DEMOKRATISCH – LINKS

                      KRITISCHE INTERNET-ZEITUNG

RENTENANGST

Kleineres/geringeres Übel

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Mai 2017

Das kleinere / geringere Übel

Autor Uri Avnery

WER WIRD bei den nächsten Wahlen in den USA gewinnen?

Ich weiß es ziemlich sicher. Es ist nicht nötig, die öffentlichen Meinungsumfragen, das moderne Equivalent der römischen Interpreten tierischer Eingeweide und die moderneren Leser des Kaffee-Satzes fragen. Die Umfragen sind nicht weniger genau.

Der Gewinner wird die PLE – die Partei des kleineren Übels sein, in diesem Fall, der Kandidat des kleineren Übels.

Die Leute werden nicht für jemand wählen, sondern gegen jemand.  Gegen das größere Übel.

Dies ist ein weltweites Phänomen. In fast allen demokratischen Ländern gewinnt das geringere Übel.

SEIT DER Gründung des Staates Israel, 1948, hatten wir 20 Wahlen für das Parlament. Das Parlament (die Knesset) wählte damals die Regierungen.

Bei fünf dieser Wahlen stimmte ich für mich – in drei von ihnen stimmte ich für eine Partei, die von mir geleitet wurde, in einer Partei, in der ich zu den eröffnenden drei gehörte und in einer für eine Liste, in der ich den ehrenvollen120. Platz einnahm.

In allen 15 anderen Wahlen stimmte ich für die PLE – die Partei, die ich für das geringere Übel betrachtete.

Nicht für eine Partei, die ich liebte. Nicht für eine Partei, die ich bewunderte. Nicht für eine Partei, die ich für gut ansah. Solch eine Partei gibt es nicht. Also wählte ich eine Partei, von der ich glaubte, sie würde am wenigsten den Staat und das Ziel belasten, was ich als vorrangig betrachtete: Frieden mit dem palästinensischen Volk und der ganzen arabischen und muslimischen Welt.

Der Auswahl-Prozess ist ganz einfach. Man schreibt vor sich die Namen der Partei-Listen: in Israel gewöhnlich zwischen 10 und 20. Dann streicht man die Schlechteste. Und so weiter – bis nur eine übrig bleibt.

Sicher klingt dies nicht sehr aufregend. Man verlässt das Wahllokal nicht in guter Stimmung, um in der Straße zu tanzen. Aber man hat seine bürgerliche Pflicht in sensibler Weise erfüllt.

MAN KANN sich natürlich dafür entscheiden, überhaupt nicht zu wählen. Man sagt rechtschaffen zu sich selbst: es sind doch alle gleich, sie sind alle schlecht, eine rechtschaffene Person wie ich, kann nicht mit gutem Gewissen für einen von ihnen stimmen.

In Wirklichkeit ist das eine sehr schlechte Entscheidung. Wenn man nicht für das geringere Übel stimmt, stimmt man in Wirklichkeit für das allgemein bekannteste Übel.

Dasselbe gilt für das amerikanische System. Für einen dritten Wahl-Kandidaten, für jemanden, der keine Chance hat zu gewinnen, auch wenn er oder sie freundlich sein mögen, ist schlecht/ nicht gut. Dies gibt einem wohl ein gutes Gefühl. Aber in Wirklichkeit bedeutet dies, seine wertvolle Stimme wegzuwerfen. Es ist – falls du mich entschuldigst – eine Art politischer Onanie.

WAS DIE Systeme betrifft, bin ich immer ein handfester Verteidiger des israelischen Systems der proportionalen Vertretungen gewesen. Die Bürger wählen für eine Partei-Liste. Ehrlich gesagt profitierte ich davon, da keine, die ich leitete jemals mehr als 2% erreichte. In jener Zeit war das Minimum 1%.

Doch wenn ich mir jetzt das System im Rückblick ansehe, bin ich mir nicht mehr sicher. Es tendiert dahin, die Knesset mit „nobodys“ zu füllen. Praktisch ernennt der Parteiführer alle Kandidaten, die auf der Liste erscheinen und er füllt sie mit Leuten, auf die er sich bedingungslos verlassen kann.

Der konsequenteste Praktiker ist Avigdor Lieberman, der bei jeder Wahl alle Knesset-Mitglieder seiner „Israel ist unser Heim“-Partei hinauswirft und die Liste mit neuen Personen füllt, die natürlich total von ihm abhängig sind. In den zwei größten Parteien gibt es Vorwahlen, das Ergebnis ist ähnlich,

Dieses System ist jetzt degeneriert bis zum Punkt keiner Rückkehr.

In Wirklichkeit wählen die Bürger einen Parteiführer. Viele der anderen gegenwärtigen Knesset-Mitglieder verbringen ihre Zeit mit wilden Bemühungen, die öffentliche Aufmerksamkeit mit immer monströseren „Initiativen“ auf sich zu ziehen. Sie sind nur ihrem Parteiführer verantwortlich.

Jetzt bevorzuge ich das britische System. Dort ist das Land in Wahldistrikte aufgeteilt; jeder Distrikt wählt ein Parlamentsmitglied. Das Mitglied bleibt den Wählern und seines oder ihres Distrikts verantwortlich. Er/sie muss seine/ihre Hoffnungen, wenn er wieder gewählt werden will, erfüllen.

Es stimmt, auch diesen Wahlsystem hat einen großen Fehler: Der Sieger nimmt alles, alle Stimmen, die andere Kandidaten verloren haben. 45% der Wähler oder mehr könnten ohne Vertretung bleiben.

ZURÜCK ZUR gesegneten ?? USA. Dort ist das Wahlsystem ganz anders.

Die Wähler wählen indirekt einen Präsidenten – der Erbe der britischen absoluten Monarchie, die das ganze Land beherrschte, bevor die Republik gegründet wurde. Die amerikanischen Präsidenten haben immense Macht. Alle anderen demokratischen Präsidenten und Ministerpräsidenten aus aller Welt können sie nur beneiden.

In diesen Wahlen gibt es nur zwei Kandidaten. Die amerikanischen Wähler müssen zwischen ihnen wählen. Alles andere ist Unsinn.

Bei den bevorstehenden Wahlen ist weder der eine noch die andere sehr attraktiv. Die Amerikaner konnten Abraham Lincoln verehren, Franklin Delano Roosevelt bewundern, John F. Kennedy und seine Frau lieben. Die gegenwärtigen Kandidaten zeigen keine solchen Gefühle.

Für die meisten vernünftigen Bürger ist es eine Frage des „geringeren Übels“. Wenn beide schlecht sind, wer ist der Schlimmere?

Für mich, einen Bürger eines anderen Landes, ist dies überhaupt keine Frage.

Zuerst abgesehen von Ansichten des Charakters, besteht die Frage der Erfahrung. Ich frage mich, hat es jemals einen Kandidaten für die Präsidentschaft gegeben, der nie ein öffentliches Amt geleitet hat. Weder als Vice-Präsident noch als Gouverneur , oder als Senator oder Vertreter, noch als Hundefänger.

Politik ist ein Beruf. Sicherlich kein sehr schöner, aber immerhin ein Beruf. Man lernt, wie Dinge laufen. Wie man Ziele erreicht. Wie man das System manipuliert, um seine Ideale voranzubringen. Die Idee, dass man in wenigen Minuten von einem Privatmann zu einem ziemlich erfolgreichen – ja, zum mächtigsten Staatsmann in der Welt werden kann, ist grotesk.

Schlechte Erfahrung ist besser als keine Erfahrung. Von einer schlechten Erfahrung kann man lernen. Von nichts kann man kann man nichts lernen.

Wenn dies klar ist, können wir versuchen, die Kandidaten zu analysieren.

Hillary Clinton hat keinen Charme. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bei einem Essen neben ihr sitzen möchte. Aber sie ist kompetent. Sie hat mehr frühere Erfahrungen als die meisten Kandidaten in der Geschichte. Sie ist mehr oder weniger eine normale Politikerin. Gut genug.

Dieses email-Geschäft ??? scheint mir weit übertrieben. ??? Sicher ist es stupid/ töricht. Aber es gibt keine Chance, dass sie dies wiederholen würde. Die Obsession der amerikanischen Öffentlichkeit wird diesen Artikel/ Gegenstand scheint mir seltsam. Ich verstehe das Verhalten des FBI-Direktors. Solche Leute gehören fast immer zur extremen Rechten.

SEIT EWIGKEITEN haben Juden nach jeder Diskussion gefragt: „Ist es gut für die Juden?“ Heute mögen Israelis eine ähnliche Frage stellen: „Ist er oder sie gut für Israel?“

Nun, das hängt davon ab, was man denkt, was gut für Israel sei. Bedingungslose Unterstützung für eine israelische Regierung, die uns in einen nationalen Selbstmord führt oder Unterstützung für einen israelisch-palästinensischen Frieden, wie meine Freunde und ich glauben?

Falls die erste Antwort richtig ist, sind beide Kandidaten annehmbar. Nach dem unglaublich korrupten amerikanischen Wahlsystem benötigen beide immense Summen Geld, um ihre Wahlkampagnen zu finanzieren. Aus mehreren Gründen sind jüdische Milliardäre in der Lage, mehr als andere zu geben.

Trump empfängt riesige Summen vom jüdischen Kasino-Besitzer Sheldon Adelson, der Benjamin Netanjahu zu seinem wertvollsten Besitz gehört. Israels größte Tageszeitung, die Adelson gehört und für nichts/ ohne Kosten verteilt wird, ist Netanjahu persönlich gewidmet.

Clintons fünf führende Milliardäre sind jüdisch. Sie wird sich sicher an Barak Obamas Aktionslinie, hinsichtlich jeder Aktion des Nah-Östlichen Friedens (wenigstens bis jetzt) halten.

Falls dies antisemitisch klingt, so ist es dies. Als ich vor kurzem einem Ausländer die totale Unterwerfung des amerikanischen Kongresses unter die israelische Regierung erklärte, sagte er bestürzt:„ aber das ist ja wie in den „Protokollen der Weisen zu Zion“ geschrieben!“

So ist es. Dieses widerliche Dokument, das von der Geheimpolizei des Zaren vor mehr als hundert Jahren verfasst/gefälscht wurde, erzählt von einer jüdischen Verschwörung, die die Welt des Geldes beherrscht. Nun kontrollieren jüdische Geldgeber beide Kandidaten für den Präsidenten der führenden Macht der Welt.

Aus irgendeinem Grund unterstützen all diese Milliardäre die gegenwärtige israelische Politik, von der ich glaube, dass sie uns in die Katastrophe führt. Mit dieser Ansicht gibt es nicht viel, das die beiden unterscheidet.

ALLES IN ALLEM scheint mir Hillary Clinton eine akzeptable, wenn auch nicht ideale Kandidatin zu sein.

So ist es nicht bei Donald Trump. Falls er nicht existieren würde, würde es unmöglich sein, sich ihn vorzustellen.

Wir wissen jetzt, dass er ein Rassist, ein Hasser der Schwarzen und der Latinos ist, ein Frauenhasser, ein Hasser der Schwulen, alles in allem, eine garstige Person.

Er scheint, keine Weltanschauung zu haben, keine erkennbare Anlage auf Werte.

Er ist ein natürlicher Entertainer. Ich gebe zu, dass ich jetzt seit Wochen, wann immer ich die Morgenzeitung in die Hände nehme, das erste, wonach ich schaue, die letzte Trump-Kapriole ist.

Er mag ein hervorragender Geschäftsmann zu sein. Es wird ihm nachgesagt, dass er schon mehrfach bankrottging. Aber das mag eine kluge Geschäftstaktik sein. (Ein jiddischer Scherz spricht von zwei Juden, die ein Partnerschaftsabkommen aufsetzen und einer von ihnen fügt hinzu „im Fall eines Bankrotts verlangt er eine Klausel, dass der Profit gleichmäßig geteilt wird.)

Aber ein Geschäft zu führen, ist etwas völlig anderes, als ein Land zu führen. Und zwar nicht irgendein Land. Geschäfte führen keine Kriege. Geschäfte haben keine nuklearen Waffen.

Trump könnte ein guter Präsident werden, ein pragmatischer Innovator. Aber das Risiko ist viel zu groß. Eine Stimme für Trump könnte eine weltweite Katastrophe verursachen, die auch uns verschlingen könnte.

Wenn du/ man ein amerikanischer Bürger bist, bitte, wähle/wählt das geringere Übel.

Zusatz in letzter Minute: Selbst wenn diese Dinge nicht existieren, gibt es für mich einen Grund, der trumpft alle Trumps.

Ein Geräusch/ ein Laut, einen Klang . Ein Geräusch, das ich seit meiner Kindheit in meinen Ohren trage: Das Geräusch einer hysterischen Menge, die nach jedem Satz des Führers Beifall schrie.

Nicht noch einmal!

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser …..

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Abu-Mazens Bilanz

Erstellt von DL-Redaktion am 23. April 2017

Abu-Mazens Bilanz

Autor : Uri Avnery

MAHMOUD ABBAS war bei meinem ersten Treffen mit Yasser Arafat während der Belagerung von Beirut im Ersten Libanonkrieg nicht anwesend. Man sollte sich daran erinnern, dass dies das allererste Treffen war, das je zwischen Arafat und einem Israeli stattgefunden hat.

Einige Monate später, im Januar 1983, wurde ein Treffen zwischen Arafat und der Delegation des “Israelischen Rats für den israelisch-palästinensischen Frieden“ arangiert, die aus dem General a.D. Matti Peled, dem ehemaligen Generaldirektor des Finanzministeriums, Yaakov Arnon, und mir bestand.

Am Flughafen in Tunis bat uns ein PLO-Funktionär, vor unserer Zusammenkunft mit Arafat Abbas zu treffen. Abbas war für die Beziehungen mit den Israelis zuständig. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich von ihm nur über die zwei Senior-PLO-Mitglieder gehört, mit denen ich geheime Gespräche geführt hatte, Said Hamami (der ermordet wurde) und Issam Sartawi (der ermordet wurde).

Mein erster Eindruck von Abu Mazen (der Kriegsname von Abbas) war, dass er völlig anders war als Arafat, in der Tat, das genaue Gegenteil von ihm. Arafat war ein warmherziger, schillernder, extrovertierter, berührender, umarmender Mensch. Abbas hingegen ist kühl, introvertiert, sachlich. (Mazen bedeutet im Übrigen “Bilanz” auf Hebräisch)

Arafat war der perfekte Führer einer nationalen Befreiungsbewegung und achtete darauf, so auszusehen. Er trug stets eine Uniform. Abbas glich dem Direktor eines Gymnasiums und trug stets einen europäischen Anzug.

ALS ARAFAT die Fatah am Ende der 1950-er Jahre in Kuwait gründete, war Abbas einer der Ersten, die sich anschlossen. Er ist einer der “Gründer”.

Das war nicht leicht. Fast alle arabischen Regierungen lehnten die neu gegründete Gruppe ab, die behauptete, für das palästinensische Volk zu sprechen. Zu der Zeit behauptete jede arabische Regierung, die Palästinenser zu repräsentieren und versuchte, die palästinensische Sache für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Arafat und sein Volk nahmen ihnen diese Möglichkeit. Aus diesem Grund wurden sie in fast der gesamten arabischen Welt verfolgt.

Nach diesem ersten Treffen mit Abbas, traf ich ihn bei all meinen Besuchen in Tunis. Ich beriet mich zunächst mit Abbas, indem wir Pläne für eventuelle Aktionen diskutierten, um den Frieden zwischen unseren beiden Völkern zu fördern. Wenn wir mögliche Initiativen vereinbart hatten, pflegte Abbas zu sagen: “Nun werden wir diese dem “Rais” (Führer) übermitteln.”

Wir gingen in Arafats Büro und präsentierten die Vorschläge, die wir erarbeitet hatten. Kaum hatten wir sie vorgetragen, pflegte Arafat ohne die geringste Verzögerung “Ja” oder “Nein!” zu sagen. Ich war jedes Mal beeindruckt von seiner schnellen Auffassungsgabe und seiner Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. (Einer seiner palästinensischen Gegenspieler sagte mir einmal: „Er ist der Führer, weil er der Einzige ist, der genügend Mut besitzt, Entscheidungen zu treffen.“)

In der Gegenwart von Arafat, war Abu-Mazens Platz klar: Arafat war der Führer, der Entscheidungen traf, Abbas war ein Ratgeber und Assistent, wie all die anderen “Abus” – Abu Jihad (der ermordet wurde) Abu-Iyad (der ermordet wurde) und Abu-Alaa (der noch lebt).

Bei einem meiner Besuche in Tunis wurde ich um einen persönlichen Gefallen gebeten: Abbas ein Buch über den Kasztner-Prozess mitzubringen. Abu-Mazen schrieb gerade eine Dissertation für eine Universität in Moskau über die Kooperation zwischen Nazis und Zionisten, ein Thema, das zu Zeiten der Sowjetunion sehr populär war. (Israel Kasztner war ein Zionisten-Funktionär, als die Nazis in Ungarn einfielen. Er versuchte, Juden zu retten, indem er mit Adolf Eichmann verhandelte.)

ARAFAT SANDTE Abbas nicht nach Oslo, weil Abbas bereits zu bekannt war. Stattdessen sandte er Abu-Alaa, den unbekannten Finanzexperten der PLO. Die gesamte Operation wurde von Arafat initiiert, und ich vermute, Abbas hatte seinen Teil dazu beigetragen. In Israel gab es eine Auseinandersetzung zwischen Yitzhak Rabin, Shimon Peres (der diese Woche verstarb) und Yossi Beilin darüber, wem der Ruhm gebührte. Aber die Oslo-Initiative kam damals von der palästinensischen Seite. Die Palästinenser initiierten sie, die Israelis reagierten (Das erklärt übrigens die traurige Geschichte des Oslo-Abkommens).

Wie ich bereits in meinem vorherigen Artikel betont habe, wollte das Nobelpreis-Komitee den Friedenspreis Arafat und Rabin verleihen. Aber Peres Freunde in aller Welt setzten Himmel und Hölle in Bewegung, so dass das Komitee Peres mit auf die Liste setzte. Die Gerechtigkeit verlangte, dass auch Abbas den Preis hätte erhalten müssen, da er das Abkommen zusammen mit Peres unterschrieben hatte, aber die Nobelstatuten erlauben nur drei Preisträger. So wurde Abbas der Preis nicht verliehen. Das war eine eklatante Ungerechtigkeit, aber Abbas schwieg.

Als Arafat nach Palästina zurückkehrte, wurden alle Festivitäten nur für ihn abgehalten. An diesem Abend, als ich mir meinen Weg durch die aufgeregten Massen rund um Arafats vorübergehendes Hauptquartier im Hotel Palästina bahnte, war Abbas nirgendwo zu sehen.

Danach blieb Abbas im Schatten. Augenscheinlich bekam er andere Aufgaben und war nicht länger für Kontakte mit Israelis zuständig. Ich sah Arafat oftmals und diente zweimal als “menschliches Schutzschild” in seinem Ramallah-Büro, als Ariel Sharon sein Leben bedrohte. Ich sah Abbas nur zwei oder drei Male (ich erinnere mich an ein Bild: Einmal, als Arafat darauf bestand, die Hände meiner Frau Rachel und meine zu ergreifen und uns zum Eingang des Gebäudes zu führen, lief uns Abbas über den Weg. Wir schüttelten die Hände, tauschten Höflichkeiten aus, und das war es dann.)

Rachel und Abbas waren gleichaltrig und hatten beide viel Zeit in Safed verbracht. Rachels Vater hatte eine Klinik auf dem Berg Kanaan von Safed, und einst mutmaßten wir, ob Abbas als Kind von ihm behandelt worden wäre.

ALS ARAFAT STARB (er wurde ermordet, glaube ich), war Abbas sein natürlicher Nachfolger. Als Gründungsmitglied war er für jeden akzeptabel. Farouk Kaddoumi, von gleichem Rang, ist ein Anhänger des Baath-Regimes in Damaskus und lehnte Oslo ab. Er kehrte nicht nach Palästina zurück.

Ich traf Abbas bei Arafats Beerdigungszeremonie in der Mukataa. Er saß neben Ägyptens Geheimdienstchef. Nachdem wir die Hände geschüttelt hatten, sah ich aus dem Augenwinkel, dass er dem Ägypter zu erklären versuchte, wer ich bin.

Seitdem fungierte Abbas als Präsident der “Palästinensischen Autonomiebehörde”. Dies ist einer der schwierigsten Jobs auf Erden.

Eine nationale Regierung unter einer Besatzung ist gezwungen, auf einem sehr schmalen Grad zu gehen. Sie kann jede Minute auf die eine Seite fallen (Kollaboration mit dem Feind) oder auf die andere Seite (Unterdrückung durch die Besatzungsbehörden).

Im Alter von 17 Jahren, als ich ein Mitglied der Irgun war, hielt meine Kompanie einen Scheinprozess für Philippe Petain ab, den Marschall, der von den Nazis als Oberhaupt der Vichy-Regierung eingesetzt wurde, die unter der Naziherrschaft im “unbesetzten” Südfrankreich fungierte.

Meine Aufgabe bestand darin, Petain zu “verteidigen”. Ich sagte, er sei ein französischer Patriot, der versuche, zu retten, was nach dem Zusammenbruch von Frankreich zu retten war und um sicherzustellen, dass Frankreich in der Stunde des Sieges noch da sein würde.

Aber, als der Sieg kam, wurde Petain zum Tode verurteilt und nur durch die Weisheit seines Feindes, Charles de Gaulle, dem Führer des Freien Frankreichs, gerettet.

Es gibt keine Möglichkeit die Freiheit unter einer Besetzung zu bewahren. Jeder, der das versucht, findet sich in einer heiklen Lage, indem er versucht, den Besatzer zufriedenzustellen und sein Volk vor Schaden zu bewahren. Im Laufe der Jahre war das Vichy-Regime gezwungen, mit den Deutschen zu kollaborieren, Schritt für Schritt, von der Verfolgung des Untergrunds bis zur Vertreibung der Juden.

Darüber hinaus, wo es eine Autorität gibt, sogar unter Besetzung, entstehen plötzlich Interessengruppen. Einige Menschen erwerben ein Interesse am Status quo und unterstützen die Besatzung. Pierre Laval, ein opportunistischer französischer Politiker, gelangte an die Spitze in Vichy und ziemlich viele Franzosen versammelten sich um ihn. Am Ende wurde er exekutiert.

NUN BEFINDET sich Abbas in einer ähnlichen Situation. Eine unmögliche Situation. Er spielt mit den Besetzer-Machthabern Poker, während sie alle vier Asse besitzen und er nichts in seiner Hand hat als eine geringwertigere Karte.

Er sieht seine Aufgabe darin, die besetzte palästinensische Bevölkerung bis zum Tag der Befreiung zu schützen, dem Tag, an dem Israel gezwungen ist, die Besetzung in all ihren Facetten aufzugeben: die Siedlungen, die Landenteignung und die Unterdrückung.

Gezwungen, aufzugeben – aber wie?

Abbas lehnt den gewalttätigen Widerstand (“Terrorismus”) ab. Ich glaube, dass er Recht hat. Israel hat eine riesige Armee, die Besatzung hat keine “moralischen Bremsen” (siehe: Elor Azaria). Die “Märtyrertaten” mögen den Nationalstolz der palästinensischen Bevölkerung stärken, aber sie verschlimmern die Besatzung und führen nirgendwohin.

Abbas hat eine Strategie der internationalen Aktion angenommen. Er investiert einen Großteil seiner Ressourcen, um eine pro-palästinensische UN-Resolution zu erhalten, eine Resolution, die die Besatzung und die Siedlungen verurteilen und Palästina als vollwertiges UN-Mitglied anerkennen wird. Zur Zeit befürchtet Benyamin Netanyahu, dass Präsident Obama die beiden Monate ohne Verantwortung nutzt – zwischen dem Wahltag und dem Ende seiner Amtszeit – um eine entsprechende Resolution durchzubringen.

Na und? Wird das in irgendeiner Weise den Kampf gegen die israelische Besatzung wieder verstärken? Wird das auch nur um einen Dollar die US-Unterstützung für Israel verringern? In der Vergangenheit haben die sukzessiven israelischen Regierungen dutzende UN-Resolutionen ignoriert und Israels internationale Position hat sich nur noch verbessert.

Die Palästinenser sind keine dummen Menschen. Sie kennen all diese Fakten. Ein Sieg in der UN wird ihre Herzen erfreuen, aber sie wissen, dass er ihnen in der Praxis sehr wenig helfen wird.

Ich gebe den Palästinensern keinen Rat. Ich habe immer geglaubt, dass ein Mitglied des besetzenden Volkes kein Recht hat, dem besetzten Volk einen Rat zu erteilen.

Aber ich gestatte mir selbst, laut zu denken, und diese Gedanken bringen mich zu der Überzeugung, dass die einzige effektive Methode für ein besetztes Volk ziviler Ungehorsam ist, ein völlig gewaltloser Volkswiderstand gegen die Besatzung, vollkommener Ungehorsam gegenüber dem fremden Eroberer.

Diese Methode wurde weiterentwickelt von dem indischen Widerstand gegen die britische Besatzung. Ihr Anführer, Mahatma Gandhi, war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, eine moralische Person mit einem hohen Maß an praktischem politischen Scharfsinn. In Indien waren einige zehntausend Militärs und britisches Zivilpersonal mit über einer Million Indern konfrontiert. Ziviler Ungehorsam setzte der Besetzung ein Ende.

In unserem Land ist die Machtbilanz extrem anders. Aber das Prinzip ist dasselbe: keine Regierung kann auf lange Zeit funktionieren, wenn sie mit einer Bevölkerung konfrontiert ist, die sich weigert, auf irgendeine Art und Weise mit ihr zusammenzuarbeiten.

Bei solch einem Kampf kommt die Gewalt immer von der Besatzung. Die Besetzung ist immer gewalttätig. Deshalb werden in einem gewaltlosen Kampf zivilen Ungehorsams viele Palästinenser getötet werden, das allgemeine Leiden wird noch um vieles zunehmen. Aber ein derartiger Kampf wird gewinnen. Er tat es immer, wenn er irgendwo praktiziert wurde.

Die Welt, die ihre tiefe Sympathie zu dem palästinensischen Volk ausdrückt, gleichzeitig jedoch mit dem Besatzungsregime kooperiert, wird gezwungen sein, zu intervenieren.

Und, was das Allerwichtigste ist, dass die israelische Öffentlichkeit, die zur Zeit auf das, was sich wenige dutzend Kilometer von ihren Häusern entfernt ereignet, schaut, als ob es in Honolulu geschähe, endlich aufwachen wird. Die Besten unseres Volkes werden sich dem politischen Kampf anschließen.

Das schwache Friedenscamp wird wieder erstarken.

DAS BESATZUNGSREGIME ist sich dieser Gefahr wohl bewusst. Es versucht, Abbas mit allen Mitteln zu schwächen. Es beschuldigt ihn der “Aufhetzung” – gemeint ist der Widerstand gegen die Besatzung – so als ob Abbas ein brutaler Feind wäre. All dies, obwohl Abbas Sicherheitskräfte offen mit der Besatzungspolizei und Besatzungsarmee kooperieren.

In der Praxis stärkt die Besetzung das Hamas-Regime im Gazastreifen, das Abbas hasst.

Die Beziehungen zwischen der Hamas und der israelischen Regierung reichen weit zurück. In den ersten Jahren der Besetzung, als jede Art politischer Aktivitäten in den besetzten Gebieten strengstens verboten war, war es nur den Islamisten erlaubt, aktiv zu sein. Erstens, weil es unmöglich war, die Moscheen zu schließen, und zweitens, weil die Besatzungsbehörden glaubten, die Feindschaft zwischen den religiösen Muslimen und der säkularen PLO schwäche Arafat.

Diese Illusion verschwand zu Beginn der ersten Intifada, als die Hamas gegründet wurde und schnell zur militantesten Widerstandsorganisation wurde. Aber selbst dann sahen die Besatzungsautoritäten in der Hamas noch ein positives Element, weil es den palästinensischen Kampf spaltete.

Man muss daran erinnern, dass der separate Gazastreifen eine israelische Erfindung ist. Im Oslo-Abkommen verpflichtete Israel sich, vier “sichere Passagen” zwischen der Westbank und dem Gazastreifen zu öffnen. Unter dem Einfluss der Armee verstieß Rabin direkt von Anfang an gegen diese Verpflichtung. Das Ergebnis war, dass die Westbank vollkommen vom Gazastreifen abgeschnitten war – und die gegenwärtige Situation ist das direkte Ergebnis hiervon.

Überall wundern sich die Menschen, weshalb Netanyahu täglich Abbas als “Aufhetzer” und “Sponsor des Terrors” diskriminiert, wohingegen er die Hamas nicht einmal erwähnt. Um dieses Mysterium zu lösen, muss man verstehen, dass die israelische Rechte keinen Krieg fürchtet, aber um so mehr den internationalen Druck. Deshalb ist der “moderate” Abbas bedeutend gefährlicher als Hamas, der “Terrorist”.

EINEN ZIVILEN WIDERSTAND wird es in naher Zukunft nicht geben. Die palästinensische Gesellschaft ist noch nicht reif dafür. Außerdem ist Abbas nicht der geeignete Anführer für solch einen Kampf. Er ist kein palästinensischer Gandhi, kein zweiter Mandela.

Abu-Mazen ist der Anführer eines Volkes, das versucht, unter unmöglichen Bedingungen zu überleben, bis eine Wende der Situation eintritt. Darum kam er auch diese Woche zur Beerdigung von Shimon Peres.

Aus dem Englischen übersetzt von Inga Gelsdorf

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Nur ein Trick

Erstellt von DL-Redaktion am 12. Februar 2017

Autor : Uri Avnery

EINMAL HÖRTE ich die folgende Geschichte vom schwedischen Botschafter in Paris:

„1977, als die UN den Plan zur Teilung Palästinas diskutierte, war ich ein Mitglied des Unterkomitees , das sich mit Jerusalem befasste. Eines Tages sandten die Juden einen neuen Vertreter. Sein Name war Abba Eban. Er sprach ein wunderbares Englisch, viel besser als der britische oder US-Miglied des Komitees. Er sprach über eine halbe Stunde und am Ende war keine Person mehr im Saal, die ihn nicht abgrundtief hasste.“

Ich erinnerte mich an diese Episode, als ich im Fernsehen die Pressekonferenz von Dore Gold, dem General-Direktor unsres Außenministeriums sah. Ihr Thema war die vor kurzem statt gefundene Pariser Friedenkonferenz, die streng von unserer Regierung denunziert wurde.

Von dem Augenblick an, als ich Gold zum ersten Mal sah, war er mir unsympathisch. Er war damals unser neuer Gesandter bei der UN. Ich sagte mir, dass meine Haltung eine unwürdige Zurückweisung für ausländische Juden (Exil Juden“ im israelischen Slang) ist. Gold sprich hebräisch mit einem sehr starken amerikanischen Accent, Er ist kein Appolo

Ich würde als unsern Vertreter einen aufrechten, israelisch aussehenden Pioniertyp bevorzugen, der englisch mit einem ausgesprochenen hebräischen Accent bevorzugen ( Ich weiß, dies klingt rassistisch und schäme mich selbst durch und durch.

GOLDS KONFERENZ war dabei, sich über die französische Friedensinitiative, die der israelisch –palästinensische Frieden

Er war dabei, sich über die französische Friedens initiative. Die den israelisch-palästinensischen Friedens-Konflikt beinhaltet

Ich habe einen heimlichen Verdacht, dass er lauert noch immer umherlauert – dass diese keine wirklichen keine wirkliche Initiative ist, sondern eine verdeckte amerikanische.

Sie mach die israelische Regierung wütend, und kein amerikanischer Präsident kann dies tun, falls er das wünscht – er oder seine Partei – wieder gewählt zu werden – dass dies keine wirkliche französische, ., sondern eine verdeckte amerikanische.

Sie machte die israelische Regierung wütend und kein amerikanischer Präsident kaa dies tun, falls er das Wünscht

Da ist eine schreckliche Angst,

die unsere Regierung heimsucht. Barack Obama hasst Netanjahu – aus guten Gründen. Er kann nichts offen gegen ihn tun – nichts bis Mitternacht nach dem Wahltag. Ob Hillary Clinton oder ( um Himmels Willen) Donald Trump gewählt wird – Obama bleibt noch fast drei Monate im Amt- und in dieser Periode ist er so frei wie ein Vogel ( wie die Deutschen sagen würden) – er kann tun , was ihm gefällt. Was auch immer der Tag und Nacht acht lange Tage wünschte. Und was er über Benjamin Netanjahu träumte.

Ach , die süße Rache. Aber nur bis November. Bis dahin hat er nach Netanjahus‘ Pfeife zu tanzen, wenn er nicht die demokratischen Nominierte zu verletzen wünscht.

Was kann er also Juni tun? Er kann die Aufgabe vertreilen Zum Beispiel, die Franzosen bitten, eine Friedenskonferenz einzuberufen, um einen Weg zur Anerkennung des Staates Palästina vorzubereiten.

Die Franzosen zu bitten darum, ein hochrangige Konferenz in Paris einzuberufen , wäre so, als ob man eine Katze fragt, ob sie Milch wünscht. Man muss nicht auf eine Antwort warten. Das war die Zeit, als fast die Hälfte der Welt in den Atlanten blau aussahen und fast die Hälfte der Welt in den Atlanten im britischen Rot

Frankreich, trauert wie Großbritannien über seine imperiale Vergangenheit, als Paris das Zentrum der Welt war und gebildete Deutsche und Russen, geschweige denn die Ägypter und Vietnamesen französisch sprachen. Die Pässe vieler Nationen waren in dieser Sprache gedruckt.

Das war die Zeit, als fast die Hälfte der Welt in den Atlanten in französischem Blau erschien und während die andere Hälfte in britischem rot erschien. Die Zeit, als der französische Diplomat Georges Picot und sein britischer Kollege Mark Sykes sich den Ottomanische Nahen Osten genau vor hundert Jahren in dieser Woche teilten.

Der Außenminister (geschweige denn die Könige und Präsidenten) der Welt würden sich gern einem der wunderschönen Palästen von Pari s zu versammeln einen französischen Traum geträumt. Die Briten sind etwa in derselben Situation würden dasselbe tun, sind aber sehr mit infantilem Drang beschäftigt, um die Europäische Union zu verlassen.

Wie auch immer, haben wir jetzt diese französische Initiative, eine glänzende Versammlung von Außenministern oder ihren Vertreter, verlangen die die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen in einem begrenzten Zeitrahmen, mit dem erklärten Ziel , den palästinensischen Staat anzuerkennen.

NETANJAHU liebt Frankreich. Er liebt sich dort mit seiner Frau an der französischen Riviera zu amüsieren, in den teuersten Pariser Restaurants zu speisen und in luxuriösen Pariser Wohnungen zu leben – so lang wie es andere bezahlen. Dies ist letzte Woche bei einem Prozess eines verdächtigen französischen Juden herausgekommen, der wegen betrügerische Höhen von Hundert Millionen Euros angeklagt wurde und der mehrere von Netanjahus Trips bezahl hat, Netanjahu denkt nicht daran , selbst sein Vergnügen zu bezahlen und besaß wie die Königin keine Kreditkarte.

Aber sich an französischem Luxus zu erfreuen, ist eine Sache, sich französischer Diplomatie zu amüsieren, ist eine andere Sache. In diesem Augenblick, als er seine Zeit nicht mit Rechtsanwälten zu tun hat, widmet er seine Zeit, die französische Initiative zu vereiteln.

Warum, um Gottes willen? Was ist so schlimm mit der Versammlung der Welt-Staatsmänner und Frauen, um den israelisch-palästinensischen Friedensprozess wieder aufzunehmen? Praktisch alles!

Dieser Friedensprozess ist wie ein schlafender Hund. Ein gefährlicher Hund, wenn er schläft, kann Netanjahu sich alles erlauben – die Besatzung palästinensischen Gebiete vertiefen, die Siedlungen erweitern (Still, dass der Hund nicht aufwacht) all die hundert täglichen Dinge, die die Besatzung „unumkehrbar“ machen. Und hier kommt der Franzose und versucht den Hund in seine Rippen zu stoßen.

Und nun? Mögen Leute fragen. Da sind vorher Konferenzen gewesen, Friedensprozesse in Hülle und Fülle, internationale Resolutionen. Falls eine andere große Konferenz einberufen wird und die Details eines Friedensabkommens diskutiert werden, wird Israel nicht warten und Netanjahu wird die ganze Sache ignorieren. Wie viele Male ist dies schon vorher geschehen? Es wird kaum ein Gähnen verdienen.

ABER DIESES Mal könnte es anders sein. Nicht an sich, aber wegen der internationalen Atmosphäre.

Langsam, sehr langsam wird Israels internationaler Horizont dunkel. Kleine Dinge geschehen jeden Tag in aller Welt. Eine Resolution hier, ein Boykott dort, eine Eeklärung, eine Demonstration. Das Israel, das universell bewundert wurde, ist schon lange verschwunden.

´ Sie verletzt nicht wirklich die israelische Wirtschaft. Aber es schafft eine Stimmung, zuerst in den Hochschulanlagen und dann rund herum. Jüdische Institutionen schicken SOS-Botschaften

Inzwischen sind die selbst jüdischen Institutionen infiziert. Die täglichen Nachrichten aus Israel über die Geschehnisse in den besetzten Gebieten und sogar in Israel selbst verletzen die Juden und besonders die jungen. Viele von ihnen kehren Israel den Rücken , einige engagieren sich aktiv gegen dies.

Dies ist ein starkes Land. Es hat sehr großes Militär, die modernsten Waffen, eine gesunde Wirtschaft (besonders high-tech) , häufig diplomatische Erfolge.

Dies ist kein zweites Südafrika, wie die BDS-Leute es gerne sehen würden. Da gibt es große Unterschiede. Das Apartheid-Regime wurde von Nazi-Sympathisanten geführt, während Israel noch immer auf der weltweiten Welle der Holocaust-Ära –Buße und Reue reitet. Südafrika hing von seinen rebellischen schwarzen Arbeitskräften ab, Israel importiert ausländische Arbeiter aus vielen Ländern.

Israel hängt nicht wirklich von amerikanischen finanzieller Hilfe ab Diese Hilfe ist ein Luxus, nicht mehr. Diese Hilfe ist ein Luxus Es benötigt das US-Veto gegen feindselige Vorschläge der UN, aber es kann und tut es – die UN ignorieren.

Doch alles in allem: Israels schlechter werdendes internationale Ansehen wird schlechter. selbst Netanjahu macht sich Sorgen. Langsam, aber sicher akzeptiert die Welt den Staat Palästina als Tatsache des Lebens, als eine Bedingung für Frieden.

Netanjahu schaut sich nach einem neuen Trick um. Was sieht er dort? Ägypten.

ISRAEL’S BEZIEHUNHEN mit Ägypten gehen ein paar Tausend Jahre zurück. Ägypten war schon eine Regionalmacht, als das israelitische Volk entstand. Aber nach dem „Exodus aus Ägypten ( 2. Moses 21-24) (Was wirklich nie geschah, gab es viele „up und downs“ in den Beziehungen zwischen dem Mächtigen Ägypten und dem kleinen Israel.

Als die Assyrer eine Belagerung um Jerusalem machten und die Judäer auf Hilfe der Ägypter warten mokierten sich die die Assyrer. „Ihr vertrautet dem Staab dieses roten Schilfgrases ZB. wenn ein Mann sich anlehnt, wird es in seine Hand schneiden . (2 Regnun, 18

Nun ist der augenblickliche Pharao, Abed al Fataach al Sissi. Netanjahus große Hoffnung. Egypt, bankrott wie immer, hängt von den Saudis ab. Die Saudis hängen (heimlich von den Israelis und in ihren Kampgegen Daesch, dem islamischen Kaliphat. So ist al-Sisi auch ein verbündeter non Israel

Beim aufbessern seiner Statur, al-Sisi l. posierte auch er als Friedeinitiative, lobte Gott. Er rief nach einer Regionalen Friedensinitiative. In seiner Schmährede gegen die Franzosen. Dore Gold , der Franzose klagte die Sabotage an und hinderte dadurch den Frieden.

Netanjahu schaut sich nach einem neuen Trick um. Was sieht er dort ? Ägypten akzeptierte die ägyptische Initiative, fügte hinzu , dass sie nur ein paar Veränderungen nötig hätte.

Tatsächlich tat er es . Al-Sissis Plan gründet sich auf die 2002 Saudi Friedensplan-Initiativen, die von der Arabischen Liga adoptiert wurde. Der fordert, dass die von Israel besetzten Gebiete (einschließend den Golan und Ostjerusalem) geräumt werden den Staat Palästina, das Recht auf die akzeptierten palästinensischen Flüchtlinge. Netanjahu will, dass Tausende sterben, bevor er dies annimmt.

Indem man den ägyptischen Plan als Vorwand nimmt um den französischen Plan anzunehmen, zu sabotieren, ist dies auf eine zynische Vermutung.

Netanjahu nimmt den ägyptischen Plan als Vorwand.

„Regional“ ist übrigens das neue Schlagwort. Es kam vor einiger Zeit auf und hatte sogar einige wohl- meinende Bedeutungen für Israelis. Empfang „Regionaler Frieden“, wie wunderschön klingt.

.Stattdessen lasst uns über Frieden mit dem gehassten Palästinenser reden, über Frieden mit der Region reden Lasst uns über Frieden mit der Region reden. Aber es ist totaler Unsinn.

Kein arabischer Führer von Marokko bis zum Irak wollen ein Friedensabkommen mit Israel abschließen, das das Ende der Besatzung mit Israel einschließt, doch nicht die Errichtung eines palästinensischen Staates und die Schaffung. Jetzt kann man sehen. Die Massen seines Volkes werden ihn nicht durchlassen. Anwar al Sadat schloss diesen seinen Friedenvertag mit Menachem Begin nicht ein. Obwohl in Worten, so konnte dieser leicht gebrochen werden)

Als meine Freunde und ich, 1949 die Lösung das erste Mal brachten, die selbst unter dem Namen „Zwei Staaten für zwei Völker bekannt wurden“ schloss er selbstverständlich die arabische Welt ein: und der Frieden wird mit der ganzen arabischen Welt geschlossen. Und als selbstverständlich hingenommen wurde auch Frieden mit dem Staat Palästina. Wie zwei siamesische Zwillinge, die eingeschlossen werden.

Wenn wir jetzt von einem „Regional Frieden“ als einer Alternative für Frieden mit den Palästinensern sprechen, so ist das Unsinn „Regionaler Frieden“.meint nicht Frieden

Am andern Tag schrieb Gideon Levy in Haaretz, dass Netanyahu und Avigdor Lieberman „jetzt so reden sollte wie Uri Avnery im Jahre 1969.

Sehr schmeichelhaft. Aber leider ist dies nur ein Trick.

(Dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Das geteilte Dorf

Erstellt von DL-Redaktion am 29. Januar 2017

Die große Politik führt in einem kleinen Land oft zu seltsamen Auswüchsen: Das palästinensische Dorf Barta’a wurde 1949 in Ost und West geteilt. Deswegen hat die eine Hälfte des Kabha-Klans einen grünen Ausweis, die andere einen blauen. Was nach Identitätskrise aussieht, hat im Alltag manchmal überraschende Vorzüge – und zeigt, was mehr zählt als Israels Gesetze, Fatah oder Hamas: Familienbande.

von Agnes Fazekas

Wenn Hamzeh Kabha morgens in seinen teuren Geländewagen steigt, um die Kinder zur Schule unten im Dorf zu bringen, hat er immer ein wenig Angst, dass ihn ein israelischer Polizist aufhält. Ganz unbegründet ist die Sorge nicht, schließlich saß sein Bruder schon mal sieben Monate im Gefängnis, nur weil man ihn unten im Tal im Café erwischt hatte.

Trotzdem, so groß ist die Angst dann doch nicht – das lässt sich wohl damit erklären, dass man im Dorf Bar­ta’a, in dem beinahe alle 12 000 Einwohner den Nachnamen Kabha tragen, seit Jahrzehnten gewohnt ist, sich mit absurden Gesetzen zu arrangieren. Und so verboten fühlt es sich schließlich auch nicht an, von Ost-Barta’a nach West-Barta’a zu fahren. Ja, als Fremder merkt man es kaum: keine Soldaten, kein Zaun, kein Checkpoint.

Nur eine winzige Verkehrsinsel markiert die Grenze da unten im Tal. Darauf eine schäbige Tafel aus Stein mit einer Inschrift: „Am 3. April 1949 unterzeichneten Jordanien und Israel das Waffenstillstandsabkommen von Rhodos, demzufolge Barta’a in einen Ostteil, der zu Jordanien gehört, und einen Westteil, der zu Israel gehört, getrennt wurde. Das Tal wurde zur Grünen Linie erklärt.“

Diese Linie, damals auf der Karte mit grüner Tinte durchs umkämpfte Land gezogen, trennt heute viele arabische Familien. Macht die einen zu „arabischen Israelis“, die anderen zu „Palästinensern“. Aber nirgendwo zeigt sich die Teilung so drastisch wie in Barta’a.

Vermutlich ist die Topografie des Dorfs schuld am Verlauf der Linie: Das tiefe Wadi sieht auf der Karte wie eine natürliche Grenze aus. Vor mehr als 2000 Jahren soll ein Ziegenhirte die Quelle entdeckt haben, die hier entspringt. Woraufhin seine Nachfahren ihre Häuser entweder am Osthang errichteten, wo man an klaren Tagen bis zum Mittelmeer schauen kann – oder im Westen des Tals, nahe der Quelle.

Man könnte also sagen, die Vorlieben ihrer Vorfahren haben entschieden, dass die einen Kabhas heute einen blauen Ausweis haben, mit dem sie sich in Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten relativ frei bewegen können – und die anderen einen grünen Ausweis wie Hamzeh und sein Bruder.

Aber zurück zu 1949: Über Nacht also befand sich der Dorfbrunnen auf der israelischen Seite, die Moschee auf der jordanischen. Erst hinderten nur Soldaten, dann ein Zaun die Menschen daran, die andere Seite zu besuchen, ihre Eltern, Cousins oder Geschwister.

Eine zweite Moschee wurde gebaut, ein zweiter Friedhof, eine zweite Schule. Und ein Kanal wurde ausgehoben, der das Wasser von der Quelle auf der israelischen Seite des Dorfs zu einem Brunnen auf der jordanischen Seite leiten sollte. Die Israelis füllten ihre Krüge tagsüber und die Jordanier nachts. Die Kinder im israelischen Teil machten sich einen Spaß daraus, nachts ins Wasser zu pinkeln; Frauen schickten Papierschiffchen mit Briefen in den jordanischen Teil zu ihren Freunden. So erzählen es die Alten.

Und wenn im jordanischen Barta’a eine Hochzeit gefeiert wurde, verfolgten die Bewohner im israelischen Barta’a das Fest mit Ferngläsern. Wenn ein Kind geboren wurde, stieg der Vater auf den Berg und brüllte die gute Nachricht so laut er konnte hinüber in den anderen Teil des Dorfs.

Das waren die Zeiten, als der Schmuggel blühte in Barta’a. Im jungen Israel waren viele Waren rationiert. Die Trampelpfade rund ums Tal zeugen heute noch von den illegalen Handelswegen. Als sich die israelische Wirtschaft gefestigt hatte, waren es die jordanischen Soldaten, die den Kinder aus dem Westen auftrugen, ihnen amerikanische Zigaretten zu kaufen.

Dann passierte nach 18 Jahren endlich, worauf der Kabha-Klan so sehr gehofft hatte: die Wiedervereinigung. Wieder war das unscheinbare Dorf zum Spielball der Politik geworden. Diesmal, weil die Israelis im Sechstagekrieg den Jordaniern das Land abnahmen. Doch als die Leute aus Ost und West endlich zusammenkamen, da feierte man nicht nur tagelang ein Fest – sondern merkte auch schnell: Man war sich fremd geworden.

Im Osten trugen sie Bärte, im Westen Jeans

Quelle :   weiterlesen >>>>> Le Monde diplomatique

———————————————-

Fotoquelle : Picture taken by Justin McIntosh, August 2004.

 

 

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Das Viereck abrunden

Erstellt von DL-Redaktion am 24. April 2016

Texte von Uri Avnery

von Uri Avnery

ICH LIEBE den Präsidenten des Staates Israel, Reuven (Rubi) Rivlin. Ich liebe ihn sehr.

Das mag etwas seltsam erscheinen, da er ein Mann der Rechten ist. Er ist ein Mitglied der Likud-Partei. Er glaubt an das, was man im Hebräischen „das ganze Land von Israel“ nennt.

Doch ist er eine sehr menschliche Person. Er ist freundlich und bescheiden. Seine Familie ist seit vielen Generationen in Palästina verwurzelt. Er sieht sich selbst als Präsident aller Israelis, einschließlich der arabischen Bürger.

Ich glaube, dass er eine geheime Verachtung für Binjamin Netanjah und ähnliche hat. Wie wurde er zum Präsidenten gewählt‘? Der Präsident Israels wird in einer geheimen Wahl der Knesset gewählt. Ich habe sehr den Verdacht, dass er nicht alle Stimmen des Likud erhielt, aber von den Stimmen der Linken gewählt wurde.

IN DIESER Woche veröffentlichte Präsident Rivlin einen Friedensplan. Das ist kein gewöhnlicher Akt des Präsidenten, dessen Office hauptsächlich zeremoniell ist

Sein Plan gründet sich auf eine Föderation der zwei „Entitäten“ – eine zionistisch-jüdische Entität und eine arabisch-palästinensische.

Er ging nicht ins Detail. Offensichtlich glaubt er, dass es in diesem Stadium besser sei, eine allgemeine Idee zu verbreiten und die Leute daran zu gewöhnen. Dies mag weise sein.

Doch ist es auch schwierig, den Plan ernsthaft zu beurteilen. Wie die Redewendung es ausdrückt: der Teufel liegt im Detail. Es kann ein sehr guter Plan sein oder ein sehr schlimmer. Es kommt auf die Details an.

Doch die reine Tatsache, dass Rivlin diese Idee veröffentlicht, ist positiv. Im heutigen Israel sind Ideen festgefroren. Dies hilft eine Atmosphäre der Resignation, der Gleichgültigkeit oder gar Verzweiflung zu schaffen. „Es gibt keine Lösung“ ist eine allgemeine Haltung, die von Netanjahu unterstützt wird, der die passende Schlussfolgerung für sich zog: „Wir werden immer mit dem Schwert leben.“

DIE IDEE einer Föderation ist nicht neu. Ich selbst habe darüber viel Male nachgedacht. (Ich muss mich deshalb entschuldigen, wenn ich hier Dinge wiederhole, die ich schon früher erwähnt habe.)

Vor dem 1948er-Krieg glaubten einige von uns, dass die Hebräer und die Araber in diesem Land in einer neuen gemeinsamen Nation fusionieren könnten. Der Krieg vernichtete diese Auffassung. Ich zog die Schlussfolgerung, dass wir in diesem Land zwei verschiedene Nationen haben und dass jede realistische Lösung sich auf diese Tatsache gründen muss.

Unmittelbar nach diesem Krieg – anfangs 1949 – traf sich eine kleine Gruppe, um eine Lösung zu finden. Diese Gruppe schloss auch einen Muslim und einen Drusen ein. Sie schuf das, was jetzt die Zwei-Staaten-Lösung im Land zwischen Mittelmeer und dem Jordan und vielleicht darüber hinaus genannt wird. Heute ist dies ein überwältigender Welt-Konsens.

Es war für uns klar, dass zwei Staaten in einem kleinen Land, wie das unsrige nicht ohne eine sehr enge Kooperation zwischen ihnen – Seite an Seite – existieren können. Wir zogen in Erwägung, ob dies eine Föderation genannt werden kann, aber entschieden uns, dies nicht zu tun, da wir fürchteten, dass dies beide Seiten erschrecken würde.

Unmittelbar nach dem !956er-Krieg (in diesem Land sind wir immer „unmittelbar nach dem Krieg“) bildeten wir eine viel größere Gruppe, die sich „semitische Aktion“ nannte. Sie schloss Nathan Yallin-Mor, den früheren Kommandeur der (terroristischen) Untergrund-Gruppe Lehi ein, die bei den Briten als die Stern-Bande bekannt war, auch die Schriftsteller Boaz und Amos Kenan und andere gehörten dazu. Wir widmeten ein ganzes Jahr, um ein Dokument zu erstellen, von dem ich glaube, dass es bis heute beispiellos ist. Mit diesem stellten wir einen Entwurf auf für totale Veränderung des Staates Israel und zwar für alle Lebensbereiche. Wir nannten ihn das „Hebräische Manifest“.

Das Manifest schließt eine Föderation zwischen dem Staat Israel und dem Staat Palästina ein mit den notwendigen gemeinsamen Instituten an der Spitze. Es befürwortete auch die Schaffung einer „semitischen Konföderation“ aller arabischen Staaten, Israel und vielleicht auch der Türkei und dem Iran (die keine semitischen Länder sind, obgleich ihre Religion semitische Wurzeln hat.)

SEIT DAMALS kam der Gedanke einer Föderation oder einer Konföderation verschiedene Male auf und unter verschiedenen Umständen, hat aber nie Wurzeln gefasst.

Die Ausdrücke selbst sind ungenau. Was ist der Unterschied zwischen ihnen? In verschiedenen Ländern haben sie verschiedene Bedeutungen. Russland ist jetzt offiziell eine Föderation, doch ist nicht klar, welche Rechte die einzelnen Bestandteile haben. Die Schweiz nennt sich eine Konföderation. Der deutsche Bund ist eine „föderale Republik“. Die europäische Union ist für alle praktischen Zwecke eine Konföderation, wird aber nicht so genannt.

Es wird mehr oder weniger akzeptiert, dass eine „Föderation“ viel mehr eine Union ist als eine „Konföderation“. Dies wurde durch den amerikanischen Bürgerkrieg klar, als der „föderale“ Norden gegen die „konföderalen Südstaaten kämpfte, die versuchten, sich von der Union zu trennen, die zu eng für ihren Geschmack war.

Aber wie ich sagte, sind diese Termini sehr liquide. Und sie sind wirklich nicht bedeutend. Es ist die Substanz, die von Bedeutung ist, und die Substanz variiert notwendiger Weise von Ort zu Ort, je nach Geschichte und Umständen.

FÜR UNSER Land, liegt die Schönheit der Idee in der Tatsache, dass sie das Viereck abrundet.

Was wünschen beide Seiten?

Die Juden wollen einen jüdischen Staat, einen Staat, der sich auf die jüdische Kultur und Geschichte gründet, hauptsächlich hebräisch spricht und mit der jüdischen Diaspora verbunden ist. Außer einer sehr kleinen Minderheit ist dies eine ideale Allmende (Was ist das?) für alle jüdischen Israelis. Viele Israelis würden auch gerne das Land vereint behalten und besonders die Stadt Jerusalem.

Die Palästinenser wollen endlich einen eigenen freien Staat, in dem sie ihre eigenen Herren sind, ihre eigene Sprache sprechen, ihre eigene Kultur und Religion pflegen, befreit von der Besatzung, unter ihrem eigenen Gesetz.

Eine (Kon-)föderation kann diesen anscheinenden Widerspruch lösen, das Quadrat zu einen Kreis machen. Es würde beiden Völkern erlauben, in ihren eigenen Staaten frei zu leben, mit ihren eigenen Identitäten, nationalen Flaggen, National–Hymne , Regierungen und Fußball-Teams, während zur selben Zeit die Einheit des Landes gerettet ist und ihre gemeinsamen Probleme in Einheit und enger Kooperation gelöst werden. Die Grenze zwischen ihnen wird notwendiger Weise zur freien Passage von Personen und Waren offen sein.

Ich bin kein Experte für Nord-Amerika. Aber es scheint mir, dass so etwas wie dies zwischen den US, Kanada und Mexiko schon existiert (wenigstens bis Donald Trump Präsident wird) trotz der kulturellen und sozialen Unterschiede zwischen den drei Völkern.

PRÄSIDENT RIVLIN sollte mit der Darlegung der Idee nicht zufrieden sein. Er sollte etwas tun, trotz der Beschränkung seines Amtes.

Ich würde vorschlagen, dass er auf höchster Ebene eine Konferenz von Experten in seine Residenz einberuft und damit beginnt, in die Details zugehen, um herauszufinden, wie dies praktisch aussehen könnte.

Ich glaube nicht, dass beide Seiten mit einer „Entity“ zufrieden sein werden. Die jüdischen Israelis werden die Eigenstaatlichkeit Israels nicht aufgeben, noch werden die Palästinenser mit irgendetwas das weniger als ein „Staat“ ist. zufrieden sein.

Vor allem gibt es das Problem der Armee. Wird es dann zwei getrennte Armeen geben, mit irgendeiner Form von Koordination – nicht wie die sehr ungleiche Beziehung, die jetzt zwischen der israelischen Armee und der palästinensischen „Sicherheitskraft“ besteht. Kann es eine unitäre Armee geben? Oder etwas dazwischen?

Das ist sehr schwierig. Viel einfacher ist das Problem mit der Gesundheit. Es gibt zwischen den Völkern schon viel Kooperation: arabische Ärzte und Sanitäter, die in israelischen Kkenhäusern arbeiten, und israelische Ärzte, die palästinensische Kollegen in den besetzten Gebieten beraten.

Wie ist es mit der Bildung? In jedem der zwei Staaten gründet sich die Bildung natürlich auf ihre eigene Sprache, Kultur, Geschichte und Traditionen. In jedem Staat müssen die Schüler die Sprache der andern Seite lernen, so wie die Schweizer Schüler eine der nationalen Sprachen lernen, eine andere als ihre eigene.

Das genügt nicht. Auf beiden Seiten müssen die Lehrer weiter gebildet werden und wenigstens die Grundlagen der Kultur, der Geschichte und Religion der anderen Seite lernen. Die Schulbücher müssen von den Spuren von Hass befreit werden und ein wahres objektives Narrativ der Ereignisse der letzten 120 Jahre geben.

Die Wirtschaft bietet ernste Probleme. Das durchschnittliche Einkommen eines Israeli ist 20 mal (ja, das ist kein Fehler. Nicht 120%, sondern „2000%) größer als das durchschnittliche Einkommen eines Palästinenser in den besetzten Gebieten sein. Da müsste es eine föderale Anstrengung geben, um diesen unglaublichen Abstand zu vermindern.

Natürlich kann nicht alles geplant und verordnet werden. Das Leben wird übernehmen. Israelische Geschäftsleute, die in Saudi Arabien und im Irak Erfolg haben wollen, werden sich nach palästinensischen Partnern umschauen und palästinensische Unternehmer könnten israelische Kompetenz und Kapital anwenden, um Geschäfte im Jemen und Marokko zu machen. Freundschaften werden geschlossen. Hier und da werden Misch-Ehen stattfinden. (Nein, Gott verhüte, streich den letzten Satz aus !!!)

Gegenseitige Kontakte haben ihre eigene Logik. Wo immer sich Muftis und Rabbiner treffen, entdecken sie die unglaublichen Ähnlichkeiten zwischen dem Islam und dem Judentum (viel mehr als zwischen ihnen und dem Christentum). Geld überbrückt die Kluft zwischen Geschäftsleuten. Akademiker finden eine gemeinsame Sprache.

Da wird es natürlich immense Schwierigkeiten geben. Und die Siedler? Können die Palästinenser überzeugt werden, dass einige von ihnen bleiben? Im Gegenzug können die Israelis erlauben, dass einige Flüchtlinge zurückkehren? Ich vertraue dem Leben.

ICH KANN die bedeutende Rolle des Präsidenten Rivlin nicht übertreiben, die er bei all dem spielt.

Er könnte Experten in seine Residenz einladen und Gastgeber spielen, und damit ein klares Signal geben, ohne sich selbst zu kompromitieren.

Die Diskussionen selbst könnten einen großen geistigen Einfluss haben, die Atmosphäre verändern, die Hoffnung neu beleben, Optimismus erzeugen.

Rubi Rivlin ist von Natur ein Optimist – wie ich.

Ohne Optimismus wird sich nichts zum Besseren verändern.

Der Präsident kann normalen, anständigen Leuten auf beiden Seiten zeigen: Ja, das Quadat kann zum Kreis werden!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Kopfbedeckung

Erstellt von DL-Redaktion am 13. März 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

ER ERSCHIEN aus dem Nirgendwo. Buchstäblich

Die israelische Polizei benötigte einen neuen Kommandeur. Der letzte hatte seine Amtszeit beendet; mehrere ältere Offiziere waren angeklagt worden, ihre weiblichen jüngeren Kolleginnen sexuell belästigt zu haben, einer hatte Selbstmord begangen, nach dem er der Korruption angeklagt worden war. Also wurde jemand von außerhalb ernannt.

Als Benjamin Netanjahu seine Wahl ankündigte, war jeder erstaunt. Roni Alscheich? Woher- zum Teufel – kommt der denn?

Er sieht – abgesehen von seinem Schnurbart – nicht wie ein Polizist aus. Er hatte nie die geringste Verbindung mit Polizeiarbeit. Er war tatsächlich der geheime Vertreter des Shin Bet Chefs – dem internen Geheimdienst.

Boshafte Zungen flüsterten, dass es einen einfachen Grund für diese seltsame Ernennung gibt: der Chef des Shin Bet war dabei, seine Amtszeit zu beenden. Netanjahu wollte nicht, dass Alscheich ihm folgte. Deshalb schickte er ihn, um die Polizei zu kommandieren.

Der Name Alscheich ist eine Verfälschung des sehr arabischen al-Scheich – „der Alte“. Sein Vater ist jemenitischer Abstammung, seine Mutter ist Marokkanerin.

Er ist der erste Polizeichef, der eine Kippa trägt. Auch der erste, der einmal ein Siedler war. Wir warteten alle auf seine erste bedeutende Äußerung. Sie kam in dieser Woche und betraf die um ihre Söhne trauernden Mütter.

Alscheich behauptete, der schmerzende Verlust ist wirklich ein jüdisches Gefühl. Jüdische Mütter trauern um ihre Kinder. Arabische Mütter trauern nicht. Deshalb lassen sie sie Steine auf unsere Soldaten werfen, wobei sie wissen, dass sie wahrscheinlich erschossen werden.

Das klingt primitiv? Das ist auch primitiv. Es ist auch ziemlich beängstigend, dass unser neuer Polizeichef, der Mann, der für Ruhe und Ordnung zuständig ist, solch primitive Ansichten hat.

EIN PAAR Tage später wiederholte unser Verteidigungsminister Moshe Yaalon, der ein viel größeres Empire kontrolliert, diese Behauptung. Arabische Trauer kann nicht mit jüdischer Trauer verglichen werden. Das hängt damit zusammen, dass Juden das Leben lieben, während die Araber den Tod lieben.

Wenn unsere tapferen Soldaten (alle unseren Soldaten sind tapfer) ihr Leben opfern, dann deshalb, weil sie das Leben unserer Nation lieben, während arabische Terroristen Selbstmordmissionen begehen, um ins Paradies zu kommen. Ihre Mütter ermutigen sie dazu. So sind Araber eben.

All diese Super-Patrioten sind zu jung, um sich daran zu erinnern, dass jüdische Mütter in Palästina ihre Söhne und Töchter ermutigten, sich den Untergrund-Organisationen anzuschließen, um gegen die britische Besatzung zu kämpfen (ein Kampf fürs Leben des Volkes, natürlich) Vielleicht dachten die britischen Polizisten genau so über die jüdischen Mütter und vergassen dabei, dass nur wenige Jahre zuvor Millionen und Abermillionen weißer christlicher Europäer sich den Armeen mit dem Segen der Mütter angeschlossen haben und einander töteten. Um des Lebens und der Freiheit willen.

Wenn zwei so hochrangige Persönlichkeiten solch erschütternden Unsinn von sich geben, kann es nur einen Grund geben: sie wiederholen die „Erklärungsbögen“, die täglich vom Amtssitz des Ministerpräsident an alle Regierungsminister und hochrangigen Beamten verteilt werden. (In Israel mögen wir das Wort „Propaganda“ nicht benützen – stattdessen auf hebräisch hasbara „Erklärung“)

EIN WORT über die Kippa des Polizeichefs.

Als ich ein Jugendlicher in Tel Aviv war, sah ich kaum jemanden, der eine Kippah trug. Auch nicht in der Schule (die ich im Alter von 14 verließ, um für den Lebensunterhalt zu arbeiten) noch in der Irgun, noch in der Armee sah ich einen Kameraden, der so eine Kopfbedeckung trug. Die jungen Leute schämten sich, sie zu tragen.

Heutzutage tragen fast die Hälfte derer, die im Fernsehen erscheinen, stolz die Kippa. Einige von ihnen tragen sie in einer Weise oder in einer Größe, dass die Camera sie nicht sehen kann. Aber Regierungsangestellte tragen sie wie eine Ehrenplakette, um zu zeigen, dass sie wahre Gläubige der herrschenden Ideologie sind. Wie ein roter Stern in China oder eine Krawatte in den US.

Während der letzten paar Monate hat Netanjahu neue Leute für verschiedene bedeutendste Regierungsfunktionen ernannt. Der Polizeichef ist einer von ihnen. Ein anderer ist der Generalstaatsanwalt („Juristischer Berater der Regierung“ genannt) der Regierungsbeamte mit großer Machtbefugnis. Ein anderer ist der neue Chef des Shin Bet. Im Unterschied zu ihren Vorgängern tragen sie alle die Kippa.

Um die Bedeutung von ihr zu erklären, muss man die jüdische Religion charakterisieren. Sie ist ganz anders als die christliche Religion und dem Islam viel näher. Alles Reden über die „jüdisch-christliche“ Tradition gründet sich auf Ignoranz.

DAS HEBRÄISCHE Wort für Religion ist „dat“. Wie das arabische Wort „din“ meint sie im Wesentlichen „Gesetz“. Judentum besteht aus einer Reihe von Geboten (allein in der Bibel sind es 613) die von Gott verhängt wurden. Dafür hat Gott uns als sein Volk „auserwählt“ und uns das Heilige Land gegeben. Man kann kein Jude sein, ohne zum jüdischen Volk zu gehören, dem das Heilige Land auf immer gehört.

Seit 2000 Jahren und mehr waren Juden über die ganze Welt zerstreut. Ihre Verbindung zum Heiligen Land war rein geistiger Natur. Das jüdische „Volk“ war eine religiöse Erfindung.

Dann kam der Zionismus. Er wurde Ende des 19.Jahrhundert gegründet. Fast alle seine Begründer waren überzeugte Atheisten. Sie glaubten nicht an Gott, der die Juden ins Exil geschickt hat.

Als ich jung war, sprach niemand in diesem Land über einen „Jüdischen Staat“. Wir sprachen über einen „Hebräischen Staat“. Eine extreme Gruppe (mit dem Spitznamen „Kanaaniter“) behauptete, dass wir eine neue hebräische Nation sind, die nichts mit dem Judentum zu tun hat. Die meisten meiner Generation dachten in derselben Weise, wenn auch nicht mit diesen Worten.

Ich bin oft gefragt worden, warum ein entschiedener Militarist wie David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident und Verteidigungsminister, religiöse Schüler vom Militärdienst befreite. Meine Erklärung ist ganz einfach: wie die meisten von uns glaubte er, dass die jüdische Religion in diesem Land absterben würde. Der Zionismus hat sie ersetzt. Der neue hebräische Pionier braucht all den religiösen Unsinn nicht.

Dann kam der Krieg von 1967 und der Sieg wie ein Wunder, die Eroberung des ganzen Landes bis zum Jordanfluss mit all den heiligen Stätten. Die jüdische Religion war weit davon entfernt zu sterben. Die jüdische Religion kam plötzlich wieder neu zum Leben. Nun breitet sie sich schnell aus, die Kippa kann überall gesehen werden. Besonders unter den Siedlern.

Diese regenerierte Religion ist eng verbunden mit der extremen Rechten, ultra-nationalistischen, die Araber hassende Ideologie. Dies ist die Welle, auf der sich Netanjahu, ein nicht religiöser, nicht koscher essender, super-nationalistischer Opportunist bewegt. Praktisch jeden Tag tauchen- buchstäblich – neue national-religiöse Gesetze und Gesetzvorlagen auf.

Eine Gesetzesvorlage sagt, dass im Falle eines Zweifels Richter das jüdische Gesetz („die Halacha) „befragen“ müssen. Diese alten Gesetze, einige davon 2500 Jahre alt, behandelt Frauen als minderwertig und verdammt Homosexuelle zur Steinigung. Es hat nichts mit dem modernen Leben zu tun. Ein anderer Gesetzentwurf erlaubt der Knesset-Mehrheit vom Parlament gewählte Mitglieder, die den Staat nicht als „jüdisch und demokratisch“ anerkennen (das könnte wie ein Oximoron klingen), rauszuwerfen. Schulbücher in säkularen Schulen wird ein religiöser Beiklang gegeben (werden aber noch nicht verbrannt). Unabhängige Lehrer werden entlassen. Der Minister für Bildung trägt natürlich eine Kippa. Sechs Mitglieder des angesehenen Rates für höhere Bildung haben ihr Amt aufgegeben, weil die Bemühung der Regierung dahin geht, den illustren Körper mit nationalistischen und religiösen Aufwieglern voll zu stopfen.

„Wo ist die sog. Linke bei all diesem?“ mag mancher wohl fragen. Sie sind unsichtbar. Außer ein paar Übriggebliebenen als auch der belagerten arabischen Fraktion sind sie still im Glauben, dass sie sich nach rechts (auch das Zentrum genannt) bewegen müssen, um ihre Köpfe über dem heiligen Wasser zu heben.

Ich werde nicht überrascht sein, wenn ich eines Abends den TV einschalte und – siehe da – da ist Benjamin Netanjahus Kopf mit einer hübschen, kleinen Kippa bedeckt.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Wenn Gott verzweifelt

Erstellt von Gast-Autor am 6. März 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

DIREKT NACH der Gründung Israels erschien Gott David Ben Gurion und sagte zu ihm: „Du hast meinem Volk gegenüber Gutes getan. Äußere einen Wunsch und ich will ihn dir erfüllen“.

 „Ich wünsche mir, dass Israel jüdisch, demokratisch sei und das ganze Land zwischen Mittelmeer und Jordan umfassen soll,“ antwortete Ben-Gurion.

 „Das ist selbst für mich zu viel“ rief Gott aus. „Aber ich will dir zwei von den drei Wünschen erfüllen. Du kannst wählen zwischen einem jüdischen und demokratischen Israel in einem Teil des Landes. Einen demokratischen Staat im ganzen Land, das nicht jüdisch ist oder ein jüdisches Israel im ganzen Land, das nicht demokratisch ist.“

 Gott hat seine Meinung nicht verändert.

WÄHREND ICH das schreibe, ist Benjamin Netanjahu völlig damit beschäftigt, ein neues Gesetz zu erlassen, ein Gesetz, das in der Geschichte Israels ein Wendepunkt sein würde. Die Öffentlichkeit sieht in belustigter Weise zu, als ob es in Kamchatka geschieht.

Dieses Gesetz würde (ich könnte „wird“ sagen) 90 von 120 Knesset-Mitgliedern in die Lage versetzen, einige oder alle andern Mitglieder aus der Knesset zu vertreiben. Die Gründe für solch eine Entscheidung sind nebelhaft: Unterstützung von „Terrorismus“ – durch reden als auch durch handeln, Aberkennung des jüdischen Charakters des Staates Israel und Ähnliches.

Wer entscheidet? Die Mehrheit natürlich.

Der unmittelbare Anstoß, dieses Gesetz vorzuschlagen, wurde durch die drei arabischen Knesset Mitglieder ausgelöst, die die Eltern von arabischen „Terroristen“ im annektierten Ost-Jerusalem besuchten. Ich habe dies in meinem letzten Artikel erwähnt. Sie hatten einen guten Vorwand – ihnen zu helfen die Leichname ihrer Söhne, die an Ort und Stelle erschossen wurden, zurückzubekommen. Aber der offensichtliche Grund war, zu kondolieren.

Jetzt mag behauptet werden, dass eine trauernde Mutter eine trauernde Mutter ist, ungeachtet der Ursache des Todes ihres Sohnes und dass zu kondolieren eine menschliche Tugend ist. Aber das mag für Likud-Mitglieder zu humanistisch sein.

In den guten alten Zeiten, als wir die „Terroristen“ waren und die Briten die Besatzer, würde ich gewiss einem Nachbarn kondoliert haben, dessen Sohn während eines Irgun-Überfalls erschossen worden ist. Ich denke, die Briten würden mich deshalb nicht verhaftet haben.

Nach dem Gesetz sind Knesset-Mitglieder immun vor Strafverfolgung wegen irgend- eines Aktes, der mit ihren Pflichten übereinstimmt. Für Knesset Mitglieder ist ein Besuch bei ihren Wählern unter solchen Umständen solch ein Akt. Deshalb ist ein neues Gesetz nötig.

Und was für ein Gesetz!

„MAN STELLE sich so etwas in England oder in den US vor“, donnerte Netanjahu, „ein Parlamentsmitglied oder ein Kongressmann, der Terroristen unterstützt.“

„Man stelle sich so etwas in Großbritannien oder den US vor,“ würde ich erwidern, „ein Gesetz, das drei Viertel des Parlaments oder Kongresses erlaubt, andere rauszuschmeißen!“

Netanjahu wurde in den US erzogen. Ganz sicherlich wurde ihm beigebracht, dass Demokratie nicht nur bedeutet, dass die Mehrheit regiert. Adolf Hitler wurde wahrscheinlich von der Mehrheit unterstützt. Demokratie bedeutet, dass die Mehrheit die Rechte der Minderheit respektiert, einschließlich des Rechtes der freien Rede.

Das Recht der freien Rede bedeutet nicht, das Recht populäre Ansichten auszudrücken. Populäre Ansichten benötigen keinen Schutz. Freie Rede bedeutet, das Recht, Ansichten zu äußern, die von der Mehrheit verabscheut wird.

Sicherlich bedeutet es, dass Minderheiten ihre Ansichten mit friedlichen Mitteln zum Ausdruck bringen dürfen. Und hier liegt der Hund begraben.

Jeder versteht, dass das Recht der 90, 30 zu vertreiben, eine Bedrohung für die Araber ist, aus der Knesset vertrieben zu werden. Die „arabische“ Fraktion in der gegenwärtigen Knesset besteht aus 13 Mitgliedern und wird wahrscheinlich bei den nächsten paar Wahlen größer werden.

(Es ist ein bisschen kompliziert. Die „arabische“ Fraktion schließt ein jüdisches Mitglied ein, das sehr respektiert wird. Die „jüdischen“ Fraktionen schließen einige arabische Mitglieder ein, die bei ernsten Angelegenheiten nicht wagen, ihren Mund aufzumachen.)

Dies ist kein Gesetz gegen „terroristische“ Sympathisanten. Dies ist ein Gesetz gegen die arabische Minderheit. Die Knesset wird jüdisch sein, ganz einfach nur jüdisch.

Kommen wir zurück auf Gottes Versprechen mit Ben Gurion. Es wird ein jüdischer Staat im ganzen Land sein, ohne demokratisch zu sein.

JUDEN SIND seit dem babylonischen Exil etwa vor 2500 Jahren Minderheiten gewesen. Alle Juden sind Tausende von Jahren Minderheiten gewesen.

Man sollte glauben, dass 80 Generationen ausreichen, um zu erfahren, wie ein Staat sich gegenüber Minderheiten verhalten sollte. Tatsächlich könnte man geglaubt haben, dass alle Staaten der Welt Delegationen nach Israel senden würden, um zu lernen, wie Minderheiten behandelt werden sollten. Der Gründer des Zionismus, Theodor Herzl hat sicherlich so gedacht und beschrieb die idyllischen Beziehungen zwischen dem jüdischen Staat und seinen arabischen Bewohnern in seiner futuristischen Novelle „Altneuland“. (siehe Bemerkung am Ende)

Leider ist dies nicht so geworden. Die Zeiten, als ein junges und frisches Israel Progressive aus aller Welt anzog, um die Kibbuzim und Moschavim (kooperative Dörfer) zu sehen, sind längst vorbei. (Es kam jetzt heraus, dass Bernie Sanders, einer der US-Demokratischen Präsidentschafts-Kandidaten einmal ein freiwilliger Arbeiter in einem Kibbuz war). Selbst bevor das vorgeschlagene Gesetz erlassen wird, ist Israel eines der wenigsten demokratischen Länder der westlichen Welt, zu der Israel gehören will.

In der Westbank, die von Israel beherrscht wird, leben etwa 2,5 Millionen Menschen, die ohne zivile und ohne Menschenrechte sind. Gerade in dieser Woche beschrieb Amira Hass, die mutige israelische Berichterstatterin der Besatzung wie eine komfortable Wohnung einer palästinensischen Bürgerfamilie mitten in der Nacht von einem Militärtrupp besetzt wird und ihr gesagt wurde, sie solle ihr Wohnzimmer sofort räumen, damit es ein Armee-Außenposten werden kann – so sagte man ihnen. Die Soldaten brachten ein tragbares chemisches WC mit, aber urinierten selbst frei vom Balkon.

Wir glaubten eine Zeit lang, dass Israel „die einzige Demokratie im Nahen Osten“ bleiben könnte, während es große Gebiete besetzt hält. Hielten die Briten nicht hunderte Millionen Inder unterjocht, während das Heimatland ein leuchtendes Beispiel für Demokratie blieb? Sicherlich, aber ein Engländer benötigte mehrere Wochen, um von Liverpool nach Bombay zu segeln, genug Zeit, um seine Persönlichkeit zu verändern, während wir nur fünf Minuten brauchen , um von Israel in die Westbank zu kommen.

DIE ARABISCHEN Bürger im eigentlichen Israel machen 20 % der Bevölkerung aus. Sie sind der Rest einer großen Mehrheit, die meisten von ihnen waren geflohen oder wurden vertrieben.

Dieser Prozentsatz ist von Anfang des Staates an bis jetzt geblieben, eine Zeit, in der die Bevölkerung von Israel um das Zehnfache gewachsen ist.

Ein Wunder? Beinahe. Das riesige natürliche Anwachsen der arabischen Bevölkerung hat die jüdische Einwanderung ausbalanciert, die zunächst aus den islamischen Ländern, dann aus Russland und zuletzt aus Äthiopien gekommen ist. Die Araber sind immer noch 20%, wie Gott es voraussah.

Die erste Generation „israelischer Araber“ – wie die Juden sie zu ihrem Missfallen nennen, waren bescheiden und untertänig, noch immer geschockt von der immensen Katastrophe, die über ihr Volk gekommen war. Um der Sicherheit willen wurden sie einer „Militärregierung“ unterworfen, die die Bewegungsfreiheit einschränkte. Ein Araber konnte nicht ohne schriftliche, militärische Genehmigung von einem Dorf ins andere gehen, noch weniger einen Traktor kaufen oder seinen Sohn zum Studieren schicken. Dieses System wurde erst nach 17 Jahren aufgehoben.

Man mag sich fragen, warum ihnen das Stimmrecht überhaupt gewährt wurde. Nun, da sie so gutmütig waren, entschied Ben Gurion, durch und durch Partei-Mensch, sie würden die Mehrheit seiner Partei bei den Wahlen abstützen. Dies geschah tatsächlich.

Aber nun gibt es eine dritte Generation arabischer Bürger. Nun gibt es arabische Universitätsprofessoren, Chefärzte, Unternehmer, sogar Polizei–Kommandeure. Es gibt palästinensische Nationalisten, Islamisten, Kommunisten. Sie haben Gefühle, Forderungen, ja sogar die Frechheit, volle Gleichheit zu verlangen.

Das würde in einer normalen Situation ein genügend großes Problem sein. Aber die Situation hier ist nicht normal. Israels nationale Minderheit ist ein Teil des palästinensischen Volkes, deren ganzes Gebiet die gegenwärtige israelische Führung wegzunehmen wünscht.

GANZ HINTEN in meinem Kopf habe ich ein Drehbuch für einen Film. Ich bin bereit, es weiterzugeben.

Zwei jüdische Brüder, nennen wir sie Abraham und David flohen aus Nazi-Deutschland. David ging in die USA. Abraham nach Palästina.

David schließt sich natürlich der Bewegung von Martin-Luther-King an und wird führender Aktivist für zivile Rechte und ist jetzt ein eifriger Mitkämpfer für die Rechte von Minderheiten. Er unterstützt auch BDS, die zum Boykott von Israels Siedlungen aufruft.

Abraham, der sich selbst Rami nennt, ist ein Offizier in der israelischen Armee, ein eifriger Nationalist und regelmäßiger Likud-Wähler, ein Bewunderer von Netanjahu. Durch reinen Zufall (Dies ist schließlich ein Film) war er einmal ein-Mitglied desselben Kibbuzes, in dem Bernie Sanders als freiwilliger Arbeiter war.

Er hat die Verantwortung für einen großen Teil der Westbank und ist zufällig auch verantwortlich für die Order, nach der Palästinenser aus ihrer Wohnung geworfen werden – aus Sicherheitsgründen.

David leitet eine amerikanische Menschenrechts-Delegation, die kommt, um das zu untersuchen, was in den besetzten Gebieten geschieht. Rami hat die Aufgabe, dies zu verhindern. Und so weiter.

AUF GOTT zurückzukommen. Er schüttelt seinen Kopf. Diese Menschen – so fragt Er sich Selbst – werden sie nie lernen?

Kein Land hat jemals davon profitiert, dass es seine Minderheiten hinausgeworfen hat. Nazi-Deutschland warf seine jüdischen Wissenschaftler hinaus, einige von ihnen gingen in die US und bauten für Amerika die Atombombe. Lange zuvor warf der katholische König von Frankreich die protestantischen Hugenotten hinaus, die nach Preußen emigrierten und die eine kleine Garnisonstadt mit Namen Berlin in ein Weltzentrum von Industrie und Kultur verwandelten. Es gibt noch mehr Beispiele.

Falls zweitausend Jahre uns nicht irgendetwas gelehrt haben, wann werden wir jemals lernen ?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost, Überregional | Keine Kommentare »

Eine Dame mit einem Lächeln

Erstellt von Gast-Autor am 28. Februar 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

ES IST nicht leicht, ein Araber in Israel zu sein.

Es ist nicht leicht, eine Frau in der arabischen Gesellschaft zu sein.

Es ist nicht leicht, ein Araber in der israelischen Politik zu sein.

Es ist sogar noch weniger leicht, eine arabische Frau in der Knesset zu sein.

Hanin Soabi ist all dies zusammen. Vielleicht ist es deshalb, dass sie immer lächelt – Es mag das Lächeln von jemandem sein, der schließlich gewonnen hat.

Es kann sehr ärgerlich sein. Ärgerlich und provokativ.

In diesen Tagen hat Soabi etwas erreicht, von dem keine arabische Frau in Israel jemals geträumt hat: das ganze Land spricht über sie. Nicht eine Stunde, nicht einen Tag lang, sondern wochenlang.

Der größte Teil der jüdischen Israelis hasst sie. Soabis Lächeln triumphiert

HANIN GEHÖRT zu einem großen Familien-Clan, der mehrere Dörfer bei Nazareth dominiert. Zwei Soabis sind Mitglieder der Knesset in deren frühen Tagen gewesen – einer war ein Vassall der damals herrschenden zionistischen Labor-Partei gewesen, der andere ein Mitglied der linken zionistischen Mapam-Partei. Er war es, der den denkwürdigen Satz prägte: „Mein Land ist mit meinem Volk im Krieg“.

Hanin Soabi ist ein Mitglied der Balad („Heimat“)-Partei, eine arabische, nationalistische Partei, die von Asmi Bishara , einem israelisch-palästinensischen Intellektuellen gegründet wurde. Bishara war ein Bewunderer von Gamal Abd-al-Nasser und seiner pan-arabischen Vision. Als der Shin Bet im Begriff war, ihn unter irgendeinem Vorwand zu verhaften, floh er aus dem Land, indem er behauptete, er leide an einer ernsten Nierenerkrankung und das Gefängnis würde sein Leben gefährden.

Er hinterließ eine Knesset-Fraktion von drei Mann, eine der drei arabischen Fraktionen von ähnlicher Größe. Alle waren eine ständige Irritation für ihre jüdischen Kollegen. Deshalb erfanden sie ein Rechtsmittel. Ein neues Gesetz wurde erlassen, das die Knesset-Mitgliedschaft jeder Partei verweigert, die nicht genügend Stimmen für eine Vier-Mitglieder-Fraktion gewann. (Ein größeres Minimum hätte die Orthodoxe jüdische Partei gefährdet.)

Die Logik war einfach: die drei kleinen arabischen Fraktionen hassten sich gegenseitig. Eine war kommunistisch (mit einem jüdischen Mitglied), eine war islamistisch und eine war nationalistisch (Balad).

Aber siehe da: unter der Bedrohung der Vernichtung können sich sogar Araber vereinigen. Sie bildeten eine „Gemeinsame Liste“ („Gemeinsam“ nicht „Vereinigte“) und gewannen so 13 Sitze – drei mehr als vorher. Sie sind jetzt die drittgrößte Fraktion in der Knesset, direkt nach Likud und Labor, ein Ärgernis für viele ihrer Kollegen.

DIES IST der Hintergrund der letzten Empörung.

Seit Monaten ist Israel jetzt mitten in einer Mini-Intifada. In den zwei früheren Intifadas handelten „Terroristen“ in Gruppen unter Befehlen von Organisationen, die leicht infiltriert wurden. Dieses Mal handeln einzelne alleine oder zusammen mit Cousins, denen man vertrauen kann, ohne vorherige Anzeichen. Die israelischen Kräfte (Armee, Polizei, Shin Bet) haben keine vorherige Information über irgendetwas und waren deshalb nicht in der Lage, diese Handlungen zu verhindern.

Außerdem sind viele der heutigen „Terroristen“ Kinder – Jungen und Mädchen – die nur ein Messer aus der Küche ihrer Mutter mitnehmen und ganz spontan losrennen und den nächsten Israeli angreifen. Einige von ihnen sind 13, 14 Jahre alt. Einige der Mädchen nahmen Scheren mit. Alle wissen, dass sie höchst wahrscheinlich an Ort und Stelle von Soldaten oder vorbeigehenden bewaffneten Zivilisten erschossen werden.

Die bevorzugten Opfer sind Soldaten oder Siedler. Wenn diese fehlen, greifen sie jeden Israeli, Mann oder Frau, den/die sie sehen an.

Die mächtigen israelischen Sicherheitskräfte sind zugegebenermaßen hilflos gegen diese Art von „Infantifada“ (wie mein Freund Reuven Wimmer sie nennt). In ihrer Verzweiflung tun die Sicherheitskräfte, was sie in solchen Situationen immer tun: sie benützen Methoden, die schon vielmals misslangen.

Abgesehen von Exekutionen an Ort und Stelle (gerechtfertigt oder nicht gerechtfertigt) schließen diese Methoden die Zerstörung des Hauses der Familie ein, um andere abzuschrecken, oder die Verhaftung der Eltern oder andere Familienmitglieder.

Offen gesagt, verabscheue ich diese Methoden. Sie erinnern mich an einen Nazi-Begriff meiner Kindheit: „Sippenhaft“. Es ist barbarisch. Es ist auch äußerst unwirksam. Ein Junge, der sich entschieden hat, sein Leben für sein Volk zu opfern, wird von so etwas nicht abgeschreckt. Dafür gibt es keinen einzigen Gegenbeweis. Im Gegenteil, es ist verständlich, dass solch barbarische Akte den Hass schüren und zu mehr solchen Angriffen motivieren.

ABER DIE scheußlichste und dümmste Maßnahme ist, die Körper der Toten zurück zuhalten. Ich schäme mich fast, darüber zu schreiben.

Nach fast jedem „terroristischen“ Akt wird der Leichnam des Täters – Erwachsener oder Kind – von den Sicherheitskräften mitgenommen. Nach muslimischem Gesetz und Brauch müssen Tote noch am selben Tag oder am nächsten beerdigt werden. Sie zurückzuhalten, ist ein äußerst grausamer Akt. Unsere Sicherheitsdienste glauben, dass dies zur Abschreckung beiträgt. Für Muslime ist dies ein äußerster Akt von Frevel.

Dies ist der Hintergrund des letzten Skandals. Die drei Balad-Mitglieder der arabischen Fraktion besuchten die Familien der Täter einer „terroristischen“ Gewalttat, deren Leichname zurückgehalten wurden. Ihre Version ist, dass sie zum Diskutieren kamen, wie man die Leichname zurückerlangen könne. Die Sicherheitskräfte bestanden darauf, dass sie auch kondolierten und eine Gedenkminute hielten.

Die Knesset war geschlossen wütend. Wie können sie das wagen? Mörder zu loben und ihren Familien Sympathie zu zeigen?

Die Balad-Mitglieder der gemeinsamen Fraktion sind außer Soabi mit ihrem Lächeln, Bassal Gatas und Gamal Zahalka. Ich habe Gatas nie persönlich getroffen. Er ist 60 Jahre alt und ein christlicher Araber, ein Dr.ing. und ein Geschäftsmann. Er war lange Zeit Mitglied der kommunistischen Partei, wurde aber rausgeschmissen, als er auf seinem Recht bestand, die Sowjet Union zu kritisieren. Asmi Bishara ist sein Cousin. Im TV macht er einen sehr sensiblen Eindruck.

Gamal Zahalka betrachte ich als persönlichen Freund. Einmal nahmen wir gemeinsam an einer Konferenz in Italien teil und unternahmen einige Ausflüge mit unsern Frauen. Ich habe ihn sehr gern.

Die drei Balad-Mitglieder wurden für mehrere Monate aus der Knesset verbannt, abgesehen vom Recht an Knesset-Abstimmungen teilzunehmen (Ein Recht, das nicht verweigert werden kann. Jetzt schlägt man eine neue Gesetzesvorlage vor, dass die Knesset – bei einer Mehrheit von90 der 120 Mitglieder – Mitglieder aus der Knesset völlig hinauswirft.

Dies bedeutet, dass – wenn das Oberste Gericht diese Gesetzesvorlage nicht für verfassungswidrig hält – die Knesset bald Araber-rein sein wird. Eine rein jüdische Knesset für einen rein jüdischen Staat.

DAS WÜRDE für Israel eine Katastrophe sein.

Jeder fünfte Israeli ist ein Araber. Die arabische Minderheit in Israel ist eine der größten nationalen Minderheiten pro Kopf in der Welt. Solch eine Minderheit aus dem politischen Prozess rauszuwerfen, wird die ganze Struktur des Staates schwächen.

Als der Staat gegründet wurde, glaubten wir, dass nach einer oder zwei Generationen die Kluft zwischen den beiden Gemeinschaften sich schließen würde. Das Gegenteil ist geschehen. In den frühen Jahren war die politische Zusammenarbeit zwischen Juden und Araber in einem gemeinsamen Friedenslager stark und wurde stärker. Diese Tage sind längst vergangen. Die Kluft ist breiter geworden.

Es gab und gibt einen gegensätzlichen Trend. Viele Araber sind in wichtigen Berufen integriert, wie z.B. in der Medizin. Als ich das letzte Mal im Krankenhaus war, konnte ich nicht raten, ob der Chefarzt meiner Abteilung Jude oder Araber war. Ich musste meinen (arabischen) Pfleger fragen. Er bestätigt mir, dass der sehr freundliche Arzt Araber war. Ich fand, dass das arabische medizinische Personal im Allgemeinen freundlicher war als das jüdische.

In verschiedenen Berufen sind Araber mehr oder weniger integriert. Aber der allgemeine Trend ist gegensätzlich. Wo einmal herzliche Beziehungen zwischen Nachbarschaften oder zwischen politischen Organisationen bestanden, lösten sich die Kontakte oder verschwanden ganz.

Es gab Zeiten, in denen meine Freunde und ich fast jede Woche arabische Städte und Dörfer besuchten. Nun nicht mehr.

Dies ist insgesamt kein einseitiger Prozess. Beleidigt und seit langem zurückgewiesen, haben arabische Bürger die Lust an Zusammenarbeit verloren. Einige von ihnen sind islamistischer geworden. Die Ereignisse in den besetzten Gebieten beeinflusst sie stark. Eine dritte und vierte Generation von israelisch arabischen Bürgern ist stolzer und selbstbewusster geworden. Sie sind sehr enttäuscht worden vom Versagen der jüdischen Friedensbewegungen.

Die arabischen Mitglieder aus der Knesset zu werfen ist – wie ein französischer Politiker einmal berühmte Maßen sagte „ist schlimmer als ein Verbrechen – es ist ein Fehler!“

Es würde die Verbindungen des israelischen Staates von mehr als 20% seiner Bürger trennen. Einige Israelis mögen davon träumen, die Araber allesamt aus dem Land zu werfen – alle sechs Millionen von ihnen aus dem eigentlichen Israel, der Westbank und dem Gazastreifen – doch dies ist ein Hirngespinst. Die Welt, in der dies einmal möglich war, existiert nicht mehr.

Was möglich ist und schon besteht, ist eine schleichende Apartheid. Sie besteht schon in der Westbank und in Ost-Jerusalem und – wie es diese Episode zeigt – sie wird auch im eigentlichen Israel Realität.

Die Hysterie, die das Land nach dem „Besuch der Terroristen“-Familien heimgesucht hat, hat auch die Labor-Partei und sogar Merez ergriffen.

Ich setze „Terroristen“ in Anführungsstriche, weil sie nur für Juden Terroristen sind. Für Araber sind sie Helden, Shahid. Muslime , die ihr Leben opfern, um die Größe Allahs zu bezeugen.

Die Frage ist natürlich, was ist die Aufgabe eines arabischen Knesset-Mitglieds? Die Juden aufzuregen? Oder die Kluft zu schmälern und die Israelis zu überzeugen, dass der israelisch-arabische Frieden möglich und erstrebenswert ist. Ich fürchte, dass Soabis Lächeln nicht hilft, dieses Ziel zu erreichen.

FALLS IRGENDETWAS so hat diese Affäre die Argumente für die „Zweistaaten-Lösung“ bestärkt. Lasst jeden der beiden Staaten ein eigenes Parlament haben, in dem sie all die Dummheiten begehen können, die sie wollen, und einen gemeinsamen Koordinierungsrat, wo ernsthafte Entscheidungen getroffen werden können.

(Aus dem Engl. Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Optimismus des Willens

Erstellt von Gast-Autor am 21. Februar 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

 WIR HABEN also noch einen Antisemiten. Mazal Tov („Gutes Glück“) wie wir auf Hebräisch sagen.

Sein Name ist Ban Ki-moon, und er ist der Generalsekretär der UN . Tatsächlich der höchste internationale Offizielle, eine Art Welt-Ministerpräsident.

Er hat gewagt, die israelische Regierung zu kritisieren und auch die Palästinensische Behörde, sie würden den Friedensprozess sabotieren und dadurch einen israelisch-palästinensischen Frieden fast unmöglich machen. Er betonte, dass es einen weltweiten Konsens über die „Zwei-Staaten-Lösung“ gäbe, was die einzige Möglichkeit wäre.

Die Formulierung klang neutral, aber Ban macht es ganz klar, dass fast die ganze Schuld auf der Seite Israels liege. Seit die Palästinenser unter einer feindseligen Besatzung leben, können sie nicht viel tun, weder auf die eine noch auf die andere Weise.

Jeder, der Israel für irgendetwas die Schuld gibt, ist natürlich ein eklatanter Antisemit, der letzte in einer langen Reihe – angefangen mit Pharao, König von Ägypten, vor ein paar Tausend Jahren.

 ICH KRITISIERE Ban nicht, höchstens dafür, dass er zu sanft gesprochen hat. Vielleicht ist das der koreanische Stil. Falls ich – Gott bewahre – an seiner Stelle gewesen wäre, wäre meine Formulierung sehr viel schärfer gewesen sein.

Im Gegensatz zu Erscheinung gibt es keinen großen Unterschied zwischen Ban und Bibi, soweit es die Vorhersage betrifft. Vor ein paar Wochen verkündigte Benjamin Netanjahu, dass wir „auf immer mit dem Schwert leben werden“ – eine biblischer Satz, der auf die Warnung von Avner, König Sauls General zurückgeht, der zu König Davids General Yoav ausrief: „Soll das Schwert ohne Ende fressen?“. (Ich liebte Avner immer und nahm seinen Namen an.)

Aber was gut für einen Patrioten wie Netanyahu ist, ist nicht gut für einen Judenhasser wie Ban. Also zur Hölle mit ihm!

NETANJAHU MAG Bans Äußerung, dass die „Zwei-Staaten-Lösung“ jetzt der Konsens der ganzen Welt sei, nicht geliebt haben. Die Welt außer Netanjahu und seine Kohorte.

Das war nicht immer so. Ganz im Gegenteil.

Der Teilungsplan, der zuerst von der britisch königlichen Kommission angenommen wurde, der nach der arabischen Revolte 1936 (von den Juden „Die Ereignisse“ genannt) vereinbart wurde und in dem viele Araber, Juden und britische Soldaten starben. Nach diesem Plan wurde den Juden nur ein kleiner Teil von Palästina zugeteilt, ein schmaler Streifen am Meer entlang, aber es war das erste Mal in der modernen Geschichte, dass ein jüdischer Staat anvisiert wurde. Die Idee verursachte eine große Spaltung in der jüdischen Gemeinde in Palästina („Yishuv“ genannt. Aber der Ausbruch des 2. Weltkrieges setzte dem Plan ein Ende.

Nach dem Krieg und dem Holocaust gab es ein weltweites Suchen nach einer dauerhaften Lösung. Die Generalversammlung der neuen Vereinten Nationen entschied sich für eine Teilung Palästinas in zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabischen. Die jüdische Führung akzeptierte dies förmlich, aber mit der geheimen Absicht, das Gebiet bei der nächsten Gelegenheit zu vergrößern.

Die Gelegenheit kam bald danach. Die Araber wiesen die Teilung zurück und begannen einen Krieg, in dem wir viel mehr Land eroberten und unser junger Staat annektierte dies.

Mit dem Ende des Krieges, Anfang 1949 sah die Situation folgendermaßen aus: der vergrößerte jüdische Staat, jetzt Israel genannt, besetzte 78 % des Landes einschließlich West-Jerusalem; der Emir von Transjordanien behielt das Westufer/ (die West Bank) des Jordan mit Ost-Jerusalem und änderte seinen Titel in König von Jordanien; der König von Ägypten behielt den Gazastreifen.

Palästina war von der Karte verschwunden.

ALS ICH (wegen meiner Verletzungen) aus der Armee entlassen wurde, war ich davon überzeugt, dass diese Situation zu einem permanenten Konflikt führen würde. Während des Krieges hatte ich viele arabische Dörfer und Städte gesehen, von denen die Bewohner geflohen waren oder vertrieben worden sind und war davon überzeugt, dass es ein palästinensisches Volk gibt – im Gegensatz zu israelischen Behauptungen und weltweiter Meinung – und dass es nie Frieden geben wird, wenn diesem Volk ein eigener Nationalstaat verweigert wird.

Noch trug ich die Uniform, schaute mich aber nach Partnern um, mit denen ich diese Überzeugung teilen konnte. Ich fand einen jungen muslimischen arabischen Architekten in Haifa und einen jungen drusischen Scheich. (Die Drusen sind Araber, die sich vom Islam getrennt haben und vor vielen Jahrhunderten eine neue Religion gründeten.)

Wir drei trafen uns mehrere Male in der Wohnung des Architekten, aber fanden kein allgemeines Echo. Die Regierung und die allgemeine Meinung in Israel zogen den Status Quo vor. Die Existenz eines palästinensischen Volkes wurde eifrig verleugnet. Jordanien wurde de facto ein Verbündeter von Israel – wie es im Geheimen schon vorher war.

Falls jemand in den frühen 50er-Jahren eine internationale allgemeine Meinungsumfrage gemacht hätte, so frag ich mich, ob er 100 Leute in der Welt würde gefunden haben, die ernsthaft einen palästinensischen Staat gewollt hätten. Einige arabische Staaten machten gegenüber dieser Idee Lippenbekenntnisse, aber keiner nahm es ernst.

Mein Magazin Haolam Hazeh und später die Partei, die ich gründete, die denselben Namen hatte, waren die einzigen Organisationen in der Welt, die diesen Kampf weiterführten. Golda Meir sagte das berühmte Wort, dass „es so etwas wie ein palästinensisches Volk nicht gibt“ (und weniger bekannt ist: „Ich bin bereit, auf die Barrikaden zu klettern, um Uri Avnery aus der Knesset zu werfen“.

Diese totale Zurückweisung der Rechte und die reine Existenz des palästinensischen Volkes wurden sogar durch den Sechs-Tage-Krieg 1967 noch gestärkt, als Israel sich den Rest von Palästina aneignete. Die herrschende Doktrin war die „Jordanische Option“ – die Idee, dass falls und wenn Israel Teile der West Bank zurückgibt, man sie König Hussein geben würde.

Dieser Konsens erstreckte sich von David Ben Gurion bis Levy Eschkol, von Yitzhak Rabin bis Shimon Peres. Die Idee dahinter war nicht nur die geerbte Leugnung der Existenz des palästinensischen Volkes, sondern auch die verrückte Überzeugung, dass der König Jerusalem aufgeben würde, da seine Hauptstadt Amman war. Nur ein völliger Dummkopf könnte geglaubt haben, dass der haschemitische König, ein direkter Nachkomme des Propheten, die dritt-heiligste Stadt des Islam an Ungläubige geben könnte.

Die pro-sowjetisch israelisch kommunistische Partei war auch für die jordanische Option, die mich dazu brachte, in der Knesset einen Scherz zu machen, dass sie wahrscheinlich die einzige kommunistische monarchistische Partei in der Welt wäre. Dies endete 1969, als Leonid Brezhnev plötzlich den Kurs änderte und die „zwei Staaten für zwei Volker“-Formel akzeptierte. Die israelischen Kommunisten folgten fast bevor die Worte ausgesprochen waren.

Die Likud-Partei natürlich war nie bereit, nur einen qm von Erez Israel aufzugeben. Offiziell beansprucht es das Ostufer des Jordanflusses auch. Nur ein Erzlügner wie Netanjahu konnte öffentlich der Welt gegenüber seine Akzeptanz der „Zwei-Staaten-Lösung“ behaupten. Kein Likud Mitglied nahm ihn ernst.

Wenn der höchste Diplomat der Welt sagt, dass es einen weltweiten Konsens für die Zwei-Staaten-Lösung gibt, habe ich das Recht, mich einen Augenblick lang der Genugtuung zu erfreuen. Und des Optimismus‘.

„OPTIMISTISCH“ IST der Titel meiner Memoiren, deren zweiter Teil in dieser Woche herauskam (Leider nur auf Hebräisch. Ich habe noch keinen Verleger gefunden, der es in andern Sprachen herausgibt.

Als der erste Teil erschien, dachten die Leute, der Titel sei verrückt. Jetzt sagen sie, er sei wahnwitzig.

Optimistisch? Heute? Wenn das israelische Friedenslager schwer verzweifelt ist? Wenn der hier gewachsene Faschismus seinen Kopf hebt und die Regierung zum nationalen Selbstmord führt?

Ich habe mehrfach zu erklären versucht, woher dieser irrationale Optimismus kommt: aus genetischen Wurzeln, Lebenserfahrung, das Wissen, dass Pessimisten gar nichts tun, dass es die Optimisten sind, die versuchen, eine Veränderung zu bewirken.

Antonio Gramscis Motto zitiert: „Pessimismus des Intellekts, Optimismus des Willens.

BAN IST nicht der einzige Antisemit, der kürzlich demaskiert wurde. Ein anderer ist Laurent Fabius, Außenminister von Frankreich.

Wie kommt das? Fabius hat vor kurzem die Idee der Zusammenkunft einer internationalen Konferenz für einen israelisch-palästinensischen Frieden (natürlich in Paris) gehabt. Er erklärte im Voraus, wenn diese Idee nicht akzeptiert wird, wird Frankreich den palästinensischen Staat anerkennen, und die Tore Europas auch für andere öffnen.

Dies erhebt eine semantische Frage. Nach zionistischer Redeweise kann nur ein Nicht-Jude ein Antisemit sein. Ein Jude, der dasselbe sagt, ist ein „jüdischer Selbsthasser“.

Fabius gehört zu einer jüdischen Familie, die zum Katholizismus konvertiert ist. Nach jüdisch religiösen Gesetz (die Halacha) bleibt ein Jude, der gesündigt hat, ein Jude. Konvertieren ist eine Sünde. Ist Fabius also ein Nichtjude und deshalb ein Antisemit oder ein jüdischer Sünder, ein Selbsthasser?

Wie sollen wir ihn exakt verfluchen?

(Aus dem Englischen : Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Rattenfänger von Zion

Erstellt von Gast-Autor am 14. Februar 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

HAMELN, EINE kleine Stadt in Deutschland (nicht weit von da, wo ich geboren wurde) war von Ratten heimgesucht. In ihrer Verzweiflung riefen die Bürger nach einem Rattenfänger und versprachen ein Tausend Gulden dafür, dass er sie von der Plage befreien werde.

Der Rattenfänger nahm sein Blasinstrument und spielte eine hüsche Melodie, dass alle Ratten aus ihren Löchern kamen und ihm folgten. Er marschierte mit ihnen zum Weserfluss, wo sie alle ertranken.

Einmal von der Plage befreit, sahen die Einwohner keinen Grund zu zahlen. Der Pfeifer nahm also noch einmal sein Instrument und spielte eine noch viel schönere Melodie. Die entzückten Kinder der Stadt sammelten sich um ihn und er marschierte mit ihnen direkt zum Fluss hinunter, wo sie alle ertranken.

Benjamin Netanjahu ist unser Rattenfänger. Entzückt von seinen Melodien, laufen die Leute von Israel hinter ihm her zum Fluss.

Jene Bürger, denen klar ist, was geschieht, schauen zu. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Wie kann man die Kinder retten?

DAS ISRAELISCHE Friedenslager ist in Verzweiflung. Kein Retter ist in Sicht. Viele sitzen vor ihrem Fernseher und wringen die Hände.

Unter dem Rest findet eine Debatte statt. Wird die Erlösung von innen kommen oder von außen?

Der letzte Mitwirkende an dieser Debatte ist Amos Schocken, der Besitzer der „Haaretz-Zeitung. Er hat einen seiner seltenen Artikel geschrieben, in dem er behauptet, dass uns nur Kräfte von außen retten können.

Lasst mich zuerst sagen, dass ich Schocken bewundere. „Haaretz“ („ Das Land) ist eine der letzten Bastionen von Israels Demokratie. Verflucht und verachtet von der ganzen rechten Mehrheit führt sie die intellektuelle Schlacht für Demokratie und Frieden. All dies während die gedruckten Medien in Israel und in aller Welt in ernster finanzieller Notlage sind. Meine eigene Erfahrung als Besitzer und Herausgeber eines Magazins–das die Schlacht verloren hat – weiß genau, wie heroisch und herzzerbrechend dieser Job ist.

In seinem Artikel sagt Schocken, dass die Schlacht, Israel von innen zu retten, hoffnungslos ist. und dass wir deshalb den von außen kommenden Druck unterstützen müssen: die wachsende weltweite Bewegung, um Israel zu boykottieren: politisch, wirtschaftlich und akademisch.

Ein anderer prominenter Israeli, der diese Ansicht unterstützt, ist Alon Liel, ein früherer Botschafter in Südafrika und gegenwärtiger Hochschuldozent. Auf seiner eigenen Erfahrung gegründet, behauptet Liel, dass es der weltweite Boykott war, der das Apartheidregime auf seine Knie zwang.

Es liegt mir fern, das Zeugnis von solch hervorragenden Experten zu verachten. Ich war nie in Süd-Afrika, um es selbst zu erleben. Aber ich habe mit vielen Teilnehmern, Schwarzen und Weißen gesprochen und mein Eindruck ist ein wenig anders.

ES IST eine große Versuchung, das gegenwärtige Israel mit der Apartheid Süd-Afrika zu vergleichen. Tatsächlich ist der Vergleich fast unvermeidbar. Aber was sagt es uns?

Die angenommene Ansicht im Westen ist, dass der internationale Boykott des scheußlichen Apartheid-Regime es war, der ihm das Rückgrat brach. Dies ist eine beruhigende Ansicht. Das Gewissen der Welt wachte auf und zerdrückte die Schufte.

Doch dies ist ein Blick von außen. Der Blick von innen scheint ganz anders. Die Innenansicht schätzt die Hilfe der internationalen Gemeinschaft, aber führt den Sieg auf den Kampf der schwarzen Bevölkerung selbst zurück, ihre Bereitschaft zu leiden, ihren Heldenmut, ihre Hartnäckigkeit. Indem es viele verschiedene Methoden anwandte, einschließlich Terrorismus und Streiks, machte es die Apartheid schließlich unmöglich.

Der internationale Druck half mit, dass den Weißen zunehmend ihre Isolierung bewusst wurde. Einige Maßnahmen, wie der internationale Boykott der südafrikanischen Sportteams waren besonders schmerzlich. Aber ohne den Kampf der schwarzen Bevölkerung selbst, würde der internationale Druck unwirksam gewesen sein.

Den höchsten Respekt schuldet man den weißen Süd-Afrikanern, die aktiv den Kampf der Schwarzen unterstützten, einschließlich Terrorismus bei großem persönlichem Risiko. Viele von ihnen waren Juden. Einige flohen nach Israel. einer war mein Freund und Nachbar Arthur Goldreich. Die israelische Regierung unterstützte natürlich das Apartheid-Regime.

Selbst ein oberflächlicher Vergleich zwischen den beiden Fällen zeigt, dass das israelische Apartheid-Regime sich großer Aktivas erfreut, die in Süd-Afrika nicht existierten.

Die südafrikanischen weißen Herrscher wurden weltweit verabscheut, weil sie ganz offen die Nazis im 2. Weltkrieg unterstützten. Die Juden waren die Opfer der Nazis. Der Holocaust ist ein riesiges Guthaben der israelischen Propaganda. So wird das Nennen jeder Kritik Israels als antisemitisch angesehen – eine sehr wirksame Waffe in diesen Tagen.

(Mein letzter Beitrag: Wer ist ein Antisemit? Derjenige, der die Wahrheit über die Besatzung sagt.)

Die unkritische Unterstützung der mächtigen jüdischen Gemeinden in aller Welt für die israelische Regierung ist etwas, wovon die südafrikanischen Weißen nicht einmal träumen konnten.

Und natürlich ist kein Nelson Mandela in Sicht.

Paradoxerweise gibt es ein klein wenig Rassismus in der Ansicht, dass es die Weißen in der westlichen Welt waren, die die Schwarzen in Südafrika befreiten und nicht die schwarzen Südafrikaner selbst.

Es gibt noch einen großen Unterschied zwischen den beiden Situationen. Während Jahrhunderten der Verfolgung in der christlichen Welt abgehärtet, können jüdische Israelis auf Druck von außen anders reagieren als erwartet. Druck von außen kann sich gegensätzlich äußern. Es kann sich der alte jüdische Glaube wieder bestätigen, dass Juden nicht verfolgt werden für das, was sie tun, sondern für das, was sie sind. Das ist einer von Netanjahus Hauptargumenten.

Vor Jahren sang und tanzte eine Armeeunterhaltungsgruppe zu der fröhlichen Melodie eines Liedes, das mit den Worten begann: „Die ganze Welt ist gegen uns, aber uns ist es schnuppe…“

Dies betrifft auch die BDS-Kampagne. Vor 18 Jahren waren meine Freunde und ich die ersten, die einen Boykott auf die Produkte der Siedlungen erklärten. Wir wollten eine Kluft zwischen Israelis und den Siedlern schaffen. Deshalb erklärten wir keinen Boykott gegen Israel selbst, was gewöhnliche Israelis in die Arme der Siedler getrieben hätte. Nur direkte Unterstützung der Siedlungen sollte bestraft werden

Das ist noch immer meine Meinung. Aber jeder im Ausland sollte seine/ihre eigene Meinung dazu haben. Man sollte sich immer daran erinnern, dass die Hauptsache sei, die öffentliche Meinung zu in Israel zu beeinflussen

DIE „INNEN-AUSSEN“Debatte könnte rein theoretisch sein, aber sie ist es nicht. Sie hat sehr praktische Konsequenzen.

Das israelische Friedenslager ist in einem Zustand der Verzweiflung. Die Größe und Macht des Rechten Regierungsflügels wächst. Fast täglich werden widerliche neue Gesetze vorgeschlagen und erlassen, einige von ihnen mit einer unverkennbaren faschistischen Variante. Der Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich mit einem Pulk männlicher und weiblicher Rowdies umgeben, vor allem aus der Likud Partei, obwohl er selbst im Vergleich zu denen selbst beinahe ein Liberaler ist. Die wichtigste Oppositionspartei, das „Zionistische Lager“ (früher Labor) könnte Likud B genannt werden.

Abgesehen von einigen Dutzend Randgruppen, die tapfer diese Welle aushalten und bewundernswerte Arbeit tun, jede in ihrer ausgewählten Nische, ist das Friedenslager gelähmt durch seine eigene Verzweiflung. Sein Slogan könnte gut sein: „Nichts kann mehr getan werden“

Die jüdisch-arabische Zusammenarbeit im gemeinsamen Kampf innerhalb Israel – jetzt trauriger Weise fast fehlend – ist auch wesentlich.

In diesem Klima ist die Idee, dass Israel nur durch Druck von außen von sich selbst retten kann, tröstlich. Irgendjemand dort draußen wird die Arbeit für uns tun. Erfreuen wir uns also der Demokratie, solange sie noch besteht.

Ich weiß, dass nichts weiter entfernt ist von Schockens, Liels und all der anderen Gedanken, die täglich den Kampf kämpfen. Aber ich fürchte, dass dies die Folge ihrer Ansichten ist.

WER ALSO hat recht? Diejenigen, die glauben, dass der Kampf innerhalb Israel uns retten kann oder jene, die ihr Vertrauen ganz auf den Druck von außen setzen?

Meine Antwort: weder noch

Oder eher beide.

Diejenigen die innen kämpfen, benötigen alle Hilfe, die sie von außen bekommen können. Alle moralisch denkenden Menschen in allen Ländern der Welt sollten es als ihre Pflicht ansehen, den Gruppen und Personen innerhalb Israels zu helfen, die weiter für Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit kämpfen.

Wenn Israel ihnen teuer ist, sollten sie diesen tapferen Gruppen moralisch, politisch und materiell zu Hilfe kommen.

Aber um den Druck von außen wirksam zu machen, müssen sie in der Lage sein, sich mit dem Kampf drinnen zu verbinden, dies veröffentlichen und dafür Unterstützung gewinnen. Sie können neue Hoffnung denen geben, die am Verzweifeln sind. Nichts ist entscheidender.

Der Regierung ist das klar. Deshalb erlässt sie alle Arten von Gesetzen, um die israelischen Friedensgruppen von ausländischer Hilfe abzuschneiden.

Also lassen wir den guten Kampf weitergehen – innerhalb, außerhalb, ja überall.

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Vorgestellte Nationen

Erstellt von Gast-Autor am 24. Januar 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

VOR ZWEI Wochen starb Benedict Anderson. Oder wie wir auf Hebräisch s

agen: „er ging in seine Welt.“

Anderson , ein Ire, der in China geboren, in England groß geworden ist, sprach fließend mehrere südasiatische Sprachen, hatte einen großen Einfluss auf meine intellektuelle Welt.

Ich schulde seinem bedeutendsten Buch: „Vorgestellte Gemeinschaften“

JEDER VON uns hat ein paar Bücher, die seine Weltsicht schufen und veränderten.

In meiner frühen Jugend las ich Oswald Spenglers monumentales „Der Untergang des Abendlandes“. Es hatte eine dauernde Wirkung auf mich.

Spengler, jetzt fast vergessen, war davon überzeugt, dass die ganze Weltgeschichte aus einer Anzahl von „Kulturen“ besteht, die menschlichen Wesen ähneln: sie werden geboren, reifen, werden in einer Zeitspanne von tausend Jahren alt und sterben.

Die „alten“ Kulturen der Griechen und Römer dauerten von 500 vor Chr., bis 500 nach Chr. Ihnen folgte die „magische“ östliche Kultur, die im Islam ihren Höhepunkt hatte, die bis zum Auftauchen der westlichen Kultur dauerte und die im Begriff ist zu sterben. Und nun von Russland gefolgt wird, (Wenn er heute gelebt hätte, würde Spengler wahrscheinlich China anstelle von Russland gesetzt haben)

Spengler, der eine Art Universalgenie war, erkannte auch mehrere Kulturen auf andern Kontinenten.

Das nächste monumentale Werk, das meine Weltsicht beeinflusste war Arnold Toynbees „Ein Studium der Geschichte“. Wie Spengler, glaubte er, dass Geschichte aus „Zivilisationen“ bestehen, die reifen und altern, aber er fügte Spenglers Liste noch einiges hinzu.

Spengler, ein Deutscher, war pessimistisch. Toynbee, ein Brite, war optimistisch. Er akzeptierte nicht die Ansicht, dass Zivilisationen verurteilt werden, nach einer gewissen Lebensspanne zu sterben. Nach ihm geschah dies tatsächlich bis heute, aber ihre Menschen können aus Fehlern lernen und seinen Lauf der Dinge verändern.

ANDERSON BESCHÄFTIGTE sich nur mit einem Teil der Geschichte: mit der Geburt der Nationen.

Für ihn ist eine Nation eine menschliche Schöpfung der letzten paar Jahrhunderte. Er leugnete die akzeptierte Ansicht, dass Nationen immer existiert haben und sich nur verschiedenen Zeiten anpassten, wie wir in der Schule lernten. Er bestand darauf, dass Nationen vor nur etwa 350 Jahren „erfunden“ wurden.

Entsprechend der europäischen Ansicht, die „Nation“ übernahm ihre gegenwärtige Form in der Französischen Revolution oder unmittelbar davor. Bis dahin lebte die Menschheit in verschiedenen Formen von Organisationen.

Primitive Menschen lebten in Stämmen, die gewöhnlich aus ungefähr 800 Individuen bestanden. Solch ein Stamm war klein genug von einem kleinen Gebiet zu leben, und groß genug, sich gegen benachbarte Stämme zu verteidigen, die immer versuchten, Gebiet von ihm zu nehmen.

Von hier entwickelten sich verschiedene Formen menschlicher Kollektive, wie der griechische Städte-Staat, das persische und römische Empire, der multi-kommunale byzantinische Staat, die islamische „Umma“, die europäischen Viel-Völker-Monarchien und das westliche Kolonialreich.

Jede dieser Schöpfungen passt sich seiner Zeit und den Realitäten an. Der moderne Nation-Staat war eine Reaktion auf moderne Herausforderungen („Herausforderung und Reaktion“ war Toynbees Mechanismen des Wechsels) Neue Realitäten – die industrielle Revolution, die Erfindung der Eisenbahn und das Dampfschiff, immer tödlichere moderne Waffen etc. – machten kleine Fürstentümer obsolet.

Ein neuer Entwurf war notwendig und fand seine beste Form in einem Staat mit zehnmillionen Menschen, genug, um eine moderne Industriewirtschaft zu erhalten, sein Gebiet mit riesigen Armeen, zu verteidigen, eine allgemeine Sprache zu entwickeln als Grundlage für eine Kommunikation zwischen allen Bürgern.

(Ich bitte um Verzeihung, wenn ich meine eigenen primitiven Gedanken mit denen von Anderson vermische. Ich bin zu faul, sie aus einander zu sortieren.)

NOCH BEVOR die neuen Nationen blühten, und England, Schottland, Wales und Irland vereinigten sich zwangsweise zu Großbritannien , einer genügend großen und starken Nation, die einen großen Teil der Welt erobern konnte. Franzosen, Bretonen, Provenzalen, Korsen und viele andere vereinigten sich und wurden Frankreich. Es war stolz auf seine gemeinsame Sprache , die von der Druckpresse und den Massenmedien gefördert wurde.

Deutschland, ein Nachzügler auf der Bühne bestand aus Dutzenden von souveränen Königreichen und Fürstentümer. Die Preußen und Bayern konnten sich nicht ausstehen. Städte wie Hamburg waren stolz unabhängig. Erst während des französisch- preußischen Krieges von 1870 wurde das neue Deutsche Reich gegründet – praktisch auf dem Schlachtfeld. Die Vereinigung von „Italien“ fand noch etwas später statt.

Jede dieser neuen Entitäten benötigte ein gemeinsames Bewusstsein und eine gemeinsame Sprache und so kam es zu „Nationalismus“. „Deutschland, Deutschland über alles“, vor der Vereinigung geschrieben, meinte ursprünglich nicht , dass Deutschland überallen anderen Nationen war, sondern dass das gemeinsame deutsche Vaterland über all den lokalen Fürstentümern stand.

All diese neuen „Nationen“ wollten erobern – aber als erstes „eroberten“ und annektierten sie ihre Vergangenheit. Philosophen, Historiker, Lehrer und Politiker fingen eifrig damit an, ihre Vergangenheit neu zu schreiben und brachten alles in die „nationale“ Geschichte.

Zum Beispiel die Schlacht im Teutoburger Wald (9 n.Chr.), bei der drei deutsche Stämme entscheidend eine römische Armee besiegte, wurde ein nationales „deutsches“ Ereignis. Der Führer Hermann (Arminius) wurde nachträglich ein früher „National“-Held.

Auf diese Weise kamen Andersons „ vorgestellte“ Gemeinschaften zustande.

Aber nach Anderson wurde die moderne Nation gar nicht in Europa geboren, sondern in der westlichen Hemisphäre. Als die eingewanderten weißen Gemeinschaften in Süd- und Nord-Amerika genug von ihren unterdrückerischen europäischen Herren hatten, entwickelten sie einen lokalen (weißen) Patriotismus und wurden neue „Nationen“ – Argentinien, Brasilien, die Vereinigten Staaten und all die anderen – jede eine Nation mit einer eigenen nationalen Geschichte. Von dort kam die Idee nach Europa bis die ganze Menschheit in Nationen aufgeteilt war.

Als Anderson starb, begannen die Nationen schon aus einander zu brechen wie antarktische Eisberge. Der Nationen-Staat wird obsolet und wird schnell zur Fiktion. Eine weltweite Wirtschaft, super-nationale Militärische Bündnisse, Raumflüge, welt-umspannende Mrdien, Klimawandel und viele andere Faktoren schaffen eine neue Realität. Organisationen wie die europäische Union und die Nato übernehmen Funktionen, die einst von Nation-Staaten ausgeführt wurden.

Nicht durch Zufall wird die Vereinigung von geographischen und ideologischen Blöcken begleitet, was nach gegensätzlicher Tendenz aussieht, aber in Realität ein sich ergänzender Prozess ist. Nation Staaten brechen aus einander. Die Schotten, die Basken, Katalanen, Quebecer, Kurden und viele andere schreien nach Unabhängigkeit, nachdem die Sowjetunion, Jugoslawien, Serbien, der Sudan und verschiedene andere supra nationale Entitäten aus einander gebrochen sind. Warum müssen Katalonien und das baskische Land unter demselben spanischen Dach leben, wenn jedes von ihnen ein eigenes, unabhängiges Mitglied der EU werden kann?

EIN HUNDERT Jahre nach der Französischen Revolution „ erfanden“ Theodor Herzl und seine Kollegen die jüdische Nation.

Das Timing war nicht zufällig. Ganz Europa wurde „national“. Die Juden waren eine internationale ethnisch-religiöse Diaspora, ein Überbleibsel aus der ethnisch-religiösen Welt des Byzantinischen Reiches. Und so kam Verdacht und Feindschaft auf. Herzl, ein eifriger Bewunderer von beiden, dem neuen deutschen Reich und dem britischen Reich, glaubte, dass beim neuen Definieren die Juden als eine territoriale Nation, dem Antisemitismus ein Ende gemacht werden könnte.

Verspätet taten er und seine Anhänger das, was alle anderen Nationen vorher getan haben: eine „nationale“ Geschichte zu erfinden, die sich nicht auf biblische Mythen, Legenden und Realität gründet und Zionismus nannten. Sein Slogan war :„Wenn ihr wollt, dann ist es kein Märchen.“

Der Zionismus, vom intensiven Antisemitismus geholfen, war unglaublich erfolgreich .Juden richteten sich in Palästina ein, schufen einen eigenen Staat und im Laufe der Ereignisse wurde es ein realer Nation. „Eine Nation wie alle anderen“, wie ein berühmter Slogan sagte.

Die Schwierigkeit war, dass in dem Prozess der zionistische Nationalismus nie wirklich die alte jüdische religiöse Identität überwand. Unbehagliche Kompromisse, die von Zeit zu Zeit der Zweckmäßigkeit dienten. Da der neue Staat der Macht und die finanziellen Mittel des Weltjudentum übernehmen wollte, war er glücklich, die Verbindungen zum Weltjudentum nicht abgeschnitten zu haben und gab vor , dass die neue Nation in Palästina („Eretz Israel“) nur eine von vielen jüdischen Gemeinden war, wenn auch die vorherrschende.

Im Unterschied zum Prozess , bei dem sich die Nationen vom Mutterland trennen, wie es Anderson beschreibt, die kläglichen Versuche, in Palästina eine neue getrennte „hebräische“ Nation zu bilden, wie Argentinien und Kanada, misslangen (Sie werden in den Büchern von Shlomo Sand beschrieben.)

Unter der gegenwärtigen israelischen Regierung wird Israel immer weniger israelisch und immer jüdischer. Kippah tragende religiöse Juden übernehmen immer mehr zentrale Regierungsfunktionen; die Bildung wird immer religiöser.

Jetzt wünscht die Regierung ein Gesetz heraus zu geben, nach dem der Staat „Nation-Staat des Jüdischen Volkes“ genannt wird. Damit wird die bestehende legale Fiktion eines „ jüdischen und demokratischen Staates“ außer Kraft gesetzt. Der Kampf um dieses Gesetz wird wohl die entscheidende Schlacht um Israels Identität sein

Das Konzept selbst ist natürlich lächerlich. Ein Volk und eine Nation sind zwei verschiedene Dinge. Ein Nationalstaat ist eine territoriale Entität, die ihren Bürgern gehört. Er kann nicht den Mitgliedern einer weltweiten Gemeinschaft gehören, die zu verschiedenen Nationen gehören, in verschiedenen Armeen dienen und ihr Blut für verschiedene Dinge vergießen.

Es bedeutet auch, dass der Staat nicht 20% oder mehr seiner eigenen Bürger, die keine Juden sind, nicht gehört. Kann man sich eine verfassungsmäßige Änderung in den US vorstellen, bei der alle Angel-Sachsen weltweit alle US- Einwohner werden , während Afro-Amerikaner und Spanisch-stämmige keine Bürger sind.

Nun vielleicht konnte Donald Trump sich das vorstellen. Vielleicht auch nicht.

ICH TRAF Benedict Anderson nie persönlich. Das ist schade. Ich würde so gern über einige dieser Konzepte mit ihm diskutiert haben.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

König Bibi

Erstellt von Gast-Autor am 20. Dezember 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

BENJAMIN NETANJAHU ist unser Ministerpräsident fürs Leben.

So scheint es. Offensichtlich glaubt er dies auch.

Er glaubt es nicht nur. Er handelt entsprechend. Um sicher zu gehen, hat er zwei notwendige Dinge getan: a) jeden möglichen Konkurrenten eliminieren und (b) sich mit männlichen und weiblichen Troddeln umgeben; keiner von diesen könnte als plausibler Nachfolger angesehen werden. In der Tat, der Gedanke, dass irgendeiner von diesen jemals Ministerpräsident werden könnte, lässt einen schaudern.

Also sind wir mindestens fürs Leben an ihn gebunden. Zeit, um dieser Aussicht gegenüber zu treten.

ER IST nicht der Schlechteste. Keiner ist dies jemals. Für jeden schlechten Führer gibt es noch einen schlechteren (Mit Ausnahme von Adolf Hitler, vielleicht).

Blicken wir also zuerst auf die positiven Seiten seiner Regierung. Da gibt es, (tatsächlich) welche.

Nummer 1: Er ist nicht verrückt.

In der Welt gibt es mehrere verrückte Führer. Wir haben eine ganze Anzahl von Verrückten innerhalb und außerhalb der Regierung. Netanjahu ist keiner von ihnen.

Nummer2: Er ist nicht unverantwortlich.

Während des letzten Gaza-Krieges, als alle Arten von Politikern und andere Demagogen ihm zuriefen, alle möglichen unverantwortlichen Dinge zu tun , wie das Zurück-erobern des Gazastreifens, verweigerte er dies und folgte dem Rat der Armee.

(In Israel verabscheut die Armee zur Zeit sinnlose Abenteuer. Die Armeeoffiziere sind in der Regel viel weniger unbesonnen als die Politiker.)

Man kann natürlich fragen, wie kamen wir überhaupt erst in diesen Morast? Tatsächlich passt die alte Definition zu Netanjahu: Eine schlaue Person ist jemand, der weiß, wie man aus einer schlimmen Situation herauskommt, in die eine weise Person überhaupt niemals hinein geraten würde.

Nummer 3: Er ist ein erfolgreicher Redner.

Das ist natürlich keine notwendige Voraussetzung. David Ben Gurion war ein schlechter Redner. Levi Eshkol war ein miserabler Redner. Beide waren im Vergleich zu Golda Meir Demosthenes-gleich, deren Vokabular im Hebräischen und Englischen aus etwa hundert Wörtern mit schlechtem Akzent bestand. Das war für sie genug, um jede Hörerschaft zu überzeugen.

Netanjahu ist ein vollendeter Redner im entgegengesetzten Sinn. Er spricht ein gutes Hebräisch; er hat eine tiefe Stimme, seine Gesten sind angemessen. Tatsächlich hat man oft den Eindruck, dass er eine Stunde vor dem Spiegel verbrachte, um den Vortrag ganz genau hinzubekommen.

Doch überzeugt er nur diejenigen, die überzeugt werden wollen. Um kritische Zuhörer zu überzeugen, ist die ganze Vorstellung zu sehr einstudiert, zu perfekt. Wie sein Haar zu glatt, zu perfekt blau-weiß gefärbt ist.

(Neulich wurde bekannt, dass sein persönlicher Friseur auf der Regierungsliste mehr als ein Kabinettminister verdient. Recht so, denke ich.)

Wenn Netanjahu vor der Welt als Vertreter Israels spricht, liefert er eine glaubwürdige Vorstellung. Nicht brillant, vielleicht nicht sehr überzeugend, aber auch nicht beschämend.

VIELE LEUTE in Israel oder außerhalb glauben, dass Netanjahu ein totaler Zyniker ist, ein Mann ohne wirkliche Überzeugungen, dessen einziges Ziel es ist, für immer an der Macht zu bleiben.

Ich glaube nicht, dass dies wahr ist.

Ein Zyniker ohne Überzeugungen würde viel weniger gefährlich sein. Aber Netanjahu ist kein Zyniker.

Er wuchs im Schatten seines Vaters Ben Zion auf, ein harter Familientyrann, der überzeugt war, dass er nicht den Respekt erhält, der ihm von seinen akademischen Kollegen und Institutionen zukam.. Deswegen emigrierte er vorübergehend in die US, wo Benjamin als richtiger amerikanischer Junge aufwuchs.

Der Vater war ein fanatischer extremer Rechter. Der Führer der zionistischen Rechten, der brillante Vladimir (Ze’ev) Jabotinsky, war für ihn zu moderat. Ben Zion war spezialisiert auf die Geschichte der spanischen Inquisition und schrieb ein gewichtiges Buch darüber, aber seine Kollegen erwiesen ihm nicht die Ehre, von der er glaubte, sie stünde ihm zu. Er wurde sehr verbittert.

Benjamin verehrte seinen Vater und betrachtete ihn als Genie, aber der Vater bewunderte seinen älteren Sohn Yoni, einen Militäroffizier, der bei dem berühmten Entebbe –Überfall starb. Von „Bibi“ hatte der Vater eine ziemlich geringe Meinung. Er sagte einmal öffentlich, dass Benjamin ein guter Außenminister werden könnte, aber kein Ministerpräsident. In Israel wird der Außenminister mit einiger Geringschätzung behandelt. Ein wirklicher-Mann hofft Verteidigungsminister zu werden.

All dies flößte in den jungen Benjamin einen brennenden Eifer, seinem toten Vater zu zeigen, dass er ein ausgezeichneter Ministerpräsident sein konnte. Dies bildete auch die ideologische Basis für all seine Gedanken und Aktionen: die unerschütterliche Überzeugung, dass die Juden „das ganze Eres Israel“ in Besitz nehmen müssen – das ganze Land zwischen Mittelmer und dem Jordan.

Jedes Wort, das Netanjahu je sagte, das dieser Grundüberzeugung widersprach, ist eine eklatante Lüge. Aber wie die alten Römer gesagt haben sollen: „ Es ist süß und passend, fürs Vaterland zu lügen

INNERHALB DIESES verborgenen Parameters ist Netanjahu tatsächlich ein Zyniker. Er klebt an der Macht und hat keine Neigung dazu, sie jemals aufzugeben-

Und tatsächlich ist er ein vollkommener Politiker. Es gibt keine Anzeichen, dass er irgendeinen von ihm ernannten Minister respektiert. Er scheint, ein Vergnügen daran zu haben, jedem einzelnen den Job zu geben, der am wenigsten zu ihm/ zu ihr passt. Die Kulturministerin, Miri Regev, eine vulgäre, primitive, ganz unkultivierte weibliche Politikerin ist ein ausgezeichnetes Beispiel, aber die meisten ihrer Kollegen sind nicht viel besser.

Keiner von diesen kann Netanjahus Position zum mindesten gefährden. Verglichen mit ihm, ist er die überragende Figur.

In den andern Parteien innerhalb der Regierungs-Koalition – und außerhalb – ist die Situation nicht viel besser. Einige von ihnen zeigten (wenigstens in den Meinungsumfragen) einige Hoffnung, doch dies erwies sich als zu kurzlebig. Moshe Kahlon, der gegenwärtige Finanzminister, ein netter Kerl, aber als nationaler Führer ist er ganz klein. So ist es auch mit Yair Lapid, dem früheren Finanzminister, der jetzt in der Opposition ist, der fest davon überzeugt ist, dass ihn das Schicksal zu Netanjahus Nachfolger auserwählt habe. Sein einziges Problem ist, dass nur sehr wenige diesen Glauben teilen.

Viel beunruhigender ist, dass die Labor-Partei (jetzt „Zionistisches Lager“) ohne jede Persönlichkeit ist, die nur in die Nähe von Netanjahus Führungsstatur kommen könnte. Der Parteiführer Yitzhak Herzog ist eine traurige Enttäuschung. Fast alle Parteifunktionäre meiden sogar das hervorstechende Staatsproblem zu erwähnen: die Besatzung. Kaum jemals äußern sie das gefährliche Wort Frieden. Es ist viel besser über „politische Vereinbarungen“ „Endabkommen“ und ähnliches blah, blah, blah zu reden.

NETANJAHUS HAUPTINSTRUMENT der Herrschaft geht zurück auf die alten Römer (wie es zum Sohn eines Historikers passt): Teile und herrsche.

Er ist ein großartiger Aufhetzer; Juden gegen Araber, orientalische Juden gegen Aschkenasi, religiöse gegen säkulare. (Er selbst ist ein Ungläubiger, aber die Religiösen aller Richtungen sind seine stärksten Verbündeten.)

Haß geht mit Angst. Es ist ein alter jüdischer Glaube, dass die ganze Welt uns zerstören will („Aber Gott rettet uns aus ihren Händen“ wie jeder Jude am Passahabend deklamiert) Das ist jetzt wahrer denn je.

Die Iraner wollen uns ausrotten. Die Araber wollen uns ins Meer werfen. Die Linken sind noch schlechter: sie sind Verräter. Bibi ist der einzige, der uns von all diesen retten kann. Gott mag etwas nachhelfen.

ABER DIE wirkliche Gefahr von Netanjahus Herrschaft ist sein totales Schweigen zu Israels Hauptproblem, seine existentielle Frage: der 130jährige Krieg mit den Palästinensern und durch Erweiterung mit der ganzen arabischen und muslimischen Welt.

Durch die Ideologie seines Vaters festgelegt, ist er nicht in der Lage, einen Zoll unsres heiligen Vaterlandes abzugeben (Wie viele Israelis glaubt er nicht an Gott, glaubt aber, dass Gott uns dieses Land verheißen hat. Tatsächlich war Gott sogar großzügiger und versprach uns alles Land zwischen Nil und Euphrat.

Einige bantustan-ähnliche, nicht mit einander verbundene Enklaven für die Palästinenser – warum nicht? solange wir sie nicht alle mit einander vertreiben können. Aber nicht mehr.

Dies verhindert jede Bemühung um Frieden. Es garantiert einen Apartheidstaat oder einen bi-nationalen Staat mit einem permanenten Bürgerkrieg. Netanjahu weiß dies sehr genau. Er macht sich keine Illusionen. Also äußerte er die logische Antwort: „Wir werden immer mit dem Schwert leben“. Gutes Hebräisch, schreckliche Staatsmannsschaft.

Unter seiner Herrschaft wird Israel unwiderruflich den Abhang hinuntergleiten und schließlich in die Katastrophe. Je länger seine Herrschaft dauert, umso größer ist die Gefahr.

Alles in allem: Netanjahu ist ein Mann ohne intellektuelle Tiefe, ein politischer Manipulator ohne reale Lösungen, ein Mann mit einem imposanten Äußeren, aber einem leeren Inneren.

Mittlerweile ist er groß im Erfinden von Belangen, die die Aufmerksamkeit vom schicksalhaften Problem ablenken. Ganz Israel war monatelang mit der Debatte über den „natürlichen Gas-Plan“ beschäftigt. –(Vor der israelischen Meeresküste wurde nämlich Gas entdeckt.) –Und die Art und Weise , wie soll der Profit geteilt werden. Netanjahu unterstützt mit all seiner Macht den „Plan“, der den Gewinn in die Taschen einer handvoll Reicher fließen lässt, die irgendwie mit Sheldon Adelson , seinem Schutzherrn ( und manche sagen seinem Beschützer, verbunden sind ).

In der Zwischenzeit können „König Bibi“ und seine höchst unpopuläre Gemahlin Königin Sarahle sich mit Befriedigung umschauen. Da gibt es niemanden, der ihre unbegrenzte Herrschaft („Amtszeit“ scheint eine unpassende Definition). gefährdet.

Sie denken daran, einen königlichen ( sorry – Ministerpräsidenten-) Palast, anstelle der ziemlich schäbigen gegenwärtigen Residenz, mitten in Jerusalem zu bauen. Rund um sie herum ist nichts außer einer politischen Wüste.

Ich würde zu Gott beten, uns zu erlösen.

Aber leider glaube ich nicht an Gott.

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Berlin, Friedenspolitik, Nah-Ost, Überregional | Keine Kommentare »

Gedanken am Strand

Erstellt von Gast-Autor am 13. Dezember 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery

ES WAR wunderbar.

Ich ging zum ersten Mal nach der Operation nach drei Wochen an den Strand.  Es ist ein Spaziergang von fünf Minuten von meiner Wohnung.

Das Meer war still, ganz ruhig. Eine milde Sonne schien am Horizont, nicht zu heiß, nicht zu kalt, gerade so, wie wir es gern haben. Ein kühler Wind, nicht zu kalt, wehte.

Ich schlürfte eine Tasse „Americano“ Kaffee und dachte, dass alles in der Welt zum Besten stand.

ABER NATÜRLICH  war es das nicht. In der Tat war alles schlecht, am schlechtesten von allen Welten.

Jenseits des blauen Meeres im weit entfernten Paris  beriet sich  die größte  Versammlung  der Führer der Welt, wie man den Planet vom Klimawandel retten könne. Unser eigener Benjamin Netanjahu war dort mit einer riesengroßen Delegation, obwohl die meisten Israelis, einschließlich Netanjahu  für dies Problem nur Verachtung hatten und das sie  für ein gefälschtes  Problem für verwöhnte Länder halten, die keine echten Probleme haben , wie wir sie in Mengen haben.

Er ging nur deshalb hin, um Hände zu schütteln,  und um dieses Bild des Händeschütteln  mit den größten Führern der Welt, einschließlich den Arabern, um so die Lüge  für all jene zu verbreiten, die Israels wachsende Isolierung in der Welt bedauern.

Aber all dies war Augenwischerei. Israel, das Land das ich liebe, ist in großer Gefahr. Tatsächlich ist es in mehr Gefahren .Nicht nur in einer.

Während ich auf das Meer hinausschaute,  dachte ich über die drei großen Gefahren nach, die ich spürte und die ich selbst nicht im Krankenhaus  vergessen konnte.

Die erste Gefahr: Israel wird ein Apartheidstaat (Was  schon in den besetzten palästinensischen Gebieten die Situation ist.)

Früher oder später wird die eingebildete Grenze zwischen Israel und „den Gebieten“ völlig verschwinden. Noch besteht sie in legalen Termini. Doch  wie lange noch?

Zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan leben israelische Juden und palästinensische Araber jeder in mehr oder weniger gleicher Zahl – etwa 6,5 Millionen  Dies wird ein Apartheidstaat in der schlimmsten Bedeutung des Wortes.

Falls Israel schließlich gezwungen werden könnte, den arabischen  Bewohnern  die gleichen Rechte zu gewähren, wie das Recht zu wählen (etwas das sehr, sehr weit entfernt scheint).

Dies würde ein Staat mit ständigem Bürgerkrieg sein. Diese beiden Völker  haben nichts  gemeinsam –  sozial, kulturell, religiös, ökonomisch – außer ihrem gegenseitigen Hass.

Die zweite Gefahr wird  von Daesh (IS, ISIL, ISIS) symbolisiert. Alle benachbarten Staaten  mögen sich unter dem schwarzen Banner von Allah  vereinigen und sich gegen uns  wenden. Es geschah vor 900 Jahren, als der große  Salah-ad-Din (Saladin) die arabische Welt gegen die Kreuzfahrer vereinigte und sie ins Meer warf. (Saladin war kein Araber, sondern ein Kurde aus dem nördlichen Irak.)

Während Israel auf diese  Eventualität wartet, bleibt Israel bis an die Zähne bewaffnet mit massenweise Atombomben und wird immer mehr militarisiert, spartanisiert, religiös, fanatisch, ein jüdisches Spiegelbild des islamischen Kalifats.

Die dritte Gefahr mag die schlimmste sein: diese wachsende Zahl von jungen, wohl erzogener, talentierter Israelis werden in die USA und Deutschland auswandern und   hinter sich die wenig-gebildeten, primitiveren, weniger produktive Bevölkerung zurücklassen. Dies geschieht schon. Fast alle meine Freunde haben Söhne und Töchter, die im Ausland leben.

Übrigens  die Entfernung scheint den „Patriotismus“ wachsen zu lassen – in der Tat  Netanjahu   bemüht sich jetzt darum, das Wahlrecht Israelis zu gewähren, die ständig im Ausland leben. Er glaubt offensichtlich, dass die meisten von ihnen  für die extreme Rechte wählen.

Und wie ist es mit der Zukunft des Globus? Zur Hölle mit ihm!

SEHR WENIG Leute reden über diese Gefahren.  Stillschweigend stimmen sie darin überein, dass es da keine Lösung gibt. Warum sollen wir uns also  darüber die Köpfe zerbrechen?

Aber da gibt es noch eine Gefahr, über die jeder endlos redet: das Auseinanderbrechen der israelischen Gesellschaft.

Als ich jung war und der israelische Staat noch nicht geboren, waren wir entschlossen, eine neue Gesellschaft zu schaffen, tatsächlich eine neue Nation, eine hebräische Nation. Wir mieden das Wort „Jüdisch“, weil wir anders waren als die jüdische Welt – erdgebunden, territorial, national.

Bewusst feierten wir den „Sabra“-Prototyp. Sabra ist das hebräische Wort für die Kaktuspflanze, die wir für eine Pflanze aus unserem Land hielten (Obwohl sie ursprünglich aus Mexiko kommt). Die Bezeichnung wurde der neuen Generation, die im Lande geboren wurde, gegeben. Der Tsabar  wurde für praktisch gehalten, für sachlich, weit entfernt von jüdischer Spitzfindigkeit. Unbewusst nahmen wir an, dass der neue Typ Aschkenasi sei, blauäugig, von europäischer Abstammung.

Unter diesem Banner schufen wir, was wir als neue hebräische Kultur ansahen. Diese Kultur bestand für uns nicht nur aus Literatur, Dichtung, Musik und Ähnlichem, sondern, auch aus militärischen und zivilen Normen.

Da gab es eine Menge Dünkel, aber wir waren stolz, etwas völlig Neues zu schaffen. Es half uns, auf unsern eigenen Füßen zu stehen, den 1948er-Krieg  (wenn auch gerade) zu gewinnen und den Staat zu gründen.

Wir brachten eine riesige Welle neuer Immigranten herein, und  hier ist es, wo der Trouble begann. Beim „Ausbruch des Staates“ wie wir  auf Hebräisch im Spaß sagten, waren wir rund 650 000 Seelen. In kurzer Zeit brachten wir mehr als eine Million neuer Immigranten nicht nur die vom Holocaust in Europa Übrig- gebliebenen, sondern fast alle Juden aus den moslemischen Ländern.

Diejenigen, die zögerten, denen wurde nachgeholfen. Im Irak legten israelische Geheimagenten Bomben in  einige Synagogen, um die Juden davon zu überzeugen, dass sie gehen müssen.

Wir erwarteten, dass die neuen Immigranten so werden wie wir – wenn nicht gleich, so doch in einer Generation. Dies geschah aber nicht. Die „Orientalen“ hatten ihre eigene Kultur und Traditionen; sie hatten nicht den Wunsch „Tsabars“ zu werden.

Die Hoffnung von Leuten wie David Ben Gurion, dass sich das Problem  innerhalb weniger Jahre von alleine lösen würde, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil, Abneigung und gegenseitige Antipathie wuchs mit der Zeit.  Heute  ist es einer dritten und vierten Generation mehr als vorher bewusst.

DANN GIBT es noch das „National-religiöse“ Lager, diejenigen, die die gehäkelte Kippah tragen.

Als der Staat ausbrach, erwartete jeder, dass die Religion aussterben würde. Hebräischer Nationalismus wurde übernommen; die jüdische Religion gehört in die Diaspora und wird mit den alten Leuten, die in diesem Land daran festhalten, verschwinden. Sie wurden mit freundlicher Verachtung behandelt.

Das Gegenteil geschah. Der 1967erKrieg, der die israelischen Soldaten an die alten biblischen Stätten brachte, ließ die Religion sprunghaft ansteigen. Er schuf die Siedlerbewegung, übernahm das rechte Lager und ist jetzt eine  vorherrschende  Macht im israelischen Leben und in der Politik, und übernimmt langsam die all-mächtige Armee.

Die „Gehäkelten“- wie wir sie nennen – sind von den Orthodoxen  unterschieden, eine getrennte Bevölkerung, die in abgeschlossenen Vierteln lebt, schwarze Hüte und Kleidung trägt. Sie lehnen den Zionismus ganz und gar ab, aber  nützen ihr Wahlrecht, um den Staat zu zwingen, ihre zahllosen Kinder  zu unterstützen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erreichte eine riesige Welle russisch-jüdischer Immigranten das Land. Etwa jeder fünfte Israeli ist jetzt ein „Russe“ (Alle früheren sowjetischen Länder eingeschlossen). Die meisten von ihnen verachten  alles, was nach Sozialismus  oder Links riecht und tendieren zur äußersten Rechten, zum Nationalismus und sogar zum Rassismus.

All dies zusätzlich zu den 20% israelischer Bürger, die Araber sind, die dazu oder nicht dazu gehören. Sie haben sich mehr  integriert als viele realisieren, werden aber von vielen als Feinde angesehen. Der Ruf „Tod den Arabern“  wird bei Fußballspielen routinemäßig geschrien.

Der Traum einer vereinigten, homogenen,  neuen hebräischen Nation ist lange tot. Israel ist jetzt eine sehr heterogene Nation, eher wie eine Föderation von  getrennten  „Sektoren“, die einander nicht sehr mögen: Aschkenasis, Orientalen, National-Religiöse, Orthodoxe, Russen und Araber mit vielen  Untergruppen.

Das eine Band, dass die meisten dieser Sektoren vereinigt, ist die Armee, in der sie alle (außer den Orthodoxen und den Arabern) zusammen dienen.

Und dann, natürlich gibt es den einen großen Einiger: den Krieg.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Reigen der Absurdiotie

Erstellt von Gast-Autor am 6. Dezember 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery SO ETWAS wie „Internationalen Terrorismus“ gibt es nichtEinen Krieg gegen „Internationalen Terrorismus“ zu erklären, ist Unsinn. Politiker, die das tun, sind entweder Dummköpfe oder Zyniker und wahrscheinlich beides.

Terrorismus ist eine Waffe. Wie eine Kanone. Wir würden denjenigen Auslachen, der gegen eine „internationale Artillerie“ den Krieg erklärt. Eine Kanone gehört einer Armee und dient den Zielen dieser Armee. Die Kanone der einen Seite schießt auf die Kanone der andern Seite.

Terrorismus ist  eine Methode, die oft von einem unterdrückten Volk benützt wird, wie der französische Widerstand  gegenüber den Nazis im 2. Weltkrieg. Wir würden jeden auslachen, der Krieg  gegen  „internationalen Widerstand“ erklärt.

Carl von  Clausewitz, der preußische Militärdenker, sagte den berühmten Satz, dass „Krieg  die Fortsetzung der Politik ist mit andern Mitteln“  Falls er mit uns heute leben würde, hätte er gesagt: „Terrorismus ist eine Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln.

Terrorismus bedeutet buchstäblich, die Opfer erschrecken, damit sie ihren Willen dem Willen des Terroristen übergeben.

Terrorismus ist eine Waffe. Gewöhnlich ist es die Waffe der Schwachen, von denen, die keine Atombomben haben, wie die, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, die die Japaner terrorisierten, sich zu ergeben.

Da die meisten Gruppen und Länder, die Terrorismus anwenden, verschiedene Ziele haben, ja, sich oft widersprechen, gibt es nichts „Internationales“ über sie. Jede terroristische Kampagne hat einen eigenen Charakter – ganz zu schweigen, dass sich keiner als Terrorist ansieht, sondern eher als ein Kämpfer für Gott, Freiheit oder für sonst etwas.

(Ich kann mich nicht zurückhalten, damit zu prahlen, dass ich vor langer Zeit die Formel erfand : „Der Terrorist des einen, ist der Freiheitskämpfer des anderen“)

VIELE GEWÖHNLICHE Israelis fühlen nach den Vorfällen in Paris tiefe Befriedigung. „Jetzt fühlen (diese Scheiß-/ verdammtem-Europäer einmal, was wir die ganze Zeit fühlen!“

Benjamin Netanjahu, ein kleiner Denker, aber ein brillanter Verkäufer, ist auf die Idee gekommen, eine direkte Verbindung zwischen dem jihadistischen Terrorismus in Europa und dem palästinensischen Terrorismus in Israel und den besetzten Gebieten herzustellen.

Es ist ein genialer Schlag: Falls sie ein und dieselben wären, die Messer-stechenden palästinensischen Teenager und die belgischen Anhänger von ISIS, dann gäbe es kein israelisch-palästinensisches Problem, keine Besatzung, keine Siedlungen. Nur moslemischen Fanatismus. (Ignorieren wir die vielen christlichen Araber, die die säkularen palästinensischen „terroristischen“ Organisationen füllen.)

Das hat nichts mit Realität zu tun. Palästinenser, die kämpfen und für Allah sterben  wollen, gehen nach Syrien. Palästinenser – beide, die religiösen und die säkularen – die in diesen Tagen schießen, mit dem Messer stechen oder israelische Soldaten und Zivilisten überfahren, wünschen Freiheit und einen eigenen Staat anstelle von Besatzung

Dies ist eine so offensichtliche Tatsache, dass selbst eine Person mit dem begrenztem IQ  unserer gegenwärtigen Kabinett-Minister dies begreifen können. Aber falls sie dies tun, würden sie sehr unfreundlichen Wahlen gegenüber stehen, was den israelisch-palästinensischen Konflikt betrifft.

Also lasst uns an der bequemen  Schlussfolgerung hängen: Sie töten uns, weil sie als Terroristen geboren wurden, weil sie im Paradies den versprochenen 70 Jungfrauen begegnen wollen, weil sie Antisemiten sind. So wie Netanjahu fröhlich voraussagt: „Wir werden auf immer mit dem Schwert leben.

SO TRAGISCH  die Folgen  jedes terroristischen Ereignisses auch sein mögen, so ist da etwas Absurdes an der europäischen Reaktion auf die kürzlichen Ereignisse.

Der Gipfel der Absurdität wurde in Brüssel erreicht, als ein einziger Terrorist auf der Flucht eine ganze Hauptstadt tagelang lähmte, ohne dass ein einziger Schuss abgeschossen wurde. Es war der äußerste Erfolg von Terrorismus  im buchstäblichsten Sinn: Die Angst als Waffe nützen.

Aber die Reaktion in Paris war nicht viel besser. Die Zahl der Opfer der Gräueltat war groß, aber vermutlich der  Zahl  der Opfer von Verkehrsunfällen in Frankreich  alle paar Wochen ähnlich. Es war sicherlich viel kleiner, als die Zahl der Opfer einer  einzigen Stunde  Weltkrieg. Aber rationales Denken zählt hier nicht. Terrorismus arbeitet mit der Sichtweise der Opfer.

Es scheint unglaublich, dass zehn mittelmäßige Individuen mit ein paar primitiven Waffen eine weltweite  Panik verursachen konnten. Doch es ist eine Tatsache.  Unterstützt von den Massenmedien, die genau aus solchen Ereignissen Gewinn ziehen, werden lokale terroristische Akte  heutzutage zu weltweiten Drohungen. Die modernen Medien sind durch ihre reine Natur die besten Freunde des Terroristen.  Ohne die Medien kann der Terror nicht blühen.

Der nächstbeste Freund der Terroristen ist der Politiker.Es ist für einen Politiker fast unmöglich, der Versuchung zu widerstehen, auf der Panikwelle mit zu reiten. Panik schafft „nationale Einheit“, der Traum jedes Herrschers. Panik schafft das Verlangen nach einem „stärkeren   Führer“. Dies ist ein Grund-menschlichen Instinkts.

Francois Hollande ist ein typisches Beispiel. Ein mittelmäßiger, doch schlauer Politiker ergriff die Gelegenheit, sich als ein Führer hinzustellen. „Das ist der Krieg!“ erklärte er und schuf eine nationale Stimmung. Natürlich ist es kein „Krieg“. Natürlich ist es kein 3. Weltkrieg. Nur ein terroristischer Angriff  durch einen verborgenen Feind.

Diese Ereignisse decken die unglaubliche Dummheit der politischen Führer  rund herum auf. Sie verstehen die Herausforderung nicht. Sie reagieren auf phantasierte Drohungen und ignorieren die wirklichen. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Sie halten Reden, berufen Konferenzen ein und bombardieren jemanden (egal wen und weshalb).

Da sie die Krankheit nicht verstehen, ist ihre Medizin schlimmer als die Krankheit selbst. Bombardements verursachen Zerstörung, Zerstörung verursacht Feinde, die nach Rache dürsten. Es ist eine  direkte Kollaboration mit den Terroristen.

Es war ein trauriges Schauspiel, all diese  Weltführer, die Kommandeure mächtiger Nationen   wie Mäuse in einem Labyrinth  herumlaufen zu sehen, sich begegnen, Reden halten, sinnlose  Erklärungen von sich zu geben, vollkommen unfähig, sich mit der Krise auseinanderzusetzen.

DAS PROBLEM ist tatsächlich wegen einer  ungewöhnlichen Tatsache weit komplizierter als schlichte Gemüter meinen: Der Feind ist diesmal keine Nation, kein Staat, nicht einmal ein reales Territorium, sondern eine undefinierbare Entität:  eine Idee, ein Geisteszustand, eine Bewegung, die zwar irgendeine territoriale Basis hat, ist aber kein  realer Staat.

Dies ist kein Phänomen, das es so noch nie gegeben hat: vor mehr als hundert Jahren beging die Anarchisten-Bewegung überall terroristische Aktionen  ohne  überhaupt eine territoriale Basis zu haben. Und vor 900 Jahren  terrorisierte eine religiöse Sekte ohne Land, die Assassins ( Eine Korruption eines arabischen Wortes „Haschischbenutzer“) die muslimische Welt.

Ich weiß nicht, wie man den Islamischen Staat (oder eher Nicht-Staat) wirksam bekämpft. Ich fürchte, dass dies niemand weiß. Gewiss nicht die  Einfaltspinsel (Mann oder Frau) der verschiedenen Regierungen.

Ich bin mir nicht sicher, ob selbst eine territoriale Invasion dieses Phänomen  zerstören würde. Aber selbst solch eine Invasion scheint unwahrscheinlich. Die Koalition der Unwilligen – von den US vereinigt, scheint abgeneigt zu sein, eine Bodeninvasion zu machen. Die einzigen Kräfte, die versuchen könnten – die Iraner und die syrische Regierungsarmee – werden von den US und ihren lokalen Verbündeten gehasst.

Wenn man nach einem Beispiel totaler Orientierungslosigkeit Ausschau hält, die an Wahnsinn grenzt, so ist es die Unfähigkeit der US und der europäischen Mächte zwischen der Assad-Iran-Russland-Achse und dem IS-Saudi-Sunni-Lager zu wählen. Füge das türkisch-kurdische  Problem, die russisch-türkische Abneigung und den israelisch-palästinensischen Konflikt hinzu – und das Bild ist noch lange nicht vollständig.

(Für Geschichts-Liebhaber ist das etwas Faszinierendes über das Wiederaufleben des Jahrhunderte-alten Kampfes zwischen Russland und der Türkei)

Es ist gesagt worden, dass Krieg viel zu wichtig sei, um ihn den Generälen zu überlassen. Die augenblickliche Situation  ist viel zu kompliziert, um sie den Politikern zu überlassen. Aber wer ist noch da?

DIE ISRAELIS GLAUBEN ( wie gewöhnlich) dass wir die Welt lehren könnten. Wir kennen Terrorismus. Wir wissen, was zu tun ist.

Aber tun wir es?

Seit Wochen  lebt Israel jetzt in Panik. Aus Mangel eines besseren Namens wird sie die „Terrorwelle“ genannt.  Jeden Tag greifen zwei, drei, vier Jugendliche  -einschließlich 13-Jährige – Israelis mit Messern an oder überfahren sie mit Wagen und werden gewöhnlich auf der Stelle erschossen. Unsere renommierte Armee versucht alles, einschließlich drakonischen  Vergeltungsschlägen gegen die Familien  und kollektive Strafen gegen Dörfer  – ohne Nutzen.

Dies sind individuelle Akte, oft ganz spontan und deshalb ist es nahezu unmöglich, sie zu verhindern. Es ist kein militärisches Problem, das Problem ist politisch und psychologisch.

Netanjahu versucht  wie Hollande & Co auf dieser Welle zu reiten. Er zitiert den Holocaust  und redet endlos über Antisemitismus.

Alles, um die eklatante Tatsache zu tilgen: die Besatzung mit ihren täglichen , in der Tat  stündlichen und minütlichen Schikane der palästinensischen Bevölkerung. Einige Regierungsminister verbergen nicht einmal, dass es ihr Ziel ist, die Westbank zu annektieren und irgendwann das palästinensische Volk aus ihrer Heimat ganz zu vertreiben.

Es gibt keine direkte Verbindung zwischen dem IS-Terrorismus in aller Welt und dem palästinensischen nationalen Kampf um einen Staat. Aber wenn dies nicht gelöst wird, werden sich die Probleme vermischen – und eine viel mächtigere IS wird  die moslemische Welt vereinigen, so wie es Saladin einst tat, um  uns – den neuen Kreuzfahrern –  gegenüber zu treten.

Wenn ich gläubig wäre, würde ich flüstern: Gott bewahre.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser ….

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die Katzen von Ariel

Erstellt von Gast-Autor am 29. November 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery

JEDES MAL, wenn man denkt, dies ist die Grenze, taucht wieder etwas auf, und die Grenze verschiebt sich.

Man könnte gedacht haben, dass die Hitler-Mufti-Geschichte die absolute Grenze des Wahnsinns wäre. Aber nun kommt Uri Ariel und beweist, dies ist falsch. Ariels Katzen sind noch schlimmer als Netanjahus Mufti.

Ariel ist ein Kabinett-Minister. Ein Minister für wen? Fast keiner weiß das genau. Bis jetzt. Jetzt kommt heraus, dass er der Minister für Landwirtschaft ist.

Als solcher ist er auch Minister für Katzen. Ja, ja – ich mache keinen Scherz. Selbst in Israel sind Katzen keine landwirtschaftlichen Tiere. Sie ziehen keinen Pflug und legen keine Eier. Sie werden nur kastriert.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Israel ist voller Katzen. Die Leute lieben sie. Aber je mehr sie sich vermehren, um so weniger haben sie zu fressen. Also hat vor einiger Zeit die Regierung sich darum bemüht, besitzerlose Katzen zu fangen und sie zu kastrieren, um die Katzen-Population zu dezimieren und ihnen ein dezentes Katzenleben zu ermöglichen.

Wer zahlt dafür? Der Minister für Landwirtschaft, natürlich. Wer sonst?

(Warum? Keiner weiß es. Da muss es einen geheimen Grund geben.)

Kommen wir zu Ariel. Er ist ein Politiker vom extremsten rechten Flügel. In andern Ländern könnte er ein Faschist genannt werden, aber in Israel lieben wir das F-Wort nicht.

Er wurde in einem religiösen Kibbuz geboren – von denen es einige gibt – schloss sich einer Siedlung an und wurde ein Führer in der Siedlerbewegung. Als Rehavam Zeevi, mit Spitznamen Gandhi, der Schutzheilige der äußersten Rechten, ermordet wurde, übernahm Ariel seinen Sitz in der Knesset. Mit seinen fanatischen Nachfolgern errichtete Ariel eine extreme Partei, schloss sich einer anderen super-rechten Partei an, trennte sich von ihr, schloss sich einer andern rechten Partei an. Gegenwärtig gehört er einer Unterpartei der „Jüdisches Heim-Partei“ an und ist Minister, s. oben.

Ariel ist eine ernste Person. Ich hab ihn niemals lächeln gesehen. Tatsächlich habe ich den Verdacht, dass seine Oberlippe gelähmt ist. Er ist keiner der alltäglichen männlichen und weiblichen Demagogen, mit denen die gegenwärtige Regierung voll ausgelastet ist. Er ist wirklich ernst.

Im letzten Jahr war er der Minister für Hausbau, ein außerordentlich passender Job, da seine Hauptfunktion ist, die Siedler mit Wohnungen zu versehen. Aber nach der letzten Wahl wurde er nur Landwirtschaftsminister, und das schien nicht sehr angemessen zu sein.

Siedler sitzen auf einer Menge arabischem landwirtschaftlich ausgenütztem Land, aber sie machen wirklich keine Landwirtschaft. Ihre Haupt-Aktivität in der Landwirtschaft scheint das Herausreißen der benachbarten arabischen Olivenbäume zu sein.

Bis jetzt.

 

JETZT KOMMT GOTT dazu. Gott schuf alles Lebendige und sagte ihnen: „Mehret euch!“ Es ist das erste von Gottes unzähligen Geboten. Deshalb ist das Kastrieren streng verboten.

Als neuer Minister für Landwirtschaft entdeckte Ariel zu seinem Schrecken, dass sein Ministerium das Geld bekam, um die Katzen zu kastrieren. Schrecklich. Eine schändliche Sünde in den Augen Gottes!

Also verordnete der Minister, mit dieser gottlosen Praxis sofort aufzuhören. Aber was sollte man mit den Katzen tun? Ariel dachte sehr nach und kam auf sein Lieblingswort: Transfer.

Wenn israelische Faschisten dieses Wort benützen, meinen sie gewöhnlich den Transfer von Arabern. Ariels einander folgende verschiedene Parteien sprechen alle über „Transfer“ (und benützen auch im Hebräischen das englische Wort) – Transfer von der Westbank, Transfer aus dem Gazastreifen, Transfer aus Ost-Jerusalem, Transfer auch vom eigentlichen Israel. Während er also intensiv über die Katzen nachdenkt, fand er offensichtlich die Lösung: warum sie nicht auch transferieren?

Reines Genie. Aber wohin? Der Minister konnte sich natürlich nicht mit solchen Kleinigkeiten abgeben. Irgendwohin transferieren. In ein afrikanisches Land. Mozambik, Zimbabwe? Viele afrikanische Länder würden sie für viel (natürlich von den US geliefertes) Geld nehmen. Sie sind nicht jüdisch, sie könnten sie kastrieren und zur eigenen Zufriedenheit töten.

DOCH WIE Netanjahu und sein Mufti, so weckte Ariel und seine Katzen einen Sturm aus. Israel ist voller Tierliebhaber und -Kämpfer für Tiere … Sie erhoben sich wie einer, um gegen diesen neuen Holocaust zu protestieren.

Ariel musste einen Rückzieher machen. Kein Transfer. Was also mit den Katzen tun? Das weiß im Augenblick keiner.

(Ehrlich gesagt: ich bin auch ein Tierliebhaber, ich liebe besonders Katzen. Ich brachte einmal eine kleine Katze nach Hause und nach kurzer Zeit hatte meine drei-Zimmerwohnung 13 Katzen – abgesehen von ihren beiden Untermietern, meiner Frau und mir. Jetzt habe ich keine; aber die Katzen auf meiner Straße bekommen immer etwas von meinen Mahlzeiten) .

DAS LAND ist jetzt voller Witze – aber es ist keine witzige Angelegenheit. Die Regierung der äußersten Rechten ist von einer wahrhaftigen Mani besessen, die jede Woche neue Höhen erreicht.

Koalitionsmitglieder – Minister und nur einfache MKs wetteifern miteinander, um Gesetzentwürfe vorzulegen, lächerliche, scheußliche oder beides. Das ist ein wirklicher Veits-Tanz der Regierungsgesetzesgeber.

In dieser Woche erließ die Knesset ein Gesetz, das Richter zwingt, Steine-Werfer, einschließlich 13jähriger Kinder, eine Minimum-Gefängnisstrafe – den Umständen entsprechend -von zwei bis vier Jahren zu geben, In Israel sind Kinder unter 14 noch nicht kriminell aber ein Lösung wurde dafür gefunden: Die Regierungsanwälte ziehen ihre Gerichtsfälle so weit hinaus, bis der/ die Angeklagte den 14. Geburtstag erreicht hat.

Die Eltern der so verurteilten Kinder verlieren für diese Zeit jede soziale Versicherung und sind auch haftbar für ein Strafgeld von 10 000 Schekel (2500 US$)

Ein andrer neuer Gesetzentwurf schreibt vor, dass es Friedens- und Menschenrechts-Aktivisten nicht erlaubt sei, das Knesset-Gebäude ohne ein Sonderabzeichen zu betreten. Dies gilt nur für Mitglieder von Vereinigungen, die von ausländischen Regierungen Geld erhalten.

Viele Israelis werden an Nazibefehle erinnert, Juden mußten immer einen gelben Davidstern tragen. Einige schlugen sogar vor, dass das Abzeichen gelb sein solle und in der Form eines sechseckigen Sterns.

Dieselben Verbindungen (einschließlich der bekannten wie B’tselem, die sogar von der Armee respektiert wird) müssen auch ihre ausländischen Geldquellen auf jeder Korrespondenz angeben.

Der Trick hinter diesem Vorschlag ist, dass Verbindungen vom rechten Flügel die finanzielle Hilfe vom Ausland nicht nötig haben, weil sie in Geld schwimmen, das von ausländischen Juden geliefert wird. Sheldon Adelson z.B. ist reicher als viele Regierungen, und er ist nur einer von den Multi-Multi Milliardären, der Netanjahu und die Likud-Partei offen finanziert.

Die EU und einige individuelle europäische Regierungen unterstützen einige Friedens- und Menschenrechtsgruppen (Gush Shalom leider nicht). sehr zum Ärger von Likud-Mitgliedern. Deshalb die neue Idee.

Noch ein neuer Gesetzentwurf wird das Gesetz gegen Aufwiegelung verändern. Bis jetzt musste man( d.h. Araber), um irgendjemand anzuklagen beweisen, dass es eine direkte und unmittelbare Gefahr gibt, dass seine oder ihre Worte zu terroristischen Aktionen führen. Nicht mehr. Seitdem alle Araber sagen und schreiben, dass sie gegen die Besatzung sind, kann praktisch jeder unter dieses Gesetz fallen.

Dann gibt es noch das „Nation-Gesetz“. Es besagt, dass Israel der Nationalstaat des jüdischen Volkes“ ist. Dies ist natürlich ziemlich blöde: ein Volk und eine Nation sind zwei sehr verschiedene Begriffe.

Nach der bestehenden rechtlichen Formel ist Israel „ein jüdischer und demokratischer Staat“. Beide Begriffe sind hier gleich. Der neue Gesetzentwurf sagt in seiner ursprünglichen Version, wenn ein Widerspruch zwischen dem „jüdischen“ und dem „demokratischen“ Charakter des Staates besteht, dann müsse der „demokratische“ dem „jüdischen“ nachgeben. In einfachen Worten: Israel hört auf, demokratisch zu sein.

Es gab daraufhin einen öffentlichen Aufschrei und diese Worte hat man fallen lassen. Aber genau so diskriminiert der Gesetzentwurf die 20 % von Israels Bürgern, die Araber sind, und weitere 5 %, die aus religiösen Gründen nicht als Juden anerkannt werden.

Dann ist da noch Ayelet Shaked, die Justizministerin, die die Hauptfeindin des Obersten Gerichtes ist. Dieses ehrenhafte Institut ist die Hauptstütze der Besatzung, aber in individuellen Fällen blockiert es manchmal die Regierung. Die Ministerin, die sich auf ihr gutes Ansehen verlässt , sagt und tut die scheußlichsten Dinge. Sie fand für dieses Ärgernis eine Medizin: ein paralleles Gericht zu schaffen.

Dieses Gericht, das Gericht der Nationalen Sicherheit, würde für alle Fälle zuständig sein, bei denen die Regierung nicht erwarten kann, dass das Oberste Gericht in ihrem Sinn urteilt. Solche Gerichte bestehen schon in vielen totalitären Ländern.

DER EIFER der Minister erinnert mich an einen Witz, der in unsrer Armee umlief.

Es gibt vier Arten von Offizieren: (1) der intelligente und fleißige, (2) der intelligente und faule, (3) der dumme und faule,(4) der dumme und fleißige.

Sie werden im Folgenden nach dieser Ordnung bewertet: Der Intelligente und fleißige sind die besten: sie tun viel und alles, was sie tun, ist gut. Dann kommt der Intelligente und faule; sie tun wenig, aber was sie tun, ist gut. Dann kommt der dumme und faule: alles, was sie tun, ist schlecht, aber Gott sei Dank, machen sie wenig. Die 4. Kategorie ist die schlimmste: Sie tun eine Menge, aber alles, was sie tun, ist katastrophal.

ALL DIES geschieht in einem Land, das noch immer als die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ bekannt ist. Man kann sich nur fragen, wie lange dieser Ruf von der zivilisierten Welt anerkannt wird.

Vor kurzem sagte Netanjahu etwas, das die Welt hätte schockieren können, wenn die Welt zugehört hätte. Aber Netanjahu hat so viel Dinge gesagt, dass sogar viele Israelis aufgehört haben, ihm zuzuhören.

Eines der bekanntesten Sätze in der Bibel ist eine Frage, die Avner an Yoav richtet. Avner war König Sauls Armeechef. Yoav war der Kommandeur unter David. Nach einem langen Bürgerkrieg, der von David gewonnen wurde, wandte sich Avner (nachdem ich mich selbst genannt habe) an Yoav und fragte: „Soll das Schwert (uns) auf immer verschlingen? Weißt du nicht, dass daraus am Ende nur Jammer kommen wird? (2. Samuel 2,26.) Yoav hörte nicht auf ihn und am Ende tötete er Avner.

Im alten Hebräisch liest sich der Text buchstäblich: „Willst du immer das Schwert essen?“

In dieser Woche beantwortete Netanjahu die alte Frage. Er sagte dem israelischen Volk: „Wir werden immer das Schwert essen!“

In die heutige Sprache umgesetzt: „Ja, wir werden immer mit dem Schwert leben. Es wird nie Frieden sein.

Es ist nicht so, dass Netanjahu den Krieg liebt. Er weiß nur, dass, um Frieden zu erreichen, wir die besetzten Gebiete zurückgeben müssen. Weder er noch die Leute um ihn sind bereit, dies zu tun.

Das ist das ganze Problem auf den Punkt gebracht.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Weine, geliebtes Land!

Erstellt von Gast-Autor am 15. November 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery

 MANCHMAL KANN ein kleiner Vorfall die Dunkelheit durchdringen und ein erschreckendes Bild enthüllen.

Dies geschah am letzten Sonntag in Beersheba, der Hauptstadt der Negev.

Das Bild war in der Tat erschreckend.

DER VORFALL begann als Routineangriff, einer von vielen, an die wir uns in den letzten Wochen gewöhnt haben. Einige nennen dies „Die 3. Intifada“, einige sprechen von einer Terrorwelle; einige sind zufrieden mit „Eskalation“

Es ist ein neues Stadium des alten Konfliktes. Sein Symbol ist die individuelle Messerstecherei eines einzelnen Palästinensers – entweder in Ost-Jerusalem, der Westbank oder selbst in Israel.

Sie ist mit keiner palästinensischen Partei verbunden. Vor der Tat hat der Angreifer keine Verbindung zu irgendeiner militanten Gruppe. Er oder sie waren dem israelischen Sicherheitsdienst völlig unbekannt. Deswegen ist es unmöglich, solche Aktionen zu verhindern.

Eines Morgens wacht der zukünftige Märtyrer auf; er fühlt, dass jetzt die Zeit gekommen ist, nimmt ein großes Küchenmesser, geht in einen jüdischen Vorort und sticht in den nächsten israelischen Juden, vorzugsweise einen Soldaten – aber wenn keine Soldaten in der Nähe sind – irgend einen jüdischen Zivilisten, einen Mann, eine Frau oder sogar ein Kind .

Der Angreifer weiß sehr wohl, dass er höchstwahrscheinlich auf der Stelle getötet werden wird. Er will ein Märtyrer werden, buchstäblich „ein Glaubenszeuge.“

Bei früheren Intifadas waren die Angreifer gewöhnlich Mitglieder von Organisationen oder Zellen. Diese Zellen waren ausnahmslos von bezahlten Verrätern infiltriert, und fast alle Täter wurden früher oder später gefangen. Viele solche Taten wurden verhindert.

Der jetzige Ausbruch ist anders. Da sie von einzelnen Individuen ausgeführt werden, ihnen sind keine Spione bewusst. Diese Akten können nicht im Voraus gestoppt werden. Sie können irgendwo, an jedem Ort geschehen – in Jerusalem, in den andern besetzten Gebieten, mitten in Israel selbst. Jeder Israeli kann irgendwo mit dem Messer angegriffen werden.

Um das ganze Bild des Vorfalles zu bekommen, muss man dieser Steine werfenden Gruppe palästinensischer Jugendlicher und Kindern an den Schnellstraßen hinzufügen. Die Gruppe bildet sich plötzlich, spontan, gewöhnlich zusammengesetzt aus lokalen Teenagers, die Steine und Brandbomben auf vorbeifahrende Wagen wirft– Natürlich versichert man sich als erstes, ob es auch jüdische Israelis sind. Oft schließen sich ihnen noch mehr Kinder an, die eifrig ihren Mut beweisen wollen und ihre Hingabe an Allah. Einer der Gefangenen war 13 Jahre alt.

Steine werfende Vorfälle führen zuweilen zum Tod des Fahrers, der die Kontrolle über seinen Wagen verliert. Die Armee antwortet mit Tränengas, Gummi-ummantelten Stahlkugeln, (die großen Schmerz verursachen, aber selten töten und mit scharfer Munition.

DER AUSBRUCH – dem noch kein endgültiger Name gegeben worden ist – begann vor mehreren Wochen in Ost-Jerusalem. Wie gewöhnlich – könnte man hinzufügen.

Das Zentrum der arabischen Alt-Stadt ist die heilige Stätte, die die Juden „ den Tempelberg“ nennen und die Araber Haram al Sharif – den heiligen Schrein. Es ist dort, wo einst die alten jüdischen Tempel standen.

Nachdem auch der Zweite Tempel von den Römern vor etwa 1945 Jahren zerstört wurde, wurde der Platz von den Christen entheiligt, als sie diesen in einen Düngehaufen verwandelten. Als er von den Muslimen 635 erobert wurde, befahl der humane Khalif Omar, ihn zu reinigen. Zwei heilige muslimische Gebäude wurden errichtet – der wunderschöne Felsendom mit seiner auffallend goldenen Kuppel und der sogar noch heiligeren Al-Aqsa-Moschee, die dritt-heiligste Moschee im Islam.

Wenn man also Unruhe schaffen will, dann ist dies der Ort, an dem man beginnt. Der Schrei, dass Al-Aqsa in Gefahr ist, lässt jeden Palästinenser und jeden Muslim rund um die Welt aufstehen. Es regt moderate religiöse Muslime (Wie die meisten Araber) auf, als auch religiöse Fanatiker. Es ist ein Ruf zu den Waffen, zum Selbstopfer.

Das geschah mehrmals in der Vergangenheit. Die schrecklichen „Ereignisse“ von 1929, während der die alte jüdische Gemeinschaft in Hebron massakriert wurde, fand durch eine jüdische Provokation an der Westmauer statt, ein Teil der Mauer, die den Berg umgibt. Die zweite Intifada brach aus, weil Ariel Scharon eine provokative Demonstration auf den Berg führte – mit der ausdrücklichen Genehmigung des damaligen Labor-Partei-Ministerpräsidenten Ehud Barak.

Die gegenwärtige Unruhe begann mit Besuchen des jüdischen Führers des extrem rechten Flügels, einschließlich eines Ministers und Knesset-Mitgliedern auf dem Tempelberg. Dies ist an sich nicht verboten. Außer nach Orthodoxem jüdischen Gesetz. Weil es gewöhnlichen Juden nicht erlaubt ist, das zu betreten, wo einst das Heilige des Heiligsten stand. Der Berg ist eine Touristen-Attraktion von höchstem Rang.

Um die Dinge zu regeln, wurde etwas geschaffen, das man den Status quo nannte. Als die israelische Armee Ost-Jerusalem 1967 im Sechs-Tage-Krieg eroberte, wurde entschieden, dass die Tempelberganlage, obwohl jetzt unter israelischer Herrschaft, unter muslimischer und jordanischer Jurisdiktion stünde (Warum jordanisch? Weil Israel nicht mit palästinensischer Jurisdiktion einverstanden war) Den Juden war es erlaubt, die Anlage zu betreten, aber nicht dort zu beten.

Benjamin Netanjahu behauptet, dass der Status Quo aufrecht erhalten ist. Aber in letzter Zeit haben Gruppen fanatischer Israelis vom rechten Flügel die Anlage betreten, beschützt von der israelischen Polizei und dort gebetet. Für die Muslime war das ein Bruch des Status Quo.

Außerdem ist jüdischen Gruppen viel Publizität gegeben worden, die sich darauf vorbereiten, den jüdischen Tempel neu aufzubauen, nachdem die muslimische Moschee zerstört worden ist. Die Priestergewänder und die in der Bibel beschriebenen Instrumente sind von den Fanatikern schon vorbereitet und nicht jetzt von jüdischen Siedlern vorbereitet worden.

In normalen Zeiten, an einem normalen Ort könnte dies friedlich geregelt werden. Aber nicht auf dem Tempelberg und nicht jetzt mit jüdischen Siedlern, die damit begonnen haben, sich in den arabischen Dörfern rings um den Tempelberg gewaltsam anzusiedeln. Über die besetzten Gebiete und unter den arabischen Bürgern Israels ging der Schrei um: Die Heiligen Stätten sind in Gefahr. Die israelischen Führer schrien zurück, dass dies alles ein Pack von Lügen sei.

Junge Palästinenser nahmen Messer und begannen, damit Israelis anzugreifen, obwohl sie sehr wohl wussten, dass sie wahrscheinlich auf der Stelle tot geschossen würden. Israelische Führer riefen jüdische Bürger auf, immer Waffen zu tragen und zu schießen, sobald sie sehen, dass ein Angriff stattfindet. Nun gibt es täglich mehrere solcher Angriffe. Zusammen sind in diesem Monat acht Juden getötet worden, zusammen mit 18 Verdächtigen und 20 anderen Palästinensern.

Dies ist der Hintergrund zu der Gewalttat in Beersheba.

ES GESCHAH im zentralen Busbahnhof der Wüstenhauptstadt, einer Stadt mit 250 000 Juden, meistens mit orientalischem Hintergrund, umgeben von zahlreichen Beduinenstädten- und –Lagern.

Drei Personen waren in den Vorfall verwickelt.

Der erste war ein 19jähriger Soldat, Omri Levi. Er stieg aus dem Bus aus und betrat das große Bahnhofsgebäude, als er von einem Araber angegriffen wurde, der nach seiner Waffe griff. Wir wissen sehr wenig über den Soldaten, nur dass er ein nett ausseheder 19Jähriger war.

Die zweite Person war der Angreifer, der 21jährige Muhammad al-Okbi. Überraschenderweise war er ein Beduine aus der Umgebung mit keiner Sicherheitsrisiko-Vergangenheit. Überraschend deshalb, weil viele Beduinen freiwillig zur israelischen Armee gehen oder in der Polizei dienen und an der Beersheba-Universität studieren. Dies hindert die israelische Regierung nicht am Versuch, das Land der Beduinenstämme zu rauben und sie in übervölkerte kleine Städte umzusiedeln

Keiner weiß, warum dieser Junge aus der Wüste beim Aufwachen an diesem Tag entschied, ein Shahid zu werden und einen Amoklauf zu machen. Seine Großfamilie scheint so perplex zu sein wie jeder andere auch. Es scheint, dass er sehr religiös geworden war und auf die Al-Aqsa-Vorfälle reagierte. Wie alle Beduinen im Negev war er sicherlich auch über die Bemühungen der Regierung, sie zu enteignen, wütend.

Also schoss er auf die Passanten – entweder mit einer Pistole in seinem Besitz oder mit der Waffe, die er dem Soldaten weggenommen hat. Nach zehntausenden von Worten bin ich mir nicht sicher.

ABER DIE Person, die die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog, war nicht der Soldat noch der Angreifer, sondern das dritte Opfer.

Sein Name war Haftom Zarhiim, ein 29Jähriger Flüchtling aus Eritrea – einer der etwa 50 000 Afrikaner, die illegal die Grenze in den Negev überschritten haben. Er war völlig unschuldig. Er betrat nur zufällig das Gebäude hinter dem Angreifer und einige Passanten hielten ihn für einen Komplizen. Er sah nicht jüdisch aus.

Er wurde angeschossen und verletzt. Während er blutend und hilflos auf dem Boden lag, umgab ihn der Mob und trat ihn von allen Seiten, manche traten seinen Kopf. Im Krankenhaus kam er tot an. Die ganze Szene wurde schadenfroh von einem Passanten mit seinem Smartphone fotografiert und in allen TV-Nachrichten gezeigt.

Da gibt es keine andere Erklärung: es war ein reiner und simpler Vorfall von bösartigem Rassismus. Eine barbarische Behandlung eines verwundeten palästinensischen Angreifers durch einen aufgeregten Mob kann noch irgendwie verstanden werden – nicht entschuldigt, nicht geduldet aber mindestens verstanden werden. Wir haben einen Konflikt, der schon länger als 130 Jahre dauert; auf beiden Seiten mehrere Generationen, die zu gegenseitigem Hass erzogen wurden.

Und Asylsucher? Sie werden fast universal gehasst. Warum? Nur weil sie Ausländer sind, keine Juden. Nicht einmal ihre Hautfarbe kann hier eine volle Erklärung geben – nach dem wir jetzt eine ganze Anzahl dunkelhäutiger äthiopischer Juden haben, die als „die unsrigen“ akzeptiert werden.

Das grausame Lynchen des sterbenden Haftorn war vollkommen hässlich, absolut abscheulich. Es könnte einen zur Verzweiflung über Israel bringen – Hätte es nicht einen anonymen Passanten – mittleren Alters gegeben – der zwei Tage später zu der Szene zurückkehrte und die Geschichte im TV noch einmal erzählte und zugab, dass er seitdem nicht schlafen könnte – und weinte.

(Aus dem Engl- Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Das Preußen der Siedler

Erstellt von Gast-Autor am 1. November 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

DIE ISRAELISCHE DEMOKRATIE  rutscht abwärts, schliddert langsam, behaglich, aber unverkennbar.

Wohin schliddert sie? Jeder weiß es: in eine ultra-nationalistische, rassistische, jüdisch-orthodoxe Gesellschaft.

Wer führt uns auf diesen Weg?

Die Regierung natürlich. Diese Gruppe von lärmenden Niemanden, die bei den letzten Wahlen an die  Macht kamen, angeführt von Benjamin Netanjahu.

Nicht wirklich. Nehmt all diese großmäuligen kleinen Demagogen, die Minister von diesem oder jenen (Ich kann mich nicht erinnern, wer vermutlich der Minister von was ist)  und sperrt sie ein, da wird sich nichts ändern. In 10 Jahren wird sich keiner mehr an die Namen von ihnen erinnern.

Wenn die Regierung nicht führt, wer tut es dann? Vielleicht der rechte Mob? Die Leute, die wir im TV sehen – mit Hass verzerrten Gesichtern, die beim Fußball-Spielen schreien bis sie heiser sind „Tod den Arabern“  oder die nach jedem Vorfall in den jüdisch-arabischen Städten demonstrieren: „ Alle Araber sind Terroristen! Tötet sie alle.“

Dieser Mob kann dieselben Demonstrationen morgen gegen andere führen: gegen Schwule, Lesben, Richter, Feministen, gegen wen auch immer. Es ist nicht konsequent. Er kann kein neues System aufbauen.

Aber es gibt eine Gruppe im Land, die stark genug ist, genügend  zusammenhält, entschieden genug, den Staat zu übernehmen: die Siedler.

IN DER Mitte des letzten Jahrhunderts schrieb ein überragender Historiker, Arnold Toynbee , ein monumentales Werk. Seine zentrale These  war, dass Zivilisationen wie menschliche Wesen sind: Sie werden geboren, wachsen, werden erwachsen, altern und sterben. Dies war wirklich nicht ganz neu – der deutsche Historiker Oswald Spengler schrieb vor ihm etwas Ähnliches  („Den Untergang des Abendlandes“). Aber Toynbee , ein Brite, war weniger metaphysisch als sein deutscher Vorgänger und versuchte, praktische Schlussfolgerungen zu ziehen.

Unter Toynbees vielen Innenansichten, gab es eine, die uns jetzt interessieren sollte. Es geht um den Prozess, bei dem Grenzdistrikte die Macht und den Staat übernehmen.

Nehmen wir das Beispiel aus der deutschen Geschichte. Die deutsche Zivilisation wuchs im Süden und reifte im Süden – in der Nähe von Frankreich und Österreich. Eine reiche und kultivierte Oberklasse verbreitete sich im ganzen Land und in den Städten. Die patrizische Bürgerschicht förderte die Schriftsteller und Komponisten. Die Deutschen sahen sich selbst als „Ein Volk der Dichter und Denker“.

Aber im Laufe der Jahrhunderte suchten die Jungen und Energischen aus der reichen Schicht, besonders die zweiten Söhne, die nichts erbten, für sich selbst eine neue Domäne. Sie gingen an die Ostgrenze, eroberten neues Land von den slawischen Bewohnern und holten dort neue Ländereien für sich selbst.

Das östliche Land wurde Mark Brandenburg genannt. „Mark“  bedeutet Grenzland. Eine Reihe fähiger Fürsten vergrößerten den Staat, bis Brandenburg eine führende Macht wurde. Damit noch nicht zufrieden, heiratete einer der Fürsten eine Frau, die als Mitgift ein kleines  östliches  Königreich, Preußen genannt, mitbrachte. So wurde der Fürst ein König. Brandenburg vereinigte sich mit Preußen und vergrößerte sich durch Kriege und Diplomatie, bis Preußen halb Deutschland beherrschte.

Der preußische Staat, in der Mitte Europas gelegen, umgeben von starken Nachbarn, hatte keine natürlichen Grenzen – weder weite Meere noch hohe Gebirge oder breite Flüsse. Es war nur ein flaches Land. Also schufen die preußischen Könige eine künstliche Grenze: eine mächtige Armee. Graf Mirabeau, der französische Staatsmann sagte bekannterweise: „Andere Staaten haben Armeen. In Preußen hat die Armee einen Staat.“ Die Preußen prägten selbst den Satz: „Der Soldat ist der erste Mann im Staat.“

Es ist nicht wie in andern Ländern, in Preußen wurde das Wort „Staat“  fast als heiliges Wort vorausgesetzt. Theodor Herzl,  der Gründer des Zionismus und ein großer Bewunderer von Preußen, adoptierte dieses Ideal und nannte seine zukünftige Schöpfung:„Der Judenstaat“

TOYNBEE, DER sich nicht mit Metaphysik abgab, fand den irdischen Grund für dieses Phänomen zivilisierter Staaten, die von weniger zivilisierten Staaten übernommen wurden, weil das Grenzvolk härter ist.

Die Preußen mussten kämpfen: Land erobern, ein Teil seiner Bevölkerung vernichten, neue Dörfer  und Städte schaffen, Gegenangriffen widerstehen, nachtragenden Nachbarn, Schweden, Polen und Russen widerstehen. Sie mussten hart sein.

Zur selben Zeit führte das Volk im Inneren  ein viel leichteres Leben. Die Bürger von Frankfurt, Hamburg, München und Nürnberg  hatten ein leichteres Leben, verdienten Geld, lasen ihre großen Dichter und hörten ihre großen Komponisten. Sie konnten die primitiven Preußen mit Verachtung behandeln. Bis sie sich selbst 1871 in einem neuen germanischen Reich  wiederfanden, das von den Preußen beherrscht wurde  – von einem preußischen Kaiser.

Diese Art von Prozess ist während der Geschichte in vielen Ländern geschehen. Die Peripherie wird zum Zentrum.

In alten Zeiten – in der Antike – wurde das griechische Reich nicht von zivilisierten  Bürgern einer griechischen Stadt, wie Athen, geschaffen, sondern von einem Führer aus dem mazedonischen Reich, von Alexander dem Großen. Später wurde das mediterrane Reich nicht von einer zivilisierten griechischen Stadt geschaffen, sondern von einer peripheren italienischen Stadt, Rom genannt.

Ein kleines deutsches Grenzland im Südosten wurde das riesige multinationale Reich, Österreich genannt,  bis es von den Nazis besetzt wurde und  Ostmark genannt wurde  – östliche Grenze.

Es gibt eine Fülle von Beispielen..

DIE JÜDISCHE GESCHICHTE, die reale und die eingebildete, hat ihre eigenen Beispiele.

Wenn ein Steine werfender Junge aus der südlichen Gegend mit Namen David, König von Israel  wurde, setzte er seine Hauptstadt aus der alten Stadt Hebron an einen neuen Ort, den er gerade erobert hat, Jerusalem. Dort war er weit weg von all den Städten, in denen sich eine neue Aristokratie eingerichtet hat und gedieh.

Viel später, in römischen Zeiten, kamen die Kämpfer des Grenzlands Galiläa nach Jerusalem, inzwischen eine zivilisierte Patrizier Stadt,  und zwangen die friedlichen Bürger einen verrückten Krieg  gegen die  unendlich weit überlegeneren Römer anzufangen. Vergeblich versuchte der jüdische König Agrippa, Nachfolger von Herodes dem Großen, sie mit einer eindrucksvollen Rede zu stoppen, die Flavius Josephus  überlieferte. Das Grenzvolk gewann die Oberhand, Judäa revoltierte, der („Zweite“)  Tempel wurde zerstört und die Konsequenzen konnten bis in die letzte Woche auf dem Tempelberg (auf Arabisch: Haram al Sharif – der heilige Schrein) in Jerusalem bemerkt werden, wo arabische Jungs, Nachahmer von David, auf die jüdischen Imitatoren von Goliath Steine warfen.

Im heutigen Israel  macht man einen klaren Unterschied- einen Zwiespalt zwischen den wohlhabenden reichen Städten, wie Tel Aviv und der viel ärmeren „Peripherie“, deren Bewohner meistens  die Nachkommen von Immigranten aus armen und zurückgebliebenen, orientalischen Ländern sind.

Es war nicht immer so. Vor der Gründung des Staates Israel, wurde die jüdische Gemeinde Palästinas (der „Yishuv“ genannt) von der Labor-Partei beherrscht, die von den Kibbuzim, den kommunalen Dörfern dominiert waren . Viele von ihnen lagen entlang der Grenze. (Man könnte sagen, dass sie tatsächlich die „Grenzen“ des Yishuv bildeten) Dort war eine neue Rasse harter Kämpfer geboren, während verwöhnte Stadtbewohner verachtet wurden.

Im neuen Staat sind die Kibbuzim ein Schatten ihrer selbst geworden und die zentralen Städte sind die Zentren der Zivilisation, beneidet und sogar von der Peripherie gehasst. Das war die Situation bis vor kurzem.  Es verändert sich rasend.

AM TAG nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 hob ein neues israelisches Phänomen seinen Kopf: Die Siedlungen in den neu besetzten palästinensischen Gebieten. Ihre Gründer waren  die „National-religiösen“ Jugendlichen.

Während der Tage des Yishuv wurden die religiösen Zionisten eher verachtet. Sie waren eine kleine Minderheit. Einerseits hatten sie nicht den revolutionären Schwung der säkularen, sozialistischen Kibbuzim gemieden. Andrerseits waren wirkliche orthodoxe Juden überhaupt   keine Zionisten und verurteilten das ganze zionistische Unternehmen als eine Sünde gegen Gott (War es nicht Gott, der  die Juden wegen ihrer Sünden ins Exil geschickt,  und unter die  Völkerverstreut hatte?

Aber nach der Eroberung von 1967  wurde die „national-religiöse Gruppe plötzlich eine bewegende Kraft. Die Eroberung des Tempelberges in Ost-Jerusalem und all die andern biblischen Orte, erfüllte sie mit religiösem Eifer. Statt eine marginale Minderheit zu bleiben, wurden sie eine mächtige  treibende Kraft.

Sie schufen die Siedlerbewegung und  bauten Dutzende von neuen Städten und Dörfern in der ganzen besetzten Westbank und Ost-Jerusalem. Mit der Hilfe von allen einander folgenden israelischen Regierungen, den Linken wie den Rechten wuchsen  und gediehen sie. Während das linke „Friedenslager“  allmählich verschwindet, breiteten sie ihre Flügel aus.

Die „national-religiöse“ Partei, einmal eine der moderatesten Kräfte in der israelischen Politik, verwandelte sich in die ultra-nationalistische, fast  faschistische „Jüdisches Heim“-Partei. Die Siedler wurden auch eine dominierende Kraft in der Likud-Partei. Sie kontrollieren nun die Regierung. Avigdor Lieberman, ein Siedler, führt eine noch rechtere Partei als  nominelle Opposition. Der Star des  „Zentrum“, Yair Lapid gründete seine Partei in der Ariel-Siedlung und redet jetzt wie ein extremer Rechter. Yitzhak Herzog, der Führer der Labor-Partei, versucht ihnen kraftlos nachzueifern.

Alle  verwenden jetzt die Siedlersprache. Sie sprechen nicht mehr von der Westbank, sondern von „Judäa und Samaria“.

Während ich Toynbee folgte, erklärte ich dieses Phänomen  durch das Problem, das durch das Leben an der Grenze  gestellt wird.

Selbst, wenn die Situation weniger gespannt ist, als sie es jetzt ist, trotzen die Siedler Gefahren. Sie sind von arabischen Dörfern und Städten  umgeben (Wobei sie sich selbst in ihre Mitte setzten) . Sie setzen sich geworfenen Steinen aus und sporadischen Angriffen auf den Schnell-Straßen, leben aber unter ständigem Armeschutz, während die Leute in den israelischen Städten ein bequemes Leben führen

Natürlich sind nicht alle Siedler Fanatiker. Viele von ihnen leben in einer Siedlung, weil ihnen die Regierung  die Wohnung dort fast umsonst gibt: eine Villa mit Garten, vom der sie im eigentlichen Israel nicht einmal zu träumen wagten. Viele von ihnen sind Regierungsangestellte mit gutem Gehalt. Viele lieben nur die Aussicht – all dieser malerischen muslimischen Minaretts.

Viele Fabriken haben das eigentliche Israel verlassen, verkauften ihr Land für  unglaubliche Summen und bekamen dafür  noch riesige Regierungszuschüsse, dass sie in die Westbank umzogen. Sie beschäftigen natürlich billige palästinensische Arbeiter aus den benachbarten Dörfern – frei von rechtlichen Minimum-Löhnen irgendwelcher Arbeits-Gesetze. Die Palästinenser schuften für sie, weil sie sonst keine Arbeit bekommen können.

Aber selbst diese  „bequemen“ Siedler wurden zu Extremisten, um zu überleben und ihre Häuser zu verteidigen, während sich  die Leute in Tel Aviv  an ihren Cafes und Theater amüsieren. Viele dieser Altein-gesessenen haben schon einen 2. Pass besorgt, einen deutschen, amerikanischen oder polnischen  – nur für den Fall. … Kein Wunder, dass die Siedler, den Staat übernehmen,

DER PROZESS ist schon weit voran geschritten. Der neue Polizeichef  ist ein Kippa tragender früherer Siedler. Auch der Chef vom Geheimdienst. Immer mehr Offiziere der Armee und Polizei sind Siedler. In der Regierung und in der Knesset üben die Siedler riesige Macht und Einfluss aus.

Vor etwa 18 Jahren als meine Freunde und ich als erste einen israelischen Boykott gegen die Produkte der Siedlungen ausriefen, sahen wir, was auf und zukommt.

Dies ist jetzt die wirkliche Schlacht um Israel.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Nasser und ich

Erstellt von Gast-Autor am 18. Oktober 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

VOR 45 JAHREN  starb Gamal Abd-al-Nasser im frühen Alter von 52 Jahren. Es ist kein Ereignis der Vergangenheit. Es hat einen riesigen Einfluss auf die Gegenwart und wird diesen wahrscheinlich weiter auch  auf die Zukunft haben.

Mein Zusammentreffen mit ihm geht ins Jahr 1945 zurück. Ich pflegte zu scherzen, dass „wir einander sehr nah waren, aber wir haben uns nicht rechtzeitig vorgestellt.“

 Es geschah so: Im Juli 45  versuchten wir verzweifelt, den Vormarsch der ägyptischen Armee auf Tel Aviv zu stoppen. Der Eckstein unserer Front war ein Dorf mit Namen Negba. An einem Abend wurde uns mitgeteilt, dass eine ägyptische Einheit uns die einzige Straße zu diesem Kibbuz abgeschnitten und sich auf der andern Seite dort eingegraben hat.

Die Kompanie, zu der ich gehörte, war eine mobile Kommando-Einheit mit Jeeps von denen jedes mit zwei Maschinengewehren bewaffnet war. Wir hatten den Befehl, die Position zu stürmen und sie um jeden Preis zu erobern. Es war eine verrückte Idee – man verwendet keine Jeeps, um eingegrabene Soldaten anzugreifen. Aber die Kommandeure waren auch verzweifelt.

Also fuhren wir in der Dunkelheit die schmale Straße entlang, bis wir die ägyptische Position erreichten, und wurden mit mörderischem Feuer empfangen. Wir zogen uns zurück. Aber dann schloss sich uns der Bataillon-Kommandeur an und leitete einen anderen Angriff. Dieses Mal überrannten wir buchstäblich die Ägypter, ja fühlten menschliche Körper unter unsern Rädern. Die Ägypter flohen. Ihr Kommandant wurde verletzt. Wie ich später herausfand, war es ein Major mit Namen Gamal Abd-al-Nassar.

Danach wandte sich das Kriegsglück. Wir bekamen die Oberhand und umzingelten eine ganze ägyptische Brigade. Ich war ein Teil des belagernden Militärs und wurde  schwer verletzt.  Auf der andern Seite  war Major Abd-al-Nassar.

VIER JAHRE später rief mich Ginger sehr aufgeregt an. „Ich muss dich sofort treffen“, sagte er mir.

Gingi ist der hebräische Slangausdruck für Gingerhead, wie die Briten einen Rothaarigen  nennen. Dieser besondere Rotschopfige war ein kleiner, sehr dunkler Jemenite. Er wurde mit diesem Spitznamen genannt, weil er sehr schwarzes Haar hatte – das war die Art unseres Humors.

Der Gingi –( sein tatsächlicher Name war  Yerucham  Cohen)  hatte während des Krieges als Adjudant  des Kommandeurs der Südfront, Yigal Alon, gedient. Während des Kampfes war eine kurze Feuerpause eingelegt worden, um beiden Seiten zu ermöglichen, die Toten und Verletzten, die zwischen den Linien lagen, herauszuholen. Der Gingi, der ausgezeichnet arabisch sprach, wurde gesandt, um mit dem Emissär der eingekesselten Brigade zu verhandeln.

Wie es manchmal geschieht, bildete sich bei den Begegnungen eine Freundschaft  zwischen den beiden Männern. Einmal, als der Ägypter sehr niedergeschlagen war, versuchte Gingi ihn zu trösten und sagte: „ Verzweifle nicht, Gamal, du wirst hier lebend herauskommen und Kinder haben!“

Die Prophezeiung  wurde erfüllt. Der Krieg war zu Ende; die umzingelte Brigade kehrte  nach Kairo zurück. Yerucham wurde zum Mitglied einer israelisch-ägyptischen Waffenstillstands-Kommission ernannt. Eines Tages  erzählte ihm sein ägyptischer Gesprächspartner: „ Ich wurde von meinem Oberstleutnant  Abd-al-Nasser gebeten, dir zu sagen, dass ihm ein Sohn geboren worden sei.“

Yerucham kaufte einen Babyanzug  und beim nächsten Treffen gab er diesen seinem Kollegen. Nasser schickte seinen Dank zurück: eine Mischung von Gebäck vom berühmten  Groppi-Cafe in Kairo.

IM SOMMER 1952  rebellierte die ägyptische Armee und in einem unblutigen Coup sandte der Playboy König Faruk weg. Der Coup wurde von einer Gruppe  „Freier Offiziere“  angeführt, geleitet von einem 51 jährigen General.  Muhammad Naguib.

Ich veröffentlichte in meinem Magazin an die Offiziere. eine Gratulation .

Als ich Gingi traf, sagte er mir. „Vergiss Naguib. Er ist nur ein Strohmann. Der wirkliche Führer ist ein Bursche  mit Namen Nasser!“ Mein Magazin hatte also einen Sensationsbericht – lange bevor jemand in der Welt wusste, verrieten wir, dass der wirkliche Führer ein Offizier mit Namen Abd-al-Nassar war.

(Ein Wort über arabische Namen: Gamal ist ein Kamel, ein arabisches  Symbol für Schönheit. Ad al Nasser – ausgesprochen Abd-an-Nassar – bedeutet  „Diener von  (Allah)  dem Siegreichen“. Indem wir den Mann nur Nasser nannten, wie wir es alle taten, verliehen wir ihm einen der 99 Namen Allahs.)

Als Nasser offiziell der Führer wurde, verriet mir Yerucham ein großes Geheimnis, dass er gerade eine erstaunliche Einladung erhalten hat. Nasser hatte ihn privat eingeladen, ihn in Kairo zu besuchen.

„Geh!“ bat ich ihn inständig. „Dies könnte eine historische Öffnung sein!“

Aber Yerucham war ein gehorsamer Bürger. Er bat das Außenamt um Erlaubnis. Der Minister Moshe Sharett , die bekannte Friedenstaube, verbat ihm, die Einladung anzunehmen. „Wenn Nasser mit Israel zu reden wünscht, muss er sich ans Auswärtige Amt wenden,“ wurde Yerucham gesagt. Das war natürlich das Ende der Sache.

NASSER WAR  ein  neuer Typ eines Arabers, groß, gut aussehend, charismatisch, ein faszinierender Redner. David Ben Gurion, der schon alt geworden war, fürchtete ihn und beneidete ihn vielleicht. Also schmiedete er mit den Franzosen ein Komplott, um ihn abzusetzen.

Nach einem kurzen freiwilligen Exil in einem Kibbuz, kehrte Ben Gurion 1955 auf seinen Posten als Verteidigungsminister wieder zurück. Das erste, was er tat, war ein Angriff  auf die ägyptische Armee in Gaza. Nach einem Plan oder durch ein Versehen wurden viele ägyptische Soldaten  getötet. Nasser  – wütend und gedemütigt –wandte er sich an die Sowjets und erhielt große Schiffsladungen mit Waffen. Ben Gurion reagierte dadurch, dass er ein enges Bündnis mit den US knüpfte, das bis heute andauert.

Seit 1954 stand Frankreich  einem Befreiungskrieg der Algerier gegenüber. Sie  konnten sich nicht vorstellen, dass die Algerier aus freiem Willen sich gegen Frankreich erheben werde. Sie klagten Nasser an, sie aufzuhetzen. Die Briten schlossen sich dem Klub an, weil Nasser die Britisch-Französische Gesellschaft, die für den Suezkanal verantwortlich war, verstaatlichte.

Das Ergebnis war 1956 das Suez-Abenteuer. Israel griff die ägyptische Armee in der Sinai-Wüste an, während die Franzosen und die Briten in ihrem Rücken landeten. Der ägyptischen Armee, nun praktisch umzingelt, wurde befohlen, so schnell wie möglich umzukehren. Einige Soldaten ließen sogar ihre Stiefel zurück. Israel war von dem  überwältigenden Sieg wie betrunken.

Aber die Amerikaner waren ärgerlich, so auch die Sowjets. Der US-Präsident Eisenhower und der sowjetische Präsident Bulgarin erließen Ultimatums und die drei konspirierenden Mächte, mussten sich sofort zurückziehen. „Ike“  war der letzte amerikanische Präsident, der es wagte, mit Israel und den US-Juden  sich anzulegen.

Übernacht wurde Nasser der Held der ganzen arabischen Welt. Seine Vision einer Pan-arabischen Nation  war in Reichweite. Die Palästinenser, ihrer eigenen Heimat beraubt  und zwischen Israel, Jordanien und Ägypten aufgeteilt, sahen ihre Zukunft in solch einer gemeinsamen Nation und verehrten Nasser.

In Israel wurde Nasser der größte Feind, der Teufel in Person. Er wurde  offiziell und in allen Medien  als „der ägyptische Tyrann“ und  häufig als  „der zweite Hitler“ bezeichnet. Als ich vorschlug, mit ihm Frieden zu schließen, hielten mich die Leute für verrückt.

ABGEHOBEN DURCH seine immense Popularität in der ganzen arabischen Welt und darüber hinaus, tat Nasser eine törichte Sache. Als der israelische Stabschef Yitzhak Rabin  den Syrern mit einer Invasion drohte, sah Nasser darin einen einfachen Weg, seine Führung zu zeigen. Er warnte Israel und sandte seine Armee in die entmilitarisierte Sinai-Wüste.

Jeder in Israel hatte Angst. Jeder –außer mir ( und der Armee). Ein paar Monate vorher wurde ich in ein Geheimnis eingeweiht, das ein führender israelischer General Freunden anvertraut hatte: Ich bete jede Nacht, dass Nasser seine Armee in den Sinai sendet. Dort werden wir sie zermalmen!“

Und so geschah es. Zu spät realisierte Nasser, dass er in eine Falle getappt war (Wie mein Magazin  es in seiner Schlagzeile ankündigte). Um das Unglück abzuwehren, publizierte er Furcht einflößende Drohungen:  „ Israel ins Meer zu werfen“   und sandte einen hochrangigen  Gesandten nach Washington, die US-Regierung darum zu bitten, Israel zu stoppen.

Zu spät. Nach viel Zögerung und extra erhaltener Genehmigung von Henry Kissinger  griff die israelische Armee an und  zerrieb die ägyptischen, jordanischen und die syrischen  Kräfte innerhalb von 6 Tagen. (1967)

Das hatte zwei historische Ergebnisse (a)  Israel wurde zur Kolonialmacht und (b) das Rückgrat des Pan-arabischen Nationalismus war gebrochen.

NASSER BLIEB noch drei Jahre an der Macht – ein Schatten seiner selbst. Offensichtlich dachte er nach.

Eines Tages bat mich mein französischer Freund, der berühmte Journalist Eric Rouleau, dringend, nach Paris zu kommen – ein in Ägypten geborener Jude, der für die repräsentative französische Zeitung „Le Monde“ arbeitete, war mit der ägyptischen Elite bekannt. Er sagte mir, dass Nasser ihm gerade ein langes Interview gegeben hätte. Wie abgemacht übermittelte er den Text an Nasser zur Bestätigung. Nach einiger Durchsicht strich Nasser einen wichtigen Teil aus: ein Angebot an Israel, Frieden zu machen. Es war im Wesentlichen das Angebot, das die Grundlage  für das Sadat-Begin-Friedensabkommen neun Jahre später bildete.

Aber Rouleau hatte das volle Interview auf seinem Tonband. Er bot mir den Text an, damit ich ihn der israelischen Regierung unter totaler Verschwiegenheit geben konnte.

Ich eilte nach Hause und rief ein zentrales Mitglied der israelischen Regierung an. Der Finanzminister Pinchas Sapir, der als das sanfteste  Mitglied des Kabinetts galt. Er empfing mich auch gleich, lauschte dem, was ich zu sagen hatte, und zeigte  nicht das geringste Interesse. Ein paar Tage später, während der Schwarzen-September-Krise in Jordanien starb Nasser plötzlich.

MIT IHM starb die Vision des Pan-arabischen Nationalismus‘. Die Wiedergeburt der arabischen Nation unter der Flagge einer europäischen Idee stützte sich auf einen rationalen säkularen Gedanken.

Ein spirituelles und politisches Vakuum wurde in der arabischen Welt geschaffen. Aber die Natur toleriert  – wie wir alle wissen – keine leeren Räume.

Mit dem toten Nassar und nach dem gewalttätigen Ende seines Nachfolgers und Imitatoren Sadat, Mubarrak, Gaddafi und Saddam lud das Vakuum eine neue Kraft ein: den salafistischen Islamismus.

Ich habe in der Vergangenheit viele Male gewarnt, falls wir Nasser  und den arabischen Nationalismus zerstören, würden religiöse Kräfte  nach vorne kommen. Statt eines Kampfes zwischen rationalen Feinden, die einen vernünftigen Frieden schließen können, wird es zum Beginn eines religiösen Krieges kommen, der per definitionem irrational sein wird und keinen Kompromiss erlaubt.

Genau hier sind wir jetzt. Anstelle von Nasser haben wir jetzt DAESH =IS. Anstelle der arabischen Welt, die von einem charismatischen Führer geleitet wurde, der den arabischen Massen überall einen Sinn für Würde und Erneuerung  gab, stehen wir jetzt einem Feind gegenüber, der das öffentliche Köpfen  rühmt und uns ins 7.Jahrhundert  zurückbringt.

Ich gebe der israelischen und amerikanischen politischen Blindheit und reinen Dummheit die Schuld für diese Entwicklung. Ich hoffe, uns bleibt noch genug Zeit, um dies rückgängig zu machen

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Texte von Uri Avnery

Erstellt von Gast-Autor am 20. September 2015

Jüdische Terroristen

Autor Uri Avnery

EINIGE MEINER besten Freunde baten mich, einen Artikel zu schreiben, der die  „Verwaltungshaft“ für jüdische Terroristen bedingungslos verurteilt.Drei verdächtige Terroristen sind schon nach dieser Methode verhaftet worden.Sie sind Mitglieder einer Gruppe, die den Lehren von Rabbi Meir Kahane folgen (der Anführer ist tatsächlich sein Enkel). Kahane war ein amerikanischer Rabbiner, der in dieses Land kam und eine Gruppe gründete, die vom Obersten Gericht als rassistisch und antidemokratisch bezeichnet wurde. Sie wurde gesetzlich verboten. Er wurde später in den USA von einem Araber ermordet. Eine Untergrundgruppe seiner Anhänger ist nun in Israel aktiv.

Dies ist eine der Gruppen, die zu einer geheimen Bewegung, die sich  „Preis Etikette“ oder „Hügeljugend“ nennt,  gehört. Sie hat schon verschiedene Terroraktionen ausgeführt: Brandanschläge auf christliche Kirchen und muslimische Moscheen, arabische Bauern angegriffen und ihre Olivenbäume zerstört. Keiner dieser Täter ist jemals festgenommen worden, weder von der Armee, die als Polizisten in den besetzten Gebieten agiert, noch von Polizisten im eigentlichen Israel. Viele Armeeoffiziere sind selbst Bewohner der – nach internationalem Gesetz illegalen –  Siedlungen in den besetzten Gebieten.

Die israelische Öffentlichkeit hat diesen Gräueltaten wenig Aufmerksamkeit geschenkt, aber die zuletzt geschehenen Dinge haben sogar selbstzufriedene Israelis geschockt. Das eine war der Brandanschlag  auf eine arabische Wohnung im kleinen Dorf Duma in der Westbank. Im Dunkel der Nacht wurde ein Brandsatz in die Wohnung einer armen arabischen Familie geworfen. Ein 16 Monate altes Kleinkind wurde zu Tode verbrannt, sein Vater, seine Mutter und der Bruder wurden schwer verletzt. Der Vater starb später im Krankenhaus.

Solche Akte von Brandanschlägen sind nichts Besonderes, doch bis jetzt gelang es den arabischen Familien, sich selbst zu retten

Eine andere Gräueltat wurde in Jerusalem – gegen Juden begangen. Ein ultra-orthodoxer Jude griff die jährliche  Love-Parade im Zentrum der Stadt an. Es gelang ihm,  mehrere Teilnehmer mit einem Messer anzugreifen, eine von ihnen – ein 16jähriges Mädchen  – starb später an seinen Verletzungen. Der Täter hatte genau dasselbe vor 10 Jahren getan. Er saß eine lange Gefängnisstrafe ab, war aber vor wenigen Wochen entlassen und tat dies nun noch einmal. Er ist ein ultra-orthodoxer Jude, der aber anscheinend keine Verbindung zur Kahane-Bande hat.

Dies war zu viel. Seit Jahren  war keiner für Taten von jüdischem Terrorismus verurteilt worden. Viele glauben, dass diese Akte in Zusammenhang mit der Besatzungsarmee und dem Shin Bet, dem internen Sicherheitsdienst begangen wurden. Jetzt jedoch gibt es einen öffentlichen Aufschrei, und die Behörden sind zu der Schlussfolgerung gekommen, dass sie etwas tun müssten.

Daher die Order über Verwaltungshaft.

ADMINISTRATIV- HAFT ist ein Vermächtnis des britischen Kolonialregimes, das Palästina bis Mai 1948 beherrschte. Der israelische Staat übernahm dieses und änderte nur einige kleine Aspekte.

Die Art der Haft erlaubt einem Militärkommandeur, eine Person ohne Gerichtsverhandlung ins Gefängnis zu stecken. Die Ermächtigung gilt für sechs Monate, kann aber unbegrenzt erneuert werden. Alle paar Monate muss der Gefangene vor einen regulären Richter gebracht werden, aber die Richter schreiten nur in seltenen Fällen ein. Die Richter nehmen stramme Haltung an , wenn ein Offizier des Militärs als Zeuge aussagt.

Der Gefangene hat kein Recht, das Beweismaterial gegen ihn einzusehen und seinen Anklägern gegenüber gestellt zu werden. Es ist ihm auch nicht erlaubt, von einem Anwalt vertreten zu werden. Der offizielle Grund ist, dass er nicht ohne Informanten oder Quellen von unschätzbarer Information, die lebensnotwendig sind, um wirksam den Terrorismus zu bekämpfen und Leben zu retten, vor Gericht gestellt werden kann.

DIESE METHODE  ist die ganze Zeit gegen palästinensische Verdächtige benutzt worden. Augenblicklich füllen viele Hunderte arabische Verwaltungsgefangene die Gefängnisse; einige von ihnen sind seit vielen Jahren in Haft. Seit Beginn der Besatzung 1967 sind hundert Tausende Palästinenser nach dieser Methode im Gefängnis gehalten worden. Für junge Palästinenser bedeutet dies fast eine Auszeichnung.

Kaum ein Jude ist jemals in Administrativhaft gehalten worden. Seit vielen Jahren ist diese Methode überhaupt nicht gegen Juden benützt worden. Die drei Kahanisten, die diese Woche ins Gefängnis gesteckt wurden, sind die ersten seit langer Zeit.

Militärische und zivile Funktionäre erklären diese Art der Haft als ein wesentliches und unersetzbares Mittel, um den jüdischen Terrorismus zu bekämpfen. Alle Kahane-Anhänger und andere faschistische Täter werden dahingehend trainiert, beim Verhör zu schweigen. Da sie sicher sind, dass sie nicht gefoltert werden, haben sie also keinen Grund zu reden. Sie lachen ins Gesicht ihrer Verhörenden.

Die arabischen Gefangenen haben natürlich kein solches Privileg. Sie wissen, wenn sie nicht reden, dass sie gefoltert werden können. Nach israelischem Gesetz ist Folter verboten, aber das Gericht erlaubt etwas, das sich „moderater physischer Druck“ nennt, der schnelle Erfolge erzielt.

Trotzdem darben viele Araber unter unbegrenzt langer Administrativhaft, weil es nicht genügend rechtlich akzeptable Beweise gibt, um sie vor Gericht anzuklagen, ohne „Quellen“ zu gefährden.

Gegenwärtig werden die drei Juden in Administrativhaft gehaltenen Juden in drei verschiedenen Gefängnissen gehalten, denen sich bald noch mehr anschließen werden, wie der Shin Bet verspricht.

VOR VIELEN Jahren, als ich der Herausgeber des Haolam Hazeh –Nachrichten-magazins war, veröffentlichten wir eine Zeit lang auch eine arabisch-sprachige Ausgabe. Eines Tages wurde einer meiner arabischen Mitarbeiter – nennen wir ihn Ahmed –  in Administrativhaft  geholt.

Als ich Krach schlug, erhielt ich einen überraschenden Anruf vom Shin Bet. Die Beziehungen zwischen dieser Organisation und mir waren  vom ersten Tag des Staates an angespannt. Das mag eine Unterreibung sein, da ihr Chef mich einmal offiziell  als der „Feind Nr.1 des Regimes“ bezeichnete.

Zu meiner größten Überraschung lud mich ein hochrangiger Shin-Bet-Offizier zu einem Gespräch ein: „Ich vertraue ihnen eine äußerst geheime Information an, weil ich möchte, dass sie unser Problem verstehen.“

Dann erzählte er mir, dass seine Leute einen Kurier gefangen hätten, der von einer größeren Terrororganisation nach Israel geschickt wurde, um lokale Kollaborateure  zu kontaktieren. Einer von diesen wäre unser Ahmed.

„Was  wollen Sie, dass wir mit ihm tun? Wir können ihn nicht zu einer Gerichts-verhandlung nehmen. Aber wenn wir ihn frei lassen, könnte ein tödlicher Terrorakt die Folge sein. Die Administrativhaft ist die einzig sichere Option.“

Ich war der Überzeugung, dass Ahmed kein Terrorist ist. Als ich noch darüber nachdachte, was zu tun wäre, wurde ich aus dem Dilemma gerettet: der Shin Bet stimmte unter der Bedingung zu einer Entlassung aus der Haft ein, wenn er das Land verlässt. Er ging in die US und erhielt eine „Grüne Karte“ (Arbeitsgenehmigung) vielleicht mit Hilfe des Shin Bet  Bei einem meiner Vorträge dort sah ich ihn in der 1. Reihe sitzen. Wir umarmten uns.

ICH ERZÄHLE diese Geschichte zum ersten Mal, um das Dilemma zu illustrieren. Indem man diese jüdischen Faschisten frei herumstreunen lässt, könnte dies noch mehr arabisches und jüdisches Leben kosten und vielleicht eine Katastrophe sein, zum Beispiel ein Brandanschlag  auf heilige muslimische Stätten. Es scheint keinen ernsten Beweis gegen sie zu geben. Falls es Shin Bet-Informanten in dieser Gruppe gibt, würde ihr Zeugnis vor Gericht sie entlarven.

Der Shin Bet und die Polizei werden von vielen von uns wegen völliger Inkompetenz angeklagt, wenn sie mit jüdischen Terroristen konfrontiert werden, während sie äußerst effizient sind, wenn sie mit palästinensischen konfrontiert werden. Schlimmer ist, dass wir den Shin Bet verdächtigen, von Siedlern durchsetzt zu sein und mit ihnen zu kollaborieren. Dem Shin Bet die Methoden der Administrativhaft zu nehmen, lähmt sie noch mehr oder liefert ihnen einen Vorwand für totalen Misserfolg.

In meiner späten Kindheit war ich Zeuge des Zusammenbruchs der deutschen demokratischen „Weimarer Republik“ in Deutschland. Die Nazi-SA-Leute  tummelten sich auf den Straßen, schlugen die Leute, die jüdisch aussahen, wechselten Schüsse mit den Kommunisten. Die Regierung war machtlos. Die Polizei und die Armee wurden von Adolf Hitlers Partei infiltriert. Die Richter straften die Kommunisten schwer, halfen den Nazi-SA-Leuten“ aber aus der Patsche.

Jahre später, als Deutschland in Trümmern lag wurde die Weimarer Republik der Feigheit angeklagt, weil sie nicht wagte, die ihr zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden – einschließlich nicht demokratischer Notstandsgesetzen, um die Nazis beizeiten zu bekämpfen. Will die israelische Republik dasselbe Schicksal riskieren?

Es ist ein wirkliches Dilemma. Es verlangt wirkliche Antworten. Nicht die leichten Antworten aus dem liberalen Handbuch. Verantwortliche Antworten. Antworten, relevant zur realen Welt.

Ich bin davon überzeugt, dass die Kahanisten und die anderen faschistischen Gruppen im heutigen Israel weit gefährlicher sind, als die meisten Leute glauben. Dies ist nicht nur eine Handvoll  wilden Unkrauts, wie man uns weis machen will. Dies ist ein nationaler Krebs, der sich schnell in unserm nationalen Körper ausbreiten kann.

Ich habe es schon  einmal gesehen.

ES IST ein schwieriges Dilemma. Auf jeden Fall für mich.

Stimmen wir der Verwaltungshaft zu, einer Haft ohne Gerichtsverfahren und ohne demokratische Sicherheitsmaßnahme, um vielleicht dadurch das Leben von Arabern und Juden zu retten, vielleicht schlimmere Katastrophen zu verhindern?

Oder halten wir uns streng an demokratische Prinzipien, entlassen alle, die in Administrativhaft gehalten werden, Araber wie Juden, auch wenn wir wissen, dass einige von ihnen  Taten wiederholen werden

Nach einer ernsten Gewissensprüfung stimme ich für die zweite Option. Aus moralischen und pragmatischen Gründen.

Moralisch glaube ich nicht, dass man eine Seuche mit Cholera bekämpfen kann. Die Administrativhaft ist eine faschistische Methode, auch wenn sie gegen Faschisten angewandt  wird.

Und weil es praktisch nicht helfen wird. Es ist so, als würde man Krebs mit Aspirin bekämpfen. Die Verhafteten werden durch andere ersetzt, vielleicht sogar durch Schlimmere.

Es besteht auch die Gefahr, dass die Verhaftung von wenigen als Entschuldigung dient, nichts gegen die Vielen zu tun.

Um diese Seuche zu bekämpfen benötigen wir bessere Ärzte. Der Shin Bet, die Polizei und Armee müssen von faschistischen Sympathisanten gesäubert werden. Offiziere, die der israelischen Republik loyal gegenüber sind, müssen ihren Platz einnehmen. Juden und Araber müssen in gleicher Weise behandelt werden.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Ich war die fünfte Enttäuschung

Erstellt von DL-Redaktion am 15. September 2015

Die Geschichte einer Frau in Palästina

von Sahar Khalifa

Wie wir alle wissen, gelten Frauen in der arabischen Kultur wie in vielen anderen Kulturen auch als das schwache Geschlecht, das andere Geschlecht, das ungleiche Geschlecht; das Geschlecht, das weder erbt noch den Namen der Familie weitergibt, das Geschlecht, das sowohl Kinder gebären als auch entsetzliche Schande über die Familie bringen kann.

Ich wurde von der Familie, in die ich hineingeboren wurde, mit einer Enttäuschung empfangen, die so groß war, dass alle in Schluchzen und Wehklagen ausbrachen. Sie hatten auf einen Knaben gehofft, aber zu ihrem Leidwesen war ich das fünfte Mädchen in Folge und daher die fünfte Enttäuschung oder, so empfand es meine Mutter, ihre fünfte Niederlage. Im Vergleich mit der Frau meines Onkels, die erfolgreich zehn kostbare Knaben zur Welt gebracht hatte, war meine Mutter eine Versagerin, eine Frau, der der göttliche Segen fehlte. Meine Mutter war schöner und intelligenter als meine Tante und alle anderen Frauen der Familie, dennoch galt sie bei allen als am wenigsten produktiv: Ihre Früchte hatten keinen Wert.

Ich habe diese Vorurteile und Vorstellungen geerbt. Seit meiner Kindheit musste ich mir immer wieder anhören, dass wir Mädchen ohnmächtig und hilflos seien, ein von der Natur verdammtes Geschlecht, auf ewig mit Schwäche geschlagen.

Vor ein paar Monaten erzählte mir meine jüngere Schwester, sie habe festgestellt, dass ich als einziges Mitglied der Familie Khalifa (die so weit verzweigt ist wie ein ganzer Volksstamm) in der palästinensischen Nationalenzyklopädie stehe. Mit einem erleichterten Seufzer fügte sie hinzu: „Nicht der Vater, nicht der Bruder, nicht der Onkel mit seinen zehn wunderbaren Söhnen, nicht ein einziges männliches Familienmitglied wurde in der Enzyklopädie erwähnt, nur du!“

Als arabische Frau habe ich verschiedene Epochen durchlebt, ich habe mich selbst mit dem Zeitgeist verändert und auch selbst zum Wandel beigetragen. Sogar unter sehr konservativen arabischen Familien ist es heute üblich, dass Mädchen zur Schule gehen. Sie werden Lehrerinnen, Ärztinnen, Ingenieurinnen, Pharmazeutinnen, Schriftstellerinnen, Journalistinnen, Musikerinnen und Künstlerinnen. Viele arabische Frauen gelten heutzutage als unentbehrlich, stärker, kreativer und bedeutender als Männer. Die Welt hat sich gewandelt.

Aber wenn ich das Bild sehe, das die westlichen Medien von uns zeichnen, sehe ich beklagenswerte, unterm Tschador verborgene Kreaturen, sogar mit Ledermasken, Haremsdamen hinter Schleiern, und ich frage mich verwundert, warum man uns auf diese eine starre Realität festlegt. Glaubt man etwa, dass wir anders geschaffen sind als andere Menschen weiblichen Geschlechts, unfähig zur Veränderung!?

Als Kind hatte ich einen Lehrer, der fortwährend das Wort „Veränderung“ im Mund führte, mit unterschiedlicher Betonung und Bedeutung, je nachdem, ob er über soziale Gerechtigkeit, über die Verteilung des arabischen Reichtums, über die Lage der arabischen Frau oder über archaische arabische Regime sprach. Alle, die ich kannte, achteten und bewunderten diesen Lehrer. Die Jungen wollten sein wie er, und die Alten waren stolz, wenn er von der Polizei gesucht wurde und sie ihn verstecken durften.

Als Teenager entdeckte ich, dass mein bewunderter Lehrer nicht der Einzige war, der von Veränderung und Gerechtigkeit sprach. Die meisten gebildeten Leute hatten ähnliche Überzeugungen und Gedanken und traten auch dafür ein. Ich entdeckte außerdem, dass Tausende aufgeklärter Menschen wie mein Lehrer verfolgt wurden oder in Gefängnissen dahinvegetierten – den Gefängnissen von Regimen, die von westlichen Mächten unterstützt, gestärkt und alimentiert wurden, von den Briten, den Franzosen und später den Amerikanern.

Wenn wir von Veränderung reden, erinnern wir Araber uns stets an den nationalistischen Führer, der dieser Stimmung wie kein anderer Nahrung gab: Gamal Abdul Nasser. Er hielt feurige und bewegende Reden, in denen er Gleichheit, Brüderlichkeit und soziale Gerechtigkeit beschwor. Der ägyptische Staatschef verstand es, den Massen eine neue Selbstachtung einzuflößen, indem er den beiden größten Kolonialmächten jener Zeit, Großbritannien und Frankreich, durch die Verstaatlichung des Suezkanals einen empfindlichen Schlag versetzte. Die Wut dieser beiden Mächte führte 1956 zu einem gemeinsamen Feldzug mit ihrem Verbündeten Israel, mit dem Ziel Nasser zu stürzen. Das Vorhaben scheiterte und Nasser ging aus dem Konflikt noch stärker und einflussreicher hervor.

Quelle: le monde diplomatique >>>>> weiterlesen

 

——————————————————————————————————————————-

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber ISM Palestine

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert.

Abgelegt unter Asien, Friedenspolitik, Sozialpolitik | Keine Kommentare »

Der Vertrag

Erstellt von Gast-Autor am 16. August 2015

Der Vertrag

Autor Uri Avnery

UND WAS, wenn das ganze Drama nur eine Übung der Täuschung gewesen wäre?

Was, wenn die  schlauen Perser nicht einmal davon träumen, eine Atombombe zu bauen, aber die Drohung  benutzten, um ihr wirkliches Ziel zu fördern?

Was, wenn Benjamin Netanjahu überlistet wurde, unabsichtlich der Haupt-Kollaborateur der iranischen Ambitionen zu werden?

Das klingt verrückt?  Nicht wirklich. Werfen wir einen Blick auf die Fakten!

DER IRAN ist einer der ältesten Mächte der Welt mit Tausenden von Jahren politischer Erfahrung. Einst besaßen er ein Empire, das sich über die ganze  zivilisierte Welt ausbreitete, einschließlich unseres kleinen Landes. Ihr Ruf für kluge Handelspraktiken ist beispiellos.

Sie sind viel zu klug, um eine Atombombe zu bauen. Wofür? Es würde eine riesige Menge an Geld verschlingen. Sie wissen, dass sie niemals in der Lage sein werden, sie anzuwenden. Dasselbe gilt für Israel mit seinem großen Arsenal.

Netanjahus Alptraum eines iranischen nuklearen Angriffs auf Israel ist eben nur gerade dies – ein Alptraum eines ignoranten Dilettanten. Israel ist eine Atommacht mit der Fähigkeit eines soliden Zweitschlages. Wie wir sehen, sind die iranischen Führer hart gesottene Realisten. Würden sie selbst von einer unvermeidlichen israelischen Rache träumen, die ihre dreitausend Jahre alte Kultur vom Gesicht der Erde auslöscht?

(Falls diese Fähigkeit nicht perfekt ist, sollte Netanjahu  angeklagt und wegen  krimineller Nachlässigkeit verurteilt werden.)

Selbst wenn die Iraner die ganze Welt täuschen würden und eine Atombombe bauen, würde nichts anderes  geschehen, als die Schaffung eines „Gleichgewichts des Schreckens“, so wie dies die Welt auf der Höhe des kalten Krieges zwischen Amerika und Russland rettete.

Die Leute rund um Netanjahu geben vor, zu glauben, dass im Gegensatz zu den damaligen Sowjets, die iranischen Mullahs ein verrücktes Volk seien. Dafür gibt es absolut keinen Beweis. Seit ihrer Revolution von 1979 hat die iranische Führung  nicht einen einzigen bedeutenden Schritt getan, der nicht absolut vernünftig war. Verglichen mit den amerikanischen Fehltritten in der Region (von den israelischen ganz zu schweigen) ist die iranische Führung völlig logisch gewesen.

Vielleicht tauschen sie ihre nicht existierenden nuklearen Pläne für ihre sehr realen politischen Pläne ein, um die Vormachtstellung der muslimischen Welt zu erringen.

Wenn es so ist, sind sie Netanjahu eine Menge schuldig.

WAS HAT die islamische Republik in ihren 45 Jahren Existenz getan, um Israel zu schaden?

Sicher, Teherans Pöbel kann im Fernsehen gesehen werden, wie er israelische Flaggen verbrennt und schreit: „Tod für Israel!“. Sie nennen uns  – nicht gerade schmeichelhaft – „der kleine Satan“,  verglichen mit dem amerikanischen „großen Satan“.

Schrecklich, und was sonst noch?

Nicht viel. Vielleicht einige Unterstützung für die Hisbollah und die Hamas, die nicht seine Schöpfung sind. Irans wirklicher Kampf ist gegen die Kräfte in der muslimischen Welt. Er will die Länder der Region zu Vasallen des Iran machen, wie es vor 2400 Jahren war.

Das hat sehr wenig mit dem Islam zu tun. Der Iran benützt den Islam wie Israel den Zionismus und die jüdische Diaspora benützt (und wie Russland in der Vergangenheit den Kommunismus benützte) als Werkzeug für seine imperialen Ambitionen.

Was jetzt in dieser Region geschieht, ähnelt den „Religionskriegen“ im 17. Jahrhundert in Europa. Ein Dutzend Länder kämpfte im Namen der Religion gegen einander,  unter Flaggen des Katholizismus und Protestantismus, benützen aber die Religion, um ihre sehr irdischen imperialen Pläne zu fördern.

Die US, von einem Haufen neo-konservativer Narren geführt, zerstörten den Irak, der viele Jahrhunderte lang als Bollwerk der arabischen Welt gegen iranische Ausdehnung gedient hat. Jetzt unter dem Banner der Schiiten erweitert  der Iran seine Macht in der ganzen Region.

Der schiitische Irak ist jetzt größtenteils ein iranischer Vasall (Wir werden  auf Daesh zurückkommen). Syriens Überleben, ein sunnitisches Land,  beherrscht von einer kleinen halb-schiitischen Sekte,  hängt  vom Iran ab. Im Libanon ist die schiitische  Hisbollah ein naher Verbündeter mit wachsender Macht und  Prestige.  So ist es auch mit der Hamas in Gaza, die ganz sunnitisch ist. Und die Huthi-Rebellen im Jemen sind Zaidis (eine Schule der Schiiten.)

Der status quo in der arabischen Welt wird von einem korrupten Haufen Diktatoren und mittelalterlicher Scheichs verteidigt, wie den Herrschern von Saudi-Arabien, Ägypten und den Golf-Öl-Potentaten.

Klar, der Iran und seine Verbündeten gehören  in die Zukunft, Saudi-Arabien und seine Verbündeten gehören in die Vergangenheit.

Da bleibt noch  Daesh, der sunnitische „islamische Staat“ in Syrien und im Irak. Das ist auch eine aufstrebende Macht. Im Gegensatz zum Iran, dessen revolutionärer Elan sich vor langem erschöpft hat, strahlt Daesh revolutionären Eifer aus und zieht Anhänger aus aller Welt an.

Daesh ist der wirkliche Feind des Iran und von Israel.

PRÄSIDENT OBAMA und seinen Beratern ist dies vor einiger Zeit klar geworden. Ein Teil ihrer neuen Verbindung mit dem Iran gründet sich auf diese Realität.

Mit der Ankunft von Daesh haben sich die Realitäten vor Ort von Grund auf verändert. Die Verlagerung bestätigt die alte britische Maxime, dass der Feind von jemandem in einem Krieg, ein Verbündeter im nächsten Krieg werden kann und umgekehrt. Weit davon entfernt naiv zu sein, baut Obama ein Bündnis gegen den neuen und sehr gefährlichen Feind. Diese Alliance sollte logischerweise Bashar Assads Syrien einschließen, aber Obama  hat noch Angst davor, dies laut zu sagen.

Obama und seine Berater glauben auch, dass mit dem Aufheben der lähmenden Sanktionen die Iraner sich darauf konzentrieren,  Geld zu machen, was ihren  nationalistischen und religiösen Eifer noch mehr abschwächt. Das klingt vernünftig genug.

(Netanjahu denkt, das amerikanische Volk sei „naiv“. Nun, für eine naive Nation haben die US sich ganz gut verhalten, um die einzige Supermacht der Welt zu werden.)

Ein Nebenprodukt der Situation ist, Israel wird wieder mit der ganzen  politischen Welt im Clinch liegen. Der Wiener Vertrag wird nicht nur von den USA unterzeichnet, sondern auch von allen führenden Weltmächten. Dies scheint eine Situation zu schaffen, die ein munteres israelisches Volkslied so ausdrückt: „Die ganze Welt ist gegen uns, uns aber ist es scheißegal…“

Im Gegensatz zu Obama, steckt Netanjahu leider in der Vergangenheit. Er dämonisiert weiter den Iran, statt sich dem Kampf gegen Daesh anzuschließen, der für Israel viel, viel gefährlicher ist.

Man muss nicht bis Cyrus dem Großen (6. Jahrhundert v.Chr.) zurückgehen, um zu realisieren, dass der Iran ein enger Verbündeter sein kann. In den Beziehungen zwischen den Nationen triumphiert die Geographie über die Religion. Es ist noch nicht so lange her, dass der Iran Israels engster Verbündeter in der Region war. Wir sandten Khomeini sogar Waffen, um gegen den Irak zu kämpfen. Die Mullahs hassten Israel nicht so sehr wegen ihrer Religion, sondern wegen unserer Verbindung mit dem Schah.

Das gegenwärtige iranische Regime hat seit langem seinen revolutionären religiösen Eifer verloren. Es handelt nach seinen nationalen Interessen. Was zählt, ist die Geographie. Eine weise israelische Regierung würde die nächsten zehn oder mehr Jahre eines garantiert nuklear-freien Iran nützen, um die Allianz – besonders gegen Daesh – zu erneuern.

Dies könnte zu neuen Beziehungen mit Assads Syrien, der Hisbollah und auch der Hamas führen.

ABER SOLCH weitreichende Überlegungen sind für Netanjahus Ansichten weit entfernt, für Netanjahu, den Sohn eines Historikers, dem es an jeder historischen Kenntnis und jedem Gespür dafür mangelt.

Der Kampf geht jetzt nach Washington DC, wo Netanjahu  voll als Söldner von Sheldon Adelson, dem Besitzer der republikanischen Partei, verpflichtet sein wird.

Es ist ein trauriger Anblick: der Staat Israel, der sich immer der vollen Unterstützung beider amerikanischer Parteien erfreute, ist ein Anhängsel der reaktionären  republikanischen Führung geworden.

Eine noch traurigerer Anblick ist Israels politische und Medien-Elite am Morgen  der Unterzeichnung des Wiener Vertrages. Es war fast unglaublich.

Fast alle politischen Parteien schlossen sich Netanjahus Politik an, wetteiferten mit einander mit ihren Bekundungen unterwürfiger Loyalität. Vom „Führer der Opposition“, dem bemitleidenswerten Yitzhak Herzog  bis zum redseligen Yair Lapid, jeder eilte, um den Ministerpräsidenten in seiner kritischen Stunde beizustehen.

Die Medien waren sogar noch schlimmer. Fast alle prominenten Kommentatoren, linke wie rechte, rannten gegen den  „katastrophalen“ Vertrag Amok  und  häuften ihre gleichartige Empörung und Verachtung auf den armen Obama, als ob sie von einer vorbereiteten Regierungs-„Liste von Argumenten“ ablesen würden ( wie es auch tatsächlich war).

Das war nicht die beste Stunde der israelischen Demokratie und der so sehr gelobten „jüdischen  Intelligenz“. Nur gerade ein jämmerliches Beispiel einer allzu gewöhnlichen  Gehirnwäsche.

Eine von Netanjahus Argumenten ist, dass die Iraner die naiven Amerikaner täuschen wollen und können und die Bombe bauen. Er ist sicher, dass eine Täuschung  möglich ist. Nun, er sollte es wissen. Wir haben es ja getan.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Isratin oder Palestrael?

Erstellt von Gast-Autor am 26. Juli 2015

Isratin oder Palestrael?

Autor Uri Avnery

ES WAR einmal ein junger Mann, der eine welterschütternde Erfindung gemacht hat: ein Flugzeug, das mit Wasser flog.

Nicht mehr mit Benzin. Keine Verschmutzung. Keine astronomischen Preise. Fülle die Tanks nur mit Wasser und es fliegt bis ans Ende der Welt.

„Wunderbar!“  riefen die Leute aus. „Zeige uns die Pläne!“  „Pläne?“ sagte der Mann. Ich habe die tolle Idee gehabt. Ich überlasse es den Ingenieuren, dies  mit den technischen Details auszuarbeiten.“

Die Erfinder der Ein-Staat-Lösung erinnern mich an dieses Genie. Sie haben eine wunderbare Idee. Aber es bleiben einige Fragen offen.

DIE ERSTE FRAGE:  Wie kann dies erreicht werden?  Die offensichtliche Antwort heißt: durch Krieg.

Die arabische Welt wird ihre Armeen mobilisieren. Israel wird erobert werden. Die Sieger werden ihren Willen durchsetzen.

Dies könnte innerhalb weniger Generationen möglich sein. Ich bezweifle es. In einer  Welt von Nuklearwaffen enden Kriege mit gegenseitiger Vernichtung.

Und wenn nicht Krieg, dann „Druck von außen“.

Auch dies bezweifle ich. Die internationale Boykottbewegung wird auf ihre Weise ziemlich wirksam. Aber dies ist weit, weit davon entfernt, Israelis dazu zu bringen, etwas zu tun, das gegen jede Faser ihres Seins geht: ihren Staat aufzugeben. Dasselbe gilt für politischen Druck. Es kann Israel verletzen oder auch isolieren – obwohl ich nicht glaube, dass dies in dieser oder der nächsten Generation möglich sein würde – aber auch dies wird nicht genug sein, Israel auf seine Knie zu zwingen.

Die Mehrheit in Israel überzeugen? Man muss der israelischen Realität gegenüber  schon sehr fremd sein, um zu glauben, dass dies in voraussehbarer Zukunft geschehen kann. Seit mehr als 130 Jahren ist jetzt das Wesentliche der zionistischen und israelischen Raison d’etre israelische (oder „jüdische“) Staatlichkeit gewesen. Viele Menschen sind schon deswegen gestorben. Jedes Kind in Israel wird vom Kindergarten an indoktriniert, durch die Schule und die Armee, um den Staat als höchstes aller Ideale zu sehen. Dass es dies freiwillig aufgibt?  Unwahrscheinlich.

Aber um der Argumente willen lasst uns vermuten, dass auf die eine oder andere Weise die Ein-Staat-Lösung möglich wird. Vielleicht durch  göttliche Intervention.

Wie würde das funktionieren?

In Dutzenden meiner Debatten mit Anhängern des  einen-Staates aller Arten habe ich niemals, nicht ein einziges Mal auf diese simple Frage eine Antwort bekommen, Nicht eine. Wie der Erfinder des mit wasserbetriebenen Flugzeugs. Sie überlassen dies den Ingenieuren. Lasst uns versuchen!

WIE WIRD der Staat genannt werden? Auch keine leichte Frage.

Der selige Muammar Gaddafi schlug „Isratin“ vor (Warum nicht Palestrael“?) Ich könnte an „Heiliges Land“ denken, „ Der Staat von Jerusalem“ oder andere Namen. Vielleicht „Der Vereinigte Staat von Israel und Palästina“ (Nennen wir es VSIP).

Verschiedene Flaggen und Nationalhymnen sind schon vorgeschlagen worden – einige davon  wirklich originell. Wird irgendjemand für sie sein Leben opfern?

Aber auch dies ist nicht das wirkliche Problem. Wenn wir uns den Realitäten des Staates nähern, werden sich die Fragen vervielfachen.

Wie wird der Staat auf tag-täglicher Basis funktionieren?

Wie schwierig das sein mag, kann durch eine einfache  historische Tatsache  illustriert werden: seit dem 2. Weltkrieg gibt es kein einziges Beispiel von zwei Staaten oder zwei Völkern, die freiwillig zusammen einen Staat bilden. Aber es gibt  genügend Beispiele von multinationalen Staaten, die auseinander gefallen sind.

Beginnen wir mit der Sowjetunion, einer mächtigen Weltmacht. Dann Jugoslawien , dann Serbien, die Tschechoslowakei, der Sudan.

Andere Länder  drohen auseinander zu brechen. Wer hätte je gedacht, dass das  ehrwürdige Vereinigte britische Königreich einmal nicht vereinigt sein könnte? die Schotten, die Katalonier, die Basken, die Quebecker, die Ost-Ukrainer warten in einer Reihe. Nur die Schweiz, historisch seit Hunderten von Jahren vereinigt, scheint immun zu sein. Auch Bosnien und Herzegovina.

Sei es, wie es ist; schauen wir uns die Sache näher an!

DER STAAT  muss eine  vereinigte Armee haben. Wie wird sie funktionieren? Werden Juden und Araber in derselben Truppe dienen? Oder wird es getrennte Bataillone geben, getrennte Brigaden oder getrennte Divisionen?  Wenn es Unruhe in jüdischen  Nachbarschaften gibt, werden jüdische Einheiten Befehlen gegen ihre Brüder gehorchen? In einem Krieg gegen einen arabischen Staat – wie wird eine arabische Einheit agieren?

Wird der Stabschef ein Jude oder ein Araber sein? Vielleicht abwechselnd? Und der Generalstab – halbe-halbe?

Das ist noch einfach –  verglichen mit der Polizei. Werden Juden und Araber Seite an Seite dienen, wie sie es während des britischen Mandats taten, als praktisch alle lokalen Polizisten zu geheimen nationalistischen Organisationen gehörten?

Wie untersucht diese Polizeikraft nationalistische Verbrechen? Wer wird der Generalinspektor sein?

Dann gibt es da noch die Frage der Steuern. Wie es jetzt aussieht, ist das durchschnittliche Einkommen der Juden in Israel 25 mal höher als das der Araber im  besetzten Palästina. Nein, das ist kein Tippfehler. nicht 25% höher. 25 mal höher.

Werden sie dieselben Steuern zahlen? Sehr bald würden sich jüdische Bürger beschweren, dass sie für die ganze Fürsorge und Bildung der palästinensischen Bürger zahlen. Schwierigkeiten.

DANN GIBT es da noch die Probleme der politischen Strukturen.

Natürlich  wird es allgemeine und freie Wahlen geben. Wie werden die Bürger wählen – nach ihren Klasseninteressen oder  nach ethnischen Linien?

Die Erfahrung in vielen Ländern zeigen an, dass die nationale Identität den Vorrang nehmen wird. Im heutigen Israel ist dies die Regel. Während des britischen Mandats gab es nur eine einzige gemeinsame jüdisch-arabische Partei: die Moskau treue kommunistische.  Am Vorabend des Krieges von 1948 teilte sie sich  in Juden und Araber. Im neuen Staat Israel vereinigte sie sich wieder (wie von Moskau befohlen wurde), um sich dann wieder zu teilen. Nun ist es praktisch eine arabische Partei mit ein paar jüdischen Mitläufern.

1984 beteiligte ich mich an der Gründung einer neuen Partei, der Progressiven Liste für Frieden, die sich auf strenge Parität gründete: unsere Knesset Liste war arabisch, jüdisch, arabisch,  jüdisch   bis 120.

In zwei auf einander folgenden Wahlkampagnen  kamen wir in die Knesset. Es geschah eine seltsame Sache: all unsere Wähler waren Araber. Die Partei verschwand.

Ich habe den starken Verdacht, dass bei VSIP  das Gleiche geschehen wird. Im Parlament werden sich zwei Blöcke gegenüberstehen und ein Klima ständiger gegenseitiger Feindseligkeit schaffen. Es wird außerordentlich schwierig sein, eine arbeitende Regierungskoalition zu bilden, die aus Elementen beider Seiten zusammengesetzt ist. Man schaue sich nur Belgien an, ein anderer problematischer, bi-nationaler Staat.

Einige Anhänger des einen Staates geben zu, dass das  Projekt nur durchführbar ist, wenn beide Völker ihre Grundhaltung vollkommen ändern und ein Geist  gegenseitiger Sympathie und Respekt den gegenwärtigen nationalistischen Hass und Verachtung ersetzt.

Vor etwa 50 Jahren hatte ich ein Gespräch mit dem damaligen indischen  Botschafter in Paris Kavalam Madhava Panikkar, einem sehr geachteten Staatsmann und Gelehrten. Wir sprachen natürlich über den israelisch-palästinensischen Frieden, und er sagte: „Das wird  51 Jahre dauern!“

Warum genau 51 Jahre, fragte ich überrascht. „Weil wir  eine neue Generation von Lehrern brauchen“, sagte er. „Das wird 25 Jahre dauern. Diese neuen Lehrer  werden eine neue Generation von Schülern erziehen. Das dauert weitere 25 Jahre. Und um Frieden zu machen, braucht es ein weiteres Jahr.“

Nun, 51 Jahre sind vergangen,  und Frieden ist weiter weg als damals. Ehestifter pflegen zu sagen: Sie lieben sich noch nicht, aber wenn sie erst mal verheiratet sind und Kinder haben, werden sie einander lieben.

Vielleicht. Wie lange wird es dauern? Einhundert Jahre? Zweihundert Jahre. Lange vorher werden wir alle gestorben sein

Das Hauptargument gegen die Ein-Staat-Lösung ist, es wird bald ein Schlachtfeld eines ewigen Konfliktes sein wie der Libanon. Dort gibt es nicht einen Tag eines internen Friedens.

Die größte Gefahr ist: dass diesen Staat  -mit wachsender arabischer Mehrheit – wohl-habende und gebildete jüdische Bürger, langsam das Land verlassen werden  (wie es jetzt schon einige tun). Am Ende werden nur die Armen und Ungebildeten zurückbleiben – eine kleine jüdische Gemeinde, wie in andern arabischen Staaten.

Ich habe einen heimlichen Verdacht, dass einige der arabischen Anhänger des einen Staates die Idee allein aus diesem Grund begrüßen: um Israel ein Ende zu setzen.

Israelische Juden und palästinensische Araber sind zwei der nationalistischsten Nationen auf der Welt. Man muss ein extremer Optimist sein – noch extremer als ich – um zu glauben, dass dies funktionieren könnte.

Ehrliches Eingeständnis: Ich glaubte einst an die Ein-Staat-Lösung, lange bevor dieser Terminus erfunden war. Als  ich 1945 gerade 22 Jahre alt war, gründete ich eine Gruppe, die sich dem Gedanken widmete, dass die neue hebräische Nation in Palästina und die arabische Nation in Palästina beide durch gemeinsame Liebe ans Land gebunden, eine gemeinsame Nation werden und in einem gemeinsamen Staat leben könnten.

Unsere Ideologie verursachte einen Aufschrei in der zionistischen Gemeinschaft im Land. Wir wurden allgemein verurteilt. Aber während des Krieges von 1948, als ich in unmittelbaren Kontakt mit der palästinensischen Realität kam, gab ich diese wunderbare Idee für immer auf, und von 1949  war ich einer der  Schöpfer des Konzeptes der Zwei-Staaten-Lösung.

Ich habe einen großen Respekt vor den Anhängern der Ein-Staat-Lösung. Ihre Motive sind bewundernswert. Ihre Vision hochfliegend. Aber es hat keine Verbindung zur Realität.

ICH WÜRDE gerne für mich einen Punkt ganz klar machen:  die Zwei-Staaten-Lösung ist kein Rezept für  Trennung und Scheidung, sondern im Gegenteil, eine Art Hochzeit.

Vom ersten Tag  an  – vor 66 Jahren – als wir eine winzige Gruppe waren, hielten wir das Banner der Zwei-Staaten-Lösung hoch. Für uns war klar, dass die zwei Staaten, in einem so kleinen Land so eng bei einander in naher Kooperation leben müssen. Die Grenzen müssen für Menschen und Waren offen sein, die Wirtschaft eng mit einander verknüpft. Eine Art Föderation ist unvermeidbar. Die Haltung wird sich langsam auf beiden Seiten ändern.

Verbindungen werden geknüpft. Freundschaften werden  gegründet. Geschäfts-interessen werden die Leute überzeugen. Die Leute werden zusammen arbeiten und einander respektieren. Wie die Araber sagen: Inshallah!

Wenn ich gefragt werden würde, ob dies die beste Lösung sei, lautet meine Antwort: „Es ist die einzige Lösung.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, von Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

BDS – der neue Feind

Erstellt von Gast-Autor am 19. Juli 2015

BDS – der neue Feind

Autor Uri Avnery

BENJAMIN NETANJAHU kratzte sich am Kopf. Seine ganze Karriere gründet sich auf Panikmache. Da Juden seit Jahrtausenden  in Angst lebten, ist dies einfach, sich darauf zu berufen. Sie sind ( geradezu) süchtig.

Seit Jahren hat Netanjahu seine Karriere auf die Angst vor der iranischen Bombe  gebaut. Die Iraner sind ein verrücktes Volk. Wenn sie erst mal die Bombe erlangt haben, werden sie sie auf Israel fallen lassen, selbst, wenn Israels Atombombe bei einem zweiten Schlag den Iran mit seiner jahrtausendealten Kultur sicher vernichten wird.

Aber Netanjahu sah mit wachsender Sorge, dass die iranische Bedrohung ihre Schärfe verlor. Die US haben anscheinend ein Abkommen mit dem Iran erreicht, das den Bau einer Bombe verhindert. Sogar Sheldon der Große konnte das Abkommen nicht  verhindern. Was nun?

Er schaute sich um. Da tauchten drei Buchstaben auf: BDS. Sie bedeuten Boykott, Divestment und Sanktionen, eine weltweite Kampagne, um Israel  wegen seiner 48 Jahre langen Unterwerfung des palästinensischen Volkes zu boykottieren.

Ah, hier haben wir eine wirkliche Bedrohung, schlimmer als die Bombe. Ein zweiter Holocaust  droht. Das tapfere kleine Israel steht vor der kompletten üblen  antisemitischen Welt.

Stimmt, bis jetzt hat Israel keinem wirklichen Schaden gelitten. BDS  ist eher eine symbolische Geste als eine wirkliche wirtschaftliche Waffe. Aber wer zählt nach? Die Legionen von Antisemiten sind auf dem Vormarsch.

Wer wird uns retten?  Bibi, der Große, natürlich.

EHRLICHE OFFENLEGUNG:  meine Freunde und ich initiierten den ersten Boykott, der gegen die Produkte der Siedlungen gerichtet war.

Unsere Friedensbewegung Gush Shalom  überlegte, wie man die Ausbreitung der Siedlungen anhalten könne – von denen jede eine Landmine auf dem Weg zum Frieden ist. Der Hauptgrund für den Siedlungsbau ist, die Zwei-Staaten-Lösung zu verhindern – die einzige Friedenslösung, die es gibt.

Unsere Untersuchungen machten eine große Runde zu den Siedlungen und registrierten die Unternehmungen/Firmen, die von den Werbemaßnahmen der Regierung in eine Falle gelockt wurden, um  Einkaufsmöglichkeiten jenseits der grünen Linie zu eröffnen. Wir veröffentlichten die Liste und ermutigten die Kunden, diese Produkte nicht einzukaufen.

Ein Boykott ist ein demokratisches Mittel zu protestieren. Es geschieht ohne Gewalt. Jede Person kann dies privat ausprobieren, ohne sich einer Gruppe anzuschließen oder sich in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Unser Hauptziel war es, dass die israelische Öffentlichkeit klar zwischen israelischen Waren und denen aus den Siedlungen in den besetzten Gebieten unterscheiden könne. Im März 1997 hielten wir eine Pressekonferenz, um die Kampagne anzukündigen. Es war ein einmaliges Ereignis. Ich hatte  schon  Pressekonferenzen abgehalten, die voller Journalisten waren – z.B.  nach meinem ersten Treffen mit Yassir Arafat im belagerten West-Beirut. Ich hatte Pressekonferenzen mit wenigen Besuchern gehalten. Aber diese hier war wirklich besonders: kein einziger israelischer Journalist  zeigte sich.

Doch die Idee verbreitete sich. Ich weiß nicht, wie viele tausend Israelis die Produkte der Siedlungen im Augenblick boykottieren.

Doch waren wir von der Haltung der EU-Behörden aufgebracht , die  die Siedlungen anprangerten, während sie in der Praxis ihre Produkte  mit Zoll /Steuerfreibeträgen subventionierten wie reale Waren aus Israel. Meine Kollegen und ich gingen nach Brüssel, um zu protestieren. Von höflichen Bürokraten wurde uns gesagt, dass Deutschland und andere  jeden Schritt in Richtung Siedlungsboykott behinderten.

Schließlich bewegten sich die Europäer, doch sehr langsam.  Sie verlangen jetzt, dass die Produkte der Siedlungen klar gekennzeichnet werden.

DIE BDS-Bewegung hat eine sehr andere Agenda. Sie wollen den Staat Israel als solchen boykottieren.

Ich sehe dies immer als großen strategischen Irrtum an. Statt die Siedlungen zu isolieren und sie von den durchschnittlichen Israelis zu trennen, treibt ein allgemeiner Boykott alle Israelis in die Arme der Siedler. Es weckt wieder uralte Ängste. Vor einer allgemeinen Gefahr zu stehen, vereinigt die Juden.

Netanjahu könnte sich nichts Besseres wünschen. Er reitet jetzt auf der Welle jüdischer Reaktionen. Jeden Tag gibt es Schlagzeilen über einen anderen Erfolg  der Boykottbewegung und jeder  Erfolg ist ein Pluspunkt für Netanjahu.

Es ist auch ein Pluspunkt für seinen Gegner, Omar al-Barghouti, den palästinensischen Organisator von BDS.  In Palästina gibt es viele Barghoutis. Es ist eine große Familie, die in  mehreren Dörfern nördlich von Jerusalem prominent ist.

Der berühmteste ist Marwan al-Barghouti, der zu mehrmals lebenslänglich verurteilt worden ist, weil er die Fatah-Jugendbewegung  leitete. Er wurde  nicht dafür beschuldigt, an „terroristischen“ Akten teilgenommen zu haben, sondern für seine Führungsrolle als Verantwortlicher für die Organisation . Tatsächlich waren wir Partner beim Organisieren mehrerer gewaltfreier Protestdemos gegen die Besatzung.

Als er vor Gericht angeklagt wurde, protestierten wir im Gerichtsgebäude. Einer meiner Kollegen verlor bei dem sich ergebenden Kampf mit den gewalttätigen Gerichtswärtern dabei einen Zehennagel. Marwan ist noch immer im Gefängnis, und viele Palästinenser betrachten ihn (trotzdem) als potentiellen Erben von Mahmoud Abbas.

Ein anderer Barghouti ist Mustafa, der sehr liebenswürdige Führer  einer linken Partei, der gegen die Präsidentschaft der Palästinensischen Behörde von Abbas sich stark machte . Wir trafen einander (mehrfach)und standen bei verschiedenen Demonstrationen gegen die Mauer der Armee gegenüber.

Omar Barghouti , der Führer der BDS-Bewegung, war Student der Universität von Tel Aviv.  Er verlangt die freie Rückkehr aller palästinensischen Flüchtlinge, Gleichheit  für die palästinensischen Bürger Israels und natürlich ein Ende der Besatzung.

Doch BDS ist keine hoch organisierte weltweite Organisation.  Sie ist eher eine Handelsmarke. Gruppen von Studenten, Künstlern und andere  machen spontan mit  und schließen sich dem Kampf für die palästinensische Befreiung an.  Hier und da versuchen, ein paar wirkliche Antisemiten sich ihnen anzuschließen. Aber für Netanjahu sind sie alle Antisemiten.

VON ANFANG an fürchteten wir, der Boykott Israels habe – im Unterschied zum Boykott der Siedlungen  die durchschnittlich jüdische Bevölkerung  mit den Siedlern unter der Führung von Netanjahu vereinigt.

Das Vaterland ist in Gefahr. „Nationale Einheit!“ ist die Order des Tages. „Der Oppositionsführer“ Yitzhak Herzog  eilt voraus, um Netanjahu zu unterstützen, wie es fast alle andern Parteien taten

Israels Oberster Gerichtshof, ein  ängstlicher Schatten seines Vorgängers, hat schon darüber verfügt,  ein Aufruf zu einem Boykott  Israels, sei ein Verbrechen einschließlich der Aufrufe, die Siedlungen zu boykottieren.

Fast jeden Tag erreichen Boykotts Schlagzeilen. Der Biss von „Orange“, dem französischen Zeitungsriesen, hatte sich zuerst dem Boykott angeschlossen, hat sich dann aber schnell gedreht und trat zu einer Pilgerreise der Reue nach Israel an. Studentenorganisationen und professionelle Gruppen in Amerika und Europa nehmen den Boykott an. Die EU  verlangt jetzt energisch, dass die Siedlungsprodukte  gekennzeichnet werden.

Netanjahu ist glücklich. Er ruft die Weltjudenheit auf, den Kampf gegen diese antisemitische Schandtat aufzunehmen. Der Besitzer von Netanjahu, der Multi-Milliardär und Kasinomogul Sheldon Adelson hat einen Kriegsrat reicher Juden nach Las Vegas einberufen. Sein Gegenspieler Pro-Labor Multi-Milliardär Haim Saban hat sich ihm angeschlossen. Selbst die Täter der „Weisen von Zion“  hätten  das nicht für möglich gehalten-

ALS KOMISCHER Unterstützer wetteifert ein anderer Kasino-Besitzer  um die Schlagzeilen. Er ist ein viel, viel kleinerer Operator, der nicht mit Adelson verglichen werden kann. Er ist das neue Knesset-Mitglied Oren Chazan, die Nummer 30 auf der Likudwahlliste, der letzte, der noch dazukam. Eine TV-Denkschrift hat behauptet, er wäre der Besitzer eines Kasinos in Bulgarien, der seinen Kunden Prostituierte liefert und  harte Drogen benützt. Er ist schon  als stellvertretender Knessetsprecher gewählt worden. Der Sprecher ist jetzt vorübergehend  von den Knessetplenum-Sitzungen suspendiert worden.

Die beiden Kasinobesitzer, der große und der kleine, beherrschen die Nachrichten. Das ist ziemlich bizarr in einem Land, in dem Kasinos verboten sind, und wo heimliche Kasinobesucher  regelmäßig verhaftet werden.

Nun, das Leben ist wie ein Roulettespiel. Und das Leben in Israel ist es sogar noch mehr.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser ….

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die wirkliche Nakba

Erstellt von Gast-Autor am 12. Juli 2015

Die wirkliche Nakba

VOR DREI Wochen  war Nakbatag – der Tag, an dem Palästinenser innerhalb und außerhalb Israels  an ihre „Katastrophe“ denken – den Exodus  von mehr als der Hälfte des palästinensischen Volkes aus den von Israel besetzten Gebieten im Krieg von 1948.

Jede Seite hat ihre eigene Version dieses folgenschweren Ereignisses.

Nach der arabisch-palästinensischen Version kamen die Juden von nirgendwoher, und ein friedliebendes Volk  wurde angegriffen und aus seinem Land vertrieben.

Nach der zionistischen Version akzeptierten die Juden  den Kompromiss-Teilungsplan der UN, aber die Araber  wiesen ihn zurück und begannen einen blutigen Krieg, währenddessen sie von den arabischen Staaten überredet wurden, ihre Häuser zu verlassen, um dann mit den siegreichen arabischen Armeen zurückzukehren.

Beide Versionen sind äußerster Unsinn – eine Mischung von Propaganda, Legende und verdrängten Schuldgefühlen.

Während des Krieges war ich Mitglied einer mobilen Kommando-Einheit, und diese war  auf der ganzen Südfront aktiv. Ich war ein Augenzeuge von dem, was dort geschah.

Ich schrieb während des Krieges ein Buch („In den Feldern der Philister“) und eines  direkt nach dem Krieg („Die andere Seite der Münze“). Sie erschienen zusammen 1948 auf Deutsch unter dem Titel „ Die andere Seite der Münze“. Ich schrieb auch in der ersten Hälfte  meiner Autobiographie („ Optimistisch“); das  im letzten Jahr auf Hebräisch erschien. Ich werde zu beschreiben  versuchen, was wirklich geschah. „1948 – eine Soldatengeschichte“.

ZU ALLERERST müssen wir uns  davor hüten, 1948 mit den Augen von 2015 zu sehen. So schwierig es auch sein mag, so müssen wir versuchen, uns in die Realität von damals zu versetzen. Anders sind wir nicht in der Lage, das zu verstehen, was tatsächlich geschah.

Der Krieg von 1948 war einmalig. Er war eine Folge historischer Ereignisse, die nirgendwo eine Parallele hat. Ohne seinen historischen, psychologischen, militärischen und politischen Hintergrund zu berücksichtigen, ist es unmöglich, zu verstehen, was damals geschah. Weder die Auslöschung der einheimischen Amerikaner durch die weißen Siedler noch die verschiedenen kolonialen Genozide ähneln dem.

Die unmittelbare Ursache war die UN-Resolution vom November 1947: die Teilung Palästinas.  Sie wurde von den Arabern sofort abgewiesen, die  die Juden als fremde  Eindringliche ansahen. Die jüdische Seite akzeptierte diese Teilung. Aber David Ben Gurion rühmte sich später damit, er hätte  nicht die Absicht gehabt, mit den Grenzen von 1947 zufrieden zu sein. Als der Krieg Ende 1947 begann, lebten im britisch beherrschten Palästina über 1,250 000 Araber und 635000 Juden. Sie lebten in getrennten Nachbarschaften in den Städten (Jerusalem, Tel Aviv. Jafa, Haifa) und in benachbarten Dörfern.

Der Krieg von 1948/49 bestand tatsächlich  aus zwei Kriegen, die ineinander über-gingen. Vom Dezember 47 bis Mai 48 war es ein Krieg zwischen den Arabern und der jüdischen Bevölkerung innerhalb Palästinas, von Mai bis zum Waffenstillstand anfangs 1949 war der 2. Krieg. Es war ein Krieg zwischen der neuen israelischen Armee und den Armeen der arabischen Länder – hauptsächlich der jordanischen, ägyptischen, syrischen und irakischen.

IN DER ersten und entscheidenden Phase war die palästinensische Seite in zahlreichen Dörfern  klar die überlegene Seite. Die arabischen Dörfer beherrschten fast alle Landstraßen; die Juden konnten sich  nur in eilig gepanzerten Bussen und mit bewaffneten Wächtern  bewegen.

Doch die jüdische Seite hatte eine vereinigte Führung unter Ben Gurion und schuf eine vereinigte, disziplinierte,  gut organisierte militärische Truppe, während die Palästinenser nicht in der Lage waren, eine vereinigte Führung und Armee aufzubauen.  Dies zeigte sich als entscheidend.

Auf beiden Seiten gab es keinen wirklichen Unterschied zwischen den Kämpfern und den Zivilisten. Die arabischen Dorfbewohner besaßen Gewehre und Pistolen und eilten zur Szene, wenn eine vorbeifahrende jüdische Fahrzeugkolonne angegriffen werden sollte. Die meisten Juden waren  in der Haganah organisiert, der bewaffneten  Untergrund-Verteidigungskraft. Die beiden „terroristischen“ Organisationen, der Irgun und  die  Stern-Gruppe, vereinigten sich mit der gemeinsamen Kraft, der Haganah.

Auf beiden Seiten wusste man, dass dies ein existentieller Kampf war.

Auf der jüdischen Seite war es die unmittelbare Aufgabe, die arabischen Dörfer an den Landstraßen zu vertreiben. Das war der Beginn der Nakba,

Von Anfang an  warfen Gräueltaten böse Schatten auf beide Seiten. Wir sahen Araber, die in Jerusalem  mit abgetrennten Köpfen unserer Kameraden marschierten. Es  gab auch  Gräueltaten, die von unserer Seite begangen wurden, die ihren Höhepunkt in dem berühmten Deir Yassin –Massaker fanden, einem Jerusalem benachbarten Ort. Es wurde von der  Irgun-Stern-Gruppe angegriffen. Viele seiner männlichen Bewohner  wurden massakriert, mit vielen Frauen marschierte man durch das jüdische Jerusalem. Vorfälle wie diese  schufen von Anfang an die  Atmosphäre des existentiellen Kampfes.

Durchweg war dies ein total ethnischer Kampf zwischen beiden Seiten, von denen jede Seite behauptete, das ganze Land  sei ausschließliche seine Heimat und leugnete die Behauptung der anderen Seite. Lange bevor der Ausdruck „Ethnische Säuberung“  aufkam, geschah dies während des ganzen Krieges. Nur wenige Araber blieben in den von  Juden eroberten Gebieten (im Etzion Block, in  der Altstadt von Jerusalem) Überhaupt keine  Juden blieben in den wenigen von arabischer Seite eroberten Stadtteilen.

Als der Mai näher kam und die Erwartung, dass sich arabische Armeen in den Konflikt  einmischen würden, versuchte die jüdische Seite, eine Zone zu schaffen, aus der alle nichtjüdischen Bewohner entfernt wurden.

Man muss verstehen, dass die arabischen Flüchtlinge nicht „das Land verließen“. Als ihre Dörfer beschossen wurden – gewöhnlich bei Nacht –  nahmen sie ihre Familien mit sich und flohen ins nächste Dorf, das dann unter Feuer kam und so weiter. Am Ende fanden sie zwischen sich und ihrem Heim eine Waffenstillstandslinie.

DER PALÄSTINENSISCHE Exodus war kein gerader Prozess: Er veränderte sich von Monat zu Monat, von Ort zu Ort und von Situation zu Situation.

Zum Beispiel: die Bevölkerung von Lod war gezwungen zu fliehen, da  wahllos  auf sie geschossen wurde. Als Safed erobert wurde – gemäß dem  Kommandeur: Wir trieben sie nicht aus –  öffneten wir nur einen Korridor für sie, damit sie fliehen konnten.

Bevor Nazareth besetzt wurde, signierten die örtlichen Führer ein Dokument der Übergabe, und der Stadtbevölkerung wurde Leben und Besitz garantiert. Der jüdische Kommandeur, ein kanadischer Offizier mit Namen Dunkelman wurde dann  mündlich der Befehl gegeben, sie zu vertreiben. Er weigerte sich und verlangte einen schriftlichen Befehl, der niemals ankam. Darum ist Nazareth noch heute eine arabische Stadt.

Als Jafa erobert wurde, flohen die meisten Einwohner übers Meer nach Gaza. Diejenigen die  nach  der Übergabe blieben, wurden auf Lastwagen geladen und in Richtung Gaza geschickt.

Während der große Teil der Vertreibung aus militärischer Notwendigkeit geschah, gab es  sicher einen unbewussten, halb bewussten oder bewussten Wunsch, die arabische Bevölkerung loszuwerden. Es lag „im Blut“ der zionistischen Bewegung.-  noch bevor Theodor Herzl überhaupt an Palästina dachte. Tatsächlich schlug Theodor Herzl  – als er den Entwurf seines  bahnbrechenden Buches   „Der Judenstaat“ schrieb  – den jüdischen Staat in Patagonien (Argentinien)zu gründen  und forderte auf, alle einheimischen Bewohner zu vertreiben.

Nachdem die arabischen Armeen sich im Mai den Krieg eingemischt hatten, wurden die Ägypter  nur 22km  vor Tel Aviv gestoppt. Mit der UN wurde eine ein-Monat langeFeuerpause  verabredet, und  von der israelischen Seite wurde diese dazu benützt,  sich selbst mit  schweren Waffen (Artillerie, Panzern, Militärflotte, Kampfflieger)  auszurüsten – ja, die von Stalin für sie in der Tschechei geliefert wurde( sie wurden im 2. Weltkrieg für die Wehrmacht  produziert und einige Gewehre hatten noch Hakenkreuze  eingeritzt. In der sehr schweren Schlacht vom Juli begann die israelische Seite zu gewinnen. Von da an wurde  die militärische  Entscheidung getroffen, die arabische Bevölkerung  zu  vertrieben. Die . Einheiten bekamen den Befehl, auf jeden Araber zu schießen, der versuchte, in sein Heimatdorf zurück-zukehren

Der entscheidende Moment kam zum Ende des Krieges, als  entschieden wurde, den Flüchtlingen die Rückkehr nicht zu erlauben. Es gab keine offizielle Entscheidung. Die Idee kam nicht einmal auf, als die jüdischen Flüchtlinge aus Europa, die Überlebenden des Holocaust, das Land überfluteten und die Orte füllten, die von den Arabern. verlassen worden waren.

Die zionistische Führung war sich sicher, dass innerhalb einer oder zweier Generationen die Flüchtlinge vergessen sein werden. Das war ein Irrtum

ES SOLLTE  daran erinnert werden, dass all dies  nur wenige Jahre  nach der Massenvertreibung  der Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und den baltischen Staaten geschah, was als normal akzeptiert wurde.

Wie eine griechische Tragödie wurde die Nakba  durch den Charakter  all seiner  Teilnehmer, Täter und Opfer aufbereitet. Jede Lösung des „Problems“ müsste mit einer bedingungslosen Entschuldigung von Israel  für seinen Teil der Schaffung der Nakba beginnen.

Die praktische Lösung muss wenigstens eine symbolische Rückkehr einer  Ansiedlung  der Mehrheit von Flüchtlingen auf israelischem Gebiet sein, eine Mehrheit von Flüchtlingen in den Staat Palästina, wenn er entsteht,  und eine großzügige  Kompensation an jene, die sich entscheiden , dort zu bleiben, wo sie sind  oder woandershin auszuwandern.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Ein Albtraum bei Tag und bei Nacht

Erstellt von Gast-Autor am 14. Juni 2015

Ein Albtraum bei Tag und bei Nacht

Autor Uri Avnery BENJAMIN NETANJAHU  scheint jetzt  von jedermann verachtet zu sein. Fast so sehr wie seine Ehefrau Sarah’le die sich  einmischt

Vor sechs Wochen war Netanjahu  der große Sieger. Im Gegensatz zu allen Volksbefragungen erlangte er im letzten Augenblick,  einen überraschenden Sieg 30  von 120 Knesset-Sitzen, und ließ die Laborpartei („Das Zionistische Lager“ genannt) weit hinter sich zurück.

Diese übrigen Sitze kamen nicht von der Linken. Sie kamen von den nächsten Konkurrenten, den Parteien der Rechten.

Trotzdem war es ein großer persönlicher Triumpf. Netanjahu ließ keinen Zweifel daran, dass netanjahu jetzt der Meister der Welt sei. Sarah‘le strahlte. Netanjahu ließ keinen Zweifel daran, dass er nun der Herrscher sei und dass er die Dinge nach seinen Wünschen  regeln würde

In dieser Woche hatte er seine wohl verdiente Strafe. Am allerletzten Tag der ihm zur Verfügung stehenden Zeit, die ihm das Gesetz für eine neue Regierung ließ, war er nahe dran zu verzweifeln.

EIN ALTES hebräische Sprichwort drückt es kurz und bündig so aus: „Wer ist ein Held? Der aus einem Feind einen Freund macht.“

In diesem Sinn ist Netanjahu ein Gegenheld. Er hat ein spezielles Talent, aus Freunden Feinde zu machen. Sarah’le ist darin für ihn eine große Hilfe. Winston Churchill gab einmal einen Rat, dass man in dem Augenblick des Sieges großmütig sein solle. Großmut ist aber keine von Netanjahus herausragenden Tugenden. Er machte klar, dass er, und allein er, jetzt der Herr sei.

Direkt nach der Wahl bestimmte Netanjahu, dass die nächste Regierung eine enge Koalition der Orthodoxen mit den rechtesten Parteien sei, die in der Lage seien, endlich all die Dinge zu tun, die er wirklich zu tun wünsche: diesem Zwei-Staaten-Unsinn ein Ende zu setzen, den Obersten Gerichtshof kastrieren, die Medien mundtot zu machen und vieles mehr.

Alles ging nun hervorragend. Netanjahu  war vom Staatspräsidenten instruiert worden, die nächste Regierung zu bilden, die Koalitionsgespräche gingen reibungslos voran und die Konturen der Koalition wurden klar: Likud, die Ashkenazi-Orthodoxe Torah-Partei, die orientalisch orthodoxe Shas-Partei, Moshe Kahlons neue wirtschaftliche Reformpartei, Naftali Bennetts nationalistisch-religiöse Partei und Avigdor Liebermans Ultrarechte Partei. Alle zusammen eine komfortable 67-zu 120 Sitze-Knesset.

Parteichefs müssen einander nicht lieben, um eine Koalition bilden. Sie müssen sich nicht  einmal mögen. Aber es ist wirklich nicht sehr gemütlich, in einer Regierung  zusammenzusitzen, wenn man einander hasst und sich gegenseitig verachtet.

DER ERSTE, der eine Bombe warf, war Avigdor Lieberman. Lieberman wird nicht für einen  „echten“ Israeli gehalten. Er sieht anders aus, spricht mit einem sehr dicken ausländischen Akzent, seine Gesinnung scheint auf andere Weise zu wirken. Obwohl er seit Jahrzehnten in Israel lebt, wird er noch immer für „einen Russen“ gehalten. Tatsächlich kam er aus Sowjet-Moldavien.

Es gibt eine Redensart, die Stalin zugesprochen wird: Rache serviert man am  besten kalt. An diesem Dienstag, 48 Stunden vor Ende der vom Gesetz festgelegten  Regierungsbildung, warf Lieberman seine Bombe.

Bei der Wahl verlor Lieberman mehr als die Hälfte seiner Sitze an den Likud. Seine Partei schrumpfte auf sechs Sitze zusammen. Trotzdem sicherte ihm Netanjahu zu, dass er seinen Posten als Außenminister behalten könne. Es war eine billige Konzession, da Netanjahu alle bedeutenden entscheidenden auswärtigen Angelegenheiten selbst trifft.

Auf einmal  – ohne Provokation – berief Lieberman  letzten Montag eine Pressekonferenz ein und macht eine plötzliche Ankündigung: Er würde sich der neuen Regierung nicht anschließen.

Warum? Liebermans persönliche Forderungen waren befriedigt worden. Die Vorwände waren offensichtlich künstlich. Z.B. wünscht er, dass „Terroristen “ exekutiert werden müssen, eine Forderung, die entschieden von  allen Sicherheitsdiensten klar widersprochen wird, die (ganz richtig) denken, dass das Verursachen von Märtyrern eine sehr schlechte Idee sei. Lieberman möchte auch junge Orthodoxe, die sich weigern, in der Armee  zu dienen, ins Gefängnis stecken – eine lächerliche Forderung  von einer Regierung erhoben   , in der die orthodoxen Parteien eine zentrale Rolle spielen, und so weiter.

Es war ein klarer und eklatanter Akt von Rache. Offensichtlich hatte Lieberman diese  von Anfang an getroffen, eine Entscheidung, die aber bis zum letzten Augenblick geheim gehalten wurde, bis es für Netanjahu keine Zeit mehr gab, die Zusammenstellung der Regierung zu ändern, z.B. durch das Einladen der Labor-Partei.

Es war tatsächlich wie eine kalt servierte Rache.

OHNE DIE sechs Mitglieder von Liebermans Partei, hat Netanjahu noch immer eine Mehrheit von 61, gerade genug, um die Regierung in der Knesset voranzustehen und  wenigstens ein Vertrauensvotum zu erhalten. Gerade so.

Eine 61 Stimmenregierung ist aber ein anhaltender Alptraum. Ich würde ihn nicht meinem eigenen schlimmsten Feinde wünschen.

In solch einer Situation kann keine Koalitionsmitglied ins Ausland reisen – aus Angst dass die Opposition plötzlich eine Vertrauensbildung fordert. Für  Israelis ist das schlimmer als der Tod. Der einzige Weg nach Paris für ein Koalitionsmitglied ist es, wenn dasjenige mit einem Mitglied der Opposition ein Abkommen trifft, das    sagen wir mal, nach Las Vegas fliegt. Eine Hand wäscht die andere, sagt das Sprichwort.

Aber es ist ein viel schlimmerer Tag-und Nachtalptraum für einen König wie Netanjahu: „in einer 61-Mitgliederkoalition ist „ jeder Bastard ein König“ sagt ein hebräisches Sprichwort. Jedes einzelne Mitglied kann jeden Gesetzentwurf, den die Regierung vorgelegt hat, vernichten und erlauben, viele Oppositionsvorschläge zu gewinnen, wenn es sich selbst von einer wichtigen Abstimmung fern hält.

Jeder Tag wäre  ein Kampftag mit vielen Erpressungen. Netanjahu wäre gezwungen  jeder Marotte jedes Mitgliedes nachzugeben. Selbst in der griechischen Mythologie war eine solche Folter  nie erfunden worden.

DAS  ERSTE Beispiel wurde schon gleich am ersten Tag nachdem  Lieberman seine  Bombe geworfen hatte, gegeben.

Bennett, der das Koalitions-Abkommen  noch nicht unterzeichnet hatte, fand sich selbst in einer Position, in der es keine Netanjahu Regierung ohne ihn gab. Er durchwühlte sein Gehirn, um  seine Situation herauszufinden, ob  nicht noch etwas gäbe, das ihm noch nicht versprochen wurde (und um in dem Prozess  Netanjahu zu demütigen) Er kam mit der Forderung, dass Ayelet Schaked Justizministerin werden solle.

Schaked ist die Schönheitskönigin der neuen Knesset. Trotz ihrer 38 Jahre hatte sie eine mädchenhafte Frische. Sie hat auch einen hübschen Namen: Ayelet bedeutet Gazelle, Schaked bedeutet Mandel.

Ihre Mutter war eine Lehrerein der Linken, aber ihr im Irak geborener Vater war ein rechtes Likud-Mitglied vom Zentral-Komitee. Sie folgt seinen Fußstapfen.

Die mandeläugige Gazelle übertrifft die politischen Aktivitäten, die sich auf Hass gründen, intensiven Hass auf Araber, Linke, Homosexuelle und ausländische Flüchtlinge. Sie ist die Urheberin eines ständigen Stroms extrem rechter Gesetzesentwürfen. Unter ihnen die scheußlichen Gesetzesvorlagen, die besagen, dass der „jüdische Charakter“ Israels vor der Demokratie komme und alle grundlegenden Gesetze ihr untergeordnet sind. Ihre Hetze gegen die hilflosen Flüchtlinge aus dem Sudan und Eriträa, von  wo es ihnen irgendwie gelang, Israel zu erreichen,  ist ein Teil ihrer unermüdlichen Bemühungen. Obgleich sie die Nummer zwei einer religiösen Partei ist, ist sie ganz und gar nicht religiös.

Die Beziehung zwischen ihr und Bennett begann, als beide Angestellte in Netanjahus politischem Amt waren, als er Führer der Opposition war. Irgendwie zogen sich beide den Zorn  von Sarah‘le zu, die nicht vergessen oder nicht vergeben kann. Übrigens  geschah dasselbe Lieberman und ebenso einem früheren Direktor, der ebenso in Netanjahus Amt war

So heute ist Zahltag. Netanjahu quälte Bennett während der Verhandlungen und ließ ihn tagelang schwitzen. Bennett benützte die Gelegenheit, nachdem Lieberman Abschied genommen hatte und eine neue Bedingung stellte, um sich der Koalition anzuschließen: Schaked muss Justizministerin werden.

Netanjahu, nun jeder praktischen Alternative  beraubt, gab der offenen Erpressung nach. Entweder dies anzunehmen oder -das war es dann schon – es war keine Regierung.

Nun hatte die „Gazelle“ die Herrschaft  den Obersten Gerichtshof, den sie verachtet. Sie wird den nächsten Staatsanwalt wählen(der hier in Israel als Juristischer Berater bezeichnet wird) und das Komitee füllen, das die Richter ernennt.  Sie wird auch die Verantwortung für das Komitee der Minister haben, das über die Gesetzesvorlagen entscheidet, die von der Regierung der Knesset vorgelegt werden  – und welche nicht.

Keine viel versprechende Situation für die „einzige Demokratie im Nahen Osten“.

NETANJAHU ist zu erfahren, um nicht zu wissen, dass er á la longue mit solch einer wackeligen Koalition nicht lange regieren kann. Er benötigt  in nächster Zukunft wenigstens noch einen weiteren Partner. Aber wo ihn finden?

Die arabische Partei ist offensichtlich draußen. Auch Merez. So auch Yair Lapids Partei und zwar aus dem einzigen Grund, weil  Orthodoxe  nicht neben ihm in der Regierung sitzen wollen. Also bleibt nur die Labor-Partei (oder das „Zionistische Lager“), übrig.

Offen gesagt, bin ich davon überzeugt, dass Yitzhak Herzog diese gute Gelegenheit ergreifen  wird. Er muss inzwischen wissen, dass er nicht der Volkstribun ist, der seine Partei zur Macht führen wird  Er hat nicht die Statur eines Apollo noch die Stimme eines Netanjahu. Er hat niemals eine originelle Idee vorgetragen, die zu einem erfolgreichen Protest führte.

Außerdem hat sich die Labor-Partei nie durch  Opposition ausgezeichnet. Es war die Partei, die die Partei 45 durch  gehende Jahren an der Macht geführt hat – vor und nach der Staatsgründung. Als Oppositionspartei ist sie pathetisch und so ist auch „Buji“  Herzog.

Sich Netanjahus Regierung in einigen Monaten anzuschließen, wäre  für Herzog ideal  Da gibt es ja nie einen Mangel an Vorwänden – wir haben wenigstens einmal im Monat eine nationale Notlage, die erwartete Nationale Einheit fordert. Ein kleiner Krieg, Probleme mit der UNA u.ä. (Obwohl John Kerry in dieser Woche dem israelischen Fernsehen ein Interview gab, das ein Meisterstück von Erbärmlichkeit, Bauchkraulen und Selbsterniedrigung war ).

Herzog zu bekommen, würde nicht leicht sein. Labor ist kein  monolithischer Block. Viele seiner Funktionäre bewundern Herzog nicht, betrachten Bennett als Faschisten und Netanjahu  als einen gewohnheitsmäßigen Lügner und BEtrüger. Aber die  Allüren einer Regierung sind stark; ein Ministersessel     ist so bequem.

Meine Wette: Netanjahu, der große Überlebende, wird überleben.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Ein Junge namens Bibi

Erstellt von Gast-Autor am 7. Juni 2015

Ein Junge namens Bibi

Autor Uri Avnery

ES GIBT zwei verschiedene Meinungen über Binjamin Netanyahu. Es ist schwer, zu glauben, dass sie die selbe Person betreffen.

Eine ist, dass Netanyahu ein oberflächlicher Politiker, ohne Ideen und ohne Überzeugungen ist, der einzig und allein von seiner Obzession geleitet wird, an der Macht zu bleiben. Dieser Netanyahu hat eine gute Stimme und ein Talent, geschwollene Reden im Fernsehen zu halten, Reden, die jeglichen intellektuellen Inhalts entbehren – und das ist alles.

Dieser Netanyahu ist äußerst erpressbar (ein hebräisches Wort, das fast nur für ihn erfunden wurde), ein Mann, der seine Ansichten ändert, je nach politischem Kalkül abends leugnet, was er morgens gesagt hat. Keinem seiner Worte sollte man vertrauen. Er wird jederzeit lügen und betrügen, um sein Überleben zu sichern.

Der andere Netanyahu ist fast das genaue Gegenteil. Ein prinzipiengetreuer Patriot, ein seriöser Denker, ein Staatsmann, der die Gefahr hinter dem Horizont sieht. Dieser Netanyahu ist ein begabter Redner, der den US-Kongress und das UN-Plenum bewegt, was von der größten Masse der Israelis bewundert wird.

So, welche der Beschreibungen ist nun wahr?

Keine von beiden.

WENN ES wahr ist, dass der Charakter einer Person von seiner frühen Kindheit geprägt wird, müssen wir Netanyahus Herkunft untersuchen, um ihn zu verstehen.

Er wuchs im Schatten eines strengen Vaters auf. Benzion Millikowsky, der seinen ausländischen Namen in den hebräischen Netanyahu geändert hat, war eine sehr dominante und sehr unglückliche Person. In Warschau geboren, damals eine Provinzstadt im russischen Reich, wanderte er als junger Mann nach Palästina aus, studierte Geschichte in der neuen hebräischen Universität in Jerusalem und erwartete, ein Professor dort zu werden. Er wurde nicht angenommen.

Benzion war der Sohn eines früheren Anhängers von Vladimir (Ze’ev) Jabotinsky, dem extrem rechten zionistischen Führer. Er erbte von seinem Vater eine sehr extremistische Einstellung und gab diese an seine drei Söhne weiter. Binyamin war der zweite. Sein älterer Bruder, selbst noch ein Kind, nannte ihn Bibi und die kindische Bezeichnung blieb haften.

Benzions Ablehnung durch die junge Prestige-Universität machte aus ihm einen verbitterten Menschen, eine Verbitterung, die bis zu seinem Tod im Jahr 2012, im Alter von 102, anhielt. Er war sicher, dass seine Ablehnung nichts mit seiner akademischen Qualifikation zu tun hatte und alles mit seiner ultra-nationalistischen Einstellung.

Sein extremer Zionismus hielt ihn nicht davon ab, Palästina zu verlassen und sein akademisches Glück in den Vereinigten Staaten zu suchen, wo eine zweitklassige Universität ihm eine Professur gab. Sein Lebenswerk als Historiker betraf das Schicksal der Juden im mittelalterlichen christlichen Spanien – die Vertreibung und die Inquisition. Das erzeugte in ihm ein sehr düsteres Weltbild: die Überzeugung, dass die Juden immer verfolgt werden, dass alle Goyim (Nicht-Juden) die Juden hassen, dass eine Gerade die Autodafé der spanischen Inquisition mit dem Nazi-Holocaust verbindet.

Während der Jahre pendelte die Netanyahu-Familie zwischen der USA und Israel hin und her. Binyamin wuchs in Amerika auf, lernte perfektes amerikanisches Englisch, was für seine zukünftige Karriere wesentlich war, studierte und wurde Kaufmann. Sein offensichtliches Talent für diesen Beruf zog einen Likud-Außenminister an, der ihn als israelischen Sprecher in die UN sandte.

BENZION NETANYAHU war nicht nur eine verbitterte Person, die das zionistische und israelische akademische Establishment beschuldigte, versagt zu haben, indem sie sein akademisches Format nicht anerkannt haben. Er war auch ein sehr autokratischer Familienmensch.

Die drei Netanyahu-Jungen lebten in ständiger Furcht vor dem Vater. Sie durften keinen Lärm machen zu Hause, während der Große Mann in seinem verschlossenen Arbeitszimmer arbeitete. Sie durften keine anderen Jungen mit nach Hause bringen. Ihre Mutter war ihrem Mann völlig treu ergeben und bediente ihn in jeder Weise, indem sie ihre eigene Persönlichkeit opferte.

In jeder Familie ist das zweite von drei Kindern in einer schwierigen Position. Es wird nicht bewundert, so wie das älteste, noch verhätschelt, wie das jüngste. Für Binyamin war das besonders hart, wegen der Stellung seines älteren Bruders.

Yonatan Netanyahu (beide Namen bedeuten: “Gott hat gegeben”) scheint ein besonders begnadeter Junge gewesen zu sein. Er sah gut aus, war begabt und sehr beliebt, wurde sogar bewundert. In der Armee wurde er Kommandeur der hoch angesehenen Sayeret Matkal (Generalstabs-Kommandoeinheit) – der Elite der Armee-Elite.

Als solcher war er der Kommandeur vor Ort bei dem gewagten Entebbe-Kommando-Einsatz im Jahre 1976 in Uganda, der die gefangenen Passagiere eines Flugzeugs, das von Palästinensern und deutschen Guerillas auf dem Weg nach Israel entführt worden war, befreit hat. Yonatan wurde dabei getötet und zum Nationalhelden. Er wurde von seinem Vater verehrt, der nie wirklich die Qualitäten seines zweiten Sohnes akzeptiert hat.

Zwischen seinem Vater, dem verbitterten Denker, und seinem älteren Bruder, dem legendären Held, wuchs Binyamin als ruhiger, aber sehr ehrgeiziger Junge, teils Israeli, teils Amerikaner, auf. Er arbeitete einige Zeit als Möbelverkäufer, bis er von dem extrem rechten Likud-Außenminister, Moshe Arens, entdeckt wurde.

Zwischen seinem obzessiven Bedürfnis, von seinem Vater anerkannt und als seinem glorreichen Bruder gleichwertig angesehen zu werden, wurde Netanyahus eigener Charakter geschmiedet. Sein Vater schätzte ihn nie. Einmal sagte er, er gäbe einen guten Außenminister, aber keinen Premierminister, ab.

Als Sohn seines Vaters hetzte Netanyahu nach dem Oslo-Abkommen die Menschen gegen Yitzhak Rabin auf und wurde auf dem Balkon des Sprechers bei der Demonstration fotografiert, wo ein symbolischer Sarg von Rabin herumgetragen wurde. Als bald darauf Rabin ermordet wurde, bestritt er jegliche Verantwortung.

Rabins Nachfolger, Shimon Peres, versagte kläglich, und Netanyahu wurde Premierminister. Das war eine totale Katastrophe. Am Abend nach den nächsten Wahlen, als deutlich wurde, dass er verloren hatte, strömten Menschenmassen in einer spontanen Demonstration der Freude, wie die bei der Befreiung von Paris, zu Tel Avivs zentralen Platz (jetzt nach Rabin benannt).

Sein Nachfolger aus der Arbeiterpartei, Ehud Barak, hatte kaum mehr Glück. Als ehemaliger Stabschef, von vielen bewundert, vor allem von sich selbst, zwang er Präsident Bill Clinton, eine israelisch-palästinensische Friedenskonferenz in Camp David einzuberufen. Barak, der palästinensische Standpunkte völlig ignorierte, kam, um seine Konditionen zu diktieren und war schockiert, als sie diese zurückwiesen. Nach Hause zurückgekehrt, erklärte er, die Palästinenser wollten uns ins Meer werfen. Als die Öffentlichkeit das hörte, servierte sie ihn ab und wählte den taffen, extrem-rechten General, Ariel Sharon, den Gründer des Likud.

Netanyahu wurde Finanzminister. Als solcher war er ziemlich erfolgreich. Indem er die neo-liberalen, ultra-kapitalistischen Lehren, die er in den USA absorbiert hatte, praktizierte, machte er den Armen ärmer und den Reichen reicher. Die Armen schienen es zu mögen.

Sharon war der Vater der Siedlungen in der Westbank. Um diese zu stärken, beschloss er, den Gaza-Streifen mit den wenigen Siedlungen aufzugeben, die ein unverhältnismäßiger Klotz am Bein für die Armee waren. Aber sein unilateraler Rückzug aus dem Gaza-Streifen schockierte das rechte Lager. Der ältere Netanyahu nannte diesen Schritt ein „Verbrechen gegen die Menschheit“.

Unduldsam Widerspruch gegenüber, spaltete Sharon den Likud und gründete seine eigene Kadima(“Vorwärts”)-Partei. Erneut wurde Netanyahu der Vorsitzende des Likud.

Wie üblich, hatte er Glück. Sharon erlitt einen Schlaganfall und fiel ins Koma, wovon er sich niemals erholte. Sein Nachfolger, Ehud Olmert, wurde der Korruption angeklagt und musste zurücktreten. Die nächste in der Reihe, Tzipi Livni, war inkompetent und unfähig, eine Regierung zu bilden, obwohl alle Inkredienzen vorhanden waren.

Netanyahu, der Mann, dem die jubelnden Massen nur ein paar Jahre zuvor den Laufpass gegeben hatten, kehrte zurück als Imperator. Wieder jubelten die Massen. Shakespeare hätte es geliebt.

SEITDEM wurde Netanyahu immer wieder gewählt. Die letzte Zeit war ein klarer persönlicher Sieg. Er besiegte all seine Konkurrenten der Rechten.

Also, wer ist dieser Netanyahu? Im Gegensatz zur populären Meinung ist er ein Mensch mit sehr starken Glaubensvorstellungen – den Glaubensvorstellungen seines extrem-rechten Vaters. Die ganze Welt trachtet danach, uns zu töten, jederzeit. Wir brauchen einen mächtigen Staat, um uns selbst zu verteidigen. Das gesamte Land zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan wurde uns von Gott gegeben (ob Er existiert oder nicht). Alle seine anderen Aussagen sind Lügen, Ausreden, Taktiken.

Als Netanyahu in einer berühmten Rede an der Bar-Ilan-Universität bei Tel Aviv, den Grundsatz der “Zwei-Staaten-Lösung” akzeptierte, konnten, diejenigen, die ihn kannten, nur schmunzeln. Es war so, als hätte er das Essen von Schweinefleisch an Jom Kippur empfohlen.

Er ließ diese Aussage vor den Augen der naiven Amerikaner baumeln und seine Justizministerin, Tzipi Livni, endlose Verhandlungen mit den Palästinensern führen, die er verachtet. Wenn immer es so aussah, als ob die Verhandlungen sich einem Ziel näherten, legte er schnell eine andere Kondition fest, wie zum Beispiel die lächerliche Forderung, dass die Palästinenser Israel als Nationalstaat des jüdischen Volkes anerkennen. Er dächte selbstverständlich nicht im Traum daran, die palästinensischen Gebiete als Nationalstaat des palästinensischen Volkes – ein Volk, dessen Existenz er gänzlich leugnet – anzuerkennen.

Gerade erst kürzlich, am Abend der letzten Wahl, verkündete Netanyahu, dass es keinen palästinensischen Staat geben werde, solange er an der Macht sei. Als die Amerikaner protestierten, verleugnete er sich selbst. Warum nicht? Wie sein Likud-Vorgänger, Yitzhak Shamir, bekanntermaßen sagte: „Für das Vaterland zu lügen, ist erlaubt.“

Netanyahu wird lügen, betrügen, sich selbst verleugnen, unter falscher Flagge agieren – all das, um das eine, sein einzig wahres Ziel zu erreichen, den Fels unserer Existenz (wie er es zu sagen beliebt), das Erbe seines Vaters – einen jüdischen Staat vom Meer bis zum Fluss.

DER ÄRGER ist, dass die Araber in diesem Gebiet bereits eine kleine Mehrheit ausmachen, aber eine, die ständig wächst.

Ein jüdischer und demokratischer Staat im ganzen Land ist unmöglich. Der populäre Witz sagt, dies sei sogar zu viel für Gott. Also ordnet er an, dass wir zwei von drei Attributen wählen müssen: einen jüdischen und demokratischen Staat in einem Teil des Landes, einen jüdischen Staat im ganzen Land, der nicht demokratisch ist, oder einen demokratischen Staat im ganzen Land, der nicht jüdisch ist.

Netanyahus Lösung für dieses Problem ist, es zu ignorieren, einfach weiterzumachen, Siedlungen auszudehnen und sich auf das unmittelbare Problem zu konzentrieren: seine vierte Regierung zu errichten und seine fünfte zu planen, in vier Jahren von heute an.

Und natürlich auch, seinem Vater, der aus dem Himmel auf ihn herabsieht, zu zeigen, dass der kleine Bibi, sein zweiter Sohn, letztlich doch seiner wert ist.

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Katzen im Sack

Erstellt von Gast-Autor am 31. Mai 2015

Katzen im Sack

Autor Uri Avnery

ES  IST ein ziemlich ekelhaftes Spektakel.

Die israelische Rechte hat einen riesigen Wahlsieg gewonnen (Bei näherer Prüfung war der Sieg nicht ganz so riesig. Tatsächlich war es überhaupt kein Sieg. Der riesige Sieg des Likud wurde nur auf Kosten anderer rechter Parteien errungen.)

Der Rechte-Block zusammen ist überhaupt nicht vorangekommen. Um eine Mehrheitskoalition zu bilden, ist die Partei von Moshe Kahlon nötig; die Mehrheit seiner Wähler sind mehr links als rechts. Kahlon hätte leicht überzeugt werden können, sich einer linken Koalition anzuschließen, wenn der Führer der Labor-Partei, JItzhak Herzog eine resolutere Persönlichkeit gewesen wäre.

Sei es, wie es sei, Benjamin Netanjahu ist jetzt eifrig dabei, seine Regierung zu bilden.

Hier ist es, wo der Ekel beginnt.

EIN KAMPF geht weiter. Ein Kampf aller gegen alle. Ein Kampf ohne Regeln oder Grenzen.

Jeder will Minister werden. Jeder in Likud und den anderen voraussichtlichen Koalitions-Parteien. Politiker in Hülle und Fülle.

Und nicht nur ein Minister. Die Ministerien sind nicht gleich. Einige sind angesehener andere weniger angesehene. Man kann das besonders wichtige Finanzministerium (das Kahlon schon für sich gesichert hat) nicht mit dem Umweltministerium vergleichen, das von allen und jedem verachtet wird. Noch das Bildungsministerium mit seinen Tausenden von Beschäftigten (Lehrern u.ä.) oder das Ministerium für Gesundheit (mit seinen vielen Ärzten, Krankenpflegern und anderen), mit dem Sportministerium (das kaum Angestellte hat).

Es gibt mehrere Klassen von Ministerien. An der Spitze stehen die drei Großen – das Verteidigungs-, das Finanz- und das Ministerium für Auswärtiges. Das Verteidigungsministerium wird gewöhnlich bewundert („unsere tapferen Soldaten“) und erhält einen riesigen Anteil des Staatsbudgets. Jedermann und seine Frau (wie wir im hebräischen Slang sagen)wünscht, Verteidigungsminister zu werden.

Die Beamten des Verteidigungsministeriums verachten die des Außenamtes – und so tut es das ganze Land. Die Cocktail-Schlürfenden sind keine wirklichen Männer (noch wirkliche Frauen). Doch der Posten des Außenministers ist heiß umworben. Er (oder sie) reist die ganze Zeit herum und vertritt den Staat, wird mit den Größen der Welt fotografiert. Und last not least:  ein Außenminister kann keine Fehler machen. Wenn Beziehungen mit dem Ausland falsch laufen, klagt keiner den Außenminister an. Wenn überhaupt, dann ist es der Ministerpräsident, der angeklagt wird.

AM MORGEN einer Wahl, wenn der Schlachtenstaub sich geklärt hat, werfen Dutzende von Politikern ihre Augen auf die paar Ministerien.

Jeder der führenden Kandidaten der voraussichtlichen Koalitionsparteien beginnt, sehnsuchtsvolle Blicke auf die noch leeren Ministersessel zu werfen. Auf einen der großen Drei? Wenn nicht auf einen der wünschenswerten mittleren Ministerien? Wenn nicht wenigstens auf einen der kleinen? Oder wenigstens vertretender Minister.  Das Wasser läuft ihm im Munde.

Das Problem ist: das israelische Gesetz bestimmt, dass die Regierung nur aus 18 Ministerien bestehen darf. Keine „Minister ohne Portefeuille“. Die Zahl der vertretenden Minister ist auch streng begrenzt.

Wer würde solch ein stupides Gesetz verabschieden? Ich denke, es war Yair Lapid, der in einem Moment der Anmaßung veranlasste, das Gesetz zu verabschieden. Es ist natürlich weitgehend populär. Es spart Geld. Jeder Minister, selbst ohne Portefeuille, ist berechtigt, eine geringe Anzahl von Mitarbeitern, ein Büro, einen Dienstwagen mit Chauffeur zu haben. Verglichen mit dem Preis eines einzelnen Kampfflugzeuges, ist das nichts. Aber für die Allgemeinheit ist es ein Symbol der Verschwendung. Also  haben wir dieses Gesetz.

Wie bringt man 40 ehrgeizige Politiker in 18 Ministerien unter?  Es geht nicht. Entweder man verändert das Gesetz – wie jetzt viele verlangen – oder man weist sehr viele verärgerte Politiker ab – auf eigenes Risiko.

Man kann einige von ihnen mit kleineren Posten beruhigen, als Vorsitzende/r eines Knesset-Komitees oder als Botschafter. Es ist allerdings nicht dasselbe.

ALL DIES ist menschlich, all zu menschlich. Politiker sind Menschen. Wenigstens die meisten.

Warum bin ich also so angewidert?

Vielleicht sollte ich dies erklären.

In mittelalterlichen Zeiten, als eine Armee,  hauptsächlich aus Söldnern bestehend, eine Stadt eroberte, plünderte sie diese. Die Bürger wurden getötet, Frauen vergewaltigt, aber vor allem wurde Besitz gestohlen. In einer modernen, demokratischen Gesellschaft sollten Politiker nicht dasselbe dem Land antun, das sie gewählt hat.

Ein Regierungsministerium ist keine Beute. Stimmt, in den US gab es eine Redensart: „Dem Sieger, die Beute“, und von der Siegerpartei wurde erwartet, dass sie alle Regierungsjobs im Land an ihre Strohmänner verteilt. Aber das war vor langer Zeit – im letzten Jahrhundert.

Ein Minister wird beauftragt, einen bestimmten Teil der Regierungsfunktionen zu übernehmen. Er  oder sie macht bedeutende Entscheidungen, die das Leben der Bürger beeinflusst. Die Öffentlichkeit hat das Recht, zu erwarten, dass alle Regierungsstellen und -Dienste auf die bestmögliche Weise von den qualifiziertesten Leuten durchgeführt werden.

Warum sollte also ein Ministerium – sagen wir das Umweltministerium – von einem politischen Dummkopf geführt werden, der keine Idee von dem hat, was  ihm oder ihr anvertraut wird?  Oder noch schlimmer, von einem politischen Schmock, dem alles schnuppe ist, der nur die Zeit ohne eklatantes Missgeschick verbringen will, bis ein besseres Ministerium in seine/ihre Hände fällt.

Aber die Umwelt ist eine sehr wichtige Sache. In ihr geht es um das Leben der Menschen. Gerade jetzt ist ganz Israel empört über den Verdacht, dass die großen chemischen Fabriken in der wunderschönen Bucht von Haifa für die vielen Krebsfälle unter den dort heimischen Kindern verantwortlich sind. Und der Minister? Ich weiß nicht einmal, wer dies ist.

ICH ERINNERE mich an ein krasses Beispiel.

Als 1990, Ehud Barak, der Führer der Labor-Partei, einen überwältigenden Wahlsieg über Benjamin Netanjahu errungen hatte, und er seine Ministerliste veröffentlichte, war es ein Schock.

Was wie ein sadistischer Streich aussah: Barack ernannte all die falschen Leute für die falschen Jobs. Der freundliche Professor für Geschichte Shlomo Ben Ami wurde Minister der Polizei, wo er elendiglich scheiterte. Yossi Beilin, der sich als bedeutender Staatsmann betrachtete, wurde ins Justizministerium geschickt, usw.

Nun mag etwas Ähnliches geschehen. Likuds Moshe Yaalon, gewöhnlich als „Bock“ angesehen wird im Amt bleiben. Keine regierende Partei wird jemals das Verteidigungsministerium aufgeben.

Die Wahl von Kahlon als Finanzminister könnte vernünftig sein – aber dies wird Netanjahu aufgenötigt, da er ohne Kahlon keine Regierung hat.

Avigdor Lieberman scheint ein „Kushan“ auf das Außenministerium zu haben, (ein Kusham war ein Zertifikat für Besitz in den guten alten Tagen des Ottomanischen Reiches) Nachdem er von seinen Wählern bei der Wahl vernichtend geschlagen wurde (seine Partei verlor die meisten ihrer Sitze) bestand Netanjahu darauf, dass er in seinem Job bleibt, in dem er eine Katastrophe war. Viele Außenminister in aller Welt weigern sich, ihn zu treffen, indem sie ihn als Beinah-Faschisten ansehen. Er war stolz auf seine Freundschaft mit Vladimir Putin, aber jetzt, wo Russland versprach, seine unübertroffenen Boden-Luft- Raketen an den Iran zu liefern, setzte dies Netanjahus Träumen, Irans nukleare Orte zu bombardieren, ein Ende.

Dies lässt für Naftali Bennet, den extrem-rechten „natürlichen Verbündeten“ von Netanjahu, nichts übrig, und in diesem Moment sind die Koalitions-Erbauer eifrig dabei, das Wirtschaftsministerium zu erweitern, um ihn damit zu trösten. Mehrere Funktionen müssen zusammengescharrt werden,  egal, ob dies nützlich ist oder nicht.

Ist das gut? Eine effiziente Regierung? Nun …

DIE WURZEL der Malaise ist die Verbindung von zwei sehr verschiedenen Talenten in unserm demokratischen  System – und nicht nur in unserem.

In diesem System werden Politiker Minister. Das scheint ganz natürlich. Tatsächlich ist es das nicht.

Politiker sind angeblich hoch motiviert, hoch intelligent, hoch begabte Verwalter. Tatsächlich sind sie es nicht.

Im Gegensatz zur landläufigen Weisheit ist Politik ein Beruf. Man sagt, es sei ein Beruf für jene, die keine Talente haben. Aber das stimmt nicht ganz. Politiker benötigen bestimmte Begabungen, aber diese haben nichts mit denen zu tun, die von einem Abteilungsleiter verlangt werden.

Ein Politiker muss in der Lage sein, jahrelang sich endlos leere Reden von Partei-Schreiberlingen anzuhören, an endlos langen Zusammenkünften teilzunehmen, Mitglied endloser Komitees zu sein. Er muss bereit sein, Leuten zu schmeicheln, die er verachtet, an Hochzeiten und Beerdigungen teilzunehmen und bei all diesen Ereignissen totlangweilige Reden zu halten.

Danach, wenn er die Spitze erreicht hat, wird er auf einmal aufgefordert, das Gesundheitsministerium zu leiten – ohne irgendwelche Qualifikation auf diesem Gebiet. Hier ist es, wo der sprichwörtliche Hund begraben liegt.

In Großbritannien hat man eine Lösung gefunden: Das Ministerium wird tatsächlich von  Berufsbeamten geführt. Der Minister, der oft ein Objekt  stiller Belustigung ist, hat nur mit dem Beschaffen der Geldmittel zu tun. Man sehe sich nur die lustige TV-Serie „Ja, Minister!“ an.

Ein ganz anderes System herrscht in den US. Die Menschen wählen einen Präsidenten, und er allein ernennt die Minister, die häufig überhaupt keine Politiker sind. So kann er Experten mit erwiesenen Fähigkeiten ernennen.

In Israel kombinieren wir das schlechteste aller Systeme. Alle Minister sind Partei-Politiker. Sie bringen ihre Strohmänner mit, die die Hauptpositionen in den Ministerien  besetzen.

Eine Folge dieses Systems ist, dass verschiedene Ministerien verschiedenen Parteien angehören. Das macht ein gemeinsames Planen fast unmöglich – abgesehen von der Tatsache, dass Israelis im Allgemeinen nicht in der Lage sind, etwas zu planen. Tatsächlich sind wir sehr stolz auf unsere Fähigkeit zu „improvisieren“.

Als er noch  Minister für Landwirtschaft war, erzählte mir Ariel Sharon einmal: „ Wenn ich wünsche, etwas zu tun, für das ich nur mein eigenes Ministerium benötige, kann ich es tun.  Wenn ich etwas tun will, das die Zusammenarbeit mehrerer Ministerien braucht, kann ich es nicht tun.“

WENN MAN einen Sack mit Katzen füllt, wird man wegen Tierquälerei angeklagt.

Aber was ist das, verglichen mit 18 Ministerien voller Politiker?

(dt. Ellen Rohlfs,   vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die israelische Rettungsfront

Erstellt von Gast-Autor am 3. Mai 2015

Die israelische Rettungsfront

DIE WAHL von 2015 war ein riesiger Schritt in Richtung der Selbstzerstörung Israels.Die entscheidende Mehrheit hat für einen Apartheid-Staat zwischen dem Mittelmeer und dem Jordanfluss gestimmt, in dem die Demokratie langsam verschwinden wird.

Die Entscheidung ist noch nicht endgültig. Die israelische Demokratie hat eine Schlacht verloren, den Krieg  hat sie noch nicht verloren.

Wenn sie nicht die Lehre daraus zieht, wird sie auch den Krieg verlieren.

Alle Rechtfertigungen und Alibis der israelischen Linken sind nutzlos.  Es ist das Endresultat, das zählt.

Das Land ist in existentieller Gefahr. Nicht von außen, sondern von innen.

Eine Rettungsfront ist jetzt nötig.

Wir haben kein anderes Land.

ALS ERSTES muss das ganze Mass  der Katastrophe anerkannt und die volle Verantwortung übernommen werden.

Die Führer, die verloren haben, müssen gehen. Im Kampf um das Leben des Staates gibt es keine zweite Chance.

Der Kampf zwischen Isaak Herzog und Benjamin Netanjahu war ein Wettkampf zwischen einem Leichtgewichtler und einem Schwergewichtler.

Die Idee einer National Union-Regierung muss zurückgewiesen und entschieden verurteilt werden. In solch einer Regierung würde die Labor-Partei wieder die elende Rolle als Feigenblatt für die Besatzungs- und Unterdrückungspolitik spielen.

Jetzt ist eine neue Generation von Führern nötig, jung, energisch und originell.

DIE WAHL deckte ohne Mitleid die tiefe Kluft zwischen den verschiedenen Sektoren der israelischen Gesellschaft auf: Den Orientalen, den Ashkenazim, den Arabern, den„Russen“, den Orthodoxen, den Religiösen u.a.

Die Rettungsfront muss alle Sektoren umfassen.

Jeder Sektor hat seine eigene Kultur, seine eigenen Traditionen, seinen eigenen Glauben. Alle müssen gegenseitig respektiert werden. Gegenseitiger Respekt ist die Grundlage der israelischen Partnerschaft.

Die Gründung der Rettungsfront braucht eine neue authentische Führung, die aus allen Sektoren kommt.

Der Staat Israel gehört allen seinen Bürgern. Kein Sektor hat ein exklusives Besitzrecht auf den Staat.

Die riesige und wachsende Kluft zwischen den  Superreichen und den Bettelarmen, die  weithin der großen Ausdehnung der Kluft zwischen ethnischen Gemeinschaften entspricht, ist eine Katatastrophe für sie alle.

Die Rettung des Staates muss sich auf die Rückkehr zur Gleichheit gründen als einem grundlegenden Wert. Eine Realität, in der hunderttausende Kinder unter der Armutsgrenze leben, ist unerträglich.

Das Einkommen der oberen 0.01%, das  bis in den Himmel reicht, muss auf ein vernünftiges Maß gebracht werden. Das Einkommen der untersten 10% muss auf ein menschliches Maß gehoben werden.

DIE FAST totale Trennung zwischen den jüdischen und den arabischen Teilen der israelischen Gesellschaft ist für die israelische Gesellschaft und für den Staat eine Katastrophe.

Die Rettungsfront muss sich auf beide Völker gründen. Die Trennung zwischen ihnen muss eliminiert werden, um beider Seiten willen.

Leere Phrasen über die Gleichheit und Brüderlichkeit sind nicht genug. Es fehlt ihnen die Glaubwürdigkeit.

Es muss zu einer ernsthaften Verbindung zwischen den demokratischen Kräften beider Seiten kommen, nicht nur in Worten, sondern in aktuell täglicher Kooperation auf allen Gebieten.

Diese Kooperation muss ihren Ausdruck im Rahmen politischer Partnerschaft, im gemeinsamen Kampf und bei regelmäßigen gemeinsamen Treffen auf allen Gebieten finden, die sich auf der Achtung vor der Einzigartigkeit jedes Partners gründet.

Nur ein permanenter gemeinsamer Kampf kann die israelische Demokratie und den Staat selbst retten.

DER HISTORISCHE Konflikt zwischen der zionistischen Bewegung und der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung bedroht jetzt beide Völker.

Das Land zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan ist die Heimat von zwei Völkern. Kein Krieg, keine Unterdrückung und kein Aufstand wird diese Grundtatsache ändern.

Falls dieser Konflikt sich ohne Ende fortsetzt, wird er die Existenz beider Völker gefährden.

Die einzige Lösung war und ist die Koexistenz zweier souveräner Staaten: ein freier und unabhängiger Staat Palästina Seite an Seite mit dem Staat Israel.

Die Zwei-Staatenlösung ist kein Rezept für Trennung und  Scheidung. Im Gegenteil, es ist ein Rezept der engen Ko-Existenz.

Die Grenzen von 1967 mit Landaustausch im gegenseitigen Einverständnis sind die Grundlage für Frieden.

Die Ko-Existenz der beiden Staaten in der gemeinsamen Heimat benötigt einen Rahmen für Partnerschaft auf höchster Ebene als auch offene Grenzen für die Bewegung von Menschen und Waren. Es sind  auch solide Sicherheitsmaßnahmen um beider Völker willen notwendig.

Jerusalem – offen und vereinigt – muss die Hauptstadt beider Staaten werden.

Die schmerzliche Tragödie der palästinensischen Flüchtlinge muss eine gerechte Lösung im gegenseitigen Einverständnis finden. Die Lösung wird die Rückkehr in den palästinensischen Staat einschließen, eine begrenzte symbolische Rückkehr nach Israel und die Zahlung von großzügigen Kompensationen durch internationale Fonds an alle.

Israel und Palästina sollen zusammenarbeiten, um eine Rückgabe von jüdischem Eigentum in arabischen Ländern oder die Zahlung großzügiger Entschädigung zu erreichen.

Der Staat Palästina wird seine Verbundenheit mit der arabischen Welt behalten. Der Staat Israel wird seine Verbundenheit mit dem jüdischen Volk in aller Welt behalten. Jeder der beiden Staaten wird die alleinige Verantwortung für seine Einwanderungspolitik haben.

Das Problem der jüdischen Siedler in Palästina wird seine Lösung im Rahmen der miteinander abgestimmten Grenzveränderungen finden; die Einbeziehung einiger Siedlungen in den palästinensischen Staat mit dem Einverständnis der palästinensischen Regierung und der Umsiedlung vom Rest der Siedler in Israel.

Beide Staaten sollen bei der Schaffung einer demokratisch regionalen Partnerschaft zusammen arbeiten, und zwar im Geiste des Arabischen Frühlings, während sie der Anarchie, dem Terrorismus und religiösem und nationalistischem Fanatismus in der Region widerstehen.

Die Massen der Israelis und Palästinenser werden nicht an die Chancen des Friedens und der Ko-Existenz glauben, wenn es nicht schon jetzt zu einer realen und  offenen Partnerschaft zwischen dem Friedenslager beider Völker kommt.

Um solch eine Partnerschaft zwischen Organisationen und  Individuen  auf beiden Seiten zu schaffen, muss jetzt damit begonnen werden, gemeinsame politische Aktionen durchzuführen, wie regelmäßige Konsultationen und gemeinsames Planen auf allen Ebenen und auf allen Gebieten.

DER JÜDISCHE Charakter des Staates Israel findet seinen Ausdruck in seiner Kultur und seiner Verbundenheit mit den Juden in aller Welt, aber nicht in seinem inneren Regierungssystem. Alle Bürger und alle Sektoren müssen gleich sein.

Die demokratischen Kräfte innerhalb der jüdischen und der arabischen Öffentlichkeit müssen sich die Hände reichen und bei ihren täglichen Aktionen zusammen arbeiten.

Internationaler Druck wird Israel nicht vor sich selbst retten. Die Rettungskräfte müssen von innen kommen.

Weltweiter Druck auf Israel kann und muss den demokratischen Kräften in Israel beistehen, kann sie aber nicht ersetzen.

DIE GRUNDSÄTZLICHEN Werte ändern sich nicht. Jedoch muss die Art und Weise des Redens über sie, um von der Öffentlichkeit akzeptiert zu werden, geändert werden.

Die alten Slogans wirken nicht mehr. Die Werte müssen neu definiert und in der heutigen Sprache formuliert werden, sie müssen im Einklang mit den Konzepten und der Sprache einer neuen Generation sein.

Die Zwei-Staaten-Lösung wurde nach dem Krieg 1948 von einer kleinen Gruppe von  Pionieren definiert. Seit damals haben sich in der Welt, in der Region und innerhalb der israelischen Gesellschaft große Veränderungen ereignet. Während die Vision selbst als einzige praktische Lösung des historischen Konfliktes bleibt, muss sie in neue Gefäße gegossen werden.

Es gibt keine soziale Botschaft ohne eine politische Botschaft, und es gibt keine politische Botschaft ohne soziale Botschaft.

Politische Einheit ist notwendig und eine einigende Rettungsfront, die alle Kräfte des Friedens, der Demokratie und  der sozialen Gerechtigkeit zusammen bringt.

Wenn die Laborpartei in der Lage ist, sich selbst von Grund auf neu zu erfinden, könnte sie die Basis dieses Lagers begründen. Wenn nicht, muss eine neue politische Partei gebildet werden, deren Kern  die Rettungsfront ist.

Innerhalb dieser Front müssen verschiedene ideologische Kräfte ihren Platz finden und eine fruchtbare interne Debatte führen, während sie einen vereinten politischen Kampf für die Rettung des Staates führt.

Das Regime innerhalb Israels muss sich der vollen Gleichheit zwischen allen jüdischen ethnischen Gemeinschaften und zwischen den beiden Völkern versichern, während die Verbundenheit mit der israelisch-jüdischen Öffentlichkeit mit den Juden in aller Welt und die Verbundenheit der israelisch-arabischen Öffentlichkeit mit der arabischen Welt sicher gestellt wird.

Die Situation, in der die Ressourcen sich in den Händen von nur 1% der Bevölkerung auf Kosten  der andern 99% befinden, muss beendet werden. Eine vernünftige Gleichheit zwischen allen Bürgern, ohne Verbindung zu ihrer ethnischen Herkunft muss überholt werden.

Die orientalisch-jüdische Öffentlichkeit muss zu vollen Partnern im Staat werden, Seite an Seite mit andern Sektoren. Ihre Würde, ihre Kultur, ihr sozialer Status und ihre wirtschaftliche Situation müssen den ihnen gebührenden Platz einnehmen.

Die religiös-säkulare Konfrontation muss bis nach dem Frieden zurückgestellt werden. Der Glaube und die Zeremonien aller Religionen muss respektiert werden, genauso wie die säkulare Weltanschauung.

Die Trennung von Staat und Religion – wie eine zivile Heirat, Massentransporte am Schabbat – kann warten, bis der Existenzkampf entschieden ist.

Der Schutz des juristischen Systems und vor allem des Obersten Gerichtshofes ist eine absolute Pflicht.

Die verschiedenen Assoziationen für Frieden, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit – jede davon führt ihren lobenswerten, unabhängigen Kampf in ihrem gewählten Gebiet – muss die politische Arena betreten und  zusammen eine zentrale Rolle in der  vereinigten Rettungsfront spielen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Wen soll man wählen

Erstellt von Gast-Autor am 19. April 2015

Wen soll man wählen

Autor Uri Avnery

EIN SOWJETISCHER Bürger ging einst zum Wählen. Ihm wurde ein verschlossenes Kuvert gegeben und gesagt, er möge dieses in die Wahlurne stecken.

„Könnte  ich vielleicht nachschauen, wen ich wähle?“ fragte er schüchtern.

„Natürlich nicht!“ antwortete der Wahlleiter empört, „in der Sowjet Union sind die Wahlen geheim!“

In Israel sind die Wahlen ebenfalls geheim. Deshalb werde ich nicht sagen, wen ich wählen werde.  Sicherlich werde ich auch nicht so unverschämt sein, meinen Lesern  zu sagen, wie sie wählen sollen. Aber ich werde die Argumentation darlegen, die mich leitet.

WIR WERDEN  eine neue Regierung wählen, die Israel die nächsten vier Jahre führen wird.

Wenn dies ein Schönheitswettbewerb wäre, dann würde ich  Yair Lapid wählen. Er sieht so hübsch aus.

Wenn wir entscheiden müssten, wer der sympathischste Kandidat ist, wäre es wahrscheinlich Moshe Kachlon. Er scheint ein sehr netter Kerl zu sein, der Sohn  einer armen, orientalischen Familie, der als Minister für Kommunikation  das Monopol der Mobiltelefon-Magnaten gebrochen hat. Aber Sympathie hat nichts damit zu tun.

Falls wir einen netten Kerl mit guten Manieren suchen, dann wäre Yitzhak Herzog  offensichtlich der Kandidat. Er ist ehrlich, wohlgesittet und aus guter Familie.

Und so weiter. Falls wir nach einem Barwächter ausschauen, dann wäre Avigdor Lieberman mein Mann. Falls ich nach einem geschmeidigen TV-Darsteller suchen würde, dann wären Lapid und Benjamin Netanjahu mehr als passend.

Aber ich schaue nach einer Person, die wenigstens Kriege verhindern wird (und uns vielleicht näher zum Frieden bringt.), die uns eine Art sozialer Gerechtigkeit zurück bringt,  ein Ende der Diskriminierung von Frauen, Arabern und jüdisch-orientalischen Bürgern, unser Gesundheits-und Bildungssystem und andere soziale Dienste wieder herstellt.

LASSEN SIE mich mit dem leichteren Teil beginnen: wen ich unter keinen Umständen wählen werde.

Auf der extremen Rechten ist Eli Yishais „Beyahad“ (Zusammen)-Partei. Niemals liebte ich  Yishai. Bevor er sich von „Shas“ trennte, war er Innenminister und verfolgte Flüchtlinge aus dem Sudan und Eritrea ohne eine Spur von Mitleid.

Mit seiner neuen Partei versucht Yishai verzweifelt, die Minimalklausel, die jetzt bei 3,25% liegt, zu überwinden und machte mit den Anhängern  des verstorbenen und nicht beweinten Rabbi Meir Kahane , der als Faschist vom Obersten Gerichtshof gebrandmarkt wurde, ein Abkommen.

Nummer vier der Liste ist jetzt Baruch Marzel, der einmal mich zu ermorden öffentlich aufrief. Selbst eine Flasche des edelsten Weines wird von ein paar Tropfen Zyanid verdorben.

Der nächste auf der Liste ist Avigdor Lieberman, dessen Hauptwahlplattform der Vorschlag ist, alle arabischen Bürger, die gegenüber dem Staat nicht loyal sind, mit der Axt zu köpfen. (Ich habe das nicht erfunden.)

Naftali Bennett ist nicht weit davon entfernt; der frühere Hightech-Unternehmer trägt die kleinste Kippa auf Erden. Nachdem er die National-religiöse Partei  in feindseliger Übernahme erobert hatte, verwandelte er sie in ein wirksames Instrument.

Die National-religiöse Partei war einmal eine sehr moderate politische Kraft, die David Ben Gurions Abenteuerpolitik bremste. Aber ihr halb autonomes Bildungssystem hat Generationen zu Extremisten gemacht. Jetzt ist es die Partei der Siedler, und Bennett wirbt um junge araberhassende, kriegsliebende, säkulare Juden, die sonst Likud wählen würden.

DAMIT KOMMEN  wir zu Likud, der Partei von „König Bibi“, wie Time-Magazin ihn bewundernd nannte.

Benjamin Netanjahu kämpft um sein politisches Überleben. Vor ein paar Monaten, als er sich entschied, die Knesset zu entlassen und zu vorgezogenen Wahlen aufrief, träumte er sicher nicht von solch einer misslichen Lage.

Es schien, als ob Israels Marsch zur Rechten unvermeidlich und nicht aufzuhalten, ja, dass Netanjahus ewige Herrschaft vorherbestimmt war. Es schien, dass die Linke einem erbärmlichen Ende gegenüberstand, und dass die Mitte sich ins Nichts auflöste. Es war für Netanjahu nur eine Sache, seine Pferde zu wechseln (oder die Esel, wie mancher sagen würde).

Und nun sind wir hier, ein paar Tage vor der Wahl mit einem fast verzweifelten Likud.

Warum? Wie?

Es scheint so, dass die Leute einfach genug von Netanjahu haben. Sie scheinen zu sagen: genug ist genug.

Als Franklin Delano Roosevelt, ein großer Führer  im Frieden und im Krieg, zum vierten Mal gewählt wurde, entschied das amerikanische Volk, die  Amtsperiode der Präsidenten hinfort auf zwei zu begrenzen. Vielleicht hat das israelische Volk dasselbe entschieden: drei Amtsperioden von Netanjahu sind einfach genug. Danke.

Im Internet zirkuliert gerade ein lustiger, kleiner Film. Netanjahu steht auf dem Podium des Kongresses wie ein Turnlehrer in der Schule (oder wie der Dompteur von sehr zahmen Löwen in einem Zirkus), der seine Schüler kommandiert: „Aufstehen! Hinsetzen! Aufstehen! Hinsetzen!“ und das mit Kongressmännern und Senatoren, die auf sein Kommando hin aufspringen.

Die Meinungsmacher des Likud hofften, dass dieser Anblick sein Glück bei den Wahlen verbessern würde.  Und tatsächlich, ein paar Tage lang stiegen seine Zahlen bei den Umfragen von trüben 21 Sitzen (von 120) auf 23. Aber dann gingen sie wieder nach unten und blieben bei 21, mit Herzog  bei 24. Vielleicht sprangen die Senatoren nicht hoch genug?

Wohin gehen die Likudstimmen?  Zunächst vor allem zu Bennetts Partei. Das würde keine vollkommene Katastrophe für Netanjahu bedeuten, da Bennett, trotz all dem Hass zwischen beiden, Netanjahu in der Knesset unterstützen muss.

ABER EINIGE der Stimmen  werden  zu den beiden Zentrumsparteien von Kachlon und Lapid gehen, deren eventuelle Loyalität unsicher ist.

Kachlon kommt vom Likud. Er war ein typisches Parteimitglied, Sohn von Einwanderern aus Tripoli (Libyen), der Liebling des  Zentralkomitees der Partei. Ein Likud-Mitglied kann ihn jetzt mit gutem Gewissen wählen, besonders da er die soziale Situation verändern und das Los der Armen verbessern will.

Lapid ist in etwa derselbe mit einem großen Unterschied: er war schon Finanzminister gewesen, während Kachlon nur hofft, Finanzminister zu werden. Obwohl Lapid ein unbegrenztes Talent hat, seinen riesigen Erfolg in diesem Job zu erklären, ist die allgemeine Meinung, dass er nur mäßig gut war, wenn nicht gar ein völliger Fehlschlag.

Keiner – nicht einmal sie selbst – wissen die Antwort auf die entscheidende Frage: werden Kachlon und Lapid sich einer Netanjahu- oder einer Herzogregierung anschließen?  Beides ist möglich. Kein Problem. Es könnte wie bei  einer öffentlichen Auktion sein, wo es darauf ankommt, wer mehr zahlen wird. Mehr Ministerien, mehr Budgets, mehr Jobs. Es wird wahrscheinlich vom Ergebnis der Wahlen abhängen.

Dasselbe gilt auch für die beiden orthodoxen Parteien – die orientalische Shas und die aschkemasische „Thora-Judentum“-Partei. Sie glauben an Gott und das Geld, und Gott mag sie anweisen, sich der Koalition  anzuschließen, die das meiste Geld für ihre Institutionen anbietet.

So gibt es mindestens vier „Zentrums“-Parteien, die entscheiden können, ob Netanjahu oder Herzog unser nächster Ministerpräsident werden wird. Liebermans schrumpfende Partei könnte die fünfte sein.

Natürlich denk ich nicht im Traum daran, eine von diesen zu wählen.

WAS BLEIBT übrig? Eine Wahl zwischen drei: Labor, jetzt „das zionistische Lager“ genannt, Meretz und die Gemeinsame (arabische) Liste.

Die Arabische Liste ist aus vier sehr verschiedenen Parteien zusammengesetzt; die kommunistische, die muslemische, die nationalistische und eine private. Es ist eine Zwangsehe  mit Lieberman, der die Waffe hält: er war es, der die Knesset dahin brachte, die Minimalklausel höher zu stellen, um die kleinen arabischen Parteien aus der Knesset zu verbannen. Die Antwort ist, dass die vier kleinen Parteien eine  große vereinigte Liste bilden, die jetzt bei den Wahlen den dritten Platz nach den zwei großen Parteien einnehmen.

Die Araber in Israel sind Bürger zweiter Klasse, diskriminiert und manchmal verfolgt.  Was wäre für einen progressiven jüdischen Bürger humaner, als genau für diese Liste zu stimmen?

Für mich wäre es natürlich, da ich 1984 behilflich war, die erste  vollkommen integrierte arabisch-jüdische Wahlliste zu schaffen (die „Progressive Liste für den Frieden“), die  zwei  Amtszeiten gewann (die kommunistische Partei ist fast komplett arabisch mit einigen jüdischen Mitgliedern).

Aber die Gemeinsame Liste ist für mich problematisch. Vor ein paar Tagen erschütterte sie mich mit einer schicksalhaften Entscheidung.

Es betrifft die übrig gebliebenen Stimmen. Nach unserm Wahlgesetz können zwei Listen ein Abkommen treffen, nach dem die „übrigen“ Stimmen  von beiden zusammengelegt und in eine von beiden gelegt werden („Die Übriggebliebenen“ sind die, die noch geblieben sind, nachdem der Partei die Sitze zugewiesen worden sind, für die sie die volle Zahl der Stimmen hat.)

Die Parteien der linken Seite haben sich einen Plan erdacht, nachdem die Gemeinsame Liste ihre Übriggebliebenen mit denen von Meretz vereinigen soll. Das könnte einem von ihnen und damit dem ganzen linken Block einen Sitz mehr geben, der  entscheidend sein könnte.

Die Gemeinsame Liste weigerte sich, weil Meretz eine zionistische Partei ist. Die Entscheidung mag logisch gewesen sein, da viele arabische Wähler  sich möglicherweise vor der Wahl drücken könnten, falls sie fürchten, dass ihre Stimmen einer jüdisch „zionistischen“ Liste zugutekommen könnten.  Aber es zeigte auch, dass, wenn sie mit einer wichtigen Entscheidung  konfrontiert sind, die Islamisten  der Gemeinsamen Liste eine gemeinsame Entscheidung für den Frieden  blockieren könnten. Damit habe ich ein Problem.

So bleibt mir Meretz und das „Zionistische Lager“. Meretz ist meinen  Ansichten  näher als die größere Liste. Aber nur die größere Liste kann Netanjahu absetzen. Das Problem  hätte nicht existiert, wenn mein Vorschlag für eine  gemeinsame Liste,  das „Zionistische Lager“, Meretz, Lapid  und andere, angenommen worden wäre. Aber all diese Parteien weigerten sich.

Nun stehe ich also vor einer Wahl:  entweder stimme ich ideologisch für Meretz oder stimme ich pragmatisch für die Partei, deren Chancen größer sind, Netanjahus Herrschaft ein Ende zu bereiten, falls sie als größte Partei in der nächsten Knesset auftaucht.  Aber diese Partei hat viele Fehler, die mir schmerzlich bewusst sind.

Otto von Bismarck, einer der größten Staatsmänner aller Zeiten, beschrieb die  Politik  als  „die Kunst des Möglichen“. Es ist jetzt möglich, den Marsch der Rechten zu stoppen und  einige Vernunft  in unserm Land wieder herzustellen. Also  wen  sollte ich wählen?  (Aus dem Englischen: E.Rohlfs,A.Butterweck, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Eine teure Rede

Erstellt von Gast-Autor am 5. April 2015

Eine teure Rede

Autor Uri Avnery
WINSTON CHURCHILL  sagte  einmal, dass Demokratie das schlechteste politische System sei, das außer allen anderen Systemen, die von Zeit zu Zeit versucht worden seien.

Jeder, der im politischen Leben involviert ist, weiß, dass  dies eine britische Untertreibung ist.

Churchill sagte auch, dass das beste Argument gegen Demokratie ein Gespräch  von fünf Minuten mit einem durchschnittlichen Wähler sei. Wie wahr.

Ich war Zeuge von 20 Wahlkämpfen für die Knesset. In fünf von ihnen war ich ein Kandidat, in drei von ihnen wurde ich gewählt.

Als Kind war ich Zeuge von drei Wahlkämpfen während der letzten Tage der Weimarer Republik und einer(der letzten mehr oder weniger demokratischen) Wahl, nachdem die Nazis zur Macht gekommen waren

(Die Deutschen jener Zeit waren sehr gut in grafischer Propaganda, in politischer wie kommerzieller. Nach mehr als 80 Jahren erinnere mich gut an einige ihrer Wahlplakate.)

Wahlen sind eine Zeit großer Aufregung. Die Straßen sind mit Propaganda gepflastert, die Politiker sind heiser, manchmal brechen gewaltsame Zusammenstöße aus.

Nicht jetzt. Nicht hier. 17 Tage vor den Wahlen herrscht eine unheimliche Stille. Ein Ausländer, der jetzt nach Israel kommt, würde nicht bemerken, dass hier bald eine Wahl stattfinden wird. Es gibt auf den Straßen kaum Wahlplakate. Die Artikel in den Zeitungen befassen sich mit vielen anderen Themen. Im Fernsehen schreien sich die Leute wie üblich an. Keine mitreißenden Reden. Keine Massenveranstaltungen.

JEDER WEISS, dass diese Wahl sehr entscheidend, viel entscheidender als sonst ist.

Es mag die letzte Schlacht für die Zukunft Israels sein – zwischen den Zeloten von Groß-Israel und den Unterstützern eines liberalen Staates. Zwischen einem Mini-Empire, das über ein anderes Volk herrscht und dieses unterdrückt, und einer dezenten Demokratie. Zwischen weiteren Siedlungsbauten und einer ernsthaften Suchen nach Frieden. Zwischen dem, was hier „schweinischer Kapitalismus“ genannt wird, und einem Wohlfahrtsstaat.

Kurz gesagt, zwischen zwei sehr verschiedenen Arten von Israel.

Was wird über diese schicksalhafte Wahl gesagt?   Nichts.

Das Wort „Frieden“ – auf Hebräisch Schalom – wird überhaupt nicht erwähnt. Um Himmels willen. Es wird als politisches Gift angesehen. Wie wir auf Hebräisch sagen: „Derjenige, der seine Seele retten will, muss Abstand davon nehmen.“

All die „professionellen Ratgeber“, von denen dieses Land wimmelt, warnen ihre Mandanten, es niemals auszusprechen. „Sagt „politisches Abkommen“, wenn ihr müsst. Aber um Gottes Willen, erwähnt den Frieden nicht!“

Dasselbe gilt für Besatzung, Siedlungen, Transfer (von Bevölkerung) und Ähnliches. Bleibt mir vom Leib damit. Die Wähler mögen vermuten, dass man eine Meinung hat. Vermeidet es wie die Pest.

Der israelische Wohlfahrtsstaat, einst von vielen Ländern beneidet (Man erinnere sich an die Kibbuzim?) ist auseinander gefallen. Alle unsere sozialen Dienstleistungen sind zerfallen. Das Geld geht in die große Armee, groß genug für eine mittelgroße Macht. Schlägt jemand vor, das Militär drastisch zu reduzieren? Natürlich nicht. Was denn, steckt ihr das Messer in den Rücken  unserer tapferen Soldaten? Öffnet unsern vielen Feinden die Tore? Warum, das ist Verrat!

Worüber reden unsere Politiker und die Medien? Was regt die öffentliche Meinung auf? Was  kommt in die Schlagzeilen und in den Abendnachrichten?

Nur die wirklich ernsthaften Sachen. Steckt die Frau des Ministerpräsidenten das Pfandgeld  für zurückgegebene Flaschen in die eigene Tasche? Zeigt die offizielle Residenz des  Ministerpräsidenten, Zeichen der Vernachlässigung? Nahm Sara Netanjahu öffentliche Gelder, um einen privaten Friseurraum  in der Residenz einzurichten?

WO IST die Haupt-Oppositionspartei, das zionistische Lager (auch als Labor-Partei bekannt)?

Die Partei leidet unter großer Benachteiligung: ihr Führer ist der große Abwesende dieser Wahl.

Yitzhak Herzog hat keine gebieterische Präsenz. Von schmächtiger Gestalt, eher wie ein Junge, denn als hartgesottener Krieger, mit dünner, hoher Stimme gleicht er nicht einem natürlichen Führer. Karikaturisten haben es schwer mit ihm. Ihm fehlen charakteristische Merkmale, an denen er leicht zu erkennen ist.

Er erinnert mich an Clement Attlee. Als die britische Labor-Partei sich zwischen zwei auffälligen Kandidaten entscheiden musste, wählten sie Attlee als Kompromisslösung.

Auch er hatte keine imponierenden Züge (noch einmal Churchill: ein leerer PKW näherte sich und Major Attlee stieg aus). Die Welt schnappte nach Luft, als die Britten vor dem Ende des 2. Weltkrieges Churchill absetzten und Attlee wählten. Es stellte sich aber heraus, dass er ein sehr guter Ministerpräsident war. Er ging beizeiten aus Indien (und Palästina) hinaus, baute den Wohlfahrtsstaat auf und vieles mehr.

Herzog begann sehr gut. Indem er eine gemeinsame Wahlliste mit Zipi Livni aufstellte, schuf er einen Impuls und stellte die sterbende Labor-Partei wieder auf ihre Füße. Er adoptierte für die neue Liste einen populären Namen. Er zeigte, dass er Entscheidungen treffen konnte. Und da blieb er stehen.

Um das zionistische Lager wurde es still. Interne Querelen lähmten die Wahlmannschaft.

(Ich veröffentliche in Haaretz zwei Artikel, in denen ich zu einer gemeinsamen Liste des zionistischen Lagers mit Meretz und Yair Lapids Partei aufrief. Dies hätte die Linke und die Mitte ausbalanciert. Dies hätte einen aufweckenden, neuen Impuls gegeben. Aber die Initiative konnte nur von Herzog kommen. Er ignorierte dies. Auch  Meretz und Lapid.  Ich hoffe, sie werden dies nicht bedauern.)

Nun  schwankt Meretz nahe der Wahlschwelle und Lapid erholt sich nur langsam von seinem tiefen Fall bei den Umfragen. Er verlässt sich hauptsächlich auf sein gutes Aussehens.

Trotz allem laufen nun Likud und das zionistische Lager Kopf an Kopf. Die Umfragen geben jedem 23 Sitze (von 120), sagen ein Zielfoto voraus und  überlassen die historische Entscheidung einer Anzahl kleiner und winziger Parteien.

DAS EINZIGE, das eine Spielwende bringen könnte, ist die bevorstehende Rede von Benjamin Netanjahu vor den beiden Häusern des Kongresses.

Es scheint, dass Netanjahu  all seine Hoffnungen an dieses Ereignis knüpft. Und nicht ohne Grund.

Alle israelischen TV-Stationen werden dieses Begebenheit live senden. Es wird ihn im besten Lichte zeigen. Der große Staatsmann, der sich an das größte Parlament der Welt wendet und um die bloße Existenz Israels plädiert.

Netanjahu ist eine vollkommene TV-Persönlichkeit. Er ist kein großer Redner im Stil eines Menachem Begin (geschweige denn eines Winston Churchill), aber im Fernsehen hat er wenige Konkurrenten. Jede Bewegung seiner Hände, jeder Ausdruck seines Gesichtes, jedes Haar auf seinem Kopf ist genau richtig. Sein Amerikanisch ist perfekt.

Der Führer des jüdischen Ghettos, der am Hof des Königs der Gojim (Nichtjuden) für sein Volk eintritt, ist eine wohlbekannte Gestalt in der jüdischen Geschichte. Jedes jüdische Kind liest über ihn in der Schule. Bewusst oder unbewusst werden die Leute daran denken.

Der Chor der Senatoren und Kongressmänner und -Frauen wird begeistert applaudieren,  alle paar Minuten aufspringen  und ihre grenzenlose Bewunderung in jeder Weise ausdrücken, außer dass sie seine Schuhe küssen.

Einige tapfere Demokraten werden abwesend sein, aber die Israelis werden dies nicht bemerken, da es bei solchen Gelegenheiten üblich ist, die leeren Sitze mit Angestellten zu besetzen.

Kein Propagandaspektakel könnte effektiver sein. Die Wähler werden gezwungen sein, sich zu fragen, wie Herzog wohl unter denselben Umständen aussehen würde.

Ich kann mir keine wirkungsvollere Wahlpropaganda vorstellen. Den Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika als Propagandarequisit  zu benützen, ist ein genialer Streich.

MILTON FRIEDMAN  versicherte, dass es so etwas wie ein kostenloses Mahl nicht gibt, und dieses Mahl hat einen hohen Preis.

Es bedeutet fast buchstäblich, in das Gesicht des Präsidenten Obama zu spucken. Ich denke, dass es nie so etwas gegeben hat. Der Ministerpräsident eines kleinen Vasallenstaates, der von den US praktisch in allem abhängig ist, kommt in die Hauptstadt der US, um offen ihren Präsidenten heraus zu fordern, ja, ihn in der Tat einen Betrüger und Lügner zu brandmarken.

Wie Abraham, der bereit war, um Gottes willen seinen Sohn zu schlachten, so ist Netanjahu bereit, Israel vitalste Interessen für einen Wahlsieg zu opfern.

Seit vielen Jahren haben israelische Botschafter und andere Funktionäre sich mächtig angestrengt, um das Weiße Haus und den Kongress in den Dienst Israels zu stellen. Als der Botschafter Yitzhak Rabin nach Washington kam und feststellte, dass die Unterstützung Israels im Kongress lag, bemühte er sich sehr – und erfolgreich – das Weiße Haus von Nixon zu gewinnen.

AIPAC und andere jüdische Organisationen haben generationenlang  dafür gearbeitet, die Unterstützung beider amerikanischer Parteien und praktisch alle Senatoren und Kongressleute zu gewinnen. Seit Jahren wagte kein Politiker auf dem Kapitol, Israel zu kritisieren. Es war gleichbedeutend mit politischem Selbstmord. Die wenigen, die dies versuchten, wurden in die Wüste geschickt.

Und nun kommt Netanjahu und zerstört dieses Gebäude wegen eines Wahlspektakels. Er hat der Demokratischen Partei den Krieg erklärt, zerschneidet die Verbindung, die Juden mit dieser Partei seit mehr als einem Jahrhundert verband, und zerstört die Unterstützung einer der beiden Parteien. Er ermöglicht den Demokratischen Politikern zum ersten Mal, Israel zu kritisieren; und zerstört ein generationenaltes Tabu, das vielleicht nicht wieder hergestellt werden kann.

Präsident Obama, der beleidigt, gedemütigt und an seinem für ihn bedeutendsten politischen Schritt – das Abkommen mit dem Iran – behindert wird, würde übermenschlich sein, wenn er nicht an Rache denken würde. Selbst eine Bewegung seines kleinen Fingers könnte Israel ernsthaft verletzen.

Macht sich Netanjahu Sorgen? Natürlich sorgt er sich. Aber er macht sich mehr Sorgen um seine Wiederwahl.

Viel, viel mehr.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Anti – Was ?

Erstellt von Gast-Autor am 29. März 2015

Anti – Was ?

Autor Uri Avnery

ANTISEMITISMUS nimmt zu. In ganz Europa erhebt er seinen hässlichen Kopf. Juden sind überall in Gefahr. Sie müssen sich schnell aufmachen und nach Hause nach Israel kommen, bevor es zu spät ist.

Stimmt das? Oder stimmt es nicht?

Unsinn.

PRAKTISCH HATTEN  alle alarmierenden Ereignisse, die kürzlich in Europa stattfanden – besonders in Paris und Kopenhagen – und bei denen Juden getötet oder angegriffen wurden, nichts mit Antisemitismus zu tun.

All diese Gewalttaten wurden von jungen Muslimen begangen, die meistens von arabischer Abstammung sind. Sie waren ein Teil des fortwährenden Krieges zwischen Israelis und Arabern; das hat nichts mit Antisemitismus zu tun. Sie haben nichts mit dem Pogrom in Kishinew und  nichts mit den Protokollen der Weisen von Zion zu tun.

Theoretisch ist arabischer Antisemitismus ein Widerspruch , da Araber Semiten sind. Tatsächlich mögen die Araber semitischer sein als Juden, weil Juden sich seit vielen Jahrhunderten mit der einheimischen Bevölkerung des Landes, in dem sie lebten vermischt haben.

Aber der deutsche Publizist Wilhelm Marr, der wahrscheinlich den Terminus Antisemitismus 1880 erfunden hat (nachdem er den Terminus Semitismus sieben Jahre vorher erfunden hatte) ist natürlich in seinem Leben keinem Araber begegnet. Für ihn waren nur die Juden Semiten, und sein Feldzug war nur gegen sie gerichtet.

(Adolf Hitler, der seinen Rassismus ernst nahm, wandte ihn gegen alle Semiten an. Er konnte auch Araber nicht ausstehen. Im Gegensatz zur Legende lehnte er den nach Deutschland geflohenen Großmufti von Jerusalem, Hadj Amin al-Husseini, ab. Nach einem Treffen mit ihm zu einem Fototermin, der von der Nazi-Propagandamaschine arrangiert worden war, war er nie damit einverstanden, ihn wieder zu treffen.)

1

WARUM ALSO  schießen junge Muslime in Europa auf Juden, nachdem sie Karikaturisten töten, die den Propheten beleidigt hatten?

Experten sagen, dass der Hauptgrund ihr tiefer Hass  gegen ihr Gastland sei, in dem sie sich – wohl zu Recht – verachtet, gedemütigt und diskriminiert fühlen. In Ländern wie Frankreich, Belgien, Dänemark und vielen andern braucht ihre gewalttätige Wut ein Ventil.

Aber warum gegenüber den Juden?

Da gibt es mindestens zwei Hauptgründe.

Der erste ist lokal. Französische Muslime sind meistens Immigranten aus Nordafrika. Während des verzweifelten Kampfes für algerische Unabhängigkeit sympathisierten fast alle algerischen Juden mit dem Kolonialregime gegen die lokalen Freiheitskämpfer. Als alle Juden und viele Araber aus Algerien nach Frankreich  auswanderten, brachten sie ihren Kampf mit sich. Da sie jetzt in den übervölkerten Ghettos rund um Paris  und anderswo nebeneinander wohnen, lebt ihr gegenseitiger Hass weiter, und führt oft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Der zweite Grund ist der fortwährende arabisch-zionistische Konflikt, der mit  der Masseneinwanderung der Juden ins arabische Palästina begann und sich mit der langen Liste von Kriegen fortsetzte und jetzt in voller Blüte steht. Praktisch  ist jeder Araber in der Welt und die meisten Muslime gefühlsmäßig mit dem Konflikt verbunden.

Aber was haben französische Juden mit dem weit entfernten Konflikt zu tun? Alles.

Da  Benjamin Netanjahu keine Gelegenheit versäumt, zu erklären, dass er alle Juden auf der Welt vertritt, macht er alle Juden der Welt für die israelische Politik und ihre Aktionen mit verantwortlich.

Wenn jüdische Institutionen sich in Frankreich, den US und anderswo  total und unkritisch mit der Politik und den Operationen Israels, wie den letzten Gazakrieg identifizieren, machen sie sich freiwillig selbst zu potentiellen Opfern von Rache-akten. Die französisch-jüdische Führung, CRIF, tat es gerade jetzt.

Keine dieser Gründe hat etwas mit Antisemitismus zu tun.

2

ANTISEMITISMUS ist ein integraler Teil der europäischen Kultur.

Viele Theorien sind vorgebracht worden, um dieses total unlogische Phänomen zu erklären, das an eine kollektive psychische Erkrankung grenzt.

Meine eigene bevorzugte Theorie ist religiöser Art. In ganz Europa und jetzt auch in beiden Amerikas hören christliche Kinder in ihren prägenden Jahren die Geschichten des Neuen Testamentes. Sie lernen, dass ein jüdischer Mob nach dem Blut Jesu (Math. 27,26), dem sanften und milden Prediger, schrie, während der römische Präfekt Pontius Pilatus verzweifelt versuchte, sein Leben zu retten. Der Römer wird als menschliche, liebenswürdige Person dargestellt, während die Juden als ein gemeiner, verachtenswerter Mob angesehen werden.

Diese Geschichte kann nicht wahr sein. Die römischen Herrscher pflegten im ganzen römischen Reich potentielle Unruhestifter zu kreuzigen. Das Verhalten der jüdischen Behörden in der Geschichte entspricht nicht dem jüdischen Gesetz. Aber die Geschichte im Neuen Testament wurde lang nach dem Tode Jesu (sein Name auf Hebräisch lautet Jeshua) geschrieben und war für eine römische Zuhörerschaft gedacht, die die Christen zu missionieren versuchte – im heißen Wettbewerb mit jüdischen Missionaren.

Auch das: die frühen Christen waren eine kleine verfolgte Sekte im jüdischen Jerusalem  und ihr Groll lebt (bei Evangelikalen und anderen Fundamentalisten) bis zum heutigen Tage fort.

Das Bild der bösen Juden, die für den Tod Jesu schrien, hat sich unbewusst in das Gedächtnis der christlichen Menge eingeprägt und Judenhass in jeder neuen Generation geweckt. Die Folgen waren Morde, Massenvertreibungen, Inquisition, Verfolgung in jeder Form, Pogrome und schließlich der Holocaust.

SO ETWAS hat es niemals in der muslimischen Geschichte gegeben.

Der Prophet hatte einige kleine Kriege mit den benachbarten jüdischen Stämmen, aber der Koran enthält strikte Anweisung, wie man mit Juden und Christen, den „Völkern des Buches“ umgehen soll. Sie sollten fair behandelt werden und waren vom Militärdienst befreit, sollten dafür aber eine Kopfsteuer zahlen. Während der Jahrhunderte gab es selten hier und da anti-jüdische (und anti-christliche) kriegerische Ausbrüche, aber Juden lebten in muslimischen Ländern unvergleichlich 3

besser als in christlichen.

Wenn es nicht so gewesen wäre, hätte es nie ein „Goldenes Zeitalter“, eine muslimisch-jüdisch kulturelle Symbiose im mittelalterlichen Spanien gegeben. Es wäre  für das muslimisch-ottomanische Reich unmöglich gewesen, die Hundert-Tausenden jüdischer Flüchtlinge aus dem mittelalterlichen Spanien aufzunehmen, die von ihrer katholischen Majestät Ferdinand und Isabella vertrieben worden waren. Der herausragende jüdisch religiöse Denker Moses Maimonides (der „Rambam“) hätte nicht der persönliche Arzt und Berater des  hervorragenden muslimischen Sultan Salah-al-Din al-Ayubi (Saladin) werden können.

Der gegenwärtige Konflikt begann als Zusammenstoß zwischen zwei großen nationalen Bewegungen, dem jüdischen Zionismus und dem säkularen arabischen Nationalismus, und hatte nur schwache religiöse Obertöne. Wie meine Freunde und ich viele Male gewarnt haben, ist es jetzt zu einem religiösen Konflikt geworden – eine Katastrophe mit möglichen ernsten Konsequenzen.

Das hat nichts mit Antisemitismus zu tun.

WARUM  ALSO besteht die ganze israelische Propagandamaschinerie, einschließlich aller israelischen Medien darauf, dass  Europa einen katastrophalen Anstieg von Antisemitismus erlebt? Um die europäischen Juden nach Israel zu rufen (In der zionistischen Terminologie: „Aliya machen“)

Für einen wahren zionistisch Gläubigen ist die Ankunft jedes Juden ein ideologischer Sieg. Es ist egal, dass einmal in Israel neue Immigranten – besonders aus Ländern wie Äthiopien und der Ukraine  – vernachlässigt werden.  Wie ich oft zitiert habe: „Die Israelis lieben die Immigration- aber nicht die Immigranten“.

Als Folge der letzten Ereignisse in Paris und Kopenhagen hat Benjamin Netanjahu öffentlich die französischen und dänischen Juden aufgerufen, einzupacken und  um ihrer eigenen Sicherheit willen sofort nach Israel zu kommen. Die Ministerpräsidenten beider Länder haben wütend gegen diese Aufrufe protestiert, die den Anschein wecken, dass sie nicht bereit oder nicht willens seien, ihre eigenen Bürger zu schützen. Ich vermute, dass kein Führer einen ausländischen Politiker liebt, der seine Bürger auffordert, das Land zu verlassen.

In diesem Aufruf liegt etwas Groteskes: Wie der verstorbene Professor Yeshayahu Leibowitz bemerkte, ist Israel der einzige Ort in der Welt, wo jüdisches Leben ständig in Gefahr ist. Mit einem Krieg alle zwei Jahre und gewalttätigen Vorfällen fast jeden Tag, hatte er Recht.

Aber als Folge der dramatischen Ereignisse mögen viele „französische“ Juden – ursprünglich aus Nordafrika – verleitet werden, Frankreich zu verlassen. Sie werden nicht alle nach Israel kommen. Die US, Französisch -Kanada und Australien bieten verführerische Alternativen.

Es gibt viele gute Gründe für einen Juden, nach Israel zu kommen: ein mildes Klima, die hebräische Sprache, das Leben unter Juden und anderes mehr. Aber kein Weglaufen vor dem Antisemitismus.

GIBT ES in Europa wirklichen Antisemitismus? Ich vermute, dass es ihn gibt.

In vielen europäischen Ländern sind alte und neue supernationalistische Gruppen, die die Massen durch Hass auf den anderen anzuziehen versuchen. Juden sind (mit Sinti und Roma) die Anderen par Excellence. Eine ethnisch-religiöse Gruppe, die über viele Länder verteilt ist, die zu ihren Gastländern gehört und nicht gehört, mit fremden – und deshalb unheimlichen Glauben und Ritualen. Alle europäischen nationalistischen Bewegungen, die im 19. Und 20. Jahrhundert entstanden, waren mehr oder weniger antisemitisch.

Juden sind immer – und sind es noch – die idealen Sündenböcke für die  europäischen Armen gewesen. Es war der deutsche (nicht jüdische) sozialistische August Bebel, der sagte: „der Antisemitismus ist der Sozialismus der Ignoranten.“

Mit häufigen wirtschaftlichen Krisen und einer größer werdenden Diskrepanz zwischen den lokalen Armen und den multinationalen Superreichen wächst die Notwendigkeit eines Sündenbockes. Aber ich glaube nicht, dass diese Randgruppen,  obgleich einige nicht mehr so marginal sind, eine wirkliche antisemitische Welle darstellen.

Egal wie es ist, die Gewalttaten in Paris und Kopenhagen haben nichts mit Antisemitismus zu tun.

(Aus dem Engl. Ellen Rohlfs. vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Over bottled

Erstellt von Gast-Autor am 15. März 2015

Over bottled

 Autor Uri Avnery

JEDER WEISS, worum es in den israelischen Wahlen geht.

Die Wahl ist heftig: auf der einen Seite gibt es den Traum von Groß-Israel „vom Meer zum Fluss“, was in der Praxis ein Apartheidstaat werden würde; auf der andern Seite, ein Ende der Besatzung und Frieden.

Einige würden eine soziale Wahl hinzufügen: auf der einen Seite den bestehenden neo-liberalen Staat mit der größten Rate von Ungleichheit in der industriellen Welt; auf der andern Seite, ein sozial-demokratischer Staat mit sozialer Solidarität.

Ist das Land also voller Plakate über Krieg und Frieden, Besatzung und Siedlungen, Arbeitslohn und Lebenshaltungskosten? Sind die Fernsehprogramme auch voll von diesen? Beschäftigen sich die Titelseiten der Zeitungen damit?

Überhaupt nicht. Noch fünf Wochen sind es bis zum Wahltag –und all diese Themen sind praktisch verschwunden.

Krieg, Frieden, soziale Gerechtigkeit  – sie verursachen nur ein kollektives Gähnen.  Es gibt viel interessantere Sachen, die die öffentliche Meinung mitreißen.

Zum Beispiel Flaschen.

FLASCHEN, UM Himmels willen? Wahlen um Flaschen?

Das ganze Land ist überbeschäftigt mit dem, was Sherlock Holmes das Rätsel der Flaschen nennen würde.

Israel ist eine ökologisch denkende Gesellschaft. Sie fühlt sich von weggeworfenen Plastik- und Glasflaschen bedroht. Es wurde also ein Gesetz erlassen, das Supermärkte und andere Einzelhandelsläden verpflichtet, ein Pfand  zu verlangen  – ein paar Cents – etwa 13 Cents für eine Plastikflasche, etwa 30  Cents für ein Weinflasche. Das wird zurück gezahlt, wenn die leere Flasche zurückgegeben wird. Viele Leute, wie ich, kümmern sich nicht darum.

Aber kleine Summen können zu großen Summen werden. Viele arme ältere Leute verdienen eine Art Lebensunterhalt, wenn sie leere Flaschen aus Abfallbehältern auf den Straßen sammeln, meistens für organisierte Verbrecherfamilien.

Alle zurückgegebenen Flaschen werden wieder verwendet. Die Umwelt ist gerettet. Jeder ist damit einverstanden. Wie kommt es, dass dies ein heißes Wahlproblem wird und alles andere von der nationalen Agenda beiseiteschiebt?

BEFASSEN WIR uns mit der obersten Familie: mit Benjamin Netanjahu, seiner Frau Sarah und den beiden erwachsenen Söhnen.

Die Familie wird vom Staat in der offiziellen Residenz des Ministerpräsidenten im Zentrum Jerusalems untergebracht. Sie besitzt noch zwei private Wohnsitze – eine Wohnung in einem guten Jerusalemer Stadtteil und eine prächtige Villa in Cäsarea, in einer Wohngegend der sehr Reichen.

Nach dem Gesetz werden all diese Wohnungen vom Staat unterhalten. Aus öffentlichen Mitteln werden alle Lebenshaltungskosten, wie Lebensmittel und Getränke bezahlt, auch das Personal, Männer oder Frauen.

Seit Beginn der Amtszeit von Netanjahu gibt es Gerüchte und Gemunkel über die Dinge, die sich in den drei Wohnungen abspielen. Es scheint, dass Sarah Netanjahu, die Möchte-gern Königin, eine schwierige Person ist, besonders für die Hausangestellten. Einige von ihnen haben sie wegen Misshandlung verklagt.  Häufig findet ein Wechsel bei den Hausangestellten statt. Das entlassene Personal  beklagt sich.

Eine Enthüllung war, dass Sarah’le (wie sie jeder nennt –nicht immer aus Liebe), Gartenmöbel vom Regierungssitz zur privaten Villa bringen ließ. Eine andere war, dass der Chef des Personals mitten in der Nacht in seiner Wohnung  aufgeweckt  und ihm befohlen wurde, sofort eine heiße Suppe ins Schlafzimmer der Herrin zu bringen. Es scheint, dass sie das Personal wegen kleiner Versäumnisse häufig anschreit. All dies wurde bei diversen Rechtsfällen vorgebracht  – zum großen Vergnügen der Massen.

Zum Beispiel wurde so bekannt, dass die Residenz des Ministerpräsidenten während des Jahres für hunderttausend Dollar Eiskrem bestellt hat. Immer Pistazieneis.

Klagen über des Ministerpräsidenten Vorliebe für Luxus sind nicht neu. Seit Jahren  hat der Staatsanwalt Ermittlungen über die „Bibi-Reisen“ gemacht: die Gewohnheit von Netanjahu und seiner Familie erster Klasse zu fliegen und in aller Welt in Luxushotels abzusteigen, ohne einen Schekel zu bezahlen – alle Ausgaben zahlten ausländische Milliardäre. Seit er Finanzminister war, war dies gegen das Gesetz.

Und nun kommen die Flaschen.

EINE ENTLASSENE Angestellte verriet den Medien, dass Sarah’le gewöhnlich zwei Regierungsangestellte in einem offiziellen Wagen zur Flaschensammelstelle schickt, um leere Flaschen zurückzugeben und das Pfandgeld zurück zu bekommen. Statt das Geld der Regierung zurückzugeben, wie es das Gesetz verlangt, steckt sie es für privaten Gebrauch in die eigene Tasche.

Ein großes Geschäft? Es scheint so. Als sie das erste Mal deswegen erwischt wurde, zahlte die Familie 4000 Schekel an die Regierung – fast 1000Euros -. zurück. Jetzt scheint es, dass die Summen  viel größer sind und  Sarah’le dies seitdem weiter praktiziert.

Dies mag eine kriminelle Straftat sein. Der Justizminister und der Staatsanwalt -beide von Netanjahu ernannt – warfen einander die Akte zu. Jetzt können sie verpflichtet werden, vor den Wahlen diesbezüglich etwas zu tun.

Wie viele Flaschen? Es wurde bekannt, dass die Familie im Durchschnitt eine Flasche teuren Weines pro Tag konsumiert. In einem Land wie Israel, in dem viele Leute überhaupt keinen Alkohol trinken, ist das eine ganze Menge. Als man sich danach erkundigte, brachte der Familienanwalt das Land ins Staunen, denn er behauptete im TV, dass Wein kein „Alkohol“ sei.

Der Gedanke, dass unser Ministerpräsident betrunken sein könnte, wenn  für das Land schicksalshafte Entscheidungen schnell gemacht werden müssen – eine Militäraktion z.B. – ist nicht gerade angenehm.

Ein jiddischer Ausdruck fällt mir ein. Lange bevor Alois Alzheimer, der deutsche Arzt, der vor 100 Jahren diese nach ihm benannte Krankheit entdeckte, wurden die von ihm beschriebenen Symptome auf Jiddisch „over-bottles“ genannt. Dies ist vom Hebräischen „Over battel“ (Faulenzer) abgeleitet –, ein nutzloser alter Kerl.

Auf Englisch heißen Flaschen „bottles“ Über die Netanjahus könnte man jetzt  im buchstäblichen Sinn sagen, dass sie over-bottled, nutzlos sind.

SEIT WOCHEN  ist dies das heißeste Thema in Israel.

Bibi-Hasser, von denen das Land eine Menge hat, sind glücklich. Dies wird sicher Netanjahu und den Likud ernsthaft verletzen. Geschieht dies?

Wie wir wissen, überhaupt nicht. Im Gegenteil – nach mehreren Tagen, in denen das „Zionistische Lager“ (auch als Labor-Partei bekannt) den Likud bei Umfragen um ein oder zwei Sitze überholte, hat der Likud sich erholt und den Vorsprung von zwei oder drei Sitzen übernommen. Kein Djinn ist aus den Flaschen aufgetaucht.

Das Land hat sich amüsiert. Die Flaschen lieferten den Stoff für grenzenloses Geschwätz, für Karikaturen und Satire, veränderte jedoch nicht die politische Einstellung der Wähler.

Und mit dem „Zionistischen Lager“ ist natürlich etwas falsch gelaufen.

IN MILITÄRSPRACHE: wenn es einem Feldherrn gelingt, die feindliche Linie zu durchbrechen, wäre es das Letzte, das er tun sollte, anzuhalten und sich selbst zu gratulieren. Er sollte alle seine Kräfte sofort in die Bresche werfen und das Hinterland des Gegners erobern.

Jitzhak Herzog ist kein Feldherr und hat diese Lektion nicht gelernt.

Er begann seine Wahlkampagne gut genug. Seine politische „Heirat“ mit Zipi Livni  war ein Meisterstück. Livni  bringt zwar keine Mitgift mit – ihre Partei war eher virtuell als real. Aber die Vereinigung hatte den Reiz des Neuen, an Bewegung und an Schwung. Zumal Herzog – falls er Ministerpräsident würde-  mit einer Rotation von ihm selbst und Livni einverstanden wäre.  Das wäre eine Geste, die als großzügiger Akt von Bescheidenheit und Selbstlosigkeit wahrgenommen würde – ungewöhnlich für einen Politiker in Israel (oder anderswo, vermute ich). Gewöhnlich sind Politiker Egomanen.

Unmittelbar kam es zu Erfolgen. Die Labor-Partei, die bis dahin als beinahe erstarrt angesehen wurde, wurde bei den Meinungsumfragen lebendig. Sie überholte den Likud. Auf einmal konnten sich die Leute vorstellen, die Rechte nieder zu stimmen. Herzog, eine anspruchslose Person von kleiner Statur, erschien plötzlich als plausibler Kandidat für die Führung.

Und da hielt es an. Im neuen  „zionistischen Lager“ geschah nichts. Bei den internen Vorwahlen tauchte eine eindrucksvolle Kandidatenliste auf, eine Liste von neuen, jungen und kompetenten Leuten, die bei weitem attraktiver sind als die Listen aller anderen Parteien.

Aber das war es dann auch. Die Partei wurde still. Sie reagierte überhaupt nicht auf all die himmelschreienden Provokationen Netanjahus an der Nordgrenze. Sie brachte keine neuen und revolutionären Ideen, sie begann keine wirkliche Propagandakampagne. Bis jetzt ist die Parteikampagne wie Herzog selbst, anspruchslos, anständig und still, sehr still.

Der Likud andrerseits ist zügellos. Seine Anhänger werfen jede Menge Dreck, den sie erwischen können. Sie sind schrill, skrupellos und vulgär.

Aber die Hauptsache ist, dass es keinen Schwung mehr gab. Vergeblich schlug ich in zwei Artikeln in Haaretz  eine gemeinsame Wahlliste vor: den Zusammenschluss aller Mitte-Links-Parteien. Das würde den Eindruck erwecken, dass alle anti-Netanjahu-Kräfte sich vereinigen, um der Likud-Herrschaft ein Ende zu bereiten und eine neue Regierungsmehrheit mit neuer Agenda aufzubauen.

Die Idee rief keine Reaktion hervor. Herzog will Meretz nicht, aus Angst, dass seine Liste von Linken kontaminiert  würde. Er war auch nicht bereit, Yair Lapids Zentrumspartei abzuwerben. (Mein Vorschlag war, beide Parteien einzuschließen, sodass sie in der Öffentlichkeit einander ausbalancieren).

Herzog fühlte anscheinend nicht wie ich, dass eine große neue Verbindung Enthusiasmus schaffen und die linke Öffentlichkeit aus ihrer fatalen Apathie reißen würde.

Lapids Egomanie hinderte ihn daran, solch eine Union einzugehen, in der er nicht die Nummer eins sein würde, obwohl die Meinungsumfragen voraussagten, dass seine Partei schrumpfen würde und zwar bis zur Hälfte ihrer jetzigen Stärke. Meretz war nicht bereit, ihre behagliche Isolation aufzugeben, sie war eher ein Club als eine politische Kraft. Die gelehrten Professoren, denen es an politischer Einsicht fehlt, wovon die Linke im Überfluss hat, rieten unerbittlich ab.

Als der letzte Tag der Angebotsabgabe der Wahllisten kam und vorbeiging, war ich traurig. Nicht ärgerlich, nur traurig. Ich fühlte in meinen Knochen, dass eine einzigartige Gelegenheit, die Herrschaft des rechten Flügels zu beseitigen, verpasst war – mit allem, was sie für Israels Zukunft zur Folge hat.

Es könnte noch geschehen. Die Öffentlichkeit kann sich noch entscheiden, dass es genug ist. Aber die Chancen dafür sind sehr gering.

EINER MEINER Freunde, der zu verschwörerischen Theorien neigt, hat darauf hingewiesen, dass die ganze Flaschenangelegenheit vielleicht von Netanjahu selbst als Trick vorgebracht wurde , um die Öffentlichkeit von den schicksalshaften Problemen, mit denen Israel fertig werden muss und für die er keine Lösung hat, abzulenken.

Was auch immer geschieht, so haben die Flaschen die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt. Seine Bilder füllen die TV-Mattscheibe, sein Name spielt in den Nachrichten die Hauptrolle. Herzog bleibt ohne Flaschen und Pistazieneis  diskret im Hintergrund. Selbst Zipi kann nicht mit Sarah’les  bunter Persönlichkeit konkurrieren.

Diejenigen von uns, die fürchten, dass Netanjahu  am Vorabend der Wahl einen Krieg provoziert, könnten sagen: better bottles than battles– Flaschen sind besser als Schlachten.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der vergessene Konflikt

Erstellt von DL-Redaktion am 20. Februar 2015

Debatte Israel und Palästina

Von René Wildangel

ISRAEL/PALÄSTINA Der Krieg in Syrien und die wiedererstarkte Diktatur in Ägypten werfen den Friedensprozess auf den Haufen der Geschichte

Erinnern Sie sich noch an den „Nahostkonflikt“? So hieß früher der zentrale Konflikt in einer Region des Stillstands und der Autokratien. Wenn der alles beeinflussende israelisch-palästinensische Konflikt gelöst ist, so lautete einst die These, werde endlich auch die Starre einer ganzen Region aufbrechen.

Dann kam das, was hoffnungsvoll Arabellion genannt wurde und mittlerweile zu einem arabischen Albtraum geworden ist. Diktatoren sind zurückgekehrt oder noch an der Macht, Baschar al-Assad agiert als Massenmörder, den manche schon wieder als salonfähig betrachten wollen. Der ägyptische Präsident al-Sisi, unter dessen Regentschaft nach Angaben von Human Rights Watch über 41.000 politisch motivierte Festnahmen durchgeführt wurden, radiert ganze Städte im Sinai aus, wird aber dennoch weiterhin mit Waffen und Hilfsgeldern versorgt wie einst Husni Mubarak. Sie präsentieren sich als Antiterrorkämpfer, obwohl sie dem für sie nützlichen Phänomen IS den Boden bereitet haben – gestärkt von einer westlichen Interessenpolitik in Nahost, die seit Jahrzehnten entweder Diktatoren unterstützt oder mit Gewalt entfernt, ohne etwaige Langzeitfolgen zu berücksichtigen.

Sie präsentieren sich als Antiterrorkämpfer, obwohl sie dem für sie nützlichen Phänomen IS den Boden bereitet haben – gestärkt von einer westlichen Interessenpolitik in Nahost, die seit Jahrzehnten entweder Diktatoren unterstützt oder mit Gewalt entfernt, ohne etwaige Langzeitfolgen zu berücksichtigen.

Angesichts dieser düsteren Entwicklungen ist der eigentliche „Nahostkonflikt“ mittlerweile in den Hintergrund gerückt und kaum noch Gegenstand wirkungsvoller internationaler Anstrengungen. Nur wenn die Waffen sprechen, wie im Gazakrieg 2014 mit über 2.200 Toten, ist kurzfristig die weltweite Aufmerksamkeit gesichert. Ein halbes Jahr nach dem Krieg hat dort der Wiederaufbau nicht einmal ansatzweise begonnen.

Hilfsgelder kommen nicht an

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

—————————————————————————————————————————–

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber collection by Nick.mon

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

Abgelegt unter Asien, Kriegspolitik, Schicksale | Keine Kommentare »

Der Felsen unserer Existenz

Erstellt von Gast-Autor am 15. Februar 2015

Der Felsen unserer Existenz

Autor Uri Avnery

(Programmatische Rede bei der Kinneret-Konferenz  über „Den Felsen unserer Existenz – die Verbindung zwischen Archäologie und Ideologie“).ZUNÄCHST LASSEN Sie mich meinen Dank aussprechen, dass Sie mich zu dieser bedeutenden Konferenz eingeladen haben. Ich bin weder Professor noch habe ich promoviert.  Der höchste „akademische“ Titel, den ich jemals erreichte war  SEC (7. Elementarklasse).

Aber wie viele meiner Generation hatte ich von früher Jugend an großes Interesse an Archäologie.

Warum, das werde ich versuchen zu erklären.

Wenn Sie sich fragen, welche Verbindung ich zur Archäologie habe, werden einige von ihnen an Moshe Dayan denken.

Nach dem Juni-Krieg 1967 war Dayan ein nationales – oder gar ein internationales – Idol. Er war auch für seine Archäologie-Besessenheit bekannt. Meine Wochenzeitschrift „Haolam Hazeh  untersuchte seine Aktivitäten und fand heraus, dass sie höchst zerstörerisch waren. Er begann, allein zu graben und sammelte einfach archäologische Gegenstände aus dem ganzen Land. Da das primäre Ziel der Archäologie nicht nur das Entdecken derselben war, sondern auch das Datieren, um so ein Bild der auf einander folgenden Geschichte der Gegend zu erhalten, hat Dayans unsachgemäßes, unkontrolliertes Graben nur Chaos angerichtet. Die Tatsache, dass er Armeebestände benützte, machte die Sache nur noch schlimmer.

Dann entdeckten wir nicht nur dies: Dayan eignete sich die Artefakte, die er fand  (und die dem Staat gehören), an und bewahrte sie bei sich zu Hause auf. Er wurde aber auch ein internationaler Händler, indem er die Artikel verkaufte  und wurde  durch dieselben reich: „Aus der persönlichen Sammlung von Moshe Dayan“.

Dass ich diese Tatsachen veröffentlichte und darüber in der Knesset sprach, bescherte mir eine einzigartige Auszeichnung.  In jener Zeit identifizierten Meinungsumfragen jedes Jahr „die am meisten gehasste Person“ in Israel. In jenem Jahr wurde mir diese „Ehre“  zu teil.

DOCH DIE wichtige Frage  betrifft nicht Dayans Moral, sondern eine viel tiefere Angelegenheit: Warum waren Dayan und so viele von uns so sehr an der Archäologie interessiert, einer Wissenschaft, die von vielen Leuten als ziemlich langweiliges Geschäft angesehen wird.

Für uns war es von profunder Faszination.

Jene zionistische Generation war die erste, die im Land geboren wurde  (Ich selbst wurde in Deutschland geboren). Für ihre Eltern war Palästina eine abstrakte Heimstätte, ein Land, über das sie in den Synagogen Polens und der Ukraine träumten. Für ihre im Lande geborenen Söhne und Töchter wurde sie eine natürliche Heimat.

Sie sehnten sich nach den Wurzeln. Sie zogen in jede Ecke, verbrachten Nächte am Lagerfeuer, lernten jeden Hügel und jedes Tal kennen.

Für sie waren der Talmud und alle religiösen Texte langweilig. Der Talmud und andere Schriften  hatten die Juden in der Diaspora jahrhundertelang aufrecht erhalten, weckte hier aber kein Interesse. Die neue Generation behandelte die hebräische Bibel mit großer Begeisterung, nicht als religiöses Buch (fast alle von uns waren Atheisten), sondern als ein beispielloses Meisterwerk der hebräischen Literatur. Da sie auch die erste Generation waren, für die das zu neuem Leben erweckte Hebräisch zu ihrer Muttersprache wurde. Sie verliebten sich in die konkrete biblisch hebräische Sprache. Die differenziertere, abstrakte Sprache des Talmud und anderer späterer Bücher hat sie abgestoßen.

Sie wussten, wo die biblischen Ereignisse im Land stattfanden. Die biblischen Schlachten wurden in den Tälern ausgefochten, die sie besuchten; die Könige sind an Orten gekrönt und beerdigt worden, die sie genauestens kannten.

Sie hatten nachts zu den Sternen von Megiddo geschaut, wo die Ägypter die erste in der Geschichte berichtete Schlacht  geschlagen hatten (und wo nach dem christlichen Neuen Testament auch die letzte Schlacht – die Schlacht von Armageddon – stattfinden wird). Sie standen auf dem Berg  Karmel, wo der Prophet Elias die Baalspriester mordete. Sie hatten Hebron besucht, wo Abraham  von seinen beiden Söhnen Ismael und Isaak, den Urvätern der Araber und Juden, beerdigt worden war.

DIESE LEIDENSCHAFTLICHE Verbindung  zu dem Land war keineswegs vorherbestimmt.  Tatsächlich spielte bei der Geburt des modernen  politischen Zionismus Palästina keine Rolle.

Wie ich schon früher erwähnte, dachte der Gründungsvater Theodor Herzl nicht an Palästina, als er das erfand, was als Zionismus bekannt wurde. Er hasste Palästina und sein Klima. Besonders hasste er Jerusalem, das für ihn eine übelriechende und schmutzige Stadt war.

Im ersten Entwurf seiner Idee, die er an die Rothshild-Familie adressierte, war sein Traumland Patagonien in Argentinien. Dort hatte vor kurzem ein Völkermord stattgefunden, und das Land war fast leer.

Es waren nur die Gefühle der jüdischen Massen in Osteuropa, die Herzl zwangen, seine Bemühungen auf Palästina zu richten. In seinem Gründungsbuch „Der Judenstaat“ ist das entsprechende Kapitel kürzer als eine Seite und steht unter dem Titel „Palästina oder Argentinien“. Die arabische Bevölkerung wird überhaupt nicht erwähnt.

SOBALD DIE zionistische Bewegung ihre Gedanken nach Palästina lenkte, wurde die alte Geschichte dieses Landes ein aktuelles Thema.

Der zionistische Anspruch auf Palästina wurde bald auf die biblische Geschichte des Exodus gegründet, auf die Eroberung von Kanaan, die Königreiche von Saul, David und Salomo und das Geschehen der damaligen Zeiten. Da fast alle zionistischen Gründungsväter bekennende Atheisten waren, konnten sie sich kaum auf die Tatsache gründen, Gott hätte Abrahams Nachfahren persönlich das Land  versprochen.

Mit der Ankunft der Zionisten in Palästina begann ein wildes archäologisches Suchen. Das Land wurde nach wirklichen, wissenschaftlichen Beweisen durchkämmt, dass die biblische Geschichte nicht nur ein Haufen von Mythen ist, sondern eine reale Geschichte über Gott. Christliche Zionisten waren noch früher davon überzeugt.

Es begann ein wirklicher Angriff auf archäologische Orte. Die oberen Schichten der Ottomanen und Mamelucken, der Araber und Kreuzfahrer, Römer und Griechen und Perser wurden aufgedeckt und beseitigt, um die Schicht der alten Israeliten, der Kinder Israels, offen zu legen und zu beweisen, dass die Bibel recht hat.

Man hat sich sehr angestrengt. David Ben-Gurion, ein selbst ernannter  Bibelwissenschaftler führte die Bemühungen an. Der Stabschef der Armee Yigael Yadin, Sohn eines Archäologen und selbst ein professioneller Archäologe suchten an alten Gegenden, um zu beweisen, dass die Eroberung von Kanaan wirklich geschah. Leider ohne Erfolg.

Die Knochenreste von Bar Kochbas Kämpfern wurden in den Höhlen der Wüste Juda entdeckt. Sie wurden auf Ben-Gurions Befehl mit einer großen militärischen Feier beerdigt. Die unangefochtene Tatsache, dass Bar Kochba vielleicht die größte Katastrophe in der jüdischen Geschichte bis zum Holocaust verursacht hatte, wurde  vertuscht.

UND DAS Ergebnis?

So unglaublich es klingt. vier Generationen hingebungsvoller Archäologen haben mit glühender Überzeugung und großer finanzieller Unterstützung sehr genau gesucht.

Nichts.

Seit Beginn der Ausgrabungen bis heute wurde kein einziger Beweis der alten Geschichte gefunden. Kein einziger Hinweis, dass der Exodus aus Ägypten, die Grundlage der jüdischen Geschichte, je geschehen ist. Nichts von den 40 Jahren Wanderung durch die Wüste. Kein einziger Beweis für die Eroberung von Kanaan, wie sie ausführlich im Buch Josua beschrieben wird. Der mächtige König David, dessen Königreich nach der Bibel sich von der Sinai-Halbinsel bis Nordsyrien erstreckte, hinterließ keine Spur. (Vor kurzer Zeit wurde eine Inschrift mit dem Namen David entdeckt, aber mit keinem Hinweis darauf, dass dieser David  König war.)

Israel erscheint zum ersten Mal bei korrekten archäologischen Funden in assyrischen Inschriften, die eine Koalition von lokalen Königreichen beschreibt, die den assyrischen Vormarsch nach Syrien anzuhalten versucht. Unter anderen wird König Ahab von Israel erwähnt, als Chef eines ansehnlichen militärischen Kontingentes. Ahab, der von 871 BC bis 852 BC das heutige Samaria beherrschte (nördliche Westbank) war von Gott nicht geliebt, obwohl die Bibel ihn als Kriegsheld beschreibt. Er markiert den Beginn von Israels bewiesener Geschichte.

DIES SIND alles negative Teile von Beweisen, die suggerieren, dass die frühe biblische Geschichte erfunden ist. Da praktisch zu keiner Zeit Spuren der frühen biblischen Geschichte gefunden worden ist, ist das ein Beleg dafür, dass alles Fiktion ist?

Vielleicht auch nicht. Aber es gibt einen realen Beweis.

Ägyptologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, getrennt von palästinensischer Archäologie. Die Zwei treffen sich nicht. Die Ägyptologie beweist unwiderlegbar, dass die biblische Geschichte bis König Ahab tatsächlich eine Fiktion ist.

Bis jetzt sind viele zig Tausende ägyptischer Dokumente entziffert worden und die Arbeit geht noch weiter. Nachdem die Hyksos aus Asien  1730 BC Ägypten überfallen haben, gaben sich die Pharaonen Ägyptens große Mühe, um das Geschehen in Palästina und Syrien zu beobachten. Jahr um Jahr berichteten Spione, Kaufleute und Soldaten ausführlich über die Ereignisse in jeder Stadt Kanaans. Kein einziger Bericht erzählt etwas, das vage biblischen Ereignissen nahe kommt. (Eine einzige Erwähnung  von „Israel“ findet man auf einer ägyptischen Stele, womit ein kleines Gebiet im Süden Palästinas gemeint sein könnte.)

Selbst wenn man gern glauben würde, dass die Bibel wirkliche Ereignisse nur übertreibt, so ist tatsächlich nicht die geringste Erwähnung des Exodus, der Eroberung Kanaans oder über König David gefunden worden.

Dies ist einfach nicht geschehen.

IST DIES von Bedeutung? Ja und nein.

Die Bibel ist kein Geschichtsbuch. Sie ist ein monumentales religiöses und literarisches Dokument, das unzählige Millionen durch die Jahrhunderte inspiriert hat. Sie hat die Gesinnung vieler Generationen geprägt, von Juden, Christen und Muslimen.

Aber Geschichte ist etwas ganz anderes. Die Geschichte erzählt uns, was wirklich geschehen ist. Archäologie ist ein Hilfsmittel der Geschichte, ein außerordentliches Hilfsmittel für das Verständnis für das, was stattfand.

Es sind zwei verschiedene Disziplinen und die beiden werden sich nicht überschneiden. Für die Religiösen wird die Bibel eine Sache des Glaubens sein. Für die Nicht-Glaubenden ist die hebräische Bibel ein großes Kunstwerk, vielleicht das Größte. Archäologie ist etwas völlig anderes, eine Sache nüchterner, bewiesener Tatsachen.

In israelischen Schulen wird die Bibel als wahre Geschichte gelehrt. Das bedeutet, dass israelische Kinder nur ihre wahren oder fiktiven Kapitel lernen. Als ich mich einmal in einer Knessetrede darüber beklagte und verlangte, dass die vollständige Geschichte des Landes während der Jahrhunderte gelehrt werden solle, einschließlich der Kapitel der Kreuzfahrer und der Mameluken, begann der damalige Bildungsminister mich „den Mameluken“ zu nennen.

Ich bin davon überzeugt, dass jedes Kind dieses Landes, das israelische wie das palästinensische, die ganze Geschichte des Landes lernen sollte, von der frühesten Zeit bis heute mit all seinen Schichten. Es ist die Grundlage für Frieden, der wirkliche Felsen unserer Existenz.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Vgl. auch das Buch von Finkelstein und Silberman: „Keine Trompeten vor Jericho“

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Meine ruhmreichen Brüder

Erstellt von Gast-Autor am 8. Februar 2015

Meine ruhmreichen Brüder

 Autor Uri Avnery

ALS ICH 15 war und ein Mitglied des Irgun-Untergrundes (nach den Kriterien von heute eine ehrenhafte terroristische Organisation) sangen wir (in der Vergangenheit) „ wir hatten die Helden  Bar Kochba und die Makkabäer/ jetzt haben wir die neue:/ die nationale Jugend …“ Die Melodie war ein deutsches militärisches Marschlied.

Warum schauten wir nach Helden in ferner Vergangenheit aus?

Wir benötigten verzweifelt nationale Helden, um sie nachzuahmen. 18 Jahrhunderte lang hatten Juden nicht gekämpft. Antisemiten sagten, dass sie eine Rasse von Feiglingen seien. Verstreut in aller Welt sahen sie keinen Grund für Kaiser oder Könige zu kämpfen, die sie meistens verfolgten. (Obgleich einige von ihnen es taten. Der erste authentische Held der neuen zionistischen Entität in Palästina war Josef Trumpeldor, einer der wenigen jüdischen Offiziere in der Armee des Zaren. Er verlor einen Arm im russisch-japanischen Krieg 1905 und wurde bei einem Scharmützel mit Arabern in Palästina getötet)

Also fanden wir die Makkabäer, die Zeloten und Bar Kochba.

DIE MAKKABÄER, zu deren Ehre wir in dieser Woche Chanukka feierten, revoltierten gegen „die Griechen“ 167 v. Chr.  Howard Fast nannte sie in seiner berühmten Novelle „Meine ruhmreichen Brüder“.

Tatsächlich waren „die Griechen“ Syrer. Als das Reich Alexanders des Großen zwischen seinen Generälen aufgeteilt wurde, übernahm Seleucus Syrien und das Land im Osten. Es war dieses Mini-Reich, gegen das die Makkabäer sich erhoben.

Es war nicht nur ein national-religiöser Kampf gegen das Regime, das die hellenische Kultur den Juden aufzwingen wollte, sondern auch ein grausamer Bürgerkrieg. Der Hauptkampf der Makkabäer war gegen die „Hellenisten“, die kulturelle, moderne jüdische Elite, die griechisch  sprach und ein Teil der zivilisierten Welt sein wollte. Die Makkabäer waren fundamentalistische Anhänger der alten Religion.

Mit Ausdrücken der heutigen Zeit waren sie die ISIS ihrer Zeit. Aber das ist nicht das, was wir  lernten (Und was heute in der Schule gelehrt wird.)

Die Makkabäer (oder nach ihrem Dynastie-Namen Hasmonäer) errichteten einen jüdischen Staat, den letzten in Palästina, der 200 Jahre bestand. Im Gegensatz zu Nachfolgern und Imitatoren hatten sie viel politische Weisheit. Schon während ihrer Rebellion kontaktierten sie die aufkommende römische Republik und sicherten sich ihre Hilfe.

Doch die Makkabäer gewannen mit Hilfe eines Zufalls. Ihre Revolte war ein riskantes Abenteuer. Sie verdankten letztendlich ihren Sieg den inneren Problemen, die das Seleukidenreich bedrängte.

Die Ironie dieser Geschichte ist, dass die hasmonäischen Könige selbst durch und durch hellenisiert wurden und griechische Namen trugen.

DIE NÄCHSTE große Rebellion begann im Jahr  66 AD. Anders als die makkabäische Revolte, war es eine total verrückte Affäre.

Die Zeloten gehörten zu verschiedenen einander konkurrierenden Gruppen, die sich bis zum Ende nicht einigen konnten. Ihre Rebellion, die „Große Rebellion“ genannt, war auch eine fanatisch national-religiöse Angelegenheit.

Zu jener Zeit füllten messianische Ideen die Luft in Palästina. Das Land absorbierte religiöse Ideen aus allen Richtungen – hellenische, persische, ägyptische – und  vermischte sie mit den jüdischen Traditionen. Es war in dieser fieberhaften Atmosphäre, als das Christentum geboren wurde und das Buch des Hiob und andere spätere Bücher der hebräischen Bibel  geschrieben wurden.

Während der Messias jeden Moment erwartet wurde, taten jüdische Fanatiker etwas, das unglaublich aussieht: sie erklärten dem römischen Reich, das  damals auf der Höhe seiner Macht stand, den Krieg.  Es ist so, als würde Israel heute den US, China oder Russland gleichzeitig den Krieg erklären – etwas worüber sogar Binjamin Netanjahu  zweimal nachdenken würde, bevor er es in die Tat umsetzen würde.

Es brauchte einige Zeit, bevor die Römer ihre Legionen gesammelt hatten – und das Ende konnte vorausgesehen werden: Die jüdische Gemeinde im Land wurde zerquetscht, der Tempel wurde zerstört (vielleicht durch Zufall) und die Juden wurden aus Jerusalem und vielen anderen Orten in Palästina vertrieben.

Die Zeloten glaubten aber ganz und gar an ihren Gott. Im belagerten Jerusalem, verbrannten sie – obwohl schon fast vor Hunger sterbend – einander den Weizen, sicher, dass Gott sie versorgen würde. Aber Gott scheint anderweitig beschäftigt gewesen zu sein.

Auf der Höhe der Belagerung Jerusalems wurde der hochverehrte Rabbi Jochanan Ben-Zakkai von seinen Schülern in einem Sarg aus der Stadt geschmuggelt und begann mit Wissen und Erlaubnis der Römer mit einer religiösen Schule in Javneh, die der Mittelpunkt einer neuen Art von anti-heroischem Judentum wurde.

DOCH  WURDE die Lektion der Katastrophe der Zeloten nicht gelernt. Weniger als 70 Jahre später begann ein Abenteurer mit Namen Bar Kochba („Sohn eines Sterns“) noch einen Krieg mit dem römischen Reich, noch verrückter als der letzte.

Anfangs siegte Bar Kochba – wie die Zeloten – einige Male, bevor die Römer ihre Militärkräfte versammeln konnten .Zu jener Zeit unterstützten ihn die Rabbiner. Aber sein Größenwahn veranlasste die Rabbiner, ihre Unterstützung aufzugeben. Man sagt von ihm, er hätte Gott gesagt: „Du musst mich nicht unterstützen, aber störe mich wenigstens nicht!“

Die unvermeidbare Niederlage Bar Kochbas war sogar eine noch größere Katastrophe als die vorherige. Massen von Juden wurden in die Sklaverei verkauft, einige  wurden in die römische Arena den Löwen  vorgeworfen. Eine Legende erzählt, dass Bar Kochba mit bloßen Händen mit einem Löwen kämpfte und ihn tötete.

Doch die zionistische Lehre war, dass die Juden mit Gewalt aus Palästina vertrieben wurden, und dass dies der Beginn der Diaspora („das Exil“) wurde, was eine Legende ist. Die jüdische Bauernbevölkerung blieb im Land, und die meisten wurden Christen und später Muslime. Die heutigen Palästinenser sind wahrscheinlich die Abkommen dieser jüdischen Bevölkerung, die an ihrem Boden festhielt. Schon David Ben-Gurion hat diese Theorie einmal vermutet.

Die jüdische Religion wurde tatsächlich im babylonischen Exil geboren, etwa 500 Jahre vor Christus und von Anfang an lebte die Mehrheit der Juden außerhalb Palästinas, in Babylon, Ägypten, auf Zypern und in vielen anderen Ländern rund ums Mittelmeer. Palästina blieb ein bedeutendes religiöses Zentrum, das eine wichtige Rolle in der Übergangszeit des Judentums zu einer Diaspora-Religion wurde, die sich vor allem auf den Talmud gründete.

DAS CHANUKKA-Fest symbolisiert den Wandel des Judentums nach der Zerstörung des Tempels   – und dem Gegenwandel, der durch die Zionisten in moderner Zeit bewirkt wurde.

Die Rabbiner waren gegen den Heldenkult, ob sie nun gottesfürchtig waren oder nicht. Sie machten die Schlachten der Makkabäer unbedeutend und fanden einen anderen Grund, um  Chanukka zu feiern. Es schien so, als ob ein großes Wunder geschehen sei, das viel bedeutender war als die militärischen Siege: als der Tempel wieder eingeweiht wurde, nachdem er von den „Griechen“  entweiht worden war, reichte das Öl im Leuchter nur noch für einen Tag. Durch göttliche Einmischung reichte die kleine Menge Öl eine ganze Woche lang. Chanukka  ist diesem großen Wunder gewidmet.(Chanukka bedeutet buchstäblich Einweihung).

Das Buch der Makkabäer, das vom Kampf und dem Sieg erzählt, wurde in die hebräische Bibel nicht aufgenommen. Das hebräische Original ist verloren gegangen.

(Chanukka war, wie Weihnachten, ursprünglich ein heidnisches Fest, das zur Wintersonnenwende  gefeiert wurde, so wie das Passahfest und Ostern sich auf heidnische Feiern –  die Frühlings-Tag-und Nachtgleiche – gründen.

Die jüdischen Weisen waren entschlossen, ein für allemal die Sucht nach Revolten und militärischen Abenteuern auszumerzen. Chanukka wurde nicht nur in ein harmloses Fest des heiligen Öls verwandelt, die Zeloten und Bar Kochba wurden ignoriert oder in rabbinischen Schriften verharmlost. Dies gestaltete das Judentum und das jüdische Leben bis zum heutigen Tag.  Die Juden sollen Gott anbeten und nicht menschliche Helden.

So war es, bis der Zionismus auf der Bühne erschien. Die alten Helden wurden wieder erweckt, und man verwandelte sie nachträglich in Zionisten. Die Makkabäer, die Zeloten und Bar Kochba wurden unsere Vorbilder. Der Massen-Selbstmord der Zeloten auf dem Massadaberg nach der großen Revolte wurde als Ruhmestat gefeiert; Generationen von Kindern wurden und wird es gelehrt und sie bewundern sie.

Heute haben wir nationale Helden in Hülle und Fülle und brauchen all diese alten Mythen nicht mehr. Aber Mythen sterben langsam, wenn überhaupt. Immer mehr Stimmen von Historikern und ähnlichen Leuten zweifeln vorsichtig an ihrer Rolle in der jüdischen Geschichte. (Ich könnte der erste gewesen sein, der in einem Aufsatz vor Jahrzehnten darüber schrieb).

ALL DIES  mag das Sprichwort bestätigen: „Nichts ändert sich so sehr wie die Vergangenheit. Oder mit Goethes Worten: „Was ich den Geist der Zeiten nenne/ das ist der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln“.

Der Zionismus war eine große spirituelle Revolution. Er nahm eine alte ethnisch-religiöse Diaspora und schuf eine moderne Nation nach europäischer Art. Um dies zu bewirken, muss er als erstes die Geschichte neu schaffen.

Er konnte sich auf die Arbeiten einer neuen Generation jüdischer Historiker gründen, die von Heinrich Graetz angeführt wurde, der ein neues Bild der jüdischen Vergangenheit malte, die von deutschen nationalistischen Historikern ihrer Zeit  beeinflusst war. Graetz selbst starb ein paar Jahre vor dem ersten zionistischen Kongress, aber  sein Einfluss war und bleibt sehr groß.

Während die Deutschen Herman, den Cherusker, wieder erweckten und eine riesiges Denkmal für ihn dort errichteten, wo sein großer Sieg über die Römer im Teutoburger Wald  stattfand – kurz vor der jüdischen Großen Revolte –  erweckten die frühen Zionisten die jüdischen Helden, ignorierten aber die Katastrophe, die sie verursachten. Viele europäische Völker, große und kleine taten dasselbe. Es war der Zeitgeist.

Drei Generationen israelischer Kinder wuchsen vom Kindergarten an mit diesen Mythen auf. Sie werden so fast völlig von der Weltgeschichte abgeschnitten. Sie lernen, dass die Griechen das Volk waren, deren Joch von den Makkabäern abgeschüttelt wurde, aber sie lernen fast nichts über die griechische Philosophie, Literatur und Geschichte. So wird eine sehr enge, egozentrische Einstellung geschaffen – gut für Soldaten, aber gar nicht  gut für  Menschen, die Frieden machen wollen.

Diese Kinder lernen nichts  über die Geschichte der Araber, über den Islam und den Koran. Für sie ist der Islam eine primitive, mörderische Religion, die darauf erpicht ist, Juden zu töten.

Die Ausnahme ist das autonome orthodoxe Schulsystem, das nichts anderes als den Talmud lehrt und deshalb gegenüber dem Heldenkult immun ist, aber auch gegenüber der Weltgeschichte (natürlich mit Ausnahme der Pogrome).

Die große politische Veränderung, die wir dringend benötigen, muss von einem großen Wandel unserer historischen Anschauung begleitet werden.

Die Helden der Antike benötigen vielleicht eine Revision ihres Ranges.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Kann der Herzog König werden?

Erstellt von Gast-Autor am 25. Januar 2015

Kann der Herzog König werden?

 Autor Uri Avnery

AM MONTAG stimmte die Knesset zu, sich selbst aufzulösen, weniger als zwei Jahre nach ihrer letzten Wahl.  Für viele  ihrer Mitglieder war es ein trauriger Tag, eine Art politischer Hara-kiri. Sie haben nicht die Chance, wieder gewählt zu werden.  Einige von ihnen sind so, dass man sie getrost vergessen kann: ich kann mir ihre Namen und ihre Gesichter nicht ins Gedächtnis zurückrufen.

Am Tag danach  explodierte in den TV-Nachrichten eine Bombe. Kanal 10 – etwas  liberaler als die beiden andern Kanäle — veröffentlichte die Ergebnisse  einer  schnellen öffentlichen Meinungsumfrage durch einen geachteten Meinungsforscher.

Sie waren  erstaunlich.

DAS ERSTE Ergebnis war, dass die Labor-Partei nach ihrer erwarteten Vereinigung mit Zipi Livnis „Bewegungs-Partei“ in der nächsten Knesset die größte Partei sein wird.

Die Israelis schnappten nach Luft. Was? Labor? Eine Partei, die  viele für klinisch tot hielten?

Natürlich ist dies nur die erste von Hunderten von Meinungsumfragen vor dem Wahltag am 17. März 2015. (Seitdem haben andere Umfragen ihre Ergebnisse bestätigt.)

Ein zweites Ergebnis war, dass der Likud an zweiter Stelle genau dieselbe Anzahl von Sitzen bekäme, ob er nun von Benjamin Netanjahu geleitet würde oder von seinem   Herausforderer Gideon Sa’ar, einem glanzlosen Parteifunktionär  (und einem früheren Angestellten von mir). Als Innenminister tat er sich  hauptsächlich dadurch hervor, dass er afrikanische Asylsuchende verfolgte. (Er hat sich seitdem zurückgezogen.)

Ist es möglich?   Dass Netanjahu der Große, der „freundliche Bibi“ des  Time-Magazins, nicht länger ein Stimmenmagnet ist?

Die Partei von Yair Lapid, der Held der letzten Wahlen, schrumpft auf die Hälfte der Sitze. Wie die Staude  im Buch Jonah, „die in einer Nacht hochwuchs (und Schatten spendete) und in einer Nacht verdorrte“).

Aber die wirkliche Sensation der Meinungsumfrage war etwas anderes: obwohl Netanjahu noch immer die Liste bevorzugter Kandidaten für den Minister-präsidenten anführte, kam Jitzhak Herzog, der Führer von Labor so nah an ihn heran, um praktisch  keinen Unterschied zu machen.

Nur einen Monat zuvor wäre solch ein Ergebnis wie ein lustiger Witz  erschienen. Zu jener Zeit hatte Netanjahu die unanfechtbare  Führung, der über allen anderen emporragte. Nach  konventioneller Weisheit  hieß es: „da gibt es keinen anderen“.

Doch jetzt gibt es einen. Herzog! Herzog?

HERZOG IST ein deutsches Wort. Jitzhak, allgemein Buji genannt (seine Mutter nannte ihn als Kind so), ist tatsächlich „aristokratischen“ Ursprungs.

Sein Großvater, Jitzhak Herzog (nach dem er- nach jüdischer Tradition genannt wurde)  war der Oberrabbiner von  Irland. Er hatte einen solch guten Ruf, dass er in den 30erJahren berufen wurde, der Aschkenazi-Oberrabbiner von Palästina zu werden. Er wurde  (vergleichsweise) für liberal gehalten.

Sein Sohn Chaim studierte in England und zeichnete sich als Boxer aus und schloss sich der britischen Armee im 2. Weltkrieg an. Er diente als Nachrichtenoffizier in Ägypten, als er dort Susan Ambash, die Tochter einer reichen lokalen jüdischen Familie traf.

Die beiden Ambash-Mädchen wurden   samstags in die Synagoge geschickt. An einem Schabbat trafen sie zwei jüdische  Offiziere, die sie zum Schabbat-Mahl nach Hause einladen durften. Der eine war Chaim Herzog und der andere Aubey (Abba) Eban. Sie heirateten sie.

Im 1948er-Krieg schloss sich Chaim Herzog der neuen israelischen Armee als Offizier des Nachrichtendienstes an; schließlich wurde er General und Chef des Armee-Nachrichtendienstes. Nach Verlassen der Armee gründete er das, was die größte und reichste israelische Firma  der Rechtsanwälte wurde.

Aber seine wirklichen Ruhmestage kamen vor dem des Sechs-Tage-Krieg.  Drei Wochen lang wurde Israel Opfer akuter Ängste. Einige sprachen davon, dass ein zweiter Holocaust komme. Während dieser Zeit hatte General Herzog ein tägliches Programm im Radio. Es gelang ihm, die öffentliche Stimmung mit seiner  nüchternen, sensiblen Analyse zu beruhigen. Weder verkleinerte noch übertrieb er die bevorstehende Gefahr.

Die Menschen belohnten ihn mit der Präsidentschaft des Staates. Auf diesem Posten war er mehr Brite als Israeli. Ein Beispiel: in einer Zeit, als ich von allen leitenden Persönlichkeiten des Establishments  boykottiert wurde, wurde ich von einer Einladung  überrascht:  zu einem privaten Essen  mit ihm in die Präsidentenresidenz.

Wir hatten ein freundliches Gespräch ohne besondere Themen. Er wollte mich nur kennen lernen.

Ich benützte die Gelegenheit und bat ihn inständig um seine Einmischung bei den Sicherheitsarrangements am Ben-Gurion-Flughafen, wo arabische  Bürger  routinemäßig aus der anstehenden Reihe herausgeholt wurden (und noch werden) und in demütigender Weise  durchsucht werden. (Er versprach es, aber nichts änderte sich.)

Ich hatte ein ähnliches Mahl  mit seinem Bruder Jakob, der damals Generaldirektor des  Minister-Präsidentenamts war. Von den beiden Brüdern  wurde Jakob als der mit herausragendem Verstand angesehen.  Ich predigte damals wie heute die Zwei-Staaten-Lösung, die zu jener Zeit in Israel und in aller Welt total zurück gewiesen  wurde. Während des Essens sagte Jakob, er würde gerne meine Argumente für diese Lösung  hören und nahm mich ins Kreuzverhör –   das war wieder eine britische und keine israelische Haltung.

JITZHAK HERZOG diente in der Armee auch im Nachrichtendienst, bevor er zum Kabinettsekretär ernannt wurde. Als er sich wie sein Vater der Labor-Partei anschloss, wurde er Mitglied der Knesset und Minister von verschiedenen kleineren Ministerien.

Zart gebaut, mit blauen Augen und heller Hautfarbe sieht Herzog (54)  eher wie ein Engländer aus denn als Israeli. Er spricht sanft und drückt sich in moderater Weise aus und hat keine Feinde. Er ist das Gegenteil eines typisch israelischen Politikers.

Er überraschte jeden, als er jemand von diesen  besiegte. Sheli Jachimovitch ist  schroff, offen und streitlustig, eine resolute Sozialistin, die nicht zögert, den Leuten auf die Füße zu treten. Sie brachte zu viele Kollegen gegen sich auf und wurde  abgewählt. Buji wurde Führer der Partei und automatisch „Führer der Opposition“, ein Titel und Status, entsprechend dem Gesetz für den Führer der größten Oppositionspartei.

(Einer der kleinen politischen Scherze: Herzog war dabei, diesen Titel und die Sozialleistungen, die damit verbunden sind, zu verlieren, als Netanjahu Lapid entließ, dessen Knesset-Fraktion größer als Labor ist. Da die Knesset sich auflöst, erbte Lapid den Titel nicht.)

ALS HERZOG die Parteiführung übernahm, verlor er keine Zeit, sich jetzt selbst zum Kandidaten als Ministerpräsident zu erklären. Dies wurde allgemein mit einem toleranten Lächeln entgegen genommen.

Jetzt scheint dies, zum ersten Mal  möglich zu sein. Wahrscheinlich, aber das Unmögliche ist  möglich geworden. Das Undenkbare denkbar. Dies ist an sich schon eine Revolution.

Während der letzten Jahre sind die israelischen Medien von der Idee besessen gewesen, „Israel  bewege sich zur Rechten hin“. Dass Netanjahu – so schlecht er ist – jenen vorzuziehen ist, die  ihm unweigerlich folgen würden  – Faschisten, Kriegstreiber, Araberfresser.

Es war fast Mode, zu erklären, dass die Linke erledigt sei, tot, verstorben. Unter den Kommentatoren – besonders unter den Linken-  ist es unerlässlich,  die restlichen Linken zu verhöhnen.  Arme  Kerle (und natürlich arme Mädels) Sie können nicht sehen, was vor sich geht. Sie hegen  Illusionen,  pfeifen in der zunehmenden Dunkelheit.

Und plötzlich gibt es eine Chance – zwar eine entfernte, aber eine Chance,  dass die Linke wieder an die Macht kommt.

WARUM? WAS ist  geschehen?

Die einfachste Erklärung ist, dass die Leute von „Bibi“ genug hatten. Netanjahu ist eine Person, von der man schnell die Nase voll hatte. Tatsächlich  ist ihm dies vorher geschehen.  Sarahle, seine Frau, die allgemein unbeliebt ist, hilft auch nicht.

Aber ich glaube, es hat noch einen tieferen Grund. Die Meinungsumfrage zeigt, der Likud würde mit einem anderen Hauptkandidaten nicht besser fahren. Hat der Likud seinen Kontakt verloren?

Zwei Faktoren haben dazu beigetragen:

Zunächst  Moshe Kachlon, ein vormaliger typischer Likud-Anhänger, unter seinen Parteigenossen sehr populär, verlässt,  ohne einen Grund anzugeben, seine Partei.

Als Minister für das Kommunikationswesen, einem sehr kleinen Ministerium, war Kachlon  sehr beliebt geworden. Er nahm sich der Großindustriellen der Mobil-Telefone an, brach ihr Monopol, führte einen Wettbewerb ein  und halbierte die Preise. Es ist schwer, sich einen jungen Israeli – männlich oder weiblich – ohne ein Mobiltelefon am  Ohr vorzustellen. So wurde er ein Held.

Jetzt hat Kachlon, der nur zwei Monate jünger als Herzog ist, verkündet, dass er dabei ist,  eine neue Partei zu gründen.  Sie wird  „Kulanu“ (Wir alle) genannt. Obwohl sie noch keine Kandidaten hat, tauchte sie in der Meinungsumfrage schon mit zehn Sitzen auf – meistens frühere Likudwähler.

Dies ist aus mehreren Gründen unglaublich bedeutsam. Erstens besteht die Grundwählerschaft des Likud aus orientalischen Juden, auch wenn Menachem Begin, Netanjahu und die meisten ihrer Kollegen Aschkenazim waren bzw.  sind. Kachlon  ist so orientalisch wie man sich nur denken kann: seine Eltern kommen aus Tripoli (Libyen). Sie  haben sieben Kinder und Moshe wuchs  mit ihnen in einem armen Immigrantenviertel auf.

Den Einfluss des Likud  auf die orientalische Gemeinschaft, ist äußerst bedeutsam.  Speziell wenn Kachlon Begin als den Führer zitiert, der die ganze Sinai-Halbinsel für Frieden mit Ägypten aufgab. Sein „moderater Likud“  könnte in der nächsten Knesset das ganze Gleichgewicht zwischen  dem rechten Flügel und Mitte-Links verändern. Und genau dies zählt.

Der zweite Faktor:  Bennetts extrem rechte Partei,  die religiös-nationalistische „Jüdisches Heim“ -Partei( manche sagen Faschisten) gewinnt an Stärke – auch sie gewinnen  Stimmen  vom Likud. Naftali Bennet,  glatt, liebenswürdig, mit der kleinsten Kippa der Welt auf seinem Kopf findet auch bei säkularen Wählern Anklang.

Er ist 12 Jahre jünger als Herzog und Kachlon.

Gewöhnlich halten die orthodoxen Parteien den Schlüssel. Da sie sich weder um den linken noch den rechten Flügel kümmern und nur sich selbst verbunden sind, können sie wählen.

Lange Zeit waren sie die Verbündeten von Labor. Während der letzten paar  Jahrzehnte waren sie automatisch Verbündete der Rechten. Nach den letzten Wahlen ließ Netanjahu  sie wegen des ultra-säkularen Lapid fallen. Nun sind sie dabei, sich zu rächen. Da Herzog der Enkel eines Oberrabbiners ist, ist er wählbar.

HERZOG HATTE seinen ersten Erfolg bei der  augenblicklichen Kampagne, als er mit Zipi Livni, eine  gemeinsame Liste aufstellte. Nun ist es an ihm, den Moment fest zu halten und    – möglicherweise – Bündnisse mit Lapid, Kachlon und Meretz zu knüpfen.  Falls er  bei den Wahlen erfolgreich ist, muss er seine Hände  nur noch nach den Orthodoxen und den Arabern ausstrecken.

In der letzten Woche  skizzierte ich diese Vision. In dieser Woche hat sie sich einen kleinen, aber bedeutsamen Schritt  der Realisierung genähert.

Kann der Herzog König werden?  Das ist es, was uns die Geschichtsbücher erzählen. Aus dem Herzogsgeschlecht der Hohenzollern  kamen Könige und Kaiser.

(Aus dem Englischen übersetzt: Ellen Rohlfs, vom Verfasserautorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Sohn meiner Augen

Erstellt von Gast-Autor am 11. Januar 2015

Der Sohn meiner Augen

Autor Uri Avnery

DER PRÄSIDENT Israels war  entsetzt.

 Rubi Rivlin, der vor kurzem auf den hohen, aber  vor allem zeremoniellen Posten gewählt worden war,  ist weit entfernt, ein Linker zu sein. Im Gegenteil. Dieser Abkömmling einer Familie, die schon seit sieben Generationen in Jerusalem lebt, glaubt an einen jüdischen Staat im ganzen Land vom Mittelmeer bis zum Jordan.

Aber Rivlin ist ein wirklich Liberaler. Als er das Gedicht las, war er zutiefst schockiert. Dann erinnerte er sich, dass der Verfasser dieses „Meisterstücks“ in die Residenz des Präsidenten eingeladen war, um dort aus seinen Werken vorzulesen. Er wurde prompt ausgeladen.

Dafür  wurde der Präsident von vielen Seiten angegriffen.  Wie konnte er es wagen? Wie ist es mit der künstlerischen Freiheit?

DER „POET“, um den es hier geht, ist einer namens Amir Benayoun, ein populärer  „orientalischer“ Volksliedsänger. „Orientalische“ Musik bedeutet in diesem Kontext Melodien, die von orientalischen Juden bevorzugt werden, sich aber auf arabische Musik aus ihren früheren Heimatländern gründet – mit primitiver Lyrik über Liebe und Ähnliches.  Das berufliche Los von Benayoun nahm ab, aber „Das Gedicht“ baute ihn wieder auf  – und wie! Er wurde  zum Mittelpunkt einer  stürmischen nationalen Debatte: alle Medien diskutierten ihn lang und breit, sogar Haaretz druckte es  wortwörtlich. Politiker, Kommentatoren und jeder, der oder die sich selbst respektiert,  pries oder verurteilte es.

Der imaginäre Sprecher des  Gedichtes ist ein Araber mit Namen Ahmed, der davon träumt, Juden zu töten, besonders jüdische Babies.

Meine eigene Übersetzung:

„Salam Aleikum – Friede sei mit euch. Ich werde Ahmed genannt/ und ich lebe in Jerusalem/Ich studiere an der Universität  ein oder zwei Fächer/ Wer erfreut sich aller Welten so wie ich/ heute bin ich moderat und lächle/ Morgen werde ich in den Himmel steigen/ Und werde einen oder zwei Juden in die Hölle schicken/  Es ist wahr

Ich bin nur undankbarer Abschaum/ Es stimmt, aber ich bin nicht schuld daran, Ich wuchs ohne Liebe auf. Der Augenblick wird kommen,/ wenn du mir den Rücken zukehrst/ dann werde ich  die  geschliffene Axt in dich hauen.

Ich bin Ahmed, der in der Zentralregion lebt/ ich arbeite neben einem Kindergarten/ und bin verantwortlich für die Gas-Container/. Wer wie ich  sich an zwei Welten erfreut/: heute bin ich hier und morgen werde ich nicht hier sein/ viele von ihnen, ja sehr viele von ihnen/ werden nicht hier sein/ Es stimmt, dass ich außer Abschaum nichts bin/. Es stimmt, dass ich unschuldig bin/ ich wuchs ohne Liebe auf. Es ist wahr, dass der Moment kommen wird/ dass du deinen Rücken zu mir kehrst/ und dann werde ich  die geschärfte Axt in dich schlagen. / Es stimmt, dass ich nichts bin außer undankbarer Abschaum/ Es ist wahr, aber ich bin nicht schuldig/ ich wuchs ohne Liebe auf. Es ist wahr, der Moment wird kommen/, wenn du deinen Rücken zu mir kehrst/, dann werde ich dich geradewegs in den Rücken schießen.

ERSETZE DAVID durch Ahmed und Berlin oder Paris durch Jerusalem und du hast ein perfektes anti-semitisches Gedicht. Es ist  ganz sicher, dass der Bundespräsident den Autor nicht zum Tee in seine Residenz einladen würde.

Aber der Präsident von Israel wurde von allen Seiten angegriffen, weil er die Einladung  gestrichen hat. Die vom rechten Flügel griffen ihn an, weil er einen wahren Patrioten zurückgewiesen hat, viele linke  Gutmenschen lehnten ihn im Namen der Gestaltungsfreiheit und universaler Toleranz ab.

Als ich ein neunjähriger Junge in Deutschland war, hörte ich den Ohrwurm: „Wenn Judenblut vom Messer spritzt, dann geht alles noch mal so gut.“ Falls der Autor noch leben sollte, würden deutsche Liberale fordern, dass ihm künstlerische Freiheit gewährt wird?

Benayoun (39) trägt einen arabischen Namen. Benayoun kommt vom arabischen Ausdruck  für Zärtlichkeit „Sohn meiner Augen“.  Sein erster Name klingt wie der arabische  Titel „Amir“ (Prinz), obwohl es anders geschrieben  wird. Er wurde in  einem Slum von  Beersheba geboren; seine Eltern sind Immigranten aus Marokko. Sie könnten arabische Juden genannt werden, wie meine Eltern deutsche Juden genannt wurden.

Benayoun war zu Beginn kein Fanatiker; aber als sein Bruder eine extremere Form der jüdischen Religion annahm, folgte er seinem Beispiel. Dieser Vorgang, den man „Rückkehr zum Glauben“ nannte, wird fast immer von fanatischem  Rassismus begleitet.

Der Dichter behauptet, dass sein geistlicher Meister der Messias sei. Er trägt keine Amulette, nur eine Dollargeldnote, die ihm vom verstorbenen  Rabbi von Lubawitz gegeben wurde, der, wie seine US-Jünger behaupten, der Messias sei und der nicht verstorben sei. Benayoun’s  poetisches „Meisterstück“ von schierem, reinem Hass reflektiert die Gesinnung eines großen Teils der israelischen Juden im Augenblick. Die letzten Ereignisse in Jerusalem haben ein Klima geschaffen, in dem ohne Schamgefühl rassistischer Hass seinen hässlichen Kopf hebt.

DAS ZENTRUM des Rassismus ist die Regierung selbst. Sie wird vollkommen von der extremsten Rechten beherrscht – tatsächlich gibt es nichts Rechteres.

Seit ihrer Einsetzung  scheint diese Regierung (abgesehen vom Gaza-Krieg)  nichts getan zu haben, außer rassistische Gesetze zu  erlassen. Fast jede Woche hören wir von einer  Initiative, doch noch ein Gesetz  zu machen, das noch schlimmer ist, als das letzte.

Vor nur drei Tagen initiierte der Minister für Innere Sicherheit, ein Lakai von Avigdor Lieberman, ein Gesetz, das die arabische Tempelwache als „ungesetzliche Organisation“ definiert – das Äquivalent einer Terroristengruppe. Diese Wache wird  vom Waqf (eine muslimisch gemeinnützige Verbindung) beschäftigt, die den Auftrag hat, den Tempelberg nach internationalem  Abkommen mit Jordanien zu bewachen.

Diese Wache kann die  Heiligen Stätten nicht vor der israelischen Polizei verteidigen, aber sie kann Muslime  vor sich nähernden Juden warnen, die zum Beten kommen, was verboten ist. Die Wache zu beseitigen, würde bedeuten, dass  die jüdischen Fanatiker und zynischen Politiker den Tempelberg  noch mehr beherrschen.

Diese Maßnahme  zu genau diesem Zeitpunkt ist eine direkte Provokation. Sie bestätigt die dunkelsten muslimischen Befürchtungen, dass Israel  dabei sei, den Status Quo zu verändern und den Tempelberg in eine jüdische Gebetsstätte zu verwandeln.

Warum sollte ein Polizeiminister dies genau jetzt tun, während Jerusalem  in Flammen steht und die ganze muslimische Welt sich geschlossen sammelt, um die Heilige Stätte zu verteidigen? Ist er verrückt?

Überhaupt nicht.  Es ist genau dies, womit er mit den andern Politikern in Konkurrenz tritt: in die  Schlagzeilen zu kommen. Und wie Benayoun   gerade jetzt  den Hass der „ Araber“ zeigt,  ist es der Hass gegen „die Araber“, der auf dem Markt der heißeste Artikel ist.

Dann gibt es noch das vorgeschlagene Gesetz, das der Knesset-Mehrheit erlauben würde, die Knesset-Mitgliedschaft eines jeden Delegierten zu entziehen, der „den  bewaffneten Kampf gegen Israel gut heißt!“ Wer entscheidet?  Die Knesset-Mehrheit natürlich. Sie würde als Ankläger, Richter und Henker gleichzeitig handeln.

Diese Gesetzesvorlage  ist klar gegen Hanin Zuabi gedacht, ein provozierendes, weibliches,  arabisches Mitglied, das von der Knesset  schon  für ein halbes Jahr verbannt wurde (außer bei Abstimmungen).

Eine andere Maßnahme ist für Terroristen und ihre Familien die Annullierung des Wohnrechts in Jerusalem. (Arabern wurde im annektierten Ost-Jerusalem  nicht das Bürgerwohnrecht zugestanden, sondern nur ein „Vorübergehendes Bürgerrecht“. Dies kann jederzeit widerrufen werden.

In der vergangenen Woche wurde tatsächlich einem lokalen Araber das Wohnrecht entzogen. Er wurde angeklagt, einen anderen Araber nach Tel Aviv gefahren zu haben, wo der Passagier in einem Pub einen Selbstmordanschlag verübte. Dies geschah vor etwa 13 Jahren. Der Fahrer protestierte, dass er keine Ahnung gehabt hätte, was sein Passagier vorhatte.  Er wurde trotzdem ins Gefängnis gesteckt. Jetzt wird er aus Jerusalem ausgewiesen.

SOLCHE GESETZESVORLAGEN, Gesetze und Aktionen füllten jeden Tag die Nachrichten.

Seit ihrer Amtseinführung schließt die augenblickliche Knesset eine Gruppe von etwa  20 Mitgliedern ein, die man in andern Ländern Neo-Faschisten  genannt haben würde. Die meisten von ihnen sind führende Likud-Mitglieder, die andern gehören  rivalisierenden Koalitionsfraktionen an. Sie konkurrieren wild mit einander. Sie sind wie 20 Katzen in einem Sack.

Anscheinend verbringen diese Mitglieder ihre Tage damit, über  noch grausamere anti-arabische Maßnahmen  nachzudenken.  Diese erzeugen Schlagzeilen und   heischen öffentliche  Aufmerksamkeit. Je  grausamer, desto größer die Schlagzeilen und  desto länger die TV-Interviews. Diese  sorgen für allgemeine Aufmerksamkeit innerhalb ihrer Parteien und garantieren Wiederwahl.

Wenn man keine anderen Qualitäten hat, so wird dies allein für eine erfolgreiche politische Karriere sorgen.

SEIT MEHREREN Wochen ist jetzt das Zentrum der Aktivitäten eine Gesetzesvorlage gewesen, die „Gesetzesvorlage: Israel, der Nationalstaat für das jüdische Volk“ genannt wird. Israel hat keine Verfassung. Von  Anfang an hat die religiös-säkulare Kontroverse dies verhindert.

Doch die Unabhängigkeitserklärung vom Mai 1948, die keinen legalen Status besitzt, definiert Israel als einen „Jüdischen Staat“ und versprach nicht-jüdischen Bürgern vollkommene  Gleichheit. Später definierten Grundgesetze Israel als einen „Jüdischen und demokratischen Staat“,  dem sie den beiden Komponenten, die oft gegensätzlich schienen, den gleichen Wert  gaben.

Die verschiedenen Versionen der neuen  Gesetzesvorlagen definieren Israel nur als einen „jüdischen Staat“, setzen den „demokratischen“ Aspekt zu einem Status zweiter Klasse herab. Sie löschten das Wort „Gleichheit“ vollkommen. Arabisch, das bis jetzt die zweite offizielle Sprache  war, wird ihren Status verlieren. Diskriminierung,  bis jetzt  heimlich praktiziert, wird nun legal und öffentlich.

Diese Version wurde letzten Sonntag offiziell  von der Regierung  angenommen. Doch Benjamin Netanjahu versprach, eine moderatere Version zu liefern, bevor die Maßnahmen zur letzten Abstimmung vor die Knesset kommen.

Netanjahu fürchtet zu Recht, dass die augenblickliche Version eine weltweite  Reaktion hervorrufen würde. Die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ würde weit weniger demokratisch werden. Tunis könnte dieser Titel zukommen.

So weit, wie augenblicklich bekannt ist, wird Netanjahus Version – die wahrscheinlich am Ende angenommen wird – die Bezeichnung „jüdisch und demokratisch“ wieder herstellen, aber den Terminus „Gleichheit“ weglassen. Die Rechte der individuellen nicht-jüdischen Bürger werden aufrecht erhalten, aber irgendwelche kollektiven Rechte für nicht-jüdische Gemeinschaften, was Sprache, Religion und Bildung betreffen, abgeschafft.

Präsident Rivlin hat die Gesetzesvorlage  kaum denunziert, was man ihm zugute- halten muss. Führende Juristen haben sie für „überflüssig“  gehalten, da sie zweifeln, dass sie irgendeinen realen Wandel bringen. Liberale Kommentatoren sprachen sich gegen sie aus  „moderate“ Koalitions-Mitglieder  haben damit gedroht, gegen sie zu stimmen oder sich wenigstens der Stimme zu enthalten. Wahrscheinlich  wird am Ende aus der ganzen  Plänkelei sehr wenig herauskommen.

Aber die Tatsache, dass man auf der Attacke gegen Demokratie eine Karriere aufbauen kann,  und  den Hass  gegen Israels 1,7 Millionen arabische Bürger – mehr als 20% der Bevölkerung –  schürt,  ist beängstigend.

ÜBRIGENS HAT keiner die sieben Millionen Juden außerhalb Israels über  die Sache nachgefragt.

Was denken sie über die Idee, dass Israel der „Nationalstaat des jüdischen Volkes“ ist? Glauben sie, dass es überhaupt  ein „jüdisches Volk“ gibt? Wollen sie  gezwungen sein, Israel gegenüber Loyalität ausüben zu müssen? Fürchten sie,  wegen doppelter Loyalität angeklagt zu werden?

Wollen sie nicht wenigstens befragt werden?

Doch  zum Teufel noch mal – wer  sind sie schon? Warum soll man sie fragen?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die unheilige Stadt

Erstellt von Gast-Autor am 4. Januar 2015

Die unheilige Stadt

Autor Uri Avnery

IN SEINER langen und kontroversen  Geschichte ist Jerusalem von vielen Eroberern besetzt worden.

Von   Babyloniern  und Persern, Griechen und Römern, Mameluken und Türken, Briten und Jordaniern – um nur ein paar zu erwähnen.

Der letzte Besatzer ist Israel,  das Jerusalem 1967 eroberte und annektierte.

(Ich könnte  „Ost-Jerusalem“ geschrieben haben – aber das historische Jerusalem ist im heutigen Ost-Jerusalem. Alle andern Teile wurden  erst in den letzten 200 Jahren  von  jüdischen Siedlern gebaut oder  arabische Dörfer  der Umgebung sind  willkürlich dem  riesigen Areal angeschlossen worden, das jetzt  nach der Besetzung Jerusalem genannt wird. )

In dieser Woche stand Jerusalem wieder in Flammen. Zwei Jugendliche aus Dschebel Mukaber, einem der annektierten  arabischen Dörfer, betraten während des Morgengebets eine Synagoge im Westen der Stadt und töteten vier fromme Juden, bevor sie selbst von der Polizei getötet wurden.

Jerusalem wird „Die Stadt des Friedens“ genannt. Das ist ein linguistischer Fehler. In der Antike wurde sie zwar Salem genannt, das wie  Frieden klingt, aber Salem war tatsächlich der Name der lokalen kanaanäischen Gottheit.

Es ist auch ein historischer Fehler. Keine Stadt der Welt hat so viele Kriege, Massaker und Blutvergießen erlebt wie diese.

Alles im Namen irgendeines Gottes.

JERUSALEM WURDE  unmittelbar  nach dem Sechs-Tage-Krieg, 1967,  annektiert  (oder „befreit“ oder „vereinigt“).

Dieser Krieg wurde Israels größter militärischer Triumph. Er war auch Israels größtes Unglück.  Der göttliche Segen des unglaublichen Sieges verwandelte sich in göttliche Strafe. Jerusalem war ein Teil davon.

Die Annexion wurde uns – ich war damals Knesset-Mitglied- als eine Wiedervereinigung der Stadt dargestellt, die  im israelisch-palästinensischen Krieg von 1948 grausam auseinander gerissen worden war. Jeder zitierte den biblischen Satz: „Jerusalem  ist  eine Stadt, in der man zusammenkommt.“ Diese Übersetzung von Psalm 122 ist ziemlich merkwürdig. Das hebräische Original sagt einfach: „eine Stadt, die fest vereinigt ist“.

Was 1967 tatsächlich geschah, war alles andere als Vereinigung.

Wenn wirklich die Absicht  bestanden hätte, es zu vereingen,  hätte dies sehr anders ausgesehen.

Die volle israelische Staatsbürgerschaft wäre automatisch allen Bewohnern   gegeben worden. Alle verlorenen arabischen Besitztümer in Westjerusalem, die 1948 enteignet wurden, wären ihren rechtmäßigen  Besitzern, die nach Ostjerusalem geflohen waren, zurückgegeben worden.

Der Jerusalemer Stadtrat wäre erweitert worden, um die Araber aus dem Ostteil zu integrieren, auch ohne spezielle Bitte. Und so weiter.

Das Gegenteil geschah. Kein Besitz wurde  zurückgegeben, noch eine Kompensation gezahlt. Der Stadtrat blieb ausschließlich jüdisch.

Die arabischen Bewohner bekamen keine israelische Staatsbürgerschaft, sondern nur  „ein permanentes Wohnrecht“. Dies ist ein Status, der  jeden Moment willkürlich zurückgezogen werden kann –  und in vielen Fällen widerrufen wurde; wobei man die  Opfer zwang, aus der Stadt auszuziehen.  Um den Anschein zu wahren  wurde es Arabern erlaubt, die israelische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Die Behörden wussten natürlich, dass dies nur ein paar  tun würden; denn wenn sie das getan hätten, hätten sie die Besatzung anerkannt. Für die Palästinenser hätte dies Hochverrat bedeutet. (den wenigen, die den Antrag stellten, wurde  er gewöhnlich verweigert.)

Das Gemeindeamt wurde nicht erweitert. Theoretisch sind Araber berechtigt, bei den Gemeindewahlen ihre Stimme abzugeben, aber nur wenige taten dies – aus denselben Gründen.  Praktisch blieb Ost-Jerusalem ein besetztes Gebiet.

Der Bürgermeister Teddy Kollek wurde zwei Jahre vor der Annexion gewählt.  Eine seiner ersten Aktionen danach war, dass er das ganze marokkanische Viertel neben der Klagemauer abreißen ließ und so einen großen leeren Platz schuf, der einem Parkplatz ähnlich sah; die Bewohner, alles arme Leute, wurden innerhalb weniger Stunden vertrieben.

ABER KOLLEK  war ein Genie, was public relations betraf. Er knüpfte anscheinend freundliche Beziehungen mit arabischen  bekannten Notablen, führte sie mit ausländischen Besuchern zusammen und schuf so den allgemeinen Eindruck von Frieden und Zufriedenheit. Kollek baute mehr neue israelische  Stadtteile auf arabischem Land als jede andere Person im Land. Doch dieser Meister des Siedlungswesens  sammelte fast alle Friedenspreise der Welt außer dem Friedens-Nobelpreis. Ost-Jerusalem blieb ruhig.

Nur wenige kannten eine geheime Direktive von Kollek: er instruierte alle Gemeinde-Behörden, darauf zu achten, dass die arabische Bevölkerung – damals 27%  — nicht diese Grenze überschritt.

KOLLEK WURDE  geschickt von Moshe Dajan, dem damaligen Verteidigungsminister, unterstützt.  Dajan glaubte,  dass, wenn er den Palästinensern alle möglichen Vergünstigungen gäbe,  außer der Freiheit,  sie sich ruhig verhalten würden.

Ein paar Tage nach der Besetzung Ost-Jerusalems nahm er die israelische Flagge, die von Soldaten  vor dem Felsendom auf dem Tempelplatz gehisst  worden war, weg.  Dajan gab auch  die de facto Autorität des Tempelberges den muslimisch religiösen Behörden.

Juden  war es erlaubt, nur  in kleinen Gruppen und nur als ruhige Besucher auf dem Tempelplatz zu sein. Es war ihnen verboten, dort zu beten; sie  wurden  zwangsweise entfernt, wenn sie ihre Lippen bewegten. Sie konnten schließlich  an der anschließenden Westmauer, die ein Teil der antiken Stützmauer des Tempelplatzes war, nach Herzenslust beten.

Die Regierung war  wegen einer kuriosen religiösen Tatsache in der Lage, diesen Erlass zu geben: Orthodoxen Juden war es von den Rabbinern verboten, den Tempelplatz  als Ganzes  zu betreten. Nach einer biblischen Vorschrift ist es gewöhnlichen Juden nicht erlaubt, das  Allerheiligste zu betreten. Da heute keiner weiß, wo genau dieser Ort war, betreten fromme Juden den ganzen Platz nicht.

ALS FOLGE davon waren die ersten paar Jahre der Besatzung für Ost-Jerusalem eine glückliche Zeit. Juden und Araber  bewegten sich frei. Es war für Juden üblich, im bunten  arabischen Markt einzukaufen und in den orientalischen Restaurants zu speisen. Ich blieb oft in arabischen Hotels und freundete mich mit einer Anzahl Arabern an.

Ganz langsam veränderte sich die  Atmosphäre. Die Regierung und das Gemeindeamt gaben viel Geld aus, um Westjerusalem zu verbessern, aber die arabischen Stadtteile in Ost-Jerusalem wurden vernachlässigt und wurden so zu Slums.  Die lokale Infrastruktur und städtischen Dienste verfiel. Arabern wurde fast keine Baugenehmigung gegeben, um die junge Generation zu zwingen, sich außerhalb der Stadtgrenzen anzusiedeln. Als die Trennungsmauer gebaut wurde,  wurde diesen sogar verboten, die Stadt zu betreten und schnitt sie so von ihren Schulen und Arbeitsstellen ab. Doch trotz allem wuchs die arabische Bevölkerung  und überschritt die 40%.

Die politische Unterdrückung wurde immer stärker. Nach dem Oslo-Abkommen wurde den Jerusalemer Arabern erlaubt, für die palästinensische Behörde ihre Stimme abzugeben. Aber dann wurden sie  daran gehindert, dies zu tun; ihre Vertreter wurden verhaftet und aus der Stadt vertrieben. Alle palästinensischen Institutionen wurden zwangsweise geschlossen, einschließlich des berühmten Orienthauses, wo der viel bewunderte und geliebte Führer der Jerusalemer Araber, der verstorbene Faisal al-Husseini, seinen Amtssitz hatte.

Kollek wurde von Ehud Olmert und einem orthodoxen Bürgermeister abgelöst, der sich einen Teufel um Ost-Jerusalem kümmerte, abgesehen vom Tempelberg.

Und dann geschah ein zusätzliches Disaster. Säkulare Israelis  verlassen die Stadt, die sehr schnell zu einer orthodoxen Bastion wird. Aus Verzweiflung entschieden sie sich, den orthodoxen Bürgermeister  abzusetzen und einen säkularen Geschäftsmann  zu wählen. Leider ist er ein fanatischer Ultra-Nationalist.

NIR BARKAT  benimmt sich wie der Bürgermeister von West-Jerusalem und der militärische Gouverneur  von Ost-Jerusalem. Er behandelt seine palästinensischen Untertanen wie Feinde, die toleriert werden, solange sie sich ruhig verhalten und unterdrückt sie brutal, wenn sie das nicht tun.

Zusammen mit den seit Jahrzehnten vernachlässigten arabischen Stadtteilen, dem beschleunigten Tempo des Bauens von neuen jüdischen Stadtteilen, der maßlosen  Polizei-Brutalität ( offen vom Bürgermeister ermutigt)  – alles zusammen schafft eine explosive Situation.

Die totale Trennung Jerusalems von der Westbank, seinem natürlichen Hinterland, verschlimmert die Situation noch mehr.

Dem kann noch die Beendigung des sog. Friedensprozesses hinzugefügt werden, zumal  alle Palästinenser davon überzeugt sind, dass Ost-Jerusalem die Hauptstadt des zukünftigen Staates Palästina werden muss.

DIESE SITUATION brauchte nur noch einen Funken, um die Stadt zu entzünden. Er   wurde rechtzeitig von den Demagogen des rechten Flügels in der Knesset geliefert. Um Aufmerksamkeit und  Popularität wetteifernd, begannen sie, den Tempelberg zu besuchen, einer nach dem andern, und jedes Mal lösten sie einen Sturm aus. Dem  muss noch der offensichtliche Wunsch von gewissen religiösen Fanatikern des rechten Flügels hinzugefügt werden: den dritten Tempel anstelle der heiligen Al-Aqsa -Moschee und des Felsendoms zu bauen. Dies war genug, um den Glauben zu schaffen, dass die Heiligen Schreine in Gefahr seien.

Dann kam der  grauenhafte Rachemord an einem arabischen Jugendlichen, der von Juden entführt und lebendig verbrannt wurde, indem ihm Benzin in den Mund geschüttet wurde.

Einzelne moslemische Einwohner der Stadt begannen zu handeln; sie verachteten Organisationen, fast ohne Waffen begannen sie eine Reihe von Angriffen, die nun die „Intifada der Individuen“ genannt wird. Sie handelten allein oder mit einem Bruder oder  Cousin, dem sie vertrauten. Ein Araber nimmt ein Messer oder einen Revolver (falls er einen erhält) oder seinen Wagen oder Traktor und tötet die nächsten Israelis. Er weiß, dass er sterben wird.

Die beiden Cousins, die in dieser Woche in einer Synagoge vier Juden – und einen arabisch-drusischen Polizisten töteten – wussten dies. Sie wussten auch, dass ihre  Familien würden leiden müssen, dass ihr Haus zerstört werden wird, ihre Verwandten verhaftet.  Das hielt sie nicht von der Tat ab. Die Moscheen  waren wichtiger.

Überdies wurde  ein Tag zuvor  ein arabischer Busfahrer in seinem Bus aufgehängt vorgefunden. Gemäß der Polizei bewies die Autopsie,  er habe Selbstmord begangen. Ein arabischer Pathologe  folgerte, er sei ermordet worden. Kein Araber glaubt der Polizei – die Araber sind davon überzeugt, dass die Polizei immer lügt.

Unmittelbar nach dem Mord in der Synagoge machte sich der israelische Chor der Politiker und Kommentatoren auf, zu handeln. Sie taten dies mit einer erstaunlichen Einmütigkeit – Minister, Knesset-Mitglieder, Ex-Generäle, Journalisten wiederholten mit leichter Variation dieselbe Botschaft. Der Grund dafür ist einfach: das Büro des Ministerpräsidenten schickt jeden Tag eine „Seite mit Botschaften“ hinaus und unterrichtet so alle Teile der Propagandamaschinerie, was zu sagen ist.

Dieses Mal lautete die Botschaft, Mahmoud Abbas sei an allem schuld, „ein Terrorist im Anzug“, der Führer, dessen Hetze die neue Intifada verursacht.  Es macht nichts, dass der Chef des Shin Bet noch am selben Tag sagte, Abbas  habe weder offen noch verdeckt  Verbindungen zu der Gewalt.

Benjamin Netanjahu stand den Kameras  mit einem feierlichen Gesicht und gefasster Stimme gegenüber – er ist ein wirklich guter Schauspieler  – und wiederholte , was er schon viele Male vorher gesagt hatte, jedes Mal gab er vor,  dies sei ein neues Rezept: mehr Polizei, härtere Strafen, Zerstörung der Häuser, Verhaftungen  und hohe Geldstrafen  für Eltern von 13-Jährigen, die Steine werfen  und so weiter.

Jeder Experte weiß, dass die Folge solcher Maßnahmen genau das Gegenteil erreichen  wird. Mehr Araber werden in Wut gebracht und  greifen israelische Männer und Frauen an. Israelis werden natürlich „Rache nehmen“ und „das Gesetz in ihre eigenen Hände nehmen.“

Für Bewohner wie Touristen ist das Gehen durch Jerusalems Straßen – in der Stadt, in der man „zusammen kommt“  – zu einem riskanten Abenteuer  geworden. Viele bleiben zu Hause.

Die unheilige Stadt ist geteilter als je zuvor.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Mohammed, wo bist du?

Erstellt von Gast-Autor am 14. Dezember 2014

Mohammed, wo bist du?

Autor Uri Avnery

ES KLINGT wie ein Witz. Ist aber keiner.

Vor etwa einem Monat, am Vorabend des jüdischen Neujahrsfestes veröffentlichte das statistische Büro der Regierung eine Reihe interessanter Einzelheiten über die Bevölkerung des Staates. Es war als Geschenk für die Bürger gedacht. Die Bevölkerung wächst, sie wird reicher und ist zufrieden.

Einer der Punkte listet die populärsten Namen auf, die im letzten Jahr neugeborenen Jungs und Mädchen gegeben wurden.

Als die Statistiker die Ergebnisse sahen, waren sie entgeistert. Es kam heraus, dass der Name, der oben auf der Liste  stand, Mohammed war.

Mohammed? Der volkstümlichste Name im jüdischen Staat?

Dafür gibt es eine einfache Erklärung.  Die Araber stellen mehr als 20% der Bevölkerung dar. Arabische Eltern lieben es, ihren Söhnen den Namen des Propheten: Gott segne seine Seele zu geben.  Außerdem haben arabische Bürger viel mehr   Kinder als jüdische Bürger. Wenn jeder zweite arabische Junge Mohammed genannt wird, bekommt man 5%.

Jüdische Bürger haben eine größere Auswahl. Es gibt Hunderte Namen für Jungs und die Liste wächst ständig, weil junge Eltern gerne  neue hebräische Namen erfinden. Selbst wenn ein Zehntel der jüdischen Eltern den Namen Josef bevorzugen, so ist es der populärste hebräische Name nach der Liste  nur 4%.

Was tun? Sehr einfach: man streicht die arabischen Namen weg. Keinen Mohammed.

Als dies bekannt wurde, lachten viele Israelis. Wie albern kann man werden.

ABER ES  ist kein Witz. Es zeigt, dass die arabischen Bürger nicht als  wirklich „dazugehörig“ angesehen werden. 66 Jahre nach der Gründung Israels bleibt der Platz der Araber im „Jüdischen Staat“ problematisch, um wenigstens dies zu sagen.

Als ich letzten Dienstag Haaretz las, merkte ich, dass eine ganze Seite – Seite 4 – sich nur mit Nachrichten über die jüdisch-arabischen  Beziehungen befasste.

Punkt 1: Zehn jüdische Siedler fielen mitten in der Nacht in den arabischen Stadtteil von Silwan, nahe dem Tempelberg. Silwan, das biblische Siloah, ist ein arabisches Dorf, das an Jerusalem angeschlossen wurde, als Ost-Jerusalem nach dem Sechs-Tage-Krieg von Israel annektiert wurde. Seit Jahren hat eine Siedlervereinigung mit Namen „Elad“ diesen Stadtteil zu judaisieren versucht, indem sie heimlich  Besitz armer Araber mit Hilfe  arabischer Verräter als Strohmänner  kauft. Nun entschied die Vereinigung, diese Häuser zu besetzen, indem sie wie Diebe in der Nacht kamen.

(Der Präsident von Elad ist Elie Wiesel, der Holocaustschriftsteller und Nobelpreisträger. Ich rühme mich, ihn vom ersten Anblick  verabscheut zu haben, und erfand  ein neues hebräisches Wort für ihn. Übersetzt heißt es etwa „Holocaustist“)

Punkt 2:  Es kam  irgendwie heraus, dass die zentrale Bauorganisation der Siedler, die sehr von der Regierung  subventioniert wird,  große Spenden an eine Gruppe gibt, die „Wenn Ihr wollt“  genannt wird, die sich darauf spezialisiert hat, linke Dozenten  in den Universitäten  und andern Orten aufzuspüren.

Die Gruppe hat ein Stasi-ähnliches System von Informanten aufgebaut und behauptet, zionistische Werte in Israel zu fördern – indem sie Dozenten denunziert, die für Araber u.ä. Gleichheit verlangt.

Punkt 3: Prof.em. Hillel Weiss , der noch immer Vorlesungen an der Bar-Ilan-Universität hält, hat in Facebook einen Aufruf  veröffentlicht, einen Genozid an den Palästinensern zu verüben. „Denn sie sind kein Volk, das würde also  kein Genozid sein“,  behauptete er, „sondern nur die Auslöschung von Gesindel.“ Er riet den Palästinensern Eretz Israel sofort zu verlassen (das Land bis zum Jordan), bevor der unvermeidliche Genozid geschehe.

Die Bar Ilan-Universität  – man erinnere sich daran – ist die Alma Mater von Yigal Amir, dem Mörder von Yitzhak Rabin.

Punkt 4:  Außenminister Avigdor Lieberman  forderte, Hanin Zuabi „für viele Jahre ins Gefängnis zu stecken.“

Zuabi, ein weibliches Mitglied der Knesset, gehört zu einer kleinen nationalistisch arabischen Fraktion, liebt es, sich äußerst provokativ auszudrücken.  Letztens sagte sie, es gäbe keinen Unterschied zwischen einem ISIS-Kämpfer, der einzelne Menschen köpft, und einem israelischen Piloten, der auf Knopfdruck  viele Palästinenser tötet.

Lieberman sagte zu Zuabi, sie solle nach Gaza gehen und dort leben.  Er deutete an, dass sie als unverheiratete Frau, „ die sich kleidet, wie es ihr gefällt (sich also modern kleidet)“, sie unter der Hamas leiden würde. Er verlangte auch, dass man ihr die israelische  Staatsangehörigkeit wegnehmen solle.

Punkt 5: Das betrifft nun nicht direkt die Araber, aber präsentiert den Rassismus aufs schlimmste. Der israelische Gerichtshof, der als Verfassungsgericht agiert (obwohl Israel keine Verfassung hat, nur ein paar „grundlegende Gesetze“),  hat der Regierung befohlen, sofort ein „offenes“ Gefängnis zu  schließen, das für afrikanische  Asylsuchende mitten in der Wüste gebaut wurde. Sie werden dort unbegrenzt ohne Gerichtsurteil festgehalten, bis sie damit einverstanden sind,  Israel „freiwillig“ zu verlassen.

Die Regierung weigerte sich strickt  dem Befehl zu gehorchen, etwas ganz Ungewöhnliches. Sie ist jetzt dabei, ein neues Gesetz zu erlassen, das  61 (von 120) Knesset Mitgliedern erlaubt, Entscheidungen des Obersten Gerichtes abzulehnen.

ISRAEL RÜHMT SICH, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein.

Diese willkürlich heraus gegriffenen Punkte  und jene, die an irgendeinem andern Tag veröffentlicht werden, wecken einigen Zweifel an dieser Behauptung.

Natürlich ist Israel mit der Behandlung seiner nationalen Minderheit nicht alleine und nicht am schlimmsten. Fast jeder Staat in der Welt hat eine oder mehr nationale Minderheiten, und fast jede nationale Minderheit hat einen Grund, sich zu beklagen. Man muss nur an die Kurden in Syrien, die russisch-sprachigen  in der Ukraine oder die Tamilen in Sri Lanka denen , um Verständnis für die Proportion zu bekommen.

Ich würde  annehmen, dass bei jeder vorurteilsfreien weltweiten Untersuchung des Status von Minderheiten Israel irgendwo in der Mitte sein würde.

Ich vermute, dass die Position jeder Minderheit einzigartig ist, abhängig von der Geschichte und lokalen Umständen. Bei der Position der arabischen Minderheit in Israel ist es sicherlich so.

Als erstes  waren sie wie die Aborigines in Australien und die Inuit in Kanada lange vor der jetzigen Mehrheit hier. Der Fall von Zuabi-Lieberman ist  ein typisches Beispiel.

Die Familie von Hanin Zuabi  ist seit Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden in Untergaliäa zu Hause. Nach der Gründung Israels ist Saif al-Din Zuabi  Mitglied der zionistischen Arbeiterpartei gewesen und  stellvertretender Sprecher der Knesset. Ein anderer Verwandter ist Abd-al-Rachman Zuabi ein Richter am Obersten Gericht gewesen. Abd-al-Aziz Zuabi, ein Knesset Mitglied der zionistischen Mapam-Partei (jetzt Meretz) war stellvertretender Minister.

Liebermans ursprünglicher erster  Vorname ist  Evet. Er wurde in Kishinev in Sowjetmoldawien geboren, und seine Muttersprache ist Jiddisch. Obwohl er schon 1978 nach Israel kam, wird er noch immer als „Neueinwanderer“ angesehen und spricht Hebräisch mit  deutlich russischem Akzent. Von den beiden  spricht Hanin Zuabi wohl ein besseres Hebräisch.

Es war Abd-al-Aziz, der den Satz prägte: „meine Tragödie ist die, dass sich mein Land mit meinem Volk im Krieg befindet.“

Das ist die zweite Anormalität: Die „israelischen Araber“ sind ein integraler Teil des palästinensischen Volkes. Fast jeder israelisch arabische Bürger hat Verwandte in der Westbank oder im Gazastreifen oder in beidem, wie auch in den Flüchtlingslagern.

Wenn aktuelle Kämpfe im Gange sind wie beim letzten Gazakrieg, sind ihre Herzen auf der andern Seite, auf der des „Feindes“. In diesem Augenblick kämpfen mehrere junge israelisch  arabische Bürger mit ISIS, nachdem sie über die Türkei nach Syrien kamen.

WIE DER Zuabi –Familienstammbaum zeigt, gibt es noch eine andere Seite der Münze. Arabische Bürger sind tief verwoben in der Struktur Israels.

Ich frage mich oft, was geschehen würde, wenn der Wunschgedanke Liebermans (und anderer seiner Art in aller Welt) sich erfüllen, und die Minderheit das Land verlassen würde.

Wir wissen es aus der Geschichte. Als die französischen Hugenotten aus Frankreich vertrieben wurden, flohen viele von ihnen in den jungen preußischen Staat. Das zurückgebliebene Berlin wurde zu einem wirtschaftlichen Zentrum und Preußen blühte, während Frankreich geschwächt wurde. Dasselbe – aber sogar noch mehr – geschah in Spanien nach der Vertreibung der Juden und Muslime. Spanien war niemals wieder dasselbe, und das Ottomanische Reich, das die meisten mit Freude absorbierte, wurde bereichert.

Israels arabische Bürger dienen nicht in der Armee. Sie wollen nicht gegen ihre palästinensischen Brüder kämpfen, noch  wünscht die Armee,  sie zu trainieren und ihnen Waffen zu geben, Gott bewahre! (obgleich die Armee zur Zeit gern die christlichen Araber, eine Minderheit der Minderheit, einziehen will, um noch eine Spaltung hervorzurufen. Einige Araber, meistens Beduinen und Drusen, dienen im Militär.)

Aber abgesehen vom Armee-Dienst erfüllen arabische Bürger alle  Pflichten eines Bürgers. Sie zahlen ihre Steuern. Der  Mehrwertsteuer und anderen indirekten  Steuern, die einen  großen Teil des Regierungseinkommens ausmachen, können sie nicht entgehen. Sie erfüllen viele Aufgaben.

Tatsächlich sind die Araber weit mehr in die israelische Gesellschaft eingebettet als viele von ihnen gerne zugeben. Sie sind Ärzte, Anwälte, Ingenieure, Richter, Künstler. Als ich meine  jetzt verstorbene Frau ins Krankenhaus brachte, dauerte es mehrere Tage, bis mir klar wurde, dass der Oberarzt der Abteilung ein Araber war.

Alle arabischen Bürger lernen Hebräisch und sprechen es gut, während unsere Armeegeheim-dienstabteilung lange suchen muss, bis sie einen Juden findet, der arabisch spricht.

Das persönliche Einkommen der arabischen Bürger ist im Durchschnitt niedriger als das der jüdischen Bürger, aber noch viel höher als das ihrer Verwandten in den besetzten Gebieten. Araber der annektierten Gebiete Ost-Jerusalems, die nicht die israelische Staatsbürgerschaft bekommen haben, aber offiziell „Bewohner“ sind, erfreuen sich der vollen Rechte unter dem nationalen Sicherheitssystem, was  beträchtlich ist.

IM ALLGEMEINEN ist die Situation der arabischen Bürger  weit entfernt von dem, was wir (und sie natürlich) wünschen. Wir müssen für totale Gleichheit kämpfen. Dieser Kampf sollte fortdauern und sollte von jüdischen und arabischen Menschenrechtsaktivisten  Hand in Hand durchgeführt werden.

Doch besteht die traurige Tatsache, dass diese Zusammenarbeit, die einmal eng und fast intim war, sich entfernte und selten wurde. Araber fürchten die „Normalisierung“, die so aussehen könnte, als ob man die Besatzung unterstütze. Juden fürchten, von der extremen Rechten als „Araber-Liebhaber“ und Verräter gebrandmarkt zu werden.

Diese Situation, auch wenn sie natürlich ist, muss überwunden werden. Die israelische Linke hat keine  Chance, jemals wieder die Macht zu gewinnen, ohne  aktive Zusammenarbeit mit „den Zuabis“, wie  Finanzminister Yair Lapid einmal geringschätzig alle arabischen Bürger nannte, einschließlich Hanin, obwohl sie eine Frau ist, unverheiratet und sich nach Wunsch kleidet.

Und all die fehlenden Mohammeds.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Zwei Reden

Erstellt von Gast-Autor am 30. November 2014

Zwei Reden

WENN ICH zwischen den beiden rhetorischen Gladiatoren wählen könnte, würde ich lieber Mahmud Abbas als Vertreter Israels wählen und Netanjahu die andere Seite vertreten lassen.

Abbas stand fast bewegungslos  da und las seine Rede (auf Arabisch) mit ruhiger Würde.  Ohne effekthaschende Gags.

Netanjahu benützte alle Tricks, die man in Grundkursen für öffentliches Reden lernt. Er bewegte sein Gesicht regelmäßig von links nach rechts und zurück, streckte seine Arme aus,  erhob und senkte Überzeugung heischend seine Stimme. An einer Stelle brachte er die  erforderliche  visuelle Überraschung. Das letzte Mal war es die kindische Zeichnung einer phantasierten iranischen Atombombe; dieses Mal war es ein Foto von palästinensischen Kindern in Gaza, die neben einem Raketenwerfer spielen.

(Netanjahu  pflegte einen Vorrat von Fotos  mit sich  zu tragen, um sie zu zeigen – ISIS – Enthauptungen  und Ähnliches  – eher wie ein Vertreter, der Beispiele seiner Angebote mit sich herumträgt.)

Alles ein bisschen zu glatt, zu raffiniert, zu aufrichtig wie der Möbelhändler, der er einmal war.

Beide Reden wurden bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen gehalten. Abbas sprach vor zwei Wochen. Netanjahu in dieser Woche. Wegen der jüdischen Feiertage kam er  spät – wie die Person, die zur Party kommt, nachdem schon alle wichtigen Gäste gegangen  sind.

Die Halle war halb leer, das spärliche  Publikum bestand aus jungen Diplomaten, die gesandt waren, um die Präsenz ihrer Regierung zu demonstrieren. Sie waren offensichtlich  gelangweilt.

Den Applaus  lieferte die aufgeblasene israelische Delegation in der Halle und die zionistischen Würdenträger und  Un-Würdenträger saßen auf der Galerie, vom Casino-Mogul Sheldon Adelson angeführt. (Nach der Rede nahm Adelson Netanjahu in ein teures nicht koscheres Restaurant mit. Die Polizei blockierte die Straßen dorthin. Aber Adelson kritisierte öffentlich die Rede als zu moderat.)

Doch ging es nicht darum. Man macht in der Vollversammlung nicht viele Worte, um ihre Mitglieder zu überzeugen. Man spricht dort für seine Zuhörerschaft zu Hause. Netanjahu tat es und Abbas auch.

DIE REDE von Abas war  ein Widerspruch zwischen Form und  Inhalt: eine sehr moderate Rede in  sehr extremer Sprache.

Sie war so klar an das palästinensische Volk adressiert, das  über das Töten und die Zerstörung im Gaza-Krieg noch  vor Zorn kochte. Dies führte Abbas dazu, eine sehr starke Sprache zu verwenden – als wolle er  seinen Hauptzweck vereiteln: den Frieden zu fördern. Er benützte das Wort „Genozid“  – nicht ein- sondern dreimal.  Das war eine Fundgrube für die israelische Propaganda-Maschine und wurde  sofort als die „Genozid-Rede“ bekannt.

Während des Gaza-Krieges wurden mehr als 2000 Palästinenser getötet, meistens Zivilisten,  viele von ihnen Kinder (501), fast alle durch Bombenangriffe vom Land, aus der Luft und vom Meer, Das war brutal, ja, sogar grauenhaft, aber es war kein Genozid. Ein Genozid ist eine  Sache von Hunderttausenden, Millionen, Auschwitz, die Armenier, Ruanda, Kambodscha.

Auch Abbas Rede war total einseitig. Die Hamas, die Raketen, die offensiven Tunnel wurden nicht erwähnt. Der Krieg war nur eine israelische Affäre: sie fingen an, sie töteten, sie verübten einen Völkermord. Alles gut für einen Führer, der sich selbst gegen die Anklagen  verteidigen muss, zu sanft zu sein. Aber eine gute Gelegenheit, den Frieden zu fördern, verpasst.

Sieht man aber von der starken Ausdrücken ab, war die Rede selbst ganz moderat, so moderat wie sie nur sein konnte Sein wichtigster Inhalt  war ein Friedensprogramm, identisch mit den Bedingungen, wie sie die Palästinenser  von Anfang an  mit Yasser Arafats Friedenspolitik stellten, wie  auch mit der Arabischen Friedensinitiative. (2002,  2007)

Es bleibt bei der Zwei-Staaten-Lösung: ein Staat Palästina mit Ost-Jerusalem als seiner Hauptstadt „neben dem Staat Israel“, „die Grenzen von 1967“, eine miteinander abgestimmte Lösung für die Not der palästinensischen Flüchtlinge“ (d.h. mit Israel abgestimmt, was im Wesentlichen keine Rückkehr bedeutet.) Er erwähnte auch die arabische Friedensinitiative. Kein palästinensischer Führer könnte  möglicherweise weniger fordern.

Er verlangte auch „einen spezifischen Zeitrahmen“, um das Spiel endloser „Verhandlungen“ zu verhindern.

Dafür wurde er von Netanjahu angegriffen als die Inkarnation alles Bösen, des Partners von Hamas, das das  Äquivalent zu ISIS sei, der der Erbe Adolf Hitlers sei, dessen moderne Reinkarnation der Iran ist.

ICH KENNE Mahmoud Abbas seit 32 Jahren. Er war nicht bei meinem ersten Treffen mit Yassir Arafat im belagerten Beirut dabei, aber als ich Arafat im Januar 1983  in Tunis traf, war er dabei. Als Chef der Abteilung für Israel im PLO-Hauptquartier war er bei allen Treffen mit Arafat in Tunis dabei. Seit der Rückkehr der PLO nach Palästina habe ich Abbas mehrfach gesehen.

Er wurde 1935 in Safed geboren, wo auch meine verstorbene Frau Rachel aufwuchs. Bei unsern Treffen pflegten sie sich an ihre Kindheit dort zu erinnern und versuchten herauszufinden, ob Abbas jemals ein Patient von Rachels Vater, einem Kinderarzt, war.

Es gab einen auffälligen Unterschied zwischen den beiden Persönlichkeiten Arafat und Abbas. Arafat  war  auffallend,, extrovertiert und kontaktfreudig. Abbas  ist reserviert und introvertiert. Arafat traf mit blitzartiger Geschwindigkeit Entscheidungen. Abbas ist besonnen/ bedächtig und vorsichtig. Arafat war bei menschlichen Beziehungen herzlich,  mit liebevollen Gesten, zog (buchstäblich) die menschliche Berührung vor. Abbas ist kühl und unpersönlich. Arafat regte zu Liebe an. Abbas zu Respekt.

Aber politisch gab es fast keinen Unterschied. Arafat war nicht so extrem, wie er schien. Abbas ist nicht so moderat, wie er aussieht. Ihre Begriffe für Frieden sind identisch. Sie sind das Minimum, dem jeder palästinensische Führer – tatsächlich jeder arabische Führer –möglicherweise  zustimmen konnte.

Da kann es Monate der Verhandlungen über Details geben, über den genauen Verlauf der Grenzen,  Austausch von Land , die symbolische Anzahl der Flüchtlinge, denen erlaubt wird, zurückzukehren, Sicherheitsverabredungen, die Entlassungen der Gefangenen, Wasser und vieles mehr .

Aber die grundsätzlichen  palästinensischen  Forderungen sind  unerschütterlich. Nimm sie an oder lass sie fallen.

Netanjahu sagt: lass sie fallen.

WENN DU sie lässt, was bleibt dann?

Der Status quo, natürlich. Die klassische zionistische Haltung. Es gibt kein palästinensisches Volk. Es wird keinen palästinensischen Staat geben. Gott, ob er existiert oder nicht, hat uns das ganze Land versprochen (einschließlich  Jordanien).

Aber in der Welt von heute kann man dies oder ähnliche Dinge nicht sagen. Man muss einen verbalen Trick finden, um sich dem Problem zu entziehen.

Am Ende des kürzlichen Gaza-Krieges versprach Netanjahu einen „neuen politischen Horizont“. Kritiker waren schnell da und machten darauf aufmerksam, dass der Horizont etwas ist, das zurückweicht, sobald man  sich ihm nähert. Macht nichts.

Was ist also der neue Horizont? Netanjahu und seine Ratgeber zerbrachen sich die Köpfe und kamen mit der „regionalen Lösung“.

Die „regionale Lösung“ ist eine neue Mode, die vor ein paar Monaten anfing, sich zu verbreiten. Einer ihrer Sprecher ist Dedi Zucker, einer der Gründer von Peace Now und ein früheres Merez -Mitglied der Knesset. Haaretz gegenüber erklärte er: Die israelisch-palästinensische Friedensbemühungen ist tot. Wir müssen uns einer anderen Strategie zuwenden: „der regionalen Lösung“. Statt mit den Palästinensern zu verhandeln, müssen wir mit der ganzen arabischen Welt verhandeln und mit ihren Führern  Frieden schließen.

Guten Morgen, Dedi. Als meine Freunde und ich anfangs 1949 die Zwei-Staaten-Lösung vorbrachten, stimmten wir dem sofortigen  Aufbau eines palästinensischen Staates zu –  verbunden mit der  Schaffung einer Semitischen Union, in der Israel, Palästina,  alle arabischen  Staaten, vielleicht die Türkei und auch  der  Iran mit eingeschlossen sind. Wir haben dies endlos wiederholt. Als der (damalige)  Saudi Kronprinz die arabische Friedens-Initiative vorschlug, verlangten wir seine sofortige Annahme.

Es gibt überhaupt keinen Widerspruch zwischen  einer israelisch-palästinensischen-Lösung und einer Israelisch-panarabischen Lösung. Sie sind ein und dasselbe. Die Arabische Liga wird ohne  die Übereinstimmung mit der palästinensischen Führung keinen Frieden machen und keine palästinensische Führung wird ohne den Rückhalt der Arabischen Liga keinen Frieden machen. (Ich bemerkte dies in einem Artikel in Haaretz an dem Tag von Netanjahus Rede).

Doch vor einiger Zeit tauchte diese „neue“ Idee in Israel auf, eine Gesellschaft wurde gegründet, Geld wurde gespendet, um sie zu propagieren. Wohlmeinende Linke schlossen  sich uns  an. Da ich  nicht erst gestern geboren wurde, wunderte ich mich.

Nun kommt Netanjahu in die Vollversammlung und  sagt genau dasselbe. Halleluja! Da ist eine Lösung. Die  „Regionale“ . Nun ist es nicht mehr nötig, mit den boshaften Palästinensern zu reden. Wir können mit den „moderaten“ arabischen Führern reden.

Von Netanjahu kann nicht erwartet werden, sich mit den Kleinigkeiten abzugeben. Was für Bedingungen hat er im Kopf? Welche Lösung für Palästina? Große Männer können sich nicht mit Kleinigkeiten abgeben.

Die ganze Sache ist natürlich lächerlich. Selbst jetzt, als mehrere arabische Staaten sich der amerikanischen Koalition gegen ISIS anschließen, will keiner von ihnen in der Gesellschaft mit Israel gesehen werden. Die US  hat Israel diskret angefragt und höflich  darum gebeten, sich hier rauszuhalten.

NETANJAHU IST immer  schnell,  verändernde Umstände für sich  auszunützen, um seine unveränderte Haltung  vorwärts zu bringen   .

Das letzte heiße Problem ist ISIS (oder der Islamische Staat, wie er jetzt lieber genannt werden will.) Die Welt ist  entsetzt über seine Grausamkeiten. Jeder verurteilt diese.

Netanjahu verbindet  alle seine Feinde mit ISIS, Abbas, Hamas, Iran – sie alle sind ISIS.

In  Unterrichtsstunden über Logik lernt man über den Inuit (Eskimo) , der in die Stadt kommt und zum ersten Mal Glas sieht. Er nimmt es in  seinen Mund und beginnt zu kauen. Seine Logik:  Eis ist durchsichtig. Glas ist durchsichtig. Eis kann gekaut werden  – also kann Glas auch gekaut werden.

Dieselbe Logik sagt: ISIS ist islamistisch. ISIS kämpft um ein weltweites Kalifat. Hamas ist islamistisch. Also wünscht Hamas ein weltweites Kalifat.  Alle wollen die Welt beherrschen. Wie die „Weisen von Zion“.

Netanjahu rechnet mit der Tatsache, dass die meisten Leute nicht wissen, worüber er spricht. Mit  derselben Logik gehört Frankreich  zu ISIS.  Tatsache ist: in der Französischen Revolution hat man geköpft, ISIS köpft. Vor einiger Zeit köpften die Briten ihren König. Alle sind ISIS.

In der wirklichen Welt gibt es überhaupt keine Ähnlichkeit zwischen Hamas und ISIS außer ihrer bekennenden Zugehörigkeit zum Islam. ISIS  streitet alle nationalen Grenzen ab, es wünscht einen islamischen Weltstaat. Hamas ist äußerst nationalistisch. Es wünscht einen Staat Palästina. In letzter Zeit spricht sie sogar über die Grenzen von 1967.

Es kann keine Ähnlichkeiten zwischen ISIS und dem Iran geben. Sie stehen auf der gegenüberliegenden Seite der  islamischen Geschichte. ISIS ist sunnitisch, der Iran schiitisch. ISIS  wünscht Bashar al-Assad  abzusetzen und möglichst auch ihn zu köpfen, während der Iran  Assads Hauptunterstützer ist.

ALLE DIESE Fakten sind  jedem bekannt, der sich für Politik interessiert. Sie sind sicher den Diplomaten in den Korridoren der UN bekannt. Warum also wiederholt Netanjahu diese falschen Darstellungen (um es vorsichtig auszudrücken)  vom UN-Rednerpult?

Weil er nicht  zu Diplomaten sprach. Er sprach zu den primitiven  Wählern in Israel, die stolz darüber sind, einen so fließend Englisch sprechenden  Vertreter zu haben, der sich an die Welt wendet.

Und sowie so  – wer kümmert sich schon, was die Gojim  denken?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

ER:

PS: wer die Möglichkeit hat, der möge doch in einem Lexikon nach der Definition von Genozid nachsehen. Hinter Uris Ansicht dies btr. mache ich Fragezeichen.

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Gott will es!

Erstellt von Gast-Autor am 28. September 2014

Gott will es!

Autor Uri Avnery

SEIT SECHS  Jahrzehnten haben meine Freunde und ich unser Volk gewarnt:  wenn wir keinen Frieden mit  nationalistisch arabischen Kräften machen, werden wir uns mit den islamisch-arabischen Kräften auseinander setzen müssen.

Der israelisch-palästinensische Konflikt wird zu einem jüdisch –muslimischen Konflikt. Der nationale Krieg wird zu einem religiösen Krieg.

Nationale Konflikte sind grundsätzlich rational. Sie betreffen Land. Sie können gewöhnlich durch Kompromisse gelöst werden.

Religiöse Konflikte sind irrational. Jede Seite glaubt an die absolute Wahrheit und betrachtet automatisch  alle anderen als Ungläubige, als Feinde des einzig wahren Gottes.

Es kann keinen Kompromiss zwischen wahren Gläubigen geben, die glauben, dass sie für Gott kämpfen und ihre Befehle direkt vom Himmel erhalten: „Gott will es!“ schrien die Kreuzfahrer und schlachteten Muslime und Juden ab. „Allah ist der Größte!“ schreien   fanatische Muslime und köpfen ihre Feinde. „Wer ist wie DU unter den Göttern?“ schrien die Makkabäer und  vernichteten alle Mitjuden, die griechische Sitten angenommen hatten.

DIE ZIONISTISCHE Bewegung wurde nach dem Sieg der europäischen Aufklärung  von säkularisierten Juden geschaffen. Fast alle Gründer waren überzeugte Atheisten. Wir waren meistens bereit, religiöse Symbole zur Dekoration zu benützen, wurden aber klar von allen großen religiösen Weisen ihrer Zeit angeprangert.

Vor der Schaffung Israels war das zionistische Unternehmen in der Tat frei von religiösen Dogmen. Sogar heute reden extreme Zionisten noch über den „Nationalstaat des jüdischen Volkes“, nicht vom „religiösen Staat des jüdischen Glaubens“. Sogar für das „national-religiöse“ Lager, die Vorläufer der heutigen Siedler und Halb-Faschisten, war Religion dem nationalen Ziel untergeordnet – die Schaffung eines nationalen jüdischen Staates im ganzen Land zwischen Mittelmeer und dem Jordanfluss.

Diese nationale Offensive traf natürlich auf den resoluten Widerstand der arabischen Nationalbewegung. Nach einigem anfänglichen  Zögern wandten sich die arabischen Führer dagegen. Dieser Widerstand hatte sehr wenig mit Religion zu tun. Es stimmt, dass einige Zeit der palästinensische Widerstand vom Groß-Mufti von Jerusalem. Hadj Amin al- Husseini, geführt wurde, aber nicht wegen seiner religiösen Position, sondern weil er der Führer von Jerusalems aristokratischster Familie war.

Die arabische Nationalbewegung war immer entschieden säkular. Einige ihrer hervorragendsten Führer waren Christen. Die pan-arabische Ba’ath (Auferstehung)- Partei, die in Syrien wie im Irak dominierte, war von Christen gegründet worden.

Der große Held der arabischen Massen in jener Zeit war Gamal Abd-al-Nassar, obwohl formal gesehen Muslim, war er ganz areligiös. Yasser Arafat, der Führer der PLO, war privat ein frommer Muslim, aber unter seiner Führung blieb die PLO eine säkulare Körperschaft mit vielen christlichen Bestandteilen. Er sprach über die Befreiung von Ost-Jerusalems „Moscheen und Kirchen“. Eine Zeitlang war das offizielle Ziel der PLO in Palästina, einen „demokratischen und nicht-konfessionellen“ Staat zu gründen.

WAS IST geschehen? Wie verwandelte sich eine nationalistische Bewegung in eine gewalttätige, fanatisch- religiöse?

Karen Armstrong, eine Nonne, die Historikerin wurde, machte darauf aufmerksam, dass dasselbe praktisch gleichzeitig in allen drei Religionen geschah. In den US spielen evangelikale Christen  jetzt eine große Rolle in der Politik, in enger Zusammenarbeit mit dem jüdischen Establishment vom rechten Flügel . In der ganzen muslimischen Welt gewinnen die fundamentalistischen Bewegungen an Stärke. Und in Israel spielt ein jüdischer Fundamentalismus eine immer größere Rolle.

Wenn dieselbe Sache in so verschiedenen Ländern und Religionen geschieht, muss es doch eine gemeinsame Ursache geben. Was ist das?

Es ist einfach, über etwas Nebulöses zu reden, das auf Deutsch der  „Zeitgeist“ genannt wird, den Geist der Zeit, aber das erklärt sehr wenig.

In der muslimischen Welt hat der Bankrott des liberalen, säkularen Nationalismus‘ eine spirituelle Leere geschaffen, einen wirtschaftlichen Zusammenbruch und nationale Demütigung. Das glänzende Versprechen des Nasserismus‘ endete in der erbärmlichen Stagnation unter Hosny Mubarak. Die Baath-Diktatoren in Bagdad und Damaskus  versäumten, einen modernen Staat zu gründen. Die Militärs in Algerien und in der Türkei haben es nicht viel besser gemacht. Nach dem Sturz des gewählten demokratischen Führers Mohammed Mossadeq durch die westlichen Mächte, die hinter dem Öl her sind, konnte der glücklose Shah nicht die Leere füllen.

Und die ganze Zeit über war  der demütigende Anblick  Israels vorhanden, das von einer verachteten, kleinen, ausländischen Implantation zu einer großen Militär- und Wirtschaftsmacht wurde und  den Arabern immer leicht wieder Prügel verpasst.

Nach jeder neuen Niederlage fragen sich die Muslime selbst: Was ist falsch? Wenn der Nationalismus bei beidem versagt, im Frieden und im Krieg, wenn es beiden, dem Kapitalismus und dem Sozialismus, nicht gelingt, eine gesunde Wirtschaft zu schaffen; wenn es weder europäischem Humanismus noch sowjetischem Kommunismus gelungen war, die spirituelle Lücke zu füllen, wo ist dann die Lösung?

Die  donnernde Antwort kommt aus der Tiefe der Massen: „Der Islam ist die Antwort!“

DER LOGIK nach müsste es heißen: die israelische Antwort müsste das genaue Gegenteil sein.

Israel ist eine Erfolgsgeschichte.  Es  hat nicht nur eine mächtige Militärmaschinerie und  glaubwürdige nukleare Fähigkeiten, sondern ist eine technologische Macht und hat eine vergleichsweise gesunde wirtschaftliche Basis.

Aber messianischer Fundamentalismus, eng verbunden mit einem extremen Nationalismus, diktiert jetzt unsern Kurs.

Am Vorabend des letzten Krieges veröffentlichte der Kommandeur der Givati-Brigade eine Tagesorder  für seine Offiziere. Diese schockierte viele.

Die Givati-Brigade war im 1948er-Krieg  eine hervorragende Kampftruppe  (Ich war einer ihrer ursprünglichen Kämpfer und schrieb zwei Bücher darüber). Wir waren sehr stolz auf ihre Zusammensetzung. Die Kämpfer waren eine Mischung von Söhnen  der Tel-Aviv-Elite und der ärmsten umgebenden Slums – eine Mischung, die besonders erfolgreich war und dies in der Schlacht bewies.

Der Brigadekommandeur war ein früherer deutscher kommunistischer Untergrund –kämpfer unter den Nazis, der zum Zionismus konvertierte und  Mitglied eines Kibbuzes des linken Flügels wurde. Das waren die meisten seiner Stabsoffiziere. Ich kann mich nicht an ein einziges Mitglied der Brigade erinnern, das eine Kippa trug.

Man stelle sich unsern Schock vor, als der jetzige Brigadekommandeur zu einem heiligen Kampf aufrief, um Gottes Willen zu erfüllen.  Oberst Ofer Winter, der in  seiner Jugend eine religiös-militärische Schule besucht hatte, musste  seinen Soldaten am Abend vor der Schlacht folgendes sagen:

„Die Geschichte hat uns zur Speerspitze im Kampf gegen den Gaza-Terroristenfeind ausgewählt, der den Gott von Israels Schlachten  verschmäht und  verflucht …Ich hebe meine Augen auf zum Himmel und rufe mit euch: Höre, Israel, der Herr unser Gott, der Herr ist Einer! O Herr, der Gott Israels, lass uns auf unserm Weg Erfolg haben, da wir zum Kampf für Israel gegen einen Feind gehen, der deinen Namen verschmäht!“

Das offizielle Ziel der israelischen Armee bei dieser Kampagne war, die Grenze zu schützen und  die auf israelische Städte und Dörfer geworfenen Raketen zu stoppen. Aber das ist nicht das Ziel des Obersten. Er sandte seine Soldaten in die tödliche Schlacht (drei von ihnen starben) für den Gott Israels, gegen diejenigen, die seinen Namen verfluchen.

Wenn dieser Offizier der einzige religiöse Fanatiker in der Armee gewesen wäre, wäre das schon schlimm genug. Aber die Armee ist jetzt voll von Kippa tragenden Offizieren, die mit religiösem Eifer indoktriniert worden sind und nun ihre Soldaten im selben Geist indoktrinieren.

Die zionistisch-religiöse Partei und ihre fanatischen Rabbiner – viele von ihnen ausgesprochene Faschisten – sind seit Jahren bemüht, ihre Leute systematisch  in das Armee-Offizierskorps zu infiltrieren. Es ist ein Prozess der natürlichen Auswahl: Offiziere, die nicht gern in den besetzten Gebieten als Kolonialherren agieren, verlassen die Armee und werden hochtechnisierte Unternehmer, während messianische Fanatiker dorthin gesandt werden,  um ihren Platz auszufüllen .

Der Oberst  ist übrigens nicht getadelt  oder in irgendeiner Weise  zurecht gewiesen worden. Im Gegenteil. Er ist während des Krieges als  Vorbild eines Kampf-kommandeurs gelobt worden.

ALL DIES führt mich zu ISIS – dem islamischen Staat Irak und  al-Sham (Groß-Syrien), der  seinen Namen in „Islamischer Staat“ verändert hat. Die Veränderung bedeutet, dass die früheren Staaten, die von den westlichen Kolonisatoren nach dem 1. Weltkrieg geschaffen wurde, aufgehoben werden. Es wird einen islamischen Staat geben, der alle früheren und gegenwärtigen islamischen Gebiete einschließt, einschließlich Palästinas (und Israels).

Dies ist ein neues und erschreckendes Phänomen. Es gibt natürlich eine Menge islamistischer Parteien und Organisationen in der muslimischen Welt – von der türkischen Regierungspartei zur ägyptischen  Muslim-Bruderschaft bis zur palästinensischen Hamas. Aber fast alle beschränken  ihren Kampf auf ihre nationalen Länder  Türkei, Syrien, Palästina, Jemen. Sie wollen die Macht übernehmen und ihre Länder beherrschen. Sogar Osama bin Laden wollte vor allem sein Saudi-Heimatland übernehmen.

ISIS ist etwas ganz anderes. Es will alle Staaten zerstören, besonders die muslimischen Staaten, die von den westlichen Imperialisten auf dem islamischen Land aufgestellt wurden. Mit schrecklicher Grausamkeit,  das zum religiösen Symbol erhoben wird, hat sie sich auf den Weg gemacht, die muslimische Welt  und dann den Globus zu erobern.

Es mag lächerlich sein, wo doch das ganze Unternehmen nur aus ein paar Tausend Kämpfern besteht. Aber diese winzige Militärkraft hat schon einen riesigen Teil von Syrien und dem Irak erobert. Dies drückt das muslimische Verlangen der Wiederherstellung des alten Ruhmes, seines Hasses gegenüber all jenen (einschließlich uns), die den Islam gedemütigt haben,  also einen Durst nach geistigen Werten aus. Ich kann mir nicht helfen: es erinnert mich an den Beginn der Nazibewegung – ihre Wut, ihren Durst nach Rache, ihre Anziehungskraft auf all die Armen und Gedemütigten.

Es mag nur wenige Jahre dauern, um eine große Macht zu werden und all die Länder der Region zu bedrohen.

BEDROHT ES  Israel? Natürlich tut es das. Wenn seine Dynamik  anhält, wird es das Assad-Regime überwältigen und die israelische Grenze erreichen, wo andere islamische Rebellen in dieser Woche  schon die ersten paar Runden geschossen haben..

Mit solch einer Gefahr, die vom Norden droht, scheint es lächerlich gegen eine  winzig kleine islamische patriotische Bewegung in Gaza zu kämpfen – selbst wenn sie den Namen des Herrn verflucht.

Es mag sehr wenig Zeit übrigbleiben, um Frieden mit der arabischen  Nationalbewegung zu schließen, besonders mit dem palästinensischen Volk – einschließlich der PLO und der Hamas – und sich dem Kampf gegen den islamischen Staat anschließen.

Die Alternative ist furchterregend.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Krieg für nichts

Erstellt von Gast-Autor am 21. September 2014

Der Krieg für nichts

Autor Uri Avnery

NACH 50 TAGEN ist der Krieg  vorbei. Halleluja!

Auf der palästinensischen Seite: 2145 Tote, etwa 577 von ihnen Kinder, 263 Frauen, 102 alte Leute, 11 230 Verletzte, 3374 Kinder; 10 800 Gebäude zerstört, 7600 teilweise zerstört. ungefähr 40 000  Wohnungen beschädigt, 8000 teilweise  beschädigt. Unter den beschädigten Gebäuden : 277 Schulen, 10 Krankenhäuser, 70 Moscheen, 2 Kirchen. 4750 Kriegsvertriebene Auch  12 Westbankdemonstranten, meistens Kinder, die erschossen wurden.

Auf der israelischen Seite 70 Tote, unter ihnen 64 Soldaten, ein Kind.

Wozu also dieser Krieg? Die ehrliche Antwort ist:  für nichts.

Keine Seite wünschte ihn. Keine Seite begann ihn. Er geschah einfach so.

LASST UNS  die Ereignisse rekapitulieren, bevor sie vergessen sind:

Zwei junge Araber kidnappten drei junge israelische religiöse Studenten  nahe der Westbank-Stadt Hebron. Die Entführer gehörten zur Hamas-Bewegung, handelten aber aus eigenem Entschluss. Der Zweck war:  ihre Gefangenen  gegen palästinensische Gefangene auszutauschen. Gefangene befreien, ist jetzt der  größte Ehrgeiz eines jeden palästinensischen Militanten.

Die Entführer waren Amateure, und ihr Plan misslang von Anfang an. Sie gerieten in Panik, als ein Student sein Mobiltelefon benützte, und erschossen die Geiseln. Ganz Israel geriet in Aufruhr. Die Entführer sind noch nicht gefunden worden.

Die israelischen Sicherheitsdienste  nützten die Gelegenheit, einen vorbereiteten Plan zu erfüllen. Alle bekannten Hamas-Militanten der Westbank wurden wie auch all die früheren Gefangenen, die im Zusammenhang mit der Freilassung der israelischen Geisel Gilad Shalit, frei kamen, verhaftet. Für Hamas war dies die Verletzung eines Abkommens.

Die Hamas-Führung im Gazastreifen konnte nicht ruhig bleiben, während ihre Kameraden in der Westbank  ins Gefängnis kamen. Sie reagierten mit dem Abfeuern von Raketen auf israelische Städte und Dörfer.

Die israelische Regierung konnte sich nicht ruhig verhalten, während ihre Städte und Dörfer bombardiert wurden. Sie antwortete mit einem schweren Bombenangriff au den Gazastreifens aus der Luft.

Von da an war es nur ein endloser Blutrausch  von Tod und Zerstörung. Der Krieg schrie nach einem Zweck.

Hamas tat dann etwas, das meiner Meinung nach, ein großer Fehler war. Sie benützte einige der geheimen Tunnels, die sie unter dem Grenzzaun gebaut hatte, um israelische Ziele anzugreifen. Den Israelis wurde plötzlich diese Gefahr bewusst, die die Armee als unbedeutend angesehen hatte.

Der sinnlose Krieg bekam einen Sinn. Es wurde der Krieg gegen die Tunnels. Die Infanterie wurde in den Gazastreifen geschickt, um sie zu suchen und zu zerstören.

80 000 Soldaten  drangen in den Streifen ein.  Nachdem sie alle bekannten Tunnels zerstört hatten, hatten sie nichts mehr zu tun, außer herumzustehen und als Zielscheibe für den Tod zu dienen.

Der nächste logische Schritt wäre der gewesen sein, sich vorwärts zu bewegen       und den ganzen Gazastreifen  zu erobern: 45km lang und im Durchschnitt 6km breit mit 1,8 Millionen Einwohnern.  Vier- mal größer als Manhattan-Insel mit etwa derselben Anzahl von Bewohnern.

Aber die israelische Armee verabscheute die Idee, den Streifen zum dritten Mal zu erobern (nach 1956 und 1967). Als die Soldaten das letzte Mal den Streifen verließen, sangen sie („Goodbye Gaza auf Nimmerwiedersehen!“). Voraussagende Schätzungen  von Verlusten  waren hoch,  viel mehr als die israelische Gesellschaft zu erleiden bereit war, trotz all der patriotischen Übertreibung.

Der Krieg verkam zu einer Orgie von Töten und Zerstören, auf beiden Seiten „ein Tanz auf  Blut“, jede Bombe  und Rakete segnend, völlig apathisch gegenüber dem Leiden, das sie den Menschen auf der andern Seite  verursachten. Und immer noch ohne ein realisierbares Ziel.

WENN CLAUSEWITZ  Recht hatte, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln, dann müsste jeder Krieg ein klares politisches Ziel haben. Für Hamas war das Ziel klar und einfach: Aufhebung der Blockade von Gaza.

Für Israel gab es keines. Benjamin Netanjahu definierte sein Ziel:  „ Ruhe für  Ruhe“. Aber wir hatten sie, bevor alles anfing.

Einige seiner Kabinett-Kollegen verlangten, bis zum Ende zu gehen und den ganzen Gazastreifen zu besetzen. Das Armeekommando war dagegen, und man kann  keinen Krieg gegen die Wünsche des Armee-Kommandos führen. So stand also jeder herum und wartete auf Godot.

Was brachte nun das End- Abkommen der Feuerpause?

Beide Seiten waren erschöpft. Auf der israelischen Seite war es „der Strohhalm, der den Rücken des Kamels brach“, die schwierige Lage der Siedlungen rund um Gaza,  was man den „Gaza-Umschlag“ nannte. Unter dem unaufhörlichen  Sperrfeuer von Raketen aus kurzer Entfernung und – noch schlimmer – die Mörser- Granaten, die fast nichts kosten, ließen die Bewohner, meistens Kibbuz-Mitglieder, anfangen,  still sicherere Regionen aufzusuchen.

Das war  schon fast ein Sakrileg. Einer der Gründungsmythen Israels war im 1948erKrieg, in dem der Staat geboren wurde: die arabischen Dörfler und Städter rannten weg, wenn sie beschossen wurden,  während unsere Siedlungen  festblieben, selbst in der Mitte der Hölle.

Es war nicht ganz so. Mehrere Kibbuzim wurden auf Armee -Order hin evakuiert, wenn ihre Verteidigung unmöglich wurde. In mehreren andern wurden Frauen und Kinder weggeschickt, während Männern der Befehl gegeben wurde, zu bleiben und mit den Soldaten zu kämpfen. Aber im großen Ganzen standen israelische Siedlungen fest und kämpften.

Aber 1948 war ein ethnischer Krieg um Land. Evakuiertes Land war auf immer  (oder bis zum nächsten Krieg) verloren. Dieses Mal war die ganze Begründung anders.

LEBEN IM „Umschlag“ wurde unmöglich. Die Sirenen tönten mehrere Male innerhalb einer Stunde, und jeder hatte 15 Sekunden Zeit, einen Schutzraum aufzusuchen. Der Lärm um die Evakuierung wurde offen und laut. Hunderte von Familien zogen weg. Der Mythos wurde außer Acht gelassen, und die Regierung wurde gezwungen, eine Massenbewegung zu organisieren. Das sah nicht nach Sieg aus.

Die palästinensische Seite erlebte eine schreckliche Tortur. Über 400 000 Leute mussten ihre Wohnungen verlassen. Ganze Familien fanden Unterkunft in UN-Gebäuden, mehrere Familien in einem Raum oder in einer Ecke des Hofes, ohne Strom und mit sehr wenig Wasser, Mütter mit 6,7,8 Kindern. Und viele obdachlose Waisenkinder streunen nun  ziellos durch die Gegend. In unserm Kindergarten in Gaza sind 120 Flüchtlinge.

( Man stelle sich vor, was das bedeutet: eine Familie, arm oder reich, muss ihre Wohnung innerhalb von Minuten verlassen, sie ist nicht in der Lage, etwas mitzunehmen, keine Kleidung, kein Geld, keine Familienalben, sie können gerade die Kinder sammeln und rennen, während hinter ihnen das Haus in sich zusammenbricht. Die Arbeit eines ganzen Lebens und Erinnerungen sind in Sekunden zerstört. Die jungen Männer waren längst gegangen, sie lebten in geheimen Untergrundtunnels, die für den wichtigen Kampf vorbereitet waren.)

Es ist fast ein Wunder, dass unter diesen Bedingungen die Hamas-Regierung und die Kommandostruktur funktionierten.  Befehle kamen von  versteckten Führern zu versteckten Zellen; Kontakte wurden mit Führern im Ausland und zwischen verschiedenen Organisationen geknüpft, während Spion-Drohnen über ihnen flogen und jeden zivilen Führer oder Kommandeur, der sein Gesicht zeigte, tötete.

Nach der Aktion, bei der der  militärische Oberkommandeur Mohammad Daif getötet wurde (was nicht ganz sicher ist), fing Hamas an, die pal. Informanten zu erschießen, ohne die solche Aktionen unmöglich wären. (In meiner Zeit als Junior-Terroristen  taten wir dasselbe.)

Aber mit all ihrem bemerkenswerten Einfallsreichtum konnte die Hamas nicht auf immer gehen. Ihre großen Lager mit Raketen und Mörser-Granaten entleerten sich. Auch sie benötigten ein Ende.

Das Ergebnis? Klar ein Unentschieden. Aber, wie ich schon vorhersagte, wenn eine kleine Widerstandsorganisation  gegenüber einer der mächtigsten Militärmaschinerien der Welt ein Unentschieden erreicht, war es ein Grund zu feiern, wie sie es auch taten: am 50.Tag des Krieges für Nichts.

WAS VERLOREN beide Seiten?

Die Palästinenser haben riesige materielle Verluste. Tausende von Wohnungen wurden zerstört, um ihren Geist zu brechen. Einige mit magerem Vorwand, andere ohne irgendeinen. In den letzten Tagen zerstörte die Luftwaffe systematisch die luxuriösen Hochhäuser im Zentrum von Gaza.

Die palästinensischen menschlichen Verluste waren ebenfalls enorm. Die Israelis weinten keine Träne.

Auf der israelischen Seite waren die menschlichen und materiellen Verluste vergleichsweise klein.  Wirtschaftliche Verluste waren  bedeutsam, aber erträglich. Es sind die unsichtbaren Verluste, die zählen.

Die Delegitimation Israels in aller Welt nimmt zu. Millionen Menschen haben die täglichen Bilder aus Gaza gesehen, und bewusst oder unbewusst hat sich ihr Bild von Israel verändert. Für viele ist das „ tapfere kleine Land“ zu einem brutalen Monster geworden.

Antisemitismus nimmt in gefährlicher Weise zu, wird uns erzählt. Israel behauptet, der National-Staat des jüdischen Volkes zu sein, und die meisten Juden verteidigen Israel und identifizieren sich mit ihm.  Die neue Wut gegen Israel sieht manchmal wie der Antisemitismus  in alten Zeiten aus, und manchmal ist er es auch.

Wir wissen nicht, wie viele Juden  vom Antisemitismus nach Israel getrieben werden. Wir wissen auch nicht, wie viele Israelis von dem ewigen Krieg nach Deutschland, den USA oder Kanada getrieben werden

Man neigt dazu, den gefährlichsten Aspekt zu übersehen. Ein riesiger Hass ist in Gaza geschaffen worden. Wie viele der Kinder, die  wir mit ihren Müttern von ihren  Wohnungen wegrennen sahen, werden  „Terroristen“ von morgen  werden?

Millionen Kinder  in der ganzen arabischen Welt haben die Bilder gesehen, die täglich durch Aljazeera in die Wohnungen strahlten; und werden so bittere Hasser Israels. Aljazeera ist eine Weltmacht. Während seine  englischsprachige Version versuchte, moderat zu sein, hatte die arabische Version hatte keine  Bremsen – Stunde um Stunde brachte sie ihre Berichte und zeigte  die herzerbrechenden Bilder aus Gaza, die getöteten Kinder, die zerstörten Häuser.

Auf der andern Seite ist die generationenalte Feindschaft der arabischen Regierungen  gegen Israel gebrochen: Ägypten, Saudi-Arabien und alle Golfstaaten (außer Qatar) arbeiten jetzt offen mit Israel zusammen.

Kann dies politische Früchte in der Zukunft bringen? Es könnte, wenn unsere Regierung wirklich an Frieden interessiert wäre.

In Israel selbst hat der Faschismus seinen hässlichen und unverkennbaren Kopf emporgehoben. „Tod den Arabern“ und „Tod den Linken“ ist zu einem legitimen Schlachtruf geworden. Einige dieser widerlichen Wellen werden hoffentlich schwinden, aber einige werden wohl bleiben und zu einem regulären Charakterzug werden.

Netanjahus persönliches Schicksal ist  hinter Wolken verborgen. Während des Krieges stieg seine Popularität sehr. Jetzt ist sie im  freien Fall. Es genügt nicht, Reden über den Sieg zu halten. Der Sieg muss gesehen werden, wenn möglich ohne Mikroskop.

Krieg ist eine Sache der Macht. Die Fakten, die auf dem Schlachtfeld geschaffen  werden, spiegeln sich in den politischen Folgen wider. Wenn die Schlacht mit einem unentschieden endet, werden die politischen Folgen auch unentschieden sein. Über die Illusion des Sieges hat schon König Pyrrhus von Epirus gesagt: „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Ohne Augen in Gaza

Erstellt von Gast-Autor am 14. September 2014

Ohne Augen in Gaza

Autor Uri Avnery

DAS PROBLEM  mit dem Krieg ist, dass er zwei Seiten hat.

Alles würde so viel leichter sein, wenn der Krieg nur eine Seite hätte. Natürlich die unsrige.

Da bist du und heckst einen wunderbaren Plan für den nächsten Krieg aus, bereitest ihn vor, trainierst für ihn, bis alles perfekt ist.

Und dann beginnt der Krieg, und zu deiner größten Überraschung scheint es auch eine andere Seite zu geben, die auch einen wunderbaren Plan hat, sich vorbereitet und trainiert hat.

Wenn sich die beiden Pläne treffen, geht alles falsch. Beide Pläne brechen zusammen. Du weißt nicht, was sich ereignet. Wie sollst du weitermachen? Du machst Dinge, die nicht geplant waren. Und wenn du genug davon hast, willst du hinaus und weißt nicht wie. Es ist um vieles schwieriger, einen Krieg zu beenden, als ihn anzufangen, besonders, wenn beide Seiten den Sieg erklären müssen.

Da sind wir jetzt.

WIE HAT er angefangen? Das hängt davon ab, wo man anfangen will.

Wie alles andere  ist jedes Ereignis in Gaza eine Re-Aktion auf ein anderes Ereignis. Man tut etwas, weil die andere Seite etwas getan hat.  Und die tut etwas, weil man etwas tat. Man kann  dies  entwirren bis zum Beginn der Geschichte oder wenigsten bis Simson, dem Held.

Man erinnere sich an Simson, der von den Philistern gefangen genommen, geblendet und nach Gaza gebracht wurde. Dort beging er Selbstmord, indem er den Tempel auf sich herunterriss, und rief: „Lasst meine Seele mit den Philistern sterben!“ (Richter 16,30)

Wenn das zu lange zurück liegt, beginnen wir mit dem Anfang der gegenwärtigen Besatzung 1967.

(Davor gab es noch eine vergessene Besatzung. Als Israel den Gazastreifen und den ganzen Sinai im Laufe des 1956er-Suez-Krieges eroberte, erklärte David Ben Gurion  die Gründung des „Dritten Israelischen Königreiches“, um nur wenige Tage später mit gebrochener Stimme zu verkünden, dass er Präsident Dwight Eisenhower versprochen hatte, sich von der ganzen Sinai-Halbinsel zurückzuziehen. Einige israelische Parteien drängten ihn, wenigstens den Gazastreifen zu halten, aber er weigerte sich. Er wollte keine hundert Tausende  Araber mehr  in Israel  haben.)

Einer meiner Freunde erinnerte mich an einen meiner Artikel, den ich zwei Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg geschrieben hatte, in dem wir Gaza noch einmal besetzten. Ich hatte grade herausgefunden, dass zwei arabische Straßenbauer, einer von der Westbank und der andere vom Gazastreifen genau dieselbe Arbeit machten, aber verschiedene Löhne bekamen. Der Mann aus Gaza bekam weniger.

Als Mitglied der Knesset forschte ich nach. Ein hochrangiger Beamter erklärte mir, dass dies ein politischer Entschluss wäre. Der Zweck war, die Araber dahin zu bringen, den Gazastreifen zu verlassen und in der Westbank  (oder sonst wo) zu siedeln, um die 400 000 im Gazastreifen lebenden Araber, meistens Flüchtlinge aus Israel, zu zerstreuen. Offensichtlich ging das nicht so gut – nun leben dort ungefähr 1.8 Millionen.

Im Februar 1969  warnte ich, „(dass  wenn wir so weitermachen)  wir vor einer schrecklichen Wahl stehen werden –  an einer Welle von Terror leiden, die das ganze Land überzieht oder mit Aktionen von Rache  und Unterdrückung  zu reagieren, die so brutal sein werden, dass sie unsere Seelen korrumpieren  und die ganze Welt dahin bringt, uns zu verurteilen.“

Ich erwähne dies nicht (nur), um mein eigenes Lob zu singen, sondern zu zeigen, dass jede vernünftige Person hätte voraussehen könnem, was heute geschieht.

ES BRAUCHTE für Gaza eine lange Zeit, um diesen Punkt zu erreichen.

Ich erinnere mich an einen Abend in Gaza Mitte der 90er-Jahre. Ich war zu einer palästinensischen Konferenz (über Gefangene) eingeladen worden, die mehrere Tage dauerte. Meine Gastgeber luden mich ein, mit Rachel in einem Hotel an der Küste zu übernachten. Gaza war damals ein netter Platz. Am späten Abend machten wir einen Spaziergang durch die Hauptstraße. Wir hatten freundliche Gespräche mit Leuten, die uns als Israelis erkannten. Wir waren glücklich.

Ich erinnere mich auch an den Tag, als die israelische Armee sich aus dem größten Teil des Streifens  zurückzog. In der Nähe von Gazastadt stand ein riesiger israelischer Wachturm, viele Stockwerke hoch, „so dass die israelischen Soldaten in jedes Fenster in Gaza schauen konnten“. Als die Soldaten gingen, kletterte ich bis in die Spitze, vorbei an Hunderten glücklicher Jungs, die rauf und runter gingen  wie die Engel auf der Leiter in Jakobs Traum in der Bibel.  Wieder waren wir glücklich.

Das war die Zeit, als Yasser Arafat, Sohn einer Familie aus dem Gazastreifen, nach Palästina zurückkehrte und sein Hauptquartier in Gaza hatte. Ein wunderschöner neuer Flughafen wurde (mit deutschen Geldern) gebaut. Pläne für einen großen neuen Seehafen  wurden herumgereicht.

(Ein großer holländischer Hafenbaubetrieb  wandte sich diskret an micht und bat mich, meine guten Beziehungen zu Arafat zu nützen, damit er ihnen den Job geben würde. Sie deuteten eine sehr große Gratifikation an. Ich weigerte mich höflich. Während all der Jahre,  die ich Arafat kannte, bat ich ihn nie um eine Gunst. (Ich denke, dass dies die Grundlage unserer ziemlich seltsamen Freundschaft war.)

Falls der Hafen gebaut worden wäre, wäre Gaza ein blühender  Handelsplatz geworden. Der Lebensstandard wäre steil angestiegen, die Neigung der Leute für eine radikal islamische Partei wäre geringer geworden.

WARUM GESCHAH das nicht? Israel weigerte sich, den Hafenbau zu genehmigen. Im Gegensatz zu einer klaren Verpflichtung im 1993er-Oslo-Abkommen, schnitt Israel alle Verbindungen zwischen dem Gazastreifen und der Westbank ab. Das Ziel war, jede Möglichkeit für den Aufbau eines lebensfähigen palästinensischen Staates zu verhindern.

Ministerpräsident Ariel Sharon evakuierte  mehr als ein Dutzend Siedlungen entlang der Gazaküste. Einer unserer Slogans vom rechten Flügel heißt: „Wir evakuierten den ganzen Gazastreifen, und was bekamen wir dafür? Qassam-Raketen!“ Also  können wir die Westbank nicht aufgeben.

Aber Sharon  gab den Streifen  nicht der Palästinensischen Behörde.  Die Israelis sind von der Idee besessen, „einseitig“ zu handeln. Die Armee zog sich aus dem Streifen zurück und hinterließ ein Chaos ohne eine Regierung – ohne ein Abkommen zwischen beiden Seiten.

Gaza versank im Elend. Bei den palästinensischen 2006-Wahlen unter der Aufsicht von Ex-Präsident Jimmy Carter gab die Bevölkerung von Gaza – wie die der Westbank – der Hamas eine relative Mehrheit.  Die Bevölkerung applaudierte.

Die israelische Regierung reagierte, indem sie eine Blockade errichtete. Nur begrenzte Mengen von Waren, die von der Besatzungsbehörde genehmigt wurden, wurden durchgelassen. Ein amerikanischer Senator machte einen Höllenspektakel, als er herausfand, dass Nudeln als ein Sicherheitsrisiko angesehen  und nicht hineingelassen wurde. Praktisch wurde auch nichts herausgelassen – was vom Standpunkt der „Sicherheit“ und des Waffen-„Schmuggels“ unbegreiflich ist, aber vom Standpunkt des Strangulierens des Gazastreifens klar ist.

Der Streifen ist, grob gesagt, 40km lang und 10km breit. Im Norden und im Osten grenzt er an Israel, im Westen grenzt er ans Meer, der von der israelischen Flotte kontrolliert wird. Im Süden grenzt er an Ägypten, das jetzt von einer brutalen anti-islamischen Diktatur beherrscht wird und mit Israel liiert ist.  Wie der Slogan aussagt: Es ist „das größte Freiluftgefängnis der Welt“.

BEIDE SEITEN  behaupten jetzt, es sei ihr Ziel, dieser Situation ein Ende zu machen. Aber sie meinen zwei sehr verschiedene Dinge.

Die israelische Seite wünscht, dass die Blockade bleibt, aber in einer liberaleren Form.  Nudeln und vieles andere soll in den Streifen hineingelassen werden, aber unter strenger Überwachung. Kein Flughafen. Kein Seehafen. Hamas muss an der Wiederbewaffnung gehindert werden.

Die palästinensische Seite  wünscht, dass die Blockade ein für alle Mal verschwindet, auch offiziell. Sie wünschen ihren Hafen und den Flughafen. Sie verweigern nicht eine Überwachung entweder international oder durch die palästinensische Einheitsregierung unter Mahmoud Abbas.

Wie diesen Kreis in ein Quadrat verwandeln, besonders wenn der „Vermittler“  der ägyptische Diktator ist, der praktisch als Agent Israels handelt? Es ist ein Kennzeichen der Situation, dass die US als Vermittler verschwunden ist. Nach den sinnlosen Friedensvermittlungsbemühungen John Kerrys, wird die USA jetzt allgemein im ganzen Nahen Osten verachtet.

Israel kann Hamas nicht „zerstören“, wie unsere halbfaschistischen Politiker (auch in der Regierung)  laut fordern.  Außerdem wünschen sie das gar nicht wirklich. Wenn die Hamas „zerstört“ ist, würde der Gazastreifen  der palästinensischen Behörde  (nämlich Fatah) übergeben werden. Das würde die Wiedervereinigung der Westbank mit Gaza bedeuten – nach all den lang andauernden und erfolgreichen  israelischen Bemühungen, sie zu teilen. Das ist nicht gut.

Falls Hamas bleibt, kann Israel der „Terror-Organisation“ nicht erlauben, zu gedeihen.  Eine Entspannung der Blockade wird nur begrenzt möglich sein – wenn überhaupt. Die Bevölkerung wird Hamas sogar noch mehr schätzen und von Rache für die schreckliche Zerstörung  träumen, die Israel während des letzten Krieges anrichtete. Der nächste Krieg wird schon um die nächste Ecke sein – wie fast alle Israelis sowieso denken.

Am Ende werden wir dort sein, wo wir anfangs waren.

ES KANN keine wirkliche Lösung für Gaza geben, ohne eine wirkliche Lösung für Palästina.

Die Blockade muss enden mit ernsthaften Sicherheitsbedenken auf beiden Seiten in Rechnung gezogen.

Der Gazastreifen und die Westbank (mit Ost-Jerusalem) müssen vereint werden.

Die vier „sicheren Durchfahrtswege“ zwischen den beiden Gebieten – im Oslo-Abkommen versprochen – müssen endlich geöffnet werden.

Dann muss es längst fällige palästinensische Wahlen für die Präsidentschaft und das Parlament geben, mit einer neuen Regierung, die von allen palästinensischen Fraktionen  und von der Weltgemeinschaft anerkannt wird, einschließlich Israel und der USA.

Eine ernsthafte Friedensverhandlung, die  sich auf die zwei-Staaten-Lösung gründet, muss beginnen und innerhalb einer vernünftigen Zeitspanne zum Ziel kommen.

Hamas muss  offiziell  das Friedensabkommen akzeptieren, das bei dieser Vierhandlung erreicht wird.

Israels legitime Sicherheitsanliegen müssen  berücksichtigt werden.

Der Gaza-Hafen muss geöffnet werden, um den Gazastreifen und den ganzen Staat Palästina  in die Lage  zu versetzen, Waren zu importieren und zu exportieren.

Es hat keinen Sinn, eines dieser Probleme getrennt zu „lösen“. Sie müssen gemeinsam gelöst werden. Sie können auch gemeinsam gelöst werden.

Es sei denn, wir wollen von einer Runde zur nächsten gehen, ohne Hoffnung und Erlösung.

„Wir“ –  die Israelis und Palästinenser – die von diesem Krieg gemeinsam umschlungen sind.

Oder  tun, was Simson tat:  Selbstmord begehen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Metro Gaza

Erstellt von Gast-Autor am 8. September 2014

Metro Gaza

TEL AVIV hat keine Metro. Jahrzehntelang wurde darüber diskutiert. Auf einander folgende Bürgermeister haben sie versprochen. Leider , keine Metro.

Als die israelische Armee den Gazastreifen betrat und ein erstaunliches System von Untergrund-Tunnels vorfand, machte eine Idee die Runde: Warum nicht die Hamas einladen, um für Tel Aviv die Metro zu bauen. Sie haben  Übung, sind Experten,  kennen die Technologie, die Pläne und haben die Menschenkraft.

Aber dieser Krieg war kein Scherz. Er ist eine schreckliche Tragödie.

WER HAT nach 29 Tagen Kampf gesiegt?

Natürlich ist es viel zu früh  endgültige Schlüsse zu ziehen.  Die Feuerpause mag zusammenbrechen. Es wird Monate, ja, Jahre dauern, um alle Konsequenzen  zu erkennen. Aber die israelische  allgemeine Weisheit hat schon ihre eigenen  Schlussfolgerungen gezogen: es  ist ein Unentschieden.

Diese Schlussfolgerung ist an sich eine Art Wunder. Einen ganzen Monat lang sind die israelischen Bürger mit einem Wortschwall von Propaganda bombardiert worden. Täglich, stündlich wurden sie einem endlosen Strom von Gehirnwäsche ausgesetzt.

Die politischen und militärischen Führer diktierten ein Bild des Sieges. Panzern und Truppentransportern, die aus dem Gazastreifen kamen, ist befohlen worden, große Flaggen flattern zu lassen. Alle Fotos von  Truppen, die den Streifen verließen, zeigten  lächelnde Soldaten. (In meiner Phantasie sehe ich die Soldaten, wie sie für den Ausgang übten; der Oberfeldwebel  rief: „Du dort gemeiner Cohen, dein Lächeln ist nicht breit genug!“

Nach der offiziellen Linie hat unsere Armee alle ihre Ziele erreicht.  Mission erfüllt. Die Hamas ist geschlagen worden, wie es einer der treuen „Militär-Korrespondenten“ sagte: „Die Hamas krabbelt auf allen vieren zur Feuerpause!“

Es ist deshalb eine große Überraschung, dass bei der ersten Volksbefragung nach dem Kampf 51% der israelisch-jüdischen Öffentlichkeit antwortete, der Krieg endete mit einem Unentschieden. Nur 36% antworteten, wir haben gewonnen, während 6% glauben, die Hamas habe gesiegt.

WENN EINE Guerilla-Organisation mit höchstens 10 000 Kämpfern ein Unentschieden erreicht, und zwar mit einer der mächtigsten Armeen der Welt, die mit den allermodernsten Waffen  der Welt ausgerüstet ist, dann ist das eine Art Sieg.

Hamas hat nicht nur  während des Kampfes eine Menge Mut gezeigt, sondern auch überraschenden Einfallsreichtum beim Vorbereiten dieser Kampagne. Am allerletzten Tag stand sie noch aufrecht. Um das zu zeigen, warfen sie noch  fünf Minuten bevor die Feuerpause begann, Dutzende Raketen nach Israel hinein.

Die israelische Armee hat andrerseits  sehr wenig Phantasie gezeigt. Sie war ganz unvorbereitet für das Gewirr von Tunnels. Der überaus erfolgreiche „Eiserne Dom“  zur Verteidigung von Raketen wurde von Zivilisten erfunden und vor acht Jahren von einem zivilen Verteidigungsminister installiert – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Armee. Ohne diese Verteidigung würde der Krieg ganz anders ausgesehen haben.

Tatsächlich ist die Armee eine schwere, unhandliche, konservative Maschine geworden, wie ein Kommentator zu schreiben wagte. Sie folgte ihrer   bestehenden Routine, ohne spezielle Kräfte zu benützen. Ihre Routine war im Wesentlichen, die zivile Bevölkerung unter Beschuss zu haben und zu unterwerfen und so viele Tote  und so viel Zerstörung wie möglich zu verursachen und den Widerstand  so weit und so lang  wie möglich zu verhindern. In Israel weckten die Bilder des Todes und der Zerstörung kein Mitleid. Im Gegenteil. Die Leute waren stolz darauf.

Aber an Ende waren beide Seiten völlig erschöpft. Beide benötigten dringend die Feuerpause,

Für die israelische Führung war die einzige Alternative zum Rückzug die Eroberung des ganzen Gazastreifens. Dies hätte ihr ermöglicht, die Hamas physisch auszulöschen und ihre Infrastruktur aufzulösen. Aber die Armee  war streng dagegen und überzeugte auch die politische Führung.  Geschätzte 1000 israelische Soldaten wären getötet worden und der ganze Streifen wäre  in Ruinen verwandelt worden.

Vor 32 Jahren sah sich das  Begin-Sharon-Duo demselben Dilemma gegenüber. Die Eroberung von West-Beirut würde geschätzte 800 israelische Soldatenleben gekostet haben. Wie das  Netanjahu-Ya’alon-Duo jetzt entschieden sie dagegen.

Die israelische Gesellschaft wollte nicht so viele Todesfälle. Und der internationale Aufschrei gegen das zivile Gemetzel in Gaza würde zu viel gewesen sein.

Netanjahu tut also jetzt, was er niemals zu tun geschworen hat: er führt Verhandlungen mit der „verabscheuungswürdigen Terroristen-Organisation“ – Hamas.

ES GIBT eine psychische Erkrankung, die Paranoia vera genannt wird. Ihr Hauptsymptom: Der Patient har eine verrückte Annahme  (Die Erde ist flach; Kennedy  wurde von Außerirdischen getötet; die Juden regieren die Welt) und bauen ein ganzes logisches System darauf auf. Je logischer das System darum herum ist, umso kränker ist der Patient.

Israels augenblickliche Paranoia betrifft die Hamas. Die Annahme ist,  Hamas sei eine üble jihadistisch-terroristische Organisation, die darauf aus ist, Israel zu vernichten. .Wie ein Journalist es diese Woche ausdrückte: „Eine Bande von Psychopathen.“

Die ganze Politik Israels gründet sich auf diese Annahme. So war auch dieser Krieg.

Man kann  mit der Hamas nicht reden. Man kann  mit ihr keinen Frieden schließen. Man muss sie auslöschen.

Dieses dämonische Bild hat keine Verbindung mit der Realität.

Ich liebe die Hamas nicht. Im Allgemeinen  liebe ich  keine religiösen Parteien – nicht in Israel, nicht in der arabischen Welt, nirgendwo.  Ich würde nie für so eine Partei stimmen.

Aber die Hamas ist ein integraler Teil der palästinensischen Gesellschaft. Bei der letzten international überwachten palästinensischen Wahl hat sie die Mehrheit gewonnen.  Stimmt, sie hat im Gazastreifen  die Macht  mit Gewalt an sich gerissen, aber nur, nachdem sie eine klare Mehrheit bei der Wahl auch im Streifen gewonnen hatte.

Die Hamas ist nicht „Jihadistisch“ im Sinne der al-Qaida oder ISIS. Sie kämpft nicht für ein weltweites Kalifat. Sie ist eine palästinensische Partei, total der palästinensischen Sache verschrieben. Sie nennt sich selbst „der Widerstand“.  Sie legt der Bevölkerung keine religiösen Gesetze („Die Sharia“) auf.

Aber was ist mit der Charta der Hamas, die die Zerstörung des Staates Israels fordert und bösartige antisemitische Statements enthält?

Für mich ist dies frustrierend dejá vue. Die PLO hatte eine Charta, die auch die Zerstörung Israels enthielt. Dies tauchte endlos in der israelischen Propaganda auf.  Ein respektierter Professor und früherer militärischer Nachrichtendienstchef, Yehoshafat Harkavi, sprach jahrelang über nichts anderes. Erst nach dem Unterzeichnen des Oslo-Abkommens zwischen Israel und der PLO waren die relevanten Sätze dieses Dokumentes  offiziell gestrichen – und zwar in Gegenwart des Präsidenten Bill Clinton.

Wegen religiöser Einschränkungen kann die Hamas selbst kein Friedensabkommen unterschreiben. Aber wie religiöse Leute überall (besonders die Juden und Christen) hat sie Wege gefunden, um Gottes Gebote zu umgehen. Der Gründer von Hamas, der gelähmte Scheich Achmad Yassin (der die Charta  geschrieben hatte und von Israel ermordet wurde) schlug eine 30 Jahre dauernde  „Hudna“ vor. Eine Hudna ist eine  Waffenpause, die von Allah gesegnet ist und die bis zum Jüngsten Gericht verlängert werden kann.

Gush Shalom, die israelische Friedensorganisation, zu der ich gehöre, verlangte  als erste schon vor acht Jahren, dass unsere Regierung anfangen solle, mit der Hamas zu reden. Wir selbst hatten eine Reihe freundlicher Diskussionen mit mehreren Hamas-Führern.  Die augenblickliche Linie der Hamas ist  die, dass wenn Mahmoud Abbas  es gelänge, ein Friedensabkommen mit Israel zu unterzeichnen, würde Hamas dies akzeptieren – vorausgesetzt, es ist von einem Referendum ratifiziert worden.

Leider gibt es da wenig Hoffnung, dass Israel von dieser Paranoia bald geheilt wird.

NEHMEN WIR an, dass dieser Krieg wirklich vorüber ist, was wird bleiben?

Die Kriegshysterie, in die Israel während dieses Krieges versunken war, brachte eine ekelhafte Welle von Faschismus mit sich. Lynchmobs haben Araber in Jerusalem gejagt, Journalisten wie Gideon Levy benötigen Leibwächter, Universitätsprofessoren, die wagten, für den Frieden zu sprechen, wurden zensiert ( das könnte einen  weiteren  Boykott rechtfertigten, einen weltweiten akademischen Boykott, Künstler, die  vorsichtig Kritik übten, wurden entlassen).

Einige Leute glauben, dass dies ein Meilenstein im Verfall der israelischen Demokratie ist .Ich hoffe noch, dass die üble Welle sich zurückziehen wird. Aber etwas wird sicher bleiben. Faschismus ist vom Mainstream-Diskurs sanktioniert worden.

Ein Symptom des Faschismus‘ ist die Legende vom  „Messer im Rücken“ – Adolf Hitler verwendete sie auf dem Weg zur Macht. Unsere glorreiche Armee war kurz vor dem Sieg, als ein Kabale,  ein (jüdischer) Politiker,  ein Messer in ihren Rücken stieß. Man kann dies  schon jetzt in Israel hören. Die tapferen Soldaten hätten den ganzen Gazastreifen erobern können, wenn Netanjahu und seine Handlanger – der Verteidigungsminister und der  Stabschef – nicht den Befehl für einen schmachvollen Rückzug gegeben hätten.

Im Augenblick ist Netanjahu auf der Höhe seiner Volkstümlichkeit. Überwältigende 77% der jüdischen Bürger stimmten seiner Kriegsführung  zu. Aber dies kann sich über Nacht  ändern. Die Kritik, die jetzt flüsternd ausgedrückt wird – sogar in seiner eigenen Regierung –  mag nach draußen brechen/ nach außen dringen.

Am Ende mag Netanjahu  von denselben Superpatrioten verschlungen werden, die  er angeführt hat.

Die schrecklichen Bilder der Zerstörung und des Todes, die aus Gaza kommen, haben im Ausland einen tiefen, (bestürzenden) Eindruck gemacht. Sie können nicht einfach ausgelöscht werden. Ein anti-israelisches Gefühl wird bleiben, einiges davon  mit direktem Antisemitismus getönt. Israels (falsche) Behauptung, „ der Nationalstaat des jüdischen Volkes“ zu sein und die beinahe totale Identifizierung der Diasporajuden mit Israel wird unvermeidbar zur Anklage aller Juden für Israels Untaten führen.

Die Auswirkung auf die Araber ist bei weitem schlimmer. Für jedes getötete Kind, für jedes zerstörte Haus, werden sicher neue „Terroristen“ heranwachsen.

ES GIBT auch ein paar positive Folgen.

Dieser Krieg  hat vorübergehend eine unwahrscheinliche Koalition zwischen Israel, Ägypten, Saudi-Arabien und der Palästinensischen Behörde geschaffen.

Vor zwei Monaten war Abbas  noch der Prügelknabe von Netanjahu. Jetzt ist er der Liebling von Netanjahu und der israelischen öffentlichen Meinung. Gleichzeitig sind sich paradoxerweise  Abbas und Hamas  einander näher gekommen.

Dies könnte eine einzigartige Gelegenheit sein, einen ernsthaften Friedensprozess zu beginnen, und zwar als Folge der Lösung der Probleme des Gazastreifens.

Falls ….

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

80 Thesen für den Frieden

Erstellt von Gast-Autor am 24. August 2014

80 Thesen für ein neues Friedenslager,

Autor Uri Avnery

ein Entwurf von Gush Shalom

1. Der Friedensprozess ist zusammengebrochen – und hat einen großen Teil des israelischen Friedenslager mit sich gerissen.

2. Vorübergehende zufällige Umstände wie persönliche oder parteipolitische Querelen, Versäumnisse der Führung, politischer Egoismus, interne und globale politische Entwicklungen sind nur wie Schaum auf den Wellen. So wichtig sie sein mögen, so können sie den totalen Zusammenbruch nicht hinreichend erklären.

3. Die wahre Erklärung kann nur unter der Oberfläche gefunden werden, an den Wurzeln des historischen Konflikts zwischen den beiden Völkern.

4. Der Madrid-Oslo-Prozess scheiterte, weil beide Seiten versuchten, Ziele zu erreichen, die nicht mit einander in Einklang gebracht werden konnten.

5. Die Ziele jeder der beiden Seiten werden von ihren nationalen Grundinteressen her bestimmt, die von ihrer historischen Geschichtsauffassung, von ihren verschiedenen Ansichten über den 120 Jahre andauernden Konflikt geformt werden. Die national-israelische Geschichtsversion und die national-palästinensische Version derselben Geschichte ist im Ganzen als auch im Details gesehen völlig gegensätzlich.

6. Die Unterhändler und die Führung auf israelischer Seite verhandelten in völliger Unkenntnis der national-palästinensischen Geschichtsschreibung. Selbst wenn sie ernsthaft guten Willens waren, eine Lösung zu erreichen, waren ihre Bemühungen zum Scheitern verurteilt, da sie die nationalen Wünsche, Traumata, Befürchtungen und Hoffnungen des palästinensischen Volkes nicht verstehen konnten. Und obwohl es keine Symmetrie zwischen beiden Seiten gibt, war die palästinensische Haltung ähnlich.

7. Die Lösung eines so lange währenden historischen Konfliktes ist nur dann möglich, wenn jede Seite in der Lage ist, die nationale geistige Welt der andern Seite zu verstehen und wenn sie bereit ist, ihr gleichberechtigt zu begegnen. Eine gefühllose, herablassende, anmaßende Haltung schließt jede Möglichkeit einer einvernehmlichen Lösung aus.

8. Die Regierung von Barak, in die so viele Hoffnungen gesetzt worden war, war genau von dieser Haltung geprägt. Daher kam es zu der enormen Kluft zwischen anfänglichen Versprechen und den verhängnisvollen Ergebnissen.

9. Ein wichtiger Teil des alten Friedenslagers (auch die „Zionistische Linke“ genannt oder die „vernünftige Öffentlichkeit“) ist ähnlich geprägt und ist darum mit der Regierung, die sie unterstützte, zusammengebrochen.

10. Deshalb wäre die wichtigste Aufgabe eines neuen Friedenslagers, die falschen Mythen und die einseitige Sicht des Konfliktes aufzugeben. Das bedeutet nicht, dass die israelische Geschichtsauffassung automatisch zu verwerfen und die palästinensische, ohne sie zu hinterfragen, zu akzeptieren. Doch es erfordert, die Position des anderen im historischen Konflikt mit offenem Sinn anzuhören und zu verstehen, um die Kluft zwischen beiden nationalen Geschichtsauffassungen zu überbrücken.

11. Jeder andere Weg würde zu einer endlosen Fortsetzung des Konfliktes mit Perioden scheinbarer Ruhe und scheinbarer Versöhnung führen , doch häufig unterbrochen von Ausbrüchen gewaltätiger, feindseliger Aktionen zwischen den beiden Völkern und zwischen Israel und der arabischen Welt. Wenn man das Tempo der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen in Betracht zieht, können weitere Runden der Auseinandersetzungen zur Zerstörung aller Konfliktparteien führen.

Die Wurzel des Konflikts

12. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist die Fortsetzung des historischen Zusammenpralles zwischen der zionistischen Bewegung und dem palästinensisch-arabischen Volke, ein Zusammenprall, der am Ende des 19. Jahrhundert begann und nun beendet werden muss.

13. Die zionistische Bewegung war im wesentlichen eine jüdische Reaktion auf die nationalen Bewegungen in Europa, die alle den Juden gegenüber feindlich gesinnt waren. Nachdem sie von den europäischen Nationen abgelehnt worden waren, entschieden einige Juden, nach dem neuen europäischen Modell, sich selbst als eine eigene Nation zu statuieren und ihren eigenen Nationalstaat zu gründen, in dem sie Herr über ihr eigenes Schicksal sein könnten. Das Prinzip der Trennung, das die Basis der zionistischen Idee bildet, hatte später weitreichende Folgen. Das grundlegende zionistische Dogma, wonach eine Minorität , nach europäischem Modell, nicht in einem national homogenen Staat existieren könne, führte später zum praktischen Ausgrenzung der nationalen Minderheit im zionistischen Staat, der 50 Jahre später Wirklichkeit wurde..

14. Traditionelle und religiöse Gründe brachten die zionistische Bewegung nach Palästina (Hebräisch: Erez Israel ) und es wurde entschieden, in diesem Land einen jüdischen Staat zu gründen. Die Losung lautete: „ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“. Diese Losung wurde nicht nur aus Unkenntnis geprägt, sondern auch auf Grund der allgemeinen Arroganz gegenüber nicht-europäischen Völkern, die zu jener Zeit in Europa vorherrschte.

15. Palästina war nicht leer – weder zum Ende des 19. Jahrhunderts und noch zu irgend einer anderen Zeit. Zu jener Zeit lebte eine halbe Million Menschen in Palästina, 90% davon waren Araber. Diese Bevölkerung war natürlich gegen das Eindringen eines anderen Volkes in ihr Land.

16. Die arabische Nationalbewegung entstand fast gleichzeitig wie die zionistische Bewegung, anfänglich um gegen das türkisch-osmanische Reich und nach dessen Zerstörung am Ende des 1. Weltkrieges gegen die Kolonialmächte zu kämpfen. Eine eigene arabisch-palästinensische Nationalbewegung entwickelte sich im Land, nachdem die Briten einen eigenen Staat gegründet hatten, den sie Palästina nannten, und infolge des Kampfes gegen das Eindringen der Zionisten.

17. Seit Ende des 1. Weltkrieges gab es eine zunehmende Auseinandersetzung zwischen den beiden Nationalbewegungen, der jüdisch- zionistischen und der palästinensisch-arabischen, und beide trachteten danach, im selben Land ihr Ziel zu verfolgen – das den andern völlig außer acht ließ. Diese Situation blieb unverändert bis zum heutigen Tag.

18. Als in Europa sich die Verfolgung der Juden intensivierte und die Länder der Welt ihre Tore für jüdische Einwanderer, die dem Inferno zu entkommen versuchten, schlossen, gewann die zionistische Bewegung an Stärke. Der Holocaust, dem 6 Millionen Juden zum Opfer fielen, verlieh der zionistischen Forderung, nämlich die Errichtung des Staates Israel, moralische und politische Macht.

19. Das palästinensische Volk, das die Zunahme der jüdischen Bevölkerung in seinem Land beobachtete, konnte nicht einsehen, warum von ihm der Preis für die von Europäern an Juden begangenen Verbrechen gefordert wurde. Heftig wehrte es sich gegen weitere jüdische Einwanderung und gegen weiteren Landerwerb durch Juden.

20. Die totale Leugnung der nationalen Existenz des anderen durch beide Völker führte unvermeidlich zu einer falschen und verzerrten Wahrnehmung, die im kollektiven Bewußtsein beider tiefe Wurzeln schlug. Diese Wahrnehmung beeinflusst ihre Haltung zueinander bis auf den heutigen Tag.

21. Die Araber glaubten, dass die Juden vom westlichen Imperialismus in dies Land verpflanzt worden seien, um die arabische Welt zu unterwerfen und seine Bodenschätze zu kontrollieren. Diese Überzeugung wurde durch die Tatsache bestärkt, dass die zionistische Bewegung von Anfang an für eine Allianz mit wenigstens einer westlichen Macht anstrebte (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, die USA), um den Widerstand der Araber zu brechen. Das Ergebnis war eine praktische Zusammenarbeit und Interessengemeinschaft zwischen dem zionistischen Projekt und den imperialistischen und kolonialen Kräften, die sich gegen die arabische Nationalbewegung richteten.

22. Die Juden dagegen waren davon überzeugt, der arabische Widerstand gegenüber dem zionistischen Unternehmen – um die Juden aus den Flammen Europas zu retten – wäre die Folge der mörderischen Natur der Araber und des Islam. In ihren Augen waren die arabischen Kämpfer „Banditen“ und die Aufstände jener Zeit wurden Ausschreitungen genannt. (Tatsächlich war der extremste zionistische Führer Vladimir Zeev Jabotinsky in den 20er Jahren mit seiner Erkenntnis fast allein, dass der arabische Widerstand gegen das zionistische Vorhaben unvermeidbar war und normal. Von seinem Standpunkt aus war es sogar eine rechtmäßige Reaktion der „Eingeborenen“, die ihr Land gegen fremde Eindringlinge verteidigten. Jabotinsky erkannte auch die Tatsache an, dass die Araber im Land eine eigene nationale Entität waren und verspottete Versuche, die Führer anderer arabischer Länder zu bestechen, um dem palästinensisch-arabischen Widerstand ein Ende zu setzen. Jabotinskys Schlußfolgerung war dann aber, eine „Eiserne Wand“ gegen die Araber zu errichten und ihren Widerstand mit aller Gewalt zu brechen.)

23. Dieser totale Widerspruch in der Auffassung der Tatsachen hatte seine Wirkung auf alle Aspekte dieses Konfliktes. Zum Beispiel interpretierten die Juden ihren Kampf für „Jüdische Arbeit“ als einen fortschrittlichen sozialen Versuch, um aus einem Volk von Händlern und Spekulanten eines von Arbeitern und Bauern zumachen. Die Araber andrerseits sahen dies als einen verbrecherischen Versuch der Zionisten, sie zu enteignen, sie vom Arbeitsmarkt zu verdrängen und auf ihrem Land eine araberfreie eigene jüdische Wirtschaft zu schaffen.

24. Die Zionisten waren stolz auf „die Erlösung des Landes“. Sie hatten es zum vollen Wert erworben mit dem Geld, das Juden aus aller Welt gesammelt hatten. Die „Olim“ (die neuen Einwanderer, wörtlich Pilger), die in ihrem früheren Leben Intellektuelle und Kaufleute waren, verdienten jetzt ihren Lebensunterhalt im „Schweiße ihres Angesichtes“. Sie glaubten, dass sie all das mit friedlichen Mitteln erreicht hätten und ohne einen einzigen Araber zu enteignen. Für die Araber jedoch war es eine grausame Geschichte von Enteignung und Vertreibung. Die Juden erwarben Land von abwesenden arabischen Großgrundbesitzern und vertrieben gewaltsam dann die Fellachen, die seit Generationen auf und von diesem Land lebten. Zunächst ließen sich die Zionisten bei diesem Tun von der türkischen, dann von der britischen Polizei unterstützen. Die Araber mußten verzweifelt zusehen, wie ihnen ihr Land weggenommen wurde.

25. Gegen die zionistische Behauptung, erfolgreich „die Wüste in einen Garten verwandelt“ zu haben, zitierten die Araber Zeugnisse europäischer Reisender aus mehreren Jahrhunderten. Sie berichteten von einem Palästina, das besiedelt war und ein blühendes Land wie seine Nachbarländer.

Unabhängigkeit und Katastrophe

26. Der Kontrast der beiden nationalen Geschichtsauffassungen gipfelte im Krieg von 1948. Von den Juden wurde dieser „Unabhängigkeitskrieg“ oder gar „Befreiungskrieg“ genannt, von den Arabern „Nakba“, Katasrophe.

27. Mit der Zunahme des Konflikts in der Region, und unter der Nachwirkung des Holocaust entschieden die Vereinten Nationen, das Land in zwei Staaten zu teilen, einen jüdischen und einen arabischen. Jerusalem und seine Umgebung sollte einen Sonderstatus erhalten unter internationaler Aufsicht. Den Juden waren 55% des Landes einschließlich des dünn besiedelten Negev zugeteilt.

28. Die zionistische Bewegung akzeptierte den Teilungsplan, davon überzeugt, dass es das Wichtigste war, eine feste Basis für jüdische Souveränität zu schaffen. In geschlossenen Sitzungen hat David Ben Gurion nie seine Absicht verhehlt, bei der nächsten Gelegenheit, das den Juden gegebene Land zu erweitern. Deshalb definiert Israels Unabhängigkeitserklärung nicht Israels Grenzen und der Staat hat bis heute keine festgelegten Grenzen.

29. Die arabische Welt akzeptierte den Teilungsplan nicht und betrachtete ihn als einen nichtswürdigen Versuch der Vereinten Nationen, (die damals ein Klub von westlichen und kommunistischen Staaten war), ein Land zu teilen, das ihnen nicht gehörte. Da man den größten Teil des Landes der jüdischen Minderheit übergab, die nur ein Drittel der Bevölkerung ausmachte, war es in ihren Augen noch weniger entschuldbar.

30. Der Krieg, der nach dem Teilungsplan von den Arabern begonnen wurde, war zwangsläufig ein „ethnischer“ Krieg, eine Art von Krieg, in dem jede Seite versucht, so viel Land als möglich zu erobern und die Bevölkerung der Gegenseite zu vertreiben. Solch eine Kampagne, (die später „ethnische Reinigung“ genannt wurde) ist immer mit Vertreibung und Gräueltaten verbunden.

31. Der Krieg von 1948 war ein unmittelbarer Ausdruck des zionistisch-arabischen Konfliktes, in dem jede Seite versuchte, ihre Ziele zu erreichen. Die Juden wollten einen homogenen Nationalstaat errichten, der so groß wie möglich sein sollte. Die Araber wollten die zionistisch- jüdische Gemeinschaft vernichten, die sich in Palästina festgesetzt hatte.

32. Beide Seiten praktizierten ethnische Säuberung als integralen Bestandteil ihres Kampfes. Da blieben nicht viele Araber in den von Juden eroberten Gebieten und keine Jude blieb in den von Arabern eroberten Gebieten. Da jedoch die von Juden eroberten Gebiete bei weitem größer waren als die von Arabern, war das Ergebnis keineswegs ausgeglichen. (die Idee eines Bevölkerungsaustausches und „Transfer“ entstand in den zionistischen Organisationen schon in den 30er Jahren . Tatsächlich bedeuten sie die Vertreibung der arabischen Bevölkerung aus dem Land. Auf der andern Seite waren viele Araber der Meinung, dass die Zionisten dorthin zurückgehen sollten, wo sie hergekommen waren.)

33. Der Mythos von „den Wenigen gegen die Vielen“ wurde von den Juden gepflegt, um die Lage der jüdischen Gemeinschaft mit 650 000 Menschen gegen die gesamte arabische Welt von über Hundert Millionen zu beschreiben. Die jüdische Gemeinschaft verlor im Krieg 1% ihrer Mitglieder.

Die Araber malten ein völlig anderes Bild: eine gespaltene arabische Bevölkerung ohne nationale Führung, ohne einheitliches Kommando über schwache Streitkräfte, mit wenigen armseligen, meistens veralteten Waffen stand einer außerordentlich gut organisierten jüdischen Gemeinschaft gegenüber, die im Gebrauch ihrer Waffen bestens ausgebildet war. Die benachbarten arabischen Staaten verrieten die Palästinenser und als diese schließlich ihre Armeen entsandten, operierten sie in Konkurrenz miteinander, ohne Koordination und einen gemeinsamen Plan. Vom gesellschaftlichen und militärischen Standpunkt aus war die Kampfkraft der Israelis der der arabischen Staaten, die sich gerade erst von der kolonialen Epoche erholten, weit überlegen.

34. Entsprechend dem Plan der Vereinigten Nationen sollte der Anteil der arabischen Bevölkerung im jüdischen Staat mehr als 40% betragen. Während des Krieges dehnte der jüdische Staat seine Grenzen aus bis er 78% des Landes umfaßte. Dieses Gebiet war von fast allen Arabern verlassen worden. Die arabische Bevölkerung von Nazareth und ein paar Dörfern in Galiläa blieben fast zufällig zurück. Die Dörfer im sog. Dreieck waren von König Abdullah Israel als Teil eines Deals vermacht worden und konnte deshalb nicht evakuiert werden.

35. Im Krieg wurden etwa 750 000 Palästinenser entwurzelt. Einige flohen aus Angst vor der Kämpfen, so wie es Zivilbevölkerung in jedem Krieg tut. Einige wurden durch Terrorakte vertrieben wie dem Massaker von Deir Yassin. Andere wurden im Laufe der ethnischen Reinigung systematisch vertrieben.

36. Nicht weniger bedeutsam ist die Tatsache, dass es den Flüchtlingen nach den Kämpfen nicht erlaubt war, in ihre Häuser zurückzukehren, wie es nach jedem konventionellen Krieg üblich ist. Im Gegenteil, das neue Israel sah das Verschwinden der Araber als einen großen Segen an und beeilte sich die ca. 450 Dörfer völlig zu zerstören. Auf den Ruinen wurden neue jüdische Ortschaften gebaut, denen neue hebräische Namen gegeben wurden. Die verlassenen Häuser in den Städten wurden den neuen Immigranten überlassen.

„Ein jüdischer Staat“

37. Die Unterzeichnung der Waffenstillstandsvereinbarungen am Ende des 1948er-Krieges brachte kein Ende des historischen Konfliktes. Im Gegenteil sie brachte diesen auf eine neue und intensivere Ebene.

38. Der neue Staat Israel widmete seine frühen Jahre der Konsolidierung seines homogenen nationalen Charakters als „jüdischer Staat“. Große Teile des Bodens wurden enteignet und zwar von den „Abwesenden“ (den Flüchtlingen) und von denen, die offiziell als „abwesend Anwesende“ bezeichnet wurden. (Es waren die, die zwar physisch in Israel geblieben waren, die aber nicht Bürger des Landes werden durften). Enteignet wurde sogar auch der größte Teil des Bodens der arabischen Bürger Israels. Auf diesen Ländereien wurde ein dichtes Netzwerk jüdischer Siedlungen geschaffen. Jüdische „Immigranten“ wurden eingeladen oder sogar veranlasst, in Massen zu kommen. Dieser große Aufwand vergrößerte die Macht des Staates in nur wenigen Jahren um ein Mehrfaches.

39. Zur selben Zeit führte der Staat nachdrücklich eine Politik zur Auslöschung der palästinensischen Gemeinschaft als nationale Gemeinschaft. Mit israelischer Hilfe übernahm der transjordanische König Abdullah die Kontrolle über das Westjordanland und seitdem gibt es praktisch eine israelische militärische Garantie für die Existenz des Königreichs Jordanien.

40. Der Hauptgrund für die Zusammenarbeit zwischen Israel und dem Hashemitischen Königreich, die über drei Generationen andauert, war die Verhinderung des Entstehens eines unabhängigen arabisch-palästinensischen Staates, der – damals wie heute – als ein wesentliches Hindernis für die Realisierung der zionistischen Ziele betrachtet wurde.

41. Gegen Ende der fünfziger Jahre ereignete sich auf palästinensischer Seite ein historischer Wandel, als Yasser Arafat und seine Mitstreiter die Fatah-Bewegung gründeten, die die palästinensische Befreiungsbewegung aus der Vormundschaft der arabischen Regierungen führen sollte. Es war kein Zufall, dass diese Bewegung nach dem Scheitern des großen panarabischen Konzepts entstand, dessen bekanntester Vertreter Gamal Abd-el-Nasser war. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten viele Palästinenser gehofft, in eine vereinigte all-arabische Nation aufgenommen zu werden. Als diese Hoffnung dahinschwand, erwachte die eigene palästinensische Nationalidentität aufs neue.

42. Die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) wurde von Gamal Abd-el Nasser geschaffen, um selbständige palästinensische Aktionen zu verhindern, die ihn in einen unerwünschten Krieg mit Israel hätte hineinziehen können. Die Organisation war gedacht, die ägyptische Herrschaft über die Palästinenser zu sichern. Doch nach der arabischen Niederlage im 1967er-Krieg, übernahm die von Yasser Arafat geführte Fatah die Kontrolle über die PLO und wurde seitdem zur einzigen Vertreterin des palästinensischen Volkes.

„Der Sechs-Tage-Krieg“

43. Der Juni-Krieg 1967 wird – wie jedes Ereignis der vergangenen 120 Jahre – von beiden Seiten in sehr verschiedener Weise gesehen. Nach israelischem Mythos war es ein verzweifelter Verteidigungskrieg, der dem Staat Israel wunderbarerweise eine Menge Land bescherte. Nach palästinensischem Mythos tappten die Ägypter, Syrer und Jordanier in eine von Israel gestellte Falle, um all das zu erbeuten, was von Palästina noch übrig war.

44. Viele Israelis glauben, dass der „Sechs-Tage-Krieg“ die Wurzel allen Übels ist und dass erst zu diesem Zeitpunkt das friedliebende und fortschrittliche Israel sich in einen Eroberer und Besatzer verwandelte. Diese Überzeugung erlaubt den Israelis, die Idee der absoluten Unschuld des Zionimus und des Staates Israel bis zu diesem Zeitpunkt aufrecht zu erhalten und ihre alten Mythen zu bewahren. Diese Legende entspricht aber nicht den Tatsachen.

45. Der Krieg von 1967 war eine neue Phase des alten Kampfes zwischen zwei Nationalbewegungen. Er änderte nichts am Wesentlichen. Er änderte nur die Umstände. Die wesentlichen Ziele der zionistischen Bewegung, ein jüdischer Staat, Expansion und Besiedelung machten große Fortschritte. Die besonderen Umstände dieses Krieges machten eine umfassende „ethnische Reinigung“ unmöglich. Aber mehrere Hunderttausende von Palästinensern wurden trotzdem vertrieben.

46. Israel war bei der Teilung von 1947 55% des Landes (Palästina) zugesprochen worden; zusätzliche 23 % wurden im 1948er-Krieg erobert und nun noch die verbliebenen 22% – jenseits der „Grünen Linie“ (der Waffenstillstandslinie von vor 1967). So wurde 1967 – unbeabsichtigt – das palästinensische Volk unter Israels Herrschaft wieder vereinigt – einschließlich eines Teils der Flüchtlinge.

47. Kaum war der Krieg beendet, als die Siedlungsbewegung begann. Fast jede politische Gruppe des Staates beteiligte sich daran – von der messianisch-nationalistischen „Gush Emunin“ bis zu den „Linken“ der Vereinigten Kibbuz-Bewegung. Die ersten Siedler erhielten breite Unterstützung von seiten der meisten Politiker, von linken und rechten, von Yigal Alon (jüdische Siedlung in Hebron) bis Shimon Peres (Kdumin Siedlung).

48. Die Tatsache, dass alle Regierungen Israels – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – die Siedlungen hegten und pflegten, beweist, dass das Siedeln auf kein besonderes ideologisches Lager beschränkt ist und zur gesamten zionistischen Bewegung gehört. Der Eindruck, die Siedlungsbewegung sei von einer kleinen Minderheit geschaffen worden, ist illusorisch. Nur die ständige Unterstützung seitens aller Regierungsämter von 1967 bis heute konnte die gesetzgeberischen, die strategischen und die Haushalts-Infrastrukturen schaffen, die für so ein lange dauerndes und ausgedehntes Unternehmen erforderlich sind.

49. Die gesetzgeberische Infrastruktur enthält die irreführende Unterstellung, dass die Besatzungsmacht der Eigentümer des „regierungseigenen Bodens“ ist, obwohl es um die lebenswichtigen Landreserven der palästinensischen Bevölkerung geht. Es versteht sich von selbst, dass die Siedlungsbewegung gegen internationales Recht verstößt.

50. Der Streit zwischen den Anhängern des „Groß-Israel“ und denen des „Territorialen Kompromisses“ ist in seinem Wesen nach ein Streit über den Weg, auf dem das grundsätzliche zionistische Anliegen zu erreichen ist: als homogener jüdischer Staat auf einem Territorium, das so groß wie möglich ist. Die Anhänger des „Kompromisses“ betonen den demographischen Aspekt und wollen die Einbeziehung der palästinensischen Bevölkerung in den Staat verhindern. Die Anhänger eines „Groß-Israel“ betonen den geographischen Aspekt und meinen (öffentlich oder privat), dass es möglich sei, die nicht-jüdische Bevölkerung aus dem Lande zu vertreiben (das Schlüsselwort: „Transfer“).

51. Der Generalstab der israelischen Armee spielte bei der Planung und beim Bau der Siedlungen eine bedeutende Rolle. Er zeichnete die Karte der Siedlungen (Ariel Sharon): die Blöcke der Siedlungen und Umgehungs-Straßen, der Länge und der Breite nach, so dass das Westjordanland und der Gaza-Streifen zerstückelt sind und die Palästinenser in isolierten Enklaven eingesperrt werden, von denen jede von Siedlungen und der Besatzungsarmee umzingelt ist.

52. Die Palästinenser nutzten verschiedene Methoden des Widerstandes, hauptsächlich Angriffe über die jordanische und libanesische Grenzen und Angriffe innerhalb Israels und überall in der Welt. Diese Aktionen werden von den Israelis als „terroristisch“ bezeichnet, während die Palästinenser in ihnen den legitimen Widerstand einer Nation unter Besatzung sehen. Die Führung der PLO, geleitet von Yasser Arafat, wurde von den Israelis lange Zeit als eine terroristische Führung angesehen, aber nach und nach wurde sie international als die „einzig legitime Vertretung“ des palästinensischen Volkes anerkannt.

53. Als den Palästinensern klar wurde, dass diese Aktionen die Siedlungsbewegung nicht beenden konnten, die ihnen allmählich das Land unter den Füßen wegzog, begannen sie Ende 1987 die Intifada – einen Volksaufstand aller Bevölkerungsgruppen. In dieser Intifada wurden 1500 Palästinenser getötet, unter ihnen Hunderte von Kindern, das Mehrfache der israelischen Verluste.

Der Friedensprozeß

54. Der Oktoberkrieg 1973 begann mit dem Überraschungssieg der ägyptischen und syrischen Truppen und endete in ihrer Niederlage. Er überzeugte Yasser Arafat und seine engsten Mitarbeiter, dass es keinen militärischen Weg gibt, um die palästinensischen Ziele zu erreichen. Er beschloss, einen politischen Weg zu beschreiten und ein Abkommen mit Israel zu erreichen, um wenigstens einen Teil der nationalen Ziele durch Verhandlungen zu verwirklichen.

55. Um dafür eine Grundlage zu schaffen, stellte Arafat zunächst Verbindungen mit israelischen Persönlichkeiten her, die Einfluss auf die öffentliche Meinung und auf die Regierungspolitik in Israel hatten. Seine Vertreter (Said Hamami und Issam Sartawi) trafen sich mit öffentlichen Persönlichkeiten Israels, jenen Pionieren des Friedens, die 1975 den „Israelischen Rat für einen israelisch-palästinensischen Frieden“ gründeten.

56. Diese Verbindungen und die wachsende Erschöpfung der Israelis durch die Intifada, der Rückzug Jordaniens aus dem Westjordanland, die Veränderung der internationalen Bedingungen (der Zusammenbruch des kommunistischen Blocks, der Golfkrieg) führten zur Madrider Konferenz und später zum Oslo-Abkommen.

Das Oslo-Abkommen

57. Das Oslo-Abkommen hat positive und negative Eigenschaften.

58. Auf der positiven Seite führte das Abkommen Israel zu seiner ersten offiziellen Anerkennung des palästinensischen Volkes und seiner nationalen Führung und führte die palästinensiche Nationalbewegung zur Anerkennung der Existenz Israels. Im Hinblick darauf war das Abkommen (und der Briefwechsel, der ihm vorrausging) von größter historischer Bedeutung.

59. Das Abkommen gab der palästinensischen Nationalbewegung eine territoriale Basis auf palästinensischem Boden, die Struktur eines „Staates im Werden“ und bewaffnete Kräfte – Tatsachen, die später eine bedeutende Rolle in dem fortgehenden palästinensischen Kampfe spielten. Für die Israelis öffnete das Abkommen die Tore zur arabischen Welt und beendete die palästinensischen Angriffe – solange das Abkommen wirksam war.

60. Der hauptsächliche Mangel des Abkommens war, dass beide Seiten hofften, ihre vollkommen gegensätzlichen Ziele zu erreichen. Die Palästinenser sahen es als ein zeitweiliges Abkommen an, das den Weg zur Beendigung der Besatzung und zur Gründung eines Palästina-Staates in allen besetzten Gebieten bereitete. Auf der andern Seite sahen die jeweiligen israelischen Regierungen in ihm den Weg, die Besatzung in großen Teilen des Westjordanlandes und des Gaza-Streifens aufrecht zu erhalten mit einer palästinensischen Selbstregierung (self-government), die die Rolle einer Hilfsagentur für die Sicherheit Israels und der Siedlungen spielen sollte.

61. Darum stellt Oslo nicht den Beginn eines Prozesses zur Beendigung des Konfliktes dar, sondern eher eine neue Phase des Konfliktes.

62. Während die Erwartungen auf beiden Seiten so sehr von einander abwichen und jede völlig an das eigene nationale Geschichtsverständnis gebunden blieb, wurde jeder Teil des Abkommens verschieden interpretiert. Letzten Endes wurden viele Teile des Abkommens vor allem von seiten Israels nicht umgesetzt. (Der 3. Rückzug, die vier sicheren Passagen zwischen dem Gaza-Streifen und dem Westjordanland, u.a.)

63. Während der ganzen Periode des Oslo-Prozesses fuhr Israel mit der Ausdehnung der Siedlungen fort, indem es hauptsächlich unter verschiedenen Vorwänden neue gründete, die bestehenden vergrößerte, ein sorgfältig ausgearbeitetes Netz von Umgehungsstraßen baute, Land enteignete, Häuser zerstörte und Plantagen verwüstete. Die Palästinenser andrerseits nutzten die Zeit, ihre Kräfte auszubauen innerhalb und außerhalb des Rahmens des Abkommens. Tatsächlich setzte sich der historische Konflikt unter dem Vorwand der Verhandlungen und des „Friedensprozesses“ unvermindert weiter, der stellvertretend für tatsächlichen Frieden stand.

64. Im Gegensatz zu seinem Image, das sich nach seiner Ermordung noch verstärkte, hielt Yitzak Rabin den Konflikt „auf dem Boden“ am Leben, während er gleichzeitig den politischen Prozess, Frieden unter israelischen Bedingungen zu erlangen managte. Da er ein Anhänger der zionistischen Geschichtsdeutung war und ihre Mythologie akzeptierte, litt er an einer kognitiven Dissonanz, als seine Hoffnungen für Frieden mit seiner Vorstellungswelt zusammenprallten. Es schien als ob er begonnen hatte, einige Teile der palästinensischen Geschichtsdeutung zu verinnerlichen – aber das war erst kurz vor seinem Lebensende.

65. Der Fall Shimon Peres ist viel ernster. Er schuf sich selbst ein internationales Image als Friedensmacher und richtete seine Redeweise derart aus, dass sie dieses Image reflektiert („Der Neue Nahe Osten“), während er im wesentlichen ein traditioneller zionistischer Falke blieb. Dies wurde während der kurzen und gewalttätigen Periode deutlich, als er nach der Ermordung Rabins als Premier Minister fungierte und noch einmal, als er kürzlich die Rolle des Sprechers und Verteidigers von Sharon annahm.

66. Am deutlichsten wurde das israelische Dilemma, als Ehud Barak zur Macht kam und vollkommen von seiner Fähigkeit überzeugt war, dass er den Gordischen Knoten des historischen Konfliktes mit einem dramatischen Schlag beenden könne – in der Art wie Alexander der Große. Barak näherte sich dem Problem mit völliger Ignoranz der palästinensischen Geschichtsdeutung und ohne Achtung vor seiner Bedeutung. Er stellte seine Vorschläge als Diktate vor und war erschrocken und wütend, dass sie zurückgewiesen wurden.

67. In seinen Augen und in weiten Teilen auch bei den Israelis, „hatte Barak jeden Stein umgedreht“ und hatte den Palästinensern die großzügigsten Angebote gemacht wie kein vorausgegangener Premier Minister. Als Gegenleistung wollte er, dass die Paläsinenser „das Ende des Konfliktes“ unterzeichneten. Die Palästinenser betrachteten dies als groteske Anmaßung, da Barak sie wirklich aufgefordert hatte, ihre nationale Grundvorstellung aufzugeben, wie das Recht zur Rückkehr und die Souveränität über Ost-Jerusalem und den Tempelberg. Mehr noch, während Barak die Ansprüche auf Annektion von Land als eine Angelegenheit von kaum erwähnenswerten Prozenten („Siedlungsblöcke“) darstellte, war es nach Berechnungen der Palästinenser eine tatsächliche Annektion von 20% Land jenseits der „Grünen Linie“.

68. Nach palästinensischer Ansicht hatten sie schon den entscheidenden Kompromiß gemacht, in dem sie bereit waren, ihren Staat jenseits der Grünen Linie aufzubauen – in nur 22% ihrer historischen Heimat. Deshalb konnten sie nur kleinen Grenzkorrekturen mit Land-Austausch zustimmen. Die traditionelle israelische Position ist, dass die Errungenschaften des 1948er–Krieges festgesetzte Fakten sind, an denen nicht gerüttelt werden darf und der Kompromiß sich nur auf die verbleibenden 22% konzentrieren kann.

69. So wie es sich mit den meisten Begriffen und Vorstellungen verhält, so hat auch das Wort „Konzession“ für beide Seiten verschiedene Bedeutungen.. Die Palästinenser sind davon überzeugt, dass sie bereits auf 78% ihres Landes verzichtet hätten, wenn sie sich mit nur 22% davon begnügen. Die Israelis glauben, dass sie nachgeben, wenn sie damit einverstanden sind, wenn sie den Palästinensern Teile von diesen 22% (des Westjordanlands und des Gaza-Streifen) zugestehen.

70. Der Camp David Gipfel im Sommer 2000, der gegen Arafats Willen ihm also aufgedrängt wurde, war vorzeitig und brachte die Dinge zu einem Höhepunkt. Baraks Forderungen, die auf dem Gipfel als Clintons presentiert wurden, bestanden darin, dass die Palästinenser mit dem Ende des Konfliktes einverstanden sein und auf das Rückkehrrecht und die Rückkehr selbst verzichten sollen; komplizierte Regelungen für Ost-Jerusalem und den Tempelberg, ohne Souveränität über sie, zu akzeptieren; mit großen territerorialen Annektionen im Westjordanland und im Gaza-Streifen einverstanden zu sein, auch mit der militärischen Präsenz in andern großen Gebieten und mit der israelischen Kontrolle über die Grenzen, die den palästinensischen Staat vom Rest der Welt trennen. Kein palästinensischer Führer würde jemals solch ein Abkommen unterzeichnen. Und so endete der Gipfel mit einem toten Punkt und die Karrieren von Clinton und Barak waren auch am Ende.

Die Al-Aksa-Intifada

71. Der Zusammenbruch des Gipfels, das Verschwinden jeglicher Hoffnung für ein Abkommen zwischen den beiden Seiten und die bedingungslose Pro-Israel-Haltung der Amerikaner, führte unvermeidlich zu einer neuen Runde von gewalttätigen Konfrontationen, die den Namen Al-Aksa-Intifada bekamen. Für die Palästinenser ist dies ein gerechtfertigter nationaler Aufstand gegen die fortdauernde Besatzung, deren Ende nicht in Sicht ist und die es sich erlaubt, ständig und täglich Land unter den Füßen der Palästinenser wegzuziehen. Für die Israelis ist dieser Ausbruch mörderischer Terror. Den Palästinensern erscheinen die Ausführenden dieser Akte wie Nationalhelden – für die Israelis gnadenlose Verbrecher, die liquidiert werden müssen.

72. Die offiziellen Medien in Israel erwähnen die Siedler nicht mehr als solche, sondern nennen sie „Einwohner“, auf die ein Angriff jetzt ein Verbrechen gegen Zivilisten ist. Die Palästinenser betrachten die Siedler als die vorderste Reihe eines gefährlichen Feindes, dessen Absicht es ist, sie ihres Land zu berauben, und der besiegt werden muss.

73. Ein großer Teil des israelischen „Friedenslagers“ brach während der Al-Aksa Intifada zusammen und es stellt sich heraus, dass die Überzeugung vieler auf tönernen Füßen stand. Besonders nachdem Barak „jeden Stein umgedreht“ und „großzügigere Angebote als jeder frühere Premier Minister“ gemacht hätte, war die Reaktion der Palästinenser für diesen Teil des „Friedenslagers“ unbegreiflich. Dieses hatte nämlich nie eine Revision der zionistischen Geschichtsdeutung vollzogen und die Tatsache nicht zur Kenntnis genommen, dass es auch eine palästinensische Geschichtsdeutung gibt. Die einzige verbliebene Erklärung war, dass die Palästinenser das israelische Friedenslager betrogen hätten, dass sie nie beabsichtigten, Frieden zu machen und dass es ihre wahre Absicht sei, die Juden ins Meer zu werfen, wie die zionistische Rechte immer behauptet hatte.

74. Das Ergebnis war, dass die trennende Linie zwischen der zionistischen „Rechten“ und „Linken“ verschwand. Die Führer der Arbeiterpartei vereinigten sich mit der Sharon-Regierung und wurden ihre wirksamsten Vertreter (Shimon Peres) und sogar die formelle linke Opposition (Yossi Sarid) nahm am Konsens teil. Dies beweist wieder, dass die Zionistische Geschichtsdeutung der entscheidende Faktor ist, alle Facetten des politischen Systems in Israel zu vereinigen. Der Unterschied zwischen Rehavam Zeevi und Avraham Burg, Yitzak Levi und Yossi Sarid sind unbedeutend.

75. Es gibt eine spürbare Veränderung in der palästinensischen Bereitschaft, den Dialog mit den israelischen Friedenskräften wieder aufzunehmen; es ist eine Folge der großen Enttäuschung über die „linke Regierung“, die so viele Hoffnungen nach den Netanyahu-Jahren geweckt hatte, wie auch eine Folge der Tatsache, dass außer den kleinen radikalen Friedensgruppen von keiner israelischen Empörung über die brutalen Reaktionen der Besatzungskräfte zu hören war. Die Tendenz, die Reihen zu schließen, die für jede Nation in einem Befreiungskrieg typisch ist, ermöglicht es den extremen nationalistischen und religiösen Kräften auf der palästinensischen Seite, jede israelisch-palästinensische Zusammenarbeit zu erschweren.

Ein neues Friedenslager

76. Der Zusammenbruch des alten Friedenslagers erfordert die Schaffung eines neuen israelischen Friedenslagers, die realistisch, modern, wirksam und stark sein wird, die die israelische Öffentlichkeit beeinflussen und zu einer umfassenden Neubewertung der alten Grundsätze führen kann, um einen Wechsel im israelischen politischen System zu bewirken.

77. Um das zu tun, muss die neue Friedensbewegung die öffentliche Meinung zu einer mutigen Neubewertung der nationalen „Geschichtsdeutung“ und zu ihrer Befreiung von falschen Mythen führen. Sie muss danach streben, die Geschichtsauffassungen der beiden Völker in einer gemeinsamen „Geschichte“ zu vereinen, die frei von Geschichtsfälschungen ist und von beiden Seiten akzeptiert werden kann.

78. Während dies getan wird, muss die israelische Öffentlichkeit auch darüber informiert werden, dass bei all den schönen und positiven Seiten des zionistischen Unternehmens dem palästinensischen Volk ein furchtbares Unglück angetan wurde. Dieses Unrecht, das seinen Höhepunkt während der „Nakba“ erreichte, verpflichtet uns, Verantwortung zu übernehmen und den Schaden wiedergutzumachen, so gut dies nur möglich ist.

79. Mit einem neuen Verständnis der Vergangenheit und der Gegenwart muss das neue Friedenslager einen Plan erarbeiten, der auf folgender Grundlage beruht:

a) Neben Israel wird ein unabhängiger und freier Palästinastaat gegründet.

b) Die „Grüne Linie“ wird die Grenze zwischen den beiden Staaten. Mit Zustimmung der beiden Seiten ist ein begrenzter Gebietsaustausch möglich.

c) Die israelischen Siedlungen auf dem Territorium des Palästinastaates werden geräumt.

d) Die Grenze zwischen den beiden Staaten wird nach einer zwischen beiden Seiten vereinbarten Regelung für die Bewegung von Personen und Gütern offen sein.

e) Jerusalem wird die Hauptstadt beider Staaten – West-Jerusalem die Hauptstadt Israels und Ost-Jerusalem die Hauptstadt Palästinas. Der Staat Palästina wird die vollständige Souveränität in Ost-Jerusalem besitzen, einschließlich des Haram al Sharif (Tempelberg). Der Staat Israel wird die volle Souveränität in West-Jerusalem besitzen, einschließlich der West-Mauer („Klagemauer“) und des jüdischen Viertels. Beide Staaten werden ein Abkommen über die physische Einheit der Stadt auf Verwaltungsebene schließen.

f) Israel wird prinzipiell das Recht auf Rückkehr der Palästinenser als ein unveräußerliches Menschenrecht anerkennen. Die praktische Lösung wird durch ein Abkommen erreicht, das auf gerechten, fairen und praktischen Erwägungen beruht und die Rückkehr auf das Gebiet des Staates Palästina, auf das Gebiet des Staates Israel und Entschädigungen einschließt.

g) Die Wasservorkommen werden gemeinsam kontrolliert und in einem gleichberechtigten und ehrlichen Abkommen zugewiesen.

h) Die Sicherheit beider Staaten wird in einem Sicherheitsabkommen zwischen ihnen garantiert, das die spezifischen Sicherheitsinteressen sowohl Israels als Palästinas berücksichtigt.

i) Israel und Palästina werden mit andern Staaten der Region zusammenarbeiten, um eine Nahost-Gemeinschaft nach dem Modell der Europäischen Union zu errichten.

80) Die Unterzeichnung eines Friedensabkommens und eine ehrliche Verwirklichung wird zu einer historischen Versöhnung zwischen den beiden Nationen führen, die auf Gleichheit, Zusammenarbeit und gegenseitiger Achtung beruht.

(Aus dem Englischen übersetzt: Ernst Herbst und Ellen Rohlfs und vom Autor Uri Avnery autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Begegnung im Tunnel

Erstellt von Gast-Autor am 10. August 2014

Begegnung im Tunnel

Autor Uri Avnery

ES WAR einmal ein Dorf in England, das sehr stolz  auf sein Bogenschießen war. Vor jedem  Haus stand eine Zielscheibe  und zeigte das Können seines Besitzers. Auf einem dieser Zielscheiben hat jeder einzelne Pfeil  mitten ins Ziel getroffen.

Ein neugieriger Besucher  fragte den Besitzer: wie ist dies möglich? Die Antwort: „Einfach, zuerst schoss ich die Pfeile, und dann zeichnete ich Kreise rund um sie.“

In diesem Krieg  tut unsere Regierung dasselbe. Wir erreichen alle unsere Ziele – aber wir verändern die ganze Zeit unsere Ziele.  Am Ende wird der Sieg vollkommen sein.

 

ALS DER Krieg begann, wollten wir nur „die  Infrastruktur der Terroristen zerstören.“ Dann, als die Raketen der Hamas praktisch  ganz Israel erreichten (weithin dank der wunderbaren Anti-Raketen-Verteidigung („Iron Dome“) ohne viel Schaden anzurichten) war das Kriegsziel, die Raketen zu zerstören. Als die Armee  für diesen Zweck die Grenze in den Gazastreifen überquerte, wurde ein riesiges Netzwerk von Tunneln entdeckt. Sie wurden ab jetzt das Hauptziel des Krieges. Die Tunnel mussten zerstört werden.

Tunnel sind seit der Antike  für Kriegszwecke  benützt worden. Armeen, die nicht in der Lage waren, befestigte  Städte zu erobern, versuchten unter ihren Mauern  Tunnel zu graben. Gefangene  entkamen durch Tunnel. Als die Briten die Führer des hebräischen Untergrunds inhaftiert hatten, flohen mehrere ihrer Führer durch einen Tunnel.

Hamas benützte Tunnel, um unter den Grenzmauern und -zäunen die israelische Armee und  Siedlungen auf der andern Seite anzugreifen. Die Existenz dieser Tunnel war bekannt, aber ihre große Zahl und Wirksamkeit war eine Überraschung. Wie vietnamesische Kämpfer zu ihrer Zeit Tunnel benützten, benützt Hamas die Tunnel für Angriffe, Kommandoposten, Operationszentren  und Waffenlager. Viele von ihnen sind mit einander verbunden.

Für die Bevölkerung auf der israelischen Seite sind die Tunnel eine Quelle der Angst. Die Idee, dass zu irgendeiner Zeit der Kopf eines Hamas-Kämpfers in der Mitte eines Kibbuz-Esssaals auftauchen könnte  ist nicht gerade  amüsant.

Jetzt ist also das Kriegsziel, so viele Tunnel wie möglich zu entdecken und  zu zerstören. Keiner träumte von diesem Ziel, bevor der Krieg anfing.

Wenn politische Ratsamkeit es verlangt, so kann es morgen  schon ein anderes Kriegsziel geben. Es wird in Israel einmütig anerkannt werden.

DIE ISRAELISCHEN Medien sind jetzt total unterwürfig. Es gibt keine unabhängige Berichterstattung. „Militär-Korrespondenten“  ist es nicht erlaubt, den Gazastreifen zu betreten, um eigene Erfahrungen zu machen; sie sind bereit,  wie Papageien die Armeeberichte  nachzuplappern und stellen sie so dar, als wären es ihre persönlichen Beobachtungen.  Eine Menge Ex-Generäle warten auf, um die Situation zu kommentieren –  alle sagen genau dasselbe, ja benützen dieselben Worte. Die Öffentlichkeit schluckt all diese Propaganda und nimmt sie als bare Münze.

Die kleine Stimme von Haaretz mit ein paar Kommentatoren,  wie die von Gideon Levy und  von Amira Hass, gehen in der  ohrenbetäubenden Kakophonie unter.

Ich fliehe vor dieser Gehirnwäsche und höre  beiden Seiten zu, wechsle ständig zwischen israelischen TV-Stationen und Aljazeera (auf Arabisch und Englisch). Was ich sehe, sind zwei verschiedene Kriege, die gleichzeitig geschehen, aber auf zwei  verschiedenen Planeten.

Für Zuschauer der israelischen Medien ist Hamas die Inkarnation des Bösen. Wir bekämpfen „terroristische Ziele“. Wir bombardieren „terroristische“ Ziele (wie das Haus der Familie des Hamasführers Ismail Haniye). Hamaskämpfer  ziehen sich nie zurück, sie fliehen. Ihre Führer  kommandieren nicht aus  Untergrund-Kommando-posten, sie verstecken sich. Sie  verbergen ihre Waffen in Moscheen, Schulen und Krankenhäusern (Wie wir es während des britischen Mandats taten). Tunnel sind „Terroristentunnels“. Hamas verwendet  zynischer Weise die zivile Bevölkerung als „menschliche Schutzschilde“ (wie Churchill die Londoner Bevölkerung) Gaza- Schulen und Krankenhäuser werden nicht von israelischen Bomben getroffen, Gott bewahre!, sondern von Hamas Granaten (die auf mysteriöse Weise ihren Weg verlieren) und so weiter.

Mit arabischen Augen gesehen, sehen die Dinge irgendwie anders aus.  Hamas ist eine patriotische Gruppe, die mit unglaublichem Mut gegen  immense Widrigkeiten kämpft. Sie sind keine ausländischen Kräfte, die das Leiden der Bevölkerung ausnützen; sie sind die Söhne  genau dieser Bevölkerung, Mitglieder der Familien, die jetzt en masse  getötet werden, die in den Häusern aufwuchsen, die jetzt zerstört werden. Es sind ihre Mütter und Geschwister, die nun in den UN –Unterkünften zusammengedrängt leben –ohne Wasser und Strom,  nur mit ihrer Kleidung am Leib,  sonst nichts.

Ich habe die Logik in der Dämonisierung des Feindes nie eingesehen. Als ich ein Soldat im 48er-Krieg war, hatten wir mit unsern Kameraden an anderen Fronten  hitzige Diskussionen. Jeder bestand darauf, dass sein besonderer Feind – Ägypter, Jordanier, Syrer – der tapferste und  wirksamste wäre –  bei einem Kampf  gegen eine verkommene  Bande von „abscheulichen Terroristen“  gibt es keinen Ruhm.

Geben wir doch zu, dass unser gegenwärtiger Feind  mit großem Mut und Erfindungsgeist kämpft. Fast auf wunderbare Weise  funktioniert ihre zivile und militärische Kommandostruktur  noch gut. Die zivile Bevölkerung  unterstützt sie trotz ihres immensen Leids. Dass nach fast vier Wochen Kampf gegen eine der stärksten Ameen der Welt  der Feind  immer noch aufrechtsteht.

Wenn wir dies zugeben, mag uns das helfen, die andere Seite zu verstehen,  etwas, das wesentlich für beides ist: Krieg zu führen und Frieden zu machen oder eben eine Waffenpause.

OHNE VERSTÄNDNIS für den Feind oder ein klares Konzept von dem, was wir wirklich wollen,  ist selbst eine Waffenpause  eine mühsame Aufgabe.

Zum Beispiel: Was wollen wir von Mahmoud Abbas?

Viele Jahre lang hat die israelische Führung ihn offen verachtet. Ariel Sharon nannte ihn bekanntermaßen ein „gerupftes Huhn“. Israels Rechte glauben, dass er „gefährlicher sei als Hamas“, da die naiven Amerikaner  wahrscheinlich  bereit sind  ihm zuzuhören. Benjamin Netanjahu tat alles Mögliche, um seine  Haltung zu zerstören und alle Friedensverhandlungen mit ihm zu sabotieren. Sie diffamieren ihn dafür, dass er mit Hamas Versöhnung sucht.   Netanjahu mit seinem  üblichen Talent für Soundclips sagte es so: „ Entweder Frieden mit uns oder mit Hamas“.

Aber  in dieser Woche waren unsere Führer fieberhaft darum bemüht, Abbas zu erreichen, um ihn als den einzigen Führer des palästinensischen Volkes zu krönen, um von ihm zu verlangen, dass er die führende Rolle bei den Verhandlungen zur Waffenpause spiele. Alle israelischen Kommentatoren erklärten, dass eine der großen  Erfolge des Krieges die Schaffung eines politischen Blocks sei, der aus Israel, Ägypten, Saudi-Arabien, den Golfemiraten und Abbas besteht. Der gestrige  „Nicht-Partner“ besteht jetzt als unerschütterlicher Verbündeter.

Das Problem ist, dass  viele Palästinenser Abbas jetzt herabsetzen, während sie mit Bewunderung auf Hamas blicken, das leuchtende Beispiel für die arabische Ehre. (In der arabischen Kultur spielt die Ehre eine weit größere Rolle als in Europa.)

Im Augenblick schauen die israelischen Sicherheitsexperten mit wachsender Sorge auf die Situation in der Westbank. Die Jungen  – und nicht nur die Jungen – scheinen für eine dritte Intifada bereit zu sein. Die Armee  schießt schon mit scharfer Munition auf Demonstranten in Kalandia, Jerusalem, Bethlehem und andere Orte. Die Zahl der Toten und Verletzten in der Westbank steigt. Für unsere Generäle  ist dies  noch ein Grund für eine frühe Waffenpause in Gaza.

WAFFENPAUSEN werden zwischen Leuten  gemacht, die aufeinander  schießen. In diesem Fall Israel und Hamas. Leider gibt es keinen  anderen Weg .

Was will Hamas? Im Gegensatz zu unserer Seite hat Hamas  sein Ziel nicht geändert: Die Blockade des Gazastreifens aufheben.

Dies kann vielerlei bedeuten. Das Maximum:  Die Übergänge von Israel zu öffnen, die Reparatur und Wiedereröffnung des zerstörten Flughafens Dehaniah im südlichen Gazastreifen, den Ausbau eines Seehafens in Gazastadt (anstelle des bestehenden kleinen Fischerhafens), Fischern aus Gaza  erlauben, dass sie weiter draußen vor der Küste fischen dürfen.

(Nach Oslo phantasierte Shimon Peres von einen großen Hafen in Gaza, der dem ganzen Nahen Osten dienen und Gaza in ein zweites Singapur verwandeln solle.)

Das Minimum würde das Öffnen der israelischen  Übergänge  sein für freien Im- und Export von Waren, um sich selbst zu ernähren (ein selten erwähnter Aspekt) und  die Genehmigung für die Gazaer, in die Westbank und weiter zu gehen.

Dafür würde Israel sicherlich internationale Inspektion verlangen, damit keine neuen

Tunnel gebaut werden und das Arsenal von Granaten nicht  aufgestockt wird. Israel würde auch einige Aufgaben von Abbas  und seinen Sicherheitskräften verlangen, die von Hamas  (und nicht nur von ihnen) als israelische Kollaborateure angesehen werden.

Die  israelische Armee verlangt auch, dass  selbst, nachdem eine Feuerpause in Kraft getreten ist, noch vor dem Rückzug die vollkommene  Zerstörung  aller schon bekannten Tunnels stattgefunden hat.

(Hamas fordert auch die Öffnung des Übergangs nach Ägypten – aber  das ist kein Punkt für die Verhandlungen mit Israel.)

FALLS ES  direkte Verhandlungen gebe, dann wäre dies verhältnismäßig leicht. Aber mit so vielen  konkurrierenden Vermittlern ist es schwierig.

Am letzten Mittwoch brachte Haaretz erstaunliche Nachrichten: der israelische Außenminister – ja,  das Gut von Avigdor Lieberman – schlägt vor, das Problem über die UN laufen zu lassen. Lasst sie die Bedingung für die Feuerpause vorschlagen.

Die UN? Die Institution, die fast allgemein in Israel verachtet wird? Auf jiddisch sagt man, „Wenn Gott will, dann kann man auch mit einem Besenstiel schießen“.

Nehmen wir an, dass eine Feuerpause  eingerichtet wird, was dann?

Werden dann Friedensverhandlungen  möglich werden? Wird Abbas sich als Vertreter aller Palästinenser fühlen, einschließlich Hamas? Wird dieser Krieg der letzte sein oder  bleibt er nur eine weitere Episode in der endlosen Kette von Kriegen?

ICH HABE eine verrückte Phantasie.

Frieden wird kommen, und Filmemacher werden Filme auch über diesen Krieg drehen.

Eine Szene: israelische Soldaten entdecken einen Tunnel und betreten ihn, um ihn von Feinden frei zu machen. Zur selben Zeit betreten Hamaskämpfer den Tunnel von der andern Seite – auf ihrem Weg, einen Kibbuz anzugreifen.

Die Kämpfer treffen sich in der Mitte unterhalb des Zaunes. Sie sehen einander bei schwachem Licht. Und dann geben sie sich die Hände, anstelle zu schießen.

Eine verrückte Idee? Tatsächlich. Leider.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die Wacht am Jordan

Erstellt von Gast-Autor am 20. Juli 2014

Die Wacht am Jordan

DIE ARABISCHE Welt ist im Aufruhr. Syrien und der Irak brechen aus einander. Der tausend Jahre alte Konflikt zwischen den muslimischen Sunniten und den muslimischen Schiiten erreicht einen neuen Höhepunkt. Ein historisches Drama entwickelt sich um uns herum.

 Und wie reagiert unsere Regierung darauf?

Benjamin Netanjahu sagt es in knappen Worten. „Wir müssen Israel am Jordan verteidigen, bevor sie Tel Aviv erreichen.“

Einfach, präzise und idiotisch.

ISRAEL VERTEIDIGEN gegen wen? Gegen ISIS natürlich.

ISIS ist der islamische Staat vom Irak und Sham  – eine neue Kraft in der arabischen Welt. Sham ist Groß-Syrien – der traditionelle arabische Name für das Gebiet, das die gegenwärtigen Länder Jordanien, Palästina und Israel umfasst. Zusammen mit dem Irak formt es das, was Historiker den „Fruchtbaren Halbmond“ nennen, die grüne Region rund um das  nördliche Ende der trostlosen arabischen Wüste.

Den größten Teil der Geschichte war der fruchtbare Halbmond ein Land, Teil der auf einander folgenden Reiche: der Assyrer, Babylonier , Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Ottomanen  und vieler anderer hielten sie vereint, bis zwei ausländische Herren Sir Mark Sykes und M. Francois Georges-Picot, sich daran machten, sie nach ihren eigenen imperialen Interessen zu teilen. Dies geschah während des 1. Weltkrieges, der nach einem Mord anfing, der letzte Woche vor 100 Jahren geschah.

Mit unglaublicher Missachtung  gegenüber den Völkern, ethnischen Ursprüngen und religiösen Identitäten schufen Sykes und Picot Nationalstaaten, wo keine Nationen  existieren. Sie und ihre Nachfolger, insbesondere  Gertrud Bell (???), T.E. Lawrence und Winston Churchill taten drei ganz verschiedene Gemeinschaften zusammen, schufen den „Irak“, indem sie einen ausländischen König aus Mecca importierten.

„Syrien“ wurde für Frankreich bestimmt. Ein kaiserlicher Kommissar nahm eine Landkarte,  einen Stift und zeichnete eine Grenze mitten durch die Wüste zwischen Damaskus und Bagdad. Die Franzosen  schnitten Syrien damals in verschiedene kleine Staaten für die Sunniten, Alawiten, die Drusen, Maroniten etc. Später schufen sie noch Groß-Libanon, wo sie ein System schufen, das die maronitischen Christen  über die verachteten Schiiten setzten.

Die Kurden, eine wirkliche Nation, wurden in vier Teile aufgeteilt, von denen jeder einem anderen Land angeschlossen wurde. In Palästina wurde inmitten einer feindseligen arabischen Bevölkerung eine zionistische „nationale Heimstätte“ geplant. Das Land jenseits des Jordan wurde abgetrennt, um ein Fürstentum für einen andern Emir von Mekka zu errichten.

Das ist die Welt, in der wir aufwuchsen und die nun ins Wanken gerät

WAS ISIS jetzt zu tun versucht, ist einfach, all diese Grenzen auszuwischen. In dem Prozess legen sie die  alte sunnitisch-schiitische Teilung bloß. Sie wollen ein vereinigtes sunnitisch-muslimisches Kalifat.

Sie stehen gegen riesige unbeugsame Interessen und werden wahrscheinlich versagen. Aber  sie säen etwas, das viel länger anhält: eine Idee, die sich in vielen Millionen Köpfen festsetzen könnte. Es mag in 25, 50 oder hundert Jahren in Erfüllung  gehen. Es könnte die Welle der Zukunft sein.

Was sollten wir tun, nachdem wir sehen, wie sich das Bild entwickelt?

Für mich ist die Antwort ganz klar: macht schnell Frieden, solange die arabische Welt ist, wie sie jetzt ist.

„Frieden“ meint nicht  nur Frieden mit dem palästinensischen Volk,  sondern mit der ganzen arabischen Welt. Die Arabische Friedensinitiative- die sich auf die Initiative des damaligen Saudi-Arabischen Kronprinzen gründete – liegt noch immer auf dem Tisch. Sie bietet vollen und bedingungslosen Frieden  mit dem Staat Israel an im Gegenzug für das Ende der Besatzung und die Schaffung eines unabhängigen Staates Palästina. Hamas stimmte offiziell darin überein, vorausgesetzt  es wird von einem palästinensischen  Volksentscheid ratifiziert.

Es wird nicht einfach sein. Eine Menge Hindernisse müssen überwunden werden. Aber es ist möglich. Und es wäre reiner Wahnsinn, wenn man dies nicht versucht.

JETZT!

DIE ANTWORT unserer Führung ist genau das Gegenteil.

Die historischen Ereignisse und deren Hintergrund interessiert sie, „ wie die Knoblauchschale“, wie man im Hebräischen sagt – also überhaupt nicht.

Ihr ganzes Interesse ist auf die Bemühung konzentriert, die Westbank zu halten, was heißt, die Errichtung eines palästinensischen Staates zu verhindern, was heißt, Frieden zu verhindern.

Der sicherste Weg, dies zu tun, ist das Jordantal zu halten. Kein palästinensischer Unterhändler wird je mit dem Verlust des Jordantales  einverstanden sein – weder durch direkte Annexion durch Israel noch durch eine „vorübergehende“ Stationierung von israelischen  Soldaten im Tal auf unbestimmte Zeit.

Dies würde nicht nur den Verlust von 25% der Westbank bedeuten( die insgesamt 22% des historischen Palästina darstellt)  und sein fruchtbarster Teil, sondern auch  das Abgeschnittensein des zukünftigen palästinensischen Staates vom Rest der Welt. Der Staat Palästina würde eine Enklave innerhalb Israels werden, von allen Seiten von israelischem Gebiet umgeben. So wie seinerzeit die südafrikanischen Bantustans.

Als Ehud Barak dies bei der Camp David-Konferenz vorschlug, brachen die Verhandlungen ab. Die meisten Palästinenser  könnten mit der vorübergehenden Stationierung  von UN oder amerikanischen Soldaten   dort einverstanden sein.

In der vergangenen Woche  tauchte plötzlich die Jordantal-Forderung wieder auf. Die Vorstellung war einfach. ISIS  stürmt  von seiner syrisch-irakischen Basis nach Süden. Es will den ganzen Irak überrennen. Von dort will es in Jordanien einfallen und auf der andern Seite des Jordan erscheinen.

Netanjahu sagte:„Wenn sie dort nicht von der permanenten israelischen Garnison aufgehalten werden, werden sie an den Toren Tel Avivs erscheinen (nur dass Tel Aviv keine Tore hat).

Logisch? Selbstverständlich?  Unvermeidlich?  Glatter Unsinn!

Falls  ISIS in die Nähe käme so ist es eine unbedeutende Militärkraft. Es hat keine Luftwaffe, Panzer oder Artillerie.  Der Iran und die US sind  gegen es. Verglichen mit ihnen ist sogar die irakische Armee noch eine starke Kraft. Als nächstes ist  auch die jordanische Armee weit entfernt von einem Kinderspiel.

Falls außerdem ISIS in die Nähe käme und das jordanische Königreich bedrohte, würde die israelische Armee nicht am Jordanfluss warten.  Sie würde von den Jordaniern  aufgefordert werden, zur Rettung zu kommen – wie es während des Schwarzen Septembers 1970 geschah, als Golda Meir ( auf Befehl  Henry Kissingers) warnte, einer sich nähernden syrischen Armee-Kolonne zuvorzukommen und in Israel einzufallen.Das war genug.

Allein die Idee, dass israelische Soldaten die Schanzen im Jordantal besetzen, um Israel vor ISIS  (oder anderen) zu verteidigen, ist reine Idiotie. Sogar idiotischer als die berühmte Bar Lev-Linie, die dafür gedacht war, die Ägypter entlang des Suez-Kanals 1973  aufzuhalten. Sie fiel innerhalb Stunden.  Doch die Bar-Lev-„Linie“ – die an die sinnlose französische Maginot-Linie und die sinnlose deutsche Siegfried-Linie des 2. Weltkrieges  erinnerte – war weit vom Zentrum Israels entfernt.

Die israelische Armee hat Raketen, Drohnen und andere Waffen, die einen Feind auf seinem Weg lang, lang bevor er den Jordan erreicht, anhalten kann.  Die Masse der israelischen Armee könnte sich innerhalb weniger Stunden von der Meeresküste  zum Fluss bewegen und ihn überqueren.

Die Art und Weise des Denkens zeigt, dass unsere  Politiker vom rechten Flügel – wie die meisten ihrer Überzeugung in aller Welt  scheinbar noch im 19. Jahrhundert leben, wie ich vermute.  Wenn ich  weniger großzügig  wäre, würde ich sogar Mittelalter sagen. Sie könnten noch mit Pfeil und Bogen ausgerüstet sein.

(Die ganze Art zu denken, erinnert mich irgendwie an ein Militärlied des 19.Jahrhunderts: „Die Wacht am Rhein: Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein/ Wer will des Stromes Hüter sein/ lieb Vaterland magst ruhig sein/fest steht und treu die Wacht am Rhein./Der deutsche Jüngling, fromm und stark,/  beschützt die deutsche Landesmark“.)

ZURÜCK ZUR Zukunft.

Die Kreuzfahrer errichteten ihr Königreich in Palästina, als die arabische Welt zerrissen war. Ihr großer Gegner, der Kurde Saladin (Salah al-Din al Ajubi) widmete Jahrzehnte, um die arabische Welt rund herum zu einigen, bevor er sie bei der Schlacht bei den Hörnern von Hittin bezwungen hatte.

Heute scheint die arabische Welt noch zerrissener als jemals. Aber eine neue arabische Welt nimmt Gestalt an; seine Konturen können schon  schwach erkannt werden.

Unser Platz ist mitten in der neuen Realität, nicht außerhalb zum Zuschauen.

Leider ist unsere Führung  völlig unfähig, dies zu sehen. Sie leben noch in der Welt von Sykes und Picot, einer Welt ausländischer Potentaten (jetzt die Amerikaner). Für sie ist das Chaos rund um uns –  nun, nur ein Chaos. Der Gründer des modernen Zionismus schrieb vor 118 Jahren, wir sollten in Palästina als Pioniere der europäischen Kultur dienen und einen „Wall gegen die  asiatische Barbarei sein.“

Unsere Führer leben noch in dieser eingebildeten Realität, anders formuliert: „ wie in einer Villa im Dschungel“

Was also tun, wenn die großen Raubtiere des Dschungels sich uns nähern und brüllen? Natürlich höhere Mauern bauen.  Was sonst?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die Gräueltat

Erstellt von Gast-Autor am 13. Juli 2014

Die Gräueltat

Autor Uri Avnery

BOMBEN  FALLEN auf Gaza und Raketen auf  Israel, Menschen sterben und Häuser werden wieder zerstört.

Immer wieder ohne Zweck.  Wieder mit der Sicherheit, dass wenn es vorbei ist, wird alles im Wesentlichen so sein wie vorher.

Aber ich kann kaum auf die Sirenen hören, die vor Raketen warnen, die nach Tel Aviv fliegen. Ich kann  das Entsetzliche, das in Jerusalem geschah, nicht aus meinem Gedächtnis reißen.

WENN EINE Bande Neo-Nazis einen 16-Jährigen Jungen in einem Londoner jüdischen Viertel bei Dunkelheit zum Hydepark geschleppt hätte, ihn dort geschlagen, ihm Benzin in den Mund gegossen, ihn damit übergossen  und dann angezündet hätte – was wäre dann geschehen?

Wäre England dann in einem Sturm von Zorn und Entrüstung geraten?

Hätte nicht die Königin ihrem Entsetzen Ausdruck verliehen?

Wäre  nicht der Ministerpräsident zur Wohnung der trauernden  Familie geeilt, um sich für die ganze Nation zu entschuldigen?

Wäre nicht die Führung der Neo-Nazis, ihre aktiven Unterstützer und Gehirnwäscher, angeklagt und verurteilt worden?

Vielleicht in England. Vielleicht in Deutschland.

Nicht hier.

DIE ABSCHEULICHE Gräueltat fand in Jerusalem statt. Ein palästinensischer Junge wurde entführt und bei lebendigem Leibe verbrannt. Kein rassistisches Verbrechen kam diesem in Israel  nah.

Menschen lebend verbrennen, ist überall eine Scheußlichkeit. In einem Staat, der behauptet „jüdisch“ zu sein, ist dies sogar noch schlimmer.

In der jüdischen Geschichte kommt nur ein Kapitel dem Holocaust nahe: die spanische Inquisition. Diese katholische Institution folterte Juden und verbrannte sie lebendig auf dem Scheiterhaufen. Später geschah dies manchmal bei russischen Pogromen. Sogar der fanatischste Feind Israels könnte sich so eine entsetzliche Sache nicht in Israel vorstellen.

Nach israelischem Gesetz ist Ost-Jerusalem kein besetztes Land. Es ist ein Teil des souveränen Israel.

DIE REIHE der Ereignisse war folgende:

Zwei Palästinenser, die anscheinend allein handelten, kidnappten drei israelische Teenager, die versuchten  nachts per Anhalter, von einer Jeshivaschule nahe Hebron nach Hause in eine Siedlung zu kommen. Das Ziel war wahrscheinlich, sie als Geiseln  zur Befreiung von palästinensischen Gefangenen zu verwenden.

Die Aktion ging schief, als  es einem der drei gelang, mit seinem Handy das israelische Polizei-Nottelefon anzurufen. Die  Entführer, die nun vermuteten, dass die Polizei bald hinter ihnen her sei, gerieten in Panik und schossen die drei gleich tot. Sie verscharrten die Leichen in einem Feld und flohen. Tatsächlich  vermasselte die Polizei den Anruf  – nahm ihn nicht ernst –  und begann ihre Jagd erst am nächsten Morgen).

Ganz Israel war in Aufruhr. Viele tausende Soldaten wurden drei Wochen damit beschäftigt, auf der Suche nach den drei Jugendlichen Tausende von Wohnungen, Höhlen und Felder zu durchsuchen.

Der öffentliche Aufruhr war sicherlich gerechtfertigt. Aber bald  verwandelte sich dieser in eine Orgie rassistischer Aufwiegelung, die von Tag zu Tag schlimmer wurde. Zeitungen, Radiostationen und TV-Netzwerke wetteiferten miteinander mit dreisten rassistischen Schmähreden, wiederholten die offizielle Linie bis zur Übelkeit und fügten ihren eigenen widerlichen Kommentar hinzu – jeden Tag, rund um die Uhr.

Die Sicherheitsdienste der Palästinensischen Behörde, die  mit dem israelischen Sicherheitsdienst überall zusammenarbeitete, spielte eine große Rolle beim frühen Entdecken der Identität der beiden Entführer (ohne sie  zu fangen). Mahmood Abbas, der PA-Präsident, stand bei einem Treffen der arabischen Länder auf und verurteilte das Kidnapping  unmissverständlich und wurde von vielen seiner eigenen Leute als arabischer Quisling  bezeichnet. Israelische Verantwortliche  nannten ihn andrerseits  einen Heuchler.

Israels führende Politiker ließen einen Hetzsturm los, der woanders als regelrechter Faschismus angesehen worden wäre.  Hier eine kurze Auswahl:

Danny Danon, vertretender Verteidigungsminister: „Falls ein russischer Junge   entführt worden wäre, hätte Putin ein Dorf nach dem anderen platt gemacht.“

Der „jüdisches Heim“ –Fraktionsführer Ayala Shaked: „Mit einem Volk, dessen Helden Kindermörder sind, müssen wir entsprechend umgehen. (Jüdische Heim-Partei ist ein Teil der Regierungskoalition)

Noam Perl, Weltchef von Bnei Akiva, die Jugendbewegung der Siedler: „Eine ganze Nation und Tausende von Jahren Geschichte verlangen: Rache!“

Uri Bank, früherer Sekretär von Uri Ariel, Wohnungsbauminister, Erbauer der Siedlungen: „Dies ist der richtige Moment. Wenn unsere Kinder verletzt werden, fangen wir an zu toben, grenzenlos, demontieren die Palästinensische Behörde, annektieren Judäa und Samaria, exekutieren alle Gefangenen, die wegen Mord verurteilt wurden, vertreiben Familienmitglieder von Terroristen!“

Und Benjamin Netanjahu selbst spricht über das ganze palästinensische Volk: „Sie sind nicht wie wir. Wir heiligen das Leben, sie heiligen den Tod!“

Als die Leichen der drei  von Touristenführern gefunden wurden, erreichte die Explosion einen neuen Höhepunkt. Soldaten setzten zehntausende von Botschaften ins Internet und riefen zur Rache auf, Politiker stachelten sie an, die Medien fügten dem noch Öl ins Feuer, Lynchmob versammelte sich an vielen Plätzen in Jerusalem, um arabische Arbeiter zu jagen und zusammenzuschlagen.

Außer ein paar einsamen Stimmen, schien es, dass das ganze Israel sich in einen Fußballmob verwandelt habe und „Tod den Arabern!“ schrie.

(Kann sich heute irgendjemand eine  europäische oder amerikanische Menge   vorstellen, die „Tod den Juden!“ schreit?)

DIE SECHS, die bis jetzt wegen des bestialischen Mordes  des arabischen Jungen verhaftet  wurden, waren direkt von einer dieser „Tod den Arabern!“-Demonstrationen gekommen.

Zuerst  hatten sie versucht, einen 9Jährigen Jungen aus demselben arabischen Viertel, Shuafat zu kidnappen. Einer von ihnen fing den Jungen auf der Straße und zog ihn zu ihrem PKW, während der ihn gleichzeitig würgte. Glücklicherweise gelang es dem Kind, nach seiner Mutter zu rufen. Die Mutter  begann,  den Kidnapper mit dem Handy  zu schlagen. Er geriet in Panik und floh. Die  Würgemale am Hals des Jungen konnten noch mehrere Tage gesehen werden.

Am nächsten Tag kehrte die Gruppe zurück, fing  Muhammad Abu-Kheir, ein 16Jähriger fröhlicher Junge mit einem gewinnenden Lächeln, goss Benzin in seinen Mund und verbrannten ihn zu Tode.

(Als ob dies noch nicht genug wäre, fingen  Grenzpolizisten während einer Protestdemonstration seinen Cousin, legte ihm Handschellen um, warf ihn auf den Boden und begann ihn auf den Kopf und ins Gesicht zu treten. Seine Wunden sehen schrecklich aus. Der entstellte Junge wurde verhaftet, die Polizisten nicht.)

DIE GRAUSAME Weise, mit der Muhammad ermordet wurde, wurde zuerst nicht erwähnt. Die Tatsache wurde von einem arabischen Pathologe enthüllt, der bei der offiziellen Autopsie anwesend war. Die meisten israelischen Zeitungen erwähnten die Tatsache mit ein paar Worten auf einer inneren Seite. Die meisten TV-Sendungen  erwähnten die Tatsache überhaupt nicht.

Im eigentlichen Israel erhoben sich die arabischen Bürger, wie sie es seit vielen Jahren nicht getan haben. Gewalttätige Demonstrationen  dauerten mehrere Tage im ganzen Land. Gleichzeitig explodierte im Gazastreifen die Grenzlinie mit einer neuen Raketenorgie und Luftangriffen in einem Minikrieg, der bereits einen Namen hat: „Solid Rock“ („Solider Kliff“ – für das Ausland wurde ein anderer Propagandaname erfunden). Der neue ägyptische Diktator kollaboriert mit der israelischen Armee beim Ersticken des Gazastreifens.

DIE NAMEN der sechs  Verdächtigen des Brandmordes – einige von ihnen haben sich zu der entsetzlichen Tat bekannt – werden noch zurückgehalten. Aber inoffizielle Berichte sagen, dass sie zur Orthodoxen Gemeinde gehören. Anscheinend  hat diese  Gemeinde, die traditionell anti-zionistisch und moderat ist, jetzt Neo-Nazis hervorgebracht, die sogar ihre religiös-zionistischen  Konkurrenten  übertreffen.

Doch so schrecklich die Tat selbst ist, so ist meiner Meinung nach, die öffentliche Reaktion sogar noch schlimmer. Weil es gar keine gibt.

Stimmt, ein paar sporadische Stimmen sind gehört worden. Viele  normale Leute  äußerten ihre Abscheu  im privaten Gespräch. Aber der ohrenbetäubende, moralische Skandal, den man erwarten konnte, kam nicht zustande.

Es wurde alles getan, um den Vorfall klein zu halten, verhinderte seine Publikation im Ausland und selbst innerhalb Israel. Das Leben ging wie gewöhnlich weiter. Ein paar Minister und andere Politiker verurteilten die Tat mit Routinephrasen, damit sie im Ausland zitiert werden.

Die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien gewinnt weit mehr Interesse. Selbst auf der Linken wurde die Grausamkeit als eine von vielen Untaten der Besatzung behandelt.

Wo ist der große Aufschrei,  die moralische Empörung der Nation, die einstimmige Entscheidung, den Rassismus auszurotten, der solche Grausamkeiten möglich macht?

DAS NEUE Aufflackern in und rund  um den Gazastreifen hat diese Gräueltat ausgelöscht.

Sirenen tönen in Jerusalem und in Städten nördlich von Tel Aviv. Die Raketen, die auf die israelische Bevölkerungszentren zielen, wurden (bis jetzt) erfolgreich  von Gegenraketen  abgefangen. Aber hundert Tausende von Männern, Frauen und Kindern rennen in die Luftschutzbunker. Auf der andern Seite machen Hunderte von täglichen  Einsätzen der israelischen Luftwaffe den Gazastreifen zur Hölle.

Wenn die Kanone  brüllt, werden die Musen still.

Auch das Mitleid für einen Jungen, der zu Tode verbrannte.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Sisyphus erlöst

Erstellt von Gast-Autor am 29. Juni 2014

Sisyphus erlöst

Autor Uri Avnery

WENN ES einen Gott gibt, hat er sicher eine Menge Humor. Die Karriere von Shimon Peres, der dabei ist, seine Regierungszeit als Präsident von Israel zu beenden, ist ein klarer Beweis.

Hier ist ein lebenslanger Politiker, der nie eine Wahl gewonnen hat. Hier ist der weltbekannte Mann des Friedens, der mehrere Kriege begonnen hat und nie etwas für den Frieden getan hat. Hier ist die  populärste politische Person, die den größten Teil ihres Lebens gehasst und verachtet wurde.

Einmal, vor mehreren Jahrzehnten, schrieb ich über ihn einen Artikel mit dem Titel „Mister Sisyphus“.  Sisyphus – man erinnere sich – war in alle Ewigkeit dazu verurteilt, einen schweren Felsblock auf die Spitze eines Hügels zu rollen, und jedes Mal, wenn er beinahe sein Ziel erreicht hatte, rutschte ihm der Felsblock aus den Händen und rollte wieder hinab.Und das ist die Geschichte von Peres‘ Leben  – bis jetzt –gewesen. Gott oder  wer auch immer, hat offensichtlich entschieden: genug ist genug.

ES BEGANN, wie er als Junge, in einem kleinen polnischen Städtchen lebte. Viele Male beklagte er sich bei seiner Mutter, die andern Schüler in der(jüdischen) Schule schlugen ihn ohne Grund. Sein jüngerer Bruder Gigi musste ihn verteidigen.

Er kam 1934, ein Jahr nach mir, als 11Jähriger in Palästina an (Er ist fünf Wochen älter als ich). Sein Vater sandte ihn auf die landwirtschaftliche Schule in Ben Shemen, ein Kinderdorf, das ein Zentrum für zionistische Indoktrination war.  Dort wurde aus dem polnischen Persky der hebräische Peres, der sich der Noar Oved (arbeitende Jugend), der Hauptjugendorganisation der herrschenden Mapai-Partei anschloss. Wie es damals üblich war, wurde er in einen Kibbuz geschickt.

Dort begann seine politische Karriere. Mapai teilte sich in zwei  Teile, so auch die Jugendbewegung. Der Junge und Aktive schloss sich der „Fraktion 2“ an, der linken Abteilung. Peres, ab jetzt ein Instrukteur, war unter den paar, die klug waren, bei der Mapai zu bleiben. Und dies zog die Aufmerksamkeit der Parteiführer an.

Die Belohnung kam bald. Der Krieg von 1948 brach aus. Jeder in unserm Alter eilte, sich der Kampftruppe anzuschließen. Der Krieg war buchstäblich ein Kampf auf Leben und Tod. Peres wurde  von Ben-Gurion ins Ausland geschickt, um Waffen zu kaufen. Zweifellos eine bedeutende Aufgabe, aber eine, die auch von einem 70-Jährigen hätte getan werden können.

Die Tatsache, dass Peres in diesem schicksalhaften kritischen Augenblick nicht in der Armee diente,  wurde nicht vergessen. So verdiente er jahrzehntelang  die Verachtung unserer Generation.

ICH TRAF ihn zum ersten Mal, als wir 30 waren – er war schon Generaldirektor des Verteidigungsministeriums und der Liebling von Ben Gurion; ich war der Herausgeber eines populären Oppositions-Magazins. Es war keine Liebe auf den 1. Blick.

In seiner einflussreichen Position war der junge Peres ein entschiedener  Kriegstreiber. Während der frühen 50er-Jahre ordnete das Ministerium eine unendliche Kette von „Vergeltungsschlägen“ an, um das Land  in einem Kriegszustand zu halten. Arabische Flüchtlinge, die nachts zu ihren Dörfern schlichen, wurden getötet; dafür wurden Juden getötet, und inoffizielle Einheiten der Armee  überquerten die Waffenstillstandslinie zur Westbank und zum Gazastreifen, um Zivilisten  und Soldaten  aus  Rache zu töten.

Als die Situation reif war, begannen Ben-Gurion und Peres 1956 den Suez-Krieg. Das algerische Volk erhob sich gegen seine  französischen Kolonialherren. Unfähig zuzugeben, dass  sie sich in einem echten Befreiungskrieg befanden, gaben die Franzosen dem jungen ägyptischen Führer Gamal Abd-al-Nasser die Schuld. In geheimer Absprache mit einer anderen niedergehenden Kolonialmacht Großbritannien, machten die Franzosen mit Israel im Geheimen aus, Nasser anzugreifen. Dies endete in einem Chaos. Aber Peres und  der Stabschef Moshe Dayan wurden in Israel wie Helden gefeiert: die Männer der Zukunft.

Die Franzosen zeigten ihre Dankbarkeit. Für seine Dienste erhielt Peres  einen militärischen Atomreaktor in Dimona. Peres rühmt sich noch immer, der Vater von Israels Nuklearbewaffnung zu sein.

SEINE KARRIERE  ging klar auf die Spitze zu. Ben Gurion  ernannte ihn zum stellvertretenden Minister, und er wurde dafür bestimmt, Verteidigungsminister zu werden, die zweit-mächtigste Position in Israel, als sich eine Katastrophe ereignete. Der missmutige „Alte Mann“ stritt mit seiner Partei herum und wurde hinausgeworfen. Peres folgte.  Der Felsen rollte nach unten.

Ben-Gurion bestand darauf, eine neue Partei zu gründen,  und zog einen unwilligen Peres  hinter sich her. Mit  unermüdlicher Energie  durchzog Peres das Land, ging von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt, und die „Rafi“-Partei  nahm Form an. Doch trotz all ihrer berühmten Führer gewann sie nur zehn Sitze in der Knesset. (Die Friedenspartei, die ich zur selben Zeit gründete, erhielt ein Siebtel ihrer Stimmenanzahl).

Als Mitglied einer kleinen Oppositionspartei, vegetierte Peres dahin. Die Zukunft schien dunkel, als Nasser zur Rettung kam.  Der ägyptische Präsident sandte seine Armee in den Sinai, Kriegsfieber erreichte einen hektischen Gipfel  und die Öffentlichkeit entschied, dass Ben-Gurions Nachfolger, Levy Eshkol, seine Position als Verteidigungsminister  aufgeben musste. Verschiedene  Namen wurden erwähnt. Ganz oben auf der Liste stand Peres.

Und dann geschah es wieder. Moshe  Dayan schnappte den Preis weg und wurde Verteidigungsminister, Sieger des 1967erKrieges und ein weltweit bekannter Held. Peres  blieb ein grauer Politiker, ein kleiner Minister. Der Felsen rollte wieder hinab.

Sechs ruhmreiche Jahre lang war Moshe Dayan der Kapitän auf dem Narrenschiff, bis das Fiasko des Yom Kippurkrieges kam. Er und Golda Meir wurden  vom Tisch gewischt, und das Land brauchte einen neuen Ministerpräsidenten. Peres war der offensichtlichste Kandidat. Aber im allerletzten Augenblick,  erschien – praktisch aus dem Nichts – Yitzhak Rabin und schnappte den Preis weg. Peres musste  sich mit dem Verteidigungsministerium zufrieden geben.

Er war es nicht. Die nächsten drei Jahre widmete er Tag und Nacht unermüdlich seinem Drang, Rabin  zu unterminieren. Der Kampf wurde  notorisch, und Rabin erfand einen Titel, der Peres viele Jahre lang anhing: „Unermüdlicher Intrigant“.

Die Bemühung brachte jedoch Früchte. Am Ende seiner Amtszeit sah sich Rabin einem Skandal gegenüber:  Nach seiner Amtszeit als Botschafter in den USA ließ er ein Bankkonto in Washington offen, was gegen das israelische Gesetz war. Er dankte mitten in der Wahlkampagne von 1977 ab, Peres übernahm das Amt. Endlich war der Weg offen.

Und dann geschah Unglaubliches. Nach 44 auf einander folgenden Jahren an der Macht – vor und nach der Gründung Israels –  verlor die Labor-Partei die Wahl. Menachim Begin kam an die Macht. Die Verantwortung  hatte der Parteiführer zu tragen, Shimon Peres. Niemand gab Rabin die Schuld.

AM VORABEND des Libanonkrieges 1982 gingen Peres und Rabin zum Ministerpräsidenten  Begin und  drängten ihn dazu, anzugreifen. Dies hinderte Peres nicht daran, zwei Monate später als der Hauptsprecher der gigantischen Protestdemonstration nach dem Sabra- und Shatila-Massaker  aufzutreten.

Begin trat zurück und Yitzhak Shamir nahm seinen Platz ein. Bei der folgenden Wahl erreichte Peres wenigstens ein Unentschieden. Shamir wurde  wieder Ministerpräsident für zwei Jahre, denen dann Peres folgte. Während seiner zwei Jahre als Ministerpräsident tat er nichts für den Frieden. Seine Haupttätigkeit war, den Präsidenten Haim Herzog davon zu überzeugen, den  Chef des Sicherheitsdienstes und eine Gruppe seiner Leute zu amnestieren, die zugaben, mit bloßen Händen zwei junge arabische Gefangene, die einen Bus entführt hatten, umgebracht zu haben.

1992 war es wieder Rabin, der ihrer Partei zur Macht verhalf. Er ernannte Peres zum Außenminister, vermutlich, weil er ihm dort nichts antun konnte. Doch die Dinge nahmen eine andere Richtung.

Yasser Arafat, mit dem ich seit 1974 in Kontakt stand und den ich 1982  im belagerten  Beirut traf, entschied sich, mit Israel Frieden zu machen. Der Kontakt wurde im Geheimen in Oslo aufgenommen. Das Ergebnis waren die historischen Oslo-Abkommen.

Zwischen  Peres, seinem Assistenten Yossi Beilin und Rabin  begann ein Wettbewerb um den Ruhm. Peres versuchte, sich alles anzueignen. Beilin widersetzte sich ärgerlich. Aber es war natürlich Rabin, der die schicksalhafte Entscheidung traf und den Preis bezahlte.

Zuerst gab es eine Schlacht um den Nobelpreis. Das Oslo-Komitee entschied natürlich, diesen Arafat und Rabin zu geben (wie es vorher Sadat und Begin verliehen hatte). Peres verlangte  wütend, einen Teil davon abzubekommen und mobilisierte die halbe politische Welt. Aber wenn Peres ihn bekommt würde, warum dann nicht  auch Mahmoud Abbas, der mit ihm unterzeichnet hatte und der jahrelang  für den palästinensisch-israelischen Frieden gearbeitet hatte?

Nichts tat sich. Der Preis kann höchstens an drei Leute  gehen. Peres erhielt ihn – Abbas nicht

DAS OSLO-Abkommen öffnete für Israel eine neue Straße.  Peres begann, (endlos)  über den neuen Nahen Osten zu  sprechen, und adoptierte dies als seine persönliche Handelsmarke. Er und Rabin hatten die Dinge zwischen sich aufgeteilt.  Und dann schlug das Unglück wieder zu.

Wenige Minuten nachdem er neben Peres  gestanden und ein Friedenslied auf der Massendemonstration in Tel Aviv gesungen hatte,  wurde Rabin  1995 ermordet. Peres selbst war am Mörder mit seiner geladenen Pistole vorbeigegangen, der ihn  mit einer Kugel nicht schmeicheln wollte.

Das war der dramatische Höhepunkt für Peres und für Israel. Das ganze Land kochte vor Wut.  Falls Peres, der einzige Nachfolger, sofortige Wahlen  ausgerufen hätte, hätte  er mit einem Erdrutschsieg gewonnen. Die Zukunft Israels  wäre anders  verlaufen.

Aber Peres wollte nicht als Rabins Erbe gewinnen. Er wollte mit seinen eigenen Verdiensten gewinnen. Also verschob er die Wahlen, begann einen neuen Libanonkrieg, der mit einer Katastrophe endete, verursachte eine andere tödliche Terror-Kampagne, indem er den Mord an einem beliebten Hamas-Führer befahl – und verlor die Wahl.

In einer Veränderung von Murphys Gesetz: wenn eine Wahl  verloren werden kann, wird Peres sie verlieren. Wenn eine Wahl  nicht verloren  werden kann, wird Peres sie trotzdem verlieren.

Bei einer  erinnerungswürdigen Gelegenheit wandte sich Peres bei einem Treffen  der Parteienmitglieder  an diese und stellte eine rhetorische Frage „Bin ich ein Verlierer?“  Die ganze Zuhörerschaft brüllte zurück: „Ja!“

DAS SOLLTE das Ende der Sisyphus-Schwierigkeiten gewesen sein. Neue Leute übernahmen die Labor-Partei. Peres wurde zur Seite gedrängt. S o schien es wenigstens.

Ariel Sharon, der Likudführer des extrem rechten Flügels, kam an die Macht. In der ganzen Welt wurde er als Kriegsverbrecher angesehen. Der Verursacher  mehrerer Greueltaten wurde von einer israelischen Kommission als „indirekter Verantwortlicher“  für die Sabra- und Shatila-Massaker getadelt, der Mann, der für das verhängnisvolle  Siedlungsprojekt verantwortlich war, benötigte jemanden, der ihn in der Welt akzeptabel machte. Und wer war das? Shimon Peres, der international berühmte Mann des Friedens. Später tat er dasselbe für Netanjahu.

Aber sein Felsblock rollte ein letztes Mal hinab. Die Knesset hatte einen Staatspräsidenten von Israel zu wählen. Peres war der offensichtliche Kandidat, gegen den nur ein politischer Niemand war, Moshe Katzav. Doch das Unmögliche geschah: Peres verlor, obwohl er eine Operation durchmachte, die seinen lebenslangen, traurigen Gesichtsausdruck in etwas Freundlicheres veränderte.

Selbst Leute, die Peres nicht liebten, stimmten darin überein, dass dies nun gerade zu viel war. Katzav wurde der Vergewaltigung angeklagt und ins Gefängnis geschickt. Endlich, endlich gewann Peres die Wahl!

SEITDEM  hat sich die Tragödie in eine Farce verwandelt. Der Mann, der sein ganzes Leben verschmäht wurde, wird plötzlich die populärste Person in Israel. Als Präsident konnte er jeden Tag reden, einen endlosen Strom von Banalitäten loslassen. Die Öffentlichkeit leckte es auf

In der ganzen Welt wurde Peres einer der großen alten Männer, einer der „Weisen  Alten“, der Mann des Friedens, das Symbol von allem Feinen und Guten in Israel.

Sein Nachfolger ist schon gewählt worden. Eine sehr nette Person der sehr extremen Rechten.

In ein paar Wochen wird Peres endlich abdanken.

Endlich? Warum, er ist doch erst 90!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Lieber Salmann

Erstellt von Gast-Autor am 25. Mai 2014

Lieber Salmann

Autor Uri Avnery

 VOR JAHREN war ich zu einer UN-Konferenz über die palästinensischen Flüchtlinge eingeladen. Ich sollte als Israeli mit der Debatte  beginnen, nach dem der palästinensische Vertreter Salman Abu-Sitta aus einem Beduinenstamm im Negev als Palästinenser die Konferenz eröffnet hatte.

Vor der Debatte wurde ich gewarnt, Abu Sitta sei der extremste der Flüchtlinge, ein berüchtigter Israelhasser. Als ich an die Reihe kam, sagte ich, ich müsse wählen zwischen  einer mündlichen Antwort oder dem Lesen meines vorbereiteten Textes.  Ich entschied mich. meinen Text zu lesen und versprach ihm, ihn zu einem privaten Essen einzuladen und mit ihm seine Punkte zu diskutieren.

Als ich meinen Text gelesen hatte, erinnerte mich Abu-Sitta an dieses Versprechen. Wir aßen in einem ruhigen Pariser Restaurant zu Mittag und ich fand, dass Abu-Sitta eine sehr sympathische Persönlichkeit ist. Rachel, meine Frau, war tief bewegt von dem Bericht  seiner Flucht als Junge während der Nakba . Ich auch.

Abu Sitta, jetzt ein sehr wohlhabender internationaler Bauunternehmer, hat sein Leben dem Elend der palästinensischen Flüchtlinge gewidmet, und vielleicht ist er der beste Experte über die Nakba in der Welt..

In dieser Woche erhielt ich von ihm einen Brief, bei dem ich die Notwendigkeit fühlte  sie hier wörtlich abzuschreiben:

LIEBER URI

 Ich las in Haaretz  mit großem Interesse Dein Interview über Dein so ereignisreiches Leben. Du hältst seit den frühen Fünfzigern an Deinen  Prinzipien fest, nachdem Du herausgefunden hattest, die alte Doktrin wäre nicht mehr durchführbar und nicht  moralisch.

 Ich erinnere mich lebhaft an unser Gespräch beim Mittagessen in Paris mit Deiner lieben Frau Rachel – gesegnet sei ihre Seele.

Du beschriebst Deine frühen Jahre als junger Deutscher mit dem Namen Helmut; dass du dich später der Terrororganisation Irgun angeschlossen hast und  ein Maschinengewehr  auf einen  Hügel bei Hulayqat getragen hast ( wo jetzt ein Denkmal steht, um die gefallenen Soldaten zu „ehren“ ) . wie du das Menschenmeer vertriebener Flüchtlinge beobachtetest, die in Richtung Gaza  entlang der  Küste liefen.

Ich erzählte Euch auch meine Geschichte: wie ich ein Flüchtling wurde, ohne je einen Juden gesehen zu haben, und  wie  ich Jahre verbrachte, um herauszufinden, wer es tat, den Namen, das Gesicht und das Bataillon.

Ich erinnere mich, wie ich Dich fragte „wärest du mit meiner Rückkehr in mein Haus, einverstanden, wenn es neben dem Deinigen stünde?“  Du sagtest nachdrücklich NEIN.

Ich schrieb das  alles in meinen Memoiren, die in diesem Jahr in Europa und Amerika erscheinen werden.

Ich erinnere mich an eine ähnliche Geschichte mit einem anderen Schluss. Ich spreche von  Dr. Tikva Honig-Parnass („Reflexionen einer  Tochter der 48er-Generation“).  Es ist ein bewegender Bericht, wie Wahrheit und Realität sich ihr darboten, als Palmach-Soldatin mit der schwerwiegenden Ungerechtigkeit, die man den Palästinensern antat. Seitdem setzt  sie ihre Energie ein um deren Rechte zu verteidigen, einschließlich des Rückkehrrechtes.

Ich sah weder  Spur noch  Hinweis auf einen Rückzieher in Deinem Interview, was ich gehofft hatte, nämlich die Anerkennung des Rückkehrrechtes oder  Sühne und Heilung der größten Sünde: die ethnische Säuberung der Palästinenser.  Wäre  es nicht die passende letzte Station eines langen Lebens  (und ich wünsche Dir ein längeres), wenn du wieder auf der Hügelkuppe stehen und rufen würdest, dass es alle hören – Deine Lebenserfahrungen zusammen fassend: die Flüchtlinge müssen zurückkehren, wir müssen die Sünde der ethnischen Säuberung bereuen?

Ist diese Frage an einen Mann mit Prinzipien, wie Du es bist, zu viel, dies zu tun? Ich frage  dies jetzt nicht im Namen der Palästinenser, denn zweifellos WERDEN sie zurückkehren.  Ich hoffe, dass dies die Errungenschaften Deines Lebens im israelischen Milieu krönen würde.

Wie ich wiederholt schrieb:  die Geschichte der Juden wird nicht mehr von dem angeblichen Töten Christi markiert noch  von den Brutalitäten der Nazis im 2. Weltkrieg, sondern  wird unauslöschlich von dem  markiert, was sie den Palästinensern absichtlich und dauernd angetan haben, ohne  schlechtes Gewissen, Bedauern oder Rechtsmittel. Dies reflektiert jene Seite des menschlichen Geistes, der aus der Geschichte nichts lernt und der von seiner eigenen moralischen Haltung ablässt.

 Mit freundlichen Grüßen                Salman Abu Sitta

LIEBER SALMAN

ICH WAR von diesem Brief tief bewegt.  Ich brauchte Tage, bis ich den Mut fand, auf diesen Brief zu antworten. Ich versuche es so ernsthaft wie möglich.

Als ich im Krieg 1948 verwundet wurde, entschied ich mich, meine Lebensaufgabe sollte der Frieden zwischen  unsren beiden Völkern sein. Ich hoffe, dass ich mein Versprechen gehalten habe.

Nach einem so langen und bitteren Konflikt Frieden zu machen, ist  eine moralische und  politische Bemühung. Oft liegt da ein Widerspruch zwischen den beiden Aspekten.

Ich habe großen Respekt vor den paar Leuten in Israel, die wie Tikva sich vollkommen  der moralischen Seite der Flüchtlingstragödie widmen, egal, welche Folge dies für die Chance des Friedens hat. Meine eigene moralische  Einstellung sagt mir, dass der Frieden das erste Ziel sein muss, vor und über allem anderen.

Ich erinnere mich auch lebhaft an unser Gespräch in Paris und schrieb darüber im 2. Band meiner Memoiren, die im Laufe dieses Jahres auf Hebraeisch erscheinen werden. Es mag für Leser interessant sein, unsere beiden Beschreibungen desselben Gesprächs zu vergleichen. Über die Szene in der Nähe von Hulayqat habe ich im 1. Band geschrieben, der schon auf Hebräisch herauskam.

Der Krieg von 1948 war eine schreckliche menschliche Tragödie. Beide Seiten glaubten, es sei eine existentielle Schlacht, dass ihr  Leben an einem Faden hing. Es wird oft vergessen, dass ethnische Säuberung (den Terminus gab es damals noch nicht) von beiden Seiten praktiziert wurde. Unsere Seite besetzte große Gebiete und schuf so ein riesiges Flüchtlingsproblem; während es  der palästinensischen Seite gelang, nur ein kleines  Gebiet zu besetzen, wie die Altstadt von Jerusalem und den jüdischen  Ezion-Siedlungsblock bei Bethlehem. Aber kein einziger Jude  blieb dort.

Der Krieg war, wie später der bosnische Krieg, ein ethnischer Krieg, in dem beide Seiten  versuchten , ein größtmögliches Stück Land zu erobern – OHNE Bevölkerung.

Als Augenzeuge und Teilnehmer kann ich die Tatsache  bezeugen, dass die Ursprünge des Flüchtlingsproblems extrem kompliziert sind. Während der ersten sieben Monate des Krieges waren die Angriffe auf die arabischen Dörfer  militärisch absolut notwendig. Zu dieser Zeit  waren wir die schwächere Seite. Nach einer Anzahl sehr grausamer Schlachten drehte sich das Rad, und ich glaube, dass eine absichtliche Politik der Vertreibung von der zionistischen Führung  ergriffen wurde.

Aber die wirkliche Frage ist: Warum wurde den 750 000 Flüchtlingen nach den Feindseligkeiten nicht erlaubt, nach Hause zurückzukehren?

MAN MUSS sich an die Situation erinnern. Es war drei Jahre, nachdem die  rauchenden Kamine von Auschwitz und  den anderen Lagern  kalt geworden waren. Hunderttausende von elenden Überlebenden waren in überfüllten Flüchtlingslagern in Europa und  wussten nicht wohin, außer in das neue Israel. Sie wurden hierher geführt und eilig in die Häuser der geflohenen Palästinenser gebracht.

All dies löschte unsere moralische Verpflichtung nicht aus, der schrecklichen Tragödie der palästinensischen Flüchtlinge ein Ende zu bereiten. 1953 veröffentlichte ich in meinem Magazin Haolam Hazeh einen detaillierten Plan für die Lösung des Flüchtlingsproblems.  Es schloss (a) eine Entschuldigung bei den Flüchtlingen ein und  im Prinzip auch die Anerkennung  des Rückkehrrechts, (b) die Rückkehr und Wiederansiedlung einer beträchtlichen Zahl, (c)  eine großzügige Wiedergutmachung für den ganzen Rest. Da die israelische Regierung sich aber weigerte, die Möglichkeit der Rückkehr auch nur von einzelnen Individuen in Betracht zu ziehen, wurde der Plan nicht einmal diskutiert.

WARUM STEHE ich nicht auf einer Hügelkuppe und rufe nach der Rückkehr aller Flüchtlinge?

Frieden wird zwischen  Parteien gemacht, die beide bereit sind, einzuwilligen.  Es gibt absolut keine Chance, dass die  große Mehrheit der Israelis mit der Rückkehr aller Flüchtlinge und ihrer Nachkommen(6 oder 7 Millionen) einverstanden ist.  Es wäre etwa dieselbe Anzahl wie  die Anzahl von Israels jüdischen Bürgern. Dies wäre das Ende des „Jüdischen Staates“ und der Beginn eines „bi-nationalen Staates“ gegen den 99% der Israelis sind. Dies könnte nur durch Krieg erreicht werden, der  augenblicklich wegen Israels unendlich militärischer Überlegenheit, einschließlich Nuklearwaffen, unmöglich ist.

Ich kann auf der Hügelkuppe stehen und rufen – aber das würde keinem den Frieden (und einer Lösung) nur einen Schritt näher bringen.

Meiner Ansicht nach ist das Warten auf eine Lösung in hundert Jahren, während der Konflikt und die Misere weitergehen, nicht wirklich moralisch.

LIEBER SALMAN, ich habe aufmerksam Deiner Darlegung zugehört.

Du meinst, Israel  könnte leicht all die Flüchtlinge im Negev aufnehmen,  der fast leer sei. Das stimmt.

Die überwältigende Mehrheit der  Israelis würde dies zurückweisen, weil sie äußerst entschlossen ist, eine  große jüdische Mehrheit in Israel zu haben. Aber ich frage mich auch selbst: Was ist die Logik darin?

Als ich  mich während des Krieges 1982 mit  Yassir Arafat in Beirut traf, besuchte ich auch mehrere palästinensische Flüchtlingslager. Ich fragte viele Flüchtlinge, ob sie nach Israel zurück wollten. Die meisten sagten, sie wollten zurück in ihre Dörfer (die  aber seit langem  zerstört sind), aber nicht irgendwohin  in Israel.

Welchen Sinn hat es, sie den harten Bedingungen der Wüste auszusetzen – in einem zionistisch dominierten und hebräisch sprechenden Land, weit weg von ihren ursprünglichen Wohnstätten? Würden sie das wollen?

Arafat und seine Nachfolger begrenzten und begrenzen  ihr Ziel auf eine  „gerechte und  beiderseitig übereinstimmende Lösung“, die der israelischen Regierung ein Vetorecht gibt. Das bedeutet praktisch, höchstens die Rückkehr einer symbolischen Anzahl.

Mein letzter Vorschlag ist: der israelische Präsident möge sich entschuldigen und das tiefe Bedauern des israelischen Volkes zum Ausdruck bringen, für ihren Anteil an der Schaffung der Tragödie und ihrer Dauer.

Die israelische Regierung muss das moralische Recht der Rückkehr der Flüchtlinge anerkennen.

Israel sollte jedes Jahr die Rückkehr von 50 000 Flüchtlingen  zehn Jahre lang  anerkennen (Damit bin ich fast allein in Israel, der diese Anzahl verlangt. Die meisten Friedensgruppen würden dies auf 100 000 zusammen  reduzieren).

Alle anderen Flüchtlinge sollten Kompensationen erhalten, in etwa nach den Kompensationen, wie sie  Deutschland  jüdischen Opfern gezahlt hat. (natürlich kein Vergleich)

Mit der Gründung des Staates Palästina würden alle Flüchtlinge palästinensische Pässe erhalten und in der Lage sein, in ihrem Lande zu siedeln.

In nicht zu weiter Zukunft, wenn die beiden Staaten, Israel und Palästina, Seite an Seite neben einander leben, mit offenen Grenzen und mit ihren Hauptstädten in Jerusalem – vielleicht innerhalb des Rahmens einer regionalen Union  – wird das Problem seinen Stachel verlieren.

ES FÄLLT mir schwer, diesen Brief zu schreiben. Für mich sind die Flüchtlinge kein abstraktes „Problem“, sondern  menschliche Wesen mit menschlichen Gesichtern. Aber ich will Dich nicht anlügen.

Ich wäre mir eine Ehre, neben Dir  (selbst in der Negev-Wüste) zu leben.

Salamaat,   Uri

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Wörter, Wörter, Wörter

Erstellt von Gast-Autor am 11. Mai 2014

Wörter, Wörter, Wörter

Autor Uri Avnery

MAN STELLE sich vor, ein Krieg bricht zwischen Israel und Jordanien aus.  Innerhalb von zwei oder drei Tagen besetzt die israelische Armee das ganze Gebiet des Haschemitischen Königreichs.  Was wäre die erste Handlung  der Besatzungsbehörde?

 In Petra eine Siedlung errichten?  In Aqabas Nähe Land enteignen?

 Nein. Als erstes wird eine Verordnung erlassen, dass das Gebiet in Zukunft „Gilead und Moab“ genannt wird.

Allen Medien wird befohlen, die biblischen Namen zu verwenden. Alle Regierungs- und Gerichtsdokumente werden dies annehmen. Außer der radikalen Linken wird keiner  mehr „Jordanien“  erwähnen. Alle Formulare der Bewohner werden an die Militär-Regierung von Gilead und Moab gerichtet werden.

WARUM? WEIL die Annexion mit Wörtern beginnt.

Wörter vermitteln Vorstellungen in die Köpfe ihrer Zuhörer und Sprecher. Sie  pflanzen Konzepte. Wenn sie erst mal fest etabliert sind, folgt alles andere.

Schon die Schreiber der Bibel wussten dies. Sie lehrten „Tod und Leben  stehen  in der Zunge Gewalt; wer sie liebt, wird ihre Frucht essen.“ (Sprüche 18.21). Seit wie viel Jahren essen wir jetzt die Früchte von „Judäa und Samaria“?

Als Vladimir Putin  letzte Woche den alten Namen von „Neu-Russland“ für das Gebiet der Ost-Ukraine wieder herstellte, war es nicht nur ein semantischer Wandel.  Es war ein Anspruch auf Annexion, mächtiger als eine  Salve Kanonenschüsse.

Vor kurzem  hörte  ich der Rede einer Politikerin des linken Flügels zu und war verwirrt, als sie lang und breit über ihren Kampf  für ein „politisches Abkommen“ mit den Palästinensern sprach.

Als ich ihr Vorhaltungen machte, entschuldigte sie sich. Es sei ein Versprecher gewesen. Sie habe es nicht so gemeint.

In israelischer Politik ist das Word „Frieden“  zu Gift geworden. „Politisches Abkommen“ ist ein in Mode gekommener Ausdruck. Man meint damit, dasselbe zu sagen. Aber natürlich tut er es nicht.

„Frieden“ bedeutet viel mehr als das formelle Ende eines Krieges.  Es  enthält Elemente  der  Versöhnung, etwas Spirituelles. Im Hebräischen und Arabischen  schließt Shalom/Salam auch Wohlbefinden, Sicherheit ein  und dient als Gruß. „Politisches Abkommen“ bedeutet nichts als ein von  Juristen  formuliertes Dokument, das  Politiker unterzeichnet haben.

Der „Westfälische Frieden“ setzte dem 30Jährigen Krieg ein Ende und änderte das Leben Europas. Man mag sich fragen, ob ein „ Westfälisches politisches Abkommen“ dieselbe Wirkung gehabt hätte.

Die Bibel mahnt uns: „. Lass ab vom Bösen und tue Gutes, such Frieden und jage ihm nach (Psalm 34, 14/15) Sie sagt nicht „ Suche ein politisches Abkommen und jage ihm nach“.

Wenn die israelische Linke den Terminus Frieden aufgibt, ist dies kein taktischer Rückzug- es ist eine Niederlage. Frieden ist eine Vision, ein politisches Ideal, ein religiöses Gebot, eine inspirierende Idee.  Ein politisches Abkommen ist nichts weiter als ein Diskussionsthema.

FRIEDEN IST nicht das einzige Opfer des semantischen Terrorismus‘. Ein anderes ist natürlich die „Westbank“.

Allen Fernsehkanälen ist vor langem von der Regierung  befohlen worden,  nicht diesen Ausdruck zu benützen. Die meisten Journalisten der schriftlichen Medien halten sich auch daran. Sie  schreiben „Judäa und Samaria“.

„Judäa und Samaria“ bedeutet, dass das Gebiet Israel gehört,  auch wenn die offizielle Annexion  aus politischen Gründen  verzögert werden mag.

An sich  gibt es nichts Heiliges im Terminus „ Westbank“. Er wurde vom jordanischen  König übernommen, als er das Gebiet illegal seinem neu  erweiterten Königreich einverleibte. Das geschah  nach geheimer Absprache mit David Ben Gurion, Israels erstem Ministerpräsidenten, der den Namen „Palästina“ von der Karte tilgen wollte.  Die rechtliche Basis war eine Scheinkonferenz von palästinensischen „Notabeln“ in Jericho.

König Abdallah von Jordanien  teilte sein  Land  in das Ostufer (des Jordans) und das Westufer.

Warum bestehen wir also darauf,  diesen Terminus zu benützen? Weil es bedeutet, dass dies nicht ein Teil Israels ist, sondern wie der Gazastreifen –  arabisches Land, das der Staat Palästina werden soll, wenn Frieden (pardon „ein politisches Abkommen“) erreicht wird.

Bis heute  bleibt diese semantische Schlacht unentschieden. Die meisten Israelis verwenden den Ausdruck „Westbank“. „Judäa und Samaria“ ist  im Allgemeinen die Redeweise im  Bereich der Siedler geblieben.

„DIE SIEDLER“  sind natürlich der Gegenstand  einer ähnlichen semantischen Schlacht.

Im Hebräischen gibt es zwei Ausdrücke: Mitnahalim und Mityashvim. Sie bedeuten im Wesentlichen dasselbe. Aber bei üblicher Verwendung  benützen die Leute jetzt Mitnahalim, wenn sie die Siedler in den besetzten Gebieten meinen und Mityashvim, wenn sie von den Siedern im eigentlichen Israel  sprechen.

Die Schlacht zwischen diesen beiden Wörtern geht täglich weiter. Es ist ein Kampf  gegen die Legitimität der Siedlungen jenseits der Grünen Linie. Bis jetzt scheint unsere Seite  siegreich zu sein. Die Unterscheidung bleibt  intakt. Wenn jemand den Terminus Mityashvim benützt, wird er automatisch mit dem  politisch rechten Flügel identifiziert.

Die Grüne Linie selbst ist natürlich ein linkes Konzept. Es macht eine klare Unterscheidung zwischen dem eigentlichen Israel und den besetzten Gebieten. Die Farbe kommt von der Tatsache, dass diese Grenze – tatsächlich die 1949er Waffenstillstandslinie – auf den Landkarten immer mit Grün markiert wurde. Bis.

Bis der Arbeitsminister,  Yigal Alon, ein Mann vom linken Flügel, verfügte, dass ab jetzt die Grüne Linie nicht länger mehr auf den Landkarten  markiert werden solle. Nach einem alten Gesetz des britischen Mandats besitzt allein die Regierung das Copyright für alle im Lande gedruckten Landkarten,  und der Arbeitsminister ist zuständig.

Dies blieb so lange, bis Gush Shalom  die Regierung beim Obersten Gerichtshof verklagte. Unser Argument war, dass solange wie auf beiden Seiten dieser Linie verschiedene Gesetze angewandt werden, die Bürger eine  Karte haben müssen, die ihnen zeigt,  welchem Gesetz sie an einem bestimmten Ort  gehorchen müssen. Das Ministerium gab nach und versprach dem Gericht, dass es Karten mit der Grünen Linie  drucken würde.

Aus Mangel an einer Alternative benützen alle Israelis den Ausdruck „Grüne Linie“. Da die vom rechten Flügel diese Linie überhaupt nicht anerkennen, haben sie auch kein alternatives Wort erfunden. Einige Zeit lang versuchten sie, den Terminus  „Saumlinie“, aber das hat sich nicht durchgesetzt.

EINE LINIE zwischen was? Zu Beginn der Besatzung kam die Frage auf, wie man die  eben eroberten  Gebiete nennen soll.

Wir vom Friedenslager nannten sie natürlich „Besetzte Gebiete“. Die vom rechten Flügel nannten sie die „befreiten Gebiete“ und  erfanden den Slogan „Befreite Gebiete werden nicht zurückgegeben“ ein attraktiver Reim im Hebräischen. Die Regierung nannte sie  die „verwalteten  Gebiete“ und später die „umstrittenen Gebiete“.

Die Allgemeinheit nannte sie nur „die Gebiete“ – und das ist der  Ausdruck der heute von jedem gebraucht wird, der kein Interesse hat, jederzeit seine/ihre politische Überzeugung  zu betonen öchte, wenn sie erwähnt werden.

DIES LÄSST die Frage betreff der Mauer hochkommen.

Als die Regierung entschied, ein physisches Hindernis zwischen Israel und die besetzten Gebiete zu bauen – teils wegen der  Expansion teils aus echten Sicherheitsgründen – wurde auch ein Name benötigt.  Es wurde hauptsächlich auf besetztem Land  gebaut und veranlasste die Enteignung grosser Gebiete.  Es ist eine „Mauer“ in bebauten Gebieten und ein Zaun in offenen Gebieten. Wir nannten sie einfach „die Mauer“ und „der Zaun“, und begannen mit wöchentlichen Demonstrationen, die noch jede Woche weitergehen.

Die Mauer/der Zaun wurden in aller Welt verabscheut.  Deshalb sah sich die Armee nach einem Terminus um, der nicht ideologisch klang und wählte „Trennungshindernis“. Doch dieser Terminus besteht jetzt nur in offiziellen Dokumenten.

MIT WEM  verhandeln wir jetzt über das politische Abkommen? Ah, da liegt der Hase im Pfeffer.

Seit Generationen hat die zionistische Bewegung und der Staat Israel  die tatsächliche  Existenz des palästinensischen Volkes geleugnet. Im 1993er-Oslo-Abkommen wurde dieser idiotische Vorwand fallen gelassen, und wir erkannten die PLO als die „Vertretung  des palästinensischen Volkes“ an. Aber der palästinensische Staat wurde nicht erwähnt, und bis zum heutigen Tag verabscheut unsere Regierung den Terminus „Palästinensischer Staat“ oder „Staat Palästina“.

Sogar der Terminus „Palästinenser“ erregt immer noch bewussten oder unbewussten Widerstand. Die meisten Kommentatoren sprechen über ein politisches Abkommen mit „unseren Nachbarn“ – wobei sie nicht die Ägypter, Jordanier Syrer oder Libanesen meinen, sondern man weiß, wer gemeint ist.

In  Oslo bestanden die PLO-Unterhändler streng darauf, dass ihr neuer Staat-im Werden „Palästinensische Nationalbehörde“ genannt werden sollte. Die israelische Seite war prompt gegen das Wort „National“.  In dem Abkommen („Erkärung von Prinzipien“), wird  es  „Palästinensische Behörde“ genannt, aber die Palästinenser selbst nennen es die „Palästinensische Nationalbehörde“. Palästinenser, die dringend medizinische Behandlung in israelischen Krankenhäusern  benötigen, werden abgewiesen, wenn  finanzielle  Unterlagen mit „Palästinensischer Nationalbehörde“ unterzeichnet ist.

SO GEHT also der Kampf an der semantischen Front weiter. Für mich geht der wirklich wichtige Teil des Kampfes um das Wort Frieden. Wir müssen es als das zentrale Wort in unserm Wortschatz wieder herstellen: Klar, laut, stolz.

Wie die Hymne der Friedensbewegung  (von Yankele Rotblit  als Appell  von den gefallenen  Soldaten an die Lebenden) geschrieben:

„Deshalb singt ein Lied für den Frieden/ flüstert kein Gebet/ singt  dem Frieden ein Lied /  wie ein lauter Schrei!“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Ein Oslo Verbrecher

Erstellt von Gast-Autor am 4. Mai 2014

Ein Oslo Verbrecher

Autor Uri Avnery

DER TOD von Ron Pundak, einem der ursprünglich israelischen Architekten  des Oslo-Abkommens  1993, brachte dieses historische Ereignis ins öffentliche Bewusstsein zurück.

 Gideon Levy erinnerte uns daran, dass die Agitatoren des rechten Flügels  mit ihrem wütenden Angriff auf das Abkommen, die die Initiatoren „Oslo-Verbrecher“ nannten, ein bewusstes Echo zu Adolf Hitlers Hauptslogan auf seinem Weg zur Macht. Die Nazi-Propaganda  verwendete den Terminus  „November-Verbrecher“ gegenüber den deutschen Staatsmännern, die 1918  das Waffenstillstandsabkommen unterzeichneten, das den 1.Weltkrieg beendete – übrigens  auf  Wunsch  des  Generalstabs, der den Krieg verloren hatte.

In seinem Buch „Mein Kampf“ (das dabei ist, sein Copyright zu verlieren, so dass es jeder nachdrucken kann)  enthüllte Hitler auch noch eine andere Einsicht: dass eine Lüge  geglaubt wird, je größer sie ist, wenn sie oft genug wiederholt wird.

Das gilt auch für das Oslo-Abkommen. Seit mehr als 20 Jahren  wiederholt der israelische rechtsgerichtete Flügel  unermüdlich die Lüge, dass das Oslo-Abkommen nicht nur ein Verrat war, sondern auch ein totaler Fehlschlag.

Oslo ist tot, wird uns gesagt. Tatsächlich starb es schon bei der Geburt.  Und das wird auch das Los jedes Friedensabkommens In der Zukunft sein. Ein großer Teil der israelischen Bevölkerung ist dahin gekommen, dies zu glauben.

DIE HAUPT-Errungenschaft des Oslo-Abkommens, ein Akt von  geschichtsverändernden Dimensionen, trägt das Datum des 10. Septembers 1993 – der zufällig auch mein 70. Geburtstag war.

An diesem Tag  wechselten der Vorsitzende der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und der Ministerpräsident des Staates Israel  Briefe zur  gegenseitigen Anerkennung. Yasser Arafat erkannte Israel an, Yitzhak Rabin erkannte die PLO als die Vertreterin des palästinensischen Volkes  an.

Die heutige jüngere Generation (beider Seiten) kann die große Bedeutung dieser Zwillingsaktion  nicht begreifen.

Von ihrem Anfang an, fast 100 Jahre früher, hatte die zionistische Bewegung die reine Existenz eines palästinensischen Volkes geleugnet. Ich selbst habe viele hunderte Stunden meines Lebens damit verbracht, israelische  Zuhörer zu überzeugen, dass eine palästinensische Nation wirklich existiert. Golda Meir erklärte bekanntermaßen: „So ein Ding wie ein palästinensisches Volk, gibt es nicht“. Ich bin ziemlich stolz auf meine Antwort ihr gegenüber während einer Knesset-Debatte: „Frau Ministerpräsidentin, vielleicht haben Sie Recht. Vielleicht gibt es wirklich kein palästinensisches Volk. Aber wenn Millionen eines Volkes irrtümlicherweise glauben, dass sie ein Volk sind  und wie ein Volk handeln, dann sind sie ein Volk“.

Die zionistische Leugnung war keine willkürliche Marotte. Das eigentliche zionistische Ziel war, Palästina zu übernehmen, und zwar ganz.  Dies machte die Verdrängung der Bewohner dieses Landes notwendig. Aber der Zionismus war eine idealistische Bewegung. Viele seiner osteuropäischen Anhänger waren tief durchdrungen von den Ideen  Leo Tolstojs und anderer utopischer Moralisten. Sie konnten die Tatsache  nicht akzeptieren, dass ihr Utopia nur auf den Ruinen eines anderen Volkes  realisiert werden könne. Deshalb war die Leugnung eine absolut  moralische Notwendigkeit.

Die Anerkennung des palästinensischen Volkes war deshalb ein revolutionärer Akt.

AUF DER anderen Seite war die Anerkennung sogar noch schwieriger.

Vom ersten Tag des Konfliktes an betrachteten alle Palästinenser und in der Tat fast alle Araber den Zionismus als eine  Invasion eines fremden Volksstammes, der dabei war, ihre Heimat zu rauben, sie zu vertreiben und ihren Räuberstaat auf ihren Ruinen zu bauen. Das Ziel der palästinensischen Nationalbewegung war es deshalb, den zionistischen Staat zu zerstören und die Juden ins Meer zu werfen – wie ihre Ahnen es buchstäblich mit den letzten Kreuzfahrern  getan hatten – vom Kai von Akko.

Und hier kam ihr verehrter Führer Yasser Arafat und erkannte die Rechtmäßigkeit Israels an und kehrte die Ideologie von hundert  Jahren Kampf um, in dem das palästinensische Volk den größten Teil seines Landes verlor und die meisten seiner Heimstätten.

Im Oslo-Abkommen, das drei Tage später auf dem Rasen des Weißen Hauses unterzeichnet wurde, tat Arafat noch etwas anderes, das in Israel vollkommen ignoriert worden ist: er gab 78% des historischen Palästina auf. Der Mann, der tatsächlich das Abkommen unterzeichnete, war Mahmoud Abbas. Ich frage mich, ob seine Hand gezittert hat, als er diese bedeutungsvolle Konzession unterzeichnete, Minuten, bevor Rabin und Arafat sich die Hände schüttelten.

Oslo starb nicht trotz der eklatanten Fehler des Abkommens („Das bestmögliche Abkommen in der schlechtest möglichen Situation“ wie Arafat sich ausdrückte) Es veränderte die Natur des Konfliktes, obgleich es den Konflikt als solchen nicht veränderte. Die palästinensische Behörde, die grundlegende Struktur des palästinensischen Staates im Werden, ist eine Realität. Palästina wird von den meisten Ländern anerkannt und wenigstens teilweise auch von der UNO. Die Zwei-Staatenlösung, einmal die Idee einer verrückten  Randgruppe, ist heute ein Konsens der Welt. Eine ruhige, aber reale  Kooperation zwischen Israel und Palästina  läuft weiter auf vielen Feldern.

Aber natürlich ist all dies weit entfernt von der Realität des Friedens,  den viele von uns, einschließlich Ron Pundak,  an jenem glücklichen Tag, dem 13. September,  voraussahen. Zwanzig Jahre später brennen die Flammen des Konfliktes  weiter, und die meisten Leute wagen nicht einmal, das Wort „Frieden“ auszusprechen, als ob es eine pornographische Scheußlichkeit wäre.

WAS LIEF falsch? Viele Palästinenser glauben, dass  Arafats historische Konzessionen zu früh waren, dass er sie nicht hätte machen sollen, bevor Israel den Staat Palästina als  Endziel anerkannt hätte.

Rabin veränderte seine ganze Weltsicht im Alter von 71 Jahren und traf eine historische Entscheidung, aber er war nicht der Mann, der durchhielt. Er zögerte, schwankte und  erklärte die bekannten Worte „es gibt keine heiligen Daten.“

Dieser Slogan wurde das Schutzschild, das unsere Verpflichtungen  brechen sollte.  Das Endabkommen hätte 1999 unterzeichnet werden sollen.  Lange davor  hätten, vier „sichere Übergänge“ zwischen der Westbank und Gaza  eröffnet werden sollen. Dadurch dass diese Verpflichtung verletzt wurde, bereitete Israel den Abfall vom Gazastreifen vor

Israel  verstieß auch gegen die Verpflichtung, das „dritte Stadium“ zu erfüllen: den Rückzug aus der Westbank. Zone C ist nun praktisch ein Teil Israels geworden, der nur auf  die offizielle Annexion wartet, die von den  Parteien  des rechten Flügels verlangt wird.

Es gab  im Oslo-Abkommen  keine Verpflichtung, Gefangene zu entlassen. Aber die Weisheit hätte  dies diktiert. Die Rückkehr  Zehntausender Gefangenen nach Hause hätte die Atmosphäre elektrisiert     . Stattdessen bauten auf einander folgende israelische Regierungen, linke wie rechte, Siedlungen auf arabischem Land  mit hektischer Geschwindigkeit und  verhaftete  noch mehr Gefangene.

Die anfänglichen Verletzungen des Abkommens und das Nicht-funktionieren des ganzen Prozesses ermutigt die Extremisten auf beiden Seiten. Die israelischen Extremisten mordeten Rabin und die palästinensischen Extremisten begannen mit einer Kampagne mörderischer Angriffe.

LETZTE WOCHE kommentierte ich die Gewohnheit unserer Regierung, sich  unterzeichneter Verpflichtungen  zu enthalten, wann immer sie dachte, dass es das nationale Interesse verlange.

Als Soldat im 1948er Krieg nahm ich an der großen Offensive teil, die den Weg in den Negev öffnete und der von der ägyptischen Armee abgeschnitten war. Dies wurde unter Verletzung der Waffenruhe gemacht, die von den UN arrangiert worden war. Wir nutzten einen einfachen Trick, um die Schuld dem Feind zuzuschieben. Dieselbe Technik wurde später von Ariel Sharon benützt, um die Waffenstillstandslinie an der syrischen Front zu durchbrechen und durch Vorfälle  zu provozieren, um die sog. demilitarisierten Zonen zu annektieren. Noch später  wurde die Erinnerung an diese Vorfälle ausgenützt, um die Golanhöhen zu annektieren.

Der Beginn des 1. Libanonkrieges war eine direkte Verletzung des Waffenstillstandes, die ein Jahr vorher  amerikanische Diplomaten arrangiert hatten. Der Vorwand war wie gewöhnlich dürftig:  eine anti-PLO-Terrorgruppe hatte versucht, den israelischen Botschafter in London zu ermorden. Als dem Ministerpräsidenten Menachim Begin von seinem Mossad Chef gesagt wurde, dass die Mörder Feinde der PLO seien, antwortete Begin  bekanntermaßen: „Für mich sind sie alle PLO!“

Tatsächlich hat  Arafat  die Feuerpause  genauestens eingehalten; da er  eine israelische Invasion vermeiden wollte, hat er seine Autorität  auch oppositionellen Elementen aufgezwungen. Elf Monate lang wurde an der Grenze keine einzige Kugel abgefeuert. Doch als ich vor ein paar Tagen mit einem früheren  ranghohen  Amtsträger sprach, versicherte er mir ernsthaft, dass „ sie uns jeden Tag beschossen hätten. Es war unerträglich.“

Nach sechs Tagen Krieg wurde eine Feuerpause vereinbart. Doch zu dieser Zeit war es unsern Soldaten noch nicht gelungen, Beirut zu umzingeln. Also brach Scharon die Feuerpause und  schnitt die  lebenswichtige Schnellstraße Beirut-Damaskus ab.

Die gegenwärtige Krise im „Friedensprozess“ wurde  durch  die Nicht-Einhaltung seiner Verpflichtung, palästinensische Gefangene an einem bestimmten Tag zu entlassen, gebrochen. Dieser Verstoß war so offensichtlich, dass er nicht verborgen bleiben  oder  wegerklärt werden konnte.  Dies verursachte das berühmte „Poof“ John Kerrys.

Tatsächlich  wagte Benjamin Netanjahu  nicht, seine Verpflichtung zu erfüllen, nachdem er und seine Gefolgsleute der Medien wochenlang die Öffentlichkeit  gegen die Entlassung der „Mörder“ mit „Blut an den Händen“ aufgehetzt hatte. Sogar das „linke Zentrum“- blieb stumm.

Jetzt nimmt eine andere verlogene Geschichte vor unsern Augen Gestalt an. Die große Mehrheit in Israel ist schon total davon überzeugt, dass die Palästinenser dadurch die Krise gebracht hätten, indem sie sich 15 internationalen Konventionen angeschlossen  hätten.  Nach diesem flagranten  Verstoß gegen das Abkommen war die israelische Regierung im Recht, die Entlassung der Gefangenen zu  verweigern. Die Medien haben diese  Verdrehung der Geschehnisse natürlich – so oft  wiederholt,  dass diese nun den Status einer Tatsache angenommen hat

ZURÜCK ZU DEN Oslo-Verbrechern. Ich gehörte nicht zu ihnen. Während  die Geheimgespräche in Oslo (ohne mein Wissen) stattfanden, war ich in Tunis und habe  mit Arafat über die ganze Reihe möglicher Kompromisse gesprochen.

Mag Ron Pundak in Frieden ruhen –  auch wenn der Frieden, für den er arbeitete, noch  weit entfernt scheint.

Aber er wird kommen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Nichts als heiße Luft: Poof!

Erstellt von Gast-Autor am 27. April 2014

Nichts als heiße Luft: Poof!

 Autor Uri Avnery

ARMER JOHN Kerry!  Diese Woche gab er einen Ton von sich, der ausdrucksvoller war als Seiten voll diplomatischem Blabla.

In seinem Zeugnis vor dem  Senatskomitee für ausländische Beziehungen erklärte er, wie die Aktionen der israelischen Regierung den „Friedens-Prozess“  torpediert hatten.  Sie brachen ihr Versprechen, palästinensische Gefangene zu entlassen und gleichzeitig verkündeten sie die Vergrößerung  von mehr Siedlungen in Ost-Jerusalem. Die Friedensbemühungen machten  „poof“.

„Pooff“ ist das Geräusch, wenn einem Ballon die Luft entweicht. Es ist ein guter Ausdruck, weil der „Friedensprozess“ von Anfang an ein Ballon voll heißer Luft war. Eine Übung in  „Scheinwelt“

JOHN KERRY  kann nicht die Schuld  gegeben werden. Er nahm die ganze Sache sehr ernst. Er ist ein ernsthafter Politiker, der sich sehr, sehr große Mühe gab, zwischen Israel und Palästina Frieden zu machen. Wir sollten dankbar sein.

Das Problem ist, dass Kerry nicht die leiseste Ahnung hatte, in was er sich da eingelassen hat.

Der ganze „Friedensprozess“ drehte sich um eine irrtümliche Annahme. Einige würden sagen: auf einer eigentlichen Lüge.

Nämlich, dass wir hier zwei Seiten eines Konfliktes haben. Eines ernsten Konfliktes. Eines alten Konfliktes. Aber ein Konflikt, der gelöst werden  könne , wenn  sich auf beiden Seiten  vernünftige Leute zusammensetzen und es ausdiskutieren würden,  von einem wohlwollenden und unparteiischen Schiedsrichter geleitet.

Nicht ein Detail dieser Voraussetzungen war real. Der Schiedsrichter war nicht unparteiisch. Die Führer waren nicht vernünftig  und am bedeutendsten: Die Seiten waren nicht ebenbürtig.

Die Machtbalance zwischen beiden Seiten ist nicht 1:1, nicht einmal 1:2 oder 1.10. In jeder  materiellen Hinsicht – militärisch, diplomatisch, wirtschaftlich –  ist es eher wie eins zu tausend.

Es gibt kein Ebenbürtigkeit zwischen Besatzer und Besetzten, zwischen Unterdrücker und Unterdrückten. Ein Elefant und eine Fliege können nicht „verhandeln“. Wenn die eine Seite das totale Kommando über den anderen hat, jede ihrer Bewegungen kontrolliert, auf ihrem Land siedelt,  ihre Geldbewegung kontrolliert, willkürlich ihre Leute verhaftet, ihren Zugang zur UN und dem Internationalen Gerichtshof blockiert – dann ist von Ebenbürtigkeit keine Rede mehr.

Wenn beide Verhandlungsseiten so extrem ungleich sind, kann die Situation nur durch  einen Vermittler behoben werden, der die schwache Seite  unterstützt. Es ist aber genau das Gegenteil geschehen: der Amerikaner unterstützte Israel,  massiv und großzügig.

Während der „Verhandlungen“  tat die US nichts, um die Siedlungsaktivitäten zu verhindern, die  dazu noch mehr israelische Fakten vor Ort schufen – der Grund und Boden, über dessen Zukunft  gerade die Verhandlungen liefen.

EINE GRUNDVORAUSSETZUNG für erfolgreiche Verhandlungen ist, dass alle drei Seiten wenigstens ein Grundverständnis nicht nur für die Interessen und Forderungen der anderen Seite haben, sondern sogar mehr von  der geistigen Welt des anderen, seine emotionale Strukturen und sein Selbstbild kennen Ohne dies sind alle Schritte unerklärlich und sehen irrational aus.

Boutrous Boutrous Ghali, einer der intelligentesten Leute, denen ich je in meinem Leben begegnet bin, sagte mir einmal:“ Ihr habt in Israel die intelligentesten Experten der arabischen Welt. Sie haben alle Bücher gelesen, alle Artikel, jedes einzelne Wort, das darüber geschrieben wurde.  Sie wissen alles und verstehen nichts, weil sie nie einen Tag in einem arabischen Land gelebt haben.“

Dasselbe trifft auch auf die amerikanischen Experten zu, nur noch viel mehr. In Washington DC fühlt man die verdünnte Luft eines Himalaja-Gipfels. In den grandiosen Paläste der Regierung, in denen das Schicksal der Welt entschieden wird, da sehen fremde Völker klein, primitiv und weithin irrelevant aus. Hier und da einige wirkliche Experten, die weggesteckt werden, aber keiner fragt  wirklich um Rat.

Der durchschnittliche amerikanische Staatsmann hat nicht die leiseste Ahnung von arabischer Geschichte, ihrem Weltbild, ihren Religionen, Mythen oder Traumata, die die arabische Einstellung  gestaltet, ganz zu schweigen vom palästinensischen Kampf. Er hat keine Geduld für diesen primitiven Unsinn.

ANSCHEINEND  ist das  amerikanische Verständnis für  Israel  viel besser. Aber nicht wirklich.

Die durchschnittlichen amerikanische Politiker und Diplomaten wissen eine Menge über Juden. Viele von ihnen sind Juden. Kerry selbst scheint teilweise jüdisch zu sein.  Sein Friedensteam schließt viele Juden ein, sogar Zionisten, einschließlich des aktuellen Verhandlungsmanager Martin Indyk, der in der Vergangenheit für AIPAK arbeitete. Selbst sein Name ist jiddisch (und  bedeutet Truthahn).

Die Vermutung ist, dass sich  Israelis  von amerikanischen Juden nicht sehr unterscheiden. Aber das ist völlig falsch. Die israelische Regierung mag behaupten, der „Nationalstaat des jüdischen Volkes“ zu sein, aber dies ist nur ein Instrument, um die jüdische Diaspora auszunützen und Hindernisse für den „Friedensprozess“ zu schaffen. In der Realität gibt es wenig Ähnlichkeit zwischen Israelis und der jüdischen Diaspora, kaum weniger als zwischen einem Deutschen und einem Japaner.

Martin Indyk mag eine gewisse Affinität zu Ziipi Livni empfinden, der Tochter eines Irgun-Kämpfers (oder Terroristen nach britischer Redeweise), aber das ist eine Illusion.  Die Mythen und Traumata, die Zipi formten, sind sehr anders als die. die Martin formten, der in Australien aufgewachsen ist.

Falls Barack Obama und Kerry mehr wüssten, wäre ihnen von Anfang an klar, dass die gegenwärtigen israelischen politischen Umstände jede israelische Evakuierung von Siedlungen, ein Rückzug aus der Westbank  und ein Kompromiss über Jerusalem ganz unmöglich wäre.

ALL DIES  gilt auch für die palästinensische Seite.

Die Palästinenser sind davon überzeugt, dass sie Israel verstehen. Schließlich sind sie Jahrzehnte lang unter israelischer Besatzung gewesen. Viele von ihnen haben Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht und perfekt Hebräisch sprechen gelernt. Aber sie haben im Umgang mit Israelis viele Fehler gemacht.

Der letzte Fehler war der Glaube, dass Israel den vierten Trupp von Gefangenen entlassen würde. Dies war fast unmöglich. Alle israelischen Medien, einschließlich der moderaten, sprechen über die Entlassung von „palästinensischen Mördern“, nicht von palästinensischen Aktivisten oder Kämpfern. Die Parteien vom rechten  Flügel standen im Wettkampf miteinander und mit  rechten „Terroropfern“, indem sie diese Untat denunzierten.

Die Israelis verstehen die tiefen Emotionen nicht, die durch die Nicht-Entlassung der Gefangenen – die nationalen Helden des palästinensischen Volkes  – hervorgerufen werden, obwohl Israel selbst in der Vergangenheit eintausend palästinensische Gefangene für einen einzigen Israeli austauschten. Die jüdische Religion verlangt die „Erlösung der Gefangenen“.

Es ist gesagt worden, dass Israel  ein „Zugeständnis“ dreimal verkauft; einmal, wenn es versprochen wird, sodann, wenn ein offizielles Abkommen darüber unterzeichnet wird und beim dritten Mal, wenn es tatsächlich erfüllt wird.  Dies geschah, als die Zeit kam, den 3.Rückzug von der Westbank unter den Oslo-Abkommen, der nie  passierte .

Die Palästinenser wissen nichts über jüdische Geschichte, wie sie in israelischen Schulbüchern gelehrt wird, sehr wenig über den Holocaust, noch weniger über den Zionismus.

DIE LETZTEN VERHANDLUNGEN begannen als „Friedensgespräche“, fuhren als „Rahmengespräche“ für weitere Verhandlungen fort,  jetzt sind die Gespräche zu Reden über die Reden über die Reden  degeneriert.

Keiner  will die Farce abbrechen, weil alle drei Seiten sich vor der Alternative fürchten.

Die amerikanische Seite fürchtet sich vor einem allgemeinen Angriff auf des zionistisch-evangelikal-republikanischen Adelson-Bulldozer auf die Obama-Regierung bei den nächsten Wahlen. Das Außenministerium versucht schon verzweifelt, sich von Kerrys  „Poof“ zurückzuziehen. Er meinte nicht, dass man Israel allein die Schuld geben müsse, sondern dass ein Fehler  auf beiden Seiten liege. Der Elefant und die Fliege sind gleicherweise zu tadeln.

Wie gewöhnlich hat die israelische Regierung viele Ängste. Sie fürchtet den  Ausbruch einer dritten Intifada, verbunden mit einer weltweiten Kampagne der De-legitimation und  des Boykotts von Israel, besonders in Europa.

Es fürchtet auch, dass die UN, die z.Zt. Palästina nur als ein Nicht-Mitglied-Staat anerkennt, weitergehen wird und Palästina immer mehr fördert.

Die palästinensische Führung fürchtet auch eine dritte Intifada, die zu einem blutigen Aufstand führen kann. Obwohl alle Palästinenservon einer „gewaltfreien Intifada“ sprechen, glauben nur wenige wirklich daran. Sie erinnern sich daran, dass die letzte Intifada auch gewaltlos begann, aber die israelische Armee  Scharfschützen einsetzte, die die Anführer der Demonstrationen erschossen. Mehr Selbstmord –Bombenanschläge wurden unvermeidlich.

Präsident Mahmoud Abbas (Abu-Mazen) hat auf die Nicht-Entlassung der Gefangenen dadurch reagiert, dass er im Namen Palästinas 25 Dokumente unterzeichnete, um sich internationalen Konventionen anzuschließen.

Praktisch bedeutet der Akt wenig. Eine der Unterschriften bedeutet, dass Palästina sich der Genfer Konvention anschließt. Eine andere betrifft den Schutz der Kinder. Sollten wir uns nicht darüber freuen? Aber die israelische Regierung fürchtet,  dass dies ein Schritt näher an der Aufnahme Palästinas  als Mitglied des Internationalen Gerichtshofes bedeute und vielleicht die  Anklage von Israelis wegen Kriegsverbrechen.

Abbas plant auch Schritte zu einer Versöhnung mit der Hamas und der Durchführung  von palästinensischen Wahlen, um seine Heimatfront zu stärken.

WENN man nun der arme John Kerry wäre, was würde man zu all dem sagen?

„Poof“ scheint das Minimum zu sein.

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Das Monster auf dem Hügel

Erstellt von Gast-Autor am 20. April 2014

Das Monster auf dem Hügel

 

Autor Uri Avnery

ES GIBT nichts Besseres als jede Woche einen Skandal. Ein gepfefferter Skandal regt die Leute auf, beschäftigt die Medien, lässt uns Dinge wie Krieg und Frieden, Besatzung und Apartheid  vergessen. Wie Brot und Spiele im alten Rom.

In dieser Woche hatten wir mehrere Skandale, die uns beschäftigten. Ehud Olmert, ein früherer Ministerpräsident, wurde verurteilt, weil er riesige Bestechungsgelder annahm, als er Bürgermeister von Jerusalem war. Er wurde für die Genehmigung eines monströsen Gebäudekomplexes auf dem höchsten Hügel  West-Jerusalems bezahlt –  schon aus großer Entfernung  sichtbar.

Als ob dies nicht schon genug wäre, Sylvan Shalom, ein Kabinettsminister  mit einem halben Dutzend Funktionen, wurde einer Notzucht  verdächtigt. Eine frühere Sekretärin erinnerte sich, dass er sie vor 15 Jahren in seinem Hotelzimmer angegriffen hatte.

Sich mit solch aufregenden Nachrichten zu beschäftigen, wer kann da noch Zeit und Energie haben, über die Krise bei den israelisch-palästinensischen Verhandlungen nachzudenken, die  wirklich niemals richtig anfingen? Die Öffentlichkeit weiß gut  genug, dass diese Verhandlungen  eine Farce sind, die von der amerikanischen Regierung in Bewegung gesetzt wurde, die nicht den Schneid hat, gegen die Mietlinge der israelischen Regierung im Kongress aufzustehen und  Benjamin Netanjahu etwas  aufzuzwingen.

FALLS  SICH TATSÄCHLICH  jemand irgendwelche Illusionen über amerikanische Politik gemacht hat, dann wären sie in dieser Woche zerstreut worden

Der Kasino-Mogul, Sheldom Adelson, organisierte eine öffentliche Vorstellung seiner Macht.

Er lud  die vier wahrscheinlichsten republikanischen Kandidaten für die nächsten Präsidentenwahlen in sein Las Vegas Wett-Paradies ein, um einen  auszuwählen. Alle Eingeladenen beachteten natürlich  die Aufforderung.

Es war eine beschämende Vorführung. Die Politiker krochen vor dem Casino-Herrn. Mächtige Gouverneure von bedeutenden Staaten taten ihr Bestes, um sich selbst wie Bewerber bei einem Jobinterview gut zu verkaufen. Jeder von ihnen versuchte, über den andern zu triumphieren und versprach dem Mogul, alle Bitten zu erfüllen.

Flankiert von israelischen Leibwächtern nahm Adelson  die amerikanischen  Hoffnungsvollen in die Zange. Und was verlangte er vom zukünftigen Präsidenten der USA? Als erstes und  wichtigstes: blinden und bedingungslosen Gehorsam  gegenüber einem anderen Staat: Israel.

Adelson ist einer der reichsten Juden in der Welt. Er ist auch ein Fanatiker  vom rechten Flügel – nicht nur  ein amerikanischer Rechter, sondern auch ein israelischer.

Während er jetzt nach dem besten amerikanischen Präsidenten sieht, den er kaufen kann, hat er schon seinen israelischen Handlanger. Er hat etwas in Israels Geschichte noch nie Dagewesenes getan: ein Instrument  geschaffen, um mit ihm seine ultra-rechten Ansichten auf das israelische Volk zu drücken.

Zu diesem Zweck hat er riesige Summen Geld investiert und eine tägliche Tageszeitung nach seiner Vorstellung geschaffen. Sie wird  „Israel heute“ genannt und kostet buchstäblich nichts. Sie wird für nichts über das ganze Land verbreitet. Seine Leserschaft ist jetzt die Größte im ganzen Land und bedroht die Existenz der  vorherigen Nummer eins „Yedioth Aharonot“ und  hat die nächste „Maariv“ schon umgebracht.

Der einzige Zweck von  Adelsons Zeitung ist es, Benjamin Netanjahu zu dienen, persönlich und politisch, bedingungslos und offen. Dies ist eine solch unverhohlene Einmischung in Israels Politik durch einen ausländischen Milliardär, dass dies  eine Reaktion auslöst: alle Knesset-Fraktionen, die Rechten wie die Linken (außer Likud, natürlich) haben eine  Forderung unterzeichnet, um dieser Korrumpierung  von Demokratie ein Ende zu setzen.

SELTSAM GENUG, die zionistische Bewegung wurde in einem Casino gegründet. Das war der Name der Halle in Basel, Schweiz, in der der erste zionistische Kongress 1897 auch stattfand. Aber er hatte nichts mit Glücksspiel zu tun. Das Stadt-Casino war eben eine zentralgelegene Halle.

Seit damals waren Casinos zu Glückspielplätzen geworden, nach allgemeiner Meinung mit der Mafia verbunden.  Heutzutage scheinen sie in den USA koscher zu sein, obwohl sie in Israel streng verboten sind.

Las Vegas ist jetzt zur Hauptstadt der amerikanischen Politik geworden. Alles was Adelson tut, tut er offen, stolz beschämend. Ich wundere mich wie  einfache Amerikaner auf dieses Spektakel eines Milliardärs – besonders eines Juden – reagieren, der den nächsten Präsidenten für sie wählt.

Uns wird erzählt, dass Antisemitismus in Europa und in der ganzen Welt auf dem Vormarsch ist. In der verrückten  geistigen Welt des Antisemitismus kontrollieren Juden den Kosmos. Und hier haben wir einen Juden, direkt aus den Seiten  der „Protokolle der Weisen von Zion“ der versucht, den Herrscher des mächtigsten Landes auf dem Planeten zu ernennen.

Adelson  hatte das letzte Mal keinen Erfolg. Das letzte Mal spendete er riesige Summen Geld für einen hoffnungslosen Kandidaten, und  dann  auf den gewinnenden republikanischen Nominierten, der gründlich von Barack Obama vernichtet wurde. Aber keiner kann sicher sein, dass dies wieder geschehen wird. Für Adelson  könnte es gut heißen: „Wenn Geld nicht wirkt, dann versuche es mit mehr Geld.“

DAS EIGENTLICHE-Problem ist, dass der amerikanische politische Prozess total korrupt ist. Man kann es nicht anders ausdrücken.

Um die Nominierung einer großen Partei zu bekommen und dann als Präsident gewählt zu werden, benötigt man enorme Summen Geld. Seitdem das größte Schlachtfeld das Fernsehen ist und Kandidaten dafür zahlen müssen, werden diese Summen immer größer.

Es ist schön zu denken, dass gewöhnliche Bürger diese Summen mit ihren bescheidenen Beträgen erreichen können, doch  das  ist eine Illusion. Spenden in diesen Dimensionen kann nur von den Reichen kommen, besonders von den sehr, sehr Reichen (Amerikaner  mögen dieses enthüllende Wort nicht mehr und sprechen von den „Wohlhabenden“. Aber das ist schon glatte Schönfärberei“)

Die sehr reichen wurden einmal Millionäre, dann Multi-Millionäre und jetzt Milliardäre genannt. Adelson ist ein Multi-Milliardär.

Ein Milliardär gibt für einen Präsidenten-Kandidaten kein Vermögen für nichts

So wird man an erster Stelle kein Milliardär. Wenn er erst mal seinen Mann gewählt bekommt, verlangt er sein Pfund Fleisch, viele Pfunde zurück.

Mir wird erzählt, Adelson wünsche,  wetten im Internet  solle verboten werden. so dass gewöhnliche, echte Casinos blühen können. Aber ich habe keine Zweifel, dass seine  zionistischen Leidenschaften vom rechten Flügel zuerst kommen.  Falls es ihm gelingt, seinen Mann ins Weiße Haus zu bringen, dann wird die US total der extremen Rechten in Israel unterwürfig sein. Er könne ebenso gut Netanjahu ins Ovale Office setzen. (Und warum nicht? Es benötigt nur eine kleine Änderung in der Verfassung. Wie viel mag das kosten?)

Das würde bei mir OK gewesen sein, wenn Adelson wirklich etwas vom israelisch- arabischen Konflikt verstünde.  Es ist das Problem, das er nichts davon versteht. Mit der typischen Arroganz der sehr Reichen denkt er, dass er es wohl tut.  Doch scheint es, dass er nicht die leiseste Ahnung über die Wurzeln des Konfliktes hat, seine Geschichte und die akute Gefahr, die in unserer Zukunft lauert.

Falls Adelson unsere Zukunft diktieren könnte, es würde eine Katastrophe für unser Land bedeuten.

UNSER  EIGENES politisches System ist nicht ganz so korrupt wie das amerikanische, aber es ist schlimm genug.

Israels Parteien, die an den Wahlen teilnehmen, bekommen freie TV-Minuten- entsprechend ihrer Größe in der letzten Knesset, mit einem Minimum an Zeit, die für neue Parteien  reserviert werden. Aber das ist viel zu wenig für eine Wahlkampagne.

Parteien sind in den Geldbeträgen begrenzt, die sie von Spendern akzeptieren  dürfen. Der Rechnungsprüfer übt strenge Kontrolle aus,

Und so kommen wir zurück zu Olmert

Kein ehrgeiziger Politiker ist  mit der genehmigten  Geldmenge zufrieden.  Viele von ihnen schauen sich nach Tricks um, um den  Rechnungsprüfer zu umgehen  Manchmal erreichen sie die Grenzen der Legitimität, oft  gehen sie drüber. Olmert selbst ist mehrfach in der Vergangenheit verdächtigt worden, illegales Geld zu verwenden; aber es gelang ihm immer wieder, davonzukommen.

In dieser Weise gegen das Gesetz zu verstoßen, ist ein strafbares Vergehen, aber in der Vergangenheit verurteilte die israelische Öffentlichkeit es  zu energisch. Die allgemeine Haltung war „Politiker sind eben Politiker.“

Diese Haltung veränderte sich, als zum ersten Mal  heraus kam, dass Politiker Bestechungen nicht zu Gunsten der Partei annahmen, sondern für sich selbst. Der erste große Skandal diese Art – 1976 von meinem Magazin aufgedeckt – betraf Asher Yadlin, einen Führer der Labor-Partei, der gerade zum Direktor der Bank von Israel ernannt wurde. Es  kam heraus, dass er die Bestechung für sich selbst statt für die Partei nahm. Er kam ins Gefängnis. Seitdem wurden viele solche Fälle aufgedeckt. Mehrere Minister sind ins Gefängnis geschickt worden. Einer hat seine Gefängnisstrafe schon  abgesessen, ist zurück und spielt nun eine zentrale Rolle in der Knesset. Ariel Sharon und Avigdor Lieberman entkamen mit knapper Not der öffentlichen Anklage.

(Ich habe schon einmal die Geschichte über einen früheren Bildungsminister erzählt, dem von einem Kollegen gesagt wurde:  „Gratuliere mir! Ich wurde freigesprochen!“ Er antwortete ihm trocken: „Seltsam. Ich bin nie freigesprochen worden!“)

Olmert ist der letzte und überschattet alle anderen, weil er ein Ministerpräsident war. Das Land ist geschockt. Doch seine lange Karriere ist befleckt mit  Anklagen, vor denen er von seinen Anwälten immer gerettet wurde. Als erstes nahm er Geld für seine Wahlkampagnen. Später nahm er Geld für sich selbst.

ES GIBT keinen Weg, um die Korruption des politischen Prozesses in den USA – und hier – zurückzuschlagen, ohne dass das Wahlsystem völlig verändert wird. So lange so große Summen benötigt werden, um gewählt zu werden, wird die Korruption unangefochten herrschen.

Bis solch eine Reform stattfindet, werden die Adelsons und die Olmerts die Demokratie korrumpieren.

Und das  Monster auf dem Hügel in Jerusalem wird als Warnung dort stehen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | 1 Kommentar »

Eine Gegen -Koalition

Erstellt von Gast-Autor am 6. April 2014

Eine Gegen -Koalition

ETWAS SEHR Bedeutendes geschah in dieser Woche am unwahrscheinlichsten Ort: in der Knesset.

 Auf der Tagesordnung standen drei Gesetze, eines schlimmer als das andere.

Eines war über „Regierungsgewalt“. Seine  Hauptbestimmung erhöht   die „ Prozent-Blockade“ – d.h. das Minimum, das eine Wahlliste benötigt, um in die Knesset zu kommen– von 2% bis 3,25%.  Die klare Absicht ist, die drei Listen, die ihre Stimmen aus dem arabischen Sektor erhalten und die etwa diese Prozentzahl oder weniger haben, abzuhängen.

Im zweiten Gesetz ging es um  „ die gleichmäßige Verteilung der Last“.  Sein erklärtes Ziel ist, Tausende  orthodoxer Jugendlichen zum Militärdienst zu zwingen, von dem sie  jetzt befreit sind.  Praktisch  befreit das neue Gesetz sie vier weitere Jahre. Israelis nennen dies „Israbluff“.

Das dritte Gesetz geht um Frieden oder sein Nicht-vorhanden-sein. Es besagt, dass jedes Abkommen, das jetzt  israelisches Land aufgibt, von einem Referendum bestätigt werden müsste. Bis jetzt ist in Israel ein Referendum unbekannt gewesen. Dieses Gesetz würde selbst bei noch so kleinem Landtausch angewandt werden.

Welche Verbindung gibt es zwischen diesen drei Gesetzesvorlagen?  Keine – außer, dass sie auf Papier gedruckt wurden. Doch jede von ihnen ist von mindestens einer der sechs Fraktionen, die die Regierung unterstützen, nicht  annehmbar, was ihre Annahme  unmöglich macht.

Damit sie alle angenommen werden, hat die Regierungskoalition all ihren Mitgliedern eine drakonische  Maßnahme aufgezwungen: Sie  müssen für alle drei zusammen abstimmen. Eins nach dem andern.

Dies hat sich nie zuvor ereignet. Es ist ein weiteres Symptom für die schleichende Unreife  des rechten Flügels, das Kennzeichen dieser Knesset.

UM SICH selbst zu verteidigen, haben die Oppositionsparteien etwas getan, was vorher in Israel  noch nie geschah: sie haben dem Knesset-Plenum einen Boykott erklärt. Nicht ein einziges Oppositions-Mitglied  war während der Debatte  über diese Gesetzesentwürfe  und ihre Abstimmung im Plenum. Sie errichteten ein „alternatives Plenum“, wo sie eine lebhafte Debatte führten.

Die Opposition besteht aus verschiedenen Elementen, die gewöhnlich nicht zusammenarbeiten.

Da gibt es die linken zionistischen Parteien: Die Laborpartei und Meretz.

Es gibt die beiden orthodox-religiösen Fraktionen: Die Torah-Jüdische Fraktion (aus zwei getrennten Parteien)  und die orientalisch-orthodoxe Partei, die Shas.

Und da gibt es noch  die drei arabische Parteien: die nationalistische Balad-Partei, die moderate  islamische und die kommunistische Partei, in der auch eine kleine jüdische Gruppe ist.

All diese verschiedenen politischen Gruppierungen kamen zusammen, um ihre Empörung über die diktatorischen Maßnahmen des rechten Flügels auszudrücken. Ihr beispielloser Boykott der Knesset-Stimmen unterstreicht die Ernsthaftigkeit der parlamentarischen Krise, obwohl diese nicht die Annahme der Gesetze verhinderte.

Die  Aufregung der Medien über die Krise  verbarg jedoch einen viel  ernsteren Aspekt, einen, der eine fundamentale Auswirkung auf die Zukunft Israels haben kann.

ALLE DREI israelischen Fernsehkanäle widmeten dem, was sich im Knesset-Plenum  ereignete, nur ein paar Minuten, sie konzentrierten sich viel mehr auf interessantere Geschehnisse im Kontra-Plenum.

Sie zeigten z.B. den Führer von Shas, Arieh Deri, wie er mit seinem Kopf den Kopf des prominenten Laborabgeordneten Eitan Kabel berührte. Es war mehr als eine brüderliche Geste. Es war eine politische Erklärung.

Seit dem ersten Tag des Staates Israels, während 29 Jahren, wurde das Land von der Laborpartei regiert – in enger Zusammenarbeit mit den religiösen jüdischen Parteien. (Vorher hatte dieselbe Koalition die jüdische Gemeinschaft in Palästina seit 1933 „regiert“)

Der historische Wandel, 1977, den die Likud an die Macht brachte, geschah, als die religiösen Parteien der Labor-Partei ihren Rücken zuwandten und sich der  neuen rechten Koalition von Menachem  Begin anschlossen. Dies war mehr als ein politisches Manöver. Es war eine tektonische Bewegung, die die Landschaft Israels veränderte.

Seit damals hat die religiöse Koalition  vom rechten Flügel Israel regiert (Wenn man von kleinen Unterbrechungen absieht.) Es schien unerschütterlich und verurteilte Israel  zu einer dunklen Zukunft der Apartheid, Besatzung und der Siedlungen.

Es schien auch ganz natürlich. Die jüdische Religion beteuert, dass Gott persönlich den Israeliten das ganze Heilige Land  verheißen hat. Religiöse Schulen lehren  ganz jüdisch konzentrierte  Aussichten, die die Rechte der anderen ignorieren. Die Ergebnisse dieser Ausbildung scheinen die natürlichen Verbündeten der Likud-Ideologie zu sein: das „Ganze Land Israel gehört uns“.

Es  handelt sich um die Spaltung  zwischen den Orthodoxen, deren Judentum die  alte Religion des Stetl ist, und den  zionistischen „Nationalreligiösen“, deren Judentum eine stammesmäßige Mischung von „Blut und Boden“  ist. Für die Orthodoxen ist das Judentum nicht  der Feind des Friedens. Im Gegenteil: Shalom/Frieden und die gute Behandlung von  nicht-jüdischen Einwohnern sind  Gebote Gottes.

Falls diese Idylle zwischen  dem säkular-orthodox-arabischen  Dreieck hält, könnte   Vorläufer einer neuen politischen Wende sein, das Ende der Ära, die 1977 begann.

UM ZU VERSTEHEN, was geschehen ist, muss man die Bedeutung von „Verstehen“ verstehen;  d.h. andere Verstehen.

Die orthodoxe Gemeinschaft ist eine getrennte Sektion von Israel, ganz ähnlich wie die arabische Sektion und vielleicht sogar noch mehr. Sie sind anders als der Mainstream Israels in fast allem – die kulturelle Ansichten, die historische Orientierung,  die Sprache (viele sprechen jiddisch), die Kleidung,  ja sogar die Körpersprache.

Die gegenwärtige Krise wird nicht von ihrer Antipathie gegen die Armee und der ganzen zionistischen Ideologie verursacht. Es geht viel tiefer. Ihr Hauptziel ist das Überleben in einer zunehmend feindseligen Welt. Sie müssen eine absolute Kontrolle  über ihre Söhne und Töchter  halten– von der Geburt bis zum Tod. Sie erlauben ihnen nicht, in Kontakt mit Nicht-Orthodoxen zu kommen – in keinem Stadium ihres Lebens. Deshalb kann es ihnen nicht erlaubt werden, normale Schulen zu besuchen, in die Armee zu gehen, an gewöhnlichen Arbeitsplätzen zu arbeiten, in säkularen Stadtteilen zu leben. Sie dürfen nicht mit nicht-orthodoxer Gesellschaft essen oder  – Gott bewahre –  säkulare Mädchen treffen. Totale Isolierung ist ihr Überlebensrezept.

Israelis vom rechten  Flügel mit ihren fixierten und egozentrischen Ansichten sind völlig unfähig, dies zu verstehen, so wie sie nicht in der Lage sind, die Gesinnung der arabischen Bürger zu verstehen.  Um Gottes willen! Warum sollte eine israelisch jüdische  Mutter eines Soldaten schlaflose Nächte verbringen, weil sie sich Sorgen um ihren Sohn macht, während diese Drückeberger sich des Lebens erfreuen?

Für einen orthodoxen Jungen  ist es natürlich undenkbar, mit dem Talmudstudium aufzuhören, wie es für einen arabischen Jungen  undenkbar ist, auf palästinensische Brüder zu schießen.

Die Armeechefs wollen übrigens keinen von beiden. Sie schaudern bei dem Gedanken  arabische Jugend zu trainieren und zu bewaffnen, außer ein paar beduinischen Söldnern. Es schaudert sie bei dem Gedanken, Tausende von Orthodoxen in die Armee aufzunehmen, die getrennte Lager brauchen, um nicht mit jemandem in Kontakt zu kommen, einschließlich Augenkontakt mit Mädchen. Ganz zu schweigen von der Notwendigkeit von Synagogen, rituellen Bädern, spezielle koschere Nahrung und ihre eigenen Rabbiner, der jeden Befehl eines normalen Offiziers  ins Gegenteil wenden könnte.

Doch  kein Armeeoffizier wird dies offen sagen. Die alte zionistische Vision verbietet dies. Unsere Armee ist eine Bürgerarmee, jeder dient darin ohne Diskriminierung; bei der Verteidigung  des Heimatlandes ist  Gleichheit heilig.

Deshalb  sind  komplizierte legale Tricks der Selbsttäuschung seit Jahrzehnten in Übung. Jetzt muss sich das Land damit aus einander setzen.

Meiner Meinung nach sollten wir der Realität ins Auge schauen: Die Orthodoxen  (und die arabischen Bürger) sind besondere Minderheiten, die auch einen Sonderstatus benötigen. Die augenblickliche  Situation sollte legalisiert werden, ohne Tricks. Die Orthodoxen(und die Araber) sollten  offiziell eine Ausnahmebehandlung bekommen. Vielleicht  sollte  unsere Armee westlichen Beispielen folgen und sollten selbst alle in eine  professionelle Freiwilligen-Armee begeben.

ABER DIES ist ein Seitenaspekt. Die Hauptfragen sind  diese:

Kann die alte Verbindung zwischen dem linken Flügel und  dem orthodoxen erneuert werden?

Kann es einen fundamentalen Wandel in der Verteilung der politischen Kräfte geben?

Kann die Koalition der Rechten und des „national-religiösen“ messianischen Lagers, einschließlich seiner faschistischen Ränder wieder eine politische Minderheit werden?

Kann eine Gegen-Koalition der Linken und der Orthodoxen (ja,mit den arabischen Bürgern) zur Macht kommen?

Es ist nicht unmöglich, doch müsste man ein Optimist sein, um das zu glauben.

Doch  man muss überhaupt ein Optimist sein, um  an Gutes zu denken.

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | 2 Kommentare »

Gott segne Putin

Erstellt von Gast-Autor am 30. März 2014

Gott segne Putin

BENJAMIN  NETANJAHU ist ein sehr guter Redner, besonders vor Juden, Neokonservativen  und  ähnlichen Leuten, die aufspringen und ihm wild applaudieren, egal, was er sagt, einschließlich , dass morgen die Sonne im Westen aufgeht.
Die Frage besteht: ist er auch sonst gut?
Sein Vater, ein ultra-ultra-Rechter, sagte einmal über ihn: Dass er sich gar nicht als Ministerpräsident eignen würde, aber er könnte ein guter Außenminister werden. Was er meinte, war, dass Benjamin  nicht die nötige Tiefe des Verständnisses hat, das nötig sei, um eine Nation zu führen, aber dass er gut sei, irgendeine  Politik, die von einem echten Führer bestimmt worden  sei, zu  verkaufen.
(Erinnern wir uns an die Charakterisierung Abba Ebans durch David Ben Gurion: „Er kann sehr gut erklären, aber man muss ihm sagen, was er erklären soll.“)
In dieser Woche wurde Netanjahu nach Washington gerufen.  Er sollte vermutlich John Kerrys neues „Rahmenabkommen“ billigen, das als Grundlage  eines neuen Startes für  die Friedensverhandlungen dienen solle, die bis jetzt zu nichts geführt haben.
Am Vorabend des Ereignisses gab Präsident Barack Obama einem jüdischen Journalisten ein Interview, in dem er Netanjahu  beschuldigte, den „Friedensprozess“ so hinauszuzögern, als ob es wirklich  einen Friedensprozess gegeben hätte.
Netanjahu kam mit einer leeren Aktentasche –  womit ich meine, mit einer Tasche voll leerer Parolen.  Die israelische Führung hatte mächtig für Frieden gekämpft, kam aber wegen der Palästinenser überhaupt nicht voran.  Mahmoud Abbas sollte man  anklagen, weil er sich weigert, Israel als den Nationalstaat des jüdischen Volkes anzuerkennen.
Und was ….hmm  ….ist mit den Siedlungen,  die  während des letzten Jahres  mit rasender Geschwindigkeit erweitert wurden? Warum sollten die Palästinenser endlos verhandeln, während die israelische Regierung  immer mehr Land in Besitz nimmt, das  zur Substanz der Verhandlungen gehört? (s. das klassisch palästinensische Argument: „Wir verhandeln  über die Teilung einer Pizza. und in der Zwischenzeit isst Israel die Pizza auf“)
Obama wappnete sich, sich mit  Netanjahu, der AIPAC und ihren  Strohmännern des Kongresses  auseinanderzusetzen. Er war dabei, Netanjahu die Arme hinterm Rücken zu verdrehen, bis er aufgibt und  Kerrys  „Rahmenabkommen“ annimmt, das bis jetzt so verwässert worden ist, dass es fast wie  ein zionistisches Manifest aussieht. Kerry arbeitet fieberhaft an einem Abkommen egal, ob man mit ihm zufrieden oder unzufrieden ist.
Netanjahu, der nach etwas schaute, um den Angriff zurückzuweisen, war bereit, wie gewöhnlich „Iran! Iran! Iran!“ zu schreien – als etwas Unvorhergesehenes geschah.

NAPOLEON MACHTE  einmal den berühmten Ausspruch: „Gebt mir Generäle, die  Glück haben!“ Er hätte  General Bibi geliebt.

Weil,  als er unterwegs zu einem wieder gekräftigten Obama war, um ihm gegenüber zu treten, es eine Explosion gab, die die Welt erschütterte.

Die  Ukraine.

Es war wie die Schüsse, die vor hundert Jahren aus Sarajevo drangen. Die internationale Ruhe war plötzlich zerstört. Die Möglichkeit eines größeren Krieges lag in der Luft.

Netanjahus Besuch verschwand aus den Nachrichten. Obama war mit einer historischen Krise beschäftigt, und  wünschte, Netanjahu so schnell wie möglich los zu werden. Anstelle eines strengen Verweises vom israelischen Führer, kam er mit einigen hohlen Komplimenten davon. All die wunderbaren Reden, die Netanjahu  vorbereite hatte, wurden nicht gehalten. Sogar seine gewöhnlich triumphierende Rede vor der AIPAC erweckte kein Interesse.

Alles nur wegen des Aufstandes in Kiew.

BIS JETZT sind schon unzählige Artikel  über die Krise geschrieben worden. Historische  Assoziationen  gibt es en masse.

Obwohl Ukraine „Grenzland“ bedeutet, war es oft im Zentrum europäischer Ereignisse  .Die ukrainischen Schulkinder muss man bedauern. Die Veränderungen in der Geschichte ihres Landes waren konstant und extrem.  Während verschiedener Zeiten war die Ukraine eine europäische Macht und ein armes heruntergekommenes Land, extrem reich (Der „Brotkorb Europas“)  oder  erbärmlich arm, von den Nachbarn angegriffen, die ihre Leute gefangen nahmen,  um sie als Sklaven zu verkaufen oder ihre Nachbarn angriffen, um ihr Land zu vergrößern.

Die Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland sind sogar noch komplizierter.  In einer Weise ist die Ukraine das Herzland der russischen Kultur, Religion und der Orthographie. Kiew war bei weitem bedeutender als Moskau, bevor dieses zum  Mittelpunkt des Moskauer Imperialismus‘ wurde

Im Krimkrieg 1850 kämpfte Russland  tapfer gegen eine Koalition von Großbritannien, Frankreich, das Ottomanische Reich und Sardinien und verlor schließlich. Der Krieg war wegen der christlichen Rechte in Jerusalem ausgebrochen und schloss eine lange Belagerung von Sewastapol ein. Die Welt erinnert sich noch an den Angriff  „der Leichten Brigade“. Eine Engländerin mit Namen Florence Nightingale baute die erste Organisation auf, die sich um Verwundete auf dem Schlachtfeld kümmerte. Daraus entstand das Rote Kreuz.
Während meiner Lebenszeit mordete Stalin Millionen von Ukrainern durch bewusstes Aushungern. Eine Folge davon war, dass die meisten Ukrainer die deutsche Wehrmacht 1941 als Befreier willkommen hieß. Es hätte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft  sein können, aber leider hatte Hitler vor, die ukrainischen „Untermenschen“ auszurotten, um die Ukraine in den deutschen „Lebensraum“  zu integrieren.

Die Krimbevölkerung litt schrecklich. Das tartarische Volk, das die Halbinsel in der Vergangenheit beherrschte, wurde nach Zentralasien deportiert, Jahrzehnte später wurde ihm erlaubt, zurückzukehren. Jetzt sind sie eine Minderheit, anscheinend unsicher,  wo ihre Loyalität liegt.

DIE BEZIEHUNG zwischen der Ukraine und den Juden ist nicht weniger kompliziert.

Einige jüdische Schriftsteller wie Arthur Köstler und Schlomo Sand glauben, dass das Khazarenreich, das vor tausend Jahren  die Krim und die benachbarten Gebiete  beherrschte,  zum Judentum konvertierte, und dass die meisten Aschkenazim von ihnen abstammen. Dies würde uns alle zu Ukrainern machen (Viele frühe zionistische Führer kamen tatsächlich aus der Ukraine.)

Als die Ukraine ein Teil des umfangreichen polnischen Reiches war, nahmen viele polnische Adlige große Ländereien dort in Besitz.  Sie beschäftigten Juden als ihre Manager. So schauten die ukrainischen Bauern auf die Juden als  Agenten ihrer Unterdrücker, und Antisemitismus wurde zum Teil der nationalen Kultur der Ukraine.

Wie wir in der Schule lernten, wurden bei jedem Wandel in der ukrainischen Geschichte Juden ermordet. Die Namen der meisten ukrainischen Volkshelden, Führer und Rebellen, die in ihrer Heimat verehrt wurden, sind im jüdischen Bewusstsein mit schrecklichen Pogromen verbunden.

Der Kossake Hetman (Führer) Bohdan Chmeinytsky, der die Ukraine vom polnischen Joch befreite, und von den Ukrainern als  Vater der Nation angesehen wird, war einer der schlimmsten Massenmörder in der jüdischen Geschichte. Symon Petliura, der die Ukrainer gegen die Bolschewiken nach dem 1. Weltkrieg führte, wurde von einem jüdischen Rächer in Paris getötet.

Für einige ältere, jüdische Immigranten in Israel  war es schwer zu entscheiden, wen sie mehr hassten, die Ukrainer oder die Russen (von den Polen  ganz zu schweigen)

VÖLKER  RUND um die Erde finden es ebenso schwierig,  welche Seite sie wählen sollen

Die gewöhnlichen  kalten Krieger haben es einfacher – sie hassen  aus Gewohnheit entweder die Amerikaner oder die Russen.

Was mich betrifft: je mehr ich mich mit der Situation beschäftige, umso unsicherer werde ich. Dies ist keine Schwarz- oder Weiß-Situation. Die erste Sympathie geht zu den Maidan Rebellen (Maidan ist ein arabisches Wort und bedeutet Stadtplatz.  Seltsam, wie es nach Kiew kam. Wahrscheinlich via Istanbul)

Sie wollen sich mit dem Westen verbinden, sich der Unabhängigkeit und der Demokratie erfreuen. Was ist falsch daran?

Nichts, außer dass sie zweifelhafte Genossen haben. Neo-Nazis in ihren nachgeahmten Nazi-Uniformen, die mit  dem Hitlergruß  grüßen, und  den Mund voll antisemitischer Sprüche haben, sind nicht sehr attraktiv. Die Ermutigung, die  sie von westlichen Verbündeten erhalten, einschließlich der abstoßenden Neokonservativen, ist auch wenig einladend.

Auf der anderen Seite ist Wladimir Putin auch nicht sehr einnehmend. Es ist der alte russische Imperialismus  – immer wieder.

Der von den Russen benützte Slogan: die Notwendigkeit, die russisch sprechenden Leute im Nachbarland zu schützen, klingt doch unheimlich bekannt. Es ist eine genaue  Kopie von Hitlers Behauptung, 1938 die Sudetendeutschen vor dem tschechischen Monster zu schützen.

Aber Putin hat einige Logik auf seiner Seite. Sewastopol – das die heroischen Belagerungen im Krim-Krieg und im 2. Weltkrieg erlitt –  waren wesentlich für seine Marine.  Die Verbindung mit der Ukraine ist ein wichtiger Teil des russischen  Strebens  nach einer Weltmacht.

Als kaltblütiger berechnender  Typ, wie er jetzt selten in der Welt vorkommt, benützt Putin die guten Karten, die er hat, aber ist sehr vorsichtig, nicht zu viele Risiken auf sich zu nehmen. Er managt die Krise,  scharfsinnig benützt er die offensichtlichen Vorteile Russlands: Europa benötigt  sein Öl und Gas, er benötigt Europas Kapital und Handel. Russland spielt in Syrien und Iran eine führende Rolle. Die USA steht plötzlich wie ein  Zuschauer daneben.

Ich vermute, dass es am Ende einen Kompromiss gibt. Russland will einen Fuß in der kommenden ukrainischen Führung haben. Beide Seiten werden den Sieg verkünden, und das ist gut
(Übrigens für unsere Anhänger der „Ein-Staat-Lösung“: wieder scheint ein multikultureller Staat auseinander zu brechen.)

WO WIRD uns  Netanjahu hinführen? Netanjahu  hat einige Monate oder Jahre gewonnen ohne irgendeine Bewegung in Richtung  Frieden, und in der Zwischenzeit kann er  die Besatzung fortführen und den Siedlungsbau mit großer Geschwindigkeit fortsetzen.

Das ist die traditionelle zionistische Strategie. Zeit ist alles. Jeder Aufschub  gibt weitere Möglichkeiten, neue Tatsachen vor Ort  zu schaffen Netanjahus Gebete sind erhört worden.

Gott segne Putin.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Ihre Mütter, ihre Väter

Erstellt von Gast-Autor am 23. März 2014

Ihre Mütter, ihre Väter

Autor Uri Avnery

ES IST der Sommer 1941. Fünf junge Menschen – drei junge Männer und zwei junge Frauen – treffen sich in einer Bar und verbringen einen fröhlichen Abend, flirten mit einander, werden betrunken, tanzen verbotene ausländische Tänze. Sie sind zusammen  im selben Berliner Stadtteil aufgewachsen.

Es ist eine glückliche Zeit. Adolf Hitler begann vor  anderthalb Jahren einen Krieg und der ging bis dahin  unglaublich gut. In dieser kurzen Zeit eroberte Deutschland Polen, Dänemark, Norwegen und Holland, Belgien und Frankreich. Die Wehrmacht war unbesiegbar. Der Führer war ein Genius, „der größte Feldherr aller Zeiten“.

So beginnt der Film, der gerade in unsern Kinos läuft – ein einzigartiges historisches Dokument. Er  läuft fünf atemlose Stunden und  beschäftigt die Gedanken und Gefühle seiner Zuschauer noch tage- und wochenlang.

Im Grunde ist es ein Film, der von Deutschen für Deutsche gedreht wurde. Der deutsche Titel sagt alles „Unsere Mütter, unsere Väter“. Der Zweck ist, die Fragen zu beantworten, die heute noch junge Deutsche beunruhigen. „Wer waren unsere Eltern und Großeltern? Was taten sie während dieses schrecklichen Krieges? Was empfanden sie? Waren sie an den schrecklichen Verbrechen beteiligt, die von den Nazis begangen wurden?

Diese Fragen werden im Film nicht deutlich beantwortet. Aber jeder deutsche Zuschauer ist gezwungen, sie zu stellen. Es gibt keine klaren Antworten. Der Film  ergründet es nicht. Eher zeigt er ein breites Panorama des deutschen Volkes in Kriegszeiten, die verschiedenen Teile der Gesellschaft, die verschiedenen Typen von Kriegsverbrechern, passive Zuschauer bis zu den Opfern.

Der Holocaust steht nicht im Mittelpunkt der Ereignisse, ist aber ständig anwesend, nicht als ein besonderes Ereignis, sondern als Teil in die  Struktur der Realität verwoben

DER FILM beginnt 1941 und deshalb kann die Frage, die für mich die wichtigste wäre, nicht beantwortet werden. Wie kann eine zivilisierte, vielleicht die kultivierteste Nation in der Welt eine Regierung wählen, deren Programm  offensichtlich kriminell war.

Es stimmt, Hitler wurde niemals von einer absoluten Mehrheit in freien Wahlen gewählt. Aber er kam sehr nah dran. Und er fand leicht politische Partner, die bereit waren, ihm zu helfen, eine Regierung zu bilden.

Einige sagten damals: es sei ein einzigartiges deutsches Phänomen gewesen, der Ausdruck  besonderer deutscher Mentalität, während Jahrhunderten der Geschichte geformt. Diese Theorie ist bis jetzt diskreditiert worden. Aber wenn es so ist, kann es in einem andern Land geschehen? Könnte es in unserm Land geschehen? Kann es heute geschehen? Welches sind die Umstände, die das ermöglichen?

Der Film gibt keine Antwort auf diese Fragen. Er überlässt die Antworten dem Zuschauer.

Die jungen Helden des Filmes fragen nicht. Sie waren 10 Jahre alt, als die Nazis zur Macht kamen, und für sie war das „1000-Jährige Reich“ (Wie die Nazis es nannten) die einzige Realität, die sie kannten. Es war der natürliche Zustand der Dinge.  So beginnt die Handlung.

ZWEI DER  Jugendlichen waren Soldaten. Einer hatte den Krieg schon gesehen und trug einen Orden für Tapferkeit.  Sein Bruder war gerade eingezogen worden. Der dritte junge Mann war ein Jude. Wie die beiden Mädchen waren sie voll jugendlichen Überschwangs. Alles sah gut aus.

Der Krieg?  Nun, er kann nicht mehr lange dauern, oder? Der Führer selbst hat versprochen, dass  bis Weihnachten der Endsieg gewonnen sein wird.  Die fünf jungen Leute versprachen einander,  sich an Weihnachten wieder zu treffen. Keiner hatte die leiseste, böse Vorahnung  der schrecklichen Erfahrungen, die jedem bevorstanden.

Während ich diese Szene sah, konnte ich nicht anders, als an meine frühere Klasse denken. Ein paar Wochen nach der Machtübernahme der Nazis wurde ich ein Schüler der 1. Klasse des Gymnasiums. Meine  Mitschüler waren  gerade so alt, wie die Helden im Film, Sie sind 1941  eingezogen worden, und da es eine Eliteschule war, sind wahrscheinlich alle Offiziere geworden.

Nach einem halben Jahr im Gymnasium, nahm mich meine Familie mit nach Palästina.  Niemals traf ich einen meiner Klassenkameraden wieder, außer einem (Rudolf Augstein, den Gründer des Magazins Der Spiegel; Ich traf ihn Jahre nach dem Krieg, und er wurde wieder mein Freund) Was geschah mit allen anderen? Wie viele überlebten den Krieg? Wie viele waren zu Krüppeln geworden?  Wie viele waren zu Kriegsverbrechern geworden?

Im Sommer 1941 waren sie wahrscheinlich noch so glücklich wie die Jugendlichen  im Film, die hofften Weihnachten wieder zu Hause zu sein.

DIE BEIDEN Brüder wurden an die russische Front geschickt, eine unvorstellbare Hölle. Dem Film gelingt es, die Realitäten des Krieges zu zeigen, leicht erkennbar von jemandem, der auch ein Soldat im Kampf war. Nur dass dieser Kampf hier hundertmal schlimmer war,  und der Film zeigt dies brillant.

Der ältere Bruder, ein Oberstleutnant, versuchte, den Jüngeren zu schützen. Das Blutbad, das noch vier Jahre weiterging, Tag um Tag, Stunde um Stunde veränderte ihren Charakter. Sie wurden brutal. Der Tod war rund um sie. Sie sahen  schreckliche Kriegsverbrechen. Sie hatten den Befehl Gefangene zu erschießen, sie sahen wie jüdische Kinder geschlachtet wurden. Am Anfang wagten sie, noch schwach zu protestieren, dann behielten sie ihre Zweifel für sich; dann nahmen sie Teil an den Verbrechen, als  ob es selbstverständlich wäre.

Eine der jungen Frauen meldete sich freiwillig an die Front in ein Militärkrankenhaus, wo sie Zeuge schrecklicher Agonien der Verwundeten wurde, eine jüdische Mitschwester denunzierte  und  sofort ein schlechtes Gewissen hatte, am Ende nahe Berlin von einem Sowjet-russischen Soldaten vergewaltigt wurde, wie fast alle deutschen Frauen in den von der rachedürstenden Sowjetarmee eroberten Gebieten

Die israelischen Zuschauer im Kino  könnten mehr am Schicksal des jüdischen Jungen interessiert gewesen sein, der an dem fröhlichen Fest zu Beginn des Filmes teilnahm. Sein Vater ist ein stolzer Deutscher, der sich nicht vorstellen konnte, dass Deutsche so schlimme von Hitler angedrohte Dinge tun könnten. Er dachte nicht im Traum daran, sein geliebtes Vaterland zu verlassen. Aber er warnte seinen Sohn, dass er ja keine sexuellen Beziehungen mit einer arischen  Freundin haben solle: „es wäre gegen das Gesetz!“

Als der Sohn ins Ausland fliehen wollte, wozu ihm ein verräterischer Gestapo-Offizier „ half“, wurde er geschnappt und in die Todeslager geschickt. Es gelang ihm, unterwegs zu fliehen und schloss sich polnischen Partisanen an (die die Juden noch mehr hassten als die Nazis) und überlebte schließlich.

Vielleicht ist die tragischste Figur das zweite Mädchen, eine leichtfertige, sorglose Sängerin, die mit einem ranghohen SS-Mann schläft, um ihre Karriere zu fördern, wird mit ihrer Gruppe  an die Front geschickt, um Soldaten zu unterhalten. So sieht sie, was dort wirklich geschieht, spricht sich über den Krieg aus, wird ins Gefängnis geschickt und in den letzten Stunden des Krieges  hingerichtet.

ABER DAS Schicksal der Helden ist nur das Gerüst des Filmes. Viel wichtiger sind die kleinen Momente des täglichen Lebens, das Portrait verschiedener Charaktere der deutschen Gesellschaft.

Zum Beispiel, wenn ein Freund  eine Wohnung besucht, in der die jüdische Familie  gelebt hatte.; die blonde arische Frau, die den Platz übernommen hat, beschwert sich über den Zustand der Wohnung, aus der die Juden heraus geholt worden waren und in den Tod geschickt wurden.  „Sie haben nicht einmal sauber gemacht, bevor sie sie verließen. So sind die Juden, ein schmutziges Volk!“

Jeder lebt in ständiger Angst, denunziert zu werden. Es ist ein durchdringender Terror, dem sich keiner entziehen kann. Selbst an der Front mit dem Tod vor Augen, eine Andeutung von Zweifel über den Endsieg,  von einem Soldaten geäußert, wird sofort von seinen Kameraden zum Schweigen gebracht. „Bist du verrückt?“

Noch schlimmer ist die  abgestumpfte Atmosphäre der universalen Übereinstimmung. Vom höchsten Offizier bis zum niedrigsten Dienstmädchen, wiederholt jeder endlos die Propagandaparolen des Regimes. Nicht aus Angst, aber weil sie jedes Wort der alles durchdringenden  Propagandamaschine glauben. Sie hören nichts anderes.

Es ist immens wichtig, dies zu verstehen. In dem totalitären Staat, faschistisch oder kommunistisch oder sonst etwas, können nur wenige freie Geister den endlos wiederholten Slogans der Regierung widerstehen. Alles andere klingt  irreal, anormal, verrückt. Als die sowjetische Armee schon ihren Weg durch  Polen  kämpfte und sich Berlin näherte, waren die Leute noch immer fest in ihrem Glauben an den Endsieg. Schließlich sagte der Führer so, und der Führer hat immer Recht. Allein die Idee ist grotesk.

Es ist dieses Element der Situation, die für viele Leute  schwer zu begreifen ist. Ein Bürger unter einem kriminellen, totalitären Regime wird wie ein Kind. Propaganda wird für ihn zur Realität, die einzige Realität, die er kennt. Sie ist wirksamer als  selbst der Terror.

DIES IST die Antwort  auf die Frage, wir können uns nicht der Stimme enthalten und  immer wieder fragen. Wie war der Holocaust möglich? Er wurde von einigen geplant, wurde aber von hundert Tausenden Deutscher  durchgeführt, vom Lokomotivführer bis zu dem  Beamten, der die Papiere ordnete. Wie konnten sie es tun?

Sie konnten, weil es für sie das natürlichste Ding war, es zu tun.  Schließlich waren die Juden dabei, Deutschland zu zerstören. Die kommunistischen Horden  bedrohten das Leben jedes wahren Ariers. Deutschland benötigte mehr Lebensraum  der Führer hat das so gesagt. Deshalb ist der Film so bedeutend, nicht nur für die Deutschen, sondern für jedes Volk, einschließlich des unsrigen.

Die Leute, die sorglos mit Ultra-Nationalisten, Faschisten, Rassisten oder anderen anti-demokratischen Ideen nicht realisieren, dass sie mit dem Feuer spielen. Sie können sich nicht einmal vorstellen, was es bedeutet, in einem Land zu leben, das die Menschenrechte mit Füßen tritt, das die Demokratie verachtet, das ein anderes Volk unterdrückt, das Minderheiten dämonisiert.

Der Film zeigt wem oder was es gleicht: der Hölle.

Der Film verbirgt nicht, dass die Juden die Hauptopfer im Nazireich waren und nichts ihren Leiden nahe kommt. Das zweite Opfer war das deutsche Volk, Opfer seiner selbst.

Viele Leute bestehen darauf, dass nach diesem Trauma, die Juden sich nicht wie normale Menschen benehmen können und dass deshalb Israel nicht  nach den Standards von normalen Staaten beurteilt werden kann. Sie sind traumatisiert.

Dies trifft auch für das deutsche Volk zu. Allein die Notwendigkeit, diesen ungewöhnlichen Film zu produzieren  beweist, dass das Nazigespenst noch immer die Deutschen verfolgt, dass sie noch immer von ihrer Vergangenheit traumatisiert  sind.

Als Angela Merkel in dieser Woche Benjamin Netanjahu besuchte, lachte die ganze Welt über das Foto, auf dem der Schatten des Fingers des Minister-Präsidenten versehentlich  einen Schnauzbart ins Gesicht der Kanzlerin  wirft.

Aber die Beziehungen zwischen unsern beiden traumatisierten Völkern sind weit davon entfernt, ein Witz zu sein.

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Drei Frauen

Erstellt von Gast-Autor am 16. März 2014

Drei Frauen

Autor Uri Avnery

DIES IST eine Liebeserklärung. Tatsächlich drei Lieben.

Ich liebe Achinoam Nini. Ich liebe sie aus der Ferne. Ich bin ihr niemals begegnet. Ich liebe sie für das, was sie vor ein paar Wochen tat.

Vor ein paar Wochen hatte die israelische Organisation der Komponisten und Schriftsteller ihr einen Preis für ihr Lebenswerk verliehen. Obgleich sie erst 44 Jahre alt ist, hat sie ihn sicherlich verdient. Sie ist eine wunderbare Sängerin.

Noa (wie sie im Ausland genannt wird,) tat etwas sehr Ungewöhnliches: Sie verweigerte den Preis.

Ihr Grund ein anderer: der Sänger, Ariel Silber sollte dieselbe Auszeichnung erhalten.

Noa ist eine unverblümte Linke. Silber gehört ausgesprochenermaßen zum rechten Flügel. Ist dies ein Grund, einen Preis abzulehnen?

Durch das Land ging ein Aufschrei. Wie kann sie es nur wagen? Wie ist es mit der Redefreiheit? Wie ist es mit der künstlerischen Freiheit?

Der rechte Flügel denunzierte sie lautstark.  Diesem  schlossen sich viele rechtschaffene Linke an.  Es stimmt – sagen sie – Silber ist ein  Rechter, aber die Demokratie verlangt „Redefreiheit  gilt allen“, sogar – und besonders – jenen, die  anstößige Ansichten vertreten.

Sogar der alte Voltaire wurde in den Streit verwickelt „ich missbillige das, was du sagst, aber ich würde bis zum Tod dein Recht  verteidigen, es zu sagen.“

WAS HAT Silber gesagt, das Noa dahin brachte, sich zu weigern, mit ihm auf demselben Podium zu stehen?

Zuerst wegen einer Sache: er drückte seinen tiefen Hass gegen Homosexuelle aus. „Ein Homo zu sein, ist eine Perversion“, erklärte er und verlangte, dass sie aus der Gesellschaft ausgestoßen werden.

Nicht nur sie. Auch alle säkularen Leute. „Die Säkularen haben nichts zu bieten, außer, dass sie AIDS-krank sind und sich an nackten Frauen erfreuen. Pfui!“

Schwule, Lesben und Säkulare sind nicht die einzigen Verdammten. Die Linken können sogar schlimmer sein. „ Alle Linken sollten vertrieben und in die Hölle gejagt werden. Sie sind Amalek“. Wie jeder Jude weiß, hat Gott  den Kindern Israels den Befehl gegeben, alle Amalekiter zu töten, so dass ihr Name für immer  gelöscht sein solle. König Saul, ein Nationalheld, wurde vom Propheten Samuel vom Thron gestürzt, weil er nicht alle amalekitischen Gefangenen, Männer, Frauen und Kinder, getötet habe.

Aber dies ist nur ein Teil von Silbers Weltanschauung. Er glaubt auch, dass Yigal Amir, der Mörder von Yitzhak Rabin, sofort aus dem Gefängnis entlassen werden solle.

Er lobte Baruch Goldstein, den Siedler, der 29 betende Muslime in der Hebroner Abrahams-Moschee  (von Juden die „Höhle Machpela“ genannt) mordete.

Er sympathisiert auch mit den Rächern, den Ku Klux Klan-Siedlern, die nachts rausgehen, um die wehrlosen arabischen Dorfbewohner zu terrorisieren.  Sie tun recht daran, weil „die Araber nichts wert sind. Sie können nichts anderes als töten.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, proklamierte Silber:“ Kahane hatte Recht.“  Rabbi Meir Kahane wurde vom Obersten Gerichtshof Israels als Faschist verurteilt, und seine „Kach“-Bewegung wurde verboten – ein fast einmaliges Urteil,  was Juden betraf. Um die Sache abzurunden: Silber schrieb  und komponierte  auch ein Lied zu diesem Thema.

Verdient diese Person den Schutz der Redefreiheit? Juden in aller Welt verurteilen die französische Regierung, die den widerwärtigen Antisemiten, der sich selbst Donnedieu M’bala M’bala (französischer Komiker) nennt, den Erfinder des  Neo-Nazi „grenelle“-Grußes. Aber dieser Demagoge ist ein Moderater, verglichen mit Silber.

Sollte Noa auf demselben Podium mit dieser „Gabe Gottes“ erscheinen?“ Oder, wenn sie vor drei Generationen in der deutschen Weimarer Republik gelebt hätte, zusammen mit einem albernen Demagogen  Adolf Hitler?  Und hätten unsere sensiblen Demokraten sie wegen ihrer Weigerung verurteilt?

NUN ICH bewundere sie. Ihre Tat war Selbstlosigkeit. Sie brachte ein großes Opfer mit dem, was sie tat. Sie wird vom ganzen rechten Publikum boykottiert werden. Sie wird zu Festspielen  von Organisatoren nicht eingeladen, die das große Zittern bekommen, wenn sie an den Verlust der Regierungszuschüsse denken.

Ich erinnere mich, dass vor nur 45 Jahren nach dem Ausbruch der 1. Intifada eine sehr große Demonstration für Frieden auf dem Platz stattfand, der später der Rabin-Platz in Tel Aviv wurde. Praktisch alle Künstler waren dort. Künstler stritten untereinander um ihr Recht, dort zu erscheinen.

Diese Zeiten sind seit langem vergangen. Selbst wohl bekannte linke Künstler sind jetzt ängstlich, ihre Meinung auszudrücken. Gott bewahre. Es könnte sie in den finanziellen Ruin führen.

Woher fand Noah den Mut, aufzustehen und  sich zu weigern? Ihre beiden Eltern sind Jemeniten – seltsam genug auch Silvers Mutter war Jemenitin. In meiner Jugend war sie eine berühmte Sängerin. Es war eine Regel: Jemeniten – wie alle orientalischen Juden  – tendierten politisch zum rechten Flügel. Die Lösung des Rätsels mag sein, dass sie in den US aufwuchs, wo ihr Vater arbeitete. Da sie dort in den 70er und 80er-Jahren in jüdischen Schulen aufwuchs, hat sie gewisse Werte aufgenommen.

Ich mag sie.

ICH LIEBE  Anat Kim.

Anat war Soldatin.  Auf Grund ihrer militärischen Pflichten hatte sie Zugang zu geheimen Dokumenten. Sie kopierte 2000 Dokumente, die offensichtlich Kriegsverbrechen betrafen, die von israelischem Soldaten begangen wurden. Sie gab sie einem Reporter von Haaretz. Die Zeitung veröffentlichte den geheimen Bericht über einen solchen Vorfall. Ermittlungs-beamte der Armee entdeckten die Quelle.

Nach fast zwei Jahren Hausarrest wurde Anat zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt. Nach einem Revisionserfahren, wurde diese auf vier Jahre reduziert. Letzte Woche wurde sie nach zwei Jahren und zwei Monaten im Gefängnis, auf Bewährung frei gelassen. Ein paar Tage später enthüllte sie ihre gegenwärtige Meinung in einem Zeitungsinterview.

Es liest sich gut. Anat ist sehr intelligent und aufmerksam. Die Beschreibung ihrer Gefängniserfahrung ist lebendig und faszinierend. Es scheint, dass die Gefängnisbehörden sie vergleichsweise gut behandelt haben. Bevor sie das Gefängnis betrat, hatte sie große Angst, geschlagen oder vergewaltigt zu werden. Doch die Insassen des Frauengefängnisses, wenn auch meistens primitive Patrioten, achteten nicht auf ihre verräterische Vergangenheit und mit wenigen Ausnahmen nahmen sie sich ihrer an. Frauen, die ihre Kinder oder Liebhaber umgebracht hatten, baten um ihre Mithilfe beim Schreiben von Petitionen. Anat scheint eine Person mit viel Einfühlungsvermögen zu sein.

Sie ist gegenüber Haaretz und dem Reporter verbittert, der. wie sie annimmt, aus Angst  ihr Vertrauen missbraucht hatte. Man könnte auch gegenüber dem  Friedenslager im Allgemeinen verbittert sein, das so ängstlich war, dass fast keiner seine/ihre Stimme erhob, um ihre mutige Tat zu verteidigen.

Was mich traurig machte, ist ihre Reue. Sie erklärt in einem Interview,  es tue ihr leid, was sie getan hat.

Ich  bin davon überzeugt, dass es ihr wegen des hohen Preises, den sie zahlte, nicht leid tut. Im Alter von 28 Jahren muss sie ihr Leben neu beginnen, gebrandmarkt als Verräter ihres Volkes. Vier kostbare Jahre sind ihr gestohlen worden. Sie weigert sich, auszuwandern. „Warum sollte ich? Dies ist meine Heimat!“erklärt sie.

Was sie ihre Tat bedauern lässt, ist die Überzeugung, dass sie sinnlos war. Sie denkt, dass  ungleich den Enthüllungen ihrer amerikanischen  Kameraden  Edward Snowden und Chelsea Manning, die die Welt veränderten, ihre eigene Tat keine Früchte brachte. Sie hat nichts verändert.

Ich möchte ihrer Überzeugung widersprechen. Es stimmt nicht. Mutige Taten wie diese, von  engagierten Leuten begangen, sind nie sinnlos. Sie sind vorbildlich. Sie ermutigen andere. Sie sagen etwas über das menschliche Gewissen aus. Sie säen eine Saat. Genau wie das Meer, das aus vielen Tropfen besteht,  bauen sich historische Veränderungen  aus vielen individuellen Taten  wie die  ihre  auf, so bauen viele, viele Individuen wie sie auf

„Wenn  viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, verändern sie das Gesicht der Erde.“

ICH LIEBE Daphne Leef.

Sie ist eine junge Frau – wie Anat, ist  sie 28 Jahre alt – die wütend über die hohe Miete, die von ihr verlangt wird, ein Zelt nahm und in einer der Boulevards im Zentrum von Tel Aviv aufstellte, um darin zu leben. Der Protest wuchs spontan und erreichte eine wie nie zuvor dagewesene Massendemonstration von 400 000 Leuten.

Die Bewegung hatte eine Auswirkung auf die Wahlen im letzten Jahr. Yair Lapid, eine TV-Persönlichkeit, die nichts tat, um den Demonstranten zu helfen, aber ihren Slogan aufnahm, gewann viele Stimmen bei der Wahl. Zwei von Daphnis Mitdemonstranten  wurden in die Knesset gewählt. Doch die Öffentlichkeit hat  Daphni selbst vergessen

Ich sprach nie mit ihr, wenn man von ein paar Worten während einer Demonstration absieht. Ich kritisierte sie, dass sie große, nationale Probleme ignoriert, wie die Besatzung, und sich auf den Preis von Wohnungen und Käse konzentriert.

In dieser Woche erschien sie wieder – auf der Anklagebank vor Gericht. Obwohl alle Demonstrationen  streng gewaltfrei gewesen waren, fand in einer von ihnen etwas Stoßen und Schubsen statt. Die Polizei misshandelte Daphni; ihr Arm war verletzt. Aber wie gewöhnlich, gab die Polizei Daphni die Schuld; sie habe Polizisten angegriffen und die öffentliche Ordnung gestört.

Der Richter lehnte den Fall ab.

ICH LIEBE  diese drei Frauen, weil sie uns zeigen, dass wir in Israel  junge Leute haben, die ihrem Gewissen gehorchen. Sie machen uns stolz darauf, Israelis zu sein.

Solange wir junge Leute dieser Art haben, bereit, für die Demokratie, Frieden und Gerechtigkeit aufzustehen, Risiken auf sich zu nehmen und persönliche Opfer zu bringen, hat Israel eine Zukunft.

Für mich sind sie das wirkliche Israel.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Komm zurück, oh Shulamit !

Erstellt von Gast-Autor am 2. März 2014

Komm zurück, komm zurück, oh Shulamit !

Autor Uri Avnery

PETE SEEGER berührte mein Leben nur einmal. Doch was für eine Begegnung!

Es war ein paar Tage vor dem Sechs-Tage-Krieg, 1967. Nach fast drei Wochen  von sich steigender Spannung näherte sich das Kriegsfieber dem Höhepunkt. Ich wusste, dass der Krieg nur Tage, vielleicht nur Stunden, entfernt war.

Dina Dinur, die Frau des Holocaust-Schriftstellers K. Zetnik, rief mich an und lud mich ein, um Pete Seeger zu treffen. Dina, eine große Frau, hatte seit Jahren eine kleine Gruppe jüdischer und arabischer Intellektueller um sich gesammelt, die sich regelmäßig in ihrer Wohnung trafen, um über den Frieden zu diskutieren.

Dieses Treffen fand in Tel Avivs Hilton-Hotel statt. Es war traurig, bedrückend, aber auch auf seltsame Weise erhebend. Wir dachten an all die jungen Männer, die unsrigen und die ihrigen, die noch leben und atmen, die aber in den nächsten paar Tagen getötet werden könnten.

Wir waren eine Gruppe von zwei oder drei Dutzend Leuten, Juden und Araber .Pete sang für uns; er begleitete sich selbst mit der Gitarre: Lieder über den Frieden, über Menschlichkeit, über Rebellion. Wir waren alle tief berührt.

Niemals bin ich Pete Seeger wieder begegnet. Aber 19 Jahre später erhielt ich  wie aus heiterem Himmel eine Postkarte von ihm. In klarer Handschrift  schrieb er: „Lieber  Uri Avnery – nur ein paar Zeilen tiefsten Dankes an Dich, dass Du weitermachst  und  etwas unternimmst.  Ich hoffe, wenn Du das nächste Mal in den USA sein wirst, können meine Familie und ich  Dich hören. Pete Seeger“. Dann drei chinesische Zeichen und eine kleine Zeichnung, die wie ein Banjo aussah.

ZWEI TAGE, bevor PETE starb, beerdigten wir Shulamit Aloni. Vielleicht waren  einige von denen auch  dabei, die an jenem  früheren traurigen Treffen teilnahmen.

Shula – wie wir sie nannten – war eine von wenigen Führern der israelischen Linken, die die israelische Gesellschaft dauerhaft prägten.

Obwohl sie fünf Jahre jünger als ich war, gehörten wir derselben Generation an, derselben, die im 1948 er Krieg kämpfte. Unser Leben lief parallel, aber wie wir in der Schule lernten, können parallele Linien sich sehr nahe sein, aber berühren sich nie.

Wir wurden beide zur selben Zeit in die Knesset gewählt. Davor waren wir auf dem- selben Gebiet tätig. Ich als Herausgeber eines Magazins, das u.a. wegen des Kampfes für Menschenrechte bekannt war. Sie war Lehrerin und Anwältin, auch schon dafür berühmt, dass  sie die Bürgerrechte in der Presse und im Radio verteidigte.

Das klingt leicht, aber in jener Zeit war es revolutionär. Das Israel nach 1948 war noch ein Land, wo der Staat alles war und die Bürger nur dazu da waren, dem Staat zu dienen, besonders in der Armee. Das Kollektiv war alles, das Individuum fast nichts.

Shula predigte das Gegenteil: Der Staat war dazu da, den Bürgern zu dienen. Bürger haben Rechte, die ihnen nicht genommen oder nicht beeinträchtigt werden können. Dies  ist zu einem Teil zu Israels Konsens geworden.

JEDOCH GAB es einen großen Unterschied zwischen unser beider Situation. Shula kam mitten aus dem Establishment, das mich zutiefst hasste. Sie wurde in einem armen Teil von Tel Aviv geboren, und als ihre beiden Eltern sich in die britische Armee während des 2. Weltkrieges meldeten, wurde sie in das Jugenddorf Ben Shemen geschickt, ein Zentrum zionistischer Indoktrination. Einer ihrer Schulkameraden war Shimon Peres. Zur selben Zeit war ich  Mitglied beim Irgun, dem Erzfeind der zionistischen Führung.

Nach  Ben Shemen schloss sich Shula dem Kibbuz Alonim an  – daher ihr angenommener Familienname –  wo sie Reuven traf, und heiratete. Er wurde als ein ranghoher Regierungsbeamter bekannt, der den Auftrag erhielt, Galiläa zu judaisieren.

Abgesehen davon, dass sie Artikel-schrieb und sich mit den Klagen der Bürger am Radio befasste, führte sie illegale Hochzeitszeremonien durch. In Israel ist das die exklusive Sache des Rabbinats, das nicht die Gleichheit der Frauen anerkennt.

In der Knesset war sie Mitglied der regierenden Labor-Partei (damals  wurde sie Mapai genannt.). und einer strengen Parteidisziplin unterworfen. Ich war in einer Ein-Mann-Fraktion und frei, das zu tun, was ich wollte. So konnte ich viele Dinge tun, die sie nicht konnte, wie z.B. Gesetzentwürfe vorlegen,  um Abtreibungen  zu legalisieren, Organe für Transplantationen entnehmen zu  lassen, das alte britische Gesetz gegen homosexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen  abschaffen und Ähnliches mehr.

Ich forderte auch die totale Trennung zwischen  Staat und Religion. Shula war für ihre  Angriffe auf religiösen Zwang, die Bürgerrechte betreffend,  bekannt. Deshalb war  ich äußerst überrascht, als sie in einem unserer ersten Gespräche streng gegen solch eine Trennung war. „Ich bin Zionistin“, sagte sie, „Das einzige, das alle Juden in aller Welt vereinigt, ist die jüdische Religion. Deshalb darf es in Israel keine Trennung zwischen dem jüdischen Staat und der jüdischen Religion geben.“

Von da an hat sich ihre Einstellung von Jahr zu Jahr erweitert. Meiner Meinung nach folgte sie der unvermeidlichen Logik der linken Weltanschauung.

Von ihrer ursprünglichen Konzentration auf die Bürgerrechte bewegte sie sich zu den Menschenrechten im Allgemeinen. Von  dort zur Trennung des Staates von der Synagoge. Von da  zum Feminismus. Von dort zur sozialen Gerechtigkeit. Und  zuletzt zum Frieden und Kampf gegen die Besatzung. Die ganze Zeit über blieb sie eine Zionistin.

Dies war kein leichter Weg. Als sie Anfang 1974 wieder in die Knesset gewählt wurde, diesmal als Führerin einer kleinen Partei, verlor ich meinen Sitz. Ich nahm sie  einmal in meinem PKW  zu einem Treffen in Haifa mit. Auf der einstündigen Fahrt sagte ich zu ihr, dass sie jetzt als Parteiführerin im Kampf für den Frieden aktiv  werden müsse. „Lasst uns diese Aufgabe zwischen uns teilen“, antwortete sie. „Du befasst dich mit Frieden, ich mit den Bürgerrechten.“

Aber 20 Jahre später war Shula schon eine führende Stimme für den Frieden, für einen palästinensischen Staat und gegen die Besatzung.

WIR HATTEN noch etwas gemeinsam. Golda Meir hasste uns abgrundtief.

Shula  konnte, solange wie der gutmütige Levy Eshkol  Ministerpräsident war, die Parteilinie  ignorieren. Als er plötzlich starb und das Zepter an Golda weiterging, veränderten sich die Regeln schlagartig.

Golda war eine dominierende Persönlichkeit, und wie David Ben Gurion einmal über sie sagte, das einzige, in dem sie gut war, war der Hass. Shula eine junge und gut aussehende Frau mit unorthodoxen Ideen, schürte ihren Zorn. 1969  strich sie Shula von der Parteiliste. Als Shula 1973 noch einmal versuchte, zeigte Golda ihr die volle Kraft ihres Hasses: im letzten Augenblick schmiss sie Shula wieder aus der Liste heraus.

Es war  für Shula  zu spät, die ganze lange Prozedur durch zu gehen, um  eine neue Parteienliste aufzusetzen. Aber ein Wunder geschah. Eine Gruppe von Feministinnen hatte eine eigene Liste vorbereitet, völlig fertig mit allen notwendigen  Erfordernissen, aber ohne eine Chance, die Minimumschwelle zu überschreiten. Es war eine ideale Kombination: ein Führer ohne eine Parteiliste für eine Parteiliste ohne einen Führer.

Während der letzten Stunden der Zeit, die zur Zuweisung der Listen war, sah ich Shula mit einem riesigen Haufen Papier kämpfen: sie versuchte, einige Ordnung in die Hunderte von Unterschriften zu bringen. Ich half ihr  dabei.

So kam die neue Partei, später Meretz genannt, zustande und gewann drei Sitze bei ihrem ersten Versuch.

IHRE STUNDE  des Ruhms kam 1992. Meretz gewann 250 667 Stimmen und wurde eine politische Kraft. Der neue Ministerpräsident, Yitzhak Rabin,  benötigte sie für seine neue Regierung. Shula wurde Ministerin für Bildung, ein Job, den sie begehrte.

Das Problem war, dass die 44 Sitze der Laborpartei und die 12 Sitze von Meretz nicht genug waren. Rabin benötigte noch eine religiöse Partei, um die Regierung zu bilden.

Der Übergang von einem Oppositionskämpfer  zu einem Minister ist nicht immer leicht. Es war für Shula besonders schwierig, die eher eine Predigerin als eine Politikerin war. Politik –  wie Bismarcks berühmter Ausspruch war –  „ist die Kunst des Möglichen“  und Kompromisse zu machen, fiel Shula schwer.

Nichtsdestoweniger als Rabin gleich zu Beginn entschied  415 radikale islamische Bürger aus dem Land zu vertreiben, stimmte Shula dafür. Während des Protestes gegen diese Untat, gründeten meine Freunde und ich Gush Shalom. Shula gab später zu, dass ihre Unterstützung der Vertreibung  wie eine  „Sonnenfinsternis“ war.

Aber das Hauptproblem kam erst noch. Shula dachte niemals daran, ihre Meinung zu verbergen. Sie war total ehrlich, vielleicht zu ehrlich.

Als Bildungsministerin  sagte sie ihre Meinung frei. Zu frei. Jedes Mal, wenn sie ihre Meinung sagte so auch über Kapitel in der Bibel, explodierten die  religiösen Minister.

Der Höhepunkt kam, als sie ankündigte, dass in allen Schulen  die biblische Schöpfungsgeschichte durch  die Darwinsche Lehre ersetzt werden solle. Das war zu viel. Die Religiösen verlangten, dass Rabin Shula vom Bildungsministerium entlassen solle. Rabin aber war mit dem Oslo-Friedensprozess beschäftigt und benötigte die religiösen Parteien. Shula  musste also das Ministerium verlassen.

BEI IHRER Beerdigung  deutete einer ihrer zwei Söhne bei einer brillanten Rede den Verrat an, der der schmerzlichste Moment in ihrem Leben war. Alle, die dabei waren, verstanden, was er meinte, obwohl er nicht ausführlich wurde.

Als Rabin Shula  von ihrem geliebten Arbeitsplatz als Bildungsministerin entließ, kamen ihre keine Parteikollegen zu Hilfe.  Unter einander machten sie ihr den Vorwurf, töricht gehandelt zu haben. Sie hätte wissen müssen, dass wenn man sich einer Koalition mit religiösen Parteien anschließt, dies einen Preis hat. Sie hätte von Anfang an sich nicht der Koalition anschließen sollen

Meretz war Shulas Schöpfung. Parteiengründer sind gewöhnlich starke Persönlichkeiten, mit denen man nicht leicht zusammen arbeiten kann. Shulas Parteikollegen  verschworen  sich gegen sie, und  sie wurde schließlich als Parteiführerin von Yossi Sarid ersetzt, ein scharfzüngiger Politiker der Labor-Partei, der sich in letzter Zeit Meretz angeschlossen hatte. Bei den nächsten Wahlen stürzte  Meretz von 12 Sitzen auf drei ab.

Während der letzten paar Jahre war sie kaum noch  in der Öffentlichkeit zu sehen. Ich sah sie nie bei Demonstrationen in den besetzten Gebieten; aber sie hielt unaufhörlich Vorträge bei jedem  und überall, wohin sie eingeladen wurde.

IN EINER seiner häufigen vulgären Ausbrüche  sagte Rabbiner Ovadia Yossef von der Shas-Partei: „Wenn Shulamit Aloni stirbt, wird es ein Fest geben!“

In dieser Woche gab es kein Fest.  Selbst die Rechte  erkannte ihren Beitrag für Israel an. Die Meretz-Partei – jetzt mit sechs Mitgliedern in der Knesset –  tut sich gut bei den Wahlen.

Das siebte Kapitel von Salomos Hohem Lied  beginnt im hebräischen Orginaltext mit dem Ruf: „Komm zurück, komm zurück, oh, Shulamit!“  Keine Chance dafür. Auch keine Chance  mehr für das Erscheinen einer neuen Shulamit

Solche produziert man nicht mehr.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Bibi & Libie

Erstellt von Gast-Autor am 16. Februar 2014

Bibi & Libie

VIELLEICHT BIN ich zu dumm, aber zum Kuckuck, ich kann den Sinn der israelischen Forderung nicht verstehen, dass die Palästinenser Israel als jüdischen Staat  anerkennen sollen.

Wie es aussieht, scheint es ein schlauer Trick Benjamin Netanjahus zu sein: die Aufmerksamkeit von den wirklichen Problemen abzulenken. Wenn es so ist, dann sind die Palästinenser in eine Falle geraten.

Statt über die Unabhängigkeit und die Grenzen des zukünftigen  Staates Palästina zu reden, über seine Hauptstadt Ost- Jerusalem, die Entfernung der Siedlungen, das Schicksal der Flüchtlinge und die Lösung so vieler anderer Probleme, streiten sie über die Definition von Israel.

Man ist versucht, den Palästinensern  zu zurufen: was zur Hölle, stimmt doch endlich in diese verdammte Anerkennung ein und seid damit fertig. Wer kümmert sich schon darum?

DIE ANTWORT der palästinensischen Unterhändler ist eine doppelte::

Als erstes wäre die Anerkennung Israels als jüdischen Staat ein Verrat gegenüber den anderthalb Millionen Palästinensern, die Bürger Israels sind. Wenn Israel ein jüdischer Staat ist, wo würde er sie lassen?

Nun, dieses Problem könnte durch einen Vorbehalt im Friedensvertrag gelöst werden, in dem festgelegt wird, dass trotz allem was im Abkommen gesagt ist, die palästinensischen Bürger Israels sich  in jeder Hinsicht voller Gleichberechtigung erfreuen werden.

Zweitens,  die Anerkennung von Israels  jüdischer Verfassung  würde die Rückkehr der Flüchtlinge blockieren.

Dieses Argument ist sogar weniger begründet als das erste. Die Lösung des Flüchtlingsproblems wird ein zentraler Teil des Vertrages sein. Die palästinensische Führung hat seit Yasser Arafats Zeit schon mit stillschweigendem  Einvernehmen akzeptiert, dass die Lösung eine sein wird, mit der beide Seiten „einverstanden“ sind, so dass jede Rückkehr  vor allem symbolisch sein wird. Das Anerkennungsproblem wird nicht davon berührt.

Die Debatte über diese israelische Forderung ist ganz ideologisch. Netanjahu verlangt, das palästinensische Volk solle  das zionistische Narrativ akzeptieren. Die palästinensische Weigerung gründet sich auf das  palästinensische Narrativ, das dem  zionistischen praktisch bei jedem einzelnen Ereignis der letzten 130 Jahre, wenn nicht gar der letzten 5000 Jahre widerspricht.

Mahmoud Abbas könnte einfach verkünden: OK, falls ihr unsere praktischen Forderungen akzeptiert, erkennen wir Israel – egal, was ihr wünscht – an: als buddhistischen Staat, als vegetarischen Staat oder was iht wollt.

Am 10.September 1993 – der zufällig mit meinem 70. Geburtstag zusammenfiel – erkannte Yasser Arafat im Namen des palästinensischen Volkes den Staat Israel an – als Gegenleistung für die nicht weniger bedeutsame Anerkennung des palästinensischen Volkes durch Israel. Indirekt hat jede Seite die andere –  so wie sie ist –  anerkannt. Israel definierte sich selbst  als jüdischen Staat in seinem Gründungsdokument. Ergo haben die Palästinenser ihn schon als einen jüdischen Staat anerkannt.

Übrigens  wurde der erste Schritt in Richtung Oslo von Arafat gemacht, als er seinen Vertreter in London  Said Hamami beauftragte, in der „Times“ am 17. Dezember 1973 einen Vorschlag für eine friedliche Lösung zu veröffentlichen, der feststellte, der „erste Schritt muss die gegenseitige Anerkennung dieser beiden Seiten sein. Die jüdischen Israelis und die palästinensischen Araber müssen sich gegenseitig als Völker anerkennen, mit allen Rechten von Völkern.”

Ich sah den Originalentwurf dieser  Erklärung mit Korrekturen von Arafats Hand.

DAS PROBLEM der palästinensischen Minderheit in Israel – etwa 20% von Israels 8 Millionen Bürgern – ist sehr ernst, hat aber jetzt eine  humorvolle Seite bekommen.

Nach seinem Freispruch von der Korruptionsanklage und seiner Rückkehr ins Außenministerium hat Avigdor Lieberman plötzlich John Kerrys Friedensbemühungen unterstützt – sehr zum Ärger  Netanjahus, der das nicht will.

Um Himmels Willen, warum? Lieberman hofft eines Tages  – so bald wie möglich – Ministerpräsident zu werden. Dafür muss er  (1.) seine Partei „ Unser Heim Israel“ mit dem Likud vereinen. (2.)  Führer des Likud  werden. (3.)  die nächsten allgemeinen Wahlen gewinnen. Aber  über all diesem schwebt eine 4. Sache:  die Anerkennung der Amerikaner gewinnen. Deshalb unterstützt er die amerikanischen Friedensbemühungen.

Doch unter einer Bedingung, dass die US seinen Meisterplan für den jüdischen Staat anerkennen.

Dies ist ein Meisterstück  konstruktiver Staatskunst. Sein Hauptvorschlag ist es, die Grenzen von Israel  zu bewegen- aber nicht nach Osten, wie von Erznationalisten erwartet wird, sondern westwärts: Israels enge Hüften sogar zu verschlanken (auf 9 km!)

Das israelische Gebiet, das Lieberman loswerden will, ist das Gebiet von einem Dutzend arabischer Stätde und  Dörfer bewohnt, die Israel als Geschenk vom damaligen König von Jordanien Abdallah I. , dem Ur-, Ur-Großvater des augenblicklichen Königs Abdalla II von Jordanien, im Waffenstillstand von 1949 bekommen hat. Er benötigte diese Waffenstillstandslinie um jeden Preis. Lieberman will jetzt diese Dörfer zurückgeben, danke schön!

Warum?   Weil für ihn die Reduzierung der arabischen Bevölkerung Israels eine heilige Aufgabe ist. Er redet nicht von Vertreibung, Gott bewahre, überhaupt nicht. Er schlägt vor, dieses Gebiet mit seiner Bevölkerung an den palästinensischen Staat  abzugeben.  Er wünscht, dass die jüdischen Siedlungsblocks in der Westbank dafür an Israel angeschlossen werden. Ein Transfer von Gebieten und mit ihrer Bevölkerung erinnert an Stalins  neues Einzeichnen der Grenzen  Polens (1945) –  abgesehen davon, dass Liebermans Grenzen vollkommen verrückt aussehen.

Lieberman stellt dies als einen friedlichen, liberalen und humanen Plan vor. Keiner wird vertrieben, kein Besitz enteignet. Etwa 300 000 Araber, alle begeisterte Unterstützer des palästinensischen Kampfes für einen Staat, werden palästinensische Bürger.

WARUM schreien die Palästinenser  in Israel so auf? Warum verurteilen sie den Plan als einen rassistischen Angriff auf ihre Rechte?

Weil sie viel mehr Israelis sind, als sie es sich selbst eingestehen. Nachdem sie jetzt 65 Jahre in Israel leben, haben sie sich an seine Lebensweise gewöhnt. Nicht, dass sie Israel lieben, sie dienen nicht in der Armee, sie werden in vielfacher Weise diskriminiert; doch sind sie tief in der  israelischen Wirtschaft und Demokratie verwurzelt, viel mehr als allgemein anerkannt wird.

„Israelische Araber“  (ein Ausdruck, den sie hassen) spielen in den israelischen Krankenhäusern und Gerichten, einschließlich des Obersten Gerichtshofes und in vielen anderen Institutionen eine Rolle.

Morgen ein Bürger Palästinas werden, würde heißen, dass sie 80-90% ihres  Lebensstandards verlieren. Es würde auch bedeuten, das soziale Sicherheitsnetz zu verlieren, dessen man sich in Israel erfreut.  (Obwohl Lieberman verspricht, die Zahlungen an jene fortzusetzen, die im Augenblick darauf Anrecht haben). Nachdem man jahrzehntelang  an faire Wahlen gewohnt war und auf den lebhaften Streit in der Knesset, müssten sie sich an eine Gesellschaft gewöhnen, in der  bedeutende Parteien verboten sind, Wahlen  hinausgeschoben werden, und das Parlament  eine geringe Rolle spielt. Auch die Rolle der Frau ist in dieser Gesellschaft  ganz anders als in  Israel.

Die Situation der Palästinenser in Israel ist in vieler Hinsicht einzigartig. Einerseits, so- lange Israel als jüdischer Staat definiert wird, haben die Araber nicht wirklich die gleichen Rechte. Andrerseits, werden diese israelischen Bürger  in den besetzten palästinensischen. Gebieten  nicht für voll genommen . Sie  sitzen gleichsam mit „gespreizten Beinen“ auf beiden Seiten des Konflikts. Sie würden gerne Vermittler sein, die Verbindung zwischen beiden Seiten, um sie näher zu einander zu bringen. Aber dies ist ein Traum geblieben.

In der Tat, eine komplizierte Situation.

IN DER Zwischenzeit hecken Netanjahu und Lieberman auch einen anderen Plan aus, um das jüdische Israel sogar noch jüdischer zu machen.

Heute gibt es drei Fraktionen in der Knesset, die ihre Stimmen von der arabischen Bevölkerung bekommen. Sie machen fast 10% der Knesset aus. Warum nicht 20% wie ihr Anteil an der allgemeinen Bevölkerung? Zunächst,   weil sie viel mehr Kinder haben, die noch nicht das Wahlalter (18 Jahre) haben. Zweitens liegt ihre Nichtwählerquote  bedeutend höher. Drittens werden einige Araber bestochen, damit sie zionistische Parteien wählen.

Der Teil der arabischen Parlamentsmitglieder an der Erlassung neuer Gesetze ist gering. Jedes Gesetz, das sie vorschlagen, wird fast automatisch abgeschlagen. Keine jüdische Partei hat je daran gedacht, sie in eine Regierungs-Koalition einzuschließen. Doch haben sie eine sehr bemerkenswerte Präsenz. Ihre Stimme wird gehört.

Im Namen der „Regierbarkeit“ (ein neuer Ausdruck, der genützt werden kann, um jeden Angriff auf Menschenrechte zu rechtfertigen) wünschen Bibi & Libie- wie sie jemand nennt – einen Wandel im Minimumanteil der Stimmen, die jede Wahlliste benötigt, um in die Knesset zu kommen.

Ich wurde dreimal in die Knesset gewählt, weil damals die Schwelle bei 1% lag. Später wurde sie auf 2% gelegt. Jetzt ist der Plan, die Schwelle auf 3,25% zu legen, die bei den Wahlen vor einem Jahr 123.262 Stimmen bedeutet hätte. Nur eine der drei arabischen Parteien hat diese Linie überschritten  und dazu nur knapp. Es gibt keine Sicherheit, dass dies nochmals geschieht.

Um zu überleben, müssten sie sich vereinigen und einen großen arabischen Block bilden. Viele denken möglicherweise, dass dies eine gute Sache wäre. Aber es ist schwierig, dies auszuführen. Die eine Partei ist kommunistisch, eine andere islamistisch, eine dritte säkular-nationalistisch. Große  rivalisierende  Familien spielen  in der arabischen Wahlpolitik eine bedeutende Rolle.

Die arabischen Listen können alle verschwinden. Oder: zwei mögen sich vereinigen und die dritte schlucken.

Einige israelische Linke fantasieren von einer Traumpartei – einem vereinigten parlamentarischen Block, der alle arabischen Parteien mit der Labor, der Meretz und der Lapid-Partei einschließt. Dies wäre  eine großartige Herausforderung für den rechten Flügel.

Aber das wäre zu schön, um wahr zu sein –  es gibt überhaupt keine Chance, dass sich dies in der nächsten Zukunft ereignet.

ES SCHEINT, dass Kerry und seine zionistischen Berater schon  die israelische Forderung  akzeptiert  haben: Israel als jüdischen Staat oder noch schlimmer, als den „Nationalstaat  des jüdischen Volkes“ (das nicht einmal  gefragt wurde) anzuerkennen.

Die palästinensische Seite ist nicht in der Lage, dies zu akzeptieren.

Wenn die Verhandlungen an diesem Punkt zu keinem Ergebnis kommen, wird Netanjahu sein wirkliches Ziel erreicht haben: dass die Verhandlungen in einer Weise abgebrochen werden, die ihn in die Lage versetzt, den Palästinensern die Schuld zu geben.

So lange, wie wir einen jüdischen Staat haben —  wer braucht dann noch Frieden?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Selbstboykott

Erstellt von Gast-Autor am 19. Januar 2014

Selbstboykott

Autor Uri Avnery

KANN EIN Land sich selbst boykottieren? Dies  mag wie eine dumme Frage klingen. Ist es aber nicht.

Bei der Gedenkfeier für Nelson Mandela, den „Giganten der Geschichte“, wie Barack Obama ihn nannte, war Israel  durch keinen seiner Führer vertreten.

Der einzige Würdenträger, der hinging, war der Knesset-Sprecher, Yuli Edelstein, eine nette Person, Immigrant aus  der Sowjetunion und Bewohner einer Siedlung, der so anonym ist, dass ihn die meisten Israelis nicht erkennen würden („Sein eigener Vater würde Mühe haben, ihn auf der Straße zu erkennen,“ scherzte jemand.)

Warum?  Staatspräsident Shimon Peres hatte sich eine Krankheit zugezogen , die ihn daran hinderte, hinzufliegen, die ihn aber nicht daran hinderte, eine Rede zu halten und am selben Tag, Besucher zu empfangen. Nun, es gibt alle Arten von mysteriösen Bazillen.

Der Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte sogar einen noch seltsameren Grund. Er behauptete, die Reise sei zu teuer mit all den begleitenden Sicherheitsleuten usw.

Vor noch nicht langer Zeit verursachte Netanjahu einen Skandal, als durchsickerte, dass er für seine Reise zum Begräbnis von Margaret Thatcher – ein fünf-Stundenflug  –  ein spezielles Doppelbett für hohe Kosten in einer El-Al-Maschine installieren ließ. Er und seine verunglimpfte  Frau Sara‘le wollten keinen weiteren Skandal provozieren. Wer ist denn schon dieser Mandela?

INSGESAMT WAR es eine unwürdige Schau persönlicher Feigheit beider, von Peres wie von Netanjahu. Wovor fürchteten sie sich?

Nun, sie hätten ausgebuht werden können. Kürzlich sind viele Details der israelisch-südafrikanischen Beziehung ans Licht gekommen. Apartheid Südafrika, das von der ganzen Welt boykottiert wurde, war der Hauptkunde der israelischen Rüstungsindustrie. Es war ein  perfektes Geschäft. Israel hatte eine Menge Waffensysteme, aber kein Geld, um sie zu produzieren. Südafrika hatte eine Menge Geld, aber keinen, der ihn mit Waffen ausrüsten konnte.

Israel verkaufte also Mandelas Gefängniswärtern, alles, was sie brauchen konnten: von der Luftwaffe bis zu den elektronischen Geräten und teilte seine nuklearen Erkenntnisse mit. Peres selbst war tief hinein verwickelt.

Die Beziehung war nicht nur kommerziell. Israelische Offiziere und  Beamte trafen sich mit ihren südafrikanischen Kollegen, Besuche wurden erwidert und persönliche Freundschaften gepflegt. Während Israel  nie die Apartheid (SA) offiziell unterstützte, hat unsere Regierung sie sicher auch nicht verabscheut.

Doch unsere Führer hätten  zusammen mit andern Führern aus aller Welt da gewesen sein sollen. Mandela war der große Vergeber,  und er vergab auch Israel. Als der Zeremonienmeister im Stadium durch ein Versehen Peres und Netanjahu ankündigte, wurden gerade ein paar Buh-Rufe gehört. Viel weniger als die Buh-Rufe für den jetzigen südafrikanischen Präsidenten.

In Israel  erhob sich nur eine Stimme öffentlich gegen Mandela. Shlomo Avineri, ein geachteter Professor und früherer Generaldirektor des Auswärtigen Amtes, kritisierte ihn, er hätte einen „blinden Fleck“ gehabt, weil er auf Seiten der Palästinenser gegen Israel gestanden habe. Er erwähnte auch die andere moralische Autorität, Mahatma Gandhi, der denselben „blinden Fleck“ gehabt hätte.

Seltsam. Zwei  moralische Giganten und derselbe blinde Fleck? Wie kann das sein?

DIE BOYKOTT-Bewegung gegen Israel gewinnt langsam an  Boden. Sie besteht vor allem aus drei Hauptformen (und mehreren dazwischen)

Die konzentrierteste Form ist der Boykott der Produkte aus den Siedlungen,. Vor 15 Jahren von Gush Shalom  begonnen, wird  dies  jetzt in vielem Ländern praktiziert.

Eine strengere Form ist der Boykott aller Institute und Gesellschaften, die  mit Siedlungen zusammen arbeiten. Dies ist jetzt die offizielle Politik der EU.  Erst in dieser Woche brach Holland alle Verbindungen mit der monopolistischen israelischen Wassergesellschaft Mekorot, die den Palästinensern  wesentliche Wasservorräte vorenthält und stattdessen den Siedlungen zu gute kommen lässt.

Die dritte Form ist total: der Boykott von allem und jedem, was  israelisch ist (einschließlich mir selbst). Auch dies nimmt langsam in vielen Ländern Form an.

Die israelische Regierung hat sich jetzt diesem Boykott angeschlossen. Durch seine freiwillige Nicht-Vertretung oder Unterpräsentation bei der Mandela-Trauerfeier erklärte Israel  sich selbst zu einem Paria-Staat. Seltsam.

LETZTE WOCHE schrieb ich, dass,  wenn die Amerikaner eine Lösung  für Israels Sicherheitssorgen in der Westbank finden sollten,  würden andere Sorgen auftauchen. Ich erwartete nicht, dass dies so schnell geschehen würde.

Benjamin Netanjahu erklärte in dieser Woche, dass die Stationierung israelischer Truppen im Jordantal – wie John Kerry vorschlug, nicht genug sei. Bei weitem nicht!

Israel kann die Westbank solange nicht aufgeben, wie der Iran nukleare Fähigkeiten hat, erklärte er.  Was ist die Verbindung? möchte man fragen. Nun, das ist offensichtlich. Ein starker Iran wird Terrorismus  ausüben und Israel auf viele andere Weisen bedrohen. Das ist doch logisch.

Wenn der Iran alle seine nuklearen Fähigkeiten aufgibt, wird das dann genug sein? Unter keinen Umständen. Der Iran muss seine „genozidale“ Politik gegenüber Israel  vollkommen aufgeben, alle Bedrohungen stoppen, auch alle Äußerungen gegen es. Es muss eine freundliche Haltung uns gegenüber einnehmen. Doch Netanjahu ging nicht so weit, dass  er verlangt hätte, der Iran müsse  sich der zionistischen Weltorganisation anschließen.

Bevor dies geschieht, kann Israel unmöglich einen Frieden mit den Palästinensern machen. Tut uns leid,  Mister Kerry.

IM LETZTEN Artikel machte  ich den Allon-Plan lächerlich und andere Vorwänden, die unser rechtes Lager vorbrachte, um das  fruchtbare Land des Jordantals zu behalten.

Einer meiner Leser entgegnete, tatsächlich seien all die alten Gründe obsolet geworden. Die schreckliche Gefahr, dass die kombinierten Armeen des Irak, Syriens und Jordaniens uns vom Osten angreifen könnten, besteht nicht mehr. Aber –

Aber die Jordantalwächter  kommen jetzt mit einer neuen Gefahr. Wenn Israel die Westbank aufgibt, ohne am Jordantal und den Grenzübergängen über den Fluss fest zu halten,  werden andere schreckliche Dinge geschehen.

An dem Tag, nachdem die Palästinenser die Brückenübergänge in Besitz genommen haben, werden Raketen hineingeschmuggelt. Raketen werden auf den internationalen Ben Gurion-Flughafen regnen, das Tor Israels, das nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt liegt. Tel Aviv, 25km von der Grenze, wird bedroht werden, genauso wie Dimona, die Nuklear Anlage.

Haben wir das nicht alles  schon gesehen? Als Israel freiwillig den ganzen Gazastreifen  räumte, begannen da nicht, Raketen auf den Süden Israels zu regnen?

Wir können uns nicht auf die Palästinenser verlassen. Sie hassen uns und werden weiter gegen uns kämpfen. Falls Mahmoud Abbas versucht, dies zu stoppen, wird er gestürzt werden. Hamas — oder schlimmer noch al-Qaeda — werden an die Macht kommen und eine  terroristische Kampagne auslösen. Das Leben in Israel wird zur Hölle werden.

Deshalb ist es offensichtlich, dass Israel die Grenze zwischen dem palästinensischen Staat und der arabischen Welt und besonders die Grenzübergänge kontrollieren muss. Wie Netanjahu immer wieder sagt: Israel kann und will nicht seine Sicherheit anderen überlassen – besonders nicht den Palästinensern.

ZUNÄCHST IST die Gazastreifen –Analogie  nicht anwendbar. Ariel Sharon evakuierte die Gaza-Siedlungen – ohne  Einverständnis oder Beratung mit der palästinensischen Behörde, die damals noch den Streifen beherrschte. Statt einen ordentlichen Transfer des Gazastreifens an die palästinensischen Sicherheitskräfte durchzuführen, hinterließ er ein Machtvakuum, das sich später mit Hamas füllte.

Sharon hielt auch die Land- und Seeblockade aufrecht, die den Streifen praktisch in ein riesiges Open-Air-Gefängnis verwandelte.

In der Westbank besteht jetzt eine starke palästinensische Regierung und robuste, von Amerikanern trainierte Sicherheitskräfte. Ein Friedensabkommen  würde sie immens stärken.

Abbas widersetzt sich  einer Präsenz ausländischen Militärs in der Westbank, einschließlich des Jordantals nicht. Im Gegenteil, er bittet um sie. Er hat eine internationale Streitkraft unter amerikanischem Kommando vorgeschlagen. Er ist nur gegen die Präsenz der israelischen Armee – eine Situation, die nur eine andere Art von Besatzung wäre.

ABER DER Hauptpunkt ist etwas anderes, etwas das tief an die Wurzeln des Konfliktes geht.

Netanjahus Argumente setzen voraus, dass es keinen Frieden gibt, nicht jetzt, nie.  Das  mutmaßliche Friedensabkommen – das Israelis das „permanente Statusabkommen“ nennen – wird nur eine andere Phase des generationenalten Krieges  eröffnen.

Dies ist das Haupthindernis. Die  Israelis – fast alle Israelis  können sich eine Situation wie den Frieden nicht vorstellen. Weder sie noch ihre Väter und Großväter haben jemals einen Tag des Friedens in diesem Land erlebt. Frieden ist etwas wie das Kommen des Messias, etwas, das gewünscht, wofür gebetet, aber nie wirklich erwartet wird.

Aber Frieden bedeutet nicht, um Carl von Clausewitz‘Zitat zu umschreiben,  die Fortsetzung des Krieges mit nur andern Mitteln. Es bedeutet nicht  Waffenruhe  oder gar einen Waffenstilstand.

Frieden  bedeutet Seite an Seite leben. Frieden bedeutet Versöhnung, ein echter Wunsch, die andere Seite zu verstehen, die Bereitschaft, alten Groll zu vergessen, langsam  neue Beziehungen zu knüpfen, wirtschaftlich, sozial und persönlich.

Um anzudauern muss Frieden  alle Seiten befriedigen. Er muss eine Situation schaffen, mit der alle Seiten leben können, weil er ihre grundsätzlichen Wünsche erfüllt.

Ist dies möglich?  Da ich die andere Seite gut kenne, antworte ich mit äußerster Sicherheit: Ja,  tatsächlich. Aber es ist kein automatischer Prozess. Man muss für ihn arbeiten, in ihn investieren, einen Frieden führen, wie man einen Krieg führt.

Nelson Mandela tat dies. Deshalb nahm die ganze Welt an seinem Begräbnis teil. Das ist es vielleicht, warum unsere Führer vorzogen, zu Hause zu bleiben

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Das Debakel

Erstellt von Gast-Autor am 12. Januar 2014

Das Debakel

Autor Uri Avnery

DIE GRÖSSTE GEFAHR für Israel ist nicht die mutmaßliche iranische Bombe .Die  größte Gefahr ist die Dummheit unserer Führer.

Dies ist kein einzigartiges israelisches Phänomen. Sehr viele Führer der Welt sind offensichtlich dumm und sind es immer gewesen. Es genügt, auf das zu sehen, was sich im Juli 1914 in Europa   abspielte, als eine unglaubliche Häufung dummer Politiker und inkompetenter Generäle  die Menschheit in den 1. Weltkrieg stürzte.

Aber in letzter Zeit haben Benjamin Netanjahu und fast das ganze israelische politische Establishment  einen neuen Rekord an Dummheit erreicht.

LASST UNS  mit dem  Ende beginnen.

Der Iran ist der große Sieger. Er ist herzlich in die Familie zivilisierter Nationen wieder aufgenommen worden. Seine Währung, der Real, steigt. Sein Prestige und sein Einfluss haben in der Region  wieder  an Bedeutung gewonnen. Seine Feinde in der muslimischen Welt, Saudi Arabien und seine Satelliten am Golf sind gedemütigt worden. Jeder Militärschlag gegen ihn von irgendjemandem, einschließlich Israel, ist undenkbar geworden.

Das Image des Iran als einer Nation verrückter Ayatollahs,  gefördert von Netanjahu und Ahmadinejad, ist verschwunden. Der Iran sieht jetzt wie ein verantwortliches Land aus, das von nüchtern denkenden  und klugen Führern geleitet wird.

Israel ist der große Verlierer. Es hat sich selbst in eine Position totaler Isolierung manövriert. Seine Forderungen sind ignoriert worden. Seine traditionellen Freunde haben sich selbst von ihm distanziert. Seine Beziehungen mit den US sind ernsthaft beschädigt worden

Was Netanjahu  und Co gerade tun, ist fast unglaublich. Auf einem sehr hohen  Ast sitzend, sägen sie ihn fleißig durch.

Viel ist über die totale Abhängigkeit Israels  von den US  gesagt worden, und zwar fast auf allen Gebieten. Aber um die Größe der Dummheit zu verstehen, muss ein Aspekt besonders erwähnt werden:  Israels Kontrollen, in Wirklichkeit, der Zugang zu den  amerikanischen Zentren der Macht

Alle Nationen, besonders die kleineren und ärmeren, wissen, dass, wenn man die Hallen  des amerikanischen Sultans betritt, um Hilfe und Unterstützung zu bekommen, sie den Türwächter bestechen müssen. Die Bestechung mag viele Formen annehmen: politisch (Privilegien vom Herrscher); oder wirtschaftlich (Rohmaterial); diplomatisch (Stimmen bei der UN); militärisch (eine Basis oder „Zusammenarbeit“ mit dem Nachrichtendienst) oder was auch immer. Wenn es groß genug ist,  wird AIPAC  helfen, vom Kongress Unterstützung zu bekommen.

Dieser einmalige Vorzug beruht  allein auf der Wahrnehmung von Israels einzigartiger Stellung in den USA. Netanjahus komplette Niederlage in Bezug auf  die US-Beziehungen mit dem Iran hat schwer geschadet, wenn nicht gar diese Wahrnehmung gelöscht. Der Verlust ist unermesslich.

DIE ISRAELISCHEN Politiker, sind wie die meisten ihrer Kollegen wo anders, mit der Weltgeschichte kaum vertraut. Sie sind Parteifunktionäre, die ihr Leben mit politischen Intrigen verbringen. Wenn sie Geschichte studiert hätten, würden sie nicht für sich selbst die Falle gebaut haben, in die sie jetzt gefallen sind.

Ich bin versucht, damit zu prahlen, dass ich  vor mehr als zwei Jahren schrieb:  jeder militärische Angriff  auf den Iran durch Israel oder die USA  sei unmöglich. Aber es war keine Prophetie, die mir von irgend einer unbekannten  Gottheit eingegeben wurde. Es war nicht einmal sehr klug. Es war nur die Folge  eines einfachen Blickes auf den Atlas: Die Straße von Hormuz.

Jede militärische Aktion gegen den Iran würde zu einem größeren Krieg führen, so etwa wie der Vietnamkrieg, außerdem zu einem Kollaps der Welt, so etwa zu  einem Kollaps der Welterdölrouten.  Selbst, wenn die US-Öffentlichkeit nicht so kriegsmüde gewesen wäre, .um solch ein Abenteuer zu starten, der muss  nicht nur  ein Idiot gewesen sein, sondern wahnwitzig.

Die militärische Option ist „nicht vom Tisch“ – sie war nie auf dem Tisch. Es war eine leere Pistole, und die Iraner wussten dies  sehr wohl.

Die geladene Pistole war das System  der Sanktionen.  Das Volk leidet. Es überzeugte den obersten Führer, Ali Husseini Khamenei, das Regime völlig zu ändern und einen neuen und sehr anderen Präsidenten einzusetzen.

Den Amerikanern war dies klar, und sie handelten dem entsprechend. Netanjahu, von der Bombe besessen, änderte nichts. Noch schlimmer: er tut noch immer nichts.

Falls es ein Symptom von Wahnsinn ist,  immer wieder dasselbe zu versuchen,  das  fehl geschlagen war, dann sollten wir beginnen, uns über „König Bibi“ Sorgen zu machen.

UM SICH SELBST vor dem Image  totalen Misserfolges zu retten, hat AIPAC angefangen, seinen Senatoren und Kongressleuten Order zu geben, neue Sanktionen auszuarbeiten, die in einer unbestimmten Zukunft  in die Praxis umgesetzt werden sollten.

Das neue Leitmotiv der israelischen Propagandamaschine ist: der Iran täuscht. Die Iraner können nichts anderes. Täuschen liegt in ihrer Natur

Dies könnte wirksam sein, weil es sich auf tief verwurzelten  Rassismus gründet. Bazar ist ein persisches Wort, das bei Europäern  mit Feilschen und  Täuschen assoziiert ist

Aber die israelische Überzeugung, dass die Iraner täuschen, hat eine robustere  Grundlage: unser eigenes Verhalten. Als Israel 1950 anfing, seinen eigenen Atomreaktor mit Hilfe Frankreichs zu bauen, musste es die ganze Welt täuschen und tat dies mit phantastischer Wirkung.

Durch reinen Zufall – vielleicht auch nicht – strahlte Israels Kanal 2TV  am letzten Montag eine sehr enthüllende Geschichte aus (nur zwei Tage nach dem Unterzeichnen des Genfer Abkommens)  Das  mit dem größten Prestige- verbundene Programm „Tatsache“ interviewte den israelischen Hollywood-Regisseur Arnon Milchan, einen Milliardär und Israelpatrioten.

In dem Programm brüstete sich Milchan mit seiner Arbeit für Lakam, eine israelische Spionageagentur, die sich mit Yonatan Pollard befasste (Seit damals ist sie demontiert). Lakam spezialisierte sich  auf wissenschaftliche Spionage, und Milchan tat unschätzbaren Dienst, indem er geheim und unter falschen Vorwänden notwendige Materialien für das  nukleare Programm beschaffte.

Milchan deutete seine Bewunderung für das südafrikanische Apartheidregime  und Israels nukleare Zusammenarbeit mit diesem an . Zu der Zeit gab eine  mögliche nukleare Explosion im Indischen Ozean nahe Südafrika amerikanischen Wissenschaftlern rein Rätsel auf, und es gab Theorien, (die nur flüsternd wiederholt wurden) über einen israelisch-südafrikanischen nuklearen Versuch.

Eine dritte Partei war der Schah von Persien, der auch nukleare Ambitionen hatte. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Israel dem Iran half, die ersten atomaren Schritte zu tun.

Israels Führer und Wissenschaftler gaben sich große Mühe, ihre in hohem Maße  nuklearen Aktivitäten zu verbergen. Der Dimona-Reaktor wurde als Textilfabrik getarnt. Ausländer wurden durch Dimona geführt und durch falsche Mauern, verborgene Stockwerke und ähnliche Dinge getäuscht.

Wenn deshalb unsere Führer von Täuschung,  Betrug und  Irreführung sprechen, dann wissen sie genau, worüber sie sprechen. Sie  respektieren die persische Fähigkeit, dasselbe zu tun, und sind ganz davon überzeugt, dass dies geschehen wird. Praktisch denken  alle Israelis so und besonders  die-Kommentatoren der Medien

EINES DER  bizarreren  Aspekte der amerikanisch-israelischen Krise ist die israelische Klage, dass die US „hinter unserm Rücken“  einen geheimen diplomatischen Kanal mit dem Iran  gehabt habe.

Falls es einen internationalen Preis für  Chuzpe (Frechheit) gäbe, dann wäre dies ein glaubwürdiger Kandidat.

„Die einzige Welt-Supermacht“ hat geheime Verbindungen mit einem bedeutenden Land und informiert Israel erst verspätet darüber. Was für eine Unverschämtheit! Wie können sie es nur wagen!

Das wirkliche  Abkommen – so scheint es – war nicht  in den vielen Stunden der Verhandlungen in Genf  ausgehandelt, sondern in diesen geheimen Kontakten

Übrigens, vergaß  unsere Regierung  nicht, sich damit zu brüsten, dass sie über all dies die ganze Zeit durch  Quellen des eigenen Geheimdienstes Bescheid wusste. Sie deutet darauf hin, dass dies Saudis waren. Ich würde eher einen  unserer zahllosen Informanten der US-Regierung verdächtigen.

Sei es, wie es sei, die  Annahme ist, die US sei im Voraus  verpflichtet, Israel  über jeden Schritt, den es in Nahost unternimmt,  zu informieren. Interessant!

PRÄSIDENT OBAMA hat  offensichtlich entschieden, dass Sanktionen und militärische Drohungen nur so weit gehen können. Ich denke, er hat recht.

Eine stolze Nation  ergibt sich keinen offenen Drohungen. Mit solchen Herausforderungen  konfrontiert, tendiert eine Nation dazu, mit patriotischem  Eifer zusammen zu rücken und seine Führer zu unterstützen, auch wenn sie nicht beliebt sind. Wir Israelis würden dies tun. So würde es auch jede andere Nation tun.

Obama hat fest mit einem iranischen Regimewechsel gerechnet, der schon begonnen hat. Eine neue Generation, die in den sozialen Medien sieht, was in aller Welt geschieht, möchte am guten Leben teilnehmen. Revolutionärer Eifer und ideologische Orthodoxie schwinden mit der Zeit, wie wir Israelis nur zu gut wissen. Es geschah in unsern Kibbuzim; es geschah in der Sowjetunion; es geschieht in China und Kuba; nun geschieht es auch im Iran.

WAS SOLLEN wir also tun? Mein Rat wäre einfach: wenn du sie nicht schlagen kannst, schließ Dich ihnen an.

Stopp  Netanjahus Obsession und die Torheit der AIPAC, nimm das Genfer Abkommen an, weil es gut für Israel ist,  unterstütze Obama. Flicke die Beziehungen mit der US-Regierung. Und besonders wichtig; strecke deine Fühler zum Iran aus, um sehr langsam  die gegenseitigen Beziehungen  zu verändern.

Geschichte zeigt, dass Freunde von gestern die Feinde von heute sein können und die Feinde von heute die Verbündeten von morgen. Es geschah schon einmal zwischen dem Iran und uns. Abgesehen von der Ideologie,  gibt es keinen wirklichen  Zusammenstoß der Interessen zwischen den beiden Nationen.

Wir benötigen einen Wandel in der Führung wie  denjenigen, den der Iran begonnen hat. Leider  haben sich alle israelischen Politiker, linke wie rechte,  dem Marsch der Toren angeschlossen. Nicht eine einzige Stimme aus dem Establishment hat sich dagegen erhoben. Der neue  Führer der Labor-Partei, Yitzhak Herzog ist genau so ein Teil wie Yair Lapid und Tsipi Livni.

Auf Jiddisch sagt man: Über Narren würde man sich amüsieren, wenn sie nicht unsere eigenen Narren wären.

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Mord

Erstellt von Gast-Autor am 29. Dezember 2013

Der Mord

Autor Uri Avnery

VOM ERSTEN Augenblick an hatte ich nicht den leisesten Zweifel daran, dass Yasser Arafat ermordet wurde.

 Es war eine Angelegenheit einfacher Logik.

Auf dem Rückweg von der Beerdigung traf ich zufällig Gamal Zahalka, ein Knesset-Mitglied von der national-arabischen Balad Partei, einen hoch qualifizierten Pharmazeut mit Doktortitel. Wir tauschten unsere Ansichten aus und kamen zu derselben Schlussfolgerung.

Die Untersuchungsergebnisse der Schweizer Experten von letzter Woche bestätigten nur meine Überzeugung.

ZUNÄCHST EINE simple Tatsache: Menschen sterben nicht ohne Grund.

Ein paar Wochen, bevor dies geschah, besuchte ich Arafat. Er schien durchaus bei guter Gesundheit zu sein. Als wir gingen, bemerkte ich zu Rachel, meiner Frau, er scheine mehr auf Draht und aufgeweckter zu sein als während unseres letzten Besuches.

Als er plötzlich sehr krank wurde, gab es keinen offensichtlichen Grund. Die Ärzte im französischen Militärhospital, zu dem er auf Drängen seiner Frau Suha gebracht wurde und wo er starb, fanden keine Erklärung für seinen Zustand. Sie fanden keine Krankheit. Absolut nichts.

Was an sich sehr seltsam war: Arafat war der Führer seines Volkes, der de facto Oberhaupt eines Staates war, und man kann sicher sein, dass die französischen Ärzte keinen Stein auf dem andern ließen, um zu diagnostizieren.

Da blieb nur Strahlung und Gift. Warum wurde kein Gift bei der Autopsie entdeckt? Die Antwort ist einfach: um ein Gift zu entdecken, muss man wissen, nach welchem man sucht. Die Giftliste ist fast unbegrenzt, und die Routinesuche ist auf eine kleine Zahl begrenzt.

Arafats Leiche wurde nicht nach radioaktivem Polonium untersucht.

WER HATTE die Gelegenheit, ihm das Gift zu verabreichen?

Praktisch jeder.

Während meiner vielen Besuche bei ihm, wunderte ich mich immer über die laschen Sicherheitsvorkehrungen.

Bei unserm ersten Treffen im belagerten Beirut wunderte ich mich über sein Vertrauen mir gegenüber. Zu jener Zeit war bekannt, dass Dutzende von Mossad-Agenten und Phalangisten-Spione die Stadt nach ihm durchkämmten. Er konnte nicht sicher sein, dass ich selbst ein verdeckter Mossad –Agent sein könnte oder dass mir einer folgte oder dass ich nicht irgendein Gerät mit mir trug, das den Ort verraten würde..

Später in Tunis war die Sicherheitskontrolle seiner Besucher flüchtig. Die Sicherheitsvorkehrungen des israelischen Ministerpräsidenten sind unermesslich strenger.

In der Mukata’a in Ramallah wurden keine Sicherheitsmaßnahmen hinzugefügt.

Ich hatte mehrmals mit ihm gegessen und wunderte mich wieder über seine Unbekümmertheit. Amerikanische und andere ausländische Gäste, die pro-palästinensische Aktivisten waren (oder so taten, als wären sie es), wurden von ihm frei eingeladen, saßen neben ihm und hätten ihm leicht Gift ins Essen streuen können. Arafat scherzte mit seinen Gästen und fütterte sie oft mit der eigenen Hand mit Fleischstückchen.

Gewisse Gifte benötigen keine Lebensmittel. Ein leichter physischer Kontakt genügt.

DOCH DIESER Mann war einer der bedrohtesten Personen auf der Welt. Er hatte viele Todfeinde; ein halbes Dutzend Geheimdienste waren auf seine Vernichtung aus. Wie konnte er nur so leichtsinnig sein?

Als ich mit ihm demonstrierte, erzählte er mir, er glaube, er stünde unter göttlichem Schutz.

Als er einmal in einer Privatmaschine von Tschad nach Libyen flog, verkündete der Pilot, dass das Benzin ausgegangen sei und sie mitten in der Wüste notlanden müssten. Arafats Leibwächter bedeckten ihn mit Kissen und bildeten einen Ring um ihn. Sie wurden alle getötet; aber er überlebte fast ohne einen Kratzer.

Seitdem wurde er sogar noch fatalistischer. Er war ein frommer Muslim – wenn auch ein unauffälliger. Er glaubte, dass Allah ihm die Aufgabe anvertraut habe: das palästinensische Volk zu befreien.

WER ALSO hat den Mord begangen?

Für mich kann es keinen wirklichen Zweifel geben.

Wenn auch viele ein Motiv hatten, so hatte nur eine Person die nötigen Mittel und einen tiefen und andauernden Hass gegen ihn: Ariel Sharon.

Sharon war wütend, als Arafat ihm in Beirut durch die Finger entwischte. Hier war sein Opfer so nah und so fern. Der arabisch-amerikanische Diplomat Philip Habib brachte es fertig, dass man den PLO-Kämpfern samt Arafat erlaubte, sich ehrenhaft mit allen Waffen aus der Stadt zurückzuziehen. Ich lag auf dem Dach eines Hangars im Beiruter Hafen, als die Jeeps der PLO-Kämpfer mit fliegenden Fahnen zu den Schiffen eilten.

Ich konnte Arafat nicht sehen. Seine Männer versteckten ihn in ihrer Mitte.

Seitdem machte Sharon kein Hehl aus seiner Entscheidung, ihn zu töten. Und wenn er sich zu etwas entschlossen hatte, es zu tun, dann gab er niemals auf. Selbst bei viel kleineren Dingen, wenn sein Plan durchkreuzt wurde, kam er immer wieder auf ihn zurück, bis er Erfolg hatte.

Ich kannte Sharon gut. Ich kannte seine Entschlossenheit. Als ich zweimal das Gefühl hatte, dass sich Sharon seinem Ziel nähere, ging ich mit Rahel und einigen Kollegen in die Mukata’a, um als menschliche Schutzschilder zu dienen. Später befriedigte es uns, in den Zeitungen ein Interview mit Sharon zu lesen, in dem er sich beklagte, dass er nicht in der Lage gewesen sei, den geplanten Mord durchzuführen, weil „einige Israelis dort waren.“.

DIE LIQUIDIERUNG Arafats war mehr als eine persönliche Rache. Es war ein nationales Ziel.

Für Israelis war Arafat die Verkörperung des palästinensischen Volkes, ein Objekt abgrundtiefen Hasses. Er wurde mehr gehasst als jedes andere menschliche Wesen, außer Adolf Hitler und Adolf Eichmann. Der generationen -lange Konflikt mit dem palästinensische Volk war durch diesen Mann personifiziert.

Es war Arafat, der die moderne nationale palästinensische Bewegung ins Leben gerufen hatte, deren oberstes Ziel es war, den zionistischen Traum zu vereiteln: das ganze Land zwischen Meer und Jordan zu besitzen. Er war es, der den bewaffneten Kampf (Terrorismus) führte, und als er sich zu einem friedlichen Abkommen wandte, den Staat Israel anerkannte und das Oslo Abkommen unterzeichnete, wurde er noch mehr gehasst. Frieden war an die Rückgabe von viel Gebieten an die Araber gebunden, und was könnte schlimmer sein?

Der Hass gegen Arafat hatte längst aufgehört, rational zu sein. Für viele war er eine totale physische Zurückweisung, eine tödliche Mischung von Hass, Aversion, Feindschaft, Mistrauen. Seit er in den 60ern auf der politischen Bühne auftauchte, waren Milliarden von Worten über ihn in Israel geschrieben worden. Ich habe wahrlich nie ein einziges positives Wort über ihn gesehen.

Während all dieser Jahre führte eine Armee bezahlter Propagandaschreiberlinge eine unnachgiebige Dämonisierungskampagne gegen seine Person. Jede vorstellbare Anklage wurde gegen ihn vorgebracht. Die Behauptung, dass er AIDS habe, was jetzt wieder in den israelischen verdeckten Propagandabemühungen steckt, sowie die Behauptung dass er Homosexuell sei, wurde schon damals erfunden, um alle homophoben Vorurteile gegen ihn zu mobilisieren. Es ist unnötig zu sagen, es wurde nie ein Beweis darüber vorgelegt. Die französischen Ärzte fanden keine Spur von AIDS.

IST DIE israelische Regierung fähig, sich zu entscheiden, solch eine Tat auszuführen? Es ist eine bewiesene Tatsache, dass sie es ist.

Im September 1997 wurde eine israelische Exekutionsgruppe nach Amman gesandt, um Chalid Mishal, den Hamas Führer, zu ermorden. Das gewählte Mittel Levofentanyl, war ein tödliches Gift, das auch keine Spuren hinterlässt und Wirkungen hervorruft, die wie ein Herzanfall aussehen. Es wurde durch eine leichte physische Berührung am Ohr ausgelöst.

Die Tat war vermasselt. Die Killer wurden von Passanten verfolgt; sie flohen in die israelische Botschaft, wo sie belagert wurden. König Hussein – allgemein ein israelischer Kollaborateur – war wütend. Er drohte damit, die Täter aufzuhängen, wenn nicht das lebensrettende Gegengift sofort geliefert würde. Der damalige Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gab sofort nach und sandte den Mossad-Chef mit dem geforderten Gegengift nach Amann. Mishal wurde gerettet.

2010 wurde ein anderer Trupp mit einem Mordauftrag in ein Hotel nach Dubai gesandt: ein anderer Hamas-Mitarbeiter, Mahmoud al-Mabhouh, war diesmal das Ziel. Sie verpfuschten auch diesen Auftrag – obwohl es ihnen gelang, ihre Beute zu töten, indem sie sie erst mit einem geheimen Gift lähmten und dann erstickten. Auch dieses Gift hinterließ keine Spuren. Sie wurden aber von den Hotelkameras entdeckt und ihre Identität entschlüsselt.

Gott weiß, wie viele nicht vermasselte Morde auf diese Weise ausgeführt worden sind?

Israel ist natürlich nicht allein auf diesem Feld. Zuvor wurde ein russischer Spion, Alexander Litvinenko, schlecht beraten und missfiel Vladimir Putin. Er wurde mit demselben radioaktiven Polonium vergiftet wie Arafat, aber bevor er starb, entdeckte ein aufmerksamer Arzt das Gift. Zuvor wurde ein bulgarischer Dissident vergiftet, indem er mit einem winzigen Pellet berührt wurde, das von einem Regenschirm abgefeuert wurde.

WARUM TÖTETE Sharon Arafat nicht früher? Schließlich waren die palästinensischen Führer sehr lang in seinem Ramallah-Compound belagert. Ich selbst sah, wie israelische Soldaten nur wenige Meter von seinem Büro entfernt waren.

Die Antwort ist politisch. Die USA fürchteten, dass wenn Israel als derjenige angesehen wird, der den PLO-Chef, – für Millionen in der ganzen arabischen Welt als Held betrachtet,- getötet wird, die Region gegen die US-Bush-Regierung explodieren würde. George Bush junior verbot dies. Die Antwort war, dies in einer Weise zu tun, dass es nicht auf Israel hinweisen würde.

Dies war übrigens für Sharon ganz normal. Ein paar Wochen vor der Invasion in den Libanon 1982 erzählte er dem US-Außenminister Alexander Haig von seinem Plan. Haig verbot es ihm – wenn es nicht eine glaubwürdige Provokation geben würde. Siehe da, ein niederträchtiger Mordversuch wurde auf das Leben von Israels Botschafter in London gemacht. Die Provokation war unerträglich, und der Krieg begann.

Aus demselben Grund leugnete die Netanjahu-Regierung jetzt energisch eine Beteiligung an der Ermordung von Arafat. Statt mit Prahlerei über den erfolgreichen Mord behauptet unsere Propagandamaschine, dass die Schweizer Experten inkompetent seien oder gelogen hätten (Wahrscheinlich sind sie alle Antisemiten) und dass die Schlussfolgerungen falsch seien. Ein geachteter israelischer Professor kam mit der Erklärung, alles sei Unsinn. Selbst die alte Geschichte über AIDS wird wieder erzählt.

Sharon in seinem endlosen Koma kann nicht reagieren. Aber seine alten Assistenten sind erfahrene Lügner und wiederholen ihre verlogenen Geschichten.

FÜR MICH ist der Mord an Arafat ein Verbrechen an Israel.

Arafat war der Mann, der bereit war, Frieden zu machen, und in der Lage war, alle Teile des palästinensischen Volkes dahin zu bekommen, ihn zu akzeptieren. Er legte auch die Termine fest: einen palästinensischen Staat mit Grenzen auf der Grünen Linie mit seiner Hauptstadt Ost-Jerusalem.

Dies ist genau, was sein Mord verhindern sollte.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Wird Israel weitere 90 Jahre existieren?!

Erstellt von Gast-Autor am 15. Dezember 2013

Wird Israel weitere 90 Jahre existieren?!

Autor Uri Avnery

Hier folgt eine leicht gekürzte Version meiner eigenen Bemerkungen. Ein Video der voll-ständigen Diskussionsrunde mit Übersetzung ins Englische wird so bald wie möglich veröffentlicht.

In 90 Jahren

WIRD ISRAEL noch weitere 90 Jahre bestehen? Diese Frage an sich ist typisch für Israel. Keiner würde diese Frage in England oder Deutschland oder gar in andern Staaten, die durch Immigration entstanden sind, wie Australien oder die USA, ernsthaft stellen.

Doch hier sprechen die Leute ständig von „existenziellen Gefahren“. Ein palästinensischer Staat ist eine existentielle Gefahr. Die iranische Bombe ist eine existentielle Gefahr. Warum? Sie werden ihre Bombe haben, wir haben unsere Bombe; so wird es ein „Gleichgewicht des Terrors“ geben. Na, und?

In unserm nationalen Charakter gibt es anscheinend etwas, das Selbstzweifel und Unsicherheit erzeugen. Vielleicht der Holocaust. Vielleicht ein unbewusstes Gefühl von Schuld? Vielleicht die Folge eines ewigen Krieges oder sogar der Grund für einen?

LASSEN SIE mich direkt von Anfang an erklären: Ja, ich glaube, Israel wird nach 90 Jahren noch bestehen. Die Frage ist: welche Art von Israel? Wird es ein Land sein, auf das ihre Ur-,Ur. Ur-Großenkel und Töchter stolz sein werden? Ein Staat, in dem sie gerne leben werden?

An dem Tag, an dem der Staat gegründet wurde, war ich 24 Jahre alt. Meine Kameraden und ich waren Soldaten in unserer neuen Armee, aber wir dachten nicht, das Ereignis bedeutsam sei. Wir bereiteten uns für die in der Nacht bevorstehende Schlacht vor. Die Reden der Politiker in Tel Aviv interessierten uns nicht besonders. Wir wussten, wenn wir den Krieg gewinnen würden, würde es einen Staat geben. Wenn nicht, dann würde es weder einen Staat noch uns geben.

Ich bin keine nostalgische Person. Ich hatte vor dem Krieg 1967 keine Nostalgie für Israel gehabt, wie einige meiner Kollegen dies hier ausgedrückt haben. Eine Menge war damals auch falsch. ZB. Eine riesige Menge arabischer Besitz wurde enteignet. Aber lasst uns nicht zurückblicken. Schauen wir auf das Israel von heute und fragen wir uns: Wohin geht‘s von hier?

WENN ISRAEL seinen jetzigen Kurs weitergeht, wird es eine Katastrohe geben.

Das erste Stadium wird Apartheid sein. Sie besteht schon in den besetzten Gebieten, und sie wird sich ins eigentliche Israel ausbreiten. Der Abstieg in den Abgrund wird nicht dramatisch und überstürzt sein. Es wird nah und nach geschehen, fast unmerklich.

Danach wird der Druck auf Israel langsam wachsen. Demographie . wird ihr Werk tun. Irgendwann, bevor die 90 Jahre vorbei sind, wird Israel gezwungen sein, den Palästinensern die Bürgerrechte zu gewähren. Dann wird eine Mehrheit der Bürger arabische Mehrheit sein. Ja, Israel wird ein Staat mit einer arabischen Mehrheit sein.

Manche mögen das begrüßen. Aber es wird das Ende des zionistischen Traumes sein. Der Zionismus wird eine historische Episode sein. Dieser Staat wird wie jedes andere Land sein, wo Juden in der Minderheit leben, wie diejenigen, die hier bleiben werden,

Da gibt es solche, die sagen: „Es gibt keine Lösung.“. Wenn es so ist, sollten wir uns alle einen ausländischen Pass anschaffen.

Einige träumen von einer sog. „Ein-Staaten-Lösung“. Nun, während des letzten halben Jahrhunderts sind viele Staaten, in denen verschiedene Nationen zusammen lebten aus einander gebrochen. Eine unvollkommene Liste: die Sowjetunion, Zypern, Jugoslawien, dann Serbien, Tschechoslowakei, Sudan. Es hat kein einziges Beispiel in dieser Zeit gegeben, in dem sich zwei Nationen freiwillig in einem Staat vereint leben. Kein einziges

ICH HABE keine Angst vor irgendeiner militärischen Bedrohung. Es gibt keine wirkliche Gefahr. Nicht in unserer Zeit. Kein Land, das Atomwaffen besitzt, kann durch Gewalt zerstört werden. Wir sind in der Lage, uns selbst zu verteidigen

Eher fürchte ich interne Gefahren: die Implosion unser intellektuellen Standards, die Vermehrung des parasitischen orthodoxen Establishment und besonders Auswanderung. Die ganze Welt wird immer beweglicher. Familien trennen sich. Zionismus ist eine Straße mit Verkehr in zwei Richtungen. Wenn du in Los Angeles ein so guter Jude sein kannst wie in Haifa, warum dann bleiben?

Die Verbindung zwischen Israel und den Juden in aller Welt wird langsam schwächer werden. Das ist natürlich. Wir sind eine neue Nation, verwurzelt in diesem Land. Dies ist unser reales Ziel. Unsere Verbindung mit der Diaspora wird – sagen wir – wie zwischen Australien und England sein.

ICH MÖCHTE eine grundsätzliche Frage stellen: wird der Nationalismus selbst überleben?

Wird er von neuen kollektiven Organisationen und Ideologien ersetzt werden?

Ich denke, der Nationalismus wird weiter bestehen. Im letzten Jahrhundert gelang es keiner Macht, ihn zu überwinden. Die internationalistische Sowjet-Union ist zusammengebrochen und hinterließ nichts als einen ungezügelten, rassistischen Nationalismus. Kommunismus hat nur Erfolg, wenn er auf dem Nationalismus ritt wie in Vietnam und China. Der Religion war es gelungen, wenn sie auf dem Nationalismus ritt, wie im Iran.

Worin liegt die Macht des Nationalismus? Es scheint, dass das menschliche Wesen ein Zusammengehörigkeitsgefühl braucht, ein Gefühl zu einer bestimmten Kultur, Tradition, zu historischen Erinnerungen (real oder erfunden) zu gehören, auch zu einer Heimat und Sprache.

ICH SOLLTE die Frage anders stellen: Wird der National-Staat überleben?

Objektiv gesehen ist der National-Staat ist ein Anachronismus. Er kam während der letzten drei Jahrhunderte auf, weil die Wirtschaft einen großen lokalen Markt benötigte, benötigte sie eine adäquate Armee u.s.w. dies benötigte die Größe, sagen wir, wie die Frankreichs. Aber jetzt sind fast alle diese Funktionen von regionalen Blöcken wie der EU übernommen worden.

Dies ist der Grund für ein seltsames Phänomen: während National-Staaten sich zu größeren Unionen vereinigen, brechen sie selbst in kleinere Staaten aus- einander. Schotten, Korsen, Flamen, Katalanen, Basken, Tschechen, die französischen Kanadier und viele, viele mehr, die Unabhängigkeit suchen.

Warum? Ein Schotte denkt, ein unabhängiges Schottland könne sich der EU anschließen und all die Vergünstigungen einstecken, ohne unter dem englischen Snobismus leiden zu müssen. Lokaler Nationalismus übertrumpft größeren Nationalismus.

WO WERDEN wir also in 90Jahren sein zu Beginn des 22. Jahrhunderts?

Im Jahr meiner Geburt 1923 rief ein österreichischer Edelmann mit Namen Graf Nikolaus Coudenhove-Kalergi zu einer pan-europäischen Bewegung auf, um die Vereinten Staaten von Europa zu schaffen. In jener Zeit, ein paar Jahre nach dem 1., und wenige Jahre vor dem 2. Weltkrieg klang dies wie eine verrückte Utopie aus. Jetzt haben wir die europäische Union.

In diesem Augenblick sehen „die Vereinten Staaten der Welt“ wie eine verrückte Utopie aus. Aber da gibt es kein Entkommen vor solcher Art Weltregierung. Die globale Wirtschaft benötigt dies, um zu funktionieren. Globale Kommunikationen machen es möglich. Globale Spionage ist schon unter uns. Nur eine effektive globale Autorität kann unseren leidenden Planeten vor Kriegen und Bürgerkriegen retten , auch vor weltweiten Epidemien und kann dem Hunger ein Ende setzen

Kann eine Weltregierung demokratisch sein? Ich hoffe es. Die Weltkommunikation macht es möglich. Eure Nachkommen werden ein Weltparlament wählen.

Wird der National-Staat weiter in dieser „tapferen neuen Welt“ existieren? Ja, er wird.

So wie National-Staaten im heutigen Europa existieren: jeder mit seiner Flagge, seiner Nationalhymne, seinem Fußballteam, seiner lokalen Verwaltung.

Dies ist meine optimistische Vision. Israel, der National-Staat des israelischen Volkes, eng verbunden mit dem National-Staat des palästinensischen Volkes, wird Mitglied einer regionalen Union sein, die die arabischen Staaten einschließen wird und hoffentlich auch die Türkei und den Iran als stolzes Mitglied der Vereinigten Staaten der Welt.

Ein demokratischer, liberaler und säkularer Staat, in dem eure Nachkommen stolz erklären werden:

„Ich bin ein Israeli!“

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs, vom Verfasser authorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Was bedeutet die Linke in Israel

Erstellt von Gast-Autor am 8. Dezember 2013

Was bedeutet die Linke in Israel

Autor Uri Avnery

Ich bin gefragt worden, was das Konzept der Linken in Israel bedeutet. Ich dachte, ich könnte diese Frage leicht beantworten, dann wurde mir klar, dass dies eine schwierige Aufgabe ist.

Man kann leicht sagen, was die Linke nicht ist. Die Linke ist das Gegenteil von Faschismus –

Die Doktrin, dass die Nation das Wichtigste ist, und die Menschen darin nur Zellen im nationalen Körper. Die Linke ist also auch das Gegenteil des orthodoxen jüdischen religiösen Gesetzes, das bestimmt, dass man an Schabbat das Leben eines Nicht-Juden nicht rettet. Die Linke ist auch das Gegenteil des Kommunismus in seiner sowjetischen Form, die die Menschen in Zahnräder einer zerstörerischen Maschine verwandelte.

Die Linke ist human. Die Linke glaubt, dass die Menschen das Wichtigste sind. Der Staat gründet sich auf ein Abkommen, dem alle Bürger zustimmen; der Staat hat keine mystische, nationale oder religiöse Bedeutung. Für die Linke ist Nationalität ein kultureller und politischer Rahmen, der den Leuten ein Gefühl gibt, dazu zu gehören, entsprechend ihrem eigenen freien Willen. Der Unterschied zwischen der Linken und der Rechten ist hauptsächlich der Unterschied zwischen spirituell und emotional, wovon praktisch die Unterschiede stammen. Die linke Haltung ist eine Weltanschauung, die alle Lebensbereiche berührt.

Wegen der besonderen Umstände, unter denen der Staat Israel errichtet wurde und existiert, ist der Unterschied zwischen Links und Rechts nicht derselbe wie in anderen Ländern. In der weiteren Welt wird das Konzept der Linken und der Rechten weithin nach den Unterschieden in der sozialen Wahrnehmung definiert. In Israel werden sie zu allererst nach jemandes Beziehung zu Frieden und Besatzung definiert. Eine Person kann kein Linker sein, wenn er ein Regime der Besatzung und der Unterdrückung unterstützt

Die Linke wünscht Frieden. Sie sieht Israels zweite Nation – die arabische Nation – als eine Brudernation. Sie lehnt die Besatzung aufs äußerste ab, die von Natur aus unmenschlich ist. Die Linke kämpft für einen israelisch-palästinensischen Frieden. Für sie ist Frieden nicht nur ein formeller politischer Rahmen, sondern ein tiefer Prozess der Versöhnung, der von jeder Seite verlangt, Respekt für die Kultur, Tradition, Geschichte und Wünsche der andern Seite zu zeigen. Dies wird die Regel sein für einen umfassenden israelisch-arabischen Frieden, der folgt.

Da die Linke davon überzeugt ist, dass jede Nation ein Recht auf Freiheit und Unabhängigkeit hat, kämpft sie für die Koexistenz von Israels beiden Nationen; jede in einem Staat, der ihre politische und kulturelles Wesen ausdrückt. Für die Linke ist die Siedlungsbewegung ein moralisches und politisches Desaster, weil ihr Hauptziel ist, die Kontrolle über das ganze Land zu nehmen und die den Frieden verhindert und ethnische Säuberung ausführt. Die Linke glaubt, dass die Grenze zwischen den beiden Staaten offen sein sollte – in der Hoffnung, dass sich die Beziehungen zwischen beiden verbessern werden.

Die Linke wünscht, dass Israel ein Mitglied der Familie der Nationen angehört, sich an das internationale Gesetz hält und ein vollkommener Partner im Kampf für eine Weltordnung, die Kriege und Bürgerkriege verhindert, den Planeten rettet, Elend, Hunger, Leiden und Ignoranz beendet.

Die Linke unterstützt soziale Gerechtigkeit und gegenseitige Verantwortlichkeit. Jede Person hat das Recht, seine/ihre Fähigkeiten voll auszuschöpfen. Ein Sicherheitsnetz, das einen verantwortlichen Lebensstandard für die Schwachen, die Armen, die Behinderten und die Unglücklichen auffängt.

Eine linke Gesellschaft gründet sich auf Gleichheit von Männern und Frauen, Juden und Arabern, Ashkenasim und Mizrahim, Mitgliedern aller Religionen und Mitgliedern von keiner, ohne Diskriminierung, die sich auf sexuelle Vorzüge gründet. Die linke Gesellschaft sichert allen Kindern die Möglichkeit unter gleichen Bedingungen zu leben; jedes Kind hat das Recht auf eine moderne, gleichberechtigte, weltoffene Bildung. Eine linke Gesellschaft behandelt Flüchtlinge und Arbeitsmigranten mitfühlend und integriert sie in den Arbeitsmarkt und erlaubt ihnen, wie Menschen zu leben.

Eine linke Gesellschaft gründet sich auf die vollkommene Trennung von Religion und Staat. Sie besteht auf ziviler Heirat und Scheidung, und dass jede Person das Recht hat, sich einer Religion anzuschließen oder sie zu verlassen. Jeder Mann und jede Frau lebt nach seinem/ ihrem eigenen Glauben. Jede Person, die nach diesem Ideal Tag für Tag in Geist und Tat lebt, gehört zur israelischen Linken.

(Dt. Ellen Rohlfs)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Sehen wir uns die Apartheid genauer an

Erstellt von Gast-Autor am 1. Dezember 2013

Sehen wir uns die Apartheid genauer an

Autor Uri Avnery

IST ISRAEL ein Apartheidstaat? Diese Frage taucht immer wieder auf, ja, sie erhebt alle paar Monate ihren Kopf.

Der Terminus „Apartheid“ wird oft zu reinen Propagandazwecken benützt. Apartheid, wie Rassismus und Faschismus, sind Ausdrücke, die man benützt, um seinen Widersacher zu verunglimpfen.

Aber „Apartheid“ ist auch ein Ausdruck mit genauem Inhalt. Er wird für ein besonderes Regime benützt. Mit einem anderen Regime gleich zu setzen, mag akkurat sein, teilweise korrekt oder nur falsch. Genauso sind die Schlussfolgerungen, die man aus dem Vergleich zieht.

VOR KURZEM hatte ich die Möglichkeit, über dieses Thema mit einem Experten zu diskutieren, der während der ganzen Apartheidzeit in Südafrika lebte. Ich lernte eine Menge darüber.

Ist Israel ein Apartheidstaat? Nun, da muss man erst die Frage stellen: welches Israel? Das eigentliche Israel innerhalb der grünen Linie oder das israelische Besatzungsregime in den besetzten palästinensischen Gebieten oder beides zusammen?

Kommen wir darauf später zurück.

DIE UNTERSCHIEDE zwischen den beiden sind offensichtlich.

Als erstes gründete sich das SA-Regime wie seine Nazi-Mentoren auf rassischer Überlegenheit. Rassismus war ihr offizieller Glaube. Die zionistische Ideologie Israels ist – in diesem Sinne – nicht rassistisch, sondern gründet sich eher auf eine Mischung von Nationalismus und Religion. Obwohl die frühen Zionisten meistens Atheisten waren.

Die Gründer des Zionismus wiesen immer Rassismus-Anklagen als absurd zurück. Es sind die Antisemiten, die Rassisten sind. Zionisten wären liberal, sozialistisch, progressiv. (Soweit ich weiß, hat nur ein einziger zionistischer Führer offen den Rassismus angenommen: Arthur Ruppin, der deutsche Jude, der der Vater der zionistischen Siedlungen im frühen 20. Jahrhundert war.

Dann sind da die Zahlen. In Südafrika war eine riesige schwarze Mehrheit. Die Weißen waren etwa ein Fünftel der Bevölkerung.

Im eigentlichen Israel stellten die arabischen Bürger eine Minderheit von etwa 20% dar Im ganzen Gebiet unter israelischer Herrschaft zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan ist etwa die Zahl der Juden und Araber fast gleich Die Araber mögen jetzt schon eine kleine Mehrheit darstellen – genaue Zahlen sind kaum zu bekommen. Diese arabische Mehrheit wird langsam größer werden.

Außerdem war die weiße Wirtschaft in SA total von der Arbeit der Schwarzen abhängig. Zu Beginn der israelischen Besatzung der Westbank und des Gazastreifens 1967 hörte das zionistische Bestehen auf „jüdischer Arbeit“ auf und billige arabische Arbeiter fluteten aus den besetzten Gebieten herein. Doch mit Beginn der ersten Intifada wurde diese Entwicklung mit überraschender Geschwindigkeit gestoppt. Viele ausländische Arbeiter wurden importiert: Ost-Europäer und Chinesen für das Bauen, Thais für die Landwirtschaft, Philippinen für persönliche Pflege, etc.

Eine der Hauptaufgaben der israelischen Armee ist jetzt, Palästinenser daran zu hindern, die Grüne Linie nach hier illegal zu überqueren, um dort Arbeit zu suchen.

Dies ist ein fundamentaler Unterschied zwischen den beiden Fällen, zwischen SA und Israel. Ein Unterschied, der eine tiefe Auswirkung auf mögliche Lösungen hat.

Trauriger Weise sind Palästinenser der Westbank weithin beim Aufbauen der Siedlungen beschäftigt und arbeiten dort in Betrieben, die meine Freunde und ich zu boykottieren aufriefen. Die wirtschaftliche Not der Bevölkerung treibt sie in diese perverse Situation.

Im eigentlichen Israel beschweren sich arabische Bürger über Diskriminierung, was ihre Beschäftigung in jüdischen Unternehmen und Regierungsbüros einschränkt. Die Behörden versprechen regelmäßig, diese Art von Diskriminierung aufzuheben.

Im großen Ganzen ist die Situation der arabischen Minderheit innerhalb des eigentlichen Israel wie die vieler nationaler Minderheiten in Europa und anderswo. Sie genießen Gleichheit nach dem Gesetz, haben Stimmrecht für die Knesset, sind durch sehr lebendige eigene Parteien vertreten, aber die Araber leiden praktisch auf vielen Gebieten unter Diskriminierung. Dies Apartheid zu nennen, würde äußerst falsch sein,

ICH DACHTE immer, dass einer der großen Unterschiede der wäre, dass das israelische Regime in den besetzten Gebieten palästinensisches Land für jüdische Siedlungen enteignet. Dies schließt privaten Besitz und sog. „Regierungsländereien“ mit ein.

In ottomanischen Zeiten wurden Landreserven der Städte und Dörfer im Namen des Sultans registriert. Unter britischer Herrschaft wurden diese Ländereien Regierungseigentum und dies blieb auch unter der jordanischen Herrschaft so. Als Israel die Westbank 1967 besetzte, wurden diese Ländereien vom Besatzungsregime übernommen und den Siedlern überlassen, und so wurde den palästinensischen Städten und Dörfern die Landreserven genommen, die sie für ihr natürliches Wachstum benötigen.

Übrigens wurden schon nach dem 1948er Krieg große Strecken arabisches Land in Israel enteignet und eine ansehnliche Reihe Gesetze wurden für diesen Zweck erlassen – nicht nur der Besitz der „Abwesenden“( Flüchtlingen), sondern auch das Land der Araber, die zu „Present Absentees“ erklärt wurden – ein absurder Ausdruck für die Leute, die Israel während des Krieges nicht verlassen hatten, sondern nur ihr Dorf. Und das „Regierungsland“ in dem Teil Palästinas, das Israel wurde, diente auch dazu, die Massen neuer jüdischer Immigranten aufzunehmen, die ins Land strömten.

Ich dachte immer, dass wir in dieser Hinsicht schlimmer als SA wären. Mein Freund sagte, die Apartheid-Regierung tat aber genau dasselbe, siedelte die Schwarzen in gewissen Gebieten an und riss sich das Land untern den Nagel, Land nur für Weiße.

ICH DACHTE immer, dass in SA alle Weißen engagiert wären, gegen die Schwarzen zu kämpfen. Doch scheint es, als ob beide Seiten tief gespalten waren.

Auf der weißen Seite waren die Afrikaander (Buren), Nachkommen holländischer Siedler, die einen holländischen Dialekt sprachen, den man Afrikaans nennt und die Briten, die Englisch sprachen. Dies waren zwei Gemeinschaften von etwa gleicher Größe, die sich nicht ausstehen konnten. Die Briten verachteten die Afrikaander, die Afrikaaner hassten die Briten. Tatsächlich nannte sich die Apartheidpartei „Nationalisten“, hauptsächlich, weil sie sich selbst als eine Nation ansah, die im Lande geboren war, während die Briten noch sehr mit ihrem Heimatland verbunden war. (Mir wurde erzählt, dass die Afrikaander die Briten „salzige Penisse“ nannten, weil sie mit einem Bein in England standen und mit dem andern in SA, so dass ihre Genitalien in den Ozean tauchten.)

Die schwarze Bevölkerung war auch in viele Gemeinschaften und Stämme geteilt, die einander nicht mochten. Das machte es schwierig, sie für den Befreiungskampf zu vereinigen.

DIE SITUATION in der Westbank ist in vieler Art und Weise dem Apartheid-regime ähnlich.

Seit Oslo ist die Westbank in die Zonen A,B, und C getrennt, in denen Israel auf verschiedene Weise seine Herrschaft ausübt. In SA waren es viele verschiedene Bantustans („Homelands“)mit verschiedenen Regimen. Einige waren offiziell voll autonom, andere waren es nur zum Teil. Alle waren Enklaven, umgeben von Gebieten der Weißen.

In gewisser Hinsicht war die Situation in SA mindestens offiziell besser als in der Westbank. Nach dem SA-Gesetzwaren die Schwarzen mindestens offiziell „getrennt aber gleich“. Das Hauptgesetz galt allen. In unseren besetzten Gebieten ist dies nicht der Fall, wo die lokale Bevölkerung dem militärischen Gesetz unterworfen ist, das ziemlich willkürlich ist, während ihre Siedlernachbarn dem demokratischen zivilen israelischen Gesetz unterworfen sind.

EINE STRITTIGE Frage ist, wie weit – wenn überhaupt – half der internationale Boykott der Niederlage des Apartheidregimes in SA?

Als ich Erzbischof Desmond Tutu fragte, antwortete er, dass die Wirkung vor allem moralisch war. Er hob die Moral der schwarzen Gemeinde. Mein neuer Freund sagte dasselbe – aber meinte die Weißen. Ihre Moral wurde unterminiert.

Wie weit half es zum Sieg? Mein Freund schätzte etwa 30%.

Der wirtschaftliche Effekt war geringer. Der psychologische Effekt war weit bedeutender. Die Weißen betrachteten sich als Vorhut des Westens im Kampf gegen den Kommunismus. Die Undankbarkeit des Westens erstaunte sie.(Sie würden mit ganzem Herzen das Versprechen von Theodor Herzl, dem Gründer der zionistischen Bewegung, gutheißen, dass der zukünftige jüdische Staat die Vorhut Europas und eine Mauer gegen die asiatische bzw. arabische Barbarei sei.)

Es war kein Zufall, dass die Apartheid ein paar Jahre nach dem Kollaps der Sowjetunion zusammenbrach. Die US verlor das Interesse. Kann dies bei unsern Beziehungen mit den US auch geschehen?

(Übrigens junge südafrikanische Schwarze, die vom Afrikanischen National-Kongress in die Sowjetunion zum Studium gesandt wurden, waren vom Rassismus schockiert, den sie dort antrafen. „sie sind schlimmer als die Weißen“ kommentierten sie.)

DAS GEBIET, in dem der Boykott die Apartheidleute am meisten traf, war der Sport. Kricket ist eine nationale Manie in SA. Als sie nicht länger an internationalen Wettbewerben teilnehmen konnten, fühlten sie den Schlag. Ihr Selbstvertrauen war gebrochen.

Ihre internationale Isolierung veranlasste sie, intensiver über die Moral der Apartheid nachzudenken. Immer mehr wurde dies hinterfragt. Bei den letzten Wahlen nach dem Abkommen stimmten viele Weiße, einschließlich vieler Afrikaander für ein Ende der Apartheid.

Wird ein Boykott Israels dieselbe Wirkung haben? Ich bezweifle es; Juden sind daran gewöhnt, isoliert zu sein. „Die ganze Welt ist gegen uns,“ ist für sie eine natürliche Situation. In der Tat habe ich manchmal das Gefühl, dass viele Juden sich nicht wohl fühlen, wenn die Situation anders wäre.

Ein sehr großer Unterschied zwischen den beiden Fällen ist, dass alle Südafrikaner – schwarz, weiß, farbig oder indisch – einen Staat wünschten. Da gab es keine, die die Teilung wollten (David Ben-Gurion, ein großer Anhänger einer Teilung wie in Palästina, schlug einmal vor, alle Weißen in SA in der Kap-Region zu konzentrieren und dort einen weißen Staat im Israelstil zu errichten. Keiner war daran interessiert. Einem ähnlichen Vorschlag Ben Gurions für Algerien ging es genauso.)

In unserm Fall wünscht die große Mehrheit auf jeder Seite, in einem eigenen Staat zu leben. Die Idee eines vereinigten Landes, in dem hebräisch sprechende Israelis und arabisch sprechende Palästinenser als Gleiche neben einander leben, in derselben Armee dienen und dieselben Steuern zahlen, erscheint ihnen ganz und gar nicht attraktiv.

APARTHEID WURDE von den Schwarzen selbst überwunden. Keine versteckte kolonialistische Haltung kann diese Tatsache tilgen.

Der Massenstreik der afrikanischen Arbeiter, von denen die weiße Wirtschaft abhing, machte die Position der herrschenden Weißen unmöglich. Der Massenaufstand der Schwarzen, der unglaublich physischen Mut bewies, war entscheidend. Am Ende befreiten sich die Schwarzen selbst.

Und noch ein Unterschied: In SA gab es einen Nelson Mandela und einen Frederik de Klerk.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die Herabsteigenden

Erstellt von Gast-Autor am 30. November 2013

Die Herabsteigenden

Autor Uri Avnery

DIEJENIGEN, DIE an der Geschichte der Kreuzfahrer interessiert sind, fragen, was brachte die Kreuzfahrer zum Untergang? Wenn man überall im Land so stolze Reste ihrer Burgen sieht, fragt man sich dies.

Die traditionelle Antwort ist: der Sieg über die Kreuzfahrer in der Schlacht an den Hörnen von Hittin, Zwillingshügel in der Nähe des Sees Genezareth, 1187 durch den großen muslimischen Sultan Salah-ad-Din (Saladin).

Doch der Kreuzfahrerstaat lebte weitere 100 Jahre in Palästina und seiner Umgebung.

Der maßgeblichste Historiker, der sich mit den Kreuzfahrern befasst hat, ist der verstorbene Steven Runciman . Er gab eine völlig andere Antwort: Das Königreich der Kreuzfahrer brach zusammen, weil zu viele Kreuzfahrer in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehrten, während zu wenige hinzukamen. Am Ende wurden die letzten ins Meer geworfen (buchstäblich).

ES GIBT große Unterschiede zwischen dem Kreuzfahrerstaat, der in diesem Land zweihundert Jahre währte, und dem gegenwärtigen Staat Israel; aber es gibt auch einige verblüffende Ähnlichkeiten. Deshalb zieht mich ihre Geschichte immer wieder an.

In letzter Zeit wurde ich an Runcimans Schlussfolgerung erinnert, weil in unsern Medien plötzlich Interesse an dem Phänomen der Auswanderung besteht. Manche Kommentare grenzen an Hysterie.

Es gibt zwei Gründe. Erstens: Eine Fernsehserie berichtet über israelische „Absteiger“ die ins Ausland herunter steigen. Zweitens: der Nobelpreis für Chemie geht an zwei Ex-Israelis. Beides verursachte viel Händewringen.

„Die Herabsteigenden“ (Yordim) ist der Terminus für Auswanderer –Leute, die nach Israel kommen, um hier zu leben, nennt man „Aufsteigende“ ( Olim), das im Hebräischen ein ähnliches Wort für Pilger ist. Wahrscheinlich hat das Wort etwas mit der Tatsache zu tun, dass Jerusalem auf einem Hügel liegt, von allen Seiten von Tälern umgeben ist, also muss man hinaufgehen, um es zu erreichen. Natürlich gibt es auch eine ideologische zionistische Verbindung zu diesem Terminus

Vor der Gründung unseres Staates und während der ersten Jahrzehnte sahen wir uns als heldenhafte Gesellschaft, die gegen große Schwierigkeiten ankämpfte, einschließlich mehrerer Kriege. Leute, die uns verließen, wurden als Deserteure angesehen, wie Soldaten, die während einer Schlacht ihre Einheit verlassen. Jitzhak Rabin nannte sie „Abfall“.

Was die Fernseh-Geschichte so erschreckend machte, war, dass sie gewöhnliche junge Israelis aus der Mittelklasse zeigte, die für immer nach Berlin, London oder New Jersey siedelten. Einige ihrer Kinder sprechen schon fremde Sprachen und geben Hebräisch auf. Schrecklich.

Bis vor kurzem wurden „Herabsteigende“ ( hebr. Yordim) mit Außenseitern der normalen Gesellschaft in Verbindung gebracht, mit Leuten der unteren Klasse und anderer, die ihren Platz nicht in der gewöhnlichen Gesellschaft finden konnten. Aber hier waren es normale, gut erzogene junge Paare, in Israel geboren, die gut Hebräisch sprechen. Ihre Hauptklage – sie klang eher wie eine Entschuldigung –war, dass sie in Israel mit ihren Finanzen nicht bis ans Monatsende kamen, dass ihr Mittelklassegehalt nicht für ein bescheidenes Leben ausreichte, weil die Gehälter zu niedrig und die Preise zu hoch seien. Sie hoben die Mieten für Wohnungen heraus. Der Preis für eine Wohnung in Tel Aviv entspricht den Gehältern von 120 Monaten. (Das ist nicht verschrieben)

Doch nüchterne Nachforschung zeigte, dass Emigration während der letzten Jahre tatsächlich zurückgegangen ist. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Israelis, sogar einschließlich einer Mehrheit arabischer Bürger, mit ihrer wirtschaftlichen Situation zufrieden sind – mehr als in den meisten europäischen Ländern.

DER ZWEITE GRUND für die Hysterie war der Nobelpreis, der an zwei amerikanische Professoren der Chemie verliehen wurde, die in Israel aufgewachsen sind, einer von ihnen sogar im Kibbuz.

Israel ist unendlich stolz auf seine Nobelpreisträger. Im Verhältnis zur Größe des Landes, ist ihre Anzahl tatsächlich außerordentlich.

Viele Juden sind tief davon überzeugt, dass der jüdische Intellekt bei weitem dem anderer Völker überlegen ist. Darüber gibt es eine Menge Theorien. Eine davon betrifft mittelalterliche Zeiten. Die europäischen Intellektuellen waren damals meistens Mönche, die im Zölibat lebten und ihre Gene nicht an Nachwuchs weiter vererbten. In jüdischen Gemeinden war es genau umgekehrt: Die Reichen waren stolz, ihre Töchter mit besonders begabten Torah-Gelehrten zu verheiraten und so erlaubten, dass ihr Nachwuchs unter privilegierten Umständen lebte.

Doch hier waren diese beiden Wissenschaftler, die Israel vor Jahrzehnten verließen, um auf fremden Wiesen zu grasen, ihre Forschungen in amerikanischen Prestige-Universitäten fortführen konnten.

In früheren Jahren wären sie Verräter genannt worden. Nun verursachen sie nur eine „tiefe“ Gewissensprüfung“. Einem der beiden, der Israel verlassen hatte, war keine Dozentenstelle beim hoch geachteten Weizmann-Institut angeboten worden. Warum ließen wir ihn gehen? Und was ist mit allen anderen?

Tatsächlich ist das kein speziell israelisches Problem. Abwanderung von klugen Köpfen findet in aller Welt statt. Ein ehrgeiziger Wissenschaftler sehnt sich nach den besten Laboratorien, den besten Universitäten. Junge Geister aus aller Welt strömen nach den USA. Israelis sind da keine Ausnahme. Wir haben gute Universitäten. Drei von ihnen stehen irgendwo auf der Liste der 100 besten Universitäten der Welt. Aber wer kann der Versuchung von Harvard oder Princeton widerstehen?

DIE PLÖTZLICHE Desillusion veranlasste Israelis, die israelischen Hochschulen genauer anzusehen. Es scheint, dass unser Standard nach unten rutscht. Unsere Universitäten erhalten zu wenig finanzielle Unterstützung von der Regierung, die Zahl der Professoren und ihre Qualität lässt nach. Abiturexamen sehen schlechter aus

Warum?

Immense Gelder werden von der Armee verschlungen, deren Forderungen von Jahr zu Jahr wachsen, obwohl sich unsere Sicherheitssituation die ganze Zeit verbessert.

Unsere ewig anhaltende Besatzung der palästinensischen Gebiete ist für unsere mageren Ressourcen wie ein Fass ohne Boden. Natürlich auch die Siedlungen. Unsere Regierung investiert in sie riesige Summen Geld. Die genaue Summe ist ein Staatsgeheimnis.

Auf die Dauer kann ein kleines Land mit begrenzten Mitteln keine große Armee unterhalten, dazu ein Besatzungsregime und Hunderte von Siedlungen, ohne alles andere zu vernachlässigen. Ein einziges Kampfflugzeug kostet mehr als eine Schule, ein Krankenhaus oder ein Laboratorium.

ABER MEINE Sorge über die Auswanderung bleibt nicht auf materielle Dinge beschränkt.

Die Leute gehen nicht nur aus materiellen Gründen. Sie denken vielleicht, dass sie emigrieren, weil das Leben in Berlin billiger sei als in Tel Aviv, dass man dort eher Wohnungen finden könne, die Gehälter höher die Preise niedriger seien. Es ist aber nicht nur die Stärke der Anziehungskraft des Auslands, das zieht – es ist auch die starke oder weniger starke Verbundenheit mit der Heimat,

In den Jahren, als die „Absteigenden“ als Müll angesehen wurden, waren wir stolz darauf, Israeli zu sein. Während der fünfziger und sechziger Jahre fühlte ich mich wohl, wenn ich meinen israelischen Pass bei einer Grenzkontrolle zeigte. Israel wurde in der ganzen Welt mit Bewunderung angesehen, nicht zum Geringsten bei unsern Feinden.

Ich glaube, dass es ein grundsätzliches Menschenrecht ist, auf seine Gesellschaft, auf sein Land stolz zu sein. Menschen gehören zu Nationen. Selbst im heutigen globalen Dorf benötigen die meisten Menschen das Gefühl, dass sie in ein bestimmtes Land und zu einem bestimmten Volk gehören. Keiner möchte sich dessen schämen.

Wenn heute ein Israeli seinen Pass zeigt, fühlt er keinen Stolz, er mag ein trotziges Gefühl empfinden („Wir gegen die ganze Welt“), aber er oder sie ist sich ihres Landes bewusst, dass es von vielen als Apartheidstaat angesehen wird und ein anderes Volk unterdrückt. Jede Person im Ausland hat zahllose Fotos schwer bewaffneter israelischer Soldaten gesehen, die Angst einflößend vor palästinensischen Frauen und Kindern stehen. Nichts, auf das man sehr stolz ist.

Dies ist kein Thema, über das jeder spricht. Aber es ist da. Und es sieht so aus, als würde es schlimmer werden.

Jüdische Israelis sind im von Israel beherrschten Land – vom Mittelmeer bis zum Jordan – schon eine Minderheit. Die Mehrheit der Untertanen, die jedes Jahr wächst, ist aller ihrer Rechte beraubt. Die Unterdrückung wird notwendigerweise wachsen. Das Bild Israels wird in aller Welt schlimmer werden. Der Stolz wird mit Israel schrumpfen.

EINE AUSWIRKUNG wird schon offensichtlich.

Eine einflussreiche kürzliche Umfrage, die unter amerikanischen Juden durchgeführt wurde, zeigt eine deutliche Abnahme der Verbindung junger Juden für Israel

Die amerikanisch-jüdische Szene wird von älteren führenden Funktionären dominiert, die niemals von irgendjemand gewählt wurden. Sie üben eine enorme Macht über das amerikanische politische Leben aus, aber ihr Einfluss in ihrer eigenen Gemeinde lässt nach. Junge jüdische Amerikaner sind nicht mehr stolz auf Israel. Einige schämen sich sogar.

Diese jungen Juden stehen nicht auf, um zu protestieren. Sie haben Angst, Munition für Antisemiten zu liefern. Sie sind auch von Kind an so erzogen, dass wir Juden gegen die Gojim (Nichtjuden) zusammenstehen müssen; denn die wollen uns vernichten.

Anstatt ihre Stimme zu heben, halten sie den Mund, verlassen ihre Gemeinden und verschwinden vor ihren Augen. Dieser Prozess kann aber für Israel zutiefst verhängnisvoll werden. Unsere Führer verlassen sich vollkommen auf ihre Macht über den amerikanischen Politiker. Wenn diese merken, dass die -amerikamisch jüdische Unterstützung Israels weniger wird, werden sie sich schnell von ihnen befreien.

ES GIBT noch einen anderen Aspekt der zionistischen Ideologie, die dieses Problem betrifft

.Der Zionismus sollte die Juden nach Israel bringen. Darum geht es in erster Linie. Aber Zionismus kann eine Zwei-Fahrt- Straße sei.

Israel erklärt es sei der „Staat des jüdischen Volkes“ – Juden in aller Welt werden de facto als israelische Bürger angesehen. Aber wenn es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen einem Juden in Haifa und einem Juden in Hamburg gibt, warum soll man in Haifa bleiben, wenn das Leben in Hamburg so viel besser zu sein scheint?

Ich habe Jahrzehnte lang eine Kampagne geführt, die zionistische Ideologie durch einen einfachen israelischen Patriotismus zu ersetzten. Vielleicht kommt die Zeit noch, dies zu tun – nachdem sich Israel in ein Land verwandelt hat, auf das man wieder stolz sein kann.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Ovadias Wahl

Erstellt von Gast-Autor am 24. November 2013

Ovadias Wahl

Autor Uri Avnery

ALS RABBI Ovadia das erste Mal auf der politischen Bühne erschien, stieß ich einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus.

Hier war der Mann, von dem ich träumte: der charismatische Führer der orientalischen Juden, ein Mann des Friedens, der Vertreter moderater religiöser Traditionen.

„Rabbi Ovadia“, wie ihn alle nannten, der in dieser Woche im Alter von 93 Jahren starb, wurde in Bagdad geboren, kam als 4Jähriger Junge nach Palästina und gewann als religiöser Gelehrter hohe Achtung. Während des 48er Krieges war er der Oberrabbiner von Ägypten, später der sephardische Oberrabbiner von Israel. Als seine Ernennung wegen einer obskuren politischen Intrige nicht wiederholt wurde, gründete er eine neue politische Partei, die Shas, die schnell eine Kraft in der israelischen Politik wurde.

Er zog meine Aufmerksamkeit das erste Mal auf mich, als er, im Gegensatz zu den meisten andern prominenten Rabbinern, entschied, dass das jüdische religiöse Gesetz, die Halachah, erlaubt, Teile von Erez Israel um des Friedens willen herzugeben. Das „Retten von Leben“ hat Priorität.

BEVOR WIR weiterfahren, lasst mich einige Ausdrücke erklären. Die Ausdrücke „sephardisch“ und „orientalisch“ werden oft verwechselt. Aber sie bedeuten nicht ganz dasselbe.

Sepharad bedeutet „Spanien“. Sephardische Juden sind die Nachkommen der Juden, die von ihrem katholischsten Königspaar Ferdinand und Isabella 1492 aus Spanien vertrieben wurden Fast alle von ihnen scheuten das christliche antisemitische Europa und siedelten in Ländern unter wohlwollender muslimischer Herrschaft von Marokko bis Bulgarien.

Das ottomanische Reich gründete sich auf ein System von „millets“, religiös-ethnische Gemeinschaften, die sich unter ihren eigenen Führern, Gesetzen und nach den eigenen Traditionen selbst regierten. Die Juden wurden im ganzen Reich von dem Hakham Bashi, dem Oberrabbiner regiert, der natürlich ein Sepharde war. Dies war eine säkulare Ernennung – nach jüdischem Gesetz gibt es keinen Oberrabbiner, keinen jüdischen Papst. Alle Rabbiner sind gleich – jeder Jude kann dem Rabbiner eigener Wahl folgen.

Als die Briten Palästina übernahmen, waren sie dazu bewegt auch einen ashkenasischen Oberrabbiner zu ernennen. Seitdem haben wir zwei Oberrabbiner in diesem Land, einen sephardischen und einen ashkenasischen; jeder hält die Tradition seiner Gemeinde aufrecht.

Doch die große Mehrheit der Juden aus islamischen Ländern sind keine Sepharden. Heute wollen sie lieber Orientalen (Mizrachim) genannt werden. Doch die Termini Sepharde und Orientale überschneiden sich und bekamen mehr oder weniger dieselbe Bedeutung.

DIE ANZAHL der Leute, die an dem Begräbnis von Rabbi Ovadia teilnahmen, sind auf 800 000 geschätzt worden – mehr als die ganze jüdische Bevölkerung am Gründungstag des Staates Israel. Selbst wenn man annimmt, dass diese Zahl weit übertrieben ist, so war dieses Ereignis außerordentlich. Jerusalem war praktisch blockiert; der Leichenwagen konnte kaum den Friedhof erreichen.

All diese Hunderttausende – alle Männer – trugen die „Uniform“ der orthodoxen Juden – schwarze Gewänder, weiße Hemden, große schwarze Hüte. Viele weinten und jammerten – es grenzte an eine Massenhysterie.

Die Trauerreden der religiösen und weltlichen Führer und Kommentatoren waren voll Superlative. Er wurde der größte sephardische Jude der letzten 500 Jahre genannt, ein „Großer der Thorah“, dessen Lehren noch in die nächsten Jahrhunderte hinüber wirken würden.

Ich muss gestehen, dass ich nie ganz seine Größe als Denker, ob religiös oder sonst wie verstanden habe. Er erinnerte mich immer an etwas, das Yeshayahu Leibowitz einmal zu mir sagte, dass die jüdische Religion vor 200 Jahren gestorben sei und nichts als leere Rituale hinterlassen habe.

Rabbiner Ovadia schrieb 40 Bücher, Beurteilungen und Interpretationen des religiösen Gesetzes. Während ashkenasische Rabbiner gewöhnlich dahin tendieren, mit religiösen Anordnungen härter zu verfahren, tendierte Josef dahin, es leichter zu machen. In diesem folgte er der orientalischen Tradition, die immer viel moderater war (wie bis vor kurzem der Islam)

Josef erlaubte Witwen von gefallenen Soldaten, wieder zu heiraten (eine komplizierte Prozedur nach der Halakhah). Er entschied, dass die äthiopischen Falashen Juden sind und deshalb die Erlaubnis haben, nach dem Rückkehr-Gesetz nach Israel zu kommen. In zahllosen individuellen Fällen machte er es für die Leute einfacher, strengen Einschränkungen auszuweichen. Da in Israel große Bereiche privater Angelegenheiten, wie Heirat und Scheidung, nach dem religiösen Gesetz von Rabbinern geregelt werden, war dies auch für säkulare Leute sehr wichtig.

Aber ein tiefer Denker? Ein moderner Weiser? Da habe ich meine Zweifel. Wie ein Kommentator es wagte, darauf hinzuweisen, hat der neue Papst in wenigen Monaten mehr getan, um die theologische und soziale Einstellung seiner Kirche zu ändern, als Ovadia in seiner Lebenszeit. Das Reformjudentum hat weit mehr getan, um das Judentum zu modernisieren

ABER MEINE anfängliche Würdigung und endliche Enttäuschung mit diesem Rabbiner betreffen keine religiösen Fragen.

Rabbi Ovadia war eine überragende Persönlichkeit in der israelischen Politik. Fast die Hälfte aller israelischen Bürger ist orientalischen Ursprungs. Bis zu seinem Erscheinen waren sie eine unterprivilegierte Klasse, weit entfernt von den Zentren der Macht, oft gedemütigt, ganz uneinig. Alle Versuche, sie in eine politische Kraft zu verwandeln, misslangen elendiglich.

Und dann kam der Rabbiner. Er gründete eine machtvolle Partei, die oft als Schiedsrichter in der israelischen Politik diente. Er gab den Orientalen ihre verlorene Würde zurück. Er vereinigte sie. Das war eine große Errungenschaft.

Aber wozu? Ich hatte gehofft, wenn einmal die orientalischen Juden ihre Selbstachtung zurückgewonnen hätten, würden sie sich an ihre Vergangenheit erinnern, an das Goldene Zeitalter der jüdisch-muslimischen Zusammenarbeit und Zusammenleben im mittelalterlichen Spanien, als die jüdische Dichtung in der arabischen Sprache blühte, als der große religiöse Denker Moses Maimonides der persönliche Arzt von Saladin war, dem muslimischen Heerführer, der die Kreuzfahrer vernichtete.

Mit dieser Hoffnung wählte ich Josefs Schützling und politischen Bannerträger Aryeh Deri, der in Marokko geboren wurde; er war wie sein Meister ein Mann des Friedens und sprach sich öffentlich für eine Übereinkunft mit den Palästinensern aus.

Aber der Traum löste sich in nichts auf. Die Shas-Partei wandte sich immer mehr dem rechten Flügel zu und unterstützte ihre extreme antiarabische Politik. Der Rabbiner, ein großer Experte im Fluchen auf Arabisch und Hebräisch, verfluchte die Araber genauso wie seine jüdischen Opponenten. (Einmal verkündigte er, dass am Todestag von Shulamit Aloni für ihn ein Festtag sein werde. Aloni, eine linke Führerin, feierte Josefs Todestag nicht).

Es gibt viele Gründe – psychologische und soziologische dafür, dass die orientalische Gemeinde anti-arabisch und gegen Frieden eingestellt ist. Es ist nicht nur Josefs und Deris Schuld. Aber sie taten nichts dagegen. Im Gegenteil, sie liefen mit der Menge indem sie den Prozess noch beschleunigten.

Rabbi Ovadia beherrschte die Shas- Partei wie ein Papst, wählte ihre Führer aus und – setzte sie ab –ganz wie er wollte. Die Partei hat keine demokratische Institution, keine interne Wahlen. Der Rabbi traf alle Entscheidungen selbst. Indem er sich dem antiarabischen Chor anschloss, beging er eine schwere Sünde – obwohl er nie sein Urteil aufhob, die besetzten Gebiete aufzugeben, um Leben zu retten.

DA ER zur Partei der Unterdrückten gehörte, hätte man erwarten können, dass Shas wenigstens die führende Rolle im sozialen Protest übernehmen würde.

Und tatsächlich sprachen Rabbi Ovadia und seine Untergebenden endlos über das Elend der orientalischen Massen, über die Armen und Behinderten. Aber im realen Leben taten sie absolut nichts, damit dieses Elend durch die Regierungspolitik, durch soziale Reformen, durch Stärkung des Wohlfahrtsstaates u.ä. gelindert werde. Tatsächlich klagten ihre Gegner sie an, absichtlich ihre Wählerschaft in Unwissenheit und Armut zu belassen, um sie so in einem Zustand der Abhängigkeit zu lassen.

Die nüchterne Tatsache ist, dass Ovadia und seine Partei ihre beträchtliche politische Macht für Erpressung ausnutzten, um aus der Regierung immense Geldmengen für ihr unabhängiges Bildungssystem und für nichts anderes herauszuziehen. Dieses System erstreckt sich vom Kindergarten bis in die höheren Talmudschulen. In ihnen wird nichts weiter als heilige Texte gelehrt. Etwa so, wie in den muslimischen Koranschulen. Ihre Absolventen sind nicht in der Lage, sich der arbeitenden Bevölkerung anzuschließen. Natürlich dienen sie auch nicht in der Armee.

Am Tag nach der Beerdigung, als Benjamin Netanjahu seinen Kondolenzbesuch bei der Familie machte, sprachen die Söhne nicht über Frieden und Sozialreformen mit ihm. Sie sprachen mit ihm nur über die bösen Absichten, dass ihre Kinder in der Armee dienen müssen.

Böse Zungen sprachen über die Kontrolle von Josefs Familie über ein riesiges privatwirtschaftliches Empire, das sich auf die Koscher-Bestätigungsindustrie gründete. Bewunderer von Rabbi Ovadia bestanden darauf, dass ihre Lebensmittel von einer seiner Vertrauenspersonen als streng koscher abgesichert wurden – natürlich gegen einen Preis. Niemand weiß, wie viel Kapital sich bei diesem Josef-Familien-Empire angesammelt hat.

FÜR NICHT-ORTHODOXE jüdische Israelis, die noch die Mehrheit darstellen, war Rabbi Ovadia eine exzentrische und sogar eine liebenswürdige Persönlichkeit.

Das Fernsehen liebte seine Art und Weise, wie er die Gesichter seiner hohen oder niedrigen Besucher sozusagen liebevoll betatschte. Seine Flüche sind ein Teil der Folklore geworden (Einmal nannte er Netanjahu eine „blinde Ziege“)

Seine Kleidung machte ihn unverwechselbar. Auch nachdem er den Posten des Sephardischen Oberrabbiner aufgeben musste, bestand er darauf, bis zum Ende den Hut mit goldener Borte zu tragen wie die türkische Uniform dieses Büros.

Wie die meisten Führer dieses Typs hinterlässt er keinen Nachfolger. Es gibt keinen zweiten Rabbi Ovadia, und es wird für lange Zeit keinen geben. Eine Autorität auf persönlicher Führung, Charisma und Gelehrsamkeit benötigt Jahrzehnte. Kein Kandidat ist in Sicht. Selbst das Überleben der Shas-Partei unter Deri ist nicht gesichert.

Für mich ist es eine traurige Geschichte. Israel braucht einen großen sephardischen Führer, der in der Lage ist, die Massen für Frieden und sozialen Fortschritt zu mobilisieren. Ich hoffe nur, dass er noch vor dem Messias kommt.

(Aus dem Engl.: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Nah-Ost, Positionen | Keine Kommentare »

Der Spielverderber

Erstellt von Gast-Autor am 20. November 2013

Der Spielverderber

Autor Uri Avnery

BENJAMIN NETANjAHU erweckte mein Mitleid. Aus meiner 10 jährigen Mitgliedschaft in der Knesset weiß ich, wie unerfreulich es ist, vor einem leeren Saal zu sprechen.

Seine ewig gestrigen Genossen – ein pathetischer Rest von Casinobesitzern und ausgebrannter Zionisten des rechten Flügels – saßen auf der Galerie, und eine aufgeblasene israelische Delegation saß im Saal. Doch unterstrichen sie nur die allgemeine Leere. Deprimierend.

Wie anders doch bei Präsident Hassan Rouhanis Empfang! Da war der Saal überfüllt; der Generalsekretär und die andern Würdenträger eilten von ihren Sitzen, um ihm am Ende zu gratulieren. Die internationalen Medien konnten nicht genug von ihm bekommen.

Netanjahu hatte auch Pech. Es war am Ende der Sitzung, jeder beeilte sich, nach Hause oder zum Einkaufen zu gehen. Keiner war in der Stimmung, noch eine Lektion jüdischer Geschichte zu hören. Genug ist genug.

Es kam noch schlimmer. Die Rede wurde durch einen die Welt erschütternden Vorfall total in den Schatten gestellt: die Schließung der US-Bundesregierung. Der Zusammenbruch des gefeierten US-Systems der Regierungsgewalt – etwas wie ein administrativer 9/11 – es war ein faszinierender Anblick. Netanjahu konnte nicht konkurrieren.

VIELLEICHT GAB es bei den Delegierten unseres Ministerpräsidenten ein klein wenig Schadenfreude ihm gegenüber.

Bei seiner Rede vor der UN-Vollversammlung im letzten Jahr nahm er die Rolle des Lehrers der Welt an, benützte primitive Unterrichtshilfen am Rednerpult, zeichnete mit roter Tinte eine Linie in die Zeichnung, die die Bombe darstellte, als wäre es eine Darstellung für die 3. Grundschulklasse

Seit Wochen ist jetzt durch israelische Propaganda den Weltführern erzählt worden, dass sie kindisch naiv seien oder nur einfach dumm. Vielleicht wollten sie dies nicht hören. Vielleicht wurden sie in ihrem Glauben bestärkt, dass die Israelis (oder noch schlimmer: die Juden) arrogant, herablassend sind. Vielleicht war es auch nur eine gönnerhafte Rede zu viel.

All dies ist sehr traurig. Traurig für Netanjahu. Er hatte so viel Mühe in diese Rede gesteckt. Für ihn ist eine Rede vor der UNO (oder dem USA-Kongress) wie eine größere Schlacht eines berühmten Generals – ein historischer Augenblick. Er lebt von einer Rede zur anderen, im Voraus jeden Satz abwiegend und immer wieder übend, auch die Körpersprache und den Tonfall, wie der vollkommene Schauspieler, der er ist.

Und hier war er, der große Shakespearianer und deklamierte „zu sein oder nicht zu sein“ vor einem leeren Saal, unhöflich von einem einzigen schnarchenden Herrn in der zweiten Reihe gestört.

KÖNNTE UNSERE Propaganda weniger langweilig sein?

Natürlich konnte sie.

Bevor Netanjahu seine Füße auf amerikanischen Boden setzte, wusste er, dass die Welt bei den Anzeichen der neuen iranischen Haltung vor Erleichterung aufatmete. Obwohl er überzeugt sein mochte, dass die Ayatollahs – wie gewöhnlich – lügen, war es weise, als Serienspielverderber zu erscheinen.

Er könnte gesagt haben: „Wir heißen die neuen Töne aus Teheran willkommen. Wir hörten mit großer Sympathie Herrn Rouhanis Rede. Zusammen mit der ganzen Welt, die durch diese illustre Versammlung vertreten ist, haben wir die große Hoffnung, dass die iranische Führung es ernst meint und dass durch ernsthafte Verhandlungen eine faire und effektive Lösung gefunden werden kann.

„Doch können wir nicht die Möglichkeit ignorieren, dass diese freundliche Offensive nur eine Nebelwand ist, hinter der Herr Rouhanis interne Feinde weiter an der Atombombe bauen, die uns alle bedroht. Deshalb erwarten wir von uns allen, äußerste Vorsicht bei den Verhandlungen walten zu lassen…“

Es ist der Ton, der die Musik macht.

STATTDESSEN DROHTE unser Ministerpräsident noch einmal – und schärfer als bisher – mit einem israelischen Angriff auf den Iran.

Er zog einen Revolver schwingend hervor, der – wie jeder wusste – leer ist.

Diese Möglichkeit bestand nie wirklich, wie ich es wiederholt bemerkt habe. Die Geographie, die Weltwirtschaft und politische Umstände machen einen Angriff auf den Iran unmöglich.

Aber selbst, wenn es zu irgendeiner Zeit real gewesen wäre, so steht es jetzt außer Frage. Die Welt ist dagegen. Die US-Öffentlichkeit ist endgültig dagegen.

Ein Angriff von Israel allein, angesichts einer resoluten amerikanischen Opposition, ist so wahrscheinlich, als würde Israel eine Siedlung auf dem Mond errichten. Ziemlich unwahrscheinlich.

Ich weiß nichts über die militärische Machbarkeit. Könnte es geschehen? Könnte unsere Luftwaffe dies ohne US-Hilfe und Unterstützung tun? Selbst, wenn die Antwort positiv wäre, die politischen Umstände verbieten es. Tatsächlich scheinen unsere militärischen Chefs an solch einem Abenteuer überhaupt nicht interessiert zu sein.

DER HÖHEPUNKT der Rede war Netanjahus grandiose Erklärung: „Wenn wir alleine stehen müssen, werden wir alleine stehen!“

Woran erinnert mich dies? Gegen Ende des Jahres 1940 erschien in Palästina – und ich vermute im gesamten britischen Empire – ein tolles Propaganda-Plakat. Frankreich war besiegt, Hitler war noch nicht in die Sowjetunion eingefallen, die US war weit davon entfernt, zu intervenieren. Das Poster zeigte den unerschrockenen Winston Churchill und einen Slogan: „Nun gut, dann eben alleine!“

Netanjahu konnte sich nicht daran erinnern, obwohl sein Gedächtnis pränatal ist. Ich nenne es „ Umgekehrten Altzheimer“ – man erinnert sich an Dinge, die sich nie ereigneten. (Er erzählte einmal lang und breit, wie er als Junge mit einem britischen Soldaten in den Straßen Jerusalems eine Diskussion hatte, obwohl der letzte britische Soldat das Land vor mehr als einem Jahr, vor seiner Geburt, verlassen hatte)

Die Phrase, nach der Netanjahu Ausschau hielt, wurde 1896 geschaffen: im Jahr als Theodor Herzl sein epochales Werk „Der Judenstaat“ veröffentlichte. Ein britischer Staatsmann prägte das Schlagwort „Splendid Isolation“, um die britische Politik unter Benjamin Disraeli und seinem Nachfolger zu charakterisieren.

Tatsächlich stammte der Slogan aber aus Kanada, als ein Politiker über Britanniens Isolierung während der napoleonischen Kriege sprach: „Niemals erschien die ‚Imperiale Insel‘ so großartig – sie stand allein und es gab eine ruhmreiche Einsamkeit!“

Sieht sich Netanjahu selbst als eine Wiedergeburt von Churchill, der stolz und unerschrocken gegen einen Kontinent stand, der von den Nazis verschlungen wurde?

Und wo bleibt dabei Barack Obama?

WIR WISSEN wo. Netanjahu und seine Gefolgsleute erinnern uns ständig daran.

Obama ist der moderne Neville Chamberlain.

Chamberlain der Beschwichtiger. Der Mann, der mit einem Blatt Papier wedelte und proklamierte: „Friede in unserer Zeit“ Der Staatsmann, der fast Zerstörung über sein Land brachte.

Bei dieser Version der Geschichte, von der wir jetzt Zeugen sind, ist es das Zweite München. Eine Wiederholung des berüchtigten Abkommens 1938 zwischen Adolf Hitler, Benito Mussolini, Edouard Daladier und Neville Chamberlain, bei dem das Sudetenland, das zur Tschechoslowakei gehörte – aber von Deutschen bewohnt war – zu Nazi-Deutschland kam und so die demokratische kleine Tschechoslowakei ohne Verteidigung ließ. Ein halbes Jahr später fiel Hitler in die Tschechoslowakei ein. Ein paar Monate später brach der 2. Weltkrieg aus, als er in Polen einmarschierte.

Historische Analogien sind immer gefährlich, besonders wenn sie von Politikern und Kommentatoren mit nur oberflächlichem historischem Wissen benützt werden.

Schauen wir uns München an: in der Analogie wird Hitlers Platz von Ali Khamenai eingenommen oder vielleicht von Hassan Rouhani. Tatsächlich? Haben sie die stärkste militärische Maschinerie, wie sie Hitler damals schon hatte?

Und sieht Netanjahu selbst aus wie Eduard Benes, der tschechische Präsident, der vor Hitler zitterte?

Und Präsident Obama, ähnelt er Chamberlain, dem Führer eines geschwächten und praktisch unbewaffneten Großbritannien, in verzweifelter Zeitnot für die Wiederbewaffnung? Ergibt sich Obama einem fanatischen Diktator?

Oder ist es der Iran, der aufgibt – oder vorgibt, seine nuklearen Ambitionen aufzugeben? Der auf seine Knie gebracht wird durch die strengen amerikanisch diktierten internationalen Sanktionen?

(Übrigens wurde die München-Analogie sogar noch verrückter angewandt, als es kürzlich in Israel für das amerikanisch-russische Abkommen zu Syrien ausgesprochen wurde. Dort übernahm Bashar al-Assad die Rolle des siegreichen Hitler, und Obama war der naive Engländer mit dem Schirm. Doch war es Assad, der seine kostbaren chemischen Waffen aufgab, während Obama nichts gab, außer dem Aufschub einer militärischen Aktion. War das München?)

KOMMEN WIR zurück zur Realität: Da gibt es gar nichts Großartiges was die Isolierung Israels in diesen Tagen betrifft.

Isolierung bedeutet Schwäche, Verlust von Macht, ein Schwinden der Sicherheit.

Es ist der Job eines Staatsmannes, Verbündete zu finden, Partnerschaften aufzubauen, die internationale Stellung seines Landes zu stärken.

Netanjahu liebt in letzter Zeit, unsere alten Weisen zu zitieren: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich?

Er vergisst den zweiten Teil desselben Satzes zu erwähnen: „Und wenn ich allein bin, was bin ich dann?“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die wirkliche Bombe

Erstellt von Gast-Autor am 10. November 2013

Die wirkliche Bombe


Autor Uri Avnery

VOR JAHREN verriet ich eines der größten Geheimnisse des Iran. Mahmoud Ahmadinejad war ein Agent des Mossad. Plötzlich hatten alle seltsamen Details seines Verhaltens einen Sinn. Seine öffentlichen Phantasien über das Verschwinden Israels. Seine Leugnung des Holocaust, was bis dahin nur typisch für einen Verrückten war.Sein Sich-Rühmen von Irans nuklearen Fähigkeiten.

Cui bono? Wem nützt es? Wer hatte Interesse an all dem Unsinn?

Da gibt es nur eine vernünftige Antwort: Israel. Sein Sich-in-Pose-werfen stellte den Iran als einen Staat dar, der beides war, lächerlich und unheimlich. Es rechtfertigte Israels Weigerung, den nuklearen Nichtverbreitungsvertrag zu unterzeichnen oder die Chemiewaffen-Konvention zu ratifizieren. Es lenkte die Aufmerksamkeit von Israels Weigerung ab, über die Besatzung der palästinensischen Gebiete zu diskutieren und sinnvoll Friedens-verhandlungen durchzuführen.

FALLS ICH Zweifel an diesem internationalen Knüller gehegt hätte, hat sich dieser jetzt aufgelöst.

Unsere politischen und militärischen Führer beklagen fast offen das Ende von Ahmadinejad.

Offensichtlich entschied der Oberste Führer Ali Khamenei, dass ich Recht hatte, und hat diesen Clown beseitigt.

Es ist noch schlimmer: er hat seine tödliche Feindschaft mit der zionistischen Entität bestätigt, indem er eine Person wie Hassan Rohani in den Vordergrund schob.

Rohani ist das genaue Gegenteil seines Vorgängers. Wenn der Mossad gefragt worden wäre, den schlimmsten iranischen Führer, den sich Israel vorstellen könne, zu skizzieren, dann hätte er jemand wie ihn vorgeschlagen .

Ein Iraner, der den Holocaust anerkennt und verurteilt! Ein Iraner, der eitel Freude und Sonnenschein anbietet! Ein Iraner, der allen Nationen Frieden und Freundschaft anbietet – und sogar andeutet, dass Israel mit eingeschlossen ist, wenn es nur die besetzten Gebiete aufgebe!

Könnte man sich irgendetwas Schlimmeres vorstellen?

ICH MACHE keinen Witz. Ich meine es todernst!

Ja, noch bevor Rohani nach seiner Wahl seinen Mund öffnen konnte, wurde er rundweg von Benjamin Netanyahu verurteilt.

Ein Wolf im Schafspelz! Ein wirklicher Anti-Semit. Ein Betrüger, der die ganze Welt täuscht! Ein hinterhältiger Politiker, dessen teuflisches Ziel es ist, einen Keil zwischen Israel und die naiven Amerikaner zu treiben!

Dies ist die wirkliche iranische Bombe, bei weitem bedrohlicher als die Atombombe, die hinter einer Nebelwand von Rohanis freundlicher Rede gebaut wird.

Eine Atombombe kann eine andere Atombombe abschrecken. Aber wie kann man einen Rohani abschrecken?

Yuval Steinitz, unser gescheiterter früherer Finanzminister und der gegenwärtig für unsere „strategische Angelegenheiten“ verantwortlich ist (Ja, wirklich!), rief in Verzweiflung aus, dass die Welt vom Iran getäuscht werden wolle. Benjamin Netanyahu nannte es eine „Honigfalle“. Kommentatoren, die „offiziellen Kreisen“ aus der Hand fressen (d.h. dem Büro des Ministerpräsidenten) behaupten, dass er eine existentielle Bedrohung darstelle.

All dies, bevor er ein Wort geäußert hatte.

ALS ROHANI schließlich seine große Rede bei der UN-Vollversammlung hielt, haben sich alle verheerenden Vorahnungen als richtig erwiesen.

Während Ahmedinejad eine Massenflucht der Delegierten aus der Halle verursachte, füllte Rohani sie. Diplomaten aus aller Welt waren neugierig auf den Mann. Sie hätten die Rede ein paar Minuten später lesen können, aber sie wollten ihn selbst sehen und hören. Sogar die US sandte Abgeordnete, um anwesend zu sein. Keiner ging hinaus.

Keiner d.h. außer den Israelis.

Den israelischen Diplomaten wurde von Netanyahu befohlen, die Halle demonstrativ zu verlassen, wenn der Iraner zu sprechen anfange.

Das war eine dumme Geste. So vernünftig und effektiv wie der Wutanfall eines kleinen Jungen, wenn ihm das Lieblingsspielzeug weggenommen wird.

Dumm, weil dies Israel als Spielverderber darstellte, und zwar zu einer Zeit, als die ganze Welt nach den kürzlichen Ereignissen in Damaskus und Teheran von Optimismus ergriffen ist.

Dumm auch, weil es die Tatsache erklärt, dass Israel zur Zeit total isoliert ist.

Übrigens, hat jemand bemerkt, dass Rohani während seiner halbstündigen Rede ständig seine Stirne abgewischt hat? Der Mann hat offensichtlich gelitten. Ist ein anderer Mossad-Agent in den Wartungsraum der UN geschlichen, um die Klimaanlage abzuschalten? Oder war es nur die schwere Garderobe?

Ich wurde niemals Priester, nicht nur, weil ich ein Atheist bin (gemeinsam mit vielen Priestern, vermute ich), sondern auch wegen der Verpflichtung, die entsprechenden schweren, geistlichen Gewänder zu tragen, wie es in allen Religionen gefordert wird. Dasselbe gilt auch für Diplomaten.

Schließlich sind alle Priester und Diplomaten auch Menschen (Wenigstens viele von ihnen).

Nur ein israelisches Kabinettmitglied wagte offen das Verhalten der israelischen Delegation zu kritisieren: Yair Lapid. Was ist in ihn gefahren? Nun, Umfragen zeigen, dass der aufgehende Stern nicht weiter aufsteigt. Als Finanzminister war er gezwungen worden, sehr unpopuläre Schritte zu tun. Da er nicht über Dinge wie die Besatzung und Frieden spricht, wird er als oberflächlich angesehen. Er ist fast zur Seite geschoben worden. Seine unverblümte Kritik an Netanyahu könnte ihn zurück ins Zentrum bringen.

Doch hat er seinen Finger auf eine zentrale Tatsache gelegt, dass Netanyahu und seine Mannschaft sich genau wie früher die arabischen Diplomaten benehmen. Sie tun so, als lebten sie vor einer Generation. Das bedeutet, dass sie in der Vergangenheit stecken geblieben sind. Sie leben nicht in der Gegenwart.

In der Gegenwart zu leben, heißt, dass Politiker etwas tun müssen, was sie nicht gern tun: wieder nachdenken.

Die Dinge ändern sich, langsam, sehr langsam, aber spürbar.

Es ist viel zu früh, über die abnehmende Bedeutung des amerikanischen Empire viel zu sagen, aber man braucht keinen Seismographen, um einige Bewegung in dieser Richtung zu bemerken.

Die syrische Affäre war ein gutes Beispiel. Vladimir Putin mag gern in Judo-Haltung fotografiert werden. Beim Judo nützt man den Schwung des Gegners, um ihn zu Fall zu bringen. Das ist genau das, was Putin tat. Präsident Obama hat sich selbst in die Ecke getrieben. Er hat deutlich kampflustige Drohungen artikuliert und konnte nicht zurück. Aber die US-Öffentlichkeit ist in keiner kriegerischen Stimmung. Putin befreite ihn aus diesem Dilemma. Es hatte aber seinen Preis.

Ich weiß nicht, ob Putin solch ein guter Spieler ist, dass er sich auf eine Nebenbemerkung von John Kerry auf Bashar Assad stürzte: er habe eine Chance, auf chemische Waffen zu verzichten. Ich habe ziemlich den Verdacht, dass dieses im Voraus arrangiert war. So oder so, Obama war gerettet, und Putin war wieder im Spiel.

Ich habe über Putin sehr gemischte Gefühle. Er hat seinen tchetchenischen Bürgern gegenüber das angetan, was Assad seinen sunnitischen Bürgern jetzt antut. Seine Behandlung von Dissidenten, wie der Pussy Riot Gruppe, ist abscheulich.

Aber auf der internationalen Bühne ist Putin jetzt der Friedensmacher. Er hat den Stachel aus der chemischen-Waffenkrise herausgezogen; und er könnte möglicherweise, die Initiative ergreifen und ein politisches Abkommen für den fürchterlichen Bürgerkrieg erreichen.

Der nächste Schritt könnte sein, eine ähnliche Rolle in der iranischen Krise zu übernehmen. Falls Khamenei zu der Schlussfolgerung kommen sollte, dass sein nukleares Programm nicht so viel wert ist, wie die durch die Sanktionen verursachte wirtschaftliche Misere, dann mag er es an die US verkaufen. In diesem Fall könnte Putin eine lebenswichtige Rolle spielen: zwischen zwei knallharten Unterhändlern zu vermitteln, die eine Menge zu verhandeln haben.

(Es sei denn, Obama verhält sich wie der Amerikaner, der in einem persischen Bazar einen Teppich kaufte. Der Verkäufer verlangte 1000 $, und der Amerikaner bezahlte, ohne zu feilschen. Als ihm gesagt wurde, dass der Teppich nicht mehr als hundert Dollar wert sei, antwortete er: „Ich weiß, aber ich wollte ihn bestrafen. Jetzt wird er nicht schlafen können und sich verfluchen, dass er nicht 5000 $ verlangt hat)

WIE PASSEN wir Israelis in diese sich verändernde Szene?

Zunächst mal müssen wir anfangen nachzudenken, auch wenn wir es lieber vermeiden würden. Neue Umstände fordern neue Gedanken.

In seiner eigenen US-Aussprache machte Obama eine klare Verbindung zwischen der iranischen Bombe und der israelischen Besatzung. Diese Verbindung kann nicht unberücksichtigt bleiben. Also greifen wir zu.

Die US sind heute etwas weniger bedeutsam, als sie gestern waren. Russland ist etwas bedeutsamer, als es gestern war. Wie AIPACs sinnloser Angriff auf den Kapitol-Hügel während der syrischen Krise zeigt, ist auch diese Organisation heute ein bisschen weniger mächtig.

Denken wir noch einmal über den Iran nach. Es ist zu früh, zu folgern, wie weit sich Teheran bewegen wird, wenn überhaupt. Aber wir müssen es versuchen. Räume zu verlassen, ist keine Politik, sie zu betreten ist Politik.

Wenn wir einige unserer früheren Beziehungen mit Teheran wieder herstellen oder eben nur den Stachel aus der gegenwärtigen herausnehmen könnten, wäre dies ein sehr großer Gewinn für Israel. Dies mit einer wirklichen Friedensinitiative gegenüber den Palästinensern zu verbinden, wäre sogar noch besser.

Unser gegenwärtiger Kurs führt uns in die Katastrophe. Die gegenwärtigen Veränderungen auf der internationalen und der regionalen Bühne könnten eine Veränderung des Kurses möglich machen

Helfen wir Präsident Obama, die amerikamische Politik zu verändern, statt AIPAC dazu benützen, dass er den Kongress terrorisiert, damit er blind eine überholte Politik gegenüber dem Iran und den Palästinensern unterstützt. Strecken wir vorsichtige Fühler in Richtung Russland aus. Verändern wir unsere öffentliche Haltung, wie die iranischen Führer es mit solchem Erfolg tun.

Oder sind sie klüger als wir?

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Gestohlene Kriege

Erstellt von Gast-Autor am 3. November 2013

Gestohlene Kriege

Autor Uri Avnery

WENN JEMAND von dir etwas Kostbares stiehlt, sagen wir einen Diamanten, wirst du ärgerlich sein.

Selbst Gott sagt so etwas. Als Er einen Wurm sandte, um die  Rhizinusstaude  , die dem Propheten Jona  in der Wüste Schatten spendete, verdorren ließ, fragte er ihn  boshaft:  „Meinst du, dass du mit Recht zürnst um der Staude willen? „ (Jona4,9)
Und nun ist da jemand, der uns etwas viel Kostbareres als einen Diamanten oder eine Staude gestohlen hat.

Einen Krieg, vielleicht sogar zwei Kriege.

Also haben wir jedes Recht, wütend zu sein.

KRIEG NUMMER EINS sollte in Syrien stattfinden. Die US waren dabei, das Regime von Bashar al-Assad anzugreifen. Eine medizinische Operation: kurz, sauber, chirurgisch

Als der Kongress zögerte, wurden die Hunde der Hölle losgelassen. AIPAC sandte seine  Rottweiler auf den Kapitolhügel, um jeden  Senator oder Kongressmann, der dagegen war, in Stücke zu reißen. In Israel wurde gesagt, dass Benjamin Netanjahu sie auf ausdrücklichen Wunsch von Barack Obama dorthin sandte.

Aber die ganze Übung ging von Anfang an schief. Die Amerikaner sagten, sie würden das Assad-Regime nicht stürzen. Gott bewahre! Im Gegenteil. Assad sollte bleiben. Es war nicht nur ein Fall eines Teufels den man kennt und deshalb  gegenüber dem vorzieht, den man nicht kennt  – es war klar, dass der andere Teufel  viel schlimmer wäre.

Als ich sagte, dass die US, Russland, der Iran und Israel ein gemeinsames Interesse hätten, Assad zu stützen, sah ich einige Augenbrauen hochgehen. Aber es war einfach logisch. Keiner dieser ungebührlichen Genossen hatte ein Interesse, in Syrien eine bunte Menge gewalttätiger Islamisten an die Macht zu bringen, die  die einzige Alternative zu sein schienen, wenn der Kampf weiterging.
Bekämpft man also jemanden, von dem man wünscht, dass er bleibt? Das gibt nicht viel Sinn. Also, kein Krieg.

DIE ISRAELISCHE Wut  über einen guten Krieg, der dreist gestohlen wurde, war sogar noch größer.

Falls die Amerikaner nicht ganz bei Sinnen sind, dann wären wir praktisch schizophren.

Assad ist ein Araber, ein böser Araber. Es ist noch schlimmer: er ist der Verbündete des großen, bösen Wolfs – des Iran. Assad liefert den Korridor für den Transfer von Waffen vom Iran zur Hisbollah im den Libanon.  Wahrlich, das Zentrum der Achse des Bösen.
Stimmt, aber die Assads – Vater und Sohn und ihr unheiliger Geist – haben an ihrer Grenze mit Israel Ruhe gehalten. Seit Jahrzehnten kein einziger Schuss. Wenn er stürzt und sein Platz von  verrückten Islamisten übernommen wird – was wird dann geschehen?
Das israelische Herz sagt darum: schlagt ihn, schlagt ihn hart. Aber das israelische Gehirn sagt– ja, das gibt es irgendwo auch – sagt, halte ihn, wo er ist. Es ist ein wirkliches Dilemma.

Doch gibt es noch  eine andere Betrachtungsweise, eine viel ernstere für Netanyahu und Co: den  Iran.

ES IST eine Sache, einen kleinen chirurgischen Eingriff  zu stehlen.  Etwas ganz  anderes ist es,  einer wirklich großen Operation beraubt zu werden.

Ein israelischer Cartoon zeigte kürzlich den Präsidenten des Iran, wie er vor dem Fernsehschirm sitzt, und  sein Popcorn isst und mit Gefallen beobachtet, wie Obama in Syrien geschlagen wird.

Wie kann Obama auf den Iran Druck ausüben, fragen die israelischen Kommentatoren und Politiker, wenn er den Druck auf Syrien aufgegeben hat? Nachdem er Assad die dünne rote Linie ungestraft hat überschreiten lassen, wie will er die Iraner daran hindern, die viel dickere rote Linie zu  überqueren, die er dort gezogen hat?

Wo ist die amerikanische Abschreckung? Wo ist die Furcht, die von der mächtigen Weltmacht eingeflößt wurde? Warum würden die Ayatollas sich davon abhalten lassen, ihre Atombombe zu bauen, nachdem der amerikanische Präsident in die primitive Falle fiel, die ihm die Russen legten, wie es die Israelis sehen?

UM EHRLICH zu sein, kann ich ein bisschen Schadenfreude über die traurige Lage unserer Kommentatoren nicht unterdrücken
Als ich kategorisch feststellte, dass es keinen amerikanischen Militärschlag gegen den Iran gebe    und auch keinen israelischen, dachten einige meiner Bekannten, ich sei übergeschnappt.

Kein Krieg? Nachdem Netanyahu ihn versprochen hatte? Nachdem Obama seinem Beispiel gefolgt ist. Es muss einen Krieg geben!
Und siehe da, der Krieg verschwindet in der Ferne.

In Israels Augen  wird der Iran von einer verrückten Bande  religiöse Fanatiker beherrscht, deren einziges Ziel es ist, Israel zu vernichten. Sie sind voll damit beschäftigt, die Bombe zu bauen, mit der sie genau das tun wollen. Sie kümmern sich nicht darum, dass der  zweite Schlag von Seiten Israels  sicher ist, und der den Iran auf immer zerstören  würde. Sie sind nun mal diese Art von Leuten. Die Produktion der Bombe muss unter allen Umständen verhindert werden. Einschließlich des Kollapses der Weltwirtschaft als Folge der Schließung der Straße von Hormus.

Das ist ein klares Bild, jeder Teil ist in sich evident. Leider hat es keine Verbindung zur Realität.

DIE EREIGNISSE der letzten Zeit produzierten ein völlig anderes Bild

Es begann mit den Wahlen im Iran. Der leicht verwirrte Ahmadinejad, der pathologische Holocaustleugner, ist verschwunden. An seine Stelle wurde ein bescheiden aussehender, moderater Hassan Rouhani gewählt.

Solch eine Wahl wäre  ohne die Zustimmung des obersten Führers  Ali Khamenei unmöglich gewesen. Offensichtlich war Rouhani seine persönliche Wahl.

Was bedeutet dies? Für israelische Kommentare ist es ganz offensichtlich:  die verschlagenen, trickreichen Perser betrügen wieder die ganze Welt. Sie werden natürlich fortfahren, ihre Bombe zu bauen. Aber die naiven Amerikaner werden ihren Lügen glauben, kostbare Zeit wird verloren sein, und eines Tages werden die Iraner sagen. Jetzt haben wir die Bombe! Von jetzt ab können wir tun, was wir wollen! Besonders die zionistische Entität zerstören!

All dies ist auf pure Fantasie gebaut.  Die Iraner sind weit davon entfernt, ein primitives, selbstzerstörerisches Volk zu sein. Es ist ihnen sehr bewusst, dass sie die Erben einer glorreichen Zivilisation sind, wenigstens so alt und so reich wie die jüdische Vergangenheit. Die Idee, Königinnen zu tauschen – wir zerstören euch, ihr zerstört uns– ist lächerlich, besonders wo doch das Schachspiel, ein persisches Spiel ist (allein das Wort „Schach“  soll vom persischen Shah, (König), kommen)

Tatsächlich sind die iranischen Führer sehr vorsichtig, sehr überlegt. Sie haben nie ihre Nachbarn angegriffen. Der schreckliche, acht Jahre lange Krieg mit dem Irak war von dem leichtsinnigen Saddam Hussain begonnen worden.

Der Impuls zum Entwickeln der Bombe kam, als die machttrunkenen Neokonservativen in Washington, die meisten von ihnen zionistische Juden, ganz offen davon sprachen, den Iran als nächstes anzugreifen, direkt nach dem kurzen kleinen  Krieg, mit dem sie im benachbarten Irak rechneten.

Anscheinend hat die iranische Führung entschieden, dass es jetzt weit wichtiger ist, die Wirtschaft zu fördern, als mit der Bombe zu spielen. Während sie von Natur aus Händler sind – Basar ist auch ein persisches Wort – mögen sie die  Bombe aufgeben, damit die Sanktionen aufgehoben würden und  die Reichtümer Irans für den Wohlstand der Bürger ausgenützt werden können, die hoffen, eine fortgeschrittene  moderne Gesellschaft zu werden. Deshalb wählten Khamenei und  das Volk jemanden wie Roukhani.

IN DIESER Woche strahlte das israelische Fernsehen einen Dokumentarfilm  über das Leben der Israelis im Iran zur Zeit des Shahs aus. Es war  ein regelrechtes  Paradies (auch ein persisches Wort). Die Israelis lebten wie Gott in Frankreich. Sie bauten die gefürchtete geheime Polizei  auf(Der Savak – nicht mit dem Shaback, dem israelischen Model- zu verwechseln)Sie nahmen sich seiner Generäle an, von denen die meisten in Israel ausgebildet wurden. Sie bauten seine Industrie auf und begannen seine nuklearen  Einrichtungen zu bauen. Reine Nostalgie.

Iranisches Öl wurde nach Europa durch Israel exportiert, und zwar mittels einer Pipeline, die zwischen Elath und Askalon gelegt und vom Shah finanziert wurde. Der amerikanisch-israelisch-iranische Deal, als Iran-Gate bekannt, wurde in den frühen Tagen des Ayatollahs (buchstäblich: Zeichen des Allah)  ausgedacht.

Diejenigen, die in der Geschichte zurückgehen wollen, sollen an die Tatsache, erinnert werden,  dass die Juden Dank des  großen persischen Kaisers Cyrus , aus der babylonischen Gefangenschaft nach Jerusalem zurückkehren konnten, wie es denn auch in der Bibel berichtet wird( in den Büchern Ezra und Nehemia).

Die moderne Verbindung zwischen Israel und dem Iran wurde auf der gemeinsamen Feindschaft gegen die Araber aufgebaut und könnte leicht  wieder ins Blickfeld geraten. Politik ist wie Pornographie  ???, sie sind eine Sache der Geographie.

DIE KRIEGSMÜDE amerikanische Bevölkerung scheint geneigt zu sein, sich mit den Iranern zu arrangieren. Businessmen wollen Basarhändler treffen und hoffen,  einen Deal zu machen statt Krieg.

Zur selben Zeit ist auch in Syrien eine positive Entwicklung möglich. Jetzt, wo die USA und Russland entdeckt haben, dass sie in dieser kritischen  Region zusammen arbeiten können, mögen die beiden Seiten des Bürgerkrieges  des gegenseitigen Mordens müde sein und mit einer politischen Lösung (die ich  letzte Woche z.B. beschrieben habe) übereinstimmen.

Dies würde zwei gestohlene Kriege machen – gestohlen von jenen, die an einem primitiven Glauben festhalten und darin übereinstimmen, die einzige Lösung für jedes Problem sei die Anwendung nackter Gewalt.

Eine Dame  aus Pakistan sandte mir folgendes Wort von Bertrand Russell:

„Ich habe einen sehr einfachen Glauben, dass Leben und Freude und Schönheit besser als der staubige Tod sind, und ich denke, wenn wir  der Musik lauschen, müssen wir alle empfinden, dass die Fähigkeit, solch eine Musik zu produzieren und die Fähigkeit, Musik zu hören, eine Sache ist, die sich lohnt zu erhalten und  nicht in törichte  Zankerei geworfen werden sollte. Man mag sagen, es ist ein einfacher Glaube, aber ich denke, dass alles Bedeutsame tatsächlich sehr einfach ist.“

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Ein Bürgerkrieg ?

Erstellt von Gast-Autor am 15. September 2013

Ein Bürgerkrieg ?

Autor Uri Avnery

Zur Zeit ist es üblich, zu sagen: „Die Zwei Staaten-Lösung ist tot“, oder: „Die Zeit für eine Zwei-Staaten-Lösung läuft aus.“

Warum tot? Wie tot? Das gehört zu dem, was keinen Beweis braucht. Die Aussage macht es.

Bedrängt man jedoch diejenigen, die nicht um die Zwei-Staaten-Lösung trauern, geben sie als Begründung an: „Es gibt zu viele Siedler in der Westbank und Jerusalem. Sie können nicht umgesiedelt werden. Das ist zu problematisch.“

Stimmt das?

Zwei Beispiele werden angeführt: die Beseitigung der Siedlungen im Norden des Sinai auf Befehl Menachem Begins nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages mit Ägypten und die Räumung der Siedlungen im Gazastreifen auf Befehl von Ariel Sharon.

Wie furchtbar diese waren! Erinnern Sie sich noch an die herzzereißenden Szenen im Fernsehen, die weinenden Soldatinnen, die die Siedlermädels forttrugen, an die Auschwitz-Pyjamas mit dem gelben Stern, die die Siedler getragen haben, an das Stürmen der Hausdächer, an die Rabbis mit ihren Torarollen, die in den Synagogen unisono weinten.

All das nur wegen einer Handvoll Siedlungen. Was geschieht wohl, wenn eine halbe Million Menschen fortgeschafft werden müssen? Entsetzlich! Undenkbar!

Nonsens.

In Wirklichkeit war der Abtransport der Siedler aus dem Gazastreifen nichts als eine gut inszenierte Tragikomödie. Niemand wurde getötet. Niemand wurde ernsthaft verletzt. Niemand beging Selbstmord. Nachdem sie ihre zugeteilten Rollen gespielt hatten, zogen alle Siedler ab. Lediglich eine Handvoll Soldaten und Polizeibeamter haben sich den Befehlen widersetzt. Die meisten Soldaten führten die Befehle der demokratisch gewählten Regierung aus.

Wird das Gleiche nochmals geschehen? Nicht unbedingt. Westbank-Siedler von den Bergkuppen im Herzen des biblischen „Großisraels“ zu entfernen, ist etwas Anderes.

Lassen Sie uns das aus nächster Nähe betrachten.

Die erste Planungsphase ist, das Problem zu analysieren. Wer sind die Siedler, die umgesiedelt werden müssen?

Nun, vor allem bilden sie keine homogene monolithische Kraft. Wenn man von „den Siedlern“ spricht, hat man eine Menge halbbesessener religiöser Fanatiker vor Augen, die jeden Moment den Messias erwarten und bereit sind, jeden zu erschießen, der sich ihnen nähert, um sie aus ihren Festungen zu vertreiben.

Das ist pure Einbildung.

Natürlich gibt es auch solche Siedler. Sie bilden den harten Kern. Das sind diejenigen, die man im Fernsehen sieht, diejenigen, die in palästinensischen Dörfern Moscheen in Brand setzen, diejenigen, die palästinensische Bauern auf ihren Feldern angreifen, diejenigen, die Olivenbäume ausreißen. Sie haben lange Haare, Seitenlocken, tragen die obligatorische Kleidung mit den Fransen unter oder über ihren Hemden, tanzen ihre skurrilen Tänze. Sie sind vollkommen anders als gewöhnliche Israelis.

Fast alle dieser Juden sind neugeboren (in Hebräisch heißt es: „ Jene, die sich zurückbegeben in Reue“) und werden von den wahren orthodoxen Juden, die ihre Töchter nicht mit ihnen verheiraten würden, zutiefst verachtet. Aber sie bilden nur eine winzig kleine Minderheit.

Viel bedeutender ist der sogenannte „national-religiöse“ Kern, die tatsächliche Führung des Siedlungsunternehmens. Sie glauben, dass Gott uns dieses Land – und zwar das gesamte Land – gegeben hat, und viele von ihnen glauben, dass Gott ihnen auch befohlen hat, das Land zwischen dem Meer und dem Fluss (dem Mittelmeer und dem Jordan) von Nicht-Juden zu säubern. Einige von ihnen glauben, sowieso, Nicht-Juden seien keine vollkommenen Menschen, sondern etwas zwischen Mensch und Tier, wie von der Kabbala behauptet wird.

Diese Gruppe hat eine ungeheure politische Macht. Sie hat die sukzessiven Regierungen aus allen Parteien dazu gebracht, sie manchmal widerwillig, manchmal mehr als bereitwillig, dort zu plazieren, wo sie (nun) ist.

Diese Siedler leben in kleineren Siedlungen konzentriert, die über die gesamten besetzten Gebiete verstreut sind. Sie sind in die Armee und in den Regierungsapparat infiltiert und schüchtern die Politiker ein. Ihre Partei ist die „Jewish Home“ (Jüdische Heimat), deren Vorsitz Naftali Benett, der „Bruder“ von Ja’ir Lapid, hat, ebenso haben sie jedoch auch enge Beziehungen zu der aufstrebenden jungen Führung des Likud und zu dem Gefolge Liebermanns.

Jede Regierung, die Frieden schafft, muss sich mit ihnen auseinandersetzen. Sie bilden jedoch eine Minderheit unter den Siedlern.

Die meisten Siedler hören darauf weniger. Sie sind in den Siedlungsblocks konzentriert, die sich einige Kilometer in den besetzten Gebieten entlang der Grünen Linie aneinanderreihen.

Sie werden „Lebensqualität-Siedler“ genannt, weil sie dorthin gezogen sind, um die klare Luft und die pitoreske Aussicht auf die muslemischen Minarets auf den benachbarten Hügeln zu genießen, jedoch hauptsächlich, um ihre Traumvillas mit den roten Schweizer-Ziegeldächern fast geschenkt zu bekommen. Sie konnten nicht davon träumen, diese jemals im eigentlichen Israel zu erwerben.

Eine Kategorie an für sich selbst sind die Orthodoxen. Ihr riesiges, natürliches Wachstum drängt sie aus ihren Städten und Wohngebieten im eigentlichen Israel und sie benötigen dringend neue Unterkünfte, die ihnen die Regierung nur allzu gerne bereitstellt – in den besetzten Gebieten. Sie haben dort bereits mehrere Städte (gegründet), eine von ihnen ist Modi’in Illit, die Grenzstadt, die auf den Ländereien von Bil’in, liegt, dem Dorf, das einen tapferen (gewaltlosen) Kampf führt, um diese zurückzubekommen.

In Ostjerusalem sind die Siedlungen eine völlig andere Geschichte. Die hunderttausenden israelischen Juden, die in den neuen Wohngebieten dort leben, halten sich selbst keineswegs für Siedler, sie haben alles, was die Grüne Linie betrifft, vergessen. Tatsächlich sind sie ziemlich überrascht, wenn man sie daran erinnert. Sie mag nur ein paar Häuserblöcke entfernt sein.

All diese Kategorien – und die vielen Unter-Kategorien – müssen separat behandelt werden. Für jede gibt es eine unterschiedliche Lösung.

Nehmen wir der Diskussion wegen an, in neun Monaten würde der Traum von Kerry wahr werden. Es würde einen unterzeichneten Friedensvertrag geben, der alle Probleme löst, einschließlich eines vereinbarten Zeitplans für dessen Umsetzung.

Nehmen wir weiterhin an, dieser Vertrag würde von einer breiten Mehrheit in einem israelischen Referendum (und auch in einem palästinensischen) bewilligt. Das gäbe unserer Regierung die politische und moralische Macht, das Siedlungsproblem zu bewältigen.

Für die Jerusalemiten hatte Bill Clinton eine einfache Antwort: Lass sie dort, wo sie sind. Zeichne die Karte von Jerusalem neu, so dass „was Jüdisch ist, ein Teil Israels -, was Arabisch ist, ein Teil Palästinas ist.“

Unter Berücksichtigung der immensen Schwierigkeit, das Omelett dahingehend auseinanderzupflücken, hat es seine Reize, besonders, wenn den Palästinensern die vollständige Souveränität über den Tempelberg und die Altstadt zurückgegeben wird (und die Westmauer mit dem jüdischen Viertel in Israel bliebe).

Für die großen Siedlungsblocks ist die Lösung mehr oder weniger bereits vereinbart: ein Gebietstausch.
Die Siedlungen, die hart an der Grenze sind, werden von Israel annektiert, (im Gegenzug) wird ein gleich großes israelisches ( eventuell jedoch nicht gleichwertiges) Gebiet an Palästina übergeben.

Das könnte nicht so einfach sein, wie es klingt. Nur die Siedlungen, oder auch das Gebiet um sie herum oder zwischen ihnen, annektieren? Und, was ist mit Ariel, der „Hauptstadt der Siedler“, die 20 km in der Westbank liegt? Ein Korridor? Eine Enklave? Und Ma’alah Adumim, das, wenn es dem jüdischen Teil Jerusalems angegliedert würde, die Westbank in zwei Teile teilen würde. Es gibt viel zu diskutieren.

Die „Lebensqualität“-Siedler müssen ausgezahlt werden. Das ist eine simple Frage des Geldes. Geben Sie jedem von ihnen ein gleichwertiges oder sogar besseres Appartement in der Nähe von Tel Aviv und die meisten von ihnen werden sich darauf stürzen. Tatsächlich ergaben einige Umfragen, dass eine ziemlich große Anzahl von ihnen sogar heute umziehen würde, wenn ihnen ein solches Angebot unterbreitet würde. (Wir schlugen das Yitzhak Rabin vor, aber er lehnte es ab.)

Bleibt noch der harte Kern der Siedler übrig, die „Ideologischen“, die Gott dienen, indem sie auf gestohlenem Land leben. Was ist mit denen?

Die einfachste Lösung wurde von Charles de Gaulle vorgeschlagen. Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages, der der Besetzung Algeriens nach Hunderten von Jahren ein Ende setzte, kündigte er an, dass die französische Armee das Land an einem bestimmten Datum verlassen werde. Er sagte zu mehr als einer Million Siedlern , viele von ihnen bereits in der vierten oder fünften Generation: Wenn ihr fortgehen wollt, geht fort. Wollt ihr bleiben, so bleibt. Das Ergebnis war ein wilder Massenexodus in letzter Minute von historischem Ausmaß.

Ich kann mir keinen israelischen Führer vorstellen, der kühn genug ist, diesem Beispiel zu folgen. Noch nicht einmal Sharon, ein rücksichtsloser Mensch, ohne Mitgefühl, wagte es.

Natürlich könnte die israelische Regierung diesen Siedlern sagen: „Wenn ihr euch mit der palästinensischen Regierung arrangiert, könnt ihr bleiben, so wie es palästinensische Bürger (oder sogar israelische Bürger) tun.“

Einige naive Israelis sagen: „Warum nicht? Es gibt anderthalb Millionen arabische Bürger in Israel? Weshalb können keine hunderttausend Israelis in Palästina sein?“

Unwahrscheinlich. Die Araber in Israel leben auf ihrem eigenen Gebiet, das ihnen seit Jahrhunderten gehört. Die Siedler leben auf „ enteignetem“ Gebiet und sie haben mit Recht den Hass ihrer Nachbarn geerntet. Ich sehe keine Möglichkeit, wie eine palästinensische Regierung dies genehmigen könnte.

Verbleibt noch der harte Kern vom harten Kern. Jene, die die Siedlungen nicht gewaltlos räumen würden. Man wird sie mit Gewalt fortschaffen müssen auf Befehl einer starken Regierung, die von dem Großteil der Bevölkerung, deren Meinung in einem Referendum ermittelt wurde, unterstützt wird.

Ein Bürgerkrieg? Nicht wirklich. Nicht wie der amerikanische Bürgerkrieg, noch wie der gegenwärtige syrische. Aber trotzdem ein harter, gewalttätiger, brutaler Kampf, in dem Blut vergossen werden wird.

Erwarte ich das? Sicherlich nicht. Erschreckt es mich? Ja, das tut es. Denke ich, dass wir deshalb die Zukunft Israels, den Frieden, die Zwei-Staaten-Lösung, die einzige Lösung, die es gibt, aufgeben sollten?

Nein.

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Truthahn unter dem Tisch

Erstellt von Gast-Autor am 8. September 2013

Der Truthahn unter dem Tisch

Autor Uri Avnery

WENN ES einen Konflikt zwischen zwei Parteien gibt, ist der Weg zu einer Lösung klar: Man setzt sie in den selben Raum, lässt sie ihre Differenzen ausdiskutieren und lässt sie mit einer vernünftigen Lösung, die von beiden Parteien akzeptiert wird, wieder herauskommen.

Zum Beispiel, ein Konflikt zwischen einem Wolf und einem Lamm. Setzen Sie sie beide in den selben Raum, lassen Sie sie ihre Differenzen austragen und wieder herauskommen mit …

Einen Moment ‚mal, nur der Wolf kommt wieder heraus. Aber, wo ist das Lamm?

WENN ES einen Konflikt zwischen zwei Parteien gibt, die wie ein Wolf und ein Lamm sind, dann muss man eine dritte Partei in den Raum setzen, nur, um sicherzustellen, dass die 1. Partei die 2. Partei nicht zum Dinner verspeist, während die Gespräche weitergehen.

Das Machtverhältnis zwischen Israel und der Palästinensischen Autorität ist wie das zwischen einem Wolf und einem Lamm. In fast jeder Hinsicht – wirtschaftlich, militärisch und politisch hat Israel eine gewaltige Übermacht.

Das ist eine harte Tatsache. Es liegt an der dritten Partei, dies auszugleichen.

Kann sie es tun? Wird sie es tun?

ICH HABE John Kerry schon immer geschätzt. Er strahlt Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit aus, die er auch tatsächlich zu besitzen scheint. Seine hartnäckigen Bemühungen verdienen Anerkennung. Die Ankündigung dieser Woche, dass er sogar endlich die ersten Schritte für Gespräche zwischen den Parteien erreicht hat, gibt Anlass zu Optimismus.

Wie Mao sagte: „Ein Marsch über tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt.“

Die Parteien haben einem Delegiertentreffen zugestimmt, um die vorläufigen Einzelheiten auszuarbeiten. In der kommenden Woche soll es in Washington stattfinden. So weit, so gut.

Die erste Frage dabei ist: „Wer wird der Dritte im Bund sein? Es sickerte durch, dass der Hauptkandidat für diese delikate Aufgabe Martin Indyk sein soll, ein früherer Beamter beim Außenministerium.

Diese Wahl ist problematisch. Indyk ist ein Jude und sehr in jüdische und zionistische Aktivitäten involviert. Er wurde in England geboren und wuchs in Australien auf. Zweimal diente er als US-Botschafter in Israel.

Die rechten Israelis lehnen ihn ab, weil er bei Organisationen der Linken aktiv ist. Er ist Direktoriumsmitglied des „New Israeli Fund“, der moderate israelische Friedensorganisationen subventioniert und deshalb von den Extrem-Rechten aus dem Umfeld von Binyamin Netanyahu dämonisiert wird.

Die Palästinenser mögen sich wohl fragen, ob es unter den 300 Millionen US-Bürgern keinen einzigen Nicht-Juden gibt, der diese Aufgabe übernehmen könnte. Seit vielen Jahren waren fast alle amerikanischen Offiziellen, die sich mit der israelisch-arabischen Problematik befasst haben, Juden. Und fast alle von ihnen blieben später als Funktionäre bei zionistischen Ideenfabriken und anderen Organisationen.

Wenn man die USA aufgefordert hätte, als Vermittler bei Verhandlungen, sagen wir ‚mal, zwischen Ägypten und Äthiopien, zu fungieren, hätte sie dann einen äthiopischen Amerikaner dafür ausgewählt?

ICH BIN Indyk mehrmals begegnet, hauptsächlich bei diplomatischen Empfängen (außer bei Empfängen der US-Botschaft, da war ich nie eingeladen.) Einmal sandte ich ihm ein Schreiben, das mit seinem Namen verknüpft war.

Die Geschichte von dem „Indyk“ kennt jeder, der sich in jüdischer Volkskunde auskennt. Sie wurde von einem einflussreichen jüdischen Rabbi, Rabbi Nachman aus Braslaw (1772 – 1811), erzählt, der auch noch heute in Israel viele Anhänger hat.

Es war einmal ein Prinz, der an der Wahnvorstellung litt, dass er ein „Indyk“ sei (was in Jiddisch „Truthahn“ heißt – aus dem Hebräischen „indische Henne“). Er saß nackt unter dem Tisch und aß lediglich Brotkrümel, die man ihm zuwarf.

Nachdem kein Arzt ihn heilen konnte, übernahm ein weiser Rabbi diese Aufgabe. Er streifte seine Kleider ab, setzte sich nackt unter den Tisch und begann, sich auch wie ein Truthahn zu verhalten. Schritt für Schritt überzeugte er den Prinzen, dass ein „Indyk“ Kleidung tragen -, regelmäßige Nahrung zu sich nehmen – und letztendlich sogar am Tisch, anstatt unter ihm, sitzen kann. Auf diese Weise wurde der Prinz geheilt.

Wenn Indyk tatsächlich gewählt wird, mögen einige sagen, diese Geschichte habe einen direkten Einfluss auf seine zukünftige Aufgabe. Zwei nackte „Indyks“ sitzen nun unter dem Tisch und seine Aufgabe wird es sein, sie dazu zu bringen, am Tisch zu sitzen und ernsthaft über Frieden zu sprechen.

Es stimmt, dass die Palästinenser daran gewöhnt sind, Brotkrumen zugeworfen zu bekommen, aber nun könnten sie richtige politische Nahrung verlangen.

DIE CHANCEN jedweder Friedensverhandlungen kann man anhand der Atmosphäre, die auf beiden Seiten herrscht, anhand der Terminologie, die angewandt wird und anhand der internen Diskussionen, die geführt werden, einschätzen.

Sie sind nicht sehr begeisternd.

In Israel verwendet niemand das Wort „Frieden“. Sogar Tzipi Livni, die auf unserer Seite mit den Verhandlungen beauftragt werden wird, spricht lediglich von einem „Endstatusabkommen“, dass zwar „dem Konflikt“ – aber keinesfalls der Besatzung – ein Ende bereiten würde.

Die meisten Israelis ignorieren das Ereignis völlig, weil sie glauben, dass das Ziel von Netanyahu und Mahmoud Abbas einzig und allein der Abbruch der Verhandlungen ist, und zwar derart, dass jeder von ihnen versucht, die Schuld dafür dem anderen in die Schuhe zu schieben. Auch die meisten Palästinenser sind dieser Meinung. Frieden liegt definitiv nicht in der Luft.

Dennoch beweist eine in dieser Woche durchgeführte Umfrage, dass die große Mehrheit der Israelis – 55 gegenüber 25 (oder in Prozent ausgedrückt, 69% gegenüber 31%) – im Falle eines Referendums für ein vom Premierminister erzieltes Friedensabkommen stimmen würde.

Die Rechten befürworten den Gedanken, ein Referendum bezüglich eines Friedensabkommens durchzuführen, die Linken jedoch opponieren. Ich bin dafür. Ohne eine solide Mehrheit wäre der Abbau von Siedlungen ohnehin für jede Regierung so gut wie unmöglich. Und ich bin davon überzeugt, dass jedes konkrete Abkommen, das von einer glaubwürdigen palästinensischen Führung akzeptiert und von den USA empfohlen wird, im Falle eines Referendums ein überwältigendes „Ja“ erzielen würde.

DIE MEISTEN Experten meinen, Israel solle keine Endphase der Verhandlungen anstreben, sondern lediglich ein bescheidenes „Zwischenabkommen“. Sie zitieren das alte jüdische Sprichwort: „Derjenige, der zu viel erreichen will, erreicht gar nichts.“

Ich stimme dem nicht zu.

Vor allem gibt es ein Sprichwort, das besagt, dass man keinen Abgrund mit zwei Sprüngen überqueren kann. Man kann in der Mitte nicht anhalten.

Dieses Sprichwort führten wir bei Yitzak Rabin nach Oslo an.

Der fatale Fehler des Oslo-Abkommens war, dass es alles in allem nur ein Zwischenabkommen war. Für die Palästinenser stand fest, dass dessen Ziel war, in allen besetzten Gebieten, einschließlich Ostjerusalem, den Staat Palästina zu errichten. Für die israelische Seite ging dies überhaupt nicht klar daraus hervor. Da es kein Abkommen darüber gab, wurde jede Übergangsmaßnahme zu einem Streitobjekt. Wenn Sie mit dem Zug von Paris nach Berlin fahren wollen, sind die Zwischenstationen völlig anders, als die, die Sie auf dem Weg von Paris nach Madrid passieren.

Während der endlosen Streitigkeiten um einen „sicheren Übergang“ zwischen der Westbank und dem Gazastreifen, um den „dritten Rückzug“ und dergleichen, gab Oslo seine arme Seele auf.

Der einzige Weg, einen Fortschritt zu erzielen, ist vor allem, eine Einigung bei den „Kernfragen“ zu erreichen. Deren Lösung könnte sich über einige Zeit hinziehen – allerdings würde ich auch das nicht empfehlen.

Der israelisch-palästinensische Frieden ist ein riesiger Schritt in der Geschichte beider Völker. Wenn wir den Mut dazu haben, lasst ihn uns um Himmels Willen tun, ohne uns auf den Boden zu werfen und zu weinen.

IM AUGENBLICK ist das große Rätsel: „Was hat Kerry jeder Seite heimlich versprochen?“

Seine Methode erscheint vernünftig. Da beide Seiten sich in keinem Punkt einigen konnten und jeder von dem anderen verlangte, die Verhandlungen „ohne Vorbedingungen“ einzugehen, selbst jedoch Vorbedingungen stellte, hat Kerry einen anderen Weg gewählt.

Er basiert auf einer einfachen Logik: Bei dem amerikanisch-israelisch-palästinensischen Dreieck müssen fast sämtliche Entscheidungen zwei zu eins getroffen werden. Praktisch braucht jede Seite die amerikanische Unterstützung, damit ihre Forderungen akzeptiert werden. Anstatt das Unmögliche zu versuchen, ein israelisch-palästinensisches Abkommen auf der Basis von Verhandlungen zu erreichen, gab Amerika jeder Seite das Versprechen, sie in bestimmten Punkten zu unterstützen.

Zum Beispiel, es ist nur eine Vermutung, ein Versprechen, dass die USA die Palästinenser bezüglich des Grenzverlaufs unterstützt, der auf der Grünen Linie mit einem akzeptablen Gebietstausch basieren wird, sowie außerdem auch bezüglich des Einfrierens von Siedlungen für die Dauer der Verhandlungen. Auf der anderen Seite wird die USA Israel im Hinblick auf die Definition, „jüdischer“ Staat, und im Hinblick auf die (Nicht)-Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge unterstützen.

In der Vergangenheit hat die USA ohne Scham derartige Versprechen gebrochen. Zum Beispiel hat Bill Clinton Yasser Arafat vor dem Treffen in Camp David fest versprochen, im Falle eines Scheiterns keiner Seite die Schuld zu geben. (Da das Treffen ohne die kleinste Vorbereitung zustande gekommen war, war ein Scheitern vorhersehbar.) Nach der Konferenz machte Clinton zu Unrecht Arafat voll und ganz für das Scheitern des Treffens verantwortlich, ein widerwärtiger Akt politischer Berechnung, der nur dazu diente, seiner Frau in New York zur Wahl zu verhelfen.

TROTZ SOLCHER negativen Erfahrungen setzt Abbas sein Vertrauen in Kerry. Es scheint so, als ob dieser die Gabe besäße, Vertrauen zu erwecken. Hoffen wir, dass er es nicht verspielt.

So, mit oder ohne einen Truthahn, um den Wolf vom Verschlingen eines Lamms abzuhalten und trotz aller Enttäuschungen der Vergangenheit, lassen Sie uns hoffen, dass die Verhandlungen dieses Mal wirklich in Gang kommen und zum Frieden führen. Die Alternative ist zu düster, um darüber nachzudenken.

(ins Deutsche übersetzt v. Inga Gelsdorf, i.A. v. Ellen Rohlfs/Uri Avnery)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Uri Avnery wird 90