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Gewalt in der Pflege –

Erstellt von Gast-Autor am 5. Februar 2013

die Medien, die Politik und die Gesellschaft

Es wird informiert. Zweifellos. Aber die Informationen, die die Bürgerinnen und Bürger aus Politik und Medien erreichen, bilden die Wirklichkeit in der Pflege nicht ab.

Das erkennt man unter anderem auch daran, dass, wenn in den Medien vom Alter die Rede ist, fast ausschließlich von Verlusten, von Krankheit und Verfall die Rede ist. Dass alte Menschen über hervorragende Eigenschaften verfügen, über großartige Kompetenzen, über ein großes Wissen über die Gegebenheiten des Lebens und nicht selten über Weisheit, ist in den Medien kein Thema. Stattdessen werden sogenannte Prominente vorgeführt, um an ihnen gewisse demenzielle Erscheinungen des Älterwerdens deutlich zu machen, die bei genauerer Betrachtungen jedoch weniger auf Demenz als auf ein Korsakow’sches Syndrom hinweisen.

Auf einer Tagung des Polizeipräsidenten von Nordrhein-Westfalen zum Thema „Gewalt in der Pflege“ forderte daher Gerd Heming, Vorsitzender des Bundes der Pflegeversicherten: „Nur die Alten selbst können und müssen ihr eigenes Schicksal selbst in die Hand nehmen. Die Erwartung und Hoffnung, dass die Politik, die Medien oder andere Gruppierungen der Gesellschaft für sie die Probleme, die das Älterwerden der Gesellschaft zweifellos mit sich bringen, lösen werden, ist eine gefährliche Hoffnung und Erwartung, sie kann tödlich enden.“ An folgendem Beispiel soll die Gefährlichkeit solcher Erwartungen deutlich gemacht werden:

„Es ist nicht schön, es ist schockierend, aber ihr müsst es anschauen, denn so etwas geschieht in unseren Altenheimen“. Das sagt Kurt K. (70).  Er zeigt auf das Bild seiner 90jährigen Mutter: Blutunterlaufene Augen, geschwollene Nase, aufgeplatzte Lippen. Er hat seine Mutter beerdigt, sie ist gestorben, an Herzversagen, wie es offiziell heißt. Aber ihr Tod wird die Justiz weiter beschäftigen, denn der Sohn will Klarheit, will Wahrheit.

Gewalt in der Pflege ist ein tabuisiertes Thema. Viele wissen davon, alle schweigen. Nur hier und da kommt aus Deutschlands rechtsmedizinischen Abteilungen ein Warnruf. Dann erfährt man, dass in diesem Land jährlich rund zehntausend ältere Menschen eines „ungeklärten“ Todes gestorben sind.

„Bei der Pflege alter Menschen kommt es nicht nur in Institutionen, sondern auch in Familien erschreckend oft zur Anwendung von Gewalt in verschiedenen Formen“, schreibt  Dr. Willi Rückert,  Max-Bürger-Preis der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie. „Schätzungen zufolge, die auf Studien aus anderen europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten beruhen – in Deutschland wurde dieses Thema bisher kaum erforscht – werden etwa fünf Prozent der pflegebedürftigen Menschen, die zu Hause betreut werden, psychisch oder körperlich von  pflegenden Familienangehörigen misshandelt“. Das wären bei uns umgerechnet etwa 80 000 ältere Menschen. Nicht eingerechnet die ungeklärten Gewalttaten gegen die Bewohner und Bewohnerinnen der rund 12.000 Pflegeeinrichtungen. Die Dunkelziffer dürfte diese Zahlen um ein vielfaches übersteigen.

Es wird geschwiegen. Aus Furcht vor Verfolgung durch die Justiz und Verlust des Arbeitsplatzes die einen, aus Frucht vor Strafe, Stigmatisierung oder auch Schuldgefühlen die anderen. In kaum einem gesellschaftlichen Bereich ist das Schweigen tiefer, die Verleugnung verstockter  als bei diesem Problem. Angehörige, Freunde, Nachbarn, selbst Hausärzte (unter Berufung auf ihre Schweigepflicht) und professionell Pflegende übersehen in den meisten Fällen gewalttätige Übergriffe auf meist hilflose Menschen. In der häuslichen Pflege erstatten die Opfer nur selten Anzeige, weil sie fürchten, in Seniorenheime abgeschoben zu werden, weil sie sich für das Verhalten ihrer Kinder schämen, mit denen sie gleichwohl noch in engen persönlichen Beziehungen leben, und weil es ihnen nicht selten an geistiger Klarheit und psychischer Energie fehlt, um nach ihrer Anzeige die Fragen der Polizei beantworten zu können. Ähnliches gilt für Pflegeeinrichtungen.

Gewalt hat viele Gesichter. Eins ist allerdings allen gemeinsam: durch Handlungen oder Unterlassungen wird auf die Befindlichkeit der Betroffenen ausgeprägt negativ eingewirkt.

Dieck (1993) betont: Gewalt steht für einmalige oder oftmalige „Handlungen und Unterlassungen, die von sehr gravierender Art sind“.

Vernachlässigung ist ein Gesicht der Gewalt. Vernachlässigung besteht darin, dass Handlungen unterlassen werden, „die im Sinne eines erkennbaren Bedarfs oder ausdrücklichen Wunsches der betroffenen Person angemessen wären“. Passive Vernachlässigung kann zum Beispiel darin bestehen, dass Ältere unangemessen lange alleine gelassen werden, notwendige Hilfeleistungen vergessen werden, oder unzureichende Pflege zu Mangelernährung und Austrocknung des Körpers (Dehydration) führt und wundgescheuerte Stellen am Körper durch das ständige Liegen sich verschlimmern (Dekubiti). Dabei lässt sich Dekubitus durch einfache Eiweißgaben vermeiden. „Eine aktive Vernachlässigung liegt vor, wenn pflegerische Handlungen wie das Waschen, die Reinigung des Bettes oder die Versorgung mit Essen und Getränken bewusst unterlassen werden“ (Rückert 1997).

Von Misshandlungen spricht man, wenn ein aktives Tun dazu führt, „dass die Befindlichkeit des oder der Betroffenen in spürbarer Weise negativ berührt wird, beziehungsweise, wenn ein ausdrücklicher Wunsch deutlich missachtet wird“. Körperliche Misshandlungen bestehen beispielsweise in Schlagen, Verbrennen, Schneiden, Beeinträchtigung der Bewegungsfreiheit und sexuellem Missbrauch, aber auch „in der Verabreichung von deutlich überdosierten Medikamenten, Verweigerung von Medikamenten und Nahrung, isolierte Unterbringung in kleinen Räumen, oder auch darin, jemand mit Gepäck auf die Strasse zu setzen“ oder seinen Notruf zu missachten. Psychische Misshandlung kann von Beschimpfungen und verbalen Verunglimpfungen über Einschüchterungen und Drohungen („wenn Du nicht tust, was ich sage, dann kommst Du ins Heim!“) bis hin zur Isolierung reichen.

Die Einschränkung des freien Willens entsteht dadurch, dass Handlungen, die einem Menschen zustehen, gegen seinen Willen unterbunden werden. In diese Kategorie gehören Verletzungen der Menschrechte und Grundrechte und Behinderungen etwa bei der Wahl des Wohnortes, bei der Wahl der Pflege, bei der Wahl des Pflegheimes, bei der Verwendung eigener Geldmittel oder bei der Abfassung des Testaments.

Es ist keine Untertreibung, wenn behauptet wird, dass in Deutschland in Pflegebeziehungen Tag für Tag mindestens fünfhunderttausend Mal gegen die Menschenrechte verstoßen wird.

Nur wenn die Alten ihr Leben gelingend abrunden wollen, nur wenn sie den Kampf aufnehmen und sich zusammenschließen. können sie gewinnen.

Bund der Pflegeversicherten e.V.

Gerd Heming (Vors.), Münster, Februar 2013

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Die Medien und die Alten

Erstellt von Gast-Autor am 5. März 2012

 Die Medien und die Alten

Was die älteren Menschen von bestimmten Medien zu erwarten haben, machte kürzlich das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) deutlich, als es Menschen über 69 von einer seiner fragwürdigen Sendungen ausschloss. Dass solches Tun offene Diskriminierung gegenüber den Alten ist und somit möglicherweise einen strafrechtlich relevanten Tatbestand erfüllt, sei hier nur am Rande erwähnt.

Dass die Medien von Geistlosigkeit, von irregeleiteten Geistern und von Kleingeistern beherrscht werden, ist nicht wirklich neu. Denn Medienleute leben, denken und handeln in Sphären, in denen Wirklichkeit, so, wie sie an und für sich ist, nicht stattfindet, nicht stattfinden kann. Sie sind ohnehin die Bauchredner des Seins, Papageien, Nachplapperer, die nie etwas Eigenes zustande gebracht haben. Sie liefern nichts Neues, sondern allenfalls Abgestandenes – und nicht selten sind gerade sie es, die die falschen wissenschaftlichen Theorien, wie sie derzeit in den Finanz- und Wirtschaftswissenschaften, in der Medizin oder in den Gesundheits- und Pflegewissenschaften in Umlauf sind, bedenkenlos, ahnungslos und kenntnislos verbreiten. Sie laufen den falschen Propheten hinterher, den Ackermanns, den Sinns, den Steinbrücks, den von der Leyens und merken nicht, wie sehr sie denen immer wieder aufsitzen. Wie es um die Zerklüftung der Gesellschaft bestellt ist, nehmen sie nicht einmal wahr Sie bringen die Gesellschaft nicht voran, sondern behindern ihre Weiterentwicklung. Sie liefern nicht Information, sondern Desinformation. Inzwischen hat die Gesellschaft einen Verblödungsgrad erreicht, den etwa die Religionen niemals bewerkstelligen konnten. „Die Kinder des Glaubens wie die Kinder der Wissenschaften bedeuten kein Ende der Torheit, sondern nur dessen beliebige Fortsetzung“, sagt der Paderborner Philosoph Hans Ebeling.

Das erkennt man unter anderem auch daran, dass, wenn in den Medien vom Alter die Rede ist, fast ausschließlich von Verlusten geschwafelt wird. Dass alte Menschen über hervorragende Eigenschaften verfügen, über großartige Kompetenzen, über ein großes Wissen über die Gegebenheiten des Lebens und nicht selten über Weisheit, ist in den Medien kein Thema. Stattdessen werden sogenannte Prominente vorgeführt, um an ihnen gewisse demenziellen Erscheinungen des Älterwerdens deutlich zu machen, die bei genauerer Betrachtungen jedoch weniger auf Demenz als auf ein Korsakow’sches Syndrom hinweisen.

Die Alten der Generation 60plus beobachten diese Entwicklungen mit Sorge. Trotz der Anzahl der Jahre, die sie gelebt haben, hören sie nicht auf zu lernen, sich zu bilden und mitten in der Gesellschaft zu leben und zu wirken. Die Alten sind nicht alt. Wohl könnten sie gelassen sein und damit leben, dass die Bilder des Alters in den Medien aussehen, wie sie aussehen. Denn wie auch immer: Es sind falsche Bilder. Sie sind zielgerichtet negativ. Denn wo das Alter negativ dargestellt wird, da frohlockt das Herz des Journalisten, da lassen sich übrigens auch die Kosten drücken und die Gewinne steigern.

So bleiben die Bilder, die die Medien derzeit vom Altern und von den Alten zeichnen, einseitig und unhaltbar negativ. Trotzdem werden sie nahezu ohne Kritik von Jung und Alt übernommen. Wen wundert’s, wenn die Alten nicht fröhlich sind. Es ist damit wie mit der „self-fullfilling- prophecy“: die Alten glauben zu verblöden, und weil sie es glauben, verblöden sie wirklich, obwohl sie nicht wirklich verblödet sind. Es fehlt ihnen das gesunde Selbstbewusstsein, es fehlt ihnen das, was sie gegen die von den Medien abgesonderten Zuschreibungen immunisiert. Es fehlt ihnen Zivilcourage. Denn es ist nicht wahr, dass man im Alter als erstes die Haare verliert – im Alter verliert man hierzulande als erstes das gesunde Selbstwertgefühl.

De-menz heißt „ohne Geist“, heißt „geistlos“.

Auf Geistlosigkeit aber treffen wir in allen Bevölkerungsschichten. Wir stoßen darauf in den meinungsführenden Gruppen der Gesellschaft, in den Chefetagen der Medien, innerhalb der Vorstände der großen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Institutionen, innerhalb der Vorstände der Wirtschafts- und Industrieverbände, innerhalb der Vorstände der großen Banken und Versicherer, im Bundestag und nicht zuletzt innerhalb nahe zu aller Disziplinen der Wissenschaften, allen voran die Rechts- und Staatswissenschaften, die Naturwissenschaften, die Lebenswissenschaften, der Gesundheits- und Pflegewissenschaften und – leider – auch in der Philosophie.

Zwar sind die Alten – etwa beim Hundertmeterlauf oder beim Kampf um olympisches Gold – „zu nichts zu gebrauchen“, aber das wollen sie auch gar nicht. Da spenden sie gerne jenen jungen Männern und Frauen Beifall, die dafür geeigneter sind. Die Interessen der Alten sind nicht auf körperliche Schnelligkeit oder Kraft gerichtet, denn da sind die Hasen schneller und die Elefanten stärker, als Menschen es jemals sein werden. Die Aufgaben der Alten sind nicht das Rudern und andere schweißtreibende körperliche Verrichtungen, die Aufgaben der Alten liegen darin, die Richtung anzuzeigen, die eine qualitativ hochwertige Gesellschaft einschlagen sollte.

Dass sie dazu fähig sind, ergibt sich aus ihrem Leben selbst. Denn neben einer hohen sozialen Kompetenz besitzen die Alten in aller Regel reiches Faktenwissen in den grundlegenden Fragen des Lebens, reiches Strategiewissen, Wissen um Kontexte des Lebens und des gesellschaftlichen Wandels, Wissen um die Relativität von Werten und Lebenszielen und nicht zuletzt Wissen um die Ungewißheit des Lebens.

Leben ist Leben inmitten von Leben, das leben will – leben endet frühestens mit dem letzten Atemzuge.

Und nur der Geist erkennt des Geistes Wert.

Geistlosigkeit wir demnach den Wert des Geistes nicht erkennen. Deshalb bleiben so viele ältere Menschen unbemerkt.

Trotz des geistlosen Umfeldes müssen die Alten, wenn sie hierzulande beispielsweise utilitaristischen Überlegungen angelsächsischer Art die Argumentation nehmen und gesellschaftliche Bedeutung in dem Sinne gewinnen wollen, dass sie jenseits der Reproduktion auf andere Art etwas zur Erhaltung der Spezies beitragen wollen, diesem Zeitgeist trotzen. Denn ihre Bedeutung geht über ihre persönliche Zukunft. Sie müssen erkennen, dass der Zeitgeist und die Ziele der privaten Wirtschaft und der privaten Versicherungen darauf gerichtet sind, die sozialen und Solidarität stiftenden Errungenschaften des späten 19. Jahrhunderts und insbesondere der 50er, 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts zu zerstören. Die Alten werden ihre Energien nicht für Trivialitäten verplempern. „Wenn die Alten ihre Energie im Alter verbrauchen oder mit Trivialitäten und Spielereien verplempern“, sagt die berühmte amerikanische Altersforscherin Betty Friedan, „wenn sie nur die Zeit totschlagen und das Alter und den Tod verleugnen, verschleudern sie ihre auf die Zukunft gerichtete Weisheit und Generativität. Ihr Leben muss mehr sein als nur jene bedeutsamen Erinnerungen, die sie vielleicht für ihre Enkel aufschreiben. Die Alten können die Zukunft nicht voraussehen. Doch wenn sie an den Problemen arbeiten, vor denen unsere Gesellschaft steht, und dabei ihre im Lauf des Lebens erworbene Weisheit und Generativität einsetzen, einschließlich des Wissens um die Entstehung des Sozialstaats, dann hinterlassen sie ihren Enkeln ein Vermächtnis, das darin besteht, dass sie bei der Gestaltung der Zukunft helfen und die Generativität des menschlichen Gemeinwesens entfalten und bewahren.“

Die Alten müssen ihr eigenes Leben leben, generativ und als Teil der Gemeinschaft.

Bund der Pflegeversicherten e.V.

Gerd Heming (Vors.)
Münster, März 2012
Bundesgeschäftsstelle
Von Schonebeck Ring 90
48161 Münster
Fon: 02533-3359
Fax: 02533-3362 n.Voranmeld.
E-Mail: Gerd.Heming@t-online.de

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Das Gespräch : Demenz

Erstellt von DL-Redaktion am 8. Januar 2012

„Ich kämpfe wie ein Widder“

File:Demenz Verborgenes Ich.png

Beschäftigen wir uns heute einmal mit den wirklich wichtigen Dingen des täglichen Lebens und nehmen das Thema Demenz auf. Lassen wir es menscheln und lesen wir ein Interview zwischen der Journalistin Waltraud Schwab und der gegen die Demenz kämpfenden Helga Rohra. Ein faszinierendes und zugleich auch erschütterndes Gespräch.

Denken wir aber besonders an die vielen selbstlosen Pflegekräfte welchen es vielfach nur mit übergroßer Energie gelingt die verachtende Kälte des Staates wenigstens ein bischen auszugleichen. Dieses alles zu Löhnen welche man im englischen mit den schönen Ausdruck Chickenfeed (Hühnerfutter) bedacht hat. Das Geld für diese Menschen ist in unserer Gesellschaft nicht mehr vorhanden, da dieses von unserem politischen Gesindel für ihre privaten Nichtigkeiten benötigt wird.

„Ich kämpfe wie ein Widder“

Helga Rohra sitzt im Foyer eines Berliner Einkaufszentrums, trinkt Kaffee und redet über Demenz. Vor fünf Jahren wurde diese Krankheit bei ihr diagnostiziert. Da war sie 53 Jahre alt. Angefangen hatte es mit sprachlichen Ausfällen. „Alle, die mich lab haben“ sagte sie, wo „lieb haben“ gemeint war. Oder „wir sind gut in der Stadt“, wo sie doch „in der Zeit“ sagen wollte. Auch „Rucki, mein Luki tut mir weh“, wird wohl nur ihr Kater Luki verstanden haben, dem sie kund tat, dass ihr der Rücken weh tut.

Solche Ausfälle passierten so oft, dass sich die Dolmetscherin nicht mehr darüber amüsieren konnte. Dann stellte sie eines Tages fest, dass sie auch nicht mehr dolmetschen konnte. Die Sprachen waren weg. Ja, selbst ein Butterbrot zu streichen fiel ihr schwer.

Burn-Out diagnostizierte der Arzt und schickte sie spazieren. Es wurde nur schlimmer. Rohra fing an zu halluzinieren. Überall sah sich sich. Mal als Kind, mal als Jugendliche, mal als Erwachsene. Auch jetzt im Einkaufszentrum, wo sie Kaffee trinkt, sieht sie sich gleichzeitig mehrfach: „Ich sehe unseren Garten von früher. Mein Gott, da war ich zwei Jahre. Ich schiebe den Puppenwagen. Ich habe ein Kleidchen an, mit Karos in Grün und Weiß und habe so Flaschenlocken. Und da schiebe ich diesen Wagen und schiebe und schiebe. Daneben stehe ich jetzt mit meinem Sohn bei der Einschulung. Der hat eine Jeans an mit bunten Flecken drauf und eine Riesentüte in der Hand. Ich stehe auf einer Seite und rechts steht mein Mann in einem Trachtenjanker“, beschreibt sie ihre derzeitigen Visionen im sonntaz-Gespräch. Dass sie dabei Sachen sehe, die sie bewusst gar nicht erlebt habe, sei das Interessante daran. Halluzinationen sind ein typisches Merkmal der Demenzform, die sie hat.

Der Kampf um die Würde

Nach Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums leiden derzeit 1,2 Millionen Menschen an Demenz. Bis 2040 werden es, nach vorliegenden Prognosen, zwei Millionen sein.
Die Diagnose an sich ist schon schlimm, aber wie sie eine Karrierefrau wie Rohra aus der Mitte der Gesellschaft, mit Reputation und Anerkennung, innerhalb kürzester Zeit in die Ecke der Bedürftigen spülte, weckte in Rohra den Widerstandsgeist. Seither kämpft sie um ihre Würde.

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Um die Kaffeetheke im Erdgeschoss eines Einkaufszentrums in Berlin stehen Sessel und Tische. In dieser Lounge im zugigen Gang wartet Helga Rohra, die nach dem Interview im Buchladen eine Lesung haben wird. Nur eine Frage und eine halbe Antwort lang geht es im Gespräch um geplaudertes Nichts.

sonntaz: Frau Rohra, Sie sind vom Sternzeichen Widder?

Helga Rohra: Ja, ein sehr taffer Widder. Da bin ich sehr froh darüber, dass ich so taff bin. Das hilft mir durch die Demenz.

Wie?

Ich gebe nicht auf. Egal wie beschissen ich mich fühle, morgens stelle ich mich vor den Spiegel und sage: You are simply the best – du bist einfach die Beste. Sie müssen wissen, bevor ich Demenz bekam, war ich Konferenzdolmetscherin. Die Sprachkenntnis ist noch da. Ich habe viel im Medizinischen gedolmetscht. Sie haben ein ganz anderes Verhältnis zur Demenz, wenn Sie verstehen, was im Gehirn passiert.

Was passiert da?

Es baut ab. In schnellerem Tempo als bei Gesunden. Das Fachwort ist Atrophie. Die wird jährlich kontrolliert und mir ist wichtig, dass ich meine Atrophie sehe. Ich will die Aufnahme haben und erklärt bekommen: Schauen Sie mal, diese Farben, das ist die Atrophie, so viel hat sie zugenommen. Und dann vergleiche ich es mit den Ausfällen, die ich in meinem Ausfalltagebuch notiert habe. Wenn Sie das aufschreiben, erkennen Sie so eine Kurve, die geht ein bisschen nach unten, dann ist sie wieder gerade, dann geht sie ein bisschen nach unten, dann wieder gerade.

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Das verborgene ICH oder das späte Stadium: Leben in einer verselbständigten Bilder- und Erlebniswelt. Kohle auf weißem Papier, 70 x 100 cm
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Author Gelonida

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