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RENTENANGST

Das Ministerium der Angst

Erstellt von Gast-Autor am 11. Oktober 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

„WIR HABEN nichts zu fürchten, außer der Furcht,“ sagte Präsident Franklin Delano Roosevelt. Er hatte unrecht.

Angst ist eine notwendige Vorbedingung für menschliches Überleben. Die meisten Tiere  in der Natur haben sie. Sie hilft ihnen, auf Gefahren zu reagieren, ihnen aus dem Weg zu gehen oder sie zu bekämpfen. Die Menschen überleben, weil sie  furchtsam sind.

Die Furcht ist beides: individuell und kollektiv. Seit ihren frühesten Tagen hat die menschliche Rasse in Kollektiven gelebt. Beides ist notwendig und eine erwünschte Bedingung. Die frühe Menschheit lebte in Stämmen. Der Stamm verteidigte sein Gebiet gegen alle „Fremden“ – die benachbarten Stämme – , um seine Nahrungsquelle und seine Sicherheit zu wahren. Die Angst war eines der sie einenden Faktoren.

Zu einem Stamm zu gehören (Der nach vielen Entwicklungen  zu einer modernen Nation wurde) ist auch eine tiefe psychologische Notwendigkeit.  Auch dies ist mit Angst verknüpft –  Angst vor andern Stämmen, Angst vor andern Nationen.

Aber Angst kann wachsen und zu einem Monster werden.

VOR KURZEM  erhielt ich von einem jungen Naturwissenschaftler, Youv  Litvin,  einen sehr interessanten wissenschaftlichen Artikel, der sich genau mit diesem Phänomen aus einander setzt. Er beschrieb mit wissenschaftlichen Ausdrücken, wie leicht Angst manipuliert werden kann. Die damit befasste Wissenschaft war die Erforschung des menschlichen Gehirns, die sich auf Experimente mit Tieren  im Labor z.B. mit Mäusen und Ratten, auseinandersetzt.

Nichts ist leichter, als Ängste zu schüren. Zum Beispiel werden Mäuse, während Rockmusik spielt, einem elektrischer Schock ausgesetzt. Nach einiger Zeit  zeigten die Mäuse auch dann Reaktionen äußerster Angst, wenn Rockmusik gespielt wurde, ohne dass ihnen ein Schock gegeben wurde. Allein die Musik verursachte die Angst.

Dies kann auch umgekehrt sein. Lange Zeit wurde ihnen die Musik gespielt, ohne einen Schmerz zu verursachen. Langsam, sehr langsam verringerte sich die Angst. Aber nicht vollkommen: als nach langer Zeit mit der Musik wieder ein Schock verpasst wurde, erschienen sofort die vollen Symptome. Einmal war genug.

WENDET MAN dies gegenüber menschlichen Nationen an, sind die Ergebnisse dieselben.

Die Juden sind ein perfektes Labor – ein Experimentierstück.  Jahrhunderte der Verfolgung in Europa lehrte sie den Wert der Angst. Wenn sie von weitem Gefahr witterten, lernten sie, sich bei Zeiten zu retten  – gewöhnlich durch Flucht.

In Europa waren die Juden eine Ausnahme, die luden zu Opfern einluden. Im Byzantinischen  (Ost-römischen) Reich waren Juden normale Menschen. Im ganzen Reich wurden regionale  Völker zu ethnisch-religiösen Gemeinschaften. Ein Jude in Alexandria konnte eine Jüdin in Antiochien heiraten, aber nicht die junge Frau von neben an, falls sie zufällig eine orthodoxe Christin  war.

Dieses „Millet“-System währte während des islamisch Ottomanischen Reiches; während des britischen Mandats und lebt im heutigen Staat Israel noch weiter. Ein israelischer Jude kann eine israelische Christin oder einen Muslim nicht legal heiraten.

Dies war der Grund, dass es in der arabischen Welt keinen Antisemitismus gab, abgesehen vom Detail, dass Araber selbst Semiten sind. Juden und Christen, die „Völker des Buches“ haben einen Sonderstatus im islamischen Staat (wie heute im Iran,  eine Art „zweiklassig“, in anderer Weise privilegiert (Sie müssen nicht in der Armee dienen).  Bis zur Ankunft des Zionismus waren arabische Juden hier nicht ängstlicher als andere Menschen.

Die Situation in Europa war ganz anders. Das Christentum, das sich vom Judentum abspaltete, hegte von Anfang an gegenüber Juden eine tiefe Abneigung. Das Neue Testament enthielt herbe anti-jüdische Beschreibungen von Jesu Tod, die jedes christliche Kind in einem beeindruckenden Alter lernte. Und die Tatsache, dass die Juden in Europa  (abgesehen von Roma und Sinti) das einzige Volk waren, das keine Heimat hatte, machte es um so verdächtiger und furchterregender.

Das fortgesetzte Leiden der Juden in Europa setzte jeden europäischen Juden in eine ständige und tiefsitzende Angst. Jeder Jude war ständig in Alarmbereitschaft  – bewusst oder unbewusst oder im Unterbewusstsein, sogar in Zeiten und Ländern, die von jeder Gefahr weit entfernt schienen  wie im Deutschland zur der Zeit, als meine Eltern noch jung waren.

Mein Vater war ein vorzügliches Beispiel für dieses Syndrom. Er wuchs in einer Familie auf, die seit Generationen in Deutschland lebte. (Mein Vater, der Latein studiert hatte, bestand darauf, dass  unsere Familie mit Julius Caesar nach Deutschland gekommen war.) Aber als die Nazis an die Macht kamen, brauchte mein Vater für die Entscheidung zu fliehen nur wenige Tage, und  ein paar Monate später kam meine Familie glücklich in Palästina an,

EINE PERSÖNLICHE Bemerkung: Meine eigene Erfahrung mit der Angst war auch interessant – für mich wenigstens.

Als 1948 der hebräisch-arabische  Krieg ausbrach, meldete ich mich natürlich  freiwillig zum Kampf. Vor meiner ersten Schlacht, krümmte ich mich  – buchstäblich  vor Angst. Während des Kampfes, der glücklicherweise leicht war, verließ mich die Angst und kehrte nie wieder zurück.

Bei den folgenden etwa 50 Kämpfen, einschließlich einem halben Dutzend größerer Schlachten fühlte ich keine Angst.

Ich war sehr stolz darauf, doch war es eine dumme Sache. Zum Ende des Krieges hin, als ich schon Truppenführer war, gab man mir den Befehl, eine Position zu übernehmen, die dem feindlichen Feuer ausgesetzt war. Ich ging, um die Position auszukundschaften,  fast aufrecht  bei hellem Tageslicht und wurde  sofort von einer ägyptischen Gewehrkugel durchdrungen. Vier meiner Soldaten, Freiwillige aus Marokko  holten mich tapfer aus der Schusslinie. Ich kam gerade noch rechtzeitig  zum nächsten Militärhospital, so wurde  mein Leben gerettet.

Selbst dies hat meine verlorene Angst nicht wieder hervorgerufen. Ich fühle sie noch immer nicht, obwohl mir bewusst ist, dass dies  äußerst dumm ist.

ZURÜCK ZU meinem Volk.

Die neue hebräische Gemeinschaft in Palästina , gegründet von Flüchtlingen der Pogrome in Moldavia, Polen, Ukraine und Russland  und später verstärkt von den  vom Holocaust übriggebliebenen, lebten in Angst vor ihren arabischen Nachbarn, die von Zeit zu Zeit gegen die Einwanderung revoltierten.

Die neue Gemeinschaft, Yishuv genannt, machte ihre Jugend stolz auf  ihr Heldentum, die so fähig war, sich selbst, ihre Städte und ihre Dörfer zu verteidigen. Ein ganzer Kult wuchs um die neue „Sabras“ (Kaktuspflanze), die furchtlosen, heroischen, jungen Hebräer, die im Lande geboren waren. Als wir in dem  Krieg von 1948  nach  langem und bitterem Kampf (Wir verloren 6500 junge Männer aus einer Gemeinschaft von 650 000 Menschen)  schließlich gewannen, wurde die kollektive rationale Angst durch einen irrationalen Stolz ersetzt.

Hier waren wir nun, eine neue Nation auf neuem Boden, stark und selbstbewusst; wir konnten es uns leisten, furchtlos zu sein. Aber wir waren es nicht.

Furchtlose Leute können Frieden und mit den Feinden von gestern  einen Kompromiss machen, Koexistenz versuchen und sogar Freundschaft schließen. Dies geschah – mehr oder weniger – in Europa  nach vielen hunderten von Jahren ständiger Kriege.

Nicht hier. Die Furcht vor der „arabischen Welt“ erzeugte  eine dauernde Spannung  in unserm nationalen Leben: das Bild des „kleinen von Feinden umgebenen Israel“  war eine innere Überzeugung und ein Propagandatrick. Ein Krieg folgte dem anderen, und jeder produzierte neue Wellen von Ängstlichkeit.

Diese Mischung von anmaßendem Stolz und tiefsitzender Angst, eine Mentalität des Eroberers, und permanente Furcht, ist ein Kennzeichen des heutigen Israel. Ausländer haben oft den Verdacht, dass dies  eine Täuschung sei, aber es ist ganz real

ANGST IST auch das Instrument von Herrschern. Schaffe Angst und herrsche. Dies ist eine Maxime der Könige und Diktatoren  Jahrhunderte lang gewesen.

In Israel ist es das leichteste Ding der Welt. Man muss nur den Holocaust erwähnen (Shoah auf Hebräisch) und die Angst sickert aus allen Poren des nationalen Körpers.

Holocaust-Erinnerungen schüren, sind wie eine nationale Industrie. Kinder werden zu ihrem ersten Auslandtrip nach Auschwitz gesandt, um dieses zu besuchen. Der letzte Erziehungsminister verordnete (Im Ernst) die Einführung der Holocaustlehre im Kindergarten. So gibt es einen Holocausttag  – zusätzlich zu vielen andern  jüdischen Feiertagen, die für vergangene Versuche, Juden zu töten sind.

Das historische Bild, das so im Gedächtnis eines jeden jüdischen Kindes – in Israel wie im Ausland – geschaffen wird, liegt in den Worten des Passah-Gebetes, das jedes Jahr in jeder  jüdischen Familie laut gelesen wird:  “In jeder Generation erheben sie sich gegen uns, um uns zu vernichten, aber Gott rettet uns aus ihren Händen!“

DIE LEUTE FRAGEN sich, welches die besondere Qualität ist, die Benjamin Netanjahu auszeichnet , um immer wieder gewählt zu werden und praktisch alleine zu regieren, umgeben von einer Herde geräuschvoller, unbedeutender Personen.

Die Person, die ihn am besten kennt, sein eigener Vater, erklärte einmal, dass Bibi ein guter Außenminister sein könnte, aber unter keinen Umständen ein Ministerpräsident. Es stimmt! Netanjahu hat eine gute Stimme und ein wahres Talent fürs Fernsehen – aber das ist auch alles. Er ist oberflächlich, er hat keine Vision der Welt und keine wirkliche Vision für Israel, seine historischen Kenntnisse  kann man vergessen.

Aber er hat ein wirkliches Talent: Panikmache. Darin hat er keinen Konkurrenten.

Es gibt kaum eine größere Rede von Netanjahu in Israel oder im Ausland  ohne  wenigstens eine Bemerkung über den Holocaust. Danach kommt das letzte  up-to-date Angst machende  Bild.

Einmal gab es „Internationalen Terrorismus“. Der junge Netanjahu schrieb ein Buch darüber und  stellte sich selbst als Experte vor. In Wirklichkeit ist dies Unsinn. So etwas wie internationalen Terrorismus gibt es nicht. Er ist von  Scharlatanen erfunden worden, die eine Karriere darauf bauten. Professoren und ähnliches.

Was ist Terrorismus? Zivilisten töten? Wenn es so ist, dann sind die abscheulichsten Akte von Terrorismus in der letzten Geschichte Dresden und Hiroshima. Kämpfer von Nichtstaaten zu töten? Such sie dir aus. Wie ich viele Male sagte: „Freiheitskämpfer“   sind auf meiner Seite, „Terroristen“ sind auf der andern Seite.

Palästinenser und Araber sind im Allgemeinen natürlich Terroristen. Sie hassen uns, weil wir ihnen einen großen Teil ihres Landes genommen haben. Offensichtlich  kann man keinen Frieden mit solch perversen Leuten wie jenen machen. Man kann sie nur fürchten und sie bekämpfen.

Wenn das Feld der Terroristenkämpfer zu voll wird, dann schaltet Netanjahu zur iranischen Bombe um. Dort war die aktuelle Bedrohung unserer Existenz.  Der zweite Holocaust.

Für mich ist dies immer lächerlich gewesen. Die Iraner haben keine Atombombe und wenn sie sie hätten, würden sie sie nicht benützen

Aber nimm die iranische Bombe von Netanjahu – was bleibt dann noch?  Kein Wunder, dass er sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt. Aber jetzt ist es endlich  erledigt worden. Was sollte nun getan werden?

Mach dir keine Sorgen. Bibi wird eine andere Bedrohung finden, blutrünstiger als je zuvor.

Warte nur und zittere.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Texte von Uri Avnery

Erstellt von Gast-Autor am 27. September 2015

Die wirkliche Bedrohung

ICH  HABE Angst.Ich schäme mich nicht,  dies zuzugeben. Ich habe Angst.

Ich habe Angst vor der Islamischen Staat-Bewegung, auch ISIS  oder Daesh genannt.

Es ist die einzige wirkliche Gefahr, die Israel bedroht, die die Welt bedroht, die mich bedroht.

Diejenigen, die dies  heute mit Gleichgültigkeit oder mit Desinteresse behandeln, werden es bedauern.

IM JAHR, in dem ich geboren wurde –  1923  – inszenierte ein lächerlicher, kleiner Demagoge  mit einem komischen Schnauzbart, Adolf Hitler, in München einen versuchten Putsch. Er wurde von ein paar Polizisten niedergeschlagen und bald vergessen.

Die Welt hatte viel ernstere Gefahren, mit denen es sich beschäftigen musste. In Deutschland war Inflation.  In Russland entwickelte sich die junge Sowjet-Union. Es gab  den gefährlichen Wettbewerb zwischen den beiden mächtigen Kolonialmächten, Großbritannien und Frankreich. 1929  kam die schreckliche wirtschaftliche Krise, die die Weltwirtschaft  zu Grunde richtete.

Aber der kleine Münchner Demagoge hatte eine Waffe, die nicht von erfahrenen Staatsmännern  und schlauen Politikern wahr genommen wurde: eine mächtige Ideologie. Sie verwandelte die Demütigung einer großen Nation in eine Waffe, die effektiver war als Schlachtschiffe und Kampfflugzeuge. Innerhalb einer erstaunlich kurzen Zeit – nur ein paar Jahre –  eroberte er Deutschland, dann Europa und fast die ganze Welt.

Millionen Menschen kamen während des Prozesses zu Tode. Unsägliches Elend  suchte viele Länder heim. Ganz zu schweigen vom Holocaust, einem Verbrechen, das fast ohne Parallele in den Annalen der modernen Geschichte ist.

Wie machte er das? Zunächst nicht durch politische und militärische Macht, sondern  durch die Macht einer Idee, einen Geisteszustand, eine geistige Explosion.

Ich war im ersten Viertel meines Lebens Zeuge davon. Dies kommt mir ins Gedächtnis, wenn ich auf die Bewegung schaue, die sich selbst IS, der „Islamische Staat“ nennt.

IM FRÜHEN 7. Jahrhundert der christlichen Ära, hatte ein kleiner Kaufmann in der  gottverlassenen arabischen Wüste eine Idee. In einer erstaunlich kurzen Zeit eroberten er und seine  Kumpane  seine Heimatstadt Mekka, dann die ganze Arabische Halbinsel, dann den fruchtbaren Halbmond und schließlich einen großen Teil der zivilisierten Welt, vom atlantischen Ozean bis nach Nordindien und darüber hinaus. Seine Nachfolger erreichten das Herz Frankreichs  und belagerten Wien.

Wie konnte ein kleiner arabischer Stamm all dies erreichen? Nicht durch militärische Überlegenheit, sondern durch die Kraft einer neuen berauschenden Religion, einer Religion , die so progressiv und befreiend war, dass ihr irdische Macht nicht widerstehen konnte.

Gegen eine berauschende neue Idee sind materielle Waffen machtlos, Armeen und Flotten lassen mächtige Empires scheitern, wie Byzanz und Persien. Aber Ideen sind unsichtbar, Realisten können sie nicht sehen, erfahrene Staatsmänner und mächtige Generäle sind für sie wie blind.

„Wie viele Divisionen hat der Papst?“ antwortete Stalin geringschätzig, als er über die Macht der Kirche gefragt wurde. Doch das  Sowjetreich zerfiel und verschwand  und die katholische Kirche  ist noch hier.

AL-Daula al ISLAMIYA, der Islamische Staat ist eine „fundamentalistische“ Bewegung. Das Fundament ist der Islamische Staat, der vor 1400 Jahren  vom Propheten Muhammad in Medina und Mekka gegründet wurde. Diese zurückblickende Einstellung ist ein Propagandatrick. Wie kann jemand etwas wieder aufwecken, das vor so vielen  Jahrhunderten existierte?

In Realität ist IS  eine extrem moderne Bewegung, eine Bewegung von heute und wahrscheinlich von morgen. Sie benützt die neuesten Hilfsmittel wie das Internet. Sie ist eine revolutionäre Bewegung, wahrscheinlich die revolutionärste in der heutigen Welt.

Während sie  zur Macht kommt, benützt sie barbarische Methoden  aus längst vergangenen Zeiten, um sehr moderne Ziele zu erreichen. Sie verursacht Terror.  Nicht den propagandistischen Terminus „Terrorismus“, der heute von allen  Regierungen benützt wird, um ihre Feinde zu stigmatisieren. Sondern  aktuelle Grausamkeiten, entsetzliche Taten, wie das Köpfen,  das Zerstören von unschätzbaren  antiken Ruinen – alles, um lähmende Furcht  in die Herzen seiner beabsichtigten Feinde zu treiben .

Die IS-Bewegung kümmert sich nicht wirklich um Europa, die US und Israel. Nicht jetzt . Sie benützt sie als Propaganda-Treibstoff, um  ihr wirkliches Ziel zu erreichen: die ganze islamische Welt zu gewinnen.

Wenn ihr dies gelingt, dann kann man sich den nächsten Schritt vorstellen. Nachdem die Kreuzfahrer Palästina  und  seine Umgebung erobert hatten, kam ein kurdischer Abenteurer Salah-a-Din al Ayyubi  (Saladin für europäische Ohren), der die arabische Welt unter seiner Führung vereinigen wollte. Erst nachdem ihm dies gelang, wandte er sich den Kreuzfahrern zu und löschte sie aus.

Saladin war natürlich kein Kaufmann von Gräueltaten im IS-Stil. Er war ein zu tiefst menschlicher Herrscher und als solcher auch in der europäischen Literatur gefeiert (s. Walter Scott und Lessing). Aber seine Strategie ist jedem Muslim bekannt, einschließlich der Führer des heutigen islamischen „Kalifats“: vereinige erst die Araber, erst dann wende dich  den Ungläubigen zu.

WÄHREND DER letzten zweihundert Jahre ist die arabische Welt gedemütigt und unterdrückt worden. Die Demütigung hat noch mehr als die Unterdrückung  die Seele jedes arabischen Jungen und Mädchens versengt. Einmal bewunderte  die ganze Welt die arabische Zivilisation und die arabischen Wissenschaften (arabische Zahlen). Während des europäischen dunklen Mittelalters  waren die barbarischen  Europäer von den islamischen Ländern geblendet.

Kein junger Araber  kann darauf verzichten, den Glanz, des vergangenen Kalifats mit dem Elend der augenblicklichen arabischen Realität zu vergleichen; mit der Armut, der Rückständigkeit, der politischen Impotenz. Rückständige Völker wie Japan und China haben sich entwickelt und wurden Weltmächte, schlagen den Westen  mit ihren eigenen Schlichen, aber der arabische Riese bleibt ohnmächtig und verdient die Verachtung der Welt. Selbst  so ein winziges Land wie das  der Juden   (Juden um Allahs Willen) schlägt die arabischen Länder.

Ein riesiges Reservoir von Demütigung hat sich in der arabischen Welt zusammengebraut, unsichtbar und unbemerkt von den westlichen Mächten.

In solch einer Situation gibt es zwei Wege. Der eine ist der mühsame Weg:  sich von der Vergangenheit zu trennen und einen modernen Staat aufzubauen. Das war der Weg von Mustafa Kemal, dem türkischen General, der die Tradition (z. B. die arabische Schrift) verbannte und eine neue türkische Nation aufbaute(  und die lateinische Schrift einführte). Es war eine  tiefgründige Revolution, vielleicht die effektivste des 20. Jahrhundert. Er verdiente sich den Titel Atatürk, Vater der Türken.

In der arabischen Welt gab es einen Versuch, einen pan-arabischen Nationalismus zu schaffen, eine schwache Nachahmung des westlichen Originals. Gamal Abd-al-Nassar versuchte es und wurde problemlos  von Israel  geschlagen.

Der andere Weg ist, die Vergangenheit zu idealisieren und zu behaupten, sie neu zu beleben.  Das ist der Weg, den IS geht, und er ist  weithin erfolgreich. Mit wenig Aufwand  hat es große Teile Syriens und des Irak genommen, die offiziellen Grenzen gelöscht, die von westlichen Imperialisten (1919) gezogen wurden. Nachahmer schufen in der ganzen muslimischen Welt Ähnliches und haben viel Tausende  potentieller Kämpfer aus den muslimischen Ghettos aus dem Westen und  Osten angezogen.

Jetzt beginnt der IS seinen Marsch zum Sieg. Da scheint es keinen zu geben, der ihn anhält.

ALS ERSTES  weil keiner die Gefahr zu realisieren scheint. Eine Idee bekämpfen?  Zur Hölle mit Ideen. Ideen sind für Intellektuelle und dergleichen. Wirkliche Staatsmänner schauen auf die Fakten. Wie viele Divisionen hat der IS?

Zweitens gibt es rund herum noch andere Gefahren. Die iranische Bombe. Das syrische Chaos. Der Zusammenbruch von Libyien. Die Ölpreise. Und nun die Lawine von Flüchtlingen, meistens aus der muslimischen Welt.

Wie ein riesiges Kleinkind sind die USA hilflos. Sie unterstützen eine imaginäre, säkulare syrische Opposition, die nur an amerikanischen Universitäten existiert. Sie kämpft gegen den Hauptfeind des IS, das Assad-Regime. Sie unterstützen den türkischen Führer, der gegen die Kurden kämpft, die gegen den IS kämpft. Sie bombardieren den IS aus der Luft, riskieren nichts und erreichen auch nichts. Keine Stiefel auf den Boden. Um Himmels willen.

Regieren ist zu wählen, wie  Pierre Mendes-France  einmal sagte: In der gegenwärtigen arabischen Welt liegt die Wahl zwischen schlimm, schlimmer und am schlimmsten. Im Kampf gegen das Schlimmste, ist das Schlimme ein Verbündeter.

Sagen wir es unverblümt: Den IS zu stoppen versuchen, bedeutet, das Assad-Regime  zu unterstützen. Bashar al-Assad ist ein widerwärtiger Kerl, aber er hat Syrien zusammen gehalten, seine Minderheiten geschützt und die israelische Grenze ruhig gehalten. Verglichen mit dem IS ist er ein Verbündeter. So ist es auch mit dem Iran, ein stabiles Regime mit einer politischen Tradition, die Tausende von Jahren zurückreicht – im Gegensatz zu Saudi Arabien, Katar  und Genossen, die den  IS unterstützen.

Unser eigener Bibi ist so naiv  wie ein neugeborenes Kind. Er ist schlau,  oberflächlich und ignorant. Seine iranische Besessenheit macht ihn für die neuen Realitäten geradezu blind.

Fasziniert vom Wolf vor ihm, nimmt Bibi den  fürchterlichen Tiger nicht wahr  der hinter ihm naht.

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BDS – der neue Feind

Erstellt von Gast-Autor am 19. Juli 2015

BDS – der neue Feind

Autor Uri Avnery

BENJAMIN NETANJAHU kratzte sich am Kopf. Seine ganze Karriere gründet sich auf Panikmache. Da Juden seit Jahrtausenden  in Angst lebten, ist dies einfach, sich darauf zu berufen. Sie sind ( geradezu) süchtig.

Seit Jahren hat Netanjahu seine Karriere auf die Angst vor der iranischen Bombe  gebaut. Die Iraner sind ein verrücktes Volk. Wenn sie erst mal die Bombe erlangt haben, werden sie sie auf Israel fallen lassen, selbst, wenn Israels Atombombe bei einem zweiten Schlag den Iran mit seiner jahrtausendealten Kultur sicher vernichten wird.

Aber Netanjahu sah mit wachsender Sorge, dass die iranische Bedrohung ihre Schärfe verlor. Die US haben anscheinend ein Abkommen mit dem Iran erreicht, das den Bau einer Bombe verhindert. Sogar Sheldon der Große konnte das Abkommen nicht  verhindern. Was nun?

Er schaute sich um. Da tauchten drei Buchstaben auf: BDS. Sie bedeuten Boykott, Divestment und Sanktionen, eine weltweite Kampagne, um Israel  wegen seiner 48 Jahre langen Unterwerfung des palästinensischen Volkes zu boykottieren.

Ah, hier haben wir eine wirkliche Bedrohung, schlimmer als die Bombe. Ein zweiter Holocaust  droht. Das tapfere kleine Israel steht vor der kompletten üblen  antisemitischen Welt.

Stimmt, bis jetzt hat Israel keinem wirklichen Schaden gelitten. BDS  ist eher eine symbolische Geste als eine wirkliche wirtschaftliche Waffe. Aber wer zählt nach? Die Legionen von Antisemiten sind auf dem Vormarsch.

Wer wird uns retten?  Bibi, der Große, natürlich.

EHRLICHE OFFENLEGUNG:  meine Freunde und ich initiierten den ersten Boykott, der gegen die Produkte der Siedlungen gerichtet war.

Unsere Friedensbewegung Gush Shalom  überlegte, wie man die Ausbreitung der Siedlungen anhalten könne – von denen jede eine Landmine auf dem Weg zum Frieden ist. Der Hauptgrund für den Siedlungsbau ist, die Zwei-Staaten-Lösung zu verhindern – die einzige Friedenslösung, die es gibt.

Unsere Untersuchungen machten eine große Runde zu den Siedlungen und registrierten die Unternehmungen/Firmen, die von den Werbemaßnahmen der Regierung in eine Falle gelockt wurden, um  Einkaufsmöglichkeiten jenseits der grünen Linie zu eröffnen. Wir veröffentlichten die Liste und ermutigten die Kunden, diese Produkte nicht einzukaufen.

Ein Boykott ist ein demokratisches Mittel zu protestieren. Es geschieht ohne Gewalt. Jede Person kann dies privat ausprobieren, ohne sich einer Gruppe anzuschließen oder sich in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Unser Hauptziel war es, dass die israelische Öffentlichkeit klar zwischen israelischen Waren und denen aus den Siedlungen in den besetzten Gebieten unterscheiden könne. Im März 1997 hielten wir eine Pressekonferenz, um die Kampagne anzukündigen. Es war ein einmaliges Ereignis. Ich hatte  schon  Pressekonferenzen abgehalten, die voller Journalisten waren – z.B.  nach meinem ersten Treffen mit Yassir Arafat im belagerten West-Beirut. Ich hatte Pressekonferenzen mit wenigen Besuchern gehalten. Aber diese hier war wirklich besonders: kein einziger israelischer Journalist  zeigte sich.

Doch die Idee verbreitete sich. Ich weiß nicht, wie viele tausend Israelis die Produkte der Siedlungen im Augenblick boykottieren.

Doch waren wir von der Haltung der EU-Behörden aufgebracht , die  die Siedlungen anprangerten, während sie in der Praxis ihre Produkte  mit Zoll /Steuerfreibeträgen subventionierten wie reale Waren aus Israel. Meine Kollegen und ich gingen nach Brüssel, um zu protestieren. Von höflichen Bürokraten wurde uns gesagt, dass Deutschland und andere  jeden Schritt in Richtung Siedlungsboykott behinderten.

Schließlich bewegten sich die Europäer, doch sehr langsam.  Sie verlangen jetzt, dass die Produkte der Siedlungen klar gekennzeichnet werden.

DIE BDS-Bewegung hat eine sehr andere Agenda. Sie wollen den Staat Israel als solchen boykottieren.

Ich sehe dies immer als großen strategischen Irrtum an. Statt die Siedlungen zu isolieren und sie von den durchschnittlichen Israelis zu trennen, treibt ein allgemeiner Boykott alle Israelis in die Arme der Siedler. Es weckt wieder uralte Ängste. Vor einer allgemeinen Gefahr zu stehen, vereinigt die Juden.

Netanjahu könnte sich nichts Besseres wünschen. Er reitet jetzt auf der Welle jüdischer Reaktionen. Jeden Tag gibt es Schlagzeilen über einen anderen Erfolg  der Boykottbewegung und jeder  Erfolg ist ein Pluspunkt für Netanjahu.

Es ist auch ein Pluspunkt für seinen Gegner, Omar al-Barghouti, den palästinensischen Organisator von BDS.  In Palästina gibt es viele Barghoutis. Es ist eine große Familie, die in  mehreren Dörfern nördlich von Jerusalem prominent ist.

Der berühmteste ist Marwan al-Barghouti, der zu mehrmals lebenslänglich verurteilt worden ist, weil er die Fatah-Jugendbewegung  leitete. Er wurde  nicht dafür beschuldigt, an „terroristischen“ Akten teilgenommen zu haben, sondern für seine Führungsrolle als Verantwortlicher für die Organisation . Tatsächlich waren wir Partner beim Organisieren mehrerer gewaltfreier Protestdemos gegen die Besatzung.

Als er vor Gericht angeklagt wurde, protestierten wir im Gerichtsgebäude. Einer meiner Kollegen verlor bei dem sich ergebenden Kampf mit den gewalttätigen Gerichtswärtern dabei einen Zehennagel. Marwan ist noch immer im Gefängnis, und viele Palästinenser betrachten ihn (trotzdem) als potentiellen Erben von Mahmoud Abbas.

Ein anderer Barghouti ist Mustafa, der sehr liebenswürdige Führer  einer linken Partei, der gegen die Präsidentschaft der Palästinensischen Behörde von Abbas sich stark machte . Wir trafen einander (mehrfach)und standen bei verschiedenen Demonstrationen gegen die Mauer der Armee gegenüber.

Omar Barghouti , der Führer der BDS-Bewegung, war Student der Universität von Tel Aviv.  Er verlangt die freie Rückkehr aller palästinensischen Flüchtlinge, Gleichheit  für die palästinensischen Bürger Israels und natürlich ein Ende der Besatzung.

Doch BDS ist keine hoch organisierte weltweite Organisation.  Sie ist eher eine Handelsmarke. Gruppen von Studenten, Künstlern und andere  machen spontan mit  und schließen sich dem Kampf für die palästinensische Befreiung an.  Hier und da versuchen, ein paar wirkliche Antisemiten sich ihnen anzuschließen. Aber für Netanjahu sind sie alle Antisemiten.

VON ANFANG an fürchteten wir, der Boykott Israels habe – im Unterschied zum Boykott der Siedlungen  die durchschnittlich jüdische Bevölkerung  mit den Siedlern unter der Führung von Netanjahu vereinigt.

Das Vaterland ist in Gefahr. „Nationale Einheit!“ ist die Order des Tages. „Der Oppositionsführer“ Yitzhak Herzog  eilt voraus, um Netanjahu zu unterstützen, wie es fast alle andern Parteien taten

Israels Oberster Gerichtshof, ein  ängstlicher Schatten seines Vorgängers, hat schon darüber verfügt,  ein Aufruf zu einem Boykott  Israels, sei ein Verbrechen einschließlich der Aufrufe, die Siedlungen zu boykottieren.

Fast jeden Tag erreichen Boykotts Schlagzeilen. Der Biss von „Orange“, dem französischen Zeitungsriesen, hatte sich zuerst dem Boykott angeschlossen, hat sich dann aber schnell gedreht und trat zu einer Pilgerreise der Reue nach Israel an. Studentenorganisationen und professionelle Gruppen in Amerika und Europa nehmen den Boykott an. Die EU  verlangt jetzt energisch, dass die Siedlungsprodukte  gekennzeichnet werden.

Netanjahu ist glücklich. Er ruft die Weltjudenheit auf, den Kampf gegen diese antisemitische Schandtat aufzunehmen. Der Besitzer von Netanjahu, der Multi-Milliardär und Kasinomogul Sheldon Adelson hat einen Kriegsrat reicher Juden nach Las Vegas einberufen. Sein Gegenspieler Pro-Labor Multi-Milliardär Haim Saban hat sich ihm angeschlossen. Selbst die Täter der „Weisen von Zion“  hätten  das nicht für möglich gehalten-

ALS KOMISCHER Unterstützer wetteifert ein anderer Kasino-Besitzer  um die Schlagzeilen. Er ist ein viel, viel kleinerer Operator, der nicht mit Adelson verglichen werden kann. Er ist das neue Knesset-Mitglied Oren Chazan, die Nummer 30 auf der Likudwahlliste, der letzte, der noch dazukam. Eine TV-Denkschrift hat behauptet, er wäre der Besitzer eines Kasinos in Bulgarien, der seinen Kunden Prostituierte liefert und  harte Drogen benützt. Er ist schon  als stellvertretender Knessetsprecher gewählt worden. Der Sprecher ist jetzt vorübergehend  von den Knessetplenum-Sitzungen suspendiert worden.

Die beiden Kasinobesitzer, der große und der kleine, beherrschen die Nachrichten. Das ist ziemlich bizarr in einem Land, in dem Kasinos verboten sind, und wo heimliche Kasinobesucher  regelmäßig verhaftet werden.

Nun, das Leben ist wie ein Roulettespiel. Und das Leben in Israel ist es sogar noch mehr.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser ….

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Die wirkliche Nakba

Erstellt von Gast-Autor am 12. Juli 2015

Die wirkliche Nakba

VOR DREI Wochen  war Nakbatag – der Tag, an dem Palästinenser innerhalb und außerhalb Israels  an ihre „Katastrophe“ denken – den Exodus  von mehr als der Hälfte des palästinensischen Volkes aus den von Israel besetzten Gebieten im Krieg von 1948.

Jede Seite hat ihre eigene Version dieses folgenschweren Ereignisses.

Nach der arabisch-palästinensischen Version kamen die Juden von nirgendwoher, und ein friedliebendes Volk  wurde angegriffen und aus seinem Land vertrieben.

Nach der zionistischen Version akzeptierten die Juden  den Kompromiss-Teilungsplan der UN, aber die Araber  wiesen ihn zurück und begannen einen blutigen Krieg, währenddessen sie von den arabischen Staaten überredet wurden, ihre Häuser zu verlassen, um dann mit den siegreichen arabischen Armeen zurückzukehren.

Beide Versionen sind äußerster Unsinn – eine Mischung von Propaganda, Legende und verdrängten Schuldgefühlen.

Während des Krieges war ich Mitglied einer mobilen Kommando-Einheit, und diese war  auf der ganzen Südfront aktiv. Ich war ein Augenzeuge von dem, was dort geschah.

Ich schrieb während des Krieges ein Buch („In den Feldern der Philister“) und eines  direkt nach dem Krieg („Die andere Seite der Münze“). Sie erschienen zusammen 1948 auf Deutsch unter dem Titel „ Die andere Seite der Münze“. Ich schrieb auch in der ersten Hälfte  meiner Autobiographie („ Optimistisch“); das  im letzten Jahr auf Hebräisch erschien. Ich werde zu beschreiben  versuchen, was wirklich geschah. „1948 – eine Soldatengeschichte“.

ZU ALLERERST müssen wir uns  davor hüten, 1948 mit den Augen von 2015 zu sehen. So schwierig es auch sein mag, so müssen wir versuchen, uns in die Realität von damals zu versetzen. Anders sind wir nicht in der Lage, das zu verstehen, was tatsächlich geschah.

Der Krieg von 1948 war einmalig. Er war eine Folge historischer Ereignisse, die nirgendwo eine Parallele hat. Ohne seinen historischen, psychologischen, militärischen und politischen Hintergrund zu berücksichtigen, ist es unmöglich, zu verstehen, was damals geschah. Weder die Auslöschung der einheimischen Amerikaner durch die weißen Siedler noch die verschiedenen kolonialen Genozide ähneln dem.

Die unmittelbare Ursache war die UN-Resolution vom November 1947: die Teilung Palästinas.  Sie wurde von den Arabern sofort abgewiesen, die  die Juden als fremde  Eindringliche ansahen. Die jüdische Seite akzeptierte diese Teilung. Aber David Ben Gurion rühmte sich später damit, er hätte  nicht die Absicht gehabt, mit den Grenzen von 1947 zufrieden zu sein. Als der Krieg Ende 1947 begann, lebten im britisch beherrschten Palästina über 1,250 000 Araber und 635000 Juden. Sie lebten in getrennten Nachbarschaften in den Städten (Jerusalem, Tel Aviv. Jafa, Haifa) und in benachbarten Dörfern.

Der Krieg von 1948/49 bestand tatsächlich  aus zwei Kriegen, die ineinander über-gingen. Vom Dezember 47 bis Mai 48 war es ein Krieg zwischen den Arabern und der jüdischen Bevölkerung innerhalb Palästinas, von Mai bis zum Waffenstillstand anfangs 1949 war der 2. Krieg. Es war ein Krieg zwischen der neuen israelischen Armee und den Armeen der arabischen Länder – hauptsächlich der jordanischen, ägyptischen, syrischen und irakischen.

IN DER ersten und entscheidenden Phase war die palästinensische Seite in zahlreichen Dörfern  klar die überlegene Seite. Die arabischen Dörfer beherrschten fast alle Landstraßen; die Juden konnten sich  nur in eilig gepanzerten Bussen und mit bewaffneten Wächtern  bewegen.

Doch die jüdische Seite hatte eine vereinigte Führung unter Ben Gurion und schuf eine vereinigte, disziplinierte,  gut organisierte militärische Truppe, während die Palästinenser nicht in der Lage waren, eine vereinigte Führung und Armee aufzubauen.  Dies zeigte sich als entscheidend.

Auf beiden Seiten gab es keinen wirklichen Unterschied zwischen den Kämpfern und den Zivilisten. Die arabischen Dorfbewohner besaßen Gewehre und Pistolen und eilten zur Szene, wenn eine vorbeifahrende jüdische Fahrzeugkolonne angegriffen werden sollte. Die meisten Juden waren  in der Haganah organisiert, der bewaffneten  Untergrund-Verteidigungskraft. Die beiden „terroristischen“ Organisationen, der Irgun und  die  Stern-Gruppe, vereinigten sich mit der gemeinsamen Kraft, der Haganah.

Auf beiden Seiten wusste man, dass dies ein existentieller Kampf war.

Auf der jüdischen Seite war es die unmittelbare Aufgabe, die arabischen Dörfer an den Landstraßen zu vertreiben. Das war der Beginn der Nakba,

Von Anfang an  warfen Gräueltaten böse Schatten auf beide Seiten. Wir sahen Araber, die in Jerusalem  mit abgetrennten Köpfen unserer Kameraden marschierten. Es  gab auch  Gräueltaten, die von unserer Seite begangen wurden, die ihren Höhepunkt in dem berühmten Deir Yassin –Massaker fanden, einem Jerusalem benachbarten Ort. Es wurde von der  Irgun-Stern-Gruppe angegriffen. Viele seiner männlichen Bewohner  wurden massakriert, mit vielen Frauen marschierte man durch das jüdische Jerusalem. Vorfälle wie diese  schufen von Anfang an die  Atmosphäre des existentiellen Kampfes.

Durchweg war dies ein total ethnischer Kampf zwischen beiden Seiten, von denen jede Seite behauptete, das ganze Land  sei ausschließliche seine Heimat und leugnete die Behauptung der anderen Seite. Lange bevor der Ausdruck „Ethnische Säuberung“  aufkam, geschah dies während des ganzen Krieges. Nur wenige Araber blieben in den von  Juden eroberten Gebieten (im Etzion Block, in  der Altstadt von Jerusalem) Überhaupt keine  Juden blieben in den wenigen von arabischer Seite eroberten Stadtteilen.

Als der Mai näher kam und die Erwartung, dass sich arabische Armeen in den Konflikt  einmischen würden, versuchte die jüdische Seite, eine Zone zu schaffen, aus der alle nichtjüdischen Bewohner entfernt wurden.

Man muss verstehen, dass die arabischen Flüchtlinge nicht „das Land verließen“. Als ihre Dörfer beschossen wurden – gewöhnlich bei Nacht –  nahmen sie ihre Familien mit sich und flohen ins nächste Dorf, das dann unter Feuer kam und so weiter. Am Ende fanden sie zwischen sich und ihrem Heim eine Waffenstillstandslinie.

DER PALÄSTINENSISCHE Exodus war kein gerader Prozess: Er veränderte sich von Monat zu Monat, von Ort zu Ort und von Situation zu Situation.

Zum Beispiel: die Bevölkerung von Lod war gezwungen zu fliehen, da  wahllos  auf sie geschossen wurde. Als Safed erobert wurde – gemäß dem  Kommandeur: Wir trieben sie nicht aus –  öffneten wir nur einen Korridor für sie, damit sie fliehen konnten.

Bevor Nazareth besetzt wurde, signierten die örtlichen Führer ein Dokument der Übergabe, und der Stadtbevölkerung wurde Leben und Besitz garantiert. Der jüdische Kommandeur, ein kanadischer Offizier mit Namen Dunkelman wurde dann  mündlich der Befehl gegeben, sie zu vertreiben. Er weigerte sich und verlangte einen schriftlichen Befehl, der niemals ankam. Darum ist Nazareth noch heute eine arabische Stadt.

Als Jafa erobert wurde, flohen die meisten Einwohner übers Meer nach Gaza. Diejenigen die  nach  der Übergabe blieben, wurden auf Lastwagen geladen und in Richtung Gaza geschickt.

Während der große Teil der Vertreibung aus militärischer Notwendigkeit geschah, gab es  sicher einen unbewussten, halb bewussten oder bewussten Wunsch, die arabische Bevölkerung loszuwerden. Es lag „im Blut“ der zionistischen Bewegung.-  noch bevor Theodor Herzl überhaupt an Palästina dachte. Tatsächlich schlug Theodor Herzl  – als er den Entwurf seines  bahnbrechenden Buches   „Der Judenstaat“ schrieb  – den jüdischen Staat in Patagonien (Argentinien)zu gründen  und forderte auf, alle einheimischen Bewohner zu vertreiben.

Nachdem die arabischen Armeen sich im Mai den Krieg eingemischt hatten, wurden die Ägypter  nur 22km  vor Tel Aviv gestoppt. Mit der UN wurde eine ein-Monat langeFeuerpause  verabredet, und  von der israelischen Seite wurde diese dazu benützt,  sich selbst mit  schweren Waffen (Artillerie, Panzern, Militärflotte, Kampfflieger)  auszurüsten – ja, die von Stalin für sie in der Tschechei geliefert wurde( sie wurden im 2. Weltkrieg für die Wehrmacht  produziert und einige Gewehre hatten noch Hakenkreuze  eingeritzt. In der sehr schweren Schlacht vom Juli begann die israelische Seite zu gewinnen. Von da an wurde  die militärische  Entscheidung getroffen, die arabische Bevölkerung  zu  vertrieben. Die . Einheiten bekamen den Befehl, auf jeden Araber zu schießen, der versuchte, in sein Heimatdorf zurück-zukehren

Der entscheidende Moment kam zum Ende des Krieges, als  entschieden wurde, den Flüchtlingen die Rückkehr nicht zu erlauben. Es gab keine offizielle Entscheidung. Die Idee kam nicht einmal auf, als die jüdischen Flüchtlinge aus Europa, die Überlebenden des Holocaust, das Land überfluteten und die Orte füllten, die von den Arabern. verlassen worden waren.

Die zionistische Führung war sich sicher, dass innerhalb einer oder zweier Generationen die Flüchtlinge vergessen sein werden. Das war ein Irrtum

ES SOLLTE  daran erinnert werden, dass all dies  nur wenige Jahre  nach der Massenvertreibung  der Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und den baltischen Staaten geschah, was als normal akzeptiert wurde.

Wie eine griechische Tragödie wurde die Nakba  durch den Charakter  all seiner  Teilnehmer, Täter und Opfer aufbereitet. Jede Lösung des „Problems“ müsste mit einer bedingungslosen Entschuldigung von Israel  für seinen Teil der Schaffung der Nakba beginnen.

Die praktische Lösung muss wenigstens eine symbolische Rückkehr einer  Ansiedlung  der Mehrheit von Flüchtlingen auf israelischem Gebiet sein, eine Mehrheit von Flüchtlingen in den Staat Palästina, wenn er entsteht,  und eine großzügige  Kompensation an jene, die sich entscheiden , dort zu bleiben, wo sie sind  oder woandershin auszuwandern.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs vom Verfasser autorisiert)

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Die Karte an der Wand

Erstellt von Gast-Autor am 5. Juli 2015

Die Karte an der Wand

Autor Uri Avnery

EIN FRÜHERER Kabinettsminister, eine (trotz allem) intelligente Person, fragte mich  eines Tages: „Nehmen wir an, dass unser Plan verwirklicht werde: Ein palästinensischer Staat wird Seite an Seite mit Israel entstehen. Ja, sogar eine Art Föderation. Dann wird in ein paar Jahren eine gewalttätige anti-israelische Partei dort  an die Macht kommen und alle Verträge zu Nichte machen. Was dann?

Meine einfache Antwort war: „Israel wird immer mächtig genug sein, um jede Bedrohung zu verhindern“.

Das ist wahr, aber das ist nicht die richtige Antwort. Die reale Antwort liegt in den Lektionen der Geschichte.

DIE GESCHICHTE  zeigt uns, dass es (mindestens) zwei Arten von Friedensabkommen gibt. Die eine Art, die törichte, gründet sich auf Macht. Die andere, die intelligente, gründet sich auf gegenseitiges Interesse. Das-berüchtigste Beispiel für die erste Art: der Versailles Vertrag, der dem 1. Weltkrieg folgte.

Er wurde vier Jahre  vor meiner Geburt unterzeichnet – aber als Kind war ich ein Augenzeuge seiner Folgen.

Es war ein „diktierter“ Friede. Nach vier Jahren Kampf mit Millionen von Opfern wünschten die Sieger, den Besiegten ein Maximum an Schaden zuzufügen.

Große Teile Deutschlands wurden vom Vaterland abgetrennt und den Siegern im Osten und Westen zugesprochen. Riesige Entschädigungssummen wurden  Deutschland auferlegt, das schon vom Krieg total erschöpft war.

Am schlimmsten von allem war vielleicht der Absatz mit der „Kriegsschuld. Die Ursprünge des Krieges waren mannigfaltig und kompliziert. Ein serbischer Patriot tötete den österreichischen Thronfolger. Österreich antwortete mit einem harschen Ultimatum. Das russische Zarenreich, das sich selbst als der Protektor aller Slaven sah, erklärte eine allgemeine Mobilmachung, um die Österreicher abzuschrecken. Die Russen waren mit den Franzosen verbündet. Um eine gemeinsame Invasion von beiden Seiten zu verhindern, fielen die Deutschen mit den Österreichern, die mit den Franzosen verbündet waren, in Frankreich ein. Die Idee war, die Franzosen zu schlagen, bevor die schwerfällige russische Mobilisierung vollendet war. Großbritannien, das einen deutschen Sieg fürchtete, eilte den Franzosen zu Hilfe.

Kompliziert? Tatsächlich. Aber die Sieger zwangen die Deutschen, einen Vertrag zu unterzeichnen, der sie als das einzige Volk für den Ausbruch des Krieges verantwortlich machte.

ALS ICH in Deutschland zur Schule ging, hing vor meinen Augen eine Landkarte Deutschlands. Sie zeigte die gegenwärtigen Grenzen des Reichs, (wie es damals genannt wurde)  und drum herum eine rote Linie, die die Grenzen vor dem Krieg zeigte.

Diese Landkarte hing in jeder Klasse in jeder Schule in Deutschland. Von frühester Kindheit an wurde jeder deutsche Junge und jedes Mädel täglich an die große Ungerechtigkeit die dem Vaterland zugefügt wurde, erinnert, als große Stücke Land von ihm genommen wurden.

Noch schlimmer, jedes deutsche Kind wurde gelehrt, dass sein Vater vier ganze Jahre tapfer gegen einen weit überlegenen Feind gekämpft hatte und nur wegen reiner Erschöpfung aufgegeben hatte. Deutschland hatte nur eine kleinere Rolle bei den Ereignissen gespielt, die zum Krieg führten, doch die ganze Schande des Krieges wurde auf dieses gelegt. So waren es dann auch die „Reparationen“, die Deutschlands Wirtschaft ruinierten.

Die Demütigung der Unterzeichnung eines solch ungerechten Vertrages wurde ein permanenter Stachel und zum  Schlachtenruf von Adolf Hitlers neuer National-sozialistischen Partei. Die  deutschen Politiker, die das Dokument unterzeichneten, wurden ermordet.

Die Geschichte hat den Führern der siegreichen Verbündeten, die  diese Bedingungen diktierten, der Dummheit bezichtigt, besonders nachdem der weitsichtige amerikanische Präsident Woodrow Wilson davor gewarnt hatte.

Vielleicht hatten sie keine andere Wahl. Der schreckliche Krieg hatte so intensiven Hass ausgebrütet und die Menschen waren so rachedurstig. Sie zahlten teuer dafür, als Deutschland unter Hitlers Führung  den 2. Weltkrieg anfing.

DAS GEGENTEILIGE Beispiel wurde mit dem Frieden von Wien 1815( wie ihre Nachfolger), fast hundert Jahre früher gelegt.

Napoleons Truppen hatten große Teile Europas überrannt. Anders als  Hitlers Deutschland, brachte Napoleons Frankreich eine zivilisierte Botschaft mit sich, (seine Truppen begingen natürlich auch  Brutalitäten). Als Frankreich erschöpft war und zusammenbrach, hätten die siegreichen Verbündeten ihm leicht dieselben strafenden und demütigenden Verträge auferlegen können, wie seine Nachfolger ein Jahrhundert später. Sie taten es nicht.

Statt Frankreich wie einen besiegten Feind zu behandeln, luden sie es an den Tisch ein. Napoleons Ex-Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand war als einer der Führer, das zukünftige Europa mitzugestalten, willkommen.

Der führende Geist des Wiener Kongresses war Clemens von Metternich, kompetent der von dem  britischen Lord Castlereagh unterstützt wurde. Frankreich war es erlaubt, sich in kurzer Zeit zu erholen.

Einer der großen Bewunderer von Metternich und seinen Kollegen ist Henry Kissinger. Leider tat er das Gegenteil von dem, als er später selbst US-Außenminister wurde.

Das „Konzert der Nationen“, vom Wiener Frieden geschaffen, schuf ein solides System, das Europa – mit ein paar Ausnahmen (den französisch-preußischen Krieg von 1870) – –  fast hundert Jahre  in Frieden hielt. Der Geist seiner Gründer scheint heute wie ein Beispiel von Weisheit.

DER 2. WELTKRIEG, der schrecklichste von allen, hätte mit einem 2. Versailler Vertrag enden können; tat es aber nicht.

Nach Deutschlands bedingungsloser  Kapitulation, wurde überhaupt kein Friedensvertrag unterzeichnet. Deutschland wurde geteilt.  Nach all den schrecklichen Grausamkeiten der Nazis war kein großzügiger Friedensvertrag möglich. Deutschland wurde geteilt; aber anstelle von riesigen Entschädigungssummen – empfing es – unglaublich  große Summen Geldes von den Siegern; so konnte es sich in kurzer Zeit wieder aufbauen. Es verlor eine Menge Land, aber nur wenige Jahrzehnte später wurde Deutschland eine führende Macht in einem vereinten Europa. Ein größerer Krieg ist jetzt in Europa undenkbar.

Winston Churchill und seine Partner hatten offensichtlich die Lektion von Versailles gelernt. Sie widerlegten das populäre Sprichwort: keiner lernt aus der Geschichte.

Selbst der neue Staat Israel benahm sich sehr weise – soweit es Deutschland betrifft. Die Kamine von Auschwitz hatten kaum zu rauchen  aufgehört, als unter der Führung von David Ben Gurion mit Deutschland ein Vertrag geschlossen wurde. Schade, dass Ben Gurion mit der arabischen Welt nicht dieselbe Weisheit zeigte..

Dann kam es zum Moment von Oslo, als alles möglich gewesen wär. Martin Buber sagte einmal zu mir: „Es gibt einen richtigen Augenblick, einen historischen Akt zu tun – der Moment, bevor er falsch ist. In dem Moment danach ist er falsch Aber für  einen Moment  ist er richtig.“ Leider erkannte Yitzhak Rabin ihn nicht. Ich zweifle, dass er viel Weltgeschichte kannte.

WAS IST die Lektion?  Kissinger schrieb davon in seinen Büchern, bevor er ein Kriegsverbrecher ( in Vietnam und Südamerika)  wurde.

Die Lektion ist: Frieden wird nur dann halten, wenn alle Seiten davon profitieren. Frieden wird nicht halten, wenn eine wichtige Seite draußen  gelassen wird.

Im Moment des Sieges glaubt der Sieger, dass seine Macht ewig ist. Er kann seine Verträge dem Feind diktieren und ihn demütigen. Aber die Geschichte zeigt, dass  die Macht sich ändert, die starke von heute wird eines Tages schwach. Die Schwache wird stark und wird sich eines Tages rächen.

Das ist die Lektion, die Israel in sich aufnehmen sollte. Heute sind wir stark und die arabische Welt liegt im Chaos. Es wird nicht immer so bleiben.

Ein Friedensvertrag mit Palästina und der arabischen Welt  wird halten, falls er  weise und großzügig ist. Weise genug, dass das palästinensische Volk oder wenigstens ein großer Teil davon, zu der Schussfolgerung kommen wird, dass es sich lohnt und ehrenhaft ist, ihn zu halten.

Es ist immer gut, eine starke Armee zu haben. Für alle Fälle. Aber die Geschichte zeigt, dass es weder an starken Armeen noch an der Fülle von Waffen liegt, die den Frieden garantieren. Es ist der gute Wille auf beíden Seiten, der sich auf das Interesse beider Seiten gründet.

Und die Weisheit der Politiker  –  tatsächlich, eine seltene Gabe.

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Nichts Neues unter der Sonne

Erstellt von Gast-Autor am 23. Februar 2014

Nichts Neues unter der Sonne

Autor Uri Avnery

WÄHREND DER letzen hundert Jahre hat Russland große Veränderungen durchgemacht.

Anfangs wurde es vom Zar regiert, eine absolute Monarchie mit einigen demokratischen Dekorationen,  eine „Tyrannei durch  Unfähigkeit gemildert“.

Nach dem Sturz des Zaren herrschte ein paar Monate lang ein liberales  und gleichfalls unfähiges Regime, bis es von der bolschewistischen Revolution  zu Fall gebracht wurde.

Die „Diktatur des Proletariats“  dauerte  etwa 74 Jahre, das  bedeutet,  dass drei Generationen  das sowjetische Bildungssystem durchliefen. Das sollte lange  genug gewesen sein, um  Werte wie Internationalismus, Sozialismus und Menschenwürde im Sinne von  Karl Marx  zu absorbieren.

Das Sowjetsystem brach in sich zusammen und ließ nur wenige Spuren zurück. Nach ein paar Jahren liberaler Anarchie unter Boris Yeltsin, übernahm Vladimir Putin  die Herrschaft. Er hat  bewiesen, ein fähiger Staatsmann zu sein, und hat Russland wieder in eine Weltmacht verwandelt. Er hat aber ein neues autokratisches System eingerichtet, die Demokratie und die Menschenrechte  reduziert.

Wenn wir diese Ereignisse betrachten, die ein Jahrhundert umspannen, müssen wir daraus schließen, dass  nach all diesen  dramatischen  Umwälzungen Russland mehr oder weniger dort ist, wo es anfing. Der Unterschied zwischen dem Reich des Zaren Nikolaus und Präsident Putin ist minimal. Die nationalen Bestrebungen, die allgemeine Weltanschauung, das Regime und der Status der Menschenrechte sind mehr oder weniger dieselben.

Was lehrt uns das? Es bedeutet für mich, dass es  so etwas wie einen nationalen Charakter gibt, der sich nicht so leicht verändert, wenn überhaupt. Revolutionen, Kriege, Katastrophen kommen und gehen und der  eigentliche Charakter eines Volkes bleibt, wie er war.

NEHMEN WIR ein anderes Beispiel, das uns geographisch näher liegt: die Türkei.

Mustafa Kemal war eine faszinierende Person. Leute, die ihn trafen, als er ein Offizier in der osmanischen Armee war – er diente in Palästina – beschrieben ihn als einen interessanten Charakter und einen schweren Trinker. Er wurde in Saloniki in Griechenland geboren, einer Stadt, die zu jener Zeit vor allem jüdisch war, und nahm an der Revolution der Jungtürkischen Bewegung teil, die zum Ziele hatte, das Osmanische Reich zu erneuern, das zum „kranken Mann am Bosporus“ geworden war.

Nach der türkischen Niederlage im 1. Weltkrieg  machte sich Mustafa Kemal daran, eine neue Türkei zu schaffen. Seine Reformen waren  umfassend. U.a. schafften sie  das Osmanische Reich  und das alte muslimische  Kalifat ab, änderten die Schrift der türkischen Sprache vom Arabischen ins Lateinische, nahm die Religion aus der Politik,  verwandelte die Armee in einen „Wächter der (säkularen) Republik“, verbat Männern und Frauen, die traditionelle Kleidung zu tragen, wie den Fez und den Hijab. Sein Plan war, die Türkei in ein modernes europäisches Land zu verwandeln.

Sein Volk ehrte ihn und gab ihm den Namen Atatürk (Vater der Türken) und  verehrt ihn bis zum heutigen Tage. Sein Bild hängt in allen Büros der Regierung. Doch jetzt sind wir Zeugen, wie die meisten seiner Reformen abgeschafft werden.

Die Türkei wird heute von einer religiösen islamischen Partei beherrscht, die vom Volk gewählt wurde. Der Islam kehrt zurück. Nachdem die Armee mehrere Staatsstreiche gemacht hat, wurde sie aus der Politik hinaus gestoßen.  Dem jetzigen Führer wird  neo-osmanische Politik vorgeworfen.

Dies bedeutet, dass die Türkei  dahin zurückkehrt, wo sie vor hundert Jahren war.

SO KANN man Beispiele aus aller Welt zitieren.

Vor etwa 220 Jahren, nach der Mutter aller moderner Revolutionen, der der großen Französischen Revolution, werden die leichtfertigen Abenteuer des gegenwärtigen französischen Präsidenten  mit denen der bourbonischen Könige verglichen. Nicht viel ist aus der Zeit des strengen Charles de Gaulle geblieben, weder moralisch noch politisch.

Italien hat noch immer keine politische Stabilität nach dem Intermezzo des clownesken Silvio Berlusconi .  Ein sehr reduziertes Großbritannien denkt  und benimmt sich so wie das Empire in seiner Blütezeit. Und kämpft darum, von Europa  wegzukommen.

Und so weiter.

ICH MAG gern  (noch einmal) Elias Canetti, den Nobelpreis Schriftsteller zitieren. Bulgarien, England und die Schweiz beanspruchen ihn, und natürlich die Juden.

In einem seiner Werke behauptet er, dass jede Nation ihren eigenen Charakter hat, wie ein menschliches Wesen.  Er unternahm sogar , den Charakter größerer Nationen mit Symbolen zu beschreiben: Die Briten sind wie ein Seekapitän, die Deutschen  wie ein Wald hoher gerader Eichen, die Juden sind durch den Exodus aus Ägypten und das Wandern durch die Wüste geformt worden . Er sah, dass diese Charakteristiken  konstant bleiben.

Professionelle Historiker mögen übersolch einen Dilettantismus lachen. Doch ich glaube, dass die Injektion von etwas literarischem Innenblick in die Geschichte  gut ist. Es vertieft das Verständnis.

ALL DIES führt mich zu der jüdisch-israelischen Metamorphose.

Israel wurde buchstäblich von der zionistischen Bewegung geschaffen. Dies war eine der revolutionärsten Revolutionen, wenn nicht die weitreichendste von allen. Sie strebten nicht nach einem Wechsel des Regimes wie Mandela in Südafrika. Noch zu einem tiefen Wandel der Gesellschaft wie die kommunistische Bewegung; noch zu einem kulturellen Wandel wie der des Atatürk. Zionismus wollte all dies erreichen und noch viel mehr.

Er wollte eine zerstreute religiös-ethnische Gemeinschaft, die in alten Zeiten geboren wurde,  in eine moderne Nation verwandeln. Er wollte Massen von Individuen aus ihren Heimatländern und natürlichen  Lebensräumen holen und  sie physisch in ein anderes Land und ein anderes Klima holen. Er wollte den sozialen Status von jedem von ihnen verändern.  Ja, sie sogar eine neue Sprache  annehmen   lassen – eine tote Sprache, die wieder zum Leben erweckt  wurde. Es ist eine Aufgabe, die keinem anderen Volk gelang. All dies in einem fremden Land, das von einem anderen Volk bewohnt war.

Von allen revolutionären Bewegungen des 20. Jahrhunderts war der Zionismus die erfolgreichste und  beständigste. Kommunismus, Faschismus und Dutzende anderer Bewegungen kamen und gingen. Der Zionismus  hält durch.

Aber ist die israelische Gesellschaft wirklich zionistisch, wie sie laut und wiederholt behauptet.

ZIONISMUS WAR  ursprünglich eine Rebellion gegen die jüdische Existenz in der Diaspora. In der religiösen Sphäre war es eine Reformation, eine, die tiefer als die von Martin Luther war.

Alle prominenten jüdischen Rabbiner, die chassidischen wie die anti-chassidischen  verurteilten den Zionismus als Häresie. Das Volk von Israel wurde durch  seinen absoluten Gehorsam  gegenüber Gottes 613 Gebote und Verboten  vereint, nicht durch irgendwelche  „nationale“ Bande. Gott hat eine Massenrückkehr ins Land Israel streng verboten, seit Er die Juden für ihr sündhaftes Verhalten ins Exil geschickt hat. Die jüdische Diaspora war so durch Gott verursacht  worden und sollte so bleiben, bis ER ihre Gesinnung ändern würde.

Und dann kamen die Zionisten, meistens Atheisten und  wollten die Juden ohne Gottes Erlaubnis ins Land Israel bringen, ja Gott ganz abschaffen. Sie bauten eine säkulare Gesellschaft auf. Sie hatten eine tiefe Verachtung für die Diaspora, besonders für die orthodoxen „Ghetto-Juden“. Ihr Gründungsvater Theodor Herzl glaubte, dass nach der Gründung des jüdischen Staates keiner außerhalb des Staates noch als Jude angesehen würde.  Andere Zionisten waren nicht ganz so radikal, aber dachten gewiss in diese Richtung.

Als ich noch jung war, gingen viele von uns noch weiter. Wir stritten die Idee eines jüdischen Staates ab und sprachen von einem „hebräischen“ Staat, der locker mit der jüdischen Diaspora verbunden sei;  wir wollten eine neue hebräische Zivilisation schaffen, die eng mit der arabischen Welt um uns verbunden wäre. Eine asiatische Nation, die nicht mit Europa und dem Westen  identifiziert werden wollte.

Und wo sind wir heute?

ISRAEL IST dabei, sich mit großem Tempo  zu re-judaisieren. Die jüdische Religion  kommt zurück. Sehr bald, werden religiöse Kinder verschiedener Gemeinden die Mehrheit in Israels jüdischen Schulen sein.

Die organisierte orthodoxe Religion hat immense Eingriffe gemacht. Die offizielle israelische Definition eines Juden ist ausschließlich religiös. Alles Angelegenheiten persönlicher Natur wie Heirat und Scheidung unterstehen dem  Rabbinat. So ist das Menu in den meisten Restaurants koscher. Der öffentliche Verkehr zu Land und in der Luft findet am Schabbat nicht statt. Nicht orthodoxe jüdische Trends, wie die „Reformisten“ und die „Konservativen“ werden praktisch ausgesperrt.

Bei einem Skandal, der gerade Israel  durchschüttelt, handelt es sich um einen kabbalistischen Rabbiner; es scheint, dass diese wundersame Person ein Vermögen von hunderten Millionen Dollar  allein durch den Verkauf von Segen und Amuletts gesammelt hat. Er ist aber nur einer von vielen solchen Rabbinern, die wie er von Magnaten, Kabinettministern und  hochrangigen Gangstern und  Polizeioffizieren umgeben ist.

Herzl, der versprach, „ die Rabbiner in ihren Synagogen zu halten und  die Berufsarmee in den Kasernen“, dreht sich sicherlich in seinem Grab auf dem Jerusalemer Herzlberg um.

ABER DIES sind noch relativ oberflächliche Symptome. Ich denke an  viel tief gehendere  Dinge.

Eine der wesentlichen Überzeugungen der Diaspora-Juden war, dass „die  ganze Welt gegen uns ist“.  Juden sind während Jahrhunderten in vielen Ländern verfolgt worden – bis zum Holocaust.  In der Sederfeier  am Pesachabend, der alle Juden rund um die Welt vereinigt, sagt der heilige Text, „ in jeder Generation  erheben sie sich, um uns zu  vernichten.“

Das offizielle Ziel des Zionismus‘ war, uns in ein Volk wie alle andern Völker zu verwandeln. Glaubt ein normales Volk denn, dass  zu allen Zeiten alle darauf aus sind, es zu vernichten?

Es ist eine grundsätzliche Überzeugung  von fast jedem jüdischen Israeli, dass „die ganze Welt gegen uns ist“ – was auch ein fröhliches Volkslied ist. Die US schließt ein Abkommen mit dem Iran ab? Europa wendet sich gegen die Siedlungen? Russland hilft Bashar al-Assad? Alles Antisemiten.

Internationale Proteste gegen unsere Besatzung der palästinensischen Gebiete sind natürlich  nur eine andere Form von Antisemitismus (der Ministerpräsident von Kanada, der Israel in dieser Woche besuchte und eine lächerliche Rede in der Knesset hielt, sprach auch aus, dass jede Kritik an Israels Politik eine Art Antisemitismus sei).

Bedeutet dies, dass in Israel, dem selbsternannten jüdischen Staat all die alten jüdischen Einstellungen, Verdächtigungen, Befürchtungen und Mythen  wieder  aktuell werden? Dass das revolutionäre zionistische Konzept  dabei ist, zu verschwinden?  Dass sich nicht viel an der jüdischen Einstellung verändert hat?

Franzosen sagen:“Je mehr sich die Dinge ändern, um so mehr bleiben sie die gleichen“.

Oder  wie der Prediger Salomo  in der Bibel  (Pred.1,9) sagte: „was geschehen ist, das wird hernach sein….was man getan hat, eben das tut man hernach  wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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