitleidlosen Knochenbrechern und Totschüttlerinnen. Und das ist die Schuld der „Maßnahmen“:

„Diese klare Nebenwirkung der Lockdown-Maßnahmen war zu erwarten, auch wenn die Maßnahmen aus epidemiologischer Sicht sinnvoll gewesen sein mögen“, so Berthold.

So kann man das machen. Intellektuell, kriminologisch und emotional überzeugend ist es nicht. Es hat aber schöne Effekte auf die gepeinigte Seele einer über die Maßen kinderliebenden Gemeinde von Grundrechtsfreund und Wirtschaftshochfahrer. Denn selbstverständlich sind es ja nicht „die Frauen“, die ihre Kinder malträtieren, und nicht „die Familien“. Also bestimmt nicht „Wir“, sondern immer die anderen: Die „mehr als 50“ Ausgerasteten, die Asozialen. Waren die eigentlich im Homeoffice? Oder schon vorher arbeitslos? Armin L., Ministerpräsident, forderte am 20. Mai im TV-Interview die Bürgerinnen und Bürger auf, sich vorzustellen, wie es wohl sein müsse, als Kind, „in einer Zwei- oder Dreizimmerwohnung“. Eine grausame Vorstellung, nicht wahr?

Kinderrechte

Quelle         :          Spiegel-online         >>>>>>            weiterlesen

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Grafikquellen        :

Oben       —    Army Chief of Staff Gen. George W. Casey Jr. celebrates the Army’s 234th Birthday with children of Fort Detrick’s Forest Glen Annex Child Development Center in Maryland. See more at www.army.mil Gen. Casey reads ‚Sam the Army Dog‘ to Army kids

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Unten       —       Thomas Fischer auf der re:publica 2016

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KOLUMNE MACHT

Erstellt von DL-Redaktion am 23. Mai 2020

Das Vertrauen schwindet

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Von Bettina Gaus

Meinungsfreiheit hat stets auch eine hässliche Seite. Für Medien ist es derzeit bequem, das zu vergessen.

Erstaunlich, aber wahr: Propaganda und gezielte Falschinformationen gibt es nicht erst seit der Erfindung von Face­book und Twitter. Vielmehr wurden mit diesen Mitteln seit jeher Kriege begründet, Gewalttaten gerechtfertigt und der Hass gegen bestimmte Teile der Bevölkerung geschürt. Übrigens nicht nur von Regierenden, sondern auch von Widerstandsgruppen. Das, was heute „Fake News“ genannt wird, hat längst Millionen Todesopfer gefordert. Der Kampf für Meinungsfreiheit ist nicht gleichbedeutend mit dem Kampf für die reine Wahrheit. Meinungsfreiheit hat stets auch eine hässliche Seite.

Glaubt irgendjemand, dass ausgerechnet die Eltern des Grundgesetzes mit ihren biografischen Erfahrungen in der Weimarer Republik und im Dritten Reich in dieser Hinsicht der Nachhilfe bedurften? Sie, gerade sie, kannten die Gefahren. Und schrieben dennoch den wunderbaren Satz in den Artikel 5: „Eine Zensur findet nicht statt.“

Zensur ist eine staatliche Maßnahme, entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis. Wenn eine Zeitung einen Leserbrief nicht veröffentlicht, dann hat das mit Zensur nichts zu tun. In der Zeit der sozialen Medien drohen diese Grenzen allerdings zu verschwimmen. 2017 sorgte der damalige Justizminister Heiko Maas dafür, dass das „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ – vulgo: Facebook-Gesetz – vom Bundestag verabschiedet wurde. Es bedroht soziale Medien mit hohen Bußgeldern, wenn sie rechtswidrige Inhalte nicht innerhalb einer bestimmten Frist entfernen oder sperren.

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Damals warnten Fachleute und Verbände vor einem Angriff auf die Meinungsfreiheit. Kritisiert wurden unter anderem die Übertragung hoheitlicher Aufgaben auf private Unternehmen und die Tatsache, dass die Abgrenzung zwischen rechtswidrigen und erlaubten Inhalten nicht mehr Gerichten obliegt, sondern eben sozialen Medien. Dabei geht es in dem Gesetz nur um rechtswidrige Inhalte, also um Aufrufe zur Gewalt und andere Formen der Hasskriminalität. Nicht um die Verbreitung von Schwachsinn. Der ist nämlich vom Grundrecht auf Meinungsfreiheit abgedeckt.

Quelle        :      TAZ        >>>>>         weiterlesen

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Attribution: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

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Unten     —          The drawing about demanding freedom of speech and freedom of the press. A tribute to the cartoonists of Charlie Hebdo in 2015. Drawing by Arifur Rahman.

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Israels Siedlungspolitik

Erstellt von DL-Redaktion am 22. Mai 2020

Grünes Licht für Annexion

Von René Wildangel

Deutschland sollte helfen, die Straflosigkeit der israelischen Siedlungspolitik zu beenden, statt Netanjahu zu stützen.

Deutschland ist zu Recht stolz auf die langjährige Unterstützung des Internationalen Strafgerichtshofs, dessen rechtliche Grundlage mit dem Römischen Statut 1998 geschaffen wurde. Heute ist Deutschland der zweitgrößte Finanzgeber und sieht den Gerichtshof als zentral an „im Ringen um mehr Gerechtigkeit und beim Kampf gegen die Straflosigkeit schwerster Verbrechen“. Im Widerspruch dazu hat sich die Bundesregierung jüngst gegen eine Untersuchung im Fall Palästinas positioniert und mit Blick auf die Annexionspläne der israelischen Regierung ein fatales Signal gesendet.

Im Dezember 2019 hatte die Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs, Fatou Bensouda, erklärt, dass alle „Kriterien nach dem Römischen Statut erfüllt sind, um eine Untersuchung [zur Situation in Palästina] einzuleiten“. In einem weiteren ausführlichen Bericht von Ende April hat sie das nochmals ausführlich begründet. Eine abschließende Einschätzung zur rechtlichen Zuständigkeit, die eine weitere Kammer des Gerichts abgeben soll, steht wegen der Coronakrise noch aus.

Ausgerechnet Deutschland hat sich ins Zeug gelegt, um eine solche Untersuchung im Grundsatz zu verhindern. Das Auswärtige Amt legte eine Einschätzung vor, laut der Palästina nicht die Definition eines Staats nach dem Römischen Statut erfülle und Deutschland den Beitritt zum Gericht auch nie offiziell anerkannt habe. Das ist ein formalistischer Einwand, denn Deutschland hat weder gegen die Aufnahme Palästinas in verschiedene internationale Organisationen noch die Aufwertung als „Beobachterstaat“ in den Vereinten Nationen 2012 gestimmt. Auch als Palästina am 1. April 2015 als 123. Land mit Zustimmung des UN-Generalsekretärs dem Römischen Statut beitrat, gab es keinen Protest der Bundesregierung.

Der deutschen Ablehnung vorangegangen ist massiver Druck seitens des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu und seiner Unterstützer – Netanjahu selbst bezichtigte den Gerichtshof des Antisemitismus, ein Vorwurf, mit dem Netanjahu gegenüber den Kritikern seiner Politik leichtfertig umgeht. Dass Deutschland hier nicht lautstark widersprach, dürfte er als Ermutigung für die Fortsetzung seiner Besatzungspolitik interpretieren – und schlimmer noch, als grünes Licht für die aktuell diskutierte und von der neuen israelischen Einheitsregierung in Aussicht gestellte Annexion weiter Teile des Westjordanlands.

Gefahr für Zweistaatenlösung

Obwohl Deutschland und die Europäische Union bereits mehrfach deutlich gemacht haben, dass sie eine Annexion ablehnen und als Gefahr für die Zweistaatenlösung sehen, haben sie noch nicht erläutert, welche Konsequenzen ein solcher Schritt für Israel haben könnte. Auch auf den sogenannten Trump-Plan, der israelische Souveränität über palästinensisches Territorium in Aussicht stellt, hat die EU bisher keine Antwort formuliert. Außenminister Maas kündigte im Januar lediglich an, man werde sich mit „dem Vorschlag intensiv auseinandersetzen“.

ירדנית

Mit der Ablehnung einer Untersuchung des Internationalen Strafgerichtshofs hat sich Deutschland an die Seite einer kleinen Gruppe von Staaten gestellt, die innerhalb der EU konsequent eine kritischere Linie gegen Netanjahus Politik blockieren, darunter Ungarn, Tschechien und Österreich. Damit verkompliziert die Bundesregierung die Suche nach Handlungsoptionen, um die israelische Regierung nicht nur für die Besatzungs- und Siedlungspolitik zu kritisieren, sondern sie auch von weiteren Schritten – insbesondere der Annexion – abzuhalten. Außerdem untergräbt sie die Autorität des Gerichtshofs, der zuletzt von den USA wegen Ermittlungen zu möglichen Kriegsverbrechen in Afghanistan massiv unter Druck gesetzt wurde.

Quelle          :      TAZ          >>>>>        weiterlesen

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Oben      —          Die Sperranlage als Mauer bei Jerusalem (2016)

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Unten          —    Jardanit is Jordan River baptismal site for Christian pilgrims. The site is located south of the origin of the river from Lake Kinneret, near the Kinneret group

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Attribution: אלה פאוסט

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Die Albtraumtänzer

Erstellt von DL-Redaktion am 22. Mai 2020

Trump, Putin, Johnson, Bolsonaro

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Eine Kolumne von Sascha Lobo

Dass die USA, Russland, Großbritannien und Brasilien die Länder mit den meisten Corona-Infizierten sind, ist kein Zufall. Alle werden von Männern regiert, die bereit sind, die Wirklichkeit als optional zu betrachten.

Donald Trump, Wladimir Putin, Jair Bolsonaro, Boris Johnson – eine Männerriege mit vielen Gemeinsamkeiten. Es war zwar die ganze Zeit offensichtlich, aber nun ist messbar, wie wenig Interesse diese Mächtigen am Wohlergehen ihrer Bevölkerungen haben. Diese vier Männer herrschen – Stand Mitte Mai 2020 – über die vier Länder mit den meisten Corona-Infizierten weltweit. Unwahrscheinlich, dass sie um ihre Spitzenplätze so schnell fürchten müssen, aber Brasilien dürfte noch auf den zweiten Platz vorrücken. Mindestens.

Man darf sich aus linker und liberaler Perspektive die Suche nach dem Grund für die Rechtslastigkeit dieses Rankings nicht zu leicht machen. Schließlich gibt es Staaten, die autoritärer regiert werden, und mit der Ausnahme Russlands handelt es sich um echte Demokratien – wiederum Stand Mai 2020. Man darf sich die Suche nach dem Grund aber auch nicht zu schwer machen, weil die Parallelen so eindrucksvoll wie naheliegend sind. Alle haben zumindest zeitweise:

  • die Pandemie heruntergespielt oder sogar ignoriert
  • das Leben gefährdeter, älterer, kranker Menschen als Verfügungsmasse betrachtet
  • nach eigenen politischen, statt nach wissenschaftlichen Maßstäben entschieden
  • wirtschaftlichen Maßnahmen den Vorrang vor gesundheitlichen gegeben
  • und schließlich die Öffentlichkeit wider besseres Wissen getäuscht

Alle vier Machtmänner verbindet patriarchale Selbstgerechtigkeit und empathiearme Arroganz, und auch die Folgen ähneln sich: Eine mehr oder weniger ausgeprägte Beratungsresistenz sowie der Wille zur Manipulation des Publikums. Klar, dass ein gewalttätiger Autokrat wie Putin dabei anders vorgeht als ein demokratisch eingehegter Lügner wie Boris Johnson. Aber die Infiziertenzahlen sprechen für sich. Denn das Virus verbreitet sich dort optimal, wo die Menschen einerseits an eine gewisse Freizügigkeit gewöhnt sind und andererseits nicht ihr Verhalten ändern. Die vier Spitzenplätze lassen sich deshalb trotz der Unterschiede zwischen den Männern und Machtpraktiken auf die Bereitschaft zurückführen, die Wirklichkeit als optional zu betrachten

Es gibt eine direkte Kausalität: Rechts zu sein, bedeutet, bereit zu sein, die Achtung vor anderen abzulegen, damit die prinzipielle Gleichwertigkeit aller Menschen infrage zu stellen und schließlich das Existenzrecht anderer geringer zu schätzen als das eigene. Nur auf diese Weise erscheint plötzlich angemessen, zum Beispiel Risikogruppen Schutz zu verweigern oder eine Vielzahl von Toten in Kauf zu nehmen. Allerdings handelt es sich bei der vorstehenden Definition von „rechts“ um eine simple Umkehrung von aufklärerischen Grundprinzipien der Menschenwürde

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Dass rechte Politik Lebensgefahr bedeutet, war marginalisierten Menschen und allen, die sich dafür interessiert haben, immer klar. Aber selten hat sich so deutlich gezeigt, wie gnadenlos rechte Realitätsverweigerung auch in Friedenszeiten Leben kostet. Genau das ist die Verbindung zwischen den vier Anführern der infizierten Welt. Sie halten nicht nur das eigene Machtstreben für relevanter als das Leben anderer, das passiert leider häufiger. Die vier Virenversteher ordnen selbst die Wirklichkeit ihrem Machterhalt unter. Sowohl bei Trump wie auch bei Bolsonaro ließen eine Reihe von Äußerungen darauf schließen, dass sie nicht nur Propaganda betrieben („Milde Grippe“, „schon bald keine Fälle mehr“), sondern die eigenen Lügen auch selbst glaubten. Aber Viren sind unempfänglich für derartige Desinformation.

Quelle         :          Spiegel-online           >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen         :

Oben       —          President Donald J. Trump participates in a bilateral meeting with British Prime Minister Boris Johnson Tuesday, September 24, 2019, at the United Nations Headquarters in New York City. Vice President Mike Pence attends. (Official White House Photo by Shealah Craiughead)

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Friedensprozess in Nahost

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Mai 2020

Der „arabische Jahrhundertdeal“

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Von Jannis Hagmann

Israel will Teile des Westjordanlands annektieren. Das zu verurteilen reicht nicht – arabische Initiative ist gefragt.

Nach eineinhalb turbulenten Jahren mit drei vorgezogenen Neuwahlen ist es so weit: Israel bekommt eine neue Regierung. Das neue Kabinett wird nicht nur Besonderheiten aufweisen wie eine Rotation der beiden Benjamins, Netanjahu und Gantz, im Amt des Ministerpräsidenten. Die beiden haben in ihrer Ko­alitionsvereinbarung – erstmals in der Geschichte des Landes – auch eine Annexion von Teilen des seit 1967 besetzten Westjordanlands erwähnt. Der Schritt, sollte Netanjahu ihn tatsächlich gehen, würde den Nahostkonflikt über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinaus verfestigen.

Laut Koalitionsvertrag kann Netanjahu seine Annexionspläne ab Juli der Regierung und dem Parlament zur Billigung vorlegen. Welche Gebiete genau dem Staat einverleibt werden sollen und was mit den dort lebenden PalästinenserInnen geschieht, ist noch nicht beschlossen. Fest steht: Die Landnahme soll in Übereinstimmung mit dem Trump’schen Nahostplan erfolgen, den die USA im Januar vorgelegt haben. Diese zynischerweise als „Jahrhundertdeal“ präsentierte Vision sieht nicht weniger vor als die Annexion von insgesamt 30 Prozent des Westjordanlands inklusive aller is­rae­lischen Siedlungen, sowie des Jordantals.

Was es jetzt braucht, ist ein diplomatischer Kraftakt historischen Ausmaßes seitens der arabischen Staaten. Israel und die Annexionspläne zu verurteilen, wie es die Staaten der Arabischen Liga (AL) tun, um die eigenen Bevölkerungen zu besänftigen, wird am Ende nicht nur wenig geholfen haben, sondern gar nicht. Sollte Israel diese Palästinensergebiete annektieren, werden sich die Führungen von Rabat bis Bagdad über Jahre auf diesen Schritt berufen, um ihre Feindschaft gegen den jüdischen Staat zu rechtfertigen.

Eine Grundlage für den notwendigen Vorstoß gibt es bereits: die „Arabische Friedensinitiative“ (AFI). Die AL legte sie auf ihrem Gipfeltreffen in Beirut 2002 vor. Die Idee: Israel zieht sich in die Grenzen von 1967 zurück und erkennt einen palästinensischen Staat an; die arabischen Staaten bieten dafür „normale Beziehungen“ mit Israel an und „betrachten den arabisch-israelischen Konflikt als beendet“.

Die AFI ist nicht gänzlich tot

Der große Vorteil der AFI: Sie wurde von allen arabischen Staaten, auch von der palästi­nensischen Führung unter Mahmud Abbas, ak­zeptiert und 2007 erneut bekräftigt. Es war ­Obamas vielleicht größter Fehler, dass er die AFI nicht zur Grundlage einer eigenen Friedens­vision machte.

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Doch obwohl sie mittlerweile fast 20 Jahre auf dem Buckel hat, ist die AFI nicht gänzlich tot. AL-Generalsekretär Ahmed Aboul Gheit erwähnte sie kürzlich, auch auf den Gipfeln der Liga im Fe­bruar und im April war sie Thema. Der Vorschlag ist eine Art kalter Konsens der Araber, eine Anerkennung der Faktizität des Staates Israel und des Verlaufs der Geschichte. Mit der drohenden Annexion ist die Zeit gekommen, die AFI wiederzubeleben.

Natürlich: Die Probleme stecken im Detail. Dass das Angebot in Israel auf Ablehnung stieß, hatte Gründe. Über das Thema der Rückkehr paläs­tinensischer Flüchtlinge muss verhandelt werden, auch über die genauen Grenzverläufe. Was das allerdings angeht, hat sich die Liga schon in der Vergangenheit zu einem Austausch bestimmter Gebiete bereit erklärt. In diesen Kernpunkten könnten die arabischen Staaten deutlich Kompromissbereitschaft signalisieren, um den Deal auch den Israelis schmackhaft zu machen – möglicherweise sogar in Bezug auf Ostjerusalem, das Israelis und Palästinenser gleichermaßen für sich beanspruchen.

Quelle         :          TAZ        >>>>>          weiterlesen

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Grafikquellen       :

Oben        —      Secretary Pompeo delivers joint remarks with Israeli Prime Minister Benjamin Netanyahu, following meetings held in Tel Aviv, on April 29, 2018. (State Department photo/ Public Domain)

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Unten      —        Photo taken by Frances Guy, British Ambassador, Lebanon of the destruction at Nahr el Bared a Palestinian refugee camp in the north of the country on 21 Dec 2007.

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Eine Corona Philosophie

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Mai 2020

Das Corona philosophisch betrachtet

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Quelle      :      untergrund-blättle CH.

Von Klaus Hecker

Bestsellerautor Yuval Noah Harari entdeckt ein unbekanntes Wesen – den Tod. Im Spiegel Nr.18 vom 25.04.2020 findet sich ein Essay von Harari „Das Virus und der Tod“.

Die Unterüberschrift lautet „Wir werden die Pandemie wahrscheinlich besiegen. Unserer Vergänglichkeit sollten wir uns trotzdem bewusst werden“.

Diese Unterüberschrift ist Programm: Das Bewusstsein unserer Vergänglichkeit sei der Menschheit abhanden gekommen, Corona erinnere nun daran. Diese Chance gelte es zu nutzen, auch und gerade wenn zwar Gesundheisssyteme angesichts von Corona noch weiter verbessert werden, denn: „Das Rätsel unserer Existenz könne aber nicht von Ärzen gelöst werden, das sei Sache jedes einzelnen. Wenn der Tod auch nicht überwunden werden könne, werde – hoffentlich jedenfalls – das längere Leben eine Chance sein, sich mit diesem „Rätsel auseinanderzusetzen“.

Die Vorgabe

Im Folgenden vertrete ich die These, dass Harari mit seinem Essay eine in der bürgerlichen Öffentlichkeit nicht selten vertretene antiaufklärerische, diffus fortschrittskritische Position bedient. Diese eher im Feuillitonistischen beheimatet, wird nun von ihm intellektuell aufbereitet, so dass der Eindruck insinuiert wird, hier handele es sich um Erkenntnisse, die aus 2000 Jahren Geschichte und Kulturgeschichte heraus destilliert wurden. Das Gegenteil ist allerdings der Fall, wie zu zeigen sein wird.

Für Hararis Sicht bedarf es nicht nur der Umdeutung der Geschichte, sondern eines heillosen Potpourris aus dem Existential Tod mit medizinischen Fortschritten, aber auch mit Umdeutungen von unguten, kapitalistisch bedingten Todesursachen zu Menschheitsfragen.

Mein Untersuchunginteresse

Wenn es so banal und dazu noch unzutreffend ist, warum dann eine Beschäftigung damit. Mein Interesse ist es zu zeigen, dass kapitalistische bestimmte Gegenstände hier letztlich durch die Vermengung mit scheinbar übergeschichtlichen Sinnfragen mystifiziert werden. Der Kapitalismus mit seinen unguten Auswirkungen auf Geist, Seele und Gesundheit, ja und auch auf den Tod, ist damit fein raus. Seine Untaten sind per Metamorphose in vermeintliche Ewigkeitsfragen verwandelt.

Sinnhafte Einbettung des Todes versus Überlistung des Todes

Zunächst fällt auf, dass Harari bedeutungsschwer Umdeutungen vornimmt. Der erste Satz lautet: „Die moderne Welt glaubt, dass der Mensch den Tod überlisten und besiegen kann. Das war eine revolutionär neue Haltung.“

Wer oder was ist genau die moderne Welt, die dann so etwas auch noch glaubt?

Das mögen einige SF-Autoren sein. Ansonsten leben die Menschen aufgrund zivilisatorischer Errungenschaften länger. Wieviel länger kann man in der Sterbetafel ablesen. Wenn die Medizin heute eine Herztransplantation durchführen kann, ist nicht bekannt, dass dieses sinnhaft als Überlistung des Todes oder als Weg dorthin ausgedeutet wird.

Die Radikalität seiner These lebt vom Gegensatz, früher hätte der Tod noch einen Sinn gehabt. Eingebunden in religiöse Zusammenhänge haben es fraglose Sinnstiftungen gegeben.

Dies alles sei verloren gegangen, abgelöst durch das Paradigma technischer Lösbarkeit. Und damit ist das zentrale Problem identifiziert:

„Die besten Köpfe verbringen ihre Zeit nicht mehr damit dem Tod einen Sinn zu geben. Stattdessen beschäftigen sie sich damit, das Leben zu verlängern.

Was hier als zivilisationskritische Klage daher kommt, ist von einem eminent starken antiaufklärerischen Impuls geprägt: Spätestens seit Darwin ist geklärt, dass wir Menschen wie jedes andere biologische Lebewesen auch einem Verfallsdatum unterliegen, welches sich nicht aus höheren Sinnstiftungsideologien ergibt, sondern aufgrund seiner biologischen Gesetzmäßigkeit. Die Schuld, Strafe und Sühnephantasien insbesondere ausgepinselt im Christentum verlieren damit ihre Basis.

Die Religionskritiker des 18. und 19. Jahrhunderts haben dieses mitphilosophischen Grundlagen ergänzt, so dass am Ende Nietzsche sagen konnte nicht nur „Gott ist tot“, sondern der, ich füge hinzu, auch der Tod ist tot. Besser gesagt, da müsste man den Tod schon überleben oder der Tod sich selbst, wollte man Darwin und die Religionskritiker aushebeln.

Aber es ist nicht nur das, was Harari ignoriert, um eine feuilletonistisch, gefällige Zivilisations Kritik zu vorzulegen. Auch die Geschichte der Philosophie kommt dabei unter die Räder:

Vor der wissenschaftlichen Revolution, also dem größten Teil in der Geschichte der Menscheit, sei der Tod „auch Ursprung für den Sinn des Lebens“ gewesen.

Die philosophische Tradition selektiv betrachtet

Die griechische Antike wird gewöhnlich als Hochkultur bezeichnet und auch als Wiege unserer Kultur. Epikur und seine Schule war nicht ganz unbedeutend. Diese vertrat allerdings weit vor der wissenschaftlichen Revolution eine anders geartete Position:

„Das schauerlichste aller Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns; denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da.“ (Rainer Nickel, Wege zum Glück, 2011, S.117)

Konsequent ignoriert Harari solche Traditionen.

Methodische Bocksprünge

Wenn die Religionskritik die Mär von der schuldhaften Verstrickung des Menschen in seinen eigenen Tod, Strafe wegen Sündenfall, entzaubert hat, ist die Angelegenheit geklärt. Warum sollte Marx sich dann damit beschäftigen, was Harari ihm ankreidet: „Was passiert genau mit einem Kommunisten, wenn er gestorben ist…. Es ist sinnlos in den Schriften von Karl Marx…. nach einer Antwort zu suchen“

Die Logik die Harari hier befolgt, lautet, was ich vermisse, soll mein Kontrahent erbringen. Eine Parallele: Das wäre so, wie wenn man in der weit gestreckten aktuellen Coronadiskussion sagen würde, bei aller Diskussion, wer hat sich in dieser Diskussion schon mal zu der Bedeutung des Teufels in Sachen Corona geäußert? Keiner! Ätsch, auch Herr Wieler vom RKI nicht, da haben wir es. Fragt sich bloß, was „es“ ist und was wir „da“ haben. Und das lässt sich beziffern: Den eigenen Gesichtspunkt oder gar Standpunkt als Mangel einer anderen Position einzuführen und beglaubigen zu wollen.

Die Vermengung vom Tod als Existential und dem Tod als vermeidbare Folge zivilisatorischer Errungenschaften

Harari ist sehr daran gelegen, die völlig unterschiedlichen beiden Dinge in einem großen Topf zu verrühren, um eine Einheitssuppe namens der „Tod das unbekannte Wesen“ zu kreieren.

„Im 21. Jahrhundert führt der Tod vieler Menschen automatisch zu Klagen und staatlichen Ermittlungen.“ Als Beispiele führt er an, „ein Zugunfall, ein Hochhausbrand, sogar ein Hurrikan“.

Von welchem Gegensatz lebt hier seine Argumentation? Die Unausweichlichkeit des Todes als menschliches Existential wird hier ins Feld geführt, um gegen zivilsatorisch vermeidbare Todesursachen zu polemisieren. Bei einem Zugunfall stellt sich sehr wohl die Frage, welche technischen Fehler wodurch verursacht wurden, also vermeidbar gewesen wären. Auch ein Hurrikan ist zwar zunächst ein Naturereignis. Unter modernen Bedingungen allerdings wären allerdings nicht selten schwerwiegende Folgen vermeidbar, beispielsweise durch Warnsysteme und Evakuierungspläne. Thailand hat seit dem viele Opfer kostenden Tsunami in dieser Hinsicht mächtig aufgerüstet und den Tsunami nicht als Exempel für die Unausweichlichkeit des Todes interpretiert und sich einem möglichen nächsten Tsunami unvorbereitet und schicksalshaft gegenübergestellt.

Für Harari stehen die drei Beispiele für die Unausweichlichkeit des Todes und eine daraus gefolgerte Dringlichkeit sich endlich und verstärkt in der Moderne dem Tod als Sinnfrage zu nähern.

Ein solches Denken verdient dann allerdings den Vorwurf der Affirmation gesellschaftlicher Verhältnisse. Eine Klage gegen ein marodes Eisenbahnwesen wäre nach ihm ebensowenig angezeigt wie ein Frühwarnsystem in Sachen Hurrikan.

Die Anthropolisierung des Kapitalismus

Die völlig unhistorisch und unter Abstraktion gesellschaftlicher Klassen sich vollziehende Betrachtungsweise ergeht sich in Abstraktionen wie „wir“, „ die Menschheit“, und dem Gegensatzpaar früherer und moderner Mensch.

Auf die Moderne bezogen existiert die Menschheit aber bestenfalls als sinnvolle Abstraktion in der Gegenüberstellung zu dem Tier. In der nächsten Konkretionsstufe wird man ganz unterschiedliche Menschen vorfinden, z.B. bestimmt durch ihre Klassenzugehörigkeit mit daraus folgend sehr großen Differenzen die Lebensdauer betreffend. Wie dieses nun. Hat das möglicherweise etwas mit dem jeweiligen Einkommen, den Wohn- und Arbeitsbedingungen zu tun? Wie sieht es mit der Lebenserwartung in Afrika aus?

„Bibel und andere Heilige Bücher erzählten den verzweigelten Menschen geduldig, dass wir sterben, weil Gott ….es angeordnet hat,und dass wir dies demütig und gnädig akzeptieren sollten“

Das Christentum wird hier verwandelt in einen helfenden Erzähler, der dann Tröstendes vorliest: Zufällig auch und gerade die Ideologien des Christentum mit seinen ausgepinselten Schuld- und Strafphantasien den Tod betreffend.

File:Luther, M. Reformatorengruppe n. Cranach.jpg

War es aber nicht in Wirklichkeit eine flankierende Herrschaftsideologie die alles ausbeuterische Treiben, was die Menschen über sich ergehen lassen mussten, als quasi natürlich verklärt hat mit der Aussicht auf Entlohnung im Jenseits. Der kluge Martin Luther, der von einem Modernisierungstrieb das Christentum betreffend beseelt war, hat Juden, aufständische Bauern, aufmuckende Frauen unterschiedlichen Grausamkeiten, die zum Tode führten, zuführen lassen wollen. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass auch der Protestantismus als eine „weltzugewandte“, herrschaftsdienliche Religion zu verstehen ist: „ Es gibt keine Obrigkeit denn von Gott“, verkündete er programmatisch.

Für den großen Ausflug durch die Geschichte scheinen solche die Klassengesellschaft beobachtenden Besonderheiten für Harari zu spitzfindig zu sein.

Er bedient damit ein antikritisches Bedürfnis, den Kapitalismus mit seinen die Umelt und den Menschen schädigenden Auswirkungen herauszudefinieren und stattdessen Sinn- und Menschheitsfragen zu etablieren. Mit dieser Metamorphose sind die ursprünglichen Fragestellungen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Umgekehrt sind sie aber keineswegs verschwunden, sondern als mangelnde Moralität des merkwürdigen Subjekts Moderne und der Menschheit wieder zurückgekehrt. Wichtige Botschaft auch, dass der einzelne sich für die Folgen des nun neu kreierten Subjekts Moderne ebenso verantwortlich fühlt wie als Teilmenge des Subjekts Menschheit.

Für diese verklärende Botschaft, die nicht wenig Anklang im vorherrschenden Zeitgeist findet, muss nun auch noch Gevatter Tod herhalten. Das klingt besonders tiefschürfend. Ist es aber nicht, im Gegenteil.

Marx hat bereits 1848 im Kommunistischen Manifest unter strikter Anlegung der Klassenfrage gezeigt, was, wie, warum und wieviel sich verändert. Die Menschheit als klassenlosen Gesamtvater hat er dabei aus guten Gründen nicht bemüht:

„Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. (…)

Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.“ (Karl Marx/Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 4, 6. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1959, Berlin/DDR. S. 459-493.)

Das klingt etwas anders als die moderne und populäre Dauerklage, das eigentümliche Subjekt der Fortschritt (überhaupt) bringe uns zunächst voran, aber dann gehe nicht alles, aber vieles schief und wir stehen da – im Hemd. Jeder müsse sich nun selbst an die Nase fassen, aber bloß nicht dem Kapitalismus. Resumee: Hararis Unterfangen, den Fortschritt als solches zu etablieren und ihm ungute Folgen anzundichten – schief gegangen.

Den Tod als Exempel dafür herzunehmen – schief gegangen und dabei Todesursachen und den Tod als Existential zu vermengen – schief gegangen.

Corona als Mittel und Chance über obiges aufzuklären – schief gegangen.

Den Kapitalismus aus der Schusslinie zu nehmen und in eine ungeschichtliche überzeitliche Form der Menschheitsorganisation zu verwandeln – schief gegangen. Aus dieser Kritik eines in der Öffentlichkeit gefälligen, feuilletonistischen, philosophischen Textes wäre abschließend zu folgern: Der Alltagsgedanke das Subjekt „wir“, das es so gar nicht gibt, ist verantwortlich für ihn „den Fortschritt“, den es als „Zeitströmung von uns“ auch so nicht gibt wird von Harari philosophisch hochgeköchelt. Zu konstatierendes Resultat: Eine Fortschrittsskepsis, die die unguten und folgenschweren kapitalistisch geprägten Fortschritte auflöst in klassenunspezifische Begründungszusammenhänge. Ausgerechnet dieses wird nun als Lehre aus Corona präsentiert.

So merkwürdig es – jedenfalls, vom Beginn meiner Replik – erscheint: Letztlich wird die Systemfrage aufgeworfen mit wenig überzeugenden Argumenten für das System.

Ich ergänze einige Todesursachen von 2019:

  • 22 000 Tote durch Krankenhauskeime
  • 40 000 durch Thrombose
  • 30 000 durch Lungenentzündung
  • 6000 durch Dieselabgase

Usw., usw. Das würde ein gewaltiges Aufgabenfeld für die Beseitigung aktuell vermeidbarer Todesursachen eröffnen.

Zettel „Wollt ihr die totale Hygiene?“.jpg

Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass diese als Sockelzahlen akzeptiert werden, von denen man auch weiterhin ausgeht. Wenig überzeugend und schon gar nicht unvermeidlich. Es sei denn man würde diese etwas erschreckenden Größenordnungen begleitend als Mahnruf in Sachen „am Tod kommen wir nun einmal nicht vorbei“ interpretieren. Und dagegen habe ich argumentiert.

In einem weiteren Aufsatz – Philosophie und Corona Teil 2 – möchte ich mit Jürgen Habermas, David Precht, Ottfried Höffe und Sloterdijk beschäftigen.

Soweit nicht anders angegeben und keine Quellenangabe (Name einer Organisation oder Internet-Adresse) vorhanden ist, gilt für die Texte auf dieser Webseite eine Copyleft (Public Domain) Lizenz.

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Grafikquellen        :

Oben          —       Yuval Noah Harari

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2.) von Oben      —       Satirische spanische Darstellung Ende September 1918: der Soldado de Nápoles liest in der Zeitung vom gutartigen Charakter der Krankheit und gleichzeitig, dass der Platz auf den Friedhöfen ausgeht

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3.) von Oben     — 

Artist

Deutsch: Luther, Martin; Reformator; 1483–1546.Reformatorengruppe (v. li. Johannes Forster, Georg Spalatin, Martin Luther, Johannes Bugenhagen, Erasmus von Rotterdam, Justus Jonas, Caspar Cruciger und Philipp Melanchthon).

Kopie nach dem Meienburgischen Epitaph von Lucas Cranach d. J. (ehem. Nordhausen, St. Blasius-Kirche).

Wittenberg, Lutherhaus.

Date 1927
References Cranach Digital Archive

This work is in the public domain in its country of origin and other countries and areas where the copyright term is the author’s life plus 100 years or fewer.

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Unten      —     Flyer

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Teil der Entschwörung

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Mai 2020

Die da oben – wir hier unten

Von Anja Maier

Bei vielen KritikerInnen der Coronapolitik erinnert der Ton an DDR-Zeiten. Der Staat gilt als privilegiertes System, das vom Bürger Vertrauen verlangt, während seine Repräsentanten Fehler machen dürfen. Warum es wichtig ist, die ostdeutschen Erfahrungen ernst zu nehmen

An die Regierung! Wann dürfen wir freie Menschen sein? Die Sklavenzeit ist doch längst vorbei.“ So beginnt ein anonymer Brief an Erich Honecker aus dem Jahr 1983. Der Absender beklagt sich bei dem DDR-Staatschef über Mangelwirtschaft, fehlende Reisefreiheit und schlechte Luft: Aber auch über die vielen Polen, die in Ostberliner Geschäften einkaufen. Der Brief ist eine Mischung aus Hilflosigkeit, Wut und Ressentiment, der Ton schwankt zwischen Beleidigung und Pathos. „Man hat uns alles genommen“, schreibt der Verfasser und verweist auf die Nazizeit. „Unsere Großväter meinen, dafür haben sie nicht gekämpft und gelitten! Wir wollen die FREIHEIT!!!“

Briefe wie diesen gab und gibt es schon immer. Menschen wenden sich an ihre Regierung, die sie als Obrigkeit verstehen. Als verstrickten Klüngel, den man verachtet, von dem man als „kleiner Mann“ jedoch unglücklicherweise abhängig gehalten wird. Mit den Protesten gegen die Politik der aktuellen Bundesregierung in Zeiten von Covid-19 verhält es sich ähnlich. Viele Protestierende, man sieht es an ihren Plakaten und Parolen, verstehen sich als staatliche Verfügungsmasse, der „die Wahrheit“ nicht zugetraut wird und über deren Leben und Fortkommen durch anonym waltende, ins Unkenntliche verflochtene Kräfte verfügt wird.

Man kann sich darüber leicht lustig machen – Menschen, die Angela Merkel für eine Reptiloide halten oder meinen, einer Gehirnwäsche über das Trinkwasser unterzogen zu werden, entmachten sich als handelnde Individuen ja vorsorglich selbst. Verschwörungsmythen machen die Problemlage angenehm schlicht. Aber das allenthalben zu beobachtende Misstrauen in die Politik und ihre VertreterInnen ist natürlich auch das Ergebnis jahrzehntelangen Handelns. Das Versprechen des hochtourigen Neoliberalismus lautet grob gesagt: Macht keine Scherereien, seid gute KonsumentInnen, und fragt nicht nach den globalen Folgen unserer Politik. Im Gegenzug hält Vater Staat euch Ärger vom Hals. Er belohnt die Reichen, hält die Prekären auf niedrigem Niveau bei Laune und gibt allen ein Gefühl von Überlegenheit anderen gegenüber. Vertraut uns einfach!

Der weltweite Ausbruch der Coronapandemie bringt dieses Prinzip an sein vorläufiges Ende. Menschen sind durch ein unsichtbares Virus bedroht. Covid-19 kann sie das Leben kosten. Und plötzlich ist es überhaupt nicht mehr egal, ob man seinem Staat nur halbwegs vertraut. Bis Angela Merkel „Es ist ernst, nehmen Sie es auch ernst“ sagte, vergingen wertvolle Wochen. Es fehlte an Schutzmasken und Desinfektionsmitteln, vor allem aber an verlässlichen, verifizierbaren Informationen und nachvollziehbaren Handlungsempfehlungen. Das macht misstrauisch. Wer misstraut, macht Fehler. Und wer Fehler macht, kann an deren Folgen tatsächlich: sterben.

Während die Regierung also ab Mitte März Milliarden ins Land pumpte und Bilder der Einigkeit und Tatkraft produzierte, gingen nach und nach die MinisterpräsidentInnen eigene Wege. Spielplätze ja, Schwimmbäder nein, Kitas vielleicht, Schulen stufenweise – alles komplett unübersichtlich und sechzehnmal anders verordnet.

Wehe – wenn sie losgelassen ! Die Söldner der Knechtschaft.

Doch wehe, es wird sich nicht daran gehalten. Der Staat kann sehr ungemütlich werden, wenn Menschen zu zweit auf Parkbänken sitzen. Aber auch sehr nachsichtig, wenn es um die Bundesliga geht. Oder wenn 3.000 statt der angemeldeten 80 Anti-Corona-DemonstrantInnen ohne Mundschutz und Mindestabstand auf dem Münchner Marienplatz eintrudeln.

Das Chaos wird perfekt durch Politiker wie Christian Lindner und Thomas Kemmerich, die öffentlich einen Freund innig umarmen oder zusammen mit Nazis gegen die Bundesregierung demonstrieren. Oder Boris Palmer, der meint, die Freiheit der Mehrheit auf Kosten jener Menschen durchsetzen zu können, „die in einem halben Jahr sowieso tot wären“. Das sind Handlungen und Äußerungen, die durchaus den Verdacht nähren können, dass PolitikerInnen sich Dinge herausnehmen, weil nicht einmal sie selbst dem Staat vertrauen, den sie repräsentieren. Weil sie über Wissen und Schutz verfügen, deren andere nicht teilhaftig werden.

Quelle     .        TAZ         >>>>>            weiterlesen   

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Grafikquellen          :

Oben        —          DL / privat  – CC BY-SA 3.0

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Unten      —         Räumung einer Kreuzung bei den „Revolutionärer 1. Mai“ Protesten in Berlin-Kreuzberg

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Drogenumschlag Ostafrika

Erstellt von DL-Redaktion am 20. Mai 2020

Koka-Kette in Coronakrise

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Von Simone Schlindwein und Katharina Wojczenko

Der Ugander David Mutesa ist von der Coronakrise schwer getroffen. Dem Kokainhändler geht der Stoff aus. Andernorts hat die Drogenmafia vorgesorgt.

Als David Mutesa (Name geändert) sein Telefon abnimmt, läuft im Hintergrund der Fernseher.“ Hey, was ist los?“, fragt er von seiner Wohnzimmercouch aus. Sonst ist der 40-jährige Ugander von Sonnenuntergang bis -aufgang in den Nachtclubs der ugandischen Hauptstadt Kampala unterwegs.

Doch jetzt, zu Zeiten der Ausgangssperre in der Coronakrise, sitzt er auf dem Sofa in seiner Wohnung in einem Vorstadtviertel. Vor ihm auf dem Tisch eine Streichholzschachtel voller kleiner Plastiktütchen mit weißem Puder: Kokain.

„Das Geschäft läuft gerade nicht so gut“, klagt er, „weil ich kaum ausliefern kann.“ Sonst flitzt Mutesa mit dem Motorradtaxi durch die Stadt, Tütchen verteilen. Jetzt dürfen die Motorradtaxis keine Passagiere mehr mitnehmen, um die Ansteckungsgefahr zu mindern. „Die Leute müssen nun zu mir kommen, um es abzuholen.“

Doch nur wenige tun das. Der Grund, so Mutesa: „Viele haben Geldprobleme und ich musste die Preise erhöhen.“ Bislang kostete ein Gramm 100.000 Schilling, umgerechnet rund 25 Euro. Jetzt sind es 150.000 Schilling. „Es gibt derzeit keinen Nachschub und ich habe nur noch 45 Gramm auf Lager.“ Wann die nächste Lieferung kommt, sei in Anbetracht des geschlossenen internationalen Flughafens in der nahe gelegenen Stadt Entebbe nicht absehbar.

12.000 Kilometer westlich von Mutesa in Uganda nimmt in der Stadt Bello bei Medellín in Kolumbien ein Hupkonzert kein Ende. Es sind wohl Hunderte Menschen, die durch die Straße ziehen und dabei alle Quarantänebestimmungen ignorieren. Voran fährt eine graue Limousine mit einem Blumengebinde auf dem Dach. Dahinter tragen Männer einen Sarg auf ihren Schultern. Um sie laufen Junge, Alte, Frauen, Männer und Kinder. Sie tragen Schirmmützen, und Sonnenbrillen – aber kaum jemand hat einen Mundschutz. In der Hand halten viele rote oder weiße Luftballons. Quer über der Straße hängt ein rotes Banner: „Bär, wir lieben dich“, steht darauf.

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„El Oso“, der Bär, alias Édgar Pérez Hernández, war bis zu seiner Verhaftung im Dezember vergangenen Jahres der meistgesuchte Verbrecher in Bello. Als mutmaßlicher Kopf der kriminellen Drogenbande Niquía Camacol steuerte er einen Bandenkrieg, der die örtliche Mordrate in die Höhe getrieben hat. Er starb an einem Herzinfarkt, als er in ein anderes Gefängnis verlegt werden sollte.

Als El Oso im Dezember 2019 festgenommen wurde, versuchten seine Anhänger das zu verhindern, kesselten die Polizisten ein, warfen Steine und Flaschen. Bei seinem letzten Geleit schreiten weder Armee noch Polizei ein. Videos zeigen Polizisten, die den Trauerzug von ihren Motorrädern aus beobachten. Später verkündet der Polizeichef, es seien 15 Personen angezeigt worden: wegen Verstoßes gegen die Quarantäne. Selbst eine Pandemie stoppt die Macht der Drogenhändler in Kolumbien nicht.

Rekordjahr beim Koka-Anbau in Kolumbien

2019 war ein Rekordjahr beim Koka-Anbau in Kolumbien, das die Produktion weltweit anführt. Dahinter folgen Bolivien und Peru. 2019 stieg die Kokainproduktion in Kolumbien laut US-Angaben um 8 Prozent: auf 952 Tonnen. Ein Rückschritt für die Drogenbekämpfung. Der Preis für die Tonne reines Kokain ist auf derzeit etwa 1,5 Millionen Dollar gestiegen. In den USA kostet dieselbe Tonne fast 31 Millionen Dollar. Die Gewinnspannen sind gewaltig.

Es war schon vor der Coronapandemie klar, dass das kolumbianische Kokain nach der Rekordernte in diesem Jahr auf den Weltmarkt schwappen würde. Und das tut es – wenn auch gebremster. Derzeit verlassen keine Container-Schiffe ­Kolumbien. U-Boote zum Drogenschmuggel und Schnellboote operieren aber reduziert weiter. Ende März, also bereits inmitten der Corona-Ausgangssperre, stoppte Kolumbiens Marine 120 Seemeilen vom Pazifikhafen Tumaco entfernt ein U-Boot mit über einer Tonne Kokain an Bord. Wert: über 37 Millionen Dollar. Es war auf dem Weg nach Zentralamerika. Bei den Kanaren fing die spanische Marine Ende April einen Kutter mit vier Tonnen Kokain ab. Er war von Kolumbiens Nachbarland Panama aus über die Karibik nach Europa unterwegs.

Die wichtigste Drogen-Route verläuft nach Angaben der kolumbianischen Stiftung für Frieden und Versöhnung (Pares) über die Pazifikküste. 85 Prozent des Kokains werden auf dem Seeweg außer Landes geschmuggelt, davon 30 Prozent über die Karibikküste und 70 Prozent über die Pazifikküste. Von dort geht ein Großteil Richtung Zentralamerika und weiter in die USA. Per Flugzeug verlassen nur 15 Prozent des Kokains Kolumbien, meist nach Afrika. In Coronazeiten scheint diese Lieferrouten jedoch blockiert.

Die USA sehen den Boom mit Sorge. 67.000 US-Amerikaner starben 2018 an einer Überdosis, meist am Schmerzmittel Fentanyl, Methamphetaminen wie Chrystal Meth und Kokain, Tendenz steigend. Ein Bericht des US State Department stellt klar: Fast alle Drogen kommen aus dem Ausland, in der Regel aus Südamerika, Kokain vor allem aus Kolumbien, Chrystal Meth aus Mexiko.

Der Markt reicht bis nach Ostasien

Doch die USA sind nicht die einzigen Abnehmer. Auch in West- und Osteuropa sind Kokainkonsum und -verfügbarkeit im letzten Jahr auf einem Rekordhoch, so der jüngste Drogenbericht der Europäischen Union. Beim Konsum liegt Kokain in Europa, vor allem in Deutschland, mittlerweile auf Platz zwei der illegalen Drogen, gleich hinter Cannabis. Der Großteil stammt auch hier aus Südamerika – auch über indirekte Wege wie West- und Nordafrika geschleust.

Die reiche Schickeria in Russlands Metropolen Moskau und St. Petersburg greift immer mehr zu Kokain als Partydroge. Und in Südostasien, Indien und China, traditionell das „Goldene Dreieck“ des Opiumkonsums, steigt die Nachfrage nach Kokain aus Kolumbien ebenso rasant an. Afrika aber wird in diesem weltweiten Handel zum entscheidenden Drehkreuz.

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Auf der Handelsroute über den Atlantik ist Afrika ein optimaler Umschlagplatz. Die korrupten Zollbehörden, die mehr schlecht als recht Tausende Kilometer lange Küsten und Grenzen überwachen, sind für die Drogenkartelle ideale Partner, um Flugzeuge oder Schiffe voller Pakete zwischenzulanden und zu betanken. Die mangelnde Transparenz im Banken- und Finanzsektor sowie Lücken in den Geldwäschegesetzen bieten ein optimales Spielfeld, um riesige Summen Bargeld zu tauschen oder weltweite Transaktionen zu verschleiern.

Die meisten Kokainlieferungen wurden bislang über westafrikanische Staaten umgeschlagen. Schlagzeilen machte in den vergangenen Jahren immer wieder Guinea-Bissau, Nummer eins im Kokainhandel in Afrika. Aber auch Nigeria diente jüngst als Hub zwischen Südamerika und Europa.

Quelle       :         TAZ         >>>>>         weiterlesen

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Oben      —      This is an image with the theme „Africa on the Move or Transport“ from:

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Unten        —       Uganda, Street views between Kampala and Entebbe

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Martin Luthers Liste

Erstellt von DL-Redaktion am 19. Mai 2020

Der Reformer als Garanten für den Holocaust

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LUTHERS LISTE – Der Reformator und seine Kirche als Garanten für den Holocaust. Eine Einführung in das neue Buch –

von Stefan Weinert

Schon zu Lebzeiten Luthers  gab es in Kirche und Staat einen bereits 1.400 Jahre alten  Antijudaismus. Durch seine theologische Interpretation und heilsgeschichtliche auf Jesus Christus bezogene Herangehensweise an die „Judenfrage“, ließ der Reformator den Antijudaismus zum religiösen Antisemitismus“ werden. Weil die Juden Jesus nicht als ihren Messias akzeptieren, sind sie verdamm und verloren. Weil sie verdammt sind, sind sie des Teufels. Weil sie des Teufels sind, ist in ihnen rein nichts Gutes zu finden und selbst ihr Wille zur christlichen Taufe, ist ein Täuschungsmanöver. Das war dann nicht mehr nur religiös begründet, sondern auch schon rassistisch.  Luther hat seine Aussagen wider die Juden nachträglich nie in frage gestellt und auch nie widerrufen, sondern diese bis vier Tage vor seinem Tod öffentlich gepflegt. Ich bin beileibe nicht der Erste, der dies feststellen muss. Viele Autoren vor mir haben den Sockel, auf den Luther seit 1517 gehievt wurde, abgetragen und den Lack der übermächtigen Figur Schicht für Schicht entfernt. Martin Luther hatte nicht „eben auch ein paar Schattenseiten“, wie seine Verehrer und Verteidiger bis heute meinen, sondern durch sein gesamtes öffentliches Leben (Reden, Handeln, Schreiben) von 1505 bis zu seinem Tod 1546 konterkarierte er das, was er ins Deutsche übersetzt hatte. Die Bibel. Ihnen möchte ich mit diesem Buch  erneut eine Stimme geben möchte. Der Titel des Bandes und sein Cover mögen provozierend und für manchen evangelischen Christen gar blasphemisch sein. Doch die folgenden Seiten werden zeigen, dass ein Luther-Denkmal (denk mal nach) nicht nur nach Worms und Wittenberg gehört, sondern auch und gerade nach Dachau, Treblinka, Ravensbrück  und Auschwitz!

Um auf Luthers letzte Predigt zurückzukommen. Im Januar 1546 kam Luther von Wittenberg nach Eisleben, um einen Streit in der Mansfelder Familie zu schlichten, was ihm auch gelang. Da es ihm aber gesundheitlich nicht gut ging, blieb Luther in Eisleben, wo er am 14. Februar 1546 einen Gottesdienst abhielt. Während der Predigt erlitt Luther einen Schwächeanfall, so dass er die Predigt abbrach und nur noch eine „Vermahnung wieder die Juden“ verlesen konnte. Der Predigttext war aus Matthäus 11: „Kommt her zu mir (Jesus) alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Und welch ein Widerspruch, welch eine Konterkarierung der schönsten aller Jesus Worte m Neuen Testament, wenn Martin Luther nun der Gemeinde folgende Worte vorträgt: „Wollen sich die Juden zu uns [nicht „zu Jesus“] bekehren und von ihrer Lästerung, und was sie sonst getan haben, ablassen, so wollen wir  (dito) es ihnen gerne vergeben: wo aber nicht:, so wollen wir sie auch bei uns nicht dulden, noch leiden.“ (zitiert bei Andreas Pangnitz,  „Luthers Judenfeindschaft“).

Schon längst  hätte ich mich mit dem Antisemitismus des Dr. Dr. Martin Luthers intensiv beschäftigen müssen. Spätestens ab dem Zeitpunkt wo klar war, in welcher prunkvollen (Qualität) und ausführlichen (Quantität) Weise die evangelische und christliche Welt gedachte, den großen Reformator 500 Jahre nach Veröffentlichung seiner 95 Thesen in Wittenberg zu feiern. Und nicht nur das Jahr 2017 sollte und musste für dieses „Hochamt“ herhalten, sondern die gesamten zehn Jahre zuvor wurden als „Jubeldekade für Luther“ ausgerufen und gefeiert. Das heißt, dieses Buch hätte schon vor zehn Jahren erscheinen sollen. Vielleicht aber waren die Zeit und auch ich dafür noch nicht reif.

Bei meinen ausführlichen Recherchen zu diesem vorliegenden Band tat sich mir im wahrsten Sinne des Wortes die „Hölle“ auf, so dass ich den Arbeitstitel des Manuskriptes immer wieder änderte und verschärfte. Luther schickte nicht nur das Hab und Gut der Juden seiner Zeit und darüber hinaus, sondern auch sie selbst – vom Kleinkind bis zum Familienvorstand – in das Feuer. Und das, was nicht brennbar war, sollte mit Sand zugeschüttet werden. Geistig behinderte Kinder und  Erwachsene waren für ihn nur ein „seelenloses Stück Fleisch“, das ebenso ins Feuer gehörte. So tat es denn auch Joseph Mengele 400 Jahre später, als er im Konzentrationslager Auschwitz ein gerade entbundenes Kind unter der Bettdecke der Mutter, die das Baby verbergen wollte, hervorzog, und direkt lebendig ins Feuer warf.

Sie alle – Juden und Behinderte – schrieb Luther dem Teufel zu, sie selbst alle waren für ihn Teufel. Das Wort  „Teufel“ benutzte Martin Luther  im Laufe seines Lebens sehr häufig. Und zwar all denjenigen gegenüber, die nicht mit seiner persönlichen theologischen, politischen und gesellschaftlichen Überzeugungen d’accord gingen. Vom Juden, der sich nicht auf den „dreieinigen Gott“ taufen lassen wollte, sondern an dem Einen, an „G’tt Jahwe“ (Jehova ist eine falsch vokalisierte Übersetzung)  festhielt, über die Bauern samt ihrem Führer Thomas Müntzer, den Behinderten, bis hin zum Papst, waren sie alle – wie ich oben schon bemerkte – des Teufels Kinder und Teufel selbst, die auf das Ärgste und mit allen Mitteln zu bekämpfen und auszumerzen seien.

File:Leipziger-Disputation.jpg

„Beliebt ist der Hinweis darauf, dass die schlimmsten antisemitischen Ausfälle Luthers aus seinen letzten Jahren stammen, so dass man zwischen einem judenfreundlichen frühen Luther, dem eigentlichen Reformator, und dem alten, verbitterten Judenfeind unterscheiden müsse. Diese Erklärung läuft jedoch darauf hinaus, die Katastrophe psychologisierend zu verharmlosen.“ (Andreas Pangritz in „Luthers Judenfeindschaft“, Seite 1)

Die Relativierung und Verharmlosung eines – wie ich feststellen muss – bis heute tödlichen Virus’ ging mir einfach zu weit, und ich begann mit meinen Nachforschungen. Und wie gesagt. Es war wesentlich schlimmer als geahnt. Unter der Prämisse meines Ergebnisses,  hätte ein „Lutherjahr“ mit diesem „Jubelkonzept“ und eigener Briefmarke, niemals stattfinden dürfen. Und die davor liegende Dekade hätte vielmehr dazu genutzt werden sollen, nicht nur die Parallelität, sondern vor allem die Kausalität zwischen Luthers Antisemitismus’ und dem Holocaust“ herzustellen, es zuzugeben und aufzuarbeiten.

 Die Evangelische Kirche (DEK) damals, wie heute die EKD, hat es nie vermocht, sich von Luther und seinem Antisemitismus bei gleichzeitiger Anerkennung von großer Schuld, zu distanzieren. Luthers Verdammung der Juden fand nicht erst in seinen „letzten“ Jahren statt, sondern – wenn auch noch nicht so plakativ, offen und schonungslos wie 1543 – theologisch und christologische verpackt. Der EKD tut es vielmehr Genüge (Synode 2000), sich von dem Antisemitismus Adolf Hitlers und dem Versagen ihrer Kirche von 1932 (Reichstagswahlen im Juli und November) bis 1945 abzugrenzen, blendet jedoch aus, dass ohne Luthers Judenhass, den seine Kirche bereits in der Weimarer Republik weiter transportiert hatte, Hitler und die NSDAP niemals an die Macht gekommen wären, und somit die Shoa und der Holocaust gar nicht hätten stattfinden können.

 „Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung, sah den Juden, wie wir ihn erst heute  zu sehen beginnen.“  (Zwiegespräche zwischen Adolf Hitler und mir, von Dietrich Eckart, München 1924; S. 34). Diese einst von Adolf Hitler geäußerte Ansicht war deckungsgleich mit der Sicht der Evangelischen Kirche während und zum Ausgang der Weimarer Republik. Martin  Luther war für sie ein  von Gott gesandter Jesus 2.0, und ebenso war es nun auch Adolf Hitler, der von Gott gesandt war,  um den Gläubigen den rechten Weg zu weisen und um das Deutsche Volk zu retten. Vor allem, die sich aus der Evangelischen Kirche rekrutierenden „Deutschen Christen“ (DC) sahen  Jesus – Luther – Hitler in einer Reihe.

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Von Stefan Weinert © 2019 – Nachdruck und Vervielfältigung  – außer zur privaten Verwendung – jedweder Art nicht erlaubt. – Wiedergabe von Auszügen und Behandlung des Textes im Rahmen des Schulunterricht etc. nur mit Quellenangabe

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Grafikquellen        :

Oben       –

Artist

Deutsch: Luther, Martin; Reformator; 1483–1546.Reformatorengruppe (v. li. Johannes Forster, Georg Spalatin, Martin Luther, Johannes Bugenhagen, Erasmus von Rotterdam, Justus Jonas, Caspar Cruciger und Philipp Melanchthon).

Kopie nach dem Meienburgischen Epitaph von Lucas Cranach d. J. (ehem. Nordhausen, St. Blasius-Kirche).

Wittenberg, Lutherhaus.

Date 1927
References Cranach Digital Archive

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Unten        —        Die Leipziger Disputation kolorierter Holzschnitt 1557

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VK des PV der Linken 5.20

Erstellt von DL-Redaktion am 18. Mai 2020

Wir mobilisieren damit von uns weg“

File:Tandberg Image Gallery - telepresence-t3-side-view-hires.jpg

Quelle      :         AKL

Köln, Berlin 17.05.2020 Lucy Redler, Thies Gleiss  /  Mitglieder des Bundessprecher*innenrates der Antikapitalistischen Linken in der LINKEN

Bericht von Video-Konferenz des Parteivorstandes der LINKEN vom 16.05.2020,

 Corona-Krise und strategische Festlegungen der LINKEN

Die ordentliche PV-Sitzung fand „Corona-bedingt“ wieder als Video-Konferenz statt. Es nahmen bis zu 33 Mitglieder des 43-köpfigen PV-Gremiums teil.

Als Gäste waren die fünf Abgeordneten des Europaparlaments, Cornelia Ernst, Martina Michels, Özlem Demirel, Helmut Scholz und Martin Schirdewan, sowie der Präsident der Europäischen Linken, Heinz Bierbaum, anwesend.

Der PV gratulierte der als Mitglied des Präsidiums des Bundesausschusses anwesenden Barbara Borchardt zu ihrer Wahl zur Verfassungsrichterin in Mecklenburg-Vorpommern.

Aktuelle politische Lage

Der ToP wurde durch einen Tagungsordnungsantrag von Lucy Redler mit dem geplanten Punkt zur „Strategiediskussion“ zusammengefasst und verlängert. Er wurde in vier Teile aufgeteilt: Allgemeine politische Situation; die „Hygiene- und Grundgesetzdemonstrationen“; der Mitgliederentscheid in der LINKEN zum „Bedingungslosen Grundeinkommen“; die Strategiedebatte der LINKEN.

Die aktuellen „Grundgesetz- und Hygiene-Demonstrationen“

Martina Renner gab dazu eine eigene Einführung. Die Demonstrationen sind sehr heterogen, aber ihr Zulauf nimmt zu. Es werden darin sowohl reale Ängste von durch die Corona-Krise akut gefährdete Kleingewerbetreibende, Soloselbstständige und Marginalisierte auf die Straße gebracht, als auch eher ihren Individualismus ausleben wollende Menschen, die diesen Individualismus und abstrakten Freiheitsanspruch gegenüber staatlichen Regulierungen zum Schutz der Gesundheit schon länger mit dem Recht auf Individualität verwechseln, das auch für Linke eine hoher Wert ist (damit soll nicht gesagt werden, dass wir die Art der staatlichen Maßnahmen zur Einschränkung der Grundrechte teilen). Ergänzt werden diese Kräfte durch ein buntes Gemisch von durchgeknallten Weltverschwörungsbeschwörer*innen. In vielen Orten und auch durch bundesweite Bemühungen versuchen die harten Rechten aus der Pegida-Bewegung und dem AfD-Umfeld an den Demonstrationen anzudocken, in manchen Orten wie in Sachsen dominieren sie bereits die Demos. Der Unmut, der sich auf den Demonstrationen äußert, ist in Teilen richtig, die Antworten sind falsch.

Es gibt gegenüber diesen Demonstrationen zum jetzigen Zeitpunkt kein geschlossenes „Anti-Programm“, es wäre sowohl falsch auf diese Demos zu orientieren als auch alle Teilnehmer*innen als Rechts zu stigmatisieren. Alle im Parteivorstand waren sich einig, dass nur ein eigenes, sichtbares Auftreten der LINKEN, mit ihren Analysen der Krise, ihrem Aktionsprogramm und Forderungen zu Überwindung der Krise die Antwort sein kann. Das KL-Haus hat dazu bereits eigene Materialien und Mustertexte vorbereitet. Lucy schlug vor, angelehnt an die von Winfried Wolf, der AKL und anderen Kräften herausgebrachten Zeitung „Faktencheck Corona“, eine eigene Massenzeitung der LINKEN zu erstellen und unter Einhaltung der Abstandsregelungen wieder flächendeckend Infotische durchzuführen. Ein Verteilen eigener Materialien am Rande der „Hygiene-Demonstrationen“ ist dabei nur sinnvoll, wenn DIE LINKE deutlich macht, dass sie nicht Teil der Demos ist. Schwerpunkt der LINKEN sollte aber die Organisierung eigener Proteste und die Beteiligung an sozialen und linken Protesten sein, wie es die Partei im Ansatz im Bereich Gesundheit am Tag der Pflege oder bei der Aktion gegen die Klage der CDU gegen den Berliner Mietendeckel vorgemacht hat. Wichtig ist aktuell auch, dass DIE LINKE Eltern von Kindern im Kita-Alter anspricht und Angebote zur gemeinsamen Aktion macht, weil die Frustration über die Widersprüchlichkeiten der Lockerungen (Autohäuser offen, Kitas für viele noch geschlossen) hier besonders groß sind und Erziehende an ihre Grenzen kommen.

Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE).

Die Initiative für einen Mitgliederentscheid der LINKEN zum BGE hat ausreichend Unterschriften in der Mitgliedschaft gesammelt. Es wurde mit den Initiator*innen und einer Abordnung des Parteivorstandes ein Verfahren ausgehandelt, wie und wann dieser Mitgliederentscheid in der Partei durchgeführt wird. Es wird nicht vor der nächsten Bundestagswahl sein.

Strategische Festlegungen der LINKEN in der Krisenzeit bis zur nächsten Bundestagwahl

Die vier Mitglieder aus dem geschäftsführenden Parteivorstand, Katja Kipping, Bernd Riexinger, Harald Wolf und Jörg Schindler, hatten zwei Tage vor der Parteivorstands-Videokonferenz ein 14-seitiges Papier zu den notwendigen strategischen Festlegungen in der kommenden Zeit an die PV-Mitglieder versandt. Wie in der LINKEN leider fast immer üblich, wurde es auch gleich an den „Spiegel“ und andere Medien weitergereicht. Weder der gesamte geschäftsführende Parteivorstand noch der übrige Parteivorstand waren in die Beratungen dieses Textes miteinbezogen. Das Papier wurde als Informations- und nicht als Abstimmungsvorlage eingereicht. Es ist hier nachzulesen: https://www.die-linke.de/start/nachrichten/detail/fuer-eine-solidarische-zukunft-nach-corona/.

Die meisten Aussagen in diesem Text der Vier trafen auf breite Zustimmung im PV, entsprechen sie doch den Beschlüssen des PV aus den letzten Monaten. Umso heftiger war die Kritik an dem Kapitel aus dem Papier, dass offen und direkt für ein Regierungsbündnis mit SPD und GRÜNEN und einen entsprechenden Wahlkampf 2021 aufrief. Nur ein Diskutant aus dem PV neben den vier Autor*innen ergriff in der Debatte das Wort im Sinne dieses Kapitels. Alle anderen verwarfen mehr oder weniger heftig diese Orientierung. Thies Gleiss hatte seine erste spontane Kritik bereits am Vorabend der Videokonferenz veröffentlicht: https://www.antikapitalistische-linke.de/?p=3608#more-3608.

Lucy Redler und Thies Gleiss unterstrichen in ihren Wortbeiträgen, dass wir aktuell in einer hochpolitisierten Phase sind, in denen das weltweite kapitalistische System sich selbst in Frage stellt und von diversen politischen Akteur*innen in Frage gestellt wird. In dieser Situation muss auch die LINKE die Systemfrage stellen und ein klares, radikales Programm gegen die Krise und für eine sozialistische Alternative in die Öffentlichkeit tragen. Das ist nicht nur die wichtigste politische Vorbereitung auf die harten Verteilungskämpfe, die unweigerlich nach dieser außerordentlichen Phase der Vorherrschaft der Politik über die Ökonomie, kommen werden. Eine Bundesregierung mit SPD und Grünen würde nicht nur einen Ausverkauf der antimilitaristischen Positionen der LINKEN zur Folge haben, sondern auch harte Sparpakete auferlegen. Die Vorstellung, die in dem Papier der Vier angesprochen wird, man könnte eine solche Regierung an der Seite von Bewegungen aufbauen, ist angesichts der drohenden Wirtschaftskrise und der realen Politik von SPD und Grünen naiv. Die stellvertretende Parteivorsitzende Janine Wissler fasste die irrige Auffassung, mit einer Orientierung auf SPD und GRÜNE unsere Anhänger*innen aufrütteln zu können, mit der Prognose zusammen: „Wir mobilisieren damit von uns weg“. Besser können auch wir es nicht zusammenfassen.

Die Debatte ging ohne Beschluss zu Ende und wird sicher weitergeführt werden.

Solidarität mit den Beschäftigten von Galeria-Kaufhof-Karstadt

Am Tag vor der PV-Konferenz wurden die Pläne des Mehrheitsgesellschafters Benko der Warenhauskette Galeria-Kaufhof-Karstadt bekannt, 80 der Warenhäuser zu schließen, tausende Arbeitsplätze abzubauen und weitere harte Einschnitte für die Beschäftigten durchzudrücken. Es ist ein dreister Versuch, im Zuge der Corona-Krise die Kosten für die Bewältigung der Krise auf die Beschäftigten abzuwälzen und schon länger existierende Kahlschlagspläne beschleunigt umzusetzen. Der Parteivorstand nahm als Dringlichkeitsantrag eine Solidaritätserklärung mit den Beschäftigten an. Sie wird in Kürze auf den Seiten der LINKEN zu finden sein.

Bericht zur Lage der GUE/NGL und EL

Die Gäste aus der Europäischen Linken und der Europa-Fraktion mit dem immer noch sperrigen Namen GUE/NGL berichteten über die Arbeit der Fraktion und der europäischen Partei.

Sowohl die Fraktion als auch die EL haben jeweils ein längeres Papier zur europäischen Solidarität in Zeiten der Corona-Krise verfasst. Das erste Papier ist bereits auch auf deutsch erschienen (zum Download hier: https://www.dielinke-europa.eu/de/article/12711.das-heilmittel-hei%C3%9Ft-solidarit%C3%A4t.html) Das Papier der EL folgt in Kürze in deutscher Übersetzung.

In der Debatte wurde auf die Bedeutung der wachsenden Staatsverschuldung eingegangen sowie auf die Bedeutung des Urteils des deutschen Verfassungsgerichtes. Der PV wird auf der nächsten Sitzung über die Frage der Staatsschulden ausführlicher beraten.

Zettel „Wollt ihr die totale Hygiene?“.jpg

Der Zustand der EL hat sich nicht wesentlich gebessert. Ein kleines positives Zeichen ist vielleicht, dass La France Insoumise, die größte linke Kraft in Frankreich, sich wieder als offizieller Beobachter bei der EL betrachtet.

Weitere Beschlüsse

– Der PV nahm einen Unterstützungsaufruf für die „Woche des Kampfes gegen den Imperialismus“ an, die vom 25.-31. Mai 2020 auf Initiative des Forums von Sao Paulo und vieler anderer Organisationen, die sich in Havanna getroffen haben. Auch die EL unterstützt diese Initiative. Die LINKE wird eine Online-Veranstaltung zum internationalen Kampf für Frieden und soziale Gerechtigkeit durchführen.

Eine Beschlussvorlage von Cuba-Si und anderen zur Forderung die Sanktionen als Mittel der Außenpolitik zu beenden, wurde auf die nächste Sitzung vertagt.

akl - Antikapitalistische Linke

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Oben         —             TANDBERG T3 Telepresence high definition conference room; c. 2008

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Der Urheberrechtsinhaber dieser Datei, TANDBERG Corporation, erlaubt es jedem, diese für jeden Zweck zu benutzen, vorausgesetzt, dass der Urheberrechtsinhaber ordnungsgemäß genannt wird. Weiterverbreitung, Abänderungen, kommerzielle Nutzung sowie jede andere Verwendung sind gestattet.

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2.)   von Oben        —           Fahrradprotest der Initiative #LeaveNoOneBehind in Berlin

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Unten      —          Flyer

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DIE * WOCHE

Erstellt von DL-Redaktion am 18. Mai 2020

Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1b/Die-Woche.png?uselang=de

Kolumne von Friedrich Küppersbusch.

Joko, Klaas, Kemmerich und Corona: Eine Woche mit Verdauungsproblemen. Die Pandemie verschiebt die Koordinaten der politischen Debatte. Joko und Klaas haben sich hinter dem Baum der Erkenntnis versteckt – und sind Pro7 treu geblieben. Längst Vergangenes kommt wieder hoch – und Fernsehclowns fehlt der Mut.

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?

Friedrich Küppersbusch: Ein Jahr Ibiza-Video und man weiß immer noch nicht, wer’s war.

Und was wird besser in dieser?

Strache kommt mit neuer Partei zurück, freue mich auf neue Videos.

Das liberale Problemkind Thomas Kemmerich demonstrierte gegen Coronamaßnahmen. Wird er es schaffen, die FDP wieder unter die Fünfprozenthürde zu kriegen?

In den 90ern erlagen einzelne FDPler dem Ruf der Wüsten: der EU-Beamte Brunner, der Haider-Fan Kapell oder Maaßens Vorgänger als Paranoiker vom Dienst: von Stahl. Man kann den Liberalen zugute halten, dass sie nie ganz auf ihre „national-liberale“ Tradition der 50er zurückgefallen sind. Das mag ein Globalisierungsgewinn sein: Wer weltweit Geld verdienen oder billige Arbeitskräfte herholen will, hat erhebliche moralische Bedenken gegen hermetische Nationalstaaten. Die Methode dabei war stets die des kompetenten Abwartens, man vertraute auf Selbstkompostierung der Rechten. Nach der Wende akquirierte die FDP neben Liberalen auch die NPD der DDR und schwoll jäh auf 178.000 Mitglieder. Das schrumpfte unterdessen wieder auf um die 60.000. Man darf Kemmerich also auch als ortstypisches Verdauungsgeräusch sehen.

Bundespräsident Steinmeier empfahl diese Woche Mundschutz statt Aluhut, der sächsische Ministerpräsident Kretschmer warnte davor, „alle Proteste in einen Topf zu werfen“. Wer tut das Richtige?

Ich. Und zwar dank der Umfrage (forsa für RTL), nach der Bundespräsident, Kanzlerin und auch Bundesregierung teils spektakulär an Vertrauen gewonnen haben seit Jahresbeginn. Merkel und die Groko legten jeweils über 20 Prozent zu, auch Landesregierungen und Bürgermeister können fast eine eigene Show im Kika moderieren. Was besser wäre als die mediale Sturzverliebtheit in absonderliche Phänomene der pittoresken und illustren Freidreher. Klar, in einigen digitalen Netzwerken sind Weltuntergang und Wahnidee Mainstream. Doch in der ganzen Bevölkerung ist dieser Mainstream Splittergruppe. So kommt’s, dass in einem halbwegs nüchtern und zweckmäßig handelnden Land mediale Brücken gebaut werden zwischen menschlichem „Schnauze voll von Corona“ und abseitigem Egoschwurbel. Steinmeier könnte etwas beherzter und selbstbewusster auftreten; Kretschmer versucht seine anfälligen Sachsen zu therapieren.

Das Innenministerium möchte bestehende Grenzkontrollen bis Mitte Juni verlängern, um danach den freien Reiseverkehr anzustreben. Ist der Sommerurlaub gerettet?

Quelle       :        TAZ       >>>>>        weiterlesen

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Meinung aus der Linken AKL

Erstellt von DL-Redaktion am 17. Mai 2020

DAS ÜBL(ICH)E SPIEL…

Quelle         :      AKL 

Ein Kommentar von Thies Gleiss.

Vier Genoss*innen aus der Führungsspitze der LINKEN haben drei Tage vor einer Video-Konferenz des Parteivorstandes einen Diskussionstext zur Politik der LINKEN bei der Überwindung der „Corona-Krise“ geschrieben (siehe hier). Soweit so gut, so lang, so weilig. Wie von Geisterhand wird das Papier dem „Spiegel“ und anderen Medien zugespielt, und aus einem Diskussionspapier der beiden Vorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger, des Schatzmeisters Harald Wolf und des Bundesgeschäftsführers Jörg Schindler wird in der Öffentlichkeit die „Linie des Linkenvorstands“ und ein Bekenntnis zu einer Regierung aus SPD, GRÜNEN und LINKEN.

Ginge es um parteiinterne Ränkespiele und Politikmanipulation, so ist eine derart aufspielende LINKE natürlich bestens auf eine Koalition mit der SPD und den GRÜNEN vorbereitet. Ein Ärgernis ist es also – und nicht das erste Mal, sondern Wiederholungstat.

Für die seriöse Presse also noch einmal in Klarheit: Noch nicht einmal der Geschäftsführende Parteivorstand hat diesen Text und diese Linie beschlossen, der Gesamt-Parteivorstand schon gar nicht. Das Papier wird noch nicht einmal dem Parteivorstand zur Abstimmung vorgelegt, sondern ist persönliche Meinung von vier Personen.

Der Text selber ist ein 14-seitiger Diskussionsbeitrag, von dem sich 12 Seiten mit der politischen Lage in der „Corona-Krise“ und den politischen Aufgaben einer konsequenten linken Partei beschäftigt. Dieser Teil ist weitgehend Konsens in der LINKEN und in verschiedenen anderen Beschlüssen und Texten schon zu Papier gebracht.

Auffällig in diesem analytischen Teil ist nur, dass hier ein langer Text vorgelegt wird, der kein einziges Wort über den nach wie vor bedrohlichen Rechtsruck in der Welt, in Europa und in Deutschland verliert. Die Abkürzung „AfD“ kommt ein einziges Mal in einem Halbsatz zu Thüringen vor. Das zentrale Handlungsraster für linke Politik der letzten Jahre ist plötzlich weg, coronadiert sozusagen.

Diese Merkwürdigkeit ist allerdings die Türöffnerin für zwei Seiten blühenden Unsinns, der die 14 Seiten komplettiert und auf den Kopf stellt. Völlig abgehoben von der Wirklichkeit wird die Möglichkeit einer neuen Mehrheit aus SPD, GRÜNEN und LINKE phantasiert. Die reale Welt der SPD (jüngstes Beispiel ihr blamabler Auftritt zum Abzug der US-Atomraketen aus Deutschland) oder GRÜNEN (jüngstes Beispiel ihre Ablehnung einer Reichenbesteuerung auf ihrem Parteitag) wird mit keinem Wort erwähnt. Umfrageergebnisse mit gut 40 Prozent für die drei Parteien? Spielen keine Rolle. Die LINKE solle sich auf jeden Fall für eine solche Regierungsperspektive in der kommenden Zeit stark machen.

Wishful thinking – das wäre fast noch ein Kompliment für diese realitätsfernen Ansichten. Zeitgemäßer wäre: Phantasien im Corona-Fieber.

Die LINKE soll ihren Regierungsanspruch anmelden. Warum auch nicht? Aber das geht nur gegen die Parteien des Kapitalismus. Und das heißt auch: Gegen SPD und GRÜNEN. Es gibt – so wenig wie die letzten 15 Jahre – kein „linkes Lager mit SPD und GRÜNEN“ und keine Mehrheit links von CDU mit diesen Parteien. Wer dies immer wieder behaupte, will sich diese Partnerinnen schönsaufen und sich selbst politisch in die Pfanne hauen.

Eine „linke Mehrheit“ entsteht durch reale Kämpfe und gesellschaftliche Auseinandersetzungen – oder sie entsteht gar nicht. Regierungsspielen und Koalitionsververhandlungen als Wahlkampfersatz erzeugen diese Mehrheit nicht.

Und ein letztes: Ein „linke Regierung“ (welch prachtvolles Ziel) darf nicht wie in Thüringen, Berlin, Bremen das Ende des Wollens sein, das in kürzester Zeit auf den Rechtfertigungsmodus umschaltet, mit dem dumme und falsche Maßnahmen verteidigt werden, sondern muss wirkliche neue Perspektiven öffen, eine Dynamik auslösen, linke Leuchttürme erstellen, mit denen eine weitere Auseinandersetzung in Richtung Sozialismus begründet und ausgelöst wird.

Das was in diesem „neuen“ (eigentlich uralten und langweiligen) Text ausgelöst wird, ist nichts dergleichen, sondern nur Bitterkeit, wie hier politisch noble Ziele und Hoffnungen auf billigste Weise beerdigt werden.

Mein Vorschlag: Streicht die besagten zwei Seiten aus dem Text ersatzlos raus. Dann ist es zwar immer noch eine Beerdigung dritter Klasse, aber es wird kein Schaden mehr angerichtet.

akl - Antikapitalistische Linke

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Grafikquelle         :    Übernahme von AKL     – Danke !

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„Verschwörungstheorien “?

Erstellt von DL-Redaktion am 17. Mai 2020

 Regierungen walzen alles nieder was ihnen nicht ins  Konzept passt.

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Quelle         :      Scharf  –  Links 

von systemcrash

ch war eigentlich immer ein grosser Fan von Verschwörungstheorien (oder sagen wir besser: Verschwörungserzählungen) und bin es noch; na ja, jedenfalls in Romanen und (Abenteuer)Filmen. Sie sind einfach spannend zu lesen und es ist interessant, zu verfolgen, wenn immer wieder ein neues Rätsel gelöst werden muss und man aber trotzdem nie an des Rätsels Lösung gelangt. Weil es eben diese ‚Lösung‘ gar nicht gibt.

Und was könnte spannender sein als finstere Geheimgesellschaften, die von fiesen Typen geleitet werden, die im normalen Leben vlt. Anzugträger sind und im ‚Doppelleben‘ sich ungeahnte und unaussprechliche Ausschweifungen leisten? Wer käme da nicht in Versuchung, seine eigenen Fantasien zu projizieren? So sind Fortsetzungen (und damit Einnahmequellen) garantiert (die Produktion von cliffhangern  muss geradzu als eigenständige Stilrichtung innerhalb der Filmkunst gewertet werden). Natürlich lässt sich ein Zuschauer oder Leser nicht ewig verarschen. Aber dann muss eben ein neuer plot erfunden werden. Der Stoff der Fantasie kann ja niemals wirklich ausgehen.

Was im Bereich der Literatur und des Films noch seinen berechtigten Platz hat, wird prekär, wenn es sich um Welterklärungen handelt oder um politische Anleitungen (Programmatiken). Während vorkapitalistische Gesellschaften einen sinnlich wahrnehmbaren Unterschied von ‚oben‘ und ‚unten‘ kannten, ist dies in ‚kapitalistischen‘ Gesellschaften nicht mehr ganz so einfach. Macht und Herrschaft wird nicht mehr ‚direkt‘ vollzogen, sondern über ‚Vermittlungsebenen‘ (wie Markt, Staat und Rechtswesen), die den zentralen Funktionsmechanismus der kapitalistischen Produktionsweise verschleiern. Da es aber trotzdem (und geradezu systemisch notwendig) auch ‚Verlierer‘ (in) der kapitalistischen Produktionsweise gibt, ist es bis zu einem gewissen grad ’natürlich‘, dass diese Verlierer personale Schuldige (‚Sündenböcke‘) für ihre Misere suchen. Da die wenigsten Menschen verstehen (höchstens ahnen), dass die kapitalistische Produktionsweise keine Menschen als Persönlichkeiten als Antrieb benötigt, sondern ein quasi automatisch [verselbständigt] ablaufender Prozess der Wertverwertung (Geld-Ware-mehr Geld) darstellt, können die Verschwörungstheoretiker diese Abstraktion (die aber im gesellschaftlichen Ablauf real ständig vollzogen wird, aber unbewusst) nicht (nach)vollziehen, und brauchen daher jemanden, auf dem sie mit dem Finger drauf zeigen können (‚Der ist schuld!‘, ‚Haltet den Dieb!‘).

Das heisst jetzt aber nicht, dass es keine ‚Verantwortlichen‘ und ‚Schuldigen‘ gibt. Diese gibt es sehr wohl. sie sind aber als Personen austauschbar („Charaktermasken“ [Marx]), da sie nur interessant sind als Ausführende systemischer Funktionen.

„Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ (Karl Marx)

Auch ‚Verschwörungen‘ gibt es sehr wohl, aber diese Verschwörungen sind keine Bedingung des systemischen Funktionierens (im Gegenteil, sie wirken in der Regel mehr destabilsierend), sondern es sind eher Übertretungen von Machteliten, die es mit ihrem Machthunger etwas übertrieben haben (Berühmtes Beispiel ist der Watergate-Skandal in den USA unter Nixon. Wer ihn noch nicht kennt, sollte sich unbedingt den Film Die Unbestechlichen [1976] ansehen). Dass es diese Übertretungen gibt, zeigt natürlich auch, dass diese Machteliten einen gewissen Realitätsbezug verloren haben und sich in Allmachtsfantasien suhlen können. Aber gerade in diesem Watergate-Fall hatten die demokratischen Kontrollinstrumente (Presse als vierte Gewalt) funktioniert, während der Absolutismus eines Ludwig des 14. (wie überhaupt die Dekadenz der herrschenden Klassen im Gegensatz zu den Lebensbedingungen des ‚Volkes‘) letztlich historisch eine Revolution vorbereiteten.

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Obgleich ich kein Freund historischer Erörterungen bin, muss ich (gezwungenermassen aus inhaltlichen Gründen) noch auf einen historischen Aspekt von Verschwörungstheorien eingehen.

In einem schon etwas älteren (und sehr lesenswerten) Artikel von Thomas Konicz heisst es:

„Unsere Verschwörungsideologen haben also durchaus in gewisser Weise recht, wenn sie behaupten, mit ihren paranoiden Wahnvorstellungen „Aufklärung“ zu betreiben – der Verschwörungsglaube, der dem Aufklärungsprozess einem dunklen Schatten gleich folgt, entspringt dem verkürzten bürgerlichen Aufklärungsbegriff, der ja die bürgerliche Gesellschaftsformation in den Rang eines Na[tu]rphänomens erhebt.“ 

Was hat es mit diesem ‚verkürzten bürgerlichen Aufklärungsbegriff‘ und der ‚Gesellschaft als Naturphänomen‘ auf sich? Um es auf das Allerkürzeste herunterzubrechen: für die bürgerliche Aufklärung ist die bürgerliche Gesellschaft die ‚vernünftige‚ Gesellschaft und damit das ‚Ende der Geschichte‘. (Den Begriff ‚Ende der Geschichte‘ haben natürlich nicht die klassischen Aufklärer verwendet, sondern ist ein geistiges Produkt von Francis Fukuyama). Und wenn die bürgerliche Gesellschaft die vernünftige Gesellschaft ist, dann steht sie auch im Einklang mit der [menschlichen] Natur; und wenn sie im Einklang mit der Natur steht, dann ist sie unveränderlich.

Nun wissen wir alle, dass der Glaube an die Unveränderlichkeit der kapitalistischen Produktionsweise nicht mehr so stark ist wie am Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts. Aber immer noch können sich mehr Menschen das Ende der Welt vorstellen als das Ende des Kapitalismus.

Zum Schluss möchte ich noch hinweisen auf den Unterschied von Verschwörungstheoretiker und Verschwörungsideologe, den Konicz aufmacht.

Der Verschwörungstheoretiker deckt Verschwörungen auf, um an ihnen beispielhaft die Notwendigkeit der Überwindung des Kapitalismus aufzuzeigen; denn er weiss, das der Kapitalismus mit Zwangsläufigkeit Kriege, Krisen und Verschwörungen hervorbringt. Diese ergeben sich aus den inneren Gesetzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst (und nicht [nur] aus den bösen Absichten Einzelner ihrer Akteure).

Der Verschwörungsideologe hingegen sieht in jeder Verschwörung einen Hinweis auf weitere Verschwörungen. Er sucht den Oberboss, den Strippenzieher, die wahren Schuldigen an den ganzen Schwierigkeiten und Problemen. Irgendwo muss doch die ‚oberste Verschwörungsinstanz‘ sitzen, die die Geschicke der Welt lenkt.

„Für ihn bleibt die Welt eine einzige Weltverschwörung. Dieses Denken ist höchst gefährlich. Die Erlösung aus diesem paranoiden Wahnsystem scheint dem Verschwörungideologen nur in der Auslöschung der Gruppe möglich, die er der Verschwörung bezichtigt.“

Der Rest der Geschichte ist aus der (real)historischen Geschichte schon bekannt.

Urheberrecht
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Grafikquellen        :

Oben       —         On 2005-06-12 Angela Merkel announced on occasion of a party convention of the Christian Democratic Party in Kiel (a town in northern Germany), one would have to roll down all brake shoes (German idiom for „obstacles“) which stand in the way of growth. Of course, in order to do that, she needs the Merkelroller

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geht’s noch? Von wegen RAF

Erstellt von DL-Redaktion am 16. Mai 2020

Vor 50 Jahren wurde Andreas Baader befreit.

RAF-Logo.svg

Von Ambros Waibek

Für junge Linke spielt er keine Rolle mehr. Die Geschichte könnte die Jungen aber einholen, wenn sie sich nicht an sie erinnern

Am vergangen Donnerstag hätte in dieser Zeitung an die sogenannte Geburtsstunde der RAF erinnert werden können. Viele Medien im deutschsprachigen Raum griffen den 50. Jahrestag der Befreiung von Andreas Baader, des „unumstrittenen Anführers“ (Tagesspiegel) der Baader-Meinhof-Gruppe auf – und ausgerechnet die taz, die doch nicht zuletzt als Reaktion auf die Begleitumstände des blutigen Endes der ersten RAF-Generation im „Deutschen Herbst“ gegründet wurde, macht sich einen schlanken Fuß?

Nicht, dass wir das Thema etwa verschlafen hätten: Aber mit der Prämisse, dass niemand mehr die nun wirklich erschöpfend ausgebreiteten Terroranekdoten von Menschen über 60 noch lesen mag: Die jüngeren Linken und Engagierten interessiert Andreas Baaders coole Autoknackerpose schlicht nicht. Offensichtlich werden Wrackteile dessen selbstverliebten Dandydenkens heute eher bei der Rechten angeschwemmt, bei schreibend durchdrückenden Neoliberalen etwa, die in ihrem Leben allerdings nie ein größeres Risiko eingegangen sind als das, beim rasenden Ausleben ihrer Freiheit versehentlich einen Rentner zu überfahren. Aber in ihrer Perspektive wäre der ja eh demnächst an Covid-19 gestorben.

ProtesteVerenaBeckerProzess.png

All das lächerliche Distinktionsgehabe, die irr-egomane Realitätsverfehlung, die vulgär ausgestellte soziale Inkompetenz sind bei jungen Linken aus der Mode gekommen, haben sich jedoch problemlos in die Niederungen rechter Blogger, Spesenritter und Verschwörungstheoretiker integrieren lassen: Was die Vermutung nahelegt, dass die BRD-RAF von Anfang an so wenig links war wie die DDR-Staatssicherheit.

Quelle      :         TAZ         >>>>>          weiterlesen

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Grafikquellen       :

Oben      —         Logo of the 1970’s German underground terrorist organization Red Army Faction (RAF) – a red star (similar to that of the Red Army of the Soviet Union) and a submachine gun Heckler & Koch MP5. Sometimes, people get confused because on most pictures available today, the MP5 has a curved magazine, whereas the weapon in the logo has a straight magazine. However, the MP5 had a straight magazine until it was changed to curved in 1976 due to technical reasons, so this is no contradiction. The MP5 was at the time (and is until today) one of the standard submachine guns of the German police. The logo designer, a young design student, apparently did not know this when choosing the weapon.

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Unten      —    Proteste während des Prozesses gegen die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker

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Nicht der Bürger ist Diener

Erstellt von DL-Redaktion am 16. Mai 2020

Klarstellung : der Staat hat seinem Bürger zu dienen

Ein „OFFENER BRIEF“ an alle Politiker-Innen.

Aus gegebenem und eigentlich schon immer aktuellem Anlass = grundsätzlich (also abseits von Corona), möchte ich an den von mir am 10. Januar 2020 verfassten Artikel „Recht auf gute Verwaltung“, den ich hier erweitert wiedergebe, verweisen, und übersende Ihnen diesen – mit der Bitte um Weitergabe an Ihre Amts- und Ressortleiter/innen; Kolleg/innen und Mitarbeiter/innen. Ich beziehe mich in diesem Aufsatz auf den Artikel 41 der „Charta der Grundrechte der Europäischen Union“ – Recht auf gute Verwaltung (Anlage), exemplarisch auf die Präambel, den Artikel 1 und Artikel 2a der baden-württembergischen Landesverfassung (LBW) und last but not least auf die entsprechenden Bestimmungen des Deutschen Grundgesetz (GG).

Ich möchte daran erinnern, dass Sie „nicht erwählt, sondern gewählt sind, um das Gespräch mit denen zu suchen, die sich um diese Demokratie bemühen“ (Willy Brandt am 28. Oktober 1969)

Ich verweise auf Folgendes:
a) es handelt sich um einklagbare Rechte der Bürger/innen
b) da der Gemeinderat ein Organ der Stadtverwaltung und diese die Vertretung des Staates in der Fläche ist, gelten die Bestimmungen auch entsprechend.
c) die Bestimmungen finden sich in dem Artikeln 17 [und 103 (1)] des Deutschen Grundgesetzes wieder
d) Bitten oder Forderungen von Seiten einer Amtsperson oder eines Gemeinderates oder anderer staatlicher Stellen an den Bürger, sich nicht (mehr) an ihn/sie zu wenden, sind daher rechtswidrig
e) es ist nicht primäre und originäre Aufgabe des Staates, den Bürger zur Mitarbeit  (Ehrenamt) aufzurufen und diese dann zu steuern und zu überwachen, sondern es ist seine gesetzlich verankerte Aufgabe und Pflicht, den Bürger mit seinem freien initiativen Angebot der Mitarbeit und seiner Individualität zu unterstützen.

In der Landesverfassung Baden-Württembergs heißt es wie folgt (Markierungen von mir):

Präambel

Im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, die Freiheit und Würde des Menschen zu sichern, dem Frieden zu dienen, das Gemeinschaftsleben nach den Grundsätzen der sozialen Gerechtigkeit zu ordnen, den wirtschaftlichen Fortschritt aller zu fördern, und entschlossen, dieses demokratische Land als lebendiges Glied der Bundesrepublik Deutschland in einem vereinten Europa, dessen Aufbau föderativen Prinzipien und dem Grundsatz der Subsidiarität entspricht, zu gestalten und an der Schaffung eines Europas der Regionen sowie der Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit aktiv mitzuwirken, hat sich das Volk von Baden-Württemberg in feierlichem Bekenntnis zu den unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten und den Grundrechten der Deutschen kraft seiner verfassunggebenden Gewalt durch die Verfassunggebende Landesversammlung diese Verfassung gegeben.

Artikel 1

(1) Der Mensch ist berufen, in der ihn umgebenden Gemeinschaft seine Gaben in Freiheit und in der Erfüllung des christlichen Sittengesetzes zu seinem und der anderen Wohl zu entfalten.

(2) Der Staat hat die Aufgabe, den Menschen hierbei zu dienen. Er fasst die in seinem Gebiet lebenden Menschen zu einem geordneten Gemeinwesen zusammen, gewährt ihnen Schutz und Förderung und bewirkt durch Gesetz und Gebot einen Ausgleich der wechselseitigen Rechte und Pflichten.

Artikel 2

(1) Die im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland festgelegten Grundrechte und staatsbürgerlichen Rechte sind Bestandteil dieser Verfassung und unmittelbar geltendes Recht.

Artikel 2a

Kinder und Jugendliche haben als eigenständige Persönlichkeiten ein Recht auf Achtung ihrer Würde, auf gewaltfreie Erziehung und auf besonderen Schutz.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a9/Stufenleiter_der_Gr%C3%B6%C3%9Fe_und_des_Sturzes_Napoleons.jpg

In Deutschland ist das Petitionsrecht als Grundrecht in Art. 17 Grundgesetz(GG) festgeschrieben: „Jedermann hat das Recht, sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden.“

Im Artikel 17 GG heißt es: Jedermann hat das Recht, sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden.

Der Art. 17 GG erhält dann einen reellen Ausdruck für den Bürger, wenn ihm nicht nur das Anrecht zur Petition gewährt wird, sondern auch gleichzeitig auch einen Anspruch auf Prüfung und Bescheidung derselben hat. Dabei muss nach einem Urteil des BVerfG in der Bescheidung nur die Beachtung des Inhalts der Petition und die Art ihrer Durchführung sichtbar, nicht dagegen eine besondere Beweisführung, gemacht werden. Wird dieser Bescheidungspflicht nicht gefolgt, ist der Verwaltungsrechtsweg nach Art. 40 VwGO eröffnet. Beabsichtigt man beispielsweise, sich über eine Verordnung einer Behörde zu beschweren oder einen Verbesserungsvorschlag von allgemeinem Interesse kund zu geben, kann man sich einzeln oder in einer Gruppe an die Volksvertretung richten und damit auf einem bis ins Einzelne determinierten Weg in seiner/ihrer Sache vorstellig werden (Legislativpetition). Eine Petition kann sich auf einen politischen Tatbestand beziehen, andererseits kann es auch darum gehen, dass sich jemand von einer Behörde rechtswidrig behandelt fühlt. Die Inanspruchnahme des Petitionsrechts darf sich dabei auf den Petenten nicht schädlich auswirken (wie es aber konkret und nachweisbar in der Stadt 88212 Ravensburg geschieht).  Art. 17 GG unterliegt keinem Gesetzesvorbehalt – aufgrund kollidierenden Verfassungsrechts können sich jedoch Schranken ergeben.

Das Petitionsrecht hat historische Vorläufer, die bis ins ausgehende Mittelalter reichen. Nach dem siebenjährigen Krieg (1763) nahm auch Friedrich der Große Bittschriften entgegen. Eine Petition hat auch die Funktion des „Herz-ausschütten-Könnens“ (Roman Herzog). Petitionen können nicht nur, wie oft fälschlich angenommen wird, an die Volksvertretungen (Parlamente) gerichtet werden, die dafür eigens Petitionsausschüsse eingerichtet haben, sondern an jede „zuständige Stelle“, also etwa an eine Behörde. Ist diese für das Anliegen nicht zuständig, leitet sie die Petition an die richtige Stelle weiter.Die Petition muss auf ein bestimmtes Anliegen oder Begehren zielen, das nicht das eigene zu sein braucht.
Charta der Grundrechte der EU-Bürger – Art. 41: Recht auf eine gute Verwaltung

(1) Jede Person hat ein Recht darauf, dass ihre Angelegenheiten von den Organen, Einrichtungen und sonstigen Stellen der Union unparteiisch, gerecht und innerhalb einer angemessenen Frist behandelt werden.

(2) Dieses Recht umfasst insbesondere
a) das Recht jeder Person, gehört zu werden, bevor ihr gegenüber eine für sie nachteilige individuelle Maßnahme getroffen wird,
b) das Recht jeder Person auf Zugang zu den sie betreffenden Akten unter Wahrung des berechtigten Interesses der Vertraulichkeit sowie des Berufs- und Geschäftsgeheimnisses,
c) die Verpflichtung der Verwaltung, ihre Entscheidungen zu begründen.

(3) Jede Person hat Anspruch darauf, dass die Union den durch ihre Organe oder Bediensteten in Ausübung ihrer Amtstätigkeit verursachten Schaden nach den allgemeinen Rechtsgrundsätzen ersetzt, die den Rechtsordnungen der Mitgliedstaaten gemeinsam sind.

(4) Jede Person kann sich in einer der Sprachen der Verträge an die Organe der Union wenden und muss eine Antwort in derselben Sprache erhalten.

Artikel 41 ist auf das Bestehen der Union als eine Rechtsgemeinschaft gestützt, deren charakteristische Merkmale sich durch die Rechtsprechung entwickelt haben, die unter anderem eine gute Verwaltung als allgemeinen Rechtsgrundsatz festgeschrieben hat (siehe u. a. das Urteil des Gerichtshofs vom 31. März 1992 (Rechtssache C-255/90 P, Burban, Slg. 1992, I-2253) sowie die Urteile des Gerichts erster Instanz vom 18. September 1995 (Rechtssache T-167/94, Nölle, Slg. 1995, II-2589) und vom 9. Juli 1999 (Rechtssache T-231/97, New Europe Consulting und andere, Slg. 1999, II-2403). Dieses Recht in der in den ersten beiden Absätzen dargestellten Form ergibt sich aus der Rechtsprechung (Urteile des Gerichtshofs vom 15. Oktober 1987 (Rechtssache 222/86, Heylens, Slg. 1987, 4097, Randnr. 15), vom 18. Oktober 1989 (Rechtssache 374/87, Orkem, Slg. 1989, 3283) und vom 21. November 1991 (Rechtssache C-269/90, TU München, Slg. 1991, I-5469) sowie die Urteile des Gerichts erster Instanz vom 6. Dezember 1994 (Rechtssache T-450/93, Lisrestal, Slg. 1994, II-1177) und vom 18. September 1995 (Rechtssache T-167/94, Nölle, Slg. 1995, II-2589)) und — bezüglich der Pflicht zur Begründung — aus Artikel 296 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union, siehe ferner die Rechtsgrundlage in Artikel 298 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union für die Annahme gesetzlicher Bestimmungen im Interesse einer offenen, effizienten und unabhängigen europäischen Verwaltung.

In Absatz 3 ist das nunmehr durch Artikel 349 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union garantierte Recht aufgeführt. In Absatz 4 ist das nunmehr durch Artikel 20 Absatz 2 Buchstabe d und Artikel 25 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union garantierte Recht aufgeführt. Nach Artikel 52 Absatz 2 finden diese Rechte im Rahmen der in den Verträgen festgelegten Bedingungen und Grenzen Anwendung.

Das Recht auf einen wirksamen Rechtsbehelf, das hierbei eine wichtige Rolle spielt, wird durch Artikel 47 der Charta gewährleistet. Amtsblatt der Europäischen Union C 303/17 – 14.12.2007

Als Bürger der EU, ihres Mitglieds BRD, deren Bundeslandes Baden-Württemberg und deren Gemeinwesen Stadt Ravensburg, bitte ich um Beachtung dieser Regelungen eines jeden Bürgers und jeder Bürgerin gegenüber (um Bürger zu sein, muss man/frau nicht zwingend die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen) Danke.

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Grafikquellen       :

Oben     —           Plakat der KPD zu den Reichstagswahlen 1920, karikiert sind Hugo Stinnes (ganz links), Hans von Seeckt (2. v. l.), sowie Gustav Noske (?, 3. v. l.)

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 2.von Oben     —    Stufenleiter der Größe und des Sturzes Napoléons, Radierung, Deutschland 1814

Date
Source http://www.dhm.de/sammlungen/grafik/gr90_206.html
Author Anonymous
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Unten     —       Pogida-Demonstration am 9. März 2016 in Potsdam

Dieses Foto ist von Olaf Kosinsky  –  Eigenes Werk

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SPD Specknacken Bericht

Erstellt von DL-Redaktion am 16. Mai 2020

Minister Heils echt sozialdemokratischer Tiefschlag

2017-06-25 Hubertus Heil by Olaf Kosinsky-3.jpg

Quelle         :       Scharf       —      Links

Von Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam

Doch kein Wort davon in der Tagesschau: Wiedereinführung des 12-Stunden-Arbeitstages.

Die Tagesschau meldet am 12. Mai:

„Am Internationalen Tag der Pflege haben Beschäftigte, Gewerkschaften und Verbände für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Gehälter geworben“.(1)

Wie süß: „geworben“, sagt der Tagesschau-Sprecher. Nicht: „ultimativ gefordert“. Die Redaktion gibt der milden Sauce noch eine Portion Sülze bei und lässt den Bundespräsidenten direkt in die Kamera säuseln:

„Sie leisten Enormes für unser Land. Dafür danke ich Ihnen aus tiefstem Herzen. Ich würde mir wünschen, dass wir alle uns auch nach der Krise daran erinnern, was Sie für diese Gesellschaft tun.“

Na bravo.

Nochmal, weil es gar so unverbindlich und gestelzt daherkommt: „…würde mir wünschen, dass wir alle uns erinnern.“ Steinmeier wirkt richtig ergriffen, besonders von sich selbst. Dass sein Parteifreund, Arbeitsminister Heil, am 7. April per Verordnung ermöglicht hatte, den „systemrelevanten“ Arbeitnehmern den 12-Stunden-Arbeitstag und die 60-Stunden-Woche abzuverlangen(2), treibt hingegen allenfalls den Ausgebeuteten selbst das Wasser in die Augen. Die Schmocks in der Tagesschau-Redaktion ließ es kalt. Sie verloren kein Wort über diesen typisch sozialdemokratischen Tiefschlag. Wundert sich hier noch jemand?

In den Nachrichtensendungen der ARD-aktuell häufen sich Meldungen über die ökonomischen Auswirkungen des Anti-Pandemie-Regimes – und über die Forderungen der Wirtschaftslobby nach finanziellem Ersatz und Steuererleichterungen. Das sonst so gern behauptete „Unternehmerrisiko“ taucht in diesem Zusammenhang natürlich nicht auf. Wer tatsächlich die schwersten Lasten zu schultern hat, kommt in dieser Berichterstattung erst recht nicht vor. Es sind, für das kapitalistische System typisch, Mitmenschen ohne nennenswertes Eigentum: abhängig Beschäftigte in Kurzarbeit, Arbeitslose, Rentner, Sozialhilfeempfänger. Ihre Last: Um den „Dank aus tiefstem Herzen“ müssen Kurzarbeiter auf bis zu 40 Prozent ihres Einkommens verzichten und alle zusammen müssen obendrein zu ihrer Bedürftigkeit noch einen rasanten Anstieg der Lebens- und Haushaltsmittelpreise verkraften.

Die Sozialverbände forderten bisher vergeblich, im Rahmen der umfangreichen staatlichen Hilfsmaßnahmen für „die Wirtschaft“ auch den sozial Benachteiligten wenigstens einen monatlichen Zuschlag von 100 Euro zu gewähren und einmalig 200 Euro für krisenbedingte Zusatzausgaben.(3) Die große Koalition in Berlin kümmerte das nicht. Und die Tagesschau berichtete weder über die Forderung des Verbandes noch über die Ignoranz der Regierung.

Das unterscheidet Staatsfunker und von seriösen Journalisten.

Bei der Agentur für Arbeit waren Ende April rund 10 Millionen Personen für “konjunkturelle Kurzarbeit” angemeldet. 30 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

Immer auf den größten Haufen

Die Arbeitsagentur hat 26 Milliarden Euro Rücklagen. Die schmelzen gerade weg wie Schnee in der Sahara. Kurzarbeitsgeld ist allerdings kein Göttergeschenk, erst recht kein Gnadenerweis der Regierung, sondern ein Rechtsanspruch auf Rückzahlung zuvor geleisteter Beiträge an die Arbeitslosenversicherung.

Etwas geschenkt kriegen hier nur die Unternehmer, dafür aber reichlich und ohne Not: Seit Beginn der Krise erstattet die Arbeitsagentur ihnen nämlich, wie von der Bundesregierung verfügt, die kompletten Sozialabgaben auf kurzarbeitsbedingt entfallende Arbeit. Zu 100 Prozent; früher waren es nur die dem Beitragsanteil der Arbeitgeber entsprechenden 50 Prozent gewesen. Wir reden hier über ein Geschenk im Wert von rund 10 Milliarden Euro(4).

Doch kein Wort davon in der Tagesschau.

Dort herrscht die gewöhnliche Meinungsmache von Politikern und „Finanzexperten“, die sich nach Belieben spreizen und in ihren Ansichten widersprechen dürfen, zur Erkenntnisförderung des Publikums und sachlich begründetem Problembewusstsein jedoch wenig bis gar nichts beitragen.

Wie nicht anders zu erwarten, huldigt die Redaktion ARD-aktuell den von der Bundesregierung entwickelten Maximen und verwendet ihre üblichen Denkschablonen. Mit abfälligen Pauschalurteilen – „Verschwörungsideologen!“ – zieht sie über Bürgerproteste und die alternativen Medien her(5) und betreibt Feindbildpflege. Sie ignoriert, dass sich in der oppositionellen Szene inzwischen auch nachdenkliche, diskussionsfähige und damit ernst zu nehmende Zeitgenossen äußern(6) und nicht nur die vielen orientierungslosen Spinner tummeln.

Die Redaktion verschweigt andererseits, dass sich viele neoliberale Wirtschafts-Exponenten mit ihren Forderungen bei den Demagogen und rechten Ultras eingereiht haben. Jene Kräfte also, deren Druck sich politische Mollusken wie der CDU-Vorsitz-Kandidat Laschet und der Grünen-Ministerpräsident Kretschmann willig beugen und bei der riskanten „Lockerung“ der Kontaktsperren miteinander wetteifern.(7)

Einäugige Nachrichtengestaltung

Sozialen Themen widmet sich die ARD-aktuell hingegen auch in Krisenzeiten nur ausnahmsweise und noch seltener mit aufklärerischem Anspruch. Berichte über die sozialen Aspekte der Pandemiebekämpfung dienen mehr zu illustrativen als  informatorischen Zwecken. Das Leben der tatsächlich Armen bleibt daher weitgehend ausgeblendet. Vielmehr werden – unter „gutbürgerlichen“ Aspekten – die Irritationen wegen geschlossener Kitas oder die Umstände des Arbeitens im Home-Office abgehandelt. Da geht´s um die vermeintlichen Sorgen der gut ausgebildeten Mittelschichtler aus dem Blickwinkel des „hippen Großstadtmilieus“, wie die Linke-Politikerin Sarah Wagenknecht es nannte.(s.u.a. 8, 9, 10)

In diesem Nachrichtenangebot spielt auch das private Leben jener „systemrelevanten“ Arbeitnehmer kaum eine Rolle, denen in Krisenzeiten nun zusätzlich die Ausdehnung ihrer Wochenarbeitszeit auf 60 Stunden zugemutet wird.

Übrigens: Welche Tätigkeiten als „relevant“ betrachtet werden und warum, auch das entzieht sich dem Blick der Öffentlichkeit. Dazu trägt die ARD-aktuell mit ihrer ignoranten und ignorierenden Berichterstattung fraglos erheblich bei. Man denkt bei „systemrelevant“ ans Krankenhauspersonal, an Polizei und Feuerwehr, allenfalls noch an die Beschäftigten im Supermarkt – und ahnt nicht einmal, dass man damit kaum die Hälfte des Spektrums erfasst. Eine vollständige Liste der fraglichen Tätigkeiten wurde von der ARD-aktuell nicht veröffentlicht, auch nicht in ihrem diskreten Internet-Portal tagesschau.de. Hier ist sie:

Herstellen, Verpacken einschließlich Abfüllen, Kommissionieren, Liefern an Unternehmer, Be- und Entladen und Einräumen von Waren des täglichen Bedarfs, Arzneimitteln, Medizinprodukten und weiteren apothekenüblichen Waren, Produkten zur Eingrenzung, Bekämpfung und Bewältigung der COVID-19-Epidemie, Stoffen, Materialien, Behältnissen und Verpackungsmaterialien zur Herstellung und zum Transport der genannten Waren, Mittel und Produkte;

Medizinische Behandlung und Pflege, Betreuung und Versorgung von Personen;

Not- und Rettungsdienste, Feuerwehr und Zivilschutz, Aufrechterhalten der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sowie der Funktionsfähigkeit von Gerichten und Behörden; Energie- und Wasserversorgungsbetrieben, Abfall- und Abwasser-Entsorgungsbetrieben; Landwirtschaft und Tierhaltung, Einrichtungen zur Behandlung und Pflege von Tieren; Sicherstellung von Geld- und Werttransporten und Bewachung von Betriebsanlagen; Aufrechterhalten der Funktionsfähigkeit von Datennetzen und Rechnersystemen; Apotheken und Sanitätshäuser im Rahmen der zugelassenen Ladenöffnungszeiten und bei erforderlichen Vor- und Nacharbeiten sowie Abhol- und Lieferdienste von Apotheken und Sanitätshäusern.(11)

Mit Lug und Trug

Dass in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem auch den „systemrelevanten“ Arbeitnehmern nichts, aber auch gar nichts geschenkt wird, was über einen feuchten Händedruck hinausgeht, zeigt sich in unseren Tagen nur dem, der sich selbst um Einblicke bemüht. Ins öffentliche Bewusstsein rückt es nicht, vor allem weil die Tagesschau ihrer Informationspflicht nicht nachkommt.

Ende März hatte Bundestagspräsident Schäuble das Parlament zu stürmischem Beifall eingeladen, zu standing ovations in Würdigung der aufopfernden Leistungen der Arbeitnehmer im Gesundheitswesen. Zur gleichen Zeit wurde jedoch unter dem täuschenden Namen „Sozialschutzpaket“ jene Gesetzesänderung vorbereitet, mit der die Exekutive ermächtigt wurde, massiv in unseren Alltag einzugreifen. Angeblich sollte das dazu dienen, Härten infolge der Corona-Krise abzumildern, daher der trügerische Titel „Sozialschutzpaket“. Orwell lässt schön grüßen.

Die Tagesschau schob ihrem zahlenden Publikum sogar die kontextfreie Nachricht unter, dass insbesondere private Krankenhäuser Kurzarbeit angemeldet hätten – während hintenherum die 60 Stunden-Woche wiedereingeführt wurde.(12) Penetranter als in den hier angesprochenen Vorgängen und Umständen hätten sich die Menschenfeindlichkeit eines kapitalistischen Gesellschaftssystems sowie die soziale Inkompetenz und Unverfrorenheit seiner Fachminister kaum zeigen können; der Redaktion ARD-aktuell geht das trotzdem an gewissen Körperteilen vorbei.

Kurzarbeit in Krankenhäusern – inmitten einer Pandemie? Dass der Privatwirtschaft das letzte Mittel recht ist, jeden Cent bei den sozialen Kassen abzuzocken, beweist der Asklepios-Konzern in einer Presserklärung: “Der Schutzschirm der Bundesregierung hat Löcher.”(13) Der „Schutzschirm“ sieht unter anderem vor, dass Kliniken für die sicherheitshalber freizuhaltenden Betten 560 Euro pro Tag bekommen. Das, so Asklepios, sei zu wenig.

Nicht nur dieser Konzern, sondern die gesamte Branche machte hoch angesetzte Einnahmeausfälle geltend, weil in ihren Spezialkliniken häufig aufwändige und damit teurere Eingriffe durchgeführt würden, ebensolche wie in den Uni-Krankenhäusern. ARD-aktuell berichtete zwar über die Forderungen, jedoch ohne kritische Distanz. Als handle es sich um etwas Unabänderliches – und nicht um das vorhersehbare (und von vielen Mahnern vorhergesagte!) Ergebnis der zerstörerischen Privatisierungspolitik im Gesundheitswesen.

Wie so oft lieferte das politische Kabarett mehr Information darüber als die Nachrichtensendungen. Das ZDF-Angebot Die Anstalt deckte eine Serie von Täuschungsmanövern rund um die angeblich notwendigen Krankenhaus-Privatisierungen auf und beschrieb, wie schamlos sich einflussreiche Personen und Organisationen am „Geschäft mit der Krankheit“ bereichern:

„Durch Gerhard Schröders Reformen haben sich die Liegezeiten in deutschen Krankenhäusern erheblich verkürzt, das Pflegepersonal wurde reduziert, es gibt weniger Betten. … dennoch steigen die Kosten. Vier private Krankenhauskonzerne: (Helios, Asklepios, Rhön-Klinikum, Fresenius) haben 2018 einen Gesamtgewinn von einer Milliarde Euro gemacht, mit öffentlichen Geldern. Mit dem Geld hätte man 22 000 Pflegerinnen finanzieren können.“(14)

Eine Ausgeburt von Verlogenheit, Heuchelei und Unmoral ist auch die aktuelle Debatte über die Zahlung einer Prämie an die “systemrelevanten” Kräfte in der Altenpflege.(15) Das Durchschnittsgehalt für die physisch und psychisch sehr belastende Arbeit in diesem Berufsfeld liegt bei weniger als 2 600 Euro brutto. Es soll, erbärmlich genug, mit einer einmaligen steuerfreien Krisen-Sonderzahlung von 1500 Euro aufgestockt werden. 1000 Euro wurden vom Gesetzgeber verfügt, zu zahlen von den Pflegekassen; wer für die noch fehlenden 500 Kröten aufkommen soll, bleibt vorerst umstritten. Wie die Pflegekassen ihre Auslage ersetzt bekommen, ebenfalls.(15)

Herrschaft des Geldadels

Von der zunehmend notwendigen Rückführung des gesamten Gesundheitswesens in die Öffentliche Hand, erforderlichenfalls mittels Enteignung der privaten Krankenhauskonzerne und Klinikbetreiber, ist keine Rede. Auch nicht von einer Reform der Krankenversicherung mit ihrer Zwei-Klassen-Realität – nicht einmal zu Pandemiezeiten. Für die Unterdrückung eines solchen Diskurses stehen die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktionen. Sie nämlich sind systemrelevant – für die Herrschaft des Geldadels.

File:KAS-Politischer Gegner, SPD FDP-Koalition-Bild-1153-1.jpg

Einige marginale kritische Beiträge in Funk und Fernsehen auf gar zu unauffälligen Sendeplätzen taugen nicht als Gegenbeweis. Nur dort konnte beispielsweise ein gesellschaftskritisch argumentierender junger Mann wie der 23jährige Altenpfleger Alexander Jorde zu Wort kommen, obwohl dessen treffliches Resümee weit größere Aufmerksamkeit verdient gehabt hätte:

„Derjenige, der in einem Parlament sitzt, der hat die Mittel, der hat die Möglichkeiten, etwas zu verändern, und das tut er nicht. Und sich dann hinzustellen und zu klatschen und zu sagen: ‚Das ist jetzt unsere Wertschätzung für euch.’ Die kann der behalten, die möchte ich nicht.“(16)

Jordes Fazit zeigt, wie jämmerlich es um Dankbarkeit und Anstand der politisch Verantwortlichen gegenüber den „systemrelevanten“ Malochern tatsächlich bestellt ist.

Ganz anders ihr Verhalten gegenüber den Automobil-Bossen: Die wurden sogar für voll genommen, als sie beim „Autogipfel“ per Videokonferenz mit der Kanzlerin in Berlin auch noch milliardenschwere Kaufprämien für ihre Neuwagen verlangten, unabhängig von deren Umweltverträglichkeit.(17) Die dreisten Bittsteller genießen bereits die Segnungen des Kurzarbeitergeldes und schieben trotzdem ungerührt ihren Aktionären Milliarden an Dividende in den Rachen. Und den können Superreiche wie die Familien Klatten und Quandt offenbar niemals voll genug kriegen. Davon war im Tagesschau-Bericht über den „Autogipfel“ natürlich keine Rede.(18)

Das Sein bestimmt das Bewusstsein

Dass nicht nur die Belange der Armen, sondern auch die der “systemrelevanten” Beschäftigten in den Nachrichten von ARD-aktuell weitgehend unberücksichtigt bleiben, hat böse, aber systemische Gründe. Zum einen wissen hochbezahlte Tagesschau-Redakteure nicht aus eigenem Erleben, was es heißt, sich bei sehr bescheidenen Einkünften in dieser Krisenzeit auch noch ausbeuten lassen zu müssen. Zum anderen sehen sie sich gehalten, Spurtreue im Sinne der Regierung zu zeigen. Kanzlerin Merkel haben sie als vorbildliche „Mutti der Nation“ darzustellen; undenkbar, die kleinen und großen Schweinereien von Muttis Regierung in den Nachrichtensendungen auch nur anzudeuten.

Unsere ganovenhafte politische Realität zu durchleuchten ist nicht die Sache der Tagesschau. In deren Sendungen dürfen nur Zyniker und Selbstdarsteller wie Spahn, Heil, Altmaier oder Lindner ihr verbales Wässerle abschlagen. Im Sonderfall auch mal die Kanzlerin und der Bundespräsident.

Leitmotiv: Nichts Aufklärerisches zur Primetime! Die Tagesschau ist doch ausschließlich der Information gewidmet. Basta!

Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-37055.html

(2) https://www.haufe.de/personal/arbeitsrecht/covid-19-arbeitszeitverordnung-neue-hoechstarbeitszeit_76_514024.html

(3) https://www.der-paritaetische.de/fachinfo/sozialschutzpaket-ii-paritaetischer-kritisiert-soziale-schieflage-der-staatlichen-hilfsmassnahmen-in/

(4) https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kurzarbeitergeld-kosten-ba-1.4897602

(5) https://www.tagesschau.de/investigativ/zapp/hygiene-demos-101.html

(6) https://egon-w-kreutzer.de/anti-kontaktbeschraenkungs-demonstrationen

(7) https://www.weka.de/einkauf-logistik/lockdown-oder-lockerung-umgang-mit-corona-massnahmen-in-wirtschaftskreisen-umstritten/#Scharfe_Kritik_vom_HDE

(8) https://www.tagesschau.de/inland/coronakrise-homeoffice-101.html

(9) https://www.tagesschau.de/inland/corona-homeoffice-heil-101.html

(10) https://www.tagesschau.de/ausland/interview-chatman-home-office-101.html

(11) https://www.bund-verlag.de/corona/corona-arbeitnehmer

(12) https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr/krankenhaeuser-kurzarbeit-101.html

(13) s.a. https://www.merkur.de/lokales/bad-toelz/bad-toelz-ort28297/toelzer-asklepios-klinik-kritisiert-spahns-rettungsschirm-13612103.html

(14) https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-5-mai-2020-100.html

(15) https://www.mdr.de/sachsen/corona-bonus-klinik-verdi-koepping-100.html

(16) https://www.ndr.de/fernsehen/After-Corona-Club,sendung1043196.html

(17) https://www.tagesschau.de/wirtschaft/auto-industrie-kaufpraemie-103.html

(18) https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-36939.html

https://dipbt.bundestag.de/dip21/btp/19/19158.pdf (S.48-70)

Das Autoren-Team: 

Friedhelm Klinkhammer, Jahrgang 1944, Jurist. 1975 bis 2008 Mitarbeiter des NDR, zeitweise Vorsitzender des NDR-Gesamtpersonalrats und des ver.di-Betriebsverbandes sowie Referent einer Funkhausdirektorin.

Volker Bräutigam, Jahrgang 1941, Redakteur. 1975 bis 1996 Mitarbeiter des NDR, zunächst in der Tagesschau, von 1992 an in der Kulturredaktion für N3. Danach Lehrauftrag an der Fu-Jen-Universität in Taipeh.

Anmerkung der Autoren:

Unsere Beiträge stehen zur freien Verfügung, nichtkommerzielle Zwecke der Veröffentlichung vorausgesetzt. Wir schreiben nicht für Honorar, sondern gegen die „mediale Massenverblödung“ (in memoriam Peter Scholl-Latour). Die Texte werden vom Verein „Ständige Publikumskonferenz öffentlich-rechtlicher Medien e.V.“ dokumentiert: https://publikumskonferenz.de/blog

Urheberrecht
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Grafikquellen        :

Oben           —     Hubertus Heil auf dem SPD Bundesparteitag am 25. Juni 2017 in Dortmund

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2. von Oben             —       Scharf  —   Links      –     Bildmontage :  HF

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Unten      —        „Flaschen gehören in den Keller und nicht in die Regierung.“

Author CDU
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Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP)

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Eine Geschichtsaufarbeitung

Erstellt von DL-Redaktion am 16. Mai 2020

Aufarbeitung ist keine Impfung

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Von Susan Neiman

Die Deutschen haben in ihrer Vergangenheitsbewältigung gelernt, die Perspektive zu wechseln. Den USA steht dies erst noch bevor.

Als Richard von Weizsäcker 1985 seine berühmte Rede hielt, lebte ich schon drei Jahre in Westberlin. Obwohl ich nach Deutschland als Doktorandin für Philosophie gekommen war, waren meine Kenntnisse der jüngeren deutschen Geschichte inzwischen nicht schlecht. Kurz nach meiner Ankunft begann das stadtweite Gedenken zum 50. Jahrestag der Machtergreifung; ich habe beinahe jede Veranstaltung besucht. In den Bekanntenkreisen, in denen ich verkehrte, wurde dauernd über Vergangenheitsaufarbeitung gesprochen.

Zerknirscht erzählten Freunde von ihren Nazi-Eltern; einige verrieten, dass ich sie immer an Dachau erinnerte. (Meistens war ich die erste Jüdin, der sie begegnet sind.) Und dennoch konnte ich die Aufregung über Weizsäckers Rede so gar nicht verstehen. Der Inhalt schien mir fürchterlich banal: Deutsche haben gelitten, aber andere Völker noch mehr, schließlich hat Deutschland den Krieg begonnen. Wer brauchte solche Selbstverständlichkeiten zu hören? Denn für jeden, der nicht in der Bundesrepublik aufgewachsen war, enthielt die Rede nur Binsenweisheiten.

Doch damit brachte der Bundespräsident die Nation in Einklang mit der Welt. Für die war Deutschland ein Land der Täter. Selbst der renommierter Historiker Neil MacGregor, Gründungsintendant des Humboldt Forums, behauptete 2015 in einer BBC-Sendung zur deutschen Geschichte, die Trümmerfrauen hätten sich unmöglich als Opfer verstehen können – im Gegensatz zu den Bürgern von London, die ebenfalls Trümmer zu beseitigen hatten. Warum wollte es nicht in unsere Köpfe, dass sich die meisten Deutschen ausgerechnet als die größten Kriegsopfer verstanden?

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Zum einen erschienen es den Deutschen nicht erwähnenswert; dafür war das Gefühl zu selbstverständlich. Zum anderen war das Foto von Willy Brandt vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos das Bild von Nachkriegsdeutschland, das die ausländische Wahrnehmung prägte. Weil die Geste der Reue uns selbstverständlich erschien, nahmen wir sie für typisch. Kaum einer wusste, wie oft Brandts Geste in der BRD kritisiert wurde, oder dass die CDU Wahlkämpfe gewann, in denen sie versuchte, Brandt seine – vom Ausland so bewunderte! – Emigration zum Verhängnis zu machen.

Heute kann ich die damals als so banal empfundene Weizsäcker-Rede schätzen. Selbst wenn, wie Alexandra Senfft mit Recht betont, er die Schuld seiner eigenen Familie dabei verdrängt. Trotzdem forderte die Rede einen Perspektivwechsel, der tatsächlich historisch war. Jeder Mensch neigt dazu, sich, seine Familie, seine Nation zu idealisieren; wem das nicht gelingt, wird sich als Opfer stilisieren. Wer will schon die Scham empfinden, die unweigerlich mit der Anerkennung der eigenen Schuld verbunden ist?

Insofern war Björn Höckes Frage, welche andere Nation ein Denkmal der Schande im Herzen ihrer Hauptstadt errichtet hat, richtig; nur seine Schlussfolgerung war falsch. Es geht nun darum, dieses Signal als Leistung anzuerkennen, denn Deutschland ist die erste Nation, die die Perspektive vom Opfer zum Täter gewechselt hat.

Südstaaten verstehen sich noch immer als Opfer

Um diese Leistung zu verstehen, muss man vergleichen. 155 Jahre nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs ist dieser Perspektivwechsel in den USA noch nicht vollzogen. Die Südstaaten, die einen Krieg begannen, um die Sklaverei fortzusetzen zu können, werden immer noch als Opfer verstanden, und nicht nur von den Südstaatlern selbst. (Donald Trump hat kürzlich den Film „Vom Winde verweht“ – eine reine Verklärung des KuKluxKlan – als Vorbild empfohlen.)

Die Städte des Südens lagen im Schutt und Asche, die Männer waren tot, verwundet, oder in Kriegsgefangenschaften, die Frauen und Kinder haben gehungert und gelitten, fremde Truppen besetzten ihre Häuser. Und die blöden Yankees haben ihnen den letzten Rest gegeben, indem sie den Südstaatlern die Schuld gaben – bloß weil sie ihre Freiheiten und ihre Heimat zu verteidigen versuchten!

Verbringen Sie einige Tage in Mississippi, dann werden Sie heute die gleichen Litaneien hören, die in der Bundesrepublik bis 1985 gang und gäbe waren. Die Opfergeschichte wird nicht nur in Tausenden von Denkmälern festgehalten, die die Soldaten der Konföderation glorifizieren, sondern in Filmen und Liedern, die in den ganzen USA präsent sind. (Kenner der amerikanischen Musik können sich etwa über Joan Baez’s Aufnahme von „The Night They Drove Old Dixie Down“ wundern.)

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Doch Scham tut gut, erzählte mir Bryan Stevenson, denn nur durch Scham wird etwas verändert. Stevenson ist ein afroamerikanischer Rechtsanwalt, dessen Arbeit darin besteht, Gefangene vor der Todesstrafe zu retten, und dessen Buch darüber breite Bewunderung unter fortschrittlichen Amerikanern gefunden hat. Vielleicht noch wichtiger ist sein Denkmal für die Tausende, die dem Lynchmord zum Opfer fielen. Das Denkmal ist das erste, der den Blick auf diese Schande richtet: nach der Abschaffung der Sklaverei wurden verschiedenste Wege gefunden, schwarze Amerikaner in virtueller Sklaverei zu halten, bis hin zum Mord.

Das „National Memorial for Peace and Justice“ – so der offizieller Name des Denkmals – ist atemberaubend genug, um eine Reise nach Alabama zu rechtfertigen. Die Inspiration dafür kam Stevenson, als er Deutschland besuchte. Dort war er erstaunt von der Erinnerungslandschaft, wie auch von der Bereitschaft, mit der Deutsche offen über ihre Geschichte sprachen, in der Hoffnung, die Zukunft anders zu gestalten. Das wünscht er sich auch für die USA, die teils immer noch die Sklavenhalter heroisiert.

Quelle          :        TAZ           >>>>>>          weiterlesen

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Oben        —           Adolf Hitler with psychiatry symbol

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Berliner Stadtgespräch

Erstellt von DL-Redaktion am 15. Mai 2020

Nun auch noch Sido

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Von  Juri Sternburg

Stars auf Verschwörungskurs. Nun nascht auch Rapper Sido von der Verschwörungssuppe. Das ist komisch und tragisch. Die Linke darf es sich nicht bequem machen.

Wie ein Meteroitenhagel prasselt es derzeit auf uns ein. Beinahe täglich sind neue Einschläge zu vermelden, offenbaren mehr oder minder relevante Prominente ihre kruden Thesen.

Ob Xavier Naidoo, der offenbar an die QAnon-Verschwörung glaubt, nach der Tausende Kinder gefangen gehalten werden, um aus ihrem Blut ein Verjüngungselixier für „die Eliten“ herzustellen; oder der vegane Koch Atilla Hildmann, der Bill Gates für einen pädophilen Eugeniker hält – sie alle machen derzeit vermehrt auf sich aufmerksam.

In ihrem Fahrwasser verkünden dann auch Stars und Sternchen wie Til Schweiger, Tanzlehrer Detlev D! Soost oder die Influencerin Senna Gammour ihren teilweise millionenfachen Followern, was sie so denken. Beziehungsweise was ihnen von gescheiterten Journalisten und Holocaustrelativierern wie Ken Jebsen vorgekaut wurde.

Der nächste, der sich aktuell durch Geschwurbel outete, ist der Rapper Sido. Nun mag der ein oder andere sich in seiner prinzipiellen Ablehnung gegenüber der deutschen Rapszene bestätigt sehen oder deren Akteuren generell nicht viel Intellekt unterstellen: Aber das greift erstens zu kurz und ist zweitens falsch. Denn erstens ist Sido nicht dumm und zweitens ist er mit seinen Aussagen noch ein ganzes Stück weit entfernt von den akuten Wahnvorstellungen eines Xavier Naidoo.

Man weiß es nicht

Dennoch lässt er sich im Video-Interview dazu hinreißen, von der antisemitischen Rothschild-Theorie und geheimen Mächten zu faseln. Auf die Aussage seines Gegenübers, dass in den USA Tausende Menschen an dem Coronavirus sterben, antwortet er nur verschwörerisch: „Das hast du gehört. Aber wir wissen es ja nicht. Ich guck keine Nachrichten mehr.“ Dann spricht er sich für „alternative Medien“ aus, die Mainstream-Medien seien „unterwandert“.

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Das ist auf der einen Seite einfach sehr amüsant, weil Sido seit Jahren als Jury-Mitglied in jeder beschissenen Mainstream-TV-Show sitzt, die nicht bei drei auf den Bäumen ist, und einen baugleichen Radiohit mit irgendwelchen angepassten Pop-Sternchen nach dem nächsten rausballert. Aber es ist auch sehr besorgniserregend. Und zwar weil Sido durchaus in der Lage ist, differenziert zu denken und sich in der Vergangenheit zuweilen offen links gezeigt hat.

Quelle           :      TAZ         >>>>>          weiterlesen

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Oben      —       Sido

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Pandemie Kriegstagebücher

Erstellt von DL-Redaktion am 15. Mai 2020

Die Narrenschiffe

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Quelle         :         untergrund-blättle    CH.

Vorwort und Übersetzung von Sebastian Lotzer

Bereits Anfang April publizierte der israelische Militärwissenschaftler und Mathematiker Isaac Ben-Israel das Ergebnis seiner Untersuchung der Verläufe der Infektionsraten von Covid 19.

Er untersuchte 25 Länder auf verschiedenen Kontinenten und kam zu dem Schluss, dass die Infektionskurve in allen Ländern, völlig unabhängig von den ergriffenen Massnahmen, also massiver Ausnahmezustand, Lockdown wie in Israel, Frankreich, Italien, oder moderatere Massnahmen wie z.B. in Schweden, auf die gleiche Art und Weise verlief. 1)

Lehnen wir uns einen Moment zurück, nehmen wir uns einen Moment der Auszeit von dem Fieberwahn, der die Welt ergriffen hat und gestatten wir uns einmal davon auszugehen, dass diese These die Realität abbildet. Wogegen im Moment nichts spricht, aber wir wollen uns hier nicht in den Glaubenskrieg (siehe auch unten) begeben, der derzeit tobt. Was würde daraus folgen. Zuerst einmal wäre es nötig zu verstehen, warum dies der Fall ist.

So wie es nötig ist zu verstehen, warum es in Norditalien so viele Tote gegeben hat oder warum es bisher in Schweden so viele Tote in den Alten- und Pflegeheimen gegeben hat, obwohl hier eine “moderatere Eindämmungsstrategie” durchaus vielversprechend zu sein scheint. (Dabei werden wir auf die katastrophalen Fehlentscheidungen von politisch Verantwortlichen, beschissene Arbeitsverhältnisse, insbesondere in der Pflege, auf Umweltverschmutzung und eine auf Gewinnmaximierung orientierte Gesundheitspolitik, sowie Phänomene in Bezug auf eine Schwächung der Immunabwehr infolge der gesellschaftlich geschürten Panik stossen. Für Italien sei hier stellvertretend auf den Text von Stefania Consigliere und Cristina Zavaroni verwiesen, eine Ahnung von den Bedingungen in Schweden vermittelt ein Artikel in der taz.) Verkürzt gesagt sprechen wir von den Folgen von Kapitalismus und Armut. Also das, was mittlerweile ein Allgemeinplatz in der linken Kritik an den derzeitigen Geschehnissen im Zusammenhang mit dem grassierenden Virus ist.

Doch da es eine radikale linke, eine wirklich emanzipatorische Erzählung der gegenwärtigen Entwicklung nicht gibt, fast alle und sämtliche Experten den Staat und seine Institutionen repräsentieren, wird die Beantwortung der Fragestellung, was die Ursache des von Isaac Ben-Israel geschilderten Phänomen sein könnte, wohl nie oder erst in ferner Zukunft erfolgen. Zu vernichtend könnte das Urteil ausfallen. Zu sehr würde es die herrschenden Eliten nackt da stehen lassen. In der positivsten Beurteilung würde man ihnen eine allumfassende Unfähigkeit assistieren, etwas böswilliger und wohl auch angemessener, würde man davon ausgehen, dass der grassierende Virus eine Möglichkeit darstellte, in der Formierung der allgegenwärtigen Kontrollgesellschaft eine revolutionären Sprung zu wagen. Ob dies strategisch geplant oder im Sinne einer Eigendynamik passierte ist dabei zweitrangig, ja geradezu evident.

Nun, da wir uns also zurück gelehnt haben und uns den Gedanken gestattet haben, das sämtliche Massnahmen zur Eindämmung des Virus herzlich wenig beigetragen haben, etwas, was im Übrigen auch schon die WHO im letzten Jahr voraussah, als sie selber feststellte, dass lediglich Handhygiene und Maskentragen (in Institutionen des Gesundheitssystems) sich in der Vergangenheit als wirklich wirksam erwiesen haben, sehen wir die Welt, bzw., dass was sich in ihr abspielt, vielleicht in einem anderem Licht.

Wenn wir also davon ausgehen, dass die politische Klasse nicht weltweit völlig verblödet ist (auch wenn einige führende Repräsentanten nicht unbedingt für diese Grundannahme sprechen) und wenn wir ganz undogmatisch davon ausgehen, dass die Wahrheit nicht immer im Absoluten liegt, sondern sich meistens in den zahlreichen Graubereichen ansiedelt, es also durchaus Sinn gemacht hat, z.B. auf Parties in engen, überfüllten Räumen und dergleichen zu verzichten, bleibt immer noch die drängende Frage, nach dem Warum. Also warum weltweit überwiegend nach dem gleichem Muster reagiert worden ist. (Wobei dies ja nicht unbedingt abzusehen war, weder GB noch die USA schienen anfangs gewillt, auf die Pandemie Politik der Achse Rom-Paris-Berlin einzuschwenken.)

Eine der falschen Grundannahmen der Linken über ihren Gegner ist dessen Befähigung zu planvollem Handeln. Erstens wird dieser dadurch überhöht und scheinbar übermächtig (während der “Imperialismus ein Papiertiger sein” kann, siehe Vietnam), zweitens gerät die Linke dadurch in das Fahrwasser verschwörungstheoretischer Ansätze (die keineswegs ein Privileg von Impfgegnern und Co sind), früher war dies die trilaterale Kommission, später Planungs-und Debatte Treffen wie Davos.

Was sich aber wirklich in der derzeitigen Politik der Eliten im Umgang mit Covid 19 ausdrückt, ist erstens ihre zunehmende Unfähigkeit zu langfristigen strategischen Handeln und zweitens der vollkommene Verlust an visionären Perspektiven. Selbst angesichts der unbestreitbaren katastrophalen Folgen des menschengemachten Klimawandels ist es nicht möglich angemessene Massnahmen zu ergreifen, während wir gerade erleben, dass angesichts einer Bedrohung, die wesentlich weniger gefährlich ist (auch für den Erhalt der derzeitigen Wirtschaftsordnung), radikalste Massnahmen ergriffen werden, deren Folgen ökonomisch in keinem Verhältnis zu dem realen Szenario stehen. Zweitens erleben wir eine Politik im Panikmodus, der aus meiner Sicht aus der Aussichtslosigkeit der Lage selbst entsteht, oder anders gesagt, aus der vorrevolutionären Phase, in der wir leben.

Alles tendiert seit um die 10 Jahre dahin. Noch nie seit dem Ende des zweiten Weltkrieges gab es so viele Unruhen und Aufstände wie in der letzten Dekade. Der Witz an der Sache ist, dass die Linke, als jene Kraft, die sich selbst als quasi naturgegebene Avantgarde im revolutionären Prozess sieht, mit all diesen Aufständen wenig bis garnichts zu tun hatte, diese sogar, wie z.B. die Bewegung der Gilets Jaunes, sich aus dem historischen Scheitern der Linken generierten. Stand Mitte April haben wir in den USA so viele Arbeitslose wie seit den 20igern, der grossen Depression, nicht mehr.

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Trump steuert nicht nur den Kurs des “schnellen Öffnens”, weil er skrupellos ist und über Leichen geht, sondern weil dies unabdingbar ist, sonst dürften sich die USA bei aller militärischen Potenz wirtschaftlich bald auf dem Niveau wiederfinden, wo sogenannte Schwellenländer wie Brasilien oder Indien sich von 20-30 Jahren befunden haben. Will heissen, es kommen soziale Verwerfungen auf uns zu, die es so in den letzten Jahrzehnten nicht gegeben hat. (Dagegen war die Bankenkrise, bei der hierzulande viele Linke schon das nahe Ende des Kapitalismus prophezeiten, ein Witz). Wie gesagt eine vorrevolutionäre Situation, die aber auch, dies als geschichtliche Erfahrung, eine reaktionäre, faschistische Massenbewegung gebären kann. Das Pendel schlägt aus, so oder so.

Dies alles nur als kurze, völlig unvollständige Skizzierung dessen, wo wir uns m.E, nach befinden, und wie es dort aussieht, denn vor lauter Panik haben sich die meisten einfach im affektiven Nebel verrannt. Es geht schon lange nicht mehr um Covid 19, sondern darum, wie die Nachkriegsordnung aussehe könnte. Und dass wir uns in einem Krieg befinden, daran hat die herrschende Elite keinen Zweifel gelassen. Es folgt eine Übersetzung eines aktuellen Textes des von mir sehr geschätzten Giorgio Agamben. Die Übersetzung erfolgte aus der Version die auf Quodlibet erschien. Wie immer bitte ich um Nachsicht hinsichtlich der Qualität der Übersetzung.

Medizin als Religion

Giorgio Agamben

Dass die Wissenschaft zur der Religion unserer Zeit geworden ist, dass woran die Menschen glauben, ist seit langem offensichtlich. Im modernen Westen haben drei grosse Glaubenssysteme koexistiert und existieren zum Teil immer noch nebeneinander: Christentum, Kapitalismus und Wissenschaft. In der Geschichte der Moderne haben sich diese drei „Religionen“ notwendigerweise mehrmals miteinander verflochten, sind von Zeit zu Zeit in Konflikte geraten und haben sich dann auf verschiedene Weise versöhnt, bis sie nach und nach zu einer Art friedlicher, geordneter Koexistenz, wenn nicht gar zu einer echten Zusammenarbeit im Namen gemeinsamer Interessen gelangten.

Die neue Feststellung ist, dass zwischen der Wissenschaft und den beiden anderen Religionen ein untergründiger und unerbittlicher Konflikt neu entbrannt ist, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, dessen siegreiches Ende für die Wissenschaft heute vor unseren Augen liegt und in beispielloser Weise alle Aspekte unserer Existenz bestimmt. Bei diesem Konflikt geht es nicht, wie in der Vergangenheit, um Theorie und allgemeine Prinzipien, sondern sozusagen um die kulturelle Praxis. Tatsächlich kennt die Wissenschaft, wie jede Religion, verschiedene Formen und Ebenen, durch die sie ihre eigene Struktur organisiert und ordnet: Die Ausarbeitung eines subtilen und strengen Dogmas entspricht in der Praxis einer extrem weiten und kapillaren kultischen Sphäre, die mit dem zusammenfällt, was wir Technologie nennen.

Es überrascht nicht, dass der Protagonist dieses neuen Religionskrieges derjenige Teil der Wissenschaft ist, in dem der Dogmatismus weniger streng und der pragmatische Aspekt stärker ist: die Medizin, deren unmittelbarer Gegenstand der lebende Körper des Menschen ist. Versuchen wir, die wesentlichen Merkmale dieses siegreichen Glaubens festzulegen, mit denen wir zunehmend zu rechnen haben werden.

1) Das erste Merkmal ist, dass die Medizin, wie der Kapitalismus, keine spezielle Dogmatisierung braucht, sondern ihre grundlegenden Konzepte lediglich der Biologie entlehnt. Im Gegensatz zur Biologie artikuliert sie diese Konzepte jedoch in einem gnostisch-manichäischen Sinn, d.h. nach einer erbitterten dualistischen Opposition. Es gibt einen Gott oder ein bösartiges Prinzip, nämlich die Krankheit, deren spezifische Erreger Bakterien und Viren sind, und einen Gott oder ein segensreiches Prinzip, das nicht Gesundheit, sondern Heilung ist, dessen kultische Erreger Ärzte und Therapie sind.

Wie in jedem gnostischen Glauben sind die beiden Prinzipien klar voneinander getrennt, aber in der Praxis können sie sich gegenseitig beeinflussen, und das segensreiche Prinzip und der Arzt, der es vertritt, können Fehler machen und unbewusst mit ihrem Feind zusammenarbeiten, ohne dass dies in irgendeiner Weise die Realität des Dualismus und die Notwendigkeit der Anbetung, durch die das segensreiche Prinzip seinen Kampf kämpft, entkräftet. Und es ist bezeichnend, dass die Theologen, die die Strategie festlegen müssen, die Vertreter einer Wissenschaft sind, der Virologie, die keinen eigenen Platz hat, sondern an der Grenze zwischen Biologie und Medizin stattfindet.

2) Wenn diese religiöse Praxis bisher, wie jede Liturgie, episodisch und zeitlich begrenzt war, so ist das unerwartete Phänomen, dessen Zeuge wir sind, dass sie dauerhaft und allgegenwärtig geworden ist. Es geht nicht mehr darum, Medikamente einzunehmen oder sich bei Bedarf einer ärztlichen Untersuchung oder Operation zu unterziehen: Das ganze Leben des Menschen muss zu jeder Zeit zum Ort einer ununterbrochenen kultischen Feier werden. Der Feind, das Virus, ist immer präsent und muss unerbittlich und ohne möglichen Aufschub bekämpft werden.

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Auch die christliche Religion kannte solche totalitären Tendenzen, aber sie betrafen nur wenige Personen – vor allem Mönche -, die sich dafür entschieden, ihre gesamte Existenz unter das Banner des „unaufhörlichen Betens“ zu stellen. Die Medizin als Religion greift dieses Paulus-Gebot auf und hebt es gleichzeitig auf: Wo früher die Mönche in Klöstern zusammenkamen, um gemeinsam zu beten, muss der Gottesdienst jetzt eifrig, aber getrennt und auf Distanz praktiziert werden.

3) Die religiöse Praxis ist nicht mehr freiwillig und ohne Zwang, sie ist nicht nur noch den Sanktionen einer spirituellen Ordnung ausgesetzt, sondern muss normativ verpflichtend gemacht werden. Die Kollusion zwischen Religion und profaner Macht ist sicher nicht neu; neu ist jedoch, dass es nicht mehr, wie es bei den Ketzereien der Fall war, um das Bekenntnis zu Dogmen geht, sondern ausschliesslich um die Feier des Gottesdienstes.

Die weltliche Macht muss dafür sorgen, dass die Liturgie der Medizin- Religion, die jetzt mit dem ganzen Leben zusammenfällt, in der Praxis genauestens eingehalten wird. Dass es sich hier um eine religiöse Praxis und nicht um ein rationales wissenschaftliches Bedürfnis handelt, ist sofort offensichtlich. Die bei weitem häufigste Todesursache in unserem Land sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und es ist bekannt, dass diese reduziert werden könnten, wenn eine gesündere Lebensform praktiziert und eine bestimmte Ernährungsweise eingehalten würde.

Aber kein Arzt hätte je gedacht, dass diese Lebens- und Ernährungsform, die er den Patienten empfahl, Gegenstand einer gesetzlichen Regelung werden würde, die ex lege verordnet, was man essen und wie man leben sollte, und die die gesamte Existenz in eine Gesundheitspflicht verwandelt. Genau dies ist geschehen, und zumindest im Moment haben die Menschen es so akzeptiert, als sei es nicht weiter von Bedeutung, dass sie ihre Freizügigkeit, ihre Arbeit, ihre Freundschaften, ihre Liebe, ihre sozialen Beziehungen, ihre religiösen und politischen Überzeugungen aufgeben würden.

Hier wird ausgelotet, wie die beiden anderen Religionen des Westens, die Religion Christi und die Religion des Geldes, ihren Primat scheinbar kampflos an Medizin und Wissenschaft abgetreten haben. Die Kirche hat ihre Prinzipien schlicht und einfach zurückgewiesen und vergessen, dass der Heilige, dessen Namen der jetzige Pontifex angenommen hat, Leprakranke umarmt hat, dass eines der Werke der Barmherzigkeit darin bestand, die Kranken zu besuchen, dass die Sakramente nur in Gegenwart gespendet werden konnen. Der Kapitalismus seinerseits nahm, wenn auch mit einigen Protesten, Produktivitätsverluste in Kauf, die er nie zu verantworten gewagt hatte, wahrscheinlich in der Hoffnung, später mit der neuen Religion, die in diesem Punkt kompromissbereit zu sein scheint, zu einer Einigung zu kommen.

4) Die Medizin-Religion hat die eschatologische Instanz, die sie vom christlichen Glauben fallen gelassen hatte, vorbehaltlos eingeholt. Bereits der Kapitalismus, der das theologische Paradigma der Erlösung säkularisierte, hatte die Idee eines Endes der Zeit eliminiert und durch einen Zustand permanenter Krise ohne Erlösung oder Ende ersetzt. Die Krise ist ursprünglich ein medizinischer Begriff, der im hippokratischen Korpus den Moment bezeichnete, in dem der Arzt entschied, ob der Patient die Krankheit überleben würde. Theologen haben den Begriff übernommen, um auf das Jüngste Gericht hinzuweisen, das am letzten Tag stattfindet.

Wenn man sich den Ausnahmezustand ansieht, den wir erleben, würde man sagen, dass die medizinische Religion die fortwährende Krise des Kapitalismus mit der christlichen Vorstellung von einer letzten Zeit verbindet, von einer Eschaton, in der die extreme Entscheidung immer im Gange ist und das Ende sowohl überstürzt als auch aufgeschoben wird, in einem unaufhörlichen Versuch, sie zu regieren, ohne sie jedoch jemals ein für allemal zu lösen. Es ist die Religion einer Welt, die am sich Ende fühlt und doch nicht wie der hippokratische Arzt entscheiden kann, ob sie überleben oder sterben wird.

5) Wie der Kapitalismus und im Gegensatz zum Christentum bietet die Medizin-Religion keine Heils- und Erlösungsperspektive. Im Gegenteil, die Heilung, auf die sie abzielt, kann nur vorübergehend sein, da der böse Gott, der Virus, nicht ein für allemal beseitigt werden kann, im Gegenteil, er verändert sich ständig und nimmt neue, vermutlich riskantere Formen an. Die Epidemie, wie die Etymologie des Begriffs suggeriert (demos ist im Griechischen das Volk als politischer Körper und polemos epidemios ist bei Homer der Name des Bürgerkriegs), ist zunächst einmal ein politischer Begriff, der im Begriff ist, zur neuen Grundlage der Weltpolitik – oder Nichtpolitik – zu werden. Es ist in der Tat möglich, dass die Epidemie, die wir erleben, die Verwirklichung des Welt-Bürgerkriegs ist, der nach Ansicht der sorgfältigsten Politologen an die Stelle der traditionellen Weltkriege getreten ist. Alle Nationen und alle Völker befinden sich nun permanent im Krieg mit sich selbst, denn der unsichtbare und schwer fassbare Feind, gegen den sie kämpfen, ist in uns.

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Wie es im Laufe der Geschichte schon oft geschehen ist, werden die Philosophen erneut in Konflikt mit der Religion geraten müssen, die nicht mehr das Christentum ist, sondern die Wissenschaft oder der Teil davon, der die Form einer Religion angenommen hat. Ich weiss nicht, ob die Brände wieder aufflammen und Bücher auf den Index gesetzt werden, aber sicherlich wird der Gedanke derjenigen, die weiterhin nach der Wahrheit suchen und die vorherrschende Lüge ablehnen, wie es bereits vor unseren Augen geschieht, ausgeschlossen und beschuldigt werden für die Verbreitung von Nachrichten (Nachrichten, nicht Ideen, denn die Nachrichten sind wichtiger als die Realität!).

Wie in allen realen oder simulierten Notsituationen werden wir auch diesmal wieder erleben, wie ignorante Menschen Philosophen verleumden, Schurken, die versuchen, von dem Unglück zu profitieren, das sie selbst verursacht haben. All dies ist bereits geschehen und wird auch weiterhin geschehen, aber diejenigen, die für die Wahrheit aussagen, werden nicht aufhören, dies zu tun, denn niemand kann für den Zeugen aussagen.

Anmerkungen:

1) Seine Ergebnisse wurden am 19. Apri auch auf englisch präsentiert, in der WELT findet sich eine kurze Zusammenfassung am 7. Mai.

Soweit nicht anders angegeben und keine Quellenangabe (Name einer Organisation oder Internet-Adresse) vorhanden ist, gilt für die Texte auf dieser Webseite eine Copyleft (Public Domain) Lizenz.

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Grafikquellen         :

Oben             —       Narrenschiff, Ölbild Thomas Bühler. Beschreibung des Bilds durch das Presse- und Informationsamt Osnabrück

Thomas BühlerArchiv des Künstlers

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2. von Oben        —      200328-N-UP035-1110 NORFOLK, Va. (March 28, 2020) Adm. Christopher W. Grady, Commander, U.S. Fleet Forces Command and U.S. Naval Forces Northern Command (right) and Vice Adm. Andrew “Woody” Lewis, Commander, U.S. 2nd Fleet greet President Donald J. Trump at Naval Station Norfolk, March 28 during his visit to see off the Military Sealift Command hospital ship USNS Comfort (T-AH-20). Comfort is preparing to deploy in support of the nation’s COVID-19 response efforts and will serve as a referral hospital for non-COVID-19 patients currently admitted to shore-based hospitals. This allows shore-based hospitals to focus their efforts on COVID-19 cases. One of the Department of Defense’s missions is Defense Support of Civil Authorities. DoD is supporting the Federal Emergency Management Agency, the lead federal agency, as well as state, local and public health authorities in helping protect the health and safety of the American people. (U.S. Navy photo by Chief Mass Communication Specialist Mike DiMestico/Released)

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3.) von Oben       —      CDC champions a One Health approach, encouraging collaborative efforts to achieve the best health for people, animals, and the environment. Photo credit: Awadh Mohammed Ba Saleh

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Unten     —           Image of Saint Corona on the altar of St. Corona am Wechsel parish church, Lower Austria

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Die Linke verpennt Chance

Erstellt von DL-Redaktion am 15. Mai 2020

Pflegefiasko ist auch Polit-Fiasko

2019-06-26 Wolfgang Schäuble CDU MdB by Olaf Kosinsky 6868.jpg

Leere Reden ohne Scham.

Quelle      :        Scharf  —  Links

Von Hannes Sies

Am „Tag der Pflege“ überboten sich Lobhudler und Fensterklatscher einmal mehr. Wer aber hatte immer schon für bessere Pflege gekämpft? Für höhere Löhne, fundiertere Ausbildung, bessere Personalschlüssel? Die Linke. Wem wurde es in den Medien und in Konsequenz an der Wahlurne kaum gedankt: Der Linken. Die ignorante, zynische Haltung gegenüber dem Pflegenotstand in Deutschland wurde einer breiten Mehrheit von snobistischen Journalisten als Teil ihrer „Neuen urbanen Mittelklasse“ aufgedrückt. Die Linke wurde als ewiggestrige, angeblich linksextreme Sozialhuber abgekanzelt, während „seriöse Politik“ sich lieber um systemrelevante Bankster, Medienkonzerne und Industrielle kümmerte.

Jetzt wissen wir: Wirklich systemrelevant ist das Gesundheitswesen. Wer plakatierte 2019 im Hamburger Wahlkampf als einzige Partei für Stärkung der Pflege? Die Linke. Wer schafft es derzeit nicht, sich öffentlich damit zu präsentieren? Die Führung der Linken. Wo sind die Hamburger Linkspartei-Wahlplakate mit dem Slogan „Pflege braucht Qualität braucht Pflege“ (nicht, dass der sonderlich zündend gewesen wäre) und dem roten Aufkleber: „Wir forderten das alles schon VOR CORONA“? „Ohne unseren mühseligen Widerstand hätte die neoliberale Einheitsfront von SPD-Union-Grüngelb-AfD die Krankenhäuser ganz kaputt gespart, die Pflegelöhne auf Schuhputzerniveau gedrückt und eure Kassenbeiträge gänzlich der Pharmaindustrie in den Rachen geworfen.“

Stattdessen spielt sich in Talkshows, etwa bei Anne Will, der FDP-Bonze Kubicki als Kritiker auf und verbreitet seinen neoliberalen Dünnsinn. Ohne dass ihn jemand auf FDP-Parolen wie „Schlanker Staat“, „Privatisierung und Kostendämpfung im Gesundheitswesen“, „Steuersenkung für Spitzenverdiener“ und ähnliches anspricht. Die Neoliberalenfront unter Führung von FDP und Grünen (von denen stammt das ÖPP-Gesetz zur Privatisierung öffentlicher Dienste), unter gierigem Lachen der Union und gemimtem Zähneknirschen der SPD haben die Misere zu verantworten: Pflegeschlüssel in Deutschland so mies wie in Italien -eine Pflegekraft auf 13 Patienten (in den Niederlanden und der Schweiz sind es nur acht Patienten!). Miese Bezahlung, kaputtgesparte Ausbildung, massive Nachwuchsproblem -wen wunderts?- und daher Anwerbe-Programm für Krankenschwestern vom Balkan (wo sie jetzt fehlen).

Jetzt kommt ein knausriger „Pflegebonus“ von einmalig 1000,- Euro für Vollzeitkräfte, 600,- für Azubis, 334,- für Pflegehelferinnen -das soll genug sein? Sicher nicht. Die Pflege ist im Gesundheitswesen schlecht vertreten, ihr gewerkschaftlicher Organisationsgrad ist mangelhaft (dank stramm antikommunistischer Medien-Berieselung seitens Mainstream-Journaille?). Pharmabonzen, Kassen, eine gierig expandierende Gesundheitsindustrie, selbst die Ärzteverbände haben in diesem neoliberal deregulierten „Selbstverwaltungssystem“ weit mehr Macht und Einfluss. Das alles muss sich ändern. Aber ohne eine aktive Linke wird es bei Symbolpolitik, Almosen und Fensterklatschern bleiben. Was kann die Politik tun? Arbeitsrechte reaktivieren, die im neoliberalen Rechteausverkauf von schwarzgelben und rotgrünen Neoliberalen geschleift wurden; Unionbuster-Kanzleien verbieten, die Arbeitgebern mit unfairen bis kriminellen Methoden als zivile Söldner dienen -gegen Betriebräte und Gewerkschaften; Steuern dort holen, wo Multimilliarden-Profite einkassiert werden, statt immer nur von „uns allen“ -die explodierenden Großvermögen und Spitzeneinkommen fallen nicht vom Himmel: Sie werden aus uns herausgeschunden, meist steuerfrei von Parasiten mit karibischen Schwarzgeldkonten. Ein Corona-Lastenausgleich von 30% auf alle Geldvermögen über eine Million wäre ein Anfang. Und eine gerechte Glättung all der „Steuervermeidung“, die unser Gemeinwesen arm gemacht hat -ermöglicht durch eine korrupte Politik, die sich von den Steuervermeidern alimentieren ließ.

Urheberrecht
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Grafikquellen       :

Oben         —       Wolfgang Schäuble während der Plenarsitzung des Deutschen Bundestages am 26. Juni 2019 in Berlin.

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Die Deutsche Gedenkkultur

Erstellt von DL-Redaktion am 14. Mai 2020

Privileg und Gedenken

Ein Schlagloch von Charlotte Wiedemann

Zwischen 8. Mai und Mbembe: Es ist Zeit, eurozentrische Geschichtsbilder zu überwinden – gerade in Deutschland.

Zur Befreiung Europas vom Nationalsozialismus trugen sieben Millionen Soldaten aus den Kolonien bei, doch der Sieg war immer weiß. General de Gaulle wollte Afrikaner nicht ins befreite Paris einmarschieren sehen – das Wetter dort sei für sie nicht bekömmlich, sagte er.

Bei den US-Truppen kämpfte eine Million Afroamerikaner, doch auf den Fotos von der Befreiung der Lager Buchenwald und Dachau sind die beteiligten schwarzen Soldaten nicht zu sehen. Als sie heimkamen, gab es statt Medaillen segregierte Plätze im Bus. „Die Nationen, die gegen den Nationalsozialismus gekämpft hatten, waren noch viele Jahre nach Kriegsende von der rassischen Minderwertigkeit der Schwarzen überzeugt“, notierte 1978 der jüdisch-amerikanische Historiker George L. Mosse, „und sie schienen nicht zu erkennen, dass jeglicher Rassismus – ob er nun auf Schwarze oder auf Juden zielte – aus demselben Stoff war.“

Derselbe Stoff? Über die Annahme des Emigranten, die großen Antihumanismen seien wesensähnlich, wird heute ein Muster neuer Abgrenzungen geworfen. Der Antisemitismus erstrahlt darin wie ein dunkler Solitär des Bösen, gleichsam ohne ideologische Verwandtschaft. Und es gibt ihm gegenüber nur zwei Kategorien von Menschen: Reine und Schmuddelige. Die Reinen dürfen richten. Ob ihnen dabei Rassismen unterlaufen, ist nicht von Belang, befleckt die Reinheit nicht.

Als Achille Mbembe in Deutschland von etablierten Institutionen hofiert wurde, erfüllte er bereits eine Funktion: Wer einen schwarzen Philosophen ehrt, stellt sich auf modische Weise frei von Rassismus. Nun ist die Party vorbei, Mbembe wird umgekehrt funktionalisiert: das postkoloniale Denken, ab in die Schmuddelecke. Niemand nennt ihn direkt einen Antisemiten, doch der Vorwurf hängt über ihm und wird bleiben.

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Man muss Psychologie zu Rate ziehen, um sich die Ironie zu erklären: Während sich Intellektuelle darüber erhitzen, welche Israel-Vergleiche ein gebürtiger Kameruner ziehen darf, ziehen auf deutschen Straßen Corona-Protestler auf, die sich Judensterne anheften und Anne-Frank-Bilder hochhalten, gegen die „Hygienediktatur“. Wann wurden jüdische Opfer zuletzt so verhöhnt?

Das Missverhältnis, was die Aufmerksamkeit für Gefahren betrifft, lässt sich zumindest teilweise mit einem seltsamen Besitzanspruch auf die Interpretation der Schoah erklären. Ein deutsches Phänomen, klassisch verkörpert vom Antisemitismusbeauftragten Felix Klein. Mbembe habe als „ausländischer Wissenschaftler“ „eingegriffen“ in eine Frage, die zur deutschen Identität gehöre. Bei dem „Philosophen aus Afrika“ gehe vieles durcheinander, „und hier müssen wir doch mal ganz klare Linien einziehen, um zu sehen, was ist zulässig […].“

Finger weg von unserer Schoah! Welch eine Schulmeisterei. Worin wurzelt der Glaube, sich das leisten zu können? In der exklusiven Beziehung zu Israel. Stramm an Israels Seite zu stehen, was immer dessen Staat und Regierung unternehmen, ist ein mächtiger Quell der Entlastung. Die meisten Deutschen sind heute überzeugt, es habe in der eigenen Familie keine TäterInnen gegeben. Die einstige Schuld hat sich abstrahiert, und für dieses Abstrakte gibt es die Beziehung zu Israel. Eine vergleichbare Identifikation mit den Opfern hat sich beim Kolonialismus nicht entwickelt. Wo kein massenhaftes Schuldgefühl entstand, ist auch keine Schuldabwehr nötig.

Quelle     :        TAZ           >>>>>          weiterlesen

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Grafikquellen        :

Oben          —        „Übergang über die Save“, Triptychon von Elmar von Eschwege aus dem Jahre 1915. Es stellt die Eroberung Belgrads durch das RIR 208 dar. Das Gemälde befindet sich heute im Braunschweigischen Landesmuseum.

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Unten        —       Victoria

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Axel-Springer-Medien:

Erstellt von DL-Redaktion am 13. Mai 2020

Döpfner ruft zu neuem Kalten Krieg auf

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Quelle      :           INFOsperber CH.

Von Christian Müller / 12. Mai 2020 – Der bekannteste Medien-Manager Deutschlands vertritt hundertprozentig die Interessen der USA. Die Hintergründe.

«Krisen haben etwas Klärendes. So auch die Corona-Krise. Wenn eine Therapie gegen das Virus gefunden ist, die Shutdown- und Lockerungsdebatten verklungen sind und die Rezession ihr hässliches Gesicht zeigt, muss nichts Geringeres geklärt werden als die Weltordnung. Konkreter: die Bündnisfrage. Wo steht Europa? An der Seite Amerikas oder an der Seite Chinas?»

Der das sagt, heisst Mathias Döpfner und ist Vorstandsvorsitzender und Miteigentümer des deutschen Medienkonzerns Axel Springer SE, der unter anderem die deutsche «BILD»-Zeitung und «Die Welt» herausgibt. Und der gemäss eigenen Worten und offizieller Verkündigung auf seiner Website «Weltmarktführer im digitalen Journalismus» werden will. Mathias Döpfners Wort hat Gewicht.

Letzte Woche, ausgerechnet wenige Tage vor dem 8. Mai, dem Erinnerungstag «75 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges», und mitten in der weltweiten Corona-Krise hat sich dieser bekannteste deutsche Medien-Manager mit einem eigenen Aufruf an die Leserschaft der «Welt» – und damit an die deutsche Politik und ans deutsche Volk – gewandt. Und was hat er «seinen» Deutschen zu sagen?

1. Es gibt nur eine Weltmacht, die demokratisch ist: die USA.

2. Es gibt nur eine Weltmacht, die nicht demokratisch ist: China. Es gibt also «nur» zwei Weltmächte.

3. Seit der Aufnahme Chinas in die WTO, die Welthandelsorganisation, am 11. Dezember 2001 – dem «vielleicht grössten Fehler der westlichen Marktwirtschaften in der jüngeren Geschichte» – ist der Anteil der USA am Weltbruttosozialprodukt von 20,18 auf heute 15,03 Prozent gesunken, der Anteil der EU von 23,5 auf 16,05 Prozent. Der Anteil Chinas aber am Weltbruttosozialprodukt ist in der gleichen Zeit von 7,84 Prozent auf 19,24 Prozent gestiegen.

4. Wörtlich: «Europa gefällt sich als Block zwischen den Weltmächten, kann aber nicht Everybody’s Darling sein. Nach der Krise müssen wir uns festlegen: Wollen wir weiter an der Seite Amerikas stehen oder an der Seite Chinas? Beides geht nicht.»

5. Die USA haben sich für eine Abkoppelung von China entschieden. Und, wörtlich: «Europa muss sich nun endlich auch entscheiden, will es seine Freiheit von Peking nicht zunehmend unterwandern lassen.»

Für Mathias Döpfner ist Donald Trump zwar ein US-Präsident «mit einer ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsstörung», aber er hat «ein paar richtige Entscheidungen» getroffen: Steuersenkungen zugunsten der US-Wirtschaft (also der Unternehmer, Red.), die Kündigung des «Atom-Deals» mit dem Iran, die entschiedene Unterstützung Israels, den erhöhten Druck auf die Europäer zur Finanzierung der NATO und den Stopp der Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Döpfner erklärt ausführlich, warum – in seinen Augen – jede Zusammenarbeit mit China äusserst gefährlich ist. Vor allem sieht er das transatlantische Bündnis in Gefahr. Selbst die «geheimdienstliche Zusammenarbeit» mit den USA gerate so in Gefahr. Döpfner wörtlich: «Wenn Washington die enge nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit Europa aufgeben würde, wären die Folgen für unsere Sicherheit und unsere Wirtschaft verheerend.» Sprich: Europa ist von der geheimdienstlichen Zusammenarbeit mit den USA total abhängig.

Schliesslich: «In dieser Lage ergeben sich für die Europäer zwei Bündnisoptionen. Sie können das traditionelle transatlantische Bündnis trotz Trump vertiefen, unter ausdrücklicher und engerer Einbeziehung eines Post-Brexit-Englands und verbundener Länder wie Kanada, Australien, der Schweiz und des demokratischen Teils Asiens. Oder sie entscheiden sich für eine engere wirtschaftliche Bindung an China, die immer auch eine politische Bindung ist. Dann wacht man vielleicht eines Tages auf und findet sich in einer gruseligen Gesellschaft wieder: an der Seite von China und mit ihm unverbindlich assoziierten Staaten wie Russland, dem Iran und weiteren Autokratien.»

Döpfner schliesst seinen lauten Ruf für eine zweigeteilte Welt und damit für einen neuen Kalten Krieg, diesmal mit China, mit deutschem Pathos: «Es geht um mehr als um Geld. Es geht um unsere Freiheit, um Artikel 1 (des deutschen Grundgesetzes, Red.), den schönsten Begriff, der je in einem Gesetzestext gestanden hat: die Würde des Menschen.»

Döpfners Appell für eine zweigeteilte Welt basiert auf dem Verschweigen wichtiger Fakten

Kritische Leserinnen und Leser wissen es: Nicht nur, was in einem Kommentar erwähnt wird, ist relevant. Auch was – bewusst – nicht erwähnt wird, beeinflusst eine Argumentation.

  • Döpfner verschweigt, dass die «Weltmacht» der USA darauf beruht, dass die USA seit vielen Jahren mehr Geld in die Rüstung und ins Militär investieren als alle anderen Länder dieser Welt: Im Jahr 2019 war es mehr als die Militärausgaben der zehn nächstgrössten Militärmächte China, Indien, Russland, Saudi-Arabien, Frankreich, Deutschland, Vereinigtes Königreich, Japan, Südkorea und Brasilien zusammen! Und Döpfner verschweigt, dass die USA ausserhalb ihres eigenen Landes weltweit über 700 Militärbasen betreiben.
  • Döpfner verschweigt, dass die von ihm zwar als «unperfekt» bezeichnete, aber alles in allem doch hochgepriesene und für die politische Entweder-Oder-Entscheidung massgebliche US-Demokratie in hohem Grade zu einer Plutokratie verkommen ist. In beiden Kammern des Kongresses sind mehr als die Hälfte der Abgeordneten Millionäre. Und im Wahlkampf 2016 wurden über 2 Milliarden US-Dollar allein für Wahlwerbung ausgegeben. Auch das Gerrymandering, die politisch motivierte Verschiebung der Wahlkreisgrenzen, um das Resultat bei den Wahlen für das Repräsentantenhaus zu manipulieren, ist bei Döpfner kein Thema.
  • Döpfner verschweigt, dass der wirtschaftliche Aufschwung Chinas vor allem deswegen erfolgte, weil die neoliberalen US-Konzerne ihre Produkte im Billiglohnland China produzieren lassen, um selber mehr Gewinn zu machen. Siehe dazu, als Beispiel, das ZDF-Video zur Produktion des iPhones von Apple in China.
  • Döpfner verschweigt, dass die USA mit nur 4,3 Prozent der Weltbevölkerung und mit 15,03 Prozent des Weltbruttosozialproduktes immer noch über einen weit überproportionalen Anteil am Weltbruttosozialprodukt verfügen. Und er verschweigt, dass auch die EU mit 6,6 Prozent der Weltbevölkerung und mit 16,05 Prozent Anteil am Weltbruttosozialprodukt immer noch über einen weit überproportionalen Anteil am Weltbruttosozialprodukt verfügt.
  • Döpfner verschweigt, dass Chinas heutiger Anteil am Weltbruttosozialprodukt mit 19,24 Prozent durchaus im Rahmen seines Anteils von 18,6 Prozent an der Weltbevölkerung liegt.
  • Döpfner verschweigt, dass die USA mit ihrem Geheimdienst «Central Intelligence Agency» CIA mit geschätzt über 20’000 Mitarbeitenden und ihrer «National Security Agency» NSA mit geschätzt zwischen 40’000 und 50’000 Mitarbeitenden das mit Abstand grösste geheime Überwachungssystem der Welt betreiben.
  • Döpfner verschweigt, dass die USA nicht nur ihre «Feinde» überwachen, sondern auch ihre «Freunde», z.B. das Mobiltelefon der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auch die Telefongespräche und E-Mails fast aller Bürgerinnen und Bürger werden überwacht, wie Edward Snowden aufgedeckt hat.
  • Döpfner verschweigt, dass die USA seit dem Zweiten Weltkrieg aus eigener Initiativemehrere Dutzend militärische Interventionen unternommen haben, darunter nicht zuletzt die Bombardierung und Besetzung des Iraks im Jahr 2003 mit Hunderttausenden von Toten, und dies mit der erlogenen Begründung, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen.
  • Döpfner verschweigt, dass sein Medien-Konzern für alle Mitarbeitenden fünf verbindliche Grundsätze hat, darunter die Position 3 «Wir zeigen unsere Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika», dass also er, Mathias Döpfner, in seinem Aufruf zur engeren Bindung Europas an die USA gar nicht frei war.
  • Döpfner verschweigt, dass der Medienkonzern Axel Springer SE bereits zu 42,5 Prozent dem US-amerikanischen Finanzinvestor KKR gehört (Nähere Angaben zu KKR siehe unten).

Döpfner verschweigt, dass er selber mit einem geschätzten Vermögen von über 150 Millionen Euro zu den 750 reichsten Deutschen gehört – oder also zu den reichsten 0,001 Prozent der deutschen Bevölkerung. Ein glaubhafter Vertreter der demokratischen Interessen der deutschen Bevölkerung und einer «sozialen Marktwirtschaft»?

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Wäre Mathias Döpfner ein normaler Journalist, er würde wegen aktiver Anstiftung zu einem neuen Kalten Krieg vielleicht sogar gefeuert. Aber Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Medien-Konzerns Axel Springer SE, Präsident des «Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger» BDZV, mehrfacher Bilderberg-Konferenz-Teilnehmer und aktiver Mitredender an den Münchner Sicherheitskonferenzen MSC, kann es sich leisten, in seinem Namen einen solchen Aufruf zu veröffentlichen. Und jetzt werden Tausende von Journalistinnen und Journalisten in seinem Konzern sinngemäss das schreiben, was ihnen ihr oberster Boss mit seinem Aufruf vorgegeben hat, weil sie in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten erst recht Angst haben, bei der nächsten Sparrunde zu den Entlassenen zu gehören. Die journalistische Freiheit im Westen ist nicht durch eine staatliche Zensur gefährdet. Konzernvorgaben und die Schere im Kopf der Journalisten und Journalistinnen führen zu Selbstzensur – mit gleicher Wirkung.

Das sind die politischen Grundsätze der Axel Springer SE1. Wir treten ein für Freiheit, Rechtsstaat, Demokratie und ein vereinigtes Europa.

2. Wir unterstützen das jüdische Volk und das Existenzrecht des Staates Israel.

3. Wir zeigen unsere Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.

4. Wir setzen uns für eine freie und soziale Marktwirtschaft ein.

5. Wir lehnen politischen und religiösen Extremismus ab.

Das sind die Informationen des Axel Springer-Konzerns über sich selbst«Axel Springer ist ein Medien- und Technologieunternehmen und in mehr als 40 Ländern aktiv. Mit den Informationsangeboten ihrer vielfältigen Medienmarken (u. a. BILD, WELT, BUSINESS INSIDER, POLITICO Europe) und Rubrikenportalen (StepStone Gruppe und AVIV Group) hilft die Axel Springer SE Menschen, freie Entscheidungen für ihr Leben zu treffen. Der Wandel vom traditionellen Printmedienhaus zu Europas führendem Digitalverlag ist heute erfolgreich abgeschlossen. Das nächste Ziel ist gesteckt: Durch beschleunigtes Wachstum will Axel Springer Weltmarktführer im digitalen Journalismus und bei den digitalen Rubriken werden. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Berlin und beschäftigt mehr als 16’000 Mitarbeiter weltweit.»

Einige Informationen zum Finanzinvestor KKR Der US-amerikanische Finanzinvestor KKR – von der «Welt» US-Investmentriese genannt – hat im Jahr 2019 und bis heute 42,5 Prozent des Aktienkapitals der Axel Springer SE übernommen.

Zur Website der KKR

Das Portfolio der KKR

Das schrieb die FAZ über die KKR.

Die Gründer der KKR:
Jerome Kohlberg Jr.
Henry Kravis
George R. Roberts

Im Management von KKR ist seit 2013 auch der ehemalige CIA-Direktor David H. Petraeus, der spätere General im Irakkrieg, der wegen Geheimnisverrats an eine aussereheliche Geliebte von all seinen militärischen Ämtern zurücktreten musste.

Axel Springer SE ist auch in der Schweiz aktiv

In der Schweiz gibt es den Zeitschriftenverlag Ringier Axel Springer Schweiz AG, eine 50:50-Tochtergesellschaft des Schweizer Medienhauses Ringier und des deutschen Medien-Konzerns Axel Springer SE. Die offizielle Information auf deren Website lautet: «Die Ringier Axel Springer Schweiz AG ist ein 2016 gegründetes Gemeinschaftsunternehmen der Ringier AG und der Axel Springer SE. Das Joint Venture ist das grösste Zeitschriftenhaus der Schweiz und produziert 30 Titel mit 880 Ausgaben pro Jahr. Seit 2010 führen die beiden Unternehmen zudem bereits ein erfolgreiches Joint Venture in Mittel- und Osteuropa. Ringier Axel Springer Schweiz hat ihren Sitz in Zürich sowie Lausanne und beschäftigt rund 550 Mitarbeitende.» Zu den Zeitschriften dieses Verlages gehören zum Beispiel die «Schweizer Illustrierte» oder auch der «Beobachter».

FREIE NUTZUNGSRECHTE

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Grafikquellen          :

Oben         —      Mathias Döpfner in May 2009 at the 39. St. Gallen Symposium at the University of St. Gallen

 

CC BY-SA 3.0view terms

File:Döpfner.png

Created: 31 March 2012

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Unten     —       U.S. Embassy Berlin salutes the Berlinale 15.2.2016

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ARD & Co. die Medienarbeit

Erstellt von DL-Redaktion am 12. Mai 2020

Politisch entgegengesetzt, aber mit demselben Ergebnis?

File:Museum für Kommunikation Berlin by night (2010).jpg

Quelle        :       Untergrund-blättle  CH.

Von Armin Scholl / kritisch-lesen.de

Ronald Thoden: ARD & Co. Wie Medien manipulieren. In der letzten Zeit ist Medienkritik bei rechten Gruppierungen in Mode gekommen. Der berüchtigte Vorwurf an die Mainstream-Massenmedien lautet „Lügenpresse“: Über bestimmte Ereignisse werde nicht berichtet, andere Ereignisse würden verzerrt dargestellt, und gemeinsam mit der Regierung betrieben die Journalisten Manipulation des öffentlichen Meinungsbildes.

Wer ein bisschen älter ist, dem kommen diese Vorwürfe bekannt vor, jedoch aus der politisch entgegengesetzten Ecke, nämlich aus der Generation der 68er.

Die in den 1970er Jahren aus diesem Geist entstandenen Alternativmedien sollten Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Massenmedien herstellen, um diese Defizite aufzudecken und ihnen entgegenzusteuern. Mit dem von Ronald Thoden herausgegebenen Band liegt nun eine aktuelle linke Medienkritik vor. Sie ist nicht mehr durch die Aufbruchsstimmung gekennzeichnet, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und eigene Medien herzustellen, sondern äussert sich als bissige Abrechnung und grundlegende Kritik an den „Qualitätsmedien“ – deshalb wird bereits im Titel die ARD stellvertretend genannt.

Gute und schlechte Verschwörungstheorien?

Man könnte jetzt alle Autor*innen im Internet suchen und auf ihre möglichen Verstrickungen mit rechten Medienkritiker*innen oder Verschwörungstheoretiker*innen überprüfen, wie es etwa Gregor Keuschnig auf dem Blog „Begleitschreiben“ macht. Ich will diesen Weg nicht gehen und allein das Argument sprechen lassen und beurteilen. Inhaltlich werden Beispiele aus verschiedenen Themenbereichen daraufhin diskutiert, dass die Informationsvermittlung manipulativ sei. Am häufigsten betrifft dies die Kriegsberichterstattung, also die Kriege im Kaukasus, Kosovo, Irak, in Syrien oder den Ukraine-Konflikt. Hinzu kommt der kritische Blick auf die Griechenland-Berichterstattung, die Israel-Kritik und vor allem die Nichtthematisierung von Ereignissen. Einige Insider-Berichte über die Arbeitsweisen bestimmter Medien sollen belegen, dass es nicht um einzelne Fehler geht, sondern um strukturelle Defizite.

Auf den ersten Blick ähnelt diese Medienkritik oft auf verblüffende Weise den Vorwürfen aus den Reihen der rechten Medienkritik. Das sagt natürlich noch nichts über die Berechtigung der Kritik aus, gibt aber Anlass zur Vorsicht. In der Tat bemühen sich einige Texte um Distanz zum Lügenpresse-Manipulations-Verdacht. Man will nicht mit den Verschwörungstheoretiker*innen in einen Topf geworfen werden, wenngleich sich da sprachlich Abgründe auftun: Der Journalist Walter van Rossum möchte gern gute und schlechte Verschwörungstheorien unterscheiden, weil es ja Verschwörungen gebe, über die dann jedoch theoretisch reflektiert werden müsse. Hier verwechselt der Kritiker aber Subjekt und Objekt: Verschwörungstheorien haben selbst verschwörerischen Charakter, insofern sie verkürzt und vage argumentieren und Gegenargumente oder widersprechende Fakten nicht zulassen. Theorien über Verschwörungen (als Objekt) können dagegen wissenschaftlich sein, also die Fakten abwägen, Uneindeutigkeiten zulassen, komplex argumentieren. Diese würden wir aber nicht als Verschwörungstheorien bezeichnen.

Der Band versammelt zahlreiche (freie) Journalist*innen (zum Beispiel Eckhart Spoo, Gaby Weber), Korrespondent*innen (zum Beispiel Karin Leukefeld), Schriftsteller*innen (zum Beispiel Wolfgang Bittner), Autor*innen (zum Beispiel Claus Biegert, Susann Witt-Stahl) sowie Wissenschaftler*innen (zum Beispiel den Historiker Kurt Gritsch oder den Politikwissenschaftler Jörg Becker). Einige sind bekannt; um andere zu kennen, bedarf es schon einer guten Kenntnis von Medien. Thematisch wird durch diese Vielfalt eine grosse Bandbreite abgedeckt, wenngleich auffällt, dass die Kriegs- und Konfliktberichterstattung am häufigsten Gegenstand der Kritik ist. Das ist zu erwarten, weil genau in diesem Themenfeld im Journalismus am meisten schief läuft, weil dort Propaganda seitens der Militärs die Informationen manipuliert, und nicht zuletzt, weil die Journalist*innen selbst oft im Freund-Feind-Denken verhaftet sind und dann oft einseitig berichten.

Insgesamt leider zu polemisch

Diese Kritik bezieht sich jedoch nicht nur auf konkrete Themen, sondern auch auf die Medien allgemein, insbesondere auf die bekannten „Qualitätsmedien“. Die meisten Beiträge sind flott und gut lesbar geschrieben, bereiten dennoch kein Lesevergnügen, weil die Argumente nicht immer konsequent zu Ende geführt werden. Oft wird an den „Qualitätsmedien“ kritisiert, dass sie die journalistischen Qualitätskriterien (wie Ausgewogenheit oder Abgewogenheit des Urteils, ausführliche Recherche, Kritik an Missständen) nicht einhalten. Doch die Verfasser*innen formulieren ihre Kritik oft selbst äusserst polemisch und einseitig.

Es scheint, als seien einige Autor*innen aufgrund negativer Erfahrungen mit ihren Arbeitgebern (insbesondere mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk) so unzufrieden, dass sie die Gelegenheit nutzen, es ihnen heimzuzahlen. Es ist für die Leser*innen dann kaum zu entscheiden, ob die Vorwürfe berechtigt sind oder nicht, wenn sie mit so viel Schaum vor dem Mund vorgetragen werden, dass sich notwendig der Verdacht der Einseitigkeit ergibt. In einigen Beiträgen sind sich die Verfasser*innen dermassen selbstsicher, dass sie die Wahrheit (gemeint sind hier nicht einmal die Fakten, sondern die richtige Meinung) für sich allein gepachtet zu haben scheinen. Man hört eben nicht die andere Seite – was vom Journalismus gefordert wird, gilt anscheinend nicht für die Kritik.

Le musée de la Communication (Berlin) (2739292760).jpg

Dass die Artikel sehr konkret zu einzelnen Fehlern oder beruflichen Missständen Stellung beziehen, ist gleichermassen von Vorteil wie problematisch. Es macht die Artikel anschaulich, aber man weiss nie, ob es sich bei den kritisierten Fällen um Ausnahmen handelt oder um allgemeine Fehlentwicklungen im Journalismus. Man muss deshalb nicht gleich Verschwörungstheorie dahinter vermuten. Aber das Unbehagen, dass die derart vehement vorgetragene Medienkritik wiederum eher propagandistisch als journalistisch daher kommt, stellt sich mehrfach ein. Selbstverständlich gilt das nicht für alle Beiträge, aber man muss sich die Rosinen schon herauspicken.

Damit verschenkt der Band das Potenzial, Medienkritik so zu formulieren, dass die Beschuldigten (hier in der Regel die „Qualitätsmedien“) darauf reagieren müssen. Vielmehr können die Kritisierten die Schwäche der Argumentation ausnutzen und sie ignorieren.

Mein Fazit lautet daher: Diese Art von Medienkritik ist das Symptom für die Krise der kritisierten Medien selbst. Medienkritik muss aber besser und überzeugender sein als das Objekt ihrer Kritik, sonst kann sie nicht mit Berechtigung die Verbesserung der Zustände einfordern.

Ronald Thoden (Hg.): ARD & Co. Wie Medien manipulieren. Selbrund Verlag, Frankfurt / Main 2015. 296 Seiten, ca. 21.00 SFr. ISBN 978-3-9816963-7-0

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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Grafikquellen        :

Oben       —      Museum of communication, location for the ARD DEGETO Blue Hour Party 2010

Author Siebbi
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Unten     —        Jean-Pierre Dalbéra from Paris, FranceLe musée de la Communication (Berlin)

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Humanität geht voran

Erstellt von DL-Redaktion am 12. Mai 2020

Erst die Profite – danach kommen die Menschen

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Quelle     :       Scharf  —  Links

Ein Kommentar von Georg Korfmacher, München

Menschen, die ihr Leben selbst bestimmt in Harmonie mit dem Universum führen, sind heute mehr denn je aufgerufen, sich für das Wohl der Weltgemeinschaft einzusetzen.

Wir Menschen sind in eine Welt geboren, in der es lange vor uns Natur und Tiere gab, und einige Naturvölker verstehen es immer noch, harmonisch und nachhaltig in ihrem Universum zu leben. Nun hat ein winziges Virus die Welt von heute auf null gestellt, und siehe da, die sog. zivilisierte Welt ist stumm aus Nichtwissen oder reagiert dumm aus Überheblichkeit. Und was soll da ein Humanist?

Wer aus seiner Bildung erwachsenes Wissen richtig einsetzt, kommt den Ursachen der Dinge auf den Grund und kann ein selbstbestimmtes Leben unabhängig von geistigen Nötigungen und materiellen Nöten meistern. Unabhängig von Erfolg und materiellem Besitz bildet er sich seine eigene Meinung im Einklang mit der Welt, in der er mit anderen Menschen, der Natur und den Tieren lebt. Ein Humanist entwickelt und lebt eine Sehnsucht nach Einklang zum Wohle der Menschen. Und genau in dieser Eigenschaft und Qualität ist der Humanist gerade heute gefragt. Alles Denken und Handeln nach dem Gemeinwohl zu überprüfen und umzusetzen ist das Gebot für die Welt nach Covid-19.

Geld darf nicht mehr das Maß aller Dinge sein, wenn die Welt in all ihrer Pluralität und Diversität überleben soll. Zügelloser Konsum hat die Welt in Armut gestürzt und muss auf ein vernünftiges Maß reduziert werden. Kapitalismus und Konsum haben uns in eine Gier und Abhängigkeit gebracht, die unsere Sicht für das wichtige und wesentliche im Leben vernebelt: unsere Mitmenschen und unsere Umwelt.

In der kurzen Zeit mit Covid-19 haben wir schon erstaunliche Erkenntnisse gewonnen: der Kapitalismus hat weitgehend versagt, während die Humanität sichtbar zugenommen hat. Profitgeier halten nur die Hände für Subventionen durch Steuergelder auf, während sie sich bis dahin aller Regeln der Kunst bedienen, um ihre Steuern für das Gemeinwohl zu minimieren, koste es was es wolle, bis hin zu Firmengründungen in Steuerparadiesen. Zwischen den Menschen kamen andere, scheinbar längst vergessene Wünsche hoch: Miteinander reden, einander helfen, sich um die Kinder kümmern, das häusliche Leben umgestalten, sich erfinderisch in Zwangslagen fügen und aus allem das Beste machen. Und genau dieser Sinn für Humanität ist jetzt gefragt.

Theater District, New York, NY, USA - panoramio (10).jpg

Ein Weiter-so wie bisher wird es nicht mehr geben können. Allein die weltweite Nachfrage ist nahezu eingebrochen und wird sich in Jahren nicht mehr erholen. Die schamlose Ausplünderung von Ländern und Leuten wie in Kolonialzeiten wird von vernünftig denkenden Menschen nicht mehr hingenommen, der zwanghafte Konsum bis hin zur Verdummung und Abhängigkeit ist vorbei. Alle Menschen, Tiere und Natur müssen wieder als integrale Teile unserer Welt gesehen und behandelt werden, tierwürdig und naturwürdig ebenso wie menschenwürdig. Das Corona-Virus hat den Menschen überdeutlich gezeigt, wer wirklich die Krone trägt. Der Mensch in seiner Vermessenheit sicher nicht. Jetzt ist wieder mehr Bescheidenheit gefragt, denn nur wer bescheiden ist, weiß auch Bescheid. Humanisten voran! Jetzt!

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Oben         —         Graffiti „Destroy Capitalism!“ auf einer Fabrikmauer

Unten      —       Theater District, New York, NY, USA

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Brief an die Deutschen

Erstellt von DL-Redaktion am 12. Mai 2020

Leben in den Mythen anderer

Achille Mbembe 2.JPG

Von Achille Mbembe

Worum geht es Achille Mbembe? In der taz schildert er sein „Denken des Überquerens von Identitäten“.

Ich sehe mich in Deutschland nicht auf der Anklagebank. Ich möchte jedoch ein paar Schlüssel zum Verständnis vorlegen für alle, die eine konstruktive Debatte mit meinem Werk führen wollen, das nur teilweise auf Deutsch vorliegt.

Um die Entstehungsgeschichte eines Werkes und seine möglichen Widersprüche zu verstehen, muss man den Kontext seiner Entstehung und seine Entwicklung kennen: welche großen Fragen versucht es mit welcher Ausdrucksweise zu beantworten, in welche großen Debatten greift es ein, welche großen Wendungen entstehen daraus? Das gilt für jedes geistige Produkt, egal aus welcher Region oder in welcher Sprache.

Denen, die den Sinn meiner Herangehensweise oder den Inhalt meines Denkens wirklich mit der Perspektive eines interkulturellen Dialogs verstehen wollen, werden Verhörmethoden nicht weiterhelfen. In einer Zeit der Suche nach Sündenböcken, der Exkommunizierungen und der Beschimpfungen hoffe ich, dass diese Schlüssel den Weg zu einer sachlichen Debatte über die großen moralischen und politischen Fragen öffnen, zu denen einige von uns uneinig sind.

Mein intellektuelles Herangehen kann als ununterbrochene Reise beschrieben werden, oder eher noch als endlose Wanderung von einem Ufer zum anderen. Ich nenne das das Überqueren. Es zwingt uns, die Komfortzone des Bekannten zu verlassen und sich bewusst der Gefahr der Erschütterung der eigenen Gewissheiten auszusetzen. Denken bedeutet in diesem Zusammenhang, Risiken einzugehen, auch das Risiko, falsch verstanden oder ausgelegt zu werden. Vielleicht ist das eine Eigenart derer, die irgendwo geboren wurden, sehr früh gingen und nie wieder zurückgekehrt sind.

Das doppelte Erbe meiner Heimat Kamerun

In Kamerun, wo ich geboren wurde, erhielt ich ein doppeltes Erbe. Das erste entstammt meiner Schulbildung in hervorragenden christlichen Institutionen. Ich wurde nicht nur der klassischen europäischen Kultur ausgesetzt. Die katholische Kirche, ihre Dogmen, ihr Katechismus und ihre Mythologie wurden sehr früh Teil meiner Vorstellungswelt.

Dies erklärt vielleicht, dass später das Christentum als solches zum Gegenstand meines Denkens wurde. Da ich es vor allem als Gebilde der Wahrheit verstand, widmete ich mich zu Beginn meines intellektuellen Werdegangs als Erstes der Kritik des Absoluten.

Nicht nur Religionen beruhen auf Theologien des Absoluten, auch weltliche Mächte, auch der Staat in unseren Ländern. Der Staat, kolonial oder als postkoloniale Tyrannei, wurde zum nächsten vorrangigen Objekt meiner Arbeit.

Das zweite Erbe erhielt ich von meiner Großmutter, einer des Lesens und Schreibens unkundigen Bäuerin, die sich am Kampf gegen den Kolonialismus beteiligt hatte und dabei ihren einzigen Sohn verlor, der am 13. September 1958 von der französischen Armee ermordet wurde. Sie führte mich in die Frage des Antikolonialismus ein und in die der verdrängten Erinnerungen, vor allem der Erinnerungen der Besiegten der Geschichte.

Von welchem Standpunkt auch immer man es betrachtet, gehören die Völker Afrikas zu diesen Besiegten. Wie entrinnt man als historische Gemeinschaft der Niederlage und lernt erneut zu gewinnen? Diese Frage hat mich seit meiner Kindheit beschäftigt.

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Von allen französischen Kolonialgebieten in Afrika südlich der Sahara ist Kamerun das einzige, wo die Forderung nach Autonomie in einen bewaffneten Konflikt mündete. Die nationalistische Bewegung, die den Widerstand angeführt hatte, wurde militärisch besiegt. Diejenigen, die nach der Unabhängigkeit die Macht ergriffen, nutzten die Werkzeuge des Staates, um die Erinnerung an diesen Widerstand um jeden Preis auszuradieren.

Mit der Bibel, die wir uns nicht selbst ausgesucht haben, ist Israel in unsere Welt eingedrungen.

Meine ersten akademischen Arbeiten handelten von diesem Versuch, Vergessen herzustellen.

Diese Erfahrung des Ausradierens des Gedächtnisses der Besiegten hat eine wichtige Rolle in meinen Überlegungen zur Erinnerungspolitik und meinen Analysen des postkolonialen Staates und zeitgenössischer Erscheinungsformen der Tyrannei gespielt. Erst nach und nach begriff ich, dass dies keinesfalls ein Alleinstellungsmerkmal afrikanischer Machthaber war.

Ich sollte hinzufügen, dass meine Großmutter mich auch in die Bibellektüre eingeführt hat. Als Jugendlicher fand ich in der Bibel ein außergewöhnliches Universum vor, das mir nach und nach vertraut wurde. Sehr früh verbanden sich in meinem Geist die Erzählung der Bibel und die antikoloniale Erzählung, bis ich sogar der Bibel und ihren Figuren verbundener war als der Kirche und ihren Dogmen, dem vergessenen Gedächtnis der Besiegten mehr als der Staatstheologie, die das Monopol der Wahrheit beansprucht.

Ein aufständischer Argwohn

Der Kern meines Werkes ist ein aufständischer Argwohn, den eine utopische Ader mäßigt. Diejenigen, die mich heute verfolgen, wissen nicht, dass ich diese utopische Ader, die auf der Idee einer radikalen Ablehnung von realen Zuständen und Machtspielen gründet, in gewissen Traditionen des jüdischen Denkens gefunden habe.

Als ich Kamerun verließ, um meine Studien an französischen Universitäten weiterzuführen, hatte ich bereits die großen Themen im Kopf, die mein intellektuelles Projekt der Jahre 1980–2000 bestimmen würden.

Das erste war eine politische Kritik des Christentums. Ich war dahingekommen, das Christentum als Traum und Vision zu begreifen statt als Institution mit einer Zentralmacht.

Ich wollte wissen, was von dieser Vision bleibt, wenn man ihr die dogmatische Ausdrucksform nimmt. Ist die Kirche mit ihren Hierarchien letztendlich Ausdruck der Gemeinschaft? Oder kann man sich Gemeinschaften vorstellen, die nicht als Erstes Machtausübung anstreben, sondern das Teilen, das Dienen und das Kümmern um die Bedürftigsten?

Jenseits der Kirche wollte ich über die Möglichkeit von Gemeinsinn, von Gemeinsam-Sein, von Gemeinschaften nachdenken, die nicht auf Glauben und Abstammung beruhen, sondern auf Vernunft und Solidarität. Nicht auf der Idee des Einen, sondern auf der der Vielfalt. Nicht auf der Verabsolutierung der Erinnerung an Leiden und Niederlage, sei sie provisorisch (das christliche Martyrium), sondern auf der Erwartung der Wiederauferstehung, also der Hoffnung auf ein anderes Leben, nie erfüllt, da immer vor uns liegend.

Wer „Afriques indociles“ (1988) aufmerksam gelesen hat, weiß, dass dies ein Schlüsselmoment dieser Suche war. Um dieses Buch zu schreiben, musste ich mich der Geschichte der Monotheismen in aller Genauigkeit widmen.

Ich musste begreifen, inwiefern der Monotheismus sich in unserem Kontext in Afrika nicht gegen den Polytheismus definiert wie einst in Griechenland, sondern gegen das, was man Animismus nennt.

In der weiteren Arbeit daran habe ich mich lange mit den vorkolonialen afrikanischen Denksystemen beschäftigt, um zu erfassen, wie der Kosmos und das gesamte Universum bei uns integraler Bestandteil der Lebenskräfte waren.

Was ich sage und schreibe, versteht man so gut wie gar nicht, wenn man nicht weiß, dass es alles seinen Ursprung in den afrikanischen Metaphysiken des Lebendigen hat, in den afrikanischen Begriffen der Lebensenergie, der Zirkulation der Welten und der Metamorphose des Geistigen. Ein sehr großer Teil meines Denkens wurzelt in diesen Systemen, in denen das Prinzip der Vielfalt an die Stelle des Einen tritt.

Wider die Identitätspolitik

Die Arbeit über das Gedächtnis der Besiegten und die Erinnerungspolitik führte zu „La naissance du maquis dans le Sud-Cameroun“ (1996), die Kritik staatlicher Tyrannei zu „De la postcolonie“ (Paris, Karthala, 2000). Dieses Werk macht aus mir, nebenbei gesagt, keinen Denker des Postkolonialismus, wie es viele Kommentatoren in Eile oftmals behaupten.

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2001 ließ ich mich in Südafrika nieder. Ich lebte in diesem Land, lehrte jedoch lange einen Teil des Jahres in den USA. Zugleich habe ich weiterhin tiefe Bindungen zu Frankreich, wohin ich oft reise und wo mein gesamtes Werk publiziert ist.

Zwischen 2001 und 2010 haben mein Leben in Südafrika und der Gang der Welt mich gezwungen, das Thema der Erinnerung zu vertiefen, nicht mehr nur unter dem Gesichtspunkt von Vergessen und Niederlage, sondern unter dem der an ihrem Verhältnis zu Ethik der Freiheit leidenden Identitäten. So untersuchte ich zwei Fälle genauer: die Erfahrung der Afroamerikaner in den USA und die Geschichte der Rassentrennung in Südafrika.

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Grafikquellen        :

Oben          —        Achille Mbembe

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2. von Oben      —       Tukufu Zuberi and the Human Equality and Respect Council at the World Economic Forum, 2008. From left: Dennis Frank Thompson, Conor Gearty, Tukufu Zuberi, Amy Gutmann, Achille Mbembe, Pumla Gobodo-Madikizela, Elie Wiesel, Thomas Sugrue, Dru C. Gladney, Homi K. Bhabha

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Unten      —    This is an image of Cultural Fashion or Adornment from

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Lieferketten unter Corona:

Erstellt von DL-Redaktion am 11. Mai 2020

Den Letzten beißen die Hunde

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von Armin Paasch, Miriam Saage-Maaß

Als Adidas im März ankündigte, aufgrund der Coronakrise die Mietzahlungen für seine Filialen auszusetzen, brach über das Unternehmen eine Welle der Empörung herein. Ob Katarina Barley oder Andreas Scheuer: Politiker*innen jeder Couleur geißelten das unsolidarische Gebaren des Milliardenkonzerns, der die Krise schamlos ausnutze und die Kosten auf andere abwälze.

Die Kritik war berechtigt. Weitaus skandalöser und verheerender ist jedoch der aktuelle Umgang zahlreicher Modekonzerne mit ihren Zulieferbetrieben in Bangladesch, Pakistan, Kambodscha oder Myanmar. Im März stornierten sie kurzerhand Bestellungen in Milliardenhöhe und verweigerten die Zahlung selbst für bereits produzierte Textilien. Betroffen sind diesmal keine wohlhabenden Immobilieneigentümer, sondern Millionen Frauen und Männer, die daraufhin meist fristlos entlassen und ohne Abfindung nach Hause geschickt wurden. Die stets vollmundigen Bekenntnisse der Unternehmen zur Einhaltung der Menschenrechte in den Zulieferbetrieben sind vergessen. Was zählt, ist die Minimierung der Kosten um jeden Preis. Shitstorms und Boykottaufrufe gegen die verantwortlichen Unternehmen, wie zum Beispiel Primark und C&A, blieben in diesem Fall dennoch aus.

Die Kontaktbeschränkungen und Geschäftsschließungen zur Eindämmung der Pandemie werden laut Internationalem Wirtschaftsfonds (IWF) wahrscheinlich die „schwerste Rezession seit der Großen Depression“ auslösen.[1] Die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) schätzt, dass allein im zweiten Quartal 2020 weltweit 6,7 Prozent aller Arbeitsstunden ausfallen werden, was 195 Millionen Vollzeitstellen entspricht.[2] Noch drei Wochen zuvor hatte die IAO den Verlust von 25 Millionen Arbeitsplätzen bis zum Jahresende 2020 als Worst-case-Szenario angesehen. Inzwischen erwartet sie einen „deutlich höheren“ Anstieg der globalen Arbeitslosigkeit. Sektoral am meisten gefährdet sind der Groß- und Einzelhandel, Verbrauchsgüter produzierendes Gewerbe, Hotels und Gaststätten sowie Immobilien und Verwaltung.

So viel ist heute bereits sicher: Soziale Ungleichheit und Armut werden überall zunehmen, vor allem aber in den Regionen mit den schlechtesten sozialen Sicherungssystemen. Während laut IAO in Europa und Zentralasien 84 Prozent der bedrohten Arbeitsplätze sozialversichert sind, gilt dies in Afrika nur für 17 und in Asien für 38 Prozent der Jobs. Am härtesten wird es informell Beschäftigte, Frauen, Kinder und Migrant*innen treffen.

Die Weltwirtschaftskrise wird kaum ein Land oder Unternehmen verschonen. Zugleich treten ungerechte Strukturen auf globaler und innerstaatlicher Ebene aktuell umso gravierender zutage. Vor diesem Hintergrund stellt sich nicht nur die Frage nach Tiefe und Dauer der Krise, sondern auch nach der fairen Lastenverteilung. Im Textilsektor zeigt sich beispielhaft, wie einige transnationale Unternehmen einen möglichst großen Teil der Verluste externalisieren und auf die schwächsten Glieder in globalen Lieferketten abwälzen – mit fatalen Folgen für die Beschäftigten, von deren Ausbeutung dieselben Konzerne seit Jahrzehnten profitieren.

Arbeitsplatzabbau im Textilsektor

Infolge der Pandemie-Maßnahmen ist die Nachfrage nach Textilien in Europa und Nordamerika drastisch eingebrochen. Einer aktuellen Studie zufolge haben westliche Modeketten daraufhin bis zum 22. März allein in Bangladesch Aufträge in einem Gesamtwert von 1,44 Mrd. Euro storniert.[3] Angeführt wird die Liste der größten Auftragsstornierungen von Primark mit 273 Mio. sowie C&A mit 166 Mio. US-Dollar. C&A soll alle Bestellungen in Bangladesch von April bis Juni 2020 storniert haben.

Unter Berufung auf „höhere Gewalt“ verweigern die Firmen die Zahlung auch für Textilien, die bereits produziert waren oder sich in Produktion befanden. Juristisch ist dies ausgesprochen fragwürdig. Doch kaum ein Zulieferer wird dagegen klagen, aus Angst, auch in Zukunft keine neuen Aufträge mehr zu erhalten. Besonders deutlich offenbart sich damit in der Krise das eklatante Machtgefälle zwischen Einkäufern und Produzenten, das globale Lieferketten in vielen Sektoren kennzeichnet.

Die Folgen in Bangladesch sind dramatisch: Der Verband der Textilproduzenten des Landes gibt an, dass deren Einnahmen in der ersten April-Woche 2020 um über 77 Prozent im Vergleich zur Woche des Vorjahres gefallen seien.[4] Rund 1100 Betriebe sind von den Stornierungen betroffen.[5] In einer repräsentativen Befragung gaben 72,4 Prozent von ihnen an, zwangsweise beurlaubten Beschäftigten nicht den Lohn fortzahlen zu können.[6] 80,4 Prozent der Betriebe sahen sich nicht in der Lage, ihren Arbeiter*innen bei Entlassungen eine Abfindung zu zahlen; und 95 Prozent der befragten Unternehmen berichteten, dass sie keine Unterstützung von den Abnehmerfirmen zur Deckung dieser Kosten erhielten. Inzwischen sollen eine Million der insgesamt vier Millionen Textilarbeiter*innen in Bangladesch arbeitslos sein.

Einmal mehr steht der Textilsektor paradigmatisch für die Schattenseiten des neoliberalen Turbokapitalismus. Mit bis zu zwölf Kollektionen im Jahr ist die Branche auf extrem kurze und kostengünstige Produktionszyklen ausgelegt. Um die Nachfrage bei den Verbraucher*innen am Laufen zu halten, müssen die Preise niedrig sein. Daher müssen die Kosten für Herstellung und Logistik gedrückt werden, wo es nur geht. Bezahlt wird die Ware allerdings erst 60 bis 90 Tage nach Erhalt.[7] Die Zulieferbetriebe tragen also das gesamte Risiko der Produktion – von der Materialbeschaffung bis zu den Lohnkosten.

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Die letztlich Leidtragenden sind die Textilarbeiter*innen. Ein funktionierendes staatliches Sozialversicherungssystem gibt es in Bangladesch, wie in vielen anderen Ländern, nicht. Die bestehenden gesetzlichen Verpflichtungen für Arbeitgeber werden in der Realität umgangen, denn es mangelt an effektiver staatlicher Kontrolle. Zudem sind die Gewinnmargen für die Textilproduzenten denkbar schmal, so dass selbst gewillte Arbeitgeber*innen ihre Belegschaft kaum angemessen absichern können.

Die Konsequenzen dieser Art des Wirtschaftens werden in den kommenden Wochen offensichtlich werden: Millionen von entlassenen Arbeiter*innen werden sich und ihre Familien nicht mehr ernähren, geschweige denn die Miete für Unterkunft und Kosten für Gesundheitsversorgungen zahlen können – und das alles in Zeiten einer weltweiten Pandemie. In Indien stranden bereits jetzt Zigtausende Wanderarbeiter*innen aus der Textilindustrie und anderen Branchen ohne Lohn, soziale Absicherung oder Gesundheitsversorgung in von Corona hoch gefährdeten Massenunterkünften, weil ihre Fabriken geschlossen sind und sie ohne Entschädigungszahlungen fortgeschickt wurden.

Corona versus Menschenrechte

Die Ursachen hierfür liegen natürlich nicht nur in der gegenwärtigen Krise und der Reaktion westlicher Unternehmen darauf, sondern vielmehr in den Versäumnissen der letzten Jahrzehnte. Neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik hat den Aufbau staatlicher Gesundheits- und Sozialversicherungssysteme verhindert und zum Teil sogar den systematischen Abbau gefördert. Eine wichtige Rolle spielten dabei die rigiden Strukturanpassungsprogramme der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF). Auch in Pakistan wurden Arbeitsgesetzgebung und deren staatliche Überwachung auf deren Druck in den 1990er Jahren abgebaut. Die Textilunternehmen wiederum haben systematisch von den niedrigen Lohnkosten profitiert – ja, sie haben ihr ganzes Geschäftsmodell genau hierauf aufgebaut.

Die rücksichtslose Krisenreaktion einiger Modekonzerne ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern trägt auch zur Verletzung sozialer Menschenrechte bei, die im UN-Sozialpakt verankert sind.

Quelle       :         Blätter            >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen           :

Oben    —          Food-Court am Wiener Hauptbahnhof

Date
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Author Linie29
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Unten    —     Leere Straßen während den Ausgangsbeschränkungen anlässlich der COVID-19-Pandemie in lllingen, Saarland/ Deutschland (2020).

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DIE * WOCHE

Erstellt von DL-Redaktion am 11. Mai 2020

Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1b/Die-Woche.png?uselang=de

Kolumne von Friedrich Küppersbusch.

Corona und die Verschwörermythen: Stinklangweilige Fakten, bitte! Alu ist ausverkauft, also gibt’s Hüte aus Klopapier. Und die Influencer vom Robert-Koch-Institut schleichen sich im falschen Moment davon.

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?

Friedrich Küppersbusch: Deutsche haben keinen Humor, können aber gute Autos bauen.

Und was wird besser in dieser?

Seit dem Autogipfel wissen wir über die Firmenbosse: Umgekehrt!

In Berlin war der 8. Mai einmalig Feiertag. Sollte er das deutschlandweit und alle Jahre wieder sein?

Ein Brückentag. Gewinnen will jeder, wir dagegen müssen eine Niederlage erkämpfen. Wir können natürlich auch noch mal 75 Jahre Hitlerdokus bingen und hoffen, dass mal eine Folge anders ausgeht. Das ist die Niederlage-Fraktion, unausrottbar, Gauland ist 1941 geboren. Für die Befreiungs-Fraktion spricht Bundespräsident Steinmeier: „Damals wurden wir befreit. Heute müssen wir uns selbst befreien!“ Lehre aus der Niederlage, dass wir uns nicht selbst befreit haben.

Dann die Migranten: Deutsche ohne Nazi-Vergangenheit. Was haben die damit am Basecap? Schließlich – deshalb scheitert der Feiertags-Antrag regelmäßig in der Union: die Kommunistenfresser. Auch Steinmeier unterläuft, in seiner Ansprache den „Neubeginn im Westteil … durch die Großzügigkeit, Weitsicht und Versöhnungsbereitschaft“ der „Alliierten“ zu loben – Auschwitz erwähnt er, doch wer Auschwitz befreite, nicht. Viele in der Union stört, dass der 8. 5. zeitweise Feiertag in der DDR war. Kurz: Eben dass die Vergangenheit konfus scheint, spricht für einen obligaten Brückentag zur besseren Zukunft.

Das RKI stellt die regelmäßige Corona-Pressekonferenz ein. Werden Sie sie vermissen?

Bibis Beauty Palace wird mir die Influenza-Influencer nicht ersetzen können. Viele Leute machen sich schon Hüte aus Klopapier, weil Alu ausverkauft ist. Und jeder hantiert mit frei zusammengelöteten Fallzahlen. Just da eine Leitwährung vom Markt zu nehmen, die der aufwallenden Konfusion stinklangweilige Fakten entgegensetzt, ist zu vornehm.

Kitas in Berlin bieten für alle Kinder nun maximal einen vierstündigen Halbtagsplatz. Nur in Einzelfällen kann längere Betreuung vereinbart werden. Wäre das ein Modell für die Bundesliga – halbe Mannschaft, ein Spiel dauert 45 Minuten?

Quelle         :     TAZ       >>>>>         weiterlesen

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Grafikquelle       :        Bearbeitung durch User:Denis_Apel – Lizenz “Creative Commons“ „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen“

Urheber Unbekanntwikidata:Q4233718

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die steile corona these

Erstellt von DL-Redaktion am 10. Mai 2020

Die Immunarroganten sind die neuen Superheld*innen

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Von Sebastian Erb

Es ist ein neuer Typ Mensch entstanden, an den wir uns gewöhnen müssen. Noch gibt es von ihm nicht allzu viele Exemplare, aber es werden täglich mehr: die Corona-Überlebenden. Diese Menschen bringen große Herausforderungen mit sich. Und sie sind eine Riesenchance.

Seit fast zwei Monaten erleben wir in Deutschland nun die Coronapandemie, und sie wird uns wohl noch weit länger beschäftigen, als die Locker-Laschets dieses Landes uns glauben lassen wollen. Denn bevor es einen Impfstoff oder ein wirksames Medikament gegen Covid-19 gibt, ist das Virus nicht unter Kontrolle.

Was erst so langsam klar wird: Wir werden auch eine Zeit mit einer Zweiteilung der Gesellschaft erleben, die es in dieser Form noch nicht gab.

Auf der einen Seite ist da die große Masse an Menschen, die sich nicht anstecken soll, die deshalb Abstand halten, Maske tragen, Hände waschen, Menschenansammlungen meiden soll. Und da sind auf der anderen Seite diejenigen Menschen, die das Coronavirus schon erwischt hat und die die Krankheit überstanden haben. 141.700 Personen sind das bislang in Deutschland, das ist die offizielle Zahl. In Wahrheit sind es noch viel mehr, denn viele haben die Krankheit ohne oder mit wenigen Symptomen durchgemacht.

Die meisten stecken die Infektion auch ziemlich gut weg, wenn auch die Gefahr besteht, dass sie langfristig körperliche Schäden davontragen, die man jetzt vielleicht noch gar nicht kennt. Die Menschen sind geheilt. Damit sind sie immun gegen das Coronavirus, zumindest für eine Weile. Ob das nur ein paar Monate sind oder eher Jahre, hat die Wissenschaft noch nicht endgültig herausgefunden. Eine Zeit lang jedenfalls können sich bereits Erkrankte nicht mehr infizieren – und auch keine anderen Personen anstecken.

Trifft man diese beneidenswerten Menschen, kann man bemerken, dass sie ein bisschen selbstbewusster durch die Gegend laufen als andere, mit Abstand nur als symbolischer Pflicht. Man kann ein scheues Lächeln beobachten, das ihnen übers Gesicht huscht. Es will sagen: Hah, du kannst mir nichts. Du Virus. Du Mensch. Du Welt. Ich Superheld.

Dieser erlebte Sieg über Corona – wer will es diesen Menschen verübeln, dass sie sich als Sie­ge­r*in­nen fühlen – kann sich dann aber in Richtung einer Immunarroganz bewegen. Habt euch doch nicht so. Ich habe es auch überlebt. Und will jetzt wieder mein normales Leben.

Das private Leuchten im Gesicht ist das eine. Der gesellschaftliche und rechtliche Umgang mit mutmaßlich Corona-Immunen etwas ganz anderes. Wir erleben seit März heftige Einschränkungen der Grundrechte, die es in der Geschichte der Bundesrepublik in dieser Härte noch nie gegeben hat. Diese sind im Großen und Ganzen auch gerechtfertigt, weil das Virus eben kein Feind ist, den man auf die Schnelle anders besiegen oder mit dem man irgendwie verhandeln könnte.

Viele der Einschränkungen gibt es, weil die Menschen das Virus verbreiten. Und das tun die Corona-Immunen eben nicht. Darf man auch ihnen also überhaupt die Grundrechte verwehren? Darüber diskutieren Jurist*innen, und bald werden wir alle uns stärker damit beschäftigen müssen.

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Nur Kamele lassen sich ohne Maulkorb impfen ?

Reisen, Tanzen, Sauna. Dürften Corona-Immune nun plötzlich mehr als andere, wäre das allen anderen in jedem Fall schwer zu vermitteln, weil: Was wären das für Vorbilder? Und es gäbe keine Gleichbehandlung. Aber Moment: Heißt Gleichbehandlung wirklich, dass man alle gleich schlecht behandelt, wenn es vernünftigerweise auch anders zu regeln wäre? Wohl kaum.

Es geht dabei nicht nur um das private Wohlbefinden, sondern auch um die in diesen Zeiten offenkundig noch viel wichtigere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes. Einen immunen Krankenpfleger kann ein Krankenhaus natürlich besser einsetzen als einen, dem jederzeit die Ansteckung droht. Eine immune Handelsvertreterin kann sich natürlich viel besser und sicherer durch Deutschland und die Welt bewegen.

Quelle       :           TAZ          >>>>>           weiterlesen

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Oben       —          Posing

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Unten     —        CDC champions a One Health approach, encouraging collaborative efforts to achieve the best health for people, animals, and the environment. Photo credit: Awadh Mohammed Ba Saleh

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Pandemie Kriegstagebücher

Erstellt von DL-Redaktion am 10. Mai 2020

Eine Neurosenlehre der Corona-Krise

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Quelle        :    untergrund-blättle  CH.

Vorwort und Übersetzung von Sebastian Lotzer

Die Lockerungsdebatte, die Lockerungsorgie, die zweite und dritte Welle, unvermeidlich. Risiko, Warnung, aus dem Off Mielke: “Aber ich liebe Euch doch alle”.

Es macht keinen Sinn, mit Fakten zu argumentieren, denn diese sind dieser Tage vage. Und wo alles vage wird, wankt auch das Schiff in stürmischer See, aber Captain, mein Captain, der Blick zum Horizont geworfen, wer stahl mir mein Bein. Starbuck zaudert, zögert, erwägt die finale Handlung, verwirft, alles ist verloren.

Diese Zivilisation ist dem Untergang geweiht. Daran gibt es nichts zu diskutieren, zu relativieren. Das, was kommen wird, kann tausend Mal blutiger, schrecklicher sein, als das was wir derzeit erleben. Bis an die Zähne bewaffnet wird das Regime im Todeskampf um sich schlagen, die atomare Apokalypse war kein Hirngespinst, sondern eine historische Möglichkeit, die nur den Umständen geschuldet, sich als überflüssig erwiesen hat. Es geht nicht um einen Virus, darum ist es nie gegangen, es geht darum, was durch den Virus an die Oberfläche dringt, an verborgenen, verdrängten, abgespaltenen Affekten, und wie diese Affekte die Gesellschaft formen und benutzt werden. Verstehen, begreifen, kämpfen. Freedom just another world for nothing left to lose.

Eine weitere Übersetzung von der Website des Wu Ming Kollektivs aus Bologna (für die grobschlächtige Übersetzung aus dem Italienischen bitte ich um Nachsicht):

Vor Angst krank zu werden. Der „Nocebo-Effekt“ des #stareincasa und des Corona Virus

Von Stefania Consigliere und Cristina Zavaroni “Es ist zweieinhalb Monate her, dass die Zeitungen über den ersten italienischen Coronavirus-Tod berichteten und damit die lange Abfolge von Schlagzeilen unterbrachen, die Renzi und Regierungsstreitigkeiten gewidmet waren. „Virus, der Norden in Angst“, donnerte am 22. Februar über die Titelseite der Repubblica. Von diesem Moment an haben die italienischen Medien mit ihren vereinheitlichten Netzwerken und die Rhetorik der Machthaber nie aufgehört, diese Angst zu verstärken, sie in Terror zu verwandeln und vor allem ihr Unheil hinzuzufügen. Wir haben lange über die Auswirkungen und den Zweck dieser Manipulation unserer Phobien nachgedacht, aber wir haben uns noch nicht genügend mit der Hypothese befasst, dass diese Ängste – gut verständlich angesichts einer Pandemie – wiederum zu einer Krankheit geworden sind, zu einer Krankheit, die Covid 19 verstärkt hat, die Immunabwehr der Bevölkerung schwächt und die Ansteckung ernster macht. In mehreren Kommentaren zu den Beiträgen dieser Wochen ist die Idee aufgetaucht, dass die Armee auf der Straße, der Ton der Minister, die Auswahl und Präsentation der Daten, die Homepage der Zeitungen, dazu beigetragen haben, uns – buchstäblich – vor Angst krank zu machen. Dieser Artikel, der speziell für Giap verfasst wurde, behandelt das Thema aus der Sicht der medizinischen Anthropologie und der wissenschaftlichen Untersuchung des Placebo-Effekts und seines Gegenstücks: des Nocebo-Effekts.” (Vorwort Wu Ming Kollektiv)

0. Covid-19 als Bildverarbeitungsmaschine

Das lehrt uns seit Jahren die beste Philosophie unserer Zeit: Die große Trennung zwischen Natur und Kultur, zwischen dem Reich der Objektivität und dem Reich des Begehrens, ist nur ein modernes Konstrukt. Im Reich der Aufdeckung und der großen Daten haben wir sie zu unserem Schaden (wieder) entdeckt: neutrale Fakten gibt es nicht; keine Daten sind einfach „gegeben“, alle Daten sind das Ergebnis einer Beobachtungswahl, einer Interpretation, einer Absicht, einer Politik. Es gibt keine Vision der Welt, die nicht das Ergebnis einer Einigung über das Aussehen, die Einstellungen, die bewussten und unbewussten Entscheidungen einer Gemeinschaft ist; und es gibt keine Kultur, die von einer Gruppe geteilt wird, die nicht mit Vereinfachungen operiert, weil, wie die Naturwissenschaften lehren, das Reale zu komplex ist, um es aus einer einzigen Perspektive zu erfassen.

Solange diese Vereinfachungen nicht übertrieben sind, bleibt diese Welt lebenswert; wenn sie es werden und nicht mehr in der Lage sind, den Auswirkungen der Erfahrung „standzuhalten“, kommt man zu dem, was Ernesto de Martino die „kulturelle Apokalypse“ nannte, einem Aufschwung des Realen, der das gemeinsame Bild stört und die Stabilität dieser Welt gefährdet. Dabei offenbart sich nicht das Reale in seiner ursprünglichen Objektivität, sondern eine Art „erkenntnistheoretische Dunkelheit“, in der es notwendig ist, mit antiken Instrumenten nach Sicht zu navigieren.

Das ist es, was wir im Ausnahmezustand von Covid-19 beobachten können, eine echte “ Bildverarbeitungsmaschine „, die in der Lage ist, uns aus dem Schlaf unserer Überzeugungen zu reißen und uns wieder vor die Komplexität der Realität zu stellen. In der größten Pandemiekrise der Nachkriegszeit haben wir keine verlässlichen Daten, weder über die Zahl der Infizierten, noch über die Zahl der Toten, noch über die Auswirkungen der verschiedenen Eindämmungsmaßnahmen, noch darüber, was die nahe Zukunft bringt.

Vorhersehbar, unter solchen Umständen, eine Art „Nostalgie für das Einfache“, der Versuch, ein komplexes Universum auf der Grundlage einiger weniger elementarer Hypothesen zu erklären. Verschwörung und paranoide Lesarten finden hier ihre Wurzel, ebenso wie die Verweise auf die Wissenschaft – also auf den Szientismus – von raffinierten Intellektuellen, die sich bis gestern als kritische Denker ausgaben. Hic Rhodus, hic skips: Heute muss mehr denn je bekräftigt werden, dass die Realität enorm komplex ist und – teilweise – nur durch komplexes Denken erfasst werden kann. Um diesen Knoten herum werden die Möglichkeiten eines intelligenten Ausstiegs aus der Krise durchgespielt; und auf der anderen Seite war die Vereinfachung der Komplexität immer eine reaktionäre Operation der Herrschaft über das Gewissen.

Hervorragende kritische Analysen der aktuellen Pandemie, der Eindämmungspolitik und ihrer sozialen Auswirkungen sind bereits im Internet verfügbar, und wir verweisen auf sie für eine Beschreibung des kritischen Bereichs, in dem wir uns bewegen, von den in diesem Blog veröffentlichten Beiträgen bis hin zu den Interventionen von Roberto Beneduce und dem Collectif Malgré Tout. Das Bild, das diese Texte zeichnen, ist zu Recht unvollständig, nicht linear, mit einem einzigen Blick schwer zusammenzuhalten und nicht sehr anfällig für Reduktionismus. Sie stellt eine Verflechtung von Kausalfaktoren dar, von denen keiner für sich allein ausreicht, um den Tatsachen Rechnung zu tragen: mikrobiologische Forschung über das Virus, epidemiologische Daten, Eindämmungspolitiken, nationale Politiken, die Auseinandersetzung zwischen Kapital und Lohnarbeit, die Verwirrung der Bevölkerung, die Auswirkungen von vierzig Jahren Neoliberalismus auf die Strukturen des öffentlichen Gesundheitswesens und im weiteren Sinne auf die biologischen und ökologischen Ketten auf weltweiter Ebene, den Grad der Umweltverschmutzung, administrative und politische Entscheidungen.

Hier möchten wir nur eine Nebenhypothese hinzufügen, die den Rahmen zwar nicht wesentlich verändert, ihn aber in heterodoxer Richtung vertieft. Einige der Leckerbissen, die wir auf den Teller legen werden, sind bitter: Bevor wir sie präsentieren, schlagen wir vier Passagen vor, die den theoretischen Kontext umreißen, in dem die Hypothese Gestalt annimmt und sie begründet. Wir wissen, dass wir dabei die Leser um Aufmerksamkeit bitten, die in Zeiten der Aufregung und des Ausnahmezustands, wie wir sie gerade erleben, schwierig ist, aber unerlässlich, um in der Komplexität zu bleiben.

1. Erster Durchgang. Eilmeldung aus den Biowissenschaften

Wir beide arbeiten seit vielen Jahren auf dem Gebiet des Zusammenwirkens von medizinischer Anthropologie, Ethnologie, Ethnopsychologie und klinischer Geopolitik, und wir verwenden bei der Lektüre der Phänomene die anthropologische Theorie, nach der der Mensch die Frucht seiner Geschichte ist. Um Himmels willen nichts Neues; aber nach siebzig Jahren genetischen, biologischen und ökologischen Reduktionismus und neoliberaler Betonung des Individuums (Erinnern Sie sich: „So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht“?) sind die Perspektiven, die sich eröffnen, wenn man den Menschen als Produkt seiner Zeit und der Umstände, die er durchlebt hat, betrachtet, wirklich befreiend.

Dies ist nicht nur Wunschdenken als Humanisten: Die gesamte genetische, evolutionäre und sozio-ökologische Forschung der letzten zwanzig Jahre bewegt sich in diese Richtung und zeigt, dass nicht nur der Mensch, sondern alle Lebewesen viel komplexere Gebilde sind, als wir bis vor kurzem dachten. Sie ergeben sich nicht aus der Entwicklung eines vordefinierten Programms auf der Ebene der Gene, sondern sind das Ergebnis einer kontinuierlichen und sehr tiefen Interaktion mit der Umwelt, der Landschaft, den Artgenossen, den anderen Lebewesen.

Im Falle des Menschen bedeutet dies, dass der kulturelle Zeit-Raum, in dem wir Gestalt annehmen, uns nach bestimmten Regeln formt, nicht nur in dem, was wir denken, sondern sogar innerhalb der Zellen, in einem Prozess echter biokultureller Gestaltung. Anders ausgedrückt, ist es die wissenschaftliche Forschung selbst, die in diesen Jahren die alte kartesianische Trennung zwischen einem materiellen, mechanischen und objektiven Körper und einer immateriellen Psyche in Frage stellt: Auf jeder Ebene nehmen die menschlichen Subjekte ihre Welt in sich auf. Ihre Widerstandsfähigkeit hängt daher von einer gewissen Kongruenz mit ihrer Welt ab, und Übergänge erfordern Zeit, Sensibilität und Intelligenz.

2. Zweiter Schritt. Zwischen medizinischer Anthropologie und ethnologischer Psychiatrie

Zwischen den 1960er und 1980er Jahren, parallel zur letzten großen Saison der politischen Kämpfe, erlebte die medizinische Anthropologie eine großartige Blütezeit. Geboren, um traditionelle therapeutische Systeme zu studieren, und taktisch eingesetzt, um „anderen“ – nicht westlichen oder, wenn Sie es vorziehen, kolonialisierten Menschen – die Überlegenheit unserer Medizin begreiflich zu machen, kam sie am Ende ihres Weges dazu, die Bio-Medizin als ein traditionelles therapeutisches System (das der industriellen Moderne) zu interpretieren, und erarbeitete verfeinerte erkenntnistheoretische Rahmenwerke, um Gesundheit, Krankheiten, die Konstruktion von Nosologien, semeiotische Praktiken, Wirksamkeit, Compliance usw. auf komplexe Weise zu lesen.

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Zunächst einmal wurde festgestellt, dass die Idee und die Art und Weise der Gesundheit variabel sind und direkt von der Weltanschauung abhängen, in der sie ihren Platz finden. Nicht überall wird Gesundheit als “ Ruhe der Organe “ oder als „ein Zustand des physischen, psychischen und mentalen Wohlbefindens“ verstanden: Andere menschliche Welten verstehen sie als Gleichgewicht oder als Fluss oder als die richtige Position in Bezug auf die kosmischen Achsen oder sogar als gute Beziehungen.

In der Zwischenzeit stellte die transkulturelle Psychiatrie, und noch entschiedener die ethnologische Psychiatrie, die diagnostischen Handbücher der Psychiater in Frage und stellte die Theorie auf, dass jede menschliche Gruppe auf eine bestimmte Art und Weise verrückt wird, entweder indem sie psychisches Leiden auf unterschiedliche Weise gestaltet oder ganz bestimmte und anderswo unbekannte Krisenpfade prädisponiert. In ähnlicher Weise hat die medizinische Anthropologie die Hypothese aufgestellt, dass jede Kultur nicht nur das Ideal der Gesundheit prägt, sondern auch die Wege und Pfade, auf denen es möglich ist, krank zu werden.

So kommen wir zum ersten schwierigen Bissen: In einem konzeptionellen, anthropologisch gefühlten Rahmen ist nicht einmal Krankheit etwas Gegebenes und Allgemeingültiges, auch sie ist das Produkt einer Geschichte, in der verschiedene Faktoren auf komplexe Weise zusammenwirken. Die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt; das Klima; die Art der verfügbaren Nahrungsmittel; die Verteilung von Macht und Ressourcen; die Beziehung zu Leben und Tod; hygienische und rituelle Praktiken; die Definition von Gesundheit und die Techniken zu ihrer Aufrechterhaltung; die Beschreibung von Krankheiten; die Techniken der Heilung: all dies und vieles mehr beeinflusst die Art und Weise, wie wir krank werden und die Möglichkeiten der Heilung.

3. Schritt drei. Kosmovision, Buffet, Placebo, Nocebo.

1983 veröffentlichten Robert Hahn und Arthur Kleinman in der renommierten Zeitschrift Medical Anthropology Quarterly einen kurzen Artikel über die Auswirkungen des Glaubens. In der Rückbesinnung auf „ethnologische“ Phänomene, die auch innerhalb unserer eigenen Grenzen zu erkennen begannen (Glaubensheilungen, Placebo-/Nocebus-Effekt, symbolische Wirksamkeit usw.), öffnen sich die Autoren ohne Umschweife:

„Überzeugungen töten; Überzeugungen heilen. Was eine Person innerhalb einer Gesellschaft glaubt, spielt eine bedeutende Rolle sowohl bei der Entstehung von Krankheit als auch als Heilmittel“

In den folgenden Jahrzehnten wird Kleinman zu einer der höchsten Autoritäten in der transkulturellen Psychiatrie werden, und Hahn, Koordinator eines Zentrums für Krankheitsbekämpfung und -prävention, wird seine Forschung über die schädliche Wirkung vertiefen. Das Erscheinungsjahr bezieht sich auf die letzten Überbleibsel einer Zeit, in der auch in der wissenschaftlichen Forschung heterodoxe Hypothesen verfolgt werden konnten:

„Das Ausmaß dieser Überzeugungen als Ursache von Krankheiten und als Heilmittel ist das gleiche wie bei Mikroorganismen und Medikamenten: Unter bestimmten Bedingungen des Wirtsorganismus und der Umwelt hängen Pathologie oder Heilung stark von der Überzeugung ab“.

Ihre These wird gestützt durch ethnologische Literatur, durch eigene Beobachtungen und durch den Reichtum des theoretischen Hintergrunds, der im Westen aus zwei Jahrzehnten Kämpfen, Widerstand und Experimenten entstanden ist. In der Folge werden sich die Forschungen, Daten und Experimente zum Placebo-Effekt vervielfachen und die Hypothesen der beiden Autoren im Wesentlichen bestätigen, aber die öffentlichen Interpretationen werden immer sehr vorsichtig bleiben, als ob es bei der gleichen Möglichkeit des Placebo-/Nocebo-Effekts etwas gäbe, das zu skandalös wäre, um es laut auszusprechen.

Tatsächlich gibt es uralte Missverständnisse zu entschlüsseln. Die erste hängt von unserer ideologischen Neigung zum Extremismus ab: Die Unterstützung der Wirksamkeit des Immateriellen bedeutet nicht, die Wirksamkeit des Materiellen zu leugnen:

„Es ist unwahrscheinlich, dass der Glaube an die therapeutischen Vorzüge von Arsen in massiven Dosen diese Chemikalie in ein Heilmittel verwandeln wird; nichtsdestotrotz schlagen wir vor – obwohl wir nicht versuchen werden, dies zu beweisen -, dass ein solcher Glaube seine toxische Wirkung verringern würde. Ebenso kann der fehlende Glaube an Antibiotika deren Wirksamkeit vermindern, und das Vertrauen oder die Skepsis gegenüber „pharmakologisch unbedenklichen“ Praktiken oder Materialien kann ihre Wirkung in die erwartete Richtung lenken“

Das zweite Missverständnis rührt von der Unveränderlichkeit des kartesianischen Modells her, d.h. von der Trennung zwischen Psyche und Materie: In diesem Dualismus ist der Placebo/Nocebus-Effekt „magisch“ im schlechteren Sinne des „magischen Gedankens“, des Plagiats oder des Aberglaubens („wenn ich denke, ich werde gesund, werde ich gesund), („wenn eine schwarze Katze meine Straße überquert, wird das Auto ins Schleudern kommen“).

Auf der anderen Seite erfordert das anthropologische Paradigma der bio-kulturellen Gestaltung eine nicht-kartesianische Ontologie:

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„Menschliche Ereignisse sind nicht nur geistig oder körperlich, daher kann man nicht fragen, wie geistige Ereignisse körperliche Ereignisse verursachen und umgekehrt. Wenn überhaupt, dann haben alle menschlichen Ereignisse physische und mentale Aspekte (und andere Aspekte: chemische, physiologische, bewusste, unbewusste usw.). Der Geist ist einbezogen, der Körper ist bewusst. Umgekehrt, wenn wir von „psychischen Zuständen“ sprechen (Überzeugungen oder Erwartungen, Hoffnung oder Angst), gibt es physiologische Korrelate dieser Zustände“

Die Grundannahmen einer Gemeinschaft werden zu Körper, Zellen, Physiologie, Neurologie; nicht von abstrakten Wahrheiten oder körperlosen Gedanken, die wir leben und sterben, sondern von unserer intimen, radikalen Kongruenz zu einer Welt.

4. Schritt vier. Der Nocebo Wirbel.

Die vierte Position beginnt mit einem langen Artikel von Robert Hahn über den Nocebo-Effekt, der 1999 veröffentlicht wurde, und endet mit dem berühmten Artikel von Walter Cannon über Todesfälle durch Schock, der 1942 veröffentlicht wurde.

Nachdem er die Nocebo-Hypothese als die Tatsache definiert hat, dass „die Erwartung der Krankheit die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die erwartete Krankheit eintritt“, geht Hahn zu einer Durchsicht der verfügbaren wissenschaftlichen Literatur über und illustriert verschiedene Formen des Nocebo-Effekts, von denen wir hier nur eine Zusammenfassung mit einigen Beispielen vorstellen.

Zunächst einmal ist da die Entwicklung der erwarteten negativen Symptome. In einem Experiment wird einer Gruppe von Studenten gesagt, dass die Verabreichung eines Elektroschocks Kopfschmerzen verursacht; obwohl der Schock nicht physisch angewendet wird, berichten 70% von ihnen in den folgenden Stunden das erwartete Symptom. Bestimmte Allergien und vorzeitige Übelkeit bei Chemotherapie-Patienten können auf eine solche Wirkung zurückgeführt werden. Die symptomatische Entwicklung kann auch durch Beobachtung der Reaktionen anderer entstehen: In diesem Fall spricht man von einer soziokulturellen Krankheit – ein Beispiel für eine leichte Ausprägung: Der „Lufthauch“ ist eine ethnospezifische italienische Krankheit, die jenseits der Alpen unbekannt ist und über die die Franzosen viel lachen.

Wenn bestimmte Ereignisse oder Mitteilungen ausbleiben, beeinflussen Überzeugungen das Ergebnis: Die Angst, von einer Herzerkrankung betroffen zu sein, erhöht das Risiko eines ischämischen Anfalls; ebenso erhöhen depressive Zustände – d.h. ein allgemeines Gefühl der Impotenz – die Wahrscheinlichkeit, an den Folgen ischämischer Ereignisse zu sterben, was beweist, dass der Nocebo-Effekt keineswegs eine psychologische “ Konstruktion “ ist und seine Auswirkungen völlig real sind. Die so genannten „Voodoo-Todesfälle“, die als Folge der Induktion eines allgegenwärtigen Terrorzustandes auftreten, zeugen hinreichend von den tragisch realen Auswirkungen des Phänomens.

Der Autor befasst sich dann mit Episoden von kollektiver Panik, in denen ganze Gruppen von Menschen Symptome entwickeln, deren organische Ursachen zweifelhaft oder nachweislich nicht vorhanden sind – zum Beispiel im Zusammenhang mit einem in der Luft wahrgenommenen seltsamen Geruch, der auf die Verbreitung giftiger Substanzen zurückzuführen ist, oder auf Insektenstiche, die normalerweise harmlos sind. In diesen Fällen ist die Entwicklung von Symptomen sozusagen „choral“: Wenn sich der Alarm ausbreitet, manifestieren sich die erwarteten Anzeichen bei einem hohen Prozentsatz der Betroffenen.

Daher kann ausgeschlossen werden, dass der Nocebo Effekt nur psychoemotional anfällige oder zu Krisen neigende Personen betrifft: Er kann generell bei einer ganzen Population auftreten, die einem als riskant empfundenen oder beschriebenen Umstand ausgesetzt ist. Die vergleichende Analyse dieser Art von Episoden hebt mehrere bemerkenswerte Tatsachen hervor: Sie treten in der Regel an Orten auf, an denen Menschen in großer Zahl zusammenkommen (Schulen, Fabriken, Städte); sie betreffen hauptsächlich die schwächsten oder prekärsten sozioökonomischen Schichten; und sie nehmen in Zeiten stärkerer sozialer und wirtschaftlicher Belastung zu. Die soziale Strukturierung spielt daher eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung und Gefährlichkeit von Ereignissen.

Diese Reflexion kann auf einen der kritischsten und heikelsten Bereiche der menschlichen Existenz ausgedehnt werden:

„Das Nocebo-Phänomen ist ein Nebeneffekt der menschlichen Kultur. Sie legt nahe, dass die ethnomedizinischen Kategorien einer bestimmten Gesellschaft nicht nur die Krankheitszustände beschreiben, von denen man annimmt, dass sie existieren, sondern dass sie solche Zustände auch induzieren können, indem sie die Erwartung wecken, dass sie auftreten werden. […] Auf diese Weise kann ein kulturelles System, von dem gewöhnlich angenommen wird, dass es der Funktion der Heilung dient, auch eine paradoxe Nebenwirkung haben und genau die Krankheiten hervorrufen, die es zu verhindern oder zu heilen sucht“

Tatsächlich sprechen wir in der medizinischen Anthropologie und Ethno-Psychiatrie von der patho-plastischen Funktion und der pathogenetischen Funktion von Kulturen.

Die erste ist sozusagen die Sonnenseite des bio-kulturellen Gestaltungsprozesses: die kollektive Fähigkeit, Krankheiten Gestalt zu geben und die Krise nicht in der Katastrophe der Sinnlosigkeit zu belassen.

Die zweite ist die Schattenseite: Jede Formgebung ist zwangsläufig auch eine Induktion. Letztendlich bedeutet dies, dass es keine Möglichkeit gibt, den Nocebo-Effekt zu vermeiden, der aus genau der Bewegung entsteht, die die Therapie ermöglicht, im Schattenbereich der kulturellen und imaginären Strukturierung, wo Mehrdeutigkeit die Regel ist. Dennoch gibt es eine Art und Weise und einen Weg, die Mehrdeutigkeit, die Krankheit, Therapie, Diagnose, Heilung, Placebo und Nocebo verbindet, zu überwinden: Es ist zum Beispiel möglich, dass die Kulturen, in denen die Existenz dieser Verflechtung zugelassen und beobachtet wird, besser in der Lage sind, ihre Auswirkungen einzudämmen.

Wie viele spätere Autoren weist auch Hahn auf Cannons berühmte Hypothese hin und bestätigt sie in Jahren des Weltkonflikts: Wut und Angst können zum Zusammenbruch des neurovegetativen Gleichgewichts führen, der so schwerwiegend sein kann, dass er lebenswichtige Funktionen lähmt und zum Tod führt. Dies gilt für die so genannten „Voodoo-Todesfälle“, die von Ethnologen seit langem beschrieben werden, aber auch für viele Beobachtungen, die von Ärzten an den Kriegsfronten gemacht wurden: Der Terror der Ereignisse und der lang anhaltende Stress der Kriegssituation kann auch ohne organische Verletzungen tödliche Folgen haben.

5. Vom Zirkus und guten Familienvätern

Die aktuelle Coronavirus-Pandemie kann nur jemanden in Frage stellen, der mit medizinischer Anthropologie zu tun hat. Genauer gesagt scheint es uns unausweichlich, eine komplexe Reflexion über die unterschiedliche Entwicklung von Infektiosität und Mortalität in den verschiedenen betroffenen Nationen und, im Falle Italiens, in den verschiedenen Regionen zu führen. Wenn man davon ausgeht, dass zuverlässige epidemiologische Hypothesen nur dann möglich sein werden, wenn (und falls) eine realistische und international vergleichbare Berechnung der Zahlen erreicht wird, zeigt der italienische Fall – und insbesondere der gewaltige Fall der Lombardei – eine spezifische Phänomenologie, in die man sich besser einarbeiten sollte.

Damit sind wir bei der ätiologischen Hypothese angelangt, die wir der Erklärung der Ereignisse hinzufügen möchten. Wir sprechen es von Anfang an aus, damit es im weiteren Verlauf des Arguments im Auge behalten werden kann: Es ist möglich, dass die Bewältigung der Krise an der Schnittstelle zwischen nationaler und lokaler Politik und den Kommunikationsstrategien der öffentlichen Institutionen und der großen Medien das Sterberisiko durch Covid-19 auch – und wir betonen: auch – die Auslösung von Angst, Panik und Paranoia in der Bevölkerung erhöht hat.

Beginnen wir mit einer zusammenfassenden Analyse der Medienberichterstattung über die Epidemie. Es lohnt sich nicht, auf der Dynamik der großen Medien zu insistieren: Auf dem freien Informationsmarkt gewinnt, wer es schafft, Aufmerksamkeit zu erregen und dann zu behalten, und es ist bekannt, dass Angst ein ausgezeichneter Aufhänger ist. In Italien war die Medienberichterstattung über Covid-19 von Anfang an unverhältnismäßig, hektisch und alarmierend.

Zu Beginn gab es eine exklusive und zwanghafte Annäherung an dieses eine Thema. Einige werden sich an die katastrophale Distanz erinnern, die in den ersten beiden Märzwochen zwischen dem, was in italienischen Zeitungen gelesen wurde, und dem, was von französischen, englischen und deutschen Zeitungen vorgeschlagen wurde – eine Diskrepanz, die in beiden Richtungen Ängste auslöste: die der Italiener im Ausland, die eine Minimierung des Problems durch die Gastgeberländer vermuteten, und die der Italiener in Italien, die eine Übertreibung des Problems durch unsere Regierung vermuteten. Zu diesem Zeitpunkt leisteten die Berühmtheiten der Informationsgesellschaft ihren vollen Beitrag, übertriebene Panikmache und Verleugnung beschäftigten die gesamte öffentliche Szene, und der Preis für die Sichtbarkeit ging an diejenigen, die am lautesten schrien, indem sie Beleidigungen statt Argumente verwendeten.

Unmittelbar danach, zeitgleich mit der raschen Abfolge der DPCMs, drangen Bilder von Ärzten in Raumanzügen, die aus Hollywood-B-Filmen zu stammen schienen, in die Bildschirme ein, während die Zählung der Toten und Infizierten zu einem makabren täglichen Ritual wurde. Nach der ersten Verwirrung nahm die Kommunikation eine kriegerische Rhetorik an, gespickt mit Erinnerungen an die apokalyptische Bildsprache, die jahrzehntelang im gesellschaftlichen Unbewussten lag.

Anstatt über die Situation zu informieren – d.h. das Bekannte aufzudecken, das Unbekannte zuzugeben und die verschiedenen Wahlmöglichkeiten zu erörtern – hat die Kriegsrhetorik das gesellschaftliche Unbewusste um die außerordentlichen Bedürfnisse verdichtet, die der Kampf gegen einen unsichtbaren, allgegenwärtigen und sehr gefährlichen Feind ohne Rücksicht auf Verluste mit sich bringt.

Die italienische Politik ihrerseits hat sich sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene in den üblichen paternalistischen und opportunistischen Formen ausgedrückt: zum Beispiel in Entscheidungen über die Nutzung von Strukturen; in der Entscheidung, keine Abstriche zu machen (oder dies doch zu tun); in widersprüchlichen Anordnungen über die Verwendung von Masken. Anstatt die verschiedenen Zuständigkeiten des öffentlichen Sektors zu koordinieren, um die Krise so effizient und so wenig traumatisch wie möglich zu bewältigen, haben die Entscheidungen der Regionen und der Regierung heftige Auswirkungen auf die Einsatzmöglichkeiten der Ärzte und des Gesundheitspersonals, die ihre Interventionen entsprechend den politischen Bequemlichkeiten und den wahltaktischen Bedürfnissen einer Gruppe „starker Männer“ einsetzen…

In die gleiche Richtung ging auch die Einführung von Eindämmungsmaßnahmen, die im Vergleich zu denen anderer Nationen besonders ärgerlich sind. Unbeschadet der Notwendigkeit, die Ansteckung zu verlangsamen, und der Schwierigkeit, in Situationen epistemologischer Dunkelheit zwischen dem, was wirksam ist, und dem, was nicht wirksam ist, zu unterscheiden, sind die italienischen Bestimmungen bis zum Absurden gegangen: Verbot des gemeinsamen Ausgehens für diejenigen, die im selben Haus wohnen; Verbot, allein in Parks oder im Wald spazieren zu gehen; Verbot, sich im Freien aufzuhalten; Verbot, Kinder ausgehen zu lassen; Verbot, außerhalb der Wohngegend einkaufen zu gehen; Verbot, an den Strand zu gehen. Diese Absurditäten von zweifelhafter verfassungsrechtlicher Gültigkeit, die die Zuneigungen und familiären Netzwerke kriminalisierten und die territorialen Realitäten der Solidarität, die das Überleben der schwächsten und am stärksten marginalisierten Gruppen garantierten, in den Hintergrund drängten. Und das konnte folglich nur durchgesetzt werden, indem man die Kontrolleure zum Missbrauch ermächtigte.

In ähnlicher Weise können einige der vorgeschlagenen und weithin vermittelten Maßnahmen – die Straßen mit Ammoniak zu waschen, Lebensmittel tagelang vor der Tür zu lassen, die Kleidung zu desinfizieren, in der man ausgeht – nur in einem wahnsinnigen und entsetzlich anmaßenden Projekt zur Desinfektion der Welt vernünftig klingen.

Die Presse wiederum zog es vor, zu warnen und zu bestärken, statt kritisch zu erklären und zu diskutieren. Wie von Osservamedia Sardegna festgestellt, „angesichts der sehr strengen Einschränkungen der kollektiven Freiheit, die den Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie auferlegt wurden, wurden die wissenschaftlichen Gründe für die Maßnahmen nur angeschnitten oder schlecht erklärt, was eine zwanghafte Wiederholung der zu befolgenden Anweisungen begünstigt, so wie es ein Erwachsener mit einem Kind tun würde. Dieser paternalistische Ansatz, dem die elementarsten demokratischen Grundlagen gänzlich fehlen, wird von den legitimen Akteuren vor Ort in dieser Zeit weiterhin propagiert, um über den Notstand zu sprechen: Experten, Politiker und Kommentatoren, und hat in seiner gesellschaftlichen Ausbreitung über digitale Plattformen hysterische Massenanstürme angenommen“.

Bis hin zu denen, die, wie Barbara D’Urso, Publikum gefunden haben, indem sie Menschenjagden mit Drohnen gezeigt und die Öffentlichkeit dazu angestiftet haben, Emotionen aus dem Ku Klux Klan zu wecken.

Hier finden wir einen weiteren bitteren Bissen, nämlich die politischen Emotionen, die Art und Weise, wie der öffentliche Diskurs dem, was wir gegenüber Gruppen „anderer“ empfinden, Gestalt, Inhalt und Dauer verleiht: Ausländer, Migranten, Angehörige anderer sozialer Schichten, Menschen, die ethnischen oder rassischen Gruppen angehören, Bürger feindlicher Nationen usw. Im Zusammenhang mit der Covid-19-Epidemie hat uns die italienische Informationsgesellschaft nicht nur gezeigt, wie wir uns hätten verhalten sollen, sondern auch, was wir hätten fühlen sollen, und Emotionen, Hass und Polarisierungen erzeugt, deren Auswirkungen wir in ihrem ganzen Ausmaß erst am Ende des Ausnahmezustands erfassen werden.

6. Das Ende der Welt in Moll

Besondere Aufmerksamkeit verdient die soziale Distanzierung, die per Gesetz den Kontakt mit anderen verbietet, und das Verbot, Riten jeglicher Art zu feiern.

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Verschiedenste psychologische, ethologische und endokrinologische Forschungen weisen darauf hin, dass der Mangel an Körperkontakt bei Neugeborenen Syndrome auslöst, die von Depressionen über Zwergwuchs bis hin zum Tod in den schwersten Fällen reichen; und dass die emotionale und physiologische Regulation unseres Seins von der Gesamtheit unserer Beziehungen abhängt. Und es ist bekannt, dass die völlige Isolation schon immer eine Foltermethode in Gefängnissen war. Auch wenn wir zugeben, dass die Fähigkeit der Erwachsenen, sich selbst festzuhalten, viel tetragonaler ist als die der Neugeborenen, so muss man sich doch fragen, welche psychischen und physischen Auswirkungen eine ganze Bevölkerung, die einem einheitlichen Regime der Isolation unterworfen ist, erleiden kann.

Öffentliche Riten – Graduierungen, Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen – wurden tout court verboten, selbst wenn sie in kleinen Kreisen sicher hätten durchgeführt werden können. Besonders tragisch war, wie andere betonten, die Kombination aus der totalen Isolation der Patienten von Covid-19 in Krankenhäusern und dem Verbot, sich von ihnen nach ihrem Tod zu verabschieden. Es gibt keinen eindeutigen medizinischen Grund für eine solch grausame Herrschaft, sondern nur eine politische Entscheidung, die von der Notwendigkeit diktiert wird, zu viel zu tun, nachdem zu wenig getan worden war. Wenn wir nun die italienische Situation auf den Hintergrund der anthropologischen Literatur projizieren, müssen wir zugeben, dass dies eine so ernste Situation ist, dass sie die Stabilität einer Welt gefährdet – wie es in der Tat in der Lombardei geschah.

Die von de Martino beschriebene kulturelle Apokalypse kommt dann, wenn es für eine menschliche Gruppe als Ganzes weder möglich ist, die bisherigen Institutionen aufrechtzuerhalten, noch neue zu erfinden – die wichtigsten Institutionen sind jene, die die kritischen Momente der Existenz regeln: Geburt, Tod, Status-Passagen. Wenn die Bräuche durch Dekrete überschrieben werden, wenn die Institutionen des menschlichen Lebens (diejenigen, die uns menschlich machen: siehe erster Teil dieses Artikels) einer plötzlichen Annullierung unterworfen werden, dann ist das Ergebnis die Krise der individuellen und kollektiven Präsenz.

Gerade weil es sich um sehr schwerwiegende Maßnahmen handelt, hätte man die soziale Distanzierung und die Aussetzung der Riten ganz anders behandeln müssen: Es ging darum, die Maßnahmen möglichst wenig traumatisch zu gestalten, die in jedem Fall eine destrukturierende Wirkung haben. Damit dies möglich ist, müssten die Italiener jedoch den Status von Erwachsenen erhalten, die in der Lage sind, Risiken einzuschätzen und ein vernünftiges Verhalten an den Tag zu legen – eine Hypothese, die nach allem, was man hört, nicht die der Regierung ist.

7. Beklemmung. Motive des Terrors.

Der vorhersehbare Effekt dieser Totalisierung des öffentlichen Diskurses war in erster Linie eine kognitive Lähmung, eine beängstigende Situation, die daran erinnert, was unter Umständen geschieht, die speziell konstruiert wurden, um Subjekte durch die Dissoziation von Worten und Dingen, Sprache und Welt zu entmenschlichen. Unmittelbar danach kam das Bedürfnis nach Sicherheit und das emotionale Bedürfnis, sich an eine gemeinsame Interpretation von Fakten und kollektives Handeln zu halten. Sehr menschliche Bedürfnisse in Zeiten der Ungewissheit, die jedoch (außer in Bereichen, die noch in der Minorität sind) keine kritischen Einsichten und innovativen Ansätze hervorgebracht haben und auf die stattdessen eine besonders abstoßende Form der nationalen Einheit aufgepfropft wurde, die jammernd, tröstend und applaudierend wirkt und die die berühmte Definition von Brecht durchaus verdient.

Eine umfangreiche psychosoziale Literatur untersucht diese Phänomene; im italienischen Fall äußert sie sich u.a. in der Denunziation von Nachbarn und der weit verbreiteten Verwendung von Masken als öffentliches Zeugnis für das Festhalten an einer sozialen Inszenierung, die beruhigt und es erlaubt, sich auf der rechten Seite der Barriere zu positionieren, die ehrliche und willfährige Bürger von den schuldig Gesalbten trennt.

Die Ergebnisse dieses nationalen Klimas haben weniger mit den intellektuellen Positionen von Einzelpersonen zu tun als mit einem weit verbreiteten medienvermittelten Gefühl. Unbeschadet nicht nur der Feinfühligkeit, sondern auch der Notwendigkeit, sich zu beschützen und andere zu schützen (insbesondere im Falle der am meisten gefährdeten Personen), stellt sich eine andere Frage: Wie bereits in den schlimmsten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts gesehen, verschwindet die Möglichkeit der kritischen Distanz, die Ratlosigkeit ist bereits Verrat.

Es ist eine weit verbreitete Beobachtung, dass selbst in den politisch aufmerksamsten Kreisen von kritischen Beobachtungen über Pandemieereignisse Abstand genommen werden muss, um keine Verurteilung, Zusammenstöße oder Brüche zu riskieren. Diese kriegerische Polarisierung ist zusammen mit dem emotionalen Bedürfnis, sich an die Logik der Gefangenschaft zu halten, ein Symptom.

Inmitten all dessen beherrscht der Terror des Virus die Gedanken und Bewegungen. Terror und nicht Angst: Wie de Martino schrieb, geht zwischen der Angst, die eine überlegte Handlung auslöst, und dem Terror derer, die von einem fixen Gedanken beherrscht werden, eine Form psychischer Entfremdung einher. Und hier liegt der springende Punkt: Diese Entfremdung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis politischer und kommunikativer Entscheidungen; sie ist das Ergebnis eines regelrechten terroristischen Kampfes.

Der vorgeschriebene paternalistische und polizeiliche Weg – #iorestoacasa, Applaus am Fenster, im Notfall denkt man nicht, aber man handelt, man hat keine Wahl, man verzichtet auf alle Rechte, bekommt einen Passierschein, akzeptiert jede Kontrolle durch die Polizei, lässt sich verfolgen – ist ein meisterhafter Weg für den Totalitarismus des Denkens. Darüber hinaus erzeugt sie einen besonders perversen emotional-kognitiven Teufelskreis: Nicht nur derjenige, der die Regeln bricht, wird bestraft, sondern er riskiert, für die unmittelbaren Folgen seiner eigenen Geste zu sterben und sterben zu lassen. Eine „Strafkolonie“, die die Feder eines neuen Kafka erfordern würde.

Wir wiederholen es noch einmal: In diesem Artikel wird weder die Gefährlichkeit des Covid-19 in Frage gestellt, noch die Notwendigkeit außerordentlicher Eindämmungsmaßnahmen, insbesondere angesichts des schlechten Gesundheitssystems. Es geht um die Gefährlichkeit der Ausübung von Terror durch diejenigen, die mit der Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten und Informationen betraut sind.

Bemerkenswert ist bei all dem auch, wie die Manipulation von Informationen einen Skandal bei jedem Todesfall auslöst, der direkt auf ein Scheitern der therapeutischen Handlung zurückzuführen ist (wie es gerade bei Covid-19 der Fall ist, zumindest in den Fällen, die durch den Einsatz eines Testes als solche erkannt werden sollten), während sie die Zahl der indirekten Todesfälle aufgrund von sozio-ökologischen Faktoren völlig im Schatten lässt – zum Beispiel jene, die auf die Umweltverschmutzung zurückzuführen sind, die in Italien laut Greenpeace etwa 56.000 pro Jahr beträgt.

Es ist der Triumph der Abschottung des Individuums in sich selbst und der Atomisierung: Was der Welt und dem Leben Sinn gibt, liegt nicht in der Beziehung zu anderen und mit anderen, im Teilen einer gemeinsamen Umgebung, im con-divenire, sondern wird ausschließlich in der Innerlichkeit der Subjekte angesiedelt.

Die Angst vor dem Anderen, vor Kontakt, vor Ansteckung, die sich bereits in einem großen Teil der Bevölkerung ausbreitete und sich in rassistischen und manchmal faschistischen Formen äußerte, findet so ihren vollen und legitimen Ausdruck nicht mehr in Bezug auf eine bestimmte menschliche Gruppe, sondern in Bezug auf alle anderen. Es ist eine Art „totaler Rassismus“, der jeden und alles von der Möglichkeit einer menschlich vernünftigen Beziehung ausschließt: In bestimmten Gegenden Italiens tragen Kinder chirurgische Masken, die völlig nutzlos sind, um im Garten spielen zu gehen.

Hier finden wir die totalitäre Schließung eines perversen und sehr gefährlichen Kreislaufs: Je größer die Angst vor dem anderen und das zwanghafte Bedürfnis, sich vor der Bloßstellung zu schützen, desto mehr qualifiziert man sich als guter und gehorsamer Bürger. Das ist der Teufelskreis und der psychopathologische Kreislauf, in dem sich viele heute eingemauert wiederfinden.

8. Vom Terror zum erhöhten Sterberisiko

Die strukturelle Gewalt der Sozialsysteme verursacht Krankheit und Tod: Die Tatsache ist so bekannt, dass sie das Beharren darauf nicht berücksichtigt. An diesem Punkt kann jedoch eine andere Frage gestellt werden: Ist es möglich, dass absurde, mit Gewalt erzwungene Eindämmungsentscheidungen, die Legitimierung von Paranoia und die Induktion von Terror psychophysiologische Zustände auslösen, die die Symptomatik verschlimmern und zu einer größeren Schwere des pathologischen Phänomens prädisponieren, sowohl in der Bevölkerung im Allgemeinen als auch vor allem in dem Teil der Bevölkerung, der bereits struktureller Gewalt ausgesetzt ist?

Die oben vorgestellte Forschung erlaubt zumindest die Formulierung der Frage. Auch wenn das Virus unter einem bestimmten Gesichtspunkt „niemandem ins Gesicht schaut“, sind weder die Morbidität noch die Mortalität durch das Coronavirus gleichmäßig unter den Nationen und sozialen Schichten verteilt. Es ist nicht schwer anzunehmen, dass die befürchtete Schwere der Covid-19-Infektion und die Hoffnungen auf ihren Verlauf bei denjenigen, die unter ohnehin schon prekären wirtschaftlichen und existenziellen Bedingungen leben, noch schlimmer sind; und dass die Schwierigkeit des Zugangs zu Behandlungen (sowohl im Krankenhaus als auch im Quartier) ein erheblicher erschwerender Faktor ist.

Im Falle Italiens kann man die Hypothese aufstellen, dass die Härte der Eindämmungspolitik und die Wahl der Medienkommunikation eine Rolle bei der Auslösung eines psychologischen Angst- und Panikzustands gespielt haben, mit den entsprechenden Auswirkungen auf das Immunsystem und der Möglichkeit einer Reaktion auf das Virus.

Der Fall der Lombardei scheint dies auf tragischste Weise zu verdeutlichen. Auch hier gibt es keine Vereinfachungen: Auf einem relativ kleinen Gebiet und in relativ kurzer Zeit hat sich eine exorbitante Anzahl von Ereignissen und Risikofaktoren konzentriert, die nur in ihrer Gesamtheit etwas „erklären“.

Der erste Faktor ist die höchste Bevölkerungsdichte Italiens gemeinsam mit der von Campania, wobei Lazio mit großem Abstand an dritter Stelle steht. Dann gibt es dort die höchste Dichte von Unternehmen und Industrien auf dem Staatsgebiet, begleitet von der üblichen Neigung der Arbeitgeber, mit den Lohnabhängigen Rechnungen zu begleichen. Ein entscheidendes Element ist durch die sehr hohe Verschmutzung der Poebene und ihre nachteiligen Auswirkungen auf das Atmungssystem und die allgemeine Gesundheit gegeben. Hinzu kommt das Gesundheitsmodell der Region Lombardei, das auf der Privatisierung von Dienstleistungen und dem Profit der Gesundheit beruht: bis gestern als tugendhaftes Beispiel für den Export besungen, erwies es sich bis zum Beweis der Tatsachen nicht nur als unzulänglich, sondern als ernsthaft verfehlt.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, ging eine Regionalregierung innerhalb weniger Tage von der Leugnung des Problems (das Fußballspiel Atalanta-Valencia, die Verzögerung bei der Schließung des Produktionssektors) zur Panik über (die Verwendung von RSAs als Eindämmungsmittel für die Infizierten, der ungeschickte Versuch, sich per Dekret selbst zu beseitigen).

Nun, welche Reaktion, wenn nicht Panik, können wir von einer Bevölkerung erwarten, die riskanten Entscheidungen ausgesetzt ist, dem Zusammenbruch ihres eigenen Gesundheitssystems, unerbittlich getrieben von der apokalyptischen Rhetorik der Medien, genau in dem Moment, in dem so grundlegende Gesten für den psychischen und kollektiven Reichtum wie Familienbeziehungen, Straßengespräche und die rituelle Verabschiedung der Toten verboten sind?

Man könnte dann die Hypothese aufstellen, dass die Ursache der – wenn auch nur geringfügigen- Erhöhung der Mortalität in der Lombardei die Angst und Furcht derjenigen war, die sich in einer schrecklichen Krise wie der Coronavirus-Pandemie befanden und allein, unter einer Verschränkung von struktureller Gewalt, mit dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems, vagen und/oder lästigen Vorschriften, Bevormundung und Medienterror zurechtkommen mussten; ein Zustand der Besorgnis, der durch den Fortgang der lombardischen Affäre selbst – d.h. durch die ersten katastrophalen Ergebnisse der Regionalpolitik – noch verschlimmert wurde.

Um diesen Verdacht in etwas Minimalwissenschaftliches zu übersetzen, wäre eine vergleichende Studie über die Morbidität/Mortalität des Virus in verschiedenen Ländern in Bezug auf die Eindämmungspolitik und den Kommunikationsstil der wichtigsten Medien erforderlich – eine Studie, die erst in einigen Monaten und nur dann möglich sein wird, wenn eine Form von Konsens über die Berechnung der Todesfälle erreicht wird. Sollte sich diese Hypothese jedoch auch nur teilweise bestätigen, dann sollten die rhetorischen Eskalationen, die wir erlebt haben, die Ausnutzung der Angst zu spektakulären Zwecken und die kommunikativen Strategien der „starken Männer“ mit der ganzen Strenge betrachtet werden, die für folgenreiche Gesten gilt.

Die Gesellschaft des Spektakels ist eine Form der integralen Erfassung der Subjekte, die sie zwingt, entlang von Linien zu leben und zu sterben, die bisher der öffentlichen Reflexion entzogen waren. Emotionale Manipulationen im Hinblick auf Aktien oder Stimmabgabe sind keine unschuldigen Tricks, sondern echte Angriffe auf die Integrität der exponierten Subjekte. Ihre Auswirkungen sollten daher zu den vielen bereits offenkundigen politischen Verantwortlichkeiten hinzugefügt werden, neben denen für die Zerstörung der öffentlichen Gesundheit und der Umwelt in der Poebene.

9. Die Möglichkeit des Vertrauens aufbauen

Zu Beginn der Abriegelung schrieb Giorgio Agamben, dass das Management dieser Krise Aspekte aufweist, die auf beunruhigende Weise an die Gespenster des Totalitarismus erinnern. Der moralische Lynchmord, der folgte, war eine echte pädagogische Warnung für diejenigen, die die gleichen Ängste haben: Es ist besser, sie für sich zu behalten… Es ist hier also nicht angebracht, Worte zu verschwenden oder sie leichtfertig einzusetzen. Im Moment ist es unmöglich festzustellen, ob es sich bei den Beschränkungen, denen wir unterliegen, nur um solche handelt, die – wie wir alle natürlich hoffen – vorübergehend nützlich sind, um das Virus einzudämmen, oder ob sie der Beginn eines Absturzes unseres Lebens in extreme Formen der Isolation und Kontrolle sind. Wir werden es in den kommenden Monaten herausfinden. Die Prägung der Kommunikation, die Härte der Normen, die Schwierigkeit, einen kritischen Diskurs öffentlich zu artikulieren, und die Vermehrung der Gespenster im sozialen Unbewussten lassen nichts Gutes ahnen.

Aber schon jetzt ist absehbar, dass wir, wenn die Herde wirklich totalitär ist, uns ihr nur widersetzen können, wenn wir aus der Lähmung des induzierten Terrors herauskommen, wenn wir uns weigern, die gesamte Existenz – die von Natur aus abenteuerlich und mit Risiken verbunden ist – gegen eine vollkommen gesäuberte Wüste einzutauschen und wenn wir mit neuen Formen der Sozialität und des Handelns experimentieren. Man riskiert einmal mehr die Barbarei eines Kampfes, der sich um die mehr oder weniger große Angst vor dem Tod abspielt – aber es könnte noch eine andere Möglichkeit geben.

Mit diesen Worten beendete Hahn seinen Artikel von 1999: br>
„Das Placebo-Nocebo-Phänomen legt nahe, dass es gesünder sein könnte, sich auf die Seite des Optimismus zu schlagen“

Es ist die Richtung, die von den besten kritischen Intellektuellen unserer Zeit vorgeschlagen wird: Im Gegensatz zur kartesischen Ontologie ist die entscheidende Zutat in den heikelsten Prozessen: (Wachstum, Heilung, Gruppenbildung, kollektive Beratungen usw.; das Placebo-Nocebus-Phänomen) Vertrauen, die Möglichkeit des Vertrauens. Und da Vertrauen nicht von Natur aus gegeben ist, muss es aufgebaut, ermöglicht werden. Es ist nicht leicht, nach vierzig Jahren Neoliberalismus – und damit von Entscheidungen von oben nach unten, vom Sozialdarwinismus, von der Abstumpfung der Phantasie, von den Ausnahmezuständen, von infernalischen Alternativen – aber die beste Chance, die wir haben, ist die Reaktivierung von Intelligenz, Sensibilität, Mut und freudigen Leidenschaften.

Um dies zu erreichen, müssen wir aus der Gefangenschaft der „kapitalistischen Hexenkunst“ herauskommen und anfangen, uns andere kurz-, mittel- und langfristige Perspektiven vorzustellen. Man könnte citoyenhaft beginnen, indem man vorsieht, dass diejenigen, die eine besondere Macht haben, sich ihrer Entscheidungen bewusst und für das, was sie kommunizieren und metakommunizieren, verantwortlich sind; dass therapeutisches Handeln sowohl von protokollarischen Prozeduren als auch von der Notwendigkeit befreit wird, sich auf rechtlicher Ebene verteidigen zu müssen, und so zur Auseinandersetzung mit den politischen Aspekten der Gesundheit zurückkehren kann; dass die relationale Dimension der Themen ihre ganze Relevanz zurückerhält.

Diejenigen, die vom Entsetzen der anderen gedeihen, die Sänger trauriger Leidenschaften und all die starken kleinen Männer sollten mit dem Gelächter begrüßt werden, das sie verdienen. Aber es ist klar, dass gerade die Möglichkeit, sich in diese Richtung zu bewegen, ein weniger vergiftetes Imaginäres zu bewohnen, auch ein globales Umdenken über soziale Strukturen, über unsere Beziehung zu anderen lebenden und nicht lebenden Menschen und darüber, was es bedeutet, gut zu leben, erfordert. Das Wagnis um die Belastbarkeit unseres Seins, um ein gewisses Glück trotz des Risikos, um die Möglichkeit eines guten Lebens, begleitet von einem guten Tod, ist der Ausweg aus dem psychischen und physischen Gefängnis, in dem uns der Terror des Virus einzusperren droht.

Anmerkungen:

Die Fußnoten des Textes habe ich der Übersichtlichkeit weggelassen. Sie finden sich im Original. Ebenso verzichtete ich auf eine Erklärung der einzelnen Begrifflichkeiten, denn wo soll man da anfangen, was ist vorauszusetzen? An dieser Stelle nochmals meine Entschuldigung für diese doch sprachlich grobe Übersetzungsarbeit, meine Kenntnis der italienischen Sprache ist eher nur rudimentär, schön wäre es, wenn dieser wirklich wichtige Text noch einmal professionell übersetzt werden würde, bis dahin muss diese Version wichtige, überfällige Diskussionen beleben. Im Übrigen verwehre ich mich auf das Entschiedenste dagegen, dass meine Übersetzung- und Textarbeit von den Protagonisten diverser Querfront Fraktionierungen benutzt wird.

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Oben        —         Campodarsego, piazza Europa: il tabellone elettronico informativo con indicazioni sullepidemia di COVID-19.

Author Threecharlie

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2. von Oben      —          200328-N-UP035-1110 NORFOLK, Va. (March 28, 2020) Adm. Christopher W. Grady, Commander, U.S. Fleet Forces Command and U.S. Naval Forces Northern Command (right) and Vice Adm. Andrew “Woody” Lewis, Commander, U.S. 2nd Fleet greet President Donald J. Trump at Naval Station Norfolk, March 28 during his visit to see off the Military Sealift Command hospital ship USNS Comfort (T-AH-20). Comfort is preparing to deploy in support of the nation’s COVID-19 response efforts and will serve as a referral hospital for non-COVID-19 patients currently admitted to shore-based hospitals. This allows shore-based hospitals to focus their efforts on COVID-19 cases. One of the Department of Defense’s missions is Defense Support of Civil Authorities. DoD is supporting the Federal Emergency Management Agency, the lead federal agency, as well as state, local and public health authorities in helping protect the health and safety of the American people. (U.S. Navy photo by Chief Mass Communication Specialist Mike DiMestico/Released)

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3.) von Oben     —             Flyer

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4.) von Oben      —        Eingezäunte Schafherde mit Schäfer auf der Dreiborner Hochfläche im Nationalpark Eifel.

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Unten       —            Satirische spanische Darstellung Ende September 1918: der Soldado de Nápoles liest in der Zeitung vom gutartigen Charakter der Krankheit und gleichzeitig, dass der Platz auf den Friedhöfen ausgeht

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KOLUMNE MACHT

Erstellt von DL-Redaktion am 9. Mai 2020

Das Vertrauen schwindet

File:Maischberger - 2016-12-14-7439.jpg

Von Bettina Gaus

Wenn Regierungen Vorschriften erlassen, die sie gar nicht kontrollieren können, dann hat der Staat ein Problem.

Ich lebe in einem gut funktionierenden Staat, gemessen am Rest der Welt – und ich empfinde das durchaus als Privileg. Wie scharf ich meine jeweilige Regierung auch kritisiere, wie sehr ich mich über die Verwaltung immer mal wieder ärgere: Der Maßstab war stets, dass „der Staat“ und alle seine Instanzen, bis hinunter auf die niedrigste Ebene, funktionierten. Darauf habe ich als Bürgerin eines demokratischen Landes einen Anspruch. Und der wurde seit Jahrzehnten, von Schönheitsfehlern abgesehen, weitgehend erfüllt. Ich habe mich darauf verlassen können.

Vorbei. Seit einigen Tagen beobachte ich – ziemlich fassungslos –, wie ausgerechnet hochrangige Politikerinnen und Politiker diesen Anspruch untergraben. Sie erlassen Vorschriften, die von den zuständigen Stellen nicht mehr zu überprüfen sind. Anders ausgedrückt: Sie hindern Polizei und Ordnungsamt daran, ihren Job zu machen.

Konkret. Wenn sich Personen aus zwei Haushalten – aber nicht aus drei oder vier – miteinander treffen dürfen und diese Regel auch durchgesetzt werden soll, dann machen sich Ordnungskräfte zwangsläufig zu Clowns. Zehn Personen sitzen gemeinsam auf dem grünen Rasen. Auftritt Polizei: „Ihre Personalausweise, bitte.“ Alle kommen bereitwillig der Aufforderung nach. Und erklären sogleich, dass sie in – zwei – WGs leben und mit jeweiligem Erstwohnsitz noch bei den Eltern gemeldet sind. Theorie? Aber nein. Alltag.

Was genau soll die Polizei machen? Die Schultern zucken und sich höflich für die Belästigung entschuldigen? Oder die Daten jedes und jeder Einzelnen genau überprüfen, die da auf der Wiese sitzen? Beides ist lächerlich.

Zettel „Wollt ihr die totale Hygiene?“.jpg

Der Sinn genau dieser Regelung erschließt sich mir ohnehin nicht. Wenn ich mit drei anderen Leuten zusammenlebe und wir uns jeden Tag mit genau einer anderen Wohngemeinschaft treffen, die das auch exakt so praktiziert – wir alle uns also sklavisch an die Buchstaben der gerade geltenden Verordnung halten –: warum und inwiefern gefährdet dies die Volksgesundheit weniger, als wenn wir gleich mit 200 oder 400 oder 4.000 Leuten Party machen? Spielen wir da nicht gerade die Weizenkornlegende des Schachbretts nach?

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Oben      —  

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Unten     —       Flyer

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Der Busch ist immer nass

Erstellt von DL-Redaktion am 8. Mai 2020

Historischer Reisebericht vom Amazonas

19- Lago do Batata Reserva Biológica do rio Trombetas Pará- Foto de Carolina de Melo Franco.JPG

Von Richard Spruce

Von 1849 bis 1865 unternimmt der Botaniker Richard Spruce eine Exkursion in das Amazonasbecken. Sein Reisebericht lässt die Strapazen erahnen.

Bisher hatte das Wetter uns begünstigt, denn wir hatten keine schweren Regenfälle erlebt, und ich war guter Hoffnung, dass es lange genug trocken bleiben würde, um es mir zu ermöglichen, eine große Sammlung von Pflanzen anzulegen. Ich wollte einen Rancho [Schutzhütte] am Strand errichten, aber die Indianer erklärten sich zu müde dafür, verschoben die Aufgabe bis zum Morgen und begnügten sich mit einem behelfsmäßigen Dach aus den Yapás [geflochtene Matte].

Die beiden folgenden Tage und Nächte waren regnerisch, mit heftigen Gewittern in kurzen Intervallen, die den Mangel an einer Hütte stark fühlbar machten und dennoch als Ausrede für die Indianer dienten, die (wie sie sagten) keine Palmblätter im Regen schneiden und durch den nassen Wald ziehen konnten.

Am 28. war der Himmel bei Tagesanbruch vollkommen klar und schien einen schönen Tag zu versprechen, sodass ich verlockt war, einen Versuch zu wagen, die Serra de Carnaú zu erreichen und auch zu ersteigen, wenn die Zeit es erlaubte. Wir konnten sie von unserem Lager aus nicht sehen, aber der letzte Anblick, den ich davon auf unserem Weg hatte, hatte mir bestätigt, dass sie direkt vom östlichen Ufer des Flusses aufstieg.

Wir ließen einen Mann zurück, um unser Lager zu bewachen, und nahmen die anderen drei mit uns, um einen Pfad durch den Wald zu bahnen. Die Sonne war kaum aufgegangen, als wir aufbrachen, und mein Rat war, dem Flussufer zu folgen; aber mit dem Blick auf die Mündungen einiger Igarapés [kleine Seitenarme des Flusses], die wir in einiger Entfernung den Fluss hinauf sehen konnten, schlugen sich die Indianer ostwärts in den Wald, erstiegen Hügel und kletterten in Täler, die mit Bambus und Murumurú-Palmen gefüllt waren, deren Stacheln eine Länge von mehreren Zoll hatten.

Verirrt im Regenwald

Wir waren so einige Stunden gegangen, als sie zu zweifeln schienen, welchen Weg wir nehmen sollten. Drei Mal erkletterten sie hohe Bäume, um nach Carnaú Ausschau zu halten, konnten aber weder Berg noch Fluss sehen. Mittags, nachdem wir sechs Stunden auf den Beinen gewesen waren, hielten wir gerade an, um über die wahrscheinliche Richtung unseres Ziels zu beraten, als sich zwei der Männer, ohne ein Wort zu sagen, wieder auf den Weg in unser Lager machten. Meine Erfahrung mit solchen Waldwanderungen war noch sehr gering, und ich wusste nicht, wie wichtig es war, niemals die indianischen Führer aus den Augen zu verlieren.

A view to the trombetas river 3.jpg

Ich vermutete (irrtümlich, wie sich herausstellte), dass wir nicht weit vom Fluss entfernt waren, und dass wir ihn leicht erreichen konnten, indem wir dem Verlauf eines der zahlreichen Igarapés folgten. […] Also suchten wir mit dem Cafúz [Nachfahre aus einer Verbindung zwischen Schwarzen und Indigenen] Manoel, der bei uns geblieben war, als Wegbereiter nach einem Igarapé. Nachdem wir einen gefunden hatten, begannen wir, an ihm entlang hinabzusteigen – keine leichte Aufgabe, denn sein Lauf führte, wenn er nicht dicht mit Büschen und Lianen besetzt war, durch Ebenen von verstricktem Bambus und schneidenden Gräsern, die man nur auf Händen und Knien passieren konnte.

Der Tag war übermäßig schwül, als sich plötzlich der Himmel bewölkte und die feierliche Stille durch ein Stöhnen im Wald unterbrochen wurde, das sich bald zu einem Getöse verstärkte, und ein schreckliches Gewitter über uns ausbrach. Mitten darin blieb King stehen, um die Schale einer Castanha [Paranuss] aufzubrechen, und blieb zurück. Die Regenfluten verschleierten die Luft, und die unablässigen Donnerschläge und das Prasseln der Regentropfen auf den Blättern überdeckten jeden anderen Klang, sodass wir ihn einige Zeit lang nicht vermissten, ihn auch nicht nach uns rufen hörten, was er, wie er uns nachher erzählte, getan hatte. Wir dachten, er würde sich uns bald wieder anschließen, indem er dem Lauf des Igarapé folgte.

Als ich auf ihn wartete, verlor ich auch Manoel aus den Augen, und eine halbe Stunde verstrich, bevor wir uns wieder fanden. Ich ließ ihn dann einen hohen Baum erklettern, und wir riefen – ich von dessen Fuß, er von oben – nach unserem Begleiter, bis wir heiser waren.

Es war etwa 3 Uhr, als wir zu unserer sehr großen Freude die Stimme von King hörten, und kurz darauf holte er uns ein. Nachdem er seine Kastanien aus ihrer Schale geklaubt hatte, war er versehentlich einen Nebenfluss des Igarapé hinaufgestiegen, und der Anstieg war so gering, dass er seinen Fehler nicht bemerkte. Nachdem er eine Meile weit gegangen war, sah er zwei Blätter auf dem Wasser treiben und erkannte, in welche Richtung das Wasser rann, und ging sofort auf seinen Spuren wieder zurück.

Der Igarapé schien endlos zu sein, und wir fingen an zu fürchten, dass er in irgendeinem Palmensumpf enden würde, als wir um etwa 4 Uhr nachmittags, genau als der Regen aufhörte, durch den Anblick des Flusses erfreut wurden. Sein Anblick war uns jedoch sehr befremdlich, so still und ruhig wie ein See – und der Berg, den wir gesucht hatten, lag zum Greifen nah im Norden. Westlich stürzte sich in einiger Entfernung ein anderer Fluss über Felsen hinunter, um sich dem anzuschließen, an dem wir standen, und an ihrem Zusammenfluss lag eine Halbinsel aus rohen Granitblöcken, die zu großer Höhe aufgetürmt waren. Wir waren eindeutig weit von unserem Lager entfernt, und unser einziger Gedanke war, es so schnell wie möglich zu erreichen.

Spärliche Mahlzeiten

Rio Una in Palmares

Wir begannen also flussabwärts zu gehen, aber es war unmöglich, seinem Ufer zu folgen, denn es gab keinen Strand, und der Wald war dort dichter und undurchdringlicher als ein klein wenig weiter im Landesinneren. Ich stellte fest, dass Manoel viel schneller vorwärtskam als wir, und als die Sonne sank, sandte ich ihn voraus mit der Anweisung, etwas zu kochen, wenn er das Kanu erreichte, und auf unsere Ankunft zu warten – ein weiterer Fehler meinerseits, denn Manoels Terçado [Buschmesser] hätte unser Vorwärtskommen durch den Wald sehr erleichtert.

Quelle        :        TAZ        >>>>>          weiterlesen

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Grafikquellen        :

Oben        —    Porto Trombetas está localizada no Noroestedo Pará. A vila foi construída para atender aos trabalhadores da Mineração Rio do Norte (MRN), que faz extração de bauxita. As instalações de Porto Trombetas estão localizadas no município de Oriximiná (PA), à margem direita do rio Trombetas, um dos afluentes do rio Amazonas

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Unten      —        Rio Una in Palmares

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8.5.)-Berliner Stadtgespräch

Erstellt von DL-Redaktion am 8. Mai 2020

Kein gemeinsames Gedenken

Großer Tiergarten

Von Erica Zingher

Berlin bekommt einen einmaligen Feiertag. Das solle auch künftig so sein, fordern viele. Aber ein offizieller Feiertag könnte dem Gedenken schaden.

Pünktlich zum 8. Mai werden die sozialen Netzwerke wieder mit linkem Erinnerungskitsch geflutet werden: schwarzer Grund, darauf ein Davidstern und in weißer Schrift zu lesen „Niemals vergeben. Niemals vergessen“. Oder auch: Bilder vom zerbombten Berlin 1945, überschrieben mit „Danke, Alliierte“. Politiker*innen, linke Ak­ti­vis­t*in­nen, politisch korrekte Deutsche werden wieder ihre Pflicht tun. Werden ritualisiert kundtun, dass sie alle sicher gegen Faschismus sind, und deutlich machen, dass so etwas wie der Nationalsozialismus „Nie wieder“ passieren darf.

Wer in Berlin lebt, wird in diesem Jahr zudem das Erinnerungsritual nicht zwischen Frühstück und den Weg zur Arbeit quetschen müssen. Das Berliner Abgeordnetenhaus beschloss Anfang letzten Jahres, den 8. Mai 2020 anlässlich des Kriegsendes vor 75 Jahren einmalig zum Feiertag zu erklären.

Esther Bejarano, Holocaust­überlebende und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees Deutschland, forderte in einem offenen Brief, den 8. Mai auch bundesweit und für immer zum Feiertag zu machen. Sie schrieb: „Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschla­gung des NS-Regimes.“

Die Diskussion darüber, ob das sinnvoll ist, wird seit einigen Wochen sehr engagiert geführt. Zustimmung erhielt Bejarano von Politiker*innen der Grünen und Linken, von zivilgesellschaftlichen Organisationen und auch von zahlreichen Journalist*innen.

Institutionalisierte Erinnerungstage

Braucht es das, einen weiteren festen Feiertag, bundesweit?

Eins vorweg: Menschen wie Bejarano haben gute Gründe, einen Erinnerungstag zu fordern. Niemand sollte ihr das absprechen. Problematisch ist auch nicht so sehr die Frage, ob es nun einen bundesweiten Feiertag geben sollte oder nicht. Das Pro­blem ist die drohende Vereinnahmung dieses Datums.

The day after Kristallnacht.jpg

Institutionalisierte Erinnerungstage waren in Deutschland immer schon ambivalent. In der Regel erfolgt die Ausdeutung dieser Tage ja von deutscher institutioneller Seite. Nehmen wir den 9. November, an dem an die Novemberpogrome erinnert wird. Jüdinnen und Juden werden an diesem Tag ­sichtbar, man lässt sie bei Gedenkveranstaltungen mahnen und fordern. Die Deutschen nicken dann, es wird ernst geguckt, und am Tag darauf haben sie längst vergessen, weshalb sie nickten.

Tage wie diese sind nicht dazu gedacht, an Jüdinnen und Juden zu erinnern, die über die Deutschen siegten. Vielmehr reinigen solche Gedenktage die Seele der Mehrheitsgesellschaft. Zurück zur Frage also: Braucht es einen weiteren staatlich verankerten Gedenktag, der genau diese Funktion erfüllt?

Quelle        :      TAZ         >>>>>         weiterlesen

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Oben     —      Großer Tiergarten

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Blick auf den Zionismus.

Erstellt von DL-Redaktion am 7. Mai 2020

Die Stimmen der Opfer, wer immer sie sind

Von Amons Goldberg und Alon Confino

Zur Diskussion über Achille Mbembe und die Beziehung zwischen Postkolonialismus und Antisemitismus gehört der kritische Blick auf den Zionismus.

Die Debatte über den afrikanischen Denker Achille Mbembe berührt eine zentrale Frage: Wie verhalten sich Postkolonialismus und Antisemitismus zueinander? Diese Debatte lohnt, geführt zu werden. Saba-Nur Cheema und Meron Mendel haben in der taz kritisiert, dass Mbembe und der postkoloniale Diskurs die Besonderheiten des Antisemitismus im Vergleich zu anderen Formen des Rassismus ignoriert. Es ist richtig, dieses Thema anzusprechen.

Doch in ihrer Kritik fehlt die andere Seite der Gleichung – in der deutschen Debatte über Antisemitismus ist kein Platz für die kolonialen Aspekte Israels und des Zionismus. Und so ist Cheemas und Mendels Lesart des Antisemitismus unbefriedigend, trotz ihrer Sympathie für den postkolonialen Diskurs. Sie begreifen den Antisemitismus und Israel als eine Geschichte, die isoliert für sich steht. Eine seriöse, wenn auch provozierende und mit Affekten aufgeladene Debatte der zentralen Fragen in Sachen Israel und Palästina ist somit kaum möglich. Deshalb verstehen sie Mbembe falsch.

Es war kein geringerer als Ze’ev Jabotinsky, die charismatische zionistische Leitfigur und der Gründer der revisionistischen Bewegung, der 1923 kühl die kolonialen Aspekte des Zionismus beschrieb. In dem Artikel „Die eiserne Mauer“ erklärte er seinem Publikum schonungslos, warum die Palästinenser den Zionismus gewaltsam ablehnten: „Meine Leser haben eine allgemeine Vorstellung von der Geschichte der Kolonialisierung in anderen Ländern. Ich schlage vor, dass sie alle ihnen bekannten Fälle betrachten und prüfen, ob es einen einzigen Fall gibt, in dem eine Kolonisierung mit der Zustimmung der einheimischen Bevölkerung durchgeführt wurde. Diesen Präzedenzfall gibt es nicht. Die einheimische Bevölkerung hat immer hartnäckig Widerstand gegen Kolonisatoren geleistet.“

Haim Kaplan, ein leidenschaftlicher Zionist aus Warschau, beschrieb 1936 im gleichen Geiste den sogenannten Großen Arabischen Aufstand in Palästina, wo zu jener Zeit seine beiden Kinder lebten. Das Gerede vom wieder aufgeflammten arabischen Antisemitismus sei bloß zionistische Propaganda, stellte er fest. Denn aus ihrer Perspektive hätten die Araber ja recht: Der Zionismus vertreibe sie aus ihrem Land und beginne einen Krieg gegen sie. Kaplan schrieb sein Tagebuch auch während des Holocaust weiter. Es ist einer der wichtigsten Texte aus dem Warschauer Ghetto. Er kam im August 1942 in Treblinka ums Leben.

Widerstand gegen Kolonialisierung

Es war nicht ungewöhnlich, dass Juden in den 1920er und 1930er Jahren erkannten, dass der Krieg, den die Araber gegen die zionistische Bewegung führten, nicht im Antisemitismus wurzelte, sondern in dem Widerstand gegen die Kolonisierung Palästinas. Und doch rechtfertigten die ehrlichen Zionisten Jabotinsky und Kaplan den Zionismus. In Deutschland würden sie heute als antisemitisch denunziert, weil sie Verständnis für den gewaltsamen palästinensischen Widerstand zeigten und den Zionismus als koloniales Projekt bezeichneten.

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Solide Forschungen auch von zionistischen Historikern haben gezeigt, dass der Zionismus, wenn auch nur teilweise, dem Siedlerkolonialismus glich. Zionisten wollten in Übersee eine Gemeinschaft aufbauen, die durch Identitätsbindung und eine gemeinsame Geschichte verklammert war. Das Land, das sie besiedelten, hielten sie für leer und unbewohnt – oder aber von Einheimischen bevölkert, die weniger zivilisiert waren als sie selbst. Sie wollten die Einheimischen weniger beherrschen und ausbeuten denn als politische Gemeinschaft verdrängen. Die Debatte, wie wichtig der Kolonialismus der Siedler für den Zionismus und Israel war, ist noch nicht abgeschlossen – das gilt besonders für die Zeit nach 1967.

Wenn wir den Zionismus auch als eine koloniale Bewegung von Siedlern begreifen, leugnen wir damit nicht, dass er das legitime Ziel verfolgte, eine Heimat für das jüdische Volk zu schaffen. Undwir leugnen auch nicht das Existenzrecht Israels. Wer die USA, Kanada oder Australien als koloniale Siedlerstaaten beschreibt, stellte ja damit auch keineswegs deren Existenzrecht infrage. Aber dieser Blick enthüllt die Zwiespältigkeit des Zionismus. Er war eine nationale Befreiungsbewegung, die Juden, die vor dem Antisemitismus flohen, einen sicheren Hafen bot. Er schuf einen Ort, an dem Holocaust-Überlebende ihr Leben neu und selbstbestimmt in die Hand nehmen konnten. Der Zionismus schuf aber auch einen kolonialen Siedlerstaat, in dem eine klare Hierarchie zwischen Juden und Arabern herrscht und Segregation und Diskriminierung zum Alltag gehören. Solche Phänomene gab es häufig in der Geschichte, und es gibt keinen Grund, Israel und Palästina nicht in diesem Sinne zu analysieren und zu debattieren, einschließlich des Konzepts der Apartheid.

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Zionismus zu verstehen bedeutet, zwei komplexe Erzählungen zu erfassen, die unvereinbar scheinen, sich aber in Wahrheit ergänzen. Wir müssen die Geschichte erzählen, warum Juden vor Antisemitismus und Diskriminierung in Europa flohen und in Palästina einwanderten, und wir müssen die Geschichte erzählen, welche Konsequenzen dies für die Palästinenser in den letzten hundert Jahren hatte.

Flüchtling und Siedler

Der palästinensische Intellektuelle Raef Zreik hat diese Ambivalenz in poetische Worte gefasst: „Der Zionismus ist ein koloniales Siedlerprojekt, aber nicht nur das. Er verbindet das Bild des Flüchtlings mit dem Bild des Soldaten, des Machtlosen mit dem Mächtigen, des Opfers mit dem Täter, des Kolonisators mit dem Kolonisierten. Er ist koloniales Siedlungsprojekt und gleichzeitig ein nationales Projekt. Die Europäer sehen den jüdischen Flüchtling auf der Flucht, der um sein Leben ringt. Der Palästinenser sieht das Gesicht des kolonialen Siedlers, der sein Land übernimmt.“

Quelle          :       TAZ        >>>>>           weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben       —              Achille Mbembe

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2.) von Oben          —              Description: Greeting Card Creator: Hebrew Publishing Company Object Origin: New York, U.S.A. (Germany?) Date: ca. 1906 – 1912 Medium: lithograph , mounted on board Repository: Yeshiva University Museum, 15 West 16th Street, New York, NY 10011 Call Number: 1988.224 Rights Information: No known copyright restrictions; may be subject to third party rights. For more copyright information, click here. See more information about this image and others at CJH Museum Collections.

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Unten       —         Lebanon“ by Carlos Latuff.

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Neue Deutsche Aufrüstung

Erstellt von DL-Redaktion am 6. Mai 2020

„Regierungsberater“ und Fundamentalkritiker Jürgen Todenhöfer  weiß, wie es besser geht

Frankfurter Buchmesse 2015 - Jürgen Todenhöfer 2.JPG

Quelle      :       untergrun-blättle    CH.

Von Klaus Hecker

Deutschland rüstet auf, und das in ungeahnten Ausmass mit Steigerungsraten wie kein Land auf der Welt, wie die Tagesschau am 26. April vermeldet.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz im März haben Konferenzleiter Ischinger und Aussenminister Heiko Maas den Weg vorgezeichnet:

Die militärische Auseinandersetzung muss zum essentiellen Bestandteil deutscher Politik werden.

Dazu bedarf es einer enormen Innovation in Sachen Waffen ganz neuer Waffengattungen. „Wir sind eine maritime Seemacht“ , heisst es z.B. in einem Strategiepapier der Deutschen Bundeswehr. Das entstammt keiner Büttenrede zum letzten Fasching, sondern formuliert eine Absichtserklärung, für die neuen angesteuerten politischen und wirtschaftlichen Ambitionen gewappnet zu sein und eine massgebende Instanz in Sachen Weltordnung zu werden.

Die neue anvisierte Bombergeneration, zum Teil Atomwaffen tragfähig konzipiert, zum Teil ohne diese Fähigkeit, weisen darauf hin, dass hier nicht schnelle Eingreiftruppen ausgerüstet werden sollen, die in den Höhlen afghanischer Berge oder sonst wo irgendwen aufspüren sollen. Das wäre etwas überdimensioniert. Hier geht es um einen ins Auge gefassten, derzeit nur potentiellen Feind. Das wären Grossmächte wie China und Russland. Unterhalb von Atomwaffen ist man ein Nichts in der Gewaltkonkurrenz der Staaten – und darunter leidet Deutschland.

Jürgen Todenhöfer ausgewiesener Fundamentalkritiker, insbesondere der westlichen Ost- und Nahostpolitik – gewissermassen vom Saulus zum Paulus geläutert – einst aussenpolitischer Hardliner der CDU haut auf die Pauke: Zu AKK, „diese Frau ist gefährlich“. Er personalisiert diese Aufrüstung, die mit der erklärten Absicht erfolgt, sich tendenziell als deutsche Weltmacht zu positionieren, als persönliches Programm von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. AKK gehe „heimlich auf Shopping-Tour“, „wie ein Dieb auf Beutetour“, produziert „Scherbenhaufen“, sie sei eine „kriegslüsterne Politkerin“ und kämpfe „auf verschlungenen Wegen“.

Das ist lächerlich und verharmlost das, was die Stunde geschlagen hat. Dann ist das alles noch Ergebnis einer Wanderung der Dame von einem Fettnäpfchen zum nächsten. Unfassbar, wir zittern alle mit: Am Ende wird noch ihre Karriere beendet sein. „Wetten, dass sie bei der nächsten Regierungsumbildung nicht mehr dabei sein wird.“

Na, wenn AKK dann weg ist, wird dann die Bundeswehr aufgelöst und der Nachfolger organisiert dann die Ostermärsche und andere Friedensinitativen?

Keineswegs laut Todenhöfer. Jetzt kommt der Realpolitiker:

„Ich weiss: Die Beschaffung einer Generation neuer Kampfflugzeuge ist ein schwieriges Geschäft.“ Ach, daher weht der Wind. AKK bringt das, was ansteht, nämlich die Aufrüstung, nicht wirklich und schon gar nicht sachgerecht hin. Sie kommuniziert z.B. nicht gescheit mit den Verbündeten und im Bundestag.

Was immer zu AKK zu sagen wäre: Todenhöfer unternimmt eine Metamorphose, für die er werben will. Er führt uns, dem Leser, von der anfangs so klingenden Empörung über eine atomwaffentragende neue Bombergeneration zur Sorge, wie diese effektiv und ohne Kollateralschäden beschafft werden könnte.

Für diese Antikritik, diese Position sollten wir – dem Fussball entlehnt – nicht gelbrot, auch keine Zeitstrafe, sondern die rote Karte für immer zücken.

Welche aparten Sorgen einem da angetragen werden. Wesentlich:Was wird bloss aus der armen AKK?

Bombing-virginity.jpg

Nicht das oben skizzierte Aufrüstungsprogramm macht fassungslos, sondern mangelnde Diskussionen „mit unseren engen französischen Verbündeten“ und „den Verteigunmgsexperten des Deutschen Bundestages“.

Summa summarum: Hauptgefahr ist AKK: sie ist „eine Dauer-Gefahr für die Sicherheit unseres Landes.“

Nochmal, worum geht es eigentlich, wenn so eifrig aufgerüstet wird:

Angesichts des Exportweltmeistertums Deutschlands, die Handelswege zu sichern, um Grönland herum den sich neu ergebenden Wettbewerb um die unter unter Klimaveränderungsbedingungen leichter zu erschliessenden Rohstoffe bestehen zu können, Flüchtlingsabwehr betreiben zu können, weltweiten Imperialismus (das heisst dann Verantwortung) betreiben zu können … braucht es Waffen, um Mitbewerber in Grund und Boden zu zwingen. Anders wird man nicht Exportweltmeister. Das ist kein einfacher Tausch, Giraffe gegen Elefant.

Von der Betrachtungsweise, die Kritik an diesen beinharten Zwecken auszutauschen gegen ein missratenes Profilierungsprogramm einer Verteidigungsministerin rate ich ab.

Die SPD Variante, wir sind nicht gefragt worden, heisst ja genauer gefragt, erst jetzt, und ist kein Einwand gegen die Aufrüstung, auch wenn der verteidigungspolitische Sprecher Mützenich mal zwei Tage verbal radikal auftritt. Das wird von der Gesamtheit der Partei dann auch kassiert.

Mich, den Autor dieses Kommentars, hat noch keiner zu diesem Komplex befragt. Ist das nicht furchtbar, dass mich keiner gefragt hat. Nein, ist es nicht, dann würde ich nämlich sagen: Mich braucht keiner zu fragen, gegen ein solches Programm (s.o.) bin ich aus guten Gründen. Die ändern sich auch nicht durch irgendwelches Gefrage zu irgendwelchen besseren und geeigneteren Zeitpunkten.

Todenhöfer führt hier ein klassisches demokratisches Kritikmuster vor und wird deshalb von mir hier besprochen. Es geht nicht um die Person, sondern die beispielsweise in den Medien täglich vorgeführte Technik, ein Thema, einen Gegenstand, ein Problem – zusammen, einen ausgemachten Schaden für den Normalmenschen dahin zu überführen, Ratschläge zu erteilen, wie die Politik effektiver ihre nicht so menschenfreundlichen Ziele und Zwecke verfolgen und durchsetzen könnte.

Jürgen Todenhöfer

Ich denke, meine Fragestellung wird deutlich: Will man die Aufrüstung konstruktiv begleiten oder demgegenüber, sich einmal die Zwecke verdeutlichen, wofür überhaupt aufgerüstet wird? Gegen Ersteres habe ich entschiedene Einwände, ganz unabhängig davon, ob AKK durch die Botanik mäandert oder ein Nachfolger Stilnote 1+ bekommt.

Deshalb trete ich für eine Fundamentalkritik der Rüstung und noch mehr oder davorliegend – gegen die damit anvisierten Zwecke – ein und nicht, wie sie reibungsloser zum Erfolg geführt werden könnten.

Soweit nicht anders angegeben und keine Quellenangabe (Name einer Organisation oder Internet-Adresse) vorhanden ist, gilt für die Texte auf dieser Webseite eine Copyleft (Public Domain) Lizenz.

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Grafikquellen       :

Oben      —    Jürgen Todenhöfer auf der Frankfurter Buchmesse 2015. / © JCS (CC BY-SA 3.0

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2.) von Oben         —      „Bombing for Peace is like Fucking for Virginity“. Foto from a demonstration used at a billboard to promote a book in Essen, Germany.

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Unten      —        Jürgen Todenhöfer

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Remdesivir gegen Corona

Erstellt von DL-Redaktion am 6. Mai 2020

Wie sicher ist dieses Mittel, von dem alle reden?

Er hatte einst  so große Hoffnungen auf die Spritze

Eine Analyse von Edda Grabar

Es weckt große Hoffnungen im Kampf gegen Covid-19: das Mittel Remdesivir. Wie gut es wirkt und was für Nebenwirkungen es hat, ist noch unsicher. Was Studien bisher zeigen.

Die USA haben den Wirkstoff Remdesivir in einer Notzulassung für Patientinnen und Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen durchgewunken. In ersten klinischen Studien verkürzte es die Genesungszeit. Auch in Europa wurde das Zulassungsverfahren bereits angeschoben. Gleichzeitig gibt es Studien, die sich scheinbar widersprechen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Wie wirkt Remdesivir?

Viren können sich nicht selbstständig vermehren. Deswegen befallen sie die Körperzellen von Menschen und nutzen deren Kopiermaschinen, um sich massenhaft zu vermehren. Die Tür für die Coronaviren bildet ein Oberflächenmolekül mit der Abkürzung ACE2. Ist der Eintritt geschafft, nutzen Coronaviren ein paar molekulare Tricks, um ihre eigene Produktion in den Lungen- oder Rachenzellen allen anderen Prozessen gegenüber zu bevorzugen.* An all diesen Schlüsselstellen können Medikamente wirken.

Remdesivir verhindert die Vermehrung des Virus in den Körperzellen. Dort schaltet der Wirkstoff eine wichtige Kopiermaschine der Viren, die sogenannte RNA-Polymerase, aus. Ihre Aufgabe ist es, das virale Erbgut massenhaft in den Körperzellen zu vermehren, damit es später aus den Körperzellen heraus transportiert werden und andere Zellen befallen kann. Remdesivir wirkt wie ein Stock im Getriebe, es blockiert die Kopiermaschine.

Was macht Remdesivir im Körper?

Remdesivir ist einem Baustein des Virenerbguts zum Verwechseln ähnlich. Es wird als sogenannte Prodrug, also Vorform des Bausteins, in die Zelle geschleust. Aktiviert wird es jedoch erst durch das automatische Anhängen eines weiteren Moleküls. Dann versucht die RNA-Polymerase des Virus das Remdesivir-Molekül anstelle des echten Bausteins in das Virenerbgut einzubauen. Sobald das geschieht, kann sie nicht weiterarbeiten und die Vermehrung wird blockiert.

Wie wurde Remdesivir gegen Covid-19 entdeckt?

Remdesivir ist vielen bekannt als gescheitertes Mittel gegen Ebola. Doch bereits während der Sars- und Mers-Ausbrüche in den Jahren 2002/03 hatten Labortests mit menschlichen Lungenzellen gezeigt, dass Remdesivir die Vermehrung von Coronaviren hemmen kann. Es folgten Hinweise durch einen US-Arzt (The New England Journal of Medicine: Holshue et al., 2020) und Berichte aus China. Zeitgleich landete Remdesivir auf der Liste der potentesten Kandidaten gegen die Behandlung von Coronavirus-Infektionen der WHO. Anfang Februar bestätigten chinesische Forscher diese Einschätzung im Labor, wo Remdesivir die Virusvermehrung eindrücklich hemmte (Nature: Wang et al., 2020).

Wie ist die Studienlage zur Wirkung am Menschen?

Nur groß angelegte Studien mit mehreren Tausend Patienten können zeigen, wie gut Remdesivir wirklich wirkt, bei wem und welche Nebenwirkungen auftreten können. Im Februar starteten in China die ersten klinischen Studien, die jedoch mangels Patienten nicht zu Ende geführt werden konnten. Kurze Zeit später brachten auch der Pharmakonzern Gilead Science, das amerikanische National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) sowie die WHO große Studien auf den Weg.

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Zunächst erschien eine erste Fallsammlung des Pharmakonzerns Gilead Science. In ihr verfolgten die Autoren den Krankheitsverlauf der ersten 53 Covid-19-Patienten, die Remdesivir im Rahmen eines Härtefallprogramms erhalten hatten (New England Journal of Medicine: Grein et al., 2020). Bei gut zwei Dritteln der zum größten Teil schwer kranken Patienten hatte sich der Krankheitsverlauf nachhaltig verbessert. Die Autoren selbst bekräftigen, dass ihre Arbeit wenig über die generelle Wirksamkeit des Mittels aussagt. Sie kann aber Ärzten, die es anwenden, bei ihrer Behandlung helfen.

Darauf folgten Veröffentlichungen von Ergebnissen, die teilweise vertraulich waren oder nur Ausschnitte der Forschung darstellten. Und zumindest nicht auf diese Art und Weise hätten veröffentlicht werden sollen.

So veröffentlichte zunächst der Branchendienst Statnews vertrauliche Informationen aus einem Krankenhaus in Chicago: Von 113 Menschen, die schwer an Covid-19 erkrankt waren und mit Remdesivir behandelt wurden, konnten praktisch alle nach Hause entlassen werden. Nur zwei von ihnen starben. Das Problem: Obwohl diese Daten lediglich einen Ausschnitt der Lage wiedergeben, verbreiten sie Hoffnung. Sie verhalfen dem Konzern zu steigenden Aktienkursen.

Darauf folgte ein Leak innerhalb der WHO, dort wurden die bis dahin ebenfalls vertraulichen, aber enttäuschenden Ergebnisse der unbeendeten Studien aus China online gestellt. Die verschwanden zwar wieder, doch nicht bevor die Nachricht von der Presse aufgenommen wurde.

Am 30. April schließlich prallten zwei Veröffentlichungen aufeinander: Das Fachmagazin The Lancet veröffentlichte die chinesischen Studien, nach denen Remdesivir nicht besser wirkt als ein Placebo (Wang et al., 2020). Diese Studie war jedoch nicht abgeschlossen. In einem begleitenden Kommentar zu der Studie weist John David Norrie von der University of Edinburgh darauf hin, dass auch diese Daten daher nicht aussagekräftig sind (The Lancet, Norrie, 2020).

Am selben Tag verkündete Anthony Fauci den Zwischenbericht der ersten unabhängigen und tatsächlich aussagekräftigen klinischen Studie mit Remdesivir mit über 1.000 Patienten: Demnach erholten sich schwer kranke Covid-19 Patienten durchschnittlich vier Tage schneller von der Erkrankung als solche, die nicht mit Remdesivir behandelt wurden. Auch die Sterblichkeit soll unter Remdesivir zurückgegangen sein. Etwa acht Prozent der Patienten und Patientinnen starben mit dem Medikament und 11,6 Prozent ohne – allerdings halten Mediziner diesen Unterschied für zu gering, um ihn mit Sicherheit auf das Medikament zurückzuführen. Eine Zwischenauswertung eines Versuchs von Gilead selbst ergab zudem, dass das Mittel weniger lang verabreicht werden muss als vorgesehen. Die bislang übliche Therapie über zehn Tage zeigte keinen Vorteil gegenüber einer Behandlungsdauer von fünf Tagen.

Wem darf Remdesivir nun verabreicht werden?

Die Daten der NIAID-Studie reichten der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA, um den Wirkstoff im Eilverfahren zuzulassen. Seit dem 2. Mai 2020 darf Remdesivir schwer erkrankten Patienten verabreicht werden, darunter solchen mit Atemproblemen, denen Sauerstoff zugeführt werden muss oder die ein Beatmungsgerät benötigen. In Japan erwartet man nach Antrag des Herstellers eine Zulassung binnen einer Woche. Und auch bei der European Medicine Agency (EMA) ist das Zulassungsverfahren auf Basis dieser Daten bereits angelaufen. Die EMA bekräftigt jedoch, dass sie auch die Daten der abgebrochenen chinesischen Studie berücksichtigen werde, die dem Mittel keinen Nutzen bescheinigten. Innerhalb weniger Wochen kann das Mittel, wenn es der Prüfung der Behörden standhält, auch für den europäischen Markt zur Verfügung stehen.

Quelle       :         Zeit-online         >>>>>          weiterlesen

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Grafikquellen         :

Oben         —             Satirische spanische Darstellung Ende September 1918: der Soldado de Nápoles liest in der Zeitung vom gutartigen Charakter der Krankheit und gleichzeitig, dass der Platz auf den Friedhöfen ausgeht

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Unten      —        Flyer

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Mit Corona in den Mai

Erstellt von DL-Redaktion am 6. Mai 2020

Mit der Öffnung kommt der kapitalistische Alltag wieder…

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Quelle      :    Scharf  —  Links

Von Suitbert Cechura

Die Diskussion um Öffnung und Lockerung der Pandemie-bedingten Einschränkungen bringt die vielbeschworene Einheit der Nation, die in schwierigen Zeiten als besonders wertvoll gilt, ins Wanken. Das offenbart, dass es die Einheit, so gerne Presse und Politik sie auch betonen, gar nicht gibt, dass diese Gesellschaft vielmehr von einer Vielzahl konkurrierender Interessen geprägt ist, die sich jetzt wieder zu Wort melden und ihre Ansprüche geltend machen.

Die Kanzlerin sieht sich daher genötigt, vor einer „Öffnungsdiskussionsorgie“ zu warnen. Doch auch mit diesem Appell sind die verschiedenen Wortmeldungen nicht mehr einzufangen, der Meinungsstreit belebt vielmehr die Profilierungsversuche der politischen und wirtschaftlichen Krisenmanager. Alles in allem wird damit einiges in Sachen kapitalistischer Alltag klargestellt, das nicht gerade für ihn spricht.

Das Familienglück muss verdient sein

Durch das soziale Kontaktverbot und die Einschränkungen im Berufsleben kam das in ganz neuer Weise zur Geltung, was man sonst immer an den Rand gedrängt sah und worauf es im Leben doch eigentlich ankommen soll: das Familienleben mit viel Zeit für Partner und Kinder. Angesichts der problematischen Wohnverhältnisse, die für die Masse der abhängig Beschäftigten Alltag sind (vgl. Mieten, Inflation, Löhne und Gehälter https://www.magazin-auswege.de/data/2019/07/Cechura_Mieten_2.pdf), wurde der Rückzug ins Private zum Risiko. Die eingeschränkte Berufstätigkeit der Eltern zeigte sehr schnell, worauf es wirklich ankommt: auf das Geldverdienen durch Arbeit. Da entpuppte sich das Zusammensein mit den Kindern als ein einziger Härtetest, vor dem die Experten auch gleich warnten.

Viele Eltern wollen mittlerweile ihre Kinder so schnell wie möglich wieder los sein, sei es in Kita oder Schule, wobei man auch eine erhöhte Infektionsgefahr in Kauf nimmt. Schließlich ist alles im Leben vom Geld abhängig, das erst einmal verdient sein muss. Dann erst kommt die Familie! So steht jetzt das Geldverdienen selbstverständlich gegen die Gesundheit der Kinder oder ihrer Angehörigen.

File:Closed playground in Eilenriede (Hannover, Germany) during COVID-19 pandemic.jpg

Bei der Forderung nach Öffnung der Kitas wissen die Eltern sogar den Rat der Wissenschaftler der Leopoldina auf ihrer Seite, die die frühe Öffnung empfahlen, denn, so hieß es, kleine Kinder zeigten seltener einen kritischen Krankheitsverlauf nach einer Infektion. Dass Kinder aber Überträger von Viren sind und Eltern oder Angehörige infizieren können, wurde bei dieser Empfehlung nicht groß thematisiert. Schließlich kennen auch die Wissenschaftler die Notwendigkeiten des Arbeiten-Gehen-Müssens und teilen somit die Alltagsweisheit, dass man dafür auch Schäden in Kauf zu nehmen hat.

Der Wert des Wissens erweist sich im Vergleich

Die Schulen stehen ebenfalls, beginnend mit den Abschlussklassen, vor der Öffnung, was einiges an Hin und Her verursacht. Hier wird einmal mehr deutlich, worauf es in der Schule ankommt: Was der Nachwuchs in der Zeit von Corona gelernt hat, ist weniger wichtig; wichtig sind an erster Stelle die Abschlüsse, die sich unabhängig vom Lernstoff – ob nun nach der 10. oder der 13. Klasse – in einer Note von 1 bis 6 niederschlagen. Dieses Faktum zeigt, dass in der Schule vor allem anderen der Lernstoff das Material eines Leistungsvergleichs zwischen den Schülern darstellt, der sie in begabte und weniger begabte einteilt und sie so auf die verschiedenen Bildungsgänge und Stufen der Berufshierarchie verteilt. Schüler wie Eltern wissen um die Wichtigkeit eines Abschlusses für das Vorankommen in der schulischen und beruflichen Konkurrenz und sehen sich von der neuen Lage direkt betroffen.

Der schulische Leistungsvergleich ist natürlich eine unsichere Angelegenheit für diejenigen, die ihn auszubaden haben. Denn eines ist bei dieser Veranstaltung sicher: Am Ende gibt es Gewinner und Verlierer, wobei natürlich nicht alle zu den Gewinnern gehören können. So fordern jetzt einige, dass die schriftlichen Prüfungen durchgeführt werden, damit die Abschlüsse später nicht in Zweifel gezogen werden können, andere kritisieren die Durchführung der Prüfungen, möchten damit aber nicht auf einen Abschluss verzichten, der eben durch die erbrachten (und auch schon mal abgeprüften) Leistungen begründet sein soll.

Sicherheit verschafft den Schulabsolventen übrigens keine Form des Abschlusses, schließlich kommt es immer noch darauf an, welche Qualifikationen der Arbeitsmarkt gerade nachfragt – und so ist, wie bekannt, schon mancher Studierte zum Taxifahrer geworden. Einen Verzicht auf den Abschluss kann sich aber auch niemand leisten, sonst landet man gleich auf der untersten Stufe der Berufshierarchie mit geringem Einkommen und hoher Gefahr von Arbeitslosigkeit. Und in einer „Wissensgesellschaft“, in der alle nach einem hohen Abschluss streben (müssen), steigen die Anforderungen im Blick darauf, was man zu erbringen hat, um diesen Vergleich erfolgreich zu bestehen. Angesichts der sich abzeichnenden Krise dürfte der Kampf darum härter werden – und damit die Rücksichtslosigkeit gegenüber den gesundheitlichen Gefahren.

Einkommen nur, wenn es sich für andere lohnt

Nicht erst die Pandemie hat das Geldverdienen zu einer unsicheren Angelegenheit gemacht, schließlich hatten alle großen Unternehmen bereits Massenentlassungen angekündigt, weil sie ihre Produkte nicht mehr in vollem Umfang absetzen konnten (vgl. Rezession – ein Anlass zur Sorge? https://www.magazin-auswege.de/data/2019/10/Cechura_Rezession.pdf). Alle Unternehmen modernisieren nämlich kontinuierlich ihre Produktion, um mit geringeren Kosten mehr Produkte auf dem Weltmarkt abzusetzen, also die Konkurrenten zu unterbieten und Marktanteile zu erobern. Diese wunderbare marktwirtschaftliche Logik führt dazu, dass die – regelmäßig auftretenden – Krisen nicht in einem Mangel an Produkten, sondern in einem Zuviel von allem bestehen. Und das nicht etwa, weil die lohnarbeitende Menschheit die Produkte nicht gebrauchen könnte, sondern schlicht deshalb, weil sie nicht das Geld hat, sie zu bezahlen. So steht dem Überfluss unmittelbar der Mangel gegenüber: dem Zuviel an Produkten ein Zuwenig an Zahlungsfähigkeit, dem Zuviel an Fabriken ein Zuwenig an Gütern zum Leben, dem Zuviel an Arbeitsuchenden ein Zuwenig an Arbeitsmöglichkeiten, dem Zuviel an anlagesuchendem Kapital ein Zuwenig an lohnenden Geschäftsmöglichkeiten.

Weil der Lebensunterhalt der meisten Menschen gerade vom Gang des Geschäfts abhängig ist, ist eben auch das Einkommen eine unsichere Angelegenheit – und das nicht erst durch das Virus. Hängt der Unterhalt doch gar nicht am guten Willen derer, die arbeiten wollen, sondern daran, ob jemand mit der Bezahlung von Arbeit ein rentables Geschäft machen kann. Maßgeblich sind eben das Kapital und seine Vermehrung – und nicht die Notwendigkeiten des Lebensunterhalts der verehrten Bürger und Bürgerinnen. Deshalb sieht es zurzeit nicht sehr rosig aus. Kurzarbeit mit Lohnkürzungen oder gar Arbeitslosigkeit nehmen zu und machen das Einkommen zu einer völlig unkalkulierbaren Sache. Deshalb ertönt jetzt der Ruf nach Normalisierung, damit das Geschäftsleben wieder in Gang kommt, auch wenn jeder weiß, dass dies die Infektionsgefahr und die Zahl der Toten erhöhen wird.

Der Arbeitsmensch wird natürlich nicht allein gelassen. Er hat eine Vertretung. Die Gewerkschaften melden sich sofort als Interessenvertreter ihrer jeweiligen Branchen zu Wort, deren Förderung ihnen ein Anliegen ist. Sie wissen, dass ihre Mitglieder vom Geschäftsgang abhängig sind, weswegen ihr Schaden in der Krise eine ausgemachte Sache ist. So beschwören die Gewerkschaften die Wichtigkeit des Konsums ihrer Mitglieder für das Gelingen des Geschäfts. Dabei ist ja nicht der Konsum der Zweck der Produktion, vielmehr geht es darum, dass die Unternehmen durch den Verkauf ihrer Produkte Geld erlösen – und zwar mehr Geld, als die Produktion sie gekostet hat, sonst betriebe man ja ein unrentables Unternehmen, das auf Dauer natürlich nicht aufrecht erhalten werden könnte.

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In dem Zusammenhang – im Kreislauf des eingesetzten und wieder zurückfließenden Kapitals – erfüllen die Konsumenten eine wichtige ökonomische Funktion. Sie sind die berühmte Kaufkraft, die bei der Masse allerdings darunter leidet, dass sie nur über beschränkte Einkommen verfügt. Und so verlangt die Gewerkschaft einerseits von den Unternehmen, an die Konsumentenfunktion ihrer Arbeitnehmer zu denken, wenn es um die Löhne geht, von denen sie andererseits weiß und immer verständnisvoll in Rechnung stellt, dass sie als Kostenfaktor in die Gewinnrechnung eingehen.

Der institutionalisierte Zwang zum allseitigen Geschäftemachen

Es ist jetzt gar nicht so einfach, das Geschäftsleben wieder in Fahrt zu bringen. Zwar kann man die Produktion wieder hochfahren, aber es wird ja nicht produziert, um die Menschheit mit Gütern zu beglücken. All die nützlichen Dinge müssen schließlich verkauft werden und das in Zeiten, wo immer mehr Menschen kurzarbeiten, um ihre Arbeitsstelle bangen oder schon Job und Einkommen verloren haben. Der private Konsum hat, wie gesagt, seine unabdingbare Funktion in der kapitalistischen Wirtschaft; als zahlungskräftige Größe, die die produzierten Güter zu Geld werden lässt, hat er das Wunder zu vollenden, dass aus dem vorgeschossenen Geld mehr Geld wird. Und die produzierenden Unternehmen sind nicht nur vom Konsum der Privathaushalte abhängig, sondern auch davon, dass an anderer Stelle Geld verdient wird, damit ebenso Maschinen oder Vorprodukte als Waren ihre Abnehmer finden.

In Zeiten, in denen nicht nur – wie in jeder Krise – eine allgemeine Überproduktion herrscht, sondern zudem durch die Pandemie viele Geschäftsaktivitäten brachgelegt und Lieferketten unterbrochen sind, stockt das Geschäftsleben in weiten Teilen. Und weil viel an Produktion mittels Kredit in Erwartung zukünftiger Verkäufe und Gewinne in Gang gesetzt wurde, geraten die Produzenten in Zahlungsnöte. Damit das nicht zum allgemeinen Ruin der Wirtschaft führt, hat der Staat jetzt gewaltige Zahlungen und Zahlungsversprechen in die Welt gesetzt, die das Wirtschaftsleben in Gang halten oder bringen sollen.

Die Mieter sollen weiter ihre Mieten zahlen können, die Arbeitnehmer ihren Lebensunterhalt – wenn auch in eingeschränkter Form wegen Kurzarbeit usw. –, die Unternehmen ihre Kosten und Kredite, damit auch die Banken nicht in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Ob mit diesen Zahlungen und Kreditbürgschaften das Wirtschaftsleben wieder in Schwung kommt oder erst eine Krisenbereinigung in Form von Insolvenzen, Arbeitslosigkeit usw. stattfinden muss, bleibt abzuwarten. Denn das ist bei den staatlichen Rettungsaktionen klar: Das Ganze muss in die üblichen Geleise zurückfinden, in denen bekanntlich der Markt über Sein oder Nichtsein entscheidet!

Eine solidarische Gesellschaft, in der sich jeder um sich selbst kümmert

Wenn nun die Konkurrenz im Bildungs- und Beschäftigungssystem (wieder-)eröffnet wird, heißt das, dass sich alle in der Gesellschaft darum zu kümmern haben, wie sie mit ihren Erwerbsquellen vorankommen. Statt der oft beschworenen Solidarität und erfreut registrierten Zustimmung zur Politik macht sich Unzufriedenheit breit. Geäußert wird sie in Form von Gerechtigkeitsfragen: Warum nur die Abschlussklassen öffnen, wo doch die Jüngeren weniger krankheitsanfällig sind? Warum Geschäfte bis zu 800 qm Verkaufsfläche freigeben und nicht größere? Werden da nicht die kleinen bevorteilt? Warum Ikea und nicht Karstadt usw.?

Es stellt sich dabei gar nicht mehr groß die Frage, welchen Stellenwert die einzelne Maßnahme bezogen auf die eigene Gesundheit hat. Alle gehen vielmehr davon aus, dass die Optionen, die der kapitalistische Alltag bietet und mit denen man zurechtkommen muss und will, in der einen oder anderen Form Opfer verlangen. Dass diese Optionen auch ohne Corona immer Schadensabwägungen beinhalten, gilt als unvermeidlich, und niemand verschwendet einen Gedanken darauf, wie man diese trostlosen Alternativen, auf die man festgenagelt ist, aus der Welt schaffen könnte. Auch dass diese Lebensnotwendigkeiten immer Schäden an der Gesundheit oder am Einkommen oder an beidem bereithalten, ist kein Grund zu ernsthaftem Widerspruch. Die Mehrheit ist bereit, sich in der einen oder anderen Weise damit zu arrangieren. Gefordert sieht sie hier in jedem Fall die Politik, Regelungen zu treffen. Um das eigene Interesse in irgendeiner Weise geltend zu machen, verstehen sich zudem auf die Heuchelei, das eigene Interesse als Beitrag zum Gesamtwohl darzustellen. Wenn die Kinder zu Last werden, dann fehlen ihnen die Freunde, wenn die Schulen nicht öffnen, dann sorgt man sich um die Bildungsverlierer. Und so kann noch jeder sein Interesse geltend machen, ob als Wohnungswirtschaft mit der Forderung nach staatlicher Förderung für die Quartiersbildung oder als Autoindustrie, die einfach auf die Abhängigkeit der gesamten Nation von ihrem Erfolg verweist.

Regierung im Dienste des Volkes: Wirtschaftswachstum!

Und die ist auch ständig aktiv in der Absicht, die Volksgesundheit und damit die Funktionstüchtigkeit der Bevölkerung angesichts der Pandemie zu erhalten. Dabei begrenzt sie die einschränkenden Maßnahmen im Blick darauf, dass das Wirtschaftswachstum, von dem in dieser Gesellschaft alles abhängig gemacht ist, nicht zu sehr leidet, vielmehr wieder prächtig auflebt. Und weil es bei dieser Abwägung – Volksgesundheit versus Wirtschaftswachstum – keinen sicheren Weg gibt, gibt es auch immer Streit darum, wie viel man an Lockerung und Inkaufnahme von Infektionen zu riskieren hat und wie sich dies auf die weitere Entwicklung der Ökonomie auswirkt. Also gibt es auch jede Menge Möglichkeiten für Politiker, sich in diesem Streit zu profilieren.

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Dass die Wirtschaft möglichst schnell wieder in Gang kommen muss, einigt alle von links bis rechts. Dazu hat der Staat auch viel Geld in die Hand genommen, sprich: seine Kreditmöglichkeiten ausgenutzt. Sowohl die Arbeitgeber wie die Arbeitnehmer sollen zahlungsfähig bleiben, damit bald wieder produziert wird und die Produkte ihre Abnehmer finden, so dass diejenigen, die die Wirtschaft heißen, ihren Reichtum vermehren können. Und das möglichst schneller als andere Länder, damit „wir“ stärker aus der Krise herauskommen, als wir in sie hineingegangen sind! Dass beim „Wiederaufbau“ Opfer notwendig sind, wird auch nicht verschwiegen – was denn sonst? Das weiß die bürgerliche Welt ja seit F. Schiller bzw. W. Schäuble: Das Leben ist der Güter höchstes nicht.

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Grafikquellen       :

Oben         —      Corona Party    – Vale do Anhangabaú – 30/05/2013

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2.)  von Oben      —       Geschlossener Spielplatz in Eilenriede (Hannover, Deutschland) während der COVID-19-Pandemie.

Author Michał Beim

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3.von Oben     —           Graffiti „Destroy Capitalism!“ auf einer Fabrikmauer

Unten      —      Eingezäunte Schafherde mit Schäfer auf der Dreiborner Hochfläche im Nationalpark Eifel.

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Stadtgespräch aus Hanau

Erstellt von DL-Redaktion am 5. Mai 2020

Sprecherin über Hanau-Begegnungsstätte
„Namen zu nennen, genügt nicht“

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Interview von Christan Jakob mit Newroz Duman

Unweit des Tatorts des Anschlags von Hanau entsteht eine Begegnungsstätte. Ein Gespräch mit Newroz Duman über das Erinnern.

taz: Frau Duman, am Dienstag eröffnet in Hanau eine Begegnungsstätte in Erinnerung an den Mordanschlag am 19. Februar. Wie muss man sich diesen Ort vorstellen?

Newroz Duman: Der Laden ist ein Projekt der Initiative 19. Februar. Die ist in den Tagen nach dem Mordanschlag entstanden. Damals herrschte vor allem Chaos. Schon vor dem Anschlag gab es in Hanau die Gruppe Solidarität statt Spaltung. Aus diesem Kreis heraus waren wir ab dem 19. an unterschiedlichen Stellen unterwegs, etwa auf Demos und Mahnwachen. Wir haben uns jeden Abend getroffen und zusammengetragen: Was ist passiert, wer weiß was, was muss getan werden, was ist morgen dran? In dieser Zeit sind auch FreundInnen aus Frankfurt, Hamburg und Berlin gekommen. Bald ging es dann nicht mehr nur darum, Infos zu beschaffen, sondern auch Unterstützung zu leisten.

Welche Unterstützung zum Beispiel?

Etwa AnwältInnen zu beschaffen, Kontakt zu Beratungsstellen vermitteln oder zu schauen, wer eine Psychotherapie braucht, zu suchen, wo es dafür freie Plätze gibt, wer trotz Corona weiter Therapien anbietet. Bürokratie war ein großer Teil der Arbeit. Opferfamilien haben Anspruch auf finanzielle Unterstützung, es war aber für sie oft nur schwer zu durchschauen, wie sie die bekommen können. Da war wochenlang sehr viel unklar. Wir haben die ganzen Informationen zusammengetragen und geholfen, Formulare auszufüllen, das bieten wir auch immer noch an. Es war schnell klar, dass das Ganze, was seit dem Anschlag passiert ist, längerfristig einen Raum braucht, einen Ort, an dem das alles zusammenkommen kann, an dem wir jeden Tag erreichbar sind. Denn hinzu kam ja, dass durch Corona viele offizielle Unterstützungsangebote auf Eis gelegt wurden, weil öffentliche Orte zugemacht haben. Trotzdem war es natürlich wichtig, weiter den Kontakt zu halten. Deswegen eröffnen wir jetzt die Anlaufstelle.

Das Café liegt in der Krämerstraße, direkt am Heumarkt, einem der beiden Tatorte. Wie konnten Sie so schnell ein solches Lokal finden?

In dem Raum war früher ein Geschäft, er steht aber seit zwei Jahren leer. Deshalb konnten wir den direkt anmieten. Allerdings kostet er 2.500 Euro im Monat Miete und der Vertrag läuft drei Jahre, weshalb wir gerade Spenden sammeln.

Inwieweit sind Angehörige der Opfer beteiligt?

Zwei Familien von Ermordeten bezeichnen sich als Teil unserer Initiative, einige Angehörige arbeiten im Laden mit. Mit einem Großteil der Familien von Ermordeten stehen wir in Kontakt. Hinzukommen Verletzte, unverletzt Überlebende und deren Angehörige. In den Shisha-Bars und drumherum waren an jenem Abend ja viele Menschen. Ich kann es nicht genau sagen, aber seitdem wir den Laden aufbauen, hatte ich persönlich Kontakt zu etwa 50 Menschen aus diesen Gruppen. Manche habe ich bislang nur einmal gesehen, manche sind jeden Tag hier.

Der Laden ist also schon offen?

Die offizielle Eröffnung ist am Dienstag. Aber wir haben schon vor Wochen mit der Renovierung begonnen und parallel dazu gibt es die ganze Zeit schon Treffen.

Trotz Corona?

 

Mit Freund_innen aus anderen Städten, die uns unterstützen, haben wir Telefonkonferenzen gemacht. Die AktivistInnen aus der Region haben sich weiter getroffen, um gemeinsam den Raum aufzubauen – mit Abstand zueinander. Was auch trotz Corona weitergelaufen ist, waren die Besuche an den Gedenkorten in Hanau-Kesselstadt und am Heumarkt, jeweils mittwochs und samstags. Es hat sich schon im Februar so entwickelt, dass Menschen an diesen Tagen dort zusammengekommen sind, aufgeräumt und neue Blumen dorthin gebracht haben. Das ist so weitergelaufen, das waren auch wichtige Gelegenheiten zum Austausch, unter anderem mit NachbarInnen.

Die Anlaufstelle wird auch als „Denkmal“ angekündigt. Inwiefern?

In unserer Selbstdarstellung haben wir es so formuliert, besser kann ich es auch nicht ausdrücken: „Unsere Erinnerung wird nicht in Stein gegossen, sondern bleibt lebendig.“ Die Angehörigen müssen hier keine Termine machen. Dieser Ort steht ihnen immer offen. Wenn sie reden wollen, wenn sie Fragen haben, wenn sie Hilfe brauchen, wenn sie etwas unternehmen wollen. Dann kommen sie einfach vorbei, sind nicht allein.

Es soll bei der Anlaufstelle auch um Erinnerung gehen. Was, glauben Sie, droht in Vergessenheit zu geraten, wenn Sie die Erinnerung daran nicht wachhalten?

Quelle         :          TAZ         >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen        :

Oben       —        City sign HANAU am Main

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Unten         —      Ханау – родина сказочников братьев Гримм.

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Zum Schweigen gebracht

Erstellt von DL-Redaktion am 4. Mai 2020

Debatte um Achille Mbembe

Von Dominic Johnson

Bei der Debatte um Achille Mbembe geht es weniger um dessen angeblichen Antisemitismus als um Deutschlands Unwillen, die eigene Kolonialzeit aufzuarbeiten.

Wer die globalisierte Welt verstehen will, kommt an „Critique de la raison nègre“ nicht vorbei. Das Hauptwerk des kamerunischen Philosophen Achille Mbembe aus dem Jahr 2013 entwirft die globale Moderne als Geschichte ihrer ersten Opfer, den versklavten Afrikanern, aus deren Status sich alles andere ableitet. Der „Neger“ des Titels ist der Mensch als Ware. Er ist Rohstoff und Arbeitswerkzeug, zu zähmendes Lebewesen, zu dressierender Wilder, im Zustand permanenter Erniedrigung gehalten, mit einer auf Gehorsam und Ungehorsam reduzierten Gedankenwelt. Die Sklaverei gründet darauf, der Kolonialismus, die Apartheid, auch die Segregation in den USA oder der Antisemitismus in Europa.

Keine Person, eine Kondition

Mbembes Neger ist nicht einfach der Schwarze, wie es die verhunzte deutsche Übersetzung des Buchtitels („Kritik der schwarzen Vernunft“ statt „Kritik des Negerdenkens“) nahelegt. Er ist jeder, dessen Identität andere bestimmen. Er ist das „vergiftete Subjekt“. Er ist der Proletarier im Schatten, zum Arbeitseinsatz gerufen oder ausgesondert. Er ist keine Person, sondern eine Kondition. „‚Neger‘ sagen“, schreibt Mbembe, „heißt, all die Leichen in Erinnerung zu rufen.“ Das „Neger-Werden der Welt“ gehört zu Mbembes Dystopien.

Das besondere Interesse Mbembes galt zuletzt Stadtentwicklungsformen, die Ungleichheit zementieren, sowie Grenz- und Migrationsregimen als Systeme der Kontrolle, Überwachung und Zuordnung. Er hat auch Europas Flüchtlingspolitik so analysiert. Der mittlerweile in Südafrika familiär verankerte Kameruner erkennt darin eine Weiterentwicklung der südafrikanischen Apartheid, in der der Schwarze als „Neger“ fungierte: Schwarze durften die Gebiete der Weißen nur zwecks Arbeit betreten und mussten sich ansonsten in elende Townships zurückziehen, reglementierte Lager unter Flutlicht, außer Sichtweite.

Ab den 1970er Jahren steigerte Südafrika die Rassentrennung in das Ansinnen der kollektiven Ausbürgerung aller Schwarzen: Sie sollten Südafrika nur noch als Arbeitsmigranten betreten, als Bürger unabhängiger „Homelands“, mit Staatlichkeit geadelte Fetzen Brachland. Das Homeland-System wurde nie vollendet, aber als Modell, sich die „Neger“ zugleich vom Leib und zur Verfügung zu halten, bleibt es unübertroffen. Züge davon sind in allen Arbeitsmigrationsregimen der Welt zu erkennen und für Mbembe auch in Israels Besatzungsregime gegenüber den Palästinensern, in „autonome“ Enklaven verbannte Objekte von Exklusion an Mauern und Kontrolle an Checkpoints.

Koloniale Kontinuitäten

Dabei interessiert sich Mbembe nicht besonders für Israel. Sein Gedankengang ist universalistisch. Er vergleicht ständig alles mit allem. Die Vorwürfe gegen Israel stehen bei Mbembe nicht im Hauptwerk, sondern bloß in Streitschriften, die im Kontext der universitären Debatten Südafrikas entstanden. Denn der Apartheid-Vorwurf gegenüber dem israelischen Besatzungsregime ist in Südafrika und auch in Israel selbst gang und gäbe, und in beiden Ländern ist auch präsent, dass Israel und Apartheid-Südafrika einst militärisch zusammenarbeiteten und dass Israels radikale Siedlerbewegung das Homeland-System bejubelte. Heute tritt Israel in Afrika vor allem als Elite-Militärausbilder sowie als Anbieter von Spitzentechnologie zu Kampf- und Überwachungszwecken auf: Hightech gegen den „Neger“.

Quelle    :      TAZ        >>>>>           weiterlesen

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Grafikquellen        :

Oben         —        Achille Mbembe

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Unten     —      Policemen at Duala on the Kaiser’s birthday, 1901

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London in Slowmotion

Erstellt von DL-Redaktion am 4. Mai 2020

Ein  Ausflug durch London

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Quelle       :         INFOsperber CH.

Von Heinrich Vogler

Flaneur Andreas Nentwich macht sich in London auf die Suche nach Architektur und Menschen. Dabei kommt er auch sich selbst näher.

Der Besucherblick verliert sich in den Höhen von Westminster Cathedral. Dort oben ist alles schwarz, «weihrauchgeschwängert.» In seinem Journal hält Flaneur Nentwich diesen Moment der Kunstbetrachtung später so fest:

«Die Kuppeln vergehen in Brikettschwärze, nie sind die falschen byzantinischen Mosaiken, die auch die St. Paul’s Cathedral so sehr verderben bis hierherauf gekrochen … Aber das Pariahafte … gefällt mir.»

Anziehung und Abstossung des emphatischen Betrachters zugleich halten sich meist die Waage. Nentwich folgt den Linien dieses Spannungsfelds in einer Reihe von Londoner Kirchen und in Sakralbauten im Umland, die kunstgeschichtlich zum so genannten Gothic Revival gezählt werden. Diese Architekturtradition, mittelalterlich-gotische Formen in der Gegenwart fort zu bauen und auszugestalten, beginnt in England schon im 18. Jahrhundert und reicht hinein bis ins letzte. Es ist die Verschmelzung von ursprünglich und kopiert. Man könnte es auch eine Form von Verfremdung nennen, um nicht – etwas vergröbernd – von Fake zu sprechen. Der Reiz dieser leidenschaftlichen Erkundungen besteht darin, dass Kunsthistoriker Nentwich, wie ein Übersetzer, diese Bauten als jeweilige Zeitzeugen sozusagen dekonstruiert und sie dem heutigen Leser in ihrer je eigenen Verwandlung näher bringt, als jede visuelle Dokumentation dies vermöchte. Denn der Autor verkabelt seine durchdringende Wahrnehmung mit höchster sprachlicher Eleganz. So gerne wir dem «Spleen» für das anglikanische Sakrale, wie Nentwich selbst einräumt, folgen, so gerne begleiten wir ihn auf den Strassen, wo das wandlungsfähige Alltagsleben pulsiert. Dorthin, wo der Augenblick im Auge des Flaneurs zu einem Bild von Dauer gefriert.

Geschenkte Zeit

Der Zürcher Stadtwanderer löst in London ein Guthaben geschenkter Zeit ein. Ermöglicht durch ein halbjähriges Stipendium. Zwei Tempi schlägt er an. Mal joggt oder schwimmt er allegro, mal schlendert er mehr oder weniger ziellos andante durch Londons Strassen, Parkanlagen, der Themse entlang oder er besucht Ortschaften, Sehenswürdigkeiten und Unscheinbares der Umgebung. Was er draussen gespeichert hat, gleicht er im Nachgang mit ergänzender Lektüre oder in den Museen mit den Klassikern der englischen Malerei von John Constable bis William Turner ab, um es aus der Gegenwartswarte neu zu vermessen. Bald kürzer, bald weiter ausholend von seiner Basis im East End aus. Im Fokus sind Häuser, Menschen, Tiere, Pflanzen, der hundertfarbige Himmel. Also all dies, was der hektische Grossstadtbesucher oder Tourist in der Regel übersieht. In die chronologischen Tagesnotate findet nicht nur das Visuelle, sondern auch der wechselhafte und kontrastreiche Klang der Metropole Eingang. Um die Vesperzeit lauscht der Flaneur oft im Chorraum einer Kathedrale den meditativen Klängen der Evensongs, die die Tradition des christlichen liturgischen Abendgebets in anglikanischer Version fortführen.

Spiel mit dem Zufall

Dieser Flaneur kommt von aussen und bleibt wie ein scharf beobachtender «Zaungast» stets am Rande. Er vergewissert sich, dass für ihn als «seitenverwirrbarer Linkshänder» beim Überqueren der Strasse besondere Gefahr lauert:

«Für mich … ist es doppelt gefährlich, hier erscheinen zu wollen, wie alle.»

Voilà: fremd bleibt fremd, was durchaus gewinnbringend ist. Der Flaneur operiert, wie ein Detektiv, im Schatten der Distanz zu seinen Sujets. Er benötigt den Abstand zu diesen, um sie unauffälliger beobachten zu können. In einem Busoberdeck platziert sich ein Bobo-Pärchen, die Mischung aus Bohémien und Bourgeois ausspielend, neben dem Autor. Also mit Siegelring, Jeans, Hipsterhütchen und anderen Insignien dieser schon etwas angegrauten Modeströmung. Andreas Nentwich macht daraus mit hochgradiger Souplesse eine kompakte Feldstudie, ein literarisches Kabinettstück, das seinesgleichen sucht. Der Flaneur kann das quirlige Girlie an der Seite des blasierten Schnösels noch nicht erkennen, weil der Modeaffige ihm die Sicht auf seine Partnerin verstellt. Dies tut jedoch nichts zur Sache. Denn:

Panorama of City of London during The Shard’s opening laser show.jpg

«Bald redet sie im Smartphone unentwegt mit jemandem, ihr Snob-Ton muss ausgeführt werden, damit er schlank und beweglich bleibt wie ein Windspiel. Ich verstehe nicht viel, aber Wörter wie «vintage» oder «party foul» leuchten mir sofort ein. Manchmal sehe ich aus dem Augenwinkel eine schmale Hand, ringlos mit dunkelviolett lackierten Nägeln nach oben schnellen.»

Der Beobachter muss vor dem Pärchen aussteigen. Aber wir Leserinnen profitieren davon. Dank des Glücksmoments, in welchem die Fiktion ins Spiel kommt. Der Autor bekennt nämlich an dieser Stelle, dass er nicht wisse, wieviel er bei der Aufzeichnung dieser Begegnung «erfunden» habe. So spielt er den Flaneur aus. Als Go-between zwischen Fakt und Fiktion. Zwischen dem objektiv Sicht- und Hörbaren und dem Möglichen als Kompensation der Leerstelle des Beobachters. In Folge dessen ist der Flaneur nicht einfach Chronist, sondern eben auch Schriftsteller, also ein Künstler.

Schrittweise Entzauberung

Gegen Ende des Stipendienaufenthalts in London sitzt der erzählende Chronist wieder in St. Paul beim Evensong. Da ergreift ihn radikale innere Umkehr. Sein eigenes Gothic Revival scheint zu verlöschen:

«Von hinten glänzt der Baldachinaltar mit seinen gedrehten Säulen und goldenen Troddeln wie ein Götze. Gebetet wird für die Hitzeopfer in Mitteleuropa, das ist nett wie immer. Besitzergreifendes Lirumlarum. Viele Besucher in kurzen Hemdchen und Hosen … Ein Hauch von Knoblauch. Ich glaube, ich habe genug von den Evensongs in diesem hässlichen und frostigen Gebäude.»

Man muss das nicht gleich als Lossagung von dem Sabbatical-Projekt des Andreas Nentwich lesen. Aber all die Wegweiser, die den Flaneur wochenlang in alle Himmelsrichtungen Londons auf Trab gehalten haben, scheinen sich in diesem Moment, wie von Geisterhand gelenkt, auf die Person zu richten, die dem Wesen des Genres gemäss als vermittelndes Medium eigentlich im Äussern aufgeht. Nun mutiert der Flaneur für Momente auch zum Beobachter seiner selbst. Dadurch wird er vom Medium zur Figur.

Kaschierte Autobiographie

Anlass für diese Selbstbeobachtung sind meist kurze Abstecher zurück auf den Kontinent. «Und ich?» fragt sich der «fremde» und heimatlose Gast lakonisch anlässlich eines Besuchs bei seinem Vater in Deutschland. Später blitzt eine lapidare Reminiszenz an die chronisch kranke Mutter auf. Sie liess «die ganze Wut und Verbitterung in ihren Blick schiessen.» Man ist versucht, das Gravitationszentrum dieses feinnervigen Journals in dessen Mitte zu orten. Hier tritt in einer Deutlichkeit, wie sonst nirgends, eine lebensgeschichtliche Ader des Autors hervor. Der Geisteswissenschafter und Publizist macht fest, wie ihn seine Herkunft geprägt und wie diese sein Leben bestimmt habe:

The City London.jpg

«Wir sechzigjährigen Kleine-Leute-Kinder, allemal die unter uns, die eine Geisteswissenschaft studiert haben, sind am Ende in die Bildungsbürger-Sackgasse gelaufen. Wir haben es … nicht geschafft in der digitalen Welt, die emphatisch bei null anfängt. Zukunft umwirbt uns nicht und steckt uns auch nicht in den Fingerspitzen.»

So beiläufig bringt Nentwich damit eine sozialkritische Note ins Spiel. Seine Desillusionierung über eine eigene verbaute Chance, die nun das literarische Tageslicht zu suchen scheint. Noch vor dem Ende seines Londonaufenthalts muss der Autor zu Hause in Zürich zwischendurch seine Bibliothek ins Antiquariat verabschieden, weil die Familie kurzfristig umziehen muss. Dabei erinnert er sich an den Titel eines Buchs, welches er gar nicht mehr hat: «Vor dem Leben stehend» (Gemeint ist wohl Johanna Walsers Prosaerstling von 1982.) So kreuzt ein Schub eigene Lebenserinnerung die Staubwolken seiner gerade verschwindenden Bibliothek. So als müsste auch Platz geschaffen werden für das im Journal Nentwichs Heranwachsende, nämlich funkelnde Versatzstücke autobiographischer Prosa, geboren über den Umweg der Beobachtung des grossen Welttheaters in einer uferlosen Kapitale.

Sprachfest

Der Titel Change Ringing, als Anspielung auf den mäandernden Wechselklang des typisch englischen Kirchengeläuts, bringt auf den Punkt, dass das Kunststück des Journals ebenso vom wohlklingenden Sound seines ausserordentlich eleganten Ausdrucks lebt. Nentwichs Sprache ist wie alles Edle von einfacher Art. Schlank und rank, völlig unprätentiös. So leicht wie Prosa sein muss, der man nicht ansieht, wieviel Arbeit sich darin verbirgt. Dieser Erzähler reiht sich mit seinem Journal in die Reihe der Nachfolger der grossen Stilisten der namhaften Flaneure ein. Walter Benjamin, Franz Hessel, Cees Nooteboom und als jüngste Judith Schalansky. Nentwichs eigenständige Wortkunst ist gleichwohl ungebunden und elementar aus hart erarbeitetem Können gedrechselt. In Andreas Nentwichs Londonjournal wird sich die Welt von Stadt und Landschaft sozusagen ihrer selbst bewusst. Und darum kann er als Flaneur in London auf dem Weg zum Romancier derart souverän herausfiltern, wie das Leben in dieser Stadt heute Menschen formt. Orchestriert von der Tradition jahrhundertealten Glockengeläuts und durchdrungen vom glasklaren Blick eines Fremden. Es wäre jammerschade, wenn dieses Buch, gewiss zusammen mit vielen anderen literarischen Neuerscheinungen dieses Frühjahrs, zwischen die weiten Maschen des coronabedingten Lockdowns fiele. Noch ist es nicht zu spät. Ihre Buchhandlung öffnet demnächst wieder.

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Andreas Nentwich. Change Ringing. Ein Londonjournal. Edition Blau. Rotpunkt Verlag. Zürich 2020.

Andreas Nentwich und Christine Schnapp. Modern in alle Ewigkeit. Eine Reise zu den schönsten modernen Kirchenbauten der Schweiz. Zytglogge Verlag. Basel 2019.

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Unten     —      The City of London, United Kingdom.

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Corona – und dann? Oder:

Erstellt von DL-Redaktion am 4. Mai 2020

Der Weg heraus aus unserer persönlichen Matrix.

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Versuch einer psychoanalytischen Betrachtung – von Stefan Weinert

Die Coronawelle mit ihrer Covid-2019 Erkrankung hat die Gesellschaft und den Einzelnen – jedenfalls ab dem Zeitpunkt des Ernstnehmens und/oder der Einsicht über ihre Gefährlichkeit – in ihrem und seinem alltäglichen Verhalten und ein wenig zumindest in seinem Denken verändert. Allerdings ist ein Rückfall in alte Verhaltensmuster und alte Denkschemata – sowohl in die der Allgemeinheit als auch des Individuums – nicht ausgeschlossen. Vor allem dann, wenn sich die Lage zu entspannen scheint, und ganz sicher, wenn die Krise tatsächlich überstanden ist. Diese Regression kann aber auch erfolgen, wenn die Krise (hier: die Coronawelle) auf dem Krisenniveau bleibt und sich bei uns Menschen ein gewisser Gewöhnungseffekt einstellt.

Denn das Agieren oder besser das Re-Agieren auf eine Krise allein, kündigt noch keine wirkliche Revolution oder Reformation an,  —  bzw bewirkt und entwickelt das bloße veränderte Verhalten in einer Ausnahmesituation noch lange keine wirkliche und langfristige reformatorische Kraft, was uns die Menschheitsgeschichte mit ihren Kriegen, Revolutionen, Terroranschlägen und überstandenen Katastrophen nur zu deutlich beweist. Es heißt dann zwar immer aktuell, „die Welt wird nicht mehr so sein, wie zuvor“, doch es dauert nicht lange, bis alles wieder „aufgebaut“ ist und die selben Menschen sich wieder gegenseitig ausbeuten, übervorteilen, beleidigen, belügen, sich in Kasten einteilen und die Monarchie unter dem Deckmantel der Demokratie weiter betreiben.

Die in oder kurz nach Ende der Krise  postulierte und propagierte Freiheit und Gleichheit für alle, die nun endlich kommen wird, erweist sich dann als – im wahren Sinne des Wortes – „Hirn-Gespenst.“ Denn eine wirkliche Reform der Gesellschaft setzt eine wahre, echte, immer gültige Änderung der Denkungsart (Kant) des Individuums voraus. Die grundsätzlichen Strukturen des Denkens, und damit die Schemata unseres Agierens und Reagierens aufgrund der tiefen eingefahrenen Spuren unseres „Hirns“ müssen verschwinden, müssen umgearbeitet und durch bestimmte (Selbst)-Erkenntnisse nivelliert werden.

Ist das überhaupt möglich? Ist das nicht reine Utopie? In der Tat – sollte es überhaupt und wirklich faktisch gelingen – wäre das eine enorme, exquisit aufklärerische und Bewusstseins erweiterte Leistung. In dem Kinofilm „16 Blocks“ meint der Polizist (Bruce Willis) zu dem Gefangenen: „Menschen ändern sich nicht.“ Aber er hat damit nicht Recht und widerspricht sich selbst. Denn er – ein bisher korrupter New Yorker Cop – ist gerade dabei, sich zu ändern, in dem er den bedrohten Gefangenen schützt und später gegen sich selbst vor Gericht aussagt. Und auch der „Kriminelle“ wird am Ende zu einem ehrlichen und Beruf ausübenden Menschen.

Menschen ändern sich. Wenn sie (wenn wir) denn bereit sind, den Zeit extensiven Kampf – gegen die bisherigen Vorurteile, die Unfähigkeit zur Reflexion (statt nur zu räsonieren) und Selbstkritik, sich also selbst in Frage zu stellen, die Faulheit, Feigheit und Selbstzufriedenheit, den Widerstand und den Widerwillen, sich zu ändern – aufzunehmen. Dabei geht es aber nicht um die Unterdrückung unserer Gefühle und Triebwünsche, sondern darum, mit ihnen ihrem Wesen entsprechend in Zukunft umzugehen. Das ist übrigens der Weg, um aus der Unmündigkeit zur wirklichen Mündigkeit zu kommen. Wie oft hören wir von Zeitgenossen, oder meinen es selbst von uns, sie/wir seien „mündige“ und damit vernünftige Bürger, nur weil wir turnusmäßig unser Kreuz in der Wahlkabine, weil wir offen unsere Meinung sagen und unseren Beruf selbst wählen dürfen und können.

Dabei aber vergessen und übersehen wir – ja, nehmen es gar nicht wahr – dass wir getrieben und bestimmt sind durch unsere Triebe (nicht nur dem sexuellen) und deren Wunsch, sofort befriedigt zu werden, von unseren Vorurteilen nicht nur Menschen, sondern auch Objekten gegenüber, von nicht mehr zeitgemäßen Traditionen und unserer persönlichen Matrix („Gebärmutter“, „Muttertier“), also unserer festgelegten und eingravierten (= lat. = Charakter) „Lebenstabelle“ (Matrize) – sowohl der vorgeburtlichen, als auch der extra-uterinen. Letztlich geht es um das Gleichgewicht zwischen den Trieb->Kräften und den ICH->Kräften. Das ist wahre Mündigkeit des Menschen, zu der es einer Demokratie zwar nicht unbedingt bedarf, da sie (die Mündigkeit) immer zuerst eine innere ist, aber doch von Vorteil ist und dort ausgelebt werden kann.

Zettel „Wollt ihr die totale Hygiene?“.jpg

Diese angesprochene Balance, wird sie denn erreicht, kann immer nur auf Zeit bestehen bleiben und muss daher immer wieder neu erkämpft werden. Denn die in uns wohnenden Urkräfte werden nichts unterlassen, damit wir – bei entsprechendem Auslöser – auf die primitive Ebene zurückfallen. Was beim Tier die alles bestimmenden Instinkte sind (= Natur!), sind beim homo sapiens die beherrschbaren Triebe aufgrund der Kultur(!)anforderungen. Dazu sagte vor 105 Jahren Sigmund Freud Folgendes: „Die Erfahrung lehrt, dass es für die meisten Menschen eine Grenze gibt, über die hinaus ihre Konstitution der Kulturanforderung nicht folgen kann.“ Es reiche nicht, sich an etwas zu erinnern, es zu wiederholen, sondern man/frau muss es auch gegen alle inneren Widerstände anerkennen und durch arbeiten, bis die verdrängten Triebregungen aufgespürt sind (Freud).

Diese Introspektion ist nichts anderes als eine Lebensaufgabe, zu der die Krise (welcher Art sie auch sein mag, siehe oben) lediglich der Startschuss sein kann. So eben auch die aktuelle Corona-Krise. Bleiben Sie gesund und nehmen Sie die Herausforderung an.

Abgelegt unter: http://rath-aus-ravensburg.mozello.de/nachrichten/params/post/2101314/

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Oben     —         Graffiti „Destroy Capitalism!“ auf einer Fabrikmauer

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DIE * WOCHE

Erstellt von DL-Redaktion am 4. Mai 2020

Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1b/Die-Woche.png?uselang=de

Kolumne von Friedrich Küppersbusch.

Urlaub in NRW – oder zum Markusplatz?: Kurzarbeit und Försterlatein. Schwieriger Ausflug in den Zoo, coronierende Arbeitgeber, der ewige Horst Seehofer und das Masken-Sondermodell „Watzke“.

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?

Friedrich Küppersbusch: Endlich wieder Stau vorm Leverkusener Kreuz.

Und was wird in dieser besser?

Tag der Befreiung und Muttertag – durchfeiern.

Spielplätze und Zoos dürfen in Deutschland wieder öffnen. Auf welches Tier freuen Sie sich am meisten?

Abwarten, ob die Tiere uns ­sehen wollen. Affen können Aids, Zecken Hirnhautentzündung, Füchse Tollwut übertragen, und die Fledermäuse scheinen ein größeres Thema mit uns zu haben: Sars, Mers und womöglich Covid. Der WWF schlägt eine Brücke von Landraub und Artensterben zu Corona. Wenn Menschen Tieren auf die Pelle rücken, sagen deren Bewohner: Och, probieren wir doch mal den aufdringlichen Zweibeiner aus. „Zoonose“ heißt das auf Försterlatein und klingt schon ein bisschen umsatzhemmend für Tiergärten.

Für mehr als zehn Millionen Menschen wurde in Deutschland Kurzarbeit beantragt. Für Arbeitgeber scheint das Modell aufzugehen – und für die Arbeitnehmer?

Mitarbeiter müssen sich schriftlich einverstanden erklären, oder es stand eh im Arbeitsvertrag, oder es gibt eine Betriebsvereinbarung. Sie bekommen so viel Lohn, wie sie arbeiten, das Arbeitsamt legt 60, mit Kindern 67 Prozent des fehlenden Lohns drauf. Nach einer Böckler-Studie knausert Deutschland damit am Ende der Skala – die Niederlande, ­Norwegen, Irland oder Dänemark schicken Kurzarbeiter mit 100 Prozent Gehalt nach Hause. Was Arbeitsminister Heil an Verbesserungen angekündigt hat, ist also schon wieder kein sozialistischer Irrsinn, sondern europäische Harmonisierung. Und noch ist es Gratisgroßmut: In den 10 Millionen angemeldeten Fällen steckt jede Menge Vorrat. Nie war es leichter, Kurzarbeit anzumelden – viele Unternehmen coronieren sich Spielraum vom Amt und gucken dann, ob sie es auch wirklich brauchen.

Laschet, Söder, Kretschmann: Sie alle streiten lauthals über den richtigen Weg in der Krise. Doch um einen ist es in den vergangenen Wochen verdächtig ruhig geworden: Horst Seehofer. Wo ist der geblieben?

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Coronavirus in Deutschland

Erstellt von DL-Redaktion am 3. Mai 2020

Leben retten ja, aber …

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Von Tobias Schulze

Wie viel wert ist ein Menschenleben? Kommt drauf an. Die Abwägung ist nicht nur in der Gesundheitspolitik üblich.

Wie wichtig ist uns ein Menschenleben? Und ist uns jedes Leben gleich viel wert? Zwei Männer aus dem Südwesten haben in dieser Woche diese Fragen aufgeworfen. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sagte dem Tagesspiegel in einem sehr klugen Interview zur Debatte über die Coronaschutzmaßnahmen: „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig.“

Der grüne Kommunalpolitiker Boris Palmer sagte in einem sehr kühlen Interview auf Sat.1: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen.“ Ein Satz, der allein schon wegen seiner Empathielosigkeit schmerzt. Einerseits verwundert es also nicht, dass sich gerade gegen Palmer eine breite Allianz der Entrüsteten bildete: Der CSU-Chef nennt die Debatte „gefährlich“.

Grünen-Vorstände aller Ebenen distanzierten sich binnen Stunden von ihrem Tübinger Parteifreund. Und schon vor Palmer, aber nach Schäuble kommentierte Margarete Stokowsi in ihrer Spiegel-Kolumne: „Unangenehm ist, wie explizit davon ausgegangen wird, dass ein paar Leute jetzt wohl geopfert werden müssen.“ Ja, das ist unangenehm. Unangenehm ist allerdings auch, dass in der Kritik ein sehr selektiver Moralismus mitschwingt.

Dass neben dem Coronavirus auch die Coronarestriktionen Menschen töten – in einer Menge, die sich nicht beziffern lässt –, blendet sie aus. Vor allem aber: Dass Politik und Gesellschaft vor Entscheidungen verschiedene Güter miteinander abwägen und der Schutz von Menschenleben nicht automatisch alle andere aussticht, ist kein Phänomen der Coronakrise. Es ist Normalität – und manchmal unvermeidbar.

Die Pflicht zur Organspende würde auch Menschen retten

„Abwägungen sind Teil jeder Gesundheitspolitik“, schrieb Anna Holzscheiter, Politikprofessorin mit Schwerpunkt auf Internationale Gesundheitspolitik, schon Anfang April in einem Essay. Der plötzlichen Entrüstung über diesen Fakt hafte etwas „Scheinheiliges“ an. Ein Beispiel: Auch eine Pflicht zur Organspende würde ohne Frage Menschenleben retten. Eine solche Pflicht steht aber nicht zur Debatte. Der Bundestag konnte sich im Januar noch nicht mal zur weniger weit gehenden Widerspruchslösung durchringen.

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Das Recht auf Selbstbestimmung stand über dem Schutz von Leben. Wir könnten Menschenleben retten, wenn wir den motorisierten Verkehr abschaffen. Machen wir aber nicht, weil es sowohl Reisefreiheit als auch Wirtschaft ruinieren würde. Wir könnten Menschenleben retten, indem wir Alkohol verbieten. Machen wir aber nicht, weil Alkohol so schön lustig macht. Wir könnten Menschenleben retten, wenn wir auch während Grippewellen Mundschutz tragen und die Hände waschen.

Quelle     :        TAZ         >>>>>        weiterlesen

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Oben      —      Gänsemarkt 30 in Remscheid-Lennep

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Unten         —    Werbeschild eines Bestattungsunternehmens

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Unterm Gras die Knochen

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Mai 2020

Der Krieg war vorüber, das Schweigen setzte ein.

Von Manja Präkels

Eltern und Kinder misstrauten einander wie Fremde. Wieder jagten die Jungs mit den Hakenkreuzen Menschen. Nichts war vorbei. Mit der Mauer brach die Welt

Die Schriftstellerin Manja Präkels, 1974 in Brandenburg geboren, erlebt den Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg in der DDR. Sie erinnert sich an unerlaubte Fragen an den Großvater, KZ-Witze und an sehr viel Stille.

er Krieg schmeckte nach dem abgeknabberten Ende meines Bleistifts. Dafür gab es Stubenarrest, weil man die Dinge achten soll. Auch den Bleistift. Kauend hatte ich im Geschichtsunterricht hinten links in der letzten Reihe gesessen und mich in der Betrachtung des Zeitstrahls verloren. Urgesellschaft. Sklavenhaltergesellschaft. Schritt für Schritt ins Paradies. Das Vorwärtskommen schmerzhaft. Verlustreich. Im Kampf. Im Krieg. Draußen, auf dem Schulhof, quälte sich ein älterer Jahrgang Runde um Runde durch die Sommerhitze immer um den Fahnenmast herum. Man konnte gar nicht hinschauen, so schwitzten sie unter ihren Gasmasken. Würden wir alle für immer Soldaten sein?

Opa war desertiert. Entkommen. Mit Glück. Er wusste genau, wo er die anderen zum letzten Mal gesehen hatte. Halbwüchsige Hitlerfans, wie er einer gewesen war. Beim „Volkssturm“. Viele Jahre lang fuhr er immer wieder hin. Immer am selben Tag. Zu der Scheune, in der sie dem Todesmarsch begegnet waren, den ausgemergelten, erniedrigten Frauen. Zu der Scheune, in der er damals einem lebensentscheidenden Impuls gefolgt war. Jedes Mal hatte er gehofft, jemanden zu treffen. Vergeblich.

Einmal habe ich ihn direkt gefragt, am Kaffeetisch, an meinem Geburtstag: „Opa, wo bist du eigentlich im Krieg gewesen?“ Starres Entsetzen bei Eltern, Onkels, Tanten. Wie konnte ich bloß! Opa aber schaute nur kurz auf und redete los. Wollte gar nicht mehr aufhören. Nichts war für ihn vorbei. Gar nichts. So wenig wie für mich. In den Kinderzimmern der Nachbarschaft flimmerten wieder die alten Wochenschauen. Freundinnen verliebten sich in Jungs mit Hakenkreuz-Tattoos, die nachts Menschen durch die Innenstadt jagten, tagsüber auf die Gräber der Sowjetsoldaten pissten. Ich fragte mich, wer wir geworden waren. Warum?

Eine frühe Erinnerung: Reifen auf Asphalt. Fahrräder über Fahrräder und doch keine Friedensfahrt. Ich sitze vorn, im Kinderkorb. Mit Übersicht. Die Mutter steuert uns durch die Menge der Werktätigen, die aus allen Teilen der Stadt zur Arbeit strömen. Der helle Klang der Klingeln, die kurz anschlagen, wo immer eine Unebenheit die Straße prägt, dazwischen Raucherhusten, leise Grüße. Ich friere. Das liegt daran, dass ich noch gar nicht wach bin.

Dann Salutschüsse. Alle Räder stehen still. Tauben steigen in den blauen Himmel. Wir sind eine Demonstration. Wir alle, auch die Kinder. Hoch die rote Fahne. Es muss ein erster Mai sein. Kampftag. Aber gegen wen? Mutter steht jetzt ganz vorn in ihrer Uniform. Unter der Fahne. Ich kann sie nicht erreichen. Sie ist jemand anderes, sieht mich nicht. Nur den Himmel und die Fahnen, und ob auch alle Kinder tun, was sie von ihnen verlangt. Ich gehöre nicht dazu. Noch nicht.

Meine Kindheit war wie Erde in Mund, Ohren und Nase. Eine Welt aus Geheimnissen von Erwachsenen. Eine Welt, in der du nichts verstehst, dein Wort nichts gilt. Eine Welt, in der Höllengestalten wie Jummiohr den Weg wiesen. Jummiohr, der aus dem Krieg, von dem alle so laut schwiegen, dass er stets allgegenwärtig blieb, mit einem Ohr weniger zurückgekehrt war. Starr nicht hin, Kind. Das war der Krieg. Und die Sowjetsoldaten hatten im Wald ihre eigene Stadt. Wegen des Krieges. Manchmal konnten wir Schüsse hören. Furcht spüren. Halt den Mund Kind, das verstehst du nicht.

Omi ist das piepegal, ob einer versteht. Sie erzählt gern Geschichten. Ich mag es, mich zu gruseln. Und ihr Vorrat scheint unerschöpflich zu sein. Wenn sie von früher spricht, ist es immer Winter. Immer Krieg. Und sie weint dabei, sagt „Russen“ und meint Sowjetsoldaten. Ihre Freundin wollte danach nicht mehr leben. Nach den Russen. Aber das verstehe ich ja noch nicht. Sagt sie und redet weiter. Nächste Geschichte: In den Trümmern, die sich bis zum Himmel türmten, wurden junge Rotarmisten in Fallen gelockt, und am nächsten Tag gab es endlich wieder Fleisch. Verstehe ich auch nicht. Nächste Geschichte. Erzähl noch mal die mit dem erfrorenen Pferd.

„Ihre Freundin wollte danach nicht mehr leben. Nach den Russen. Aber das verstehe ich ja noch nicht, sagt sie“

Ein greller Erinnerungsfetzen: Am Ehrenfriedhof, dicht bei den Gräbern, hocke ich und halte nach einem bekannten Gesicht Ausschau. Nach jemandem zum Spielen. Ich stochere mit einem Stöckchen im Gras, stoße auf etwas Helles, Ungewöhnliches. Als ich die obere Schicht durchstoße, schlägt mir ein so übler Gestank entgegen, dass ich mich fast übergeben muss. Mit zugehaltener Nase inspiziere ich die Stelle erneut. Tausende kleiner Maden wimmeln in alle Richtungen durchs Gras. Mein Schreien weckt die Hunde aus dem Mittagsschlaf. Ihr lautes Gebell begleitet meine Gewissheit, einen der Toten ausgegraben zu haben.

Später, auf dem Schulhof: KZ-Witze. Das Lager Ravensbrück liegt ganz in der Nähe. Man fährt nur hin, wenn man muss. Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? Kein Kinderspiel. Sie jagen wieder. Aufgehetzte Schreie fordern, „die Kohlen“ in den Fluss zu werfen. Ich ducke mich. Wie alle anderen. Und kann es nicht vergessen. Vergessen. Vererbt sich das? Die allermeisten können es doch sehr gut. Erinnern sich weder an die Angstschreie noch an das, was zuvor oder später geschah.

Die aber, die sich erinnern können, die treffen sich. Auf den Bahnhöfen Osteuropas. In Antiquariaten. Auf Flohmärkten. Sie durchstreifen Gassen und Markthallen, vertrauten Gerüchen hinterherjagend. Fahren Jahr für Jahr an den alten Ort und hoffen, es kommt einer zurück. So wie Opa.

Es sind die Sonntage, die bleiben. Wenn die Arbeit ruhte, die Mutter mich nicht vor Sonnenaufgang weckte und durch die Kälte zum Kindergarten fuhr, wo gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Die Tage, an denen Vater den Gemüseladen geschlossen halten und einfach liegen bleiben konnte. Meine älteren Cousins reparieren mit ernsten Mienen ein Moped im Hof. Und ich bin frei. Darf alleine raus, denn der Hund ist ja bei mir. Menschen lächeln über Fensterbänke hinweg. Es fährt kein Auto. Nur das Pferdegespann des alten Fuhrunternehmers, der niemals frei hat, erschüttert die Ruhe mit Hufgeklapper. Im Rotdorn piepen Vögel. Die Angler am Fluss lassen mich bei sich sitzen. Aber nur, wenn der Hund still ist. Ein Militärkonvoi der Roten Armee überquert die Brücke, unter der wir sitzen. Der Beton vibriert. Verächtliches Ausspucken. Geballte Fäuste. Der Hund will nach Hause. Zu Oma.

Mit dem Schulbeginn kam die Pflicht. Kam der Zeitstrahl. Aufgaben pflasterten den Weg in eine glorreiche Zukunft, die man sich als Kind höchstens als fernen Planeten vorstellen kann. Wir marschierten über frisch abgeerntete Rübenfelder, warfen Handgranaten im Sportunterricht und sangen Lieder, die ein Morgen beschworen, an das kein Erwachsener mehr glaubte. Bis auf die Musiklehrerin vielleicht. Und die Mutter natürlich. Die Tränen der alten Kommunisten in den Klubs der Volkssolidarität galten ihren Erinnerungen und Träumen aus anderen Zeiten, die wir singend beflügelten: „O lasset uns im Leben bleiben, weil jeden Tag ein Tag beginnt. O wollt sie nicht zu früh vertreiben, alle, die lebendig sind.“

Datei:Druck-Schwerin-im-Herbst-1989-Volker-Jennerjahn.jpg

Wenn sie von Lagern und Widerstand erzählten, konnten wir den Krieg fühlen. Den Stacheldraht. Die Angst. Manchmal spielten wir ihn auch nach. An den Gepettos. Einem alten Ehepaar, das aufgrund des fremd klingenden Namens, seiner ärmlichen Behausung und des zurückgezogenen Lebens die missbilligende Neugier der Provinzbewohner auf sich zog, sodass wir Kinder straffrei unsere makabren Späße mit ihnen treiben konnten. Kleine Vollstrecker. Wir warfen Steine auf die hölzernen Fensterläden. Wenn der Alte dann, vor Empörung und Angst zitternd, hinaustrat, lachten wir. Gemein und skrupellos. Am Abendbrottisch wurde uns meist verziehen. Wer war nicht mit solchen Scherzen aufgewachsen? Als gelte es, eine Grundhärte zu erlernen. Mitgefühl zu verlieren.

Manöver Schneeflocke. Ein Gewaltmarsch, sagen sie. Der Wind dringt durch alle Kleidungsschichten. Es fällt schwer, den Kompass zu halten. Wir kriechen durch das Dickicht. Klettern auf Bäume. Bestimmen Pflanzen und folgen einer Spur. Wir sind die Guten, klar. Der Feind sind die anderen. Die, die nicht wir sind. Bevor die verkochten Erbsen mit Schwung in der Schüssel landen, muss gesungen werden. Laut und siegesgewiss.

Quelle       :         TAZ          >>>>>         weiterlesen

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Oben      —     Professor Ernst Schmitz im März 1949 bei der Besichtigung von Ausrüstungsgegenständen

2.) von Oben       —        Schulanfang in der DDR, 1980

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Unten    —        Friedliche Demonstration in Schwerin am 23. Oktober 1989

Urheber Jennus

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Schweizer Stellung zur WHO

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Mai 2020

WHO wird bewusst schwach gehalten

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Quelle       :          INFOsperber CH.

Markus Mugglin / 01. Mai 2020 – Staaten halten sie an der kurzen Leine, Stiftungen und Pharma mischen stark mit. Die WHO ist trotzdem besser als ihr Ruf.

«Die Weltgesundheitsorganisation hält sich grundsätzlich diplomatisch sehr zurück gegenüber ihren Mitgliedstaaten», meint Andreas Wulf von der Hilfsorganisation medico international. In einem Interview mit der entwicklungspolitischen Zeitschrift «welt-sichten»wurde er gefragt, warum WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus Ende Januar die Reaktion Chinas auf den Corona-Ausbruch öffentlichkeitswirksam gelobt hat. Das Lob schätzt Wulf als eine Art «diplomatische Umarmungsstrategie» ein, weil sich China bereit erklärt hatte Tedros zu empfangen, was es vorher noch abgelehnt hatte. Und was noch wichtiger war, WHO-Chef Tedros konnte darauf seine Experten ins Land schicken.

Die WHO hat zwar in vielen Mitgliedsländern lokale Büros mit eigenen Mitarbeitern. Aber auch diese sind auf Informationen der einheimischen Gesundheitsbehörden angewiesen und oft direkt in die Gesundheitsministerien eingebettet. Seit 2005 kann sie aber auch Informationen von nicht-staatlichen Organisationen verwenden und allenfalls – wie es beim Ebola-Ausbruch in Liberia und Sierra Leone der Fall war – das Vertuschen der zuständigen Behörden durchbrechen.

Ohne diplomatisches Gespür geht es trotzdem nicht. Wulf erinnert im Interview an die Sars-Epidemie Anfang der 2000er Jahre, als die damalige WHO-Generaldirektorin Gro Bruntland China und andere Mitgliedsländer offen für ihre mangelnde Kooperation kritisiert hatte. Dass die Norwegerin keine zweite Amtszeit als Generaldirektorin der WHO erhalten hat, könnte – wie Wulf mutmasst – durchaus mit ihrer offensiven Art im Umgang mit Mitgliedsländern zu tun haben.

Bewegte Geschichte von Auf und Ab

Mit der 1948 gegründeten WHO verbinden sich durchaus manche weltweite Erfolge. Die Pocken, die in den 1950er Jahren noch jährlich Millionen Tote gefordert hatten, wurden ausgerottet, Kinderlähmungen drastisch reduziert. Anti-Tabak-Regeln schränkten das Rauchen ein. Auch das schnelle Reagieren auf den Sars-Ausbruch Ende 2002/Anfang 2003 zählt zu den Erfolgen.

Doch selbst erfolgreiche Operationen stiessen auf Kritik – so die empfohlenen Massnahmen gegen die 2009 in Mexiko ausgebrochene Schweinegrippe H1N1. Die WHO hatte schnell reagiert und die Pandemie ausgerufen, als in 74 Ländern 28’000 Fälle festgestellt waren. Als die Pandemie ein Jahr später für beendet erklärt wurde, waren mit weltweit 18’500 Toten viel weniger Opfer zu beklagen, als befürchtet worden war. Der WHO wurde in der Folge ein zu scharfes Vorgehen vorgeworfen und Untersuchungen darüber gefordert, ob der Alarm «hohe Kosten verursacht hat und die Bevölkerung unnötigerweise eingeschüchtert» worden sei, zitiert der Guardian-Wissenschaftsautor Stephen Buranyi einen früheren Labour-Abgeordneten, der eine Untersuchung zur WHO in der Schweinegrippe-Krise geleitet hatte.

Der Fall Schweinegrippe offenbare ein grundsätzliches Dilemma der WHO, folgert der Guardian-Autor Buranyi in seiner Analyse über die bewegte Geschichte der WHO unter dem Titel «Warum sie nicht mit der Pandemie umgehen kann»: Handle sie langsam, werde ihr Versagen vorgeworfen, agiere sie hingegen aggressiv gegen einen Ausbruch, noch bevor völlige Klarheit bestehe, werde sie der Überreaktion bezichtigt.

Die WHO hat sich aber auch selber in Misskredit gebracht: So wechselte der WHO-Impfdirektor nach der Schweinegrippe zu Novartis, seine Nachfolgerin kam vom französischen Pharmakonzern Transgene. Kritiker werfen der WHO zudem vor, mit Impfprogrammen – auch gegen die verschiedenen Grippe-Typen – vor allem der Pharma zuzudienen. Der Fernsehsender arte hat das in der Dokumentation «Profiteure der Angst» aufgearbeitet.

World Health Organisation building south face 2.jpg

Für die angebliche «Überreaktion» bei der Schweinegrippe wurde sie finanziell bestraft. Die Gelder für die «emergency response programmes» wurden gekürzt. Mehrere Büros mussten schliessen und Personal wurde abgebaut. Noch gravierender war, dass die WHO darauf bei der 2014 in Liberia und Sierra Leone ausgebrochenen Ebola-Krise zu spät und völlig unzureichend reagierte.

Finanziell ausgedünnt

Die finanzielle Ausdünnung der UNO-Gesundheitsorganisation reicht weit zurück. In den 1970er Jahren hatten die Mitgliedstaaten noch rund 80 Prozent des Budgets durch Pflichtbeiträge gedeckt. Seither ist dieser Anteil auf nur noch 20 Prozent geschrumpft. Der Schrumpfungsprozess ist die Folge des 1993 gefällten Entscheids, die Pflichtbeiträge einzufrieren.

Die WHO sah sich genötigt, sich anderweitig umzuschauen. Sie tat es mit Erfolg, handelte sich aber neue Probleme ein. Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung stieg in der Budgetperiode 2018-2019 hinter den USA und vor der öffentlich-privaten Partnerschaft «Impfallianz GAVI» (auch dort ist die Gates-Stiftung grösster Geldgeber) zum zweitwichtigsten Geldgeber auf. Erst danach folgten mit Grossbritannien und Deutschland zwei Mitgliedsländer als nächste grösste Beitragszahler. In der aktuellen Budgetperiode 2020-2021 hat China die beiden europäischen Länder überholt.

Die freiwilligen Beiträge privater Organisationen können zwar positiv wirken. Sie haben aber einen gewichtigen Nachteil. Sie sind zweckgebunden und auf Projekte fokussiert mit klar messbaren Erfolgsindikatoren. Die Beiträge für Impfungen haben deshalb ein grosses Gewicht. Als Gesundheitsvorsorge sind sie zwar höchst willkommen. In der Corona-Epidemie zeigt es sich besonders drastisch, wie sehr der Kampf dagegen wegen des Fehlens eines Impfstoffs behindert wird. Wichtig sind aber auch gut funktionierende Gesundheitswesen in den Ländern und eine gesunde Umwelt. Das kommt jetzt zu kurz, weil das Geld fehlt.

Da inzwischen der grösste Teil der Mittel zweckgebunden ist, engt es den Spielraum für flexibles Reagieren auf Krisen ein. Das hat sich gerade in der Corona-Krise gezeigt. Um handlungsfähig zu sein und die Länder in dieser Krise unterstützen zu können, musste die WHO kurzfristig eine Sonderfinanzierung organisieren. Immerhin gelang es ihr in nur zwei Monaten, die gewünschten 675 Millionen Dollar aufzutreiben.

Nur noch eine unter vielen

Die WHO ist in der globalen Gesundheitspolitik eine unter vielen Organisationen geworden. Seit 2000 seien annähernd hundert parallele Initiativen wie die Impfallianz oder der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria etabliert worden. In denen spielen Pharmakonzerne oft eine gewichtige Rolle, gibt Andreas Wulf von medico international im «welt-sichten»-Interview zu bedenken.

Eine starke Abhängigkeit von freiwilligen Beiträgen privater Organisationen kann auch zu heiklen Interessenkonflikten führen. Viel zu reden gab beispielsweise die Rolle der WHO in den Auseinandersetzungen um das Pflanzenschutzmittel Glyphosat, das Monsanto erstmals in den 1970er Jahren auf den Markt gebracht hatte. Die WHO hatte das Pestizid 2016 für nicht nachweislich krebserregend erklärt, obwohl Experten der eigenen Internationalen Agentur für Krebsforschung es anders beurteilt hatten. Die Kehrtwende hatte den Verdacht genährt, dass WHO-Funktionäre durch Verbindungen zu Lobbyorganisationen befangen seien.

Dass die WHO schwach ist oder zumindest nicht stark, ist gewollt. Sie kann die Länder nicht zwingen, sich an die Bestimmungen und Empfehlungen zu halten. Sie vermochte nichts dagegen zu tun, dass sie von China erst Ende Dezember statt bereits zwei Wochen früher über das neue Virus informiert wurde. Auch konnte sie beispielsweise am vergangenen 11. März nur «alarming levels of inaction» in Mitgliedsländern beklagen, als insbesondere US-Präsident Donald Trump und der britische Regierungschef Boris Johnson noch immer die Gefährlichkeit des Virus verharmlost hatten. Dass sich Länder schlecht auf die Ausbreitung des Virus vorbereitet haben, ist ebenfalls nicht der WHO anzulasten.

Meeting of Member States on WHO Reform (2).jpg

Die WHO verfügt nur über «soft power». Sie kann mit Expertise und institutionellen Kapazitäten in sehr vielen Ländern auf die Eindämmung des Virus einwirken. Mitgliedsländer, die sich nicht an ihre Empfehlungen und die Bestimmungen der Internationalen Gesundheitsvorschriften halten, kann sie aber nicht sanktionieren. Was die Welthandelsorganisation WTO bei Verstössen gegen internationale Handelsregeln kann, ist der WHO in ihrem Bereich verwehrt. Guardian-Wissenschaftsjournalist Stephen Buranyi vergleicht die WHO und ihre beschränkten Mittel mit einem unterbezahlten Sporttrainer, «der nur mit Charme, Kriecherei, Schmeicheleien und gelegentlichen Bitten erreichen kann, dass die Spieler das tun, was er sagt».

Sollten die Mitgliedsländer auch jetzt wie nach früheren Krisen die WHO reformieren und zu schnellerem und wirksamerem Eingreifen anhalten wollen, müssten sie ihr dieses Mal aber auch die dafür erforderlichen Mittel und Instrumente zur Verfügung stellen.

Siehe auch bei Infosperber:

Das Dilemma der WHO im Umgang mit dem Corona-Virus

Corona-Reiseverbot: Der WHO waren die Hände gebunden

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Oben        —    Tedros Adhanom Ghebreyesus – Director General, World Health Organization (WHO) delivering his opening remarks at the AI for Good Global Summit 2018 15-17 May 2018, Geneva ©ITU/D.Woldu ITU (International Telecommunication Union)

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Unten            —   The meeting focused on critical next steps to improving the accountability and transparency of the planning and budget process for WHO. More information from the WHO website: <a href=“http://www.who.int/dg/reform/consultation/en/index.html“ rel=“nofollow“>www.who.int/dg/reform/consultation/en/index.html</a> U.S. Mission Photo by Eric Bridiers

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Der Hass auf alles Schwache

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Mai 2020

Heroische Männlichkeit, Recht des Stärkeren,

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Von    Natascha Strobl   

Sozialdarwinismus  –  Wert des Lebens – bei der Debatte um Risikogruppen gehen die Argumente von Marktradikalen und Rechtsextremen Hand in Hand.

Zuerst war das große Schweigen. Corona kam mehr als ungelegen. Gerade war doch die sich zuspitzende Situation an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland das Thema. Flüchtlinge – endlich wurde wieder tagesaktuell über Flüchtlinge geredet. Der „große Austausch“ konnte wieder herbei fabuliert werden und die ganze rechtsextreme Szene konnte ihre Klientel und ihr Geschäftsmodell wieder bedienen. In den Parlamenten in ganz Europa wurden alle anderen Parteien bezichtigt, noch mehr Flüchtlinge ins Land bringen zu wollen, in rechtsextremen Magazinen wurde langatmig das Ende Europas herbei geraunt, in den sozialen Medien wurden wilde Videos und Memes verschickt und der aktivistische Teil der extremen Rechten machte sich auf, um in Lesbos heroisch die Grenze Europas und damit das Abendland an sich zu verteidigen. Viel mehr als eine Fotoaktion an einem Abhang Richtung Autobahn kam dabei nicht heraus, aber viel Inszenierung bringt auch viele Spenden. Das war das normale Tagesgeschäft der extremen Rechten. Dann kam Corona.

Mit Corona kam das große Schweigen. Ein Virus. Eine medizinische Krise. Keine Soldat_innen, sondern Ärzt_innen, Pfleger_innen, Reinigungspersonal und Supermarktkassier_innen im Fokus in einem Krieg, der kein Krieg, sondern eine Pandemie ist. Der Tod ereilt einen nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in Altersunterkünften und auf Intensivstationen. Die extreme Rechte hat keine Sprache für diese Situation. Krankheit kommt in der extremen Rechten dann vor, wenn sie als von außen hereingeschleppt dargestellt werden kann. Oder wenn sie als Metapher für unliebsame Menschengruppen verwendet wird. Etwa, wenn davon geredet wird, dass Flüchtlinge längst ausgerottete Krankheiten wieder nach Europa bringen oder dass sich bestimmte ominöse Kreise angeblich wie Krebs in der Gesellschaft ausbreiten. In beiden Fällen geht es aber nicht wirklich um den medizinischen Hintergrund einer Krankheit, sie dient vielmehr als Leinwand oder Sprachbild für Rassismus oder Verschwörungstheorien. Beides erleben wir auch in der aktuellen Krise. Beides ist nicht neu, sondern Teil rassistischer und antisemitischer Agitation seit vielen Jahrhunderten. Es gibt aber auch einen dritten Diskussionsstrang, der die medizinische Realität zumindest anerkennt. Statt die Krise zu bekämpfen, wird sie aber affimiert. Das Schwache stirbt und das Starke behauptet sich.

Sozialdarwinismus als Scharnier zwischen Faschismus und Marktradikalismus

Sozialdarwinismus beschreibt die Idee, dass unproduktive beziehungsweise schwache Mitglieder einer Gemeinschaft kein Anrecht auf Schutz haben oder sogar aktiv beseitigt werden müssen. In einer grotesken Verzerrung der Erkenntnisse Darwins werden so gesellschaftliche und politische Imperative geformt. Schwäche ist im Faschismus nichts Schützenswertes, sondern ein verachtenswerter Zustand. Schwäche ist dementsprechend immer etwas selbst Verursachtes oder genetisch Bedingtes. Das führt dazu, dass sie in dieser Ideologie klar bestimmten Gruppen zuzuordnen ist und so mitsamt diesen Gruppen ausgerottet werden kann. Diese Gruppen sind chronisch kranke Menschen, Menschen mit Behinderung oder ethnisch definierte Gruppen wie Juden und Jüdinnen (deren vermeintliche körperliche Schwäche die Karikaturen des antisemitischen NS-Hetzblatts Der Stürmer geprägt hat) oder Roma und Sinti. Einer rassistischen, antisemitischen, antiziganistischen, behindertenfeindlichen Vernichtungspolitik liegt also immer auch der Wunsch nach dem Ausmerzen der schwächsten Teile des „Volkes“ zu Grunde.

Zettel „Wollt ihr die totale Hygiene?“.jpg

Marktradikale Ideologen treibt vor allem die Verachtung von Armen an. Der Maßstab ist nicht (nur) das „Volk“, sondern „die Wirtschaft“. Gemeint ist damit immer ein kapitalistisches Wirtschaftssystem. Die schwächsten Teile dieses Wirtschaftssystems, das an einen kapitalistischen Staat gekoppelt ist, müssen beseitigt werden, damit die starken Teile nicht leiden. Die schwächsten Teile sind Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger_innen, Frührenter_innen und so weiter. All jene, die so viel mehr kosten, als sie produktiv beitragen. In einem ersten Schritt wird gerne über den Entzug von Rechten, etwa dem Wahlrecht, diskutiert. Diese Diskussion ist auch Teilen der AfD nicht fremd. Immer tiefere Einschnitte in den Sozialstaat und Austeritätspolitik bewirken eine Verelendung der Armen und ist mehr als nur ein in Kauf nehmen ihres Todes. Es ist vielmehr die willentliche Herbeiführung durch politische Maßnahmen. Neoliberalismus ist dementsprechend eine Spielart des Sozialdarwinismus. Die scheinbar parallele Entwicklung zweier verschiedener sozialdarwinistischer Stränge (eines völkischen, eines wirtschaftsliberalen) ist nur scheinbar. Vielmehr ist Sozialdarwinismus dort populär, wo diese beiden Spektren aufeinander treffen: Wirtschaftsliberale, die völkisch denken. Sie unterscheiden sich somit sowohl von gesellschaftsliberalen Wirtschaftsliberalen, als auch von wirtschaftsprotektionistischen Faschist_innen.

Corona als großer Straßenfeger

Quelle       :      Der Freitag         >>>>>           weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben          —           Theater District, New York, NY, USA

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Unten         —            Flyer

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Nach Kassel-Halle-Hanau

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Mai 2020

nun Waldkraiburg ?

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So geht Politik in Bayern – da läuten noch die Glocken eine Sitzung den Stadtrat ein?

Quelle       :     Scharf  —   Links

Von     Max Brym

Der Brandanschlag auf das Geschäft eines türkischen Ladenbesitzers in Waldkraiburg in der Nacht von Sonntag den 26 auf Montag- den 27 April lkalkulierte vorsätzlich nicht nur die Zerstörung des Ladens, sondern auch die Gefährdung von Menschenleben ein.

Die Neugegründete Soko „Prager“ ermittelt in diesem Zusammenhang auch zu zwei weiteren Taten in Waldkraiburg. In der Nacht von 16. auf 17. April wurde ein Friseurladen am Stadtplatz und in der Nacht von 18. auf 19. April ein Lokal am Annabergplatz beschädigt. Diese Anschläge haben mit Sicherheit einen faschistisch rassistischen Hintergrund. Alle betroffenen Inhaber haben türkische Wurzeln. Die Taten haben allerdings einen gesellschaftlichen Hintergrund. Durch die Wahlerfolge der AFD sehen sich terroristisch faschistische Gruppen in Gesamtdeutschland in Ihrem tun ermutigt. In Oberbayern hat die AFD die meisten Prozente in den Landkreisen Mühldorf und Altötting in Südostoberbayern. Die meisten Stimmen in der größten Stadt Waldkraiburg mit knapp 26.000 Einwohnern. Das hat leider Tradition in Waldkraiburg. In den sechziger Jahren galt das für die NPD und in den achtziger Jahren für die “Republikaner„. Jetzt scheint der offen faschistische Wurmfortsatz der AFD zur Tat überzugehen. Auch die 2015 begonnene Debatte über die Unterbringung von Asylbewerbern im ehemaligen BFZ Peters wurde meist rassistisch geführt. Bürgermeister Robert Pötzsch (UWG) musste von der Staatsregierung fast gezwungen werden dieses Zentrum in Waldkraiburg zuzulassen. Seit dieser Zeit gibt es einen breiten rassistischen Diskurs in der Stadt über dieses Zentrum. Jeder Konflikt im Zentrum wird breit und negativ kommentiert. Richtig wäre es hingegen festzustellen: Wer Menschen unterschiedlichster Ethnien, Sprachen und Religionen auf engstem Raum konzentriert provoziert in diesen Zentren Konflikte. Das wird im öffentlichen Diskurs in Waldkraiburg unterschlagen All das motiviert rassistische Straftäter, türkische Läden im Stil des NSU anzugreifen. Es hätte in Waldkraiburg TOTE geben können. Waldkraiburg wäre in einer Reihe mit Kassel – Halle- und Hanau gestanden.

Was tun?

In Waldkraiburg muss sich der Antifaschismus zu Wort melden. Es darf keinen Platz und kein Recht auf rechte Propaganda geben. Die Arbeiterbewegung muss reaktiviert werden. Wie wäre es mit einem eintägigen Solidaritätsstreik zugunsten der angegriffenen türkischen Mitbürger in den Waldkraiburger Betrieben? Viele müssen zudem noch arbeiten in Bereichen die momentan gesellschaftlich nicht notwendige Produkte herstellen. Dabei werden viele Arbeiter gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Ein Solidaritätsstreik vom Bau, im Metallbereich bis hin zu den Schlachthöfen könnte die Arbeiter mit dem Antifaschismus zusammenbringen und die Nazis welche auf gesellschaftliche Akzeptanz setzen isolieren. Isoliert gehört auch jeder AFD Politiker in Waldkraiburg.

Max Brym
München

Ehemals lange Jahre in Waldkraiburg

Urheberrecht
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Oben      —       Waldkraiburg Rathaus mit Glockenturm

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Queer-und Trans-Aktivismus

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Mai 2020

Die Verschwörung der Verlierer

Queer-Empfang der Fraktion DIE LINKE im Bundestag im Berliner SchwuZ (8659641087).jpg

Von Paul B. Preciado

Paul B. Preciado, Kultautor des Queer- und Trans-Aktivismus, erzählt in seinem neuen Buch von der Transformation des eigenen Körpers und träumt von einem Ort der sexuellen Dissidenz. Vor Kurzem war er an Covid-19 erkrankt.

Krank wurde ich am 11. März in Paris, noch bevor die französische Regierung die Ausgangssperre anordnete, und als ich knapp eine Woche später, am 19. März, mein Bett wieder verließ, war die Welt eine andere geworden. Als ich mich hingelegt hatte, war die Welt noch nah, gemeinschaftlich, viskos und dreckig gewesen.

Als ich aufstand, war sie weit weg, vereinzelt, ausgetrocknet und klinisch sauber. Während der Krankheit war ich zunächst nicht in der Lage gewesen, die Ereignisse unter politischen oder ökonomischen Gesichtspunkten zu durchdenken, weil das Fieber und das Unwohlsein meine Lebensenergie überstiegen. Niemand ist ein Philosoph, während gerade sein Kopf explodiert. Hin und wieder schaute ich Nachrichten, aber das trug nicht gerade zu einer Verbesserung meiner Lage bei.

Die Realität glich einem bösen Traum, die Titelseiten der Zeitungen waren so verwirrend wie die Visionen, die mich während des Fiebers überfielen. Ich entschied mich, zwei Tage lang keine einzige Website zu öffnen. Wahrscheinlich war es dieses selbstverordnete Rezept gegen die Angst zusammen mit dem Oregano-Öl, das schließlich zu meiner Genesung führte.

Atemprobleme hatte ich zunächst nicht, aber es fiel mir schwer, mir vorzustellen, dass ich auch weiterhin würde atmen können. Todesangst verspürte ich nicht. Aber Angst davor, allein zu sterben.

Zwischen Fieberschüben und Angstattacken sagte ich mir, dass sich die Parameter des Sozialen für immer verändert hätten und dass es von nun an unmöglich sein würde, sie noch einmal zu modifizieren. Der Gedanke bohrte sich mit der Gewalt einer Epiphanie in meine Brust, während mir das Atmen wieder leichter fiel. Alles würde von nun an in der neuen Form verharren, die die Dinge plötzlich angenommen hatten. Wir würden Zugang zu noch exzessiveren Formen digitalen Konsums haben, aber unsere Körper, unsere physischen Organismen blieben aller Kontakte und aller Vitalität beraubt.

Die Mutation würde zu einer Kristallisation des organischen Lebens führen, zu einer Digitalisierung der Arbeit und des Konsums, zu einer Entmaterialisierung des Begehrens. Verheiratete wären von nun an gezwungen, rund um die Uhr eingesperrt zusammenzuleben, ob sie sich nun hassten oder liebten oder beides zugleich (was wohl, nebenbei bemerkt, ohnehin die häufigste Kon­stel­lation ist, werden Paare doch von einem quantenphysikalischen Gesetz regiert, gemäß dem es keine Gegensätze gibt, sondern allein die Gleichzeitigkeit dialektischer Tatsachen).

In dieser neuen Realität würden jene von uns, die die Liebe vor der großen Covid-19-Mutation verloren oder noch gar nicht gefunden hatten, dazu verdammt sein, den Rest ihres Lebens in totaler Einsamkeit zu verbringen. Wir würden überleben, aber ohne Berührungen, ohne Haut. Wer es zuvor nicht gewagt hatte, einer geliebten Person seine Liebe zu gestehen, würde diese Person auch dann nicht wiedersehen, wenn er plötzlich den Mut fände, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Er würde von nun an in der Erwartung einer physischen Begegnung leben, die sich nie realisieren würde. Wer vor der Mutation zu einer Reise aufgebrochen war, müsste für immer jenseits der Grenze leben, und die Großbürger, die sich ans Meer oder aufs Land zurückgezogen hatten, um die Tage des Ausgangsverbots in ihren komfortablen Zweitwohnsitzen zu verbringen, könnten nie in die Stadt zurückkehren (die Armen!).

File:Alexej von Jawlensky - Einsamkeit.jpg

So ziehen wir Einsam unsere Runden – fühlen uns mit Keinen mehr verbunden.

Man würde ihre Häuser beschlagnahmen, um darin Obdachlose unterzubringen, die im Gegensatz zu den Reichen auch weiterhin in der Stadt lebten. Alles bliebe bis in alle Ewigkeit in dem Zustand eingefroren, den die Dinge mit dem Ausbruch des Virus angenommen hatten. Was als vorübergehende Ausgangssperre begonnen hatte, würde für die Dauer unseres gesamten Lebens verlängert. Gut, vielleicht würden sich die Dinge doch noch einmal ändern, aber sicher nicht für jene von uns, die bereits über vierzig waren. Das war die neue Realität. Das Leben nach der großen Mutation. Und ich fragte mich, ob es die Mühe wert wäre, so zu leben.

Als ich nach der Woche, die ich mit dem Virus im Bett verbracht hatte – eine Woche, so unermesslich und sonderbar wie ein neuentdeckter Kontinent –, aufstand, stellte ich mir als Erstes folgende Frage: Unter welchen Bedingungen würde sich das Weiterleben lohnen? Und auf welche Weise sollte man weiterleben?

Quelle      :          TAZ       >>>>>         weiterlesen

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Oben     —       Über Politik diskutieren und durch die Nacht tanzen. Foto: Sandra Kaliga

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Aufrüsten zum neuen Krieg,

Erstellt von DL-Redaktion am 1. Mai 2020

Deutschland weiter auf Erfolgskurs

Wie einst die Alten sungen – So zwitschern heut die Jungen – in Mali

Quelle        :        Scharf  —  Links

Von Waltraud Andruet

Als langjährige Friedens- und Umweltaktivistin bin ich enttäuscht und verärgert über die Milliarden schweren Pläne, als Ersatz für die veraltete Tornado-Flotte sage und schreibe 93 Eurofighter sowie 45 F-18-Kampfflugzeuge zu kaufen.

Gerade in der Corona-Krise ist neues Denken gefragt. Die ganzen Einschränkungen, denen wir seit der Pandemie ausgesetzt sind und unsere Grundrechte massiv beschneiden, sollen uns vor dem Virus schützen. Aber gleichzeitig wird uns der Kauf dieser Militärjets „untergejubelt“, die die neuen Atombomben tragen sollen. Sie gefährden unser Leben, weil sie die Gefahr eines Atomkriegs in Europa wahrscheinlicher machen. Schon jetzt steht die Weltuntergangsuhr (doomsday clock) auf zwei Minuten vor zwölf. Wie sollen wir das verstehen Frau Kramp-Karrenbauer? Erklären Sie uns das bitteschön! Nicht nur dass man in der jetzigen Situation das Geld anderwärtig gebrauchen kann, nein diese Jets fliegen zum Üben täglich über unsere Köpfe hinweg in der sogenannten TRALAUTERN. Das stellt nicht nur eine gerade jetzt unzumutbare Lärmbelästigung dar, sondern verursacht auch enorme Umweltschäden. Das sollten Sie, liebe Annegret-Kramp-Karrenbauer, als Saarländerin wissen.

Seitdem der INF-Vertrag von den USA und anschließend von Russland aufgekündigt wurde, werden seitens der NATO weitere neue Rüstungsprojekte gefordert, die jetzt unsere  Verteidigungsministerin anstoßen will. Pro Stunde werden ca. 12 Mio. US-S für Atomwaffen ausgegeben!

File:Atomkraft nej tak.pdf

In der gemeinsamen Pressemitteilung von Friedensnetz Saar, Pax Christi Saar,   Fridays For Future Saarland und Kampagne Krieg vom September 2019 heißt es: KRIEG IST DER GRÖSSTE KLIMAKILLER

Abrüsten für Klimaschutz – Frieden und Zukunftsfähigkeit gehören zusammen

Daran müssen wir weiter festhalten.

Deutschland muss deutliche Zeichen für eine Welt frei von Atomwaffen setzen!

Die neuen SIPRI-Zahlen sehen Deutschland 2019 auf Platz 7 der Waffenkäufer. Mit 10 Prozent mehr als im Vorjahr sind wir weltweit Spitzenreiter in der Aufrüstung, während dieses Land vor großen gesundheitspolitischen Herausforderungen steht. Die derzeitige Corona-Krise zeigt, dass für das Überleben der Menschheit dringend neues Denken und drastische Maßnahmen gefragt sind. Ein „Weiter so“ muss ausgeschlossen werden.

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Oben    — Scharf – Links     –  Bildmontage HF

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Unten      —       

Beschreibung
Dansk: Atomkraft? Nej tak!
Quelle The OOA Foundation
Urheber The OOA Foundation

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Saisonabbruch jetzt!

Erstellt von DL-Redaktion am 1. Mai 2020

Wer den Fußball liebt, muss die Saison abbrechen

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Von Hanna Voß  –   Jetzt Redakteurin der taz am Wochenende. Kommt ursprünglich aus Dortmund und interessiert sich naturgemäß für den BVB, vor allem aber für Politik in Deutschland und dem Nahen Osten, feministische Themen und religiöse Debatten.

Wer den Fußball liebt, muss die Bundesliga-Saison jetzt beenden. Bei Geisterspielen fehlt der 12. Mann.

Es geht ein Gespenst um in Fußballdeutschland, es geistert gewissermaßen durch den öffentlichen Diskurs: das Gespenst der Geisterspiele.

Während viele Dinge mindestens den gesamten Sommer dichtbleiben, solle die Fußball-(Männer, was sonst?)-Bundesliga doch möglichst am 9. Mai ihren Betrieb wieder aufnehmen, um die vor acht Wochen unterbrochene Saison zu Ende zu bringen. Ohne Stadionpublikum, als reine Fernsehsportart. Das dies bedenkenswert sei, darin waren sich Anfang der Woche sogar Markus Söder und Armin Laschet einig.

Dabei besteht die Spezies der Geisterspiel-­Be­für­worter:innen aus verschiedenen Gruppen: Die einen sind die Funktionäre der Deutschen Fußballliga (DFL), der Vereine, und alle anderen, die mit Fußball Geld verdienen.

Sie haben ein System zu verantworten, in das Geldsummen jenseits jeder Vorstellungskraft geflossen sind und das trotzdem nach wenigen Wochen Stillstand vor dem Kollaps steht: Nach einem Bericht des Kicker sollen 13 der 36 Vereine aus der Ersten und Zweiten Bundesliga von der Insolvenz bedroht sein. Deswegen soll es nun weitergehen, deswegen sollen Spieler wie am Fließband auf Covid-19 getestet werden – durch die gesellschaftliche Bedeutung, die der Fußball habe, sei dies zu rechtfertigen, sagen die Funktionäre.

Fans leisten mehr als tolle Bilder

Die zweite Spezies sind die Abertausenden Fans, die jetzt einfach mal wieder Bock auf Fußball haben, es sich mit einem Bierchen schön vorm Fernseher gemütlich machen und zwei Stunden an etwas anderes als Corona denken wollen. Geisterspiele seien immer noch besser als nichts, sagen sie.

Und dann gibt es noch die, die jetzt süffisant argumentieren, dass Geisterspiele doch eigentlich nur konsequent „die Reinform des kapitalisierten Profisportgeschäfts“ abbildeten. So schrieb es mein Kollege Felix Lorber am vergangenen Wochenende an dieser Stelle. Die Fans vor Ort wären „nicht mehr als ein Zusatz“, angewiesen seien die Vereine auf sie nicht, weil sich der Profifußball, anders als andere Sportarten, auch ohne Zuschauereinnahmen finanzieren könne.

So würden Ultras mit ihren Choreografien zwar „tolle Bilder und wertvolle Werbung für das zu verkaufende Produkt“ liefern und seien so „hilfreich und gewinnbringend“, aber: „zur Not geht es auch ohne. Gespielt wird für das Livebild“.

Sie alle liegen falsch.

Zwar stimme ich zu, dass Bilder aus dem Dortmunder Westfalenstadion bestimmt beim Verkauf des Produkts Fußball helfen. Gibt es etwas Schöneres und Beeindruckenderes als die Gelbe Wand, die mit 25.000 Plätzen größte Stehplatztribüne der Welt? Nicht viel.

Trotzdem reduziert sie das nicht zu einem Fernsehbild, die Dortmunder Fans nicht zu „besseren Angestellten der TV-Gesellschaften“. Für kulturell besoffene Münchener, Heidelberger und Berliner mag das wenig nachvollziehbar sein, ja sogar primitiv daherkommen. Aber wer nie dort stand, nie mit 80.000 anderen für die gleiche (und dabei totalitär unverdächtige) Sache gefiebert hat, kann das nicht verstehen und wird es auch durch Fernsehbilder nicht.

Dass die Fans der 12. Mann auf dem Platz sind, habe ich in Dortmund mehr als einmal erlebt. Nie und nimmer hätten wir am vorletzten Bundesligaspieltag 2007 noch Schalkes Meisterschaft verhindert, wäre dieser als Geisterspieltag ausgetragen worden.

File:Closed playground in Eilenriede (Hannover, Germany) during COVID-19 pandemic.jpg

Nie und nimmer hätten wir dank zwei Toren in der Nachspielzeit gegen den FC Málaga 2013 das Halbfinale in der Champions League erreicht. Und nie und nimmer hätte auch – ja, ich sag’s – der FC Schalke beim Revierderby 2017 aus einem 0:4 noch ein 4:4 gegen uns gemacht, hätte er seine Fans nicht im Rücken gehabt.

Wer den Fußball liebt, liebt keine Geisterspiele

Die Emotionen, die die Fans aufs Feld tragen, entscheiden Spiele. Das macht den Fußball fairer, weil so auch schwächere Mannschaften Partien drehen und gewinnen können.

Wer zurecht bemängelt, der Fußball sei ein von der Gesellschaft zunehmend entkoppeltes Plastikprodukt, für den können Geisterspiele keine Lösung sein. Denn sie wären nur die Manifestation dessen. Sie wären nicht „ehrlich“, wie mein Kollege schrieb, sondern eine Kapitulation. Drum dürfen sich gerade die, die den Fußball lieben und vermissen, nicht mit Geisterspielen anfreunden, nur weil sie mal wieder Bock darauf haben, Bayern gegen Dortmund zu gucken.

Quelle     :        TAZ         >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen      :

Oben      —      Signal Iduna Park (Westfalenstadion), Borussia Dortmund–Hannover 96, 26-Feb-2012, Südtribüne

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Unten           —       Geschlossener Spielplatz in Eilenriede (Hannover, Deutschland) während der COVID-19-Pandemie.

Author Michał Beim

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Covid-19 greift Politiker an!

Erstellt von DL-Redaktion am 30. April 2020

Covid-19 greift auch die Niere, das Herz und das
Hirn an – (so weit vorhanden)

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Sie landen dort – wo sie einst herkamen : Die Politiker !

Quelle        :    INFOsperber CH.

Urs P. Gasche / 30. Apr 2020 –

Risiko-Patienten sind nicht nur Menschen mit Lungenproblemen. Berichte aus den USA bestätigen den Infosperber-Bericht vom 23. März.

Vor fünf Wochen informierte Infosperber darüber, dass Covid-19 nicht nur für Menschen mit Lungen- und Herzkreislauf-Problemen gefährlich sein kann, sondern wahrscheinlich auch für Menschen mit chronischen Krankheiten wie Diabetiker und Menschen mit deutlich zu hohem Blutdruck oder koronarer Herzkrankheit. Das bestätigen jetzt neue Befunde. Den endgültigen Nachweis könnten nur Autopsien an Covid-19-Verstorbenen bringen. Doch erstaunlicherweise werden solche in der Schweiz gar nicht und in Deutschland fast nur in Hamburg durchgeführt. Das Robert Koch-Institut RKI hatte sogar von Autopsien abgeraten, weil eine Ansteckungsgefahr bestehe. Pathologen protestierten. Erst seit kurzem empfiehlt das RKI Autopsien nun doch.

Fast alle Organsysteme können unter dem Virus schwer leiden

Unterdessen werden immer mehr Klinikberichte publik über die Behandlungen von Menschen, die an Corona schwer erkrankten. Es geht um mehr als um die Beatmung wegen Lungenproblemen. Die «Washington Post» berichtete über Menschen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, die ohne Symptome plötzlich einen Schlaganfall erlitten und dann auf Sars-CoV-2 positiv getestet wurden. Bei diesen Personen ohne Vorerkrankungen sind Blutgerinnsel und tödliche Thrombosen äusserst selten. Während der Autopsie eines der Verstorbenen sei der Pathologe erschrocken, weil das Blut im Gehirn Verklumpungen in den kleinen Gefässen aufwies.

Autopsien anderer Patientinnen und Patienten in den USA zeigten, dass Sars-Cov-2 auch in Lunge, Herz, Hirn, Niere, Leber und Darm aktiv wurde und tödliche Störungen verursachte. Die Verklumpung des Blutes in kleinsten Gefässen stoppte die Durchblutung. Das Gewebe bekam keinen Sauerstoff mehr und starb ab. Dies wiederum beeinträchtigte und verhinderte die Funktionen von Lunge, Nieren und Herz. Das Virus verursachte ein Organversagen. Eine Beatmungsmaschine allein reicht in diesen Fällen nicht.

Als molekulare Eintrittspforten für das Virus stehen insbesondere ACE2-Rezeptoren im Verdacht. Ein verbindendes Element sei möglicherweise der Blutkreislauf mit der Verteilung der Viren in alle Organe. Die körpereigene Abwehr könne schliesslich zu einer immunologischen Überreaktion führen. Das schreibt Wissenschaftsjournalist Joachim Müller-Jung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Folge seien Schlaganfall, Blutgerinnsel, tödliche Thrombosen.

Blutgerinnsel und vaskuläre Probleme könnten der Grund dafür sein, dass von 1700 Covid-19-Patienten, die in England an eine Beatmungsmaschine angeschlossen wurden, nur die Hälfte die Intensivstation lebend verlassen konnten.

In einer noch nicht abschliessenden Studie italienischer Ärzte vom 22. April 2020, in der über die Autopsien von 38 verstorbenen Covid-19 Patienten berichtet wird, heisst es: «Unsere Daten unterstützen nachdrücklich die Hypothese von neueren klinische Studien, dass Covid-19 durch Blutgerinnungsstörung und Thrombose verkompliziert wird oder eng damit zusammenhängt.» Die Autoren fanden Thromben – Blutgerinnsel – bei 33 der 38 untersuchten Patienten.

WHO-Definition greift zu kurz

Die WHO nennt das Virus «Sars-Cov-2», wobei SARS für Severe Acute Respiratory Syndrome steht, zu Deutsch schweres akutes Atemwegssyndrom. Doch diese Definition ist höchstwahrscheinlich unzureichend. Denn das Virus kann nicht nur, und vielleicht nicht einmal hauptsächlich, die Lunge angreifen, sondern im ganzen Körper Blutgerinsel verursachen, die wiederum fast alle Organe erfassen können.

Eine schwere Influenza-Grippe kann ebenfalls zu einer lebensbedrohlichen Erkrankung des Kreislaufs und zu einem Versagen mehrerer Organe führen (Sepsis). Doch Sars-Cov-2 kann mit Blutgerinnseln das ganze System zum Erliegen bringen. Das jedenfalls geht aus zahlreichen klinischen Berichten hervor. Wissenschaftlich gesicherte Daten gibt es noch nicht.

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Gehorsame Bürger :  Ein Schäfer ond 2 Hunde reichen aus um alle Schafe unter Kontrolle zu halten. Adolf benötigte auch nicht mehr !

Warum die meisten Infizierten keine oder nur ganz leichte Symptome entwickeln, bleibt vorderhand ungeklärt. Doch zu den Risiko-Patientinnen und -Patienten gehören nicht nur Menschen mit schwachen Lungen und mit Herzproblemen, sondern unabhängig davon sind Menschen mit chronischen Krankheiten wie hoher Blutdruck, Diabetes oder Herzinfarkt gefährdet. Es gibt starke Hinweise, dass diejenigen Patienten, die ACE-Hemmer oder Sartane einnehmen, vom Coronavirus besonders betroffen sind. Diese beiden Medikamentengruppen erhöhen im Körper die ACE2-Enzyme. Und ausgerechnet diese ACE2-Enzyme dienen Coronaviren als Einfallstor in den Körper. Allerdings warnen US-Fachgesellschaften davor, ACE-Hemmer oder Sartane ohne ärztliche Begleitung abzusetzen oder durch andere Blutdrucksenker zu ersetzen.

Das Risiko von Thrombosen im Krankheitsverlauf durch Covid-19 sei so hoch, dass den Patienten «möglicherweise prophylaktisch Blutverdünner verabreicht werden sollten», erklärt ein Forscherteam unter Leitung des New Yorker Arztes Behnood Bikdeli in der Fachzeitschrift «Journal of The American College of Cardiology». «Ich habe in meiner Karriere hunderte Blutgerinnsel gesehen, aber noch nie so viele anormale extreme Fälle», schreibt Bikdeli.

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Grafikquellen      :

Oben    —       Jagdszene: Homo erectus im alten Teil („Sauriergarten Großwelka“) des Saurierparks in Bautzen-Kleinwelka

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Unten         —          Eingezäunte Schafherde mit Schäfer auf der Dreiborner Hochfläche im Nationalpark Eifel.

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Technik gegen Coronavirus

Erstellt von DL-Redaktion am 30. April 2020

Die eierlegende Wollmilch-App

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Eine Kolumne von Sascha Lobo

Die Erwartungen an eine Corona-App sind in Deutschland viel zu hoch. Das digitale Hilfsmittel wird wesentlich weniger bringen als erhofft – trotzdem brauchen wir es dringend.

Alle reden aufgeregt von der Corona-App, aber das Problem ist nicht die Corona-App. Das Problem sind die eskalierenden Erwartungen an die App. Deshalb schlage ich vor, sie „eierlegende Wollmilch-App“ zu nennen und auch so zu programmieren. Denn das ganze Land erhofft sich davon die Rundumlösung eines sozialen Problems durch eine Technologie.

Es rächt sich das Phänomen, das dem KI-Forscher Joseph Weizenbaum schon in den Sechzigerjahren begegnete. Je weniger eine Person eine Technologie versteht, desto mehr interpretiert sie hinein. Weizenbaum beschrieb, wie Teilnehmer an einem Experiment mit einem sehr simplen Chatbot anfingen, Gefühle für die Maschine zu entwickeln und ihr Eigenschaften zuzuschreiben, die messbar gar nicht vorhanden sein konnten.

Wie das Foto eines Wagenhebers im Kofferraum

Gegenwärtig droht der Corona-App ein Schicksal, wie es Virologen bisher ähnlich erdulden müssen: Alle Verantwortung für die Lösung der Probleme wird von großen Teilen der Öffentlichkeit an sie ausgelagert. Mit der App Spahns wird das alles in Ordnung kommen. Das ist magisches Denken. Die Heilserwartung an die Corona-App ist derart groß, weil sie Bevölkerung, Wirtschaft und Politik mit dem süßesten aller Versprechen lockt: Das ganze Generve hört auf, wenn sich erst alle die App installiert haben.

Das heißt keinesfalls, dass die App abzulehnen ist. Im Gegenteil: Obwohl alle Welt die App dramatisch überschätzt, brauchen wir sie. Ein kausaler Zusammenhang ist schwer herzustellen, aber: Von den zehn Ländern der Welt, die die Pandemie bisher am besten meistern, arbeiten acht mit einer App. Das neunte Land, Neuseeland, wendet statt der App die härtesten noch demokratischen Maßnahmen der Welt an. Das zehnte Land ist Deutschland.

In so verschiedenen Ländern wie Israel, Taiwan oder Island sind Apps ein wesentlicher Bestandteil der Anti-Corona-Strategie. Allerdings nur genau das: ein Bestandteil. Anders als oft erhofft, ersetzt eine Corona-App nicht andere Maßnahmen. Sondern ergänzt und verbessert sie und erhöht so die Chance, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Auf dieser Basis hätten politische Lockerungsentscheidungen wahrscheinlich eine etwas geringere Wahrscheinlichkeit, zum kompletten Debakel zu werden. Aber in Zeiten der Pandemie bleibt ein Bundesligaspiel vor Publikum mit der Corona-App exakt so bescheuert wie ohne. Ohne Social Distancing, Hygieneoffensive und Maskenpflicht ist eine App ungefähr so nützlich wie das Foto eines Wagenhebers im Kofferraum, wenn man einen Platten hat.

Damit die App aber überhaupt funktionieren kann, ist richtige Kommunikation essenziell, wenn man eine gewisse Freiwilligkeit der Nutzung ins Konzept integrieren will. Dafür brauchen wir, vorsichtig gesagt, ein viel besseres öffentliches Erwartungsmanagement als bisher: Was kann die App und was nicht? Welches Problem wird durch die App gelöst? Und darauf aufbauend die wichtigste Frage aus Publikumssicht: Welche Hoffnungen darf man in die App setzen, ohne verlässlich enttäuscht zu werden?

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Denn die Durchdringung wird im besten Fall nur etwas über 20 Prozent betragen (es sei denn, Apple und Google wenden Druck an). Das ist zwar auch schon etwas und bringt wertvolle Erkenntnisse, erst recht mit einer zusätzlichen Möglichkeit, freiwillig auch umfangreiche Daten zur Verfügung zu stellen. Aber es ist weit entfernt vom Wunschtraum der Epidemiologen und könnte Anlass für noch jede Knalltüte sein, sich als Großrevoluzzer aufzuspielen, der Merkel durch gezieltes Nichtwaschen seiner Hände von der „Corona-Diktatur“ abhält. In nüchterner Betrachtung vereint eine Corona-App drei wesentliche Funktionen:

  • Sie macht zugänglich, was bisher kaum rekonstruierbar ist – zum Beispiel zufällige Begegnungen im Alltag.
  • Sie beschleunigt bisher analoge Prozesse, weil sie einen Teil der Arbeit der Gesundheitsämter digitalisieren kann.
  • Und, oft unterschätzt, sie dient der Beruhigung und der aktiven Miteinbeziehung der Bevölkerung, fast wie eine digitale Impfung, mit der man endlich persönlich etwas tun kann gegen Corona, die blöde Sau.

Es gibt kaum intimeres und gefährlicheres Wissen über Menschen

Um den Vorteil einer App als Laie zu begreifen, empfiehlt sich, die Pandemie zunächst als Informationsproblem zu betrachten. Wenn über jedem infizierten Kopf ab der ersten Minute ein rotes Lämpchen leuchten würde, wäre Corona rasch in den Griff zu bekommen. Die Information über den Corona-Status einer Person ist der ausschlaggebende Hebel für jede Strategie. Nicht zufällig gibt es eine auffällige Korrelation zwischen den Ländern, die am intensivsten testen und denen, die die Pandemie bisher am besten bewältigen. Mit dem Gedankenexperiment des roten Lämpchens wird aber auch sofort das grundrechtliche Problem deutlich: Es gibt kaum intimeres und gefährlicheres Wissen über Menschen als persönliche Daten zum Gesundheitszustand.

Quelle        :         Spiegel-online         >>>>>           weiterlesen

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Oben       —       Eierlegende Wollmilchsau

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Unten          —        Sascha Lobo; 10 Jahre Wikipedia; Party am 15.01.2011 in Berlin.

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Corona-Baden-Württemberg

Erstellt von DL-Redaktion am 30. April 2020

Ein Schlachthof, 300 Infektionen

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Von Jost Maurin

Enges Wohnen und prekäres Arbeiten begünstigt Ansteckungen mit Covid19. Nun hat es hunderte Beschäftigte eines Fleischbetriebs erwischt.

Mehr als 200 rumänische Arbeiter eines Schlachthofs in Baden-Württemberg haben sich nach Angaben der Regierung in Bukarest mit dem Coronavirus infiziert. Bei ihnen handle es sich nicht um Saisonarbeiter, sondern um Beschäftigte von Subunternehmen des Fleischbetriebs Müller Fleisch in Birkenfeld, teilte das Außenministerium mit. Insgesamt seien dort 500 Rumänen beschäftigt.

Neben den Rumänen seien noch rund 100 weitere Arbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden, ergänzte das Ministerium unter Berufung auf deutsche Behörden. Alle Infizierten befänden sich in Quarantäne. Die meisten hätten keine oder nur leichte Symptome. Das Landratsamt des Enzkreises bestätigte der taz, dass inzwischen rund 300 Beschäftigte positiv getestet worden seien.

Wie die deutsche Landwirtschaft beschäftigt auch die Fleischindustrie zahlreiche Wanderarbeiter aus Osteuropa. Vor allem Rumänen und Bulgaren schlachten und zerlegen in Deutschland Tiere und verarbeiteten sie zu Fleischprodukten weiter. In den großen Schlachthöfen stellen sie Gewerkschaftern zufolge bis zu 80 Prozent der Beschäftigten. Sie arbeiten in der Regel einige Monate in der Bundesrepublik und kehren dann in ihre Heimat zurück.

Meist werden sie von Subunternehmen angestellt, die von den deutschen Schlachthöfen über Werkverträge beauftragt werden. Zwar gilt auch für solche Beschäftigte der deutsche Mindestlohn, aber der wird Experten zufolge häufig durch zu hohe oder ungerechtfertigte Abzüge etwa für die Unterkunft oder angebliche Fehler bei der Arbeit umgangen.

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Gewerkschafter werfen der deutschen Fleisch­industrie deshalb Ausbeutung vor. Neben der Unterbringung monieren sie auch zu lange Arbeitszeiten und Verstöße gegen den Arbeitsschutz. „Wie die Menschen im Fall Müller Fleisch untergebracht sind, ist skandalös“, sagte Freddy Adjan der taz, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Viele Wohnungen seien zu klein. Oft könnten die Bewohner nur unter schwierigen Bedingungen Essen kochen.

Quelle        :         TAZ         >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen       :

Oben       —        Свинина гуртом та вроздріб

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Unten       —     Panorama Nagold, Stadtkirche et Enz à Pforzheim (Bade-Würrtemberg) (projection cylindrique)

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Im April einer Corona-Panik

Erstellt von DL-Redaktion am 29. April 2020

Zwischen Untergang und Orgie

Eine Kolumne von Thomas Fischer

Deutschland im Frühling: Wechselspiel von Strategien und Befürchtungen, Urlaubssehnsucht und Laptopfieber. Immer die Frage: Was ist verhältnismäßig?

Statistik

Die sechste Woche hintereinander eine Corona-Kolumne? Ist das nicht zu viel? Was soll man schreiben über das Thema, über das alle immerzu schreiben? Und doch: Vom Völkermordprozess in Koblenz bis zum traurigen Tod Norbert Blüms, vom iranischen Satellitenstart bis zu Kim Jong Uns traumhafter „nice note“ an den Meister des starken Lichts in Washington steht alles im Schatten der Pandemie und der Furcht vor der Zukunft. Altvertraute Begriffe erschließen sich vielen in neuem Licht.

Wussten Sie, dass eine Covid-19-Erkrankung ungefähr so ist wie eine schwere Grippe? Damit meine ich nicht das, was Sie früher zwei- bis dreimal im Jahr dazu brachte, Donnerstag morgens um 7.30 Uhr Ihrem Arbeitgeber mitzuteilen, dass Sie „die Grippe“ haben und bis Montag „auszukurieren“ beabsichtigen. Nein, ich meine die „richtige“, virusgestützte Influenza. Wir haben über sie Widersprüchliches gelernt: Einerseits, dass es sich um eine Seuche handele, die gesellschaftlich integriert und eingearbeitet ist in die wirtschaftlichen, emotionalen und familiären Abläufe des Standorts Deutschland, sodass ambitionierte Prävention (Impfpflicht, Maskenpflicht, Isolation)  vermieden werden kann. Im mittleren Management war in der hochinfektiösen ersten Phase der Influenza seit jeher statt der Abstandspflicht eine Arbeitsplatz-Anwesenheitspflicht vorherrschend, wodurch Pflichtgefühl und Opferbereitschaft der Betroffenen bezeugt wurden.

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Unten         —           Thomas Fischer auf der re:publica 2016

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Pandemie Kriegstagebücher

Erstellt von DL-Redaktion am 28. April 2020

Der vorweggenommene Aufstand

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Bürger-Innen wehret den Anfängen !

Quelle       :      untergrund-blättle CH.

Übersetzung: Sebastian Lotzer

Die Epidemie wird enden, aber nicht die Massnahmen, Möglichkeiten und Folgen, die sie ausgelöst hat und die wir jetzt erleben. Wir gebären eine neue Welt im Schmerz.

Seit fünf Abenden knallt es in den Vororten Frankreichs. Trotz oder gerade wegen Ausnahmezustand und Ausgangssperre. Bullen werden in Hinterhalte gelockt, Autos und Rathäuser werden in Brand gesteckt. Fünf tote Menschen seit der Ausrufung des Ausnahmezustandes im Zusammenhang mit Polizeiaktionen zur Durchsetzung der Ausgangssperre. Etliche Verletzte, viele davon schwer. Die Bullen, die seit Jahrzehnten in den quartiers populaires eh nur noch eine Besatzungsarmee sind, legen nochmal einen Zahn zu in ihren Gewaltorgien. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis es zu extralegalen Hinrichtungen kommt. Es würde knallen, es musste knallen, alle wussten das.

Schon in den ersten Tagen der Ausgangssperre immer wieder Scharmützel in den Vororten, gut organisierte Gruppen legen Brände, greifen die einrückenden Bullen direkt und unvermittelt an. Nach einer Häufung von solchen Angriffen ergeht die Weisung, die Ausgangssperre nicht mehr mit aller Macht durchzusetzen. Aber die Bullen sind Bullen. Schikanieren, jagen Mopedfahrer über die Strassen, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind, die falschen Hautfarbe oder keinen Helm aufhaben. Oder einfach nur, weil sie sadistische Arschlöcher sind. Jetzt haben sie den Salat. Mittlerweile um die tausend Bullen allein im Grossraum Paris im Einsatz. Hubschrauber und der ganze technologische Schnickschnack. Hat ihnen bisher nichts genutzt. Gegen ein paar hundert Jugendliche.

Von Sibirien über den afrikanischen Kontinent bis nach Nord- und Lateinamerika brennen die Knäste. Tag für Tag. Auch hier in Europa, in Italien, Frankreich,… Nacht für Nacht. Hungerrevolten in Afrika, dem indischen Subkontinent, in Kolumbien, Argentinien, Venezuela,…

Diejenigen, die die Transformation in einen weltweiten Pandemie-Faschismus unmittelbar und nicht in der Abstraktion einer gelehrten Wohlstandslinken erfahren, haben den Kampf schon lange aufgenommen. Aus einer unwiderlegbaren Notwendigkeit heraus, während hierzulande wohl formulierte Texte über die Absage der Fusion oder über einen achtsamen Protest am 1. Mai erscheinen. (Eine merkwürdige Tradition, viele Jahre hatte die “neue Linke” mit diesem Tag nichts zu schaffen, wenn man von den Initiativen der K Gruppen in den 70igern absieht, aber seit jener sagenumwobenen Nacht im Jahre 1987 gefallen sich die diversen Splitter einer gesellschaftlich marginalisierten Linken darin, zu diesem Datum Aufmärsche zu inszenieren, die weder etwas mit der traditionellen Arbeiterbewegung noch etwas mit der sozialen Explosion des 1. Mai 1987 zu schaffen haben).

Die Welt wird eine andere sein, oder vielleicht könnte man auch sagen, sie wird nur ihr wahres Gesicht zeigen. Seit Jahrzehnten sind hier Texte und Analysen über die “Faschisierung” erschienen. Und nun, wo alle Theorie grau wird angesichts der realen Entwicklung, kein Wort, keine realen Widerstandshandlungen, von einigen wenigen nächtlichen Exkursionen abgesehen. Sowie hilflosen symbolischen Handlungen, die zwar moralisch aller Ehren wert seien, aber eben auch nicht mehr. Nur Unterordnung und Angst. Nein, Angst mag hier die falsche Begrifflichkeit sein.

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Hätten Politiker-Innen den Verstand der Schafe, sehe die Welt Menschlicher aus !

Denn gegen Angst an und für sich ist nichts einzuwenden. Sie gehört zu uns, wie die Liebe und der Hass. Man müsste lieber von feiger Bequemlichkeit sprechen und einer neurotisch narzisstischen Verortung in der Welt, die sich als Altruismus tarnt. So der so. Der Bruch mit einem Grossteil “der Linken” war schon lange überfällig, nach der derzeitigen Unterwerfung, die nicht von ungefähr an jene von 77 erinnert, steht sie endlich ganz oben auf der Tagesordnung Derjenigen, die noch ein ernstes Interesse an einer aufständischen Umwälzung haben. Denn auch Jene gibt es, auch wenn sie minoritär innerhalb der Mahlbewegung der diversen pseudorevolutionären Grüppchen und Klüngel sind, die nur darauf warten, ihr Tagesgeschäft wieder aufnehmen zu können, als sei nichts geschehen.

Es folgt eine Übersetzung eines Textes von Gianfranco Sanguinetti, der aus meiner Sicht messerscharf analytisch die gegenwärtige Entwicklung und den Umschlag der gesellschaftlichen Situation beschreibt. Die Übersetzung erfolgte aus der englischsprachigen Übersetzung, die auf autonomies erschien. Da ich nicht #StayTheFHome bin, sondern tagtäglich der Lohnarbeit draussen in der realen Welt nach gehe, bitte ich um Milde für die rohe und schnelle Übersetzung, die zu später Abend- bzw. Nachtstunde erfolgte.

Westlicher Despotismus

Gianfranco Sanguinetti (1)

Die Konversion der westlichen repräsentativen Demokratien zu einer völlig neuen Form des Despotismus hat durch den Virus die juristischen Züge der höheren Gewalt angenommen (2) (in der Rechtsprechung ist höhere Gewalt bekanntlich ein Fall von entlasteter Verantwortung). Und so ist der neue Virus gleichzeitig der Katalysator des Ereignisses und die Ablenkung der Massen durch Angst (3).

Ungeachtet der Hypothesen, die ich seit der Veröffentlichung meines Buches „Über Terrorismus und Staat“ (4) über die Art und Weise aufgestellt habe, in der diese Umwandlung von formaler Demokratie in Despotismus stattfinden würde (in meinen Augen eine unausweichliche Angelegenheit), gestehe ich, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass dies unter dem Deckmantel eines Virus geschehen würde. Und doch sind die Wege des Herrn wirklich zahllos. So wie die der hegelianischen List der Vernunft. (5)

Wir können sagen, dass der einzige Hinweis [auf eine solche Wendung der Ereignisse], der ebenso prophetisch wie besorgniserregend war, derjenige ist, den ich in einem Artikel gefunden habe, den Jacques Attali (6), ehemaliger Mäzen der Bank BERD (7) während der Epidemie von 2009 in L’Express veröffentlicht hat. (8)

„Wenn die Epidemie etwas gravierender wird, was möglich ist, da sie durch Menschen übertragbar ist, wird es wirklich globale Folgen geben: wirtschaftliche (die Modelle lassen glauben, dass dies einen Verlust von drei Billionen Dollar oder einen Rückgang des globalen BIP um fünf Prozent bedeuten könnte) und politische (wegen der Ansteckungsgefahr). Wir müssten eine globale Polizei, eine globale Kontrolle, eine globale Vorratshaltung und damit eine globale Finanzpolitik einführen. Auf diese Weise würden wir viel schneller, als es die wirtschaftliche Vernunft allein erlauben würde, die Grundlagen für eine wirklich globale Regierung schaffen“ (9).

Man stellte sich die Pandemie so vor: Wie viele [Computer-]Simulationen wurden von den grossen Versicherungsgesellschaften durchgeführt! Und auch von den Geheimdiensten der Staaten. Vor einigen Tagen kam der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown auf die Notwendigkeit einer Weltregierung zurück: „Gordon Brown hat die Staats- und Regierungschefs der Welt gedrängt, eine vorübergehende Form einer globalen Regierung zu schaffen, um die durch die Covid-19-Pandemie verursachte medizinische und wirtschaftliche Krise zu bewältigen“(10).

Es ist kaum notwendig hinzuzufügen, dass eine solche Gelegenheit ergriffen oder geschaffen werden könnte, ohne dass sich etwas Grundlegendes ändert. Wenn die Absicht einmal da ist und die Strategie entworfen ist, genügt es, einen Vorwand zu haben und dann als Konsequenz daraus zu handeln. Kein einziger der Staatschefs war überrascht, ausser vielleicht gleich zu Beginn aus Unverstand. Später, von Giuseppe Conte bis Orban, von Johnson bis Trump (11) usw., begriffen all diese Politiker – so rüpelhaft sie auch sein mochten – schnell, dass der Virus ihnen erlaubte, mit den alten Verfassungen, Regeln und Gesetzen zu tun, was ihnen gefiel. Der Zustand der Notwendigkeit würde alle Rechtswidrigkeiten verzeihen.

Nachdem der Terrorismus – der ein wenig zu sehr ausgenutzt wurde, darin sind wir uns alle einig – die meisten seiner Möglichkeiten, die in den ersten 15 Jahren des neuen Jahrhunderts überall so gut entwickelt waren, ausgeschöpft hatte, kam der Moment, zur nächsten Etappe überzugehen, die ich 2011 in meinem Text Du Terrorisme au Despotisme (12) angekündigt habe.

Zettel „Wollt ihr die totale Hygiene?“.jpg

Übrigens bestätigt der konterrevolutionäre Ansatz, den der fälschlicherweise als „Krieg gegen das Virus“ bezeichnete Krieg sofort und überall aufgegriffen hat, die Absicht, die den „humanitären“ Operationen dieses Krieges zugrunde liegt, der nicht gegen das Virus, sondern gegen alle Regeln, Rechte, Garantien, Institutionen und Menschen der alten Welt geführt wird: Ich spreche hier von der Welt und den Institutionen, die seit der Französischen Revolution bestehen und die jetzt im Laufe einiger Monate vor unseren Augen verschwinden in einer Geschwindigkeit in der einst die SU verschwand. Die Epidemie wird enden, aber nicht die Massnahmen, Möglichkeiten und Folgen, die sie ausgelöst hat und die wir jetzt erleben. Wir gebären eine neue Welt im Schmerz.

So erleben wir den Zerfall und das Ende einer Welt und einer Zivilisation, der bürgerlichen Demokratie mit ihren Parlamenten, ihren Rechten, ihren Mächten und ihren Oppositionen, die von nun an vollkommen nutzlos sind, weil die Gesetze und Zwangsmassnahmen jetzt von der Exekutive [Regierungsgewalt] diktiert werden, ohne dass sie sofort vom Parlament ratifiziert werden, und weil die richterlichen Befugnisse wie auch die Befugnisse der freien [öffentlichen] Meinung selbst den Anschein der Unabhängigkeit und damit ihre Funktion als Gegengewicht verlieren.

Und so wird das Volk schroff und traumatisch konditioniert (wie Machiavelli festgestellt hat): „der Schaden muss auf einmal zugefügt werden, damit diejenigen, die ihn erleben, keine Zeit haben, ihn auszukosten“ (13), der Bürger, der vor langer Zeit verschwand und durch den Verbraucher ersetzt wurde, sieht sich nun auf die Rolle des einfachen Patienten reduziert, über den man das Recht auf Leben oder Tod ausüben kann, dem man jede beliebige Behandlung verabreichen oder sogar entscheiden kann, ihn zu töten, je nach seinem Alter (produktiv oder unproduktiv) oder nach anderen Kriterien, die willkürlich und ohne das Recht auf Berufung, nach dem Ermessen des Betreuers oder anderer Personen entschieden wurden. Was kann er, nachdem er zu Hause oder in einem Krankenhaus inhaftiert wurde, gegen Nötigung, Missbrauch oder Willkür unternehmen?

In Italien zum Beispiel wurde die Verfassungscharta ausgesetzt, ohne den geringsten Einspruch zu verursachen, nicht einmal von der „Garantin“ der Institutionen des Landes, Präsidentin Mattarella. Einfach so zu anonymen und isolierten Monaden geworden, haben die Untertanen keine „Gleichheit“ mehr zu behaupten oder irgendwelche Rechte zu beanspruchen. Das Gesetz selbst wird nicht länger präskriptiv sein, sondern ist bereits zum Ermessensspielraum geworden, wie Leben und Tod. In Italien haben wir gesehen, dass man unter dem Vorwand des [Kampfes gegen das] Coronavirus 13 oder 14 unbewaffnete Gefangene(14, deren Namen, Verbrechen oder Umstände nicht einmal angegeben werden müssen, sofort und ungestraft töten kann, und niemand regt sich darüber auf. Die Italiener haben es noch besser gemacht als die Deutschen im Gefängnis von Stammheim, (15) sie sollten uns bewundern, zumindest für unsere Verbrechen!

Ausser über Geld wird nichts mehr diskutiert. Und ein Staat wie Italien wird darauf reduziert, bei der finsteren und illegitimen Eurogruppe (16) zu betteln, um das Kapital zu bekommen, das für die Umwandlung von einer demokratischen in eine despotische Form notwendig ist. Das ist dieselbe Eurogruppe, die 2015 das gesamte nationale Erbe Griechenlands, einschliesslich des Parthenon, auf grausame Weise enteignen und einem von Deutschland kontrollierten Fonds in Luxemburg übertragen wollte. Sogar der Spiegel bezeichnete die Diktate der Eurogruppe als „Katalog der Gräueltaten“, mit dem Griechenland gedemütigt werden sollte, und Ambrose Evans-Pritchard sagte in einem Artikel im „The Telegraph“, wenn man ein Datum für das Ende des europäischen Projekts festlegen wolle, dann sei es das. Jetzt ist die Sache erledigt. Es bleibt nur noch der Euro, und zwar nur vorläufig.

Der Neoliberalismus hat nichts mit den Klassenkämpfen von einst zu tun; er hat nicht einmal eine Erinnerung an sie; er glaubt, sie aus dem Wörterbuch gelöscht zu haben. Er hält sich für allmächtig, was nicht heisst, dass er den Klassenkampf nicht fürchtet, denn er weiss genau, was er dem Volk zuzufügen gedenkt. Es ist offensichtlich, dass das Volk bald Hunger leiden wird; es ist offensichtlich, dass die Arbeitslosen zahlreich sein werden; es ist offensichtlich, dass die Menschen, die nach Vorschrift arbeiten (vier Millionen in Italien), keine Unterstützung haben werden. Und diejenigen, die in prekären Arbeitsverhältnissen leben und nichts zu verlieren haben, werden anfangen zu kämpfen und Sabotage zu betreiben. Das erklärt, warum die Strategie der Reaktion auf die Pandemie vor allem eine Strategie der Aufstandsbekämpfung ist. Wir werden dies in Amerika mit aller Macht sehen.

Die Lager der FEMA (17) werden bald voll sein. Der neue Despotismus hat also mindestens zwei gute Motive, sich im Westen durchzusetzen: zum einen, um der internen Subversion, die er provoziert und erwartet, entgegenzutreten; zum anderen, um sich auf einen externen Krieg gegen einen designierten Feind vorzubereiten, der zugleich der älteste Despotismus der Geschichte ist, über den wir seit der Veröffentlichung des Buches Lord Shang in [China während] des vierten Jahrhunderts v. Chr. nichts Neues erfahren haben. Dies ist ein Buch, das alle westlichen Strategen mit grösster Aufmerksamkeit zu lesen sich beeilen sollten. Wenn man sich entschliessen sollte, den chinesischen Despotismus anzugreifen, muss man ihm zunächst zeigen, dass man auf seinem eigenen Terrain besser ist als er, d.h. effektiver, weniger kostspielig und leistungsfähiger. Kurz gesagt, ein überlegener Despotismus. Aber das bleibt abzuwarten.

Dank des Virus erscheint die Zerbrechlichkeit unserer Welt jetzt am helllichten Tag. Das Spiel, das derzeit gespielt wird, ist unendlich viel gefährlicher als das Virus und wird noch viel mehr Tote fordern. Und doch fürchten unsere Zeitgenossen nur das Virus. (18)

Es scheint, dass die gegenwärtige Ära sich die Aufgabe gestellt hat, dem zu widersprechen, was Hegel in Bezug auf die Geschichtsphilosophie gesagt hat: „Die Geschichte der Welt ist der Fortschritt des Freiheitsbewusstseins“. Aber die Freiheit selbst existiert nur insofern, als sie gegen ihr Gegenteil kämpft, würde er hinzufügen (19:) Wo steht sie heute? Wenn man in Italien und Frankreich diejenigen anprangert, die nicht gehorchen? (20)

Wenn eine einfache Mikrobe genügt hat, um unsere Welt in den Gehorsam gegenüber dem widerlichsten Despotismus zu stürzen, bedeutet dies, dass unsere Welt bereits so reif für den Despotismus war, dass eine einfache Mikrobe genügen würde.

Die Historiker werden die Zeit, die jetzt beginnt, als die Ära des westlichen Despotismus bezeichnen.

Übersetzung: Sebastian Lotzer

Fussnoten:

(Anmerkung S. Lotzer: Die Fussnoten entstammen der englischsprachigen Übersetzung, die u.a. auf autonomies.org erschien):

1. Gianfranco Sanguinetti, „Le Despotisme Occidental“, vom 1. April 2020, veröffentlicht am 20. April 2020 in Lundi Matin #239. Aus dem Französischen übersetzt von NOT BORED! am 20. April 2020. Alle Fussnoten vom Übersetzer, sofern nicht anders angegeben. Der Titel von Sanguinetti greift den Titel eines bekannten Werkes von Karl August Wittfogel auf, Orientalischer Despotismus. Eine vergleichende Studie über die totale Macht (Yale University Press, 1957). Vielen Dank an Fabrice de San Mateo für diesen Hinweis.

2. Latein im Original.

3. Anmerkung des Autors: Ich sehe, dass Edward Snowden in einem Interview mit ihm, das am 10. April 2020 veröffentlicht wurde, zu derselben Schlussfolgerung gelangt ist: https://www.youtube.com/watch?v=k5OAjnveyJo.

4. Del terrorismo e dello stato, ursprünglich 1979 auf Italienisch veröffentlicht, wurde von Bill Brown mit dem Titel On Terrorism and the State (Colossal Books, 2014) ins Englische übersetzt.

5. Auf Deutsch: Liste der Vernunft. Vgl. Hegel, Vorlesungen zur Geschichtsphilosophie (Deutsches Original: 1837).

6. Vgl. unsere Rezension von Jacques Attalis Noise (erstmals 1977 auf Französisch veröffentlicht und 1985 ins Englische übersetzt), die einige recht merkwürdige Lobeshymnen auf Sanguinetti’s Pamphlet, Truthful Report on the Last Chances to Save Capitalism in Italy (erstmals 1975 auf Italienisch veröffentlicht und 2014 von Bill Brown ins Englische übersetzt) enthält: http://www.notbored.org/attali.html.

7. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.

8. Das wäre die „Schweinegrippe“-Pandemie.

9. Anmerkung des Autors: https://www.lexpress.fr/actualite/societe/sante/avancer-par-peur_758721.html.

10. Anmerkung des Verfassers: https://www.theguardian.com/politics/2020/mar/26/gordon-brown-calls-forglobal-government-to-tackle-coronavirus. [Übersetzer: Ich habe direkt aus dem englischsprachigen Original zitiert].

11. Giuseppe Conte ist der Ministerpräsident von Italien. Viktor Orban ist der Ministerpräsident von Ungarn. Boris Johnson ist der Premierminister des Vereinigten Königreichs. Donald Trump ist der Präsident der Vereinigten Staaten.

12. Eine Google-Suche nach diesem mir bisher unbekannten Satz führt nur zu Links auf den vorliegenden Text. Da die gleichen Ergebnisse auftreten, wenn ich diesen Satz ins Italienische (Sanguinetti’s erste Sprache) übersetze – Dal terrorismo al dispotismo – können wir mit Sicherheit annehmen, dass dieser Text noch in keiner Sprache veröffentlicht wurde.

13. Niccolo Machiavelli, Der Fürst, Kapitel VIII. Die Übersetzung, die ich bevorzuge – die von Angelo M. Codevilla angefertigte und 1997 bei Yale University Press veröffentlichte – lautet: „Verletzungen müssen alle zusammen zugefügt werden, so dass sie, wenn sie weniger gekostet werden, weniger beleidigend sind“ (S. 35).

14. Vgl. Zoe Tidman, „Coronavirus: 12 Häftlinge tot und 16 entkommen, als italienische Gefangene wegen der Abriegelungsmassnahmen randalieren“, The Independent, 12. März 2020. Laut einer eklatanten Lüge des italienischen Justizministers Alfonso Bonafede „sind leider 12 Häftlinge gestorben, wobei die ersten Ergebnisse darauf hindeuten, dass es sich bei den meisten um Überdosen von Medikamenten handelt, die während der Störung aus dem Krankenzimmer genommen wurden“. https://www.independent.co.uk/news/world/europe/coronavirus-italy-prison-riotsdeath-toll-modena-foggia-alfonso-bonafede-a9396311.html.

15. Das Gefängnis, in dem mehrere Mitglieder der Rote-Armee-Fraktion von den deutschen Behörden ermordet wurden.

16. Eine Gruppe, die sich aus den Finanzministern der Länder zusammensetzt, die an der Europäischen Union teilnehmen.

17. Das Bundesamt für Notfallmanagement, keineswegs ein Faktor oder ein Akteur in der gegenwärtigen Krise in Amerika, sondern ein ewiges Schreckgespenst für Verschwörungstheoretiker.

18. Aber siehe u.a. Giorgio Agamben, „L’invenzione di un’epidemia“, Quodlibet, 26. Februar 2020.

19. „Die Weltgeschichte ist der Fortschritt des Freiheitsbewusstseins – ein Fortschritt, dessen Notwendigkeit wir untersuchen müssen“ (Hegel, The Philosophy of History).

20. Hier in Amerika sind diejenigen, die nicht gehorchen – diejenigen, die gegen die Bundesstaaten Regierungen in Michigan, Ohio, Colorado und anderswo gegen Hausarrest und andere antivirale Massnahmen protestieren -, allem Anschein nach keine freiheitsliebenden Libertären, sondern fundamentalistische Christen, Nazis und andere verdammte Idioten.

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Grafikquellen      :

Oben      —         Polizei im Ordnungsdienst bei 1. Mai-Krawallen in Zürich

Egilea Mark Hull

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2. von Oben      Eingezäunte Schafherde mit Schäfer auf der Dreiborner Hochfläche im Nationalpark Eifel.

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Unten          —

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Mannheimer Corona-Studie:

Erstellt von DL-Redaktion am 28. April 2020

Zustimmung in der Bevölkerung für erweiterte Sonderbefugnisse der Bundesregierung sinkt

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Quelle          :      Scharf  —   Links

Von Universität Mannheim

Als Ergänzung zu den täglichen Berichten der Mannheimer Corona-Studie stellen Sozialforscherinnen und -forscher der Universität Mannheim den Schwerpunktbericht „Demokratische Kontrolle während der Corona-Krise“ vor. Darin untersucht das Team, wie sich die Zustimmung der Bevölkerung zu erweiterten Sonderbefugnissen der Bundesregierung während der Corona-Krise verändert hat und welche persönlichen und sozio-ökonomischen Faktoren Einfluss auf die individuellen Zustimmungswerte haben.

Regierungen weltweit treffen in den letzten Wochen täglich weitreichende Entscheidungen, um die Corona-Pandemie effektiv einzudämmen. Demokratien stehen dabei vor besonderen Herausforderungen: Während der demokratische Prozess normalerweise auf dem Austausch von Argumenten beruht und die Interessen verschiedener Akteure berücksichtigen soll, können kontroverse Debatten und langwierige Entscheidungsverfahren in Krisenzeiten – wenn schnelles Handeln gefragt ist – von Nachteil sein. Vor diesem Hintergrund wird in Deutschland immer wieder die Notwendigkeit diskutiert, der Bundesregierung Sonderrechte einzuräumen: Zum einen soll der mehrstufige Gesetzgebungsprozess verkürzt werden, indem die Regierung weitreichenden Maßnahmen ohne Zustimmung von Bundestag und Bundesrat per Dekret erlassen kann. Zum anderen sollen Kompetenzen der Länder auf Bundesebene gebündelt werden Im Schwerpunktbericht der Mannheimer Corona-Studie, „Demokratische Kontrolle während der Corona-Krise“, untersuchen Forscherinnen und Forscher der Universität Mannheim die Zustimmungswerte der deutschen Bevölkerung zu erweiterten Exekutivbefugnissen der Bundesregierung während der aktuellen Corona-Pandemie.

Die Analysen zeigen, dass sich Ende März, als sich die Corona-Krise zuspitzte, eine Mehrheit in Deutschland für erweiterte Sonderbefugnisse der Bundesregierung zur Bekämpfung der Pandemie aussprach. Die Stimmungslage änderte sich jedoch, als sich Bund und Länder am 22. März erstmals auf ein gemeinsames Vorgehen einigten und Bundestag sowie Bundesrat im Schnellverfahren entscheidende Gesetzespakete bewilligten. Am 20. April lagen die Zustimmungswerte für die erweiterten Sonderbefugnisse der Bundesregierung nur noch bei 40,2 Prozent. „Eine Mehrheit der Deutschen lehnt nun also einen so weitreichenden Schritt ab“, sagt Sebastian Juhl, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Mannheim.

Modellrechnungen zeigen, dass die Zufriedenheit der Menschen mit der amtierenden Bundesregierung vor der Corona-Pandemie keinen nennenswerten Einfluss auf die Zustimmung zu den erweiterten Exekutivrechten hat. Allerdings sind Menschen, die die Pandemie als eine schwerwiegende Bedrohung für sich selbst wahrnehmen, eher bereit, der Bundesregierung weitreichende Befugnisse einzuräumen. „Ob weitreichende Sonderbefugnisse für die Bundesregierung als notwendig erachtet werden, bemisst sich somit vielmehr am konkreten Bedrohungsgefühl der Menschen, als an ihrer Bewertung der Leistungen der Großen Koalition vor Ausbruch der Corona-Pandemie“, so Juhl.

Der Bericht zeigt zudem, dass die Zustimmungswerte für die Sonderbefugnisse in den vergangenen Wochen bei Männern und Frauen im gleichen Maße gesunken sind. Die Zustimmungswerte liegen bei Frauen und Männern über die Wochen hinweg auf dem fast gleichen Niveau. Es zeigt sich zudem, dass die erweiterten Exekutivrechte eher bei Menschen mit hoher als niedriger Schulbildung auf Ablehnung stoßen. So befürworteten im Zeitraum vom 10. bis 16. April rund 41% der Menschen mit hoher Schulbildung weitreichende Sonderbefugnisse für die Große Koalition während die Zustimmung hierzu bei Menschen mit niedriger Schulbildung im gleichen Zeitraum bei circa 53% und somit um 12 Prozentpunkte höher lag.

Die Methodik der Mannheimer Corona-Studie in Kurzfassung Die Studie baut auf der Methodik und Infrastruktur des German Internet Panels (GIP) auf. Das GIP basiert auf einer Zufallsstichprobe der allgemeinen Bevölkerung in Deutschland und wird seit 2012 regelmäßig durchgeführt. Für die Mannheimer Corona-Studie wurde die GIP-Stichprobe in zufällige Substichproben unterteilt, die jeweils einem anderen Wochentag zugeordnet wurden. An jedem Wochentag wird daher ein zufälliger Teil des GIP befragt.

Corona-05.jpg

Innerhalb einer Woche bleibt der Fragebogen genau gleich. Auch über die Wochen hinweg, werden die Fragebögen möglichst konstant gehalten, um eine tägliche Fortschreibung der Ergebnisse über einen langen Zeitraum zu erlauben. Die Studie möchte aber auch tiefergehende Schwerpunktanalysen zu ausgewählten Themen durchführen und unvorhergesehene Ereignisse abdecken. Dazu wird der Fragebogen jede Woche evaluiert und für die nächste Woche aktualisiert.

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rheberrecht
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Knapp überm Boulevard

Erstellt von DL-Redaktion am 28. April 2020

Die Ansteckungsgefahr der Herdenfreiwilligkeit

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Von Isolde Charim

Wir sind in einer heiklen Phase. In Deutschland wie in Österreich. Nach der Zeit der drastischen Beschränkungen wird auch die vorsichtigste Lockerung zum Freiheitsgewinn. Die Wochen der Isolation machen selbst den Besuch im Baumarkt zum Erlebnis. Zugleich hängt das Damoklesschwert einer neuerlichen Notbremse über unseren freiheits-, und das heißt heute normalitätssehnsüchtigen Köpfen. So ein Rückschritt wäre schwer zu verkraften.

Aber selbst der beste Fall bedeutet eine besondere Herausforderung. Der Shutdown war auf kurze Dauer angelegt. Jetzt müssen wir uns auf eine lange Dauer einstellen. Eine eingeschränkte „Normalität“ über Monate. Und mit ungewissem Endpunkt. Das braucht einen langen Atem: Geduld, Disziplin und vor allem Zustimmung. Deshalb ist die Frage nach wie vor zentral: Warum hat die große Mehrheit die Anordnungen befolgt? Nur so lässt sich abschätzen, wie belastungsfähig dies ist.

Ziel der Politik ist derzeit, das Verhalten der Menschen bis in die kleinsten Alltagshandlungen hinein zu verändern. Daher ist sie angewiesen darauf, dass die Menschen mitwirken, dass sie die Regeln nicht nur einhalten, sondern dies auch freiwillig tun. Was aber heißt „freiwillig“ in diesem Zusammenhang? Freiwillig heißt eigentlich: Wir verstehen, dass solche Einschränkungen notwendig sind. Wir sind einsichtig in die Vernunftgründe. Wir folgen den Anordnungen also aus Überzeugung. Nicht freiwillig hieße dann: Wir folgen, weil wir müssen. Weil es Strafen, Drohungen, Kontrollen gibt. Dann folgen wir dem Zwang. Und nicht der Vernunft.

Zettel „Wollt ihr die totale Hygiene?“.jpg

Was aber ist mit der Angst? Wenn wir aus Angst vor dem Virus handeln. Oder aus Angst vor der Obrigkeit. Dann befolgen wir die Maßnahmen, dann halten wir uns an die Einschränkungen, weil wir uns davon etwas versprechen. Schutz, Sicherheit. Dann handeln wir auch freiwillig – aber nicht aus Vernunftgründen. Freiwillig – aber nicht als mündige Bürger. Das nennt man dann: freiwillige Unterwerfung. Folgerichtig ist diese meist keine des Einzelnen. Es ist vielmehr eine Art Herdenunterordnung – beziehungsweise eine Herdenfreiwilligkeit. Diese ist gewissermaßen ansteckend.

Quelle       :      TAZ           >>>>>        weiterlesen

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Oben      —       Eingezäunte Schafherde mit Schäfer auf der Dreiborner Hochfläche im Nationalpark Eifel.

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Ideologie der Ungleichheit

Erstellt von DL-Redaktion am 27. April 2020

Elemente eines partizipativen Sozialismus für das 21. Jahrhundert

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Von Thomas Piketty

ede menschliche Gesellschaft muss ihre Ungleichheiten rechtfertigen. Sie muss gute Gründe für sie finden, da andernfalls das gesamte politische und soziale Gebäude einzustürzen droht. So bringt jedes Zeitalter eine Reihe kontroverser Diskurse und Ideologien hervor, um Ungleichheit in der Gestalt, in der es sie gibt oder geben sollte, zu legitimieren und wirtschaftliche, soziale und politische Regeln aufzustellen, die geeignet sind, das gesellschaftliche Ganze zu organisieren. Dieser zugleich intellektuellen, institutionellen und politischen Auseinandersetzung entspringen im Allgemeinen eine oder mehrere herrschende Erzählungen, auf die sich die bestehenden Ungleichheitsregime stützen.

In den heutigen Gesellschaften übernimmt diese Rolle vor allem die proprietaristische[1] und meritokratische, den Unternehmergeist beschwörende Erzählung: Die moderne Ungleichheit ist gerecht und angemessen, da sie sich aus einem frei gewählten Verfahren ergibt, in dem jeder nicht nur die gleichen Chancen des Marktzugangs und Eigentumserwerbs hat, sondern überdies ohne sein Zutun von dem Wohlstand profitiert, den die Reichsten akkumulieren, die folglich unternehmerischer, verdienstvoller, nützlicher als alle anderen sind. Und dadurch sind wir auch himmelweit entfernt von der Ungleichheit älterer Gesellschaften, die auf starren, willkürlichen und oft repressiven Statusunterschieden beruhte.

Das Problem ist, dass diese große proprietaristische und meritokratische Erzählung, die im 19. Jahrhundert, nach dem Niedergang der Ständegesellschaften des Ancien Régime, ihre erste Sternstunde erlebte und Ende des 20. Jahrhunderts, nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus und dem Triumph des Hyper-Kapitalismus, eine radikale Reformulierung globalen Zuschnitts erfahren hat, immer weniger tragfähig scheint. Sie führt zu Widersprüchen, die in Europa und den Vereinigten Staaten, in Indien und Brasilien, China und Südafrika, Venezuela und dem Nahen Osten gewiss ganz unterschiedliche Formen annehmen. Gleichwohl sind diese verschiedenen, teilweise auch gekoppelten Wegverläufe, die einer je eigenen Geschichte entspringen, zu Beginn dieses 21. Jahrhunderts immer enger miteinander verbunden. Nur aus einer transnationalen Perspektive werden wir daher die Schwachstellen dieses Narrativs besser verstehen und die Rekonstruktion einer alternativen Erzählung ins Auge fassen können.

Vom Hyperkapitalismus in die nationalistische Abschottung

Tatsächlich sind wachsende sozio-ökonomische Ungleichheiten seit den 1980er und 1990er Jahren in fast allen Teilen der Welt zu verzeichnen. In manchen Fällen haben sie so dramatische Ausmaße angenommen, dass es zusehends schwieriger wird, sie im Namen des Allgemeininteresses zu rechtfertigen. Zudem gähnt allenthalben ein Abgrund zwischen den offiziellen meritokratischen Verlautbarungen und den Realitäten, mit denen sich die beim Bildungs- und Reichtumserwerb benachteiligten Klassen konfrontiert sehen. Allzu oft dient der meritokratische, das Unternehmertum preisende Diskurs den Gewinnern des heutigen Wirtschaftssystems offenbar dazu, auf bequeme Weise jedes erdenkliche Ungleichheitsniveau zu rechtfertigen, ohne es überhaupt in Augenschein nehmen zu müssen, und die Verlierer ob ihres Mangels an Verdienst, Fleiß und sonstigen Tugenden zu brandmarken. Diese Schuldigsprechung der Ärmsten hat es in früheren Ungleichheitsregimen, die eher die funktionale Entsprechung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen im Auge hatten, nicht oder zumindest nicht in diesem Ausmaß gegeben.

Die moderne Ungleichheit zeichnet sich denn auch durch eine Reihe von Diskriminierungspraktiken und ethnisch-religiösen oder den Rechtsstatus betreffenden Ungleichheiten aus, deren gewaltsamer Charakter zu den meritokratischen Ammenmärchen so recht nicht passen will und uns vielmehr in die Nähe der brutalsten Formen vergangener Ungleichheiten rückt, mit denen wir doch nichts gemein haben wollen. Man denke an die Diskriminierung, der Obdachlose oder Menschen einer bestimmten Herkunft und aus bestimmten Vierteln ausgesetzt sind. Oder an die Migranten, die im Mittelmeer ertrinken.

Angesichts dieser Widersprüche und mangels eines neuen glaubhaften universalistischen Gleichheitshorizontes, den wir bräuchten, um uns den wachsenden Herausforderungen zu stellen, mit denen Ungleichheit, Migration und Klimawandel uns konfrontieren, steht zu befürchten, dass mehr und mehr die identitäre und nationalistische Abschottung als große Ersatzerzählung einspringt, wie es schon im Europa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu beobachten war und in diesem beginnenden 21. Jahrhundert in den verschiedensten Teilen der Welt abermals zu beobachten ist.

Es war der Erste Weltkrieg, der einen Prozess zunächst des Abbruchs, dann der Neubestimmung jener Globalisierung der Geschäfts- und Finanzwelt in Gang setzte, die zu stark wachsender Ungleichheit in der „Belle Époque“ (1880-1914) geführt hatte – in einer Epoche, die belle allenfalls im Vergleich mit der Entfesselung von Gewalt heißen kann, die auf sie folgen sollte. Schön war sie in Wahrheit bloß für die Besitzenden, und namentlich für den weißen besitzenden Mann. Wenn das heutige Wirtschaftssystem nicht zutiefst verwandelt wird, um es in den einzelnen Ländern, aber auch zwischen ihnen egalitärer, gerechter und nachhaltiger zu machen, dann könnte es sein, dass der fremdenfeindliche „Populismus“ und seine möglichen Wahlerfolge es sind, die sehr bald die hyper-kapitalistische und digitale Globalisierung der Jahre 1990 bis 2020 in einen Zerfallsprozess eintreten lassen.

An der neuen ultra-inegalitären Erzählung, die sich seit den 1980er Jahren durchgesetzt hat, sind die Geschichte und das Desaster des Kommunismus nicht unschuldig. Aber sie ist auch die Frucht der Unkenntnis wie der Zerstückelung des Wissens und hat erheblich dazu beigetragen, den Fatalismus und die identitären Auswüchse zu nähren, mit denen wir es heute zu tun haben. Nimmt man aus einer interdisziplinären Perspektive den Faden der Geschichte wieder auf, so wird es möglich, zu einer ausgewogeneren Erzählung zu kommen, um die Umrisse eines neuen partizipativen Sozialismus für das 21. Jahrhundert zu zeichnen und den universalistischen Horizont einer neuen Ideologie der Gleichheit, des gesellschaftlichen Eigentums, der Bildung, der Wissens- und Machtverteilung zu erschließen. Diese Erzählung ist optimistischer, sie setzt größeres Vertrauen in die menschliche Natur. Aber sie ist auch genauer und plausibler als die überkommenen Erzählungen, weil sie die Lehren beherzigt, die wir aus einer globalen Geschichte ziehen können.

Die Grenze und das Eigentum

Dabei steht insbesondere das politische Regime in Frage, also die Gesamtheit der Regeln, die eine Gemeinschaft definieren und ihr Hoheitsgebiet abstecken, die Mechanismen kollektiver Beschlussfassung und die politischen Rechte ihrer Mitglieder. Darunter fallen die unterschiedlichen Formen politischer Teilhabe und Mitbestimmung ebenso wie die Rolle von Einwohnern und Ausländern, Präsidenten und Versammlungen, Ministern und Königen, Parteien und Wahlen, Kolonialreichen und Kolonien.

Deutsche Wohnen in Berlin-Wilmersdorf

Es geht aber auch um die Frage des Eigentumsregimes, das heißt der Gesamtheit der Regeln, die über mögliche Eigentumsformen entscheiden, sowie der Rechtsmittel und Praktiken, die die Eigentumsverhältnisse zwischen den jeweiligen Gesellschaftsgruppen regeln und über die Einhaltung dieser Regeln wachen. Jedes Ungleichheitsregime, jede Ungleichheitsideologie beruht, vereinfacht gesprochen, auf einer Theorie der Grenze und einer Theorie des Eigentums. Auf der einen Seite muss die Frage der Grenze beantwortet werden. Man muss klären, wer Teil der menschlichen und politischen Gemeinschaft ist, der man angehört oder sich anschließt, und wer nicht, auf welchem Gebiet und nach welchen Regeln sie regiert werden will, und wie sich ihre Beziehungen zu anderen Gemeinschaften innerhalb einer umfassenden menschlichen Gemeinschaft (die je nach Ideologie mehr oder weniger als solche anerkannt wird) organisieren lassen. Es geht dabei um die Frage des politischen Regimes, aber ihre Beantwortung schließt auch eine unmittelbare Antwort auf die Frage der sozialen Ungleichheit ein, zuallererst jener, die Staatsangehörige von Ausländern trennt.

Auf der anderen Seite muss die Frage nach dem Eigentum beantwortet werden. Kann man andere Individuen besitzen? Oder Anbauflächen, Immobilien, Unternehmen, natürliche Ressourcen, Erkenntnisse, finanzielle Vermögenswerte, die Staatsschulden? Nach welchen praktischen Modalitäten und auf der Grundlage welches Rechtssystems, welcher Rechtsprechung kann man die Beziehungen zwischen Eigentümern und Nichteigentümern regeln und dafür sorgen, dass sie aufrechterhalten werden? Diese Frage des Eigentumsregimes hat, wie die des Bildungs- und Steuerregimes, einen gestaltenden Einfluss auf soziale Ungleichheiten und ihre Entwicklung.

Wer hat die Macht – und wer das Eigentum?

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Ist es so lange her?

Erstellt von DL-Redaktion am 27. April 2020

Ermächtigungsgesetze für Bund und Land

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Quelle        :     AKL

Ein Kommentar von Inge Höger

In Zeiten der Corona-Krise überbieten sich Bund und Länder in immer neuen Gesetzen zum Umgang mit Pandemien. Ein Gesetzentwurf der NRW-Landesregierung reiht sich ein in die im März vom Bundestag beschlossene Novellierung des Infektionsschutzgesetzes, das dem Bundesgesundheitsminister im Falle einer epidemischen Krise zukünftig Notstandsrecht zubilligt. Dies Gesetz wurde von führenden Verfassungsrechtlern und auch dem Komitee für Grundrecht und Demokratie als verfassungswidrig eingestuft. Eine Gruppe von linken Bundestagsabgeordneten stellte fest: „Es gilt in dieser Situation das Notwendige zu tun und dabei die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren. Diese Situation darf nicht ausgenutzt werden um Eingriffe in die Grundrechte zu beschließen, die über die unmittelbare Bewältigung der Corona-Krisen hinausgehen.“

Mit dem neuen Gesetz wird der Bundesgesundheitsminister „ermächtigt, durch Anordnung oder Rechtsverordnung ohne Zustimmung des Bundesrates Maßnahmen zur Grundversorgung mit Arzneimitteln…. sowie zur Stärkung der personellen Ressourcen im Gesundheitswesen zu treffen.“ Der Minister kann so gegebenenfalls per Dekret regieren und zum Beispiel Ausnahmen festlegen bei den Zulassungsvoraussetzungen für Arzneimittel oder Impfstoffen.

Das Robert-Koch-Institut kann in Zukunft personenbezogene Daten verarbeiten, was auf eine künftige Handyortung hinauslaufen kann. Dies wird inzwischen als eine vorerst freiwillige Corona-App vom Institut vorgestellt, die eine angebliche Datenspende ermöglichen soll. Ohne Angabe der Postleitzahl ist die App nicht vorgesehen. Es soll eine Karte entstehen, quasi als „Fieberthermometer“ für das ganze Land. Datenschützer warnen bereits, die App sei schlecht gemacht und dem Schutz der Bevölkerung eher abträglich.

Als nächstes wurde durch Notverordnung eine weitreichende Aushöhlung des Arbeitszeitgesetzes in Kraft gesetzt. Die Bundesregierung erlaubt bis Ende Juni 2020 die Ausweitung der Arbeitszeit auf zwölf Stunden und die Verkürzung der Ruhezeiten auf neun Stunden für systemrelevante Tätigkeiten. Die »Abweichungen vom Arbeitszeitgesetz infolge der COVID-19-Epidemie« gelten unter anderem für Beschäftigte in der Lebensmittel-, Pflege-, Medizin- und Pharmabranche. Auch Sicherheits- sowie Rettungskräfte und Feuerwehrleute sollen in den nächsten drei Monate länger arbeiten. Mit der Unterschrift des Bundesarbeitsministers Hubertus Heil (SPD) tritt die in Kraft und tritt ausgerechnet die Beschäftigten, die in der letzten Zeit die Gesellschaft am Laufen gehalten haben und schon immer schlecht bezahlt waren. Da nützen die Danksagungen im Radio und sonst wo wenig.

Die NRW-Landesregierung will nun in Folge der Novellierung des Bundes-Infektionsschutzgesetztes auch in NRW gesetzliche Änderungen bis hin zu Einschränkungen des Grundgesetzes regeln. Warum reichen die bestehenden Gesetze angeblich nicht aus für die Bewältigung der Corona-Krise? Sollte in der derzeitigen Situation nicht zum einen abgewartet werden, wie die bisherigen drastischen Maßnahmen wie Kontakt- und Ausgehbeschränkungen, Schließung von Schulen, KiTas und Universitäten usw. wirken. Und zum zweiten ist es angesichts der sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen dringend an der Zeit, die Risikofaktoren beweisgestützt zu ermitteln, anstatt die Grundrechte weiter abzubauen. Wie die Evidenz bei der aktuellen Corona-Virusinfektion zeitnah zu ermitteln ist, macht Island gerade vor. Notwendig sind große Zufallsstichproben, um zuverlässige Daten über den natürlichen Verlauf der Krankheit mit unterschiedlichen Schweregraden, weiteren Risikofaktoren für schwere Verläufe und der Dynamik der Ausbreitung möglichst umfassend darstellen zu können.

File:Bundesarchiv Bild 102-14439, Rede Adolf Hitlers zum Ermächtigungsgesetz.jpg

Rede Adolf Hitlers zum Ermächtigungsgesetz Info non-talk.svg

Die Landesregierung behauptet, es gäbe keine Alternativen zu ihrem Gesetz. Warum dies so ist, wird nicht ausgeführt. Und zu den Kosten heißt es lapidar, diese würden sich derzeit nicht beziffern lassen und trotzdem hat das Gesetz angeblich keine finanziellen Auswirkungen auf Unternehmen und private Haushalte. Wie kommen die Kommunen mit Steuerausfällen und zusätzlichen Kosten nicht nur in den Gesundheitsämtern klar? Das erscheint alles wenig schlüssig.

Anstatt endlich Krankenhäuser zu vergesellschaften und sie der Kontrolle des Landes oder der Kommunen zu unterstellen, wie es Spanien gerade macht, sollen Eingriffe durch Anordnungen über die Schaffung zusätzlicher Behandlungskapazitäten und die Verschiebung von Behandlungen vorgenommen werden. Viele Krankenhäuser haben bereits in großem Umfang Kapazitäten zur Verfügung gestellt, dies stößt allerdings an die Grenzen der Fallpauschalen. Anstatt die Fallpauschalen abzuschaffen und die tatsächlichen Kosten der Krankenhäuser zu refinanzieren, soll nun das Gesundheitsministerium mit Zustimmung des Landtages anordnen. Dabei sollte das Land endlich seinen Verpflichtungen zur Finanzierung der Investitionskosten der Krankenhäuser nachkommen, dann muss nicht weiter am Personal gespart werden.

Die anfänglich geplante die Möglichkeit der Dienstverpflichtung von medizinischen und pflegerischen Personal wurde auf massiven Druck von Sachverständigen, Gewerkschaften und Beschäftigten im Gesundheitswesen fallengelassen. Nun soll ein Freiwilligenregister eingeführt werden. Seit Jahren besteht Personalmangel in der Pflege und bisher wurden keinerlei Maßnahmen z.B. bei der Bezahlung von Beschäftigten in Krankenhäusern vorgenommen, nach wie vor gibt es keine gesetzlichen Vorgaben für eine angemessene Personalausstattung. Wenn die Arbeitsbedingungen in der Pflege besser wären, wären nicht Hundertausende aus dem Beruf ausgestiegen. Die würden bei besseren Bedingungen sicher gerne zurückkommen, viele haben sich in der Krise auch schon gemeldet. Eine besondere Situation braucht freiwillige und solidarische Lösungen.

Massiver Protest von Beschäftigten im Gesundheitswesen, aus Gewerkschaften und von den Linken hat dem Gesetzentwurf einige Zähne gezogen. Nun sind alle Maßnahmen befristet und die Landesregierung muss vor Ablauf einen Bericht vorlegen. Trotzdem brauch kein Mensch dieses Gesetz

akl - Antikapitalistische Linke

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Oben       —             Auch 2012 nahmen wieder mehrere Abgeordnete der Linksfraktion im Bundestag an den bundesweiten Ostermärschen teil

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DIE * WOCHE

Erstellt von DL-Redaktion am 27. April 2020

Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1b/Die-Woche.png?uselang=de

Kolumne von Friedrich Küppersbusch.

Politik und Geschäft in Corona-Zeiten: Burkahass und Maskenpflicht. Fußballer sollen spielen, Rezo wird zum Populisten und die Kanzlerin entscheidet die K-Frage für sich. Maas und Merz sind vergessen.

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?

Friedrich Küppersbusch: Trumps Idee, sich Desinfektions­mittel zu spritzen, wurde zu schnell wegdiskutiert.

Und was wird besser in dieser?

Bild setzt Merkels fünfte Amtszeit durch.

Norbert Blüm ist tot. Was rufen Sie ihm nach?

Blüm erzählte, wie Linke 68er bei Opel in Rüsselsheim auf den Werkbänken revolutionäre parolae latrinae verteilten. Da sei er mit seinen christlichen Gewerkschaftskumpels noch früher aufgestanden und habe die Flugblätter vor der Schicht schnell wieder eingesammelt. Er war ein Entertainer, sein Sohn trommelt bei einer Kölsch-Rock-Band, und der Senior schwappte auch gern mal über vor folkloristischem Pathos. Permanenzkarnevalist, Hitsingle „Die Rente ist sischa“. Blüm hatte einen massiven Anker in der christlichen Soziallehre, konnte das populär übersetzen und war für den Chef Kohl so der Unabsetzbarste. Paranoid genug, schickte ihn Kohl trotzdem nach Politisch-Sibirien, um in Düsseldorf ein paar Wahlen an der Sprachbarriere zu verlieren. Die Pflegeversicherung und ihre absurde Finanzierung spielte Blüm allen Gegnern spitzbübisch durch die Hosenträger, mit der vierten Säule der Sozialversicherung steht er im Geschichtsbuch. Ironie, dass Merkel ihn und alle „Herz-Jesu-Marxisten“ anfangs abräumte, um am Ende selbst blümerant zu regieren. Wer sich mit Kondolenz schwertut: Norbert Blüm zu respektieren, heißt Friedrich Merz ärgern.

Tragen Sie eine Maske? Oder sind solche Fragen schon eine biopolitische Zumutung?

Bin gespannt, wie Sachsen Vermummungsverbot, Burkahass und Maskenpflicht langfristig vereinbart. Ich hab ein Halstuch, das ziehe ich bei Bedarf bis zur Nase hoch und lerne, die Augen der Mitbürger zu lesen. Mimik war ’ne schöne Sache.

Rezo beschäftigt sich in einem Video mit Schulöffnungen und Abitur während der Coronakrise. Ist das das Ende der deutschen Bildungspolitik?

Quelle       :         TAZ            >>>>>        weiterlesen

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Freunde, Feinde, Politiker

Erstellt von DL-Redaktion am 26. April 2020

Absichtsvoll handelt nur der Feind

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Von  Franz Schneider

„Es ist nun einmal so: Je enger Mensch und Natur zusammenrücken, desto wahrscheinlicher sind neue Pandemien.“ Diesen Satz kann man in der Ausgabe der Saarbrücker Zeitung vom 23. April lesen. Geschrieben hat ihn der Kommentator Werner Kohlhoff. Dieser Satz stellt einerseits einen Zusammenhang zwischen ökologischer Unordnung und Pandemie her. Der Zusammenhang dürfte schwer zu leugnen sein. Kohlhoff stellt aber keinen Zusammenhang zwischen VERURSACHERN und Pandemie her. Verursacher, Entscheider, werden nicht genannt. Mensch und Natur rücken ja nicht einfach so zusammen, „sie werden zusammengerückt“. Von Menschen, von Handelnden. Ein Handeln und Entscheiden ohne Absicht gibt es nicht. Das machte schon vor einigen Jahrzehnten der bekannte österreichisch-amerikanische Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick in der Feststellung deutlich „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Selbst mit dem wortlosen zum Boden blicken teilt der Patient im Wartezimmer den anderen Patienten um ihn herum mit, „ich möchte mich nicht unterhalten“.

Die Coronona-Pandemie macht wie in einem Brennglas deutlich, dass die Beziehung zum absichtsvollen Handeln weltweit gestört ist. Sowohl die „Verschwörungstheoretiker“ als auch diejenigen, die sofort mit dem „Vorwurf des Verschwörungstheoretikers“ zur Stelle sind, haben den vernünftigen, also reflektierten Bezug zu der wesentlichen Kategorie des Handels, der Intention oder Absicht, verloren. Beide nehmen extreme Positionen ein.

Die „Verschwörungstheoretiker“ übersehen in ihrem Drang, einen DIREKTEN BEZUG ZWISCHEN URSACHE UND WIRKUNG herzustellen, etwas ganz Entscheidendes. Die nachteiligen spürbaren Folgen von Handlungen können sich in vielen Fällen erst aus dem Zusammenwirken von vielen Einzelhandlungen innerhalb einer langen Handlungskette ergeben. Selbst wenn man den Verursachern der Handlungen in dieser Kette keine bösen Absichten unterstellt, ergeben diese Handlungen in ihrer Gesamtheit doch ein zerstörerisches Ergebnis.

Diejenigen, die schnell mit dem Vorwurf des Verschwörers aufwarten, stehen in der Gefahr, eigene ABSICHTEN im Handeln schlichtweg zu LEUGNEN.

Politiker wie Helmut Schmidt, der sich gerne auf Denkmeister wie Immanuel Kant und Karl Popper berief, oder auch Richard von Weizsäcker wiesen immer wieder auf die große Bedeutung verantwortungsvollen Handelns hin. Weil sie genau wussten, dass Handeln immer absichtsvoll geschieht, forderten sie, dass bei jeder Handlung die Folgen – ob kurz- oder langfristig – mitbedacht werden müssen.

Absichtsvolles Handeln wird dann ausradiert, wenn ich die wesentlichen Elemente, die es begründen, missachte. Das sind individuelle Entscheidungsfreiheit. Um absichtsvoll zu handeln, muss ich frei sein, um sich aus mehreren Sehweisen auf die Welt ergebenden Handlungsmöglichkeiten eine auswählen zu können. Ein zweites Element ist meine Geschichtlichkeit als Individuum. Ich muss mich als historisches Individuum betrachten dürfen. D.h. als ein Wesen, das aus Motiven heraus handelt. Diese sind immer nur aus seiner Vorgeschichte zu erklären. Ein drittes Element ist die ethische Dimension des Individuums. Ich muss mich als verantwortlich handelndes Individuum betrachten dürfen. Das ist nur möglich, wenn mir die Gemeinschaft, in der ich lebe, dieses Vertrauen gewährt.

Die große Gefahr, die ich weltweit sehe, ist die, dass der Begriff des absichtsvollen Handelns eine fürchterliche Reduktion oder Verfälschung erlebt. Wir können davon ausgehen, dass sich die zukünftige Welt immer mehr in zwei riesige Machtzentren aufteilt, das US-amerikanische und das chinesische. In beiden Machtuniversen werden die Feinde innerhalb und außerhalb verortet. Hier wie dort wird den Feinden unterstellt, dass sie „absichtsvoll“ die eigene Macht – die Macht der „Verursacher“? – zerstören wollen. Die „Verursacher“ selbst beanspruchen die Position des absichtslos „Handelnden“, was ein Widerspruch in sich selbst ist. Ihr Tun sehen sie als alternativlose Naturgegebenheit und so wird es auch der Öffentlichkeit vermittelt. Zum Beispiel durch das Verschweigen der „Verursacher“. Auf der letzten Stufe der Konfrontation müssen beide Systeme dafür sorgen, dass die Schwächung durch „innere“ Feinde beseitigt werden muss, um noch stärker für die Konfrontation mit dem „äußeren“ Feind gewappnet zu sein.

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf einen weiteren wichtigen Aspekt der gesamten Problematik eingehen, um den Text nicht inhaltlich zu überladen. Es geht um die Frage, wie sich das „absichtsvoll handelnde Individuum“ in den abendländisch-westlichen (Westeuropa, USA, Australien) Kulturkreis und in den chinesischen bzw. asiatischen Kulturkreis einordnen lässt. Ich habe selbst fünf Jahre meines Lebens in Japan gelebt und möchte so viel sagen. Die Vorstellung eines absichtslos handelnden Individuums ist um ein Vielfaches besser vereinbar mit dem asiatischen Konzept des „Individuums“. Die asiatische Vorstellung hat daher mit viel weniger Gegenwehr zu tun und zu rechnen als in unserem Kulturkreis. Subjektive Verantwortung wird eben grundsätzlich einer übergeordneten Einheit, einer größeren Gruppe, bis hin zur Staatspartei überantwortet.

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Battlefield Combat Identification System general idea

 

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Europa und die Coronakrise

Erstellt von DL-Redaktion am 26. April 2020

Moral? Nein danke

Marsch der Entschlossenen - Gräber vor dem Bundestag (19030505531).jpg

Von Ulrike Herrmann

Der EU-Gipfel ist gescheitert, weil die reichen Staaten Ökonomie und Moral verwechseln. Die Deutschen verpassen damit das beste Geschäft ihres Lebens.

Die Dänen, Schweden und Niederländer sind kompromisslos klar, wenn es um die Coronakrise geht: Sie haben selbst genug Probleme, da können sie nicht noch anderen EU-Ländern helfen. Solidarität? Nein danke.

Kanzlerin Merkel äußert sich zwar weniger klar und typisch verschwurbelt, aber auch sie will anderen Ländern nur sehr begrenzt und widerwillig Hilfe gewähren. Ihr Ansatz ist politisch: Deutschland soll nicht gänzlich herzlos wirken; also müssen ein paar Milliarden wohl fließen.

Der EU-Gipfel hat damit erneut gezeigt, woran die Coronadebatte krankt: Statt rein ökonomisch zu denken, wird moralisch argumentiert. Es geht um „Solidarität“, um „Hilfen“, um den Gegensatz von „Arm“ und „Reich“. Zudem werden Schulden schnell mit Schuld verwechselt: Wer Hilfskredite benötigt, muss als Staat irgendwie gesündigt haben. Sonst bräuchte er ja keine Hilfe. Die Gläubiger haben recht, weil sie den rechten Glauben verkörpern.

Doch Moral führt völlig in die Irre, wenn es um Wirtschaft geht – wie als Erster ausgerechnet der Moralphilosoph Adam Smith erkannte, der dann als einer der größten Ökonomen aller Zeiten in die Geschichte einging. Smith gilt heute als Urvater der Neoliberalen, aber das ist ein Missverständnis: Smith war viel zu intelligent, als dass er sich auf die platten Rezepte der Neoliberalen reduzieren ließe.

Falsch verstandener Wettbewerb

Der Schotte Smith lebte im 18. Jahrhundert, und schon damals hingen viele Briten der Idee an, dass die Nationen miteinander im „Wettbewerb“ stünden und dass es den starken Ländern egal sein könne, ob ihre Nachbarn arm sind. Smith hatte für diesen Unsinn nur beißenden Spott übrig: „Eine Nation, die durch den Außenhandel reich werden will, kann dies am ehesten erreichen, wenn auch ihre Nachbarn reiche und betriebsame Handelsnationen sind.“ Es sei völlig unmöglich. zu exportieren, wenn man „auf allen Seiten von wilden Nomaden und armen Barbaren umgeben“ sei.

Ulrike Herrmann Wirtschaftsmärchen 03.jpg

Wer seine Nachbarn darben lässt – der darbt auch selbst. Dies ist keine abstrakte Erkenntnis oder ein hübscher Spruch fürs Poesiealbum, sondern bittere Realität, wie die Bundesrepublik in der Eurokrise erfahren musste. 2012 und 2013 wuchs die deutsche Wirtschaft nur um jeweils magere 0,4 Prozent, weil der europäische Süden als Kunde ausfiel. Es rächte sich bitter, auch für die Deutschen, dass sie darauf bestanden hatten, große Wirtschaftsnationen wie Italien oder Spanien zu behandeln, als wären sie potenzielle Pleitekandidaten.

Fehler wie bei der Finanzkrise

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Oben       —     Spontaneously errected grave at the Marsch der Entschlossenen demonstration in Berlin, Germany

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Jetzt ja keine Panik

Erstellt von DL-Redaktion am 25. April 2020

Das Leben Vieler – Vor – Seit – Mit Corona

File:Anzeigetafel COVID-19-Pandemie Berlin, Kontaktbeschränkungen.jpg

Von Anna Fastabend und Elin Disse

lla Schneider leidet unter Panikattacken. Die hat sie seit einigen Monaten, zwei- bis dreimal die Woche, doch die Pandemie hat etwas verändert. „Seit Corona sind sie intensiver geworden“, sagt sie an diesem frühlingshaften Vormittag bei ihren Eltern auf dem Balkon. Es sieht nach Kurzurlaub aus: Fensterläden aus Holz, die Sonne strahlt ihr ins Gesicht. Auf dem Schoss hat sie den Laptop für das Skype-Gespräch.

Schneider, 29, arbeitet für eine Nichtregierungsorganisation. Weil sie Angst vor beruflichen Konsequenzen hat, steht in diesem Text nicht ihr richtiger Name. Normalerweise lebt sie in einer WG in Berlin. Vor fast fünf Wochen ist sie zu ihrer Familie ins Rhein-Main-Gebiet geflüchtet. Jetzt hat sie große Angst davor, wie es weitergeht.

Thomas Höft aus Köln wirkt da abgeklärter, obwohl auch er beunruhigt ist. Er ist 58, Künstler und bekennender Hypochonder. Vor ein paar Jahren machte er seine Angst vor Krankheiten in einer NDR-Fernsehdoku öffentlich. Seit dem „Shutdown“ lädt er Videos mit Hypochonder-Tipps bei Facebook hoch. Humorvolle Reflexionen darüber, wie man der Krise auch positiv begegnen kann, wenn man hinter jeden Ecke eine Krankheit lauern sieht.

Vielleicht kann er mit der Pandemie sogar besser umgehen als der Durchschnittsbürger. „Die Aidskrise war eine enorme Schule“, sagt Höft in einem Videotelefonat. Was vielen gewöhnungsbedürftig erscheint, ist für ihn schon lange alltäglich.

Jurand Daszkowski hat keine Angst sich anzustecken, aber sein Alltag verändert sich durch die Kontaktsperren deutlich. Seit seiner Kindheit leidet er an Depressionen und musste schon früh in Rente gehen, er ist jetzt 63. Sein Lebensinhalt ist seit fast 20 Jahren ehrenamtliches Engagement. Er ist Vorstandsmitglied beim Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener und viel unterwegs, Sitzungen, Workshops, Konferenzen.

„Das war mir in letzter Zeit beinahe zu viel“, sagt er am Telefon. Auch wegen seiner Gehbehinderung. Deshalb ist es ihm eigentlich recht, dass er nun direkt aus seiner Hamburger Wohnung an Konferenzen teilnehmen kann. Andererseits findet er es mühsam, den Tag zu strukturieren, trotz seiner Erfahrung mit der Depression und den richtigen Medikamenten.

Corona ist eine Belastung für alle. Aber was bedeutet die Krise für Menschen, die ohnehin an einer psychischen Erkrankung leiden?

Wir haben mit einer Mitarbeiterin der Telefonseelsorge, mit Therapeut:innen und Psychiater:innen gesprochen, die uns aus ihrem veränderten Alltag berichtet haben. Doch unser Hauptaugenmerk liegt auf den Betroffenen.

Auf Ella Schneider sind wir über einen Instagram-Aufruf gestoßen, Thomas Höfts Hypochonder-Videos sind uns in den Facebook-News-Feed gespült worden, und Jurand Daszkowski haben wir über die Deutsche Depressionsliga kennengelernt. Wir wollten wissen, wie es ihnen gerade geht.

Vor Corona

Jurand Daszkowski wird 1957 in Danzig geboren. Als Kind erlebt er die Mangelwirtschaft im sozialistischen Polen, Essen bekommt er nur auf Marken, auch Toilettenpapier gibt es kaum. „Man musste stundenlang Schlange stehen, viel schlimmer als jetzt“, sagt er. Man hört noch das harte R seiner Muttersprache.

Seine erste depressive Phase hat er mit 11 Jahren, trotzdem ist er weiter gut in der Schule und wird Arzt. 5 Jahre vor dem Mauerfall beantragt er Asyl in Westdeutschland und findet eine Stelle als Altenpfleger. Fast 12 Jahre bleibt er in dem Beruf, wechselt 20-mal seinen Arbeitsplatz. Er muss oft Nachtschichten machen, seine Gesundheit verschlechtert sich.

Schafherde mit Schäfer.jpg

1996 geht er mit Schwindelgefühlen zum Neurologen, der ihm sagt, dass er arbeitsunfähig ist. „Da hat es bei mir klick gemacht“, sagt Daszkowski. Wenig später wird bei ihm eine somatische Depression diagnostiziert, die sich vordergründig in Gleichgewichtsstörungen äußert.

Eine berufliche Umschulung gewährt man ihm nicht, stattdessen muss er mit 42 Jahren in Rente gehen. Die Umstellung fällt ihm schwer, es folgt der erste psychiatrische Aufenthalt, 14 Jahre später, nach dem Tod seiner Freundin, der zweite.

„Psychisch habe ich mich so weit stabilisiert“, sagt er. Er wird medikamentös therapiert, außerdem hilft ihm ein ambulanter Pflegedienst im Haushalt. Denn Daszkowski muss sich wegen seiner Gehbehinderung auf eine Krücke stützen.

„Meine Panikattacken sind intensiver geworden“  Ella Schneider

Ella Schneider liebt Konzerte und Kneipenabende, bevor sie im Herbst 2019 plötzlich regelmäßig das Gefühl bekommt, ohnmächtig zu werden. Meistens passiert es, wenn sie in einer Konferenz, der U-Bahn oder im Theater sitzt. „Mein Mund wird dann trocken, mein Herz pocht wie wild, und ich kann mich kaum noch konzentrieren“, sagt sie.

Schneider glaubt, dass mit ihrem Kreislauf etwas nicht stimmt. Sie sucht ihre Hausärztin auf, die zu ihrer Überraschung Panikattacken diagnostiziert. Da sei ihr einiges klar geworden, erzählt sie. Früher habe sie leichte Depressionen gehabt, und gerade ist sie von Hamburg nach Berlin gezogen. Sie vermutet, dass ihre Psyche darauf reagiert hat. Zwei Monate dauert es, bis sie ihre erste Therapiestunde hat. Dort wird klar: Die Panikattacken kommen, wenn sie sich überfordert oder ausgeliefert fühlt.

Das Gefühl von Überforderung kennt Thomas Höft von früher gut. Bei ihm fing das mit der Hypochondrie früh an. „Ich war ein besorgtes Kind“, sagt er. Auf seinem T-Shirt prangt ein Tyrannosaurus Rex, der gefräßig das Maul aufsperrt, als wollte Höft seine Sorgen damit in die Flucht schlagen.

Höft wächst im Wendland auf, seine Jugend wird durch die politische Auseinandersetzung um das Atommülllager in Gorleben bestimmt und durch Künst­le­r:in­nen, die sich in der dünn besiedelten Region niederlassen.

Das erste Mal gerät sein Leben aus den Fugen, als er 21 Jahre alt ist. Höft hat einen Tumor in der Schilddrüse, der zunächst unerkannt bleibt. Keiner ahnt, wie schlecht es ihm geht. Nicht mal er selbst. „Ich bin im Supermarkt kollabiert, und die Leute dachten, ich wäre auf Droge.“

Kurze Zeit später sterben in Los Angeles etliche Menschen an einer mysteriösen Lungen­erkrankung. Thomas Höft hat gerade sein Comingout gehabt und ist Teil der Hamburger Schwulenszene, als klar wird, dass die überwiegende Mehrheit der Infizierten homosexuell ist.

Es ist der Beginn der Aidskrise, Anfang der 1980er Jahre. Verschwörungstheorien entstehen: Aids sei die Strafe Gottes für einen unsittlichen Lebenswandel. Oder: Aids sei erfunden worden, um Homosexuelle zu diskriminieren.

„Ich war in totaler Panik. Niemand wusste, was das war und wie man es bekommt. Man wusste nur, es ist extrem bedrohlich.“ Höft bildet sich nicht ein, krank zu sein, sondern will um jeden Preis verhindern, krank zu werden. „Für mich geht es um Kontrolle“, sagt er. „Was fasse ich an? Wem begegne ich?“

Solche Ängste beschäftigen die Menschen in der aktuellen Krise stärker als sonst. Eine der Anlaufstellen für solche Pro­ble­me ist die Telefonseelsorge, die deutschlandweit gerade ungewöhnlich häufig kontaktiert wird. „Uns rufen aktuell 50 Prozent mehr Menschen an als vor einem Jahr“, sagt Bettina Schwab, Psychologin bei der Telefonseelsorge Berlin.

Dem gemeinsamen Dokumentationssystem von 74 Stellen bundesweit zufolge lassen sich ein Drittel der Anrufe direkt auf die Pandemie zurückführen. Die anderen vorherrschenden Themen sind Einsamkeit und Angst, beides steht wiederum in Verbindung mit dem Virus und den Ausgangsbeschränkungen.

Seit Corona

„Ich habe mir viel früher als andere ständig die Hände gewaschen“, sagt Ella Schneider über den Beginn der Pandemie. Sie erinnert auch ihre Freunde regelmäßig daran, die reagieren irritiert. Also behält sie ihre Virenpanik lieber für sich.

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Heute findet sie es selbst erstaunlich, wie früh sie alarmiert gewesen ist. Als viele Corona noch für eine harmlose Grippe halten, löst die Erkrankung bei ihr bereits Horrorszenarien aus. Was wäre, wenn ihre Eltern an Covid-19 erkranken und künstlich beatmet werden müssen? Was, wenn sie sie dann nicht besuchen kann? Und was, wenn sie selbst krank wird?

Trotz ihrer Panik fährt sie Anfang März noch nach Leipzig. Eine Freundin feiert Geburtstag und Schneider will sich ihre Angst nicht eingestehen. Aber schon im Zug verkrampft sie sich von Minute zu Minute mehr. „Fass bloß nichts an!“, „Fass dir bloß nicht ins Gesicht!“ sind das Einzige, woran sie denken kann. Bei der Party erfährt sie, dass eine der Mitfeiernden gerade aus Italien gekommen ist. Ihr Panikkarussell dreht sich schneller und schneller.

Nach zwei Tagen im Home­office muss sie am 13. März noch einmal ins Büro. Ihr VPN-Zugang, mit dem sie von Zuhause aus auf das Intranet zugreifen kann, funktioniert nicht richtig. Als sie im Büro steht, zählt sie die Sekunden, so wenig erträgt sie es, dort zu sein. Wenn jetzt eine Panikattacke kommt, kann sie sich nicht dagegen wehren, denkt sie noch, da zeigt ihr Handy eine neue Sprachnachricht an.

Eine Freundin berichtet ihr, dass es in ihrem Bekanntenkreis einen Corona-Verdachtsfall gibt. Sofort geht Schneider gedanklich alle Kontakte durch und kommt zu dem Ergebnis, dass auch sie indirekt mit ihm in Berührung gekommen ist. Ihre Stirn fängt an zu glühen, sie glaubt, Fieber zu haben.

Das ist der Punkt, an dem etwas in ihr kapituliert; sie will nur noch weg. Bisher hat sie die Großstadt geliebt, jetzt macht sie ihr eine Riesenangst. „Wenn ich vor die Tür gehe, treffe ich Hunderte Menschen, und nicht jeder nimmt Corona ernst.“

Als ihre Mitbewohnerin von einem geplanten Date erzählt, fragt sie suggestiv, ob sie glaube, dass Körperkontakt mit einem Fremden gerade eine gute Idee sei. Die Mitbewohnerin geht trotzdem hin. Am nächsten Morgen liegt sie mit Halsschmerzen im Bett, später steigt das Fieber. Schneider bekommt Panik. Nachher stellt sich heraus, dass es nur eine Mandelentzündung war.

Schon bevor es ein großes Medien­thema ist, liest Thomas Höft alles über Corona, was er finden kann. Er verschlingt die Informationen der WHO und durchforstet das Netz nach Fachpublikationen. Denn trotz oder gerade wegen seiner Hypochondrie faszinieren ihn Viren total. „Ein Virus kennt nur einen Inhalt, nämlich ,ich’. Das ist fantastisch, das ist Egozentrik in Reinform“, sagt er.

Je mehr er über das Virus erfährt, desto besorgter wird er. Und versucht, sich damit zu beruhigen, dass die Schweinegrippe, Sars und Mers auch glimpflicher ausgegangen sind, als zunächst befürchtet. Er redet sich zu: „Thomas, hab dich unter Kontrolle.“

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Oben      —         Deutsch: Anzeigetafel in Berlin über die COVID-19-Pandemie

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2.)  von Oben       —    Eingezäunte Schafherde mit Schäfer auf der Dreiborner Hochfläche im Nationalpark Eifel.

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KOLUMNE MACHT

Erstellt von DL-Redaktion am 25. April 2020

Und das Volk näht

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Von Bettina Gaus

Erst waren Masken sinnlos, nun sind sie Pflicht? Wenn sich Misstrauen gegen einzelne staatliche Maßnahmen erst einmal Bahn bricht, wird es schwieriger werden, auch sinnvolle Entscheidungen durchzusetzen.

Es hat sich als ungesund erwiesen, bei der Explosion einer Atombombe in der Nähe zu sein. Aber Schutz ist mit einfachen Mitteln möglich, zumindest glaubte das die US-Zivilverteidungsbehörde in den 1950er Jahren. „Duck and cover“, Deckung suchen und sich zudecken. Mit einem Tuch oder auch einer Zeitung: Das empfahl das Amt seinerzeit in einem Lehrfilm für Kinder.

Vergangene Zeiten. Auf so einen Quatsch fielen wir nicht mehr herein. Wir informieren uns gründlich, sofern uns das Basteln hübscher, handgefertigter Masken die Zeit dafür lässt. So stylisch sehen manche übrigens aus! Vielleicht landen einige Modelle einmal im Museum of Modern Art.

Vorläufig landen sie aber erst einmal auf Gesichtern von Leuten, die damit – so die derzeitige Lesart – ihre Mitmenschen vor Ansteckung schützen wollen. Es hat schon viele Positionen zum Thema gegeben. „Masken waren erst unnötig, dann waren sie Virenschleudern, dann waren sie eine Höflichkeitsgeste, dann waren sie ein dringendes Gebot, und heute gibt es eine Maskenpflicht“, fasste Christian Lindner im Bundestag die Entwicklung zusammen. Es passiert ihm nicht oft, aber damit traf der FDP-Vorsitzende ins Schwarze.

Nun ist nichts gegen lebenslanges Lernen zu sagen, und selbstverständlich ist es auch Wissenschaftlern erlaubt, ihre Meinung zu ändern. Aber es wäre erfreulich, wenn sie die Öffentlichkeit an ihrem Erkenntnisprozess teilnehmen ließen. Zumal für mich als Laiin nur schwer nachvollziehbar ist, welche bahnbrechend neuen Einsichten ausgerechnet im Zusammenhang mit ein wenig Stoff dazu geführt haben, dass fast die gesamte Zunft einen Kurswechsel um 180 Grad vollzogen hat.

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Fast. Unbeirrt hält Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery an seiner kritischen Haltung zur Maskenpflicht fest. Bei unsachgemäßem Gebrauch könnten Masken sogar gefährlich sein. Tatsächlich wirksame Schutzmasken müssten medizinischem Personal und Gefährdeten vorbehalten bleiben. Eine Pflicht, Tücher oder Schals zu tragen, sei „lächerlich“.

Quelle      :      TAZ        >>>>>        we4iterlesen

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Author Nickolay Romensky from London, UK
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Sorgen in Coruna Zeiten

Erstellt von DL-Redaktion am 24. April 2020

Die Angst und das Kind

File:Closed playground in Eilenriede (Hannover, Germany) during COVID-19 pandemic.jpg

Eine Kolumne von Thomas Fischer

Der treueste Freund des Menschen ist das Kind. Seit vielen Tausend Jahren lebt der Homo sapiens in enger Gemeinschaft mit dem kleinen Gefährten. Die Coronakrise offenbart ein ambivalentes Verhältnis.

Aufbruch ins Bekannte

Die Chefredaktion einer deutschen Wochenzeitung hat die Ausgabe nach der Corona-Pressekonferenz der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten vom 15. April mit dem Satz beworben: „Die schrittweise Lockerung der Verbote spaltet das Land.“ Das ist empathisch vielversprechend, klingt vertraut und zeigt uns, dass es gewiss ein Leben nach der Seuche geben wird. Es ist das Leben, in welchem sich die Einwohner der Post-Postmoderne angenehm gruseln und mehrheitlich auskennen: die Welt des Gespaltenseins.

Das „Gespaltenwerden der Gesellschaft“ oder besser noch gleich des ganzen „Landes“ ist ja einer der wichtigsten Gegenstände der Kommunikation über den Zustand der Welt und die Perspektiven des Lebens geworden, ganz unabhängig vom Sachgebiet und fachübergreifend: Zustände des Gespaltenseins treiben Theologen wie Kernphysiker, Krankenhausverwalter wie Gewerkschaftssekretäre, Ladeninhaber wie Steuerzahler gleichermaßen um. Nicht gänzlich klar wird oft, wo genau die jeweils beklagte Spaltung sich abspielt: Zwischen dem Sprechenden selbst und seiner Sehnsuchtsheimat oder im Draußen irgendwo, wo alles immer schlimmer wird? Ich will hier nicht (erneut) den Spuren und Implikationen des Begriffs nachforschen und mich daher auf den Hinweis beschränken, dass die assoziativen Sinnverbindungen zwischen Innerem (Psyche) und Äußerem (Gesellschaft) allerlei Risiken für Missverständnisse bergen.

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Von Spielern und Trickser

Erstellt von DL-Redaktion am 24. April 2020

Macht euch die Erde untertan?

Matthias Laurenz Gräff. Triptychon "Der griechische Altar. Merkel und Schäuble als falsche Caritas".jpg

Quelle       :        Scharf      —    Links

Ein Kommentar von Georg Korfmacher, München

„Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan“. So und nicht anders steht es in 1. Mose 1,28 und hat uns direkt in die Sackgasse geführt, in der wir heute feststecken.

Nur einige wenige Beispiele: Karl d.G. als Sachsenschlächter, die Ausrottung ganzer Völker und Ausbeutung Amerikas nach der Entdeckung durch Kolumbus, die Kolonialzeit mit ihren schamlosen Ausplünderungen, die Förderung von Kohle und Öl bis zum Exzess, die Rodung der Wälder für industriellen Lebensmittel/Futtermittel-Anbau mithilfe von verheerenden Pestiziden, die industrielle Tierhaltung mit Antibiotika für die Milch- und Schlachtwirtschaft, die Verpestung der Atmosphäre und Erwärmung der Erde durch einen unverantwortlichen Lebensstil und Umgang mit unseren Ressourcen, der Missbrauch armer Völker für die Produktion von Billigwaren und Luxusgütern für uns, Wettrüsten für den Weltuntergang etc. etc.

Wenn man sich all dessen bewusst ist, muss man eher in den Gefangenenchor in „Der Hauptmann von Köpenick“ einstimmen: Bis hierher hat uns Gott gebracht in seiner großen Gü-hü-te. Und da es den Menschen bei all ihrer behaupteten Intelligenz offenbar unmöglich ist, darüber einmal ernsthaft und ehrlich nachzudenken, kommt jetzt ein winziger Virus aus einer unvorstellbar großen Menge von Viren daher und lässt die ganze Welt vor die Wand fahren.

Und wieder trifft es die Armen härter als die Reichen. Und gerade diese protestieren lauthals gegen die Einschränkung ihrer Rechte, vergessen aber selbstgefällig, dass sie bisher ihre Pflichten sträflich versäumt haben. Jetzt werden alle zur Besinnung gerufen, die einen widerwillig, die anderen demütig. Jetzt geht es um fair-trade und nicht um untertan machen. Billig irgendwo produzieren, um nur den eigenen Profit zu maximieren, muss vorbei sein. In einem ehrlichen und nachhaltigen Geschäft müssen beide angemessen gewinnen.

Das Streben nach einem guten und erfüllten Leben ist menschlich. Dazu gehört aber auch eine gewisse Bescheidenheit. Bescheid weiß, wer bescheiden ist. Wer es nicht ist, weiß offenbar nicht Bescheid. Wir können als Menschen selbstbestimmt nur in Harmonie mit der Welt leben. Sich die Welt untertan machen endet stets in Ausbeutung und/oder Zerstörung. We-are-the-first-Gehabe sind Todesgesänge. Alle leben in unserer Welt mit Viren und Bakterien und Tieren und Pflanzen aller Art und nur in einer gesunde Umwelt.

Wir sind nicht berechtigt, uns an allem maßlos zu bedienen und uns die Erde untertan zu machen. Wir müssen vielmehr verantwortungsvoll mit ihr zum Wohle aller umgehen. Geldgetriebenes Wirtschaften ist sicher nicht die beste aller Welten. Denkanstöße für eine Neubesinnung findet man in der ENZYKLIKA ‚LAUDATO SI’ von Papst FRANZISKUS, der sich Sorge um das gemeinsame Haus macht, oder auch bei VOLTAIRE, der seine spitzen und satirischen Ausführungen über die Habgier und Bosheit als treibende Kräfte des menschlichen Handelns  im Candide mit der verblüffend einfachen Aufforderung enden lässt, dass man seinen Garten bestellen müsse. (Il faut cultiver notre jardin).

Urheberrecht
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Grafikquelle       :     Matthias Laurenz Gräff, Triptychon „Der griechische Altar. Merkel und Schäuble als falsche Caritas“, Öl auf Leinwand, 120×80 / 80×100 cm / 120×80 cm cm, Matthias Laurenz Gräff 2015 http://www.matthiaslaurenzgraeff.com/

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Berliner Stadtgespräch

Erstellt von DL-Redaktion am 24. April 2020

Wer die Künstler abkanzelt

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Von Uli Hannemann

Corona-Unterstützung für Kulturschaffende wäre durchaus möglich. Schlecht, wenn Kritik daran ausgerechnet von den eigenen Kollegen kommt.

Alle Feldmäuse sammeln für den Winter: Nüsse, Körner, Gras und Stroh, als Nahrung oder zum Warmhalten der Löcher. Nur die Maus Frederick hängt den ganzen Tag rum und sammelt „Sonnenstrahlen, Farben und Wörter“. Im Winter, als alle anderen zwar genug zu spachteln haben, aber furchtbar depri sind, hellt ihnen Frederick mit seinen Sonnenstrahlen und Geschichten die Stimmung auf und wärmt das Raumklima. Dafür teilen sie ihre Vorräte mit ihm.

Frederick aus dem gleichnamigen Kinderbuch von Leo ­Lionni ist der Prototyp eines Künstlers. Ein brauchbarer Hofnarr in guten, ein abkömmlicher Mitesser in schlechten Zeiten. So scheint es zumindest Angela Merkel zu sehen, die einem FAZ-Bericht zufolge die Ablehnung der vor allem von Italien geforderten Eurobonds argumentativ mit der Verweigerung von Soforthilfen für Künstler verknüpft: Sähen die Spanier und Italiener, so ihre von der „Zeitung für Deutschland“ zitierten Worte vor dem CDU-Präsidium, dass Deutschland Steuergelder sinngemäß sogar für Farben sammelnde Feldmäuse in Not übrig hätte, würden sie das genau „vermerken“.

Das lässt sich allerdings auch so verstehen, dass das Geld durchaus vorhanden wäre; man möchte – bringt Onkel Dagobert den Träneneimer! – es halt nur verstecken. Und das geht eben schlecht, wenn die anderen mitbekommen, dass hierzulande Tagediebe und Traumtänzer mit durchgefüttert werden, als gehörten sie in irgendeiner Form dazu. Dabei säen sie nicht, sie ernten nicht, sie bauen keine Autos oder Waffen. Sie sind die Letzten, die in dieser schwierigen Zeit etwas zu fordern haben.

Da hat Frau Merkel völlig recht. So sehen das in Artikeln oder Netzwerken auch Künstlerkollegen. Nun trenne sich die Spreu vom Weizen, scheint in ihren Kommentaren durch. Hier werden nicht Künstler von „Produktiven“ oder gar „Systemrelevanten“ geschieden, sondern schlechte Künstler von guten.

Kein Durchfüttern von Traumtänzern

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Ein Künstler kommt selten alleine, es laufen meistens viele Beine !

Die kritischen Töne kommen gern von denen, die unter Corona noch zurechtkommen. Indem sie diejenigen, die sie für untalentierter halten, weil sie „eh nicht von ihrer Kunst leben können“, auf ihre Plätze verweisen, erhöhen sie ihren eigenen Stellenwert. Die nunmehr als solche entlarvten Möchtegernkünstler möchten doch bitte nicht so laut jammern, das störe die wenigen fähigen Kollegen in ihrem göttlichen Erguss. Für die Jammerlappen habe man doch schließlich eigens das gute Hartz IV eingerichtet, das sei ja quasi auf sie zugeschnitten wie ein praktisches graues Sackkleid. Des Weiteren täten sich im Verlauf der Maßnahmen gegen Covid-19 jede Menge neuer Jobs im Bereich großflächiger Datenerhebungen auf, nicht zu vergessen die Erdbeer- und Spargelfelder: Arbeit schändet nicht, Kamerad Kasper!

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Oben         —       Demonstration für die Stärkung der Bürgerrechte und gegen den Ausbau der Überwachung

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Die ansteckende Freiheit

Erstellt von DL-Redaktion am 23. April 2020

Grundrechte in Corona-Krise

Kaiserkeller, Grosse Freiheit 36.jpg

Hierin hat der alte Kaiser noch geträllert –
und Merkel entweicht  nicht mal ein Seufzer ?

Von Arnd Pollmann

Nein, die Grundrechte sind nicht abgeschafft. Aber die Pauschalität der Seuchenbekämpfung lässt an ihrer Rechtfertigung zweifeln.

Es war abzusehen: Je länger die coronabedingten Notverordnungen wirken, umso stärker wächst nicht nur unter FDP-Wählerinnen der Unmut über massive Grundrechtseingriffe. Auch das Bundesverfassungsgericht hat am letzten Mittwoch in einem Urteil zur Versammlungsfreiheit ein warnendes Zeichen gesetzt.

Zwar gelten die Grundrechte keineswegs „absolut“, die Verfassung selbst sieht die Möglichkeit von Eingriffen vor. Doch unterliegen diese Einschränkungen ihrerseits Schranken – im juristischen Jargon „Schranken-Schranken“ genannt. Pauschale Eingriffe sind unzulässig, jeder Einzelfall muss geprüft werden und sich mit Blick auf Härte und Dauer des Eingriffs als „verhältnismäßig“ erweisen.

Es wird Zeit für eine kritische Bilanz : Treffen all die Zwangsmaßnahmen auch manchmal die Falschen ?

Auch wenn derzeit keine Rede davon sein kann, dass wir uns im „Krieg“ befinden, dass eine politische „Ermächtigung“ stattgefunden hat und die Grundrechte „abgeschafft“ sind: Die panische Pauschalität, mit der die Seuchenbekämpfung auch völlig gesunde Menschen antastet, lässt an ihrer Rechtfertigung zweifeln. Selbst wenn der Vergleich ein wenig hinkt: Es ist, als wolle man die Kriminalität bekämpfen, indem man auch alle Unschuldigen als Gefährder einstuft und präventiv einsperrt. Im viralen Schockzustand mögen politische Vorstöße dieser Art verständlich anmuten. Aber nun wird es Zeit, Bilanz zu ziehen: Treffen diese Zwangsmaßnahmen stets die „Richtigen“ oder manchmal eben auch die Falschen? Und selbst wenn sie die Richtigen treffen: Sind all diese mit der epidemiologischen Gießkanne gestreuten Verordnungen gleichermaßen verhältnismäßig?

Nehmen wir an, wir wüssten in jedem einzelnen Fall sehr genau, was wir faktisch natürlich nicht wissen, wer alles infiziert ist und wer nicht. Nehmen wir zudem an, es sei gerechtfertigt, infizierte Menschen bedingt abzuschotten. Wäre dies auch dann gerechtfertigt, wenn es um nachweislich gesunde Menschen ginge? Das sind allein hierzulande rund 83 Millionen Menschen. Muss man diese allesamt davon abhalten, infiziert zu werden? In einem liberalen Rechtsstaat muss die Antwort lauten: nein!

Der Staat hat nicht paternalistisch dafür Sorge zu tragen, dass es uns allen gut geht. Er sagt uns ja auch nicht jeden Morgen: „Zieh dich warm an, wenn du das Haus verlasst!“ Der liberale Rechtsstaat mag die Aufgabe haben, Kranke in Quarantäne zu schicken, aber die Freiheit, die im Wörtchen „liberal“ steckt, ist immer auch die Freiheit gesunder Menschen, persönliche Gefahren bis hin zur eigenen Ansteckung eingehen zu dürfen – solange man eben nicht selbst ansteckend ist.

Deshalb ist die Aussicht darauf, massenhaft testen zu können, auch grundrechtlich essenziell. Um im Gedankenexperiment zu bleiben: Wären tatsächlich alle getestet und blieben alle Infizierten daheim, so wäre es in einem Rechtsstaat nicht länger auch nur denkbar, weiterhin auch diejenigen ans Haus zu fesseln, deren Test negativ ausgefallen ist. Man wird hier einwenden: Gerade weil wir faktisch eben doch nicht wissen, wer ansteckend ist, weil Menschen oft unvernünftig sind und eine gefährliche Knappheit an Intensivbetten herrscht, ist die Pauschalität der Maßnahmen eben doch gerechtfertigt. Aber das ist ein Irrtum. Für den unverantwortlichen Mangel an medizinisch technischer Versorgung sind Politik und Wirtschaft, nicht aber die einzelnen Grundrechtssubjekte verantwortlich. Zahllose gesunde Menschen müssen so ein eklatantes Systemversagen mit unverhältnismäßigen Eingriffen in ihre Grundrechte bezahlen.

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Unten      —      Bereitschaftspolizei officers during a demonstration

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