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RENTENANGST

Adolf, Amin und Bibi

Erstellt von Gast-Autor am 22. November 2015

Adolf, Amin und Bibi

Autor Uri Avnery

ES IST nicht sehr erfreulich, wenn ernste Leute in aller Welt – Historiker, Psychiater, Diplomaten – sich fragen, ob mein Ministerpräsident seine Sinne psychisch noch bei einander hat.

Doch dies geschieht jetzt. Und nicht nur im Ausland. Immer mehr Leute in Israel stellen sich dieselbe Frage.

All dies wurde durch einen Vorfall ausgelöst. Aber die Leute schauen jetzt viele andere Ereignisse der Vergangenheit und Gegenwart in einem neuen Licht.

Bis jetzt wurden viele seltsame Handlungen und Äußerungen von Benjamin Netanjahu als Manipulationen eines schlauen Politikers, eines talentierten Demagogen angesehen, der die Seele seiner Wähler kennt und sie mit entsprechend reichlich Lügen versorgt.

Nicht mehr. Ein beunruhigender Verdacht geht um: dass unser Ministerpräsident ernsthafte psychische Probleme hat.

ALLES BEGANN vor zwei Wochen, als Netanjahu vor einer weltweiten zionistischen Versammlung eine Rede hielt. Was er sagte, war schockierend.

Adolf Hitler – so sprach er hochtrabend – wollte die Juden nicht wirklich auslöschen. Er wollte sie nur vertreiben. Aber dann traf er den Mufti aus Jerusalem, der ihn davon überzeugte, die Juden zu „verbrennen“. So wäre der Holocaust geboren worden.

Die Schlussfolgerung? Hitler war schließlich gar nicht so böse. Den Deutschen sollte nicht die Schuld gegeben werden. die Palästinenser waren die Urheber des Mordes an sechs Millionen Juden.

Falls das Subjekt ein anderes gewesen wäre, könnte diese Rede als eine der üblichen Lügen und Verfälschungen, die für Netanjahu typisch sind, angesehen werden. Hitler war wirklich nicht so schlecht, die Palästinenser müssen angeklagt werden, der Mufti war der Vorläufer von Mahmoud Abbas. Nur ein Stück Routine politischer Propaganda.

Aber dies betrifft den Holocaust, das schrecklichste Verbrechen der modernen Zeit und bei weitem das bedeutendste Ereignis in der modernen jüdischen Geschichte. Dieses Ereignis hat direkten Einfluss auf das Leben der Hälfte der jüdischen Bevölkerung Israels (einschließlich meiner selbst), die ihre Verwandten im Holocaust verloren haben oder selbst Überlebende sind.

Diese Rede war nicht nur eine kleine politische Manipulation, eine von denen, an die wir uns gewöhnten, seitdem Netanjahu Ministerpräsident wurde. Dies war etwas Neues, etwas Entsetzliches.

UM DIE ganze Welt ging ein Aufschrei. Es gibt viele Tausende von Experten über den Holocaust. Unzählige Bücher wurden über Nazi-Deutschland geschrieben (eines auch von mir). Jedes einzelne Detail ist immer wieder untersucht worden.

Holocaustüberlebende waren geschockt, weil Netanjahu Hitler und den Deutschen im Allgemeinen auch von der Hauptanklage für das entsetzliche Verbrechen vergeben wollte. Hitler war also nicht so schlecht. Er wollte die Juden nur vertreiben, nicht töten. Es waren die bösen Araber, die ihn verleiteten, die Scheußlichkeiten der Scheußlichkeiten auszuführen.

Angela Merkel verhielt sich anständig und veröffentlichte sofort ein Dementi und unterstellte die totale Anklage dem deutschen Volk. Tausende von wütenden Artikeln erschienen in aller Welt, viele Hunderte von ihnen in Israel.

Diese besondere Äußerung Netanjahus war nicht nur dumm, nicht nur ignorant. Es grenzt an psychische Erkrankung.

EIN MUFTI ist ein religiöser Wissenschaftler, die Autorität von höchstem Rang in einer islamischen Gesellschaft, weit über einem Richter. Ein Großmufti ist die höchste lokale religiöse Behörde. Im Islam gibt es keinen Papst.

Der Großmufti in dieser Geschichte ist Hajj Amin al-Husseini, der von den britischen Behörden in Palästina für das Amt des Großmufti von Jerusalem gewählt wurde. Wie sich herausstellte, war dies ein großer Fehler.

Der Mann, der den Fehler machte, war ein Jude – Herbert Samuel, der erste Hohe Kommissar des britischen Mandatsgebietes von Palästina nach dem 1. Weltkrieg. Der junge Hajj Amin war schon als Hitzkopf bekannt, und Samuel folgte der wohl eingerichteten kolonialen Praxis Feinde für hohe Ämter zu ernennen, um sie unten zu halten.

Die Husseini-Familie ist die führende Großfamilie in Jerusalem. Sie hat etwa 5000 Mitglieder und ein ganzes Stadtteil. Sie ist eine der drei oder vier angesehendsten Familien und seit vielen Generationen ist ein Husseini der Mufti gewesen, der Bürgermeister oder eine andere führende Persönlichkeit im arabischen Jerusalem.

Hajj Amin (Hajj ist die Anrede eine Muslim, der seine Pflichtpilgerreise nach Mekka gemacht hat.) war von Anfang an ein Unruhestifter. Er sah für die arabische Gemeinde in Palästina früh die Gefahr der zionistischen Einwanderung in Palästina und mehrere Male hetzte er zu anti-britischen und antijüdischen Aufständen. Diese kam zu einem Höhepunkt in der Großen Revolte von 1936 – die von den Juden „Die Ereignisse“ genannt wurden – die das Land drei Jahre lang unter Schock hielt. Bis zum 2. Weltkrieg.

Während „der Ereignisse“ wurden viele Juden und viele Briten getötet, aber die meisten Opfer waren Araber. Der Mufti (wie ihn jeder nannte) nützte die Gelegenheit, dass alle seine Rivalen und Konkurrenten getötet wurden. Für die Juden in Palästina wurde er zu einem Symbol des Bösen, das Objekt intensivsten Hasses.

Inzwischen hatten auch die Briten genug von ihm gehabt. Sie jagten den Mufti aus dem Land. Er ging in den Libanon, aber als dies Land im 2. Weltkrieg von den Briten besetzt wurde, um die Truppen vom französischen Vichy-Regime zu vertreiben, floh der Mufti in den Irak, das in den Händen von anti-britischen und pro-Nazi-Rebellen war. Als die Briten den Irak zurück eroberten, floh der Mufti nach Italien, das die faschistischen Bemühungen leitete und sich bemühte, die Araber zu gewinnen. Der Mufti, dessen Hauptfeinde die Briten waren, handelte nach der Theorie, dass der Feind meines Feindes mein Freund ist. (Zur selben Zeit handelte ein Führer des jüdischen Untergrundes in Palästina, Abraham Stern, nach derselben Theorie, suchte also Kontakt mit den Italienern und den Deutschen.)

Es scheint, dass die Italiener nicht so begeistert waren, Hajj Amin bei sich zu haben, so zog der Mufti weiter ins Nazi-Deutschland. Zur selben Zeit versuchte die SS muslimische Freiwillige für den Krieg gegen Russland zu gewinnen und irgendjemand hatte die glänzende Idee, dass ein Foto vom Großmufti mit Hitler hier sinnvoll wäre.

Hitler liebte diese Idee gar nicht. Er war völlig überzeugt von der Rassentheorie – und die Araber sind Semiten – eine minderwertige und widerwertige Rasse, genau wie die Juden. Aber am Ende wurde er überredet, diesen arabischen Flüchtling zu einer „Foto-Gelegenheit“ zu empfangen. Ein Bild wurde gemacht – das einzige Foto des einzigen Treffens dieser beiden Personen. (Es gab auch Fotos des Mufti mit muslimisch-bosnischen SS-Freiwilligen.)

Das Treffen war kurz, ein oberflächliches Protokoll wurde gemacht – die Juden erschienen nicht darin. Die ganze Episode war unbedeutend. Bis Netanjahu.

Es ist lächerlich, den Mufti als den Vater der palästinensischen Nation zu krönen. Bei all meinen hunderten Begegnungen mit Palästinensern, ab Arafat, hatte ich nie ein gutes Wort über Hajj Amin gehört, nicht einmal von dem wunderbaren Faisal al-Husseini, einem entfernten Verwandten. Sie beschrieben ihn einstimmig als einen realen palästinensischen Patrioten, aber eine Person mit begrenzter Bildung und engstirniger Auffassung, der einen Teil der Schuld für das Desaster trägt, das das palästinensische Volk 1948 befallen hat. Das Blutbad, das er unter den Palästinensern in der Rebellion von 1936-39 ausgeführt hat, schwächte die Palästinenser so sehr, dass, als der entscheidende Test kam – die 1947er Teilung von Palästina und der Krieg von 1948 – die palästinensische Nation keine effektive Führung mehr hatte.

Die Idee, dass der mächtige Führer (AH) den Rat von einem geflüchteten Semiten benötigt, um sich für den Holocaust zu entscheiden, ist nicht nur lächerlich, es ist sogar verrückt.

Auch die Daten stimmen nicht überein. Das Fototreffen fand Ende 1941 statt. Die Vernichtung begann unmittelbar nach der Eroberung von Polen 1939 und nahm seine monströse Dimension mit der Nazi- Invasion der Sowjet Union Mitte 1941 an. Sie gelangte zu ihrer industriellen Endlösung, als Heinrich Himmler, der Chef der SS entschied, dass „ man von einem anständigen deutschen Soldaten nicht verlangen könne, „ all diesen jüdischen Abschaum zu erschießen“. Der Mufti hatte absolut nichts damit zu tun – allein die Idee ist krankhaft.

Bis 1939 förderte Hitler tatsächlich die Vertreibung der Juden, weil eine physische Vernichtung in einem friedlichen Europa undenkbar war. Aber nachdem der Krieg ausgebrochen war, sah er auf einmal die Gelegenheit der Massenvernichtung – und sagte dies ganz offen.

WIE KAM es, dass der Sohn eines „renommierten Historikers“ solch verrückte Dinge sagte? (Diese Bezeichnung von Ben Zion Netanjahu ist jetzt in den israelischen Medien gang und gäbe, obwohl ich niemals jemanden traf, der sein Werk über die spanische Inquisition gelesen hatte. Vielleicht hörte er dies von irgendeinem Spinner der von Sheldon Adelson Geld bekam – aber die Tatsache, dass er dies nicht direkt zurückwies, zeigt nicht nur, dass er ein vollkommener Ignoramus über das bedeutendste Kapitel der modernen jüdischen Geschichte ist, sondern auch, dass er einige psychische Probleme hat.

In diesem Licht sehen viele seiner Entscheidungen jetzt anders aus, einschließlich der Entscheidung dieser Woche: Maßnahmen zu ergreifen, um den „Einwohner“ Status von zehn-Tausenden arabischer Jerusalemiten zu nehmen. Als Ost-Jerusalem 1967 von Israel annektiert wurde, wurde den Einwohnern nicht das israelische Bürgerrecht gewährt, nur reduzierte Einwohnerrechte, die das Stimmrecht für die Knesset verweigerte. Ihnen wurde gnädiger Weise das individuelle Recht gegeben, die Bürgerschaft zu beantragen, aber natürlich hat kaum einer davon Gebrauch gemacht, weil dies die Anerkennung der Annexion bedeutet hätte.

Jetzt bin ich besorgt. Wenn wir tatsächlich von einem Mann mit psychischen Problemen regiert werden – wohin wird er uns jetzt führen?

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

DER MUFI – (Fortsetzung)

EINIGE MEINER  Freunde beklagten sich, dass mein letzter Artikel – wie Churchill wohl gesagt haben mag – eine terminologische Ungenauigkeit enthielt.

Ich schrieb, dass die Juden bei dem Hitler-Husseini-Treffen nicht erwähnt  wurden. Das ist eine große Übertreibung. Jeder, der etwas über Hitler weiß, weiß auch, dass der Führer keine drei Sätze äußern konnte, ohne die Juden zu erwähnen. (Auch dies eine große Übertreibung.)

Die englische Version des offiziellen Protokolls  besteht aus  etwa 2250 Wörtern. Die Juden werden 12 Mal erwähnt – dreimal von Hajj Amin und neunmal von Hitler. Hitler benützte all seine Standardausdrücke, der Mufti benützte  offensichtliche Schöntuerei. Keiner sagte etwas Neues. Hitler wies  höflich alle Forderungen des Mufti zurück.

Nach Hitlerbeherrschten die Juden Britannien und die Sowjet Union. (Die US war noch nicht  im Krieg.)  Falls Italien und Japan auf der andern Seite gewesen wäre, würde Hitler sie der Liste hinzugefügt haben.

In der Zeit – im November 1941. . war die Vernichtung durch die Einsatzkommandos schon in vollem Schwung. Offenbar wusste der Mufti nichts darüber, noch sagte ihm Hitler etwas davon. Es war das Staatsgeheimnis Nr.1.

Das Protokoll  ist seit langer Zeit bekannt gewesen. Falls Netanjahus absurde  Behauptungen wahr gewesen wären, würde  uns  und die Welt unsere super-wirksame  Propagandamaschine  unsere Welt und  jeden einzelnen Tag daran erinnert haben.

Über die Beachtung der Nazis für den Mufti: Hajj Amin blieb weitere vier Jahre  bis zum Kriegsende in Deutschland. Fast nichts ist über seinen Aufenthalt dort bekannt. Hitler hat ihn nie wieder empfangen. Das sagt aus, wie wichtig er war.

Übrigens war Netanjahu in dieser Woche dazu gezwungen, so etwas wie ein Dementi auszudrücken – so wie es Netanjahu  tut. Er sagt, Hitler wäre für den Holocaust verantwortlich.

( dt. E. Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

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Über Bomben und Comics

Erstellt von Gast-Autor am 14. Oktober 2012

Über Bomben und Comics

Autor Uri Avnery

MEINE ERSTE Reaktion auf Benjamin Netanjahus Vorstellung von Comics bei der UN-Vollversammlung war Scham.

Scham darüber, dass der oberste Vertreter meines Landes sich zu so einem primitiven rhetorischen Kunstgriff  herablässt, den man fast kindisch nennen

(Ein israelischer Kommentator schlug vor, ihn mit einer Menge Papier und Tusche auf einen Teppich zu setzen, wo er nach Herzenslust malen könne.)

Er sprach vor einer halbleeren Halle (das israelische Fernsehen zeigte während seiner Rede vorsichtshalber nicht die ganze Halle), und die Zuhörerschaft bestand aus zweitklassigen Diplomaten, aber diese waren noch gut erzogene Leute. Selbst Netanjahu muss es klar gewesen sein, dass sie diese Schaustellung verachteten. Aber Netanjahu sprach gar nicht zu ihnen. Er redete mit der jüdischen Zuhörerschaft zu Hause in Israel und in den USA.

DIESE ZUHÖRERSCHAFT war stolz auf ihn. Es gelang ihm, ihre tiefsten Gefühle anzusprechen.

Um dies zu verstehen, muss man auf historische Erinnerungen zurückgreifen. Juden waren überall eine kleine, hilflose Gemeinschaft. Sie waren vollkommen vom nicht-jüdischen Herrscher abhängig.

Wann immer ihre Lage in Gefahr war, wählten die Juden die prominenteste Person aus ihren Reihen, um ihr Problem vor den Herrscher, den König oder Fürsten, zu bringen. Wenn dieser „Fürsprecher“ ( auf hebräisch Shetadlan) erfolgreich und die Gefahr abgewendet war, gewann er die Bewunderung der ganzen Gemeinde. In einigen Fällen erinnerte man sich noch Generationen lang an ihn wie an den mythischen Mordechai im biblischen Buch „Esther“.

Netanjahu erfüllte diese Funktion. Er ging direkt ins Zentrum der nicht-jüdischen Macht, das heutige Äquivalent des persischen Kaisers, und vertrat die Sache der Juden, die mit Vernichtung durch den gegenwärtigen Erben Hamans des Bösen, bedroht werden . (s. auch Buch „Esther“)

Und was für eine geniale Idee, die Zeichnung mit der Bombe vorzuzeigen! Sie wurde auf den ersten Seiten von Hunderten von Zeitungen und Nachrichtenprogrammen im Fernsehen rund um die Welt gezeigt, einschließlich der New York Times!

Für Netanjahu war dies „die Rede seines Lebens“. Um genau zu sein, wie ein TV-Kommentator trocken hinwies: es war die 8.Rede seines Lebens vor der UN-Vollversammlung.

Seine Popularität sprang in neue Höhen. Moses selbst, der höchste Fürsprecher am Hof des Pharao, hätte es nicht besser machen können.

DIE CRUX der Sache lag aber irgendwo verborgen zwischen dem Schwall von Worten.

Der „unvermeidliche“ Angriff auf Irans nukleare Einrichtungen, um einen zweiten Holocaust zu verhindern, wurde auf das nächste Frühjahr oder den Sommer verschoben. Nach der monatelangen Drohung, dass der tödliche Angriff kurz bevorstehe, jede Minute gar – es war keine Minute zu versäumen – verschwand im Nebel der Zukunft.

Warum? Was war geschehen?

Nun ja, ein Grund war die Umfrage, die anzeigte, dass Barack Obama wieder gewählt werden könnte. Netanjahu hatte beharrlich alle seine Karten auf Mitt Romney, seinen ideologischen Klon, gesetzt. Aber Netanjahu glaubt auch bedingungslos an Umfragen. Es scheint, dass seine Berater ihn davon überzeugt haben, auf Nummer sicher zu gehen. Der üble Obama mag trotz Sheldon Adelsons Millionen gewinnen. Besonders jetzt, nachdem der Milliardär George Sorros sein Geld auf den amtierenden Präsidenten gesetzt hat.

Netanjahu hatte die brillante Idee, den Iran direkt vor den US-Wahlen anzugreifen. Er hoffte, dass die Hände aller amerikanischen Politiker gebunden sein würden. Wer würde es wagen, zu diesem Zeitpunkt Israel zurück zu halten? Wer würde sich weigern, Israel zu helfen, wenn die Iraner zurückschlagen?

Aber wie so viele von Netanjahus brillanten Ideen, so ist auch diese ein Flop. Obama hat Netanjahu in klaren Worten gesagt: Kein Angriff vor den Wahlen – oder …

DER NÄCHSTE Präsident der USA – wer immer es sein mag – wird Netanjahu genau dasselbe auch nach den Wahlen sagen.

Wie ich schon früher gesagt habe (man möge mich entschuldigen, dass ich mich wieder selbst zitiere), ein militärischer Angriff auf den Iran kommt nicht in Frage. Der Preis ist unerträglich hoch. Die geographischen, wirtschaftlichen und militärischen Fakten wirken zusammen, um dies zu verhindern. Die Meerenge von Hormuz würde geschlossen werden, die Weltwirtschaft würde zusammenbrechen, ein langer und verheerender Krieg wäre die Folge.

Selbst wenn Mitt Romney an der Macht wäre, umgeben von einer Menge von Neo-Cons würde es kein bisschen diese Fakten ändern.

Obamas Sache wird durch die aus dem Iran kommenden wirtschaftlichen Nachrichten sehr gestärkt. Die internationalen Sanktionen haben erstaunliche Ergebnisse. Die Skeptiker – von Netanjahu angeführt – werden widerlegt.

Im Gegensatz zu den anti-islamischen Karikaturen ist der Iran ein normales Land mit einer normalen Mittelklasse und Bürgern mit hohem politischem Bewusstsein. Sie wissen, dass Mahmoud Achmadinejad ein Tor ist. ( Falls er tatsächlich eine Atombombe produzieren wollte, hätte er dann wirklich all diese idiotischen Reden über Israel und/oder den Holocaust gehalten? Hätte er dann nicht eher seinen Mund gehalten und im Stillen hart gearbeitet ?) Aber da er sowieso weggeht, braucht man gerade jetzt keine Revolution machen.

Das praktische Ergebnis: Tut mir leid: kein Krieg.

DIE GANZE Affäre bringt uns wieder auf die Walt-Mearsheimer-Kontroverse. Kontrolliert Israel die US-Politik? Wedelt der Schwanz mit dem Hund?

Zu einem sehr großen Teil ist dies zweifellos der Fall. Es genügt, der gegenwärtigen Wahlkampagne zu folgen und wahrzunehmen, wie beide Kandidaten mit der israelische Regierung in unterwürfiger Weise umgehen, mit einander konkurrieren, wer den andern mit schmeichelnden Worten und Unterstützung übertrifft.

Jüdische Stimmen spielen eine bedeutende Rolle in Pendelstaaten, und jüdisches Geld spielt eine große Rolle bei der Finanzierung beider Kandidaten (O tempora- o mores! Es gab einmal einen jüdischen Witz: Ein polnischer Edelmann bedrohte seinen benachbarten Edelmann: „Wenn du meinen Juden schlägst, werde ich deinen Juden schlagen!“ Jetzt bedroht ein jüdischer Milliardär einen andern jüdischen Milliardär: Wenn du deinem Goi eine Million schenkst, gebe ich meinem Goi eine Million!“)

Die Nahost-Politik des Obama-Regierungsstabes ist von zionistischen Juden besetzt bis zum US-Botschafter in Tel Aviv, der ausgezeichnet Hebräisch spricht. Dennis Ross, der den Nahost-Friedens begrub, scheint überall zu sein. Romney’s Neo-Cons sind auch meistens Juden.

Juden haben einen sehr großen Einfluss – bis zu einem gewissen Punkt. Dieser Punkt ist extrem wichtig.

Ein kleines Beispiel: Jonathan Pollard, der amerikanisch-jüdische Spion, bekam eine lebenslängliche Gefängnisstrafe. Viele Leute (einschließlich meiner selbst) halten diese Strafe für ungebührlich hart. Doch kein Amerikaner wagte zu protestieren, auch AIPAC verhielt sich ruhig, und kein amerikanischer Präsident wurde von israelischem Ersuchen zur Milde umgestimmt. Das für die Sicherheit zuständige US-Establishment sagte nein, und dabei blieb es.

Der Krieg gegen den Iran ist eine Million mal bedeutender. Er betrifft lebenswichtige amerikanische Interessen. Das amerikanische Militär ist dagegen (wie auch das israelische Militär). Jeder in Washington DC weiß, dass dies keine Nebensache ist. Es berührt die eigentliche Basis der amerikanischen Macht in der Welt.

Und wer hätte das gedacht: die USA sagen gegenüber Israel „Nein“. Der Präsident sagt kühl, in Sachen lebenswichtiger Sicherheitsinteressen kann kein fremdes Land den US-Chef-Kommandeur zwingen, rote Linien ziehen und ihn selbst in einen Krieg ziehen . Nicht einmal mit Hilfe von Zeichnungen aus einem Comicbuch.

Die Israelis sind entsetzt. Was? Wir, das von Gott erwählte Volk, sind Fremde? Genau wie andere Ausländer?

Dies ist eine sehr wichtige Lektion. Wenn sich die Dinge zuspitzen, dann ist der Hund ein Hund und der Schwanz noch immer ein Schwanz.

WAS IST es also mit Netanjahus Iran- Engagement?

Vor kurzem wurde ich von einem ausländischen Journalisten gefragt, ob Netanjahu die Beendigung der militärischen Option gegen den Iran überleben wird, nachdem er monatelang über nichts anderes geredet hat. Wie ist es mit dem iranischen Hitler? Was ist mit dem bevorstehenden Holocaust?

Ich sagte zu ihm, er solle sich darüber keine Sorgen machen. Netanjahu kann leicht damit fertig werden, indem er erklärt, die ganze Sache sei eine List gewesen, damit die Welt strengere Sanktionen gegen den Iran verhänge.

Aber war es das?

Einflussreiche Leute in Israel sind in zwei Gruppen geteilt, die zwei Meinungen vertreten.

Das erste Lager macht sich Sorgen, dass unser Ministerpräsident wirklich übergeschnappt sei. Dass er von der Idee Iran besessen sei, vielleicht krankhaft unausgewogen, dass der Iran für ihn zu einer fixen Idee wurde.

Das andere Lager ist davon überzeugt, dass die ganze Sache von Anfang an ein Trick war, um unsere Aufmerksamkeit von dem einen Problem abzulenken, mit dem wir uns wirklich befassen sollten: Frieden mit den Palästinensern.

Darin war er sehr erfolgreich. Seit Monaten stand Palästina weder auf Israels Agenda noch auf der der Welt. Palästina? Frieden? Was für ein Palästina? Was für ein Frieden? Und während die Welt auf den Iran wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf die Schlange starrt, werden Siedlungen vergrößert und die Besatzung verstärkt – und wir segeln stolz auf eine Katastrophe zu.

Und das ist keineswegs eine Geschichte aus einem Comicbuch.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Marsch der Torheit

Erstellt von Gast-Autor am 16. September 2012

Der Marsch der Torheit

Autor Uri Avnery

NICHTS KÖNNTE beängstigender sein, als der Gedanke, dass dieses Duo – Benjamin Netanjahu und Ehud Barak – in einer Position ist, den Beginn eines Krieges zu entscheiden, dessen Dimensionen und Folgen unberechenbar sind.

Es ist nicht nur beängstigend wegen ihrer ideologischen Fixierungen und psychischen Eigenschaften, sondern auch wegen ihres Intelligenzgrades.

Der letzte Monat gab uns ein kleines Beispiel. Dies allein wäre nur eine flüchtige Episode. Aber als Illustration für ihre Entscheidungsfähigkeit war es erschreckend genug.

DIE ROUTINE-Konferenz der Bewegung der blockfreien Staaten sollte in Teheran stattfinden. 120 Staaten versprachen zu kommen, viele von ihnen durch ihren Präsidenten oder ihre Ministerpräsidenten vertreten.

Das waren für die israelische Regierung schlimme Nachrichten. Sie hatte während der letzten drei Jahre viele ihrer Energien den hartnäckigen Bemühungen gewidmet, den Iran zu isolieren – während der Iran sich nicht weniger hartnäckig darum bemühte, Israel zu isolieren.

Als ob der Konferenzort nicht schon schlimm genug wäre, verkündete der UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon, er werde auch daran teilnehmen. Und als ob dies noch nicht schlimm genug wäre, versprach der neue Präsident Ägyptens Mohammed Mursi, auch er werde kommen.

Netanjahu sah sich einem Problem gegenüber: wie sollte er reagieren?

WENN EIN weiser Experte gefragt worden wäre, hätte der zurückgefragt: Warum überhaupt reagieren?

Die Blockfreien- Bewegung ist eine leere Nussschale. Sie wurde vor 51 Jahren gegründet, auf der Höhe des Kalten Krieges, von Nehru von Indien, Tito von Jugoslawien, Sukarno von Indonesien und Abd-al-Nasser von Ägypten. 120 Nationen verbündeten sich. Sie wollten einen Kurs zwischen dem amerikanischen und dem Sowjet-Block nehmen.

Seit damals haben sich die Umstände vollständig verändert. Die Sowjets sind verschwunden, und die USA sind auch nicht mehr, was sie waren. Tito, Nasser und Sukarno sind alle tot. Die Blockfreien haben keine richtige Funktion mehr. Aber es ist viel leichter, eine internationale Organisation aufzubauen, als sie wieder aufzulösen. Ihr Sekretariat liefert Jobs, ihre Konferenzen liefern Foto-Gelegenheiten, die Weltführer reisen und reden gern.

Wenn Netanjahu still gewesen wäre, hätten die Weltmedien das Nicht-Ereignis einfach ignoriert. CNN und Aljazeera mochten ihm aus Höflichkeit volle drei Minuten gewidmet haben, und das wär’s dann gewesen.

Aber für Netanjahu ist, still zu sein, keine Option. Also tat er etwas ausgesprochen Törichtes:

Er sagte zu Ban Ki-Moon, er solle nicht nach Teheran gehen. Genauer gesagt, er befahl ihm, nicht hinzugehen.

Der vorhin erwähnte weise Experte – falls er existiert – hätte Netanjahu gesagt: Tu es nicht! Die Blockfreien sind mehr als 60% der UN-Mitglieder. Ban möchte zu gegebener Zeit wieder gewählt werden, und er wird 120 Wähler auch nicht beleidigen, genau so, wie du nicht 80 Mitglieder der Knesset beleidigen würdest. Seine Vorgänger haben an allen früheren Konferenzen teilgenommen. Er kann sich jetzt nicht weigern – besonders nicht, nachdem du öffentlich einen Befehl gegeben hast.

Dann war Mursi dort. Was soll mit ihm geschehen?

Wenn ein anderer weiser Experte – dieses Mal für Ägypten – gefragt worden wäre, so hätte er denselben Rat gegeben: Lass es sein!

Ägypten will seine Rolle als Führer der arabischen Welt wieder gewinnen und zwar als Akteur auf der internationalen Bühne. Der neue Präsident, ein Mitglied der Muslimischen Bruderschaft will sicher nicht als jemand angesehen werden, der israelischem Druck nachgibt.

Also ist es besser, einen Frosch zu verschlingen – oder sogar zwei – als töricht zu handeln, wie es eine hebräische Redensart ausdrückt.

ABER NETANJAHU könnte solchem Ratschlag nicht folgen. Es wäre gegen seine Natur. Also proklamieren er und sein Assistent laut – sehr laut – dass die 120 anwesenden Länder Irans Bemühungen, Israel zu vernichten, unterstützen und dass Ban und Mursi für einen zweiten Holocaust werben.

Statt den Iran zu isolieren, hilft Netanjahu dem Iran, Israel zu isolieren.

Um so mehr als Ban und Mursi die Teheranbühne benützen, um die iranische Führung und deren syrische Verbündeten zu geißeln. Ban verurteilte Ahmadinejads Leugnung des Holocaust als auch seine erklärten Hoffnungen für das Verschwinden der „zionistischen Entität“. Mursi ging sogar noch weiter und geißelte das mörderische syrische Regime, Irans Hauptverbündeten.

(Diese Rede wurde live im iranischen Fernsehen übertragen. Der Übersetzer rief allgemeine Bewunderung für seine Geistesgegenwärtigkeit hervor. Wann immer Mursi auf arabisch von „Syrien“ sprach, sagte der Übersetzter auf persisch „Bahrain“.)

DIESE GANZE Episode ist nur insoweit wichtig, als es die unglaubliche Torheit von Netanjahu und seiner nahen Berater illustriert (alle sind von seiner Frau Sarah, der unbeliebtesten Person im Land, sorgfältig ausgewählt worden). Sie scheinen von der realen Welt abgeschnitten zu sein und in einer phantasierten eigenen Welt zu leben.

In dieser Fantasiewelt ist Israel das Zentrum des Universums, und Netanjahu kann den Staatsführern von Barak Obama und Angela Merkel bis Mohammed Mursi und Ban Ki-Moon Befehle erteilen.

Nun, wir sind nicht das Zentrum der Welt. Wir haben eine Menge Einfluss dank unserer Geschichte. Wir sind eine Regionalmacht, weit über unsere tatsächliche Größe hinaus. Aber um wirklich effektiv zu sein, benötigen wir Verbündete, einen guten Ruf und die Unterstützung der internationalen öffentlichen Meinung wie jeder andere auch. Ohne dies kann Netanjahus Lieblingsprojekt, den Iran anzugreifen, um sich einen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern, nicht ausgeführt werden.

Ich weiß, dass viele Augenbrauen hochgegangen sind, als ich kategorisch feststellte, dass weder Israel noch die USA den Iran angreifen würden. Es schien, dass ich meinen Ruf riskiert habe – so wie er ist – während Netanjahu und Barak sich auf die unvermeidliche Bombardierung vorbereiteten. Als das Gerede über den bevorstehenden Angriff lauter wurde, waren meine wenigen Sympathisanten ernsthaft besorgt.

Doch während der letzten paar Tage hat es hier einen kaum wahrnehmbaren Wandel im Ton gegeben. Netanjahu erklärte, die „Familie der Nationen“ müsse sich eine „rote Linie“ und einen Zeitplan zurechtlegen, um Irans Bemühungen, Nuklearwaffen zu entwickeln, zu stoppen.

In einfaches Hebräisch bzw. Deutsch übersetzt: es wird keinen israelischen Angriff geben, wenn er nicht von den USA gebilligt wird. Solch eine Zustimmung ist vor den bevorstehenden US-Wahlen unmöglich. Es ist auch danach höchst unwahrscheinlich aus den Gründen, die ich darzustellen versuchte. Geographische, militärische, politische und wirtschaftliche Umstände machen dies unmöglich. Diplomatie ist hier gefragt. Ein Kompromiss, der sich auf gemeinsame Interessen und gegenseitigen Respekt gründet, kann das beste Resultat bringen.

Ein israelischer Kommentator hat den interessanten Vorschlag gemacht, der Präsident der USA solle – nach den Wahlen – persönlich nach Teheran reisen und sich an das iranische Volk wenden. Das ist nicht unwahrscheinlicher als Richard Nixons historischer Besuch in China. Ich würde dem Vorschlag hinzufügen, wenn er schon hier ist, solle er auch nach Jerusalem kommen, um den Kompromiss zu besiegeln.

VOR ANDERTHALB Jahren wagte ich auch, anzudeuten, der Arabische Frühling wäre gut für Israel.

In jener Zeit war es in Israel und im ganzen Westen eine allgemeine Vermutung, die arabische Demokratie würde zu einem Anschwellen des politischen Islam führen, und dies würde eine tödliche Gefahr für Israel bedeuten. Der erste Teil der Vermutung war richtig, der zweite Teil falsch.

Die obskure Dämonisierung des Islam kann gefährlich in die Irre führen. Die Beschreibung des Islam als eine mörderische, von Natur aus antisemitische Religion, kann zu zerstörenden Konsequenzen führen. Zum Glück werden die verheerenden Vorhersagen täglich widerlegt.

In der Heimat des Arabischen Frühlings, in Tunesien, hat ein moderates islamisches Regime Wurzeln gefasst. In Libyen, wo Kommentatoren Chaos voraussahen und einen anhaltenden Bürgerkrieg zwischen den Stämmen, wachsen die Chancen für eine wachsende Stabilität. So sind auch die Chancen , dass die Islamisten in Syrien eine positive Rolle im Nach-Assad-Syrien spielen werden.

Und am wichtigsten – die Muslimische Bruderschaft in Ägypten benimmt sich mit beispielhafter Vorsicht. Sechstausend Jahre ägyptischer Weisheit hat mäßigenden Einfluss auf die Brüder, einschließlich Bruder Morsi. In den wenigen Wochen seines Regimes hat er schon eine bemerkenswerte Fähigkeit zum Kompromiss mit unterschiedlichen Interessen gezeigt – mit den säkularen Liberalen und dem Armeekommando in seinem eigenen Land, mit den USA, sogar mit Israel. Er ist jetzt mit Bemühungen beschäftigt, die Dinge mit den Sinai-Beduinen in Ordnung zu bringen, indem er ihren (gerechtfertigten) Groll anspricht und die militärische Aktionen gestoppt hat.

Es ist natürlich viel zu früh, darüber zu reden, aber ich glaube, dass eine erneuerte arabische Welt, in der moderate islamische Kräfte eine bedeutende Rolle spielen (wie in der Türkei) eine Umgebung für israelisch-arabischen Frieden schaffen. Falls wir Frieden wollen.

Damit dies geschieht, müssen wir aus Netanjahus Fantasiewelt ausbrechen und in die reale Welt zurückkehren, in die aufregende, sich verändernde, herausfordernde Welt des 21. Jahrhunderts.

Andernfalls werden wir dem brillanten Buch der verstorbenen Barbara Tuchman ein weiteres trauriges Kapitel hinzufügen: dem Buch „ Der Marsch der Toren“.

 (Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Wahnsinnig oder verrückt?

Erstellt von Gast-Autor am 2. September 2012

Wahnsinnig oder verrückt?

BENJAMIN NETANJAHU mag verrückt sein, aber er ist nicht wahnsinnig.

Ehud Barak mag wahnsinnig sein, aber er ist nicht verrückt.

Also: Israel wird den Iran nicht angreifen.

ICH HABE es schon früher gesagt und ich werde es wieder sagen, selbst nach dem endlosen Gerede darüber. Tatsächlich ist über keinen Krieg so viel geredet worden, bevor er stattfand.

Um die klassische Filmzeile zu zitieren; „Wenn du schießen musst, dann schieße! Rede nicht!“

Von allem Gerede Netanjahus über den unvermeidlichen Krieg ragt einer seiner Sätze heraus: „Im Untersuchungskomitee nach dem Krieg werde ich selbst die Verantwortung übernehmen, ich und ich allein!“

Ein sehr enthüllendes Statement.

Erstens: ein Untersuchungskomitee wird nur nach einem militärischen Fehlschlag ernannt. Nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948 gab es kein solches Komitee, auch nicht nach dem Sinai-Krieg 1956 und nach dem Sechstagekrieg 1967. Es gab jedoch Untersuchungskomitees nach dem Jom Kippur-Krieg 1974 und den Libanonkriegen 1982 und 2006. Indem er das Gespenst eines anderen Komitees heraufbeschwört, behandelt Netanjahu unbewusst diesen Krieg als einen unvermeidbaren Fehlschlag.

Zweitens: nach israelischem Gesetz ist die ganze Regierung Israels Oberkommandeur der Armee. Nach einem anderen Gesetz tragen alle Minister die „kollektive Verantwortung“. Das TIME-Magazin, das immer lächerlicher wird, mag „König Bibi“ krönen, aber wir haben noch keine Monarchie. Netanyahu ist nicht mehr als der primus inter pares – der erste unter Gleichen.

Drittens: in seinem Statement drückt Netanjahu grenzenlose Verachtung gegenüber seinen Ministerkollegen aus. Sie zählen nicht.

Netanjahu betrachtet sich selbst als modernen Winston Churchill. Ich kann mich nicht erinnern, dass der, nachdem er das Amt übernommen hatte, verkündigte: „Ich bin verantwortlich für die nächste Niederlage.“ Selbst in der verzweifelten Situation jener Zeit glaubte Churchill an den Sieg. Und das Wörtchen „ich“ kam nicht groß in seiner Rede vor.

BEI DER täglichen Gehirnwäsche wird das Problem in militärischen Termini präsentiert. Die Debatte befasst sich mit militärischen Fähigkeiten und Gefahren.

Israelis sind verständlicherweise besonders besorgt über den Regen von Zig-Tausenden von Raketen, von denen man erwartet, dass sie in allen Teilen Israels – nicht nur aus dem Iran kommend – fallen werden, sondern auch vom Libanon und dem Gazastreifen. Der Minister für zivile Verteidigung gab gerade in dieser Woche sein Amt auf, und ein anderer, ein Flüchtling der glücklosen Kadima-Partei, hat sein Amt übernommen. Jeder weiß, dass ein großer Teil der Bevölkerung (einschließlich mir) völlig schutzlos ist.

Ehud Barak hat angekündigt, dass nicht mehr als mickrige 500 Israelis von feindlichen Raketen getötet werden. Ich hoffe nicht, die Ehre zu haben, zu ihnen zu gehören, obwohl ich in der Nähe des Verteidigungsministeriums lebe.

Aber die militärische Konfrontation zwischen Israel und dem Iran ist nur ein Teil des Bildes – und nicht der bedeutendste.

Wie ich in der Vergangenheit schon angedeutet habe, ist die Auswirkung auf die Weltwirtschaft, die so schon in einer tiefen Krise steckt, weit wichtiger. Ein israelischer Angriff wird vom Iran als von Amerika inspiriert angesehen, und die Reaktion wird entsprechend sein, wie dies vom Iran in dieser Woche ausdrücklich festgestellt wurde.

Der Persische Golf ist wie eine Flasche, deren Hals die Meerenge von Hormuz ist, die vollkommen vom Iran kontrolliert wird. Die riesigen amerikanischen Flugzeugträger, die zur Zeit im Golf stationiert sind, wären gut beraten, hinauszufahren, bevor es zu spät ist. Sie ähneln jenen alten Segelbooten, die Liebhaber in Flaschen zusammenbastelten. Selbst die mächtige militärische Ausrüstung der US wäre nicht in der Lage, die Meerenge offen zu halten. Einfache Land-See-Raketen würden genügen, um sie monatelang geschlossen zu halten. Um sie zu öffnen, wäre eine lange Landoperation durch die USA und ihre Verbündeten erforderlich. Ein langes und blutiges Geschäft mit ungewissen Resultaten.

Ein großer Teil der Weltölreserven müssen diese einzigartige Wasserstraße passieren. Sogar die bloße Drohung ihrer Schließung würde die Ölpreise unermesslich in die Höhe treiben. Derzeitige Feindseligkeiten werden weltweit einen wirtschaftlichen Kollaps verursachen mit hundert Tausenden – wenn nicht Millionen – von neuen Arbeitslosen.

Jedes dieser Opfer wird Israel verfluchen. Da es kristallklar sein wird, dass dies ein israelischer Krieg ist, wird sich die Wut gegen uns richten. Schlimmer noch, viel schlimmer – da Israel darauf besteht, es sei der „Staat für das jüdische Volk“, wird die Wut die Form eines nie da gewesenen Ausbruchs von Anti-Semitismus annehmen. Neumodische Islamophoben werden sich in altmodische Judenhasser verwandeln. „Die Juden sind unser Unglück“, wie die Nazis zu behaupten pflegten.

Dies mag am schlimmsten in den USA sein. Bis jetzt haben die amerikanischen Bürger mit einer bewundernswerten Toleranz zugesehen, wie ihre Nahost-Politik praktisch von Israel diktiert wurde. Doch sogar der AIPAC und seine Verbündeten werden nicht in der Lage sein, den Ausbruch öffentlicher Wut aufzuhalten. Sie werden hinweg gefegt werden wie die Wellenbrecher vor New Orleans.

DIES WIRD eine direkte Auswirkung auf eine zentrale Kalkulation der Kriegstreiber haben.

Bei privaten Gesprächen, aber nicht nur dort, behaupten sie, dass Amerika am Vorabend der Wahlen bewegungsunfähig sein wird. Während der letzten paar Wochen vor dem 6. November werden beide Kandidaten sehr große Angst vor der jüdischen Lobby haben.

Die Kalkulation von Netanjahu und Barak sieht folgendermaßen aus: sie werden angreifen, ohne sich den Teufel um die amerikanischen Wünsche zu scheren. Der iranische Gegenangriff wird gegen amerikanische Interessen gerichtet sein. Die USA werden gegen ihren Willen in den Krieg mit hineingezogen.

Doch selbst im unwahrscheinlichen Fall, dass die Iraner mit äußerster Zurückhaltung gegen ihre Statements handeln und nicht amerikanische Ziele angreifen sollten, wird Präsident Obama gezwungen sein, uns zu retten, eine riesige Menge Waffen und Munition senden, unsere Antiraketen-Verteidigung aufbessern und den Krieg finanzieren. Sonst würde er angeklagt, Israel im Stich gelassen zu haben, und Mitt Romney würde als Retter des jüdischen Staates gewählt werden.

Diese Kalkulation gründet sich auf historische Erfahrungen. Alle israelischen Regierungen der Vergangenheit haben die amerikanischen Wahljahre für ihre Zwecke ausgenützt.

Als 1948 von den USA gefordert wurde, den neuen israelischen Staat gegen den ausdrücklichen Rat des Außen- und Verteidigungsministers anzuerkennen, kämpfte Präsident Truman gerade um sein politisches Leben. Seine Wahlkampagne war bankrott. Im letzten Augenblick sprangen jüdische Millionäre in die Bresche. Truman und Israel waren gerettet.

1956 war Präsident Eisenhower inmitten seiner Wiederwahlkampagne, als Israel zusammen mit Frankreich und England Ägypten angriff. Es war eine Fehlkalkulation – Eisenhower benötigte keine jüdischen Stimmen und Geld und ließ das Abenteuer stoppen. In andern Wahljahren waren die Einsätze niedriger, aber die Gelegenheit wurde immer ausgenützt, um einige Konzessionen von den USA zu erlangen.

Wird es dieses Mal funktionieren? Wenn Israel am Vorabend der Wahlen einen Krieg auslösen wird , offensichtlich, um den Präsidenten zu erpressen, wird die amerikanische Öffentlichkeit Israel unterstützen – oder wird das Gegenteil passieren? Es wird ein entscheidendes Risiko von historischen Ausmaßen sein. Aber Netanjahu ist – wie Mitt Romney – ein Protégé des Casino-Magnaten Sheldon Adelson, und er kann nicht abgeneigter gegenüber Risiken sein, als die armen Troddel, die ihr Geld in Adelsons Casino lassen.

WO SIND die Israelis bei all diesem?

Trotz der ständigen Gehirnwäsche zeigen die Umfragen, dass die Mehrheit der Israelis absolut gegen einen Angriff ist. Netanjahu und Barak werden als zwei Suchtkranke gesehen, manche sagen Größenwahnsinnige, die nicht mehr rational denken.

Einer der bemerkenswertesten Aspekte der Situation ist, dass unser Armeechef und der ganze Generalstab als auch die Chefs des Mossad und des Geheimdienstes (Shin Bet) und fast alle ihre Vorgänger vollkommen und öffentlich gegen einen Angriff sind.

Es ist eine der seltenen Gelegenheiten, dass militärische Kommandeure moderater als ihre politischen Chefs sind, auch wenn dies in Israel schon mal vorgekommen ist. Man mag sich sehr wohl fragen: wie können politische Führer einen schicksalhaften Krieg beginnen, wenn praktisch alle ihre militärischen Berater, die unsere militärischen Fähigkeiten und Grenzen kennen, dagegen sind?

Einer der Gründe dieser Opposition ist, dass die Armeechefs besser als jeder andere wissen, wie vollkommen abhängig Israel von den USA wirklich ist. Unsere Beziehungen zu Amerika sind allein die Basis unserer nationalen Sicherheit.

Es scheint auch zweifelhaft, ob Netanjahu und Barak in ihrer eigenen Regierung und im inneren Kabinett die Mehrheit für einen Angriff haben. Einige von ihnen glauben, dass – abgesehen von allem anderen – der Angriff die Investoren und Touristen vertreiben und damit für Israels Wirtschaft sehr großen Schaden verursachen wird.

Wenn das so ist, warum glauben die meisten Israelis immer noch, der Angriff stehe bevor?

Die Israelis sind vollkommen davon überzeugt, dass (a) der Iran von einer Bande verrückter Ayatollahs ohne jede Vernunft regiert wird und (b) dass, wenn sie einmal im Besitz einer Atombombe sind, diese sicher auf uns fallen lassen.

Diese Überzeugungen gründen sich auf die Äußerungen von Mahmoud Ahmadinejad, in denen er erklärte, dass „er Israel vom Antlitz der Erde wegwischen“ wolle.

Aber sagte er das wirklich so? Sicher, er hat viele Male seine Überzeugung ausgedrückt, dass die zionistische Entität verschwinden werde. Aber anscheinend hat er dies nie gesagt, dass er – oder der Iran – etwas tun werde, um dieses Ergebnis zu erreichen.

Das mag nur ein kleiner rhetorischer Unterschied sein, aber in diesem Zusammenhang ist es sehr wichtig.

Ahmadinejad mag auch ein großes Mundwerk haben, aber seine aktuelle Macht im Iran war niemals groß und wird schnell immer weniger. Die Ayatollahs, die wirklichen Herrscher, sind weit davon entfernt, unvernünftig/irrational zu sein. Ihr ganzes Verhalten seit der Revolution zeigt, dass sie sehr vorsichtige Leute sind, abgeneigt gegenüber ausländischen Abenteuern, beschädigt von dem langen Krieg mit dem Irak, den sie weder angefangen noch gewollt haben.

Ein mit Atombomben bewaffneter Iran mag ein unbequemer Nachbar sein, aber die Drohung eines „zweiten Holocaust“ ist ein Hirngespenst manipulierter Phantasie. Kein Ayatollah wird eine Bombe abwerfen, wenn die sichere Antwort die totale Vernichtung aller iranischen Städte sein wird und es das Ende der ruhmvollen, kulturellen Geschichte Persiens bedeutet. Die Abschreckung war ja der Sinn der israelischen nuklearen Bewaffnung.

WENN NETANJAHU & Co wirklich vor der iranischen Bombe Angst hätten, dann würden sie eines von zwei Dingen tun:

Entweder der atomaren Abrüstung der Region zustimmen, und alle atomare Aufrüstung aufgeben (höchst unwahrscheinlich).

Oder mit den Palästinensern und der ganzen arabischen Welt Frieden schließen und damit die Feindseligkeit der Ajatollahs gegenüber Israel entwaffnen.

Aber für Netanjahu ist viel wichtiger, die Westbank zu behalten und die Siedlungen auszubauen als die iranische Bombe zu verhindern.

Benötigen wir einen besseren Beweis der Verrücktheit seiner Panikmacherei.


(Aus dem Englischen : Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

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Die Panikmacher

Erstellt von Gast-Autor am 25. Dezember 2011

Die Panikmacher

Autor Uri Avnery

AM JAHRESTAG von Ben Gurions Todestag wurde ein Gedenkfeier an seinem Grab in Sde Boker abgehalten, in dem Dorf in der Negevwüste, wo er in seinem Ruhestand lebte. Es gibt dort keinen Friedhof – nur sein Grab und das seiner Frau Paula.

Die Zeitungen veröffentlichten ein Bild von Binjamin Netanjahu, wie er unter einem großen Foto des verstorbenen Führers eine Rede hält und der gedankenvoll in die Ferne schaut.

Ein kleines Detail auf diesem Bild zog meine Aufmerksamkeit auf sich: Netanjahu trug eine Kippa.

Warum? Ben Gurion war ein überzeugter Atheist. Er weigerte sich, eine Kippa zu tragen, nicht einmal bei Beerdigungen. ( Obwohl ich selbst ein überzeugter Atheist bin, trage ich zuweilen bei Beerdigungen aus Rücksicht auf die Gefühle anderer eine Kippa.)

Dieser Ort war aber weder eine Synagoge noch ein Friedhof. Weshalb – um Himmels willen – trägt dieser Mann eine schwarze Kippe auf seinem Kopf?

Für mich ist dies ein Zeichen dafür, was ich die Re-Judaisierung Israels nenne.

ZIONIMUS war u.a. eine Revolte gegen die orthodoxe jüdische Religion, die mit der Diaspora verbunden war und die Zionisten verächtlich „Galut“ (Exil) nannten. All die Gründerväter des Zionismus – Theodor Herzl, Max Nordau, Chaim Weizmann, Ze’ev Jabotinky und der Rest – waren überzeugte Atheisten.

Weshalb gab Ben Gurion den Religiösen aber doch zwei autonome Bildungssysteme, die vom Staat finanziert werden?

Warum stellte er Schüler aus religiösen Seminaren („Yeshivot“) vom Militärdienst frei?

Leute in meinem Alter können sich an die Situation damals erinnern. Ben Gurion, wie alle von uns, glaubte, dass die jüdische Religion dabei sei, auszusterben. Einige alte Leute, die Jiddisch sprachen, beteten noch in den Synagogen, aber mit der Zeit würden sie verschwinden. Wir die jungen, neuen Israelis waren säkular, modern, frei von diesem alten Aberglauben.

Nicht in seinen dunkelsten Alpträumen ( oder Tagträumen) hätte sich Ben-Gurion eine Zeit vorstellen können, in der religiöse Schüler, von denen einige in ihren Schulen nicht die grundlegendsten, modernen Fähigkeiten erlernen, etwa die Hälfte der israelisch-jüdischen Schüler darstellen. Oder dass die Anzahl religiöser Drückeberger der Armee mehrere Divisionen vorenthält.

Nach und nach übernimmt die religiöse Gemeinde den Staat. Die religiösen Siedler, die religiösen, anti-arabischen Pogromisten, ihre Verbündeten und ultra-rechten Kollaborateure gewinnen täglich mehr Positionen. Die Armee hat gerade jetzt veröffentlicht, dass 40% in den Kursen für Offiziers-Kandidaten eine Kippa tragen. Als 1948 unsere Armee entstand, sah ich keinen einzigen Kippa tragenden Soldaten, geschweige denn einen solchen Offizier.

Aber die Gefahr der Re-Judaisierung geht weit über die politische Sphäre hinaus.

LASSEN SIE mich eine Metapher aus der Natur übernehmen.

Das Wichtigste in der Natur ist das Überleben. Es gib da viele verschiedene Strategien des Überlebens, und die Natur duldet sie alle – so weit sie erfolgreich sind.

Die Gazelle überlebt durch Wegspringen. Wenn sie in Gefahr ist, flieht sie. Sie ist sehr erfolgreich. Tatsache: Die Gazellen haben überlebt.

Der Löwe hat durch Kämpfen überlebt. Wenn er in Gefahr ist, greift er an. Dies hängt von seinen Zähnen und Krallen ab. Tatsache: die Löwen haben überlebt.

Juden haben durch Fliehen überlebt. Sie waren darin sehr erfolgreich. Nach Tausenden von Jahren grausamster Verfolgungen, Pogrome und des Holocaust sind sie noch da. Ihre Zerstreuung in der Welt förderte diese Überlebenstaktik. Bei der kleinsten Gefahr flohen sie von einem Land ins andere.

Juden haben keine Taj Mahals oder majestätische Kathedralen gebaut. Ihre Schätze sind heilige Texte, Literatur und Musik – Dinge, die man im Kopf behalten und mitnehmen kann, wenn man auf der Flucht ist.

Wie einige Tiere in der Natur spüren Juden die geringste Gefahr von weitem. Es ist wie ein rotes Licht, das in ihrem Kopf aufleuchtet. Es geht an, wenn noch niemand anderes die Bedrohung spürt. (Tatsächlich würde ich heute nicht mehr leben, wenn mein Vater nicht vom ersten Tag des Naziregimes die Gefahr gespürt hätte und sich mit seiner Familie auf die Flucht begeben hätte, während er von fast allen um uns herum gescholten wurde.)

Der Zionismus wollte die Gazelle in einen Löwen verwandeln. Er sagte: nicht mehr fortlaufen. Wenn wir in Gefahr sind, werden wir kämpfen.

Es ist nicht mehr der feige Jude der antisemitischen Karikatur. Ab jetzt ist es der heldenhafte Israeli, aufrecht und stolz.

Und es scheint menschlich zu sein: wir überkompensieren die Vergangenheit. Wir sind aggressiv, militaristisch, ja, sogar brutal geworden. Die Unterdrückten wurden die Unterdrücker. Juden pflegten zu sagen: „Wenn es nicht mit Gewalt geht, dann versuch es mit dem Gehirn.“ Israelis sagen: „Wenn es nicht mit Gewalt geht, versuche es mit mehr Gewalt.“ (Ich muss gestehen, dass ich diesen Satz vor vielen Jahren als Scherz geprägt habe. Leider ist es kein Scherz mehr.)

DOCH IN letzter Zeit scheint es mir, als ob der alte Jude nicht verschwunden sei. Er hat sich nur innerhalb des Israeli versteckt. Er ist mit seinem kleinen roten Licht noch immer da.

Wie fand ich das heraus? Indem ich nur Binjamin Netanjahu mit oder ohne Kippa zuhöre.

Netanjahu hat einen besonderen Regierungsstil erfunden (oder angenommen): Er spielt mit der Angst der Leute.

Seitdem er an die Macht zurückkam, behandelt er uns mit einer endlosen Reihe von Ängsten. Panikmache ist die Regel des Tages – eines jeden Tages.

Zu Beginn war es Barack Hussein Obama, der uns zu bestrafen drohte, wenn wir nicht unser heiliges Recht aufgäben, Siedlungen überall im Land zu bauen, das uns Gott persönlich verheißen hat. Leider kapitulierte Obama sehr schnell, also wurde eine neue Bedrohung benötigt.

Kein Problem. Mahmoud Abbas, gestern noch ein „gerupftes Hühnchen“, verwandelte sich in einen brüllenden Tiger und bat die UN, den Staat Palästina als Mitglied aufzunehmen. Wie jeder weiß, ist das eine tödliche Bedrohung für Israel. Sie wurde nur durch Obamas (ja, desselben Hussein Obamas) Versprechen, sein Veto zu Gunsten Israels einzusetzen, abgewandt. Aber die Palästinenser sind trotzdem von der UNESCO akzeptiert worden – also ist die schreckliche Gefahr noch nicht gebannt.

Dann kam der Arabische Frühling. Netanjahu war es vom ersten Moment an klar – sogar noch bevor der große und ruhmreiche Freund Mubarak in den Glaskäfig gesteckt wurde – dass dies eine tödliche Gefahr darstellt. Nun ist es unheimlicher Weise bestätigt worden: der Islam, der gefährliche Islam wird Ägypten übernehmen.

Wie uns Netanjahu bei jeder Gelegenheit erzählt, ist der Islam eine mörderische, antijüdische Religion. Es gibt keine moderaten Islamisten – sie sind alle darauf aus, uns ins Meer zu werfen. Sogar unsere frühere Verbündete, die Türkei.

Und sie gewinnen nicht nur in Ägypten. Diese schrecklichen Islamisten haben schon in Marokko und Tunis gewonnen und sind dabei, auch in Libyen, Jordanien, Jemen, Syrien zu gewinnen. Unsere „Villa“ ist nicht mehr nur von einem Dschungel umgeben, sondern von einem Dschungel voll gefährlicher islamistischer Raubtiere. Wie entsetzlich!.

Dann wurde gerade zur rechten Zeit eine andere schreckliche Gefahr aufgedeckt: die Menschenrechtsorganisationen bedrohen die bloße Existenz Israels. Sie sind Teil einer weltweiten antisemitischen Verschwörung. Fakt: sie werden von ausländischen Regierungen finanziert. Ein neues Gesetz musste in Eile gegen sie verabschiedet werden. Zum Glück wurden vor kurzem solche Gesetze in einigen früheren sowjetischen Ländern verabschiedet. So erhielt unser moldawischer Außenminister ( oder eher unser Außenminister aus Moldawien) Avigdor Lieberman den Text von seinem großen Freund Alexander Lukaschenko, dem vorbildlichen Demokraten aus Weißrussland, und dem andern bekannten Demokraten Vladimir Putin.

All diese großen Gefahren reichten aus, um das plötzliche Auftauchen des sozialen Protestes auszulöschen, aber sie sind nichts, verglichen mit der schrecklichen, überwältigenden Gefahr: die iranische Bombe.

Die iranische Atombombe bedeutet einen zweiten Holocaust, nichts weniger. Nur die starke Führung von Binjamin Netanjahu kann uns gerade noch rechtzeitig davor retten.

Gegenüber solch einer schrecklichen Gefahr stellt keiner die relevante Frage: warum sollte ein iranischer Führer ein Land angreifen, das selbst eine Menge Atombomben besitzt und die Fähigkeit hat, bei einem „zweiten Schlag“ den ganzen Iran zu zerstören. Die deutsche Regierung liefert uns gerade ein sechstes U-Boot genau für diesen Zweck.

Die iranischen Führer mögen ja religiöse Fanatiker sein. Aber auch wir haben ein Menge von diesen, und sie sind ein Teil unserer Regierungskoalition. Gerade jetzt ist das Land in einem Aufruhr, weil die Rabbiner verlangen, dass religiöse Soldaten jede militärische Feier verlassen sollen, wenn es weiblichen Soldaten erlaubt wird, dort zu singen. „Die Stimme einer Frau ist ihr sexueller Teil“, behauptet ein heiliger Text. Und ein prominenter Rabbiner hat gerade verkündet, dass ein religiöser Soldat eher einem Exekutionskommando gegenüberstehen sollte, als einer singenden Frau zuhören. ( Ich habe das nicht erfunden.)

Aber der Iran beherrscht unsern öffentlichen Diskurs. All die roten Lichter blinken wie verrückt. Der Jude in uns ist tödlich erschrocken. Die Gazelle sagt: Lauf weg!. Der Löwe sagt: greife an!

DIE BIBEL sagt uns im hebräischen Original: „Wohl dem, der sich immer fürchtet!“ (Spr.28,14) Aber ständige Angst ist ein schlechter Ratgeber, um deine Angelegenheiten zu richten, um so mehr, wenn es sich um die Politik eines Staates handelt. Aber es mag gute Politik sein, wenn man sein eigenes Volk in Schach hält, während man die Demokratie, die Gleichheit und die Menschenrechte unterminiert.

Also lasst uns den Ghettojuden in uns befreien und wegschicken. Und wenn wir schon dabei sind, lasst uns die Panikmacher auch hinauswerfen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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