DEMOKRATISCH – LINKS

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RENTENANGST

Das Zentrum hält nicht

Erstellt von DL-Redaktion am 4. Februar 2017

Autor : Uri Avnery

„DEN BESTEN fehlt es an Überzeugungen, während die Schlechteste voll leidenschaftlicher Intensität ist.“

Gibt es eine bessere Beschreibung für das, was jetzt in Israel geschieht?

 Doch diese Worte wurden vor fast hundert Jahren von dem irischen Dichter W.B.Yeats geschrieben.

YEATS SCHRIEB kurz nach dem schrecklichen Morden und Zerstören des 1.Weltkriegs. Er glaubte, dass die Welt zu einem Ende kommt und erwartete das 2. Kommen des Christus.

Als Teil des Chaos sah er im selben Gedicht voraus: „dass das Zentrum nicht halten kann“. Ich glaube, er nahm diese Metapher vom Schlachtfeld früherer Jahrhunderte, wenn die gegenüberstehenden Armeen in zwei Reihen aufgestellt und sich gegenüber standen – mit der Hauptkraft in der Mitte und die beiden Flanken sie beschützten.

In einer klassischen Schlacht versuchte jede Seite eine der Flanken des Feindes zu zerstören, um das Zentrum zu umzingeln und anzugreifen. So lang wie das Zentrum hielt, war die Schlacht unentschieden.

In Israel, wie in den meisten modernen Demokratien, ist das Zentrum zusammengesetzt aus zwei oder mehr etablierten Parteien, geringfügig Links und geringfügig rechts. Die Linke ist die klassische Arbeiterpartei – jetzt verbirgt sie sich hinter dem Namen das „zionistische Lager“(welches automatisch die arabische Minderheit ausschließt, etwa 20% der Wählerschaft) . Die Rechte ist der Likud, die gegenwärtige Inkarnation der alten „Revisionisten“-Partei, die vor fast hundert Jahren von Vladimir Jabotinsky, gegründet wurde, einem liberalen Nationalisten im italienischen Risorgimento-Stil.

Dies war das israelische Zentrum, unterstützt von einigen kleinen Parteien.

Diese beherrschte Israel vom Tag seiner Gründung an. Die eine Partei bildete die Regierung, die andere war die loyale Opposition und sie wechselten alle paar Jahre die Rollen, wie es in einer ordentlichen Demokratie sein sollte.

An den Flanken waren die arabischen Parteien (jetzt vereint unter Zwang) und die kleine aber prinzipientreue Meretz auf der Linken und mehrere religiöse und proto-faschistische Parteien auf der Rechten.

Es war ein „normaler“ Aufbau wie in vielen anderen demokratischen Ländern.

Nun nicht mehr.

.AUF DEM Zentrum-Linke hat sich eine Stimmung der Resignation gebildet und ein Defätismus herrscht vor. Die alte Partei ist in die Hände einer Anzahl politischer Zwerge gefallen, deren Streit untereinander alle ihre andern Funktionen verdeckt.

Der gegenwärtige Führer YItzhak Herzog, der Nachkomme einer guten Familie trägt nach dem Gesetz den glorreichen Titel „Führer der Opposition“, aber weiß nicht einmal, was eine Opposition ist. Einige nennen seine Partei “Likud2“ Bei all den vitalen Themen wie Frieden mit dem palästinensischen Volk und der arabischen Welt, soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Demokratie, Trennung von Staat und Religion, Korruption – ist die Partei stumm. Für alle praktischen Zwecke ist sie am Sterben oder schon tot.

„Dem Besten fehlt es an Überzeugungen“ wie Yeats beklagte. Die besten Elemente der israelischen Gesellschaft sind entmutigt, geschlagen und stumm.

Auf dem Zentrum -Rechts sieht es noch schlimmer aus und noch gefährlicher. Der Likud, einmal eine liberale, demokratische Partei des rechten Flügels ist das gefallene Opfer einer feindseligen Übernahme. Sein extremistischer Flügel hat jeden Andersdenkenden herausgeschmissen und nun beherrscht er die Partei vollkommen. In dem Sinne derselben Metapher hat die rechte Flanke, das Zentrum übernommen.

Die Schlimmsten sind voller Intensität. Diese Rechts-Radikalen sind jetzt voller Schwung. Sie erlassen die grauenhaftesten Gesetze in der Knesset. Sie unterstützen und ermutigen die Polizisten und Soldaten zu abscheulichen Handlungen. Sie versuchen das Oberste Gericht und das Armee-Kommando zu unterminieren. Sie sind fest entschlossen noch mehr und größere Siedlungen zu bauen. Diese gefährlichen Rowdies sind tatsächlich „ voller Intensität“.

Der Neuzugang von Avigdor Lieberman zur Regierung vervollständigt dieses Angst einjagende Bild. Sogar der frühere Ministerpräsident Ehud Barak, ein gemäßigter Politiker, verkündigte öffentlich, dass diese Regierung faschistische Elemente einschließt

WARUM IST dies geschehen? Was ist der Grund?

Die gewöhnliche Antwort ist „ das Volk hat sich nach rechts bewegt“. Doch dies erklärt nichts. Warum haben sie sich nach rechts bewegt? Warum?

Einige suchen die Erklärung im demographischen Schisma in der israelisch-jüdischen Gemeinschaft. Juden, deren Familien aus islamischen Ländern kommen (Misrahim genannt) tendieren dahin, dass sie Likud wählen; Juden deren Familien aus Europa kommen (Askenazim) tendieren zur Linken .

Das erklärt nicht Lieberman, dessen Partei aus Immigranten aus der früheren Sowjetunion besteht, anderthalb Millionen, die „Russen“ genannt werden Warum sind die meisten von ihnen extreme Rechte, Rassisten, Araberhasser?

Eine Klasse für sich sind junge Linke, die sich weigern, eine Partei zu unterstützen. Stattdessen, wenden sie sich zu einem Nicht-Parteien–Aktivismus, gründen regelmäßig neue Gruppen für zivile Rechte und Frieden. Sie unterstützen die Palästinenser in den besetzten Gebieten, kämpfen für die „Reinheit unserer Waffen“ in der Armee und tun wunderbare Arbeit aus ähnlichen Gründen.

Es gibt Dutzende, ja vielleicht Hunderte solcher Vereinigungen, viele von ihnen vom Ausland unterstützt, die wunderbare Arbeit leisten. Aber sie hassen die politische Arena und schließen sich keiner Partei an, viel weniger vereinigen sich.

Ich glaube, dass dieses Phänomen den Trand erklärt. Immer mehr Leute, besonders junge Leute wenden sich von der „Politik“ ab, wobei sie Partei-Politik meinen. Es fehlt ihnen nicht an Überzeugungen, sie glauben aber, dass den politischen Parteien alle ehrlichen Überzeugungen fehlen und sie wollen nichs mit ihnen zu tun haben.

Sie sehen nicht, dass politische Parteien ein notwendiges Instrument sind, um in einer Demokratie eine Veränderung zu erreichen. Sie sehen sie als Gruppen von korrupten Heuchlern, denen reale Überzeugungen fehlen und wollen nicht in solcher Gesellschaft gesehen werden.

DEMNACH KOMMEN wir zu einer erstaunlichen Tatsache: dass sich die Entwicklungen in Israel den Prozessen in vielen anderen Ländern ähneln, die nichts mit unseren speziellen Problemen zu tun haben.

Vor ein paar Tagen waren die Wahlen für die Präsidentschaft in Österreich

Bis jetzt war die österreichische Präsidentschaft ein zeremonielles Amt wie in Israel, das zwischen den zwei Hauptparteien pendelte. Dieses Mal geschah etwas noch nie Dagewesenes: die zwei endgültigen Kandidaten kamen von den Extremen Rechten und den Grünen. Die Wähler beseitigten alle Kandidaten aus dem zentralen Establishment. Es ist noch schlimmer: der fast faschistische Kandidat verlor nur durch eine winzige Anzahl von Stimmen.

Österreich? Ein Land, das begeistert den (österreichischen) Adolf Hitler vor nur 80 Jahren willkommen hieß, und unter den vollen Konsequenzen litt?

Die einzige Erklärung ist, dass die Österreicher, wie die Israelis die Nase voll hatten von etablierten Parteien. Es handelt sich um zwei Nationen von gleicher Größe, die aber sonst nichts gemeinsam haben.

In Frankreich feiert Marine Le Pen, die extrem rechte anti-Establishment Führerin. In Deutschland, Holland und Skandinavien spielt sich etwas Ähnliches ab.

In den UK, die Mutter der Demokratie, ist die Öffentlichkeit dabei, für oder gegen den Austritt aus der EU zu stimmen. DIE EU ist mit dem Establishment identifiziert. Die EU zu verlassen, sieht (wenigstens für mich) total irrational aus. Doch die Chancen für dieses Geschehen sehen real aus.

ABER WARUM nur über die kleinen Länder reden? Was ist mit der einzigen Supermacht, die Vereinigten Staaten von Amerika?

Seit Monaten hat die Weltöffentlichkeit mit wachsendem Erstaunen den unglaublichen Aufstieg des Donald Trump beobachtet – das Drama, das mit einer Komödie begann und immer erschreckender wird.

Was, um Gottes Willen, hat sich in dieser großen Nation ereignet? Wie können Millionen und aber Millionen sich um das Banner eines Großmauls, eines vulgären, ignoranten Kandidaten scharen, dessen Hauptvorteil – und vielleicht das einzige – seine Entfernung von seiner politischen Partei ist? Wie konnte er sie überwältigen, ja tatsächlich die Große Alte Partei zerstören, ein Teil der Geschichte Amerikas?

Auf der andern Seite steht Bernie Sanders, ein viel attraktiverer Charakter, aber auch ein von seiner eigenen Partei verachteter. Mit einer Agenda, die von der der Mehrheit der Amerikanerweit entfernt ist.

Es gibt nur eine Ähnlichkeit zwischen den beiden, dass sie ihre Parteien nicht mögen und ihre Parteien sie nicht mögen.

DIES SCHEIN, nun ein weltweites Muster geworden zu sein.

Wenn man betrachtet, dass dies zur selben Zeit in Dutzenden Ländern, großen und kleinen geschieht, die sonst absolut nichts gemein haben – verschiedene Probleme, verschiedene Themen, verschiedene Situationen – ist das nicht erstaunlich?

Für mich ist das ein Rätsel. Alle paar Jahrzehnte kommen neue Ideen und infizieren einen großen Teil der Menschheit. Demokratie, Liberalismus, Anarchismus, Sozialdemokratie, Kommunismus, Faschismus, Demokratie noch einmal und jetzt diese Art von Chaos, meistens radikal Rechts-Flügelig sind weltweite Trends. Der letzte hat noch keinen Namen.

Ich bin sicher, dass viel Leute, Marxisten und andere eine vorgefertigte Erklärung. haben. Ich bin von keiner überzeugt. Ich bin nur perplex.

KOMMEN WIR zurück zu uns armen Israelis: Ich veröffentlichte gerade in Haaretz einen praktischen Plan, um die Sintflut bei uns aufzuhalten.

Ich bin noch immer ein Optimist.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Eine Gegen -Koalition

Erstellt von Gast-Autor am 6. April 2014

Eine Gegen -Koalition

ETWAS SEHR Bedeutendes geschah in dieser Woche am unwahrscheinlichsten Ort: in der Knesset.

 Auf der Tagesordnung standen drei Gesetze, eines schlimmer als das andere.

Eines war über „Regierungsgewalt“. Seine  Hauptbestimmung erhöht   die „ Prozent-Blockade“ – d.h. das Minimum, das eine Wahlliste benötigt, um in die Knesset zu kommen– von 2% bis 3,25%.  Die klare Absicht ist, die drei Listen, die ihre Stimmen aus dem arabischen Sektor erhalten und die etwa diese Prozentzahl oder weniger haben, abzuhängen.

Im zweiten Gesetz ging es um  „ die gleichmäßige Verteilung der Last“.  Sein erklärtes Ziel ist, Tausende  orthodoxer Jugendlichen zum Militärdienst zu zwingen, von dem sie  jetzt befreit sind.  Praktisch  befreit das neue Gesetz sie vier weitere Jahre. Israelis nennen dies „Israbluff“.

Das dritte Gesetz geht um Frieden oder sein Nicht-vorhanden-sein. Es besagt, dass jedes Abkommen, das jetzt  israelisches Land aufgibt, von einem Referendum bestätigt werden müsste. Bis jetzt ist in Israel ein Referendum unbekannt gewesen. Dieses Gesetz würde selbst bei noch so kleinem Landtausch angewandt werden.

Welche Verbindung gibt es zwischen diesen drei Gesetzesvorlagen?  Keine – außer, dass sie auf Papier gedruckt wurden. Doch jede von ihnen ist von mindestens einer der sechs Fraktionen, die die Regierung unterstützen, nicht  annehmbar, was ihre Annahme  unmöglich macht.

Damit sie alle angenommen werden, hat die Regierungskoalition all ihren Mitgliedern eine drakonische  Maßnahme aufgezwungen: Sie  müssen für alle drei zusammen abstimmen. Eins nach dem andern.

Dies hat sich nie zuvor ereignet. Es ist ein weiteres Symptom für die schleichende Unreife  des rechten Flügels, das Kennzeichen dieser Knesset.

UM SICH selbst zu verteidigen, haben die Oppositionsparteien etwas getan, was vorher in Israel  noch nie geschah: sie haben dem Knesset-Plenum einen Boykott erklärt. Nicht ein einziges Oppositions-Mitglied  war während der Debatte  über diese Gesetzesentwürfe  und ihre Abstimmung im Plenum. Sie errichteten ein „alternatives Plenum“, wo sie eine lebhafte Debatte führten.

Die Opposition besteht aus verschiedenen Elementen, die gewöhnlich nicht zusammenarbeiten.

Da gibt es die linken zionistischen Parteien: Die Laborpartei und Meretz.

Es gibt die beiden orthodox-religiösen Fraktionen: Die Torah-Jüdische Fraktion (aus zwei getrennten Parteien)  und die orientalisch-orthodoxe Partei, die Shas.

Und da gibt es noch  die drei arabische Parteien: die nationalistische Balad-Partei, die moderate  islamische und die kommunistische Partei, in der auch eine kleine jüdische Gruppe ist.

All diese verschiedenen politischen Gruppierungen kamen zusammen, um ihre Empörung über die diktatorischen Maßnahmen des rechten Flügels auszudrücken. Ihr beispielloser Boykott der Knesset-Stimmen unterstreicht die Ernsthaftigkeit der parlamentarischen Krise, obwohl diese nicht die Annahme der Gesetze verhinderte.

Die  Aufregung der Medien über die Krise  verbarg jedoch einen viel  ernsteren Aspekt, einen, der eine fundamentale Auswirkung auf die Zukunft Israels haben kann.

ALLE DREI israelischen Fernsehkanäle widmeten dem, was sich im Knesset-Plenum  ereignete, nur ein paar Minuten, sie konzentrierten sich viel mehr auf interessantere Geschehnisse im Kontra-Plenum.

Sie zeigten z.B. den Führer von Shas, Arieh Deri, wie er mit seinem Kopf den Kopf des prominenten Laborabgeordneten Eitan Kabel berührte. Es war mehr als eine brüderliche Geste. Es war eine politische Erklärung.

Seit dem ersten Tag des Staates Israels, während 29 Jahren, wurde das Land von der Laborpartei regiert – in enger Zusammenarbeit mit den religiösen jüdischen Parteien. (Vorher hatte dieselbe Koalition die jüdische Gemeinschaft in Palästina seit 1933 „regiert“)

Der historische Wandel, 1977, den die Likud an die Macht brachte, geschah, als die religiösen Parteien der Labor-Partei ihren Rücken zuwandten und sich der  neuen rechten Koalition von Menachem  Begin anschlossen. Dies war mehr als ein politisches Manöver. Es war eine tektonische Bewegung, die die Landschaft Israels veränderte.

Seit damals hat die religiöse Koalition  vom rechten Flügel Israel regiert (Wenn man von kleinen Unterbrechungen absieht.) Es schien unerschütterlich und verurteilte Israel  zu einer dunklen Zukunft der Apartheid, Besatzung und der Siedlungen.

Es schien auch ganz natürlich. Die jüdische Religion beteuert, dass Gott persönlich den Israeliten das ganze Heilige Land  verheißen hat. Religiöse Schulen lehren  ganz jüdisch konzentrierte  Aussichten, die die Rechte der anderen ignorieren. Die Ergebnisse dieser Ausbildung scheinen die natürlichen Verbündeten der Likud-Ideologie zu sein: das „Ganze Land Israel gehört uns“.

Es  handelt sich um die Spaltung  zwischen den Orthodoxen, deren Judentum die  alte Religion des Stetl ist, und den  zionistischen „Nationalreligiösen“, deren Judentum eine stammesmäßige Mischung von „Blut und Boden“  ist. Für die Orthodoxen ist das Judentum nicht  der Feind des Friedens. Im Gegenteil: Shalom/Frieden und die gute Behandlung von  nicht-jüdischen Einwohnern sind  Gebote Gottes.

Falls diese Idylle zwischen  dem säkular-orthodox-arabischen  Dreieck hält, könnte   Vorläufer einer neuen politischen Wende sein, das Ende der Ära, die 1977 begann.

UM ZU VERSTEHEN, was geschehen ist, muss man die Bedeutung von „Verstehen“ verstehen;  d.h. andere Verstehen.

Die orthodoxe Gemeinschaft ist eine getrennte Sektion von Israel, ganz ähnlich wie die arabische Sektion und vielleicht sogar noch mehr. Sie sind anders als der Mainstream Israels in fast allem – die kulturelle Ansichten, die historische Orientierung,  die Sprache (viele sprechen jiddisch), die Kleidung,  ja sogar die Körpersprache.

Die gegenwärtige Krise wird nicht von ihrer Antipathie gegen die Armee und der ganzen zionistischen Ideologie verursacht. Es geht viel tiefer. Ihr Hauptziel ist das Überleben in einer zunehmend feindseligen Welt. Sie müssen eine absolute Kontrolle  über ihre Söhne und Töchter  halten– von der Geburt bis zum Tod. Sie erlauben ihnen nicht, in Kontakt mit Nicht-Orthodoxen zu kommen – in keinem Stadium ihres Lebens. Deshalb kann es ihnen nicht erlaubt werden, normale Schulen zu besuchen, in die Armee zu gehen, an gewöhnlichen Arbeitsplätzen zu arbeiten, in säkularen Stadtteilen zu leben. Sie dürfen nicht mit nicht-orthodoxer Gesellschaft essen oder  – Gott bewahre –  säkulare Mädchen treffen. Totale Isolierung ist ihr Überlebensrezept.

Israelis vom rechten  Flügel mit ihren fixierten und egozentrischen Ansichten sind völlig unfähig, dies zu verstehen, so wie sie nicht in der Lage sind, die Gesinnung der arabischen Bürger zu verstehen.  Um Gottes willen! Warum sollte eine israelisch jüdische  Mutter eines Soldaten schlaflose Nächte verbringen, weil sie sich Sorgen um ihren Sohn macht, während diese Drückeberger sich des Lebens erfreuen?

Für einen orthodoxen Jungen  ist es natürlich undenkbar, mit dem Talmudstudium aufzuhören, wie es für einen arabischen Jungen  undenkbar ist, auf palästinensische Brüder zu schießen.

Die Armeechefs wollen übrigens keinen von beiden. Sie schaudern bei dem Gedanken  arabische Jugend zu trainieren und zu bewaffnen, außer ein paar beduinischen Söldnern. Es schaudert sie bei dem Gedanken, Tausende von Orthodoxen in die Armee aufzunehmen, die getrennte Lager brauchen, um nicht mit jemandem in Kontakt zu kommen, einschließlich Augenkontakt mit Mädchen. Ganz zu schweigen von der Notwendigkeit von Synagogen, rituellen Bädern, spezielle koschere Nahrung und ihre eigenen Rabbiner, der jeden Befehl eines normalen Offiziers  ins Gegenteil wenden könnte.

Doch  kein Armeeoffizier wird dies offen sagen. Die alte zionistische Vision verbietet dies. Unsere Armee ist eine Bürgerarmee, jeder dient darin ohne Diskriminierung; bei der Verteidigung  des Heimatlandes ist  Gleichheit heilig.

Deshalb  sind  komplizierte legale Tricks der Selbsttäuschung seit Jahrzehnten in Übung. Jetzt muss sich das Land damit aus einander setzen.

Meiner Meinung nach sollten wir der Realität ins Auge schauen: Die Orthodoxen  (und die arabischen Bürger) sind besondere Minderheiten, die auch einen Sonderstatus benötigen. Die augenblickliche  Situation sollte legalisiert werden, ohne Tricks. Die Orthodoxen(und die Araber) sollten  offiziell eine Ausnahmebehandlung bekommen. Vielleicht  sollte  unsere Armee westlichen Beispielen folgen und sollten selbst alle in eine  professionelle Freiwilligen-Armee begeben.

ABER DIES ist ein Seitenaspekt. Die Hauptfragen sind  diese:

Kann die alte Verbindung zwischen dem linken Flügel und  dem orthodoxen erneuert werden?

Kann es einen fundamentalen Wandel in der Verteilung der politischen Kräfte geben?

Kann die Koalition der Rechten und des „national-religiösen“ messianischen Lagers, einschließlich seiner faschistischen Ränder wieder eine politische Minderheit werden?

Kann eine Gegen-Koalition der Linken und der Orthodoxen (ja,mit den arabischen Bürgern) zur Macht kommen?

Es ist nicht unmöglich, doch müsste man ein Optimist sein, um das zu glauben.

Doch  man muss überhaupt ein Optimist sein, um  an Gutes zu denken.

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert)

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Das Debakel

Erstellt von Gast-Autor am 12. Januar 2014

Das Debakel

Autor Uri Avnery

DIE GRÖSSTE GEFAHR für Israel ist nicht die mutmaßliche iranische Bombe .Die  größte Gefahr ist die Dummheit unserer Führer.

Dies ist kein einzigartiges israelisches Phänomen. Sehr viele Führer der Welt sind offensichtlich dumm und sind es immer gewesen. Es genügt, auf das zu sehen, was sich im Juli 1914 in Europa   abspielte, als eine unglaubliche Häufung dummer Politiker und inkompetenter Generäle  die Menschheit in den 1. Weltkrieg stürzte.

Aber in letzter Zeit haben Benjamin Netanjahu und fast das ganze israelische politische Establishment  einen neuen Rekord an Dummheit erreicht.

LASST UNS  mit dem  Ende beginnen.

Der Iran ist der große Sieger. Er ist herzlich in die Familie zivilisierter Nationen wieder aufgenommen worden. Seine Währung, der Real, steigt. Sein Prestige und sein Einfluss haben in der Region  wieder  an Bedeutung gewonnen. Seine Feinde in der muslimischen Welt, Saudi Arabien und seine Satelliten am Golf sind gedemütigt worden. Jeder Militärschlag gegen ihn von irgendjemandem, einschließlich Israel, ist undenkbar geworden.

Das Image des Iran als einer Nation verrückter Ayatollahs,  gefördert von Netanjahu und Ahmadinejad, ist verschwunden. Der Iran sieht jetzt wie ein verantwortliches Land aus, das von nüchtern denkenden  und klugen Führern geleitet wird.

Israel ist der große Verlierer. Es hat sich selbst in eine Position totaler Isolierung manövriert. Seine Forderungen sind ignoriert worden. Seine traditionellen Freunde haben sich selbst von ihm distanziert. Seine Beziehungen mit den US sind ernsthaft beschädigt worden

Was Netanjahu  und Co gerade tun, ist fast unglaublich. Auf einem sehr hohen  Ast sitzend, sägen sie ihn fleißig durch.

Viel ist über die totale Abhängigkeit Israels  von den US  gesagt worden, und zwar fast auf allen Gebieten. Aber um die Größe der Dummheit zu verstehen, muss ein Aspekt besonders erwähnt werden:  Israels Kontrollen, in Wirklichkeit, der Zugang zu den  amerikanischen Zentren der Macht

Alle Nationen, besonders die kleineren und ärmeren, wissen, dass, wenn man die Hallen  des amerikanischen Sultans betritt, um Hilfe und Unterstützung zu bekommen, sie den Türwächter bestechen müssen. Die Bestechung mag viele Formen annehmen: politisch (Privilegien vom Herrscher); oder wirtschaftlich (Rohmaterial); diplomatisch (Stimmen bei der UN); militärisch (eine Basis oder „Zusammenarbeit“ mit dem Nachrichtendienst) oder was auch immer. Wenn es groß genug ist,  wird AIPAC  helfen, vom Kongress Unterstützung zu bekommen.

Dieser einmalige Vorzug beruht  allein auf der Wahrnehmung von Israels einzigartiger Stellung in den USA. Netanjahus komplette Niederlage in Bezug auf  die US-Beziehungen mit dem Iran hat schwer geschadet, wenn nicht gar diese Wahrnehmung gelöscht. Der Verlust ist unermesslich.

DIE ISRAELISCHEN Politiker, sind wie die meisten ihrer Kollegen wo anders, mit der Weltgeschichte kaum vertraut. Sie sind Parteifunktionäre, die ihr Leben mit politischen Intrigen verbringen. Wenn sie Geschichte studiert hätten, würden sie nicht für sich selbst die Falle gebaut haben, in die sie jetzt gefallen sind.

Ich bin versucht, damit zu prahlen, dass ich  vor mehr als zwei Jahren schrieb:  jeder militärische Angriff  auf den Iran durch Israel oder die USA  sei unmöglich. Aber es war keine Prophetie, die mir von irgend einer unbekannten  Gottheit eingegeben wurde. Es war nicht einmal sehr klug. Es war nur die Folge  eines einfachen Blickes auf den Atlas: Die Straße von Hormuz.

Jede militärische Aktion gegen den Iran würde zu einem größeren Krieg führen, so etwa wie der Vietnamkrieg, außerdem zu einem Kollaps der Welt, so etwa zu  einem Kollaps der Welterdölrouten.  Selbst, wenn die US-Öffentlichkeit nicht so kriegsmüde gewesen wäre, .um solch ein Abenteuer zu starten, der muss  nicht nur  ein Idiot gewesen sein, sondern wahnwitzig.

Die militärische Option ist „nicht vom Tisch“ – sie war nie auf dem Tisch. Es war eine leere Pistole, und die Iraner wussten dies  sehr wohl.

Die geladene Pistole war das System  der Sanktionen.  Das Volk leidet. Es überzeugte den obersten Führer, Ali Husseini Khamenei, das Regime völlig zu ändern und einen neuen und sehr anderen Präsidenten einzusetzen.

Den Amerikanern war dies klar, und sie handelten dem entsprechend. Netanjahu, von der Bombe besessen, änderte nichts. Noch schlimmer: er tut noch immer nichts.

Falls es ein Symptom von Wahnsinn ist,  immer wieder dasselbe zu versuchen,  das  fehl geschlagen war, dann sollten wir beginnen, uns über „König Bibi“ Sorgen zu machen.

UM SICH SELBST vor dem Image  totalen Misserfolges zu retten, hat AIPAC angefangen, seinen Senatoren und Kongressleuten Order zu geben, neue Sanktionen auszuarbeiten, die in einer unbestimmten Zukunft  in die Praxis umgesetzt werden sollten.

Das neue Leitmotiv der israelischen Propagandamaschine ist: der Iran täuscht. Die Iraner können nichts anderes. Täuschen liegt in ihrer Natur

Dies könnte wirksam sein, weil es sich auf tief verwurzelten  Rassismus gründet. Bazar ist ein persisches Wort, das bei Europäern  mit Feilschen und  Täuschen assoziiert ist

Aber die israelische Überzeugung, dass die Iraner täuschen, hat eine robustere  Grundlage: unser eigenes Verhalten. Als Israel 1950 anfing, seinen eigenen Atomreaktor mit Hilfe Frankreichs zu bauen, musste es die ganze Welt täuschen und tat dies mit phantastischer Wirkung.

Durch reinen Zufall – vielleicht auch nicht – strahlte Israels Kanal 2TV  am letzten Montag eine sehr enthüllende Geschichte aus (nur zwei Tage nach dem Unterzeichnen des Genfer Abkommens)  Das  mit dem größten Prestige- verbundene Programm „Tatsache“ interviewte den israelischen Hollywood-Regisseur Arnon Milchan, einen Milliardär und Israelpatrioten.

In dem Programm brüstete sich Milchan mit seiner Arbeit für Lakam, eine israelische Spionageagentur, die sich mit Yonatan Pollard befasste (Seit damals ist sie demontiert). Lakam spezialisierte sich  auf wissenschaftliche Spionage, und Milchan tat unschätzbaren Dienst, indem er geheim und unter falschen Vorwänden notwendige Materialien für das  nukleare Programm beschaffte.

Milchan deutete seine Bewunderung für das südafrikanische Apartheidregime  und Israels nukleare Zusammenarbeit mit diesem an . Zu der Zeit gab eine  mögliche nukleare Explosion im Indischen Ozean nahe Südafrika amerikanischen Wissenschaftlern rein Rätsel auf, und es gab Theorien, (die nur flüsternd wiederholt wurden) über einen israelisch-südafrikanischen nuklearen Versuch.

Eine dritte Partei war der Schah von Persien, der auch nukleare Ambitionen hatte. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Israel dem Iran half, die ersten atomaren Schritte zu tun.

Israels Führer und Wissenschaftler gaben sich große Mühe, ihre in hohem Maße  nuklearen Aktivitäten zu verbergen. Der Dimona-Reaktor wurde als Textilfabrik getarnt. Ausländer wurden durch Dimona geführt und durch falsche Mauern, verborgene Stockwerke und ähnliche Dinge getäuscht.

Wenn deshalb unsere Führer von Täuschung,  Betrug und  Irreführung sprechen, dann wissen sie genau, worüber sie sprechen. Sie  respektieren die persische Fähigkeit, dasselbe zu tun, und sind ganz davon überzeugt, dass dies geschehen wird. Praktisch denken  alle Israelis so und besonders  die-Kommentatoren der Medien

EINES DER  bizarreren  Aspekte der amerikanisch-israelischen Krise ist die israelische Klage, dass die US „hinter unserm Rücken“  einen geheimen diplomatischen Kanal mit dem Iran  gehabt habe.

Falls es einen internationalen Preis für  Chuzpe (Frechheit) gäbe, dann wäre dies ein glaubwürdiger Kandidat.

„Die einzige Welt-Supermacht“ hat geheime Verbindungen mit einem bedeutenden Land und informiert Israel erst verspätet darüber. Was für eine Unverschämtheit! Wie können sie es nur wagen!

Das wirkliche  Abkommen – so scheint es – war nicht  in den vielen Stunden der Verhandlungen in Genf  ausgehandelt, sondern in diesen geheimen Kontakten

Übrigens, vergaß  unsere Regierung  nicht, sich damit zu brüsten, dass sie über all dies die ganze Zeit durch  Quellen des eigenen Geheimdienstes Bescheid wusste. Sie deutet darauf hin, dass dies Saudis waren. Ich würde eher einen  unserer zahllosen Informanten der US-Regierung verdächtigen.

Sei es, wie es sei, die  Annahme ist, die US sei im Voraus  verpflichtet, Israel  über jeden Schritt, den es in Nahost unternimmt,  zu informieren. Interessant!

PRÄSIDENT OBAMA hat  offensichtlich entschieden, dass Sanktionen und militärische Drohungen nur so weit gehen können. Ich denke, er hat recht.

Eine stolze Nation  ergibt sich keinen offenen Drohungen. Mit solchen Herausforderungen  konfrontiert, tendiert eine Nation dazu, mit patriotischem  Eifer zusammen zu rücken und seine Führer zu unterstützen, auch wenn sie nicht beliebt sind. Wir Israelis würden dies tun. So würde es auch jede andere Nation tun.

Obama hat fest mit einem iranischen Regimewechsel gerechnet, der schon begonnen hat. Eine neue Generation, die in den sozialen Medien sieht, was in aller Welt geschieht, möchte am guten Leben teilnehmen. Revolutionärer Eifer und ideologische Orthodoxie schwinden mit der Zeit, wie wir Israelis nur zu gut wissen. Es geschah in unsern Kibbuzim; es geschah in der Sowjetunion; es geschieht in China und Kuba; nun geschieht es auch im Iran.

WAS SOLLEN wir also tun? Mein Rat wäre einfach: wenn du sie nicht schlagen kannst, schließ Dich ihnen an.

Stopp  Netanjahus Obsession und die Torheit der AIPAC, nimm das Genfer Abkommen an, weil es gut für Israel ist,  unterstütze Obama. Flicke die Beziehungen mit der US-Regierung. Und besonders wichtig; strecke deine Fühler zum Iran aus, um sehr langsam  die gegenseitigen Beziehungen  zu verändern.

Geschichte zeigt, dass Freunde von gestern die Feinde von heute sein können und die Feinde von heute die Verbündeten von morgen. Es geschah schon einmal zwischen dem Iran und uns. Abgesehen von der Ideologie,  gibt es keinen wirklichen  Zusammenstoß der Interessen zwischen den beiden Nationen.

Wir benötigen einen Wandel in der Führung wie  denjenigen, den der Iran begonnen hat. Leider  haben sich alle israelischen Politiker, linke wie rechte,  dem Marsch der Toren angeschlossen. Nicht eine einzige Stimme aus dem Establishment hat sich dagegen erhoben. Der neue  Führer der Labor-Partei, Yitzhak Herzog ist genau so ein Teil wie Yair Lapid und Tsipi Livni.

Auf Jiddisch sagt man: Über Narren würde man sich amüsieren, wenn sie nicht unsere eigenen Narren wären.

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der widerwillige Prophet

Erstellt von Gast-Autor am 26. Februar 2012

Der widerwillige Prophet

Autor Uri Avnery

Am letzten Montag wurde ich für mein „Lebenswerk“ mit dem Leibowitz-Preis ausgezeichnet.

Der Preis war von der Yesh Gvul-Friedenssoldaten-Organisation initiiert. Ich war nicht in der Lage, eine Rede vorzubereiten. Also sprach ich frei und muss nun meine Bemerkungen aus dem Stegreif rekonstruieren. (die Laudatio der Nobelpreisträgerin Prof. Ada Yonat war viel zu viel des Lobs, um sie zu verbreiten).

Zuerst möchte ich Yesh Gvul danken, dass es diesen Preis geschaffen hat. Dann möchte ich der angesehenen Jury danken, die so liebenswürdig war, mir und Hagith Ofran, der Enkelin von Prof. Leibowitz, den Preis zuzuerkennen. Ich bewunderte seit Jahren Hagits Werk ( innerhalb Peace Now ) gegen den Siedlungsbau. Und dann möchte ich all jenen danken, die heute zu dieser Feier gekommen sind.

Doch in diesem Augenblick denke ich an eine, die nicht hier ist und deren Abwesenheit so ungerecht ist: meine Frau Rachel. Sie war eine vollkommene Partnerin in allem, was ich während der letzten 58 Jahre tat . Sie hätte – allermindestens – mit der Hälfte des Preises ausgezeichnet werden sollen. Sie wäre glücklich gewesen, wenn sie hätte hier sein können.

Als ich dieses Gebäude betrat, wurde ich stürmisch von einer rechten Demonstration begrüßt. Ich war schwer beleidigt, als mir gesagt wurde, dass sie nicht gegen mich gerichtet sei, sondern gegen meinen Freund Muhammad Bakri, den arabischen Schauspieler, der die Faschisten durch seinen Film „Jenin, Jenin“ zornig gemacht hatte. In diesem Augenblick spielte er auf der benachbarten Theaterbühne in Frederico Garcia Lorcas „Das Haus von Bernarda Alba“ mit. Wahrscheinlich verdient er diese Demonstration, aber ich fühlte mich trotzdem tief beleidigt.

ICH BEWUNDERTE und liebte Yeshayahu Leibowitz.

Ich bewunderte ihn für seine scharfsinnige Logik. Wann immer er sie bei einem Problem anwandte, war es eine Wonne, dies mit zu erleben. Nichts konnte dem widerstehen. Oft fragte ich mich neidisch, wenn ich ihm zuhörte: „Warum habe ich nicht auch daran gedacht?“

Ich liebte ihn wegen seiner unerschütterlichen moralischen Haltung. Für ihn stand die moralische Verpflichtung des einzelnen Menschen über allem.

Kurz nach dem 67er-Krieg und dem Beginn der Besatzung prophezeite er, dass wir eine Nation von Managern und Geheimdienstagenten werden würden.

Tatsächlich war er für mich wie ein 2.Yeshayahu , dem Erben des biblischen Yeshayahu. (Yeshayahu ist die hebräische Form von Jesaja). Als ich ihm das sagte, wurde er ärgerlich. „Die Leute verstehen die Bedeutung des Wortes nicht,“ beschwerte er sich, „in den europäischen Sprachen ist ein Prophet eine Person, die die Zukunft voraussagen kann. Aber die hebräischen Propheten waren Leute, die Gottes Wort weitergaben!“ Obwohl Leibowitz orthodox war und ein Kippaträger, dachte er nicht in dieser Weise von sich.

Wie alle großen Männer und Frauen war er eine Persönlichkeit voller Widersprüche. Ich versuchte herauszufinden, wie ein so rationaler Denker religiös sein konnte. Er erklärte mir, dass eine Person, die strikt alle 613 Gebote der jüdischen Religion einhält, sehr rational sein kann – weil die Religion auf einer ganz anderen Ebene liegt. Als Professor verschiedener recht divergierender Disziplinen (Philosophie, Chemie, Biochemie, Medizin) sorgte er dafür, dass Wissenschaften und Religion einander nicht beeinträchtigten.

Als ihm einmal jemand erzählte, er habe während des Holocaust aufgehört, an Gott zu glauben, erwiderte er, „Dann hast du auch vorher nicht an Gott geglaubt.“

WÄHREND ICH hier in dieser Halle stehe, bereue ich meinen Anteil an der Tatsache , dass er nie den Israelpreis, die höchste Auszeichnung erhalten hat, die das Establishment vergeben kann. Es geschah 1993, als Yitzhak Rabin Ministerpräsident war. Ein frischer Wind wehte (so schien es wenigstens) und die offizielle Jury entschied – endlich – Leibowitz den hohen Preis zu verleihen.

Zufällig organisierte ich gerade zu dieser Zeit eine öffentliche Konferenz des „Israelischen Rates für israelisch-palästinensischen Frieden“. Ich rief Leibowitz an und fragte ihn, ob er kommen und sprechen würde.

Ich muss hier hinzufügen, dass ich immer stark daran interessiert war, ihn bei unsern Versammlungen dabei zu haben, und zwar aus zwei Gründen. Erstens war er ein äußerst faszinierender Redner. Zweitens, wenn Leibowitz kommen sollte, war die Halle – egal, wie groß sie war –immer bis auf den letzten Platz besetzt, sogar auf den Treppen und den Fenstersimsen. Allerdings arrangierte ich das Programm immer derart, dass ich nach ihm sprach. Aus guten Gründen: Wenn er anfing, verriss er alle Reden seiner Vorredner in Stücke, indem er seine unglaubliche Macht der Analyse anwandte und bewies, dass alles, was sie sagten, absoluter Unsinn sei.

Als ich ihn diesmal fragte, war er bereit zu reden, unter einer Bedingung: er wolle nur über ein einziges Thema sprechen: dass die Soldaten ihren Dienst in den besetzten Gebieten verweigern sollten.

„Bitte sprechen Sie über alles, was Sie wollen,“ erwiderte ich, „schließlich ist dies ein freies Land – bis zu einem gewissen Punkt .“

Also kam er und hielt eine Rede, in der er unsere Soldaten mit der Hamas verglich, die damals (wie heute) als die brutalsten Terroristen angesehen wurden. Dies führte zu einem schrecklichen öffentlichen Aufschrei. Rabin drohte, die Preisverleihungsfeier zu boykottieren. Die Jury überlegte, ob es möglich sei, den Preis zurückzunehmen und Leibowitz verkündete, er würde den Preis nicht annehmen. Also wurde er niemals mit dem Israel-Preis ausgezeichnet, wie einige andere Leute, die ich kenne.

ES MACHTE mir immer Freude, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er lebte in einer bescheidenen, mit Büchern vollgestopften Wohnung , die man über einen Hinterhof erreichte. Sie lag im Jerusalems Rehavia-Viertel. Greta, seine Frau und Mutter seiner sechs Kinder, hatte er an einer deutschen Universität getroffen, an der er studierte. Sie hielt die Ordnung. Rachel und ich liebten ihre bescheidene Art sehr.

Wann immer er über irgend ein Thema sprach, wurden die kleinen Rädchen in meinem Gehirn lebendig. Er ließ kleine Brocken von Einsichten fallen. (Nur ein Beispiel: „Die Deutschen und die Juden schufen all ihre kulturellen Güter, als sie keinen Staat hatten“)

Unsere Beziehungen beruhten auf der Tatsache, dass wir entgegen gesetzte Typen waren. So wie ich ein überzeugter Atheist bin, so war er ein überzeugter orthodoxer Jude – eine Tatsache, die ihn nicht im Geringsten störte. Ich bin von Natur aus ein Optimist (wie es mein Vater und auch mein Großvater waren) . Er war eher ein Pessimist. Er war 20 Jahre älter als ich und ein mehrfacher Doktor und Professor, während ich nicht einmal die Grundschule beendet hatte. Er kam als Teenager aus Riga nach Deutschland, während ich dort geboren wurde.

Als wir beide am Tag nach dem 6-Tagekrieg verlangten, die besetzten Gebiete aufzugeben, hatten wir verschiedene Gründe. Er sagte voraus, dass die Besetzung Israel zu einen faschistischen Staat mache. Ich war davon überzeugt, dass die Übergabe der Gebiete an das palästinensische Volk dieses in die Lage versetzen würde, seinen eigenen Staat zu errichten, und dies den historischen Konflikt beenden würde.

AUCH WENN wir aus entgegen gesetzten Richtungen kamen, waren wir uns in der kompromisslosen Forderung einig, dass Staat und Religion getrennt werden müssten . Dies führte mich zu einem parlamentarischen Streich. Als das Ministerium für religiöse Angelegenheiten auf der Agenda stand, bat ich Leibowitz um ein paar Kommentare zu diesem Thema. Er diktierte meinem Assistenten ein Statement, und als ich an der Reihe zu reden war, sagte ich, dass ich anstelle meiner Meinung, die wohlbekannt war, ich die Ansicht eines orthodoxen Denkers, die von Prof. Leibowitz, lesen würde.

Ich las dann seine Worte: „Unter dieser klerikal-atheistischen Regierung, ist Israel ein säkularer Staat, öffentlich bekannt als religiöser (In Israel ist die Wendung „öffentlich bekannt“, ein Ausdruck für ‚ohne Hochzeit zusammen leben’ ) … Das Oberrabbinat ist eine säkulare Institution, die von den säkularen Behörden entsprechend den säkularen Gesetzen ernannt wurde. Deshalb haben sie keine religiöse Legitimität. … Das Ministerium für religiöse Angelegenheiten ist eine Abscheu … es macht Religion zu einer Hure der säkularen Behörde. Es ist die Prostitution der Religion …“

Hier explodierte die Knesset. Die Vorsitzende der Sitzung war so aufgeregt, dass sie verkündete, sie werde die Worte im Protokoll streichen. Ich erhob später Einspruch, und die Worte wurden wieder in den Bericht aufgenommen – deshalb konnte ich sie jetzt vom offiziellen Protokoll lesen.

Als Sprecher war Leibowitz absichtlich provokativ. Er war es, der den Ausdruck „Judäonazi“ erfand – das war zu einer Zeit, als der Vergleich mit den Nazis noch ein striktes Tabu war. Er verglich gewisse Einheiten der israelischen Armee mit der Nazi-SS, und die Jugend der Siedlungen erinnerten ihn an die Hitlerjugend. Er nannte das Heiligste vom Heiligen, die Klagemauer, „eine religiöse Diskothek“ oder kurz Discotel“ (Kotel bedeutet im Hebräischen Mauer). Er glaubte, solche provokative Sprache würde ihm helfen , die Kruste der etablierten Mythen zu durchbrechen.

IN DEN LETZTEN Jahren vor seinem Tod 1994 widmete alle seine Kräfte der Bemühung, Soldaten davon zu überzeugen, den Wehrdienst in den Besetzten Gebieten zu verweigern. Wir hatten darüber mehrere Debatten, da ich nicht ganz davon überzeugt war.

Während meines Militärdienstes wurde ich Zeuge von Situationen, wenn ein aufrechter Soldat im richtigen Augenblick am richtigen Platz steht, kann er Brutalitäten verhindern. Ein leuchtendes Beispiel: als Nazareth 1948 besetzt wurde, war der kommandierende Offizier ein kanadischer Jude mit Namen Ben Dunkelman. Er erhielt eine mündliche Order von David Ben Gurion, alle Bewohner zu vertreiben. Dunkelman weigerte sich, dies ohne schriftlichen Befehl zu tun. Als Offizier und Gentleman hatte er dem Bürgermeister beim Kapitulationstreffen versprochen, dass kein Einwohner zu Schaden komme solle. Er wurde sofort von seinem Posten als Kommandeur entlassen. Doch als sein Nachfolger seinen Posten übernahm, war es zu spät, die Vertreibung so darzustellen, als wäre sie in der Schlacht geschehen. Natürlich wurde kein schriftlicher Befehl jemals veröffentlicht.

Jahre später erhielt ich eine Beschreibung der Episode von Dunkelman, der nach Kanada zurückgekehrt war, und mein Nachrichtenmagazin Haolam Hazeh veröffentlichte sie.

Gegen dieses Argument behauptete Leibowitz, dass es das Wichtigste für einen einzelnen Soldaten wäre, aufzustehen und sich zu weigern, an der Besatzung teilzunehmen, egal welche Folgen es für ihn persönlich hat – Gefängnis, Ächtung, Einsamkeit. Wenn dies genügend Soldaten tun würden, So würde die Besatzung zusammenbrechen, glaubte er. (mit diesem Ziel wurde Yesh Gvul gegründet).

EIN PAAR Jahre vor seinem Tod hatte ich die Ehre, neben ihm in einem Buch mit Interviews der deutschen Schriftstellerfotografin Herlinde Kölbl zu erscheinen. Da definierte er seine politische Einstellung auf die kürzeste und einfachste Weise. Ich übersetze aus dem Deutschen.

„Es gibt nur zwei Möglichkeiten: das eine ist Krieg auf Leben und Tod im vollsten Sinn des Wortes, wobei Israel ein faschistischer Staat werden wird. Die andere Möglichkeit, die einzige, die diesen Krieg vermeiden helfen kann, ist die Teilung des Landes. Eine solche Teilung des Landes wird sehr schmerzhaft für beide Parteien. Beide Völker würden ihren Staat haben und ihre nationale Unabhängigkeit. Aber keines von beiden im Rahmen des ganzen Landes.

„Ich glaube, dass eine Teilung kommen wird, wenn nicht durch ein Übereinkommen zwischen dem Staat Israel und der PLO, dann als eine aufgezwungene Ordnung, aufgezwungen von den Amerikanern und den Sowjets .

Wenn weder das eine noch das andere geschieht, dann steuern wir auf eine Katastrophe zu.

Ich wiederhole: eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.

Seit dem 6-Tage-Krieg ist Israel ein Machtapparat, ein jüdischer Machtapparat zur Beherrschung eines anderen Volkes.

Deswegen sage ich es in schärfster Form: Dieser glorreiche Sieg war das historische Unglück des Staates Israel. Im Jahr des „Völkerfrühlings“, 1848, warnte (der österreichische Dramatiker) Franz Grillparzer vor dem Weg, der „von der Humanität durch die Nationalität zur Brutalität führt“. Im 20. Jahrhundert ist das deutsche Volk tatsächlich diesen Weg bis zum Ende gegangen. Wir haben diesen Weg nach dem 6-Tage-Krieg betreten. Es kommt darauf an, diesen Gang zu beenden.“

ICH BIN glücklich, diesen Preis zusammen mit seiner Enkelin zu erhalten. Das erinnert mich an einen andern Teil desselben Interviews. „Für die kurze Zeit, die ich noch habe, bleibe ich hier, hier in Jerusalem sind meine Kinder und meine Enkelkinder, und alle werden hier bleiben.“

Das ist wirklicher Patriotismus. Der britische Philosoph Dr. Samuel Johnson bezeichnete bekanntlich „Patriotismus als letztes Refugium eines Schurken“. Wir sehen die patriotischen Schurken rund um uns. Aber wir sind die wirklichen Patrioten – Patrioten wie Yeshayahu Leibowitz.

Es wird keinen zweiten Yeshayahu Leibowitz geben. Wie Shakespeare in Hamlet sagte: „Er war ein Mann, nehmt ihn für alles in Allem. Ich werde nie wieder jemandem wie ihn sehen.“

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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