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RENTENANGST

Das geteilte Dorf

Erstellt von DL-Redaktion am 29. Januar 2017

Die große Politik führt in einem kleinen Land oft zu seltsamen Auswüchsen: Das palästinensische Dorf Barta’a wurde 1949 in Ost und West geteilt. Deswegen hat die eine Hälfte des Kabha-Klans einen grünen Ausweis, die andere einen blauen. Was nach Identitätskrise aussieht, hat im Alltag manchmal überraschende Vorzüge – und zeigt, was mehr zählt als Israels Gesetze, Fatah oder Hamas: Familienbande.

von Agnes Fazekas

Wenn Hamzeh Kabha morgens in seinen teuren Geländewagen steigt, um die Kinder zur Schule unten im Dorf zu bringen, hat er immer ein wenig Angst, dass ihn ein israelischer Polizist aufhält. Ganz unbegründet ist die Sorge nicht, schließlich saß sein Bruder schon mal sieben Monate im Gefängnis, nur weil man ihn unten im Tal im Café erwischt hatte.

Trotzdem, so groß ist die Angst dann doch nicht – das lässt sich wohl damit erklären, dass man im Dorf Bar­ta’a, in dem beinahe alle 12 000 Einwohner den Nachnamen Kabha tragen, seit Jahrzehnten gewohnt ist, sich mit absurden Gesetzen zu arrangieren. Und so verboten fühlt es sich schließlich auch nicht an, von Ost-Barta’a nach West-Barta’a zu fahren. Ja, als Fremder merkt man es kaum: keine Soldaten, kein Zaun, kein Checkpoint.

Nur eine winzige Verkehrsinsel markiert die Grenze da unten im Tal. Darauf eine schäbige Tafel aus Stein mit einer Inschrift: „Am 3. April 1949 unterzeichneten Jordanien und Israel das Waffenstillstandsabkommen von Rhodos, demzufolge Barta’a in einen Ostteil, der zu Jordanien gehört, und einen Westteil, der zu Israel gehört, getrennt wurde. Das Tal wurde zur Grünen Linie erklärt.“

Diese Linie, damals auf der Karte mit grüner Tinte durchs umkämpfte Land gezogen, trennt heute viele arabische Familien. Macht die einen zu „arabischen Israelis“, die anderen zu „Palästinensern“. Aber nirgendwo zeigt sich die Teilung so drastisch wie in Barta’a.

Vermutlich ist die Topografie des Dorfs schuld am Verlauf der Linie: Das tiefe Wadi sieht auf der Karte wie eine natürliche Grenze aus. Vor mehr als 2000 Jahren soll ein Ziegenhirte die Quelle entdeckt haben, die hier entspringt. Woraufhin seine Nachfahren ihre Häuser entweder am Osthang errichteten, wo man an klaren Tagen bis zum Mittelmeer schauen kann – oder im Westen des Tals, nahe der Quelle.

Man könnte also sagen, die Vorlieben ihrer Vorfahren haben entschieden, dass die einen Kabhas heute einen blauen Ausweis haben, mit dem sie sich in Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten relativ frei bewegen können – und die anderen einen grünen Ausweis wie Hamzeh und sein Bruder.

Aber zurück zu 1949: Über Nacht also befand sich der Dorfbrunnen auf der israelischen Seite, die Moschee auf der jordanischen. Erst hinderten nur Soldaten, dann ein Zaun die Menschen daran, die andere Seite zu besuchen, ihre Eltern, Cousins oder Geschwister.

Eine zweite Moschee wurde gebaut, ein zweiter Friedhof, eine zweite Schule. Und ein Kanal wurde ausgehoben, der das Wasser von der Quelle auf der israelischen Seite des Dorfs zu einem Brunnen auf der jordanischen Seite leiten sollte. Die Israelis füllten ihre Krüge tagsüber und die Jordanier nachts. Die Kinder im israelischen Teil machten sich einen Spaß daraus, nachts ins Wasser zu pinkeln; Frauen schickten Papierschiffchen mit Briefen in den jordanischen Teil zu ihren Freunden. So erzählen es die Alten.

Und wenn im jordanischen Barta’a eine Hochzeit gefeiert wurde, verfolgten die Bewohner im israelischen Barta’a das Fest mit Ferngläsern. Wenn ein Kind geboren wurde, stieg der Vater auf den Berg und brüllte die gute Nachricht so laut er konnte hinüber in den anderen Teil des Dorfs.

Das waren die Zeiten, als der Schmuggel blühte in Barta’a. Im jungen Israel waren viele Waren rationiert. Die Trampelpfade rund ums Tal zeugen heute noch von den illegalen Handelswegen. Als sich die israelische Wirtschaft gefestigt hatte, waren es die jordanischen Soldaten, die den Kinder aus dem Westen auftrugen, ihnen amerikanische Zigaretten zu kaufen.

Dann passierte nach 18 Jahren endlich, worauf der Kabha-Klan so sehr gehofft hatte: die Wiedervereinigung. Wieder war das unscheinbare Dorf zum Spielball der Politik geworden. Diesmal, weil die Israelis im Sechstagekrieg den Jordaniern das Land abnahmen. Doch als die Leute aus Ost und West endlich zusammenkamen, da feierte man nicht nur tagelang ein Fest – sondern merkte auch schnell: Man war sich fremd geworden.

Im Osten trugen sie Bärte, im Westen Jeans

Quelle :   weiterlesen >>>>> Le Monde diplomatique

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Fotoquelle : Picture taken by Justin McIntosh, August 2004.

 

 

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Ein für alle Mal !

Erstellt von Gast-Autor am 3. August 2014

Ein für alle Mal !

IN DIESEM Krieg haben beide Seiten dasselbe Ziel: der Situation, die vor dem Krieg bestand, ein Ende zu machen.    EIN FÜR ALLE MAL!

Dem Raketenbeschuss nach Israel vom Gazastreifen her, ein Ende zu machen. Ein für alle Mal.

Der Blockade des Gazastreifens durch Israel und Ägypten ein Ende machen – ein für alle Mal.

Warum kommen die beiden Seiten nicht ohne ausländische Einmischung zu einander und  stimmen in dem „wie du mir- so ich dir“ überein?

Sie können nicht, weil sie nicht mit einander reden. Sie können einander töten, aber sie können nicht mit einander reden. Um Himmels willen nicht!

DAS IST kein  Krieg gegen Terror. Der Krieg als solcher ist ein Terrorakt.

Keine Seite hat eine  andere Strategie, als die zivile Bevölkerung der andern Seite zu terrorisieren.

Die palästinensischen Kampftruppen  in Gaza versuchen, durch das Raketenwerfen auf israelische Städte und Dörfer ihren Willen aufzuerlegen und zu hoffen, dass dies die Moral der Bevölkerung bricht,  und sie zwingt, die Blockade, die den Gazastreifen in ein Open-Air-Gefängnis verwandelt, aufzuheben.

Die israelische Armee bombardiert die Bevölkerung des  Gazastreifens und zerstört ganze Stadtteile in der Hoffnung, dass die Bewohner (die, die überleben) die Hamas-Führung  abschütteln.

Beide Hoffnungen sind natürlich töricht.  Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass die Terrorisierung einer Bevölkerung sie dahin bringt, sich hinter ihren Führern zu einigen und den Feind noch mehr zu hassen. Dies geschieht jetzt auf beiden Seiten.

WENN MAN  in einem Krieg über beide Seiten spricht, kann man kaum den Eindruck  der Symmetrie vermeiden. Aber dieser Krieg  ist von Symmetrie weit entfernt.

Israel hat eine der größten und wirksamsten Militärmaschinerien der Welt. Hamas und seine lokalen Verbündeten kommen auf etwa ein paar Tausend Kämpfer. Wenn überhaupt.

Am besten kann man es mit der mythologischen Geschichte von David und Goliath vergleichen. Aber diesmal sind wir Goliath, und sie sind David.

Die Geschichte wird im Allgemeinen missverstanden.  Es stimmt, Goliath war von riesiger Gestalt, und David war ein kleiner Hirte. Aber Goliath war bewaffnet mit altmodischen Waffen – mit schwerer Rüstung, Schwert und Schild – und konnte sich kaum bewegen, während David eine moderne Überraschungswaffe hatte:  die Schleuder, mit der er aus der Entfernung töten konnte.

Hamas hoffte, dasselbe mit seinen Raketen zu erreichen, deren Reichweite eine Überraschung war. Auch die Zahl und die Wirksamkeit ihrer Tunnel, die unter die israelische Grenze reichen. Doch  dieses Mal war auch Goliath erfinderisch, und die „Eiserne Kuppel“-Raketenbatterien  fingen praktisch alle Raketen aus Gaza ab. Sie hätten sonst die Bevölkerungszentren, einschließlich meines Tel Aviver  Stadtviertels  schädigen können.

Jetzt wissen wir, dass keine Seite  die andere Seite zur Kapitulation zwingen kann. Es ist  ein Unentschieden. Warum also weiter töten und zerstören?

Da liegt der Hase im Pfeffer. Wir können nicht mit einander reden. Wir benötigen einen Vermittler.

EINE KARIKATUR in Haaretz  zeigte in dieser Woche, wie Israel und Hamas mit einander kämpfen und eine Schar  Vermittler in einem Kreis um sie herumtanzen.

Sie wollen alle  vermitteln. Sie kämpfen mit einander, weil jeder von ihnen vermitteln will, wenn möglich alleine. Ägypten, Katar, die US, die UN, die Türkei, Mahmoud Abbas, Tony Blair und  andere mehr. Vermittler in Hülle und Fülle.  Jeder will etwas von dem Elend des Krieges gewinnen.

 

Eine  traurige Bande. Beinahe alle von ihnen sind bemitleidenswert, einige von ihnen rundweg abstoßend.

Sehen wir uns Ägypten an: beherrscht von einem blutbefleckten militärischen Diktator. Er ist ein fulltime Kollaborateur von Israel, wie es Hosni Mubarrak vor ihm war, nur wirkungsvoller. Da Israel alle Land- und Meergrenzen des Gazastreifens beherrscht, ist Ägyptens Grenze Gazas einzige Verbindung mit der Welt – falls sie geöffnet ist.

Aber Ägypten, der frühere Führer der arabischen Welt, ist jetzt ein Subunternehmer Israels, noch entschiedener als Israel selbst, den Gazastreifen auszuhungern und die Hamas auszurotten.  Das ägyptische Fernsehen ist voller „Journalisten“, die die Palästinenser in vulgärsten Tönen verfluchen und die vor ihrem neuen Pharao kriechen. Aber Ägypten  besteht jetzt darauf, der einzige Makler der Feuerpause zu sein.

Der UN-Generalsekretär  eilt durch die Welt. Er wurde für diesen Job von den US gewählt, weil er nicht außergewöhnlich klug ist. Jetzt sieht er bemitleidenswert aus.

Aber nicht bemitleidenswerter als John Kerry, eine pathetische Figur, die hier und dorthin fliegt, um jeden davon zu überzeugen, dass die US noch immer Weltmacht ist. Vergangen sind die Tage, in denen Henry Kissinger die Führer Israels  und der arabischen Länder kommandierte, was sie tun oder lassen sollten (Besonders sagte er ihnen, nicht mit einander, sondern nur mit ihm zu reden.)

Welches ist die genaue Rolle von Mahmoud Abbas? Offiziell ist er auch der Präsident des Gazastreifens. Aber er macht den Eindruck, als versuche er, zwischen der de facto Gaza-Regierung und der Welt zu vermitteln. Er ist viel näher an Tel Aviv denn an Gaza.

Und so geht die Liste weiter. Die lächerliche Figur Tony Blair. Die europäischen Außenminister versuchen eine Fotogelegenheit  mit ihrem neo-faschistischen israelischen Kollegen zu bekommen. Alle zusammen eine widerliche Ansicht.

Ich möchte meiner Regierung und den Hamas-Führern  zuschreien: Um Gottes willen, vergesst die ganze traurige Bande, redet mit einander!

DIE PALÄSTINENSISCHEN Kampffähigkeiten überraschen jeden, besonders die israelische Armee. Statt jetzt um eine Waffenpause zu bitten, weigert sich Hamas, bis alle seine Forderungen erfüllt sind, während Benjamin Netanjahu eifrig zu sein scheint, den Krieg zu stoppen, bevor er noch tiefer im Gazaer Morast  versinkt – ein Alptraum für die Armee.

Der letzte Krieg begann mit der Ermordung des Hamas-Militärkommandeurs Ahmad al-Jaabari. Sein Nachfolger ist ein alter Bekannter Mohammed Deif, den Israel schon mehrfach versuchte, umzubringen, ihm aber nur schwere Verletzungen zufügte. Es scheint jetzt, dass er weit fähiger ist als sein Vorgänger – das Tunnelgewebe , die Produktion von viel wirksameren Raketen, die besser trainierten Kämpfer – all dies zeigt einen kompetenteren Führer.

(Dies geschah schon vorher. Wir ermordeten einen Hisbollah-Führer, Abbas al-Mussawi und bekamen einen weit talentierteren:  Hassan Nasrallah)

Am Ende wird  eine Art Feuerpause kommen.  Es wird nicht „das Ende ein für alle Mal“ sein. Das ist niemals so.

DER HASS zwischen  beiden Seiten ist gewachsen. Er wird bleiben.

Der Hass vieler Israelis auf Israels arabische Bürger ist beträchtlich gewachsen, und das kann  lange Zeit nicht  verbessert werden. Israels Demokratie hat einen harten Schlag bekommen. Neo-faschistische Gruppen, einmal am Rande, sind nun vom Mainstream akzeptiert worden. Einige Kabinettminister und Knesset-Mitglieder sind vollständige Faschisten geworden.

Sie werden jetzt von fast allen Weltführern anerkannt und wiederholen wie ein Papagei Netanyahus  abgedroschene Propagandaslogans. Aber Millionen in aller Welt haben Tag für Tag die schrecklichen Bilder der Zerstörung  und des Todes im Gazastreifen gesehen. Das wird nicht durch eine Feuerpause aus ihrem Gedächtnis verschwinden.  Israels bereits unsichere Position in der Welt wird sogar noch tiefer sinken.

Innerhalb Israels selbst fühlen sich anständige Leute immer ungemütlicher. Ich habe viele Äußerungen von einfachen Leuten gehört, die plötzlich an Auswanderung denken.

Die schockierende Atmosphäre innerhalb des Landes, der schreckliche Konformismus all unserer Medien (mit Haaretz einer leuchtenden Ausnahme) die Sicherheit, dass ein Krieg  ständig auf den andern folgt – all dies führt junge Leute dazu, von einem ruhigen Leben mit ihren Familien in Los Angeles oder Berlin zu träumen.

In der arabischen Welt werden die Konsequenzen noch schlimmer sein.

Zum ersten Mal waren fast alle arabischen Regierungen im Kampf gegen die Hamas auf Israels Seite. Für junge Araber überall  ist dies ein Akt beschämender Demütigung.

Der arabische Frühling war ein Aufstand gegen die korrupte, unterdrückerische und schamlose arabische Elite. Die Identifizierung mit  dem Elend des verlassenen palästinensischen Volkes war ein Teil davon.

Was jetzt geschehen ist, ist vom Standpunkt der heutigen jungen Araber noch schlimmer, viel schlimmer. Die ägyptischen Generäle, die Saudi-Prinzen, Kuweits Emire und ihre Kollegen in der ganzen Region stehen nackt vor der jungen Generation und verachtenswert, während die Hamas-Kämpfer wie leuchtende Beispiele aussehen. Leider kann diese Reaktion zu einem noch radikaleren Islamismus führen.

WÄHREND ICH in einer Anti-Kriegs-Demonstration in Tel Aviv stand, wurde ich von einem netten jungen Mann gefragt:  „OK, nehmen wir an, dass dieser Krieg schlecht ist, was würden Sie um 6 Uhr nach diesem Krieg tun? (Das war der Name eines berühmten sowjetischen Films währen des 2. Weltkriegs?)

Nun, ich würde damit beginnen, alle  Vermittler zu vertreiben, um direkt mit den Kämpfern auf beiden Seiten zu sprechen.

Ich wäre damit einverstanden, der Blockade des Gazastreifens zu Lande und zu Wasser sofort ein Ende zu  bereiten und den Gazaern erlauben, einen bescheidenen Hafen und Flughafen zu bauen. Auf allen Straßen müssten  wirksame Kontrollen   dafür sorgen, dass keine Waffen hereinkommen.

Ich würde verlangen, dass die Hamas , nachdem sie internationale Garantien erhalten hat, in vernünftigen Zeitabschnitten alle Raketen entfernt und alle Tunnel unter der Grenze zerstört.

Ich würde sicher sofort alle Shalit-Austauschgefangenen freilassen, die zu Beginn dieser Krise wieder verhaftet worden waren. Eine  übernommene Verpflichtung unter Druck bleibt eine Verpflichtung  –  von  einer Regierung  betrogen zu werden ist nicht schön.

Ich würde  die palästinensische Einheitsregierung anerkennen und  die Welt dazu aufrufen, sie anzuerkennen und   nichts zu tun, sie daran zu hindern,  palästinensische Präsidenten und ein Parlament frei zu wählen – unter internationaler Aufsicht. Ich würde  die Ergebnisse respektieren, egal wie sie ausfallen.

Ich würde sofort  mit  ehrenhaften Friedensverhandlungen mit der vereinten Palästinensischen Führung anfangen, und zwar auf der Grundlage der All-arabischen Friedensinitiative. Jetzt, wo so viele arabische Regierungen Israel zustimmen,  scheint es eine einmalige Chance für eine Friedensinitiative zu geben.

Kurz gesagt: macht ein Ende mit dem Krieg.

EIN FÜR ALLE MAL.                                 Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert.

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Wer gewinnt ?

Erstellt von Gast-Autor am 27. Juli 2014

Wer gewinnt ?

Autor Uri Avnery

ERST JETZT verstehe ich ganz, was für ein Bösewicht Winston Churchill wirklich war.

Fünf Jahre lang hielt er die Bevölkerung Londons unter  den  nicht aufhörenden Bombenangriffen der deutschen Luftwaffe fest. Er benützte die Bewohner Londons als menschliches Schutzschild in seinem (??) wahnsinnigen Krieg. Während die zivile Bevölkerung den Bomben und Raketen ausgesetzt war, ohne den Schutz eines „Iron Domes“ versteckte er sich in seinem Bunker unter Downing Street 10.

Er hielt alle Bewohner Londons als Geiseln. Als die deutschen Führer einen  großzügigen Friedensvorschlag machten, wies er sie aus verrückten ideologischen Gründen zurück.  So verurteilte er sein Volk zu einem unvorstellbaren Leiden.

Von Zeit zu Zeit  tauchte er aus seinem unterirdischen Versteck auf, um sich ein Bild vor den Ruinen zu machen, und dann kehrte er in die Sicherheit seines Rattenlochs zurück. Aber zu den Londonern sagte er: „Zukünftige Generationen werden sagen, dass dies eure beste Stunde war!“

Die deutsche Luftwaffe hatte keine Alternative, als die Stadt zu bombardieren. Ihre Kommandeure verkündeten, sie würden nur militärische Ziele angreifen, wie die Häuser der britischen Soldaten, wo militärische Beratungen stattfanden.

Die deutsche Luftwaffe rief die Londoner Bevölkerung auf, die Stadt zu verlassen, und viele Kinder wurden tatschlich evakuiert. Aber die meisten Londoner beachteten den Aufruf Churchills, zu bleiben – so wurden sie zu „Kollateralschäden“.

Die Hoffnungen des deutschen Oberkommandos, dass das Zerstören ihrer Wohnungen und das Töten ihrer Familien  die Leute  von London dahin verführen würde, einen Aufstand zu machen, Churchill und seine kriegstreibende Bande hinauszuwerfen, nützte nichts. Die primitiven Londoner, deren Hass auf die Deutschen stärker war als ihre Logik, folgten in  perverser Weise den Instruktionen des feigen Churchill. Ihre Bewunderung für ihn wuchs von Tag zu Tag und am Ende des Krieges, war er fast zu einem Gott geworden.

Eine Statue von ihm steht sogar heute vor dem Parlament in Westminster.

VIER JAHRE später hatte sich das Rad gedreht. Die britische und amerikanische Luftwaffe  bombardierten  deutsche Städte und zerstörten ( große Teile von ihnen) sie vollkommen. Kein Stein blieb auf dem anderen. Berühmte Paläste/Gebäude wurden flach gebombt, kulturelle Schätze wurden ausgelöscht. „unbeteiligte Zivilisten“ wurden in Stücke gerissen, zu Tode verbrannt oder verschwanden einfach. Dresden, eine der schönsten Städte Europas, war innerhalb weniger Stunden in einem „Feuersturm“ total zerstört.

Das offizielle Ziel war, die deutsche  Kriegsindustrie zu zerstören, aber das wurde nicht erreicht. Das wirkliche Ziel war die zivile Bevölkerung zu terrorisieren, um sie dahin zu bringen, ihre Führer abzusetzen und zu kapitulieren.

Das geschah nicht. Tatsächlich wurde der einzige ernsthafte Aufstand gegen Hitler von ranghohen Armeeoffizieren ausgeführt (und schlug fehl). Die zivile Bevölkerung erhob sich nicht. Im Gegenteil. In einer seiner Schmähreden gegen die „Terrorpiloten“  erklärte Goebbels: „Sie können unsere Häuser zerstören, aber sie können unseren Geist nicht brechen!“

Deutschland kapitulierte erst im allerletzten Augenblick. Millionen Tonnen  Bomben genügten nicht. Sie stärkten nur die Moral der Bevölkerung und ihre Loyalität zum Führer.

UND  nun zu Gaza.

Jeder fragt: wer wird diese Runde gewinnen?

Die auf jüdische Art und Weise beantwortet werden muss – durch eine andere Frage: wie soll man dies beurteilen?

Die klassische Definition von Sieg ist:  Die Seite, die auf dem Schlachtfeld bleibt, hat die Schlacht gewonnen. Aber hier hat sich niemand bewegt. Die Hamas ist noch immer dort – und Israel auch.

Carl von Clausewitz, der preußische Kriegstheoretiker, erklärte mit dem berühmten Wort, „ ein Krieg  sei nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“. Aber in diesem Krieg hat keine der beiden Seiten klare politische Ziele. Also kann der Sieg nicht auf diese Weise beurteilt werden.

Die intensive Bombardierung des Gazastreifens hat keine Kapitulation der Hamas gebracht. Auf der andern Seite hat die intensive Raketenkampagne der Hamas, die den größten Teil Israels betraf, auch keinen Erfolg gehabt. Der überwältigende Erfolg der Raketen, die in Israel überall hinreichen, hat sich mit dem überwältigenden Erfolg der „Iron Dome“-Gegenraketen, die sie abfangen, getroffen.

Bis jetzt ist es also eine Pattsituation.

Aber wenn eine winzige Kampfkraft in einem winzigen Gebiet eine Pattsituation mit einer der mächtigsten Armeen der Welt erreicht, so könnte dies als Sieg angesehen werden.

DER MANGEL an einem israelischen politischen Ziel, ist das Ergebnis von konfusem Denken. Die israelische Führung, beide die politische und militärische, weiß nicht wirklich, wie sie mit der Hamas umgehen soll.

Es mag schon vergessen worden sein, dass Hamas weithin eine israelische Schöpfung  ist. Während der ersten Jahre der Besatzung, als jede politische Aktivität auf der Westbank und im Gazastreifen verboten war und unterdrückt  wurde, konnten sich Palästinenser nur in der Moschee treffen und gemeinsam planen.

In jener Zeit wurde die Fatah als Israels Erzfeind angesehen.  Die israelische Führung dämonisierte Yasser Arafat, den Erz-Erz-Terroristen . Die Islamisten, die Arafat hassten, wurden als weniger übel angesehen, ja, sogar als geheime Verbündete.

Ich fragte einmal den Shin-Bet-Chef, ob seine Organisation Hamas geschaffen habe. Seine Antwort: „Wir haben sie nicht geschaffen. Wir tolerierten sie.“

Das änderte sich erst ein Jahr nach dem Start der ersten Intifada, als Scheich Ahmad Yassin, der Hamasführer, verhaftet wurde.  Seitdem hat sich natürlich die Realität vollkommen verändert. Fatah ist nun ein Verbündeter von Israel, was die Sicherheit betrifft,  und die Hamas ist der Erz-Erz-Terrorist.

Aber stimmt das?

Einige israelische Offiziere sagen, wenn die Hamas nicht existieren würde, dann müsste sie erfunden werden. Hamas kontrolliert den Gazastreifen.  Sie kann verantwortlich für das gehalten werden, was dort geschieht. Sie sorgt für Gesetz und Ordnung. Sie ist ein zuverlässiger Partner für eine Feuerpause.

Die letzten palästinensischen Wahlen, die unter internationaler Aufsicht gehalten wurden, endeten mit einem Sieg der Hamas in der Westbank und im Gazastreifen. Als der Hamas aber die Macht entzogen wurde, nahm sie den Gazastreifen mit Gewalt. Nach allen  zuverlässigen  Berichten erfreut sie sich der Loyalität der großen Mehrheit in den besetzten Gebieten.

Alle israelischen Experten stimmen darin überein,  dass, falls das Hamas-Regime im Gazastreifen fallen würde, weit extremere islamische Splittergruppen den Streifen mit seinen 1,8 Millionen Bewohnern übernehmen und   in ein komplettes Chaos tauchen/ führen würde. Die militärischen Experten mögen das nicht.

Das Kriegsziel, falls man es als solches bezeichnen kann, ist nicht, die Hamas zu zerstören, sondern sie an der Macht zu lassen, wenn auch in einem viel schwächeren Zustand.

Aber wie – um Gottes Willen – macht man das?

DIE VOM ultrarechten Flügel der Regierung verlangen jetzt, dass der ganze Gazastreifen besetzt wird.

Darauf antworten die militärischen Führer wieder mit einer Frage: Und was dann?

Eine neue permanente Besatzung des Gazastreifens ist ein militärischer Alptraum. Es würde bedeuten, dass Israel die Verantwortung zur Befriedung und Versorgung  von 1.8Millionnen Menschen (die meisten von ihnen sind übrigens Flüchtlinge von 1948 und ihre Nachkommen) übernehmen müsste. Ein dauernder Guerillakrieg würde daraus folgen. Keiner in Israel würde dies wirklich wollen.

Besetzen und dann verlassen. Das ist leicht gesagt. Die Besatzung als solche würde eine blutige Operation sein. Falls die Doktrin „Molten Lead“ angenommen wird (??), würde es bedeuten, dass mehr als tausend vielleicht mehrere tausend Palästinenser getötet würden.  Die (ungeschriebene) Doktrin sagt, dass falls  100 Palästinenser getötet werden müssen, um das Leben eines israelischen Soldaten zu retten, so sei es. Aber wenn die israelischen Todesfäll auf ein paar Dutzend Toter ansteigt, dann würde sich die Stimmung im Lande vollkommen verändern. Die Armee will dies nicht riskieren.

EINEN MOMENT lang schien es am Dienstag, als wäre eine Waffenpause erreicht worden, sehr zur Erleichterung von Benjamin Netanjahu und seinen Generälen.

Doch war es eine optische Täuschung. Der Vermittler war der neue ägyptische Diktator, eine Person, die  von allen Islamisten verabscheut wird. Er ist ein Mann, der viele Hunderte Muslim-Brüder getötet und ins Gefängnis gesteckt hat. Er ist ein offener  militärischer Verbündeter Israels. Er ist ein  Klient/Kunde/ Bezieher  amerikanischer Großzügigkeit. Da Hamas außerdem  zu einem Sprössling der ägyptischen Muslim-Bruderschaft wurde, hasst sie der General Abd-al Fatah-al-Sisi von ganzem Herzen und verbirgt dies auch nicht.

Also statt mit Hamas zu verhandeln, tat er etwas äußerst Dummes: diktierte eine Feuerpause nach israelischen Begriffen  ohne Hamas darüber  zu  unterrichten. Hamas’ Führer erfuhren von der vorgeschlagenen Feuerpause durch die Medien und wiesen sie sofort zurück.

Meine eigene Meinung ist, dass es besser wäre, wenn die israelische Armee und Hamas direkt mit einander verhandeln würden. Während der ganzen militärischen Geschichte sind Feuerpausen von militärischen Kommandeuren  arrangiert worden. Die eine Seite schickt einen Offizier mit einer weißen Fahne zum Kommandeur der andern Seite und arrangiert mit ihm die Feuerpause – oder nicht. (Ein amerikanischer General antwortete  mit dem  berühmt gewordenen Ausdruck auf  solch ein deutsches Angebot mit „ Du spinnst wohl?“ (Nuts)) ??

Im 1948-Krieg  war in meinem Abschnitt der Front eine kurze Feuerpause,  von Major Yerucham Cohen und einem jungen ägyptischen Offizier mit Namen  Gamal Abd-al Nassar arrangiert worden.

Da dies mit den augenblicklichen Parteien unmöglich erscheint, sollte ein wirklich ehrenhafter Makler gefunden werden.

WAS WIRD das Ende davon sein? Es wird kein Ende geben, nur eine Runde nach der anderen, wenn nicht eine politische Lösung  angenommen wird.

Dies würde bedeuten: stoppt die Raketen und die Bomben, beendet die israelische Blockade, erlaubt den Menschen im Gazastreifen ein normales Leben zu leben, fördert die palästinensische Einheit unter einer wirklichen Einheitsregierung, führt ernsthafte Friedensverhandlungen, MACHT FRIEDEN.

(Der erste Teil dieses Artikels wurde am Donnerstag in Haaretz veröffentlicht)

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser ……

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Das Meer und der Fluss

Erstellt von Gast-Autor am 27. Januar 2013

Das Meer und der Fluss

Autor Uri Avnery

„PALÄSTINA VOM Jordan bis zum Meer gehört uns!“ erklärte Hamasführer Khaled Meshal letzte Woche bei der großen Siegesrallye in Gaza.

„Eretz Israel vom Meer bis zum Jordan gehört uns!“ erklären israelische Politiker bei jeder Gelegenheit.

Die beiden Statements scheinen dieselben zu sein, nur dass der Name des Landes sich verändert.

Aber wenn man sie sehr aufmerksam liest, gibt es einen geringfügigen Unterschied. Die Richtung.

VOM MEER bis zum Fluss – vom Fluss bis zum Meer.

Darin liegt viel mehr Bedeutung, als man auf den ersten Blick denkt. Es zeigt, wie der Sprecher sich selbst sieht – ob er vom Osten oder vom Westen kommt.

Wenn man sagt „vom Fluss bis zum Meer“ sieht man sich selbst zur weiten Region gehörig, die der Westen „Naher (bzw. Mittlerer) Osten“ nennt und der ein vitaler Teil des asiatischen Kontinents ist. Der Terminus „Mittlerer Osten“ ist schon für sich ein herablassender Ausdruck mit kolonialem Unterton – er bedeutet, dass das Gebiet keine unabhängige Stellung hat. Es besteht nur in Beziehung zu einem weit entfernten Weltzentrum – Berlin? London? Washington?

Wenn einer aber sagt „Vom Meer bis zum Fluss“, sieht er sich selbst als jemand, der vom Westen kommt und der als Brückenkopf des Westens hier lebt und einem fremden, wahrscheinlich feindseligen Kontinent gegenübersteht.

In seiner langen aufgezeichneten Geschichte – die einige Tausend Jahre zurückgeht, hat dieses Land – ob Kanaan, Palästina oder Eretz Israel – viele Wellen von Invasoren gesehen, die sich hier ansiedelten.

Die meisten dieser Wellen kamen vom Hinterland: die Kanaaniter, die Aramäer, die Hebräer, die Araber und viele andere kamen vom Osten. Sie siedelten hier, vermischten sich mit der vorhandenen Bevölkerung und waren bald absorbiert und schufen so neue Mischungen und gingen natürliche Beziehungen mit den benachbarten Ländern ein. Sie kämpften Kriege, machten Frieden, prosperierten und litten in Zeiten der Trockenheit.

Die alten israelitischen Königreiche (nicht die mythischen von Saul, David und Salomo, sondern das wirkliche von Ahab und seinen Nachfolgern) wurden ein natürlicher Teil seiner Umgebung, wie es von zeitgenössischen assyrischen und andern Dokumenten bezeugt/ bestätigt wird.

So waren die arabischen Eindringlinge im 7. Jahrhundert. Sie siedelten sich unter den Einheimischen an. Diese konvertierten sehr langsam vom Judentum und Christentum zum Islam, nahmen die arabische Sprache an und wurden „Araber“, so wie die Kanaaniter vor ihnen „Israeliten“ wurden.

GANZ ANDERS war der Weg jener Invasoren, die aus dem Westen kamen.

Das waren vor allem drei Wellen: Die Philister in der Antike, die Kreuzfahrer im Mittelalter und die Zionisten in der modernen Zeit.

Indem sie vom Westen kommen (oder sogar übers Land wie die ersten Kreuzfahrer), sehen die Invasoren einen weiten feindlichen Kontinent vor sich. Sie bleiben im Küstengebiet hängen , errichten dort einen Brückenkopf und schreiten landeinwärts, um ihn zu vergrößern. Bezeichnenderweise setzt keiner der westlichen Invasoren jemals Grenzen fest – sie marschierten landeinwärts oder zogen sich zurück, wie es ihre Kräfte und die Umstände erlaubten.

Dieses historische Bild passt natürlich nur für jene Invasoren, die kamen und im Lande siedelten. Es betrifft nicht die Imperien, die einfielen, um nur das Gebiet zu kontrollieren. Diese kamen aus allen Richtungen und bewegten sich weiter – Hetiter, Ägypter und Babylonier, Perser und Griechen, Römer und Byzantiner, Araber und Mongolen, Türken und Engländer. (Die Mongolen kamen hierher, nachdem sie den Irak zerstört hatten, und wurden vom muslimischen General Bybars (dem Nachkommen Saladins in einer der entscheidendsten Schlachten der Geschichte geschlagen.)

Östliche Mächte zogen gewöhnlich weiter durch Ägypten in den Westen und machten Nordafrika zu einer semitischen Zone. Westliche Reiche wanderten weiter gen Osten nach Indien.

Tutmosis, Cyros, Alexander, Caesar, Napoleon und viele andere kamen vorbei und hinterließen – außer ein paar Ruinen – keine dauerhaften Spuren zurück.

WIE IHRE Vorgänger, die aus dem Westen kamen, hatten die Zionisten von Anfang an eine Brückenbau-Mentalität und haben dies bis heute.

Tatsächlich hatten sie diese sogar schon, bevor die zionistische Bewegung offiziell gegründet wurde. In seinem kanonischen Buch „Der Judenstaat“ schrieb Theodor Herzl, der Visionär – sein Foto hängt im Knesset-Plenum – dass der zukünftige jüdische Staat ein Stück des „Walles gegen Asien“ bilden werde. Er würde den „Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei“ besorgen.

Nicht nur Kultur, sondern DIE KULTUR. Und nicht nur Barbarei, sondern Die BARBAREI. Ein Leser der Zeit um 1890 brauchte keine Erklärung. Kultur war weiß und europäisch – Barbarei war alles andere, ob braun, rot, schwarz oder gelb.

Im heutigen Israel, fünf Generationen später, hat sich die Mentalität nicht verändert. Ehud Barak prägte den Satz, der diese Mentalität mehr als jeder andere Satz reflektiert: „ Wir sind eine Villa im Dschungel.“

Die Villa: die Kultur, die Zivilisation, die Ordnung, der Westen, Europa. Der Dschungel: Barbarei, die arabisch-muslimische Welt, die uns umgibt, ein Ort voll wilder Tiere, wo jeden Augenblick etwas passieren kann.

Diese Phrase wird endlos wiederholt und praktisch von jedem akzeptiert. Politiker und Armeeoffiziere ersetzen dies mit „Nachbarschaft“ („Shehuna“). Tägliche Beispiele: „In der Nachbarschaft, in der wir leben, können wir uns nicht einen Augenblick entspannen“. Oder: „In der Nachbarschaft, in der wir leben, benötigen wir die Atombombe“.

Moshe Dayan, der eine poetische Ader hatte, sagte vor zwei Generationen in der wichtigsten Rede seines Lebens: „Wir sind eine Generation von Siedlern, und ohne Stahlhelm und Kanone können wir keinen Baum pflanzen noch ein Haus bauen … dies ist das Schicksal unserer Generation, die Entscheidung unseres Lebens – vorbereitet und bewaffnet zu sein und stark und zäh oder anders ausgedrückt: denn sonst fällt uns das Schwert aus unserer Faust und unser Leben wird ausgelöscht“. In einer anderem Rede – ein paar Jahre später – sagte Dayan es deutlicher, dass er nicht nur eine Generation meint – sondern alle, die noch kommen – die typische Brückenkopfmentalität, die keine Grenzen kennt, weder räumlich noch zeitlich.

( Nur gerade eine persönliche Bemerkung: vor 65 Jahren , ein Jahr vor der Gründung Israels, veröffentlichte ich ein Broschüre, die mit folgenden Worten begann: „Als unsere zionistischen Väter entschieden, ein nationales Heim in diesem Lande aufzubauen, hatten sie die Wahl zwischen zwei Richtungen: Sie konnten als Brückenkopf der „weißen Rasse“ kommen und die Herren der „Eingeborenen“ werden oder Erben der semitischen, politischen und kulturellen Tradition sein und den Befreiungskrieg der semitischen Völker gegen die europäische Ausbeutung führen…“)

Der Unterschied zwischen „ Meer bis zum Fluss“ und „Fluss bis zum Meer“ ist nicht nur politisch und schon gar nicht oberflächlich. Er geht direkt an die Wurzeln des Konflikts.

ZURÜCK ZU Meshal. Seine Rede war eine Wiederholung der extremsten palästinensischen Linie. Dieselben Worte hätten vor 70 Jahren vom damaligen Führer Haj Amin Al-Husseini, dem Großmufti von Jerusalem, ausgesprochen werden können. Es ist die Linie, die in die Hände der Zionisten spielte und das palästinensische Volk in die Katastrophe führte, in unseliges Leiden und in seine gegenwärtige Situation.

Zum Teil muss der arabischen Sprache die Schuld gegeben werden. Es ist eine wunderschöne Sprache, die ihren Redner leicht berauschen kann. Die moderne arabische Geschichte ist voll wunderbarer Redner, die von ihren eigenen Worten so berauscht waren, dass sie leicht den Kontakt zur Realität verloren.

Ich erinnere mich an eine Gelegenheit, als der ägyptische Präsident Gamal Abdel-Nasser, ein hervorragender Redner und Idol der arabischen Massen, eine sensible Rede über ägyptische Angelegenheiten hielt, als jemand aus der Menge schrie :“Palästina, oh Gamal!“

Nasser vergaß, worüber er redete, und begann eine leidenschaftliche Darlegung über die palästinensische Sache, steigerte sich immer mehr hinein, bis er offensichtlich in einem trance-artigen Zustand war. Es war die Geistesverfassung, die ihn 1967 in die israelische Falle führte. (Die israelischen Politiker sind seit Menachem Begin zum Glück sehr schlechte Redner, da sie schlechtes Hebräisch reden.)

Man könnte natürlich sagen, dass Meshals Rede vor den Massen in Gaza nur gerade der Versuch eines Politikers war, Popularität zu gewinnen und die nicht wirklich zählte – was zählt, ist, was er hinter den Kulissen in Ägypten und Gaza adoptierte. Das könnte vernünftig klingen – ist es aber nicht.

Als erstes, weil Reden den Sprecher beeinflussen. Es ist sehr schwierig für ihn, sich selbst aus der verbalen Falle zu ziehen, die er sich selbst gestellt hat, auch wenn arabische Zuhörer gelernt haben, solche Reden nicht für bare Münze zu nehmen.

Zweitens, weil extreme arabische Reden in den Händen israelischer Extremisten sofort zu Munition werden . Sie verstärken die allgemeine Behauptung, wie z.B. Ehud Baraks Wort, dass „wir keine Partner für Frieden haben.“ Meshals Spiegelbild Avigdor Lieberman hat diese Rede als Hauptwaffe benützt, um die europäische Verurteilung von Netanyahus neuem destruktivem Siedlungsprojekt zurückzuschlagen.

IN WIRKLICHKEIT ist Meshal jetzt mehr denn je für Kompromisse bereit (wie auch Nasser, als er die erwähnte Rede hielt). Er hat erklärt, dass er, wenn auch noch nicht selbst zum Frieden machen mit Israel bereit, er einen Frieden akzeptieren würde, der von Mahmoud Abbas unterzeichnet und in einem palästinensischen Referendum ratifiziert würde. Er deutete auch an, dass solch ein Frieden sich auf die Grenzen von 1967 gründen solle, Er sagte auch, dass Abbas für eine „vereinbarte“ Lösung für das Flüchtlingsproblem bereit ist – im Einverständnis mit Israel. Dies bedeutet, dass nur einer symbolischen Anzahl erlaubt wird, auf israelisches Territorium zurückzukehren.

Beunruhigend ist, dass Meshal in seiner aufregenden Rede das Gegenteil sagte und noch Schlimmeres. Das tat auch Nasser – das brachte ihm den Tod. Am Anfang tat dies auch Yasser Arafat, bis er die Torheit dieser Methode einsah. Ich denke, Khaled Meshal wird dies zu gegebener Zeit auch einsehen.

Es gibt keine Flucht vor der einfachen Wahrheit, dass es zwei Staaten zwischen dem Fluss und dem Meer geben wird – als auch zwischen dem Meer und dem Fluss.

Es sei denn, dass wir das ganze Land wünschen – vom Meer bis zum Fluss, vom Fluss bis zum Meer – das dann zu einem großen Friedhof würde.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Ein für alle Mal

Erstellt von Gast-Autor am 6. Januar 2013

Ein für alle Mal

Autor Uri Avnery

DAS MANTRA dieser Runde war Ein für alle Mal.

„Wir müssen dem ein Ende setzen (den Raketen, der Hamas, den Palästinensern, den Arabern) ein für alle Mal!“ Dieser Schrei aus tiefstem Herzen wurde Dutzende Male im Fernsehen von den geplagten Bewohnern aus Israels betroffenen Städten und Dörfern des Südens gehört.

Es hat den Slogan ersetzt, der Jahrzehnte lang herrschte: „Beng und Schluss!“ Beng ist ein mundartlicher Slangausdruck für einen harten Schlag.

Er hat nichts bewirkt.

DER GROSSE Gewinner, der aus den Wolken auftaucht, ist die Hamas.

Bis zu dieser Runde hatte die Hamas eine machtvolle Präsenz im Gazastreifen, aber praktisch keinen internationalen Rang. Das internationale Gesicht des palästinensischen Volkes war Mahmoud Abbas’ Palästinensische Nationalbehörde.

Nun nicht mehr.

Die Operation Wolkensäule hat dem Hamas-Ministaat im Gazastreifen weite internationale Anerkennung gegeben. (Wolkensäule ist der offizielle hebräische Name, auch wenn der Militärsprecher anordnete, dass der englische Name für den ausländischen Gebrauch „Säule der Verteidigung“ sein sollte). Staatshäupter und eine Schar anderer ausländischer Würdenträger machten ihre Pilgerreise in den Gazastreifen.

Der erste war der mächtige und immens reiche Emir von Qatar, Besitzer von Aljazeera. Er war das erste Staatsoberhaupt, das jemals den Gazastreifen betrat. Dann kam der ägyptische Ministerpräsident, der tunesische Außenminister, der Generalsekretär der Arabischen Liga und die versammelten arabischen Außenminister ( außer dem aus Ramallah).

Bei allen diplomatischen Beratungen wurde der Gazastreifen wie ein de-facto-Staat mit einer de facto-Regierung (Hamas) behandelt. Die israelischen Medien waren keine Ausnahme. Es war für die Israelis klar, dass jedes Abkommen mit der Hamas geführt werden muss, wenn es effektiv sein soll.

Innerhalb des palästinensischen Volkes wuchs die Stellung der Hamas himmelhoch. Der winzige Gazastreifen stand allein gegen die mächtige israelische Kriegsmaschinerie auf, eine der größten und wirksamsten der Welt. Es hat sich nicht gebeugt. Das militärische Resultat wird bestenfalls unentschieden sein.

Ein Unentschieden zwischen dem winzigen Gaza und dem mächtigen Israel bedeutet einen Sieg für Gaza.

WO bleibt Mahmoud Abbas? tatsächlich nirgends.

Wer erinnert sich noch an Ehud Baraks Erklärung mitten im Krieg: „ Wir werden nicht aufhören, bis Hamas auf die Knie fällt und um einen Waffenstillstand bettelt.“

Für einen einfachen Palästinenser – ob in Nablus, Gaza oder Beirut – ist der Unterschied eklatant. Die Hamas ist mutig, stolz, aufrecht, während die Fatah hilflos, gedemütigt und verachtet ist. Stolz und Ehre spielen eine zentrale Rolle in der arabischen Kultur.

Nach mehr als einem halben Jahrhundert Demütigung ist jeder Palästinenser, der gegen die Besatzung aufsteht, ein Held der arabischen Massen innerhalb und außerhalb des Landes. Abbas wird nur mit der engen Kooperation seiner Sicherheitskräfte mit der gehassten israelischen Besatzungsarmee identifiziert.

Und die wichtigste Tatsache: Abbas hat nichts vorzuzeigen.

Wenn Abbas wenigstens eine größere politische Errungenschaft hätte vorzeigen können, könnte die Situation anders sein. Die Palästinenser sind ein sensibles Volk, und wenn Abbas nur einen Schritt näher an einen palästinensischen Staat gekommen wäre, würden die meisten Palästinenser wahrscheinlich gesagt haben: „ Nun er mag nicht glamourös sein, aber er liefert die Ware.“

Aber das Gegenteil geschieht. Die gewalttätige Hamas erringt Erfolge, der gewaltlose Abbas erreicht nichts. Wie ein Palästinenser zu mir sagte: „Er (Abbas) hat euch (den Israelis) alles gegeben, Ruhe und Sicherheit, und was hat er dafür bekommen? Ihr spuckt ihm ins Gesicht!“

Diese Runde wird nur eine Grundüberzeugung der Palästinenser stärken: „Die Israelis verstehen nur die Sprache der Gewalt.“ (Die Israelis sagen natürlich genau dasselbe über die Palästinenser.)

Falls die USA Abbas wenigstens erlauben würden, eine UN-Resolution zu bekommen, die Palästina als Nicht-Mitgliedstaat anerkennt, könnte er sich gegenüber der Hamas halten. Aber die israelische Regierung ist entschlossen, dies mit allen erreichbaren Mitteln zu verhindern. Barack Obamas Entscheidung – selbst nach der Wiederwahl – die palästinensische Bemühung zu blockieren, ist eine direkte Unterstützung für die Hamas und ein Schlag ins Gesicht der „Moderaten“. Hillary Clintons flüchtiger Besuch in Ramallah in dieser Woche wurde in diesem Kontext gesehen.

Von außen her gesehen, sieht dies wie reiner Wahnsinn aus. Warum werden die „Moderaten“, die bereit und in der Lage sind, Frieden zu schließen, unterminiert? Warum wird den „Extremisten“, die gegen den Frieden sind, geholfen ? Die Antwort wird offen von Avigdor Lieberman, jetzt Netanjahus offizielle politische Nummer zwei, gegeben: er wünscht, Abbas zu zerstören, um die Westbank zu annektieren und den Weg für die Siedler freizumachen.

NACH DER Hamas ist Muhamad Morsi der große Gewinner.

Dies ist eine fast unglaubliche Geschichte. Als Morsi zum Präsidenten Ägyptens gewählt wurde, wurde das offizielle Israel hysterisch. Wie schrecklich! Die islamistischen Extremisten haben das wichtigste arabische Land übernommen! Unser Friedensvertrag mit unserm größten Nachbarn geht zum Teufel!

Die Reaktionen der USA waren fast dieselben.

Und jetzt – weniger als vier Monate später – hängen wir an jedem Wort, das Morsi äußert.

Er ist der Man, der dem gegenseitigen Töten und Zerstören ein Ende gemacht hat! Er ist der große Friedensmacher! Er ist die einzige Person, die zwischen Israel und der Hamas vermitteln kann! Er muss das Abkommen über die Feuerpause garantieren!

Kann dies sein? Kann dies derselbe Morsi sein? Die selbe Muslimbruderschaft?

Der 61 Jahre alte Morsi (sein voller Name ist Muhamad Morsi Isa al-Ayyad. Isa ist die arabische Form für Jesus, der im Islam als Prophet angesehen wird) ist ein absoluter Neuling auf der politischen Weltbühne. Doch in diesem Augenblick verlassen sich die Führer der Welt auf ihn.

Als ich den Arabischen Frühling voll und ganz begrüßte, hatte ich an Menschen wie ihn gedacht. Jetzt loben fast alle israelischen Kommentatoren, Ex-Generäle und Politiker, die damals unheilvolle Warnungen von sich gaben, seinen Erfolg beim Erreichen des Waffenstillstandes.

WÄHREND DER Operation tat ich, was ich in solchen Situationen immer tue: ich wechselte ständig zwischen dem israelischen Fernsehsender und Aljazeera. Manchmal, wenn ich in Gedanken war, war ich für einen Augenblick unsicher, welchen Sender ich ansah.

Weinende Frauen, Verletzte werden weggetragen, Häuser in Trümmern, Kinderschuhe lagen herum, fliehende und bepackte Familien. Hier wie dort. Spiegelbilder.

Obwohl natürlich die palästinensischen Todesfälle (150) 30mal höher als die der Israelis waren – zum Teil wegen des unglaublichen Erfolgs des Iron Dome, (der die Raketen im Anflug zerstörte) und der Schutzräume, während die Palästinenser praktisch hilf- und schutzlos waren.

Am Donnerstag wurde ich zu einem Interview von Israels Kanal 2 eingeladen, dem populärsten ( und patriotischsten) israelischen Fernsehsender. Die Einladung wurde natürlich im letzten Augenblick widerrufen. Hätte ich dort reden können , hätte ich meinen Landsleuten eine einfache Frage gestellt:

War es dies wert?

All das Leiden, die Getöteten, die Verletzten, die Zerstörung, die Stunden und Tage des Terrors, die traumatisierten Kinder?

Und ich möchte hinzufügen: der ununterbrochene TV-Bericht rund um die Uhr mit einer Legion von Ex-Generälen, die auf dem Schirm erschienen und die Botschaft aus dem Büro des Ministerpräsidenten deklamierten. Und die blutrünstigen Drohungen von Politikern und anderen Trotteln, einschließlich des Sohnes von Ariel Sharon, der vorschlug, einen ganzen Stadtteil von Gazastadt oder besser noch den ganzen Streifen platt zu machen.

Jetzt, wo dies alles vorbei ist, sind wir fast genau dort, wo wir vorher waren. Die Operation – in Israel gemeinhin als die „neue Runde“ bezeichnet – war tatsächlich rund. Sie führte dorthin zurück, wo sie angefangen hat.

Die Hamas wird fest die Kontrolle über den Gazastreifen haben, wenn nicht gar fester. Die Bevölkerung des Gazastreifens wird Israel noch mehr als vorher hassen. Viele der Bewohner der Westbank, die während des Krieges zu Tausenden zu Demonstrationen für die Hamas herauskamen, werden bei den nächsten Wahlen noch mehr für die Hamas stimmen. Die israelischen Wähler werden in zwei Monaten die wählen, für die sie auch vorher stimmen wollten.

Jede der beiden Seiten feiert jetzt ihren Sieg. Man könnte eine Menge Geld sparen, wenn sie gemeinsam feiern würden.

WIE SEHEN die politischen Schlussfolgerungen aus?

Die offensichtlichste ist: mit der Hamas reden. Direkt. Von Angesicht zu Angesicht.

Yitzhak Rabin sagte einmal zu mir, wie er zu dem Schluss kam, dass er mit der PLO reden müsse: Nach Jahren der Zurückweisung, wurde ihm klar, dass sie die einzige Kraft war, die zählte. „Also war es lächerlich, mit ihnen über Vermittler zu reden.“

Dasselbe trifft jetzt auf die Hamas zu. Sie sind da. Sie werden nicht weggehen. Es ist für die israelischen Unterhändler lächerlich, in einem Raum des ägyptischen Geheimdienstes in der Nähe Kairos zu sitzen, währen die Hamas-Unterhändler in einem anderen Raum nur wenige Meter entfernt sitzen, und die höflichen Ägypter gehen hin und her.

Gleichzeitig und parallel sollten ernsthafte Bemühungen in Richtung Frieden gestartet werden.

Man sollte Abbas retten; vorläufig gibt es für ihn keinen Ersatz. Gebt ihm einen unmittelbaren Sieg, um die Errungenschaften der Hamas auszubalancieren! Stimmt für den palästinensischen Antrag für Staatlichkeit in der UN-Vollversammlung!

Bewegt euch mit dem ganzen palästinensischen Volk, einschließlich Fatah und Hamas in Richtung Frieden – dann können wir wirklich den endlosen Kriegen ein Ende setzen –

Ein für alle Mal.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die Blockbrecher

Erstellt von Gast-Autor am 12. Februar 2012

Die Blockbrecher

Autor Uri Avnery

“ISRAEL HAT keine Außenpolitik, es hat nur eine Innenpolitik,” bemerkte Henry Kissinger einmal.

Dies hat vielleicht für jedes Land mehr oder weniger gegolten– seitdem es die Demokratie gibt. Doch in Israel scheint dies noch mehr zuzutreffen. (Ironischerweise könnte fast gesagt werden, dass die US keine Außenpolitik hat, nur eine israelische Innenpolitik .)

Um unsere Außenpolitik zu verstehen, müssen wir in den Spiegel schauen. Wer sind wir?

Wie sieht unsere Gesellschaft aus?

IN EINEM klassischen Sketch, der jedem Israeli bekannt ist, standen zwei Araber am Ufer des Mittelmeers und sahen ein Boot voll russisch-jüdischer Pioniere auf sie zu rudern. „Mag euer Haus zerstört werden!“ fluchten sie.

Als Nächstes standen wieder zwei Gestalten, dieses Mal russisch-jüdische Pioniere, an derselben Stelle und verfluchten auf russisch ein Boot voll jemenitischer Immigranten.

Als Nächstes standen zwei Jemeniten dort und verfluchten die deutsch-jüdischen Flüchtlinge, die vor den Nazis geflohen waren. Dann verfluchten die deutschen Juden die Ankunft der Marokkaner. Das war dann nach dem ersten Erscheinen die letzte Szene. Heute kann man noch zwei Marokkaner hinzufügen, die die Immigranten aus der Sowjetrussland verfluchten, dann verfluchten die Russen die letzten Ankömmlinge: die äthiopischen Juden.

Dies mag auch für jedes andere Einwandererland gelten, für die USA bis Australien. Jede Einwanderungswelle wird mit Verachtung, ja, sogar mit offener Feindseligkeit von denen, die früher kamen, begrüßt. Als ich in den frühen 30er-Jahren noch ein Kind war, hörte ich häufig, wie Leute meinen Eltern nachriefen: „Geht zurück zu Hitler!“

Doch immer herrschte der Mythos vom „Schmelztiegel“. Alle Immigranten würden in den selben Topf geworfen und von ihren „fremden“ Zügen gereinigt und tauchten als einheitliche neue Nation wieder auf – ohne die Spuren fremden Ursprungs.

DIESER MYTHOS starb vor einigen Jahrzehnten. Israel ist jetzt eine Art Föderation verschieden großer demographisch-kultureller Blöcke, die unser soziales und politisches Leben bestimmen.

Wer sind sie? Es gibt (1.) die alten Ashkenasim (Juden europäischen Ursprungs); (2.) die orientalischen (oder sephardischen) Juden; (3.) die religiösen ( teils ashkenasischen, teils sephardischen) Juden; (4.) die russischen Emigranten aus all den Ländern der früheren Sowjetunion; und (5.) die palästinensischen arabischen Bürger, die schon immer hier waren..

Dies ist natürlich eine schematische Darstellung. Keiner der Blöcke ist völlig homogen. Jeder Block besteht aus mehreren Unterblöcken, einige Blöcke überlappen sich. Dann gibt es Mischehen. Aber im Großen und Ganzen stimmt das Bild. Das Geschlecht spielt bei dieser Teilung keine Rolle.

Die politische Szene reflektiert fast genau diese Einteilung. Die Laborpartei war auf ihrem Höhepunkt das Hauptinstrument der ashkenasischen Macht. Ihre Reste zusammen mit Kadima und Meretz sind noch immer Ashkenasim. Avigdor Liebermans Israel-Beitenu-Partei besteht hauptsächlich aus Russen. Es gibt drei oder vier religiöse Parteien. Dann gibt es zwei exklusiv arabische Parteien und die kommunistische Partei, die auch hauptsächlich arabisch ist. Die Likudvertreter vertreten den Hauptteil der Orientalen, auch wenn fast alle seine Führer Ashkenasim sind.

Die Beziehungen zwischen den Blöcken sind oft strapaziös. Gerade jetzt ist das Land in einem Aufruhr, weil in Kiryat Malachi eine südliche Stadt mit hauptsächlich orientalischen Einwohnern, die Hausbesitzer eine Verpflichtung unterschrieben haben, nach der sie keine Wohnung an Äthiopier verkaufen dürfen, während der Rabbiner von Safed, einer nördlichen Stadt von hauptsächlich orthodoxen Juden, seiner Gemeinde verboten hat, Wohnungen an Araber zu vermieten.

Aber abgesehen von der Kluft zwischen Juden und Arabern, besteht das Hauptproblem aus dem Groll zwischen den Orientalen, den Russen und den Religiösen gegen das, was sie die „ashkenasische-Elite“ nennen.

DA SIE die ersten waren, die ankamen, lange vor der Errichtung des Staates, kontrollierten die Ashkenasim den größten Teil des Machtzentrums – den sozialen, den wirtschaftlichen und den kulturellen Teil. Im Allgemeinen gehören sie zu dem wohlhabenderen Teil der Gesellschaft, während die Orientalen, die Orthodoxen, die Russen und die Araber gewöhnlich zur unteren Schicht gehören.

Die Orientalen hegen einen tiefen Groll gegen die Ashkenazim. Sie glauben – nicht ganz zu Unrecht – dass sie vom ersten Tag an in diesem Land gedemütigt und diskriminiert worden seien und noch werden, obwohl schon eine ganze Anzahl von ihnen die Spitze wirtschaftlicher und politischer Positionen erreicht hat.

Neulich verursachte ein Topmanager von einem der führendsten Finanzinstitute einen Skandal, als er die „Weißen“ (d.h. die Ashkenazim) anklagte, alle Banken, Gerichte und die Medien zu beherrschen. Er wurde prompt entlassen, was einen neuen Skandal auslöste.

Der Likud kam 1977 an die Macht, indem er die Laborpartei entthronte. Mit kurzen Unterbrechungen ist er seitdem an der Macht. Doch glauben die meisten Likudmitglieder noch immer, dass die Ashkenasim Israel beherrschen und sie weit hinter sich ließen. Jetzt, 34 Jahre später, wird die dunkle Woge der antidemokratischen neuen Gesetze von Likud- Vertretern durch den Slogan gerechtfertigt: „Wir müssen anfangen zu regieren!“

Die Szene erinnert mich an ein Baugelände, das von einem Holzzaun umgeben ist. Der schlaue Bauherr ließ ein paar Lücken im Zaun, so dass neugierige Passanten durchschauen können. In unserer Gesellschaft fühlen sich alle anderen Blöcke wie Passanten, die voller Neid durch die Lücken auf die ashkenasische„Elite“ schauen: den Obersten Gerichtshof, die Medien, die Menschenrechtsorganisationen und besonders das Friedenslager. Diese werden alle „Linke“ genannt, ein Wort, das seltsamer Weise mit der „Elite“ identifiziert wird.

WIE IST das Wort „Frieden“ zu einem Synonym der herrschenden und vorherrschenden Ashkenasim geworden?

Das ist eine der größten Tragödien in unserem Land geworden.

Juden haben viele Jahrhunderte in der muslimischen Welt gelebt. Sie machten dort nicht die schrecklichen Erfahrungen des christlichen Antisemitismus’ in Europa durch. Muslimisch-jüdische Feindseligkeit begann erst vor einem Jahrhundert mit der Ankunft des Zionismus – aus offensichtlichen Gründen.

Als die Juden aus muslimischen Ländern begannen, en masse in Israel einzuwandern, waren sie durchdrungen von der arabischen Kultur. Aber hier wurden sie von einer Gesellschaft empfangen, die alles Arabische total verachtete. Ihre arabische Kultur war angeblich „primitiv“, während wirkliche Kultur europäisch war. Außerdem wurden sie mit den „mörderischen“ Muslimen identifiziert. Deshalb wurden die Immigranten gezwungen, ihre eigene Kultur und ihre eigenen Traditionen, ihren Akzent, ihre Erinnerungen, ihre Musik über Bord zu werfen. Um zu zeigen, dass sie durch und durch israelisch geworden waren, mussten sie auch die Araber hassen.

Es ist natürlich ein weltweites Phänomen, dass in multinationalen Länden die unterdrückteste Klasse der dominanten Nation auch der radikalste nationalistischste Feind der Minderheiten ist. Zur oberen Bevölkerungsschicht zu gehören, ist oft die einzige Quelle des Stolzes, die ihnen gelassen wurde. Die Folge davon ist oft der unversöhnliche Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit.

Dies ist einer der Gründe, warum die Orientalen vom Likud angezogen wurden, für den die Ablehnung des Friedens und der Hass auf die Araber oberste Tugenden sind. Nachdem er auch Jahre lang in der Opposition gewesen war, wurde der Likud als der angesehen, der die „Außenstehenden“ vertrat und die bekämpfte, die „drinnen“ waren. Dies ist noch immer der Fall.

Der Fall der „Russen“ ist anders. Sie wuchsen in einer Gesellschaft auf, die die Demokratie verachtete und starke Führer bewunderte. Die „Weißen“, Russen und Ukrainer, verachteten und hassten die „dunklen“ Völker des Südens – die Armenier, Georgier, Tataren, Usbeken und ähnliche. ( Ich erfand einmal die Formel: Bolschewismus – Marxismus = Faschismus.)

Als die russischen Juden sich uns anschlossen, brachten sie einen starken Nationalismus mit sich, ein völliges Desinteresse für Demokratie und einen automatischen Hass gegen die Araber. Sie können nicht verstehen, warum wir ihnen überhaupt zu bleiben erlauben. Als in dieser Woche ein weibliches Mitglied der Knesset aus Petersburg ein Glas Wasser auf den Kopf eines arabischen Mitglieds von der Laborpartei schüttete, war niemand sehr überrascht. (Irgend jemand witzelte: „Ein guter Araber ist ein nasser Araber“) Für Liebermans Anhänger ist „Frieden“ ein schmutziges Wort, ebenso das Wort „Demokratie“.

Für religiöse Leute aller Schattierungen – von den Ultra-Orthodoxen bis zu den national-religiösen Siedlern gibt es da überhaupt kein Problem. Von der Wiege an lernen sie, dass Juden das auserwählte Volk sind; dass der Allmächtige uns persönlich dieses Land versprochen hat; dass die Gojim – einschließlich den Arabern – nur minderwertige Menschen seien.

Es mag ganz zu Recht gesagt werden, dass ich hier verallgemeinere. Das tue ich, um die Sache zu vereinfachen. Es gibt tatsächlich Orientalen, besonders in der jungen Generation, die von dem Ultra-Nationalismus des Likud abgestoßen werden und noch mehr vom Neo-Liberalismus des Binjamin Netanjahu (Shimon Peres nannte ihn mal „schweinischen Kapitalismus“), da dieser im direkten Widerspruch zu den Grundinteressen ihrer Gemeinschaft steht. Es gibt auch eine Menge anständiger, liberaler, friedliebender religiöser Leute (Yeshayahu Leibowitz kommt mir in den Sinn). Viele Russen verlassen nach und nach ihr selbst geschaffenes Ghetto. Aber dies sind kleine Minderheiten in ihren Gemeinden. Der Großteil dieser drei Blöcke – orientalisch, russisch und religiös – sind in ihrer Gegnerschaft zum Frieden vereinigt und bestenfalls gleichgültig gegenüber der Demokratie.

All diese zusammen bilden den rechten Flügel, eine Anti-Friedens-Koalition, die jetzt Israel regiert. Das Problem ist nicht nur eine Frage der Politik. Es liegt viel tiefer und ist entmutigender.

EINIGE LEUTE klagen uns, die demokratische Friedenskoalition, an, das Problem nicht früh genug erkannt und nicht genug getan zu haben, um Mitglieder der verschiedenen Blöcke zu den Idealen von Frieden und Demokratie herangezogen zu haben.

Ich muss zugeben, dass dem so ist und dass ich Anteil an der Schuld habe, obwohl ich darauf hinweisen möchte, dass ich von Anfang an versuchte, die Verbindung herzustellen. Ich bat meine Freunde, wir müssten uns besonders um die orientalische Gemeinschaft bemühen und sie an das ruhmreiche muslimisch-jüdische „goldene Zeitalter“ in Spanien erinnern und auch an den sehr großen gegenseitigen Einfluss der jüdischen und muslimischen Wissenschaftler, Dichter und religiösen Denker in allen Jahrhunderten.

Vor ein paar Tagen wurde ich eingeladen, vor dem Lehrkörper und den Studenten der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva einen Vortrag zu halten. Ich beschrieb die Situation mehr oder weniger in derselben Weise. Die erste Frage aus der großen Zuhörerschaft, die aus Juden – Orientalen und Ashkenasim – und Arabern, besonders aus Beduinen, bestand: „Welche Hoffnung gibt es noch? Wie können die Friedenskräfte gewinnen?“

Ich sagte ihnen, ich setze mein Vertrauen in die neue Generation. Die große soziale Protestbewegung im letzten Sommer, die ganz plötzlich ausbrach und Hunderttausende erfasste, zeigte, dass hier so etwas geschehen kann. Die Bewegung vereinte Ashkenasim und Orientalen. Überall im Lande wuchsen Zeltstädte auf, in Tel Aviv und in Beer Sheva.

Unser erster Job wäre, die Barrieren zwischen den Blöcken zu brechen, die Realität zu ändern, eine neue israelische Gesellschaft zu schaffen. Wir benötigen Blockbrecher.

Es stimmt, dies ist ein sehr, sehr schwerer Job. Aber ich bin davon überzeugt, er könnte getan werden.
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

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Der gestohlene Krieg

Erstellt von Gast-Autor am 29. Januar 2012

Der gestohlene Krieg

Autor Uri Avnery

GIBT ES keine Grenze für die Niederträchtigkeit der Hamas ? Anscheinend nicht.

In dieser Woche tat sie etwas nahezu Unverzeihliches.

Sie stahl einen Krieg.

SEIT EINIGEN Wochen hat unser fast neuer Generalstabschef Benny Gantz bei fast jeder möglichen Gelegenheit verkündet, ein neuer Krieg gegen den Gazastreifen sei unvermeidbar. Mehrere Kommandeure der Truppen rund um den Gazastreifen haben diese schlimme Voraussage wiederholt wie auch ihre Anhänger, die sogenannten Militärkommentatoren.

Einer von diesen tröstet uns. Es stimmt, Hamas kann jetzt mit ihren Raketen auch Tel Aviv erreichen, aber das wird nicht so schrecklich sein, weil es ein kurzer Krieg sein wird. Nur drei oder vier Tage. Wie einer der Generäle sagte, wird er nur „härter und schmerzlicher“ (für die Araber) werden, als die Operation Geschmolzenes Blei I.( 2008/09). So wird er keine drei Wochen dauern wie diese. Wir werden alle in unsern Luftschutzkellern bleiben – auf jeden Fall diejenigen von uns, die einen haben. Auf jeden Fall nur ein paar Tage.

Warum ist der Krieg unvermeidlich? Wegen des Terrorismus’ – eine dumme Frage. Hamas ist doch eine terroristische Organisation – nicht wahr?

Aber jetzt kommt der oberste Hamasführer Khaled Mash’al und erklärt, die Hamas habe jede gewalttätige Aktion aufgegeben. Ab jetzt will man sich auf gewaltlose Massendemonstrationen konzentrieren, im Geist des arabischen Frühlings.

Wenn die Hamas dem Terrorismus abschwört, gibt es für einen Angriff auf den Gazastreifen keinen Vorwand.

Aber ist denn ein Vorwand nötig? Unsere Armee wird sich doch von dergleichen wie Mash’al nicht einen Strich durch die Rechnung machen lassen. Wenn die Armee einen Krieg wünscht, wird sie einen Krieg haben. Dies wurde 1982 bewiesen, als Ariel Sharon den Libanon angriff, trotz der Tatsache, dass die libanesische Grenze seit elf Monaten absolut ruhig war. (Nach dem Krieg wurde der Mythos geboren, ihm wären täglich Schießereien voraus gegangen. Heute kann sich fast jeder Israeli an die Schießerei „erinnern“ – ein erstaunliches Beispiel für die Macht der Vorstellung.)
WARUM WILL der Stabschef angreifen?

Ein Zyniker könnte sagen, dass jeder neue Stabschef einen Krieg benötigt, den er als den seinigen ausgeben kann. Aber das ist doch kein Zynismus?

Alle paar Tage wird eine einzelne Rakete aus dem Gazastreifen nach Israel abgeschossen. Sie trifft selten mehr als ein leeres Feld. Seit Monaten ist niemand verletzt worden.

Die übliche Reihenfolge ist die folgende: unsere Luftwaffe führt eine „gezielte Tötung“ von palästinensischen Militanten im Gazastreifen durch. Die Armee behauptet unweigerlich, dass diese speziellen „Terroristen“ beabsichtigt hätten, Israelis anzugreifen. Woher kennt die Armee ihre Absichten? Nun, unsere Armee ist ein Meister im Gedankenlesen.

Nachdem die Personen getötet worden sind, sieht ihre Organisation es als ihre Pflicht an, ihr Blut zu rächen, indem sie eine Rakete abfeuert oder eine Granate abschießt oder sogar zwei oder drei. Dies „kann von der Armee nicht toleriert werden“ – und so geht es weiter.

Nach jeder solchen Episode beginnt wieder das Gerede von einem Krieg. Amerikanische Politiker sagen in ihren Reden auf AIPAC-Konferenzen: „Kein Land kann es tolerieren, dass seine Bürger Raketen ausgesetzt sind.“

Aber die Gründe für „Cast Lead“II sind natürlich viel ernster. Hamas wird jetzt von der internationalen Gemeinschaft akzeptiert. Ihr Ministerpräsident Isma’il Haniyeh reist jetzt durch die arabische Welt, nachdem er vier Jahre lang im Gazastreifen eingesperrt war – eine Art Streifenarrest. Nun kann er nach Ägypten, weil die muslimische Bruderschaft, die Mutterorganisation der Hamas, dort ein Hauptakteur geworden ist.

Um noch schlimmer: die Hamas ist dabei, sich der PLO anzuschließen und an der palästinensischen Regierung teil zu nehmen. Es ist höchste Zeit, dass etwas getan wird. Zum Beispiel den Gazastreifen angreifen und so die Hamas zwingen, wieder ein Extremist zu werden.

MASH’AL – DAMIT nicht zufrieden, uns einen Krieg zu stehlen, ist dabei, eine Reihe unheilvollere Aktionen auszuführen.

Indem er sich der PLO angeschlossen hat, verpflichtet sich die Hamas, die Oslo-Abkommen und alle anderen Abmachungen zwischen Israel und der PLO anzuerkennen . Er hat angekündigt, Hamas akzeptiere einen Palästinastaat innerhalb der 1967er-Grenzen. Er hat wissen lassen, dass die Hamas in diesem Jahr nicht für die palästinensische Präsidentschaft kämpfen werde, so dass der Fatahkandidat – wer immer es auch sein mag – ohne Widerspruch gewählt werden und in der Lage sein könne, mit Israel zu verhandeln.
All dies wird die gegenwärtige israelische Regierung in eine schwierige Position bringen.

Mash’al hat einige Erfahrungen, Israel Probleme zu verursachen. 1997 entschied die erste Netanjahu-Regierung, ihn in Amman loszuwerden. Ein Team von Mossadagenten wurde gesandt, um ihn auf der Straße zu ermorden, indem man in sein Ohr ein unbekanntes Gift spritzte. Doch statt eine dezente Sache zu tun und schnell durch eine mysteriöse Ursache zu sterben, wie Yasser Arafat, ließ er seinen Leibwächter hinter den Angreifern herjagen und sie fangen.

König Hussein, Israels langjähriger Freund und Verbündeter, wurde fuchsteufelswild. Er ließ Netanjahu wählen: entweder werden die Agenten in Jordanien verurteilt und möglicherweise gehängt, oder der Mossad sendet sofort das geheime Gegengift, um Mash’al zu retten. Netanjahu kapitulierte. Und nun haben wir Mash’al sehr lebendig hier.

Dieses Missgeschick hatte noch ein seltsames Resultat: der König verlangte, dass der Hamasgründer und Führer, der gelähmte Sheich Ahmad Yassin, aus dem israelischen Gefängnis entlassen werde. Netanjahu verpflichtete sich: Yassin wurde entlassen und sieben Jahre später von Israel ermordet. Als sein Nachfolger Abd al-Aziz Rantisi bald danach auch ermordet wurde, war der Weg für Mash’al frei, der Führer der Hamas zu werden.

Und anstatt uns seine Dankbarkeit zu zeigen , konfrontiert er uns mit einer verheerenden Herausforderung: gewaltfreie Aktione, indirekte Friedensannäherungen, die Zwei- Staaten-Lösung.

EINE FRAGE: warum sehnt sich unser Stabschef nach einem kleinen Krieg im Gazastreifen, wenn er den Krieg, den er wünscht, im Iran haben könnte? Nicht nur eine kleine Operation, sondern einen großen Krieg,einen sehr, sehr großen Krieg.

Nun, er weiß, dass er ihn nicht haben kann.

Vor einiger Zeit tat ich etwas, das nicht einmal ein erfahrener Kommentator macht. Ich versprach, dass es keinen israelischen Angriff auf den Iran geben werde ( und eigentlich auch keinen amerikanischen).

Ein erfahrener Journalist oder Politiker gibt nie solch ein Versprechen, ohne für sich ein Hintertürchen offen zu halten. Er setzt noch ein unauffälliges „wenn nicht“ dazwischen. Wenn seine Voraussage schief geht, dann weist er auf dieses Hintertürchen.

Ich habe einige Erfahrungen – etwa 60 Jahre lang – aber ich ließ mir kein Hintertürchen offen. Ich sagte Keinen Krieg und jetzt sagt General Gantz dasselbe mit anderen Worten. Kein Teheran, nur das arme kleine Gaza.

Warum? Wegen eines einzigen Wortes: Hormuz.

Nicht wegen des alten persischen Gottes Hormuzd, sondern wegen der Meeresenge, die der Ein- und Ausgang des Persischen Golfes ist, durch den 20% des Ölbedarfs der Welt ( und 35% des über das Meer beförderte Öl) transportiert werden. Meine Behauptung war, dass kein vernünftiger ( oder fast verrückter) Führer die Sperrung der Meeresenge veranlassen würde, weil die wirtschaftlichen Konsequenzen katastrophal, ja sogar apokalyptisch sein würden.

ES SCHEINT, dass die Führer des Iran sich nicht sicher waren, ob alle Verantwortlichen der Welt diese Kolumne lesen, also machten sie den Fall selbst klar. In der vergangenen Woche führten sie ein auffälliges Militärmanöver rund um die Meerenge von Hormuz durch, begleitet von der eindeutigen Drohgebärde, sie zu schließen.

Die US antwortete mit prahlerischen Gegendrohgebärden. Die unbesiegbare US-Flotte war bereit – wenn nötig – die Meeresenge mit Gewalt zu öffnen.

Wie bitte? Der mächtigste vielfache Milliarden kostende Flugzeugträger kann leicht durch eine Batterie von billigen Land-See-Raketen versenkt werden, aber auch von kleinen Raketenbooten.

Nehmen wir an, der Iran beginnt, seine Drohungen wahr zu machen. Die ganze Macht der US-Luft- und Seeflotte würde reagieren. Iranische Schiffe würden versenkt, Raketen- und andere Militäreinrichtungen würden bombardiert. Aber weitere iranische Raketen würden abgeschossen und würden die Meerenge unpassierbar machen.

Was kommt als Nächstes? Es wird keine Alternative geben, als das Heer einzusetzen. Die US-Armee wird an Land gehen und das ganze Gebiet besetzen müssen, von dem Raketen wirksam abgeschossen werden können. Das würde eine große Operation sein. Mit heftigem iranischem Widerstand muss gerechnet werden, wenn man von den Erfahrungen des acht Jahre dauernden Irak-Iran-Krieges her urteilt. Die Ölquellen im benachbarten Saudi-Arabien und der anderen Golfstaaten werden auch betroffen sein.

Solch ein Krieg geht weit über die Dimensionen hinaus, die die amerikanische Invasion von Afghanistan oder dem Irak, vielleicht sogar von Vietnam ausmachte.

Ist die bankrotte USA dazu in der Lage? Wirtschaftlich, politisch und was die Moral betrifft?

Die Schließung der Meerenge ist die letzte Waffe. Ich glaube nicht, dass die Iraner sie gegen die Auferlegung von Sanktionen anwenden werden, so schwerwiegend sie auch sein mögen, wie sie gedroht haben. Nur ein militärischer Angriff würde solch eine Antwort rechtfertigen.

Wenn Israel alleine angreift – „die dümmste Idee, die ich je hörte“ wie unser früherer Mossadchef es ausdrückte – wird das keinen Unterschied machen. Der Iran wird dies als eine amerikanische Aktion ansehen und die Meerenge schließen. Deshalb hat die Obama-Regierung ein Machtwort gesprochen und Netanyahu und Ehud Barak eine eindeutige Order ausgehändigt, von einer Militäraktion abzusehen.

An dem Punkt stehen wir jetzt. Kein Krieg im Iran. Nur die Aussicht auf einen Krieg im Gazastreifen.

Und nun kommt dieser üble Mash’al daher und versucht, die Chancen für diesen auch noch zu verderben.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die Zwerge

Erstellt von Gast-Autor am 21. März 2011

Die Zwerge

Autor Uri Avnery

Jerusalem ist voll brillanter neuer Ideen. Die besten Köpfe unseres politischen Establishments schlagen sich mit dem Problem herum, das die anhaltende arabische Revolution geschaffen hat, die die Landschaft rund um uns neu gestaltet.

Hier ist die letzte Ernte unglaublich origineller Ideen.

Der Verteidigungsminister Ehud Barak hat angekündigt, dass er dabei ist, von den US eine weitere Subvention von 20 Milliarden zu erbitten für mehr Kampfflugzeuge, die technisch auf dem neuesten Stand sind, Raketenboote, ein Unterseeboot, Truppentransporter und anderes.

Ministerpräsident Binyamin Netanyahu ließ ein Photo machen, bei dem er von Soldatinnen umgeben ist – wie Muammar Qaddafi in den guten alten Zeiten – wie er über den Jordan blickt und verkündet, dass die israelische Armee niemals das Jordantal verlassen würde. Nach ihm ist dieser besetzte Streifen Land Israels vitale „Sicherheitsgrenze“.

Dieser Slogan ist so alt wie die Besetzung selbst. Es war ein Teil des berühmten Allon-Planes, der es darauf abgesehen hatte, die Westbank mit israelischem Gebiet zu umgeben. Zufällig war der Vater des Planes Yigal Allon auch ein Führer der Kibbuz-Bewegung, und das Jordantal war für ihn ein ideales Gebiet für neue Kibuzzim – es ist flach, gut bewässert und war gering besiedelt.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Als Allon legendärer Kommandeur im Krieg von 1948 war, träumte er noch nicht einmal von Raketen. Heute erreichen die von jenseits des Jordan abgefeuerten Raketen leicht mein Haus in Tel Aviv. Wenn Netanyahu erklärt, dass wir das Jordantal benötigen, um die Araber daran zu hindern, Raketen auf die Westbank zu schmuggeln, scheint er, ein wenig hinter seiner Zeit zurück geblieben zu sein.

Wenn die Politiker tapfer der neuen Welt entgegensehen, bleibt die Armee nicht zurück. In der letzten Woche verkündeten mehrere Divisionskommandeure, dass sie sich für einen gewaltfreien Massenaufstand in der Westbank im Tahrir-Stil vorbereitet hätten. Die Soldaten werden trainiert, Mittel zur Aufstandsbekämpfung sind vorrätig. Unsere glorreiche Armee ist für noch einen kolonialen Polizeijob vorbereitet.

Um die geistige Kraft der Führung zu stärken, hat Netanyahu jetzt einen Mann mit scharfem Intellekt mobilisiert: er ernannte General Yaacov Amidror zum Chef des Nationalen Sicherheitsrats. Amidror, der höchstrangige Kipa-tragende Offizier in der Armee, hat nie seine ultra-ultra-nationalistischen Ansichten, einschließlich seiner totalen Opposition gegen einen palästinensischen Staat und Frieden im allgemeinen verheimlicht. Er ist übrigens der Offizier, der kürzlich beifällig bemerkte, dass einige Armeen den Soldaten, die sich nicht am Angriff beteiligen, „ eine Kugel in den Kopf jagen.“

Es passt sehr gut, dass Netanyahu in dieser Woche die Nationale Front Partei eingeladen hat, die offen faschistische Elemente einschließt, sich seiner Regierung anzuschließen. Sie weigerte sich, weil Netanyahu ihnen nicht extrem genug ist.

Mittlerweile versuchen ein Dutzend Spitzenpolitiker von Avigdor Lieberman abwärts zum Scheitern verurteilte Pläne für „Interimsabkommen“ neu zu beleben – alte Handelswaren, die in den Regalen verstauben, da es keine Käufer für sie gibt.

Alles in allem politische Zwerge, die mit einer neuen revolutionären Realität konfrontiert werden, die sie nicht verstehen und mit der sie nicht fertig werden. ( Ich will damit keine Zwergwüchsigen beleidigen, die natürlich so intelligent wie alle anderen sind.)

Mit diesem Haufen von Führern ist es fast utopisch, zu fragen, was wir tun könnten oder tun sollten, um uns auf die neue geopolitische Realität einzustellen.

Nehmen wir an, dass die arabische Welt oder große Teile von ihr auf dem Weg zur Demokratie und zu sozialem Fortschritt sind – wie wird sich dies auf unsere Zukunft auswirken?

Könnten wir zu solch progressiven Gesellschaften Brücken schlagen? Könnten wir sie davon überzeugen, uns als legitimen Teil der Region zu akzeptieren? Könnten wir an der politischen und wirtschaftlichen Entstehung einer neuen geopolitischen Realität eines „neuen Nahen Ostens“ teilnehmen?

Ich bin davon überzeugt, dass wir es können. Die absolute, unveränderliche Voraussetzung jedoch ist, dass wir mit dem palästinensischen Volk Frieden schließen.

Es ist die unerschütterliche – und sich selbst erfüllende – Verurteilung des ganzen israelischen Establishments, dass dies unmöglich ist. Sie haben völlig Recht – solange sie im Amt sind, ist es unmöglich. Mit einer anderen Führung aber, würden sich die Dinge ändern?

Wenn beide Seiten – und dies hängt sehr von Israel der unvergleichlich stärkeren Seite ab – wirklich Frieden wollen, ist der Frieden in Reichweite? Alle Bedingungen liegen klar auf dem Tisch. Sie sind endlos diskutiert worden. Die Kompromisse sind klar bezeichnet worden. Es würde nicht länger als ein paar Wochen dauern, um die Details auszuarbeiten. Die Grenzen, Jerusalem, die Siedlungen, die Flüchtlinge, das Wasser, die Sicherheit – wir kennen inzwischen die Lösungen. (Ich und andere habe sie schon mehrere Male aufgezählt). Was nun allein noch fehlt, ist der politische Wille.

Ein Friedensabkommen – von der PLO unterzeichnet, in einem Referendum vom palästinensischen Volk ratifiziert, von der Hamas angenommen – würde die Haltung der arabischen Völker gegenüber Israel radikal verändern.

Dies ist keine formelle Angelegenheit – es ginge zum Kern des nationalen Bewusstseins. Keine der anhaltenden Aufstände in verschiedenen arabischen Ländern ist von Natur aus anti-israelisch. Nirgendwo schreien die Massen nach einem Krieg. Die Idee eines Krieges widerspräche wirklich ihren grundsätzlichen Hoffnungen: sozialer Fortschritt, Freiheit, ein Standard, der ein Leben in Würde erlaubt.

Doch, solange die Besatzung der palästinensischen Gebiete anhält, weisen die arabischen Massen eine Versöhnung mit Israel ab. Egal welche Gefühle jedes spezielle arabische Land gegenüber den Palästinensern hat – alle Araber fühlen sich zu tiefst verpflichtet, bei der Befreiung ihrer arabischen Landsleute mitzuhelfen. Wie ein ägyptischer Führer einmal zu mir sagte: „Sie sind unsere armen Verwandten und unsere Tradition erlaubt es nicht, einen armen Verwandten im Stich zu lassen. Es ist eine Sache der Ehre.“

Deshalb wird Israel bei jeder freien Wahl in arabischen Ländern eine Rolle spielen, und jede Partei wird sich verpflichtet fühlen, Israel zu verurteilen.

Ein Argument gegen den Frieden ist, dass die Hamas ihn nie akzeptieren wird – so wird es in unserer offiziellen Propaganda endlos wiederholt. Das Schreckgespenst der islamistischen Bewegungen, das in anderen Ländern demokratische Wahlen gewinnt – wie die Hamas in Palästina – wird als tödliche Gefahr an die Wand gemalt.

Man sollte sich daran erinnern, dass die Hamas tatsächlich von Israel geschaffen wurde.

Während der ersten Jahrzehnte der Besatzung haben die Militärgouverneure jede Art palästinensischer politischer Tätigkeit verboten, selbst jene, die sich für Frieden mit Israel aussprach. Aktivisten kamen ins Gefängnis. Es gab nur eine Ausnahme: die Islamisten. Es war nicht nur unmöglich, sie daran zu hindern, sich in der Moschee zu versammeln – dem einzigen öffentlichen Raum, der offen gelassen wurde. Die militärischen Gouverneure wurden sogar angewiesen, die islamischen Organisationen zu ermutigen – als Gegenkraft gegen die PLO, die als Hauptfeind angesehen wurde. Die PLO war und blieb nicht religiös – mit vielen Christen, die in ihr eine bedeutende Rolle gespielt haben.

Das war natürlich eine dumme Idee, typisch für die politische Kurzsichtigkeit unserer politischen und militärischen Führer, soweit es arabische Angelegenheiten betraf. Beim Ausbruch der 1. Intifada konstituierte sich auch die islamische Bewegung als Hamas („Islamistische Widerstandbewegung“), die den Kampf aufnahm.

Das Auftauchen der Hisbollah war auch eine Folge israelischer Aktionen. Als Israel 1982 in den Libanon einfiel, um den PLO-Ministaat im Süden des Landes zu zerstören, schuf es dort ein Vakuum, das bald mit der neu gegründeten schiitischen „Partei Gottes“, der Hisbollah, aufgefüllt war.

Beide – die Hamas und die Hisbollah – streben in ihren Ländern nach der Macht, das ist ihr Hauptziel. Für beide bedeutet der Kampf gegen Israel mehr ein Mittel als ein Ziel. Wenn einmal Frieden erreicht ist, werden sich ihre Energien auf den Kampf nach Macht in ihren Ländern konzentrieren.

Wird die Hamas Frieden akzeptieren? Sie hat es indirekt so erklärt: wenn die palästinensische Behörde Frieden machen und das Friedensabkommen durch ein palästinensisches Referendum ratifiziert würde, dann würde die Hamas es als Ausdruck des Volkswillen akzeptieren. Dasselbe gilt für alle islamischen Bewegungen in den verschiedenen arabischen Länden – mit Ausnahme von al-Qaida und ähnlichen, die keine nationale politischen Parteien eines Landes sind, sondern internationale verschwörerische Organisationen.

Mit einem von den Palästinensern frei akzeptierten Friedensvertrag als die Erfüllung ihrer nationalen Bestrebungen würde jede Intervention durch andere arabischen Länder überflüssig, wenn nicht ausgesprochen lächerlich machen. Die Hisbollah, die Muslimbruderschaft und ähnliche national religiöse Organisationen werden ihre Bemühungen darauf konzentrieren, innerhalb neuer demokratischer Strukturen Macht zu erlangen.

Wenn dieses Hindernis beseitigt ist, wird Israel von den arabischen Massen als das beurteilt, was es in jener Zeit sein wird. Wir werden die historische Chance haben, an der Neugestaltung der ganzen Region teilzunehmen. Unsere Taten werden sprechen.

Vor mehr als 50 Jahren machte der damalige Kronprinz von Marokko Moulai Hassan, der spätere König Hassan II. einen historischen Vorschlag: Man sollte Israel einladen, sich der Arabischen Liga anzuschließen. Zur damaligen Zeit erschien die Idee absonderlich und wurde bald wieder vergessen . (Abgesehen vom König selbst, der mich daran erinnerte, als er mich 1981 im Geheimen empfing.)

Mit einer neuen arabischen Welt in Aussicht nimmt diese utopische Idee heute plötzlich realistische Züge an. Ja, nach einem Frieden mit dem freien und souveränen Staat Palästina, einem Vollmitglied der UNO, einer reformierten regionalen Struktur, einschließlich Israel, vielleicht mit der Türkei und zu gegebener Zeit auch mit dem Iran, wird sie in den Bereich der Wirklichkeit rücken.

Eine Region mit offenen Grenzen mit blühender Handels- und Wirtschaftskooperation von Marrakesch bis Mosul, von Haifa bis Aden innerhalb von ein oder zwei Generationen – ja, das ist eine der Möglichkeiten, die sich bei den augenblicklichen erdbebenartigen Ereignissen auftun.

Solch eine Entwicklung würde natürlich einen totalen Wandel bei unsern grundlegenden Konzepten erforderlich machen, von denen einige so alt sind wie der Zionismus selbst und vielleicht noch älter.

Es wird nicht geschehen, so lange unser politisches und intellektuelles Leben von Leuten wie Netanyahu, Lieberman, Barak, Eli Yishai, Shimon Peres und ihresgleichen beherrscht wird. Die politische Bühne muss von diesem ganzen Schwung von Zwergen gereinigt werden.

Kann das geschehen? Wird dies geschehen? „Realisten“ werden den Kopf schütteln, wie sie es taten, bevor die Deutschen ihre Mauer einrissen, bevor Boris Yeltsin auf jenen Panzer kletterte, bevor die Amerikaner einen afro-amerikanischen Präsidenten wählten, dessen mittlerer Name Hussein ist.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Quelle: Uri Avnery

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Der Al-Jazeera-Skandal

Erstellt von DL-Redaktion am 30. Januar 2011

Der Al-Jazeera – Skandal

Autor : Uri Avnery

ICH DACHTE immer, dies wäre ein spezifisch israelischer Zug: wann immer ein Skandal nationaler Proportion ausbricht, ignorieren wir die entscheidenden Punkte und lenken unsere Aufmerksamkeit auf zweitrangige Dinge. Dies erspart uns, uns mit den eigentlichen Problemen zu befassen und schmerzliche Entscheidungen zu treffen.

Da gibt es Beispiele in Hülle und Fülle. Das klassische Beispiel konzentriert sich auf die Frage: „Wer gab den Befehl?“ Als bekannt wurde, dass 1954 einem israelischen Spionagering befohlen worden war, in amerikanischen und britischen Institutionen in Ägypten Bomben zu legen, um Bemühungen zu sabotieren , die Beziehungen zwischen dem Westen und Gamal Abd-al Nasser zu verbessern, brach in Israel eine große Krise aus. Fast keiner fragte, ob die Idee als solche weise oder töricht war. Fast keiner fragte, ob es im eigentlichen Interesse Israels war, den neuen und rigorosen ägyptischen Führer herauszufordern, der schnell das Idol der arabischen Welt wurde ( und der schon im Geheimen andeutete, dass er mit Israel Frieden schließen könnte.)

Nein , die Frage war nur: Wer hatte den Befehl gegeben? Der Verteidigungsminister Pinhas Lavon oder der Chef der Nachrichtendienste Binjamin Gibli? Die Frage erschütterte die Nation, stürzte die Regierung und veranlasste David Ben Gurion, die Labor-Partei zu verlassen.

Vor kurzem drehte es sich beim türkischen Flotilla-Skandal um die Frage: war es eine gute Idee, ein Kommando an Seilen auf das Schiff hinunter zu lassen oder hätte eine andere Angriffsweise genommen werden sollen? Fast keiner fragte: Sollte über Gaza überhaupt eine Blockade verhängt werden ? Wäre es nicht klüger, mit der Hamas zu reden? War es eine gute Idee, auf hoher See ein türkisches Schiff anzugreifen?

Es scheint so, als ob diese speziell israelische Weise, sich mit Problemen auseinander zu setzen, ansteckend sei. (Auch) in dieser Hinsicht fangen unsere Nachbarn an, uns zu ähneln.

DAS AL-JAZEERA-Fernsehnetz fing in dieser Woche damit an, Wickileads zu imitieren, indem es eine Menge geheimer palästinensischer Dokumente veröffentlichte. Sie geben ein detailliertes Bild der israelisch-palästinensischen Friedensverhandlungen, besonders während der Zeit von Ministerpräsident Ehud Olmert, als die Kluft zwischen den Parteien immer kleiner wurde.

In der arabischen Welt verursachte dies große Aufregung. Sogar während die „Jasmin-Revolution“ in Tunesien noch voll im Gange war und Menschenmassen in Ägypten gegen das Mubarak-Regime demonstrierten, erregten die Al-Jazeera-Enthüllungen eine intensive Kontroverse.

Aber worum ging es eigentlich? Nicht um die Position der palästinensischen Unterhändler, nicht um die Strategie von Mahmoud Abbas und seiner Kollegen, ihre eigentlichen Voraussetzungen, die Pros und Contras.

Nein – nach israelischer Weise war die Hauptfrage: wer enthüllte die Dokumente? Wer lauert im Schatten? Die CIA? Der Mossad? Welches waren ihre finsteren Motive?

Bei Al-Jazeera wurden die palästinensischen Führer des Verrates und schlimmerer Dinge angeklagt. In Ramallah wurden die Al-Jazeera-Büros von Pro-Abbas-Mengen angegriffen. Saeb Erekat, der palästinensische Hauptunterhändler, erklärte, Al-Jazeera habe tatsächlich zu seiner Ermordung aufgerufen. Er und andere leugnen, dass sie jemals die Konzessionen gemacht hätten, die in den Dokumenten angedeutet werden. Sie scheinen öffentlich damit einverstanden zu sein, dass solche Konzessionen einem Verrat gleichkommen – obwohl sie ihnen im Geheimen zustimmten.

All dies ist Unsinn. Jetzt, wo die palästinensischen und israelischen Verhandlungspositionen öffentlich gemacht wurden – und keiner ihre Authentizität ernsthaft bestreitet – sollte die wirkliche Diskussion über ihre Substanz beginnen.

FÜR JEDEN, der in irgendeiner Weise mit den israelisch-palästinensischen Friedensunterhandlungen engagiert war, gab es bei diesen Enthüllungen nichts wirklich Überraschendes.

Im Gegenteil zeigen sie, dass die palästinensischen Unterhändler sich streng an die von Arafat gesetzten Richtlinien gehalten haben.

Ich weiß darum aus erster Hand, weil ich die Gelegenheit hatte, mit Arafat selbst darüber zu diskutieren. Es war 1992 nach der Wahl von Yitzhak Rabin. Rachel und ich flogen nach Tunis, um „Abu Amar“ (wie er selbst gern genannt werden wollte) zu treffen. Der Höhepunkt des Besuches war ein Treffen, an dem außer Arafat selbst mehrere palästinensische Führer teilnahmen – unter ihnen Mahmoud Abbas und Yasser Abed-Rabbo.

Alle waren äußerst neugierig auf die Persönlichkeit Rabins, den ich gut kannte. Sie befragten mich eingehend nach ihm. Meine Bemerkung, dass „Rabin so redlich ist, wie ein Politiker nur sein kann“ löste großes Gelächter aus, am meisten bei Arafat.

Aber der Hauptteil des Treffens war einem Überblick über die Schlüsselprobleme des israelisch-palästinensischen Konfliktes gewidmet. Die Grenzen, Jerusalem, die Sicherheit, die Flüchtlinge etc., die jetzt gewöhnlich als „Kernprobleme“ erwähnt werden.

Arafat und die anderen diskutierten diese vom palästinensischen Standpunkt aus. Ich versuchte, das zu übermitteln, womit – meiner Meinung nach – Rabin einverstanden sein könnte. Was dabei herauskam, war ein Entwurf des Friedensabkommens .

Zurück in Israel, traf ich mich am Schabbat mit Rabin in seiner privaten Wohnung in Gegenwart seines Assistenten Eitan Haber und versuchte, ihm zu sagen, was bei dem Gespräch in Tunis heraus gekommen war. Zu meiner Überraschung vermied er eine ernsthafte Diskussion. Er dachte schon über Oslo nach.

Ein paar Jahre später veröffentlichte Gush Shalom einen detaillierten Entwurf eines Friedens-abkommens. Seine Grundlage war natürlich jene Diskussion in Tunis. Wie jeder auf unserer Website sehen kann, war er den letzten Vorschlägen von palästinensischer Seite, wie sie in den Al-Jazeera-Papieren enthüllt wurden, sehr ähnlich.

IN GROBEN Zügen sind sie wie folgt:

Die Grenzen gründen sich auf die1967er-Linien – mit einigem minimalem Landaustausch. Dieser würde jene großen Siedlungen, die unmittelbar an der grünen Linie liegen, mit Israel vereinigen. Das würde aber nicht jene großen Siedlungen einschließen, die tief in die Westbank hineinragen und so das Gebiet (der Westbank) in (viele) Stücke teilen, wie z.B. Maale Adumim und Ariel.

Alle Siedlungen, die zum Staat Palästina kommen, werden evakuiert werden müssen.

Nach den Al-Jazeera-Papieren schlug einer der Palästinenser eine andere Option vor: dass die Siedler bleiben und palästinensische Bürger werden. Zipi Livni – die damalige Außenministerin – war sofort dagegen und sagte frei heraus, dass dann alle ermordet werden würden. Auch ich stimme darin überein, dies würde keine gute Idee sein. Es würde endlose Reibereien verursachen, da diese Siedler auf palästinensischem Land sitzen – auf palästinensischem Privatbesitz oder auf den Landreserven der Städte und Dörfer.

Über Jerusalem: die Lösung würde so sein, wie Präsident Bill Clinton es formuliert hat: Was arabisch ist, geht an Palästina, was jüdisch ist, soll Israel angeschlossen werden. Das wäre eine sehr große palästinensische Konzession, aber eine weise. Ich war froh, dass sie dies nicht auf Har Homa anwenden wollen, das Betonmonster, das auf einem einst wunderschön bewaldeten Hügel steht, auf dem ich viele Tage und Nächte mit Protestdemonstrationen verbrachte ( und beinahe mein Leben verlor).

Was die Flüchtlinge betrifft, ist es für jede vernünftige Person klar, dass es keine Massenrückkehr von Millionen geben kann, die Israel sehr verändern würden. Dies ist eine sehr bittere und ungerechte Pille, die die Palästinenser schlucken müssten – aber jeder Palästinenser, der eine Zwei-Staaten-Lösung wünscht, muss dies akzeptieren. Die Frage ist: wie vielen Flüchtlingen soll – als heilende Geste – erlaubt werden, nach Israel zurückzukehren? Die Palästinenser schlagen 100 000 vor. Olmert 5000. Das ist ein großer Unterschied – aber wenn wir uns erst einmal wegen Zahlen streiten, dann wird eine Lösung gefunden werden.

Die Palästinenser wollen, dass eine internationale Truppe in der Westbank stationiert wird, die für die eigene und für Israels Sicherheit sorgt. Ich erinnere mich nicht mehr, ob Arafat dies mir gegenüber erwähnt hat, aber ich bin sicher, dass er damit einverstanden gewesen wäre.

Dies ist der palästinensische Friedensplan – und er hat sich nicht verändert, seit Arafat Ende 1973 zu der Schlussfolgerung kam, dass die Zweistaatenlösung die einzig machbare sei. Die Tatsache, dass Olmert & Co nicht vor Freude in die Höhe sprangen und diese Bedingungen akzeptierten, stattdessen aber die vernichtende Cast-Lead-Operation begannen, spricht für sich selbst.

DIE Al-JAZEERA-Enthüllungen mögen zur Unzeit kommen. Solche delikaten Verhandlungen werden besser im Geheimen geführt. Die Idee, dass „ das Volk Teil der Verhandlungen sein sollte“ ist naiv. Das Volk sollte gefragt werden, wenn der Abkommensentwurf fertig auf dem Tisch liegt und es entscheiden kann, ob es das ganze Vertragsbündel haben möchte oder nicht. Vorher werden Enthüllungen nur einen demagogischen Missklang von Anschuldigungen des Verrats (auf beiden Seiten) entfachen, wie es jetzt gerade geschieht.

Für das israelische Friedenslager sind die Enthüllungen ein Segen. Sie beweisen, wie Gush Shalom es gestern in seinem wöchentlichen Statement ausdrückte: „Wir haben einen Partner für Frieden. Die Palästinenser dagegen haben keinen Partner für Frieden.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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