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Die falsche Fackel

Erstellt von Gast-Autor am 7. Juli 2013

Die falsche Fackel

Autor Uri Avnery

YAIR LAPID , der Freshman-Parlamentarier und Finanzminister, hat erklärt, dass er von jetzt ab alle wichtigen Reden außerhalb der Knesset halten und sein Erscheinen in der Knesset auf rein rechtliche Erfordernisse beschränken will.

Der Grund: Mitglieder der Opposition unterbrechen ihn. Und wenn er unterbrochen wird, kann er seine Gedanken nicht ordnen. Da er es gewöhnt ist, seine Reden mit Hilfe eines Teleprompters zu machen – also ohne jede Unterbrechung – ärgert ihn das.

Was sagt uns das über ihn aus?

Während meiner zehn Jahre in der Knesset hielt ich etwa 1000 Reden vom Knesset-Rednerpult aus – eine Art Rekord. Ich hoffte immer sehr, unterbrochen zu werden. Die Zwischenrufe belebten die Reden und erlaubten mir, scharf zu erwidern, Punkte zu klären, die Berichterstattung anzuziehen.

Ich selbst war auch ein sehr häufiger Unterbrecher. Zwischenrufe zu machen, hat mir richtig Spaß gemacht; ich sagte ein paar Wörter, wozu ich sonst eine ganze Rede benötigte.

Dieses Geben und Nehmen ist das Wesentliche an parlamentarischen Debatten. Es testet deine Schnelligkeit des Denkens, die Beherrschung des Stoffes und die allgemeine Aufmerksamkeit. Ohne dies würden Knesset-Debatten nur eine langweilige Übung von Langatmigkeit sein.

Ich erinnere mich an einen Minister, der total aus dem Konzept kam, wenn er unterbrochen wurde. Es war Ariel Sharon. Mitten im Satz unterbrochen, kam er völlig durch einander und fing von Vorne an. Er war schließlich ein alter General, und Generäle sind nicht daran gewöhnt, von ihren Untergebenen unterbrochen zu werden.

Hier ist nun dieser (relativ) junge Mann – ein Journalist und eine TV-Persönlichkeit – der es nicht ertragen kann, dass seine Gedanken- so wie sie sind – unterbrochen werden.

WELCHES SIND diese kostbaren Gedanken, die es nicht ertragen, unterbrochen zu werden?

Seit mehreren Monaten ist Lapid der Mittelpunkt des Interesses in der israelischen Politik. Und nicht nur in Israel. Das Time-Magazine bleibt beharrlich dabei, sich lächerlich zu machen, nachdem es Binjamin Netanjahu zu Israels „König Bibi“ krönte und es jetzt Lapid unter die 100 einflussreichsten Leute in der Welt platzierte. Also sollten wir jetzt eine dunkle Ahnung von dem haben, was Lapid wirklich denkt.

Während seiner mit Hilfe von lokalen Meinungsforschern und amerikanischen Beratern außerordentlich erfolgreichen Wahlkampagne wählte Lapid sorgfältig ein paar Themen aus und blieb an diesen hängen.

Es waren vor allem drei Hauptversprechen:

Erstens die Mittelklasse retten, die, wie er behauptet, von den letzten Regierungen vernachlässigt worden sei.

Zweitens, eine „Gleichheit der Bürde“ erreichen, d.h. die ultra-orthodoxen Jünglinge zwingen, in der Armee zu dienen wie jeder andere auch. Seit der Gründung des Staates waren zehntausende dieser jungen Männer und Frauen ausgenommen worden – wie auch die arabischen Bürger, doch aus völlig anderen Gründen.

Drittens den „politischen Prozess“ (der in Israels Umgangssprache benützte Terminus, um das schreckliche Wort „Frieden“ zu vermeiden) um eine „dauerhafte Lösung“, die sich (ebenso) auf zwei Staaten gründet, zu erreichen.

Wie sich herausstellt, sind alle drei Versprechen eklatante Lügen.

KEINER WEISS genau, was die „Mittelklasse“ ist. Es muss jedoch vermutet werden, dass sie irgendwo in der Mitte zwischen Stinkreichen und den Bitterarmen liegt. Das mag fast die ganze Bevölkerung oder wenigstens ein großer Teil davon sein.

Es ist nicht leicht, Lapids sozial-ökonomische Vorschläge zu erkennen, da er sie ständig verändert. Die Öffentlichkeit hat sich schon an dieses Theater gewöhnt: am Morgen schlägt er einige Maßnahmen vor, um das Defizit zu reduzieren (z.B. Schulgelderhöhung), mittags entsteht ein Protestkrawall und am Abend wird der Vorschlag zurückgezogen.

Doch das Budget zur Einberufung für das laufende und das nächste Jahr ist schon fast vollständig. Das große Defizit – an dem Lapid keine Schuld hat – wird von der Mittelklasse gedeckt.

Die Steuern werden für die Reichen minimal bleiben. Multinationale und andere große Gesellschaften werden fast gar keine Steuern zahlen. Die öffentlichen Dienste für die Armen werden beschnitten. Doch die Hauptlast der Bürde wird von der Mittelklasse durch indirekte Steuern getragen, Mehrwertsteuern und andere Steuern, die Israels sowieso schon hohe Lebenskosten noch höher werden lassen. Die Gehälter für die Mittelklasse in Israel sind niedriger als in fast allen entwickelten Ländern.

Es ist jetzt klar, dass Lapid, auch wenn er der Hauptnutznießer der riesigen sozialen Proteste von vor zwei Jahren war, tatsächlich – wie Netanjahu – ein eifriger Bewunderer von Ronald Reagan und Margret Thatcher ist.

All das lässt mich an Worte von König Rehabeam, den Sohn von Salomo, denken: „Mein Vater züchtigte euch mit der Peitsche, aber ich will euch mit Skorpionen züchtigen“(1.Könige, 12,14)

Die Magnaten lieben ihn schon.

DAS BEDEUTENDSTE Mitglied von Lapids Partei ist nach ihm selbst ein Jacob Perry, der zufällig ein sehr reicher Magnat ist und früher Chef des Shin Bet war. Er hat gerade jetzt den Bericht einer Kommission veröffentlicht, die von ihm geleitet wird und die die „Bürde“ der Armee zum Thema hat.

Angeblich ist das ein großer Sieg für das anti-orthodoxe Lager. Endlich wird die Massenausnahme der orthodoxen Jugend vom Militärdienst aufgehoben. Abgesehen von ein paar „Ausnahme- Talmudstudenten“ etwa 1800 pro Jahr – werden sie alle ihre drei Jahre wie gewöhnliche männliche Sterbliche dienen.

Aber schaut man sich den Bericht unter dem Mikroskop an, taucht ein ganz anderes Bild auf. Diese Masseneinberufung zum Militär der orthodoxen Jugend wird praktisch erst in vier Jahren oder später stattfinden. Das kommt in Israel einer Ewigkeit gleich – wenigstens. In dieser Zeit – nach den nächsten Wahlen – mögen Lapid und seine Gruppe schon Geschichte sein.

Nach dem Plan werden orthodoxe Männer erst mit 21 Jahren eingezogen werden, wenn praktisch alle von ihnen schon verheiratet sind und mindesten zwei Kinder haben. Dies wird ihren Militärdienst für die Armee zu teuer machen, die sie sowieso nicht haben will. Alle andern Rekruten werden mit 18 eingezogen.

Was heute betrifft: alle orthodoxen Männer, die heute 21 oder älter sind, werden vom Militärdienst befreit.

Die fehlende Begeisterung der Armee für das ganze Projekt kann leicht verstanden werden. Es erscheint jetzt, dass in dem viel propagierten „orthodoxen Bataillon“ von Freiwilligen, die augenblicklich schon Militärdienst machen, nur eine winzige Anzahl der wirklich orthodoxen Soldaten ist. In Wirklichkeit sind ihre Ränge voll mit andern Kippa tragenden Prachtexemplaren.

Die ganze Sache ist eine Übung in Täuschung. Praktisch gibt es keine Macht in Israel, die möglicherweise die Massen der orthodoxen Jugend zwingen kann, gegen ihren und ihrer Rabbiner Willen und Glauben Militärdienst zu machen.

Der einzige Sieger dieser Affäre ist Lapids adoptierter politischer Blutsbruder, Naftali Bennett. Dieser neue Minister für Wirtschaft und religiösen Militärdienst, der Vertreter der Siedler und anderer national-religiöser Extremisten, hat einen anderen Teil des Perry-Berichtes zurückgewiesen. Schüler der religiösen vormilitärischen Schulen, die jetzt nur 16 Monate dienen (weniger als die Hälfte der Zeit der säkularen Soldaten) würden gezwungen, 20 Monate zu dienen. Diese-Jeshivas sind für ihre Brutstätten von Rassismus und ultra-Nationalismus bekannt, aber ihre Schüler wollen nicht so lange dienen, wie ihre säkularen Brüder. Bennett gelang es, ihren Dienst um einen Monat zu reduzieren: seine kriegsliebenden Schützlinge werden nur 17 Monate dienen.

In dieser Woche führte Lapid ein Meisterstück in PR aus: er drohte Netanjahu mit einer großen Kabinett-Krise, wenn seine Forderung von einem ganz unbedeutenden Detail nicht akzeptiert würde. Netanyahu gab nach, und Lapid gewann. Heil dem Sieger!

UND WIE ist es mit Lapid, dem Mann des Friedens?

Während der Wahlkampagne schien er ein Mann der „Mitte-Links“ zu sein. Sein ganzes Verhalten war das von „Einem von uns“, des säkularen, liberalen Zentrums, das sich mit einem allgemeinen Wunsch nach Frieden identifiziert.

Lapid artikulierte die angemessen unbestimmten Phrasen zu Gunsten einer Zwei-Staatenlösung. Aber seine ihn anbetenden Anhänger hätten stutzen sollen, als er seine Kampagne ausgerechnet in der Ariel-„Universität“ eröffnete, dem Flaggschiff der Siedler. Er erklärte auch, dass Jerusalem niemals geteilt werden würde.

Am Morgen nach der Wahl schloss er ein Abkommen einer unzerbrechlichen und unerschütterlichen Blutsbrüderschaft mit Bennet ab, dem extrem Rechten. In einem klassischen, hebräischen Sprichwort heißt es: „ Der Spatz geht nicht für nichts zum Raben.“

In dieser Woche gewährte Lapid der Ariel-„Universität“ eine extra 50 Millionen Schekel-Summe, eine riesige Bestechungssumme zu einer Zeit, in der die sozialen Dienste bis zur Schmerzensgrenze beschnitten werden. Sein Budget streicht keinen Schekel von der massiven Unterstützung der Regierung für die Siedlungen.

In einem Interview mit der New York Times offenbarte Lapid seinen Plan für Frieden: ein palästinensischer Staat mit „vorläufigen Grenzen“. (d.h. praktisch weniger als die Hälfte der Westbank und lässt ihnen etwa 11% des historischen Palästina) Jerusalem würde vereinigt unter israelischer Kontrolle bleiben.

Mahmoud Abbas reagierte fast sofort: dies sei absolut nicht annehmbar. Selbst der unermüdliche John Kerry wird die Parteien nicht auf dieser Basis zusammenbringen.

ALL DIES hat Lapid nicht geholfen. Die Öffentlichkeit, einschließlich vieler (wenn nicht aller) seiner Wähler sind von ihrem Held enttäuscht worden. Und so steht er schon früh in seiner politischen Karriere als oberflächliches Individuum, das zwar gut aussieht, aber nicht vertrauenswürdig ist, das rhetorisch gut aber nicht ernst zu nehmen ist. Die „neue Politik“, die er versprochen hat, sieht verdächtig wie die alte Politik aus oder gar noch schlimmer.

Das ist weithin ernster als die Frage von Lapids zukünftiger Karriere oder Nicht-Karriere. Es ist von entscheidender Bedeutung für Israel, dass eine neue Generation von Aktivisten für Frieden und soziale Gerechtigkeit eine neue Kraft schafft, die in der Lage ist, bei den nächsten Wahlen in den Wettbewerb zu treten. Die Enttäuschung mit Lapid kann junge Leute leider politikmüde machen.

Die leuchtende Fackel (die wörtliche Übersetzung von Yair Lapids Namen) ist nahe dran zu verlöschen. Hoffen wir, dass ein ernster zu nehmender Fackelträger rechtzeitig erscheint und nicht zu lange auf sich warten lässt.

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Mann mit der Uzi

Erstellt von Gast-Autor am 28. Oktober 2012

Der Mann mit der Uzi

Autor Uri Avnery

Es war einmal ein junger Israeli, der von Kannibalen gefangen worden war.  Sie steckten ihn in einen Kochtopf und waren dabei, unter diesem ein Feuer anzuzünden, als er noch einen letzten Wunsch zum Ausdruck brachte: „Bitte, gib mir noch  eine Ohrfeige!“

Als der Chefkannibale ihm diesen Gefallen tat, sprang der Israeli auf, zückte seinen Uzi und legte die um, die ihn gefangen genommen hatten.

Er wurde gefragt: „Wenn du die ganze Zeit die Uzi bei dir hattest, warum hast du sie dann nicht vorher  benützt?“

„ Wenn ich nicht zornig bin, kann ich das nicht tun“, antwortete er.

BARAK OBAMAs  Schlagabtausch mit Mitt Romney erinnert mich an diesen Witz. Bei der ersten Konfrontation war er lustlos und gelangweilt. Er wollte diese dumme Sache nur zu Ende bringen.

Während des zweiten Schlagabtausches, war er wie verwandelt: energisch, aggressiv, entschlossen. Kurz : zornig.

Als diese Konfrontation im TV begann, war es nach israelischer Zeit 3 Uhr morgens. Ich hätte sie aufnehmen können, um sie mir später anzusehen. Aber ich konnte nicht warten. Meine Neugierde war zu groß.

Natürlich ist die ganze Vorstellung albern. Es gibt überhaupt keine Verbindung zwischen einem rhetorischen Talent und der Fähigkeit, eine Nation zu leiten. Man kann ein ausgezeichneter Polemiker sein  und unfähig, eine vernünftige Politik zu betreiben. Israelis brauchten nur auf Benjamin Netanjahu schauen. Man kann ein entschlossener Führer sein und völlig unfähig, sich selbst auszudrücken. Zum Beispiel: Jitzhak Rabin.

Doch die Amerikaner bestehen darauf , dass ihre Führer als Vorbedingung ihre Fähigkeit als Debattierer demonstrieren, um gewählt zu werden. Irgendwie erinnert  es an die Einzelkämpfe in der Antike, als jede Seite einen einzigen Kämpfer wählte und die beiden einander zu töten versuchten, anstelle eines gegenseitigen Massenmordes. David und Goliath kommen mir da in den Sinn. Sicher war das humaner.

DIE RHETORIK war nicht an die Massen der Wähler gerichtet. Wie schon gesagt worden  ist, war sie an die „Unentschlossenen“ gerichtet, eine besondere Klasse von Leuten. Die Anrede ist vermutlich  als Ehrentitel verliehen worden, um zu unterscheiden. Für mich ist es eher wie ein Ausdruck von Verachtung. Wenn man sich drei Wochen, bevor der Gong schlägt, noch nicht  entschieden hat, ist das denn was, womit man prahlen kann?

In diesem Stadium des Spieles müssen beide Kandidaten sehr vorsichtig sein, um niemanden gegen sich aufzubringen. Das bedeutet natürlich, dass man es sich nicht leisten kann, eine definitive, klar umrissene Meinung über etwas außer über „Mutterschaft und Apfelkuchen“  zu haben – oder in Israel: „ über Zionismus und gefilte Fish“.

Man muss sich vor neuen Ideen hüten. Gott bewahre. Neue Ideen schaffen Feinde. Man mag ein paar Wähler beeindrucken, aber wahrscheinlicher ist, dass man viel mehr  davontreibt. Der Trick ist, Allgemeines kraftvoll auszudrücken.

Waffenbesitz zum Beispiel. Waffen töten. Im strengsten Vertrauen möchte ich  verraten, dass Waffen für  genau diesen Zweck produziert werden. Da es unwahrscheinlich ist, dass man von Kannibalen gekidnappt wird, warum sollte man dann um Gottes Willen eine Uzi in seinem Schrank bewahren? Um die bösen Indianer fern zu halten?

Doch sogar Obama umging dieses Thema.  Er wagte nicht, mit einer  klaren Forderung zu kommen, um dieser Plage im Ganzen ein Ende zu setzen. Man greift die Waffen-Lobby nicht an . Fast wie die Pro-Israel-Lobby. Mitt  Romney zitierte seine Erfahrungen, wie er Pro-Waffen- und Anti-Waffen-Leute zusammenbrachte, um mit ihnen einen Kompromiss auszuarbeiten. Sagen wir: Kinder werden nicht zehnmal im Jahr ihre Schulkameraden mit Maschinenpistolen niedermähen, nur  fünf mal im Jahr.

ICH MUSS zugeben, dass ich den erbitterten Streit um den Benghazi-Vorfall  nicht ganz verstehe. Vielleicht braucht man eine amerikanische Denkweise, um dies zu begreifen. Meine primitive israelische Denkweise versteht es einfach  nicht.

War es ein einfacher terroristischer Angriff, oder nützten die Terroristen eine Protestdemo als Deckung? Warum – zur Hölle – ist das wichtig?  Warum sollte der Präsident sich damit beschäftigen, das Bild auf diese oder jene Weise zu fälschen? Die Israelis wissen aus langer Erfahrung, dass nach einem verpfuschten Rettungsversuch die Sicherheitsdienste immer lügen. Das liegt in ihrer Natur. Kein Präsident kann dies ändern.

Der Gedanke, dass jedes Land seine Hunderte von Botschaften und Konsulate in aller Welt vor jeder Art eines Angriffes bewachen kann, ist naiv. Besonders wenn man ihr Sicherheits-budget kürzt.

Abgesehen von diesen besonderen Themen, sprachen beide Kandidaten über Allgemeines. Zum Beispiel: nach mehr Erdöl bohren. Aber nicht die Sonne und den Wind vergessen. Junge Leute müssen in der Lage sein, ins Gymnasium und zur Universität zu gehen, um danach einen gut bezahlten Job zu bekommen. Dem hinterhältigen Chinesen muss gezeigt werden, wer der Boss ist. Arbeitslosigkeit ist schlecht und muss abgeschafft werden. Die Mittelklasse muss gerettet werden.

Die Mittelklasse scheint (in den USA wie in Israel) die ganze Bevölkerung auszumachen.

Man fragt sich, von was sie die Mitte sind. Man hört kaum etwas von einer niedrigeren und einer höheren Klasse.

Kurzum: beide Kandidaten machten  große Unterschiede zwischen sich, aber sie sehen  verdächtig gleich aus.

AUSSER NATÜRLICH ihrer Hautfarbe. Aber wagt man dies überhaupt zu erwähnen? Nicht wenn man politisch korrekt sein will. Die offensichtlichste Tatsache  der Wahlkampagne ist auch das größte Geheimnis.

Ich kann es nicht beweisen, aber mein Gefühl sagt mir, dass bei diesen Wahlen die Rasse eine viel größere Rolle spielt, als man zuzugeben bereit ist.

Bei den Präsidentendebatten kann eine Tatsache nicht übersehen werden: dass ein Kandidat weiß ist und der andere halbschwarz. Der Unterschied wird noch deutlicher, wenn die zwei Frauen im Mittelpunkt stehen. Die eine kann kaum weißer als Ann sein  und die andere kaum schwärzer als Michelle.

Aber diese Dinge nicht zu erwähnen, lässt sie nicht verschwinden. Sie sind da. Sie spielen sicher  bei vielen Leuten eine Rolle, vielleicht unbewusst.

Man kann sich nur wundern, dass Barack Hussein Obama überhaupt an erster Stelle gewählt wurde. Es zeigt das amerikanische Volk im besten Licht. Aber wird es dieses Mal eine Gegenreaktion geben? Ich weiß es nicht.

VON ANFANG an hatte ich das Gefühl, dass Obama diese Debatte gewinnen würde. Und er gewann.

In einem früheren Artikel erwähnte ich, dass ich viele Bedenken gegenüber Obama habe. Ein wütender Leser fragte mich, welche. Obama  hat der Anti-Friedensagenda von Netanjahu nachgegeben. Nach einigen schwachen Versuchen, Netanjahu dahin zu bringen, mit dem Siedlungsbau aufzuhören, gab Obama auf .

Obama  muss seinen Teil der Schuld auf sich nehmen, denn er verschwendete vier kostbare Jahre, während denen er  dem israelisch-palästinensischem Frieden ernsthaften, vielleicht gar irreversiblen Schaden zugefügt hat. Siedlungen sind  mit fieberhafter Eile erweitert worden, die Besatzung hat noch tiefere Wurzeln geschlagen, die Zwei-Staaten-Lösung – die einzige, die es gibt – ist schwer untergraben worden.

Der Arabische Frühling, der so einfach ein Neubeginn für Frieden im Nahen Osten hätte sein können, ist vertan worden. Die Arabische Friedensinitiative, die jahrelang auf dem Tisch gelegen hat, liegt noch immer  wie eine verwelkte Blume dort.

Die amerikanische Untätigkeit an diesem Problem hat die Verzweiflung der israelischen Friedenskräfte am Vorabend  unserer eigenen Wahlen verstärkt, indem die Idee des Friedens ganz und gar  aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt wurde.

Auf der andern Seite hat Obama Netanjahu daran gehindert, einen katastrophalen Krieg zu beginnen. Er könnte das Leben von Hunderten oder gar Tausenden Menschen gerettet haben, Israelis und Iranern und vielleicht am Ende auch das von Amerikanern. Allein dafür müssen wir ihm zutiefst dankbar sein.

ICH HOFFE, dass Obama die Wahlen gewinnt. Oder eher, dass der andere Kerl sie nicht gewinnt. Im Hebräischen zitieren wir aus dem Buch Esther: „Nicht aus Liebe zu Mordechai, sondern aus Hass gegenüber Haman.“

(Ich bin versucht, wieder einen  alten jüdischen Witz vom geizigen reichen Mann im Shtetl zu zitieren, den  anlässlich seines Todes  keiner wie üblich loben wollte. Schließlich stand einer auf und sagte: „Wir wissen alle, dass er  knauserig, gemein und habgierig war, aber verglichen mit seinem Sohn war er ein Engel.“)

Dies ist natürlich eine große Übertreibung. Ich habe wirkliche Sympathie für Obama. Ich denke, dass er grundsätzlich eine dezente, wohlmeinende Person ist. Ich wünsche seine Wiederwahl – und nicht nur, weil die gegnerische Seite so besorgniserregend ist.

WENN OBAMA gewählt wird, wie wird  seine zweite Amtszeit aussehen, so weit es uns betrifft?

Die heimliche Hoffnung besteht immer, dass  ein Präsident  in seiner 2. Amtszeit sich viel weniger unterwürfig  gegenüber der „pro-Israel“-Lobby zeigt  – die in Wirklichkeit eine anti-Israel-Lobby ist, die uns in eine nationale Katastrophe führt.

Nachdem der Präsident wiedergewählt ist, wird er von seinen Sorgen über diese Lobby – deren Wähler und deren Geld  – befreit sein. Natürlich, nicht ganz. Er wird sich noch über die Zwischenwahlen zum Kongress Sorgen machen müssen und über das Schicksal seiner Partei in der nächsten Präsidentenrunde.

Er wird aber viel mehr Spielraum haben. Er wird  in der Lage sein, viel mehr für den Frieden zu tun und für einen Wandel des Nahen Ostens.

Sagen wir mit unsern arabischen Cousins: Inshallah! – wenn Gott es will!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert )

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