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RENTENANGST

Die Cäsium-Zäsur

Erstellt von DL-Redaktion am 23. April 2016

Generation Tschernobyl

File:Chernobyl Exclusion Zone (2015) 04.JPG

von Klaus Theweleit

 Vom Sit-in in die Machtzentren. Früher Protest sann auf Revolution – heute sinnt er oft auf die Erhaltung der Welt. Tschernobyl hat alles geändert.

Also, nicht etwa, dass ich ein Spezialist in „heutige Protestkulturen“ wäre. Ich kann z.B. die heutige Antifa, die ja sicher dazu gehört, nicht aus wirklicher Kenntnis beurteilen; kenne aber zumindest die „alte“ Protestkultur, die vortschernobylsche, ganz gut; war lange ein Teil von ihr; gehörte etwa zu den Leuten, die Ende der 60er Jahre dabei halfen, den ins deutsche Exil überwechselnden französischen Genossen Daniel Cohn-Bendit über eine Straßburger Rheinbrücke in die BRD zu importieren; hörte aber, anders als DCB, im Lauf der 70er auf, aktiv in organisierten Gruppen der „alten Protestkultur“ tätig zu sein; an der Verhinderung des Kernkraftwerks Wyhl war ich noch beteiligt, aber nicht an „vorderster Front“ wie zwischen den Jahren 1968 und 1971 im Freiburger SDS an der Uni.

Von 1972-77 schrieb ich an der Dissertation, aus der das Buch „Männerphantasien“ wurde (eine psychoanalytische Faschismusanalyse); verheiratet, Hausmann und Vater; 1972 hat meine Frau unser erstes Kind geboren.

Es sind hier zwei grundsätzliche Wahrnehmungen, denen ich nachgehen will. Die erste: Die heutige Protestkultur – soweit man sie unter ein solches generalisierendes Label bringen will – geht im Kern von Erhalt aus. Regenwald erhalten, Luftqualität erhalten, Lebensräume erhalten, Wasserreservoirs; Schadstoffe begrenzen, CO2-Ausstoß begrenzen; schädliche Energien begrenzen, erneuerbare fördern. Das Zentralvorhaben lässt sich gut unter dem Etikett „Schadensbegrenzung“ und „Einleitung von Heilungsprozessen“ fassen; alle Ziele sind positiv formulierbar.

Im Hintergrund dabei – denn anders wird man die wahrgenommenen Bedrohlichkeiten nicht in den Griff kriegen – die Vorstellung von einer (endlich!) vernünftig agierenden Weltregierung; einem Konsortium herausragender Wissenschafts-Politiker, das auf der Grundlage aller verfügbaren Daten, Statistiken, Hochrechnungen, Materialanalysen der Atmosphäre und der Weltmeere, vom Erhalt des Grünbestands zu schweigen, die notwendigen Maßnahmen einleiten und durchsetzen wird – unterm Beifall der sich so vor der Globalkatastrophe zu rettenden Weltbevölkerung. Der „Protestanteil“ daran ist dabei von den Peripherien in die Machtzentren gewandert. Vom Widerstand in die Gesetzgebung.

Glaube an die Revolution

Die zweite: Die alte Protestkultur lebte primär von „Widerstand“ und von Umsturzforderungen. „Die Revolution“– selbst wenn man an ihre Möglichkeit für Deutschland nicht glaubte – war kein Hirngespinst; andere (andere Länder, andere Leute) würden sie hinbekommen; hatten sie hinbekommen. Cuba libre war ein Versprechen aus der realen Welt; politisch für hier abgerundet mit der Formel „Sex and Drugs and Rock’n’Roll“.

Die eigene Lebensweise hatte dabei nicht „Erhalt“ zur Grundlage. Vielmehr drehte sich das Lebensgefühl um Entgrenzung, Verausgabung, Verschwendung und Übertretung. Wenn 1967 Velvet Underground die Nachdenklichkeit des Sunday Morning besingen konnten mit der Zeile: With all the wasted years so close behind (All die lässig verschwendeten Jahre im Genick oder im Gepäck) war das kein Vers des Bedauerns, im Gegenteil: eher ein Selbstlob. „Trau keinem über 30“ war keine Spaßparole.

Viel älter selber zu werden, nahm man ohnehin nicht unbedingt an. Der fortdauernde Moloch Kapitalismus/Faschismus und seine wütenden Kolonialkriege würden einen vorher verschlingen. Aber: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“. Wir „wehrten uns“, weitgehend ohne Rücksicht auf irgendwen oder irgendwas; auf uns selbst nicht, auch auf die nicht, mit denen wir zusammenlebten. Ob man diese Haltung ins tatsächlich Selbstmörderische durchziehen wollte – wie die RAF-Leute es dann taten – war die Frage, die sich im Lauf der 70er stellte. Von vielen (u.a. von mir/uns) wurde sie verneint.

Was tat Tschernobyl 1986 für den Wechsel von der „alten“ zu einer „neuen“ Protestkultur. Ich würde sagen: Alles.

Tschernobyl sprengte die Grenzen in mehrfacher Hinsicht. Die Auseinandersetzungen um die Stationierung der Pershing-Raketen in der BRD waren eine Art Vorläufer. Die Drohung des Pershing-Einsatzes (mit nuklearen Sprengköpfen) tangierte viele Menschen über die üblichen Protestkreise hinaus. 300.000 Menschen machten sich 1981 auf nach Bonn zum bis dahin größten Protestauflauf. Es ging um reale Kriegsgefahr; selbst prominente SPDler marschierten mit gegen das Spiel ihres Chefs mit dem radioaktiven Feuer. Der Chef setzte sich durch, die Pershings wurden stationiert; die stationierten Raketen – da sie nicht flogen – verschwanden aus dem Alltagsbewusstsein. Wo der Alltag „sonst“ einigermaßen zufriedenstellend läuft, verfallen drohende Negativa der psychischen Abspaltung.

Hyperobjekt Tschernobyl

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle – Wikipedia: Namensnennung: Alexander Blecher, blecher.info

Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“.
Beschreibung
Deutsch: Tschernobyl-Sperrzone.
English: Chernobyl Exclusion Zone.

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Vor und vergessen

Erstellt von DL-Redaktion am 13. Mai 2011

Vorwärts und stets vergessen

File:2013-05-24 - Tschernobyl - Kernkraftwerk Tschernobyl - 5781.jpg

Wie schwer es den Herrschenden fällt nach Katastrophen einmal Geschaffenes zu überprüfen und aufgrund neuer Einsichten wieder abzuschaffen beschreibt Ulf Kadritzke in seinen Bericht. Durch eine Flucht in Statistiken werden finanzielle Interessen immer wieder in den Vordergrund geschoben.

Die unbelehrbare Wissensgesellschaft nach Fukushima und Finanzkrise

Wie sich die Bilder gleichen. Nach Tschernobyl (1986) trat der diensthabende Berliner Wissenschaftssenator auf die Treppe des Rathauses Schöneberg und verzehrte öffentlich grinsend ein paar strahlenbelastete Salatblätter. Ausgerechnet der Minister des Wissens gab es der Bevölkerung mit Brief und Siegel: Fürchtet euch nicht.

Nach Fukushima (2011) ist es ein türkischer Minister, der die Gefährlichkeit von Atomkraftwerken und Propangasflaschen in der heimischen Küche auf eine Stufe stellt, um das politische Investitionsklima für den Bau eines Reaktors des Typs Fukushima zu pflegen.

In letzter Klarheit treten die Widersprüche der modernen „Wissensgesellschaft“ erst im öffentlichen Umgang mit Katastrophen zutage. Vor deren Eintreten kalkulieren die wirtschaftlichen unTschnobyld politischen Eliten die Risiken ihrer „Innovationen“ vorzugsweise in Geld. Ihre Experten entwerfen Szenarien, die angeblich nichts mit den Interessen der Auftraggeber zu tun haben, sondern nur „der unsichtbaren Hand“ des Markts und der Logik der technischen Systeme folgen. Nach der Katastrophe ist allerdings ein höfliches Innehalten vor öffentlicher Kritik angeraten. So auch jetzt wieder. Denn Fukushima verweist auf eine „unsichtbare Hand“ ganz anderer Art: auf das Risiko, das immer wieder zu einem anderen Zeitpunkt zuschlägt, als die Wahrscheinlichkeitsstatistiker es gerne hätten.

Quelle: Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

IE

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Grafikquelle  :  Kernkraftwerk Tschernobyl in der UkraineNuklearkatastrophe von Tschernobyl

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Fünf vor zwölf war…

Erstellt von Gast-Autor am 16. März 2011

…1986 Tschernobyl…….

File:2013-05-24 - Tschernobyl - Kernkraftwerk Tschernobyl - 5781.jpg

25 Jahre später ist es „5 nach 12“ und Kanzlerin Merkel pokert mit dem Leben aller.

Die Naturkatastrophe am 11. März 2011 mit dem verheerenden Erbeben der Stärke 9,0 und dem anschließenden Tsunami haben Japan schwer getroffen. Die Menschen in Japan stehen vor einen Scherbenhaufen, Familien haben ihre liebsten verloren, Kinder ihre Eltern und Eltern ihre Kinder. Alles ist ihnen genommen durch diese Katastrophe. Städte in denen nicht ein einziges Haus stehen geblieben ist und die Menschen ohne Obdach in eine ungewisse Zukunft blicken. Durch Weltweite Hilfe hätte man Japan stützen und Unterstützen können, doch die eigentliche Katastrophe ist eine menschliche.

Seit 25 Jahren hat man aus Tschernobyl nichts gelernt. Es wurde sträflich unterlassen den Ausstieg aus der Atomenergie zu wagen. Halbherzig wird das Projekt „Sichere und saubere Energie“ angegangen. In Japan wie in der restlichen Welt. Den Interessen der Energiekonzerne wird von Politischer Seite nachgegeben und gefördert. Begründet und mit Angst schüren durch ein Mangel an Energie. Im Vordergrund stehen satte Gewinne und Abschreibungen.

Müssen wir den Norden von Japan abschreiben? Müssen wir Japan ganz abschreiben? Ein Supergau der das vorangegangene Erbeben mit anschließenden Tsunami weit in den Schatten stellt und mit noch nicht absehbaren Schäden für das Leben der Menschen und folgender Generationen einzuschätzen ist. Es ist nicht einzuschätzen wieviel Tote durch die radioaktive Verseuchung auf uns zu kommen werden. Auch die Folgeerkrankungen der Menschen sind nicht zum jetzigen Zeitpunkt in Zahlen zu messen.

Es macht mich traurig aber zugleich auch wütend das durch diese Uneinsichtigkeit und Skrupellosigkeit einiger Menschen, Tausenden von Menschen das Leben, die Gesundheit und die Heimat genommen werden. Die Welt hält den Atem an und von Menschlichkeit keine Spur. Gemessen wird die Katastrophe in Verluste bei den Geldwerten, der Mensch als Randerscheinung diente nur zum Mittel des Zweckes. Es ist beschämend für eine Gesellschaft die weiterhin eine Atompolitik betreibt und die Sicherheit der Menschen in dieser Welt weiter aufs Spiel setzt.

Heute hat Kanzlerin Merkel mal wieder gezeigt, das Menschenleben weniger Wert ist als die Interessen der Energiekonzerne. Der sofortige Ausstieg aus der Atomenergie ist und wäre der einzige Weg gewesen, doch Politik verkommt zum Wahlkampf-Poker, während am anderen Ende der Welt vom unsichtbaren Tod der radioaktiven Verseuchung bedroht sind. 7 AKW´s, die vor 1980 in Betrieb genommen worden sind, für die Zeit von 3 Monaten vom Netz zu nehmen ist keine ernsthafte Entscheidung, sie ist eine Vertagung um sich alle Türen offen zu halten.

Radioaktive Verseuchung kennt keine Grenzen und somit muss ein Weltweiter Ausstieg aus der Atomenergie sofort begonnen werden.

Tschernobyl war 1986, Fukushima heute! In 25 Jahren eine verseuchte Welt, die jedem Leben auf unserer Erde die Grundlage zum leben und Fortpflanzung genommen hat.

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Grafikquelle  :  Kernkraftwerk Tschernobyl in der UkraineNuklearkatastrophe von Tschernobyl

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Author Sven Teschke
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