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Kerry und Chutzpa

Erstellt von Gast-Autor am 11. August 2013

Kerry und Chutzpa

Autor Uri Avnery

WENN MAN zufällig am Ben Gurion-Flughafen auf John Kerry trifft, mag man sich fragen, ob er kommt oder geht. Er fragt sich das vielleicht selbst.

Seit vielen Wochen hat er jetzt die meiste seiner kostbaren Zeit für Treffen mit Benjamin Netanyahu und Mahmoud Abbas verbracht, indem er versuchte, die beiden zusammen zu bringen.

Man braucht mit dem Wagen etwa eine halbe Stunde, um vom Office des Ministerpräsidenten in Jerusalem zur Mukata’ah des palästinensischen Präsidenten in Ramallah zu kommen. Aber die beiden sind von einander weiter entfernt als die Erde vom Mars.

 Kerry hat es auf sich genommen, die beiden zu einander zu bringen – vielleicht irgendwo im Weltraum. Auf dem Mond zum Beispiel.

 ZU EINANDER KOMMEN aber wofür?

Da liegt der Hase im Pfeffer. Das Ziel scheint, ein Treffen um des Treffens willen zu sein

Wir haben diese Prozedur seit vielen Jahren beobachtet. Auf einander folgende amerikanische Präsidenten haben es unternommen, die beiden Seiten bei uns zu einander zu bringen. Es ist ein amerikanischer Glaube, der in angelsächsischer Tradition wurzelt, dass, wenn zwei vernünftige, anständige Leute zusammenkommen und ihre Differenzen ausräumen, die Sache in Ordnung kommen werde. Es ist fast automatisch: treffen – reden – übereinstimmen.

Leider funktioniert es bei Konflikten zwischen Nationen nicht ganz auf diese Weise; bei Konflikten, die oft tiefe historische Wurzeln haben können. Bei Treffen zwischen Führern solcher Nationen wünschen sie oft nur, alte Anklagen gegen einander zu schleudern, mit dem Ziel, die Welt davon zu überzeugen, dass die andere Seite verkommen und verachtenswert ist.

Jede Seite oder beide mögen daran interessiert sein, die Treffen für immer hinauszuzögern. Die Welt sieht, wie sich die Führer treffen, der Vermittler und die Fotografen hart arbeiten und jeder spricht endlos über den Frieden, Frieden, Frieden.

Ich erinnere mich an einen skandinavischen Gentleman mit Namen Gunnar Jarring. Erinnert man sich an ihn? Nein? Man mache sich keine Vorwürfe. Man kann ihn getrost vergessen. Ein wohl meinender schwedischer Diplomat (und Türkologe), der von den UN in den frühen 70er-Jahren gebeten wurde, die Ägypter und die Israelis zu einander zu bringen, um zwischen ihnen ein Friedensabkommen zu erreichen.

Jarring nahm seine historische Mission sehr ernst. Er reiste unermüdlich zwischen Kairo und Jerusalem hin und her. Sein Name wurde in Israel ein Witz- und in Ägypten wahrscheinlich auch.

Die damaligen Protagonisten waren Anwar Sadat und Golda Meir. Wie wir damals berichteten, gab Sadat Jarring eine bedeutsame Erklärung mit: wenn er die ganze Sinai-Halbinsel zurückbekäme, die Israel 1967 erober hat, sei er bereit, Frieden zu machen. Golda wies den Vorschlag sofort zurück. Da gab es natürlich kein Treffen.

(Ein volkstümlicher Witz dieser Zeit war: Golda und Sadat standen sich am Suezkanal gegenüber: Golda schrie: „Make Love – not War!“ Sadat schaute durch sein Fernglas auf sie und antwortete: „Better war!“)

Jeder weiß, wie dieses Kapitel endete. Nachdem Golda alles zurückgewiesen hatte, griff Sadat an , gewann anfänglich einen Überraschungssieg – und die ganze politische Welt geriet in Bewegung, Golda wurde abgesetzt, und nach vier Jahren Yitzhak Rabin kam Menachem Begin zur Macht und stimmte Sadats Friedensvorschlag zu, den er vor dem Krieg gemacht hat. Die 1000 israelischen Soldaten und unzählige Ägypter, die in diesem Krieg starben, sahen ihn nicht.

Übrigens Jarring starb 2002, unbesungen und vergessen.

KERRY IST nicht Jarring. Zunächst, weil er keine machtlose internationale Organisation vertritt, sondern die einzige Superweltmacht. Die volle Macht der Vereinigten Staaten von Amerika steht ihm zur Verfügung.

Oder doch nicht?

Das ist die wirklich relevanteste – tatsächlich, die einzig relevante – Frage in diesem Augenblick.

Er benötigt eine Menge, um seinen Herzenswunsch zu erfüllen: das Treffen – nicht nur das Treffen, sondern DAS TREFFEN – zwischen Netanjahu und Abbas.

Das sieht wie eine einfache Aufgabe aus, Netanjahu erklärt mit seiner gewöhnlichen Aufrichtigkeit dass er ihn zu treffen wünsche. Ja, dass er begierig sei, ihn zu treffen. Mit dem glänzenden Charme eines erfahrenen TV-Moderators, der die Macht der Bilder kennt, hat er vorgeschlagen, auf halbem Weg zwischen Jerusalem und Ramallah (beim berüchtigten Kalandia-Checkpoint), ein Zelt aufzuschlagen und sich dort mit Abbas und Kerry zusammen zu setzen, bis ein vollständiges Abkommen über alle Punkte des Konfliktes erreicht sei.

Wer kann einem so großzügigen Angebot widerstehen? Warum – zum Kuckuck – springt Abbas nicht auf und greift mit beiden Händen nach diesem Angebot?

Aus einem sehr einfachen Grund.

Allein der Anfang neuer Verhandlungen wäre ein politischer Triumpf für Netanjahu. Tatsächlich ist es das, was er wirklich wünscht – die Zeremonie, den Bombast, das Händeschütteln der Führer, das Lächeln, die Reden voller Wohlwollen und natürlich Gerede über Frieden.

Und dann? Nichts. Verhandlungen, die endlos weitergehen, Monate, Jahre, Jahrzehnte. Wir haben dies alles schon gesehen. Yitzhak Shamir, einer von Netanjahus Vorgängern, prahlte damit, er würde Verhandlungen auf immer hinauszögern.

Der Profit wäre für Netanjahu klar und unmittelbar. Er würde als der Mann des Friedens angesehen werden. Die gegenwärtige Regierung, die rechteste und nationalistischste, die Israel jemals gekannt hat, wäre rehabilitiert. Die Menschen in aller Welt, die einen Boykott Israels auf allen Gebieten predigen, würden beschämt und entwaffnet sein. Die zunehmende Besorgnis in Jerusalem über die „Delegitimierung“ und „Isolierung“ Israels würde erleichtert werden.

Was würde die palästinensische Seite davon haben? Nichts. Kein Stopp des Siedlungsbaus. Nicht einmal die Entlassung der alten Gefangenen, die seit mehr als 20 Jahren im Gefängnis schmachten. (Wie jene, die bei der Rückkehr von Gilat Shalit an die Hamas entlassen wurden. Sorry, keine Vorbedingungen!)

Abbas verlangt, dass das Ziel der Verhandlungen im Voraus ausgesprochen wird: die Errichtung des Staates Palästina mit Grenzen, die sich auf die von vor 1967 gründen. Das Fehlen dieses Statements aus den Oslo-Verträgen von 1993 führte schließlich zu ihrem Scheitern. Warum den Fehler zweimal machen?

Abbas wünscht außerdem ein Zeitlimit für die Verhandlungen. Etwa ein Jahr.

Natürlich verweigert Netanjahu dies. Im Augenblick versucht der arme Kerry, etwas zusammen zu basteln, das den Wolf befriedigen würde, während er das Lamm am Leben hält. Gäbe man z.B. Abbas amerikanische Zusicherungen ohne Israels Zusicherung.

BEI ALL diesem Gezänk wird eine Grundtatsache ignoriert

Es ist wieder der Elefant. Der Elefant im Zimmer, dessen Existenz Netanjahu leugnet und den Kerry zu ignorieren versucht.

Die Besatzung.

Man nimmt gewöhnlich an, dass die Verhandlungen zwischen Gleichen stattfindet. Auf allen Karikaturen erscheinen Netanjahu und Abbas gleich groß. Das amerikanische Bild von zwei vernünftigen Leuten, die mit einander reden, setzen zwei mehr oder weniger gleiche Partner voraus.

Aber das ganze Bild ist grundsätzlich falsch. Die vorgeschlagenen „Verhandlungen“ sind zwischen einer allmächtigen Besatzungsmacht und einem fast völlig machtlosen, besetzten Volk. Zwischen Wolf und Lamm.

(Noch einmal einen alten israelischen Scherz: Kann man einen Wolf und ein Lamm zusammen halten? Natürlich kann man das; wenn man täglich ein neues Lamm dazugibt.)

Die israelische Armee operiert frei in der ganzen Westbank, einschließlich Ramallahs. Falls Netanjahu entscheidet, könnte sich Abbas morgen in einem israelischen Gefängnis wiederfinden, zusammen mit den alten Leuten, die Netanjahu sich weigert, frei zu lassen.

Weniger drastisch: die israelische Regierung kann jeden Moment – je nach Wunsch – mit dem Transfer großer Summen Zollgeldes, die es zu Gunsten der palästinensischen Behörde einsammelt, stoppen, wie sie es schon mehrfach getan hat. Dies bringt die PA automatisch an den Rand des Bankrotts.

Da gibt es Hunderte Möglichkeiten, eine raffinierter als die andere, mit denen die Besatzungs-behörden und die Besatzungsarmee das Leben für den einzelnen Palästinenser und seine Gemeinschaft als Ganzes unerträglich machen kann.

Was können die Palästinenser tun, um Druck auf die israelische Regierung auszuüben? Sehr wenig.

Es gibt die Drohung einer dritten Intifada. Dies beunruhigt die Armee, aber jagt ihr keine Angst ein. Die Antwort wird mehr Unterdrückung und Blutvergießen sein. Oder eine andere Resolution der UN-Vollversammlung, die Palästina in den Rang eines vollen Mitgliedes der Weltorganisation bringen würde. Netanjahu würde wütend sein, aber der tatsächliche Schaden wäre begrenzt.

JEDER DRUCK, um wirkungsvolle Verhandlungen zu beginnen, die – sagen wir mal – in einem Jahr zu einem Friedensabkommen führen würde, muss vom Präsidenten der Vereinigten Staaten Amerikas kommen.

Das ist so offensichtlich, dass es kaum noch erwähnt werden muss.

Dies ist der springende Punkt.

Kerry kann Geld, sogar eine Menge Geld mit sich bringen, um die Palästinenser zu bestechen oder verheerende Drohungen in ihre Ohren flüstern, um sie dahin zu bringen, sich mit Netanjahu in seinem imaginären Zelt zu treffen. Aber das ist fast bedeutungslos.

Die einzige Chance, wirkliche Verhandlungen zu beginnen, bedeutet für Barack Obama, sein ganzes Gewicht in die Bemühungen zu legen, dem Kongress und der äußerst mächtigen Pro-Israel-Lobby entgegen zu treten und beiden Seiten den amerikanischen Friedensplan zu diktieren. Wir wissen alle, wie er aussehen muss – eine Kombination von (Bill) Clintons Entwurf und der panarabischen Friedensinitiative.

Wenn John Kerry nicht in der Lage ist, diesen Druck auszuüben, dann sollte er es nicht einmal versuchen. In gewissem Sinn ist es wirklich eine Zumutung, hierher zu kommen und Dinge in Bewegung setzen, wenn er keine Mittel hat, eine Lösung zu erzwingen. Das ist fast eine Unverschämtheit.

Oder, wie man im Hebräischen sagt: eine Chuzpa.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Wenn Götter lachen

Erstellt von Gast-Autor am 4. August 2013

Wenn Götter lachen

Autor Uri Avnery

WÄRE DAS Leben von Shimon Peres ein Theaterstück gewesen, hätte man es nur schwer definieren können. Eine Tragödie? Eine Komödie? Eine Tragikomödie?

60 Jahre lang sah es so aus, als ob er unter einem Fluch der Götter steht, so ähnlich wie der Fluch des Sisyphus, der dazu verdammt war, einen enormen Felsbrocken einen Hügel hochzurollen. Jedes Mal, wenn er sich seinem Ziel näherte, rollte dieser nach unten zurück.

Deklaration: Unsere Lebenswege verlaufen irgendwie parallel. Er ist ein Monat älter als ich. Wir kamen beide als Jungen nach Palästina. Seit unserer Teenagerzeit standen wir im politischen Leben. Aber da endet die Gemeinsamkeit.

Zum ersten Mal trafen wir uns vor genau 60 Jahren, im Alter von 30 Jahren. Er war der Generaldirektor von Israels bedeutendstem Ministerium, ich war Herausgeber und Redakteur von Israels aggressivsten Nachrichtenmagazin. Beim Anblick mochten wir uns gegenseitig nicht.

Er war Ben Gurions Hauptassistent, ich Ben Gurions Hauptfeind (so definiert von seinem Sicherheitschef). Von da an kreuzten sich unsere Wege viele Male, aber wir wurden keine Busenfreunde.

BEREITS IN seiner frühen Kindheit in Polen beschwerte sich Peres (damals noch Persky), dass seine Mitschüler in der (jüdischen) Schule ihn grundlos schlugen. Sein jüngerer Bruder musste ihn verteidigen.

Als er mit seiner Familie nach Palästina kam, wurde er in das legendäre Kinderdorf Ben Shemen geschickt und trat in einen Kibbuz ein. Aber bereits als Teenager kam sein Sinn für Politik zum Vorschein. Er war Ausbilder bei einer sozialistischen Jugendbewegung. Sie spaltete sich und die meisten seiner Kameraden gingen zur Linksfraktion, die jünger und dynamischer wirkte. Peres war einer der Wenigen, der bei der vorherrschenden Mapai-Partei blieb und deshalb die Aufmerksamkeit der leitenden Führer auf sich zog.

Im Krieg von 1948 musste er eine folgenschwerere Wahl treffen, ein Krieg, den wir alle für einen Kampf auf Leben und Tod hielten. Im Leben unserer Generation war es ein einschneidendes Ereignis. Fast alle jungen Menschen hasteten, um sich den Kampfeinheiten anzuschließen, Peres nicht. Er wurde von Ben Gurion ins Ausland gesandt, um Waffen zu kaufen – eine sehr wichtige Aufgabe, aber eine, die von einer älteren Person hätte ausgeführt werden können. Peres wurde bei der größten Bewährungsprobe als Drückeberger angesehen und ihm wurde von den 1948-gern niemals vergeben. Ihre Verachtung verfolgte ihn jahrzehntelang.

Im Alter von 30 Jahren ernannte ihn Ben Gurion bereits zum Direktor des Verteidigungsministeriums – eine enorme Beförderung, die ihm einen raschen Aufstieg zur Spitze sicherte. Und in der Tat spielte er eine entscheidende Rolle dabei, Ben Gurion in den Suezkrieg von 1956 zu treiben, in Absprache mit Frankreich und Britannien.

Die Franzosen waren mit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg belastet und glaubten, dass ihr wirklicher Feind der ägyptische Führer, Gamal Abd-al-Nasser, sei. Sie brauchten Israel, um einen Angriff zu initiieren, um ihn zu stürzen. Es war ein völliger Fehlschlag.

Meiner Meinung nach war der Krieg ein politisches Desaster. Er hat letztlich die Kluft zwischen dem neuen Staat und der arabischen Welt gegraben. Die Franzosen jedoch haben ihre Dankbarkeit gezeigt – sie belohnten Peres mit dem Atomreaktor in Dimona.

In der ganzen Zeit war Peres ein extremer Falke und ein zentrales Mitglied einer Gruppe, die meine Zeitung, Haolam Hazeh, als „Ben-Gurions junge Gang“ brandmarkte – eine Gruppe, die wir verdächtigten, ein Komplott geschmiedet zu haben, um sich Macht mit undemokratischen Mitteln zu verschaffen. Jedoch bevor dies geschehen konnte, wurde Ben-Gurion von den alten Parteiveteranen abgesetzt und Peres hatte keine andere Wahl, als sich ihm im politischen Exil anzuschließen. Sie bildeten eine neue Partei, die Rafi. Peres arbeitete wie verrückt, aber am Ende gewannen sie nur 10 Knessetsitze und blieben in der Opposition. Peres und der Felsbrocken waren wieder unten.

Die Rettung kam mit dem Sechs-Tage-Krieg. Am Vorabend wurde die Rafi-Partei eingeladen, sich einer nationalen Einheitsregierung anzuschließen. Aber der große Preis wurde von Moshe Dayan, der Verteidigungsminister und zu einem Idol in Israel und in der Welt wurde, weggeschnappt. Peres blieb im Schatten.

Die nächste Gelegenheit ergab sich nach dem Yom-Kippur-Krieg von 1973. Golda und Dayan wurden von einer wütenden Öffentlichkeit abgesetzt. Peres war der eindeutige Präsidentenkandidat. Jedoch siehe da, in letzter Minute erschien Yitzhak Rabin aus dem Nichts und schnappte ihm die Krone weg. Peres bekam nur das Verteidigungsministerium.

Die nächsten drei Jahre waren eine permanente Subversionsgeschichte, mit Peres, der mit allen Mitteln versuchte, Rabins Autorität zu untergraben. Als Teil dieser Bemühungen genehmigte er den Extremisten des rechten Flügels Kdumin als erste Siedlung im Herzen der Westbank zu errichten. Man nannte ihn zurecht den „Vater der Siedlungsbewegung“, so wie er früher Vater der Atombombe genannt wurde.

Rabin prägte einen Satz, der ihm anhaftete: „Unermüdlicher Intrigant“.

Dieses Kapitel endete mit dem „Dollar-Konto“. Beim Ausscheiden aus seiner früheren Position als Botschafter in Washington, hatte Rabin ein offenes Konto bei einer amerikanischen Bank hinterlassen, was zu der Zeit eine Straftat war, die im Allgemeinen mit einer Geldstrafe bereinigt wurde. Aber Rabin dankte ab, um seine Frau zu schützen.

Es wurde nie bewiesen, dass Peres seine Hand bei dieser Enthüllung im Spiel hatte, obwohl viele ihn verdächtigten.

SCHLIEßLICH UND endlich war der Weg frei. Peres übernahm die Parteiführung und stellte sich zur Wahl. Die Arbeiterpartei hätte gewinnen müssen, wie immer zuvor.

Aber die Götter lachten nur. Nach 44 Jahren andauernder Arbeiterpartei-herrschaft in dem Yishuv und dem Staat war es Peres gelungen, das Undenkbare zu erreichen: die Parei verlor.

Menachim Begin schloss Frieden mit Ägypten, mit Moshe Dayan, Peres Konkurrent an seiner Seite. Bald darauf fiel Begin in den Libanon ein. Am Vorabend dieses Krieges besuchten ihn Peres und Rabin und drängten ihn, anzugreifen. Nachdem der Krieg fehlgeschlagen war, erschien Peres bei der riesigen Friedensdemonstration und verurteilte den Krieg.

Bei der Wahl zuvor hatte Peres am Abend eine niederschmetternde Erfahrung gemacht. Nach Schließung der Wahlurnen am Abend wurde Peres vor der Kamera zum nächsten Ministerpräsident gekrönt. Doch am nächsten Morgen wachte Israel wieder mit dem selben Ministerpräsidenten auf, mit Menachim Begin.

Die Wahlen danach endeten unentschieden. Zum ersten Mal wurde Peres Premierminister, aber nur durch eine Turnusvereinbarung. Als Shamir an die Macht kam, versuchte Peres, ihn durch ein dubioses politisches Komplott seines Amtes zu entheben. Es misslang. Rabin, bissig wie immer, nannte es: “ die stinkende Übung“.

Peres‘ Unbeliebtheit erreichte neue Höhen. Bei den Wahlkampagnen verfluchten die Menschen ihn und warfen Tomaten auf ihn. Als er auf einer Parteiveranstaltung die rhetorische Frage stellte: „Bin ich ein Verlierer?“, schrien die Zuschauer einstimmig: „Ja!“

Um sein Glück zu verbessern und das Aussehen eines armen Sünders loszuwerden, unterzog er sich einer plastischen Operation. Aber sein Mangel an Würde konnte kein Chirurg ausgleichen, noch seine Redefertigkeit – dieser Mann, der Zehntausende von Reden gehalten hat, hat niemals eine wirkliche Originalidee von sich geäußert. Seine Reden bestehen aus politischen Platitüden, wobei seine tiefe Stimme, der Traum eines jeden Politikers, nachhilft.

(Dies widerlegt meiner Meinung nach seine Behauptung, Tausende von Büchern gelesen zu haben. Man kann wirklich nicht so viele Bücher lesen, ohne eine Spur davon in seinen Schriften und Reden zu hinterlassen. Eine seiner Assistenten vertraute mir einst an, dass er für Peres Zusammenfassungen aus aktuellen Büchern erstellt, um ihm die Mühe des Lesens vor seiner Beurteilung zu ersparen.)

IN DER Zwischenzeit wechselte Peres, der Falke, zu Peres, dem Friedensfreund. Er hat eine Rolle beim Erreichen des Osloabkommens gespielt, aber es war Rabin, der den Ruhm erntete. (Das Gleiche geschah vorher bei dem gewagten Entebbe-Angriff, als Peres Verteidigungsminister war und Rabin Premierminister.)

Nach Oslo wollte das Nobelkommitee Rabin und Arafat mit dem Friedensnobelpreis auszeichnen. Aber weltweit wurde enormer Druck auf das Komitee ausgeübt, um Peres einzuschließen. Da nicht mehr als drei Personen dieser Preis gemeinsam verliehen werden kann, wurde Mahmoud Abbas, der das Abkommen mit Peres unterzeichnet hatte, außen vorgelassen.

Die Ermordung von Rabin war ein Wendepunkt für Peres. Er stand neben Rabin, als das „Friedenslied“ gesungen wurde. Er kam die Treppen hinunter, als Yigal Amir unten wartete, die geladene Pistole in seiner Hand. Der Mörder ließ Peres vorbeigehen und wartete auf Rabin – eine weitere krönende Beleidigung.

Aber schließlich und endlich erreichte Peres sein Ziel. Er war Premierminister. Das Naheliegende war, sofortige Wahlen zu verlangen und als Erbe des ermordeten Führers zu posieren. Er wäre durch einen Erdrutsch gewählt worden. Aber Peres wollte aufgrund seines eigenen Verdienstes gewählt werden. Er schob die Wahlen hinaus.

Die Ergebnisse waren katastrophal. Peres erteilte den Befehl, Yihyeh Ayash, den „Ingenieur“, der die Hamasbomben angefertigt hatte, zu ermorden. Als Gegenschlag explodierte das gesamte Land in einem Tsunami von Selbstmordattentaten. Dann fiel Peres in den Südlibanon ein, ein sicheres Mittel, um Popularität zu gewinnen. Aber etwas ging schief, eine Artilleryfolge verursachte ein Massaker an Zivilisten in einem UN-Camp und die Operation kam zu einem ruhmlosen Ende. Peres verlor die Wahlen, Netanyahu kam an die Macht.

Später, als der gefürchtete Ariel Sharon gewählt wurde, bot Peres ihm seine Dienste an. Er wusch erfolgreich Sharons blutiges Image in der Welt weiß.

IN SEINEM gesamten langen politischen Leben gewann Peres niemals eine Wahl. Deshalb entschied er sich, die Parteipolitik aufzugeben und für das Präsidentenamt zu kandidieren. Sein Sieg war gesichert, um so mehr, da sein Opponent, Moshe Katzav, ein unscheinbarer Likudfunktionär war. Wieder war das Ergebnis eine krönende Beleidigung: der kleine Katzav siegte über den großen Peres. (was einige Menschen sagen ließ: “ Wenn eine Wahl nicht verloren werden kann, wird Peres sie auf jeden Fall verlieren!“)

Aber es scheint, dass die Götter dieses Mal entschieden, dass genug genug ist. Katzav wurde beschuldigt, seine Sekretärinnen vergewaltigt zu haben, der Weg war frei für Peres. Er wurde gewählt.

Seitdem feiert er. Die reuevollen Götter überschütten ihn mit ihrer Gunst. Die Öffentlichkeit, die ihn jahrzehntelang verabscheute, hüllte ihn mit ihrer Liebe ein. Internationale Persönlichkeiten salbten ihn zu einem der Großen der Welt.

Er konnte nicht genug davon bekommen. Sein ganzes Leben lang hungrig nach Liebe, verschlang er die Schmeicheleien wie ein Fass ohne Boden. Er sprach endlos über „Frieden“ und den „neuen Nahen Osten“, während er jedoch nichts tat, um ihn voranzubringen. Sogar die TV-Sprecher lächelten, wenn sie seine erbaulichen Sätze wiederholten. In Wirklichkeit diente er als Feigenblatt für Netanyahus endlose Maßnahmen, um den Frieden zu sabotieren.

Diesen Dienstag wurde der Höhepunkt erreicht. Peres saß neben Netanyahu und feierte seinen 90. Geburtstag (zwei Monate vor dem eigentlichen Datum), umgeben von einer Fülle von nationalen und internationalen Celebrities, und aalte sich in ihrem Glamour wie ein Teenager. Es kostete eine Menge – Alleine Bill Clinton erhielt eine halbe Million Dollar für seine Teilnahme.

Nach all dem Unbarmherzigen, das sie ihm sein ganzes Leben lang zugefügt hatten, lachten die Götter gütig.

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