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Der zweite Herzl

Erstellt von Gast-Autor am 29. Oktober 2011

Der zweite Herzl

Autor Uri Avnery

AM YOM KIPPUR-Abend letzte Woche, wenn wirkliche Juden in der Synagoge für ihr Leben beten, saß ich am Tel Aviver Strand und dachte nach.

Es war mein erster Yom Kippur ohne Rachel, und die dunklen Wellen gaben meine Stimmung wieder.

Ich dachte über unsern Staat nach, den Staat Israel, in dem ich sozusagen eine Gründeraktie habe.

Wird er überdauern? Wird es ihn hier nach 100 Jahren noch geben? Oder war es eine vorüber gehende Episode, ein historischer Glückszufall.

Als Tschu Enlai nach seiner Einschätzung der Französischen Revolution gefragt wurde, ob sie positiv oder negativ sei, gab er die berühmte Antwort: „Es ist noch zu früh, dies zu beurteilen.“

Die zionistische Revolution – und das ist es, was sie war – begann nach mehr als hundert Jahren nach der französischen. Es ist also sicher viel zu früh, auch diese richtig einzuschätzen.

EINMAL – IN einer heitereren Stimmung – sagte ich zu meinen Freunden: „Vielleicht haben wir alle Unrecht. Vielleicht ist Israel nicht wirklich die letzte Gestalt des zionistischen Unternehmens. Wie die Planer jedes großen Projektes entschieden die Zionisten zuerst ein „Pilotprojekt“, einen Prototyp, zu bauen, um ihren Plan zu testen. Tatsächlich sind wir nur Versuchskaninchen. Bald wird ein anderer Herzl kommen, und nachdem er die Fehler und Irrtümer dieses Experimentes analysiert hat, wird er den Entwurf des wirklichen Staates aufzeichnen, der viel besser sein wird.

Herzl 2 wird zu fragen beginnen: wo hat Herzl 1 etwas falsch gemacht?

Herzl 1 besuchte Palästina nur ein einziges Mal und das nur für den ausdrücklichen Zweck, den deutschen Kaiser zu treffen, den er für sein Unternehmen gewinnen wollte. Der Kaiser bestand darauf, ihn in Jerusalem am Jaffator zu treffen, um geduldig zuzuhören, was er zu sagen hatte. Es wird behauptet, er hätte seinen Begleitern erklärt: „Das ist eine große Idee, aber mit Juden kann man das nicht machen!“

Er meinte die Juden, die er kannte – die Mitglieder der weltweiten religiös-ethnischen Gemeinschaft. Herzl beabsichtigte, diese in eine moderne Nation zu verwandeln, so wie andere moderne Nationen Europas.

Herzl war kein tiefsinniger Denker. Er war Journalist und Dramatiker. Er – und seine Nachfolger – sahen die notwendige Umwandlung grundsätzlich nur als ein Problem der Logistik. Bringt die Juden nach Palästina, und alles wird automatisch Gestalt annehmen. Die Juden werden ein normales Volk, ein Volk wie andere Völker. Eine Nation unter Nationen.

ABER DIE Juden seiner Zeit waren weder ein Volk noch eine Nation. Sie waren etwas ganz anderes.

Während die jüdische Diaspora im Europa des 19. Jahrhunderts anomal war, war sie 2000 Jahre vorher völlig normal. Die groß angelegte Struktur jener Zeit war ein Netzwerk von Diasporas – autonome religiös-ethnische Entitäten, zerstreut in der „zivilisierten“ (mediterranen) Welt. Die herrschenden Großreiche – persisch, griechisch/hellenisch, römisch, byzantinisch, ottomanisch – erkannten sie als natürliche Struktur der Gesellschaft an.

Nationen im modernen territorialen Sinn waren damals unvorstellbar. Ein Jude in Jerusalem gehörte nicht zur selben Gesellschaft wie ein Hellenist in Cäsarea, nur wenige hundert Kilometer entfernt. Ein Christ in Alexandria konnte ein jüdisches Mädchen aus dem Nachbarhaus nicht heiraten, aber sie hätte einen Juden aus dem fernen Antiochien heiraten können.

Seit damals hat sich Europa viele Male verändert, bis die modernen Nationen auftauchten. Die Juden haben sich nicht verändert. Als Herzl nach einer Lösung der „Judenfrage“ suchte, waren sie noch immer dieselbe ethnisch-religiöse Diaspora.

Kein Problem, dachte er, wenn ich sie erst einmal nach Palästina bringe, werden sie sich ändern.

ABER EINE ethnisch-religiöse Gemeinschaft, die ein Jahrtausend als verfolgte Minderheit in feindseliger Umgebung lebt, nimmt eine eigene Mentalität an. Sie fürchtet die „goyische“ (nicht jüdische) Regierung, die Quelle unendlicher schlimmer Edikte. Sie sieht jeden außerhalb der Gemeinschaft als potentiellen Feind, wenn nicht das Gegenteil bewiesen wurde ( und selbst dann). Sie entwickelt ein intensives Gefühl von Solidarität mit Mitgliedern ihrer eigenen Gemeinschaft, selbst wenn sie tausend Meilen entfernt liegt und unterstützt sie durch dick und dünn, was immer sie auch tut. In ihrer hilflosen Situation träumten die Verfolgten von einem Tag der Rache, wenn sie in die Lage kommt, das anderen anzutun, was ihr angetan wurde.

All dies erfüllt ihr Weltbild, ihre Religion, ihre Traditionen, die von einer Generation zur anderen weitergegeben wurde. Wie Juden seit Jahrhunderten am Pessach-Abend Jahr um Jahr zu Gott gebetet haben: „Gieße aus deinen Zorn über die Goyim..“

Als die Zionisten anfingen, in Palästina anzukommen und eine neue Gemeinschaft gründeten, „Yishuv“ (Siedlung) genannt, schien es so , als hätte Herzl Recht gehabt. Sie begannen, sich so zu verhalten wie die Keimzelle einer wirklichen Nation. Sie verwarfen die Religion und verachteten die Diaspora. „Exiljude“ genannt zu werden, war die schlimmste Beleidigung. Sie nannten sich selbst lieber „hebräisch“, als „jüdisch“. Sie begannen, eine neue Gesellschaft und eine neue Kultur zu gründen.

Und dann geschah das Entsetzliche: der Holocaust.

Er brachte all die alten jüdischen Überzeugungen zurück. Nicht nur die Deutschen waren schuldig, sondern alle Nationen, die zusahen und keinen Finger rührten, um die Opfer zu retten. So wurde schließlich der alte Glaube wahr: die ganze Welt ist gegen die Juden, wir müssen uns verteidigen, egal was es kostet. Wir können uns nur auf uns selbst verlassen. Die Haltung des Yishuv gegenüber dem Judentum und der Diaspora war ein schrecklicher Fehler; wir müssen bereuen und alles annehmen, was wir erst gestern verachteten: die jüdische Religion, jüdische Traditionen, das jüdische Shtetl.

Der verstorbene Professor Yeshayahu Leibowitz, ein praktizierender Jude, sagte, dass die jüdische Religion vor 200 Jahren gestorben sei und dass das einzige, was die Juden noch in aller Welt verbindet, der Holocaust sei.

Gleich nach seiner Gründung wurde der Staat Israel der Holocaust-Staat. Aber wir sind nicht mehr ein hilfloses Ghetto – wir haben mächtige bewaffnete Kräfte, wir können tatsächlich andern antun, was andere uns antaten.

All die alten existentiellen Ängste, das Misstrauen, der Hass, die Vorurteile, die Stereotypen, die Opfermentalität, die Racheträume, die aus der Diaspora stammen, haben den Staat überlagert und schufen eine sehr gefährliche Mischung von Macht und Opfermentalität, Brutalität und Masochismus, Militarismus und die Überzeugung, dass die ganze Welt gegen uns sei. Ein Ghetto mit Atomwaffen.

KANN SOLCH ein Staat überleben und in der modernen Welt sich positiv entwickeln?

Europäische Nationalstaaten haben viele Kriege ausgefochten. Aber sie vergaßen nie, dass nach einem Krieg Frieden kommt, dass der Feind von heute sehr wohl der Verbündete von morgen sein kann. Nationalstaaten bleiben, aber sie werden wechselseitig immer abhängiger von einander, verbinden sich zu regionalen Strukturen und geben enorme Teile ihrer Souveränität ab.

Israel kann dies nicht tun. Öffentliche Meinungsumfragen zeigen , dass die große Mehrheit der Israelis glaubt, es gebe niemals Frieden. Weder morgen noch in hundert Jahren. Sie sind davon überzeugt, dass „die Araber“ darauf aus sind, uns ins Meer zu werfen. Sie sehen das mächtige Israel als Opfer, das von Feinden umgeben ist, während unsere „Freunde“ bereit sind, uns jederzeit einen Dolch in den Rücken zu stoßen. Sie sehen die ewige Besatzung der palästinensischen Gebiete und die Errichtung der Siedlungen überall in Palästina als eine Folge der arabischen Unnachgiebigkeit, nicht als seinen Grund. Sie werden mit blinder Solidarität von den meisten Juden in aller Welt unterstützt.

Fast alle israelischen Parteien, einschließlich der Hauptopposition, bestehen darauf, dass Israel als der „Nationalstaat des jüdischen Volkes“ anerkannt wird. Das bedeutet, dass Israel nicht den Israelis gehört (das bloße Konzept einer „israelischen Nation“ wird offiziell von unserer Regierung abgelehnt), sondern der weltweiten ethnisch-religiös-jüdischen Diaspora, die nicht gefragt worden ist, ob sie damit einverstanden ist, von Israel vertreten zu werden. Es ist die reine Negation eines realen Nationalstaates, der mit seinen Nachbarn in Frieden leben und sich einer regionalen Union anschließen kann.

ICH HABE mir nie Illusionen über die Größe der Aufgabe gemacht, die meine Freunde und ich uns vor Jahrzehnten auferlegt haben. Es geht nicht darum, diesen oder jenen Aspekt Israels, sondern des Staates selbst zu verändern.

Es ist weit mehr als eine politische Sache, die eine Partei durch eine andere zu ersetzen. Es ist sogar weit mehr, als Frieden mit dem palästinensischen Volk zu machen, die Besatzung zu beenden, die Siedlungen zu räumen. Man muss einen grundsätzlichen Wandel des nationalen Bewusstseins herbeiführen, das Bewusstsein eines jeden israelischen Mannes und einer jeden Frau.

Es ist gesagt worden: „man kann die Juden aus den Ghettos holen, aber nicht das Ghetto aus den Juden.“ Genau das ist es, was getan werden muss.

Kann es getan werden? Ich denke ja. Und sicher ich hoffe es.

Vielleicht benötigen wir einen Schock – einen positiven oder einen negativen. Der Besuch hier von Anwar Sadat 1977 kann als Beispiel für einen positiven Schock dienen, indem er noch während des Kriegszustandes nach Jerusalem kam. Er veränderte übernacht das Bewusstsein der Israelis. Auch das Händeschütteln von Rabin und Arafat auf dem Rasen des Weißen Hauses 1993 bewirkte dies. In negativer Weise bewirkte dies der Yom-Kippur-Krieg genau vor 38 Jahren, der Israel zu tiefst erschütterte. Aber dies waren kleine, kurzzeitige Schocks im Vergleich zu dem, den wir nötig haben.

Ein zweiter Herzl könnte vielleicht solch ein Wunder bewirken – gegen alle Chancen. Mit Worten des ersten Herzl: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen.“

Uri Avnery

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Rachel

Erstellt von Gast-Autor am 9. Juni 2011

Rachel

Rachel Avnery

von Uri Avnery. Uris Frau Rachel ist verstorben.

ICH HATTE das unverdiente Glück, 58 Jahre lang mit Rachel Avnery zusammen zu leben. Am Samstag, den 21. Mai nahm ich Abschied von ihr. Sie war im Tode genau so wunderbar, wie sie es im Leben war. Ich konnte meine Augen nicht von ihr wenden.

Ich schreibe dies, um mir zu helfen, das Unannehmbare anzunehmen. Ich bitte um Nachsicht.

WENN EIN Mensch mit einem Wort gekennzeichnet werden könnte, dann war es bei ihr: Empathie.

Sie hatte eine unheimliche Fähigkeit, die Gefühle anderer nachzuempfinden. Ein Segen und ein Fluch. Wenn jemand unglücklich war, so war sie es auch. Keiner konnte seine innersten Gefühle vor ihr verbergen.

Ihre Empathie berührte jeden, den sie traf. Sogar noch in den letzten Monaten. Ihre Pflegerinnen erzählten ihr bald ihre Lebensgeschichten.

Einmal gingen wir uns einen Film ansehen, der in einer kleinen slowakischen Stadt während des Holocaust spielte. Eine einsame, alte Frau verstand nicht, was geschah, als Juden zusammengetrieben wurden, um in die Todeslager deportiert zu werden, Nachbarn mussten ihr helfen, zum Sammelpunkt zu kommen.

Wir kamen spät und fanden im Dunkeln noch Plätze. Als das Licht am Ende anging, stand Menachem Begin direkt vor uns auf. Seine rot geweinten Augen trafen sich mit Rachels Augen. Seine Umgebung vergessend, ging Begin direkt auf sie zu, nahm ihren Kopf in seine Hände und küsste sie auf die Stirn.

IN VIELERLEI Hinsicht ergänzten wir einander. Ich neige zu abstraktem Denken, sie zu emotionaler Intelligenz. Ihre Weisheit schöpfte sie aus dem Leben. Ich bin introvertiert; sie ging auf die Menschen zu, obwohl sie ihre Privatsphäre schätzte. Ich bin ein Optimist; sie war eine Pessimistin. In jeder Situation sah ich positive Chancen; sie sah die Gefahren. Ich stand jeden Morgen fröhlich auf, bereit für die Abenteuer eines neuen Tages; sie stand spät auf mit dem Gefühl, dass der Tag nicht gut sein würde.

Unser persönlicher Hintergrund war sehr ähnlich: in Deutschland in jüdisch-bürgerliche, intellektuelle Familien geboren, die an Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit glaubten, verbunden mit einem tiefen Pflichtbewusstsein. Rachel hatte all dies in Hülle und Fülle. Sie hatte einen fast fanatischen Gerechtigkeitssinn.

Die ersten Wörter die Rachel je sprach, nachdem ihre Familie vor der Gestapo nach Capri geflohen war, waren „Mare schön“ italienisch für Meer, schön auf deutsch.

Sie hat niemals Deutsch lesen oder schreiben gelernt, hat die Sprache aber perfekt von ihren Eltern sprechen gelernt – sie korrigierte sogar meine grammatikalischen Fehler im Deutschen.

Rachel fehlte – leider – die preußische Pünktlichkeit. Das war eine ständige Quelle für Auseinandersetzungen zwischen uns. Ich fühle mich physisch unwohl, wenn ich nicht pünktlich bin. Rachel war immer, aber auch immer, zu spät.

DREIMAL TRAF ich sie zum ersten Mal.

1945 gründete ich eine Gruppe, um die Idee einer neuen hebräischen Nation zu propagieren, die ein Bestandteil der semitischen Region ist, wie die arabische Nation. Da wir zu arm waren, um ein Büro zu mieten, trafen wir uns in den Wohnungen von Mitgliedern.

Bei solch einem Treffen kam ein 14jähriges Mädchen herein, um zuzuhören. Sie war die Tochter des Vermieters. Ich bemerkte nebenbei, dass sie sehr hübsch ist.

Fünf Jahre später traf ich sie wieder, als ich eine bekannte Zeitschrift herausgab, mit der ich alles verändern wollte, einschließlich Werbung: Mädchen anstelle des damals gewöhnlich langweiligen Textes.

Wir brauchten für eine Anzeige ein hübsches Mädchen. Aber es gab keine professionellen Models im neuen Staat. Einer meiner Mitarbeiter hatte eine Theatergruppe. Er stellte mich einem Mitglied dieser Gruppe mit Namen „Rachel“ vor.

Wir machten ein paar Fotos am Strand, und ich nahm sie auf meinem Motorrad mit nach Hause. Wir fielen in den Sand und lachten nur.

Beim dritten Mal war es im selben experimentellen Theater. Dort erschien sie wieder, und irgendwann versuchte sie, mein Alter zu erraten und versprach für jedes falsch geschätzte Jahr einen Kuss. Sie tippte auf fünf Jahre zu jung und wir machten einen Termin aus, um das Versprechen zu erfüllen.

Wir verabredeten uns von Zeit zu Zeit. Einmal sollte ich sie um Mitternacht in einem Cafe treffen. Als ich nicht ankam, ging sie, um mich zu suchen. Sie fand eine Menge Leute vor meinem Büro. Es wurde ihr gesagt, ich sei im Krankenhaus. Einige Soldaten hätten mich angegriffen und mir alle Finger gebrochen.

Ich war hilflos. Rachel bot sich an, mir für einige Tage zu helfen. Sie dauerten 58 Jahre.

Wir fanden, dass wir zusammenleben könnten. Da wir religiöse Hochzeiten verachteten (zivile Hochzeiten gibt es in Israel nicht), lebten wir fünf Jahre in „wilder Ehe“. Dann wurde ihr Vater schwerkrank. Um ihn zu beruhigen, heirateten wir in Eile in der privaten Wohnung eines Rabbiners. Wir liehen uns die Zeugen einer andern Hochzeit aus und den Ring von der Frau des Rabbiners.

Es war das erste und letzte Mal, dass wir einen Ring trugen.

58 JAHRE LANG las sie vor der Veröffentlichung jedes Wort, das ich schrieb. Das war nicht einfach. Rachel hatte strenge Prinzipien und hielt sich an sie. Einige meiner Seiten waren voll roter Korrekturen. Zuweilen hatten wir ernste Diskussionen, aber am Ende gab einer nach – gewöhnlich ich. Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen wir uns nicht einig werden konnten, schrieb ich, was ich wollte (und bedauerte es mehr als einmal).

Sie strich alle persönlichen Angriffe aus, die sie als ungerecht empfand. Auch Übertreibungen.

Jede logische Schwäche – sie fand jeden Widerspruch, der mir entgangen war. Sie verbesserte mein Hebräisch. Aber meistens fügte sie das Zauberwort „fast“ hinzu.

Ich neigte zum Verallgemeinern. „Alle Israelis wissen…“, „Politiker sind zynisch…“ – Sie veränderte dies in „Fast alle Israelis …“,“ die meisten Politiker sind …“ Wir scherzten, dass sie meine Artikel mit „fast“ bestreute, wie ein Koch Salz über die Suppe streut.

Sie schrieb nie selbst einen Artikel. Noch gab sie Interviews. Auf solche Fragen hin antwortete sie: „Wofür habe ich denn einen Sprecher geheiratet?“

IHR WIRKLICHES Talent lag wo anders. Sie war die perfekte Lehrerin, eine Berufung, die sie 28 Jahre lang ausübte.

Dazu kam es fast durch Zufall: als sie in der Armee diente und einen Lehrkurs absolvierte.

Bevor der Kurs zu Ende war, wurde sie praktisch von einem Grundschulleiter gekidnappt. Lange, bevor sie ihre Lehrprüfung abgeschlossen hatte, war sie eine Legende. Eltern mit Verbindungen ließen ihre Beziehungen spielen, um ihre Kinder in ihre Klasse zu bekommen. Es gab einen Witz, dass Mütter ihre Schwangerschaft so planten, dass das Kind dann sechs Jahre alt sein würde, wenn Rachel wieder in der ersten Klasse unterrichtete. (Sie war nur einverstanden, die erste und zweite Klasse zu unterrichten – als letzte Chance, den Charakter eines Kindes zu formen.)

Ihre Schüler schlossen Kinder von berühmten Künstlern und Literaten ein. Vor kurzem rief uns ein Mann mittleren Alters auf der Straße zu: „Lehrerin Rachel, ich war ihr Schüler in der ersten Klasse, ich verdanke Ihnen alles!“

Wie machte sie das? Indem sie die Kinder wie Menschen behandelte und bei ihnen die Selbstachtung entwickelte. Wenn ein Junge nicht lesen konnte, gab sie ihm den Auftrag, für Ordnung im Klassenzimmer zu sorgen. Wenn ein Mädchen von hübscheren Klassenkameradinnen zurückgewiesen wurde, war sie in einem Spiel die gute Fee. Sie war glücklich, wenn sie sah, dass die Kinder wie Blumen in der Sonne aufblühten. Sie verbrachte Stunden damit, rückständigen Eltern zu erklären, was ihre Kinder benötigten.

Während der Schulferien sehnten sich ihre Kinder in die Schule zurück.

ES WAR ihr Ziel, ihren Schülern menschliche Werte einzuflößen.

Da gab es die Geschichte von Abraham und dem Begräbnisplatz für Sarah. Ephron, der Hittiter weigerte sich, Geld anzunehmen. Abraham aber bestand darauf zu bezahlen. Nach einem langen und wunderbaren Wortwechsel bringt Ephron dies zu Ende und sagt: „Dieses Land ist 400 Silberschekel wert. Was ist das aber zwischen mir und dir?“ (Genesis 23) Rachel erzählte den Kindern, dass dies heute noch so bei den Beduinen sei, wenn sie Geschäfte abschließen; es führt zu einem Handel auf zivilisierte Weise.

Nach dem Unterricht fragte Rachel die Lehrerin der Parallelklasse, wie sie diese Episode ihren Schülern erklärte. „Ich sagte ihnen, dass dies eine typisch arabische Heuchelei sei. Sie werden alle als Lügner geboren. Wenn er Geld wollte, warum sagte er es dann nicht gleich?“

Ich möchte denken, dass alle Kinder in Rachels Klassen – oder fast alle – bessere Menschen geworden sind.

Ich verfolgte ihre pädagogischen Experimente, und sie meine journalistischen und politischen Abenteuer. Grundsätzlich versuchten wir dasselbe: sie erzog Individuen, ich die Allgemeinheit.

NACH 28 JAHREN hatte Rachel das Gefühl, dass sie nicht mehr so wirken konnte, wie sie wollte. Sie glaubte, ein Lehrer solle nicht weitermachen, wenn sein Eifer nachgelassen habe.

Der letzte Anstoß kam, als ich 1982 die Frontlinie im belagerten Beirut überquert hatte und mich mit Yasser Arafat traf. Es war eine Weltsensation. Mit mir waren zwei junge Frauen meines Redaktionsstabes, eine Korrespondentin und eine Fotografin. Rachel fühlte sich bei einem der aufregendsten Ereignisse meines Lebens ausgeschlossen und entschied sich, die Richtung zu ändern.

Ohne es mir zu sagen, nahm sie an einem Fotokurs teil. Wochen später legte man mir Fotos für eine Reportage vor. Ich wählte die besten aus – und es stellte sich heraus, dass das die Ihrigen waren. Das Geheimnis war gelüftet. Sie wurde eine begeisterte Fotografin mit einem bemerkenswerten kreativen Talent – immer auf die Menschen konzentriert.

ALS ANFANG 1993 Yitzhak Rabin 215 islamische Aktivisten über die Libanongrenze deportierte, wurden gegenüber seinem Büro Protestzelte aufgestellt. Wir zelteten dort 45 Wintertage und -nächte. Rachel, die einzige Frau, war die ganze Zeit dabei. Es entstand eine wunderbare Freundschaft zwischen ihr und dem extremsten islamischen Sheikh Raed Salah. Er hatte große Achtung vor ihr. Sie scherzten miteinander.

In diesen Zelten gründeten wir Gush Shalom. Für sie war die Ungerechtigkeit, die man den Palästinensern antat, unerträglich.

Sie war die Fotografin all unserer Veranstaltungen. Sie machte Bilder von Hunderten unserer Demonstrationen, lief rund herum, machte Schnappschüsse von vorne und hinten, manchmal in Wolken von Tränengas – obwohl ihr Arzt sie davor warnte. Zweimal brach sie in der brennenden Sonne zusammen, während wir schwieriges Terrain überquerten, um gegen die Mauer zu protestieren.

Als Gush Shalom einen Finanzmanager benötigte, meldete sie sich freiwillig. Obwohl es ganz gegen ihre Natur war, wurde sie eine peinlich genaue Verwalterin mit preußischem Pflichtbewusstsein und arbeitete am Küchentisch bis spät in die Nacht. Sie bevorzugte aber ihre inoffizielle Funktion – den menschlichen Kontakt mit den Aktivisten zu halten, ihren Problemen zuzuhören. Sie war die Seele der Bewegung.

SIE KONNTE auch sehr aggressiv sein. Sie war weit davon entfernt, ein blauäugiger Weltverbesserer zu sein, so verabscheute sie Lügner, Heuchler und Leute, die Übles taten.

Sie mochte Ariel Sharon nicht, auch nicht während der Jahre, als wir einander besuchten und über den 1973er Krieg sprachen.

Lili Sharon liebte sie und Arik auch. Es gibt ein Foto von ihm, wo er sie mit seiner Lieblingsspeise fütterte ( Essen war für sie unwichtig) Rachel ließ mich nie jemanden dies Foto zeigen. Nach dem Libanonkrieg brachen wir die Verbindung ab.

Einmal bemerkte mich Dov Weissglas, Sharons Vertrauter, in einem Restaurant, kam zu mir, um mir die Hand zu reichen. Rachel mochte ihn gar nicht, wegen seiner gehässigen Bemerkungen über die Palästinenser. Rachel ließ seine Hand in der Luft. Peinlich.

Wenn sie Menschen liebte, zeigte sie es. Sie mochte Yassir Arafat,und er liebte sie. Wir besuchten ihn mehrmals in Tunis und später in Palästina. Und er behandelte sie mit äußerster Höflichkeit, erlaubte ihr, ihn nach Belieben zu fotografieren, überschüttete sie mit Geschenken. Einmal schenkte er ihr eine Halskette und bestand darauf, sie ihr selbst umzulegen. Doch mit seinen schlechten Augen fummelte er lange Zeit herum. Es war ein wunderbarer Anblick. Aber sein offizieller Fotograf reagierte nicht. Rachel war wütend.

Als wir als menschliches Schutzschild für den in seinem Ramallahsitz belagerten Arafat dienten, küsste er sie auf die Stirn und führte sie an der Hand zum Ausgang.

NUR WENIGE Leute wussten, dass sie eine unheilbare Krankheit – Hepatits C – hatte. Diese lag wie ein schlafender Leopard an ihrer Türschwelle. Sie wusste, dass er jede Minute aufwachen und sie verschlingen konnte.

Die ungeklärte Infektion wurde vor mehr als 20 Jahren entdeckt. Jeder Arzttermin hätte ein Todesurteil sein können. Vor fünf Monaten brach sie zusammen. Es gab vorher viele Anzeichen, die ich ignorierte, die sie aber klar sah.

Während dieser fünf Monate verbrachte ich jede Minute mit ihr. Jeder einzelne Tag war ein Geschenk für mich, obwohl sie immer tiefer sank. Wir wussten es beide, gaben aber vor, es sei alles in Ordnung.

Sie hatte keine Schmerzen, aber immer größere Schwierigkeiten zu essen, sich zu erinnern und gegen das Ende auch zu sprechen. Es war herzzerreißend, zu sehen, wie sie um Worte kämpfte. Zwei Tage lang lag sie im Koma und dann schlief sie, ohne das Bewusstsein wieder zu erlangen, ohne Schmerzen ein.

Sie bestand darauf, dass nichts getan wird, um ihr Leben künstlich zu verlängern. Es war ein schrecklicher Augenblick, als ich die Ärzte bat, mit allen Bemühungen aufzuhören und sie sterben zu lassen.

Auf ihren Wunsch hin wurde ihr Körper – gegen die jüdische Tradition – eingeäschert. Ihre Asche wurde an Tel Avivs Küste im Meer verstreut – gegenüber dem Fenster, wo sie so oft zum Meer hinausgeschaut hatte. So die Worte von William Wordsworth, den sie liebte und oft zitierte:

But she is in her grave,

and ohthe difference to me.”

EINMAL, in einem Moment der Schwäche, der von einem Filmemacher ausgenützt wurde, beklagte sie sich, dass ich nie gesagt hätte, „Ich liebe dich“. Das stimmt. Ich finde diese drei Wörter unverbesserlich banal, vom Hollywood-Kitsch entwertet. Sicher entsprechen sie nicht meinen Gefühlen ihr gegenüber – sie war ein Teil von mir geworden.

Als sie das Bewusstsein verlor, flüsterte ich: „Ich liebe dich“. Ich weiß nicht, ob sie es noch hörte.

Nachdem sie gestorben war, saß ich noch eine Stunde lang und betrachtete ihr Gesicht. Sie war wunderschön.

Ein deutscher Freund sandte mir ein deutsches Sprichwort, das ich merkwürdig tröstlich finde:

„Seid nicht traurig, dass sie von uns ging,

 freut euch, dass wir so lange mit ihr zusammenleben durften.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs., vom Verfasser autorisiert)

Übernommen mit der Genehmigung von Uri Avnery

IE

Im Namen von DL und allen Lesern sprechen wir unsere Anteilnahme aus.

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