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„Wer bekennt und lässt“

Erstellt von DL-Redaktion am 10. Dezember 2017

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

IM TUMULT der letzten paar Tage im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag der „Vereinigung“ Jerusalems, erklärte einer der Artikel, dass „sogar der Friedensaktivist Uri Avnery“ in der Knesset für die Vereinigung der Stadt gestimmt hat.

Das ist wahr. Ich habe versucht, die Umstände in meiner Autobiographie „Optimistisch“ darzulegen. Aber nicht jeder hat das Buch gelesen und bis heute ist es nur auf Hebräisch erschienen.

Deshalb soll ich noch einmal versuchen, dieses seltsame Votum zu erklären- zu erklären – nicht zu rechtfertigen.

AM DIENSTAG, den 27.Juni 1967, zwei Wochen nach dem 6-Tage-Krieg ging es mir nicht gut. Ich hatte eine Grippe und Rachel, meine Frau, gab mir eine Menge Medizin. Ganz unerwartet rief man mich von der Knesset an und sagte mir, dass die Knesset gerade eine Debatte angefangen hat, in der es um die Vereinigung von Jerusalem geht, die aber nicht auf der Agenda erschien.

Ich sprang aus dem Bett und fuhr wie ein Verrückter von Tel Aviv nach Jerusalem, etwa 65 km. Bei der Ankunft wurde mir erzählt, dass die Liste der Redner schon geschlossen worden sei. Aber der Vorsitzende Kadish Luz, berühmt wegen seiner Fairness, setzte meinen Namen noch auf die Liste.

Ich hatte nur ein paar Minuten zum Nachdenken. Mein parlamentarischer Assistent, Amnon Zichroni riet mir dagegen zu stimmen oder wenigstens mich der Stimme zu enthalten. Es war keine Zeit mehr, die führenden Mitglieder meiner Partei „ die Haolam Hazeh – neue Kraft“ , zu konsultieren. Ich entschied mich auf der Stelle und die Entscheidung war, dafür zu stimmen.

Das war hauptsächlich eine instinktivmäßige Reaktion. Sie kam zutiefst aus meiner Seele. Aber der erstaunliche Triumpf, sah nach drei Wochen voller Sorgen und Ängsten, in nur sechs Tagen sah wie ein Wunder aus. Die ganze jüdische Bevölkerung befand sich in Ekstase. Diese Stimmung ging über alle teilenden Grenzen hinweg.

Ost-Jerusalem war das Zentrum der Massen-Ekstase. Es war wie ein Tsunami. Massen strömten zur Klagemauer, die seit 19 Jahren unerreichbar war. Beide, die Gläubigen wie auch die Ungläubigen wurden angesteckt.

Ich empfand, dass eine politische Bewegung, die beabsichtigt, die Massen für eine neue Perspektive zu gewinnen, nicht außerhalb des Volkes stehen kann. Mit solch einem Sturm konfrontiert, kann sie nicht abseits stehen.

Ich selbst war von dem emotionalen Sturm nicht unberührt. Ich liebte Jerusalem. Vor der Teilung des Landes während des 1948er-Krieges, in dem Jerusalem geteilt wurde, war ich oft durch die Gassen der arabischen Stadt-Teile gewandert. Nach diesem Krieg sehnte ich mich nach der Altstadt in einer fast physischen Weise. Als die Knesset Sitzung hatte, pflegte ich oft im King-David-Hotel zu wohnen, das die Altstadt überblickte, und ich erinnere mich an viele Nächte, als ich am Fenster stand und dem Bellen weit entfernter Hunde lauschte, das die Stille jenseits der Mauer durchbrach – und ich sehnte mich .

Aber außer den Emotionen, gab es auch eine logische Überlegung.

Schon 1949 sofortnach dem Krieg – in dem Israel gegründet wurde – begann ich, mich für die „zwei-Staaten-Lösung“ einzusetzen. – das Aufbauen eines unabhängigen Staates Palästina ,Seite an Seite mit dem Staat Israel als zwei gleiche Staaten im Rahmen einer Föderation.

1957, nach dem Sinai-Krieg veröffentlichte ich zusammen mit Natan Yellin-Mor, dem früheren Führer der Lehi-Untergrund (d.h. die Stern-Gruppe), dem Schriftsteller Boaz Evron und anderen ein Dokument mit Namen „Das hebräische Manifest“ über das ich noch heute stolz bin. In jener Zeit waren Ost-Jerusalem und die Westbank Teil des jordanischen Königreichs. U.a. sagte das Dokument:

„21. Das ganze Erez Israel (Palästina) ist die Heimat von zwei Nationen – die hebräische, die ihre Unabhängigkeit im Rahmen des Staates Israel erhalten hat und die arabisch-palästinensische, die noch nicht die Unabhängigkeit erreicht hat. Der Staat Israel wird politische und materielle Hilfe der Befreiungsbewegung der palästinensischen Nation … anbieten, die sich darum bemüht, einen freien Palästinensischen zu errichten, der ein Partner für den Staat Israel sein wird. …

…..„22. Es wird eine Föderation von den Teilen von Erez-Israel (Palästina) gegründet, die die Unabhängigkeit all der Staaten, die Teile davon sind absichert“

Nach diesem Plan sollte Jerusalem eine vereinigte Stadt geworden sein, die Hauptstadt Israels, die Hauptstadt Palästinas und die Hauptstadt der Föderation.

In jener Zeit sah dies wie eine ferne Vision aus. Aber nach dem 1967-Krieg war die Vision plötzlich real geworden. Das jordanische Regime war besiegt. Keiner glaubte ernst, dass die Welt Israel erlauben würde, die Gebiete, die es erobert hatte, zu behalten. Es schien mir klar, dass wir gezwungen werden würden, sie zurückzugeben, wie wir dies nach dem vorigen Krieg – im Sinai-Krieg von 1956 taten.

Ich war davon überzeugt, dass diese Situation uns die historische Gelegenheit geben würde, unsere Vision zu realisieren. Damit dies geschieht, mussten wir zuerst die Rückkehr der Gebiete an Jordanien verhindern. Die Vereinigung der beiden Teile Jerusalems sah für mich wie der logische erste Schritt aus. Umso mehr als in dem vorgeschlagenen Gesetz die Wörter „Annexion“ und „Vereinigung“ nicht erschienen. Es sagte nur, dass die israelischen Gesetze dort angewendet würden.

All dies ging während dieser paar Minuten, die ich hatte, durch meinen Kopf. Ich näherte mich dem Rednerpult und sagte: „Es ist kein Geheimnis, dass ich und meine Kollegen für die Vereinigung des Landes in einer Föderation des Staates Israel und eines zukünftigen palästinensischen Staates, der in der Westbank und im Gazastreifen entstehen muss, sind eine Föderation, deren Hauptstadt das vereinigte Jerusalem als Teil des Staates Israel sein wird“.

Die letzten Worte waren natürlich ein Fehler. Ich hätte sagen sollen: „als ein Teil des Staates Israel und des Staates Palästina“:

DIE GRÜNDE für diese Abstimmung waren logisch, wenigsten zum Teil, aber die ganze Abstimmung sah mir im Rückblick wie ein schwerer Fehler aus. Nach einer kurzen Zeit entschuldigte ich mich öffentlich. Ich habe diese Entschuldigung viele Male wiederholt.

Innerhalb einer kurzen Zeit wurde es ganz klar, dass der Staat Israel nicht davon träumte, den Palästinensern zu erlauben, einen eigenen Staat zu errichten, und noch weniger, die Herrschaft über Jerusalem zu teilen. Heute ist es klar, dass vom ersten Tag an– noch unter der Regierung der Labor-Partei, die von Eshkol geführt wurde – es Absicht war, diese Gebiete für immer oder so lang wie möglich zu behalten.

11 Jahre früher – nach dem Sinai-Krieg – ergab sich David-Ben-Gurion den parallelen Ultimaten von Dwight Eisenhower und Nikolai Bulganin , den Staatschefs der USA und der Sowjet Union. 105 Stunden nach der Erklärung des „Dritten israelischen Königreichs“ verkündete Ben-Gurion mit gebrochener Stimme im Radio, er wolle all die eroberten Gebiete zurückgeben.

Es war unglaublich, dass der schwache Eshkol siegen würde, wo der große Ben-Gurion versagt hatte und an den eroberten Gebieten festhielt. Aber im Gegensatz zu allen Erwartungen, gab es überhaupt keinen Druck, etwas zurück zu geben. Die Besatzung dauert bis zum heutigen Tag.

Deshalb wurde die Frage nie erhoben, ob die Gebiete dem Königreich von Jordanien zurück gegeben werden oder in den Staat Palästina verwandelt werden sollte.

Übrigens als in jenen Tagen der Ruhm unserer Generäle bis an den Himmel reichte, gab es einige unter ihnen, die offen oder im Geheimen die Idee der Errichtung eines palästinensischen Staates Seite an Seite mit Israel unterstützten. Der freimütigste war General Israel Tal, der berühmte Panzer-Kommandeur. Ich versuchte sehr dringend, ihn zu überzeugen, die Führung des Friedenslagers zu übernehmen, aber er zog es vor, seine Bemühungen dem Bau des Merkava-Panzer zu widmen.

Jahre später versuchte ich es bei General Eser Weizman, den früheren Luftwaffen-Kommandeur und den wirklichen Sieger des 1967er-Krieges. Seine nationalistischen Überzeugungen veränderten sich und näherten sich denen unsrer Gruppe. Aber er zog es vor, Präsident von Israel zu werden.

Sogar Ariel Sharon spielte einige Jahre mit diesen Ideen. Er zog einen palästinensischen Staat der Rückgabe an Jordanien vor. Er sagte mir, dass er in den 50erJahren, als er noch in der Armee diente, dem Generalsstab vorschlug, die Palästinenser gegen das jordanische Regime zu unterstützen. Er schlug das im Geheimen vor, während ich dies öffentlich verlangte.

Aber all diesem Theoretisieren konnte man nicht der Realität widerstehen: die Besatzung vertiefte sich von Tag zu Tag. Die Bereitschaft, alle besetzten Gebiete aufzugeben – sogar unter idealen Umständen – schwanden immer mehr dahin.

Was war auf der andern Seite?

Ich hatte viele Gespräche mit den (auch von mir) bewunderten Führern der arabischen Bevölkerung Ost-Jerusalems, Faissal al-Husseini. Die Idee eines vereinigten Jerusalems, der Hauptstadt von zwei Staaten, zog auch ihn an. Wir entwarfen zusammen einen Aufruf in diesem Geist. Wir redeten darüber natürlich auch mit Yasser Arafat und er war damit vollkommen einverstanden, aber er war nicht bereit, dies in der Öffentlichkeit zu bestätigen.

ZWEI WOCHEN nach der Knesset-Abstimmung veröffentlichte ich in meinem wöchentliches Magazin Haolam Hazeh einen neuen Plan und zwar unter der Schlagzeile „ Eine grundlegende, faire und praktische Lösung“. Im ersten Paragraphen stand: „Es wird eine Föderation von Erez Israel (Palästina) geschaffen, die den Staat Israel, den Gazastreifen und die Westbank einschließen wird, die Hauptstadt davon wird Groß-Jerusalem sein.“

Dieser Plan wurde von erstaunlich 64 wohlbekannten israelischen Persönlichkeiten unterschrieben, einschließlich dem Schriftsteller Dan Ben-Amotz, dem Humoristen Uri Zohar, dem Friedenspiloten Abie Nathan, dem Verleger Amikan Gurevitch, dem Bildhauer Yigal Tomarkin, dem Maler Dani Karavan, Nathan Yellin-Mor, Kapitän Nimrod Eshel, Filmmacher Alex Massis, Schriftsteller Boaz Evron, Journalistin Heda Boshes, Kunstwart Yona Fischer und der berühmte Pädagoge Ernst Simon, der nahe Freund vom schon verstorbenen Martin Buber.

Dieses Dokument – wie alle früheren Pläne, schlossen das Ziel mit ein, einen regionalen Rahmen wie die europäische Union – die damals im Entstehen war – zu schaffen.

(Übrigens, seit kurzem hat sich in verschiedenen Zirkeln: eine neue ideale Lösung für den Konflikt ausgebreitet: die Errichtung einer israelisch-palästinensischen Föderation und eine „regionale Lösung“. Ich nehme an, dass viele der neuen Fürsprecher dieser Lösung noch nicht geboren wurden, als diese Dokumente veröffentlicht wurden. Wenn es so ist, muss ich sie alle enttäuschen: all diese Ideen wurden schon vor langer Zeit ausgesprochen. Dies sollte sie nicht entmutigen. Mögen sie gesegnet sein!)

IN DEN kürzlichen Veröffentlichungen wurde auch erwähnt, dass ich vorschlug, das Lied „Jerusalem von Gold“ als Nationalhymne zu übernehmen.

Naomi Shemer schrieb dieses wundervolle Lied für ein Jerusalem-Wettbewerb, als noch keiner vom 1967er-Krieg bzw. von seinem Sieg träumte.

Ich liebe die gegenwärtige Nationalhymne überhaupt nicht „Hatikvah“ („Die Hoffnung“). Der Text ist über das Leben der Juden in der Diaspora, und die Melodie scheint von einem rumänischen Volkslied zu stammen. Nicht zu erwähnen ist die Tatsache, dass mehr als 20% der israelischen Bürger Araber sind.(Vielleicht sollten wir von Kanada lernen, die vor langem die britische Nationalhymne und Flagge aus Rücksicht auf seine 20% französisch sprechenden Bürger änderten)

Ich entschied, der Knesset Shemers Lied als Nationalhymne vorzuschlagen. Nach dem 1967er Krieg war sie schon zum Schlager der Massen geworden. Ich beantragte einen entsprechenden Gesetzentwurf.

Das war natürlich ein fragwürdiger Vorschlag. Shemer erwähnte in ihrem Lied nicht, dass es in Jerusalem Araber gibt. Die Worte haben einen starken nationalistischen Geschmack. Aber ich dachte, dass nachdem die Idee einer neuen Nationalhymne akzeptiert wurde, wir den Text rechtfertigen könnten.

Der Knesset-Vorsitzende Luz war bereit den Gesetzentwurf anzunehmen und ihn auf die Agenda zu setzen, doch nur Naomi Shenter war damit einverstanden. Ich verabredete mich mit ihr und ich hatte mit ihr in einem Cafe ein freundliches Gespräch mit ihr. Sie war nicht direkt einverstanden, aber erlaubte mir zu erklären, dass sie nicht dagegen ist.

Während des Gesprächs hatte ich das Gefühl, dass es eine unerklärte Zurückhaltung auf ihrer Seite gab. Ich erinnerte mich Jahre später daran, als es herauskam, dass berauschende Melodie nicht wirklich von ihr komponiert, sondern ein baskisches Volkslied war. Sie tat mir leid.

UM DIE Abstimmung des „Friedensaktivisten Uri Avnery“ für die „Vereinigung“ von Jerusalem zusammen zu fassen, so war es ein großer Fehler. Ich möchte diese Gelegenheit nützen, um mich noch einmal zu entschuldigen.

Ich bitte um die Anwendung des biblischen Verses (Sprüche 28,13) „Wer seine Sünde bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.“

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Grüße an Diana Buttu

Erstellt von DL-Redaktion am 3. Dezember 2017

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

VOR EIN paar Tagen erhielt eine fast unbekannte palästinensische Frau eine ungewöhnliche Ehre. Ein Artikel von ihr wurde auf der ersten Seite oben in der geachtetsten Zeitung auf Erden veröffentlicht: in der New York Times.

Die Herausgeber definierten die Schreiberin Diana Buttu, als „ Anwältin und eine frühere Beraterin des Verhandlungsteams der Palästinensischen Befreiungsorganisation.“

Ich lernte Diana Buttu kennen als sie 2000 das erste Mal auf der palästinensischen Szene erschien, zu Beginn der 2. Intifada. Sie wurde in Kanada geboren und war die Tochter von palästinensischen Immigranten, die sehr versuchten, sich in ihrer neuen Heimat zu assimilieren und sie erhielt eine gute kanadische Erziehung und Bildung.

Als sich der Kampf in den besetzten Gebieten intensivierte, kehrte sie in die Heimat ihrer Eltern zurück. Die palästinensischen Teilnehmer an den Verhandlungen mit Israel, die nach dem Oslo-Abkommen anfingen, waren von der jungen Anwältin, die ausgezeichnet Englisch sprach, beeindruckt und baten sie , sich der nationalen Bemühung anzuschließen.

Als die Verhandlungen klinisch tot waren, verschwand Diana Buttu vor meinen Augen . Bis zu ihrem dramatischen Erscheinen in der letzten Woche.

DER ORT und die Schlagzeile des Artikels demonstrierten die Bedeutung, die der amerikanische Herausgeber in ihrem Argument sah. Die Schlagzeile war „Brauchen wir eine palästinensische Behörde?“ und fuhr in einer anderen Schlagzeile fort: „Machen wir die palästinensische Behörde zu“.

Das Argument von Diana Buttu verführt durch ihre Einfachheit: Die Nützlichkeit der palästinensischen Behörde ist vorbei. Sie sollte liquidiert werden. Jetzt.

Die Palästinensische Behörde, so sagt sie , war für einen bestimmten Zweck erstellt: mit Israel wegen eines Endes der Besatzung und die Schaffung des erhofften palästinensischen Staates zu verhandeln. Das war eine zeitlich begrenzte Aufgabe.

Laut dem Oslo-Abkommen sollten die Verhandlungen über den Frieden 1999 ihr Ziel erreichen. Seitdem sind 18 Jahre vergangen, ohne dass es eine Bewegung zu einer Lösung gegeben hat. Das einzige was sich bewegt hat, war die Siedlungsbewegung, die jetzt monströse Dimensionen erreicht hat.

Unter diesen Umständen, sagt Buttu, ist die palästinensische Behörde ein Sub-Unternehmer der Besatzung geworden. Die Behörde hilft Israel, die Palästinenser zu unterdrücken.

Stimmt , sie beschäftigt eine große Anzahl von Personal für Bildung und Medizin, aber mehr als ein Drittel ihres Budget – etwa 4 Milliarden Dollar – gehen in die „Sicherheit“. Die palästinensischen Sicherheits-kräfte arbeiten eng mit den israelischen Kollegen zusammen. Das bedeutet, dass sie die Besatzung aufrecht behalten.

Buttu klagt auch über den Mangel an Demokratie. Seit 12 Jahren hat keine Wahl stattgefunden. Mahmud Abbas herrscht im Widerspruch zum palästinensischen Grundgesetz.

Ihre Lösung ist einfach: „Es ist Zeit, dass die Behörde geht“. Um die Behörde abzuschaffen muss die Verantwortung für die besetzte palästinensische Bevölkerung dem israelischen Besatzer zurückgegeben werden und eine neue palästinensische Strategie angenommen werden.

Was für eine Strategie, genau?

Bis zu diesem Punkt waren Buttus Argumente einleuchtend und logisch. Aber von hier an wurden sie unklar und nebulös.

BEVOR ICH nun weitergehe, muss ich ein paar persönliche Bemerkungen machen.

Ich bin ein Israeli. Ich definiere mich als ein israelischer Patriot. Als ein Sohn der Besatzungsnation denke ich,habe ich kein Recht, der besetzten Nation Ratschläge zu geben.

Es stimmt, dass ich in den letzten 79 Jahren mein Leben dem Frieden zwischen den zwei Völkern gewidmet habe – einem Frieden – so glaube ich, der eine existentielle Notwendigkeit für beide ist.

Seit Ende des 1948er-Krieges predige ich die Errichtung eines unabhängigen palästinensischen Staates, Seite an Seite mit dem Staat Israel. Einige meiner Feinde in der extremen israelischen Rechten klagen mich an, die „Zwei-Staaten-Lösung“ erfunden zu haben. (So dass ich den Titel „Verräter“ verdiene) .

Trotz all diesem habe ich mich immer zurückgehalten, den Palästinensern einen Rat zu geben. Sogar als Yassir Arafat mehrere Male öffentlich erklärte , dass ich sein „Freund“ sei, sah ich mich nicht als Berater. Ich habe wohl meine Ansicht viele Male geäußert, auch in Gegenwart von Palästinensern, aber von dem Standpunkt aus , einen Rat zu geben, ist dies weit entfernt.

Auch jetzt bin ich nicht bereit den Palästinensern allgemein und Diana Buttu im Besonderen einen Rat zu geben. Aber ich nehme mir die Freiheit, einige Bemerkungen über ihren revolutionären Vorschlag zu machen.

Als ich ihren Artikel zum zweiten und zum dritten Mal las , gewann ich den Eindruck, dass in ihm ein Missverhältnis zwischen der Diagnose und der Medizin besteht .

WAS SCHLÄGT sie den Palästinensern vor?

Der erste Schritt ist klar: baut die palästinensische Behörde ab und übergebt alle Organe der palästinensischen Selbst-Regierung dem israelischen Militärgouverneur.

Das ist einfach. Was wäre das nächste?

Diana Buttu äußert mehrere allgemeine Vorschläge. „Gewaltlose Massen-Proteste“ , BDS, die Rechte der palästinensischen Flüchtlinge (aus dem 1948-Krieg) und die „palästinensischen Bürger Israels“. Sie erwähnt zustimmend, dass schon mehr als ein Drittel des palästinensischen Volkes in den besetzten Gebieten eine Ein-Staat-Lösung unterstützt – was ein bi-nationaler Staat bedeutet.

Mit gebührendem Respekt werden diese Mittel – alle zusammen und jedes für sich – das palästinensische Volk befreien?

Es gibt keinen Beweis dafür, dass dies helfen wird.

Die Erfahrung zeigt, dass es für die Besatzungsbehörden leicht ist, einen „gewaltfreien Massen-Protest“ in einen sehr gewalttätigen zu verwandeln. Das geschah in beiden Intifadas und besonders bei der zweiten. Es begann mit gewaltfreien Aktionen und dann riefen die Militärbehörden die Scharfschützen. Innerhalb weniger Tage wurde die Intifada gewalttätig.

Die Anwendung von BDS?. Es gibt jetzt in der Welt eine große Bewegung der BDS gegen Israel. Die Israelische Regierung fürchtet sich davor und kämpft mit allen Mitteln dagegen, einschließlich Lächerlichem. Aber diese Furcht hängt nicht mit dem wirtschaftlichen Schaden zusammen, den die Bewegung verursacht, sondern vom Schaden, die dieser dem israelischen Image beibringt. Solch ein Imageschaden verletzt, aber tötet nicht.

Wie viele andere nimmt Buttu hier das Beispiel von Süd-Afrika. Das ist ein imaginiertes Beispiel. Der weltweite Boykott war tatsächlich eindrucksvoll, aber er brachte das Apartheid-Regime nicht um . Dies ist eine westliche Illusion, die Verachtung gegenüber den „Eingeborenen“ reflektiert.

Das rassistische Regime in Süd-Afrika wurde nicht von Ausländern besiegt, so nett diese auch waren, sondern von jenen verachteten „Eingeborenen“. Die Schwarzen begannen mit Kampagnen eines bewaffneten Kampfes ( ja, der große Nelson Mandela war ein „Terrorist“) und Massenstreiks, die die Wirtschaft traf. Der internationale Boykott spielte eine willkommene Unterstützungsrolle.

Buttu hat hohe Hoffnungen für „palästinensischen Boykott“. Können sie wirklich der israelischen Wirtschaft schaden? Man kann immer eine Million chinesischer Gastarbeiter hereinholen.

Buttu erwähnt auch den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Das Problem ist, dass die jüdische Psychologie abgehärtet gegen „goyishe Jurispudenz“ ist. Sind die Goyim nicht alle Anti-Semiten? Israel spuckt auf sie, wie es auch zu ihrer Zeit auf die UNO-Resolutionen spuckte.

WAS BLEIBT? Da gibt es nur eine Alternative, die Buttu klugerweise nicht erwähnt: Terrorismus.

Viele Völker der Geschichte begannen Befreiungskriege, gewaltsame Kämpfe gegen ihre Unterdrücker. In israelischem Jargon nennt man dies „Terror“.

Ignorieren wir einen Augenblick den ideologischen Aspekt und konzentrieren wir uns nur auf den praktischen Aspekt: glaubt jemand, dass eine „terroristische“ Kampagne des besetzten Volkes gegen das Besatzungsvolk – unter bestehenden Umständen – Erfolg haben kann?

Ich bezweifle es, ich bezweifle es sogar sehr. Die israelischen Sicherheitsdienste haben bis jetzt eine beträchtliche Fähigkeit im Kampf gegen bewaffneten Widerstand gezeigt.

Falls es so ist, was bleibt den Palästinensern noch? In einem Wort: Durchzuhalten.

Und hier liegt das besondere Talent von Mahmoud Abbas. Er ist ein Großer im Durchhalten. Er führt ein Volk, das einen schlimmen Leidensweg mit Demütigungen durchmacht, ohne aufzugeben. Abbas gibt nicht auf. Falls jemand in der Zukunft seinen Platz nehmen wird, wird der auch nicht aufgeben. Zum Beispiel Marwan Barghouti.

Als junger Mann war ich ein Mitglied der Irgun, der Untergrund-Militärorganisation. Während des 2. Weltkrieges organisierte meine Kompanie einen „Prozess“ für Marschall Philipp Petain, der Chef der französischen Regierung nach dem französischen Kollaps wurde. Diese „Regierung“ wurde in Vichy angesiedelt und nahm Befehle von der deutschen Besatzung entgegen

Ganz gegen meinen Willen wurde ich zum Verteidiger ernannt. Ich nahm diese Aufgabe sehr ernst und zu meiner Überraschung entdeckte ich, dass Petain die Logik auf seiner Seite hatte. Er rettete Paris vor der Zerstörung und machte es für die meisten des französischen Volkes möglich, die Besatzung zu überleben. Als das Nazireich zusammen-brach, schloss sich Frankreich unter De-Gaulle den Siegern an.

Natürlich beruft sich Buttu nicht auf dies emotionsgeladene historische Beispiel. Aber man sollte sich daran erinnern.

VOR EIN paar Tagen, noch vor der Veröffentlichung des Artikels von Diana Buttu, hat ein Führer der israelisch faschistischen Rechten, Bezalel Smotrich, ein vertretender Vorsitzender der Knesset, den Palästinensern ein Ultimatum gestellt.

Smotrich schlug den Palästinensern drei Möglichkeiten vor: a) das Land zu verlassen, b)ohne Bürgerrechte im Land zu leben oder c) sich mit Waffen erheben – dann „wüsste die israelische Armee, was sie mit ihnen tun soll.“

In einfachen Worten: die Wahl ist zwischen a) der Massenvertreibung von sieben Millionen Palästinensern aus der West Bank (einschließlich Ost-Jerusalem), Israel und dem Gazastreifen, was auf Völkermord hinausläuft, b) als Sklavenvolk unter einem Apartheidregime zu leben oder c) einfacher Völkermord.

Der unklare Vorschlag von Buttu besteht in der Praxis aus der zweiten Wahl (b) . Sie erwähnt, dass viele Palästinenser die „Ein-Staat-Lösung“ wählen. Sie scheut sich, eine eindeutige Erklärung zu geben und verbirgt sich hinter einer Formel, die in diesen Tagen modern wurde: „Zwei Staaten oder ein Staat“ Vielmehr wie: „schwimmen oder ertrinken“.

Das ist Selbstmord. Ein dramatischer Selbstmord. Ein ruhmreicher Selbstmord.

Selbstmord – nichts weniger als dies.

Beide – Buttu und Smotrich führen in die Katastrophe.

Nach all diesen Jahren bleibt nur eine praktische Lösung, wie es dies von Anfang an war: Zwei Staaten für zwei Völker. Zwei Staaten, die Seite an Seite in Frieden oder vielleicht sogar in Freundschaft leben.

Es gibt keine andere Lösung.

( dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Texte von Uri Avnery

Erstellt von DL-Redaktion am 26. November 2017

Die Visitation

Autor Uri Avnery

DANK SEI GOTT für Oren Hazan.

Ohne ihn würde dies ein äußerst langweiliger Besuch gewesen sein.

Israels Kabinettminister standen aufgereiht in der brennenden Sonne am Fuß des Flugzeugs zum offiziellen Empfang des Präsidenten Donald Trump.

Es war sehr heiß, es gab keine Schatten- dunkle Anzüge für die Männer waren obligatorisch.

Viele Kabinett-Minister wollten nicht kommen. Der Ministerpräsident hatte sie mit schweren Drohungen gezwungen.

Aber siehe da, als Trump aus der Präsidenten-Maschine ausstieg, stand da eine Riesenschlange von Empfängern. Nicht nur alle Kabinettminister standen da aufgereiht, sondern auch eine große Zahl von Infiltranten. Es war zu spät, sie zu entfernen.

Der prominenteste unter ihnen war Oren Hazan. Ein einfaches Mitglied der Knesset mit einer offenkundigen Gabe von Anstößigkeit, drängte er sich in die Reihe der Kabinettminister. Als Präsident Trump sich seiner ausgestreckten Hand näherte, machte Hazan sein Mobiltelefon startbereit und nahm ein Bild von sich und dem Präsidenten, der vollkommen überrascht, bedröppelt kooperierte.

Innerhalb von Sekunden war das Foto in aller Welt und auf vielen Webseiten. Es scheint, es habe in Amerika wenig Eindruck gemacht. Aber Oren war stolz. Es erhöhte sein Image sogar noch mehr, als der Gerichtsfall, in dem entschieden wurde, dass es keinen Beweis gibt, dass er Prostituierte für seine Kunden in seinem Casino in Bulgarien lieferte. Es war als ob jemand darauf aus war, meine Behauptung der letzten Woche zu beweisen, dass die gegenwärtige Knesset voll „parlamentarischen Gesindels“ sei. Oren Hazan passte bewunderswerter Weise zu dieser Beschreibung.

ES GAB zwei Trumps in dieser Woche. Der eine reiste durch den Nahen Osten und wurde überall gefeiert. Der zweite war in Washington, wo er von allen Seiten ramponierte wurde, wegen Inkompetenz angeklagt und sogar von allen Seiten mit Amtsenthabung in der Zukunft bedroht wurde.

Verglichen mit seinen Problemen zu Hause, waren seine arabischen Nächte phantastisch.

Sein erster Halt war in Saudi-Arabien. Das Wüstenkönigreich zeigte sich von seiner besten Seite. Die königliche Familie, die aus ein paar Hundert Prinzen besteht (Prinzessinnen zählen nicht) sah wie die Verwirklichung all seiner geheimen Träume aus. Er wurde wie ein Geschenk Allahs empfangen. Sogar Melanie, sittsam und still wie gewöhnlich, wurde es erlaubt, präsent zu sein (und das in einem Königreich, in dem es Frauen nicht erlaubt ist, Auto zu fahren.)

Wie üblich unter orientalischen Königen wurden Geschenke ausgetauscht. Das Geschenk für Trump war ein Vertrag über die Lieferung von Waffen im Wert von 110 Milliarden, das Arbeit für eine Menge amerikanischer Arbeiter bringt, als auch eine Investition in amerikanische Unternehmen.

Nach seinem kurzen Aufenthalt, einschließlich einemTreffen mit einer großen Gruppe arabischer Herrscher, flog Trump mit riesigem Enthusiasmus für alles Arabische wieder weg.

Nach einem zwei Stunden-Flug war er in einer sehr anderen Welt: Israel.

SAUDI ARABIEN und Israel haben keine gemeinsame Grenze. Obwohl an einem Punkt – dem Golf von Aqaba – nur ein paar Meilen jordanisches Gebiet sie voneinander trennen, könnten die beiden Staaten so gut wie auf zwei verschiedenen Planeten existieren.

Im Gegensatz zu der Romanze im Wüstenkönigreich, wo Jagdvögel gepriesen werden, Pferde bewundert und Frauen hinter geschlossenen Türen gehalten werden, ist Israel ein sehr prosaischer Platz. Trump lernte schnell, wie prosaisch.

Vor der Flughafen –Zeremonie hatte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eine harte Zeit, als er seine Minister überzeugte, auf den Flughafen mitzukommen. Es war ein sehr heißer Tag – der Ben-Gurion-Flughafen ist ein besonders heißer Platz und ein schwerer, dunkler Geschäftsanzug ist in Israel ein Alptraum.

Aber am Ende war die Ehre, teilnehmen zu dürfen, zu überwältigend. Es warteten nicht nur alle Kabinettminister, sondern eine ziemliche Anzahl von ordinären Parlamentariern infiltrierte die Empfangsreihe, die für die Gäste endlos erscheinen musste. Hazan war nur einer von ihnen, auch wenn er der farbigste war.

Sie wollten nicht nur Händeschütteln. Jeder einzelne von ihnen hatte noch etwas sehr Bedeutendes zu bemerken. Also musste der arme Trump höflich jedem zuhören und jeder fügte seine historischen Bemerkungen hinzu, meistens über die Heiligkeit des ewigen Jerusalem.

Der Polizei-Minister hatte dringendste Nachrichtenposten für Trump: gerade jetzt hatte es einen Terrorakt in Tel Aviv gegeben. Später wurde klar, das dies ein gewöhnlicher Straßenunfall war. Nun, ein Polizeiminister kann nicht immer genau informiert sein.

(Mein bescheidener Rat: an solch heißen Tagen errichtet, bitte, am Flughafen ein Zelt mit Klimaanlage.)

EIN WORT über die Damen.

Ich vermute, dass in ihrem Heiratsvertrag, Melania Trump sich verpflichtete, bei solchen Gelegenheiten schön und still zu sein. Nach dem Sprichwort: sei schön und halt den Mund.

Also stand sie schlank wie eine Statue, ihr Profil den Kameras zugewandt.

Sarah Netanjahu ist das ganze Gegenteil. Sie ist nicht ganz so schlank wie Melania und sie ist gewiss nicht still. Im Gegenteil, sie hört nicht auf zu quasseln. Sie hat anscheinend einen zwangshaften Wunsch, das Zentrum jeder Szene zu sein.

Wenn es einem Mikrophon gelang, ihr Smalltalk zu überhören, erzählte sie gerade, dass in der Vorfreude auf diesen Besuch die Wände der offiziellen Wohnung neu gestrichen worden waren. Also nicht sehr hochintelligent.

Ich denke nicht, dass es für Sarah’le sehr weise ist, neben einer internationalen Schönheitskönigin wie Melania zu stehen (nur ein Gedanke).

DIES ALLES erinnert mich an ein Buch, das ich vor langer Zeit gelesen habe. Der erste britische Kolonial-Distriktoffizier in Jerusalem vor fast hundert Jahren schrieb seine Erinnerungen.

Die Briten kamen nach Palästina im Namen der Balfour-Erklärung, die den Juden eine nationale Heimstätte versprach . Selbst wenn die Erklärung ein Vorwand war, Palästina für das britische Empire zu grabschen, waren die Briten tatsächlich von Liebe zu dem Land erfüllt. Sie waren auch sehr freundlich zu den Juden.

Nicht lange. Die Kolonial-Offiziere kamen, trafen Juden und Araber und verliebten sich in die Araber. Gastfreundschaft ist ein Teil der orientalischen Kultur, seit langem arabische Tradition. Die Briten liebten die arabische Aristokratie.

Sie waren viel weniger entzückt von den zionistischen Funktionären, die meist aus Ost-Europa kamen, die nie aufhörten zu fordern und zu klagen. Sie redeten zu viel. Sie stritten. Keine schönen Pferde. Keine Falken. Keine edlen Manieren.

Am Ende der britischen Herrschaft, waren nur sehr wenige britische Verwalter begeisterte Judenliebhaber.

WAS DEN politischen Inhalt des Besuches betrifft, so war er ein Wettbewerb der Lügen. Trump ist ein guter Lügner. Aber kein Gegenstück für Netanjahu.

Trump sprach ohne Ende über Frieden. Da er völlig ignorant über die Probleme ist, hat er dies vielleicht auch gemeint. Wenigstens legte er dies Wort wieder auf den Tisch, nachdem die Israelis fast alle Schattierungen dieses Wortes aus ihrem Vokabular entfernt haben, sogar Peaceniks bevorzugen jetzt über „Trennung“ zu sprechen (das meiner Meinung nach das Gegenteil von Frieden ist).

Netanjahu liebt Frieden, aber es gibt Dinge, die er mehr liebt – die Annektierung zum Beispiel und Siedlungen.

In einer seiner Ansprachen war ein Satz versteckt, den scheinbar außer mir niemand bemerkt hat. Er sagte, dass „Sicherheit“ im Lande – er meinte vom Mittelmeer bis zum Jordanfluss – exklusiv in den Händen Israels liegen werde. Dies ist ein einfaches Wort, bedeutet aber ewige Besatzung, die die palästinensische Entität auf etwas wie Bantustans reduziert.

Trump bemerkte es nicht. Wie sollte er auch?

FRIEDEN Ist nicht nur ein Wort. Es ist eine politische Situation. Zuweilen ist es sogar ein seelischer Zustand.

Trump kam nach Israel mit dem Eindruck, dass die Saudi-Prinzen ihm gerade einen Deal angeboten hatten – Israel wird Palästina befreien, die sunnitischen Araber und Israelis werden eine glückliche Familie werden, sie werden zusammen gegen den bösen alten Iran kämpfen. Wunderbar.

Nur Netanjahu träumt nicht davon, Palästina zu befreien. Der ferne Iran ist ihm wirklich scheißegal. Er will Ost-Jerusalem, die Westbank und indirekt auch den Gazastreifen behalten.

Trump ging also nach Hause, glücklich und zufrieden. Und in ein paar Tagen wird all dies vergessen sein.

Und wir müssen unser Problem selbst lösen.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

 

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Texte von Uri Avnery

Erstellt von DL-Redaktion am 19. November 2017

Parlamentarisches Gesindel

Autor Uri Avnery

ALS ICH das erste Mal die Knesset betrat, war ich über den niedrigen Standard ihrer Debatten schockiert. Die Reden waren voller Clichés, Platituden und Partei- Slogans, der intellektuelle Inhalt war fast Null.

Das war vor 52 Jahren. Unter den Mitgliedern waren David Ben-Gurion, Menachim Begin, Levi Eshkol und mehrere andere ihrer Art.

Diese Knesset sieht heute im Rückblick wie ein Olymp aus, verglichen mit der gegenwärtigen Zusammensetzung dieser nicht-illustren Körperschaft.

EINE INTELLIGENTE Debatte in der heutigen Knesset würde wie ein Vaterunser in einer Synagoge wirken.

Setzen wir uns damit auseinander: die gegenwärtige Knesset ist voll von dem, was ich parlamentarisches Gesindel nennen würde. Männer und Frauen, mit denen ich keine Tasse Kaffee trinken würde. Einige von ihnen sehen aus und benehmen sich wie laufende Scherze. Einer steht unter den Verdacht, dass er ein Bordell in Ost-Europa habe. Mehrere würden von jedem respektablen privaten Unternehmer zurück-gewiesen werden.

Diese Leute sind jetzt in einem beispiellosen Wettbewerb ungeheuerlicher „privater“ Gesetzesvorlagen – Gesetzesvorlagen, die von individuellen Knessetmitgledern, aber nicht von der Regierung zur Abstimmung vorgeschlagen werden. Ich habe schon vor kurzem diese Gesetzesvorlagen erwähnt – wie die Gesetzesvorlage, Israel als „Nationalstaat des jüdischen Volkes“ anzuerkennen – und sie vervielfältigen sich pro Woche. Sie erwecken kein spezielles Interesse, weil die Gesetzesvorlagen, die von der Regierung eingeführt werden, kaum sinnvoller sind.

Die Frage, die sich notwendiger Weise erhebt: Wie wurden diese Leute überhaupt gewählt.

In den alten Parteien, wie der Likud und das Zionistische Lager (auch als der Labor-Partei bekannt) gibt es Vorwahlen. Diese sind interne Wahlen, in denen die Partei Mitglieder die Kandidaten wählen. Zum Beispiel hat der Chef des Arbeiter-Komitees eines großen öffentlichen Unternehmens alle Beschäftigten und ihre Familien in der Likud registriert und sie setzten ihn auf die Partei-Liste für die allgemeinen Wahlen. Jetzt ist er Minister.

Neuere „Parteien“ kommen ohne all diesen Unsinn aus. Der Gründer der Partei wählt nach Lust und Laune die Kandidaten der Partei persönlich aus. Die Mitglieder sind völlig von ihm abhängig. Wenn sie dem Führer nicht gefallen, stößt er sie einfach bei den nächsten Wahlen hinaus und ersetzt sie durch fügsamere Lakaien.

DAS ISRAELISCHE System erlaubt es jeder Gruppe von Bürgern eine Wahlliste aufzustellen. Wenn sie die Minimumschwelle überschreiten, kommen sie in die Knesset.

Bei den ersten Wahlen war das Minimum 1%. So kam ich selbst dreimal in die Knesset. Seit damals hat sich die Schwelle erhöht und steht jetzt bei 3,25% der gültigen Stimmen.

Natürlich war ich ein großer Unterstützer dieses ursprünglichen Systems. Es hat tatsächlich einige auffallende Vorteile. Die israelische Öffentlichkeit hat viele Gruppen – Juden und Araber, westliche Juden und östliche Juden, neue Immigranten und Old-Timers, religiöse (verschiedener) Arten und säkulare, reiche und arme und noch mehr. Das System erlaubt all diesen, vertreten zu sein. Der Ministerpräsident und die Regierung werden von der Knesset gewählt. Da keine Partei bei den Wahlen jemals eine absolute Mehrheit erhalten hat, gründen sich die Regierungen auf Koalitionen.

Ein Mal wurde das Gesetz verändert und der Ministerpräsident wurde direkt gewählt. Das Publikum wurde schnell desillusioniert und das alte System wurde wieder eingesetzt.

Seit ich jetzt das Gesindel gesehen habe , das in die Knesset kam, habe ich meine Meinung geändert. Offensichtlich läuft im bestehenden System etwas äußerst falsch..

NATÜRLICH GIBT es kein perfektes Wahlsystem. Adolf Hitler kam bei einem demokratischen System an die Macht. Alle Arten von abscheulichen Führern wurden demokratisch gewählt. Kürzlich wurde Donald Trump, ein unwahrscheinlicher Kandidat, gewählt.

Es gibt viele verschiedene Wahlsysteme in der Welt. Sie sind das Ergebnis von Geschichte und den Umständen. Verschiedene Völker haben verschiedene Charaktere und Vorzüge.

Das britische System, eines der ältesten, ist sehr konservativ. Kein Platz für neue Parteien oder unberechenbare Persönlichkeiten. Jeder Distrikt wählt ein Mitglied. Der Sieger nimmt alles. Politische Minderheiten haben keine Chancen. Das Parlament war ein Club von Gentlemen und bis zu einem gewissen Grad ist es das noch (falls man die Gentlewomen mitzählt.)

Das viel jüngere US-System, ist sogar problematischer. Die Verfassung wurde von Gentlemen geschrieben. Sie waren gerade den britischen König losgeworden, so setzten sie an seine Stelle einen Quasi–König, der Präsident genannt wird und der die supreme Macht besitzt. Mitglieder von beiden Häusern des Parlamentes werden in Wahlbezirken gewählt.

Da die Gründer dem Volk nicht ganz vertrauten, stellten sie einen Club von Gentlemen zusammen als eine Art Filter. Dieser wird das Wahl-Kolleg genannt und gerade jetzt wählten sie (wieder) einen Präsidenten, der nicht die Mehrheit der Stimmen erhielt.

Die Deutschen haben ihre Lektion gelernt: sie erfanden ein komplizierteres System. Die Hälfte der Mitglieder des Parlaments wird in Wahlbezirken gewählt, die andere Hälfte in landesweiten Listen. Dies bedeutet, dass die eine Hälfte direkt ihren Wähler verantwortlich ist, aber dass politische Minderheiten auch eine Chance haben, gewählt zu werden.

FALLS ICH gefragt worden wäre, eine Verfassung für Israel zu schreiben (wir haben keine), was würde ich wählen? (Bitte keine Panik – meinen Berechnungen nach gibt es etwa 1 zu einer Trillion Chance, dass dies geschieht.)

Die Hauptfragen sind:

(a)Werden die Mitglieder des Parlaments in Wahlbezirken gewählt oder durch landesweite Listen?

(b) Wird der Ministerpräsident durch die allgemeine Öffentlichkeit oder vom Parlament gewählt?

Jede Antwort hat ihre Für und Wider – ihre Pros und Contras. Es ist eine Entscheidung über das, was unter den bestehenden Umständen in jedem Land wichtiger ist.

Ich war sehr von den letzten Wahlen in Frankreich beeindruckt. Der Präsident wurde in einer nation-weiten Wahl gewählt – aber mit einer unglaublich bedeutenden und weisen Institution: Die Zweite Runde.

Bei einer normalen Wahl wählen die Leute zunächst emotional. Sie mögen sich über jemandem ärgern und wollen diesen Ärger zum Ausdruck bringen. Also wollen sie die Person wählen, die sie mögen, egal wie seine oder ihre Chancen sind. Also gibt es mehrere Sieger und der endgültige Sieger mag jemand sein, der nur eine Minderheit der Stimmen erhalten hat.

Die Zweite Runde korrigiert alle diese Fehler. Nach der ersten Runde haben die Leute Zeit, nachzudenken. Unter den Präsidentschaftskandidaten, die eine Chance haben zu gewinnen, wer ist mir der nächste (oder das geringere Übel). Am Ende bekommt ein Kandidat notwendigerweise eine Mehrheit.

Dasselbe gilt auch für Kandidaten der Nationalversammlung, das Parlament. Sie werden in Wahlbezirken gewählt, aber wenn keiner eine Mehrheit beim ersten Versuch gewinnt, gibt es auch dort eine Zweite Runde.

Dies mag die Ankunft von Außenseitern verhindern, aber siehe da – die Wahl von Francois Macron zeigt, dass sogar in diesem System ein fast vollkommener Außenseiter Präsident werden kann.

Sicherlich kann ein Experte auch in diesem System Fehler finden, aber es scheint einigermaßen gut zu sein.

Über viele Jahre habe ich mehrere Parlamente besucht. Die meisten ihrer Mitglieder ließen mich seltsam unbeeindruckt.

Kein Parlament ist aus Philosophen zusammengesetzt. Man braucht eine Menge Ehrgeiz, Gerissenheit und andere unziemliche Züge, um ein Mitglied zu werden (Mich ausgeschlossen).

Als ich aufwuchs bewunderte ich den US-Senat. Bis ich diese Institution besuchte und auf dem Flur mehreren Mitgliedern vorgestellt wurde. Es war eine schreckliche Enttäuschung. Einige von ihnen, mit denen ich über den Nahen Osten sprach, hatten offensichtlich keine Ahnung, wovon sie sprachen; doch wurden sie als Experten betrachtet. Einige waren – offen gesagt – wichtigtuerische Esel. (Wichtigtuerische Esel sind eine Kategorie, die es in jedem Parlament gibt).

Ich erfuhr, dass das wirkliche Geschäft des Senats hinter der Bühne von Referenten und Beratern der Senatoren geführt wird, die bei weitem intelligenter und informierter sind und dass es die Rolle der Mitglieder selbst ist gut auszusehen, Geld einzusammeln und hochtrabende Reden zu halten).

DAS FERNSEHEN hat das Bild (buchstäblich) überall verändert.

Das Fernsehen kann keine Partei-Programme zeigen, Programme sind also überholt. Das Fernsehen kann keine Parteien zeigen, Parteien verschwinden an vielen Orten, einschließlich Israel. Das Fernsehen zeigt Gesichter von Individuen, deshalb zählen Individuen. Das erklärt, warum gut aussehende Politiker in Israel neue Parteien gründen und die Knessetmitglieder ernennen, einschließlich der Dummköpfe (von denen einige auch gut aussehen), die niemals in einem Wahlbezirk gewählt würden.

Als Adlai Stevenson, ein hoch qualifizierter Kandidat, für die US Präsidentschaft kandidierte, wurde ihm gesagt: „Mach dir keine Sorgen, jede denkende Person wird für dich stimmen.“

„Aber ich brauch eine Mehrheit“, erwiderte Stevenson bekanntermaßen.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Vergleiche mit der Deutschen Fäkaliengrube Berlin, sind wohl rein zufällig ? IE

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Texte von Uri Avnery

Erstellt von DL-Redaktion am 12. November 2017

Das seltsame nationale Heim

Autor Uri Avnery

DIE GEGENWÄRTIGE israelische Regierungskoalition besteht aus 67( von 120) Mitgliedern der Knesset.

Jedes Mitglied wünscht wieder (und wieder und wieder)gewählt zu werden.

Um wiedergewählt zu werden, muss er die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen.

Wie? Der einfachste Weg ist, ein neues Gesetz vorzuschlagen. Eine Gesetzesvorlage so skandalös , dass die Medien sie möglichst nicht ignorieren können .

Dies schafft einen natürlichen Wettbewerb. Um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, muss jede neue Gesetzesvorlage ein wenig skandalöser sein als die letzte. Der Himmel ist die Grenze. Vielleicht.

DIE LETZTE Gesetzesvorlage, von einem Mitglied ausgedacht, der Ex-Geheimdienstchef ist, wird „Israel der Nationalstaat des jüdischen Volkes“.

In allgemeiner Redeweise besteht das jüdische Volk aus allen Juden in der ganzen Welt, mehr als die Hälfte von ihnen lebt außerhalb Israels und sind Bürger von andern Staaten. Sie werden nicht gefragt, ob sie wollen, dass der Staat Israel sie vertritt.

Tatsächlich werden die israelischen Botschafter überall als eine Art inoffizieller Oberherr von der lokalen jüdischen Gemeinschaft angesehen.

Und wie ist es mit den arabischen Bürgern Israels, die etwas mehr als 20% darstellen? Nun, sie bleiben Bürger, aber der Staat gehört ihnen nicht-

WAS SCHLÄGT also die Gesetzesvorlage vor?

Als erstes beseitigt sie den Status des Arabischen als eine „offizielle Sprache“. Einen Status, den sie seit Israels Gründung hatte. Hebräisch wird als offizielle Sprache herrschen – und zwar allein.

Israel hat keine schriftliche Verfassung. Das Oberste Gericht hat eine Art virtueller Verfassung geschaffen, die sich auf mehrere „Grundgesetze“ gründen. Eine Knesset-Mehrheit kann jederzeit irgendeines von ihnen abschaffen.

Die grundrechtliche Hypothese ist bis jetzt folgende gewesen, dass Israel ein „jüdischer und demokratischer Staat“ ist, beide Attribute von gleichem Wert. Das neue Gesetz wird dies ändern. Beide Attribute werden intakt bleiben, „Jüdisch“ wird bedeutender werden als „demokratisch“ und übertrumpfen dies, wenn es einen Widerspruch gibt, was ja häufig passiert.

In dieser Woche verkündigte Benjamin Netanjahu, dass er diese Gesetzesvorlage angenommen habe, und er will sie in zwei Monaten durch die Knesset bringen. Kein Problem.

Kein Problem, weil es grundsätzlich keine ideologische Opposition gibt.

Da ist natürlich eine arabische Fraktion (die in drei Unterfraktionen aufgeteilt ist: nationalistisch, religiös und kommunistisch). Aber die meisten jüdischen Oppositions-Mitglieder würde man eher im Knesset-Cafe in Gesellschaft mit einem fanatisch faschistisch jüdischen Mitglied als mit einem arabischen sehen.

Wenn also Netanjahu die Gesetzesvorlage durchboxen will, wird es tatsächlich das Gesetz des Landes werden.

WAS BEDEUTET „jüdisch“? Ist es eine nationale oder eine religiöse Bezeichnung?

Der durchschnittliche Israeli wird mit „natürlich beides“ antworten. Es kann entweder mit dem einen Sinn oder mit dem anderen Sinn verwendet werden, wie es die Zweckmäßigkeit verlangt.

Der Zionismus war grundsätzlich ein Prozess, der versuchte, eine alte ethno-religiöse Gemeinschaft in eine moderne Nation zu verwandeln. Wenn die Gesetzesvorlage sagt, dass Israel ein „nationaler Staat des jüdischen Volkes“ sei, meint es alle Juden in aller Welt. „Nation“ und „Volk“ (und Religion) werden als Synonyme betrachtet. Wir sind alle Juden, nicht wahr?

Und wie ist es mit dem US-Juden, der das Gefühl hat, er gehöre zur amerikanischen Nation? Wie ist es mit dem kanadischen Juden, der ein kompletter Atheist ist und für den sein Jüdisch-sein eine altmodische Erinnerung an seine Großeltern ist. Oder ein hypothetischer schwarzer Südafrikaner, dessen Eltern durch ihre weißen jüdischen Herren zum Judentum übergetreten sind? Oder ein russischer Jude, dessen Eltern den orthodox-christlichen Glauben angenommen haben?

Sie sind Juden, und zwar alle. Das jüdisch religiöse Gesetz sagt, dass „ein Jude, selbst dann, wenn er eine Sünde begeht, ein Jude bleibt. Den christlichen – oder einen anderen – Glauben anzunehmen, ist sicherlich eine Sünde, aber der Konvertit bleibt ein Jude, ob er es will oder nicht.

Der Nation-Staat des jüdischen Volkes gehört ihnen allen. Oder vielmehr sie gehören alle dem Nation-Staat des jüdischen Volkes.

ALL DIES hat sehr wenig mit der ursprünglichen zionistischen Ideologie zu tun.

Theodor Herzl, eine durch und durch naive Person, glaubte, dass alle Juden in der Welt in den jüdischen Staat kommen würden. Also jene, die nicht kommen, werden aufhören, Juden zu sein.

Selbst für David Ben Gurion, einem frühen Zionisten, war die Idee, dass ein amerikanischer zionistischer Führer weiter in den USA leben kann, eine Abscheulichkeit. Seine Kollegen hatten eine harte Zeit, ihn zu überzeugen, dass es eine schlechte Taktik sei, dies den amerikanischen Juden vorzuwerfen, wenn man ihr Geld benötigt.

Ben Gurion würde sicher nicht mit einer Definition einverstanden gewesen sein, dass man Israel – sein Israel!- in einen Staat dieser Juden verwandelt hat und dass sie Quasi-Bürger des jüdischen National-Staates seien. Gott (an den er nicht glaubte) bewahre!

UND WIE ist es mit den säkularen Juden in Israel?

Nun die erste Frage wäre, ob es wirklich „säkulare“ Juden in Israel gibt.

Alle Juden, die in Israel aufwachsen, sind Produkte des jüdischen Bildungssystems, dass sich auf die Bibel gründet. Dies schafft in ihrer Gesinnung ideologische Gewissheiten, die nicht gelöscht werden können.

Das Volk von Israel wurde in einer Konversation zwischen Gott und Abraham an einem Ort geboren, der heute im Irak liegt. Dies ist natürlich eine Legende wie ein großer Teil der hebräischen Bibel, einschließlich der Vorväter, des Exodus und des Königreiches von David und Salomo . Sie werden widerlegt – unter anderem – durch ihre völlige Abwesenheit in der voluminösen Korrespondenz der ägyptischen Herrscher im Land Kanaan.

Aber historische Beweismittel sind hier unwichtig. Tatsache ist, dass jedes jüdische Kind in Israel die Bibel tief in seinem Bewusstsein trägt. Das bedeutet: Juden sind etwas Besonderes. Juden sind einzigartig. Es gibt „sie“ und „uns“. Die ganze Welt ist gegen uns.

Mein Freund Reuven Wimmer hat mir eine Liste des grundsätzlichen Glaubens eines durchschnittlichen „säkularen“ Israeli geschickt:

1. Er hält den Shabbat nicht ein. Er fährt Auto, kauft ein, reist und geht am heiligen Tag zur Küste.

2. Aber er glaubt an Gott.

3. Er isst nicht koscher, bevorzugt aber koschere Restaurants.

4. Er geht wenigstens einmal im Jahr – an Jom Kippur – in die Synagoge.

5. Er heiratet und lässt sich im Rabbinat scheiden.

6. Er mag die Araber nicht besonders.

7. Er möchte nicht als „Linker“ bezeichnet werden, aber stimmt nicht für die Rechte.

8. Er mag nicht, dass Staat und Religion getrennt werden.

9. Er dient in der Armee, liebt die Armee und ist stolz auf den Staat.

10. Er ist für zwei Staaten für zwei Völker, vorausgesetzt, dass die Siedlungen nicht beeinträchtigt werden.

11. Er nimmt nicht an Demonstrationen oder anderen politischen Aktivitäten teil.

Da dies so ist, kann kein wirklicher Protest gegen die Gesetzesvorlagen erwartet werden. Wir nennen uns also „National-Staat des jüdischen Volkes“. Halleluja. (Für die, die kein Hebräisch kennen: Halleluja ist hebräisch und heißt: „Lobe Gott“)

WIE LAUTET nun das Schlusswort über die zwei Millionen Araber, die Bürger des Nationalstaates des jüdischen Volkes sind?

Bis jetzt gibt es kein Aufmerksamkeits-gieriges Knesset-Mitglied, das eine Gesetzvorlage ausgeheckt hat, die ihnen ihre Bürgerschaft wegnimmt.

Sie werden also Bürger des Staates bleiben, der einem anderen Volk gehört. Wenigstens vorläufig noch.

Wir werden einen Nationalstaat für das jüdische Volk haben, in dem die Mehrheit der Juden aus aller Welt keine Bürger sind und in dem zwei Millionen nicht-jüdische Araber Bürger sind, in deren „ewiger Hauptstadt“ Jerusalem, einige Hunderttausend arabische Einwohner leben, die keine Bürger sind, die die Westbank mit etwa 2,5 Millionen Arabern besetzt und die indirekt noch zwei Millionen Araber im Gazastreifen beherrscht. Alles zusammen genommen: In diesem historischen Palästina leben jetzt 7 Millionen Juden und etwa 7 Millionen Araber. Ein seltsamer Nationalstaat.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Eins, zwei – freut euch!

Erstellt von DL-Redaktion am 5. November 2017

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

DER UNABHÄNGIGKKEITS Tag dieses Jahres am letzten Dienstag war keine sehr fröhliche Angelegenheit.

Ich erinnere mich an die ersten Unabhängigkeitstage kurz nach der Gründung des Staates Israel. Damals gab es einen spontanen Jubel, wir waren alle auf den Straßen, die Feier war real.

Das ist nun lange her. Der Feiertag war gedrückt, ja, sogar traurig. Ältere Personen empfanden, „dass dies nicht mehr unser Staat war“, dass „sie“ den Staat gestohlen haben. Mit „sie“ meint man die Rechten.

Einer der Gründe mag sein, dass es keine wirkliche Einheit mehr gibt. Die israelische Gesellschaft ist auseinander gefallen: in eine Anzahl von Untergesellschaften, die immer weniger gemeinsam haben.

Da sind die Aschkenasim (europäischer Herkunft). Die Mizrahim ( aus arabischen Ländern und dem Iran, oft irrtümlicher Weise auch Sephardim genannt, die „Russen“( aus der früheren Sowjetunion, die ein separates Leben führen), die Haredim (gottesfürchtig, ultraorthodox, keine Zionisten) , die National-Religiösen, einschließlich der Siedler in den besetzten Gebieten und faschistische Elemente) und natürlich die palästinensisch-arabische Minderheit, die mehr als 20% der Bevölkerung darstellt und die außerhalb von allem lebt).

In letzter Zeit haben einige der Mizrahim einen fast pathologischen Hass gegen die Aschkenazim entwickelt, von denen sie sich verachtet und diskriminiert fühlen.

So wurden alle Routine-Feiern des Unabhängigkeitstages als geplant beobachtet, ohne viel Begeisterung und ohne irgendetwas Neues. Das Feuerwerk, der Flug der Luftwaffe, das Bibel-Quiz, die offiziellen Fackeln von herausragenden Bürgern angezündet (einschließlich einem Führer der Siedler, der sich durch das Vertreiben der Araber aus Jerusalem hervortut).

Die meisten Feiern waren nur bei Gelegenheiten, um König, Binjamin Netanjahu immer wieder im Fernsehen zu zeigen. Seine Königin Sarahle bekam auch das Maß an Publicity, das sie fordert. Weh dem TV-Editor, der Sarahle nicht gebührlich behandelt!

(Was ist ihr Verdienst? Nun, sie heiratete Netanjahu, als sie Stewardess in einer Luftfahrtslinie war und er nur ein junger Diplomat, zweimal geschieden.)

ICH LIEBE keine offiziell verordneten Feiertage und offizielle Tage des Trauerns.

Als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, war ich neun Jahre alt. Ich hatte den Eindruck, dass fast jeder zweite Tag ein nationaler Feiertag wurde, an dem man an einen deutschen Sieg in einem vergessenen Krieg erinnerte oder an ein Nazi-Ereignis.

Bei solch einer Gelegenheit wurden alle Jungs (es war nur eine Jungenschule) an meinem Gymnasium in der Aula versammelt, hörten patriotische Reden an, hoben den rechten Arm und sangen zwei Nationallieder – die Nationalhymne und das Nazi-Lied..

Diese besondere Gelegenheit war im 17. Jahrhundert die Schlacht bei Belgrad, in der der österreichische Prinz Eugen die Türken besiegte. Ich war der jüngste und kleinste Schüler in der untersten Klasse und der einzige jüdische Schüler in der Schule. Ich stand stramm, wie jeder, aber hob meinen rechten Arm nicht hoch und sang das Nazi-Lied nicht mit. Mein Herz schlug mächtig.

Mein Klassenlehrer, ein katholischer Priester schützte mich. Ein paar Wochen später waren wir auf unserm Weg nach Palästina.

Seit damals liebe ich keine offiziell befohlenen Feiern.

IN ISRAEL wurden wir vom Glück verwöhnt, vielleicht mehr als in irgendeiner anderen Nation der Welt, mit offiziellen Tagen der Freude und der Trauer, einige nationale und einige religiöse mit kaum einem klaren Unterschied zwischen ihnen.

Nach meiner Zählung sind es 15 im jüdischen Jahr, aber ich könnte ein oder zwei vergessen haben.

NEUJAHR, ein religiöser Feiertag. Er kam vor langer Zeit in einer landwirtschaftlichen Gesellschaft auf. In Palästina ist der Herbst die Zeit, in der die Natur erwacht, wie in Europa der Frühling.

YOM KIPPUR: der heiligste Tag im Judentum, an dem Gott schließlich unser Schicksal für das nächste Jahr endgültig entscheidet

SUKKOT, das Fest der Laubhütten, erinnert an die 40 Jahre der Wanderung durch die Wüste nach der Flucht aus Ägypten. In der Wüste gab es keine Häuser

SHMINI ATSERET der achte Tag des Sukkot, als Gott uns die zehn-Gebote gab.

HANUKKAH, das Fest des Lichts, erinnerte — an was? Für Nationalisten war es der Sieg der Makkabäer über die „Griechen“ (tatsächlich die Syrer). Für die Religiösen ist es ein Wunder: Gott ließ eine Lampe im Tempel acht Tage lang brennen, obwohl kein Öl mehr drin war. Jetzt zünden die Juden täglich während dieser acht Tage Kerzen an.

Der 15. Tag des Monat Shvat – der Geburtstag der Bäume ehrt alle Pflanzen in unserm Land.

PURIM—ein lustiger Tag, ähnlich dem Karneval wo anders: Als der Anti-Semit Haman in Persien dabei war, alle Juden zu töten, gelang es der Königin Esther, den betrunkenen König Ahasuerus zu heiraten und überzeugte ihn, den Erlass zu verändern und erlaubte den Juden, all ihre Feinde zu töten, besonders Haman und seine Söhne.

PASSOVER ist das Fest, das an den Exodus aus Ägypten erinnert, als Gott den Juden verbat, wirkliches Brot zu essen und ihnen gebot, Matzen, eine Art Brot ohne Hefe zu essen.

ZWEITER PASSOVER-Tag; der letzte Tag der Feste. Dazwischen sind halbe Feiertage.

HOLOCAUST-Tag, der Tag der Trauer für Millionen Juden, die von den Nazis mit Gas, durch Erschießen, durch Verhungern oder durch Krankheit getötet wurden. Praktisch jeder Aschkenasi-Jude hatte Verwandte unter diesen, die ums Leben kamen. Da nur wenige Mizrahi unter den Opfern war, schafft dies eine Menge Eifersucht.

Der GEDÄCHTNIS-Tag: in Erinnerung an die Gefallenen in den Kriegen des modernen Israel. Es sind etwa 23 000, aber dieses Jahr war die Öffentlichkeit erstaunt, als sie erfuhr, dass diese Zahl auch alle Soldaten einschließt, die bei Straßenunfällen umkamen oder durch Krankheit.

UNABHÄNIGKEITS-TAG beginnt unmittelbar nach dem Gedächtnistag.

LAG B’OMER:ein alter landwirtschaftlicher Festtag, der den Sommer ankündigte, aber verbunden war mit jüdischer Mythologie von mehreren verschiedenen historischen Ereignissen, wie zum Beispiel die letzte Rebellion gegen Rom, die dem jüdischen Staat in Palästina ein Ende bescherte. Kinder zünden im ganzen Land Freudenfeuer an.

SHVUOT: das Fest des Herbstes, auch ein Fest der Torah.

Der NEUNTE im MONAT AV: der Tag, an dem der Tempel in Jerusalem zweimal zerstört wurde, zuerst von den Babyloniern und Jahrhunderte später von den Römern. Ein Tag der Trauer.

An den meisten dieser Tage ist fast alles geschlossen. Einige beobachten sogar noch mehr Tage der Erinnerung von Katastrophen in der Vergangenheit.

Was ist der Grund für diese starke Vermehrung von Freuden- und Trauertagen?

Viele Jahrhunderte waren die Juden eine ethno-religiöse Gemeinschaft ohne territoriales Land. Sie waren keine Ausnahme. In der byzantinischen und der ottomanischen Zeit waren Gemeinschaften in dieser Art organisiert. Ein jüdisches Mädchen in Antiochien (heute Syrien) konnte einen jüdischen Jungen in Alexandria (Ägypten) heiraten, aber keinen katholischen Jungen von nebenan. Die Gemeinden waren ziemlich autonom.

Solche Gemeinschaften verschwanden vor langer Zeit. Die Leute adoptierten neue Formen der menschlichen Organisation. Aber die Juden hingen an ihren alten Gewohnheiten. All diese Feier- und heiligen Tage waren nötig, um sie zusammenzu-halten. Die Juden in Riga lasen die Pesach-Haggadah in genau derselben Weise am selben Abend wie Juden in Kapstadt.

Vor etwa 250 Jahren wurden menschliche Gemeinschaften zu Nationen. All diese Nationen wurden die Norm; Juden wurden immer mehr „anormal“ und verhasst. Die Gründer des Zionismus entschieden, dass auch Juden eine Nation werden müssen.

Wie aber sollte eine religiöse Gemeinschaft in eine moderne Nation verwandelt werden? All die bedeutenden Rabbiner jener Tage verfluchten den Zionismus und seinen Gründer, den Wiener Journalisten und Stückeschreiber Theodor Herzl. Um diesen Widerstand zu überwinden und die Juden nach Palästina zu locken, adoptierte Herzl die religiösen heiligen Tage und gab ihnen einen neuen nationalistischen Inhalt.

Dies sind dann die israelischen Feiertage: Eine Mischung der alten Religion und des modernem Nationalismus, viele von beidem.

Zu Beginn des modernen Zionismus mag solch eine Anhäufung heiliger Tage nötig gewesen sein, um die neue Gesellschaft zusammenzuhalten. Aber jetzt?

WAS IST daran so schlecht?

Das Üble daran ist, dass diese Feiertage eine endlose Fortsetzung von Indoktrination schaffen. Jedes Kind absorbiert die nationale Geschichte fast von Geburt an. Die Eltern sehen dies so. Im Kindergarten werden diese Ideen ihren Seelen tief implantiert. In der Schule wird von Fest zu Fest, von Jahr zu Jahr die Indoktrination vertieft. Das Endergebnis ist eine Gemeinschaft, die völlig von sich selbst überzeugt ist: halb-religiös und halb nationalistisch, abgeschnitten von allen anderen Nationen: es fehlen die universalen Werte.

Ausdrücke wie „die ganze Welt ist gegen uns“ oder „sie wollen uns alle zerstören“ sind allgemein. Die große Mehrheit der Israelis aller Schattierungen glauben tief in ihrem Herzen daran.

Vielleicht ist es wahr, dass es keinen wirklich säkularen jüdischen Israeli gibt. Nimm ein säkulares Exemplar, grabe in seinem Bewusstsein und man findet die Spuren all dieser heiligen Tage. Nur wenige können dem entfliehen.

Vielleicht ist der symbolischste Übergang am letzten Montagabend gewesen. Der Gedächtnistag für die gefallenen Soldaten, verwandelte sich in einen Unabhängigkeitstag ohne Sirenenton zwischen beiden.

Außerordentliche Freude nach außerordentlichem Trauern ging fast in einander über. Ein Meisterstück von emotionaler Manipulation.

Wenn wir wollen, dass Israel ein normaler Staat wird, muss all dieser Überfluss an heiligen Tagen in ein paar normale reduziert werden.

(dt. Ellen Rohlfs vom Verfasser autorisiert)

 

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Der israelische Macron

Erstellt von DL-Redaktion am 29. Oktober 2017

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

EIN TIEFER Seufzer der Erleichterung kommt direkt aus dem Herzen.

Als ich zehn Jahre alt war, floh meine Familie aus Nazi-Deutschland. Wir hatten das Gefühl, dass die Gestapo hinter uns her war. Als wir uns der französischen Grenze näherten, war unsere Furcht akut. Als unser Zug die Brücke überquerte, die Deutschland von Frankreich trennte, stießen wir einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus.

Es war fast derselbe Seufzer. Frankreich hat wieder eine Botschaft der Freiheit gesandt.

Emanuel Macron (Emmanuel ist ein hebräischer Name und bedeutet „Gott mit uns“) hat die erste Runde gewonnen und es gibt eine starke Möglichkeit, dass er bei der zweiten Runde auch gewinnt.

Dies ist nicht nur eine französische Angelegenheit. Es geht die ganze Menschheit an.

ZUERST HAT es einen Zauberspruch gebrochen

Nach der Brexit- Abstimmung und der Wahl von Donald Trump, erhob sich der Mythos, dass eine dunkle, ultra-rechte, faschistische oder beinah-faschistische Welle die demokratische Welt überspült. Es ist ein Schicksals-Dekret. Force majeure – höhere Macht.

Zuerst Marine Le Pen. Dann dieser unmögliche Holländer. Dann die ost-europäischen Rechten. Sie werden überall die Demokratie zerquetschen. Da kann nichts gemacht werden.

Und hier kommt ein jemand, von dem noch niemand etwas gehört hat und bricht den Zauberspruch. Er hat gezeigt, dass anständige Leute zusammenkommen und den Lauf der Geschichte verändern können.

Das ist eine Botschaft, die nicht nur für Frankreich wichtig ist, sondern für jeden. Sogar für Israel.

ES IST noch nicht beendet. Die zweite Runde liegt noch vor uns.

Wenn man auf die Landkarte der ersten Runde schaut, beunruhigt das Bild ziemlich. Le Pen hat einen großen Teil Frankreichs erobert, den Norden und fast den ganzen Osten. Das Desaster kann noch drohend auftauchen.

Dieser Möglichkeit gegenüberstehend, haben fast alle andern Kandidaten ihre Unterstützung Macron gegeben. Dies zu tun, wäre anständig. Besonders edel die konkurrierenden Kandidaten, von denen nicht erwartet werden kann, dass sie ihn lieben.

Die eine Ausnahme ist der Kandidat der radialen Linken, Jean-Luc Melenchon, der von den Kommunisten unterstützt wurde. Für ihn sind Le Pen und Macron etwa dasselbe. Für Leute mit einem Gedächtnis für Geschichte, klingt dies ominös.

1933 griffen die deutschen Kommunisten die Sozialisten mehr an als sie Hitler angriffen. In einigen großen Streiks kooperierte die kommunistische „Rote Front“ sogar mit Hitlers Sturmtruppen. Ihre Theorie war, dass beide, Hitler und die Sozialisten kapitalistische Strohmänner waren. Sie waren sich auch sicher, dass der lächerliche Hitler nach einigen Monaten an der Macht verschwinden würde und den Weg für die Welt-Revolution ebnen würde.

Sie hatten viel Zeit, um ihre Dummheit zu bereuen – als sie mit den Sozialisten in den Nazi-Konzentrationslagern zusammensaßen.

Die französischen Kommunisten dieser Zeit lernten die Lektion. Drei Jahre später bildeten sie eine Vereinigte Front mit den französischen Sozialisten; und der jüdische Sozialist Leon Blum wurde zum Ministerpräsidenten gewählt.

Inzwischen scheint diese Lektion vergessen worden zu sein.

In diesem Augenblick jedoch scheint der Sieg von Macron ziemlich sicher zu sein. Inshallah, wie unsere arabischen Freunde sagen.

DER INTERESSANTESTE Aspekt der französischen Wahl ist, dass sie wie die amerikanischen und sogar das britische Referendum das Ende der Parteien ist.

Jahrhundertelang habenpolitische Parteien in der öffentlichen Arena dominiert. Die politische Partei war die wesentliche Komponente des politischen Lebens. Gleichgesinnte Leute taten sich zusammen und bildeten eine politische Vereinigung, veröffentlichten ein Programm, wählten einen Führer und nahmen an den Wahlen teil.

Leider, nicht mehr. Das Fernsehen hat all dies verändert

Das TV ist ein sehr mächtiges, aber auch ein sehr begrenztes Medium. Es zeigt Leute. Tatsächlich zeigt es nur die Köpfe. Es ist am wirksamsten, wenn es einen Kopf zeigt, der zum Zuschauer spricht.

Das TV zeigt keine Parteien. Es kann über Parteien reden, sie aber nicht wirklich zeigen.

Es ist sogar weniger in der Lage, Parteiprogramme zu zeigen. Irgendjemand kann ihnen im Fernsehen dieses vorlesen, doch dies ist langweilig. Wenige Zuschauer hören ihnen zu.

Das praktische Ergebnis ist, dass in der modernen Politik die Führer immer mächtiger werden und die Partei und ihr Programm immer weniger wichtig. Ich sage nichts Neues, all dies wurde schon viele Male vorher gesagt. Aber dieses Jahr trägt der Prozess Früchte.

Die Brexit-Resultate überquerten Parteigrenzen. Die Labor-Partei, seit Generationen eine kraftvolle Präsenz, scheint auseinander zu brechen.

Donald Trump vertritt offiziell die Republikanische Partei, aber tut er das wirklich? Es scheint, dass die Partei ihn verabscheut; sein Anteil an ihr ist in der Praxis eine feindselige Übernahme. Trump wurde gewählt nicht die Partei oder ein nicht existierendes Programm.

Dies waren außerordentliche Ereignisse. Aber die französischen Wahlen fanden in einem gewöhnlichen, traditionellen Rahmen statt. Das Ergebnis war, dass alle traditionelle Parteien zerstört waren, dass alle Programme wie vom Wind weggeblasen waren. Was auftauchte war eine Person, praktisch ohne Partei und ohne ein Programm, mit fast keiner politischen Erfahrung. Er sieht im Fernsehen gut aus; er klingt gut im TV, er war ein gutes Gefäß für die Stimmen, das in erster Linie dafür war, um die Faschisten zu stoppen.

Dies ist nicht nur für Frankreich eine Lektion, sondern für alle demokratischen Länder.

ES IST auch für Israel eine Lektion – eine sehr bedeutende sogar.

Wir haben schon den Beginn dieses Prozesses erlebt. Wir haben jetzt eine Anzahl von Nicht-Parteien mit Nicht-Programmen, die einen starken Halt in der Knesset gewonnen haben.

Zum Beispiel die Partei des gegenwärtigen Verteidigungsminister, Avigdor Lieberman, ein Einwanderer aus Moldawien, er stellte eine „Partei“ auf, die die Immigranten aus Russland ansprach. Eine Partei ohne interne Wahlen, bei der alle Kandidaten vom Führer ausgewählt und (je nach seiner Laune) ausgetauscht werden , und ohne Programm, nur mit einem starken faschistischen Hauch. Er ist sein einziger Sprecher beim Fernsehen. Er begann mit einer starken anti-religiösen Botschaft, die von den „russischen“ Wählern geliebt wird, aber langsam sich verwandelt. Keiner dieser Leute wagt, Fragen zu stellen.

Ziemlich dieselbe Situation herrscht in der „Partei“ von Yair Lapid. Der Sohn einer TV-Persönlichkeit mit fast faschistischen Ansichten; er ist ein gut aussehender, gut redender Bursche, total ohne Ideen, der jetzt bei den Wahlen Netanjahu schlägt. Kein Programm, nur eine Partei, die sein persönliches Instrument ist. Er allein bestimmt alle Kandidaten. Er allein erscheint im Fernsehen. Auch er begann als anti-Religiöser und hat sich gewandelt (Man kann in Israel keine Macht halten ohne die religiösen Parteien, wenn man nicht bereit ist – Gott behüte – mit den arabischen Parteien der zu kooperieren.

Moshe Kahlon, ein früherer Likudnik von nordafrikanischer Herkunft hat eine persönliche Formation, keine wirkliche Partei, kein wirkliches Programm. Auch er ernennt Kandidaten auf seiner Liste. Er ist jetzt Finanzminister.

Die Labor-Partei, die einmal die mächtigste Kraft war, die die politische Szene 44 auf einander folgende Jahre dominierte – bevor der Staat geboren wurde und danach – ist jetzt eine erbärmliche Ruine, ähnlich seinem französischen Gegenpart. Sein Führer Yitzhak Herzog ist mit Francois Hollande austauschbar.

Und dann gibt es noch den obersten Meister des TV, Benjamin Netanjahu, intellektuell hohl, mit ständig wechselnder Haarfarbe, für und gegen die Zweistaaten-Lösung und vieles andere.

WAS KÖNNEN wir von den Franzosen lernen?

Nicht zu verzweifeln, wenn es so aussieht, als ob wir auf dem Weg in eine Katastrophe sind. Den Fatalismus fliehen und in den Optimismus gehen. Optimismus und Aktion.

Aus dem nirgendwo kann eine neue Person auftauchen. Auf den Ruinen von bestehenden Parteien kann sich eine neue politische Kraft erheben, die alte Sprache der Linken und Rechten ausschalten und eine neue Sprache des Friedens und sozialer Gerechtigkeit sprechen.

Hei, komm schon! Worauf wartest du?

(dt. E. Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Palästinas Nelson Mandela

Erstellt von DL-Redaktion am 22. Oktober 2017

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery

ICH MUSS etwas bekennen. Ich liebe Marwan Barghouti.

Ich hab ihn in seiner bescheidenen Wohnung in Ramallah mehrfach besucht. Während unserer Gespräche, diskutierten wir über den israelisch-palästinensischen Frieden. Unsere Ideen waren dieselben: einen Staat Palästina neben dem Staat von Israel und einen Frieden zwischen den beiden Staaten zu schaffen, der sich auf die 1967 Grenzen (mit geringen Veränderungen) mit offenen Grenzen und Zusammenarbeit gründete.

Dies war kein geheimes Abkommen: Barghouti hat diesen Vorschlag viele Male wiederholt – im Gefängnis und außerhalb.

Ich mochte auch seine Frau Fadwa, die als Anwältin ausgebildet war, die aber ihre Zeit dem Kampf um die Entlassung ihres Mannes verbrachte. Bei dem gedrängtvollen Begräbnis von Yasser Arafat stand ich zufällig neben ihr und sah ihr tränen-bedecktes Gesicht.

In dieser Woche begann Barghouti zusammen mit über tausend anderen palästinensischen Gefangenen in Israel einen unbegrenzten Hungerstreik. Ich habe gerade eine Petition für seine Entlassung unterschrieben.

MARWAN BARGHOUTI ist ein geborener Führer. Trotz seiner geringen physischen Größe, fällt er in jeder Versammlung auf. Innerhalb der Fatah-Bewegung wurde er der Führer der jugendlichen Abteilung. ( Das Wort „Fatah besteht aus den Initialen der Palästinensischen Befreiungsbewegung, rückwärts)

Die Barghoutis sind eine weit verbreitete Familie. Die in mehreren Dörfern, nahe Ramallah dominieren. Marwan selbst wurde 1959 im Dorf Konar geboren. Ein Vorfahre Abd-al-Jabir al-Barghouti führte 1834. eine arabische Revolte. Ich habe Mustafa Barghouti, einen Aktivisten der Demokratie, in vielen Demonstrationen getroffen und teilte mit ihm das Tränengas. Omar Barghouti ist ein Führer der internationalen Anti-Israel-Boykott-Bewegung.

Vielleicht hängt meine Sympathie für Marwan damit zusammen, dass wir in unserer Jugend von einigen Ähnlichkeiten (Ähnliches erlebten) beeinflusst waren. Er schloss sich mit 15 der palästinensischen Widerstandsbewegung an – im selben Alter, in dem ich mich – 35 Jahre früher – der hebräischen Untergrund-Bewegung anschloss. Meine Freunde und ich betrachteten uns selbst als Freiheitskämpfer, wurden aber von den britischen Behörden als „Terroristen“ bezeichnet. Dasselbe geschieht jetzt mit Marwan einem Freiheitskämpfer in seinen eigenen Augen (nach ihm selbst) und in den Augen der israelischen Behörden geschehen

Als er im Tel Aviver Distrikt-Gericht vor Gericht stand, versuchten meine Freunde und ich, Mitglieder der israelischen Friedensbewegung Gush Shalom (Friedensblock), aus Solidarität mit ihm im Gerichtssaal zu demonstrieren. Wir wurden von bewaffneten Wächtern vertrieben/ rausgeschmissen. Einer meiner Freunde verlor bei diesem glorreichen Kampf einen Zehennagel.

Vor Jahren nannte ich Barghouti den „palästinensischen Mandela“. Abgesehen von ihrem Unterschied an Größe und Hautfarbe, gab es eine wesentliche Ähnlichkeit zwischen den Beiden: beide waren Männer des Friedens, aber rechtfertigten die Anwendung von Gewalt gegen ihre Unterdrücker. Doch das Apartheid-Regime war mit einer lebenslangen Gefängnisstrafe zufrieden. Barghouti wurde zu einer lächerlichen Strafe verurteilt: fünfmal lebenslang plus weitere 40 Jahre für Gewaltakte, die von seiner Tanzim-Organisation ausgeführt wurden.

(Gush Shalom veröffentlichte in dieser Woche eine Erklärung, die behauptete, dass nach derselben Logik Menachem Begin für den Anschlag aufs King-David-Hotel, – bei dem 91 Leute getötet wurden, viele waren Juden – von den Briten 91 mal lebenslänglich verurteilt werden sollte.

Es gibt noch eine andere Ähnlichkeit zwischen Mandela und Marwan: als das Apartheid-Regime von einer Kombination von „Terroristen“ mit gewaltsamen Streiks und einem weltweiten Boykott zerstört wurde. Mandela tauchte als der natürliche Führer des neuen Süd-Afrika auf. Viele Leute erwarten, dass wenn ein palästinensischer Staat errichtet wird, wird Barghouti nach Mahmoud Abbas sein Präsident.

In seiner Persönlichkeit gibt es etwas, das Vertrauen weckt und ihn in einen natürlichen Schlichter von internen Konflikten verwandelt. Hamas-Leute, die die Opponenten der Fatah sind, neigen dazu, Marwan zuzuhören. Er ist der ideale Friedenstifter zwischen den beiden Bewegungen.

Vor einigen Jahren gehörte eine große Anzahl von Gefangenen zu den beiden Organisationen, die eine gemeinsame Forderung um eine nationale Einheit, die konkrete Bedingungen festlegte, unterzeichneten. Sie hatten keinen Erfolg.

Übrigens mag das ein zusätzlicher Grund für die israelische Regierung sein, jeden Vorschlag abzulehnen, Barghouti frei zu lassen, auch dann, wenn es einen Gefangenen-Austausch bei einer günstigen Gelegenheit gibt. Ein freier Barghouti könnte ein mächtiger Agent für die palästinensische Einheit werden, das letzte, nach dem israelische Oberherren schauen.

Divide and impera – „teile und herrsche“ ist seit römischen Zeiten ein führendes Prinzip von jedem Regime gewesen, das ein anderes Volk unterdrückt. Darin sind israelische Behörden unglaublich erfolgreich gewesen. Die politische Geographie lieferte einen idealen Rahmen. Das Westufer (westbank) des Jordan ist vom Gaza-Streifen durch etwa 50 km vom israelischen Gebiet abgeschnitten.

Hamas erhielt durch Wahlen und Gewalt den Gazastreifen und weigerte sich, die Führung der PLO zu akzeptieren, eine Union mit der säkulareren Organisation, die die Westbank beherrscht.

Dies ist keine ungewöhnliche Situation bei nationalen Befreiungsorganisationen. Gewöhnlich sind sie in mehr oder weniger extremen Flügeln getrennt – zum großen Entzücken der Unterdrücker. Es ist das Letzte, das israelische Behörden zu tun bereit wären: Barghouti frei zu lassen und ihm erlauben, die palästinensische nationale Einheit herzustellen – um Himmels Willen, nein!.

DIE HUNGERSTREIKER verlangen nicht die Entlassung, sondern fordern bessere Gefängnisbedingungen. Sie fordern – unter anderem – häufigere und längere Besuche von ihren Frauen und Familien, ein Ende der Folter, besseres Essen und ähnliches. Sie erinnern uns auch, dass es nach inter-nationalem Gesetz einer „Besatzungsmacht“ verboten ist, die Gefangenen aus dem besetzten Gebiet in das Gebiet des Besatzers zu bringen. Genau dies geschieht gegenüber fast allen palästinensischen „Sicherheitsgefangenen“.

Letzte Woche verlangte Barghouti genau dies in einem Op-ad-Artikel, in der New-York-Times, einem Akt, der die freundliche/ bessere Seite der Zeitung zeigt. Die redaktionelle Bemerkung beschreibt den Autor als einen palästinensischen Politiker und Mitglied des Parlaments. Es war ein mutiger Akt der Zeitung (die irgendwie in meinen Augen ihre Haltung wieder herstellen wollte, nachdem sie Bashar al-Assad verurteilte, dass er Giftgas verwendete, ohne dass es den leisesten Beweis gab.

Aber Mut hat seine Grenzen. Am genau nächsten Tag veröffentlichte die NYT eine Bemerkung, dass Barghouti wegen Mordes überführt wurde. Es war eine niederträchtige Kapitulation auf zionistischen Druck hin.

Der Mann, der diesen Sieg beanspruchte, war ein Individuum/ eine Person, das/die ich besonders unausstehlich finde. Er nennt sich selbst Michael Oren und ist jetzt ein vertretender Minister in Israel, war aber in den USA geboren und gehört zu einer Untergruppe amerikanischer Juden, die super-super Patrioten von Israel sind. Er nahm gleich die israelische Staatsangehörigkeit an und einen israelischen Namen, um als Israels Botschafter in den USA zu dienen. In dieser Funktion hat er Aufmerksamkeit geweckt, in dem er besonders bösartige anti-arabische Rhetorik anwand, so extrem, dass sogar Benjamin Netanjahu im Vergleich mit ihm moderat erschien.

Ich zweifle, dass diese Person jemals etwas für seinen Patriotismus geopfert hat. Tatsächlich hat er damit eine Karriere gemacht. Doch spricht er mit Verachtung über Barghouti, der fast sein ganzes Leben im Gefängnis oder Exil verbracht hat. Er beschreibt den Barghouti-Artikel in der NYT als einen journalistischen Terrorakt. Sieh, wer spricht.

EIN HUNGERstreik ist ein sehr mutiger Akt. Es ist die letzte Waffe der am wenigsten geschützten Menschen auf Erden – die Gefangenen. Die grässliche Margaret Thatcher ließ die irischen Hungerstreiker vor Hunger sterben.

Die israelischen Behörden wollten die palästinensischen Hungerstreiker unter Zwang füttern. Die israelische Ärzte- Vereinigung, sehr zu ihrer Ehre, weigerte sich, hier mitzuarbeiten, da solche Akte in der Vergangenheit zum Tode der Opfer führte. Das führte zu einem Ende dieser Art von Folter.

Barghouti forderte, dass palästinensische politische Gefangene wie Kriegsgefangene behandelt werden. Keine Chance.

Doch sollte man verlangen, dass jede Art von Gefangenen menschlich behandelt wird. Das bedeutet, dass der Entzug der Freiheit die einzige Strafe ist und dass innerhalb der Gefängnisse das Maximum von annehmbaren Bedingungen zugestanden werden sollte.

In einigen israelischen Gefängnissen scheint eine Art modus vivendi zwischen den Gefängnisbehörden und den palästinensischen Gefangenen gewesen zu sein. In den andern Gefängnissen hat man den Eindruck, dass der Gefängnisdienst/die Wärter der Feind der Gefangenen war, der ihnen das Leben so miserabel wie möglich machte. Das ist jetzt als Antwort auf den Hungerstreik noch schlimmer geworden.

Diese Politik ist grausam, illegal und contra-produktiv. Es gibt keinen Weg, um einen Hungerstreik zu gewinnen. Die Gefangenen müssen gewinnen, besonders wenn anständige Leute in aller Welt dies beobachten, Vielleicht sogar die NYT.

Ich warte auf den Tag, an dem ich Marwan wieder als freien Menschen in seiner Wohnung besuchen kann. Oder noch besser, wenn Ramallah in dieser Zeit eine Stadt im freien Staat Palästina sein wird.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser …)

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Um Cui Bono?

Erstellt von DL-Redaktion am 15. Oktober 2017

Um Cui Bono?

Autor Uri Avnery

CUI BONO – „wem nützt es“ – ist die erste Frage eines erfahrenen Detektivs, der ein Verbrechen untersucht.

Da ich selbst eine kurze Zeit lang in meiner Jugend ein Detektiv war, kenne ich die Bedeutung. Oft ist der erste und offensichtlichste Verdacht falsch. Man fragt sich selbst „Cui bono“ und ein anderer Verdacht, den man nicht vermutet hat, erscheint.

Seit zwei Wochen beunruhigt mich diese Frage und lässt mich nicht in Ruhe.

In Syrien ist ein schreckliches Kriegsverbrechen begangen worden. Die zivile Bevölkerung in einer von Rebellen gehaltenen Stadt, die Idlib heißt, wurde von Giftgasbomben getroffen. Dutzende von Zivilisten, einschließlich Kindern, starben einen elendiglichen Tod.

Wer konnte so etwas tun? Die Antwort war offensichtlich: der schreckliche Diktator Bashar al-Assad tat dies. Wer sonst?

Ein Beweis ist nicht nötig. Keine Untersuchung. Es war selbstverständlich. Natürlich Assad. Innerhalb Minuten wusste es jeder.

Ein Sturm von Entrüstung ging durch die westliche Welt. Er muss bestraft werden. Armer Donald Trump, der keine Ahnung hatte, sah sich dem Druck ausgesetzt und befahl einen sinnlosen Raketen-Angriff auf ein syrisches Flugfeld, nachdem jahrelang gepredigt wurde, dass die USA unter keinen Umständen in den Syrienkrieg verwickelt werden darf. Plötzlich hat er sich um-entschlossen. Nur um diesem Bastard eine Lektion zu erteilen. Und um der Welt zu zeigen, was er wirklich für ein toller Mann ist.

Die Operation war ein immenser Erfolg. Übernacht wurde der verachtete Trump ein Nationalheld. Selbst Liberale küssten seine Füße.

DOCH DURCHGEHEND nagte diese Frage an meinem Verstand. Warum hat Assad dies getan? Was hat er damit gewonnen?

Die einfache Antwort ist: Nichts. Absolut nichts.

(„ASSAD“ bedeutet „LÖWE“ im Arabischen. Im Gegensatz zu dem, was westliche Experten und Staatsmänner zu glauben scheinen, liegt die Betonung auf der ersten Silbe.)

Mit Hilfe der Russen, dem Iran und der Hisbolla, gewinnt Assad langsam den Bürgerkrieg, der seit Jahren in Syrien wütet. Er hat schon fast alle größeren Städte erreicht, die das Herzstück Syriens bilden. Er hat genug Waffen, um jede Anzahl von feindlichen Zivilisten zu töten.

Warum also um Allahs Willen sollte er Gasbomben verwenden, um ein paar Dutzend mehr zu töten? Warum den Zorn der ganzen Welt auf sich ziehen?

Keinen Weg gibt es, die Schlussfolgerung zu leugnen: Assad hat das Wenigste aus der niederträchtigen Tat zu gewinnen. Auf der Liste von Cui bono ist er der letzte.

Assad ist ein zynischer Diktator, vielleicht grausam, aber er ist bei weitem kein Dummkopf. Er wurde von seinem Vater Hafez al-Assad erzogen, der eine lange Zeit vor ihm ein Diktator war. Selbst wenn er ein Dummkopf wäre, seine Berater schließen einige der klügsten Leute auf Erden ein: Vladimir Putin von Russland, Hassan Rouhani vom Iran, Hassan Nassrallah von der Hisbollah.

Also wer hat etwas zu gewinnen? Nun, ein Dutzend syrischer Sekten und Milizen, die gegen Assad kämpfen und gegen jeden anderen in diesem verrückten Bürgerkrieg. Auch ihre sunnitisch arabischen Verbündeten, die Saudis und andere Golf-Scheichs. Und Israel, natürlich. Alle haben sie ein Interesse, die zivilisierte Welt gegen den syrischen Diktator zu erwecken.

Eine ganz simple Logik.

EIN MILITÄRISCHER Akt muss ein politisches Ziel haben. Wie Carl von Clausewitz vor 200 Jahren berühmter Weise sagte: der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

Die zwei Hauptopponenten im syrischen Bürgerkrieg sind das Assad-Regime und Daesh. Was ist also das Ziel der US? Es klingt wie ein Witz, Die US wollen beide Seiten zerstören. Noch ein Witz: als erstes wollen sie Daesh zerstören, deshalb bombardiert es Assad.

Die Zerstörung von Daesh ist höchst wünschenswert. Es gibt kaum eine widerwärtigere Gruppe in der Welt. Aber Daesh ist nicht nur eine Organisation. es ist eine Idee. Die Zerstörung des Daesh-Staates wird Tausende von engagierten Mördern über die ganze Welt zerstreuen.

Amerikas eigene Klienten in Syrien haben ein trauriges Los, sie sind fast geschlagen. Sie haben keine Chance zu gewinnen.

Assad jetzt verletzen, bedeutet nur, den Bürgerkrieg zu verlängern, der jetzt sogar sinnloser ist als vorher.

FÜR MICH, einem professionellen Journalisten fast mein Leben lang, ist der deprimierendste Aspekt dieses ganzen Kapitels der Einfluss der amerikanischen und westlichen Medien im Allgemeinen.

Ich lese die New York Times und bewundere sie. Doch zerkleinern sie all ihre professionellen Standards durch Veröffentlichen einer unbewiesenen Vermutung als biblische Wahrheit ohne Nachweis der Bestätigung. Vielleicht ist schließlich Assad anzuklagen. Aber wo sind die Beweise? Wer hat untersucht und was waren die Resultate?

Noch schlimmer, die „Nachrichten“ wurden unmittelbar eine weltweite Wahrheit. Viele Millionen wiederholen bedenkenlos als selbstverständlich wie den Sonnenaufgang im Osten und den Sonnenuntergang im Westen.

Keine Frage taucht auf. Kein Beweis wird verlangt oder erbracht. Sehr deprimierend.

ZURÜCK ZUM Diktator. Warum benötigt Syrien einen Diktator? Warum ist Syrien keine wunderbare Demokratie im Stil der Bundesrepublik?

Die syrische Diktatur ist kein zufälliges Phänomen. Sie hat sehr konkrete Wurzeln.

Syrien wurde von Frankreich nach dem 1. Weltkrieg geschaffen. Ein Teil spaltete sich später ab und wurde der Libanon.

Beides sind künstliche Erzeugnisse. Ich zweifle, ob es da heute echte Syrer und echte Libanesen gibt.

Der Libanon ist ein gebirgiges Land, ideal für kleine Sekten, die sich selbst verteidigen müssen. Während der Jahrhunderte fanden kleine Sekten hier Zuflucht. Die Folge davon ist, dass der Libanon voll solcher kleinen Sekten ist, die sich einander nicht lieben – Sunniten, Muslime, Shiitische Muslime, maronitische Christen und viele andere christliche Sekten, Drusen, Kurden.

Syrien ist größtenteils dasselbe mit denselben Sekten und zusätzlich den Alawiten. Diese sind wie die Shiiten Nachfolger des Ali Ibn Abi Talab, einem Cousin und Schwiegersohn des Propheten (deswegen der Name). Sie besetzen einen Streifen Land im Norden von Syrien.

Beide Länder mussten ein System erfinden, das solchen verschiedenen und einander verfeindeten Entitäten das Zusammenleben erlaubt. Sie fanden zwei verschiedene Systeme.

Im Libanon mit einer Vergangenheit von vielen brutalen Bürgerkriegen, erfand man eine Teilung. Der Präsident ist immer ein Maronit, der Ministerpräsident ein Sunnit, der Kommandeur der Armee ist ein Druse und der Sprecher des Parlamentes ein Shiit.

Als Israel 1982 den Libanon überfiel, waren die Shiiten im Süden die untersten auf der Leiter. Sie begrüßten unsere Soldaten mit Reis. Aber bald wurde ihnen klar, dass die Israelis nicht gekommen waren, um ihre herrischen Nachbarn zu besiegen, sondern um zu bleiben. So begannen die einfachen Shiiten einen sehr erfolgreichen Guerillakrieg, in dessen Verlauf sie die mächtigste Gemeinschaft im Libanon wurden. Sie werden von der Hisbollah geführt. Aber das System hält noch.

Die Syrer fanden ein anderes System. Sie unterwarfen sich bereitwillig einer Diktatur, um das Land zusammenzuhalten und um den internen Frieden zu sichern.

Die Bibel erzählt uns, dass als das israelitische Volk sich entschied, einen König zu haben, sie einen Mann mit Namen Saul nahmen, der zum kleinsten Stamm gehörte, Benjamin. Die modernen Syrer machten weitaus dasselbe. Sie unterwarfen sich einem Diktator aus einem der kleinsten Stämme, den Alawiten.

Die Assads sind säkular, nicht religiöse Herrscher – das genaue Gegenteil von den fanatischen, mörderischen Daesh. Viele Muslime glauben, dass die Alawiten überhaupt keine Muslime sind. Seit Syrien (und Ägypten )den Yom-Kippur-Krieg gegen Israel vor 44 Jahren verloren hatte, hielten die Assads an unserer Grenze Frieden, obwohl Israel die syrischen Golanhöhen annektiert hat.

Der Bürgerkrieg in Syrien geht weiter. Jeder kämpft gegen jeden. Die verschiedenen Gruppen von „Rebellen“ – finanziert und bewaffnet von den US –, sind jetzt in schlechter Form. Es sind mehrere konkurrierende Gruppen von Jihadisten, die die Jihadistischen Daesh hassen. Eine kurdische Enklave will sich trennen , sie sind keine Araber, aber meistens Muslime. Andere Kurden leben in Enklaven in der südlichen Türkei, im Irak und Iran. Sie können keine gemeinsame Sache machen. Weil sie einander hassen.

Und da ist der arme, unschuldige Donald Trump, der geschworen hat, sich nicht in all dieses Durcheinander hineinziehen zu lassen, tut jetzt genau dies.

Einen Tag vorher wurde Trump vom halben amerikanischen Volk, einschließlich der Medien verachtet. Nur durch den Abschuss von ein paar Raketen hat er, als ein mächtiger und weiser Führer allgemeine Bewunderung gewonnen.

Was sagt das über das amerikanische Volk aus und über die Menschheit im Allgemeinen aus?

( dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser

 

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Das Nessos-Gewand

Erstellt von DL-Redaktion am 8. Oktober 2017

Das Nessos-Gewand

Autor Uri Avnery

IN EIN paar Wochen wird Israel den 50. Jahrestag des Sechstagekrieges feiern. Millionen von Wörtern, die meisten von ihnen ohne Bedeutung, werden, wie gewöhnlich, ausgeschüttet.

Aber das Ereignis verdient mehr. Es ist ein einzigartiges Drama in der menschlichen Geschichte. Nur ein biblischer Schreiber könnte ihm gerecht werden. William Shakespeare könnt es versucht haben.

Ich vermute, dass die meisten der gegenwärtigen Einwohner Israels damals noch nicht lebten und sicherlich nicht fähig sind, das zu verstehen, was sich (damals) ereignete.

Lasst mich deshalb versuchen, das Drama zu erzählen, wie ich es sah.

ES BEGANN am Unabhängigkeitstag, 1967, dem jährlichen Fest der offiziellen Gründung des Staates Israel. Es war erst der 19. Jahrestag.

Der Ministerpräsident Levy Eshkol stand auf der Tribüne und salutierte die Parade der Armee. Eshkol war so weit entfernt wie möglich von militärischen Feierlichkeiten. Er war durch und durch eine Zivilperson, der Führer einer Gruppe von Partei-Ältesten, die den autoritären David Ben-Gurion aus der herrschenden Labor-Partei vier Jahre früher aus der Arbeiter-Partei herausgeworfen hatte.

Mitten in den Feierlichkeiten gab jemand Eshkol ein Blatt Papier. Eshkol warf einen Blick darauf und verhielt sich, als wäre nichts geschehen.

Es war eine kurze Botschaft. Die ägyptische Armee war auf die Sinai-Halbinsel einmarschiert.

DIE ERSTE öffentliche Reaktion war Unglauben. Was? Die ägyptische Armee? Jeder wusste, dass die ägyptische Armee im entfernten Jemen zu tun hatte. Dort wütete ein Bürgerkrieg und die Ägypter hatten nicht sehr erfolgreich interveniert.

Aber die nächsten Tage bestätigten das Unglaubliche. Gamal Abd-al –Nasser, der ägyptische Präsident, sandte tatsächlich Teile seiner Armee in die Sinai-Wüste. Es war eine klare Provokation gegenüber Israel.

Die Sinai –Halbinsel ist ein Teil von Ägypten. 1956 hatte Israel sie besetzt in geheimer Absprache mit zwei überholten Kolonialmächten, Frankreich und Großbritannien. Ben Gurion, damals Ministerpräsident hatte das Dritte Israelische Reich erklärt (nach dem Davidischen und dem Hasmonäischen , vor mehr als zwei Tausend Jahren) musste sich aber traurig zurückziehen.

Der US-Präsident Dwight Eisenhower und der sowjetische Präsident Nicolai Bulgarin hatten beide ein Ultimatum gesandt und Israel hatte keine Wahl, als zu gehorchen. Israel gab also alles zurück, das es erobert hat, bekam aber zwei Trostpreise: der Sinai war demilitarisiert. UN-Truppen besetzten Schlüsselpositionen. Die Ägypter mussten die Straße von Tiran öffnen, der Ausgang des Golfes von Aqaba, von dem Israels kleine Exporte in den Osten abhing.

Was hat Nasser, ein großer Redner, aber auch besonnener Staatsmann, veranlasst, solch ein Abenteuer zu beginnen?

ES BEGANN in Syrien, ein Konkurrent von Ägypten, was die Führung der arabischen Welt betraf. Yasser Arafats Guerillas hatten Israel einige Male von der syrischen Grenze überfallen und der israelische Stabschef hatte erklärt, dass die israelische Armee nach Damaskus marschieren würden, falls dieser Unfug nicht aufhört.

Nasser sah eine Möglichkeit, seiner Führung in der arabischen Welt wieder Geltung zu verschaffen. Er warnte Israel, Syrien nicht anzugreifen und um seine Ernsthaftigkeit zu betonen, sandte er seine Armee in den Sinai. Er sagte auch den UN-Truppen, dass sie mehrere ihrer Positionen evakuieren sollen.

Dies erzürnte den UN-General-Sekretär, den Birmeser U Thant, der auch kein sehr weiser Führer war. Er antwortete, dass wenn Nasser darauf besteht, würden die UN-Truppen ganz Sinai verlassen. Da Nasser seine Forderung nicht ohne Prestigeverlust zurückziehen konnte, verließen alle UN-Truppen den Sinai.

Dies schuf in Israel eine Panikstimmung. Alle Reservisten der Armee wurden gerufen. Die Männer verschwanden von den Straßen. Israels Männerwelt wurde an der ägyptischen Grenze konzentriert, taten nichts und wurden von Tag zu Tag ungeduldiger. Die Angst in Israel von Tag zu Tag schlimmer. Der Zivilist Eshkol erweckte kein Vertrauen als militärischer Führer. Um die Dinge noch schlimmer zu machen, geschah etwas Kurioses. Um die Panik zu beruhigen, entschied Eshkol, sich an die Nation zu wenden. Er hielt eine Rede im Radio (TV gab es noch nicht), die er im Voraus geschrieben hatte. Bevor er sie verlas, gab er sie seinem Hauptberater, der ein paar kleine Korrekturen machte, aber an einer Stelle vergaß er das korrigierte Wort zu streichen.

Als Eshkol diese Stelle erreichte, zögerte er. Welche Version war nun die Richtige? Es war, als ob der Minister Präsident (der auch Verteidigungsminister war) stotterte, während das Schicksal der Nation an einem Faden hing.

ABER WAR das so? Während die Panik um mich herum wuchs, ging ich herum wie ein Bräutigam bei einer Beerdigung. Selbst meine Frau dachte, ich wäre ein bisschen verrückt.

Aber ich hatte allen Grund. Einige Monate vor dem Start der Krise, war ich in einen Kibbuz eingeladen, um eine Rede zu halten. Wie gewöhnlich wurde ich danach zu einem Kaffee mit einigen älteren Kibbuz Mitgliedern eingeladen. Dort sagte mir ein Mitglied im Vertrauen, dass eine Woche vorher der Armee-Kommandeur der Nordfront nach seiner Rede auch zum Kaffee eingeladen war und den Veteranen anvertraute: „Jede Nacht, bevor ich ins Bett gehe, bete ich zu Gott, dass Nasser seine Armee in den Sinai schickt. Dort werden wir sie vernichten.“

Zu dieser Zeit war ich der Herausgeber eines Massen-Magazins, und auch ein Mitglied der Knesset und der Vorsitzende der Partei, die mich ins Parlament gesandt hatte. Ich schrieb einen Artikel „Nasser ist in eine Falle geraten“, die nur den Eindruck stärkte, dass mit mir etwas nicht in Ordnung sei.

Aber Nasser realisierte bald , dass er tatsächlich in eine Falle geraten war. Verzweifelt versuchte er heraus zu kommen – aber es war der falsche Weg. Er äußerte blutrünstige Drohungen, erklärte die Schließung der Straße von Tiran (Er schickte aber gleichzeitig im Geheimen einen zuverlässigen Kollegen nach Washington, der den Präsident drängte, Israel zu stoppen. Wie alle arabischen Führer in jener Zeit glaubte er ernsthaft, dass Israel nur gerade eine amerikanische Marionette sei.)

Tatsächlich waren die Meeresstraßen nie wirklich geschlossen. Aber die Ankündigung machte den Krieg unvermeidbar. Unter immensem öffentlichem Druck hat Eshkol das Verteidigungsministerium aufgegeben und es an Mosche Dayan gegeben. Mehrere der geachtetsten Generäle verlangten Eshkol zu treffen und drohten abzutreten, wenn der Armee nicht sofort ein Angriff befohlen wurde. Der Befehl wurde gegeben.

AM ZWEITEN Tag des Krieges wurde ich in die Knesset gerufen. Ich war an einer Grippe erkrankt, aber stand auf und fuhr nach Jerusalem. Mein leuchtend weißer Wagen schien wie ein Meteor in der Masse der Panzer, die auch nach Jerusalem eilten. Aber die Soldaten ließen mich durch und überschütteten mich mit scherzhaften Kommentaren.

Die Knesset war unter Beschuss von der nahen jordanischen Artillerie. Wir stimmten hastig für das Kriegs-Budget (Ich stimmte dafür und bereute es nicht, wie zwei andere Abstimmungen – doch das ist eine andere Geschichte.) Dann eilten wir schnell in den Schutzraum.

Dort flüsterte mir ein hochrangiger Freund ins Ohr „ Alles ist fertig. Wir haben die ägyptische Luftwaffe am Boden zerstört.“ Und so war es auch. Der wirkliche Gründer der israelischen Luftwaffe, Ezer Weitzman, hatte seit Jahren für diesen Tag geplant und die Luftwaffe für diesen einen Job gestaltet.

Das Folgende ist Geschichte. In sechs unglaublichen Tagen zerstörte die israelische Armee leicht drei arabische Armeen und Teile von einigen mehr, die ohne Luftdecke blieben. Das Land war in einem Freudentaumel. Siegeslieder und Sieges-parties wurden überall gefeiert. Alle Vernunft wurde zum Teufel gejagt.

AM FÜNFTEN Tag des Krieges veröffentlichte ich einen „offenen Brief“ an den Minister Präsidenten und bat ihn, sofort eine Volksabstimmung unter den Palästinensern in den Gebieten anzuordnen, die wir gerade erobert hatten. Es solte ihnen die Gelegenheit gegeben werden zu wählen, ob sie in das jordanische Königreich zurück wollten, oder von Israel annektiert werden oder einen palästinensischen nationalen Staat errichten wollten.

Ein paar Tage nach dem Kriegsende lud mich Eshkol zu einem privaten Treffen ein und nachdem er meine Ideen über einen palästinensischen Staat, Seite an Seite mit Israel, zugehört hatte, fragte er mich freundlich: „Uri, was für eine Art von Kaufmann bist du? Wenn jemand ein Geschäft machen will, fängt er damit an, das Maximum zu verlangen und das Minimum anzubieten, und langsam nähert man sich einem Kompromiss Du willst, dass wir alles im Voraus anbieten?“

Also wurde den Palästinensern nichts angeboten. 50 Jahre später sitzen wir mit der Besatzung fest. Israel hat sich vollkommen verändert; der verachtete Rechte Flügel hat fast die absolute Macht übernommen, Siedler wandern in der Westbank herum und Gaza ist in ein isoliertes Ghetto verwandelt worden. Israel ist in einen kolonialen Apartheid-Staat verwandelt worden.

FALLS ICH religiös wäre, würde ich es in dieser Weise erklären: vor vielen Jahren hat Gott sein erwähltes Volk, Israel, aus dem Heiligen Land ins Exil gesandt, als Strafe für seine Sünden. Vor 130 Jahren entschied sich ein Teil des Volkes von Israel ohne Gottes Erlaubnis ins Heilige Land zurückzukehren. Jetzt hat Gott das Volk von Israel wieder gestraft, indem er ihm einen wunderbaren Sieg schenkte und diesen Sieg in einen Fluch verwandelte, der in eine Katastrophe führt.

Zu diesem Zweck lieh sich Gott eine Idee von seinen griechischen Kollegen. Er verwandelte die besetzten Gebiete in ein Nessosgewand.

Nessos, der Centauros, wurde vom Held Herkules getötet. Doch bevor er starb, bedeckte er sein Gewand mit einem tödlichen Gift. Als Herkules es anzog, klebte es an seiner Haut und er konnte es nicht mehr ausziehen. Als er dies versuchte, tötete es ihn.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

 

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Die Universität des Terrors

Erstellt von DL-Redaktion am 1. Oktober 2017

Die Universität des Terrors

Autor Uri Avnery

VOR EINIGEN TAGEN beging ein Mann im Zentrum von London, einer Stadt, die ich liebe, einen Terrorakt.

Er überfuhr mehrere Personen auf der Westminster Brücke , stach einen Polizisten zu Tode und näherte sich den Türen des Parlaments, wo er erschossen wurde. All dies im Schatten des Turms Big Ben, ein unwiderstehliches Photo- Ziel.

Es war ein elektrifizierendes weltweites Nachrichtenobjekt. Innerhalb von Minuten wurde Daesh die Schuld gegeben. Aber als die Wahrheit herauskam, war der Terrorist ein konvertierter britischer Bürger, ein Muslim, der in England geboren wurde. Von früher Jugend an hatte er eine Reihe von kleinen Straftaten begangen. Er war mehrere Male im Gefängnis gewesen.

Wie wurde ausgerechnet dieses Individum ein religiöser Fanatiker, ein Shahid – ein Zeuge der Wahrheit Allahs geworden, der sein Leben für die Größe des Islam opferte? Wie war er ein Straftäter von einer Tat geworden, die Europa und die Welt schockierte?

BEVOR ICH versuche, auf diese faszinierende Frage eine Antwort zu geben, bemerke ich noch eine Wirksamkeit des Terrorismus.

Wie der Terminus des „Terrorismus“ besagt, ist es eine Sache der sich ausbreitenden Furcht. Es ist eine Methode, um ein politisches Ende zu erreichen, indem man dem Volk Angst macht.

Aber warum fürchten sich die Menschen so sehr vor Terroristen? Das ist für mich immer ein Rätsel gewesen, sogar als ich als Junge zu einer Organisation gehörte, die von den britischen Lehensherren als „terroristisch“ bezeichnet wurde-

Ich weiß nicht, wie viele Leute bei Straßenunfällen im Vereinigten Königreich im selben Monat wie die Westminsterattacke zu Tode kamen. Ich vermute, dass die Zahl sehr viel größer war. Doch die Leute fürchten sich nicht sehr vor Straßenunfällen. Sie halten sich nicht vom Spaziergang auf der Straße zurück. Gefährliche Autofahrer werden nicht vorsorglich in Haft gehalten.

Doch eine sehr kleine Anzahl von „Terroristen“ genügt, um eine hysterische Furcht im ganzen Land, auf ganzen Kontinenten, ja sogar auf dem ganzen Globus auszulösen.

Großbritannien sollte der letzte Ort in der Welt sein, dieser totalen irrationalen Furcht zu erliegen. 1940 stand diese kleine Insel gegen den Koloss des von Nazis eroberten Europa. Ich erinnere mich noch an ein mitreißendes Poster, das an den Mauern in Palästina befestigt war. Es zeigte den Kopf von Winston Churchill mit dem Slogan: „ Also dann alleine!“

Konnte ein einziger Terrorist mit einem Wagen und einem Messer dieses Land zum Fürchten bringen?

Für mich klingt dies verrückt, doch dies ist für mich nur eine Seitenbemerkung. Meine Absicht hier ist es, ein Licht auf eine Institution zu werfen, an die wenige Leute denken: ein Gefängnis.

DER WESTMINSTER-Terroristen-Angriff lässt eine einfache Frage aufkommen: Wie wird ein kleiner Krimineller zu einem Shahid, der weltweite Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Es gibt viele Theorien, viele von ihnen werden von Experten erhoben, die bei weitem kompetenter sind als ich. Religiöse Experten. Kulturelle Experten. Islamistische Experten. Kriminologen.

Meine eigene Antwort ist bei weitem sehr einfach. Es ist das Gefängnis, das dies tut.

BEWEGEN WIR uns von Großbritannien und der Religion so weit weg wie möglich. Lasst uns nach Israel zurückkommen und zu unserer lokalen kriminellen Szene.

Wir hören oft von größeren Verbrechen, die von Leuten begangen wurden, die als jugendliche Straftäter begannen.

Wie wird eine gewöhnliche Person Chef eines organisierten Verbrechens? Wo hat er studiert? Nun, am selben Ort wie der britische Jihadist. Oder ein israelischer Muslim-Jihadist.

Ein Junge hat zu Hause Ärger. Vielleicht hat sein Vater seine geliebte Mutter regelmäßig geschlagen. Vielleicht ist seine Mutter eine Prostituierte. Vielleicht ist er ein dummer Schüler gewesen und wurde von seinen Kameraden verachtet. Irgendeine von Hundert Gründen.

Mit 14 wird der Junge beim Diebstahl ertappt. Nachdem er von der Polizei gewarnt und entlassen wurde, stiehlt er wieder. Er wird ins Gefängnis gesteckt. Im Gefängnis adoptiert ihn der respektierteste Verbrecher, vielleicht sogar sexuell. Er wird immer wieder ins Gefängnis gesteckt und langsam steigt er in der unsichtbaren Gefängnis-Hierarchie hoch.

Er wird von seinen Mitgefangenen respektiert, er hat Autorität. Das Gefängnis wird seine Welt, er kennt die Regeln. Er fühlt sich gut.

Als er entlassen wird, wird er wieder ein Niemand. Die Korrektur Behörde behandelt ihn wie einen Gegenstand. Er sehnt sich danach, in seine Welt zurückzukehren, an den Ort, an dem er bekannt ist und respektiert. Er wird nicht ins Gefängnis geschickt, weil er ein Verbrechen begangen hat. Er begeht ein Verbrechen, um wieder ins Gefängnis geschickt zu werden.

Er wird selbst ein Verbrecher-Boss. Als er ins Gefängnis zurückkehrt, behandelt ihn sogar der Direktor wie einen alten Bekannten.

Während der Jahre hat das Gefängnis für ihn wie eine Universität gewirkt, eine Universität der Verbrechen. Es ist dort, wo er all die Tricks eines Gewerbes lernte, bis er selbst ein Professor geworden ist.

Der kleine ins Gefängnis gesperrte Muslim-Dieb, mag dort einem gefangenen Muslim-Prediger getroffen haben, der ihn überzeugte, dass er kein verachteter Krimineller sei, sondern einer von den wenigen von Allahs Erwählten, um die Ungläubigen zu zerstören.

ALL DIES ist alter Stoff. Ich enthülle nichts Neues. Jeder Häftling, jeder höhere Polizei-Offizier, jeder Gefängnisdirektor oder Psychologe weiß es viel besser als ich.

Wenn es so ist, wie kommt es, dass keiner etwas dagegen tut? Warum funktioniert das Gefängnis heute wie vor hundert Jahren?

Ich habe den Verdacht, dass die einfache Antwort folgende ist: Keiner weiß, was stattdessen getan werden muss.

Die Briten hatten einst eine gute Antwort: sie schickten alle Kriminelle, selbst kleine Diebe nach Australien. Falls sie nicht schon vorher aufgehängt worden sind.

Aber in modernen Zeiten ist dieses Hausmittel abhanden gekommen. Australien ist jetzt eine starke Nation, das unglückliche Flüchtlinge auf entfernte pazifistische Inseln schickt.

Die Vereinigten Staaten, die mächtigste Weltmacht mit einigen der besten Universitäten, halten Millionen ihrer Bürger in Gefängnissen, wo sie zu abgehärteten Kriminellen werden.

Israels Gefängnisse sind zum Platzen voll mit Inhaftierten, viele von ihnen sind „Terroristen“, die ohne Gerichtsverhandlung dort sind. Dies wird beschönigend „Präventiv-Haft“ genannt – ein Oxymoron.

Wenn man einen Polizei-Offizier über die Logik dieses ganzen Systems fragt, zuckt er mit seinen Schultern und antwortet – die jüdische Art und Weise – mit einer anderen Frage: Was kann man sonst mit ihnen tun?

So hat die Gesellschaft Jahr um Jahr, Jahrhunderte um Jahrhunderte seine Kriminellen in die Kriminal-Universität geschickt. Studium mit Vollpension und Ausgaben, die vom Staat bezahlt werden.

Und natürlich hängt eine riesige Armee von Gefängniswärtern, Polizei-Männer und -Frauen, Experten und Akademiker mit ihrem Lebensunterhalt von diesem System ab. Alle sind glücklich.

SELTSAM GENUG: ich war nie im Gefängnis, obwohl ich mehrere Male nahe dran war.

Wie ich schon woanders erzählte, schlug einmal der Ministerpräsident vor, mich in „Administrativ-Haft“ zu nehmen, ohne Richter, als ausländischen Spion. Dies war nur von Menachim Begin, dem Führer der Opposition verhindert worden, der seine Zustimmung verweigerte.

Ein anderes Mal war nach meinem Treffen mit Yassir Arafat während der Belagerung von Beirut, als die Regierung offiziell den General-Anwalt bat, mich wegen Verrats zu untersuchen. Der Anwalt, eine nette Person, entschied, ich hätte kein Verbrechen begangen. Ich hätte keine Grenze illegal überschritten, weil ich in das belagerte Ost-Beirut von der israelischen Armee als Zeitungsherausgeber eingeladen war. Es gab also keinen Verdacht, dass ich die Absicht hatte, die Sicherheit des Staates zu verletzen.

Ich habe also soweit keine persönliche Erfahrung mit dem Gefängnis gemacht. Aber die Absurdität der ganzen Situation hat mich viele Jahre beschäftigt. Ich hielt mehrere Reden darüber in der Knesset. Vergebens. Keiner weiß eine Alternative.

Meine verstorbene Frau war eine Lehrerin. Sie weigerte sich immer, eine höhere Klasse als die zweite zu nehmen. Sie war davon überzeugt, dass in diesem Alter der Charakter eines menschlichen Wesens schon voll entwickelt ist.

Wenn es so ist, dann sollten alle Bemühungen sich auf dieses sehr frühe Alter konzentrieren.

Ich bin mir sicher, dass irgendwo Experimente mit anderen Antworten ausgeführt werden. Vielleicht in Schweden oder auf der Insel Fiji.

Wäre es nicht höchste Zeit?

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Das nationale Rätsel

Erstellt von DL-Redaktion am 24. September 2017

Das nationale Rätsel

Autor Uri Avnery

WAS IST der Unterschied zwischen einer Korporation und einer Autorität?

Du weißt es nicht? Schließe dich den 8,5 Millionen an, die es auch nicht wissen.

Es ist ein nationales Rätsel. Das ganze Land ist davon absorbiert. Der Ministerpräsident verkündet, dass er „bis ans Ende gehen wird, um sein Ziel zu erreichen. Welches Ziel? Ich weiß es nicht. Ich bin mir nicht sicher, dass er es weiß. Keiner von denen, die ich kenne, weiß es.

Der Ministerpräsident droht mit dem Schlimmsten. Wenn er nicht seinen Weg gehen kann – ganz gleich, was es ist – er will etwas absolut Schreckliches tun: neue Wahlen verkünden. Lass die Leute entscheiden, ob sie die Autorität oder die Korporation wollen. Ganz gleich was sie sind.

WORUM GEHT es überhaupt? Eine Sache ist sicher. Es betrifft die öffentlichen Medien.

Benjamin Netanyahu will sie alle unter seiner Kontrolle haben. Vollkommen. Total. Radio. Fernsehen. Die sozialen Medien.

Es sieht so aus, dass es nicht einfach ist, sie in den Griff zu bekommen.

Lange bevor es Israel gab und lange bevor es ein Fernsehen gab, gründete die britische Regierung von Palästina die „Stimme Jerusalems“, eine Radio-Station, die uns mit Nachrichten während des 2.Weltkrieg versorgte. Als der Staat Israel entstand, wurde diese Radio-Station die „Stimme Israels“. Die Radio-Behörde blieb. Offiziell gehört sie der Regierung, aber sie erfreut sich einer beträchtlichen Autorität.

Dann kam das Fernsehen und jetzt gibt es mehrere Netzwerke. Eine von ihnen ist eine öffentliche. Sie gehört derselben Behörde.

Netanjahu ist sehr empfindlich. Er liebt keine Kritik. Auch seine Frau Sarahle nicht. Das königliche Paar fragte sich, wie man die unverschämten Stimmen zum Schweigen bringen und Abhilfe schaffen kann: die Behörde abschaffen und eine Körperschaft schaffen. Durch diese einfache List könnten sie all die alten Hände (und Münder) loswerden, die sie verachten.

So wurde entschieden, Gesetze wurden verabschiedet, ein Budget wurde angenommen, neues Personal wurde angestellt.

ABER DANN wachten Netanjahu – oder seine Frau – eines Nachts auf und fragten sich: Hey, was haben wir getan?

Wer wird all diesen guten Korporations-Leuten sagen, was sie senden sollen und was nicht?

Die neue Korporation wurde nach der sehr bewunderten BBC modelliert – nach der britischen Radio-Korporation. Die BBC erfreute sich einer großen Unabhängigkeit. Wünschen wir wirklich eine Korporation, die die Wünsche des Ministerpräsidenten ignoriert? Und noch schlimmer: die Wünsche seiner Frau?

Natürlich nicht. Haltet alles an!

Hier sind wir also heute. Die alte Behörde ist noch nicht entlassen worden, ihr aufgeblähtes Personal noch nicht gekündigt worden. Seine verschiedenen Fernseh- und Radio-Stationen sendeten täglich rund um die Uhr. Und da ist nun die neuen Sende-Korporation, voll neuer Angestellten, dafür vorgesehen am 30. April auf Sendung zu gehen – nur einen Monat und 5 Tage entfernt.

Wer wird am 1. Mai senden? Die Behörde? Die Korporation? Beide? Oder Keiner? Nur der Allmächtige weiß dies. Vielleicht nicht einmal ER.

Wer ist Netanjahus Feind in diesem Kampf? Ein ganz unwahrscheinlicher Feind: Moshe Kachlon, der Finanzminister. Ein sanfter, anspruchsloser Typ mit einem Dauerlächeln, ein früheres Likud-Mitglied. Der Allmächtige – derselbe – hat diese Miezekatze in einen Löwen verwandelt. Wunder geschehen.

Ich habe zufällig in dieser Woche ein Radio-Studio besucht. Radioleute rund um mich. Ich fragte sie – einen nach dem anderen – worum es bei diesem Kampf geht. Sie gaben sich große Mühe, dies mir zu erklären. Am Ende hatte ich keine Idee und ich hatte den starken Eindruck, dass sie auch keine haben.

IN DIESER Woche machte Netanjahu einen Staatsbesuch in China, um so weit wie möglich entfernt zu sein. Zwischen diesen beiden Weltmächten China und Israel, der Elefant und die Maus – gibt es gute Beziehungen.

Der Ministerpräsident wurde herumgeführt. Er wurde zur großen Mauer geführt. Fotos zeigten ihn, wie er von dunkel gekleideten Männern umgeben ist und einer rot gekleideten Frau, seiner Ehefrau. Er telefonierte gerade und ignorierte die einzigartige Landschaft.

Mit wem? Diese verdammten Journalisten fanden es heraus: der Ministerpräsident sprach mit seinen Untergeordneten im weit entfernten Israel über das Auflösen der neuen Korporation und die Stärkung der alten Behörde. Sein Finanzminister verkündete, wenn dies geschieht, wird er die Regierung platzen lassen, eine neue Wahl ist dann unvermeidbar, wenn Netanjahu an der Macht zu bleiben wünscht.

Warum? Ohne Kachlon und seine Partei Kulanu; wird Netanjahu und seine ultra-rechte Koalition keine Mehrheit haben. Die Opposition, zusammen mit Kachlon wird eine neue Mehrheit haben. Theoretisch könnte dies eine neue Regierung werden. Es ist keine Wahl nötig. Es ist eine einfache Arithmetik.

Eh …. Stimmt. Aber Arithmetik ist keine Politik. Solch eine neue Koalition würde die arabische Partei einschließen, und dass ist zu viel für sowohl Lapid als auch Herzog.

Während dieser ganzen lächerlichen Affäre, wurde die Stimme der Opposition überhaupt nicht gehört. Als ob der Allmächtige – noch immer derselbe – sie alle stumm gemacht hat. Als ob Yair Lapid, gewöhnlich ein immer verfügbarer Redner, der nach den nächsten Wahlen vielleicht die größte Partei in der Knesset führen wird, plötzlich nach Worten suchen muss. Armer Mann.

Nicht ganz so arm wie Yitzhak Herzog, der Führer des zionistischen Lagers (auch als Labor-Partei bekannt). Nicht ein Wort. Er hat nichts zu sagen – unglaublich, dass dies einem Politiker passieren kann.

Warum plötzlich dieses Schweigen? Ganz einfach: auf beiden Seiten des Konflikts sind Journalisten. Und welcher Politiker möchte mit Journalisten streiten? Wer außer Benjamin Netanjahu?

WAS WÜNSCHT er? Was ist der Zweck dieses ganzen Krawalls?

Das ist ein leicht zu beantwortendes Rätsel: Netanjahu wünscht direkte Kontrolle über alle Medien. Er wünscht, in der Lage zu sein, jedem einzelnen Medienmann, was zu sagen und was nicht zu sagen ist.

Nach den Wahlen hielt er in seinen eigenen Händen nicht nur das Amt des Minister-Präsidenten und das des Außenministers, sondern auch das des Kommunikations-Ministeriums, ein ganz kleines Amt – außer dass er alle Regierungssubventionen für die Medien kontrolliert. Aus einigen technischen Gründen zwang ihn das Oberste Gericht, diese Position aufzugeben und einem seiner Anhänger zu geben.

Alle Medien zu kontrollieren ist der Traum jedes demokratischen Herrschers. (Diktatoren müssen nicht davon träumen – sie haben es) Netanjahu hat schon absolute Kontrolle über Israels größte Tageszeitung – eine Zeitung, die kostenlos ist. Dies ist ein Geschenk von einem seiner begeistertsten Bewunderer—dem US-Casino-Mogul Sheldon Adelson. (ich habe den hebräischen Terminus für solch eine Dreingabe erfunden, etwas wie „gratisette“)

Der Besitzer einer wirklichen Tageszeitung von fast gleicher Größe wurde belauscht, Netanjahu bevorzugte Behandlung zu versprechen, als Gegenleistung für die Verminderung der Verteilung dieser privaten Zeitung.

WARUM ZUM Teufel braucht Netanjahu all diese Machenschaften?

Seine Macht gründet sich auf solider Fundierung. Er hat schon den Traum eines Politikers realisiert: er hat keinen Nachfolger. Alle möglichen Erben sind vor langem beseitigt worden. Frage irgendeinen seiner Verächter, wen sie als möglichen Ersatz sehen – sie werden still werden.

Viele Israelis – mich eingeschlossen – glauben, dass Netanjahu den Staat in eine existenzielle Katastrophe führt. Der Mann hat keine Weltanschauung, außer dem nationalistischen Fanatismus seines verstorbenen Vaters, einem Historiker der spanischen Inquisition. Intellektuell ist er eine Null.

Er ist aber ein talentierter politischer Praktiker, ein Experte von täglichen politischen Intrigen, einschließlich Beziehungen mit ausländischen Mächten. Da scheint es keinen anderen Praktiker zu geben, der seinen Platz einnehmen könnte.

Wir sind jetzt also an ihn gebunden, mit seiner Autorität und/oder seiner Korporation

(dt. Ellen Rohlfs. vom Verfasser autorisiert)

 

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Die moralischste Armee

Erstellt von DL-Redaktion am 17. September 2017

Die moralischste Armee

Autor Uri Avnery

VOR EIN paar Tagen sah ich zufällig einen exzellenten britischen Film: „Das Testament der Jugend“, der sich auf die Memoiren der Vera Brittain gründete.

Vera erzählt ihre Geschichte, die Geschichte eines britischen Mädchens, das in einer bürgerlichen Familie ohne Ärger und Sorgen aufwuchs, als der 1. Weltkrieg dem Paradies ein Ende bereitete. Ihr Bruder, ihre Freunde und ihr Verlobter wurden einer nach dem Anderen im schrecklichen Schlamm Frankreichs getötet. Sie meldete sich als Krankenschwester nahe der Front und befasste sich mit Hunderten von Verletzten und Toten. Das empfindliche Mädchen vom Lande wurde zu einer abgehärteten Frau.

Die Szene, die mich am meisten rührte, geschah, als sie zu einer Baracke voll verwundeter Deutschen kommandiert wurde. Ein deutscher, nicht mehr ganz junger Offizier stirbt. In seinem Delirium sieht er seine Geliebte, fasst nach Veras Händen und flüstert:„Bist du es Klara?“ und Vera antwortet auf Deutsch: „Ich bin hier“. Mit einem glücklichen Lächeln auf seinen Lippen stirbt der Deutsche.

Am Tag nach dem Krieg verlangte eine englische Volksmenge einen Frieden der Rache. Vera geht auf die Bühne und erzählt dieses Erlebnis. Die Menge wird still.

DER FILM brachte mich zurück zu der Affäre mit Elor Azaria, dem Soldaten, der einen schwer Verletzten arabischen Angreifer, der hilflos am Boden liegt, tötete. Er ist vom Militärgericht scharf verurteilt worden, bekam aber nur eine lächerlich leichte Gefängnisstrafe von anderthalb Jahren. Sein nach Publicität-grabschender Anwalt hat Berufung eingelegt.

Einen Verletzten oder einen gefangenen Feind zu töten, ist ein Kriegsverbrechen. Warum ?

Für viele Leute ist dies ein Rätsel. Krieg ist das Reich des Tötens und der Zerstörung. Soldaten werden für das Töten ausgezeichnet. Warum ist das Töten eines verletzten Feindes plötzlich ein Verbrechen? Wie ist es möglich, über ein Gesetz des Krieges zu reden, wenn der Krieg selbst alle Gesetze bricht? Eine Armee, die ihre Soldaten trainiert, zu töten, wie kann sie von ihnen verlangen, Gnade zu zeigen?

Seit Beginn der Menschheit, ist Krieg eine menschliche Begebenheit gewesen. Es begann beim primitiven Stamm, der seine begrenzten Ressourcen von Nahrung von raubenden Nachbarn verteidigte. Ein toter Nachbar bedeutet mehr Nahrung.

Die Grenzen der Kriegsverwüstung wurden in einem der furchtbarsten Konflikte in der Geschichte – dem 30jährigen Krieg (1618-1648) – festgelegt. Sein Hauptschlachtfeld war Deutschland – ein flaches Land mitten in Europa ohne natürliche wehrhafte Grenzen. Fremde Armeen drangen von allen Seiten ein, um sich untereinander zu bekämpfen. Armeen verwüsteten ganze Städte, töteten, vergewaltigten und plünderten.

Er begann als Religionskrieg, wurde aber ein Krieg um Vormacht und Gewinn.

Millionen starben. Am Ende waren 2/3 von Deutschland verwüstet, 1/3 der deutschen Bevölkerung ausgelöscht. Eines der Ergebnisse war, dass die Deutschen, denen jede natürliche, zu verteidigende Grenzen, wie Seen und Gebirge fehlten, eine künstliche Grenze schufen: eine mächtige Armee. Es war der Beginn des deutschen Militarismus, der seinen Höhepunkt im Nazi-Wahnsinn hatte.

HUMANISTEN, DIE Zeugen der Gräueltaten des Dreißigjährigen Krieges waren, dachten über Wege nach, um die Kriege zu begrenzen und eine Grundlage eines internationalen Gesetzes zu schaffen. Der hervorragende Befürworter war der Holländer Hugo de Groot („Grotius“), der Gründer der Kriegsregeln.

Wie kann ein Krieg begrenzt werden? Wie können Waffen „rein“ sein, wenn ihr Hauptzweck das Töten und Zerstören ist? Grotius legte dem ein einfaches Prinzip zu Grunde: Nichts kann getan werden, um die Mittel und die nötige Praxis zu begrenzen und um einen Krieg zu gewinnen. Keine Armee wird solche Begrenzungen respektieren.

Aber im Krieg geschehen Dinge, die nichts mit einem Sieg zu tun haben. Getötete Zivilisten, Gefangene und die Verletzten tragen nichts zum Sieg bei. Ihr Leben ist für alle Seiten gut. Wenn ich das Leben von gefangenen, feindlichen Soldaten schone, und der Feind das Leben meiner eigenen Soldaten, die gefangen werden, dann gewinnt jeder.

Auf diese Weise sind die modernen Kriegsgesetze nicht nur moralisch und human, sie sind auch sensibel. Alle zivilisierten Nationen halten sie ein. Sie zu brechen, ist ein Verbrechen.

Anfangs verbat das Gesetz das Töten der Gefangenen und Verletzten, und es galt nur für uniformierte Soldaten. Aber in den letzten Generationen wurde die Grenze zwischen uniformierten Soldaten und kämpfenden Zivilisten immer weiter nach unten geregelt. Guerillas, Partisanen, Untergrundkämpfer, Terroristen sind ein Teil der anerkannten Kriegsführung. Das Internationale Gesetz wurde erweitert, um auch diese mit einzuschließen.

(Was ist der Unterschied zwischen einem Terroristen und einem Freiheitskämpfer? Ich bin stolz, dass ich vor langer Zeit die einzige wissenschaftliche Formel entdeckt habe: „Freiheitskämpfer sind auf meiner Seite, Terroristen sind auf der anderen Seite“.)

So kommen wir zurück zu Elor Azaria, einen neutralisierten, feindlichen Verwundeten zu töten, ist ein Kriegsverbrechen, ganz einfach. Verwundete „Terroristen“ müssen medizinisch behandelt werden. Sie sind keine Feinde mehr, sie sind verletzte Menschen. Wie der sterbende Deutsche in dem Film.

SARAH NETANJAHU, die weithin unpopuläre Gattin unseres Ministerpräsidenten, sagte kürzlich in einem Interview: „Ich glaube, dass die israelische Armee die moralischste Armee in der Welt ist.“

Sie zitierte nur einen israelischen „Glaubensartikel“, der endlos in allen israelischen Medien, Schulen und politischen Reden wiederholt wird.

Einige mögen denken, dass eine „moralische Armee“ ein Oxymoron ist. Armeen sind von Natur aus unmoralisch. Armeen sind dazu da, Krieg zu führen und der Krieg ist von Grund auf unmoralisch.

Man mag sich fragen, wie der Krieg all die Jahrtausende überlebt hat. Die Humanität hat einen enormen Fortschritt auf allen Feldern gemacht, doch der Krieg hat angedauert. Es scheint, dass er zu tief in der menschlichen Natur und der menschlichen Gesellschaft verwurzelt ist.

Wenn zwei Bürger sich streiten, ist es ihnen nicht mehr erlaubt, einander zu töten. Sie müssen vor Gericht gehen und das Urteil akzeptieren, das sich auf ein Gesetz gründet, das alle akzeptieren. Der gesunde Menschenverstand würde sagen, dass dasselbe auch bei Nationen gelten sollte. Wenn zwei Staaten einen Streit haben, sollten sie zum Internationalen Gericht gehen und sein Urteil friedlich erfüllen.

Wie weit sind wir von solch einer Realität entfernt? Jahrhunderte? Millionen Jahre? Eine Ewigkeit?

Im 17. Jahrhundert wurde Krieg von Söldnern geführt, die um Gewinn kämpften. Manchmal wechselten Regimenter auf dem Schlachtfeld die Seiten. Soldaten plünderten. Die „ Belagerung von Magdeburg“ während des 30jährigen Krieges lebt in der deutschen Geschichte bis auf diesen Tag Es war eine Orgie des Plünderns, Tötens, der Vergewaltigung in jener Stadt südwestlich von Berlin.

Ein Jahrhundert später wurde Krieg von professionellen nationalen Armeen geführt und wurden ein wenig zivilisierter. Die Kriege von Ludwig 16. und Friedrich dem Großen ließen die zivile Bevölkerung weithin unbehelligt.

Mit der Französischen Revolution kamen die modernen Massenarmeen auf. Allgemeiner Wehrdienst wurde zur Regel und ist es noch immer -in Israel und einigen andern Ländern– rechtskräftig.

Wehrdienst bedeutet, dass fast jeder Seite an Seite dient – der Gute und der Böse, der Normale und der Lasterhafte. Ich habe wohlerzogene Söhne aus „guten Familien“ gesehen, die schreckliche Kriegsverbrechen begingen. Als ich sie ein paar Jahre später traf, waren sie gesetzestreue Bürger, stolze Väter von Familien.

Meine eigene Beobachtung war, dass wenn in einer ordentlichen Truppe ein paar stabile, moralische Soldaten mit ein paar schlechten Äpfeln dienen und die Mehrheit der Soldaten in der Mitte dienen, gibt es eine Chance, dass die besseren den Ton angeben.

Doch gibt es auch die Möglichkeit, dass die Besseren sich den andern angleichen und am Ende ist der ganze Haufen entmenschlicht. Das ist ein gutes Argument für Wehrdienstverweigerer.

(Ich muss zugeben, dass ich bei diesem Problem hin und her gerissen bin. Einerseits würde ich gern moralisch gesunde Männer und Frauen beim Militär haben, dass sie ihren Dienst tun und ihre Einheit beeinflussen. Andrerseits bin ich mit denen tief verbunden, die dem Ruf ihres Gewissens folgen und den Preis zahlen – drei Mädchen sind jetzt im Militärgefängnis.

WENN ICH einen Soldaten sehe, der einen verletzten Feind kaltblütig erschießt, frage ich mich: Wer sind seine Eltern? In welcher Familie ist er aufgewachsen? Wer sind seine Kommandeure?

Die größere Schuld muss man den Offizieren geben, vom Kompanieführer aufwärts bis zum Front-Kommandeur. In einer Armee müssen immer die Kommandeure die Hauptverantwortung tragen. Alles hängt von den moralischen Standards ab, die sie

Ihren Untergeordneten einschärfen. Denen gebe ich als erstes und vor allem die Schuld.

Direkt zu Beginn dieser Affäre schlug ich für Azaria eine harsche Gefängnisstrafe vor, damit es alle sehen. Dann würde ich ihn begnadigen – aber nur unter der Bedingung, dass er öffentlich sein Verbrechen zugibt und um Vergebung bittet. Bis jetzt hat er sich geweigert, dies zu tun. Er sonnt sich selbst im Schein seines Status als Held gegenüber Teilen der Bevölkerung wie z.B. seinen Eltern, die sich ihrer öffentlichen Publizität erfreuen.

WIE MORALISCH ist also die israelische Armee?

Noch bevor der Staat Israel gegründet wurde, war die Untergrundorganisation (die Hagana), die ihre Basis bildete, stolz auf ihre Moral. „Die Reinheit der hebräischen Waffen“ war der Slogan damals so wie heute. Es war damals so wahr wie es heute ist, aber es schuf den Glauben an „die moralischste Armee der Welt.“

Aber so etwas wie eine moralische Armee gibt es nicht. Leider sind Armeen in dieser Welt nötig. Aber ihre Moral ist immer fragwürdig.

Wenn ich unsere Armee einstufen sollte, würde ich vermuten, dass sie moralischer ist als die russische Armee und weniger moralisch ist als – sagen wir mal so – als die Schweizer Armee.

Die einzige völlig moralische Armee ist die Armee, die keine Kriege führt.

(dt. Ellen Rohlfs. vom Verfasser autorisiert)

 

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Die realistische Wahl

Erstellt von DL-Redaktion am 10. September 2017

Die realistische Wahl

Autor Uri Avnery

WENN MIR einer vor 50 Jahren gesagt hätte, dass die Herrscher von Israel Jordanien und Ägypten sich im Geheimen getroffen hatten, um Frieden zu machen, würde ich gedacht haben, ich würde träumen.

Falls mir gesagt worden wäre, die Führer von Ägypten und Jordanien hätten Israel für die Rückgabe der besetzten Gebiete –mit einem Austausch von Land und einer symbolischen Rückkehr von Flüchtlingen —vollständigen Frieden angeboten. Ich würde gedacht haben, der Messias sei gekommen. Ich würde angefangen haben, an Gott oder Allah oder wer auch immer dort oben ist, zu glauben.

Doch vor ein paar Wochen wurde bekannt, dass die Herrscher von Ägypten und Jordanien sich tatsächlich letztes Jahr im Geheimen mit dem Minister-Präsident von Israel in Aqaba, dem angenehmen Badeort, wo die drei Staaten einander berühren getroffen. Die beiden arabischen Führer, die tatsächlich für die ganze arabische Welt handeln, hatten dies Angebot gemacht. Benjamin Netanjahu gab keine Antwort und ging wieder nach Hause.

Genau so machte es der Messias.

DONALD TRUMP, der Komödienchef der US gab vor einiger Zeit seine Antwort auf die Frage über die Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes: Zwei Staaten, ein Staat – worüber die beiden Seiten übereinkommen, antwortete er.

Er hätte ebenso gut antworten können: „Zwei-Staaten, ein-Staat, drei-Staaten, vier –Staaten, sucht euch etwas aus!

Und tatsächlich, falls du im La-la-Land lebst, so gibt es keine Begrenzung der Anzahl von Staaten. Zehn Staaten sind genau so gut wie einer. Je mehr, desto besser.

Vielleicht ist ein total Argloser nötig wie Trump, um zu illustrieren, wie viel Unsinn über die Wahl geredet werden kann.

AM FÜNFTEN Tag des Sechs-Tagekrieges veröffentlichte ich einen offenen Brief an Ministerpräsident Levy Eshkol und drängte ihn, den Palästinensern die Möglichkeit zu geben, ihren eigenen Staat in der Westbank und im Gazastreifen mit Ost-Jerusalem als ihrer Hauptstadt zu errichten.

Unmittelbar nach dem Krieg lud mich Eshkol zu einem privaten Gespräch ein. Er hörte geduldig zu, während ich ihm die Idee erklärte. Am Ende sagte er mit einem wohlwollenden Lächeln: „Uri welche Art von Kaufmann bist du? Ein guter Kaufmann beginnt mit der Forderung des Maximums und bietet ein Minimum an. Dann feilscht man und am Ende wird in der Mitte ein Kompromiss erreicht.“

„Stimmt“, antwortete ich, „wenn man einen Gebrauchtwagen verkauft. Aber hier wollen wir die Geschichte verändern!“

Tatsache ist, dass in jener Zeit keiner daran glaubte, dass es Israel erlaubt sein würde, die Gebiete zu behalten. Es wird gesagt, dass Generäle immer den letzten Krieg kämpfen. Dasselbe gilt auch für die Staatsmänner. Eines Tages nach dem Sechs-Tage-Krieg dachten die israelischen Führer über den Tag nach dem 1956-Krieg nach, als der US-Präsident Dwight Eisenhower und der Sowjet-Präsident Nicolai Bulganin David Ben Gurion zwangen, alle besetzten Gebiete schmählich zurückzugeben.

Das schien so die einzige Wahl zu sein: die Gebiete an König Hussein von Jordanien zurückzugeben, wie es die große Mehrheit forderte oder sie dem palästinensischen Volk zu geben, wie meine Freunde und ich, eine winzige Minderheit, vorschlugen.

Ich erinnere mich noch an ein Gespräch. Der Minister für Industrie und Handel Haim Zadok, ein sehr kluger Rechtsanwalt, hielt in der Knesset eine feurige Rede. Als er aus dem Plenum kam, ermahnte ich ihn: „ Aber Sie glauben doch kein einziges Wort, das Sie sagten.“ Worauf er lachend antwortete: „Jeder kann eine gute Rede über Dinge halten, die er glaubt. Es ist eine Kunst eine gute Rede über Dinge zu halten, an die man nicht glaubt“.

Dann fügte er noch ernsthaft an: „Wenn sie uns zwingen, alle Gebiete wieder zurück zu geben, dann werden wir alle Gebiete wieder zurückgeben. Wenn sie uns zwingen, einen Teil der Gebiete zurückzugeben, dann werden wir einen Teil der Gebiete zurückgeben. Wenn sie uns nicht zwingen, etwas zurückzugeben, dann werden wir alles behalten.“

Das Unglaubliche geschah. Präsident Lyndon Johnson und die ganze Welt haben sich einen Dreck darum gekümmert. Wir wurden mit der ganzen Kriegsbeute bis auf diesen Tag allein gelassen.

ICH KANN nicht der Versuchung widerstehen, einen alten Witz zu wiederholen.

Direkt nach der Gründung Israels erschien Gott David Ben-Gurion und sagte ihm: „Du hast meinem Volk Gutes getan. Äußere einen Wunsch und ich werde ihn dir gewähren!“

„Ich wünsche mir, dass Israel ein jüdischer Staat und ein demokratischer Staat wird und alles Land zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan umfasst,“ antwortete Ben Gurion.

„Das ist auch für mich zu viel!“ rief Gott aus. „Aber ich will dir zwei von drei Dingen gewähren.“ Seitdem können wir zwischen einem jüdischen und einem demokratischen Israel in einem Teil des Landes, einen demokratischer Staat im ganzen Land wählen, das nicht jüdisch oder ein jüdischer Staat im ganzen Land sein, das nicht demokratisch sein wird, wählen.“

Das ist die Wahl, der wir nach allem gegenüber stehen.

Der jüdische Staat im ganzen Land bedeutet Apartheid. Israel hat schon immer herzliche Beziehungen mit dem rassistischen Afrika- Staat in Süd-Afrika unterhalten, bis er zusammenbrach. Hier einen solchen Staat zu errichten, ist reiner Wahnsinn.

Die Annexionisten haben einen Trick in petto: Die Westbank annektieren, aber ohne den Gazastreifen. Dies würde ein Staat mit nur 40% der Palästinenser sein. In solch einem Land würde eine ewige Intifada wüten.

Aber in Wirklichkeit ist auch dies nur ein frommer Wunsch// ein Hirngespinst. Gaza kann nicht für immer von Palästina getrennt werden. Es ist seit ewigen Zeiten ein Teil des Landes. Es muss wieder angeschlossen werden. Dies würde ein Staat mit einer kleinen arabischen Mehrheit sein, eine Mehrheit ohne nationale und zivile Rechte. Diese Mehrheit wird schnell wachsen.

Solch eine Situation würde auf die Dauer unerträglich sein. Israel würde gezwungen sein, den Arabern das Stimmrecht zu geben.

Utopische Idealisten würden solch eine Lösung willkommen heißen. Wunderbar! Die Ein-Staat-Lösung! Demokratie, das Ende des Nationalismus‘. Als ich jung war, erhoffte ich auch diese Lösung. Das Leben hat mich geheilt. Jeder der tatsächlich im Lande lebt, weiß, dass dies vollkommen unmöglich ist. Die beiden Völker würden sich gegenseitig bekämpfen. Wenigsten während der ersten oder zwei Jahrhunderte.

Ich habe nie einen detaillierten Plan gesehen, wie solch ein Staat funktionieren würde. Außer von Vladimir Jabotinsky, der brillante Führer der zionistischen UItra-Rechten schrieb 1940 einen Plan für die Alliierten. Wenn der Präsident des Staates jüdisch sein wird, so verfügte er, wird der Ministerpräsident ein Araber sein usw. Jabotinsky starb ein paar Monate später – und der Plan mit ihm.

Zionisten kamen hierher, um in einem jüdischen Staat zu leben. Das war ihr beherrschendes Motiv. Sie können sich auch nicht eine Existenz als noch eine jüdische Minderheit vorstellen. In solch einer Situation würden sie langsam emigrieren, wie die Afrikaner es tun. Tatsächlich geschieht solch eine Emigration in die USA und nach Deutschland schon unter dem Radar. Zionismus war immer eine Einbahnstraße – nach Palästina. Nach dieser „Lösung“ würde sie nun in die andere Richtung gehen.

WAHRHEIT IST, dass es überhaupt keine Wahl gibt.

Die einzige wirkliche Lösung dort ist die vielfach geschmähte „Zwei Staaten für zwei Völker“, die viele Male für tot erklärt wurden. Es ist entweder jene Lösung oder die Zerstörung von beiden Völkern.

Und wie stehen die Israelis dieser Realität gegenüber? Sie stehen ihr auf israelische Weise gegenüber: sie stehen nicht der Realität gegenüber. Sie leben einfach weiter, von Tag zu Tag und hoffen, dass das Problem von alleine verschwinden wird.

Vielleicht kommt der Messias schließlich doch.

(dt. Ellen Rohlfs. vom Verfasser autorisiert)

 

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Napoleons Kanonen

Erstellt von DL-Redaktion am 3. September 2017

Napoleons Kanonen

Autor Uri Avnery

NAPOLEON KAM in eine deutsche Stadt und wurde nicht mit der traditionellen Artillerie.Salven begrüßt.

Wütend zitierte er den Major zu sich und verlangte eine Erklärung. Der Deutsche produzierte eine lange Papierrolle und sagte: „Ich habe eine Liste von 99 Gründen. Grund 1 : Wir haben keine Kanonen“.

„Das ist genug!“ unterbrach ihn Napoleon. „Sie können nach Hause gehen!“

ICH ERINNERTE mich an diese Geschichte vor zwei Wochen, als ich Jitzhaq Herzogs 10 Punkte—Friedensplan las.

Herzog, der Führer der Labour-Partei , ist eine ehrenhafte und intelligente Person. Alle die über ihn schlimme Dinge geschrieben haben, als es schien, er würde zu Netanjahus Koalition kriechen, sind durch die kürzliche Enthüllung der Aqaba-Friedens-Initiative widerlegt worden.

Die Herrscher von Ägypten, Jordanien und Israel hatten sich im Geheimen getroffen und baten Herzog, sich der Koalition von Netanjahu anzuschließen, um den Frieden möglich zu machen. Herzog wurde von Netanjahu getäuscht und stimmte zu. Er verhielt sich auch unter dem Sturm von verächtlichen Reaktionen still. Das zeigt, dass er anständig und verantwortlich war.

Zweifellos könnte er ein guter Ministerpräsident für Irland sein, wo sein Großvater Oberrabbiner gewesen war oder sogar in der Schweiz. Aber nicht in Israel.

Israel benötigt jetzt einen starken Führer, mit viel Charisma und einem tiefen Verständnis für den historischen Konflikt. Nicht einen Herzog.

KOMMEN WIR zurück zu Napoleon.

Vor zwei Wochen veröffentlichte Herzog stolz seinen Friedensplan, der aus 10 Punkten bestand.

Punkt 1 ist eine obligate Wiederholung des zwei-Staaten-Prinzips. Es ist Punkt zwei, der der Knackpunkt der Sache ist. Er sagt, dass die Verhandlungen für Frieden erst in zehn Jahren beginnen werden.

Hier ist es, wo Napoleon gesagt haben würde: „Das ist genug, gehen Sie nach Hause!“

Die Idee, dass Friedensverhandlungen 10 Jahre lang aufgeschoben werden können ist absurd. Ein Volk unter einer brutalen Besatzung wird nicht zehn Jahre lang still sitzen. Während dieser Zeit verpflichtet der Plan die Palästinenser (Punkt 6) gegen „Terrorismus und Volksverhetzung“ zu handeln. Keine Erwähnung von Israels Gewalt und Volksverhetzung.

Nach zehn Jahren wird unter der Bedingung, dass während dieser Jahre keine Gewalt in der Region ausgeübt wird, würden Verhandlungen anfangen.

In unserer Region sind 10 Jahre eine Ewigkeit. Mehrere Kriege wüten gerade jetzt in der Region. Da die Besatzung weitergeht, kann jeden Moment eine Intifada in Palästina ausbrechen

Während dieser 10 Jahre wird der jüdische Siedlungsbau in den besetzten Gebieten lustig weitergehen. Aber nur in den „Siedlungsblöcken“. Diese imaginären Blöcke sind niemals definiert worden und Herzog definiert sie auch nicht. Es gibt keine Landkarten dieser Blöcke. Es gibt auch kein Abkommen über die Zahl dieser Blöcke und ganz sicherlich auch keine über ihre Grenzen.

Für einen Araber sind „Siedlungsblöcke“ nur ein Kunstgriff, weiter Siedlungen zu bauen, während man vorgibt keine zu bauen. Wie ein Araber gesagt hat: „Wir verhandeln über eine Pizza und in der Zwischenzeit esst ihr die Pizza auf“:

Da gibt es Behauptungen, dass das ganze Gebiet östlich von Jerusalem zu einem Siedlungsblock gehört und bald von Israel annektiert werden soll. Dies würde den zukünftigen Staat Palästina fast in zwei Teile schneiden mit nur wenigen Kilometern Wüste bei Jericho, die sie miteinander verbinden.

AH JERUSALEM! Dies gibt es nicht in Herzogs Plan. Das mag komisch erscheinen, aber ist es nicht. Es bedeutet, dass der Herzog-Plan sich keine Veränderung mit dem Status „Vereinigtes Jerusalem, die ewige Hauptstadt Israels”, vorstellen kann.

Hier kommt Napoleon noch einmal. Ein Plan, der keine Lösung für Jerusalem einschließt, ist eine Stadt ohne Kanonen.

Jeder, der selbst die leiseste Ahnung von arabischer und muslimischer Sensibilität hat, weiß, dass kein Araber und Muslim in der Welt damit einverstanden sein wird, einen Frieden zu machen, in dem Ost-Jerusalem und das Heiligtum in nicht-muslimischen Händen sein werden. Es kann verschiedene Lösungen für Jerusalem geben – Teilung, Gemeinsame Herrschaft und andere – aber ein Plan, der keinen Vorschlag für eine Lösung hat, ist wertlos. Die zeigt eine miserable Ignoranz der arabischen Welt.

Was erscheint auf seinem Plan auch nicht? Die Flüchtlinge.

Im 1948er-Krieg floh mehr als die Hälfte des palästinensischen Volkes oder wurde vertrieben. (In einem kürzlichen Artikel habe ich versucht, zu beschreiben, was tatsächlich geschah.) Viele dieser Flüchtlinge und deren Nachkommen leben jetzt in der Westbank und im Gaza-Streifen. Viele andere leben in den benachbarten arabischen Staaten und in aller Welt.

Kein Araber kann ein Friedensabkommen unterzeichnen, das nicht wenigstens eine symbolische Lösung bietet.

Bis jetzt ist man mehr oder weniger still überein gekommen, dass es zu einer „gerechten und übereingekommenen Lösung” kommen muss – ich vermute – z. B. die Rückkehr einer begrenzten Anzahl, und eine großzügige Entschädigung, um die Ansiedlung von allen anderen außerhalb von Israel zu finanzieren.

Aber für viele Israelis würde die Rückkehr eines einzigen Flüchtlings eine tödliche Gefahr für Israel als einem „jüdischen und demokratischen“ Staat bedeuten.

Das Problem überhaupt nicht erwähnen – außer einem nebulösen „Kernproblem“ – ist wohl unklug.

DA GIBT es noch ein anderes Problem, das nicht erwähnt wurde.

Der Plan verlangt Einigkeit unter den Palästinensern in der Westbank und Gaza als eine Bedingung für den Frieden. Gut. Aber betrifft uns das?

Aber sicher tut es dies.

Im Oslo-Abkommen verpflichtete sich Israel vier „sichere Passagen“ zwischen der Westbank und dem Gazastreifen zu öffnen, eine Strecke von etwa 40km durch israelisches Gebiet. Es ließ den Charakter dieser Passagen offen – exterritoriale Straßen, eine Eisenbahn-Linie oder was auch immer. Tatsächlich wurde nie eine Passage eröffnet, auch wenn Straßenschilder schon gesetzt waren, die später wieder weggenommen wurden. Dies war und ist ein flagranter Bruch des Abkommens.

Das unvermeidbare Ergebnis (siehe Pakistan) ist das Auseinander-brechen von zwei Entitäten: Die Westbank unter der PLO und dem Gazastreifen unter der Hamas. Die israelische Regierung scheint mit dieser Situation glücklich zu sein.

Wiedervereinigung verlangt die Öffnung der Passagen. Kein Wort darüber in Herzogs Plan

Alles zusammen, der Plan sieht wie ein Schweizer Käse aus: mehr Löcher als Substanz.

ICH HABE in meinem Leben an der Formulierung von sehr vielen Friedensplänen teilgenommen. Im September 1958 veröffentlichten ich und meine Freunde das „Hebräische Manifest“, ein Dokument von 82 Punkten, einschließlich eines umfassenden Friedensplanes. So kann ich behaupten, eine Art Experte beim Friedensplan-machen zu sein (was sich leider vom Frieden-machen unterscheidet

Herzogs Plan hat nichts mit Frieden-machen zu tun. Es wird nicht beabsichtigt, arabische Herzen zu gewinnen. Es ist eine marode verbale Angelegenheit, dafür bestimmt, jüdisch israelische Wähler anzusprechen.

Allen intelligenten Israelis ist jetzt klar, dass wir vor einer schicksalhaften Wahl stehen: entweder zwei Staaten oder ein Apartheid-Staat oder ein einziger Staat mit arabischer Mehrheit. Die meisten Israelis wünschen keinen von diesen drei.

Jede,r der Israel zu führen wünscht, muss eine Lösung bieten. Das ist also Herzogs Lösung. Sie ist alleine für jüdisch-israelische Augen bestimmt. Araber sind nicht angesprochen.

Als solcher ist er nicht besser oder schlechter als viele andere ”Friedenspläne“..

Es ist nur noch eine weitere Übung in Vergeblichkeit.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Der große Riss

Erstellt von DL-Redaktion am 27. August 2017

Der große Riss

Autor Uri Avnery

ICH GLAUBE, ich war der erste, der den Vorschlag machte, den Soldaten Elor Azaria, den Killer von Hebron, zu begnadigen.

Aber dieser Vorschlag wurde von mir an mehrere Forderungen geknüpft: erstens, dass der Soldat offen und ohne Bedingung, sein Verbrechen eingesteht, dass er sich entschuldigt und dass er zu vielen Jahren im Gefängnis verurteit wird.

Ohne diese Bedingungen, jeder Wunsch nach einer Begnadigung des Soldaten würde eine Zustimmung zu seinem Handelns sein und eine Einladung zu noch mehreren solcher Kriegsverbrechen.

Der Unteroffizier Azaria, ein Sanitäter in einer Kampfeinheit, erschien auf der Bühne nachdem ein Anschlag im Zentrum einer jüdischen Enklave in der alten Stadt Hebron begangen wurde. Zwei junge Palästinenser hatten einen Armee-Kontrollpunkt mit Messern angegriffen und wurden erschossen. Wir wissen nicht wie der eine starb, aber der zweite wurde von einer Kamera gefilmt, die den Einheimischen von der wunderbaren israelischen Anti-Besatzungsorganisation B‘Zelem gegeben wurde.

Die Kamera zeigt, dass der Angeschossene schwer verletzt, bewegungslos auf dem Boden liegt und blutet. Dann, etwa zwölf Minuten später, erschien Azaria, der vorher nicht anwesend war, auf dem Bildschirm. Er steht weniger als ein Meter von dem verletzten Araber, schießt ihm aus der Nähe in den Kopf, und verursacht seinen Tod.

Das israelische Fernsehen machte das photographische Material sofort bekannt (eine Tatsache, die nicht vergessen werden darf) und ließ der Armee keine Wahl. In einer zivilisierten Armee ist es ein Verbrechen, einen hilflosen Feind zu töten. Azaria wurde des Totschlags – nicht des Mordes – angeklagt.

Im ganzen politisch rechten Flügel wurde er sofort ein Nationalheld. Die Politiker, einschließlich Benjamin Netanjahu und der gegenwärtige Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, eilten, ihn zu verteidigen.

Azaria wurde für schuldig erklärt. In einem scharfen Urteil, stellte das Militärgericht fest, dass seine Zeugenaussage nur aus Lügen bestand.

Das Urteil verursachte einen Sturm des Protestes vom ganzen rechten Flügel. Das Gericht wurde verflucht und wurde der wirkliche Angeklagte. Diesem Sturm ausgeliefert, knickte das Gericht ein und verurteilte Azaria diese Woche zu einer lächerlichen Gefängnisstrafe von 18 Monaten, die übliche Strafe für einen arabischen jugendlichen Steinewerfer, der niemanden getroffen hat.

Azaria hat sich nicht entschuldigt. Weit davon entfernt.

Stattdessen standen seine Familie und seine Bewunderer im Gerichtsaal auf und sangen die Nationalhymne.

DIESE GERICHTSHOF-Szene wurde das Bild des Tages. Es war klar eine Demonstration gegen den Gerichtshof, gegen das Oberkommando der israelischen Armee und gegen die ganze demokratische Struktur des Staates.

Aber für mich war es noch viel, viel mehr.

Es war die Erklärung der Unabhängigkeit eines anderen israelischen Volkes. Es war das Auseinanderbrechen der israelischen Gesellschaft in zwei Teile. Die Spannungen zwischen ihnen sind von Jahr zu Jahr immer akuter geworden.

Die zwei Teile haben immer weniger gemein. Sie nehmen ganz verschiedene Haltungen gegenüber dem Staat ein, seine moralischen Grundlagen, seine Ideologie, seine Struktur. Aber bis jetzt wurde es akzeptiert, dass wenigstens eine fast heilige Institution über der Auseinandersetzung stand, und jenseits jeder Kontraverse: die israelische Armee.

Die Azaria-Affäre demonstriert, dass dieses letzte Symbol der Einheit jetzt grbrochen ist.

WER SIND diese Lager? Was ist das tiefste Element dieser Teilung?

Es gibt keine andere Erklärung: es ist der ethnische Faktor.

Jeder versucht dieser Tatsache auszuweichen. Berge von Euphemismus sind schon errichtet worden, um ihn zu verstecken. Jeder ist ängstlich, ja sogar erschrocken vor den Konsequenzen. Heuchelei ist ein wesentlicher Verteidigungsmechanismus.

Da gibt es jetzt zwei jüdisch-israelische Völker. Sie verachten einander intensiv.

Das eine wird Aschkenazim genannt, ein Abkömmling des alten hebräischen Ausdrucks für Deutschland. Es umfasst alle Israelis mit europäischer und amerikanischer Herkunft, die noch an den alten westlichen Werten festhalten oder so tun als ob.

Die andern sind die Mizrahim (die „östlichen“). Sie sind gewohnt irrtümlicherweise Sepharadim („Spanier“) genannt zu werden, aber nur eine kleine Fraktion von ihnen sind tatsächlich die Abkommen der aus Spanien vor etwa 700 Jahren vertriebenen Juden. Die große Mehrheit der Vertriebenen wählte die muslimischen Länder, statt Europa.

Die Mizrahim-Gemeinde umfasst all die Israelis, deren Familien aus Ländern kommen, die sich zwischen Marokko und dem Iran erstrecken.

Historisch wurden Juden in Europa oft misshandelt und selten in islamischen Ländern. Aber die Ashkenazim sind stolz auf ihr europäisches Erbe (obwohl sie sich tatsächlich immer mehr davon entfremden), während es für die Mizrahim keine schlimmere Beleidigung gibt, als mit den Arabern verglichen zu werden.

Wie ist es zu dem Abgrund gekommen? Die zionistische Bewegung wurde hauptsächlich von den Ashkenazim geschaffen, die vor dem Holocaust die überwiegende Mehrheit der Juden in der Welt waren. Natürlich waren sie auch die Haupt-Schöpfer der neuen zionistischen Gemeinschaft in Palästina, obwohl es auch herausragende Mizrahim- Persönlichkeiten gibt.

Der tiefe Gegensatz begann schon gleich nach den Krieg von 1948. Wie ich schon oft erwähnt habe, war ich einer der ersten, die das voraussahen. Als ich ein Führer einer Gruppe im Krieg war, befehligte ich Freiwillige aus Marokko und anderen Mittelmeerländern. (die übrigens mein Leben retteten, als ich schwer verwundet war). Ich wurde Zeuge des Beginns des Risses und warnte das Land in einer Reihe von Artikeln, die im Jahre 1949 begannen.

Wer war daran schuld? Beide Seiten. Aber die Ashkenazim kontrollierten alle Aspekte des Lebens, ihr Teil der Schuld ist sicher viel größer.

Da sie von zwei großen aber verschiedenen Zivilisationen kamen, war es vielleicht unvermeidbar für die beiden Gemeinden sich bei so vielen Aspekten des Lebens zu unterscheiden. Aber in der damaligen Zeit war jeder von der zionistischen Welt der Mythen verwirrt und nichts wurde gemacht, um dieses Disaster zu vermeiden.

Heutzutage sehen sich die Mizrahim selbst als „das Volk“, die wirklichen (jüdischen) Israelis, die die Ashkenazim als die „Elite“ verachten. Sie glauben auch, dass sie die große Mehrheit sind.

Dies ist ziemlich falsch. Es ist mehr oder weniger ein Graben zwischen zwei gleichen Gemeinden, während die russischen Einwanderer, die ultra-orthodoxen Juden und die arabischen Bürger getrennte Einheiten bilden.

Ein verblüffendes Thema betrifft die Mischehe. Da gibt es eine Menge und einmal glaubte ich, dass sie automatisch den Riss heilen würden. Doch das geschah nicht. Eher schließt sich jedes Paar der einen oder der anderen Gemeinde an .

Die Linien sind nicht klar gezogen. Es gibt viele Mizrahim – Professoren, Mediziner, Architekten und Künstler, die sich den „Eliten“ angeschlossen haben und sich als ein Teil davon fühlen. Viele Ashkenazim- Politiker (besonders im Likud) benehmen sich so , als ob sie zum „Volk“ gehören, und hoffen bei Wahlen mehr Stimmen zu bekommen.

Die Likud-Partei ( „Vereinigung“) ist schon ein Phänomen. Die überwiegende Masse seiner Mitglieder und der Wähler sind Mizrahim. Tatsächlich ist es die Mizrahim-Partei – par Exellence. Aber beinahe all ihre Führer sind Ashkenazim. Netanjahu benimmt sich als wäre er beides.

ZURÜCK ZU Azaria. Öffentliche Meinungsumfragen sagen uns, dass für die große Mehrheit der Mizrahim das Töten eines tödlich verwundeten „Terroristen“ richtig sei. Nach dem Singen im Gericht küsste sein Vater ihn und rief aus: „Du bist ein Held!“ für viele Ashkenazim aber war es ein jämmerlicher Akt von Feigheit.

Ein Opfer der Affäre ist der Stabschef Gadi Eisenkot. Bis vor kurzem war er die populärste Person im Land. Jetzt wird er von den Mizrahim als ein verachtenswerter Diener der Ashkenazi „Elite“ angeklagt, verurteilt oder verflucht. Doch trotz seines so deutsch klingenden Namen, ist er marokkanischer Abstammung.

Er schuf die Armee nicht so, wie sie ist. Er übernahm sie so.

Seit mehr als 40 Jahren hat die Armee keinen wirklichen Krieg geführt und gegen ein wirkliches Militär gekämpft. Es ist zu einer kolonialen Polizeitruppe verkommen, zu einem Instrument eines Systems der Unterdrückung eines anderen Volkes. Im Laufe dieser Pflicht werden täglich viele Akte von Brutalität begangen.

Erst vorkurzem wurde ein unschuldiger arabischer Lehrer, ein Beduine aus Israel, durch Zufall in einen Vorfall verwickelt, als die Polizei mit der lokalen Bevölkerung zusammenstieß. Sie schossen auf den Lehrer in der irrigen Annahme, dass er dabei war, sie zu überfahren.

Der Mann war schwer verletzt und blutete – und rund um ihn die Polizisten. Die Ambulanz wurde nicht gerufen. Er blutete langsam zu Tode. Es dauerte 20 Minuten.

Nur ein Soldat mit höchster menschlicher Qualität, der in einer gesunden menschlichen Familie aufwuchs, kann diesem brutalen Effekt wider-stehen. Zum Glück gibt es davon viele.

ICH GLAUBE, dass dort die Lösung liegt. Wir müssen die Besatzung mit allen verfügbaren Mitteln los werden – je schneller, desto besser.

Jeder treue Freund Israels in aller Welt muss uns dazu helfen.

Nur dann können wir uns unseren geistigen und sozialen Ressourcen widmen, um den großen Riss zu flicken. Viele von uns würden dies gerne sein.

Und die Nationalhymne mit klarem Bewusstsein singen.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Am Sonntag mit Uri Avnery

Erstellt von DL-Redaktion am 6. August 2017

Respekt vor der Grünen Linie

Autor Uri Avnery

DIE PRÄGNANTESTE Analyse des israelisch-palästinensischen Konfliktes, über den ich je gelesen habe, wurde vom jüdisch-polnisch-britischen Historiker Isaak Deutscher geschrieben. Er besteht aus einem einzigen Bild.

Eine Person lebt in der oberen Etage eines Gebäudes, in dem ein Feuer ausbricht. Um sein Leben zu retten, springt der Mann aus dem Fenster und landet auf einem Vorübergehenden auf der Straße unten. Das Opfer ist schwer verwundet und zwischen beiden Personen beginnt ein unerbittlicher Streit..

Natürlich gibt es keine Metapher, die vollkommen exakt ist. Die Zionisten haben Palästina nicht zufällig gewählt, die Wahl gründete sich auf unsere Religion. Der Gründer der Bewegung, Theodor Herzl zog anfangs Argentinien vor.

Doch ist das Bild grundlegend wahr wenigstens bis 1967. Von da an begannen die Siedler weiter über die Grüne Grenze zu springen – ohne dass Feuer sichtbar ist.

DIESE GRÜNE Linie ist nicht heilig. Sie ist nicht anders als irgendeine andere Grenzlinie in der Welt..

Die meisten Grenzen wurden durch Geographie und den Zufall des Krieges gezogen. Zwei Völker kämpfen um das Gebiet zwischen ihnen; an einem gewissen Punkt kommt der Kampf ans Ende, und so wurde eine Grenze geboren.

Die Grenzen Israels – aus irgendeinem Grund als „Grüne Linie“ bekannt – wurden auch durch den Zufall des Krieges geschaffen. Ein Teil dieser Linie wurde das Ergebnis eines Handels zwischen der neuen israelischen Regierung und dem König von Jordanien, Abdallah I. der gab uns das sog. Dreieck als Backschisch, als Gegenleistung für Israels Zustimmung zu seiner Annexion des größten Teils von Palästina.

Was ist so heilig an dieser Grenze? Nichts, außer dass sie dort ist. Und das ist für viele Grenzen in aller Welt so wahr.

Eine Grenze wird durch Geographie oder Zufall errichtet und durch ein Abkommen bestätigt.

Es stimmt, die UN zogen in ihrer-Resolution von 1948 die Grenzen zwischen dem jüdischen und den arabischen Staaten; aber nachdem die arabische Seite einen Krieg anfing, um diese Entscheidung zu vereiteln, vergrößert Israel sein Gebiet.

Der Krieg von 1948 endete ohne einen Friedensvertrag. Aber die Waffenstillstandslinie, die nach dem Ende des Krieges errichtet wurde, wurde von der ganzen Welt als die Grenzen Israels akzeptiert. Dies hat sich während der 68 Jahre, die seitdem vergangen sind, nicht verändert.

Die Situation gilt de facto und de jure. Israels Gesetz gilt nur innerhalb der Grünen Linie; alles andere ist erobertes Gebiet unter militärischem Gesetz. Zwei kleine Gebiete – Ost-Jerusalem und die Golanhöhen – wurden von Israel einseitig deklariert, aber niemand in der Welt erkennt diesen Status an.

ICH WIEDERHOLE diese wohlbekannten Tatsachen, weil die Siedler in den besetzten Gebieten vor kurzem angefangen haben, ihre Kritiker in Israel zu verspotten, indem sie ein neues Argument brachten, „Hallo hey, was ist der große Unterschied zwischen uns?“

Auch ihr sitzt auf arabischem Land, sagen sie uns. Stimmt, vor 1948 siedelten die Zionisten auf Land, dass sie für viel Geld kauften – aber nur ein Teil davon wurde von Fellachen gekauft, die es bebauten. Das Meiste davon wurde von reichen abwesenden Landbesitzern erworben, die es billig vom türkischen Sultan kauften, als das ottomanische Reich in großen finanziellen Nöten steckte. Die Ackerbauern wurden von den türkischen und später von der britischen Polizei vertrieben.

Große Strecken Land wurden während des Kampfes von 1948 „befreit“, als Massen von arabischen Dorf- und Stadtbewohnern flohen, bevor das israelische Militär anrückte, wie es Zivilisten in jedem Krieg tun. Falls sie das nicht taten, genügten ein Paar Salven aus Maschinengewehren, um sie zu vertreiben.

Die Bewohner, die in Jaffa geblieben waren, nachdem die Stadt erobert war, wurden einfach auf Lastwagen gepackt und nach Gaza geschickt. Die Bewohner von Lod (Lydda) wurden zu Fuß vertrieben. Am Ende waren über 750 000 Araber vertrieben, mehr als die Hälfte des palästinensischen Volkes in jener Zeit. Die jüdische Bevölkerung in Palästina betrug damals etwa 650 000.

Eine innere Stimme nötigt mich an dieser Stelle, einen kanadisch-jüdischen Offizier zu erwähnen mit Namen Ben Dunkelmann, damals 36 Jahre alt, der in der neuen israelischen Armee eine Brigade führte. Er hatte mit Auszeichnung in der Kanadischen Armee im 2. Weltkrieg gedient. Er bekam den Auftrag Nazareth anzugreifen, die Heimat von Jesus. Aber es gelang ihm, die lokalen Führer dahin zu bringen, sich ohne Kampf zu ergeben. Die Bedingung war, dass der lokalen Bevölkerung kein Leid erfährt.

Nachdem seine Soldaten die Stadt besetzt hatten, erhielt Dunkelmann eine mündliche Order, die Bevölkerung zu vertreiben. Schockiert weigerte sich Dunkelmann, sein Ehrenwort als Offizier und Gentleman zu brechen, verlangte, dass ihm der Befehl schriftlich gegeben wird. Solch eine schriftliche Order kam nie an. (solche Befehle wurden niemals schriftlich gegeben, doch Dunkelmann wurde abgelöst.)

Wenn ich heute nach Nazareth, einer blühenden Stadt, komme, erinnere ich mich an diesen tapferen Mann. Nach dem Krieg kehrte er in seine Heimat nach Kanada zurück. Ich denke, dass er niemals nach Israelzurückkehrte. Er starb vor 20 Jahren.

EHRLICHE ENTHÜLLUNG: Ich nahm an all diesem teil. Als einfacher Soldat und später als Zugführer. Ich war ein Teil der Ereignisse. Aber unmittelbar nach dem Krieg schrieb ich ein Buch, das die Wahrheit enthüllte. („Die Kehrseite der Medallie“) und ein paar Jahre später veröffentlichte ich einen detaillierten Plan für die Rückkehr eines Teils der Flüchtlinge und die Bezahlung von Wiedergutmachungsgelde an all die andern. Das ist natürlich nie geschehen.

Das meiste Land und die meisten Häuser der Flüchtlinge wurden mit neuen jüdischen Immigranten gefüllt.

Jetzt sagen die Siedler, nicht ganz zu unrecht. „Wer seid ihr, dass ihr uns verachtet? Ihr habt dasselbe getan, was wir taten! Nur habt ihr das vor 1967 getan, und wir tun es jetzt. Was ist der Unterschied?

Das ist der Unterschied. Wir leben in einem Staat, der von den meisten Staaten der Welt innerhalb errichteter Grenzen anerkannt wurde. Ihr lebt in Gebieten, die die Welt als besetzte palästinensische Gebiete ansieht. Der Staat Texas wurde von den USA in einem Krieg mit Mexiko erworben. Wenn Präsident Trump jetzt Mexiko überfallen würde und ein Stück Land (warum nicht?) annektieren würde, würde sein Status sehr anders sein

Benjamin Netanjahu – einige nennen ihn jetzt Trumpyahu – ist für das Vergrößern der Siedlungen. In dieser Woche inszenierte er unter dem Druck unseres Obersten Gerichtes die Beseitigung einer winzig kleinen Siedlung, Amona mit einer Menge von Herz-zerreißen und Tränen, aber versprach unmittelbar viele Tausend neuer „Hauseinheiten“ in den besetzten Gebieten.

ENTGEGENGESETZTE POLITISCHE Extreme berühren sich oft einander. So ist es jetzt auch hier.

Die Siedler, die den Unterschied zwischen sich und uns wegwischen wollen, un dies nicht nur, um sich selbst zu rechtfertigen. Ihr Hauptziel ist, die Grüne Linie zu entfernen und alle besetzten Gebiete in Groß-Israel einzuschließen, das vom Mittelmeer bis zum Jordan reicht.

Eine Menge von Israelhassern wollen dieselben Grenzen, aber als einen arabischen Staat.

In der Tat würde ich gern den Vorsitz einer Friedenskonferenz von Israel-Hassern und Palästina-Hassern haben. Ich würde vorschlagen, zuerst die Punkte zu entscheiden, in denen sie alle übereinstimmen – nämlich die Schaffung eines Staates vom Meer bis zum Fluss. Ich würde am Ende Ihnen die Entscheidung lassen, ob er Israel oder Palästina genannt wird.

Eine weltweite Organisation, die BDS genannt wird, schlägt jetzt vor , Israel zu boykottieren, um dieses Ende zu erreichen. Ich habe ein Problem damit.

GUSH SHALOM, die israelische Friedensorganisation, zu der ich gehöre, ist sehr stolz darauf, die ersten gewesen zu sein, die einen Boykott auf die Waren der Siedlungen vor vielen Jahren zu erklären. Wir halten noch immer diesen Boykott, obwohl er jetzt nach dem israelischen Gesetz illegal ist.

Wir haben nie einen Boykott auf Israel erklärt. Und nicht nur, weil es ziemlich peinlich wäre, sich selbst zu boykottieren. Das Hauptziel unseres Boykottes ist die Israelis zu lehren zwischen Ihnen selbst und den Siedlungen zu unterscheiden. Wir veröffentlichten und verteilten viele Tausend Kopien der Liste von Gesellschaften und Produkten, die jenseits der Grünen Linie liegen. Viele Leute halten den Boykott.

Der BDS –Boykott von ganz Israel würde das genaue Gegenteil erreichen: Indem man sagt, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Israel innerhalb der Grünen Linie und den Siedlern außerhalb, er würde die gewöhnlichen Israelis in die Arme der Siedler treiben. Die Siedler sind natürlich sehr glücklich, um die Unterstützung von BDS zu bekommen, indem die Grüne Linie ausgelöscht würde.

ICH HABE keinen emotionalen Streit mit den BDS-Leuten. Es stimmt, dasss einige von ihnen alte Antisemiten in einem neuen Gewand sind, aber ich vermute, dass die meisten BDS-Unterstützer aus aufrichtiger Sympathie für das Leiden der Palästinenser handeln. Ich respektiere dies.

Doch würde ich die wohlmeinenden Idealisten, die BDS unterstützen, darum bitten, noch einmal über die höchste Bedeutung der Grünen Line nachzudenken – sie ist die einzige Grenze, die Frieden zwischen Israel und Palästina möglich macht, mit ein paar kleinen gegenseitigen anerkannten Grenzbereinigungen.

ISRAEL IST da. Es kann nicht weg gewischt werden. Dasselbe gilt für Palästina.

Wenn wir alle darin übereinstimmen, können wir auch über den Boykott übereinstimmen und zwar alleine gegen die Siedlungen.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Präsident Kong

Erstellt von DL-Redaktion am 30. Juli 2017

Präsident Kong

Autor Uri Avnery

ICH WUSSTE, er erinnerte mich an jemanden, aber ich konnte ihn nicht unterbringen.. Wer war es, der sich so heftig auf die Brust schlug?

Und dann erinnerte ich mich: es war der Held von einem Film, der produziert wurde als ich 10 Jahre alt war: King Kong.

King Kong, der riesige Primat mit dem Herzen aus Gold, der auf riesige Gebäude skalierte und Flugzeuge mit dem kleinen Finger herunterholte.

Wow: Präsident Kong, das mächtigste Wesen auf der Erde.

EINIGE VON uns hatten gehofft, dass Donald Trump sich umdrehen würde und eine ganz andere Person sein als seine Wahl-Person. In einer Wahl-Kampagne sagt man viele Arten von albernen Dingen. Das soll am nächsten Tag vergessen sein.

Aber der Tag danach ist gekommen und gegangen und die albernen Dinge wurden immer mehr. Der unglaubliche Trump, von dem wir glaubten, er würde nicht wirklich existieren, wird bleiben—wenigstens vier Jahre.

Am ersten Tag im Amt sahen wir zwei Jungen auf dem Schulhof, die darum stritten, wer den größeren hatte.

In diesem Fall die größere Inaugurationsmenge. Trump bestand darauf, er habe die größte, die es jemals gab. Wie er hätte wissen müssen, dass innerhalb von Minuten die Luftaufnahmen auf dem Fernsehschirm zeigten dass Barak Obamas Menge bei weitem viel größer war.

Entschuldigte er sich? Im Gegenteil, er bestand darauf.

Eine Sprecherin erschien und erklärte, dass dies gerade ein Fall von „alternativen Tatsachen“ sei. Eine wunderbare Phrase. Schade, dass ich diese in den vielen Jahren meiner lebenslangen Arbeit als Journalist nicht kannte. Wenn ich Mittags sage, dass es Mitternacht ist, ist es nur eine alternative Tatsache. (Und ist natürlich wahr in Hawai oder sonst wo.)

ICH HABE ein sehr begrenztes Verständnis von Wirtschaft. Doch nur eine kleine Menge von einfacher Logic sagt mir, dass Trumps wirtschaftliche Versprechungen Quatsch sind. Man bringt Arbeitsstellen nicht durch Rede zurück.

Handarbeit ging durch Automatisierung zurück. Die deutschen und britischen Weber zerstörten die Maschinen, die ihnen ihre Arbeit wegnahmen. Das war vor etwa 300 Jahren und es half ihnen nichts. Jetzt schaut Trump ein Hundert Jahre zurück und wünscht, dass Dinge zurückkehren.

Vor hundert Jahren benötigte man ein Tausend Arbeiter, um die Dinge zu tun, die heute zehn Arbeiter tun. Das wird so bleiben und eher schlimmer werden, selbst wenn man alle Computer in der Welt zerstört.

Globalisierung ist der Geist der Zeit. Es ist das natürliche Ergebnis einer Situation, die mir erlaubt, auf Trumps Worte innerhalb weniger Sekunden auf seine Äußerungen zu reagieren. Wenn ich rund um die Erde in weniger als 30 Stunden fliegen kann.

Trump kann sehr wenig dazu tun. Er kann nicht die „protektionistische“ Wirtschaft des 18.Jahrhunderts zurückbringen. Falls er Straf-Zölle auf Importe aus Mexiko und China legt, werden Mexiko und China Zölle auf Importe aus den USA legen. Keiner wird gewinnen.

LEICHTGLÄUBIGE LEUTE mögen solch simple Slogans glauben. Die bringen uns auf das Problem der Demokratie.

Ich lese gerade einen Artikel, der behauptet, dass die Demokratie tot ist. Vergangen.

Winston Churchill sagte berühmter Maßen, die Demokratie sei ein sehr schlechtes System , aber dass alle anderen bis jetzt versuchten Systeme, noch schlimmer seien.

Er sagte auch, dass das beste Argument gegen Demokratie ein Gespräch von fünf Minuten von einem durchschnittlichen Wähler sei.

Demokratie könnte funktionieren, wenn es einen sensiblen Filter zwischen dem Kandidaten und dem Volk gäbe. Eine wahrheitsliebende Presse , eine gebildete Elite. Selbst im Deutschland von 1933 mit Millionen von Arbeitslosen, hat Adolf Hitler nie eine Mehrheit in freien Wahlen erhalten.

Jetzt mit Kandidaten, die sich direkt an die Wähler durch die sozialen Medien wenden, gibt es keine Filter mehr. Auch keine Wahrheit. Die scheußlichsten Lügen reisen in Sekunden durch Twitter und Facebook direkt in die Gesinnung von Millionen, die nicht die Fähigkeit haben, sie zu beurteilen.

Ich denke es war Joseph Goebbels, der schrieb , dass je größer die Lüge ist , um so glaubwürdiger ist sie, da einfache Leute sich nicht vorstellen können, dass jemand eine riesige Lüge wie diese verbreiten würde.

Zum Beispiel, die Behauptung von Präsident Trump, dass drei Millionen Stimmen von ihm gestohlen worden wären, was für ihn der Verlust der Volksstimme bedeutete. Kein Beweis. Nicht ein Schnipsel eines unterstützenden Beweises. Blanker Unsinn, aber viele Millionen gewöhnlicher Leute scheinen es zu glauben.

Aber wenn die Demokratie überholt ist, was könnte sie ersetzen? Wie Churchill zu verstehen gab – es gibt kein besseres System.

DIES IST die Ernte der ersten Woche im Amt: noch mehr Packs von Lügen oder „alternative Tatsachen“ mit jeden day.??

Was ist mit den substantiellen Problemen?

Falls wir glaubten, dass viele seiner politischen Versprechen nur Wahl-Unsinn wäre – hatten wir Unrecht. Ein Problem nach dem anderen.-Trump hat angefangen, pflichtgetreu seine Versprechen zu halten.

Schwangerschaftsabruch –Rechte. Schutz der Umwelt. Krankenversicherung. Steuern für Superreiche. Alles geht den Potomac hinunter.

Auch dies ist ein Zeichen der neuen Zeit: die Ärmsten stimmen für die Reichsten, gegen ihre eigenen elementaren Interessen. Das ist in Amerika wahr, so wie es in Israel wahr ist. (Und mag vielleicht auch sehr bald in Frankreich und vielen anderen Ländern wahr sein)

AH, ISRAEL. Israel ist mit endlosen Spekulationen über Trumps Versprechen beschäftigt, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen.

Man könnte vermutet haben, dass Israel größere Probleme hat. Da gäbe es eine Art Bürgerkrieg, der zwischen der Regierung und der arabischen Minderheit, (die 21% der Bürger des eigentlichen Israels ausmacht), grassiert. Auf beiden Seiten gibt es Todesfälle. Und besonders mit den Beduinen (auch im eigentlichen Israel), die freiwillig in der Armee dienen, aber deren Wohnstätten die Regierung zu zerstören wünscht, um Platz für jüdische Siedler zu machen.

Und die Besatzung der Westbank. Und die Blockade des Gazastreifens. Und die vielfachen Korruptions-Untersuchungen des Ministerpräsidenten und seiner Frau und die möglichen riesigen Bestechungen von Verwandten Benjamin Netanjahus zum Erwerb von Unterseebooten von Deutschland. Und für Bestechung von Zeitungsmagnaten.

Ach, das sind Bagatellen, verglichen mit der Verlegung der US-Botschaft.

Der UN -Teilungsplan von 1947, der die legale Basis für den Staat Israel schuf, schloss Jerusalem nicht in das israelische Gebiet ein. Er sorgte für einen jüdischen und einen arabischen Staat in Palästina mit Jerusalem und Bethlehem als eine eigene Enklave.

Israel annektierte natürlich bald nach seiner Gründung West-Jerusalem, aber keine ausländische Botschaft zog dorthin. Sie blieben alle in Tel Aviv, das viel hässlicher aber eine viel lebendigere Stadt ist. Sie sind noch alle hier, einschließlich der amerikanischen Botschaft, die an Tel Avivs Küste liegt, gerade gegenüber von meinem Fenster.

(Zwischendurch zogen einige südamerikanische Bananen-Republiken dorthin, sie zogen aber bald wieder zurück.)

Bei jeder amerikanischen Wahl versprechen einige Kandidaten, die Botschaft nach Jerusalem zu legen, und jeder neu gewählte Präsident nimmt das Versprechen zurück, sobald ihm Experten die Tatsachen schildern.

Trump versprach das auch. Auch er wollte einige jüdische Stimmen anziehen, zusätzlich zu der einen seines jüdischen Schwiegersohnes. Wahrscheinlich dachte Trump: abgesehen von diesen verflixten Juden, wer kümmert sich schon darum?

Etwa 1,5 Milliarden Muslime in aller Welt kümmern sich darum. Und sie kümmern sich sehr darum.

Falls Trump einige Kenntnisse hätte, würde ihm die Tatsachsache klar sein, dass in den frühen Tagen des Islam, die Gebetsrichtung Jerusalem war, bevor sie nach Mekka verändert wurde. Ost Jerusalem ist der dritt-heiligste Ort im Islam.

Das ganze Jerusalem als die Hauptstadt Israels anzuerkennen, könnte zu einer unvorstellbaren Gewalt gegen US-Einrichtungen führen – von Indonesien bis Marokko.

Es scheint, dass jetzt auch Experten mit Trump gesprochen haben, weil er über dieses Problem zu stottern begann. Er denkt noch darüber nach. Dazu braucht er noch Zeit. Vielleicht später.

Vielleicht wird der neue US-Botschafter, ein eifriger Zionist vom rechten Flügel nach Jerusalem gehen, um dort zu leben, während die Botschaft in Tel Aviv bleibt.

Armer Mann. Er wird dann täglich von Jerusalem nach Tel Aviv fahren müssen, auf einer Straße, die fast immer von Verkehrstaus blockiert ist. Aber jeder hat für seine Überzeugungen zu leiden.

ABER DIE wirklich traurige Sache ist, dass seit der Inauguration in jeder einzelnen seiner Reden das Hauptthema – tatsächlich fast das einzige Thema – Präsident Donald Trump ist Ich-Ich-Ich.

Ich – ich – ich mit einer Menge Auf -die –Brust-Klopfen.

Warten wir auf den Film – King Kong II.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Dort sein

Erstellt von DL-Redaktion am 23. Juli 2017

Dort sein

Autor Uri Avnery

VIELLEICHT LÜGT er die ganze Zeit.

Vielleicht lügt er, dass er ein Lügner ist.

Vielleicht betrügt er, wenn er sich als Betrüger ausgibt.

Vielleicht führt er uns alle in die Irre, wenn er so tut, als würde er uns alle in die Irre führt..

Vielleicht ist er nur ein sehr schlauer Manipulator, der uns alle glauben lässt, er sei ein größenwahnsinniger Einfaltspinsel..

Nun, heute ist Präsident Donald Trumps erster Arbeitstag. Wir werden bald sehen.

PRÄSIDENT DONALD TRUMP – an diese drei Wörter müssen wir uns gewöhnen.

Das einzige, was mit einiger Sicherheit gesagt werden kann, ist, das nichts sicher ist. Dass über diesen Mann nichts vorausgesagt werden kann. Dass wir vier Jahren lang in Unsicherheit leben werden, dass wir jeden Morgen aufwachen und uns fragen werden, was er heute anstellen wird.

Er wird der Unterhalter-Präsident sein, wie er der Unterhalter-Kandidat war. Ich muss gestehen, dass ich jeden Morgen, wenn ich die Tageszeitung in die Hand nahm, zuerst danach sah, was es Neues über Trump gab, Was hat er getan? Was hat er gesagt? Egal was es war, es war immer ein Amüsement.

Die Frage ist: wünschen wir wirklich, dass der mächtigste Mann in der Welt ein Unterhalter ist? Oder ein hochtrabender Egomane? Oder ein total egozentrischer Narzist?. Ein Mann, der nichts weiß und glaubt, dass er alle Probleme lösen kann?

Dies ist eine gefährliche Welt. Ab heute wird sie viel gefährlicher sein

DENKEN WIR einen Augenblick lang über den Roten Knopf nach.

Es gibt rund um die Welt mehrere Rote Knöpfe und mehrere Finger von Führern (einschließlich dem unsrigen) die ständig in seiner Nähe schweben. Wenn ich an Trumps Finger denke, werde ich nervös.

Einige der schrecklichsten Kriege in der Geschichte wurden von Einfaltspinseln angefangen. Denken wir nur an den 1. Weltkrieg mit seinen Millionen Toten, er wurde von einem Niemand, einem serbischen Fanatiker begonnen.

Der 2. Weltkrieg mit seinen Dutzenden Millionen Toten wurde von Adolf Hitler begonnen, einer ganz primitiven Person. Als er die Grenze mit Polen überschritt, träumte er gewiss nicht an einen Weltkrieg. Bis zum letzten Augenblick glaubte er nicht, dass Großbritannien, ein „arisches“ Land, das er bewunderte, ihm den Krieg erklären würde,

Präsident Trump scheint nichts über Geschichte zu wissen. Noch über vieles andere, außer über Immobilien und wie man zu viel Geld kommt. Er scheint auch nicht anderen gut zuzuhören, wenn er eine Entscheidung trifft. Wow.

Vor etwa 45 Jahren las ich ein Buch von einem polnisch-amerkanischen Schriftsteller, Jerzy Kosinsky, genannt „Being there“. Es handelte von einen geistig behinderten Gärtner, dessen reicher Boss starb und ihn alleine ließ. All sein Wissen war begrenzt auf die Gartenarbeit und das Fernsehen.

Durch einen Zufall kam er zur Politik. Seine einfachen Antworten auf alle Fragen wurden als sehr weise begriffen. Dinge wie: du musst die Wurzeln gießen, wenn du süße Früchte haben willst.

Er kletterte die politische Leiter hoch bis an die Spitze und wurde ein Berater des Präsidenten. Ich erinnere mich nicht mehr, ob er tatsächlich Präsident wurde. Trump wurde es.

SELTSAM GENUG, erinnere ich mich an einen deutschen Film, den ich sah, als ich 9 Jahre alt war. Es war kein bedeutender Film. Doch an diesen erinnere ich mich noch nach 84 Jahren.

Es ging um einen jungen Mann aus einer sehr guten Familie, der sich in die Tochter eines gewöhnlichen Schreiners verliebte. Seine Familie lehnte dies völlig ab und erlaubte ihm nicht, die Tochter eines so bescheidenen Handwerkers zu heiraten.

Am Abend sitzt der alte Schreiner in seiner Kneipe und entdeckt eine Fliege in seinem Bier. Er schlägt mit seiner großen Faust auf den Tisch und schreit: „Diese Schweinerei muss aufhören!“

Einen Moment lang herrscht Stille. Dann kommen Schreie „Bravo“! aus allen Richtungen.

Der Verehrer ergreift die Gelegenheit. Er gründet eine Partei, macht Bündnisse, führte den alten Mann durch die Wahl und am Ende – es war noch immer die Weimarer Republik – wird er zum Präsidenten gewählt.

Jetzt ist die Familie des jungen Freiers glücklich, dass man ihn das Mädchen heiraten lässt, aber ihr Vater lehnt dies unweigerlich ab. „Wie kommst du dazu, die Tochter des Präsidenten zu heiraten?“

Aus Rache wechselt der Freier, der auch die Reden des Präsidenten schreibt, die Seiten in der Mitte einer Rede des alten Mannes im Reichstag.

Der alte Mann erklärt:„ Ich bin ein totaler Versager, ich bin ein kompletter Idiot…“

Ich kann mich nicht mehr an das Ende erinnern.

Wer ist der junge Mann, der Trumps Wahlkampagne führte? Sein jüdischer Schwiegersohn natürlich, Jared Kushner.

Kushner ist wie Trump ein Immobilien-Händler. Wie Trump wurde er reich geboren und widmete sein Leben, um reicher zu werden. Jetzt ist er Trumps wichtigster politischer Berater.

Kushner ist auch ein begeisterter Zionist. Das bedeutet, dass er nicht davon träumt, nach Israel auszuwandern und in Israel zu leben, stattdessen aber unterstützt er die fanatischsten Elemente in diesem Land.

Es scheint eine Regel zu sein, dass je weiter sich ein Jude von den Schlachtfeldern Israels entfernt, ein umso fanatischer Zionist ist er. Dieser Jared lebt sehr weit entfernt.

Einer seiner Ratschläge — so scheint es – war die Ernennung des US-Botschafters in Israel, auch ein reicher Jude, David Friedman. Diese Person ist ein so fanatischer rechter Zionist, dass er finanziell in die Siedlung Beth-El („Haus Gottes“) involviert ist, eine der Siedlungen in der West Bank, die am weitesten rechts ist. Einige würden sie faschistisch nennen.

Eine diplomatische Kuriosität: der israelische Botschafter in den US, Ron Dermer und der US-Botschafter in Israel sind beide ultra-rechts in den US geborene jüdische Zionisten. Wenn sie den Ort wechseln würden, würde das keiner merken.

LASSEN SIE mich die Leser daran erinnern, was für Siedlungen das sind.

Als die israelische Armee 1967 die Westbank, Ost-Jerusalem und den Gazastreifen eroberte, waren sie so bevölkert wie viele Gegenden in Deutschland. Ein großer Teil des Landes gehörte privaten Farmern und abwesenden Landbesitzern, der Rest war „Regierungsland“.

Während der ottomanischen Zeit waren die Landreserven der Dörfer und der Städte im Namen des Sultans registriert, dessen Erbe der britische Hohe Kommissar war, dessen Erbe der jordanische König war, und dessen Erbe jetzt der Kommandeur der israelischen Besatzungsarmee ist.

Jetzt kommen die israelischen Siedler und nehmen dieses Land weg , sowie das private wie das, das der „Regierung“ gehört und machen darauf ihre Wohnstätten. Keine Bezahlung an niemanden. Reiner Diebstahl.

Jetzt kommen Amerikaner wie Friedman, Kushner und andere und ermutigen die Siedler sogar noch mehr zu rauben; sie bieten noch Geld an, um ihnen zu helfen.

Die Geschichte erzählt uns, dass solche Dinge nicht ewig dauern. Früher oder später enden solche Dinge in einem Blutbad. Aber an diesem Tag werden Friedman, Kushner und Trump weit weg sein.

WARUM SCHREIBE ich jetzt über Trump?

Erstens weil es ein historischer Tag ist. Ich liebe solche historischen Tage nicht. Ich erinnere mich an solch einen Tag, als junge Männer mit Fackeln in der Hand durch Berlin zogen.

Aber es gibt noch einen anderen Grund: ich will jetzt nicht über Israel schreiben.

Wir befinden uns in der Mitte des größten Skandals in der israelischen Geschichte. Der Ministerpräsident und der Besitzer unserer größten Massen-Zeitung werden gerade wegen Bestechung gerichtlich untersucht, ausserdem auch ausländische Magnaten, die Benjamin Netanjahu seit Jahren mit dem teuersten Zigarren der Welt beliefern und seine Frau mit dem teuersten rosa Champagner. (Es ist das „Rosa“, das es interessant macht.)

Nein, ich werde jetzt nicht darüber schreiben. Tut mir leid.

(Dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Ein Text von Uri Avnery

Erstellt von DL-Redaktion am 16. Juli 2017

Eingeständnis eines Größenwahnsinnigen

Autor Uri Avnery

DER ARABISCHE TAXIFAHRER, der mich nach Ramallah brachte, hatte keine Probleme mit den israelischen Grenzposten. Er mied sie nur.

Das ersparte uns eine Menge Probleme.

Ich war von Mahmood Abbas eingeladen, dem Präsidenten der Palästinensischen Nationalbehörde (als auch der PLO und der Fatah-Bewegung.), um an einer gemeinsamen palästinensisch-israelischen Konsultation im Vorlauf der internationalen Konferenz in Paris teil zu nehmen.

Da Benjamin Netanjahu sich geweigert hat, an dem Treffen in Paris teilzunehmen, und zwar Seite an Seite mit Mahmood Abbas sollte das Ramallah-Treffen demonstrieren, dass ein großer Teil der israelischen Gesellschaft die französische Initiative unterstützt.

SO EINFACH wie es klingt, war das Ramallah-Treffen keineswegs.

Vor dem Tod von Yasser Arafat 2004, waren solche Treffen fast Routine. Seit unserm innovativen ersten Treffen 1982 in Beirut während der israelischen Blockade, hat Arafat viele Israelis getroffen.

Arafat hatte fast absolute moralische Autorität, und selbst seine haus-gemachten Rivalen akzeptierten sein Urteil. Nach unserm ersten Treffen entschied er, dass israelisch-palästinensische Treffen der Sache des palästinensisch-Israelischen Friedens dienen, und seitdem ermutigte er zu vielen solchen Begegnungen.

Nach seinem Mord, gewann der entgegengesetzte Trend die Oberhand. Palästinensische Extremisten fanden, dass solche Treffen mit Israelis, egal, wer sie sein mochten, der „Normalität“ dienten – ein schrecklicher, schrecklicher Buhmann.

Abbas hat jetzt diesem Unsinn ein Ende bereitet. Genau wie ich glaubt er, dass ein palästinensischer Staat und Unabhängigkeit nur durch einen gemeinsamen Kampf der Friedenskräfte auf beiden Seiten mit der Hilfe internationaler Kräfte zustande kommt.

In diesem Geist lud er uns nach Ramallah ein, da es Palästinensern nicht erlaubt ist, israelisches Gebiet zu betreten.

Er bat mich, neben ihm auf der Bühne Platz zu nehmen und so begann das Treffen.

MAHMOOD ABBAS – oder „Abu Maazen“, wie er gewöhnlich genannt wird – war so freundlich, zu erwähnen, dass er und ich seit 34 Jahren Freunde gewesen sind, seit wir uns das erste Mal in Tunis trafen, bald nachdem die PLO Beirut verlassen hat und sich dort niederließ.

Während all den Jahren, als meine Freunde und ich nach Tunis kamen, folgte dieselbe Prozedur: zuerst traf ich Abu Maazen, der für die Kontakte mit Israelis zuständig war, um Pläne für gemeinsame Aktionen zu schmieden. Dann gingen wir gemeinsam in Arafats Büro. Arafat, der eine fast unheimliche Fähigkeit hatte, schnelle Entscheidungen zu treffen, würde innerhalb von Minuten sich für „ja“ oder „nein“ entscheiden.

Es konnten fast keine verschiedenere Charaktere als Abu Amar (Arafat) und Abu Maazen geben. Arafat war ein „warmer“ Typ. Er umarmte und küsste seine Besucher im alten arabischen Stil – ein Kuss auf jede Backe für gewöhnliche Besucher, drei Küsse für bevorzugte Gäste. Nach fünf Minuten hat man das Gefühl, man würde ihn schon immer kennen.

Mahmood Abbas ist eine viel distanziertere Person. Er umarmt und küsst auch, aber es geht nicht so natürlich zu wie bei Arafat. Er ist verschlossener. Er sieht mehr wie ein Hochschulrektor aus.

Ich habe großen Respekt vor Mahmood Abbas. Er braucht enormen Mut, um seinen Job zu tun – der Führer eines Volkes unter brutaler Militärherrschaft zu sein, gezwungen, mit der Besatzung in einigen Dingen zusammen zu arbeiten, und in andern Dingen bemüh,t zu widerstehen. Das Ziel seines Volkes ist durchzuhalten und zu überleben. Er ist gut darin.

Als ich ihm für seinen Mut ein Kompliment machte, lachte er und sagte, es wäre viel mutiger von mir gewesen, Beirut, während der Belagerung von 1982 zu betreten. Danke.

Der israelischen Regierung ist es sogar vor Netanyahu gelungen, die Palästinenser im Lande zu teilen: Durch die einfache Devise der Verweigerung, ihr feierliches Versprechen, laut dem Oslo-Abkommen, vier „sichere Passagen“ zwischen der Westbank und Gaza zu schaffen. Das machte eine Teilung fast unvermeidbar.

Jetzt, während offiziell der moderate Abbas als Freund und die extremistische Hamas in Gaza wie ein Feind behandelt wird, benimmt sich unsere Regierung genau umgekehrt: Hamas wird geduldet, Abbas wird wie ein Feind behandelt. Das scheint pervers, aber ist wirklich logisch. Abbas kann die öffentliche Meinung zu Gunsten eines palästinensischen Staates in der ganzen Welt beeinflussen – Hamas kann dies nicht.

NACH DEM Ramallah-Treffen bei einer privaten Sitzung schlug ich Abbas einen Plan zur Begutachtung vor.

Er gründet sich auf die Beurteilung, dass Netanjahu niemals wirklichen Friedens-Verhandlungen zustimmen wird, da diese unvermeidbar zu einer Zwei-Staaten-Lösung führen würde.

Ich schlug vor, zu einer „Populären Frieden-Konferenz“ einzuladen, die sich – sagen wir – – einmal im Monat innerhalb des Landes trifft. Bei jeder Sitzung, wird sich die Konferenz mit einem der Paragraphen des zukünftigen Friedensabkommen befassen, wie z.B. die endgültige Festlegung der Grenzen, den Charakter der Grenzen (offen?), Jerusalem, Gaza, Wasserressourcen, Sicherheits-Vereinbarung, Flüchtlinge und so weiter …

Eine gleiche Anzahl von Experten und Aktivisten von jeder Seite wird beratschlagen, legt alles auf den Tisch und wird durchdiskutiert. Wenn ein Abkommen erreicht werden kann – wunderbar! – wenn nicht, werden die Vorschläge beider Seiten klar definiert und das Problem auf das nächste Treffen verschoben.

Am Ende —- sagen wir –nach einem halbes Jahr wird das populäre Friedensabkommen veröffentlicht, selbst mit definierten Unstimmigkeiten für die Beratung der Friedensbewegungen auf beiden Seiten. Beratungen über Unstimmigkeiten werden fortgesetzt, bis ein Abkommen gefunden ist.

Abbas hörte aufmerksam zu, wie es seine Gewohnheit ist, und am Ende versprach ich ihm ein schriftliches Memorandum zu schicken. Ich tat dies, nachdem ich mich mit einigen meiner Kollegen, wie Adam Keller, der Sprecher von Gush Shalom beraten habe.

Mahmood Abbas bereitet sich jetzt vor, um an der Pariser Konferenz teilzunehmen, deren offizielles Ziel es ist, die Welt für die Zwei-Staaten-Lösung zu mobilisieren.

MANCHMAL WUNDERE ich mich, dass ich nicht mit Größenwahnsinn infiziert wurde. (Einige meiner Freunde glauben, dass mir dies nicht passieren kann, da ich schon ein Größenwahnsinniger sei.)

Ein paar Wochen nach dem Ende des 1948er Krieges traf sich eine winzige Gruppe junger Leute im neuen Staat Israel in Haifa, um über einen Weg zu einer Friedenslösung, die jetzt die Zwei-Staaten-Lösung genannt wird, zu debattieren. Einer war Jude (ich), einer Muslim und einer ein Druse. Ich war gerade aus dem Krankenhaus entlassen und trug noch immer meine Militäruniform.

Die Gruppe wurde von allen völlig ignoriert. Keine Interessenten.

Etwa zehn Jahre später, als ich schon ein Mitglied in der Knesset war, (wie durch Zufall auch die anderen beiden) ging ich ins Ausland, um zu sehen, wer überzeugt werden könnte. Ich wanderte in Washington DC herum, traf mich mit Leuten im Weißen Haus, im Außenamt und den UN-Delegationen in New York. Auf dem Weg nach Hause wurde ich im Außenamt in London, Paris und Berlin empfangen.

Keine Interessenten, nirgendwo. Ein palästinensischer Staat ? Unsinn. Israel muss mit Ägypten, Jordanien und anderen darüber verhandeln.

Ich hielt in der Knesset Dutzende Reden über diesen Vorschlag. Einige Mächte begannen die Zwei-Staaten-Lösung aufzunehmen. Die erste war die Sowjet Union, wenn auch ziemlich spät, unter Leonid Brejnew (1969). Andere folgten.

Heute gibt es keinen, der an etwas anderes, als an die Zwei-Staaten-Lösung glaubt. Selbst Netanjahu gibt vor, daran zu glauben, aber nur wenn die Palästinenser Juden werden oder nach Grönland auswandern.

Ja, ich weiß, dass nicht ich dies tat. Die Geschichte tat es. Aber ich möchte mich entschuldigen, dass ich mich ein bisschen stolz fühle. Oder wie ein kleiner Größenwahnsinniger.

DiE ZWEI-STAATEN-LÖSUNG ist weder gut noch schlecht. Es ist die einzige.

Die einzige Lösung, die es gibt.

Ich weiß, dass es eine Anzahl guter, ja sogar bewundernswerter Leute gibt, die an die so genannte Ein-Staaten-Lösung glauben. Ich würde sie darum bitten, sich die Details näher anzusehen, wie es aussehen würde, wie es tatsächlich funktionieren würde: die Armee, die Polizei, die Wirtschaft, das Parlament, Apartheid? Fortwährender Bürgerkrieg?

Nein. Seit 1948 hat sich alles verändert, aber nichts hat sich verändert.

Tut mir leid, die Zwei-Staaten-Lösung ist noch immerdie einzige weltweit.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

 

 

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Ja, wir können

Erstellt von DL-Redaktion am 9. Juli 2017

Ja, wir können

Autor Uri Avnery

WÄHREND DES 2. WELTKRIEGES, als deutsche Bomber England terrorisierten, stand eine kleine Gruppe britischer tapferer Flieger ihnen gegenüber. Ihre Lebenserwartung wurde nach Tagen gezählt.

Ein findiger Geist im Propagandaministerium gestaltete ein Poster: „Wer fürchtet sich vor der deutschen Luftwaffe?“

Als dieses an einer der Königlichen Luftwaffenbasen angebracht wurde, hat eine anonyme Hand darunter geschrieben: „Unterschreibe hier“!.

Innerhalb von Stunden hatten alle Flieger unterschrieben.

Es waren die Männer, über die Winston Churchill folgendes sagte: „Niemals haben so Viele so Vieles so wenigen geschuldigt!“

Wenn heute jemand ein Poster erfinden würde, das fragt: Wer fürchtet sich vor den Siedlern, würde ich der erste sein, der es unterzeichnet.

Ich habe Angst. Nicht um mich. Um den Staat Israel. Um Alles, was wir in den letzten 120 Jahren aufgebaut haben.

IN LETZTER ZEIT sagen immer mehr Leute in Israel und in der Welt, dass die „Zwei-Staaten-Lösung“ tot ist.

Finito. Kaput. Die Siedler haben sie schließlich umgebracht.

Der Frieden ist am Ende. Da gibt es nichts, das wir tun könnten. Wir können nur in unserm bequemen Sessel vor dem Fernseher sitzen, tief seufzen, eine Tasse Kaffee trinken und zu uns selbst sagen: „Die Siedlungen sind unumkehrbar“

Wann hab ich das zum ersten Mal gehört?

Vor etwa 40 Jahren – oder war es vor 50 Jahren — verwendete der renommierte israelische Historiker Meron Benvenisti – dies das erste Mal. Die Siedlungen, proklamierte er, haben eine „Irreversible“ Situation geschaffen. Keine Zwei-Staaten-Lösung, wie meine Freunde und ich es verlangten. Sorry, irreversible. In jener Zeit gab es weniger als hunderttausend Siedler in der Westbank und einige sogar im Sinai.

Jetzt kann dieser Slogan überall gehört werden. Unumkehrbar, irreversible. Die bloße Menge der Siedler hat die Zwei-Staaten-Lösung zu einem Hirngespinst gemacht.

Es wird gesagt, dass es jetzt 450 Tausend Siedler in der Westbank gibt und zusätzlich noch 150 Tausend im besetzen Ost-Jerusalem. Sie können nicht ohne einen Bürgerkrieg umgesiedelt werden.

Also hören wir auf, über eine Zwei-Staaten-Lösung zu sprechen. Lasst und über etwas anderes nachdenken. Eine Ein-Staat-Lösung? einen Apartheid-Staat? Überhaupt keine Lösung? Ein ewiger Konflikt?

ICH GLAUBE nicht, dass es ein menschliches Problem gibt, das keine Lösung hat.

Ich glaube nicht, dass Verzweiflung ein guter Berater sei, obwohl es ein bequemer ist.

Ich glaube nicht, dass im Leben etwas „irreversible“ ist. Natürlich abgesehen vom Tod.

Wenn sich jemand einem Problem gegenüber sieht, das irreversibel ist, muss man dieses Problem näher ansehen, dies analysieren und die möglichen Wege da heraus bedenken.

Es wird erzählt dass General Bernard Montgomery, der britische Kommandeur in Nordafrika, ein Bild von seinem Feind, dem legendären deutschen General Erwin Rommel auf seinem Schreibtisch in seinen Hauptquartieren, stehen hatte. Als er von seinen erstaunten Besuchern gefragt wurde, erklärte er: „Ich möchte mich selbst jeden Moment fragen: Was denkt er jetzt?“

Falls wir versuchen über die Siedler nachdenken, sehen wir vor uns eine Masse von 650 Tausend Fanatikern, die jeden Tag mehr werden. Das ist wirklich erschreckend.

Aber es existiert keine Masse von Siedlern. Es gibt verschiedene Arten von Siedlern. Wenn wir Mittel erfinden wollen, um mit diesem Problem fertig zu werden, müssen wir es als erstes auseinandernehmen.

Lasst uns auf die verschiedenen Gruppen, eine nach der anderen, schauen.

ALS ERSTES sind da die „ Siedler für Lebensqualität“ . Sie gehen auf die Westbank, finden dort eine Stelle, die von malerischen arabischen Dörfern umgeben sind und siedeln auf Land, das höchst wahrscheinlich einigen arabischen Dorfbewohnern gehört. Sie schauen aus ihrem Fenster auf wunderschöne Minaretts und Olivenbäume, hören den Ruf zum Gebet und sind glücklich. Sie bekamen das Land für nichts oder fast für nichts.

Nennen wir sie Gruppe 1.

Da sie keine Fanatiker sind, wird es nicht so schwer sein, sie ins eigentliche Israel umzusiedeln. Findet man für sie einen netten Platz, gibt man ihnen eine Menge Geld, werden sie ohne zu viel Ärger sich umsiedeln. Lassen.

DANN GIBT es die „Grenz-Siedlungen“. Dort leben die Siedler in Städten und Dörfern, die sehr nah an der alten Grünen Linie leben – die Grenze, die vor 1967 bestand und die noch immer als legale Grenze des Staates Israel gilt. Dort lebt der Großteil der Siedler.

Es besteht zwischen Israel und den Palästinensern eine schweigende Übereinkunft, dass diese Siedlungen in den „Austausch von Gebieten“ eingeschlossen sind, die praktisch von jedem ins Auge gefasst werden, der sich mit der Zwei-Staaten-Lösung befasst.

Die Grundlage ist ein Austausch von 1 zu 1 von gleichem Wert. Zum Beispiel: zum Ausgleich für die „Siedlungsblöcke“ könnte Israel Gebiete entlang des Gazastreifens abgeben. Die Söhne und Töchter der Familien innerhalb des Streifens, das übervölkertste Gebiet auf der Erde, würden diese Gelegenheit willkommen heißen, um dort ihre Wohnstätte in der Nähe ihrer Familien zu bauen.

Nennen wir diese Art von Siedlern „Gruppe 2“.

Zu dieser Gruppe gehören viele der ultra-orthodoxen Siedler, die sich wirklich nicht um die Lokalität kümmern. Sie haben sehr große Familien, womit sie Gottes Willen erfüllen. Sie müssen auch in bedrängten Gemeinden zusammen leben, da viele Gebote ihres Glaubens gemeinsame Institutionen verlangen.

Die ultra-orthodoxen („Haredim“ auf Hebräisch, bedeutet jene vor Gott Zitternden) leben in schrecklich übervölkerten Städten in Israel – West- Jerusalem, Bnei-Brak etc. Sie benötigen mehr Land und die Regierung ist glücklich, ihnen beim Umsiedeln zu verhelfen – aber jenseits der Grünen Linie. Einer dieser Orte ist Modiin Illith, gegenüber dem arabischen Dorf Bilin, wo seit vielen Jahren jetzt die Dorfbewohner jeden Freitag gegen den Landraub demonstriert haben.

LAST BUT not least gibt es noch die ideologischen Siedler, die Fanatiker, diejenigen, die von Gott selbst dahin geschickt wurden. Nennen wir sie Gruppe 3.

Sie sind der Kern des Problems. Diesen harten Kern umzusiedeln, ist ein schwieriger und gefährlicher Job. Wie schwierig, hängt von mehreren Faktoren ab.

Als erstes: die öffentliche Meinung. So lange wie diese Siedler fühlen, dass der Großteil der israelischen allgemeinen Öffentlichkeit sie unterstützt, können sie nur mit brutaler Gewalt umgesiedelt werden. Aber die meisten Soldaten und Polizisten gehören genau derselben allgemeinen Öffentlichkeit an.

Diese Schlacht kann nur dann gewonnen werden, wenn sich vorher die allgemeine Meinung geändert hat. Um dies zu bewirken, ist eine Menge politischer Arbeit nötig. Internationale Unterstützung mag helfen. Aber ich glaube nicht, dass internationale Unterstützung von – UN, den US und so weiter – erscheinen wird, wenn die Israelis selbst keinen Wechsel bewirken.

Am Ende kann eine Umsiedlung des harten Kerns der Siedler mit Gewalt nötig sein. Es ist nicht etwas, was man sich wünscht, aber es ist etwas, was unvermeidlich sein kann.

DIE SIEDLER der Gruppe 3 sind sich dieser Faktoren voll bewusst, viel mehr als ihre Feinde. Seit Jahren sind sie jetzt mit einem systematischen Aufwand engagiert, in die Armee, die Regierung , in den zivilen Dienst und besonders in die Medien einzudringen.

Diese Anstrengung ist äußerst erfolgreich gewesen, wenn auch nicht entscheidend. Das Friedenslagers muss ähnliche Anstrengungen machen.

Ein Hauptfaktor, der alles andere in den Schatten stellt, ist die Schlacht des Willens. Die Siedler kämpfen für ihre Ideologie als auch um ihren Lebensstandard.

Dies reflektiert übrigens ein historisches und weltweites Phänomen: Die Menschen an der Grenze sind härter und mehr motiviert als Menschen die im geographischen Zentrum leben.

Ein typisches Beispiel ist Preußen. Anfangs war dies eine deutsche Grenz-Provinz mit sehr armem Land und wenig Kultur. Jahrhundertelang wurde deutsche Kultur in den wohl situierten Städten im Landesinneren konzentriert. Aber durch reine Beharrlichkeit und Willenskraft wurde Preußen zur dominanten Region Deutschlands. Als das vereinigte (zweite) deutsche Reich gegründet wurde, war Preußen die entscheidende Macht.

Ziemlich dasselbe geschah im Süden. Österreich, eine kleine südliche Grenzprovinz, hat im Herzen Europas ein großes Reich errichtet, das viele verschiedene Nationalitäten einschloss..

DIESE NOTWENDIGE kurze Skizze möglicher Lösungen bemüht sich nur darum, aufzuzeigen, dass nichts unwiderruflich ist.

Am Ende hängt alles von uns ab.

Wenn wir Israel genug lieben, um für seine Existenz als Staat aufzustehen, einem Staat in dem wir gerne leben und mit dem wir uns identifizieren können, sollten wir rechtzeitig handeln.

Würde es nicht schade sein, wenn alle Bemühungen und Hoffnungen von 120 Jahren im Morast eines elendigen, hässlichen kleinen Apartheit-Staates versinken würde?,

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Send ihn nicht!

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Juli 2017

Send ihn nicht!

Autor Uri Avnery

DONALD TRUMP hat mir ins Gesicht gespuckt.

Nicht nur in mein eigenes Gesicht, sondern mindestens in das Gesicht der halben israelischen Bevölkerung.

Er hat einen Fachanwalt für Insolvenzfragen mit Namen David Friedman für den Job des US-Botschafters in Israel ernannt.

Das klingt wie ein böser Scherz. Aber es ist brutale Realität. Dies schafft einen Präzedenzfall in den Annalen der internationalen Diplomatie.

Als erstes ist es eine schlechte Praxis, einen Botschafter für ein Land zu ernennen, der tiefe persönliche Verbindungen zu diesem Land hat. Man schickt keinen kuba-amerikanischen Castro-Hasser als US-Botschafter nach Havanna. Man schickt keinen Kuomintang-Chinesen aus Taiwan, als US-Botschafter nach Peking.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein amerikanischer Jude als Botschafter in Israel ernannt worden ist. Es mögen zwei oder drei gewesen sein, die gut als israelische Botschafter in Washington hätten dienen können. Aber sie waren weniger eigensinnig als das jetzige Exemplar.

Die Aufgabe des Botschafters ist, unter anderen, als Auge und Ohr seines Heimatlandes in einem fremden Staat zu dienen. Zu seinen Jobs gehört, dass er seine Vorgesetzten im ausländischen Amt mit seriöser, unparteiischer Information versorgt, auf die sich dann die Politik gründet. Der ideale Botschafter ist ein kühler Beobachter, ohne starke Gefühle gegenüber dem Land seiner Mission, weder positiv noch negativ.

Dies ist die Beschreibung eines Diplomaten, der genau das Gegenteil dieses besonderen Individuums ist.

Es würde viel vernünftiger gewesen sein, David Friedman als israelischen Botschafter in den USA zu ernennen. Leider ist der Posten schon von einem anderen amerikanischen Juden besetzt. Das Gerücht geht um, dass er von Netanjahu auf die Bitte von Sheldon Adelson, einem jüdischen Kasino-Magnaten ernannt wurde, der sein Geld dorthin gibt, wo sein Mund ist —zu den israelischen Ultra-Rechten.

Aber selbst diese Person ist ein Linker, verglichen mit David Friedman.

Der Name ist natürlich selbst ein Witz. David ist das Gegenteil eines Mannes des Friedens. Übrigens der biblische David war durch und durch ein Mann des Krieges und aus diesem Grund dekretierte Gott nicht ihm, sodern seinen Sohn Salomon, den ersten Tempel zu bauen.

WER IST also dieser Mann des Friedens? Seit die Nachrichten über diese bevorstehende Ernennung bekannt wurden, ist das Internet von Zitaten seiner Sprüche überflutet. Alle sind mehr oder weniger unglaubwürdig.

Eine Sache fällt einem sogar schon beim ersten Lesen auf: Wenn dieser zukünftige US-Botschafter „wir“ sagt, meint er „wir Israelis“, „wir wahren Israelis, „Wir israelischen Patrioten“. Das Territorium von Groß-Israel vom Mittelmeer zum Jordanfluss (wenigstens) ist „unser Land“.

Friedman identifiziert sich nicht mit allen Israelis. Er scheint zu denken, dass die meisten von uns blind, dumm, Miesmacher oder noch schlimmere Verräter sind Dies würde ein Weltrekord bedeuten: die meisten Israelis – so scheint es – sind Verräter.

Mit wem identifiziert sich Friedman wirklich? Ein maßgebliches Beispiel seiner Äußerungen macht dies ganz klar: Er betrachtet sich selbst, als würde er zu den 5% der israelischen Bevölkerung gehören:: die Siedler und die extreme Rechte.

HIER SIND einige seiner auffallenden Meinungen:

Den arabischen Bürgern Israels, etwa 21% der Bevölkerung sollte die Staatsbürgerschaft genommen werden. Als ob man allen Afro-Amerikanern die US-Bürgerschaft nimmt.

Es gibt keine „Zwei-Staatenlösung“. Allein solch eine Möglichkeit zu erwähnen, ist beinahe Verrat. (Da ich angeklagt worden bin, der erste gewesen zu sein, der diese Lösung 1948 vorschlug, ist dies noch mehr Spucke, die ich von meinem Gesicht wegwischen muss)

Kein Siedler darf von seinem „Heim“ vertrieben werden, selbst wenn sein „Heim“ auf privatem Besitz von arabischen Bauern liegt.

In Groß-Israel, „vom Meer zum Fluss“, stellen die Juden heute eine Mehrheit von 65%. Das ist eine glatte Lüge: In diesem Land, einschließlich des Gazastreifens, stellen die Araber schon jetzt eine Mehrheit dar.

Der zukünftige Präsident Trump sollte ermutigt werden, alles Personal im amerikanischen Außenministeriums, das die Zwei-Staaten-Lösung befürwortet, zu entlassen.

Die Palästinenser sind korrupt.

Präsident Barak Obama ist ein „eklatanter Antisemit“.

Bashar al-Assad und Benjamin Netanjahu sollten Freunde sein, wahrscheinlich einschließlich Vladimir Putin – ein gewinnendes Trio.

Wir brauchen einen Weltkrieg gegen den islamischen Antisemitismus.

Die amerikanischen und israelischen Juden, die das israelische Friedenslager unterstützen, sind schlimmer als die Kapos (Kurzform für Lager-Polizei, Juden die von den Nazis ernannt wurden, um die Ordnung in den Todeslagern aufrecht zu erhalten, bis sie selbst zu Tode kamen). Dies gilt besonders der milden und harmlosen J-Street-Organisation in Amerika.

Dies schließt mich natürlich ein.

WENN DU die Neigung verspürst, bei einigen dieser Definitionen laut zu lachen – tu es nicht. Dies ist keine lächerliche Angelegenheit,

David Friedman ist eine ernste Person. Er ist ein berühmter Rechtsanwalt für Bankrott-Fragen. Aber er wird nicht hierher gesandt, um mit dem bankrotten Regime von Netanjahu beschäftigt zu sein. Im Gegenteil, er wird gesandt, um eine israelische Regierung, in der Netanjahu die extreme Linke darstellt. zu fördern. Und dies ist keine Übertreibung.

Seit 1967 hat das israelische Friedenslager die US gebeten, dass sie Israel vor sich selbst retten möge. Jeder neue Präsident wurde mit viel Hoffnung begrüßt. Hier ist der Mann, der die Regierung von Israel zwingen wird, die palästinensischen Gebiete zurückzugeben und mit den Palästinensern und der ganzen arabischen Welt Frieden zu machen.

Präsident Obama war der letzte in der Reihe. Intelligent, gut aussehend, ein aufrüttelnder Redner, voll edler Absichten. Aber die Ergebnisse – soweit es uns betrifft – waren gleich Null.

Ich war immer skeptisch gegenüber dieser Auffassung. Warum sollte ein US-Präsident seinen Hals so weit hinausstrecken, um Israel vor sich selbst zu retten, wenn die Israelis selbst zu faul oder so feige sind, es selbst zu tun?

(Ich habe schon einmal erwähnt, dass ich bei einer internationalen Konferenz den spanischen und europäischen Staatsmann Miguel Moratinos angeklagt habe, dass er versäumt habe, hier etwas zu tun. Er antwortete ärgerlich, dass es nicht seine Pflicht sei, uns zu retten, dass es unsere eigene Pflicht sei, uns zu retten. Ich konnte nicht anders, als ihm in meinem Herzen zuzustimmen.)

Ich habe vor langer Zeit jede Hoffnung aufgegeben, dass die amerikanische Regierung uns beistehen wird, um einen historischen Frieden mit dem palästinensischen Volk zu machen und die besetzten Gebiete gegen Frieden einzutauschen. Wir sollten dies selbst machen. Es gibt keine andere Lösung. Die Alternative, die sog. „Ein-Staat-Lösung“, verspricht einen Bürgerkrieg für zukünftige Generationen.

Jeder, der nicht durch ultra-Nationalismus und/oder messianische Inbrunst blind ist muss dies sicher sehen. Es ist so einfach.

DIE EROBERUNG der restlichen palästinensischen Gebiete 1967 stürzte Israel in ein Delirium, das uns noch heute daran hindert, der Vernunft zuzuhören. Die US hat wegen eigener Gründe Israel ermutigt, auf diesem Kurs weiter zu gehen.

Der gewählte Präsident ist dabei, Israel mit aller Macht vorwärts zu stoßen – schlussendlich in eine Katastrophe.

Etwa vor 2000 Jahren hat ein jüdischer Rebell mit Namen Bar-Kokhba (Sohn der Sterne) sich gegen das allmächtige Rom erhoben. Berauscht von einigen anfänglichen Siegen, schrie er zu Gott: „Hilf uns nicht, aber hilf auch unsern Feinden nicht!“. Gott hörte nicht und die Rebellion wurde von den Römern vernichtet. Die jüdische Bevölkerung Palästinas hat sich bis vor kurzem nie erholt.

Ich würde Donald Trump zurufen: „Wenn du uns nicht hilfst, Frieden zu erlangen, dann sende uns wenigstens nicht diesen eingeschworenen Friedens-Feind!“

(Dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

 

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Netanyahu im Kanzleramt

Erstellt von DL-Redaktion am 26. Juni 2017

Der Beauftragte für Antisemitismus

File:Prime Minister of Israel Benjamin Netanyahu.jpeg

Autor: U. Gellermann

Ja tut sich denn schon das Sommerloch auf? Oder müssen mal wieder deutsche U-Boote zu Tiefstpreisen an Israel geliefert werden? Anders ist es schwer zu erklären, dass vor Tagen, scheinbar aus dem Nichts, eine Kampagne gegen Antisemitismus über die deutschen Medien in den Bundestag schwappte und im Versuch mündete, einen „Antisemitismusbeauftragten“ zu installieren.

Begonnen hatte es mit einer angeblichen Dokumentation über „Judenhass“ den die Auftraggeber des Films, der WDR und ARTE, wegen erheblicher Mängel nicht zeigen wollten. Das ließ die Bildzeitung, den publizistischen Außenposten der israelischen Regierung, nicht ruhen: Unter lautem Zensurgeschrei präsentierte die Zeitung den Film unter Umgehung der Rechte-Inhaber im Netz. Als dann wenig später im Bundestag über die Installation eines „Antisemitismusbeauftragten“ debattiert wurde, konnte man Konturen und Zielpunkt der Kampagne erkennen: Ein neuer Posten soll künftig im Kanzleramt den Artikel Drei des Grundgesetzes, das Diskriminierungsverbot, einseitig interpretieren. Denn längst ist dort festgelegt, dass „Niemand wegen . . .seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“ darf. NIEMAND. Das Grundgesetz verzichtet klug auf die Hervorhebung einer Gruppe. Das soll nun anders werden.

Wer sich dann den Film zum „Judenhass“ anschauen durfte, der musste die primitive, permanente Verwechslung von Israel-Kritik und Antisemitismus ertragen. Natürlich mit der üblich-üblen Gleichsetzung der Israel-Kritiker mit den Nazis. Wer weiß, dass sich die Filmautoren bei ihren Recherchen wesentlich auf die Jerusalemer Organisation „NGO-Monitor“ gestützt hatte, der kennt den Hintergrund: Diese Truppe ließ sich zeitweilig von der „Jüdischen Agentur für Israel (JAFI)“, einer Quasi-Regierungsbehörde alimentieren. Diese trübe Quelle mag der Film natürlich nicht offenlegen. So kommt dann auch ein israelischer Geheimdienstgeneral als Kronzeuge für die angeblich freiwillige Flucht der Palästinenser aus Israel zu Wort, ohne dass die Filmemacher seine Herkunft nennen mögen. Und so wird dann die linke Bundestagsabgeordnete Annette Groth mit dem Naziverbrecher Julius Streicher gleichgesetzt, nur weil sie etwas sagt, was alle Welt weiß: Die israelische Blockade des Gazastreifens verhindert dort den Zugang zu sauberem Trinkwasser. Auf welchem Weg die Autoren an ein Jugendbildnis des Netz-Medienmachers Ken Jebsen gekommen sind, auf dem er aussieht wie ein Verbrecher auf der Flucht, ist unbekannt. Bekannt ist, dass es den Antisemitismus-Schnüfflern schon reicht, wenn jemand die Goldman-Sachs Banken-Maschine als Finanz-Hai qualifiziert, um des Judenhass’ verdächtigt zu werden.

Draussen, außerhalb der Bundestags-Hinterzimmer, werden muslimischen Mädchen die Kopftücher runtergerissen, draußen werden Moscheen angezündet, draußen gibt es mit PEGIDA eine antimuslimische Massenorganisation. Mehr als 400 politisch motivierte Angriffe gegen islamische Gebetsräume und Moscheen zählte das Bundesinnenministerium von Anfang 2001 bis März 2016, darunter Brandstiftungen und Sprengstoffanschläge. Aber drinnen soll das Grundgesetz demnächst nur für eine bedrohte Minderheit eine organisatorische Ergänzung finden. Ein Beauftragter gegen Anti-Islamismus wird noch nicht gesucht.

Als wäre es Zufall, sind die NATO-Länder primär in muslimischen Ländern auf der Jagd nach Rohstoffen und außenpolitischen Vorteilen unterwegs. Als wäre es Zufall, legitimiert eine antimuslimische Stimmung solche Kampfeinsätze als „Krieg gegen den Terror“. Auch die freundliche Unterstützung Israels in diesem Krieg schreit geradezu nach einer ideologischen Legitimation: Wer gegen den geheiligten Krieg Israels gegen die Palästinenser ist, der kann nur ein Antisemit sein. Genau für die Durchsetzung dieser Sprachreglung strebt eine Bundestagsmehrheit ein neues Amt an.

Auf den Gängen des Bundestags kursiert in diesen Tagen ein Witz: Meldet sich doch der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu für den neuen Job des Antisemitismus-Beauftragten im Kanzleramt. Die verlegene Ablehnung des Bewerbers, man wolle doch weniger und nicht mehr Antisemitismus erzeugen, habe er sofort als typisch deutschen Antisemitismus gebrandmarkt. – Kanzlerin Merkel konnte über den Witz nicht lachen, ihr Sprecher erklärte, das sei kein Witz sondern eine Nacherzählung.

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Denk an Naboth !

Erstellt von DL-Redaktion am 25. Juni 2017

Denk an Naboth !

Autor Uri Avnery

ÜBER EIN UNGLAUBLICHES Stück von Gesetzgebung wird jetzt in Jerusalem debattiert.

Das Land ist sehr mit einer Siedlung beschäftigt, die Amona heißt. Tief in den besetzten Gebieten haben ein paar Dutzend jüdischer Familien eine illegale Siedlung errichtet. – Illegal sogar nach israelischem Gesetz, geschweige denn nach internationalem Gesetz.

Das Problem ist, sie machten sich nicht die Mühe, herauszufinden, wem das Land gehört, auf dem sie siedelten. Als es herauskam, gehört es tatsächlich privaten arabischen Farmern .Das israelische Oberste Gericht befahl den Siedlern, das Land zu evakuieren.

Juden evakuieren? Undenkbar! Die Amoniter schworen, „passiven“ Widerstand zu leiten. Dies bedeutet, zehn Tausende von Siedlern aus allen besetzten Gebieten aufzurufen, an den Ort zu eilen. Das bedeutet schreiende Babies, kreischende Mädchen, gewalttätige Jungs, die perplexe Soldaten stoßen (Viele von ihnen sind selbst Siedler), Männer, die den gelben Stern aus der Nazizeit tragen, Frauen, die ihre vielen weinenden Kinder an sich drücken. Kameras in Hülle und Fülle. Schrecklich!

Als das Datum für die Evakuierung näher kam und das Gericht sich weigerte, eine Verschiebung zu gewähren – nach Jahren legaler Spiele – fand die Regierung einen Ausweg: die Amona-Siedler werden 100 Meter weiter siedeln, auf Land , das auf dem selben Hügel liegt, das offiziell aber nicht privaten Personen gehört.

Als Gegenleistung für diese Gunst, verspricht die Regierung den Siedlern ein „Legalsierung-Gesetz“, eine Erfindung eines fast legalistischem Genies. Es sagt, dass an vielen Dutzenden von Plätzen der ganzen Westbank, wo andere Siedlungen auf privatem palästinensischem Besitz errichtet wurden, das Land einfach enteignet wird, und die rechtmäßigen Besitzer mit einer Entschädigung bezahlt wird.

Kurz gesagt: ein gigantischer Akt des Raubes von Besitz privater Personen, die zufällig palästinensische Araber sind, um die Siedlungen von fanatischen ultra-rechten Juden zu „legitimieren“.

ALS ICH den Text des vorgeschlagenen Gesetzentwurfes las, wurde ich an einen Satz in der Bibel erinnert, der mich immer schon verblüfft hat.

Er steht in Exodus(12). Als Pharaoh den Kindern von Israel endlich erlaubte, nach den zehn schrecklichen Plagen, Ägypten zu verlassen, taten sie etwas Ungewöhnliches.

„Und die Kinder von Israel….borgten sich von den Ägyptern Juwelen aus Silber und Juwelen aus Gold und Kleidung … und nahmen es den Ägypter weg.“

Da die Kinder von Israel für immer weggingen, bedeutet hier „borgen“ stehlen. Nicht vom Pharao und dem Staat, sondern von ganz gewöhnlichen Leuten, ihren Nachbarn.

Man stimmt jetzt gewöhnlich unter Experten darin überein, dass der Exodus nie wirklich geschehen ist, und dass die Geschichte etwa tausend Jahre nach dem berichteten Ereignis aufgeschrieben wurde. Aber warum würde ein Schreiber von seinen Vorfahren solch ekelhaftes Benehmen schreiben. Besonders da es sich niemals ereignete.

Die einzige Antwort, die ich mir vorstellen kann, ist, dass die Schreiber und Editoren zu ihrer Zeit in dieser Geschichte nichts so Ekelhaftes sahen. Das Betrügen und Plündern von Nicht-Israeliten war OK.

Es ist auch jetzt für Siedler und die Regierung von Israel in Ordnung.

(Woher wissen wir jetzt, dass die Exodus-Geschichte zu einem viel späteren Zeitpunkt und anderen Hinweisen erfunden wurde? Weil die ägyptischen Orte, die in der Geschichte erwähnt werden , zu der Zeit des imaginären Moses noch nicht existierten, aber in der Zeit der Makkabäer existierten, viele Jahrhunderte später, als der Text geschrieben wurde. )

EIN ANDERES Kapitel der Bibel ist sogar den gegenwärtigen Geschehnissen noch angemessener. Es ist ein Text, den jedes israelische Schulkind in seinen frühen Jahren auswendig lernt. Im hebräischen Original ist es von außerordentlich literarischer Schönheit, abgesehen von seiner überwältigenden moralischen Kraft.

Es berichtet( 1. Könige, 21)

„ Nabot der Jesreeliter, hatte einen Weinberg beim Palast von Ahab, König von Samaria.

Und Ahab redete mit Naboth und sprach: Gib mir Deinen Weinberg, ich will mir einen Kohlgarten daraus machen, weil er so nahe bei meinem Haus liegt. Ich will dir einen besseren Weinberg dafür geben, oder wenn es dir gefällt, will ich dir Geld dafür geben, so viel wie er wert ist.

Und Naboth sagte zu Ahab: Das lasse der Herr ferne von mir sein, dass ich dir meiner Väter Erbe sollte geben.

Da kam Ahab voll Unmut und zornig heim. „ da kam Isebel, seine Frau, zu ihm und redete mit ihm: „warum ist dein Geist so voller Unmut?

Die Frau nahm die Sache in ihre Hände und befahl den Ältesten von Samaria Naboth wegen falscher Aussagen vor Gericht zu bringen. Er wurde zu Tode gesteinigt,

Gott der Allmächtige liebte dies gar nicht. Er sandte seinen Propheten Elia, der zu Ahab herantrat und zu ihm sagte:

„Hast du getötet und auch in Besitz genommen?

…Wo Hunde das Blut von Naboth leckten, sollen Hunde Dein Blut lecken“.

Und so geschah es. Ahab starb den Tod eines Helden in der Schlacht, er fiel durch einen Pfeil, der zufällig abgeschossen war. Die Hunde leckten sein Blut vom Wagen. Sie fraßen auch das Fleisch von Isebel, seiner Frau.

Im Hebräischen klingt die Geschichte unendlich schöner als in der Übersetzung. Auch unreligiöse Leute können dies mit viel ästethischerem Vergnügen als religiöse lesen

FALLS GOTT heute existieren würde, würde er sicher einen seiner Propheten im Dienst zu Benjamin Netanjahu senden (ein netter biblisch klingender Name) und ihm über die heutigen Blut leckenden Hunde erzählen ( Journalisten? Reporter)

Die vorgeschlagene „Legalisierung“ und die Rede von privatem arabischen Besitz, egal unter welchen Bedingungen, ist reiner Diebstahl. Jeder arabische Landbesitzer würde Naboth zitieren. „ Das lasse Allah fern von mir sein…“

Netanjahu muss seiner Frau keine Probleme machen. Sarah‘le hat ihre eigenen Probleme mit dem Gesetz. Anstelle von Isebel hat er die Knesset und den General-Anwalt.

Doch die vorgeschlagene Lösung – die Siedler ein paar Meter zum Regierungsbesitz umzusiedeln – ist nicht besser als Ahabs Vorschlag an Naboth. Tatsächlich ist er viel schlimmer.

König Bibi, bietet wie König Ahab, Geld als Entschädigung an, aber bietet kein anderes – und besseres –Land . In der Tat erwartet er, dass die Araber das Geld nehmen und damit nach Brasilien oder Schweden auswandern.

Das Angebot, die Siedler von Amona auf Regierungsland nahebei anzusiedeln, benötigt eine Erklärung. Wie kommt es, dass die israelische Regierung Land in der besetzten Westbank besitzt? ( Westbank im Unterschied zur Ostbank des Jordanflusses, das zum jordanischen Königreich gehört. Die Regierung und die Siedler selbst nennen das Gebiet „Samaria“ wie in der Bibel).

In den guten alten Tagen des ottomanischen Reichs, als dem Sultan das Land gehörte, der es an Bauern verpachtete. Vor dem 1. Weltkrieg, als der Sultan wie gewöhnlich – bankrott war, verkaufte er einiges Land an private , meistens reiche arabische Kaufleute in Jaffa, Beirut oder Monte Carlo. Sie waren abwesende Grundbesitzer und die Bauern auf dem Land wechselten nicht.

Doch das meiste Land gehörte weiter dem Sultan – bis zum Ende des 1. Weltkrieges, als die Regierung des neuen britischen Mandats Palästina übernahm. Die einheimischen palästinensischen Bauern blieben natürlich.

Dies war die Situation — als nach dem israelisch-arabischen Krieg von 1948 – – die jordanische königliche Regierung den Besitz des Landes übernahm. Nichts hat sich verändert. Die Regierung von Jordanien nahm das Land in Besitz, die Bauern arbeiteten auf ihrem Stück Land, so wie sie es seit vielen Generationen taten.

Als Israel 1967die Westbank eroberte, kam es zu einer völlig anderen Situation. Anders als die Türken, die Briten und die Jordanier, hat die gegenwärtige israelische Regierung das Land verplant. Sie wünscht, dass es an jüdische Siedler geht, extreme Rechte, extrem Religiöse oder beides.

Die legale Fiktion des „regierungseigenen Landes“ wurde über Nacht eine Realität. Große Gebiete Land auf der Westbank gehören plötzlich der Regierung von Israel. Andere riesige Landflächen, die den Palästinensern gehörten, die geflohen sind oder 1967 vertrieben wurden- wurde sog. „Besitz von Abwesenden“ – der auch von der israelischen Regierung enteignet. Wurde.

All dies ist jetzt „Regierungsland“, auf dem israelische Siedler frei nach dem israelischen Gesetz siedeln können. Es ist unnötig zu sagen, dass all dies nach internationalem Gesetz total illegal ist, das kategorisch Bürgern der „Besatzungsmacht“ verbietet, ihre Bevölkerung in die besetzten Gebiete umzusiedeln.

Dies ist die legale Situation: israelische Siedler auf „Regierungsland“ zu bringen, ist nach israelischem Gesetz legal, aber nach internationalem Gesetz absolut verboten. Siedler auf privates palästinensisches Land zu setzen, ist nach internationalem sowie nach israelischem Gesetz verboten.

Ab sofort werden die Amona-Siedler von der Regierung gebeten, zum nahen „Regierungsland“ umzuziehen. Sie haben nun die Wahl zwischen Vertreibung oder Übereinstimmung, die hundert Meter zu ihrer neuen Wohnstätte zu gehen.

ICH FRAGE, was der Prophet Elia zu all dem gesagt haben würde. Er war keine Person, die untertreibt.

Die israelischen Hunde werden nicht das Blut von Netanjahu lecken. Noch werden sie das Fleisch von Sarah’le fressen. Gott bewahre.

Vor ein paar Tagen hat eine Studentin der Künste in der Jerusalemer Bezalel- Kunstakademie ein Poster fabriziert/ gemalt, das eine interessante Ähnlichkeit mit Netanjahu hat, der sich gegenüber einer Schlinge eines Henkers befindet. Sie wurde wegen Aufwiegelung von der Polizei bestellt und verhört. .

Nicht einmal Ahab ging so weit.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Der Ruf der Nation

Erstellt von DL-Redaktion am 18. Juni 2017

Der Ruf der Nation

Autor Uri Avnery

EINE DUNKLE Woge überschwemmt Demokratien in der ganzen westlichen Welt.

Es begann in Großbritannien, einem Land, das wir immer als die Mutter der Demokratie ansahen, die Heimat eines besonders sensiblen Volkes. Es stimmte in einer Volksabstimmung dafür, die Europäische Union zu verlassen, ein Markstein menschlichen Fortschritts, der sich aus den Ruinen des schrecklichen 2. Weltkriegs erhob.

Warum? Kein besonderer Grund. Eine Laune.

Dann kamen die US-Wahlen. Das Unglaubliche geschah. Ein Niemand kam von nirgendwoher und wurde gewählt. Eine Person ohne irgendwelche politische Erfahrung, ein brutaler Kerl, ein Gewohnheitslügner, ein Schauspieler. Jetzt ist er der mächtigste Staatsmann auf dem Planeten, der „Führer der freien Welt“,

Und nun geschieht es in ganz Europa. Die Ultra-Rechte gewinnt fast überall und droht, mit Abstimmung, an die Macht zu kommen. Moderate Präsidenten und Ministerpräsidenten geben ihr Amt auf oder werden rausgeschmissen. Mit der bemerkenswerten Ausnahme von Deutschland und Österreich, die anscheinend ihre Lektion gelernt haben, gewinnt der Faschismus und Populismus überall an Boden.

Warum , um Gottes Willen?

DIE LÄNDER unterscheiden sich von einander. Jede lokale politische Szene ist einzigartig. So ist es leicht, die lokalen Gründe für die Ergebnisse jeder Wahl und Volksabstimmung zu finden.

Aber wenn dieselbe Sache überall geschieht, in vielen Ländern und fast gleichzeitig, ist man gezwungen, nach einem gemeinsamen Nenner zu suchen, nach einem Grund, der bei all diesen verschiedenen Phänomenen gilt.

Es ist der Nationalismus.

Worin wir gerade Zeugen werden, ist eine Rebellion von Nationalismus gegen den Trend einer post-nationalistischen, regionalen und globalen Welt.

Dieser Trend hat praktische Gründe. In den meisten Gebieten menschlicher Bemühung werden immer größere Einheiten gefordert.

Industrien und Finanzinstitutionen fordern große Einheiten. Je größer die Einheit, umso rationaler die Wirtschaft. Ein Land mit einem Markt von zehn Millionen kann nicht mit einem Markt von einer Milliarde Menschen konkurrieren. Vor Jahrhunderten hat dieser Trend kleine Provinzen wie Bayern oder Katalonien gezwungen, sich Nationalstaaten wie Deutschland oder Spanien anzuschließen.

Heutzutage ist das wirtschaftliche Leben von Milliarden von anonymer, superstaatlicher Körperschaften bestimmt, die nirgendwo und überall sitzen, weit entfernt von der Verständnis gewöhnlicher Leute.

Gleichzeitig hat die Informations-Revolution immer größere Wissens-Gemeinschaften geschaffen. Vor fünfhundert Jahren war es selten, dass ein Bauer in Europa sich weiter als bis zum nächsten Dorf bewegte. Das Reisen war teuer, nur Aristokraten hatten Pferde, eine Wagenfahrt zur nächsten Großstadt kam für die meisten Leute nicht in Frage. Aus demselben Grund war es unmöglich, Waren über große Entfernungen zu transportieren. Die Leute aßen, was in ihrer Nähe wuchs.. Nachrichten reisten langsam, wenn überhaupt.

Heutzutage hört man egal, wo man lebt, über die österreichischen Wahlergebnisse oder über eine Revolution in Malawi innerhalb von Minuten. Die Welt ist ein Dorf geworden.

Fast jeder hat einen Internet-Anschluss. Er oder sie können sich mit fast jedem auf dem Globus unterhalten, während Wissenschaftler an vielen Orten tief in das Universum tauchen.

In dieser neuen Welt ist der Nationional-Staat eine leere Schale geworden, eine Flagge, eine Nationalhymne, ein Fußballteam, eine Briefmarke, die immer weniger gebraucht wird.

DOCH DAS Ende der Nützlichkeit eines nationalen Staates hat noch nicht das Ende des Nationalismus‘ erreicht. Weit entfernt davon.

Der menschliche Verstand verändert sich viel langsamer als materielle Umstände. Er hinkt mindestens drei oder vier Generationen hinterher, er hängt an überholten Ideen und Idealen, während politische, wirtschaftliche und militärische Realitäten davonrasen.

Moderner Nationalismus kam erst vor zwei oder drei Jahrhunderten auf. Es ist eine vergleichsweise neue Erfindung. Einige glauben, dass er von der französischen Revolution geschaffen wurde. Ein angesehener Historiker behauptet, dass er von spanischen Siedlern in Südamerika geschaffen wurde, die den spanischen Imperialismus los sein wollten und für sich selbst eine unabhängige Nation begründen wollten.

Wie dem auch sei, der Nationalismus wurde schnell die herrschende Kraft in der Welt. Am Ende des 1.Weltkrieges brachen die alten Reiche zusammen und schufen ein Dutzend Nationalstaaten. Der 2. Weltkrieg beendete den Job.

Der Nationalstaat stand auf zwei Beinen: dem materiellen und dem spirituellen. Der materielle musste größere Märkte schaffen und sie gegen andere große Märkte verteidigen. Der geistige Aspekt ist, das Bedürfnis zu einer Menschengruppe zu gehören,

Tatsächlich ist dieses Bedürfnis so alt wie die menschliche Rasse. Menschen mussten zusammenstehen, um sich selbst gegen andere zu verteidigen, sie mussten zusammen arbeiten, beim Jagen und Pflanzen. Sie lebten in großen Familien, dann in Stämmen, in Königreichen und Republiken. Soziale Gruppierungen bildeten sich und änderten sich während der Jahrhunderte bis die modernen Nationen alle andern Gruppierungen ablösten.

Für die meisten ist die Notwendigkeit, zu einer Nation zu gehören, eine tiefe psychologische Angelegenheit. Die Menschen schaffen eine nationale Kultur, oft sprechen sie eine nationale Sprache. Menschen sterben für ihre Nation.

Große moderne Bewegungen versuchen den Nationalismus zu Gunsten anderer Ideologien zu überwinden. Der Kommunismus war ein prominentes Beispiel. Das Proletariat hat kein Vaterland. Doch in seiner Stunde der größten Gefahr, unter dem Ansturm des super-nationalen Faschismus‘ gab die Sowjet Union die „Internationale“ auf und übernahm eine Nationalhymne, und Stalin proklamierte den Großen Patriotischen Krieg. Später brach die internationalistische Sowjet Union zusammen und Russland fiel in den reinen Nationalismus, personifiziert von Vladimir Putin.

Ich glaube, dass das, wovon wir jetzt Zeugen sind, eine weltweite Reaktion gegen den Post-Nationalismus und den Globalismus ist. Die Menschen wollen keine Bürger der Welt sein, auch keine Europäer oder Nordamerikaner. Ein paar mögen vorausmarschieren, aber die gewöhnlichen Leute hängen an ihrer Nation. Sie wollen Franzosen, Polen oder Ungarn sein.

Dies ist ein Bedürfnis, das von unten kommt. Die „Eliten“, die Hoch- Gebildeten und die Reichen mögen weiterschauen und sich den neuen Realitäten anschließen, aber die „untere Klasse“ der herrschenden Nation ist leidenschaftlich nationalistisch und selbst faschistisch. Der höfliche Terminus dafür ist „Populismus“.

FOLGT ISRAEL demselben Trend? Und ob.

In der Tat können Israelis darüber stolz sein, dass es hier sogar vor dem Brexit und Trump geschehen ist.

Israel ist jetzt fest im Griff einer Ultra-Rechten, fremdenfeindlichen, antifrieden-, annexionistische Regierung, die kaum verkappte Faschisten einschließt. Benjamin Netanjahu scheint zuweilen fast moderat zu sein, verglichen mit einigen seiner Verbündeten und Anhänger.

Israel wurde vom Zionismus geschaffen, einer revolutionären Bewegung, die viele andere Revolutionen des 20. Jahrhunderts überlebte. Der Zionismus war eine nationalistische Bewegung ohne eine Nation. Ihre Gründer mussten eine Nation erfinden, die vorher nicht existierte. Sie musste eine zerstreute, ethnisch-religiöse Gemeinschaft, die Tausende von Jahren in einer sich veränderten Welt überlebt hatte, in eine moderne Nation verwandeln. Die Gründer des Zionismus sahen dies als einzige Antwort auf den Antisemitismus, der die illegale Tochter des modernen europäischen Nationalismus war.

Selbst der Name dieser Nation ist umstritten. Ist sie eine jüdische Nation? Eine hebräische Nation, wie einige von uns sie lieber nennen würde? Eine israelische Nation? Und wo lässt sie die Millionen von Juden, die nicht einmal davon träumen würden, nach Israel einzuwandern oder die 20% israelischer Bürger, die behaupten zur palästinensischen Nation zu gehören, die (bis jetzt) keinen Staat hat?

Dieser schwankende ideologische Boden hat einen jüdisch-hebräisch-israelischen Nationalismus geschaffen, der stärker und leidenschaftlicher ist als die meisten.

WEDER IN Israel noch anderswo hat eine progressive, friedenliebende Bewegung eine Chance für Erfolg, wenn sie als antagonistisch zum Nationalismus begriffen wird.

Ich hatte dies in meinem ganzen Leben geglaubt. Ich definierte mich immer als Nationalist. Ich bin überzeugt, dass es keinen grundlegenden Widerspruch zwischen Nationalismus und Internationalismus gibt. In der Tat bedeutet Inter-Nationalismus buchstäblich Zusammenarbeit zwischen den Nationen.

Als israelischer Nationalist glaube ich an die Rechte anderer Völker, die sich an ihre eigenen nationalen Werte halten. Dies bedeutet zunächst alle Achtung für das palästinensische Volk und ihr Recht auf einen eigenen nationalen Staat, Seite an Seite mit Israel zu haben.

Die israelische Friedensbewegung muss zunächst ihrem nationalen Charakter Geltung verschaffen. Wir sind die wahren Nationalisten. Wir wollen, dass Israel in Frieden und Sicherheit blüht, während die Pseudo-Nationalisten, die an der Macht sind, uns jetzt in eine Katastrophe führen. Erlauben wir den Faschisten nicht, uns den Nationalismus wegzunehmen.

Einige ziehen vor, sich eher „Patrioten“ zu nennen anstelle von Nationalisten. Aber Patria bedeutet Vaterland. Es bedeutet dasselbe

Als israelische Nationalisten müssen wir für die Solidarität aller Nationen in unserer Region kämpfen und uns dem Marsch zu einer Weltordnung anschließen, wo alle Nationen blühen können.

Ich würde all unseren Schwester-Bewegungen in der ganzen Welt raten, dasselbe zu tun und die dunkle Welle zurückweisen, die uns alle zu verschlingen droht.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Midburn-Festival in Israel

Erstellt von DL-Redaktion am 15. Juni 2017

Unter dem Totem der drei Hasen

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Autor Henning Kober

Beim Midburn-Festival in der Negev-Wüste wird Utopie zur Realität. Eine Woche lang entsteht dort aus Liebe, Kunst und Träumen eine temporäre Stadt.

Ich bin nicht ganz sicher, wo diese Geschichte beginnt. An der Bushaltestelle auf dem Rothschild Boulevard, hinter der Kreuzung zur Allenby Street stehe ich. Tel Aviv, Israel. Es ist Sonntagmorgen, halb sieben Uhr in der Früh, der Sabbat ist vorbei, und es sind erst wenige Menschen unterwegs. Ein paar Letzte aus der Nacht, ein paar Frühaufsteher und ich mit meinem Rucksack und den zwei Taschen zu meinen Füßen.

Die eine, stabilere ist voll mit Wasserflaschen, in der anderen sind Feigen, Müsliriegel, Oliven, Sonnencreme. Dem Gefühl in meinem Bauch nach geht es jetzt los, da verglühen gerade ein paar Aufregungssternschnuppen. Und da hinten kommt auch schon mein Bus. Ich bezahle dem Fahrer sechs Schekel und will mich setzen, als er mir auf Englisch hinterherruft, wohin ich denn möchte. Zum Hauptbahnhof. Er fährt mich, auch wenn ich der einzige Passagier bin.

 

Während der Fahrt über den Boulevard, auf dessen grünem Mittelstreifen ich in den letzten Tagen oft mit dem Fahrrad gefahren war, zieht vor meinem inneren Auge noch einmal die Zeit seit meiner Ankunft vorbei. Das wunderschöne Ter­minal von Mosche Safdie am Ben-Gurion-Flughafen, die erste Zimtschnecke, der Balkon bei Shai in der Nacht, mein Freund ­Patrick am nächsten Morgen, den ich seit Jahren nicht gesehen und dessen Augen und dessen Stimme ich vermisst hatte.

Hirnforscher sagen, alles, was man zum ersten Mal macht, speichert sich nachdrücklicher im Gehirn, weshalb einem die dabei vergehende Zeit dann länger erscheint. Dies ist mein erster Besuch in Israel, immer wieder aufgeschoben, bis ich jetzt den guten Anlass gefunden hatte.

An der Savidor Station laufe ich über den Parkplatz, irgendwo hier soll ein Bus abfahren, der mich in die Negev-Wüste bringen wird, aber noch ist davon nichts zu sehen. Nur junge Soldaten und Soldatinnen, so jung. Auf einmal aber sind da zwei wie ich mit Gepäck. Midburn? Ja, ­genau. Sie kommen aus Hamburg, und es dauert nicht lange, bis einer aus Weißrussland bei uns steht und zur Begrüßung eine innige Umarmung vorschlägt. Dann ­einer aus den USA, und es kommen immer mehr Burner. Sie alle haben Rucksäcke und ­Schlafsäcke dabei, Zelte und Taschen mit Wasser. Wir umarmen uns, nicht kurz, lang.

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Schon bald fahren wir in einem klimatisierten Reisebus durch die Wüste. Eine riesige Anlage grauer Gebäudeblöcke flirrt in der Hitze, das sieht nach einem Gefängnis aus. Strafvollzug und Militärisches sind Klassiker in Wüsten, das war auch in den USA so. In der Ferne die weißen Hochhäuser der Wüstenstadt Be’er Scheva. Neben mir sitzt Mathieu aus der Nähe von ­Rennes, er ist ein digitaler Nomade, der für die Kampagne von Macron gearbeitet hat. Es wird sein erster Burn sein. Für mich ist es der zweite.

Vor fast vierzehn Jahren war ich in die Black-Rock-Wüste von Nevada gereist, um das Burning-Man-Festival zu besuchen (und für das taz.mag darüber zu schrei­ben). Inzwischen gibt es in Israel ein regionales Schwesterfestival, den Midburn (ein Portmanteau aus dem he­bräi­schen Wort midbar für „Wüste“ und burn), das rasant wächst – auf deutlich mehr als zehntausend Besucher in diesem Jahr.

Nach zwei Stunden Fahrt erreichen wir den Stau, der sich vor dem Eingang zu dem umzäunten Gelände gebildet hat. Nach weiteren zwei Stunden steigen in den Bus die sogenannten Greeters, aufgedrehte und fröhliche Gestalten; kostümiert und schon stark verziert vom Wüstenstaub, begrüßen sie uns euphorisch. „Willkommen zu Hause!“ Nachdem die Stimme eines Handhelds mein Ticket für gültig erklärt hat, wird mir ein Band um das rechte Handgelenk geschnürt, und wenig später stehe ich im Staub. Es ist windig, und die feinen Par­tikel legen sich auf meine Haut. Auch ist es schon heiß, die Sonne knallt vom Himmel.

Quelle  :   TAZ >>>>> weiterlesen

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Franciscans Monastery at the Caperrnaum

Avdat Negev

 

 

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Die Araber taten es

Erstellt von DL-Redaktion am 11. Juni 2017

Die Araber taten es

Autor Uri Avnery

ALS MEINE Eltern in Deutschland kurz bevor der 1. Weltkrieg ausbrach, heirateten, war unter den Geschenken ein Dokument, das bescheinigt, dass auf ihren Namen ein Baum in Palästina angepflanzt worden wäre.

Mein Vater war ein früher Zionist. Ein volkstümlicher jüdischer Witz in Deutschland sagte damals: „Ein Zionist ist ein Jude, der Geld von einem anderen Juden zu nehmen wünscht, um einen dritten Juden in Palästina anzusiedeln.“Mein Vater plante zu dieser Zeit gewiss nicht, selbst nach Palästina zu gehen.

Palästina war in jener Zeit ein Land ohne dekorative Bäume. Die arabischen Bewohner kultivierten Olivenbäume, mit deren Hilfe sie ein karges Leben führten. Zu jener Zeit wurden Zitrusbäume eingeführt. Die Olivenbäume waren einheimische Bäume: schon in der biblischen Geschichte von Noahs Arche holte die Taube ein Olivenblatt als ein Zeichen von Leben.

Nach einer volkstümlichen Legende hatte während dieses Krieges die türkische Verwaltung die Bäume gefällt, um eine Eisenbahnlinie über die Sinai-Halbinsel zu legen und die Briten vom Suez-Kanal zu vertreiben. Stattdessen überquerten die Briten den Sinai in der andern Richtung und eroberten Palästina.

NACH JENEM Krieg begannen die Zionisten en masse ins Land zu kommen. Unter anderem begannen sie damit, in großen Mengen Bäume anzupflanzen. Ganze Wälder wuchsen heran, doch verglichen mit russischen oder europäischen Wäldern waren sie bescheiden.

Die Zionisten fragten sich nicht, warum das Land so wenige Baumarten hatte. Die offensichtliche Antwort war, dass sich die Araber nicht darum kümmerten. Das ist eben ihre Art. Keine Liebe für das Land, keine Liebe für Bäume.

Die zionistische Bewegung war voller Selbstvertrauen. Sie konnten alles tun, was sie sich in den Kopf setzten. Sie hassten die palästinensische Landschaft, wie sie war. Sie waren dabei, ein anderes Land zu schaffen. Als David Ben-Gurion, ein 20jähriger Jugendlicher, 1906 in Jaffa landete, war er äußerst abgestoßen: „Ist dies das Land unserer Vorväter?“ rief er.

So begannen die Zionisten, die Landschaft zu verändern. Sie importierten wunderschöne Bäume aus aller Welt und legten Wälder an, wo immer sie konnten: entlang der Straße von Tel Aviv nach Jerusalem, auf dem Berg Karmel und an vielen andern Orten. Sie waren wunderbar.

Die neuen Einwanderer fragten sich nicht selbst, warum das Land, das seit Beginn der Zeiten bevölkert war und bis heute so blieb, so ohne Baumarten gewesen war. Offensichtlich war es die Schuld der Araber.

Tatsächlich gibt es einen ganz anderen Grund. Palästina leidet an einem extremen Mangel an Regen. Alle paar Jahre gab es eine Trockenphase: das Land trocknete aus und überall brach Feuer aus. Die Bäume, die nicht an dieses Klima gewöhnt sind, brennen ab.

Vor sechs Jahren gab es eine Warnung. Ein sehr großes Feuer brach auf dem Berg Karmel aus. Es verbrannte große Teile des Waldes und tötete 47 Polizisten, die vom Feuer eingeschlossen wurden, als sie dabei waren, ein Gefängnis zu evakuieren.

Vor zwei Wochen geschah es wieder. Acht Monate lang fiel kaum ein Regentropfen. Ein starker, heißer, östlicher Wind blies von der Wüste her. Das Land trocknete aus. Jeder kleine Funken konnte ein großes Feuer anrichten.

PLÖTZLICH WAR DAS LAND unter Feuer. Etwa 150 einzelne Feuer brachen aus, viele in der Nähe von Haifa, Israels drittgrößter Stadt. Haifa ist wunderschön, fast wie Neapel und einige seiner Vororte sind von Bäumen umgeben. Keiner dachte über einen sicheren Abstand nach.

Mehrere Vororte brannten. Fast 80 000 Einwohner mussten evakuiert werden. Viele Wohnungen wurden vom Feuer zerstört. Es war herz-zerreißend.

Die Feuerwehrleute taten ihr Bestes. Sie arbeiteten rund um die Uhr. Es gab keine Toten. Mit Wasserschläuchen vom Boden aus und mit leichten Feuerlösch-Flugzeugen in der Luft brachten sie das Feuer nach und nach unter Kontrolle.

Wie brachen die Feuer aus? Unter den vorherrschend klimatischen Bedingungen genügte ein kleiner Funke, der eine große Katastrophe auslösen konnte. Ein nicht sauber gelöschtes Lagerfeuer, eine brennende Zigarette aus einem vorbeifahrenden Auto geworfen, eine umgefallene Wasserpfeife.

Aber das ist für die Medien oder gar für die Politiker nicht dramatisch genug. Sehr bald war das Land voller Anklagen: die Araber seien schuld. Natürlich. Wer noch? Das TV war voller Leute, die tatsächlich Araber gesehen hätten, die die Wälder in Brand setzten.

Dann erschien Benjamin Netanjahu auf dem Bildschirm. Gekleidet in eine modische Windjacke, Umgeben von seinen Lakaien, erklärte er, dass dies alles die Arbeit von arabischen Terroristen wäre. Es war eine Feuer Intifada. Zum Glück habe Israel einen Retter: er selbst. Er hatte die Kontrolle übernommen. Er ließ ein amerikanisches Super-Löschflugzeug kommen und noch andere ausländische Lösch-Flugzeuge. Die Israelis konnten nach Hause gehen und schlafen.

In Wirklichkeit war dies alles Unsinn. Die tapferen Feuerwehrmänner und Polizisten hatten schon ihren Job getan. Netanyahus Einmischung war überflüssig, ja, sogar schädlich

WÄHREND DES letzten großen Feuers vor sechs Jahren auf dem Karmel hatte Netanjahu dieselbe Rolle gespielt. Er ließ ein riesiges amerikanisches Feuerlösch-Flugzeug kommen. Es hatte gute Arbeit über dem Wald getan. Dieses Mal nahe den bewohnten Ortsteilen konnte es nichts tun. Der Supertanker war sinnlos. Netanjahu ließ es kommen, ließ sich mit ihm fotografieren – und das war es dann.

Die Anklage der arabischen Bürger als die Verantwortlichen für die Katastrophe war viel ernster. Als Netanjahu dies erhob, wurde ihm weithin geglaubt.

Der halb-faschistische Bildungsminister, Naftali Bennett behauptete, dass das Feuer ein Beweis dafür wäre, dass das Land den Juden gehört, da die Araber das Feuer legten.

Viele arabische Bürger wurden verhaftet und verhört. Die meisten wurden entlassen. Am Ende schien es so, dass vielleicht zwei Prozent der Feuer von arabischen Jugendlichen als Racheakt gelegt wurden.

Haifa ist eine gemischte Stadt, mit einer großen arabischen Bevölkerung. Im Allgemeinen sind die Beziehungen zwischen den Arabern und Juden dort gut, zuweilen sogar herzlich. Die beiden Gemeinschaften standen der neuen Gefahr gemeinsam gegenüber, arabische Dörfer öffneten ihre Wohnungen für jüdische Flüchtlinge. Auch Mahmoud Abbas , der Chef der palästinensischen Behörde in den besetzten Gebieten, schickte seine Feuerwehrleute nach Israel, um mitzuhelfen.

Netanjahu’s Brandreden machten wilde (und völlig unbewiesene) Anklagen gegen die arabischen Bürger und gegen die arabischen Arbeiter aus den besetzten Gebieten, fand keinen Anklang.

Dieses politische Feuer wurde zum Schweigen gebracht, bevor es zu viel Schaden anrichtete. Während die Tage vorübergehen, schwinden die Anklagen, aber der Schaden, den sie anrichteten, bleibt.

(Als ich vor langer Zeit in der Armee diente, wurde meine Kompanie mit dem Ehrentitel „Simson’s Füchse“ ausgezeichnet. Simson, der biblische Held, befestigte brennende Fackeln an die Schwänze der Füchse und sandte sie in die Felder der Philister).

DAS FEUER sollte Nahrung für die Gedanken sein

Falls Netanjahu und seine Lakaien Recht haben und „die Araber“ beabsichtigen, uns mit allen Mitteln – einschließlich Feuer – aus dem Land zu werfen, wie wäre die Antwort?

Die einfache Antwort wäre: wirf sie stattdessen hinaus!

Logisch, aber unpraktisch. Es sind jetzt mehr als 6,5 Mill. arabische Palästinenser in Groß-Israel – im eigentlichen Israel, in der Westbank (einschließlich Ost-Jerusalem) und dem Gazastreifen. Die Zahl der Juden ist etwa dieselbe. In der heutigen Welt kann man eine solch hohe Zahl an Menschen nicht einfach vertreiben.

Also sind wir verurteilt nah beieinander zu wohnen – entweder in zwei Staaten, (ein Vorschlag, den Netanjahu ablehnt) – oder in einem Staat, der entweder ein Apartheidstaat oder ein bi-nationaler Staat sein wird.

Falls man glaubt, wie es Netanjahu und seine Nachfolger tun, dass jeder Araber ein potentieller „Brandstifter-Terrorist“ ist – wie wird man in einem gemeinsamen Staat in der Lage sein, zu schlafen.

Nur wenige Araber haben Waffen. Nur einige haben ein Auto, mit dem sie Juden überfahren können. Nur einige können Explosiv-Stoffe herstellen. Aber jeder hat Streichhölzer. Wenn es eine trockene Saison gibt, ist der Himmel die Grenze.

Übrigens rein zufällig sah ich in dieser Woche ein deutsches Fernsehprogramm über ein Schweizer Dorf hoch oben in den Alpen. Von Zeit zu Zeit weht ein heißer Wind, den man Föhn nennt, vom Süden darüber. Zweimal brannte es nach Erinnerungen der Bewohner ab. Alles ohne einen Araber in Sicht.

IN ISRAEL gehören die Feuerwehrleute den lokalen Behörden, die das Patronat haben und den lokalen Soldaten das Gehalt zahlen.

Im Juni 1968 kam ich als junges Mitglied der Knesset mit einem revolutionären Vorschlag: alle lokalen Feuerwehr-Abteilungen aufzuheben und einen vereinigten, nationalen Feuerwehrdienst einzurichten, so wie die Polizei. Solch einen Dienst – so behauptete ich – könnte für alle Fälle planen, entsprechende Ausrüstung und die nötigen Mittel bereit stellen.

Im Gegensatz zu ihrer Gewohnheit, meine Vorschläge zu schmähen, nahmen meine Gegner diesen Vorschlag ernst. Der damalige Minister erkannte diesen als gute Idee an, fügte aber hinzu, dass „seine Zeit noch nicht gekommen sei“.

Nun, 48 Jahre später, ist die Zeit offensichtlich noch immer nicht gekommen.

An seiner Stelle kam das Große Feuer.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Der gewählte Präsident

Erstellt von DL-Redaktion am 4. Juni 2017

Der gewählte Präsident

Autor Uri Avnery

DER ERSTE Schock ist vorüber. Trump, der gewählte Präsident. Allmählich gewöhne ich mich an den Klang dieser Worte.

Wir treten in eine Ära vollkommener Ungewissheit ein. Wir Israelis und die gesamte Welt. Vom Schuhputzer-Jungen zum Staatsoberhaupt.

Niemand weiß es.

ABER ZUERST müssen wir Obama verabschieden.

Offen gesagt, ich mag den Kerl. Er hat so etwas Aristokratisches an sich, etwas Aufrichtiges, Ehrliches, Idealistisches.
Als die Kameras ihn diese Woche zeigten, während er mit Donald Trump zusammensaß, hätte der Kontrast nicht größer sein können. Obama ist der Anti-Trump. Trump ist der Anti-Obama.
Und dennoch…
Bisher, in all den acht langen Jahren seiner Präsidentschaft, hat Präsident Obama nichts, aber auch gar nichts, für den Frieden in unserer Region getan.
In diesen acht Jahren ist die Ultra-Rechte aufgeblüht. Die Siedlungen in den besetzten Gebieten haben sich vervielfacht und wurden ausdehnt. Nach jeder neuen Siedlungserweiterung hat das Außenministerium diese pflichtgemäß verurteilt. Und danach Binyamin Netanyahu einige Milliarden Dollar mehr gegeben. Und sein letztes Geschenk war das größte, das bisher je gemacht wurde.

Als Obama sein Amt antrat, hielt er einige sehr wundervolle Reden in Kairo und Jerusalem. Viele hervorragende Worte. Aber das waren sie nur: bloße Worte.
Einige Menschen glauben, dass Obama nun, wo er frei von allen Verpflichtungen ist, seine letzten zwei Monate, in denen er noch an der Macht ist, nutzen wird, um für seine Sünden zu büßen und etwas Bedeutsames für den israelisch-palästinensischen Frieden zu tun. Ich bezweifele das.
(Jahre zuvor, bei einem europäischen Kongress, warf ich dem spanischen Diplomaten Miguel Moratinos vor, er hätte nichts für den israelisch-palästinensischen Frieden getan. In seiner aggressiven Antwort beschuldigte er mich der schieren Impertinenz. Weshalb sollte irgendjemand etwas für die israelischen Friedenskräfte tun, wenn diese Kräfte selbst nichts täten, um Frieden zu erlangen?)
Haben wir das Letzte über die Obama-Familie gehört? Ich bin mir nicht sicher. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass nach vier oder acht Jahren der Name Obama wieder auf der Liste der Kandidaten für das Präsidentenamt zu sehen sein wird: Michelle Obama, die äußerst und rechtmäßig beliebte First Lady, die alle dazu notwendigen Eigenschaften besitzt: Sie ist schwarz. Sie ist eine Frau. Sie ist hoch intelligent. Sie besitzt einen lauteren Charakter. (Es sei denn, in dem Neuen Amerika sind dies alles negative Eigenschaften.)

ES GAB einen kleinen Trost bei den Wahlergebnissen. Hillary Clinton hat mehr Stimmen als Donald Trump erhalten. Sie verlor erst in dem Wahlausschuss.
Für einen Außenstehenden sieht diese Institution genauso steinzeitmäßig wie ein Dinosaurier aus. Sie mag ihre Dienste getan haben, als die Vereinigten Staaten von Amerika (Plural) wirklich eine Föderation aus diversen und unterschiedlichen regionalen Entitäten waren.
Diese Tage sind längst vergangen. Wir benutzen heute die Bezeichnung “US” im Singular. Die US tut es. Die US denkt. Die US wählt.
Was ist der große Unterschied zwischen einem Wähler in Arizona und einem in Montana? Weshalb sollte die Stimme eines Bürgers in Oregon mehr wiegen als die Stimme eines Bürgers in New York oder Kalifornien?
Der Wahlausschuss ist undemokratisch. Man hätte es schon seit langem abschaffen sollen. Aber politische Institutionen sterben langsam, wenn überhaupt. Immer profitiert jemand von ihnen. Dieses Mal ist es Trump.
EIN ÄHNLICH antiquiertes System ist die Ernennung von Richtern des Obersten Gerichtshofs.
Der Oberste Gerichtshof hat eine außergewöhnliche Macht, indem er tief in das Privatleben jedes US-Bürgers einschneidet. Es genügt, Abtreibungen und Homo-Ehen zu erwähnen.  Er beeinflusst auch internationale Beziehungen und noch weit mehr.
Dennoch verbleibt die Macht, neue Richter zu ernennen, einzig und allein in den Händen des Präsidenten. Ein neuer Präsident ändert die Zusammensetzung des Gerichts und siehe da! – die gesamte rechtliche und politische Situation ändert sich.
In Israel herrscht genau das Gegenteil. Jahre zuvor wurden neue Richter praktisch von den alten Richtern ernannt, „ein Freund bringt einen Freund”, wie es scherzhaft im Volksmund hieß.
Später wurde dieses System ein wenig verändert – Richter des Obersten Gerichtshof werden von einem Komitee, das aus neun Personen besteht, gewählt: drei von ihnen sind Amtsrichter, zwei andere sind Politiker der Knesset (je einer aus der Regierungskoalition und aus der Opposition), zwei sind Minister der Regierung und zwei repräsentieren die Rechtsanwaltskammer.
Fünf der Mitglieder des Komitees müssen Frauen sein. Einer der Richter des Komitees ist ein Araber, der aufgrund seines Dienstalters ernannt wurde.
Aber der entscheidende Punkt des Gesetzes ist, dass jede Ernennung durch eine Mehrheit von sieben Mitgliedern erfolgen muss – sieben von neun. Das bedeutet in der Praxis, dass die drei Amtsrichter des Komitees ein Vetorecht bei jeder Ernennung haben, ebenso wie die Politiker. Ein Richter kann nur durch einen Kompromiss ernannt werden.
Bis jetzt hat dieses System sehr gut funktioniert. Keine Beschwerden wurden registriert. Aber die neue Justizministerin, eine fanatische, ultrarechte Frau, will das System ändern: keine Mehrheit von sieben mehr, sondern eine einfache Mehrheit von fünf. Das würde den rechten Politikern die Entscheidungsmacht verleihen und die drei Richter ihrer Macht berauben, politische Ernennungen zu unterbinden.
Dieser Vorschlag hat starken Widerstand hervorgerufen und die Debatte darüber hält immer noch an.
WIE KANN man den kommenden Präsidenten beschreiben, knapp zwei Wochen nach seiner Wahl?
Das erste Wort, das einem in den Sinn kommt, ist: unberechenbar.
Wir sahen es bei der Wahlkampagne. Er würde zwei gegensätzliche Dinge im selben Atemzug sagen. Etwas sagen und dann wieder verneinen. Einen Teil der Wähler umschmeicheln und danach ihre Gegner.
Ja, ja, würden einige Menschen sagen. Na und! Ein Kandidat sagt alles, um gewählt zu werden.
Das stimmt, aber dieser besondere Kandidat hat das übertrieben. Er präsentierte eine sehr unangenehme Persönlichkeit, ohne Anstand, propagierte Hass gegen Schwarze, Hispanoamerikaner und Homos, verunglimpfte Frauen und lehnte Antisemiten und Neonazis nicht gänzlich ab.
Aber es wirkte, nicht wahr? Es brachte ihn dahin, wo er sein wollte, oder etwa nicht? Es zwingt ihn nicht, nun, wo er sein Ziel erreicht hat, in derselben Art weiterzumachen. Also, vergessen Sie es.
Einige Menschen träumen heute von einem komplett neuen Trump, einer Person, die all ihre alten Slogans und Erklärungen aufgibt und sich als einfühlsamer Politiker erweist, der sein erwiesenes Talent für Geschäftsabschlüsse einsetzt, um Ziele zu erreichen, die erforderlich sind, um Amerika wieder groß zu machen.
Als Kandidat tat er das, was notwendig war, um gewählt zu werden. Sobald er im Amt ist, wird er tun, was notwendig ist, um zu regieren.
Andere Menschen verpassen diesen Hoffnungen eine kalte Dusche. “Trump ist Trump”, sagen sie. Als Präsident wird er genauso unangenehm sein, wie er als Kandidat war. Ein extrem-rechter Hassprediger. Jeder seiner Schritte wird von seiner hässlichen Gedankenwelt diktiert. Sehen Sie, seine erste wichtige Ernennung war die eines radikalen Antisemiten zu seinem engsten Berater.
weiß es nicht. Niemand weiß es. Ich glaube, dass er es noch nicht einmal selber weiß.
Ich glaube, dass vier Jahre der Ungewissheit vor uns liegen. Wird er mit einem Problem konfrontiert, weiß er nichts darüber, sondern wird seiner momentanen Laune entsprechend reagieren. Von niemandem wird er Rat annehmen, und niemand wird im Voraus wissen, was seine Entscheidung sein wird. Das scheint mir ziemlich sicher zu sein.
Einige seiner Entscheidungen mögen sehr gut sein, andere wiederum sehr schlecht. Einige mögen sehr intelligent sein, andere idiotisch.
Wie ich sagte: unberechenbar.
Die Welt wird damit leben müssen. Es wird äußerst riskant sein. Es mag sich als positiv erweisen, oder in eine Katastrophe führen.

MAN HAT Trump mit Adolf Hitler verglichen. Aber der Vergleich ist ziemlich abwegig.
Außer ihrer deutsch-österreichischen Abstammung haben sie nichts gemeinsam. Hitler war kein Milliardär. Er war ein wirklicher Mann aus dem Volk – ein arbeitsloser Niemand, der eine Zeit lang in einem Obdachlosenasyl  lebte.

Hitler hatte eine Weltanschauung, eine starre Weltanschauung. Er war ein Fanatiker. Als er an die Macht kam, betrogen die Menschen sich selbst, indem sie glaubten, dass er bald seine demagogischen, radikalen Ideen aufgeben würde. Er tat es nicht. Bis zu dem Tag seines Selbstmords wich Hitler um keinen Deut von seiner Ideologie ab. Zehn Millionen Opfer, darunter Millionen Juden, können das bezeugen.
Trump ist kein Hitler. Er ist kein Mussolini, noch nicht einmal Franco. Er ist Trump.Und das mag schlimm genug sein. Vielleicht.Also, schnallen Sie Ihren Sicherheitsgurt an und halten Sie sich fest für die Achterbahnfahrt.

 (Dt: Inga Gelsdorf, vom  Verfasser autorisiert)

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Oh mein Gott, Trump!

Erstellt von DL-Redaktion am 28. Mai 2017

Oh mein Gott, Trump! (wirst Du auf einmal fromm?)

Autor Uri Avnery

PRÄSIDENT TRUMP. Ich stehe noch immer wie unter Schock. Aber ich war daran gewöhnt.

Dies ist nicht nur eine neue US-Wahl. In meinem Leben habe ich schon viele gesehen/erlebt

. Einige hatten Ergebnisse, die mir gefielen, einige nicht.

Aber diese eine hier ist ganz anders. Dies ist ein Erdbeben, das die Oberfläche des Planeten verändert.

Wie geschah es? Warum? Und warum kam es so völlig unerwartet?

ES WURDE nicht erwartet, weil die Wahlen so abgöttisch verehrt wurden.

Wie ich letzte Woche schrieb, bevor dies geschah, erinnern mich diese Wahlen an die römische Kunst, die Zukunft aus den Eingeweiden zu lesen und an die modernere Kunst der Astrologen.

So weit, wie ich mich erinnern kann, sind die Wahlen immer falsch gewesen. Von Zeit zu Zeit war eine Wahl korrekt, wie eine gebrochene Uhr, die zweimal am Tag richtig ist. Diese Wahl wurde dann gefeiert, bis zum nächsten Mal, wenn sie wieder falsch war, wie alle andern.

Dies trifft auf Israel wie auf US und andere zu.

Wie werden die Medien sich zu den nächsten Wahlen verhalten? Sicher haben sie keine andere Wahl. Die Umfragen liefern die Bewertung. Sie schaffen Ungewissheit. Statt nur langweilige und sich wiederholende Wahlreden zu bringen, schaffen sie Aufregung.

Kurz gesagt werden die Abstimmungen von den Medien geschaffen – für die Medien. Sie bedeuten nichts. Wenn die wirklichen Ergebnisse bekannt werden, sind sie bis zum nächsten Mal vergessen, wenn die Wahlen wieder beginnen, als sei nichts geschehen.

Was ist daran falsch? Nun fast jeder belügt die Meinungsforscher. Es war für einen Wähler erniedrigend zuzugeben, dass er zur Wahl für Trump gegangen war, die absurde Wahl eines plumpen Mob, statt der Wahl für einen exquisiten Kandidaten der Elite.

Um etwas wie wahre Ergebnisse zu bekommen, muss ein Meinungsforscher wenigstens eine Stunde mit jedem Befragten verbringen und ihm rundherum Fragen über verschiedene Probleme stellen, wie Arbeit, Waffen, Elite und Ähnliches. Und selbst dann kann man nicht sicher sein.

Ich schreibe dies nicht in der Hoffnung, dass beim nächsten Mal die Leute lachen werden, wenn sie die Abstimmungen sehen. Wie sollen sie ohne diese wissen, wer gewinnt?

WIR WISSEN wirklich nicht, wer Trump ist und was er während der nächsten vier Jahre tun wird. Wir kennen nur den Trump der Wahlen: eine garstige Person, ein Größenwahnsinniger, ein Lügner, ein Dummkopf. Man sollte noch ein Proto-Faschist hinzufügen.

Am Vorabend der letzten freien Wahlen im Vor-Hitler-Deutschland schrieb Joseph Goebbels, der Vordenker der modernen Propaganda, in sein Tagebuch: „wir müssen immer wieder die niedrigsten Instinkte der Massen aufrufen“.

Dies könnte gut das Motto aller faschistischen Bewegungen in der Welt sein. Dies war sicherlich das Motto von Donald Trump während seiner Wahlkampagne.

Die niedrigsten Instinkte der Massen führen sie dahin, die Ausländer, die Mitglieder von Minderheiten, die sexuell anderen und vor allem alle „Eliten“, die gewöhnlich in den Hauptstädten des Landes leben, zu hassen. Diese Instinkte führen sie dahin, an Verschwörungstheorien zu glauben – je wilder umso besser. Sie führen sie dahin, zu glauben, dass dunkle Mächte am Werk sind, die unser geliebtes Land unterminieren und unsere heldenhaften Soldaten mit dem Messer in den Rücken stechen.

In jedem Land gibt es Leute, die inbrünstig an diese Art von Unsinn glauben. Die ihrem Führer vertrauen. Der ihre Feinde hasst. Der ihr Land wieder groß machen will. Deutschland erwache!

In „normalen“ Zeiten vegetieren diese Elemente an den Rändern. Ihre Stimmen werden kaum in den Medien und im Parlament gehört. Aber manchmal taucht der Abschaum an die Oberfläche. Das ist es, was jetzt in den US geschah.

Warum? Warum jetzt?

EINIGE WÜRDEN sagen: wegen der einzigartigen Persönlichkeit des Donald Trump. Die einzigartige Mischung von Größenwahnsinn, der Zurschaustellung und der riesigen Fanggemeinde. Das ist akkurat, aber ist nicht genug, um dieses Phänomen zu erklären.

Da gibt es zu jeder Zeit und überall Trumps. Sie kommen und gehen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Warum dieser Trump? Was macht diesen Trump so besonders?

Anfangs erhebt sich Hohn und Spott – wie bei anderen Demagogen, die Jahre lang wie politische Clown angesehen werden, bevor sie unsägliches Unglück verursachen. Es gab in dieser Woche keinen Hohn, als der Vernünftige vor Angst fast umgekommen wäre. Der Clown könnte ein Monster werden.

Warum? Warum jetzt?

DIE VOLKSbewegung, die rund um Trump entstand, erinnert an den Ausbruch eines Vulkans. Er kam aus der Tiefe der Erde. Dies ist nicht nur eine politische Bewegung, die von einem klugen Politiker zusammengesetzt wurde. Es ist ein natürliches Phänomen, eine Massenbewegung von tiefen Ängsten und Sehnsüchten.

Ich glaube, es wurde von der Tatsache verursacht, die die menschliche Gesellschaft vorwärts bewegt hat, die aber Massen von unorientierten Leuten im Elend und in Verzweiflung ließ.

Die Globalisierung hat die Lebensbedingungen von Milliarden Menschen verändert, zum Besseren und zum Schlechteren. Produktions- und Handelsmuster sind nicht zu erkennen. Es ist wie ein Erdbeben – Berge werden zu Tälern, Täler werden zu Bergen. Dies ist schon vorher in der Geschichte geschehen zum Beispiel bei den Luddites (??) in England und bei den Webern in Deutschland im frühen 19. Jahrhundert. Sie zerschlugen die modernen Maschinen, die ihnen die Arbeit wegnahmen. Es war eine unnötige Rebellion.

Die Hauptopfer sind heute die unteren Klassen der früheren Meister-Nationen?? Die blauen Kragen. Diejenigen, die gestern stolz in fachkundigen, gut bezahlten und zufrieden stellenden Jobs waren und jetzt mit viel niedrigeren Jobs – wenn überhaupt – zufrieden sein müssen.

Das amerikanische Auto, ein weltweites Symbol, der Stolz der amerikanischen Nation, ist jetzt ein verachtetes Autowrack.

Dies brütet natürlich Hass gegen Ausländer aus (gegen Asiaten , die die Autos produzieren) und die Minderheiten (die Mexikaner, die um miserable, noch erreichbare Jobs wetteifern). So entsteht ein wilder Nationalismus. Der Detroit-Arbeiter mag arbeitslos sein, sein Heim steht in Gefahr der Zwangsvollstreckung, aber er ist noch ein weißer Amerikaner. Er wählte als solcher.

Trumpismus ist der Aufschrei der großen Massen der Amerikaner, die wirtschaftlich verrenkt, geistig unorientiert, allgemein elendiglich, voller Hass, Mistrauen und Verzweiflung sind.

Dies ist keine vorübergehende Situation und keine vorübergehende Gemütsverfassung. Trumpismus wird weiter unter Präsident Trump bestehen.

DA GIBT es enorme Unterschiede zwischen den US und Israel.

Die US ist ein riesiges Land. Israel ist winzig, kleiner als viele reiche US-Staaten. Die US ist bis jetzt multikulturell; Israel ist es auf jeden Fall nicht. Die US sind reich an Naturschätzen. Israel hat fast keine, außer einigen Ölfelder im Meer, weit ab von seiner Küste. Usw.

Benjamin Netanyahu ist kein Trump, nicht einmal ein halber Trump. Aber er wird sehr schnell einer.

Netanjahu ist ein Ein-Problem-Mann. Er hat seine Zähne in einem Problem und dort bleiben sie eine lange Zeit. Vor noch nicht langer Zeit war es die iranische Bombe. In einer Minute würde der Iran sie bekommen. Das würde das Ende der Welt bedeuten und würde mit Israel beginnen. Drum erklärte er den Krieg mit Barak Obama, hielt eine Rede im Kongress und schockierte die Welt.

Und dann hielt er. Praktisch über Nacht. Keine Bombe. Keim Iran. Kein Ende von irgendetwas.

Nun sind die Medien dran. Netanjahu will die Medien erobern. Nicht nur einige. Nicht die meisten. Alle. (the whole lot.)

Es ist nicht nur EINE, die ihn beunruhigt. Es ist nicht einmal die größte, die ihn beunruhigt. Es ist seine EINZIGE Sorge.

Um dies in die Praxis umzusetzen, nahm Netanjahu einen ungewöhnlichen Schritt. Als sein neues (und viertes) Kabinett gebildet wurde, behielt er das Kommunikations Ministerium für sich, ein sehr kleines Ministerium; nun ist klar , warum.

Der jüdische Kasino-Mogul, Sheldon Adelson, der Wohltäter von Trump, ist Netanjahus größter Bewunderer (und sein Besitzer ist). Er hat eine Tageszeitung, die für nichts verteilt wird und nur Netanjahu und seiner Frau gewidmet ist Es ist bis jetzt die größte Verteilung im Land gewesen.

Genug? Bei weitem nicht! Netanjahu ist mit dem israelischen öffentlichen Fernsehen nicht einverstanden, das mehr oder weniger neutral ist. Obgleich es viel weniger einflussreich ist als unsere kommerziellen Netzwerke. Netanjahu hat entschieden, diese mit einer persönlichen Station zu ersetzen.

Dies ist jetzt seine einzige eigene Sorge. Er stellt eine neue TV-Körperschaft , nach BBC zusammen gesetzt, auf. Doch plötzlich entdeckt er, dass die neue Körperschaft, die noch nicht sendet, schon voller „radikaler Linker“ ist (Irgendjemand, der kein Bewunderer von „Bibi“ ist) . Netanjahu wünscht also jetzt, dies zu beseitigen und den bestehenden Dienst zu behalten, vermutlich aber nach einer gründlichen Umbesetzung.

Warum Netanjahu absolute, totale Beherrschung der Medien benötigte, wurde in dieser Woche vom Kanal 10 demonstriert. Ein sehr populäres ( und exceptionelles, investigatives Programm, das UVDA („Tatsache“) genannt und eine Stunde Sara widmet, Netanjahus wilde, unbeliebte ( dritte) Frau.

Es scheint, dass Sara‘le ( kleine Sara), wie sie gewöhnlich genannt wird , persönlich alle bedeutenden Ernennungen im Land macht, einschließlich den Armee-Stabschef und die General-Direktoren aller Ministerien, allein aus dem Grund ihrer persönlichen Loyalität ihrem Mann ( und sich selbst) gegenüber.

Am Ende des Programms hat die Editorin und die Rundfunksprecherin Ilana Dayan aus einem offiziellen debuttal ??? aus Netanjahus Büro gelesen. Das waren mehr als vier Seiten (sechs Minuten) und war voll persönlicher Beschimpfungen von Dayan, die sie selbst langsam mit einem aufrechten Gesicht las. Eine ganz amusante Erfahrung.

Mit sehr wenigen Ausnahmen sind die israelischen Medien bis jetzt völlig entmutigend. Volkstümlicher Humor spricht von einem Hof, einem König, einer Königin und einem Kronprinzen. Aber es ist keine lächerliche Angelegenheit: deutlich wünscht Netanjahu ein israelischer Putin oder Erdogan zu sein. Und jetzt ein Trump.

LASST UNS fair sein. Es geschehen Wunder. Präsident Trump mag sich zu einer völlig anderen Person entwickeln als der scheußliche Kandidat. Er mag pragmatisch im guten Sinn des Wortes sein, schnell lernen und sensibel regieren.

Wie unsere muslimischen Freunde sagen: Inshallah – wenn Gott es will.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser …..

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Kleineres/geringeres Übel

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Mai 2017

Das kleinere / geringere Übel

Autor Uri Avnery

WER WIRD bei den nächsten Wahlen in den USA gewinnen?

Ich weiß es ziemlich sicher. Es ist nicht nötig, die öffentlichen Meinungsumfragen, das moderne Equivalent der römischen Interpreten tierischer Eingeweide und die moderneren Leser des Kaffee-Satzes fragen. Die Umfragen sind nicht weniger genau.

Der Gewinner wird die PLE – die Partei des kleineren Übels sein, in diesem Fall, der Kandidat des kleineren Übels.

Die Leute werden nicht für jemand wählen, sondern gegen jemand.  Gegen das größere Übel.

Dies ist ein weltweites Phänomen. In fast allen demokratischen Ländern gewinnt das geringere Übel.

SEIT DER Gründung des Staates Israel, 1948, hatten wir 20 Wahlen für das Parlament. Das Parlament (die Knesset) wählte damals die Regierungen.

Bei fünf dieser Wahlen stimmte ich für mich – in drei von ihnen stimmte ich für eine Partei, die von mir geleitet wurde, in einer Partei, in der ich zu den eröffnenden drei gehörte und in einer für eine Liste, in der ich den ehrenvollen120. Platz einnahm.

In allen 15 anderen Wahlen stimmte ich für die PLE – die Partei, die ich für das geringere Übel betrachtete.

Nicht für eine Partei, die ich liebte. Nicht für eine Partei, die ich bewunderte. Nicht für eine Partei, die ich für gut ansah. Solch eine Partei gibt es nicht. Also wählte ich eine Partei, von der ich glaubte, sie würde am wenigsten den Staat und das Ziel belasten, was ich als vorrangig betrachtete: Frieden mit dem palästinensischen Volk und der ganzen arabischen und muslimischen Welt.

Der Auswahl-Prozess ist ganz einfach. Man schreibt vor sich die Namen der Partei-Listen: in Israel gewöhnlich zwischen 10 und 20. Dann streicht man die Schlechteste. Und so weiter – bis nur eine übrig bleibt.

Sicher klingt dies nicht sehr aufregend. Man verlässt das Wahllokal nicht in guter Stimmung, um in der Straße zu tanzen. Aber man hat seine bürgerliche Pflicht in sensibler Weise erfüllt.

MAN KANN sich natürlich dafür entscheiden, überhaupt nicht zu wählen. Man sagt rechtschaffen zu sich selbst: es sind doch alle gleich, sie sind alle schlecht, eine rechtschaffene Person wie ich, kann nicht mit gutem Gewissen für einen von ihnen stimmen.

In Wirklichkeit ist das eine sehr schlechte Entscheidung. Wenn man nicht für das geringere Übel stimmt, stimmt man in Wirklichkeit für das allgemein bekannteste Übel.

Dasselbe gilt für das amerikanische System. Für einen dritten Wahl-Kandidaten, für jemanden, der keine Chance hat zu gewinnen, auch wenn er oder sie freundlich sein mögen, ist schlecht/ nicht gut. Dies gibt einem wohl ein gutes Gefühl. Aber in Wirklichkeit bedeutet dies, seine wertvolle Stimme wegzuwerfen. Es ist – falls du mich entschuldigst – eine Art politischer Onanie.

WAS DIE Systeme betrifft, bin ich immer ein handfester Verteidiger des israelischen Systems der proportionalen Vertretungen gewesen. Die Bürger wählen für eine Partei-Liste. Ehrlich gesagt profitierte ich davon, da keine, die ich leitete jemals mehr als 2% erreichte. In jener Zeit war das Minimum 1%.

Doch wenn ich mir jetzt das System im Rückblick ansehe, bin ich mir nicht mehr sicher. Es tendiert dahin, die Knesset mit „nobodys“ zu füllen. Praktisch ernennt der Parteiführer alle Kandidaten, die auf der Liste erscheinen und er füllt sie mit Leuten, auf die er sich bedingungslos verlassen kann.

Der konsequenteste Praktiker ist Avigdor Lieberman, der bei jeder Wahl alle Knesset-Mitglieder seiner „Israel ist unser Heim“-Partei hinauswirft und die Liste mit neuen Personen füllt, die natürlich total von ihm abhängig sind. In den zwei größten Parteien gibt es Vorwahlen, das Ergebnis ist ähnlich,

Dieses System ist jetzt degeneriert bis zum Punkt keiner Rückkehr.

In Wirklichkeit wählen die Bürger einen Parteiführer. Viele der anderen gegenwärtigen Knesset-Mitglieder verbringen ihre Zeit mit wilden Bemühungen, die öffentliche Aufmerksamkeit mit immer monströseren „Initiativen“ auf sich zu ziehen. Sie sind nur ihrem Parteiführer verantwortlich.

Jetzt bevorzuge ich das britische System. Dort ist das Land in Wahldistrikte aufgeteilt; jeder Distrikt wählt ein Parlamentsmitglied. Das Mitglied bleibt den Wählern und seines oder ihres Distrikts verantwortlich. Er/sie muss seine/ihre Hoffnungen, wenn er wieder gewählt werden will, erfüllen.

Es stimmt, auch diesen Wahlsystem hat einen großen Fehler: Der Sieger nimmt alles, alle Stimmen, die andere Kandidaten verloren haben. 45% der Wähler oder mehr könnten ohne Vertretung bleiben.

ZURÜCK ZUR gesegneten ?? USA. Dort ist das Wahlsystem ganz anders.

Die Wähler wählen indirekt einen Präsidenten – der Erbe der britischen absoluten Monarchie, die das ganze Land beherrschte, bevor die Republik gegründet wurde. Die amerikanischen Präsidenten haben immense Macht. Alle anderen demokratischen Präsidenten und Ministerpräsidenten aus aller Welt können sie nur beneiden.

In diesen Wahlen gibt es nur zwei Kandidaten. Die amerikanischen Wähler müssen zwischen ihnen wählen. Alles andere ist Unsinn.

Bei den bevorstehenden Wahlen ist weder der eine noch die andere sehr attraktiv. Die Amerikaner konnten Abraham Lincoln verehren, Franklin Delano Roosevelt bewundern, John F. Kennedy und seine Frau lieben. Die gegenwärtigen Kandidaten zeigen keine solchen Gefühle.

Für die meisten vernünftigen Bürger ist es eine Frage des „geringeren Übels“. Wenn beide schlecht sind, wer ist der Schlimmere?

Für mich, einen Bürger eines anderen Landes, ist dies überhaupt keine Frage.

Zuerst abgesehen von Ansichten des Charakters, besteht die Frage der Erfahrung. Ich frage mich, hat es jemals einen Kandidaten für die Präsidentschaft gegeben, der nie ein öffentliches Amt geleitet hat. Weder als Vice-Präsident noch als Gouverneur , oder als Senator oder Vertreter, noch als Hundefänger.

Politik ist ein Beruf. Sicherlich kein sehr schöner, aber immerhin ein Beruf. Man lernt, wie Dinge laufen. Wie man Ziele erreicht. Wie man das System manipuliert, um seine Ideale voranzubringen. Die Idee, dass man in wenigen Minuten von einem Privatmann zu einem ziemlich erfolgreichen – ja, zum mächtigsten Staatsmann in der Welt werden kann, ist grotesk.

Schlechte Erfahrung ist besser als keine Erfahrung. Von einer schlechten Erfahrung kann man lernen. Von nichts kann man kann man nichts lernen.

Wenn dies klar ist, können wir versuchen, die Kandidaten zu analysieren.

Hillary Clinton hat keinen Charme. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bei einem Essen neben ihr sitzen möchte. Aber sie ist kompetent. Sie hat mehr frühere Erfahrungen als die meisten Kandidaten in der Geschichte. Sie ist mehr oder weniger eine normale Politikerin. Gut genug.

Dieses email-Geschäft ??? scheint mir weit übertrieben. ??? Sicher ist es stupid/ töricht. Aber es gibt keine Chance, dass sie dies wiederholen würde. Die Obsession der amerikanischen Öffentlichkeit wird diesen Artikel/ Gegenstand scheint mir seltsam. Ich verstehe das Verhalten des FBI-Direktors. Solche Leute gehören fast immer zur extremen Rechten.

SEIT EWIGKEITEN haben Juden nach jeder Diskussion gefragt: „Ist es gut für die Juden?“ Heute mögen Israelis eine ähnliche Frage stellen: „Ist er oder sie gut für Israel?“

Nun, das hängt davon ab, was man denkt, was gut für Israel sei. Bedingungslose Unterstützung für eine israelische Regierung, die uns in einen nationalen Selbstmord führt oder Unterstützung für einen israelisch-palästinensischen Frieden, wie meine Freunde und ich glauben?

Falls die erste Antwort richtig ist, sind beide Kandidaten annehmbar. Nach dem unglaublich korrupten amerikanischen Wahlsystem benötigen beide immense Summen Geld, um ihre Wahlkampagnen zu finanzieren. Aus mehreren Gründen sind jüdische Milliardäre in der Lage, mehr als andere zu geben.

Trump empfängt riesige Summen vom jüdischen Kasino-Besitzer Sheldon Adelson, der Benjamin Netanjahu zu seinem wertvollsten Besitz gehört. Israels größte Tageszeitung, die Adelson gehört und für nichts/ ohne Kosten verteilt wird, ist Netanjahu persönlich gewidmet.

Clintons fünf führende Milliardäre sind jüdisch. Sie wird sich sicher an Barak Obamas Aktionslinie, hinsichtlich jeder Aktion des Nah-Östlichen Friedens (wenigstens bis jetzt) halten.

Falls dies antisemitisch klingt, so ist es dies. Als ich vor kurzem einem Ausländer die totale Unterwerfung des amerikanischen Kongresses unter die israelische Regierung erklärte, sagte er bestürzt:„ aber das ist ja wie in den „Protokollen der Weisen zu Zion“ geschrieben!“

So ist es. Dieses widerliche Dokument, das von der Geheimpolizei des Zaren vor mehr als hundert Jahren verfasst/gefälscht wurde, erzählt von einer jüdischen Verschwörung, die die Welt des Geldes beherrscht. Nun kontrollieren jüdische Geldgeber beide Kandidaten für den Präsidenten der führenden Macht der Welt.

Aus irgendeinem Grund unterstützen all diese Milliardäre die gegenwärtige israelische Politik, von der ich glaube, dass sie uns in die Katastrophe führt. Mit dieser Ansicht gibt es nicht viel, das die beiden unterscheidet.

ALLES IN ALLEM scheint mir Hillary Clinton eine akzeptable, wenn auch nicht ideale Kandidatin zu sein.

So ist es nicht bei Donald Trump. Falls er nicht existieren würde, würde es unmöglich sein, sich ihn vorzustellen.

Wir wissen jetzt, dass er ein Rassist, ein Hasser der Schwarzen und der Latinos ist, ein Frauenhasser, ein Hasser der Schwulen, alles in allem, eine garstige Person.

Er scheint, keine Weltanschauung zu haben, keine erkennbare Anlage auf Werte.

Er ist ein natürlicher Entertainer. Ich gebe zu, dass ich jetzt seit Wochen, wann immer ich die Morgenzeitung in die Hände nehme, das erste, wonach ich schaue, die letzte Trump-Kapriole ist.

Er mag ein hervorragender Geschäftsmann zu sein. Es wird ihm nachgesagt, dass er schon mehrfach bankrottging. Aber das mag eine kluge Geschäftstaktik sein. (Ein jiddischer Scherz spricht von zwei Juden, die ein Partnerschaftsabkommen aufsetzen und einer von ihnen fügt hinzu „im Fall eines Bankrotts verlangt er eine Klausel, dass der Profit gleichmäßig geteilt wird.)

Aber ein Geschäft zu führen, ist etwas völlig anderes, als ein Land zu führen. Und zwar nicht irgendein Land. Geschäfte führen keine Kriege. Geschäfte haben keine nuklearen Waffen.

Trump könnte ein guter Präsident werden, ein pragmatischer Innovator. Aber das Risiko ist viel zu groß. Eine Stimme für Trump könnte eine weltweite Katastrophe verursachen, die auch uns verschlingen könnte.

Wenn du/ man ein amerikanischer Bürger bist, bitte, wähle/wählt das geringere Übel.

Zusatz in letzter Minute: Selbst wenn diese Dinge nicht existieren, gibt es für mich einen Grund, der trumpft alle Trumps.

Ein Geräusch/ ein Laut, einen Klang . Ein Geräusch, das ich seit meiner Kindheit in meinen Ohren trage: Das Geräusch einer hysterischen Menge, die nach jedem Satz des Führers Beifall schrie.

Nicht noch einmal!

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser …..

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Die israelischen Trumpess

Erstellt von DL-Redaktion am 14. Mai 2017

Die israelischen Trumpess

Autor : Uri Avnery

WAS WIRD Donald Trump tun, wenn er die Wahlen von jetzt an in anderthalb Wochen verliert, wie die meisten Umfragen ergeben?

Er hat schon erklärt, dass er die Ergebnisse anerkennen wird – aber nur wenn er gewinnt.

Das klingt wie ein Witz. Aber es ist weit entfernt von einem Witz-

Trump hat schon verkündet, dass die Wahl aufgetakelt ist. Die Toten wählen (und all die Toten stimmen für Hillary Clinton). Die Wahl-Komitees sind korrupt. Und die Wahlmaschinen fälschen die Wahlergebnisse.

Nein, das ist kein Witz/ Scherz. Überhaupt nicht.

DAS IST kein Scherz, weil Trump Zig-Millionen Amerikaner vertritt, die der niedrigen Schicht der weißen Bevölkerung angehören, die die weiße Elite den „weißen Abfall“ nennt. In einer höflicheren Sprache werden sie „ die Blau-Kragen-Arbeiter“ genannt und meint damit ungelernte Arbeiter, ungleich den „Weiß-Kragen-Arbeitern“, die in Büros beschäftigt sind.

Wenn die Zig-Millionen Blaukragen-Wähler sich weigern, die Wahlergebnisse anzuerkennen, wird die amerikanische Demokratie in Gefahr sein. Die Vereinigten Staaten könnten eine Bananen-Republik werden, wie einige seiner südlichen Nachbarn, die sich nie einer stabilen Demokratie erfreuten.

Dieses Problem besteht in allen modernen Nation ??-Staaten mit einer ziemlich großen nationalen Minderheit. Die niedrigste Schicht der herrschenden Bevölkerung hasst die Minderheit. Mitglieder der Minderheit verjagen sie aus den unteren Arbeitsplätzen. Und was noch wichtiger ist: die untere Schicht der herrschenden Mehrheit hat nichts, um stolz zu sein, außer dass sie zur herrschenden Schicht gehört.

Die deutschen Arbeitslosen stimmten für Adolf Hitler, der sie zum „Herrenvolk“ und zur arischen Rasse beförderte. Sie gaben ihm Macht und Deutschland wurde bis auf den Grund zerstört.

DER EINE und einzige Winston Churchill sagte das berühmte Wort, dass die Demokratie ein schlechtes System sei. Dass aber all die andern Systeme bis jetzt versuchten ??? , (noch )schlechter zu sein.

Was nun die Demokratie betrifft, so waren die US für die Welt ein ModelL/ Vorbild. Schon in ihren frühen Tagen, zogen sie Freiheits-Liebende von überall an. Vor fast 200 Jahren schrieb der französische Denker Alexis de Tocqueville einen glänzenden Bericht über die „Demokratie in Amerika“.

Meine Generation wuchs mit der Bewunderung einer amerikanischen Demokratie auf. Wir sahen europäische Demokratien zusammenbrechen und im Morast des Faschismus versinken. Wir bewunderten dieses junge Amerika, das Europa in zwei Weltkriegen – aus reinem Idealismus – rettete. Das demokratische Amerika besiegte den deutschen Nazismus und den japanischen Militarismus und später den sowjetischen Bolschewismus.

Unsere kindische Haltung gab einer reiferen Ansicht nach. Wir erfuhren vom Genozid der (Ureinwohner//die eingeborenen Amerikaner und über die Sklaverei. Wir sahen wie Amerika von Zeit zu Zeit von einem Angriff der Tollheit ergriffen wurde wie die Hexenjagd von Salem und die Ära des Joe McCarthy, der unter jedem Bett einen Kommunisten entdeckte.

Aber wir sahen auch Martin Luther King, den ersten schwarzen Präsidenten und jetzt sehen wir wahrscheinlich den ersten weiblichen Präsidenten. Alles wegen dieser amerikanischen Demokratie.

Und nun kommt dieser Mann, Donald Trump, und versucht, die delikaten Bindungen, die die amerikanische Demokratie zusammenhielten, zu zerreißen. Er hetzt Männer gegen Frauen, Weiße gegen Schwarze und Hispanos, die Reichen gegen die Armen. Er sät überall gegenseitigen Hass.

Vielleicht will das amerikanische Volk, diese Plage loswerden und schickt Trump dorthin zurück, wo er herkam –zum Fernsehen. Vielleicht wird Trump wie ein böser Traum verschwinden, wie es McCarthy tat und seine spirituellen Vorfahren.

Lasst uns hoffen. Aber dort ist auch das Gegenteil möglich: dass Trump ein Unglück auslöst, wie es vorher nie gesehen wurde: den Niedergang der Demokratie, die Zerstörung des nationalen Zusammenhalts, das Auseinanderbrechen in Tausend Splitter.

KANN DIES auch in Israel geschehen? Haben wir in Israel ein Phänomen, das mit dem Aufstieg des amerikanischen Trump verglichen werden kann? Gibt es einen israelischen Trump?

Tatsächlich, den gibt es. Aber der israelische Trump ist eine Trumpin.

Sie wird Miri Regev genannt.

Sie ähnelt dem Original Trump in vieler Weise. Sie fordert die Tel Aviver „alten Eliten“ heraus , wie Trump gegen Washington aufstachelt. Sie hetzt jüdische gegen arabische Bürger, Orientalen von östlicher Herkunft gegen Ashkenazim europäischer Herkunft. Die Unkultivierten gegen die Kultivierten. Die Armen gegen alle anderen. Sie zerrt an der heiklen Bande der israelischen Gesellschaft,

Sie ist natürlich nicht die Einzige ihrer Art. Aber sie überschattet alle anderen.

Nach den Wahlen zur 20. Knesset, im März 2015 , und dem Zusammenstellen der neuen Regierung, wurde Israel von einer Bande weit rechter Politiker wie eine Bande hungriger Wölfe überrannt. Männer und Frauen ohne eigenen Charme, ohne Würde, besessen von einem gefräßigen Hunger nach Macht, nach Auffälligkeit um jeden Preis, Leute um ihres persönlichen Interesses willen und sonst nichts. Sie konkurrieren miteinander auf der Jagd nach Schlagzeilen und provozierenden Aktionen.

Zu Beginn waren sie alle gleich – ehrgeizig, hemmungslos. Aber allmählich überholte Miri Regev alle andern. Alles was sie tun kann, konnte sie besser. Für jede Schlagzeile, die von anderen gegrabscht wurde , kann sie fünf grabschen. Für jede Verurteilung anderer in den Medien, erhielt sie zehn. (??)

Benjamin Netanjahu ist ein Zwerg, aber verglichen mit diesem Pulk, ist er ein Riese. Um so zu bleiben, gab er jedem von ihnen einen Job, der ihm oder ihr am wenigsten passte. Miri Regev, eine grobe, vulgäre, primitive Person, wurde Ministerin für Kultur und Sport.

Regev, 51, ist eine gut aussehende Frau von Eingewanderten aus Marokko. Sie wurde als Miri Siboni in Kiryat-Gat geboren, einem Ort , für den ich starke Gefühle habe, weil es hier war, wo ich 1948 verletzt wurde. Damals war es noch ein arabisches Dorf, das Irak-al-Nabshiyeh hieß und wo mein Leben von vier Soldaten gerettet wurde, einer von ihnen wurde Siboni genannt ( Keine Verbindung).

Viele Jahre diente Regev in der Armee als Offizier für Öffentliche Beziehungen, sie kam in den Rang eines Oberst. Es scheint, dass sie eines Tages entschied, öffentliche Beziehungen für sich selbst zu sammeln, lieber als für andere.

Seit ihrem ersten Tag als Kultus-Ministerin hat sie die Medien mit einem ständigen Strom von Skandalen und Provokationen versorgt. Auf diese Weise überholte sie nach und nach all ihre Konkurrenten in der Likud-Führung. Sie können nicht mit ihrer Energie und ihrer Erfindungsgabe wetteifern.

Sie erklärte stolz, dass sie ihren Job als Beseitigung aller Anti-Likud-Leute von der kulturellen Arena ansieht – schließlich war es das, warum der Likud gewählt wurde.

In der ganzen Welt unterstützt die Regierung kulturelle Institutionen und kreative Personen, und ist überzeugt davon, dass Kultur ein lebenswichtiges nationales Gut ist. Als Charles de Gaulle Präsident von Frankreich war, näherte sich ihm einmal einer seiner Polizeichefs mit der Forderung eines Problems , eine Haft für den Philosophen Jean Paul Sartre , wegen seiner Unterstützung der algerischen Freiheitskämpfe. De Gaulle weigerte sich und sagte. „Sartre ist auch Frankreich“.

Nun Regev ist kein De Gaulle. Sie droht Regierungssubventionen von jedem Institut zurückzuziehen, das öffentlich gegen die Politik der Regierung des rechten Flügels ist. Sie verlangt die Streichung des Programmes eines arabischen Rapper, der aus den Werken von Mahmoud Darwish liest, dem von arabischen Bürgern und der ganzen arabischen Welt hochverehrten nationalen Dichter. Sie verlangt die Streichung aller Theater- und Orchester-Aufführungen, die in den Siedlungen der besetzten Gebieten stattfinden, wenn sie ihre Fördermittel behalten wollen.

In dieser Woche gewann sie einen überwältigenden Sieg, als Habima, das „National-Theater“ darin übereinstimmte, in Kiryat-Arba, einem Nest der fanatischsten faschistischen Siedlern, eine Veranstaltung zu geben. In der Tat vergeht kein Tag ohne Nachrichten über einige neue große Taten von Regev. Ihre Kollegen platzen vor Neid.

DIE BASIS des israelischen Trumpismus und Miri Regevs Karriere ist die tiefe Abneigung der Orientalischen – oder Mizrahim-Gemeinde. Sie ist gegen die Ashkenazim, die Israelis europäischer Abkunft gerichtet. Sie werden angeklagt, die Orientalen mit Verachtung behandelt zu haben, indem sie sie „das zweite Israel“ nennen.

Seit jene Rekruten, marokkanischer Abkunft, mein Leben in der Nähe des Geburtsortes von Miri Regev retteten, habe ich viel über die Tragödie der Mizrahi-Einwanderung geschrieben, einer Tragödie, von der ich ein Augenzeuge des ersten Augenblickes bin. Viele Ungerechtigkeiten wurden begangen, meist ohne böse Absichten. Aber die größte Sünde wird selten erwähnt.

Jede Gemeinschaft braucht ein Gefühl des Stolzes, das sich auf frühere Ereignisse gründet. Der Stolz wurde den Mizrahim genommen, als sie nach dem 1948er Krieg ins Land kamen. Sie wurden als Leute behandelt, die keine Kultur hatten; ohne Vergangenheit, Höhlenbewohner aus dem Atlas-Gebirge.

Diese Haltung wurde ein Teil der Verachtung der arabischen Kultur, eine tiefe Verachtung, die in die zionistische Bewegung eines Vladimir( Zeev) Jabotinsky, dem rechts-flügeligen ?? Führer und Vorfahre der Likud-Partei gehört, der in seiner Zeit einen Artikel schrieb „ der Osten“, in dem er seine Verachtung für die orientalische Kultur ausdrückte, für jüdische und arabische, weil ihre Religiosität und Unfähigkeit zwischen Staat und Religion zu unterscheiden – nach ihm eine Barriere zu jedem menschlichen Fortschritt war. Dieser Artikel wird heutzutage selten erwähnt.

Die orientalischen Immigranten kamen in ein Land, das vorherrschend „säkular“ und nicht religiös und westlich (ausgerichtet ??) war. Sie waren auch sehr anti-arabisch und anti-moslemisch. Die neuen Immigranten verstanden sehr schnell, dass sie, um in Israel anerkannt zu werden, die israelische Gesellschaft akzeptieren müssen. Sie müssen ihre religiös-traditionelle Kultur los werden. Sie lernten, sich von allem Arabischen zu distanzieren, wie z.B. ihr Akzent und ihre Lieder. Andernfalls würde es schwierig sein, ein Teil der neuen Gesellschaft dieses Landes zu werden.

Vor der Geburt des Zionismus – einer sehr europäischen Bewegung – gab es keine Feindschaft zwischen Juden und Muslimen. Ganz im Gegenteil. Als die Juden aus dem katholischen Spanien vor vielen hundert Jahren vertrieben wurden, ging nur eine Minderheit und immigrierte ins antisemitische, christliche Europa. Die große Mehrheit ging in muslimische Länder und wurde im ganzen ottomanischen Empire mit offenen Armen empfangen.

Zuvor erreichten die Juden im muslimischen Spanien ihren glücklich krönenden Ruhm, das „ Goldene Zeitalter“. Sie waren in allen Teilen der Gesellschaft und in der Regierung integriert und sprachen arabisch. Viele von ihren Männern waren Literaten und schrieben arabisch und wurden von Muslimen wie auch Juden bewundert. Maimonides, vielleicht der Größte der sephardischen Juden, schrieb arabisch und war der persönliche Arzt von Saladin, dem muslimischen Krieger, der die Kreuzfahrer besiegte. Die Vorfahren dieser Kreuzfahrer hatten Juden wie auch Muslime ermordet, als sie Jerusalem eroberten.

Ein anderer großer Mizrahim-Jude war Saadia Gaon, der die Thora ins Arabische übersetzte usw.

Es würde für orientalische Juden nur natürlich gewesen sein, auf diese glorreiche Vergangenheit stolz zu sein, wie deutsche Juden stolz auf Heinrich Heine waren und französische Juden auf Marcel Proust. Aber das kulturelle Klima in Israel zwang sie, ihr Erbe aufzugeben und nur die Kultur des Westens anzunehmen. (Östliche Sänger waren eine Ausnahme – zunächst bei Hochzeitsfeiern und jetzt als Medienstars. Sie wurden volkstümlich „Mediterrane Sänger“ genannt)

Wenn Miri Regev eine kultivierte Person wäre und nicht nur eine Kultusministerin, dann würde sie ihre beträchtliche Energie dazu verwenden, diese Kultur zu neuem Leben zu erwecken und ihrer Gemeinschaft den Stolz zurück geben. Aber das interessiert sie nicht wirklich. /Und es gibt noch einen anderen Grund.

Die Mizrahi-Kultur ist vollkommen verbunden mit der arabisch-muslimischen Kultur. Es kann Jahrhunderte lang die enge Beziehung zwischen den beiden Kulturen nicht erwähnt werden, ohne dass Muslime und Juden für den Fortschritt der Menschheit sorgten, lange bevor die Welt von Shakespeare und Goethe gehört haben. Ich habe immer geglaubt, dass das Zurückbringen des Stolzes die Pflicht der neuen Generation von Friedens-Liebhabern ?? sei, die aus der Mizrahi-Gesellschaft sich erhoben. In letzter Zeit haben Männer und Frauen aus dieser Gemeinschaft Schlüsselpositionen im Friedenslager erreicht. Ich habe große Hoffnungen.

Sie werden die jetzige Kultusministerin bekämpfen – sie ist eine Ministerin, die nichts mit der Kultur gemein hat und eine Mizrahi -Frau ist, die nichts mit den Wurzeln der Mizrahi gemein hat.

ICH HOFFE auf ein jüdisch-mizrahi Wiederaufleben in diesem Land, weil es den israelisch-arabischen Frieden voranbringt und weil es die verlorenen Verbindungen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften in unserm Staat stärken kann.

Als eine nicht religiöse Person ziehe ich die mizrahi-Religiosität, die immer moderat und tolerant gewesen ist, dem fanatisch zionistisch-religiösen Lager vor, das vorherrschend Ashkenazi ist. Ich habe immer Rabbi Ovadia Josef dem Rabbi Kook , Vater und Sohn, vorgezogen. Ich ziehe Arie Der’i Naftali Bennet vor.

Ich verachte Donald Trump und Trumpismus. Ich mag Miri Regev und ihre Kultur nicht.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser….

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Die Kissinger-Geschichte

Erstellt von DL-Redaktion am 8. Mai 2017

ICH SCHREIBE dies am Yom Kippur
(Gott möge mir vergeben).

Autor : Uri Avnery

Genau vor 43 Jahren, genau in diesem Augenblick, begannen die Sirenen.

Wir saßen in unserm Wohnzimmer und schauten auf eine der Tel Aviver Hauptstraßen. Die Stadt war völlig ruhig. Keine Autos. Kein Verkehr irgendeiner Art. Ein paar Kinder fuhren auf ihren Fahrrädern, was an Yom Kippur, dem heiligsten Tag des Judentums, erlaubt war. Genau wie jetzt.

Rachel, meine Frau, ich und unser Gast, Professor Hans Kreitler waren in tiefer Konversation. Der Professor, ein bekannter Psychologe, wohnte in der Nähe – so konnte er zu Fuß hierher kommen.

Und dann wurde die Stille von einer Sirene durchbrochen. Einen Augenblick lang dachten wir, dass dies durch ein Versehen geschah, aber dann schlossen sich andere an. Wir gingen zum Fenster und sahen einen Aufruhr. Die Straße, die vor wenigen Minuten total leer war, begann sich mit militärischen und zivilen Fahrzeugen zu füllen.

Und dann begann das Radio, das wegen Yom Kippur still gewesen war.. Der Krieg war ausgebrochen.

VOR EIN paar Tagen wurde ich gefragt, ob ich bereit wäre, im TV über die Rolle von Henry Kissinger in diesem Krieg zu sprechen. Ich stimmte zu, doch im letzten Augenblick wurde das Programm gestrichen, weil die Funkstelle die Zeit benötigte, um Juden an der Klagemauer (Westmauer) zu zeigen, wie sie Gott um Vergebung baten. In diesen Netanjahu-Zeiten kommt Gott natürlich zuerst.

Statt im TV zu reden, werde ich jetzt meine Gedanken über das Thema hier schreiben.

Henry Kissinger hat mich immer fasziniert. Einmal nahm mich unsere Freundin Yael, die Tochter von Moshe Dayan, während seiner Abwesenheit natürlich – da er mein Feind war – in seine große Bibliothek von ungelesenen Büchern und bat mich, ein Buch als Geschenk auszuwählen. Ich wählte ein Buch von Kissinger und war sehr beeindruckt von ihm.

Wie Shimon Peres und ich wurde Kissinger 1923 geboren. Er war ein paar Monate älter als wir beide. Seine Familie verließ Nazi-Deutschland fünf Jahre später als ich und ging über England in die US. Wir beide mussten sehr früh mit dem Arbeiten beginnen, aber er machte mit seinem Studium weiter und wurde Professor, während ich Armer nicht einmal die Grundschule beendete.

Ich war sehr von der Weisheit seiner Bücher beeindruckt. Er näherte sich der Geschichte ohne Gefühle und ging besonders nach Napoleons Niederlage auf den Wiener Kongress ein, in dem eine Gruppe weiser Staatsmänner die Grundlage für ein stabiles, absolutistisches Europa bauten. Kissinger betonte die Bedeutung ihrer Entscheidung, den Vertreter des besiegten Frankreichs (Talleyrand) einzuladen. Ihnen war klar, dass Frankreich ein Teil des neuen Systems sein muss. Um den Frieden zu sichern, glaubten sie, keiner darf in diesem neuen System außen vor bleiben.

Leider hat der verantwortliche Kissinger diese Weisheit von Kissinger, dem Professor, nicht beachtet. Er ließ die Palästinenser außen vor.

DAS THEMA, über das ich im TV sprechen sollte, war eine Frage, die israelische Historiker nach dem verhängnisvollen Yom Kippur faszinierte und beunruhigte. Wusste Kissinger über den bevorstehenden ägyptisch-syrischen Angriff? Enthielt sich Kissinger absichtlich vor einer Warnung Israels, wegen seiner eigenen schändlichen Planung.

Nach dem Krieg wurde Israel von einer Frage zerrissen: warum hat unsere Regierung, von Ministerpräsidentin Golda Meir und dem Verteidigungsminister Moshe Dayan all die Zeichen eines bevorstehenden Angriffes nicht beachtet? Warum haben sie die Reserve-Armee nicht beizeiten aufgerufen. Warum haben sie die Panzer zu unserer Festung am Suez-Kanal nicht geschickt?

Als die Ägypter angriffen, wurde die Linie nur von einer zweitklassischen Truppe gehalten. Die meisten Soldaten wurden für den hohen religiösen Feiertag nach Hause geschickt. Die Grenzlinie wurde leicht überrannt.

Der israelische Geheimdienst wusste natürlich von der massiven Bewegung der ägyptischen Einheiten zum Kanal hin. Er wertete dies aber als leeres Manöver, um Israel zu erschrecken.

Um dies zu verstehen, muss man sich daran erinnern, dass nach dem unglaublichen Sieg der israelischen Armee vor nur sechs Jahren –als sie alle benachbarten Armeen zerstörte — unsere Armee eine entsetzliche Verachtung für die ägyptischen bewaffneten Kräfte hatte. Die Idee, dass sie es wagen könnten, solch eine folgen-schwere Operation durchzuführen schien lächerlich.

Man füge dieser allgemeinen Verachtung für Anwar al-Sadat, dem Mann, der ein paar Jahre früher die Macht vom legendären Gamal Abd-al Nasser übernommen hat, hinzu. Die Gruppe der „freien Offiziere“, die von Nasser angeführt wurde, hatte die unblutige Revolution von 1952 in Ägypten durchgeführt. Sadat wurde als der am wenigsten intelligente – und deshalb übereinstimmend — als Nassers Vertreter ernannt.

In Ägypten, einem Land von unzählbaren Scherzen, gab es auch darüber einen Scherz. Sadat hatte einen auffälligen braunen Fleck auf seiner Stirn. Nach dem Scherz : wann immer ein Thema bei einem Treffen des Rats der freien Offiziere angeschnitten wurde und jeder seine Ansicht ausdrückte, würde Sadat als letzter aufstehen und zu sprechen anfangen. Nasser würde seinen Finger auf seine Stirne legen und diese sanft drücken und sagen: „Setz dich hin , Anwar, setz dich hin.“

Im Laufe der sechs Jahre zwischen den Kriegen drückte er gegenüber Golda aus, dass er zu Friedensverhandlungen bereit wäre, die sich auf Israels Rückzug von der besetzten Sinai-Halbinsel gründete. Golda weigerte sich verächtlich (tatsächlich hatte Nasser selbst, kurz vor seinem Tod, sich für solch eine Bewegung entschieden. Ich spielte dabei eine kleine Rolle, indem ich diese Information unserer Regierung weitersagte.)

Zurück zum Jahr 1973: fast im letzten Augenblick wurde Israel von einem gut situierten Spion, kein geringerer als Nassers Sohn, gewarnt. Die Botschaft gab das exakte Datum für den bevorstehenden Angriff, aber den falschen Zeitpunkt, statt die Mittagsstunde, nannte er den frühen Abend. Ein Unterschied von mehreren schicksalhaften Stunden. In Israel wurde dies später debattiert, ob der Mann ein Doppelagent war und absichtlich den falschen Zeitpunkt gab. Es war zu spät, ihn zu fragen – er war unter mysteriösen Umständen gestorben.

Als Golda Kissinger über die bevorstehende ägyptische Bewegung informierte, warnte er sie, keinen Präventiv -Angriff auszuführen, der Israel auf die falsche Seite bringen würde. Golda vertraute Kissinger und gehorchte ihm, im Gegensatz zu den Ansichten des israelischen Stabschef, David Elazar, mit dem Spitznamen Dado. Kissinger verzögerte auch um zwei Stunden seinen eigenen Boss, Präsident Nixon, zu informieren.

WAS WAR nun Kissingers Spiel?

Für ihn war das amerikanische Hauptziel, die Sowjetunion aus der arabischen Welt zu vertreiben und die US als einzige Macht in der Region zu lassen.

In seiner Welt der „Realpolitik“ war dies das einzige Ziel, das von Bedeutung war.

Jeder andere, einschließlich uns arme Israelis, waren nur Bauern in dem riesigen Schachspiel.

Ein größerer aber kontrollierter Krieg war für ihn der praktische Weg, jeden in der Region von den US abhängig zu machen.

Als der ägyptische und syrische Angriff zunächst gelang, war Israel in Panik. Dayan, der in dieser Krise sich selbst ein Dummkopf nannte, der er auch wirklich war, sprach von der „Zerstörung des dritten Tempels“ (und fügte die beiden jüdischen Tempel der Antike hinzu, die von den Assyrern bzw. von den Römern zerstört wurden.) Das Armee-Kommando unter Dado verhielt sich kühl und plante seinen Gegenangriff mit bewundernswerter Präzision.

Die Munition ging aber schnell zu Ende und Golda wandte sich verzweifelt an Kissinger. Er setzte eine „Luft-Brücke“ für Vorräte in Gang, die Israel gerade genug gab, um sich verteidigen zu können – nicht mehr.

Die Sowjet-Union war hilflos, um zu unterbrechen. Kissinger war König der Situation.

MIT BEMERKENSWERTER Ausdauer (und den von Kissinger gelieferten Waffen) drehte die israelische Armee den Spieß um und stieß die Syrer zurück über ihren Punkt hinaus und näherte sich Damaskus. An der Südfront überquerten israelische Einheiten den Suez-Kanal und konnten eine Offensive in Richtung Kairo starten. Es war ein ziemlich konfuses Bild einer ägyptischen Armee, die noch westlich des Kanals war, praktisch eingekreist, aber immer noch in der Lage, sich selbst zu verteidigen, während die israelische Armee hinter ihrem Rücken, östlich des Kanals, also praktisch in einer gefährlichen Position war – also von ihrer Heimat abgeschnitten war. Ein klassischer „Kampf mit umgekehrten Fronten“.

Falls der Krieg seinen Kurs eingehalten hätte, würde die israelische Armee die Tore von Damaskus und Kairo erreicht haben und die ägyptischen und syrischen Armeen würden uns um eine Feuerpause nach israelischen Bedingungen gebeten haben.

Hier ist es, wo Kissinger dazu kommt.

DER ISRAELISCHE Fortschritt wurde auf Kissingers Befehl etwa 101 km vor Kairo angehalten. Dort wurde ein Zelt aufgebaut und die permanenten Verhandlungen begannen.

Ägypten war von einem Senior-Offizier Abd-al Rani Garnassi vertreten, der bald die Sympathie der israelischen Journalisten gewann. Der israelische Vertreter war Aharon Yariv, der frühere Chef des Armee-Geheimdienstes, ein Mitglied der Regierung und ein General der Reserve.

Yariv wurde bald zurückgerufen, um seinem Sitz im Kabinett wieder einzunehmen. Er wurde von einem sehr beliebten regulären Armee-General, Israel Tar, mit dem Spitznahmen Talik ersetzt, der zufällig einer meiner Freunde war.

Talik war dem Frieden ergeben und ich drängte ihn, die Armee zu verlassen und ein Führer des israelischen Friedenslagers zu werden. Er wies dies zurück, weil seine vorrangige Leidenschaft war, den Merkava- zu schaffen, ein ursprünglich israelischer Panzer, der seiner Mannschaft die größte Sicherheit verleihen würde.

Unmittelbar nach dem Kampf traf ich Talik regelmäßig zum Abendessen in einem wohlbekannten Restaurant. Vorbeigehende mögen sich über diese beiden – dem berühmten Panzer-General und dem Journalisten, der vom ganzen Establischment gehasst wurde, plaudernd zusammen.

Talik sagte mir – natürlich im Vertrauen – was sich eines Tages ereignet hatte. Ganassy hatte ihn bei Seite genommen und ihm gesagt, dass er neue Instruktionen erhalten habe – statt über eine Feuerpause zu reden – konnte er über einen israelisch-ägyptischen Frieden verhandeln.

Sehr aufgeregt flog Talik nach Tel Aviv und eröffnete die Nachrichten Golda Meir. Aber Golda blieb kalt. Sie sagte zu Talik, er solle sich von jedem Gespräch über Frieden enthalten. Als sie seine äußerste Bestürzung sah, erklärte sie, dass sie Kissinger versprochen habe, jedes Reden über Frieden werde unter der amerikanischen Aufsicht gehalten werden.

Und so geschah es: ein Abkommen über eine Feuerpause wurde unterzeichnet und eine Friedens-Konferenz wurde in Genf ausgerufen, offiziell unter der gemeinsamen Aufsicht der US und Sowjetunion. Ich flog nach Genf, um zu sehen, was dort geschah. Kissinger war dort, um Terms zu diktieren; aber Andrej Gromiko, sein sowjetischer Gesprächspartner, war ein zäher Kunde. Nach ein paar Reden wurde die Konferenz ohne Ergebnisse verschoben. (Für mich war es ein bedeutendes Ereignis, weil ich dort einen britischen Journalisten, Edward Mortimer, traf, der für mich ein Treffen arrangierte, um den PLO-Vertreter, Said Hamami, in London zu treffen. So kam das erste Israelische PLO-Treffen zustande. Aber dies ist eine andere Geschichte.)

Der Yom Kippur-Krieg kostete viele Tausende Leben, israelische, ägyptische und syrische. Kissinger hatte sein Ziel erreicht. Die Sowjets verloren die arabische Welt an die Vereinigten Staaten von Amerika..

Bis Vladimir Putin auftauchte.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser ….

 

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Der Triumpf des Sisyphus

Erstellt von DL-Redaktion am 30. April 2017

Der Triumpf des Sisyphus

Autor : Uri Avnery

DAVID BEN GURION wurde nicht bei den Großen der Nation auf dem nationalen Friedhof in Jerusalem beerdigt, sondern neben des Grabes seiner Frau in Sdeh-Boker, der Negev Siedlung, die er liebte.

Simon Peres, sein Schüler und Nachfolger wurde nicht neben dem Grab seiner Frau in Ben Shemen, dem Platz, den sie liebte, beerdigt. Sondern bei den Großen der Nation.

Das ist der ganze Unterschied.

ICH NAHM nicht an dem Gedöns teil, das die Beerdigung begleitete. Alles in allem war es ziemlich lächerlich. Jeder, der einmal seine Hand geschüttelt hat oder mit ihm ein paar Worte wechselte, fühlte sich verpflichtet, etwas über ihn in aller Länge, zu schreiben und tiefe Ansichten auszudrücken. Das meiste war reiner Unsinn

Ich bin gern im TV. Aber diesmal weigerte ich mich. Dutzende Einladungen zum TV, dem Radio und sonst noch was. Ich wünschte nur, nicht mich dem Chor dort anzuschließen.

Abgesehen von andern Dingen, gab es dort auch das Paradox: Die Hunderte von Lobreden, einschließlich Dutzender, die aus dem Ausland kamen, um den Mann des Friedens zu loben, Doch das ganze Ereignis war Propaganda für die Netanjahu-Regierung, die Regierung der Besatzung.

Die Sintflut von Artikeln über den Entschlafenen erinnerte mich an die alte, griechische Geschichte über einen Haufen blinder Männer, die an einem Elefanten vorbeikamen „der Elefant ist wie ein Rohr“ berichtete der eine, der seinen Rüssel hielt. Der Elefant ist rund und scharf,“ sagte ein anderer, der die Stoßzähne hielt. „Er ist wie ein Teppich,“ sagte der eine, der das Ohr hielt“ u.s.w.

Shimon Peres hatte viele Facetten. Nur alle zusammen machen den richtigen Mann, der nicht von einem der Lobredner gesehen wurde. Fast alle sagten und schrieben Quatsch.

Und alle ignorierten den wirklichen Elefanten, der in der Mitte des Raumes stand: die Besatzung.

ALS ER einen Schlaganfall bekam, schrieb ich einen Artikel. Ich habe mich entschlossen, diesen von neu zu schreiben, mit mehreren Zusätzen, von denen ich denke, dass sie wichtig sind oder wenigstens interessant. Es tut mir leid, dass er ein bisschen lang wurde.

Shimon Peres war ein Genie. Ein genialer Poseur.

Sein ganzes Leben lang hat er an seinen öffentlichen Person gearbeitet. Fast alle Lobrednern ging es um dieses Image dieser Person. Der wirkliche Mann wurde beerdigt. Möge seine Seele in Frieden ruhen. Der imaginierte Mann wird noch generationen lang im Gedächtnis bleiben..

AN DER Oberfläche gab es ein paar Ähnlichkeiten zwischen ihm und mir. Er war nur 39 Tage älter als ich. Er kam einige Monate später als ich in dieses Land, als wir beide 10 Jahre alt waren. Ich wurde nach Nahalal, einem genossenschaftlichen Dorf, geschickt. Er nach Bet Shemen, einem landwirtschaftlichen Dorf für Jugendliche. Man könnte sagen, dass wir beide Optimisten und dass wir beide aktiv in unserm Leben gewesen sind.

Hier endet unsere Ähnlichkeit.

ICH KAM aus Deutschland, wo wir eine wohlhabende Familie waren. In Palästina verloren wir sehr schnell all unser Geld. Ich wuchs in äußerster Armut auf. Er kam aus Polen. Seine Familie war auch in Palästina wohlhabend. Ich behielt einen deutschen Akzent. Er behielt einen starken polnischen. Die meisten Leute dachten, es wäre ein jiddischer Akzent – aber er leugnete dies vehement. In jener Zeit wurde die jiddische Sprache in diesem Lande gehasst und verachtet.

Schon in seiner Kindheit gab es etwas, das den Ärger seiner Klassenkameraden in der jüdischen Schule dieser kleinen polnischen Stadt auf sich zog. Oft wurde er von ihnen verprügelt. Sein jüngerer Bruder Gigi pflegte ihn zu verteidigen. Er erinnerte sich später, das Shimon ihn fragte: „Warum hassen sie mich so?“

Dies war vielleicht der Ursprung seiner lebenslangen Sehnsucht nach Liebe vom Volk, nach ihrer Bewunderung und Verehrung.

In Ben Shemen war sein Name noch Persky. Einer seiner Lehrer schlug vor, dass er einen hebräischen Namen annimmt, wie es fast alle von uns taten. Er schlug Ben Amotz vor, den Namen des Propheten Jesaya, aber dieser Name war schon von einen anderen Schüler adoptiert. so schlug der Lehrer Peres vor, der Name eines großen Raubvogels. Eine andere Geschichte lautet, dass Shimon bei einem Ausflug einen Geier sah und seinen Namen adoptierte.

WIR TRAFEN uns das erste Mal, als wir 30 waren. Er war schon der Generaldirektor des Ministeriums für Verteidigung, und ich war der Herausgeber eines Magazins, über das sich das Land aufregte.

Er lud mich ins Ministerium ein, um mich zu bitten einen gewissen investigativen Artikel nicht zu veröffentlichen (über die Versenkung eines illegalen Flüchtlingsschiffes im Hafen von Haifa durch die Haganah vor der Gründung Israels). Unser Treffen war eine Geschichte der gegenseitigen Abneigung auf den ersten Blick. Er mochte mich nicht. Ich mochte ihn auch nicht.

Meine Abneigung war schon vor unsern Treffen präpariert. Im Krieg von 1948 (dem Unabhängigkeitskrieg) war ich ein Zugführer. Alle Frontsoldaten dieses Krieges verachteten Mitglieder unserer Altersgruppe, die nicht dienten und in Saus und Braus lebten, während unsere Kameraden um uns herum fielen. Einer von diesen, der nicht Militärdienst machte, war Peres. Er wurde von David Ben Gurion ins Ausland. geschickt, um Waffen zu kaufen. Ein wichtiger Job – aber einer der 60 Jahre alt war, hätte dies auch tun können.

Diese Tatsache schwebte lange Zeit über Peres Kopf. Dies erklärt, warum Mitglieder unserer Altersgruppe ihn verachteten und Yitzhak Rabin, Yigal Alon und ihre Kameraden liebten. Haim Hefer, der Dichter der Elite-Palmach Einheit schrieb ein Lied über ihn: „ Wie kam die Wanze so hoch?“.

SHIMON PERES war von Kindheit an ein richtiger Politiker, ein wahrer Politiker, ein Politiker und sonst nichts. Kein anderes Interesse, keine Hobbies.

Das begann schon in Ben Shemen. Peres war dort ein „Außenseiter“. Dort wo ein neuer Immigrant, der anders war, als die von der Sonne gebräunten, athletischen einheimischen Jungen. Sein unattraktives Gesicht und der starke Akzent halfen nicht weiter. Doch die attraktive Sonia, die Tochter des Lehrmeister, der Schreiner war, wurde seine Frau.

Er sehnte sich danach von ganzem Herzen „einer von der Bande“ zu sein. Darum schloss er sich der Arbeitenden Jugend an, die Jugendorganisation der allmächtigen Histdruth-Gewerkschaft und wurde dort aktiv mit all seiner riesigen Energie, die er schon hatte. Da die lokalen Jungen keine politische Aktivität liebten, stieg Peres in die höheren Ränge auf und wurde schnell ein Ausbilder.

Seine erste Gelegenheit kam, nachdem er seine Studien in Ben Shemen beendet hatte und sich einem Kibbutz der Labor-Partei (Mapai) anschloss, die die jüdische Gemeinschaft mit eiserner Hand beherrschte. Die Partei spaltete sich und so tat es auch die Jugendorganisation. Fast alle Jugendleiter schlossen sich der „Fraktion B“ an, der Oppositionsgruppe. Peres war fast allein in der bleibenden Mehrheitsfraktion. So zog er die Aufmerksamkeit der Parteiführer auf sich und besonders von Levy Eshkol.

Es war eine brillante politische Taktik. Seine früheren Kameraden verachteten ihn, aber er war jetzt in Kontakt mit der Spitze der Parteiführung. Eshkol brachte ihn zur Aufmerksamkeit von Ben Gurion und als der 1948er-Krieg ausbrach, sandte ihn der Führer in die USA, um Waffen zu kaufen.

In dem Tohuwabohu von Lobreden wurde Peres „der Letzte der Gründer Israels“. Das ist kompletter Unsinn. Der Staat wurde von den Soldaten von 1948 gegründet, von den Gefallenen, den Verletzten und ihren Kameraden. Nicht in einem Büro in Tel Aviv, sondern auf dem Schlachtfeldern von Negba und Latrun. Ben Gurion und die Politiker bildeten den Staat, und nicht zum Besten. Peres war nur ein Junior-Assistent.

BEN GURION prägte seine politische Auffassung dem neuen Staat auf und es kann gesagt werden, dass der Staat heute weiter fortfährtauf den Schienen, die von ihm gelegt wurden. Peres war einer seiner wichtigsten Helfer.

Ben Gurion glaubte nicht an Frieden. Seine Ansichten gründeten sich auf die Vermutung, dass die Araber keinen Frieden mit dem jüdischen Staat machen würden, der gegründet war auf dem Land, das ihr Land gewesen war. Es würde nie Frieden geben, wenigsten nicht für viele zukünftige Generationen, wenn überhaupt. Deshalb benötigt der neue Staat eine starke westliche Macht hat als Verbündeten. Logik diktierte, dass solch ein Verbündeter nur von den Rängen der imperialistischen Mächten kommen könnte, die sich vor dem wachsenden arabischen Nationalismus fürchten. Es war ein Teufelskreis: (1) um sich vor den Arabern zu verteidigen, benötige Israel einen kolonialistischen anti-arabischen Verbündeten. (2) Solch eine Verbindung würde nur den arabischen Hass gegen Israel schüren. (3) Und so weiter, bis zum heutigen Tag.

Der erste voraussichtliche Verbündete war Großbritannien, die Mutter der „Balfour-Erklärung“. Aber dies kam zu nichts: die Briten zogen die Umarmung des neuen arabischen Nationalismus vor. Aber im richtigen Augenblick erschien ein anderer Verbündeter auf die politische Bühne: Frankreich.

Dis Franzosen hatten ein ausgedehntes Empire in Afrika. Algerien, offiziell ein Departement von Frankreich, rebellierte 1954. Beide Seiten kämpften mit äußerster Brutalität..

Außerstande zu glauben, dass ihre Algerier sich gegen sie erheben könnten, warfen die Franzosen alle Schuld auf den neuen Führer, der in Kairo an die Macht gekommen war, Gamal Abd-al-Nasser. Aber kein Land war bereit, ihnen bei ihrem „schmutzigen Krieg“ zu helfen. Außer einem: Israel.

Ben Gurion, der schon ziemlich alt war, fürchtete sich vor dem neuen pan-arabischen Führer, Abd-al-Nasser, der die arabische Welt vereinigen wollte. Jung, energisch, gut aussehend und charismatisch, war „Nasser“, ein mitreißender Redner, nicht wie die alte arabische Prominenz, an die Ben-Gurion gewöhnt war. Als also „Nasser“ die algerischen Freiheitskämpfer unterstützte und die Franzosen ihre Hand nach Israel ausstreckten, griff Ben Gurion eifrig nach ihr.

Es war wieder der alte Teufelskreis: (1) Israel unterstützte die französische Unterdrückung gegen die Araber,(2) Arabischer Hass gegen Israel wuchs ,(3) Israel benötigte die kolonialen Unterdrücker sogar noch mehr.

Vergeblich warnte ich vor diesem schicksalshaften Prozess. Als Abd-al-Nasser an die Macht kam, zeigte er Bereitschaft, mit Israel zu reden. Er lud einen Freund von mir, einen hochrangigen , früheren Armee-Offizier ein , den er im 48er Krieg getroffen hatte, zu einem geheimen Beruf nach Kairo ein. Der Außenminister Mosche Sharett verbot ihm, dorthin zu gehen. Ich glaube, dass hier eine historische Gelegenheit verpasst wurde. Israel tat genau das Gegenteil.

Ben Gurions Abgesandter nach Frankreich war Shimon Peres. Der junge Mann sprach schlechtes Französisch und trug einen blauen, schlecht sitzenden Anzug und wurde ein bekanntes Gesicht in Paris. Mit seiner Hilfe erreichte der Prozess eine Höhe, von der man nicht zu träumen wagte. Zum Beispiel machte, als die UN einen Vorschlag debattierte, die Gefängnisbedingungen des gefangenen algerischen Führer Ahmed Ben Bella zu verbessern, die einzige Stimme in der UN, die dagegen stimmte, war Israels Stimme. (Die Franzosen selbst boykottierten diese Sitzung).

Die unheilige Allianz erreichte seinen Höhepunkt 1956 im Suez—Krieg, in dem Frankreich, England und Israel gemeinsam gegen Ägypten kämpften.

In jener Zeit organisierte ich den „israelischen Rat für ein freies Algerien“. Ich traf mich mit Mitgliedern der „Provisorischen Algerischen Regierung“, die wünschte uns zu überzeugen, dass die algerischen Juden nach der Unabhängigkeit in ihrer Heimat bleiben sollten.

Die Franzosen riefen Charles de Gaulle wieder an die Macht, und er verstand, dass er dem hoffnungslosen Krieg ein Ende setzen musste. Peres lobte weiter die französisch-Israelische Verbindung, die er verkündigte, gründete sich nicht auf bloße Interessen, sondern auf tiefe allgemeine Werte. Ich veröffentlichte diese Rede, Satz um Satz, mit einer Widerlegung von jedem. Ich sah voraus, dass wenn der algerische Krieg vorbei ist, Frankreich Israel wie eine heiße Kartoffel fallen lassen und seine Verbindungen mit der arabischen Welt wieder aufnehmen würde. Und dies ist natürlich genau das, was geschah. (Israel adoptierte stattdessen die USA.)

Bevor Frankreich Algerien verließ, bauten die französischen Siedler dort eine Untergrund-Bewegung, die OAS, gegen die Freiheitskämpfer und gegen de Gaulle. Zu jener Zeit wurde ein Schiff voller Waffen mitten im Mittelmeer entdeckt. Man fand heraus, dass das Schiff auf seinem Weg zu den algerischen Siedlern war. Jeder verdächtigte Peres. Die Außenministerin Golda Meir, die Peres sowieso hasste, war wütend. In jener Zeit lieferte das Verteidigungsministerium von Peres Waffen an viele der schmutzigsten Diktaturen auf der Erde.

Eine der Früchte des Suez-Abendteuer war der Atom -Meiler in Dimona. In Israel wurde eine unauslöschliche Legende von Peres erzählt, dem „Vater der Bombe“. In Wirklichkeit war der Reaktor ein Teil von Frankreichs Preis für den unschätzbaren Dienst, den Israel während des Suez-Krieges gegenüber Frankreich tat. Notwendiges Material wurde an vielen Orten durch Diebstahl und Betrug erhalten.

Alles in Allem wurde Israel durch seine Verwicklung mit Frankreich geschadet. Die Kluft zwischen ihm und der arabischen Welt wurde zu einem Abgrund.

(Anders als die meisten meiner Freunde im israelischen Friedenslager, äußerte ich mich nicht gegen Israels nukleare Bewaffnung. Die Bombe konnte den Israelis ein Gefühl l der Sicherheit geben, das als Dach für die Friedenbemühungen dienen konnte. Ich habe Peres nie für seinen Anteil an dieser Sache angegriffen.)

DIE KARIERE von Peres erinnert an die Legende von Sisyphus, den Held der alten griechischen Mythen, der von den Göttern verurteilt war, einen schweren Fels auf die Spitze eines Berges zu bringen; aber jedes Mal, wenn er sich seinem Ziel näherte, entschlüpfte der Stein seinen Händen und rollte wieder abwärts .

Nach dem Sinai-Krieg erhob sich Peres Glück zu neuen Höhen. „Der Architekt der Beziehungen zu Frankreich“, „ der Mann , der den Atommeiler erhielt“, wurde zum vertretenden Minister der Verteidigung und war auf seinem Weg ein bedeutendes Mitglied des Kabinetts zu werden, als alles herunter krachte. Ben Gurion war entschlossen, eine hässliche Sabotage-Affaire in Ägypten aufzudecken und wurde von seinen Kollegen herausgeworfen. Er bestand darauf, eine neue Partei zu gründen, die Rafi genannt wurde. Peres, zu seinem eigenen Missfallen wurde gezwungen, sich ihr anzuschließen, und zum gleichen Missfallen tat dies Moshe Dayan. Ben Gurion beherrschte ihr Leben.

Ben Gurion war nicht aktiv. Dayan tat, wie gewöhnlich, nichts. Es fiel auf Peres, eine Kampagne zu beginnen. Mit seiner üblichen unermüdlichen Energie pflügte er das Land; aber bei den Wahlen der Partei gewann er mit all seinen brillanten Stars nur 10 Sitze in der Knesset mit 120 Sitzen und ging in die unfähige Opposition. Der Felsen von Peres rollte wieder zurück nach unten.

Und dann kam die Erlösung – fast. Abd-al Nasser sandte seine Armee in den Sinai; in Israel brach eine Panik aus. Die Rafi-Partei schloss sich der Notregierung an. Peres erwartete, zum Minister der Verteidigung ernannt zu werden, aber im letzten Augenblick erhielt der charismatische Dayan den gewünschten Job. Israel gewann einen gewaltigen Sieg: in 6Tagen, und der Mann mit der schwarzen Augenbinde wurde ein in aller Welt Gefeierter. Armer Peres musste sich mit einem kleineren Ministerium zufrieden geben. Der Fels rollte wieder zurück.

Rafi schloss sich der Labor-Partei an. Als ich Peres in der Knesset traf, fragte ich ihn, wie er sich fühlt. „Ich will mit einem Scherz antworten“, antwortete er. „Ein Mann heiratet, und seine Kollegen fragen ihn nach seiner Frau. Es ist eine Frage des Geschmacks, antwortete der Mann, sie ist nicht mein Geschmack.“

Sechs Jahre lang langweilte sich Peres, während Dayan sich in der Bewunderung der Männer der Welt und besonders der Frauen sonnte. Und dann drehte sich das Glück wieder. An Yom Kippur überquerten die Ägypter den Suez-Kanal und erlangten einen erstaunlichen Anfangssieg. Dayan brach auseinander wie ein irdisches Idol. Nach einiger Zeit wurden Golda Meir und Dayan gezwungen, ihr Amt abzugeben.

Wer folgte Golda als Ministerpräsident? Peres war der offensichtliche Kandidat. Er war nicht in die Fehler verwickelt, die zum Krieg führten. Er war ein Verteidigungs- Experte. Er war jung und versprechend. Der Fels näherte sich der Bergspitze, als wieder etwas Unglaubliches passierte.

Wie aus dem Nichts erschien Yitzhak Rabin, der einheimische Junge, der Sieger des Sechs-Tage-Kriegs. Er schnappte die Krone unter der Nase von Peres weg. Aber er war gezwungen, Peres, den er nicht liebte, zum Verteidigungminister zu ernennen. Der Fels war wieder auf halbem Weg.

Die folgenden Jahre wurden für Rabin zur Hölle. Der Verteidigungsminister hatte nur ein Ziel in seinem Leben: den Ministerpräsidenten zu untergraben. Es wurde zu seiner voll Zeit Beschäftigung.

Die Animosität zwischen den beiden, die mit dem 1948er Krieg begann, wurde ein vollständiger Hass. Rabin erfreute sich an allen Fehlern von Peres. Zum Beispiel: als Verteidigungsminister: Peres war verantwortlich für die besetzten Gebiete. Eines Tages befahl er Wahlen für die Gemeinden, weil er sicher war, dass alte, harmlose Figuren gewählt würden. Stattdessen wählten die Palästinenser junge pro-PLO-Aktivisten. Als ich zufällig Rabin am nächsten Tag besuchte, feierte er.

Hauptsächlich, um Rabin zu ärgern, tat Peres etwas von historischer Bedeutung: er schuf die ersten israelischen Siedlungen in der Mitte der besetzten Westbank und begann einen Prozess, der jetzt Israels Zukunft bedroht. Bis dahin wurden Siedlungen nur an den Rändern der Westbank gebaut. Kein Wunder, dass die Siedler bei der Beerdigung ihn singend lobten.

Es geschah nicht durch Zufall. Schon am Morgen der Besatzung, als ich für eine sofortige Errichtung eines palästinensischen Staates aufrief, war Peres einer neuen Organisation nahe, die sich „Ganz Eretz Israel“ nannte und die die Annexion von allen von Israel besetzten Gebieten fordert.

Der wütende Rabin gab ihm einen Spitznamen, der seitdem an ihm geklebt hat: „der unermüdliche Intrigant.“

1976 wurde beschlossen, eine sehr gefährliche Operation auf dem Entebber Flughafenfeld in Uganda zu unternehmen, um eine Anzahl von Geißeln einschließlich hunderte von gefangenen Israelis zu befreien. Sofort begann ein Kampf in Israel um die Lorbeeren. Peres beanspruchte den Erfolg für sich, da der gewagte Plan in seinem Ministerium ausgearbeitet wurde. Rabins Bewunderer bestanden darauf, dass er die Entscheidung getroffen hatte und offen die Verantwortung übernommen hatte.

Dies wirft übrigens ein Licht auf eine andere bedeutende Tatsache: Peres funktionierte am Besten, wenn er die Nummer 2 war . Er war Nummer 2 in der Ben Gurion -Französische Affäre. Er war No. 2 bei Rabins Entebbe und später in Oslo.

Ein Jahr später musste Rabin zu frühen Wahlen aufrufen, weil Kampf-Flugzeuge, die von den US geliefert, in Israel an einem Freitag ankamen, zu spät für die Ehrengäste nach Hause zu kommen ohne den Shabbat zu entheiligen. Die religiösen Fraktionen rebellierten. Rabin führte natürlich die Partei-Liste an.

Dann geschah etwas. Es schien, dass nach Verlassen seines Jobs als Botschafter in den US , bevor er Ministerpräsident wurde, Rabin in Amerika ein Konto hinterlassen hat – etwas, was in jener Zeit ungesetzlich war. Rabins Frau wurde angeklagt, Rabin nahm die Schuld auf sich selbst und trat zurück. Peres wurde die Nummer 1 auf der Parteiliste und endlich war der Fels nahe an der Bergspitze.

Am Abend nach der Wahl feierte Peres schon seinen Sieg, als etwas Unglaubliches geschah. Menachem Begin, von vielen als Faschist angesehen, hatte gewonnen. Der Fels rollt, wieder abwärts.

AM ABEND des 1982 -Libanon-Krieges (Während dem ich mich mit Yasser Arafat traf) gingen die Oppositions-Führer Peres und Rabin , um Begin zu besuchen und ihn aufzurufen , in den Libanon zu einzufallen .

Der Krieg endete mit dem Massaker von Sabra und Shatila und Begin fiel in eine tiefe Depression. Er trat ab und wurde gefolgt von einem anderen früheren Terroristen, Yitzhak Shamir. Eine Art von Interregnum folgte, als keiner der beiden großen Parteien alleine regieren konnte. Ein zwei-köpfiges Rotationschema entwickelte sich. Auf einer seiner Dienstperioden als Ministerpräsident gewann Peres unangefochtene Lorbeeren als der Mann, der Israels drei-stellige Inflation überwand und den Neuen Schekel einführte, der noch heute unsere Währung ist.

Der Fels rollte wieder nach unten, als etwas sehr Hässliches geschah. Vier arabische Jugendliche kidnappten einen Bus voller Leute und fuhren ihn nach Süden. Der Bus wurde gestürmt. Die Regierung behauptete, dass alle vier währen des Kampfes getötet wurden; aber ich veröffentlichte ein Foto, das zeigte dass noch zwei von ihnen nach der Gefangennahme am Leben waren. Es machte deutlich, dass sie kaltblütig vom Geheimdienst umgebracht wurden.

Mitten während der Affäre folgte Peres Shamir, wie im Voraus bestimmt wurde. Peres vermittelte ein Pardon für all die Mörder, einschließlich dem Chef des Shin Bet.

Rabin kehrte zur Macht zurück , dieses Mal mit Peres als Außenminister. An einem Tag bat mich Peres, er wolle mich sehen – ein ungewöhlicher Vorfall, da die Feindschaft zwischen uns schon ein Teil einer Folklore war.

Peres lehrte mich über die Notwendigkeit, mit der PLO Frieden zu machen. Da dies viele Jahre lang das Ziel meines Lebens war, während er unerbittlich dagegen war, konnte ich konnte mich kaum beherrschen nicht zu lachen. Er erzählte mir dann im Vertrauen über die Oslo-Verhandlungen und fragte mich, ob ich nicht meinen Einfluss bei Rabin anwenden könne, um auch ihn zu überzeugen.

Peres hatte sicherlich Anteil an dem Abkommen, aber es war Rabin, der die momentale Entscheidung traf – und mit seinem Leben bezahlte.

In meiner Vorstellung sehe ich den Mörder am Fuß der Treppe warten mit seiner geladenen Pistole. Er ließ Peres ein paar Meter von ihn vorbeigehen und wartete auf Rabin, der ein paar Minuten später kam.

Das Nobelpreis-Komitee entschied vorher, den Friedenspreis an Arafat und Rabin zu geben. Peres Bewunderer in aller Welt verursachten ein Skandal bis das Komitee Peres mit auf die Liste stellte. Gerechtigkeit verlangte, dass Preis auch an Mahmoud Abbas zu verleihen, der das Abkommen mit Peres unterzeichnet hatte. Aber die Statuten erlaubten nur drei Preisträger. Also bekam Abbas auch keinen Nobelpreis Er protestierte nicht.

Nach Rabins Tod wurde Peres vorübergehend Ministerpräsident. Wenn er sofort zu den Wahlen aufgerufen hätte, würde er durch einen Landslite gewonnen haben. Aber Peres wollte nicht über die coattails eines Toten reiten. Er wollte für sein eigenen Verdienste gewinnen, Er verschob die Wahlen um ein paar Monate. Das war die große Gelegenheit seines Lebens. Schließlich und endlich traf er die Entscheidungen. Es war eine Katastrophe.

Zuerst gab er Order, um den „Ingeneur“, ein gefeierter palästinensischer Kämpfer („Terrorist“). Zu töten. Als Konsequenz wurden im ganzen Land Busse in die Luft gejagt, Dann überfiel er den Libanon, eine Operation, die mit einem schrecklichen (versehentlichem) Massaker in Kafr Kana endete.

In den anschließenden Wahlen, verlor er an Benjamin Netanjahu.

(Um noch meinen Scherz los zu werden: „Wenn eine Wahl verloren gehen kann, dann verliert Peres sie. „Wenn eine Wahl nicht verloren gehen kann, wird Peres sie trotzdem verlieren“

ICH HASSTE Peres nie. Ich glaube, dass er mich nicht hasste. Die Feindseligkeit war zwischen uns rein politisch.

Von Zeit zu Zeit begegneten wir einander. Einmal feierte der Dirigent Zubin Mehta und seine neue Frau lud meine Frau und mich in seine Wohnung. Als wir ankamen, war ich erstaunt, zu entdecken, dass außer uns nur Shimon Peres und seine Frau Sonia dort waren. Es war ein interessanter Abend. Peres stellte sich als ein amüsanter Gesprächspartner, voller sardonischem Humor. Er beschrieb ausführlich ein Treffen des Kabinetts mit Henry Kissinger und das Verhalten der Minister, einen nach dem anderen. Ein Minister verbrachte das Treffen mit dem Säubern seiner Fingernägel, ein anderer aß die ganze Zeit usw,

Eine der Legenden, die er mit grosser Bemühung vervreitete, war dass er ein eifriger Leser war: er las alle bedeutenden Bücher, sobald sie erschienen sind. Die New York Times lobte ihn nach seinem Tod als den „politischen Philosophen“. Die Wahrheit ist, dass er überhaupt keine Bücher las. Einer seiner nahen Assistenten Boaz Appelboim verriet, dass sein Job war, die Bücher zu lesen und für Peres eine kurze Zusammenfassung zu machen mit einem Zitat oder zwei, die Peres erlaubten, während der Konversation Bemerkungen zu machen. Dies ließ einen tiefen Eindruck zurück.

Dies wird von einer einfachen Beobachtung bestätigt. Wenn eine Person Bücher liest, so äußert sich das auf die eine oder andere Weise. Nichts davon konnte in in den unzähligen Reden von Peres entdeckt werden.

(Tatsächlich hatte kein aktiver Politiker Zeit zum Lesen. Ben Gurion gab auch vor, ein Mann des Buches zu sein, ein Bibel-Kommentator und ein Erneuerer der hebräischen Sprache. Er erzählte uns, dass er Spanisch gelernt habe, für den einzigen Zweck, Don Quixote im Original zu lesen. Aber Ben Gurion war auch ein Politiker – ein politisches Genie, aber nicht mehr als dies.

Eine der wirklichen Talente von Peres war seine Fähigkeit, kluge Phrasen zu bilden. Es gibt Hunderte von ihnen von „der Neue Nahe Osten“, die keinerlei Substanz hatte, bis zum „schweinischen Kapitalismus“, eine Phrase, die ihn nicht daran hinderte, sich mit den Reichen der Welt zu verbrüdern.

BEI ALL seinen Wahl-Kampagnen, wurde Peres verflucht und missbraucht. Leute bewarfen ihn mit faulen Tomaten. Einmal beklagte er sich über „ein Meer von obszönen Östlichen Gesten“ – die ihn sogar noch unbeliebter von den Östlichen Bürgern machte.

Während dieser Zeit tat Peres etwas Weises: Er unterzog sich einer Plastikoperation. Danach sah er bemerkenswert besser aus.

Die Endblamage kam, als Peres vor einer Wahl des Präsidenten des Staates stand. Der Präsident, eine zeremoniöse Figur, von jeder wirklichen Macht beraubt, wird von der Knesset gewählt. Doch Peres verlor, und ein Likud Partei Funktionär mit Namen Mosche Katzav wurde gewählt. Das schien eine letzte Beleidigung zu sein.

Aber dann geschah wieder das Unglaubliche. Moshe Katzav wurde verhaftet und der Vergewaltigung angeklagt. Bei der folgenden Wahl wählte die Knesset Peres, was wie eine kollektiefe Reue aussah.

Der Fels hatte die Spitze des Berges erreicht. Mit seiner gewöhnlichen unermüdlichen Energie, hat Sisyphus schließlich gewonnen. Der lebenslange Politiker, der niemals eine Wahl gewann, war jetzt neuer Präsident – und über Nacht wurde er populär, der Liebling der Massen. Es war wie ein Wunder.

Er pflegte seine neue weltweite Berühmtheit, die für die Netanjahu-Regierung und ihre Politik der Besatzung und Unterdrückung als Feigenblatt diehnte, während er als der Mann des Friedens im Ausland verehrt wurde.

Peres hatte mehrere Jahre, um sich an der neuen Liebe des Volkes zu erfreuen, sein lebenslanges Ziel.. Und dann kam der Schlaganfall.

Seine Beerdigung wurde ein erstklassiges nationales und internationales Ereignis. Peres wurde als einer der größten Männer der Welt gekrönt, als letzter Mann des Friedens, als einer der Gründer des Staates Israel, als ein großer Denker, er könnte ein Charakter einer Shakespeare Gestalt sein.

Sisyphus wurde beerdigt. Und der Fels bleibt auf der Bergspitze.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Abu-Mazens Bilanz

Erstellt von DL-Redaktion am 23. April 2017

Abu-Mazens Bilanz

Autor : Uri Avnery

MAHMOUD ABBAS war bei meinem ersten Treffen mit Yasser Arafat während der Belagerung von Beirut im Ersten Libanonkrieg nicht anwesend. Man sollte sich daran erinnern, dass dies das allererste Treffen war, das je zwischen Arafat und einem Israeli stattgefunden hat.

Einige Monate später, im Januar 1983, wurde ein Treffen zwischen Arafat und der Delegation des “Israelischen Rats für den israelisch-palästinensischen Frieden“ arangiert, die aus dem General a.D. Matti Peled, dem ehemaligen Generaldirektor des Finanzministeriums, Yaakov Arnon, und mir bestand.

Am Flughafen in Tunis bat uns ein PLO-Funktionär, vor unserer Zusammenkunft mit Arafat Abbas zu treffen. Abbas war für die Beziehungen mit den Israelis zuständig. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich von ihm nur über die zwei Senior-PLO-Mitglieder gehört, mit denen ich geheime Gespräche geführt hatte, Said Hamami (der ermordet wurde) und Issam Sartawi (der ermordet wurde).

Mein erster Eindruck von Abu Mazen (der Kriegsname von Abbas) war, dass er völlig anders war als Arafat, in der Tat, das genaue Gegenteil von ihm. Arafat war ein warmherziger, schillernder, extrovertierter, berührender, umarmender Mensch. Abbas hingegen ist kühl, introvertiert, sachlich. (Mazen bedeutet im Übrigen “Bilanz” auf Hebräisch)

Arafat war der perfekte Führer einer nationalen Befreiungsbewegung und achtete darauf, so auszusehen. Er trug stets eine Uniform. Abbas glich dem Direktor eines Gymnasiums und trug stets einen europäischen Anzug.

ALS ARAFAT die Fatah am Ende der 1950-er Jahre in Kuwait gründete, war Abbas einer der Ersten, die sich anschlossen. Er ist einer der “Gründer”.

Das war nicht leicht. Fast alle arabischen Regierungen lehnten die neu gegründete Gruppe ab, die behauptete, für das palästinensische Volk zu sprechen. Zu der Zeit behauptete jede arabische Regierung, die Palästinenser zu repräsentieren und versuchte, die palästinensische Sache für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Arafat und sein Volk nahmen ihnen diese Möglichkeit. Aus diesem Grund wurden sie in fast der gesamten arabischen Welt verfolgt.

Nach diesem ersten Treffen mit Abbas, traf ich ihn bei all meinen Besuchen in Tunis. Ich beriet mich zunächst mit Abbas, indem wir Pläne für eventuelle Aktionen diskutierten, um den Frieden zwischen unseren beiden Völkern zu fördern. Wenn wir mögliche Initiativen vereinbart hatten, pflegte Abbas zu sagen: “Nun werden wir diese dem “Rais” (Führer) übermitteln.”

Wir gingen in Arafats Büro und präsentierten die Vorschläge, die wir erarbeitet hatten. Kaum hatten wir sie vorgetragen, pflegte Arafat ohne die geringste Verzögerung “Ja” oder “Nein!” zu sagen. Ich war jedes Mal beeindruckt von seiner schnellen Auffassungsgabe und seiner Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. (Einer seiner palästinensischen Gegenspieler sagte mir einmal: „Er ist der Führer, weil er der Einzige ist, der genügend Mut besitzt, Entscheidungen zu treffen.“)

In der Gegenwart von Arafat, war Abu-Mazens Platz klar: Arafat war der Führer, der Entscheidungen traf, Abbas war ein Ratgeber und Assistent, wie all die anderen “Abus” – Abu Jihad (der ermordet wurde) Abu-Iyad (der ermordet wurde) und Abu-Alaa (der noch lebt).

Bei einem meiner Besuche in Tunis wurde ich um einen persönlichen Gefallen gebeten: Abbas ein Buch über den Kasztner-Prozess mitzubringen. Abu-Mazen schrieb gerade eine Dissertation für eine Universität in Moskau über die Kooperation zwischen Nazis und Zionisten, ein Thema, das zu Zeiten der Sowjetunion sehr populär war. (Israel Kasztner war ein Zionisten-Funktionär, als die Nazis in Ungarn einfielen. Er versuchte, Juden zu retten, indem er mit Adolf Eichmann verhandelte.)

ARAFAT SANDTE Abbas nicht nach Oslo, weil Abbas bereits zu bekannt war. Stattdessen sandte er Abu-Alaa, den unbekannten Finanzexperten der PLO. Die gesamte Operation wurde von Arafat initiiert, und ich vermute, Abbas hatte seinen Teil dazu beigetragen. In Israel gab es eine Auseinandersetzung zwischen Yitzhak Rabin, Shimon Peres (der diese Woche verstarb) und Yossi Beilin darüber, wem der Ruhm gebührte. Aber die Oslo-Initiative kam damals von der palästinensischen Seite. Die Palästinenser initiierten sie, die Israelis reagierten (Das erklärt übrigens die traurige Geschichte des Oslo-Abkommens).

Wie ich bereits in meinem vorherigen Artikel betont habe, wollte das Nobelpreis-Komitee den Friedenspreis Arafat und Rabin verleihen. Aber Peres Freunde in aller Welt setzten Himmel und Hölle in Bewegung, so dass das Komitee Peres mit auf die Liste setzte. Die Gerechtigkeit verlangte, dass auch Abbas den Preis hätte erhalten müssen, da er das Abkommen zusammen mit Peres unterschrieben hatte, aber die Nobelstatuten erlauben nur drei Preisträger. So wurde Abbas der Preis nicht verliehen. Das war eine eklatante Ungerechtigkeit, aber Abbas schwieg.

Als Arafat nach Palästina zurückkehrte, wurden alle Festivitäten nur für ihn abgehalten. An diesem Abend, als ich mir meinen Weg durch die aufgeregten Massen rund um Arafats vorübergehendes Hauptquartier im Hotel Palästina bahnte, war Abbas nirgendwo zu sehen.

Danach blieb Abbas im Schatten. Augenscheinlich bekam er andere Aufgaben und war nicht länger für Kontakte mit Israelis zuständig. Ich sah Arafat oftmals und diente zweimal als “menschliches Schutzschild” in seinem Ramallah-Büro, als Ariel Sharon sein Leben bedrohte. Ich sah Abbas nur zwei oder drei Male (ich erinnere mich an ein Bild: Einmal, als Arafat darauf bestand, die Hände meiner Frau Rachel und meine zu ergreifen und uns zum Eingang des Gebäudes zu führen, lief uns Abbas über den Weg. Wir schüttelten die Hände, tauschten Höflichkeiten aus, und das war es dann.)

Rachel und Abbas waren gleichaltrig und hatten beide viel Zeit in Safed verbracht. Rachels Vater hatte eine Klinik auf dem Berg Kanaan von Safed, und einst mutmaßten wir, ob Abbas als Kind von ihm behandelt worden wäre.

ALS ARAFAT STARB (er wurde ermordet, glaube ich), war Abbas sein natürlicher Nachfolger. Als Gründungsmitglied war er für jeden akzeptabel. Farouk Kaddoumi, von gleichem Rang, ist ein Anhänger des Baath-Regimes in Damaskus und lehnte Oslo ab. Er kehrte nicht nach Palästina zurück.

Ich traf Abbas bei Arafats Beerdigungszeremonie in der Mukataa. Er saß neben Ägyptens Geheimdienstchef. Nachdem wir die Hände geschüttelt hatten, sah ich aus dem Augenwinkel, dass er dem Ägypter zu erklären versuchte, wer ich bin.

Seitdem fungierte Abbas als Präsident der “Palästinensischen Autonomiebehörde”. Dies ist einer der schwierigsten Jobs auf Erden.

Eine nationale Regierung unter einer Besatzung ist gezwungen, auf einem sehr schmalen Grad zu gehen. Sie kann jede Minute auf die eine Seite fallen (Kollaboration mit dem Feind) oder auf die andere Seite (Unterdrückung durch die Besatzungsbehörden).

Im Alter von 17 Jahren, als ich ein Mitglied der Irgun war, hielt meine Kompanie einen Scheinprozess für Philippe Petain ab, den Marschall, der von den Nazis als Oberhaupt der Vichy-Regierung eingesetzt wurde, die unter der Naziherrschaft im “unbesetzten” Südfrankreich fungierte.

Meine Aufgabe bestand darin, Petain zu “verteidigen”. Ich sagte, er sei ein französischer Patriot, der versuche, zu retten, was nach dem Zusammenbruch von Frankreich zu retten war und um sicherzustellen, dass Frankreich in der Stunde des Sieges noch da sein würde.

Aber, als der Sieg kam, wurde Petain zum Tode verurteilt und nur durch die Weisheit seines Feindes, Charles de Gaulle, dem Führer des Freien Frankreichs, gerettet.

Es gibt keine Möglichkeit die Freiheit unter einer Besetzung zu bewahren. Jeder, der das versucht, findet sich in einer heiklen Lage, indem er versucht, den Besatzer zufriedenzustellen und sein Volk vor Schaden zu bewahren. Im Laufe der Jahre war das Vichy-Regime gezwungen, mit den Deutschen zu kollaborieren, Schritt für Schritt, von der Verfolgung des Untergrunds bis zur Vertreibung der Juden.

Darüber hinaus, wo es eine Autorität gibt, sogar unter Besetzung, entstehen plötzlich Interessengruppen. Einige Menschen erwerben ein Interesse am Status quo und unterstützen die Besatzung. Pierre Laval, ein opportunistischer französischer Politiker, gelangte an die Spitze in Vichy und ziemlich viele Franzosen versammelten sich um ihn. Am Ende wurde er exekutiert.

NUN BEFINDET sich Abbas in einer ähnlichen Situation. Eine unmögliche Situation. Er spielt mit den Besetzer-Machthabern Poker, während sie alle vier Asse besitzen und er nichts in seiner Hand hat als eine geringwertigere Karte.

Er sieht seine Aufgabe darin, die besetzte palästinensische Bevölkerung bis zum Tag der Befreiung zu schützen, dem Tag, an dem Israel gezwungen ist, die Besetzung in all ihren Facetten aufzugeben: die Siedlungen, die Landenteignung und die Unterdrückung.

Gezwungen, aufzugeben – aber wie?

Abbas lehnt den gewalttätigen Widerstand (“Terrorismus”) ab. Ich glaube, dass er Recht hat. Israel hat eine riesige Armee, die Besatzung hat keine “moralischen Bremsen” (siehe: Elor Azaria). Die “Märtyrertaten” mögen den Nationalstolz der palästinensischen Bevölkerung stärken, aber sie verschlimmern die Besatzung und führen nirgendwohin.

Abbas hat eine Strategie der internationalen Aktion angenommen. Er investiert einen Großteil seiner Ressourcen, um eine pro-palästinensische UN-Resolution zu erhalten, eine Resolution, die die Besatzung und die Siedlungen verurteilen und Palästina als vollwertiges UN-Mitglied anerkennen wird. Zur Zeit befürchtet Benyamin Netanyahu, dass Präsident Obama die beiden Monate ohne Verantwortung nutzt – zwischen dem Wahltag und dem Ende seiner Amtszeit – um eine entsprechende Resolution durchzubringen.

Na und? Wird das in irgendeiner Weise den Kampf gegen die israelische Besatzung wieder verstärken? Wird das auch nur um einen Dollar die US-Unterstützung für Israel verringern? In der Vergangenheit haben die sukzessiven israelischen Regierungen dutzende UN-Resolutionen ignoriert und Israels internationale Position hat sich nur noch verbessert.

Die Palästinenser sind keine dummen Menschen. Sie kennen all diese Fakten. Ein Sieg in der UN wird ihre Herzen erfreuen, aber sie wissen, dass er ihnen in der Praxis sehr wenig helfen wird.

Ich gebe den Palästinensern keinen Rat. Ich habe immer geglaubt, dass ein Mitglied des besetzenden Volkes kein Recht hat, dem besetzten Volk einen Rat zu erteilen.

Aber ich gestatte mir selbst, laut zu denken, und diese Gedanken bringen mich zu der Überzeugung, dass die einzige effektive Methode für ein besetztes Volk ziviler Ungehorsam ist, ein völlig gewaltloser Volkswiderstand gegen die Besatzung, vollkommener Ungehorsam gegenüber dem fremden Eroberer.

Diese Methode wurde weiterentwickelt von dem indischen Widerstand gegen die britische Besatzung. Ihr Anführer, Mahatma Gandhi, war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, eine moralische Person mit einem hohen Maß an praktischem politischen Scharfsinn. In Indien waren einige zehntausend Militärs und britisches Zivilpersonal mit über einer Million Indern konfrontiert. Ziviler Ungehorsam setzte der Besetzung ein Ende.

In unserem Land ist die Machtbilanz extrem anders. Aber das Prinzip ist dasselbe: keine Regierung kann auf lange Zeit funktionieren, wenn sie mit einer Bevölkerung konfrontiert ist, die sich weigert, auf irgendeine Art und Weise mit ihr zusammenzuarbeiten.

Bei solch einem Kampf kommt die Gewalt immer von der Besatzung. Die Besetzung ist immer gewalttätig. Deshalb werden in einem gewaltlosen Kampf zivilen Ungehorsams viele Palästinenser getötet werden, das allgemeine Leiden wird noch um vieles zunehmen. Aber ein derartiger Kampf wird gewinnen. Er tat es immer, wenn er irgendwo praktiziert wurde.

Die Welt, die ihre tiefe Sympathie zu dem palästinensischen Volk ausdrückt, gleichzeitig jedoch mit dem Besatzungsregime kooperiert, wird gezwungen sein, zu intervenieren.

Und, was das Allerwichtigste ist, dass die israelische Öffentlichkeit, die zur Zeit auf das, was sich wenige dutzend Kilometer von ihren Häusern entfernt ereignet, schaut, als ob es in Honolulu geschähe, endlich aufwachen wird. Die Besten unseres Volkes werden sich dem politischen Kampf anschließen.

Das schwache Friedenscamp wird wieder erstarken.

DAS BESATZUNGSREGIME ist sich dieser Gefahr wohl bewusst. Es versucht, Abbas mit allen Mitteln zu schwächen. Es beschuldigt ihn der “Aufhetzung” – gemeint ist der Widerstand gegen die Besatzung – so als ob Abbas ein brutaler Feind wäre. All dies, obwohl Abbas Sicherheitskräfte offen mit der Besatzungspolizei und Besatzungsarmee kooperieren.

In der Praxis stärkt die Besetzung das Hamas-Regime im Gazastreifen, das Abbas hasst.

Die Beziehungen zwischen der Hamas und der israelischen Regierung reichen weit zurück. In den ersten Jahren der Besetzung, als jede Art politischer Aktivitäten in den besetzten Gebieten strengstens verboten war, war es nur den Islamisten erlaubt, aktiv zu sein. Erstens, weil es unmöglich war, die Moscheen zu schließen, und zweitens, weil die Besatzungsbehörden glaubten, die Feindschaft zwischen den religiösen Muslimen und der säkularen PLO schwäche Arafat.

Diese Illusion verschwand zu Beginn der ersten Intifada, als die Hamas gegründet wurde und schnell zur militantesten Widerstandsorganisation wurde. Aber selbst dann sahen die Besatzungsautoritäten in der Hamas noch ein positives Element, weil es den palästinensischen Kampf spaltete.

Man muss daran erinnern, dass der separate Gazastreifen eine israelische Erfindung ist. Im Oslo-Abkommen verpflichtete Israel sich, vier “sichere Passagen” zwischen der Westbank und dem Gazastreifen zu öffnen. Unter dem Einfluss der Armee verstieß Rabin direkt von Anfang an gegen diese Verpflichtung. Das Ergebnis war, dass die Westbank vollkommen vom Gazastreifen abgeschnitten war – und die gegenwärtige Situation ist das direkte Ergebnis hiervon.

Überall wundern sich die Menschen, weshalb Netanyahu täglich Abbas als “Aufhetzer” und “Sponsor des Terrors” diskriminiert, wohingegen er die Hamas nicht einmal erwähnt. Um dieses Mysterium zu lösen, muss man verstehen, dass die israelische Rechte keinen Krieg fürchtet, aber um so mehr den internationalen Druck. Deshalb ist der “moderate” Abbas bedeutend gefährlicher als Hamas, der “Terrorist”.

EINEN ZIVILEN WIDERSTAND wird es in naher Zukunft nicht geben. Die palästinensische Gesellschaft ist noch nicht reif dafür. Außerdem ist Abbas nicht der geeignete Anführer für solch einen Kampf. Er ist kein palästinensischer Gandhi, kein zweiter Mandela.

Abu-Mazen ist der Anführer eines Volkes, das versucht, unter unmöglichen Bedingungen zu überleben, bis eine Wende der Situation eintritt. Darum kam er auch diese Woche zur Beerdigung von Shimon Peres.

Aus dem Englischen übersetzt von Inga Gelsdorf

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Die Sage von Sisyphos

Erstellt von DL-Redaktion am 16. April 2017

Simon  Perres ist ein Genie. Ein Genie der Imitation.

Autor : Uri Avnery

Sein Leben lang arbeitet er an seinem öffentlichen Image. Das Image ersetzt den Mann. Fast alle Artikel, die seit seiner Erkrankung über ihn geschrieben wurden, handeln von dem imaginären Menschen, nicht von dem echten.

Wie die Amerikaner zu sagen pflegen: “Er ist so unecht, dass er echt ist.”

OBERFLÄCHLICH betrachtet gibt es einige Parellelen zwischen ihm und mir.

Er ist 39 Tage älter als ich. Er kam einige Monate nach mir in dieses Land, beide waren wir 10 Jahre alt. Man schickte mich nach Nahalal, einem Genossenschaftsdorf, ihn nach Ben Shemen, einem landwirtschaftlichen Jugenddorf.

Man kann sagen, dass wir beide Optimisten sind und unser Leben lang aktiv waren.

Damit enden unsere Parallelen.

ICH KAM aus Deutschland, wo wir eine wohlhabende Familie waren. In Palästina war unser gesamtes Geld sehr schnell verbraucht. Ich wuchs in äußerster Armut auf. Er kam aus Polen. Seine Familie war auch in Palästina wohlhabend. Ich behielt einen deutschen Akzent, er einen sehr starken polnischen.

Bereits in seiner Kindheit gab es etwas, das die Wut seiner Klassenkameraden in der jüdischen Schule seines kleinen Heimatortes auf sich zog. Sie schlugen ihn oft. Sein jüngerer Bruder verteidigte ihn gewöhnlich. Er erzählte, Shimon habe ihn gefragt: “Warum hassen sie mich so?”

In Ben Shemen war sein Name noch Persky. Einer seiner Lehrer schlug ihm vor, einen hebräischen Namen anzunehmen, was fast alle von uns taten. Er schlug Ben Amotz vor, den Namen des Propheten Jesaja. Aber dieser Name wurde von Musia Tehilimsager, einem anderen Schüler, weggeschnappt, der auch berühmt wurde. Deshalb schlug der Lehrer Peres vor, den Namen eines großen Vogels.

WIR TRAFEN UNS zum ersten Mal im Alter von 30 Jahren. Er war bereits der Generaldirektor des Verteidigungsministeriums, Ich war der Chefredakteur eines Magazins, das das Land in Aufruhr versetzte.

Er lud mich in sein Ministerium ein, um mich zu bitten, einen investigativen Artikel nicht zu veröffentlichen (über das Versenken eines illegalen Flüchtlingsschiffs durch die Hagana im Hafen von Haifa vor der Gründung Israels). Unsere Begegnung war eine Geschichte gegenseitiger Antipathie auf den ersten Blick.

Meine Antipathie war bereits vor dem Treffen vorhanden. Im Krieg von 1948 (dem “Unabhängigkeitskrieg”) war ich ein Mitglied einer Kommandoeinheit, die sich “Simsons Füchse” nannte. Jeder von uns Kampfsoldaten dieses Krieges, verachtete Mitglieder unserer Altersgruppe, die sich nicht zum Militärdienst einschrieben. Auch Peres tat dies nicht. Er wurde von David Ben-Gurion ins Ausland gesandt, um Waffen zu kaufen. Ein wichtiger Job – aber einer, der von einem 60-Jährigen ausgeübt werden konnte.

Diese Tatsache schwebte eine sehr lange Zeit über Peres Haupt. Sie erklärt, weshalb Mitglieder seiner Altersklasse ihn verachteten und Yitzhak Rabin, Yigal Alon and deren Kameraden liebten.

SHIMON PERES war von Kindheit an Politiker – ein echter Politiker, durch und durch ein Politiker und nichts Anderes. Keine anderen Interessen, keine Hobbys.

Es begann bereits in Ben Shemen. Peres war dort ein „Außenseiter-Junge”, ein neuer Einwanderer, der sich von all den sonnengebräunten, athletischen einheimischen Jungen unterschied. Sein nicht sehr sympathisches Gesicht war wenig hilfreich. Trotzdem zog er Sonia an, die Tochter eines Zimmermanns, die seine Ehefrau wurde.

Er ersehnte die Liebe seiner Kameraden und wollte als einer von ihnen akzeptiert werden. Er trat der “Arbeiterjugend” bei, der Jugendorganisation der allmächtigen Histadruth-Gewerkschaft und wurde sehr aktiv. Da die heimischen Jungen, die den Spitznamen “Sabras” (Kaktuspflanze) hatten, an politischen Aktivitäten nicht interessiert waren, stieg Peres die Karriereleiter hoch und wurde schnell zum Ausbilder.

Seine erste Gelegenheit kam, nachdem er seine Studien in Ben Shemen beendet hatte und sich einem Kibbutz der Arbeiterpartei (Mapai) anschloss, die die jüdische Gemeinschaft mit eisener Faust beherrschte. Die Partei spaltete sich. Fast alle Jugendleiter schlossen sich der “Fraktion B” an, der Oppositionsgruppe. Peres war fast der Einzige, der der Mehrheitsfraktion treu blieb. Dadurch zog er die Aufmerksamkeit des Parteiführers Levi Eshkol auf sich.

Es war eine brilliante politische Übung. Seine einstigen Kameraden verachteten ihn, aber er hatte nun Kontakt zu der Führungsspitze der Partei. Eshkol stellte ihn Ben-Gurion vor und als der Krieg im Jahre 1948 ausbrach, sandte Ben-Gurion ihn zum Kauf von Waffen in die USA.

Seitdem agierte Peres als Ben Gurions rechte Hand, bewunderte ihn und – was das Wichtigste ist – wurde sein politischer Nachfolger.

BEN-GURION prägte dem neuen Staat seine politische Einstellung auf, und man könnte sagen, dass der Staat sich auch heute noch auf den Weichen bewegt, die von ihm gestellt wurden. Peres war einer seiner Haupthelfer dabei.

Ben-Gurion glaubte nicht an Frieden. Seine Ansichten basierten auf der Annahme, dass die Araber niemals Frieden mit dem jüdischen Staat eingehen würden, der auf dem gegründet worden war, was zuvor ihr Land war. Zumindest eine lange, lange Zeit lang würde es keinen Frieden geben. Deshalb brauche der neue Staat eine starke Westmacht als Verbündeten. Die Logik diktiere, dass solch ein Verbündeter aus den Reihen der imperialistischen Mächte käme, die den arabischen Nationalismus fürchteten.

Es war ein Teufelskreis: Um sich gegen die Araber zu verteidigen, brauchte Israel einen kolonialistischen anti-arabischen Verbündeten. Solch eine Allianz würde nur den Hass der Araber auf Israel verstärken. Und so weiter, bis heute.

Der erste zukünftige Verbündete war Großbritannien. Aber diese Verbindung scheiterte: die Briten bevorzugten es, sich den arabischen Nationalismus zu eigen zu machen. Jedoch im richtigen Augenblick erschien ein anderer Verbündeter auf der Bühne: Frankreich.

Die Franzosen hatten ein weites Imperium in Afrika. Algerien, ein offizielles Department von Frankreich, rebellierte im Jahre 1954. Beide Seiten kämpften mit äußerster Grausamkeit.

Da die Franzosen ihren Algeriern nicht zutrauten, sich gegen sie aufzulehnen, schoben sie die gesamte Schuld auf den neuen Führer, der in Kairo an die Macht gekommen war. Aber kein Land war bereit, sie bei ihrem “schmutzigen Krieg” zu unterstützen – außer einem.

Ben-Gurion, mittlerweile im Alterungsprozess, fürchtete den neuen pan-arabischen Führer Gamal Abd-al-Nasser. Jung, energisch, gutaussehend und charismatisch, war “Nasser” ein Redner, der begeisterte, im Gegensatz zu den alt-bekannten Arabern, an die Ben-Gurion gewöhnt war. So ergriff Ben-Gurion, als die Franzosen ihre Hand nach ihm ausstreckten, diese begierig.

Es war wieder der alte Teufelskreis: Israel unterstützte die französische Unterdrückung der Araber, der arabische Hass auf Israel verstärkte sich, Israel brauchte die kolonialistischen Unterdrücker noch mehr. Vergeblich warnte ich vor diesem katastrophalen Prozess.

Ben-Gurions Gesandter für Frankreich war Shimon Peres. Mit seiner Hilfe erreichte der Prozess ungeahnte Höhen. Zum Beispiel: Als die UN einen Vorschlag zur Verbesserung der Gefängnisbedingungen für den algerischen Führer Ahmed Ben Bella debattierte, kam die einzige Gegenstimme bei der UN von Israel. (Die Franzosen selbst boykottierten die Versammlung).

Diese unheilige Allianz erreichte ihren Höhepunkt im Suez-Krieg von 1956, in dem Frankreich, Großbritannien und Israel gemeinsam Ägypten angriffen. Diese Operation erfuhr eine einstimmige weltweite Verurteilung. Die USA und Sowjetrussland machten gemeinsame Sache und die drei Verschwörer mussten sich zurückziehen. Israel musste das riesige Gebiet, das es besetzt hatte, zurückgeben.

Die Franzosen riefen Charles de Gaulle zurück an die Macht. Dieser sah ein, dass er dem sinnlosen Krieg ein Ende setzen musste. Peres fuhr jedoch fort, die Allianz zu loben, die, wie er verkündete, nicht auf reinen Interessen sondern auf tiefen gemeinsamen Werten basierte. Ich veröffentlichte diese Rede, Satz für Satz, indem ich jeden einzelnen Satz widerlegte. Ich prognostizierte, dass Frankreich, sobald der Algerienkrieg vorüber sei, Israel wie ein heißes Eisen fallen lassen und seine Beziehungen zur arabischen Welt erneuern würde. Und das ist natürlich genau das, was geschah. (Israel wählte stattdessen die USA) .

Eine der Früchte der Suez-Operation war der Atomreaktor in Dimona. Es heißt, dass er von Frankreich an Israel als Geschenk zum Dank für Peres Dienste übergegeben wurde. In Wirklichkeit war er ein Teil von Frankreichs Handel mit Israel wie auch eine Ankurbelung der französischen Industrie. Notwendige Ingredienzien wurden an vielen Stellen durch Diebstahl und Betrug erhalten.

Peres wurde in Israel in den Himmel gelobt. Es war ein Lob für einen Mann des Krieges, nicht des Friedens.

DIE KARRIERE von Peres ähnelt der Legende von Sisyphos, dem Held des altgriechischen Mythos, der von den Göttern verurteilt wurde, einen schweren Felsblock auf die Spitze eines Berges zu rollen, aber jedesmal, wenn er sich seinem Ziel näherte, entglitt der Felsblock seinen Händen und rollte wieder hinunter.Nach dem Sinai-Krieg erreichte Peres Glück neue Höhen. Der Architekt der Beziehungen mit Frankreich, der Mann der den Atomreaktor erhalten hatte, wurde zum Stellvertretenden Verteidigungsminister ernannt und war auf dem Weg, ein angesehenes Kabinettsmitglied zu werden, als alles zusammenbrach. Ben-Gurion bestand darauf, eine scheußliche Sabotageaffaire zu veröffentlichen und wurde von seinen Kollegen abgesetzt. Er bestand auf der Gründung einer neuen Partei, die Rafi genannt wurde. Peres war sehr zu seinem eigenen Missfallen gezwungen, daran teilzunehmen, ebenso wie Moshe Dayan, der es mit demselben Missfallen tat.

Ben-Gurion war nicht aktiv, Dayan tat nichts, wie gewöhnlich, und es oblag Peres, den Wahlkampf zu betreiben. Mit seiner üblichen unermüdlichen Energie beackerte er das Land. Aber bei den Wahlen gewann die Partei mit all ihren brillianten Stars nur 10 Sitze in der Knesset, die aus 120 Mitgliedern besteht, und ging in eine machtlose Opposition über. Peres Felsblock rollte hinunter.

Und dann kam die Rettung – fast. Abd-al-Nasser sandte seine Armee in den Sinai, in Israel brach Panik aus. Die Rafi-Partei beteiligte sich an der Regierung. Peres erwartete seine Ernennung zum Verteidigungsminister, aber im letzten Augenblick erhielt der charismatische Dayan die begehrte Position. Israel errang in sechs Tagen einen haushohen Sieg, und der Mann mit der schwarzen Augenklappe wurde eine weltweite Berühmtheit. Der arme Peres musste sich mit einem geringeren Amt begnügen. Der Felsblock rollte wieder hinunter.

Sechs Jahre lang stagnierte Peres, wohingegen Dayan sich in der weltweiten Bewunderung von Männern und insbesondere von Frauen sonnte. Und dann hat sich das Blatt wieder gewendet. Die Ägypter überquerten den Suez-Kanal und errangen einen unglaublichen Anfangssieg, Dayan zerbröckelte wie ein irdischer Götze. Nach einiger Zeit waren sowohl Golda Meir, als auch Dayan zum Rücktritt gezwungen. Peres war der offensichtliche Kandidat als Premierminister.

Aber das Unglaubliche geschah. Aus dem Nichts erschien Yitzhak Rabin, der einheimische Junge, der Sieger des Sechstage-Krieges. Er wurde zum Premierminister gewählt, war aber gezwungen, Peres, den er nicht mochte, zum Verteidigungsminister zu ernennen. Der Felsblock war wieder auf halbem Weg nach oben.

Die folgenden Jahre waren die Hölle für Rabin. Der Verteidigungsminister hatte nur eine Ambition im Leben: den Premierminister zu demütigen und zu unterminieren. Es war ein „Fulltime-Job“.

Um Rabin zu ärgern tat Peres etwas von historischer Bedeutung: Er schuf die ersten Siedlungen mitten in der besetzten Westbank und begann mit einem Prozess, der nun Israels Zukunft bedroht. Der wütende Rabin gab ihm einen Spitznamen, der ihm seitdem anhaftet: „Der unermüdliche Intrigant“.

Ein paar Jahre später musste Rabin Wahlen vorziehen, weil von den USA erhaltene Kampfflugzeuge in Israel am Freitag ankamen, zu spät für die Ehrengäste, um nach Hause zu gelangen, ohne den Sabbat zu entweihen. Die religiösen Fraktionen rebellierten. Rabin führte selbstverständlich die Parteiliste an.

Dann geschah etwas. Es wurde ersichtlich, dass Rabin, nachdem er das Amt des Botschafters in den USA aufgegeben hatte, ein Bankkonto in Amerika hinterließ – etwas, das zu der Zeit verboten war. Rabins Ehefrau wurde angeklagt. Rabin nahm die Schuld auf sich und trat zurück. So wurde Peres die Nummer 1 auf der Liste und letztendlich näherte sich der Felsblock der Bergspitze.

Am Abend des Wahltages feierte Peres bereits seinen Sieg, als das Rad sich abrupt in der Nacht drehte. Unglaublicherweise hatte Menachem Begin gewonnen, der von vielen als Faschist angesehen wurde. Wieder rollte der Felsblock hinunter.

Am Abend des Libanonkrieges von 1982 (bei dem ich Yasser Arafat traf) gingen die Oppositionsführer Peres und Rabin zu Begin und forderten ihn auf, in den Libanon einzudringen.

Dann wurde Begin von der Alzheimer-Krankheit befallen und von einem anderen ehemaligen Terroristen ersetzt, Yitzhak Shamir. Eine Art Übergangsregierung folgte, da keine der beiden großen Parteien alleine herrschen konnte. Ein zweiköpfiges Rotationssystem entwickelte sich. In einer seiner Perioden als Premierminister erntete Peres unumstrittene Lorbeeren als der Mann, der Israels Inflation in dreistelliger Höhe überwand und den Neuen Schekel einführte, der immer noch unsere Münze (Münz-Währung) ist.

Der Felsblock ging wieder nach oben, als sich etwas sehr Schlimmes ereignete. Vier arabische Jungen entführten einen Bus voller Menschen und fuhren ihn gen Süden. Der Bus wurde erstürmt. Die Regierung behauptete, dass alle vier in dem Kampf getötet wurden, aber dann veröffentlichte ich ein Foto, auf dem zwei von ihnen nach der Gefangennahme noch lebend zu sehen waren. Daraus wurde ersichtlich, dass sie kaltblütig vom Sicherheitsdienst exekutiert worden waren.

Inmitten dieser Angelegenheit wurde Peres der Nachfolger von Shamir, wie zuvor vereinbart worden war. Peres verschaffte allen Mördern eine Begnadigung, einschließlich des Chefs des Shin Bets.

RABIN KEHRTE an die Macht zurück, mit Peres als Außenminister. Eines Tages verlangte Peres, mich zu sehen – ein ungewöhnliches Ereignis, da die Feindschaft zwischen uns bereits Teil der Folklore war.

Peres belehrte mich über die Notwendigkeit, Frieden mit der PLO zu schließen. Da dies seit vielen Jahren mein Hauptlebensziel war, konnte ich mein Lachen kaum verkneifen. Er berichtete mir dann streng vertraulich von den Oslo-Verhandlungen und bat mich, meinen Einfluss geltend zu machen, um Rabin zu überzeugen.

Peres hatte sicherlich seinen Teil zu dem Abkommen beigetragen, aber Rabin war derjenige, der die folgenschwere Entscheidung traf – und der sie mit seinem Leben bezahlte.

In meiner Vorstellung sehe ich den Mörder, der mit der geladenen Pistole am Fuße der Treppen wartet, Peres ein paar Zentimeter an sich vorbeigehen lässt und auf Rabin wartet, der ein paar Minuten später hinunterkommt.

Das Nobelpreiskomitee entschied zunächst, den Friedenspreis an Arafat und Rabin zu verleihen. Peres Anhänger in der ganzen Welt setzten (jedoch) Himmel und Hölle in Bewegung, bis das Komitee Peres mit auf die Liste setzte. Die Gerechtigkeit verlangte, den Preis auch an Mahmoud Abbas zu verleihen, der mit Peres unterzeichnet hatte. Aber die Statuten erlauben nur drei Nobelpreisträger. Deshalb wurde Abbas kein Nobelpreisträger.

Nach Rabins Tod wurde Peres vorübergehend Premierminister. Hätte er sofortige Wahlen angeordnet, so hätte er einen Erdrutschsieg errungen. Aber Peres wollte nicht auf der Erfolgswelle des Toten mitschwimmen. Er wartete ein paar Monate, in denen er einen sinnlosen Krieg im Libanon führte. Am Ende verlor er die Wahl an Binjamin Netanyahu.

(Das führte zu meinem Scherz: „Wenn eine Wahl verloren werden kann, wird Peres sie verlieren. Wenn eine Wahl nicht verloren werden kann, wird Peres sie trotzdem verlieren.”

In allen Wahlkampagnen wurde Peres verflucht und beleidigt. Einmal beschwerte er sich über “ein Meer von (obszönen) orientalischen Gesten”, die bewirkten, dass er noch mehr von den Bürgern orientalischer Abstammung abgelehnt wurde.

Während dieser Zeit tat Peres etwas Kluges: er unterzog sich einer plastischen Operation. Sein Aussehen verbesserte sich auffallend.

Die endgültige Blamage kam, als Peres für die Wahl zum Staatspräsidenten antrat. Der Präsident, eine zeremonielle Persönlichkeit, ohne wirkliche Macht, wird von der Knesset gewählt. Jedoch Peres verlor gegen ein Nichts, einen Likud-Partei-Mitläufer namens Moshe Katzav. Es schien eine letzte Beleidigung zu sein.

Aber dann geschah wieder das Unglaubliche. Katzav wurde inhaftiert und der Vergewaltigung schuldig befunden. In der darauffolgenden Wahl wählte die Knesset Peres, was nach einem Anfall von kollektiven Gewissensbissen aussah.

Der Felsblock hatte die Bergspitze endlich doch erreicht. Aufgrund seiner unermüdlichen Energie hatte Sisyphos am Ende gewonnen. Der lebenslängliche Politiker, der nie eine Wahl gewonnen hatte, war nun Präsident – und wurde über Nacht sehr populär.

Peres blieben mehrere Jahre, um die neue Liebe des Volkes zu genießen, sein Lebensziel. Und dann, vor zwei Wochen, erlitt er einen Schlaganfall und verlor das Bewusstsein.

Ich hoffe, er wird genesen. Solche Menschen findet man heute nicht mehr.

(übersetzt von Inga Gelsdorf)

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Es kann hier geschehen

Erstellt von DL-Redaktion am 9. April 2017

ZIONISMUS WAR eine revolutionäre Idee

Autor : Uri Avnery

Er schlägt vor, dass das „Jüdische Volk“ einen neuen jüdischen Staat im Lande Palästina schafft.

Das zionistische Projekt war tatsächlich sehr erfolgreich. !948 war die Embryo-Nation stark genug. einen Staat zu schaffen. Israel wurde geboren.

Wenn man ein Haus baut, benötigt man ein Gerüst. Wenn der Bau fertig ist, wird das Gerüst wieder abgebaut.

Aber politische Ideen und Strukturen sterben nicht einfach. Der menschliche Geist ist faul und besorgt und klammert sich an die familiären Ideen, lange nachdem sie obsolet geworden sind.. Politische und materielle Interessen werden fest begründet in der Idee und widersteht dem Wandel.

So fuhr der „Zionismus“ fort, zu existieren, nachdem er sein Ziel schon erreicht hat. Das Gerüst wurde überflüssig, tatsächlich hinderlich.

WARUM HINDERLICH? Denken wir zum Beispiel an Australien. Es wurde von britischen Siedlern als eine Kolonie von Großbritannien geschaffen. Die Australier wurden den Briten tief verpflichtet. Während des 2. Weltkrieges kamen sie zu uns, auf ihrem Weg für die Briten in Nordafrika zu kämpfen. (Wir liebten sie sehr).

Aber Australien ist nicht Britannien. Ein anderes Klima, eine andere Geographie, ein anderer Standort, der andere politische Optionen diktiert.

Wenn wir das Welt-Judentum als eine Art Mutterland betrachten, wie Britannien für Australien, dann hätte Israel bei der Geburt die Nabelschnur durchschnitten. Eine neue Nation. Eine neue Örtlichkeit. Eine andere Nachbarschaft. Andere Optionen.

Dies geschah nie. Israel ist ein „Zionistischer“ Staat, oder die große Majorität seiner Bürger und Führer glauben es. Wer kein Zionist bleiben will, ist ein Abtrünniger, beinah ein Verräter.

Aber was verstehen die Israeli unter „Zionismus“? Patriotismus? Vaterlandsliebe? Nationalismus? Solidarität mit Juden in aller Welt? Oder etwas ganz anderes: die Idee, dass Israel nicht wirklich seinen Bürgern gehört, sondern allen Juden in aller Welt?

DIESE GRUND-Entscheidung ob bewusst oder unbewusst hat weitgehende Konsequenzen.

Israel ist offiziell und juristisch als jüdischer und demokratischer Staat definiert. Bedeutet das, dass nicht jüdische Bürger, wie die Araber, nicht wirklich dazugehören, sondern nur geduldet werden und sollten sich der vollen zivilen Rechte erfreuen? Bedeutet dies, dass Israel als solches in Wirklichkeit eine westliche Nation ist, die in den Nahen Osten (ein Westlicher Name) verpflanzt wurde

Theodor Herzl, der Gründer der zionistischen Bewegung, wies in seinem fundamentalen Buch „Der jüdische Staat“ darauf hin, dass wir in Palästina freiwillig als Außenposten für die westliche Zivilisation gegen die Barbarei dienen. Welche Barbarei hatte er im Sinn?

Etwa 110 Jahre später drückte ein Ministerpräsident von Israel, Ehud Barak dieselbe Idee mit anschaulichen Worten aus, als er Israel als „eine Villa im Dschungel“ beschrieb. Noch einmal ist es leicht zu erraten, welche wilden Tiere er meint.

Seit der Massen-Immigration der orientalischen jüdischen Gemeinden nach Israel (und anderen Ländern) in den frühen 50iger Jahren, sind sehr wenige jüdische Gemeinden im Osten geblieben und diese sind sehr klein und erbärmlich. Das Welt-Judentum liegt konzentriert (oder ziemlich verteilt) im Westen, besonders in den US.

Die jüdisch-israelische Verbindung ist für Israel von immenser Bedeutung. Die herrschende Position der jüdischen Gemeinde in der US-Politik garantiert die diplomatische Immunität der israelischen Regierung, was auch immer die Regierung tut und wer auch immer US-Präsident ist (und massive finanzielle militärische Unterstützung natürlich.)

(Falls morgen alle US-Juden vom messianischen Eifer ergriffen werden und en masse nach Israel einwandern, würde dies für den jüdischen Staat eine schreckliche Katastrophe sein.)

Andrerseits hat die jüdisch-israelische Verbindung Israel tatsächlich zu einem „Westlichen Außenposten“ gemacht, wie Herzl es vorausgesehen hat und garantiert, dass der jüdische Staat auf immer mit seinen geographischen Nachbarn im Krieg sein wird.

„FRIEDEN MIT den Arabern“ ist ein Thema, das in Israel endlos diskutiert wird. Es ist die Trennungslinie zwischen „Rechts“ und „Links“

Die vorherrschende Überzeugung ist: „ Frieden würde schön sein. Wir wünschen alle den Frieden. Leider ist Frieden unmöglich.“ Warum unmöglich? „Weil die Araber ihn nicht wünschen. Sie werden keinen jüdischen Staat in ihrer Mitte akzeptieren . Nicht jetzt und niemals.“

Auf dieser Überzeugung gründend hat Benjamin Netanjahu seine Bedingung für Frieden formuliert: Die Araber müssen Israel als einen National–Staat des jüdischen Volkes anerkennen.

Dies ist irrsinnig. Gewiss – die „Araber“ müssen den Staat Israel anerkennen. Yasser Arafat hat dies offiziell und im Namen des palästinensischen Volkes getan am Vorabend des Oslo-Abkommens. Aber den Charakter des Staates Israel oder sein Regime zu definieren liegt allein in der Verantwortung der Bürger von Israel.

Wir erkennen China nicht als kommunistischen Staat an. Wir erkennen die US nicht als kapitalistisches Land an – noch in der Vergangenheit die US wird nicht als Weißes Protestantisches Land anerkannt. Wir erkennen Schweden nicht als ein „schwedisches Land“ an. Die ganze Sache ist lächerlich. Aber keiner wagt innerhalb Israels oder außerhalb Netanjahu das zu sagen.

Aber in einem Punkt berührt Netanjahu etwas Fundamentales. Frieden zwischen Israel und Palästina – und durch Erweiterung, mit der ganzen arabischen und muslimischen Welt – erfordert einen geistigen Wandel in Israel und in Palästina. Ein Stück Papier ist nicht genug.

AM VORABEND des 1948 Krieges, in dem der Staat Israel geboren wurde, veröffentlichte ich eine Broschüre: „Krieg oder Frieden in der semitischen Region“. Ich begann mit den Worten:

„Als unsere Väter entschieden, in Palästina eine sichere Heimstätte aufzubauen, mussten sie zwischen zwei Alternativen wählen:

„Sie konnten in West-Asien als europäische Eroberer erscheinen, die sich selbst als Brückenkopf der weißen Rasse und als Meister der Eingeborenen betrachten, wie die spanischen Konquistadoren und die angelsächsischen Kolonisten in Amerika. So machten es die Kreuzfahrer zu ihrer Zeit auch.

„Der andere Weg war, sich selbst als ein asiatisches Volk zu sehen das in seine Heimat zurückehrt…“

Ein Jahr später, fast am Ende des Krieges wurde ich schwer verwundet. Während ich im Krankenhaus lag – mehrere Tage ohne zu schlafen oder zu essen – hatte ich viel Zeit zum Nachdenken, um aus meinen Erfahrungen als Frontsoldat Schlüsse zu ziehen. Mein Schluss war, dass ein arabisches palästinensisches Volk existiert, dass dieses Volk einen eigenen Staat benötigt, und dass niemals Frieden zwischen ihnen und uns herrschen wird, wenn nicht ein Staat Palästina neben unserm neuen Staat entsteht.

Das war der Anfang der „Zwei-Staaten“-Idee , wie es jetzt diskutiert wird. Sie wurde damals von allen zurück gewiesen – von den Arabern, den USA und der Sowjet-Union. Und natürlich von den auf einander folgenden israelischen Regierenden. Golda Meir sagte den berühmten Satz: „So etwas, wie ein palästinensisches Volk gibt es nicht.“

Heute ist die Zwei-Staaten-Lösung ein Welt –Konsens geworden. Die meisten Israelis akzeptieren dies, wenn auch nur theoretisch. Selbst Netanjahu gibt es von Zeit zu Zeit vor. Aber aus welchen Gründen?

Viele der neuen Anhänger übernehmen dies als einen guten Weg der „Trennung“. So wie Ehud Barak („Die Villa im Dschungel“) es definierte. „Sie werden dort sein und wir werden hier sein“.

Das wird so nicht gehen. Es wird eine negative Haltung sein. Einige seiner Anhänger gehen in diese Richtung, weil sie – ganz richtig – fürchten, dass auf andere Weise Eretz Israel zu Eretz Ishmael, ein bi-nationaler Staat mit einer arabischen Mehrheit wird. In diesem Gebiet zwischen dem Mittelmeer und dem Jordanfluss existiert schon eine arabische Mehrheit. Jene, die einen „Jüdischen Staat“ wünschen, sind von der Zwei-Staaten-Lösung angezogen, aber aus falschen Gründen.

Aber das Hauptargument gegen diese Art von Denken ist dies: nach einem historischen Konflikt der schon fast 140 Jahre dauert, ist dies nicht genug, um Frieden zu schaffen. Man kann nicht einen historischen Frieden erlangen durch eine Gesinnung von Krieg und Konflikt.

Als ich im Krankenhaus lag, dachte ich das erste Mal über diese Lösung nach, während der Krieg noch voll im Gange war. Ich dachte nicht an „Trennung“. Ich dachte über eine Versöhnung zwischen den beiden Völker nach einem langen, langen Konflikt, zwei Völker, die Seite an Seite in zwei freien und nationalen Staaten leben, jeder unter der eigenen Flagge, ohne eine Mauer zwischen ihnen. In der Tat malte ich mir eine offene Grenze aus mit freier Bewegung für Menschen und Waren.

Dieses Land – nenne es Palästina oder Eretz Israel – ist sehr klein. Darin zu leben mit zwei feindlich gesinnten Staaten würde ein Alptraum sein. Deshalb brauchen wir eine Art freier Genossenschaft. Man nennt es Konföderation oder Föderation; es ist eine reine Notwendigkeit. Es aufzurichten und zu erhalten, benötigt einen Geist der Versöhnung.

Nicht nur einen negativen Frieden, einen kalten Frieden, die Abwesenheit von Krieg und gegenseitige Feindschaft , sondern ein positiver Frieden, ein wirklicher Frieden, bei dem jede Seite die Grundmotive der andern Seite versteht, sein historisches Narrativ. Seine Hoffnung und seine Ängste.

IST DIES möglich?

Nun es geschieht zwischen Deutschland und Frankreich nach vielen Jahrhunderten des Konfliktes, einschließlich zweier Weltkriege.

Ja, ich glaube daran, dass es hier geschehen kann.

Nennt mich einen Optimisten – es gibt schlimmere Schimpfworte.

( dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Der große Bahnskandal

Erstellt von DL-Redaktion am 2. April 2017

ICH BIN nicht der neidische Typ,
aber ich beneide die Deutschen.

Autor : Uri Avnery

Ich beneide sie um Angela Merkel.

Merkel tat etwas, das völlig gegen ihre politischen Interessen ist. Sie öffnete die Tore Deutschlands für fast eine Million Flüchtlinge, meistens Muslime, viele aus dem kriegszerrissenen, blutigen Syrien.

Kein Volk, nicht einmal ein Volk von Engeln oder Angelas, kann eine Million Ausländer ohne einige Befürchtungen absorbieren. Doch Merkel hat die Moral und den politischen Mut, das Risiko zu übernehmen.

Nun leidet sie an den Folgen.

IM STAAT Mecklenburg-Vorpommern, einem der Komponenten der deutschen Bundesrepublik und Merkels eigenem Heimat-Staat, hat sie einen erschütternden Schlag erlebt. In den Wahlen des ganzen Bundesstaates ist ihre Partei auf Platz 3 gerutscht, nach der SPD und der sehr Rechten (AFD). Eine verheerende Niederlage, die bedeuten könnte, dass Merkel bei den nächsten Wahlen aller Bundessstaaten die Macht verliert.

Die Kanzlerin (mein PC besteht darauf, dass es solch ein Wort im Englischen nicht gibt). Ist keine dumme Person. Sie wusste, dass sie und ihre Partei für ihre Entscheidungen – die Flüchtlinge betreffend – einen hohen Preis zahlen mag. Sie tat es trotzdem.

Es stimmt, dass sie auch banale Gründe gehabt haben könnte. Deutschen sind ein gealtertes Volk. Keine Religion sagt ihm, mehr Kinder zu produzieren als sie es tun. Deutschland benötigt mehr Arbeiter. Es benötigt auch mehr Steuerzahler, so dass der Staat seinen alten Leuten großzügigere Renten zahlen kann.

Trotzdem würde kein normaler Politiker nach seinem (oder ihrem) Verstand so eine große Menge von menschlichem Elend herein lassen, und kein anderer Politiker in Europa tat dies. Um dies zu tun, braucht man einen sehr hohen Standard moralischer Überzeugung. Unter Politikern ist solch eine Art von hohem moralischem Standard nicht bekannt. Das ist tatsächlich sehr selten.

Wie die Deutschen sagen: Alle Achtung. Aller Respekt vor ihr

VOR VIELEN Jahren las ich einen bemerkenswerten Satz an der Klagemauer in Köln. Nahe dem Eingang zum Kölner Dom, der großartigen Kathedrale von Köln, gab es eine große Plakatwand. Man wurde eingeladen seine Gedanken und Klagen auf ein Blatt Papier zu schreiben und anzuheften. Eine der Notizen lautete: „Wir wollten Arbeiter, fanden aber heraus, dass wir Menschen hereinholten.

Dies geschieht jetzt in Deutschland wieder, als auch in andern europäischen Ländern, die eine viel kleinere Anzahl herein ließen.

Deutschland hat keine Tradition von großen herrschenden Frauen, wie Elisabeth die erste von England, Maria Theresa von Österreich, und Katharina die Große von Russland (die eine Deutsche war).

Angela Merkel, die Tochter eines christlichen Pastors, erscheint mir als mutige, moralische, hartnäckige Frau. Wenn ich einen Hut tragen würde – kein säkularer Israeli trägt einen – dann würde ich ihn abnehmen.

ABER DIESES Zeichen der Anerkennung wird ausgeglichen durch meine Empörung, die ich für die Partei empfinde, die sie bei der mecklenburgischen Wahl geschlagen hat.

Die AFD, die den zweiten Platz im Staat erreichte, ist genau die Art von Partei, die ich in jedem Land verabscheue. Eine politisch weit rechts stehende, populistische, in demagogische Partei.

Ich wurde in Deutschland geboren, heute vor 93 Jahren, als ein lächerlicher Demagoge einen Putsch in München zu machen versuchte. Er wurde von der Polizei und der Reichswehr nieder geschlagen. Die Leute, die Adolf Hitler folgten, waren damals dieselben wie die Mecklenburger, die jetzt politisch ganz rechts stehen.

Adolf Hitler kam schließlich an die Macht, begann einen Weltkrieg, der vielen Millionen das Leben kostete und Deutschland zerstörte (ganz abgesehen vom Holocaust). Ich war mir sicher, dass so etwas nie mehr in Deutschland geschehen kann. Überall sonst, sogar in Israel, aber nicht in Deutschland. Die Deutschen haben ihre Lektion gelernt. Niemals wieder.

Wie kann eine weit rechts stehende, rassistische, fremdenfeindliche Partei einen (wenn auch)bescheidenen Wahlsieg erringen? Selbst wenn man vermutet, dass Hitler und seine Nazis einzigartig waren, so ist dies ein sehr beunruhigendes Phänomen. Man muss keinen tief sitzenden jüdischen Komplex haben, um zu sehen, wie ein rotes Licht angeht? Ich gebe zu, verwundert zu sein und auch ein bisschen beunruhigt.

Ich habe das Hochkommen der Nazis während meiner Lebenszeit gesehen. Ich erwarte nicht, so etwas Ähnliches (selbst weit entfernt) während ich lebe, zu sehen.

Noch ist Angela Merkel an der Macht und sie scheint, entschieden ihren Sternen und ihrer Politik zu folgen.

Wie ich sagte, ich beneide ihr Volk.

ICH GLAUBE nicht, dass jemand in der Welt Israel wegen Benjamin Netanjahu beneidet.

Tatsächlich könnte ich mir einen Politiker vorstellen, der genau das Gegenteil von Angela Merkel ist, dann würde es Benjamin Netanyahu sein.

Merkel ist eine moralische Heldin, Netanjahu ist ein moralischer Feigling.

Dies wurde in einer politischen Farce gezeigt, die Israel in den letzten paar Tagen erschüttert hat: der große Schabbat-Skandal der Bahn.

Israel ist offiziell ein „jüdischer und demokratischer Staat“. Nun nicht ganz jüdisch und nicht ganz demokratisch, doch das macht nichts.

Weil es ein jüdischer Staat ist, ist Israel das einzige Land auf der Welt, das an Schabbat – der von Sonnenuntergang am Freitag bis zum Erscheinen von drei Sternen am Samstagabend kein öffentliches Verkehrsmittel hat (In Tel Aviv habe ich zu keiner Zeit seit meiner Kindheit Sterne gesehen.)

Warum? Zwischen den beiden Visionen der Zehn Gebote in der Bibel ist ein bemerkenswerter Unterschied.

In der ersten Version (Exodus 20) ist der Grund göttlich. „ Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht … und ruhte am 7. Tag.“

Aber in der 2. Version (Deuteronomium 5 ) ist der Grund rein sozial : „dass dein Sklave sich so ausruhen kann wie du. Und denke daran, als du Sklave im Land der Ägypter warst.“ (Im hebräischen Original steht „Sklave“, die Übersetzung sagt „Knecht“.

Die meisten von uns sind Atheisten und mögen den Schabbat auch – das Land ist ruhig, die meisten von uns können sich ausruhen und/oder sich amüsieren. Aber da gibt es noch den Rub ??? wie Hamlet, kein Jude, sagt. Wie kann eine arme Person, die keinen privaten Wagen hat, die Küste erreichen oder an den See Genezareth im Norden und an das Tote Meer im Osten, oder das Rote Meer weit im Süden kommen?

Er kann nicht. Er bleibt zu Hause und verflucht die Rabbiner.

Die Rabbiner sind in der Regierungskoalition. Die politisch Rechte hat ohne sie nicht genug Stimmen. Noch hat die Linke genug Stimmen. Also müssen sie bestechen. Deshalb gibt es kein Transportmittel. Das Abkommen gründet sich auf etwas, das sich Status Quo nennt, nicht im biblischen Hebräisch, sondern auf Lateinisch. Es bedeutet „Der Staat, der“, abgekürzt für den Staat,der vorher (vor dem Krieg existierte)“ In unserm Fall, die Situation, wie sie angeblich vor der Gründung Israels bestand.

Das Gesetz sagt, dass Juden am Schabbat nicht arbeiten sollen, erlaubt aber dem Minister für Arbeit gewissen Jobs auszunehmen, falls sie absolut notwendig für eine moderne Gesellschafr sind – Wasser, Strom, Reparaturen, an Eisenbahnen und Ähnliches. Die orthodoxen Parteien sind für einen vernünftigen Preis (Geld für ihre Schulen, in denen nichts als heilige Texte gelehrt werden) damit einverstanden.

Plötzlich geschah etwas Schreckliches. Es scheint, dass die ganze Zeit die Staatsbahn-Behörden an Schabbat wichtige Reparaturen durchführten. Die Rabbiner drohten damit, die Regierung zu stürzen. So gab Netanjahu am Freitag letzter Woche 10 Minuten vor Schabbat-Beginn nach und befahl , dass alle Arbeit an der Bahn sofort gestoppt werden.

Das verursachte Chaos. Der Verkehr wurde am Sonntag auch angehalten, um für notwendige Reparaturen an einem Werktag zu erlauben. Tohu wabohu.

Es muss bemerkt werden, dass die Eisenbahn in Israel keine große Rolle spielt. Öffentlicher Transport wird hauptsächlich von Bussen ausgeführt. Die erste Eisenbahn wurde von den Türken gebaut, um die Pilgerfahrt nach Mekka zu erleichtern. Die Briten fügten währen des 2. Weltkrieges noch einiges hinzu, um ihre Truppen leichternach Ägypten zu transportieren.

Die Linie von Haifa nach Damaskus wurde ein Ziel für viele Scherze. Eine Dame ruft dem Lokomotivführer zu: „Eine Kuh folgt uns!“, auf dass der Mann ruhig erwidert: „ Machen Sie sich keine Sorgen. Sie wird uns nicht überholen.“

Jetzt haben wir einen neuen Verkehrsminister, voller Ehrgeiz, der den Bahn-Dienst modernisieren möchte. Er deutet auch an, dass er schließlich wünscht, Netanjahu zu folgen. Netanjahu liebt solche Leute nicht, die ihm folgen wollen – nicht jetzt, nicht in entfernter Zukunft, niemals. Also nahm er diese Gelegenheit wahr, um den Minister zu sabotieren.

Die Krise erreichte das Oberste Gericht, das entschied, dass der Ministerpräsident keinen Kompetenzbereich hat, um die Bahn still zu legen. Nur der Arbeitsminister hat das Recht Genehmigungen für Schabbat-Arbeit auszustellen oder diese zu streichen. So konnte Netanjahu einen tiefen Atemzug nehmen – es ist nicht mehr seine Verantwortung. Lass die Minister für Transport und Arbeit unter einander streiten. Je mehr – desto besser.

Während dieser Woche folgte jeder dem Drama – werden die Bahnreparationen an Schabbat wieder aufgenommen oder nicht. Werden die armen Soldaten, denen erlaubt war, am Schabbat zu Hause zu bleiben, werden sie die Bahn benützen, um am Sonntag zurück zu ihrer Basis zu kommen?

Komisch, als ich Soldat war, und war ich nie in Eile, um zu meiner Lager zu gelangen.

Es mag nun sein, wie es ist, Netanjahu hat noch einmal gezeigt, wie ein opportunistischer Politiker ohne viel Rückgrat, sich leicht dem Druck bei geringen Problemen beugt, um sich überhaupt nicht mit großen Problemen abzugeben.

Leider. Er ist keine Angela Merkel.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Mehr als Religion

Erstellt von DL-Redaktion am 31. März 2017

Ob Ehe, Wehrdienst oder Ruhe am Schabbat

– in Israel streiten Säkulare und Orthodoxe um den Einfluss jüdischer Gebote

von Yair Ettinger

Und dann hat man es doch wieder abgenommen, das kleine braune Hinweisschild auf dem Weg zur Klagemauer. „Ezrat Israel“, ein Ort für ganz Israel, stand da in hebräischen Lettern und darunter auf Englisch: „Azarat Israel Plaza“. Folgte man dem Schild, wurde man von der Hauptgasse nach rechts gelenkt, passierte einen schmalen Durchgang und erreichte über steile Stufen eine kleine Plattform auf Metallstelzen, die vor vier Jahren über einer Ausgrabungsstätte an der Südseite der Klagemauer errichtet wurde.

Das Schild ist weg, aber nicht der Ort: Seit einem Regierungsbeschluss vom Januar 2016 ist „Ezrat Israel“ die offizielle Gebetsstätte für nichtorthodoxe Gläubige; ohne Trennung zwischen Frauen und Männern, wo Gebete auch unter der Leitung von Frauen stattfinden können. Zwar wurde die Plattform schon seit ihrer Errichtung 2013 für gemischte Gebete genutzt, doch nun hat die Regierung zum ersten Mal offiziell anerkannt, dass auch den nichtorthodoxen Strömungen des Judentums ein Platz an der Klagemauer zusteht.1 Außerdem verpflichtete sie sich, das Provisorium zu einer permanenten Gebetsstätte auszubauen.

Wie zu erwarten war, wurde der Beschluss von den liberalen Gemeinden, die allein in Nordamerika Millionen Mitglieder zählen, begrüßt, während die Orthodoxen in Israel dagegen protestierten. Alsbald entbrannte ein politisches und juristisches Tauziehen, das bis heute andauert. Das „Ezrat Israel“-Schild fiel dem Kampf zwischen den verschiedenen Fraktionen zum Opfer. Im Dezember 2016 wurde es von Vandalen zerstört, auch ein neues Schild hielt nicht lange. Auf Druck der ultraorthodoxen Organisationen ließ es die Stadtverwaltung im Januar 2017 wieder entfernen.

Bereits einige Wochen zuvor war es an der Klagemauer zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen. Etwa 200 Rabbiner und Anhänger der Konservativen wie der Reformbewegung hatten sich mit Thorarollen auf den Weg zur zentralen Gebetsstätte gemacht, um gegen die Untätigkeit der Regierung zu demonstrieren, die seit fast einem Jahr nichts unternommen hatte, um das Provisorium auszubauen. An der Klagemauer wurden die Demonstranten von einigen Dutzend Ul­tra­orthodoxen rüde empfangen; es wurde gerempelt und gespuckt.

Der Streit um die Klagemauer ist nur die Spitze des Eisbergs: Seit 70 Jahren bekriegen sich in dem kleinen Staat Israel, der in vielerlei Hinsicht modern und westlich ist, Angehörige der gleichen Religion: Alle sind sie Juden, doch sie ringen ständig miteinander um die Frage, worin die religiöse Identität und der Charakter des jüdischen Staates bestehen – auf symbolischer und praktischer Ebene, im öffentlichen wie im privaten Leben.

Es ist ein dynamischer Kampf. Und er hat die Israelis gelehrt, dass es schwierig ist – vielleicht auch nicht gewollt –, eine Entscheidung herbeizuführen. Die Erfolge, die jede Seite für sich verbuchen kann, werden „auf dem Feld“ erreicht, nicht durch Beschlüsse der Knesset oder Reformen. Und es sind immer nur Etappensiege, mal für die eine, mal für die andere Seite.

In Israel existiert eine klare ethnische Trennung zwischen den rund 80 Prozent jüdischen und 20 Prozent arabischen Staatsbürgern. Doch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ist der vielleicht wichtigste Faktor die religiöse Zugehörigkeit, also die Frage, welche Art Jude man ist. Nach Einteilung von Meinungsforschern gibt es nichtreligiöse Säkulare („Hiloni“, 43,5 Prozent), Traditionalisten („Masorti“, 37 Prozent), Religiöse („Dati“, 10,5 Prozent) und Ultraorthodoxe („Haredi“, 9 Prozent).2

Das Verhältnis zur Religion ist für viele Fragen des Alltags entscheidend, von der Wahl der Wohngegend und der Schule, auf die man seine Kinder schickt, bis zur politischen Ausrichtung. Sowohl die Dati und Haredi, die an die ewige Gültigkeit der Thora glauben, als auch die nicht oder weniger religiösen Hiloni und Masorti definieren sich im Verhältnis zum dominierenden orthodoxen Judentum; Anhänger der liberalen Strömungen (Reformjudentum und Konservative, die ihre Wurzeln im deutschen Judentum haben, seit dem 20. Jahrhundert hauptsächlich in Nordamerika vertreten) gehören in Israel zur Minderheit (etwa 5 Prozent).

Straßenschlachten zwischen Gläubigen und der Polizei

Dieser innerjüdische Konflikt ist nicht mit der blutigen Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern vergleichbar, aber es kommt nicht selten zu regelrechten Straßenschlachten. Er beschäftigt den Staat und die Gerichte und produziert nahezu täglich Schlagzeilen. Wie zuletzt Anfang Februar, als sich im ultraorthodoxen Jerusalemer Stadtviertel Me’a Sche’arim und in anderen Städten des Landes junge Gläubige nächtelang Straßenschlachten mit der Polizei lieferten, um gegen jede Form von Militärdienst für orthodoxe Männer zu protestieren.

Solche Zusammenstöße kommen mittlerweile so häufig vor, dass zum Teil gar nicht mehr über sie berichtet wird. Zudem gelingt es der Presse kaum noch, den Überblick über die vielen Detailfragen zu behalten, mit denen sich die Regierung und Parlament auseinandersetzen müssen: Da geht es um die Einhaltung des Schabbat und der Kaschrut (Speisegesetze), um die Frage der Wehrpflicht für Studenten der Jeschiwas (theologischen Hochschulen), um die Einberufung religiöser Frauen zur Armee, um weibliche Beamte in staatlichen Ämtern, die mit Religionsangelegenheiten zu tun haben – und natürlich auch um den Ausbau des Gebetsplatzes „Ezrat Israel“ an der Klagemauer.

Der Ausbau liegt seit Januar 2016 auf Eis. Ministerpräsident Netanjahu steht vor einem Dilemma: Setzt er den Plan um, riskiert er den Bruch mit seinen ultraorthodoxen Koalitionspartnern.3 Gibt er ihn auf, macht er sich bei den amerikanischen Juden unbeliebt. So sieht die Alltagsroutine im jüdischen Staat aus – Meinungsverschiedenheiten werden meist auf niedriger Stufe ausgetragen, doch jede einzelne von ihnen kann sich zu einer größeren politischen Krise auswachsen und selbst die Regierung erschüttern.

Um zu begreifen, warum die Beziehung zwischen Staat und Religion in Israel ein derart heikles Thema ist, muss man 70 Jahre zurückgehen: Im Juni 1947 sandte David Ben Gurion als Vorsitzender der Jewish Agency einen kurzen Brief an die Führung der ultraorthodoxen Partei Agudat Jisrael.4

In dem Schreiben, das als „Status- quo-Dokument“ in die Geschichte einging, verpflichtete sich die weltliche Führung des Jischuw (der jüdischen Ansiedlung in Palästina), die Religion in vier sensiblen Bereichen zu berücksichtigen, in denen sie mit dem demnächst entstehenden säkularen Staat in Berührung kommen würde.

Drei Zusagen betrafen die Gesamtheit der jüdischen Bevölkerung: Einhaltung der religiösen Prinzipien bei Konversion, bei Heirat und Scheidung sowie beim Schabbat. Die vierte Zusage betraf allein die orthodoxe Gemeinde, der volle Autonomie über die Schulbildung ihrer Kinder zugesichert wurde.

Anlass für Ben Gurions Schreiben war der bevorstehende Besuch des UN-Sonderausschusses (Unscop), der die UN-Vollversammlung über die Situa­tion in Palästina unterrichten sollte. Um die Repräsentanten der zionistischen Institutionen (Gewerkschaft und Jewish Agency) auf ihren Auftritt vor dem Ausschuss vorzubereiten, versuchte die weltliche Führung des Jischuw mit verschiedenen Gruppierungen gemeinsame Positionen zur Identität des zukünftigen jüdischen Staates zu formulieren. Einige Monate später empfahl der Ausschuss tatsächlich, wie von Ben Gurion erhofft, das Land zu teilen und einen jüdischen neben einem arabischen Staat zu errichten.

Ben Gurion versprach den Orthodoxen, den Schabbat zum „gesetzlichen Ruhetag im Staate Israel“ zu erklären und die Kaschrut zu schützen („jede staatliche Küche, die für Juden bestimmt ist, soll auch koschere Speisen anbieten“). Er versicherte, dass die Jewish Agency und ihre Vertreter alles tun würden, um in Ehefragen „das tiefe Bedürfnis der frommen Juden zu befriedigen und eine Spaltung des Volkes Israel zu vermeiden“. Und in Fragen der Ausbildung und Erziehung der Kinder sollten alle religiösen Strömungen „volle Autonomie“ bekommen; der Staat würde nur über einen Mindestpflichtunterricht bestimmen (in hebräischer Sprache, Geschichte und in den Wissenschaften).

Quelle : Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle : Autor — smr shalabyamr shalaby

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Der Bürgerkrieg

Erstellt von DL-Redaktion am 26. März 2017

ETWAS SELTSAMES geschieht

Autor : Uri Avnery

unter den im Ruhestand befindlichen Chefs des internen Sicherheitsdienstes, de Shin Bet.

Der Dienst ist der Definition nach ein zentraler Pfeiler der israelischen Besatzung. Er wird von den (jüdischen) Israelis bewundert, von den Palästinensern gefürchtet, ja, überall respektiert. Die Besatzung könnte ohne diese nicht existieren.

Und hier liegt das Paradox: verlassen die Chefs ihren Job beim Sicherheitsdienst, dann werden sie zu Sprechern für den Frieden. Wie kommt das?

Tatsächlich gibt es eine logische Erklärung. Shin Bet-Agenten sind der einzige Teil des Establishment, der real, direkt, täglich mit der palästinensischen Realität in Berührung kommt. Sie verhören palästinensische Verdächtige, foltern sie, versuchen sie umzudrehen, also Informanten aus ihnen herauszuholen. Sie sammeln Informationen, dringen in die entferntesten Teile der palästinensischen Gesellschaft. Sie wissen mehr über die Palästinenser als irgendjemand in Israel (und vielleicht auch in Palästina).

Die Intelligenten unter ihnen (Intelligence Beamte können tatsächlich intelligent sein und oft sind sie das auch.) denken auch über das, was sie hören, nach. Sie kommen zu Schlussfolgerungen, die vielen Politikern entgehen: dass wir es mit einer palästinensischen Nation zu tun haben, dass diese Nation nicht verschwinden wird, dass die Palästinenser einen eigenen Staat haben wollen, dass die einzige Lösung des Konfliktes ein palästinensischer Staat neben Israel sein wird.

So sehen wir ein seltsames Phänomen: nach dem Verlassen des Dienstes, werden die Shin Bet-Chefs – einer nach dem anderen – ausgesprochene Advokaten der „Zwei-Staaten-Lösung“.

Dasselbe geschieht den Chefs des Mossad, Israels externer Geheimdienst.

Ihre Hauptarbeit ist im Allgemeinen gegen die Araber zu kämpfen und insbesondere gegen die Palästinenser. Doch in dem Moment, in dem sie den Geheimdienst verlassen, werden sie Fürsprecher der Zwei-Staaten-Lösung im direkten Widerspruch zur Politik des Ministerpräsidenten und seiner Regierung.

ALLE ANGESTELLTEN der zwei Geheimdienste sind nun – geheim. Alle außer den Chefs.

(Dies ist meine Errungenschaft. Als ich ein Mitglied in der Knesset war, reichte ich eine Gesetzvorlage ein, die festlegte, dass der Name des Geheimdienstchefs öffentlich gemacht wird. Die Gesetzesvorlage wurde natürlich abgewiesen, wie alle meine Vorschläge, aber bald danach verordnete der Ministerpräsident, dass die Namen der Chefs tatsächlich öffentlich gemacht wurden.)

Vor einiger Zeit zeigte das israelische Fernsehen ein Dokument, das „Torhüter“ genannt wurde, in dem alle lebenden Ex-Chefs des Shin Bet und des Mossad über Lösungen des Konfliktes gefragt wurden.

Alle sprachen sich für Frieden aus, wenn auch mit verschiedener Intensität . Sie befürworteten Frieden, der sich auf die „Zwei-Staaten-Lösung“ gründet. Sie drückten ihre Meinung aus, dass es keinen Frieden geben wird, wenn die Palästinenser nicht einen eigenen Nationalstaat erreichen.

Zu dieser Zeit war Tamir Pardo der Chef des Mossad; er konnte seine Meinung nicht ausdrücken. Aber seit Anfang 2016 ist er wieder eine Privatperson. In dieser Woche machte er das erste Mal seinen Mund auf.

Wie sein Name anzeigt, Ist Pardo ein sephardischer Jude, der vor 63 Jahren in Jerusalem geboren wurde. Seine Familie kommt aus der Türkei, wo viele Juden Zuflucht fanden, als sie aus Spanien vor 525 Jahren vertrieben wurden. Er gehört also nicht zur Ashkenazi-Elite, die von dem „orientalischen“ Teil der jüdisch-israelischen Gesellschaft so gehasst wird.

Pardos Hauptpunkt war eine Warnung: Israel nähert sich einer Situation eines Bürgerkrieges. Wir sind noch nicht soweit, sagte er, aber wir sind sehr schnell dort.

Dies ist jetzt – nach ihm – die Hauptbedrohung, der Israel gegenüber steht. Er behauptet, dass dies die einzige Bedrohung ist. Diese Erklärung bedeutet, dass der letzte Chef des Mossad keine militärische Bedrohung für Israel sieht weder der Iran noch IS noch sonst jemand. Dies ist eine direkte Herausforderung gegenüber der Netanjahu-Politik, dass Israel von gefährlichen Feinden und tödlichen Bedrohungen umgeben ist.

Aber Pardo sieht eine Bedrohung, die weit gefährlicher ist: die Kluft innerhalb Israels jüdischer Gesellschaft. Wir haben keinen Bürgerkrieg – noch nicht. Doch „ nähern wir uns ihm sehr schnell“.

BÜRGERKRIEG ZWISCHEN wem? Die übliche Antwort ist zwischen „Rechts“ und „Links“.

Wie ich schon bemerkt habe, bedeutet „Rechte“ und „Linke“ in Israel nicht dasselbe wie im Rest der Welt. In England, Deutschland und den USA betrifft die Teilung zwischen links und rechts soziale und wirtschaftliche Probleme.

In Israel haben wir natürlich auch eine Menge sozio-ökonomischer Probleme. Aber die Teilung zwischen „links“ und „rechts“ in Israel betrifft fast nur den Frieden und die Besatzung. Wenn man ein Ende der Besatzung und Frieden mit den Palästinensern wünscht, dann ist man ein „Linker“. Wenn man die Annexion der besetzten Gebiete wünscht und die Vergrößerung der Siedlungen, dann ist man ein „Rechter“.

Aber ich vermute, dass Pardo eine viel tiefere Spaltung meint, auch wenn er das nicht explizit sagt. Der Riss zwischen europäischen („Ashkenasim“) und „Orientalischen“ („Misrahim“) Juden. . Die „Sephardische“ („Spanisch“) Gemeinde, zu der Pardo gehört, wird als ein Teil der Orientalischen gesehen.

Was macht diese Spaltung so potentiell gefährlich und erklärt Pardos düstere Warnung ? Es ist die Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit der Orientalen „Rechte“ , nationalistisch und wenigstens ein bisschen religiös sind, während die Mehrheit der Ashkenasim „Linke“ sind, mehr friedensorientiert und säkular eingestellt sind. Da die Ashkenasim gewöhnlich auch sozial und wirtschaftlich besser dastehen als die Orientalen, ist die Kluft tiefer.

Im der Zeit, in der Pardo geboren (1953) wurde, war uns schon der Beginn der Kluft bewusst und wir trösteten uns mit dem Glauben, dass dies eine vorübergehende Phase ist. solch eine Kluft ist nach einer Massen-einwanderung verständlich, doch der „Schmelztopf“ wird seine Arbeit tun, unter einander heiraten wird helfen und nach einer oder zwei Generationen wird die Sache verschwunden sein und niemals wieder gesehen werden.

Nun, es geschah nicht. Im Gegenteil – die Kluft vertiefte sich schnell. Zeichen von gegenseitigem Hass sind offensichtlicher geworden. Der allgemeine Diskurs ist voll davon. Politiker, besonders die Rechten gründeten ihre Karriere auf Volksverhetzung, angeführt vom größten Hetzer Netanjahu.

Untereinander zu heiraten hilft nicht. Was geschah, ist, dass die Söhne und Töchter von gemischten Paaren gewöhnlich einen der beiden Seiten wählten – und zu Extremisten dieser Seite wurden.

Ein fast komisches Symptom ist, dass die Rechte, die seit 1977 (mit kleinen Unterbrechungen) an der Macht ist sich, noch wie eine unterdrückte Minderheit benimmt und die „alten Eliten“ für ihr Missgeschick verantwortlich macht. Das ist nicht lächerlich, weil die „alten Eliten“ noch überwiegend in der Wirtschaft, den Medien, den Gerichten und in der Kunst sind.

Der gegenseitige Zwiespalt wächst. Pardo selbst liefert ein alarmierendes Beispiel: Seine Warnung hat keinen Sturm veranlasst. Sie ging fast unbemerkt vorüber; eine kurze Nachricht und das war es dann. Kein Grund, sich aufzuregen.

EIN SYMPTOM, das Pardo hätte ängstigen müssen, ist, dass die einzige einigende Kraft für die Juden im Land – die Armee – auch ein Opfer der Spaltung wird.

Die israelische Armee wurde lange vor Israel selbst im vorstaatlichen Untergrund gegründet, besonders in den Kibbutzim, die sozialistisch und Ashkenasi waren. Spuren aus dieser Vergangenheit sind noch in den oberen Rängen bemerkbar. Die Generäle sind meistens Ashkenasim.

Dies mag die seltsame Tatsache erklären, dass 43 Jahre nach dem letzten wirklichen Krieg (dem Yom Kippur Krieg, 1973) und 49 Jahre nachdem die Armee hauptsächlich eine koloniale Kraft wurde, die Armee-Führung immer noch moderater als das politische Establishment ist. Aber von unten her wächst eine andere Armee – deren Offiziere eine Kippa tragen, eine Armee, deren neue Rekruten in Häusern erzogen wurden wie das von Elor Azariya und das nationalistisch israelische Schulsystem absolviert haben.

Das militärische Gerichtsverfahren von Azariya fährt fort, Israel zu trennen, mehrere Monate, nachdem es anfing und Monate bevor es mit einem Urteil enden wird. Azarya – man erinnere sich – ist der Unteroffizier, der einen schwer verwundeten arabischen Angreifer, der schon hilflos auf dem Boden lag, tot schoss.

Ein Tag nach dem anderen regt diese Affäre das Land auf. Das Armee-Kommando wird bedroht, was schon nahe an eine allgemeine Meuterei herankommt. Der neue Verteidigungsminister, der Siedler Avigdor Lieberman unterstützt offen den Soldaten gegen seinen Stabschef, während Benjamin Netanjahu, wie üblich bei einem politischen Feigling, beide Seiten unterstützt.

Dieses Gerichtsverfahren hat schon vor langem aufgehört, ein moralisches oder disziplinarisches Problem zu sein, und ist ein Teil der tiefen Kluft, die die israelische Gesellschaft spaltet. Das Bild des kindlich aussehenden Killers mit seiner Mutter, die im Gericht hinter ihm sitzt und seinen Kopf streichelt, ist zum Symbol des drohenden Bürgerkriegs geworden, von dem Pardo spricht.

EINE MENGE Israelis haben begonnen, über die „Zwei jüdischen Gesellschaften“ in Israel zu sprechen – manche sprechen sogar von „zwei jüdischen Völkern“ innerhalb der Israelisch-jüdischen Nation.

Was hält sie zusammen? Der Konflikt natürlich. Die Besatzung. Der dauernde Zustand des Krieges.

Yitzhak Frankenthal, ein trauender Vater und eine Säule der israelischen Friedenskräfte, ist mit einem erleuchtenden Rezept gekommen. Es ist nicht der israelisch-arabische Konflikt, der Israel aufgezwungen wurde. Im Gegenteil, es ist genau umgekehrt. Israel erhält den Konflikt, weil es den Konflikt für seine pure Existenz benötigt.

Dies könnte die endlose Besatzung erklären Es passt gut in Pardos Theorie des nahenden Bürgerkrieges. Nur das Gefühl der Einheit, das vom Konflikt geschaffen wird, verhindert dies.

Der Konflikt – oder der Frieden.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Olympische Juden

Erstellt von DL-Redaktion am 19. März 2017

DIE SZENE am Ben Gurion-Flughafen –

 

Autor : Uri Avnery

– dieser Woche war ziemlich erstaunlich. Mehr als ein Tausend männlicher Fans kamen, um zwei israelische Judokämpfer – ein weiblicher und ein männlicher – willkommen zu heißen. Sie hatten beide bei den Olympischen Spielen in Rio eine Bronze-Medaille gewonnen.

Es war ein sehr lauter Empfang. Die Menge wurde wild, schrie, stieß, erhob die Fäuste.

Doch Judo ist in Israel kein sehr populärer Sport. Die israelischen Sportbegeisterten drängen sich bei Fußballspielen wie auch in Basketballplätzen. Doch bei diesen beiden Sportarten ist Israel weit davon entfernt, irgendwelche Medaillen zu gewinnen.

So wurden israelische Mengen plötzlich Judo-Fans (einige nannten es „Jehudo“).Leute, die nicht wild begeistert waren, wurden als Verräter angesehen. Wir hörten nichts über Judo-Kämpfer, die die Gold- oder Silber-Medaille bekamen. Gab es da irgendwelche?

WIR KÖNNEN uns nur vorstellen, was geschehen wär, wenn die israelische Olympia-Mannschaft arabische Athleten eingeschlossen hätte. Araber? In unserer Mannschaft ?

Stimmt, die Araber bilden etwa 20% der israelischen Bevölkerung und einige sind im Sport sehr aktiv. Aber Gott – oder Allah – retteten uns vor diesen Kopfschmerzen. Keiner schaffte es nach Rio.

Doch da gibt es noch eine andere Frage, der Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Israel ist nach seiner offiziellen Definition ein „jüdischer Staat“. Er behauptet, dem jüdischen Volk zu gehören. Er betrachtet sich selbst in einer Weise als das Hauptquartier des „Weltjudentums“.

Warum hat also keiner in Israel das geringste Interesse an Medaillen, die von Juden und Jüdinnen in andern nationalen Delegationen gewonnen wurden? Wo ist die jüdische Solidarität? Wo bleibt der jüdische Stolz?

Nun, er existiert einfach nicht, wo es zählt. Bei den Olympischen Spielen, einem höchst nationalistischen Ereignis, kümmert sich niemand um die Diaspora-Juden.

Zur Hölle mit ihnen.

Es scheint, dass im Sport, mehr als anderswo der Unterschied zwischen Israelis und Juden fundamental ist. Tatsächlich so fundamental, dass nicht einmal die Frage gestellt wird. Wer kümmert sich darum.

DIE FRAGE wurde im Verlauf einer Debatte gestellt, die kürzlich auftauchte. Es begann mit einem kleinen Artikel von mir in der liberalen israelischen Zeitung: Haaretz. Ich deutete darauf hin, dass einige der besten und intelligentesten der israelischen Jugendlichen ausgewandert seien und in fremden Ländern Wurzeln fassen würden. Seltsamerweise ist ihr größter Wunsch für eine neue Heimat Deutschland und die beliebteste Stadt ist Berlin. Ich bat die Emigranten höflich, zurückzukommen. Und an dem Kampf teilzunehmen, um „Israel vor sich selbst zu retten“.

Einige der Israelis in Berlin lehnten höflich ab. Nein, Danke, sagten sie. Sie fühlen sich in der früheren Reichshauptstadt zu Hause und haben absolut keine Absicht, nach Israel zurückzukommen.

Ich war von der Tatsache berührt, dass keiner der Schreiber die jüdische Gemeinde in Berlin oder anderswo auch nur erwähnte. Sie sehen sich selbst nicht als Mitglieder der weltweiten jüdischen Gemeinde, sondern eher als Mitglied einer neuen israelischen Diaspora: wie die meisten Israelis hegten sie eine geheime Verachtung für Diaspora -Juden.

Aber dies kann nicht anhalten. Außer für jene, die sich vollständig von der Religion und Tradition befreit haben, benötigen die Israelis im Ausland noch immer einen Rabbi um verheiratet zu werden und ihren neugeborenen Sohn beschneiden zu lassen und am Ende um auf einem jüdischen Friedhof beerdigt zu werden. Über kurz oder lang werden sie ein volles Mitglied der lokalen jüdischen Gemeinde.

Für diese Juden wird der ganze Prozess innerhalb von sechs oder sieben Generationen beendet worden sein – vom Diasporajuden zum Israeli, vom Israeli zurück zum Diaspora-Juden.

DER GRÜNDER des politischen Zionismus, Theodor Herzl, glaubte, dass nach der Errichtung des „Judenstaates“ (nicht unbedingt in Palästina), alle Juden der Welt dorthin gehen und dort siedeln würden. Diejenigen, die nicht dorthin gehen, würden sich in dem Land, in dem sie lebten, assimilieren und aufhören, Jude zu sein.

Dies war eine einfache Idee, weil Herzl eine naive Person war, die sehr wenig über die Juden wusste. Deshalb stellte er sich einen zukünftigen Unterschied zwischen den Juden im jüdischen Staat und all den anderen nicht vor, die dort blieben, wo sie waren oder in andere Länder emigrierten wie z.B. in die USA. Der Terminus „Jude“ bedeutete vielen verschiedene Dinge.

Die Juden waren stolz, über ein „jüdisches Volk“ zu reden, über ein einzigartiges Volk, das über die ganze Welt zerstreut war. Tatsächlich gab es nichts Einzigartiges darüber: dies war die normale Situation im byzantinischen Reich und später im ottomanischen Kalifat. Einige Aspekte wurden im britischen Mandat aufrecht erhalten und bestehen sogar heute noch in den Gesetzen Israels.

Unter diesem System, das von den Türken „Millet“ genannt wurde, waren die Völker keine territoriale Einheit, sondern geographisch zerstreute religiöse Gemeinschaften, die von ihren eigenen religiösen Führern regiert wurden, und dem Kaiser oder Sultan unterworfen waren. Die Juden waren diesbezüglich nicht anders als die Hellenisten, den verschiedenen christlichen Sekten oder später die Muslime.

Erst mit dem Kommen moderner Nationen, die sich auf Territorien gründen, wurden die Juden fast einzigartig. Andere religiöse Einheiten reformierten sich selbst und wurden moderne Völker. Die hartnäckigen Juden wiesen die Veränderung ab und blieben eine ethnisch-religiöse Einheit.

Herzl und seine Anhänger wollten dies verändern und verspätet Juden in eine moderne Nation bringen, mit einem eigenen „Vaterland“. Das war die Bedeutung des Zionismus‘.

Warum machten sie keine klare Unterscheidung zwischen den Mitgliedern ihrer neuen Nationen und den Juden in aller Welt? Nun, es gab nie eine zionistische Ideologie wie die marxistische. Sie befürchteten auch, dass eine klare Trennung von der jüdischen Religion ihrer Sache schaden könne. So brachten sie alles durcheinander – die jüdische Religion, die jüdische Diaspora, das jüdische Volk, der jüdische Staat – Das war alles dasselbe.

Die Idee war, wenn man keinen Unterschied zwischen einem Juden in Berlin und einem Juden in Tel Aviv machte, es für Juden in aller Welt einfacher war, nach Israel zu gehen. Keiner dachte über die Tatsache nach, dass diese Brücke zwei Richtungen hatte. Wenn es so einfach war von Berlin nach Tel Aviv zu kommen, war es auch sehr einfach von Tel Aviv nach Berlin zu gehen. Das ist es, was jetzt geschieht.

DIES KÖNNTE nicht geschehen sein, wenn die neue Nation, die vom Zionismus geschaffen wurde, mit einem neuen Namen genannt worden wäre.

Eine kleine Gruppe von Intellektuellen schlug vor 70 Jahren genau dies vor. Sie wollten die Mitglieder der neuen Nation in Palästina „Hebräer“ nennen, während sie die Mitglieder der Diaspora weiter –„Juden“ nennen wollten“. Dies wurde von den Zionisten ernsthaft verurteilt. Jedoch hat die Umgangssprache unbewusst diese Unterscheidung adoptiert. Sie setzte sich offiziell nie durch.

Mit der Errichtung des Staates Israel, schien es eine natürliche Lösung zu geben. Da gab es die jüdische Diaspora und es gab den Staat Israel. Juden in Israel wurden Israelis und waren stolz darauf. Wenn sie im Ausland gefragt werden, was sie seien, würden sie natürlich „ ich bin ein Israeli“ antworten, niemals „ich bin ein Jude“. Ich glaube, dass ein junger israelischer Auswanderer in Berlin von heute dieselbe Antwort geben würde.

Da gibt es aber ein Problem: mehr als 20% der israelischen Bürger sind Araber. Sind sie in das Konzept der israelischen Nation eingeschlossen? Die meisten von ihnen und fast alle jüdischen Israelis würden mit einem Nein antworten. Sie betrachten sich selbst als palästinensische Minderheit in Israel.

Die einfache Lösung würde sein, die „israelischen Araber“ als eine nationale Minderheit mit den vollen Rechten einer Minderheit anzuerkennen. Aber die israelische Führung ist völlig unfähig, dies zu tun. Deshalb haben wir eine ziemlich groteske Situation: die israelische Regierungsregistrierungs-Behörde, die nach der Nationalität des einzelnen fragt, weigert sich, „israelisch“ zu registrieren und besteht auf „jüdisch“ oder „ arabisch“. (In Israel bedeutet Nationalität nicht Staatsbürgerschaft).

Ein Appell wurde von einer Gruppe israelischer Bürger (auch von mir) an das Oberste Gericht gegen diese Entscheidung gerichtet, er wurde aber abgelehnt.

Einmal hatte ich darüber ein Gespräch mit Ariel Sharon. Ich fragte ihn: „Was bist du als erstes, ein Israeli oder ein Jude?“ Er antwortete ohne zu zögern: „Als erstes bin ich ein Jude, erst dann ein Israeli.“ Meine Antwort war das Gegenteil: „Ich bin zuerst ein Israeli, erst dann ein Jude.“

Sharon wurde in einem kommunalen Dorf geboren und wusste fast nichts über das Judentum. Er wurde aber im israelischen Bildungssystem erzogen, das völlig darauf angelegt ist, Juden zu erziehen..

Falls er heute leben würde, würde Sharon sicherlich den israelischen Judokas gratulieren. Es wäre ihm nicht eingefallen, nach jüdischen Olympiasiegern zu fragen.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasserautorisiert)

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Die Zukunft den Optimisten

Erstellt von DL-Redaktion am 12. März 2017

Die Zukunft gehört den Optimisten

von Uri Avnery

WENN ICH ein Karikaturist wäre, würde ich Israel als langen Schlauch zeichnen.

Und an einem Ende fließen Juden, von Antisemiten und einem großen zionistischen Apparat ermutigt, hinein.

Am andern Ende strömen junge enttäuschte Israelis hinaus und siedeln in Berlin und an andern Orten.

Übrigens scheint die Zahl der Ankommenden mit denen, die gehen, etwa gleich zu sein.

SEIT EINIGEN Wochen habe ich mich wie ein Junge gefühlt, der einen Stein in einen Teich geworfen hat. Wasserringe werden durch den Aufschlag größer und dehnen sich immer weiter aus.

Alles, was ich tat, war ein kurzer Artikel in Haaretz, der den israelischen Emigranten in Berlin und in anderen Orten zurief, nach Hause zu kommen und am Kampf teil zu-nehmen, um Israel vor sich selbst zu retten.

Ich war bereit einzugestehen, dass jeder Mensch das Recht zu wählen hat, wo er oder sie zu leben wünscht (vorausgesetzt die örtlichen Behörden heißen sie Willkommen), doch bat ich sie dringend darum, ihre Heimat nicht aufzugeben. Kommt zurück und kämpft, bat ich sie inständig.

Ein Israeli, der in Berlin lebt, der Sohn eines wohl bekannten Professors (den ich sehr schätze) antwortete mit einem Artikel „Danke, nein!“ Er behauptete, dass er schließlich von Israel und seinen ständigen Kriegen verzweifelt war. Er wünschte für seine Kinder, dass sie in einem normalen, friedlichen Land aufwachsen.

Dies begann und löste eine wütende Debatte aus, die noch weitergeht.

WAS AN diesem Wortgefecht neu ist, ist, dass beide Seiten ihre Vorwände aufgeben.

Seit den ersten Tagen Israels hat es immer Israelis gegeben, die lieber wo anders lebten. Doch gaben sie immer vor, dass ihr Aufenthalt im Ausland nur vorübergehend sei, nur um ihre Studien zu beenden, nur um etwas Geld zu verdienen, nur um ihrem nicht-israelischen Ehepartner zu überzeugen. Bald, sehr bald sogar würden sie zurückkehren und ein vollwertiger Israeli werden.

Nicht mehr. Die heutigen Emigranten proklamieren stolz, dass sie nicht mehr hier leben und ihre Kinder aufziehen wollen, dass sie schließlich in Israel verzweifelt sind und dass sie ihre Zukunft im neuen Heimatland sehen. Sie geben nicht einmal vor, dass sie einen Plan hätten, zurückzukommen.

Andrerseits haben Israelis aufgehört, die Emigranten als Verräter, Deserteure, als Schlacke zu behandeln. Es war vor noch nicht langer Zeit, dass Yitzhak Rabin, der ein Talent hatte, hebräische Phrasen zu erfinden und die Emigranten „Abfallprodukt der Schwächlinge“ nannte (Im Hebräischen klingt es weit beleidigender).

Die fast offizielle Bezeichnung der Emigranten war „Yordim“ , die die hinuntergehen. Immigranten werden „Olim“ genannt, diejenigen, die nach oben gehen.

Heute werden Emigranten nicht mehr verflucht – etwas, das schwer zu tun ist, weil viele von ihnen die Söhne oder Töchter der israelischen Elite sind.

ES GAB eine Zeit, als es in Israel, besonders unter Historikern Mode war, Vergleiche zwischen Israel und dem mittelalterlichen Kreuzfahrer-Königreich zu ziehen.

Die meisten Leute glauben, dass das Kreuzfahrer-Königreich von Jerusalem etwa hundert Jahre dauerte und vom großen Saladin in der historischen Schlacht bei den Hörnern von Hattim, nahe Tiberias , zerstört wurde.

Aber das war nicht der Fall. Das Königreich lebte noch weitere hundert Jahre ohne Jerusalem und mit Acco als Hauptstadt. Es wurde nicht durch eine Schlacht zerstört – sondern durch Auswanderung. Es war ein ständiger Strom von Kreuzfahrern – sogar Söhne und Töchter der 6. oder 7. Generation – die es „aufkündigen“ nannten und nach Europa „zurückkehrten“, nachdem sie von dem Unternehmen enttäuscht waren.

Natürlich sind die Unterschiede zwischen den beiden Fällen immens – verschiedene Zeiten, verschiedene Situationen, verschiedene Ursachen. Doch für mich, einem dilettantischen Studenten der Kreuzzüge, sind die Ähnlichkeiten bedeutend. Ich bin beunruhigt.

Unter Historikern gab es eine Debatte über eine wichtige Frage: Hätten die Kreuzfahrer mit den Muslimen Frieden machen und ein integraler Teil des mittelalterlichen Orient werden können?

Wenigstens ein prominenter Kreuzfahrer, Raymond von Tripoli, scheint einen solchen Verlauf für möglich gehalten zu haben, doch allein die Natur des Kreuzfahrerstaates verhinderte dies. Schließlich kamen die Kreuzfahrer deshalb nach Palästina, um die Ungläubigen zu bekämpfen (und ihr Land wegzunehmen). Mit Ausnahme einiger kurzer Waffenstillstände, kämpften sie vom ersten bis zum letzten Tag.

Die Zionisten folgten bis jetzt demselben Pfad. Wir sind mit einem ewigen Krieg beschäftigt. Einige schwache Bemühungen von einigen lokalen Zionisten, die ganz am Anfang eine Verbindung mit Arabern gegen die ottomanischen Türken knüpften (die in jener Zeit das Land regierten) wurden von der zionistischen Führung ignoriert. (Erst heute, als ich die Morgenzeitung las, bemerkte ich wieder, dass etwa 70% der Nachrichten direkt oder indirekt den zionistisch-arabischen Konflikt betreffen.)

Es stimmt, dass vor der Gründung Israels bis heute es immer einige Stimmen gab (unter ihnen auch die meinige), die sich für eine Integration in der Region aussprachen; aber sie sind von allen israelischen Regierungen ignoriert worden. Die Führer zogen immer einen andauernden Konflikt vor, der es Israel ermöglicht, sich zu vergrößern – ohne (festgelegte) Grenzen.

BEDEUTET DIES, dass wir über unsern Staat verzweifeln müssen, wie es diese Jugendlichen in Berlin tun?

Meine Antwort ist: überhaupt nicht. Nichts ist vorherbestimmt. Wie ich unsern Freunden Unter den Linden zu sagen versuche – alles hängt von uns ab.

Aber zuerst müssen wir uns selbst fragen: Welche Art von Lösung wünschen wir?

Meine Freunde und ich gewannen einen historischen Sieg, als unser Konzept – Zwei Staaten für zwei Völker – zum Weltkonsens wurde. Aber jetzt haben einige Leute erklärt, dass „die Zwei-Staaten-Lösung“ tot sei.

Dies verwundert mich. Wer ist der Arzt, der die Todesurkunde bestätigte? Aus welchen Gründen? Es gibt viele verschiedene Arten dieser Lösung, in Bezug der Siedlungen und der Grenzen, wer hat entschieden, dass sie alle unmöglich sind?

Nein, die Todesurkunde ist eine Fälschung. Das Zwei-Staaten-Ideal lebt, weil es die einzige lebenswerte Lösung hier ist.

ES GIBT zwei Arten von hoch motivierten politischen Kämpfern: diejenigen, die nach idealen Lösungen Ausschau halten und jene, die sich für realistische Lösungen einsetzen.

Die erste Art ist bewundernswert. Sie glauben an eine ideale Lösung, die in der Praxis von idealen Leuten unter idealen Umständen ausgeführt werden kann.

Ich unterschätze solche Leute nicht. Manchmal bereiten sie den theoretischen Weg für Leute vor, die ihren Traum nach zwei oder drei Generationen realisieren.

(Ein Historiker schrieb einmal, dass jede Revolution mit der Zeit irrelevant geworden ist, wenn sie ihre Ziele erreicht hat. Ihre Grundlage wird von ein paar Theoretikern einer Generation gelegt. Sie sammeln Anhänger in der nächsten Generation und nach einiger Zeit wird dies von der dritten Generation realisiert – da ist sie schon veraltet.

Ich will mich für eine realistische Lösung einsetzen – eine Lösung, die von realen Leuten in der realen Welt ausgeführt werden kann.

Die Ein-Staat-Lösung ist ideal aber unrealistisch. Sie könnte real werden , wenn alle Juden und alle Araber nette Leute sein würden, einander umarmen, ihren Groll vergessen, zusammen zu leben wünschen, dieselbe Flagge grüßen, dieselbe Nationalhymne singen, in derselben Armee und Polizei dienen, denselben Gesetzen gehorchen, dieselben Steuern zahlen, ihre religiösen und historischen Narrative ändern, vorzugsweise einander heiraten. Das wäre schön. Vielleicht sogar möglich – in fünf oder gar zehn Generationen.

Wenn nicht eine Ein-Staat-Lösung ein Apartheidstaat bedeuten würde, mit endlosem internen Krieg, viel Blutvergießen, vielleicht gar am Ende ein Staat mit arabischer Mehrheit und einer jüdischen Minderheit, die durch eine ständige Auswanderung reduziert wird.

Die Zwei-Staaten-Lösung ist nicht ideal, aber realistisch. Sie bedeutet, dass jedes der zwei Völker in seinem eigenen Staat leben kann, den sie ihr eigen nennen, unter ihrer eigenen Flagge, mit ihren eigenen Wahlen, eigenem Parlament und Regierung, eigner Polizei und eigenem Bildungssystem, ihrem eigenen Olympia-Team.

Die beiden Staaten werden nach Wahl oder Notwendigkeit, im Laufe der Zeit gemeinsame Institute entwickeln vom notwendigen Minimum zu einem größeren Optimum. Vielleicht werden sie sich einer Föderation nähern, wenn sich die gegenseitigen Beziehungen erweitern und der gegenseitige Respekt sich vertieft.

Wenn die Grenzen zwischen den beiden Staaten festgelegt werden, wird das Problem der Siedlungen lösbar sein – einige werden sich durch Landtausch Israel anschließen, einige werden ein Teil Palästinas werden oder aufgelöst werden, militärische Beziehungen und gemeinsame Verteidigung werden durch Realitäten geschaffen werden.

All dies wird ungemein verwickelt sein. Haben wir keine Illusionen. Aber es ist in der realen Welt möglich, von realen Menschen ausgearbeitet.

ES GEHT um diesen Kampf, warum ich die Söhne und Töchter in Berlin und aus aller Welt rufe, aus der neuen israelischen Diaspora, nach Hause zu kommen und sich mit uns zu vereinigen.

Verzweiflung ist leicht, sie ist auch bequem, ob in Berlin oder Tel Aviv. Schauen wir uns in diesem Moment um, dann ist die Verzweiflung auch logisch.

Aber Verzweiflung korrumpiert. Verzweifelte Leute schaffen nichts und nie.

Die Zukunft gehört den Optimisten.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

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Der gehörte Schuss

Erstellt von DL-Redaktion am 5. März 2017

Der im ganzen Land gehörte Schuss

von Uri Avnery

AM 28. JUNI 1914 besuchte der österreichische Thronfolger Erzherzog  Franz Ferdinand Sarajewo, die Hauptstadt von Bosnien, damals eine österreichische  Provinz. 

Drei junge serbische Bewohner Bosniens hatten sich entschlossen, ihn zu ermorden, um den Anschluss von Bosnien an Serbien zu erreichen. Sie warfen Bomben auf den Wagen des Erzherzogs. Allen drei gelang es nicht, ihm Leid anzutun. 

Danach ging einer der Mörder, Gavrilo Prinzip, ziellos umher, als er zufällig wieder auf sein Opfer traf. Der Wagen des Erzherzogs hatte eine falsche Wende gemacht. Der Fahrer versuchte zurück zu fahren, der Wagen blieb stehen und Princip erschoss den Herzog. 

Dies war „der Schuss, der rund um die ganze Welt gehört wurde“. Dieser kleine Vorfall führte zum 1.Weltkrieg, der auch zum 2. Weltkrieg mit zusammen einigen 100 Millionen Toten, zum Bolschewismus, Faschismus und Nazismus und Holocaust führte. Doch während die Namen von Lenin, Stalin und Hitler jahrhundertelang in Erinnerung bleiben,  ist der Name von Gavrilo Princip, der bedeutendsten Person des 20. Jahrhundert längst vergessen worden. 

(Da er erst 19 Jahre alt war, erlaubte das österreichische Gesetz nicht, dass er mit der Todesstrafe verurteilt wurde. Er wurde ins Gefängnis geschickt, wo er mit einer nicht erkannten Tuberkulose mitten im 1. Weltkrieg starb. 

Aus einigen Gründen erinnert mich diese unbedeutende Person, die Geschichte machte, an einen unbedeutenden jungen Israeli, mit Namen Elor Azaria, dessen Tat die Geschichte des Staates Israel  verändern könnte. 

DIE FAKTEN des Falles sind ganz eindeutig.

Zwei junge Palästinenser griffen einen israelischen Soldaten mit einem Messer in Tel Rumeida an, einer Siedlung extremistischer Juden mitten in Hebron. Der Soldat war leicht verletzt. Die Angreifer wurden angeschossen, einer starb sofort, der andere wurde ernsthaft verletzt und lag blutend auf dem Boden.

Was als nächstes geschah, wurde von einem einheimischen Palästinenser mit einer der vielen von B’tselem, der israelischen Menschenrechtsorganisation, der lokalen Bevölkerung verteilten  Kameras, fotografiert.

Die Mannschaft eines israelischen Ambulanzwagen behandelte den verletzten Soldaten und ignorierte den tödlich verletzten Araber, der auf dem Boden lag. Mehrere israelische Soldaten standen herum; auch sie ignorierten den Palästinenser. Etwa 10 Minuten später erschien der Unteroffizier Elor Azaria, ein Sanitäter, auf der Bildfläche, näherte sich dem verletzten Palästinenser und schoss ihm aus nächster Nähe in den Kopf und tötete ihn.

Nach den Augenzeugen erklärte Azaria, dass „der Terrorist sterben  muss“.  Später auf den Rat seiner Phalanx von Rechtsanwälten, behauptete Azaria, dass er fürchtete, der verletzte Palästinenser hätte einen Sprengstoffkörper an seinem Körper und war dabei, die herumstehenden Soldaten zu töten – eine Behauptung, die eindeutig von den Bildern widerlegt wurde, da die nahe stehenden Soldaten zeigten, wie sie offensichtlich unbekümmert waren. Dann gab es ein mysteriöses Messer, das nicht von Anfang an auf dem Foto zu sehen war, aber am Ende in der Nähe des Körpers lag.
Der Film wurde in den sozialen Medien weit verbreitet und konnte nicht ignoriert werden. Azaria wurde vor ein Militärgericht gebracht und wurde  zum Mittelpunkt eines politischen Sturmes, der schon wochenlang andauerte und die Armee, die Öffentlichkeit, die politische Szene und den ganzen Staat teilte.

ICH MÖCHTE  mit einer persönlichen Bemerkung unterbrechen! Ich bin nicht naiv. Im 1948er Krieg war ich zehn Monate hintereinander ein Kampfsoldat, bevor ich schwer verwundet wurde. Ich sah alle Arten  von Gräueltaten. Als der Krieg zu Ende war, schrieb ich  auf Hebräisch ein Buch über diese Grausamkeiten: „Die andere Seite der Münze“. Es wurde weithin verurteilt.

Der Krieg zeigt die beste und die schlimmste Seite der menschlichen Natur. Ich habe Kriegsverbrechen gesehen, die von Leuten begangen wurden, die nach dem Krieg nette, normale, dem Gesetzverpflichtende Bürger waren.

Was ist also an Elor Azaria  so besonders, abgesehen von der Tatsache, dass er während der Tat fotografiert wurde?

Wir alle sahen ihn im Fernsehen, während er im Militärgerichtshof seines noch weitergehenden Prozesses saß.  Ein kindlich aussehender Soldat, der ganz verloren aussieht. Seine Mutter sitzt direkt hinter ihm, die seinen Kopf in ihren Armen hält und ihn die ganze Zeit streichelt. Sein Vater sitzt daneben und in den Pausen schreit er den Militäranwalt an..

Was ist nun so besonders an diesem Fall? Eine ähnliche Tat geschieht immer wieder, wenn auch nicht fotografiert. Es ist Routine. Besonders in Hebron, wo ein paar hundert fanatische Siedler unter 160 000 Palästinensern leben. Hebron ist eine der ältesten Städte der Welt. Es bestand schon vor den biblischen Zeiten.

Im Zentrum von Hebron gibt es ein Gebäude, in dem nach jüdischem Glauben die Gräber der israelischen Patriarchen sind. Archäologen bestreiten diese Behauptung. Die Araber glauben, dass die Gräber verehrten muslimischen Scheichs gehören. Für sie ist das Gebäude eine Moschee.

Seit Beginn der Besatzung ist dies ein Platz fortdauernden Streits. Die Hauptstraße ist für Juden reserviert und für arabischen Verkehr verboten. Für dorthin geschickte Soldaten, die dort die Siedler beschützen sollen, ist es die Hölle.

Auf dem Clip sieht man Azaria, wie er kurz nach dem Töten jemandem die Hand reicht. Diese Person ist niemand anderes als Baruch Marzel, der König der Tel Rumaida-Siedler. Marzel  ist der Nachfolger des „Rabbi“ Meir Kahane, der vom  Obersten Gericht Israels als Faschist gebrandmarkt wurde. (Marzel rief einmal offen dazu auf, mich zu ermorden.)

Während der Gerichtsverhandlung wurde bekannt, dass Marzel an jedem Samstag die ganze Kompanie der israelischen Soldaten und ihre Offiziere zu sich einlädt, die die Siedlung bewachten. Dies bedeutet, dass Azaria vor dem Schießvorfall seinen faschistischen Ideen ausgesetzt war.

WAS MACHT den Fall des „schießenden Soldaten“( wie er in der hebräischen Presse genannt wird) zu einem Wendepunkt im zionistischen Unternehmen?

Wie ich in einem Artikel vor kurzem erwähnt habe, wird Israel jetzt in verschiedene „Sektoren“ geteilt, mit Gräben dazwischen, die immer breiter werden. Juden und Araber;  Orientalen (Misrahim) und Europäer (Ashkenasim);  säkulare und religiöse; orthodoxe und „national-religiöse“; männliche und weibliche;  heterosexuelle und homosexuelle; alte und neue Immigranten, besonders aus Russland; Tel Aviver und die „Periphery; Linke  und Rechte; die Einwohner aus dem eigentlichen Israel und die Siedler in den besetzten Gebieten.

Die eine Institution, die alle diese verschiedenen – und einander antagonistischen – Elemente vereint ist die Armee. Diese ist weit mehr als nur eine kämpfende Kraft.  Sie ist das, was alle israelischen Jugendlichen (außer den Orthodoxen und den Arabern) auf gleicher Ebene eint. Es ist der „Schmelztiegel“. Sie ist das Heiligste vom Heiligen. ??

Nicht mehr.

Dies ist es, wo  der Unteroffizier Azaria  dazukommt. Er tötete nicht nur  einen verwundeten Palästinenser, der übrigens Abd al-Fatah al-Sharif hieß.  Er verletzte die Armee.

SEIT EINIGEN Jahren bemühen sich jetzt im Geheimen die „National-Religiösen“ darum, die Armee von unten her zu erobern.

Dieser Sektor war einmal eine kleine und verachtete Gruppe, da die religiösen Juden im Großen und Ganzen den Zionismus  ablehnten. Nach ihrem Glauben hat Gott die Juden wegen ihrer Sünden ins Exil getrieben, und nur Gott hat das Recht, sie wieder zurückzubringen. Indem sie Gottes Aufgabe für sich in Anspruch nahmen, begingen die Zionisten eine schwere Sünde.

Die Menge der religiösen Juden lebte im östlichen Europa und wurde im Holocaust fast ganz vernichtet. Eine Anzahl von ihnen kam nach Palästina und sie sind jetzt eine abgesonderte, sich selbst genügende Gemeinschaft in Israel, die riesige Summen Geld vom zionistischen Staat nimmt und die zionistische Flagge nicht grüßt

Die Gruppe der „National-Religiösen“ andrerseits wuchs in Israel von einer kleinen ängstlichen Gemeinschaft zu einer großen und mächtigen Kraft. Ihre unglaubliche Geburtsrate – 7-8 Kinder ist die Norm – gibt ihnen einen großen Vorteil. Als die israelische Armee Ost-Jerusalem und die Westbank eroberte, voll heiliger Stätten, wurden sie selbstsicher und setzten sich durch.

Ihr gegenwärtiger Führer Naftali Bennett, ein erfolgreicher high-tech Unternehmer, ist jetzt ein herrschendes Mitglied der Regierung, in ständigem Wettbewerb und Konflikt mit Benjamin Netanjahu. Die Partei hat ihr eigenes Bildungssystem.

Seit Jahrzehnten hat sich diese Partei darum bemüht, die Armee von unten zu erobern. Sie hat Vorbereitungs- Schulen, die die Jugendlichen vor der Armee auf diese vorbereiten, und die hoch motivierte zukünftige Offiziere ausbilden und langsam in die niederen Offiziere-Corps infiltrieren. Kippa-tragende Hauptleute und  Majore, früher eine Seltenheit, sind jetzt sehr verbreitet.

ALL DIES explodiert jetzt. Die Azaria-Affäre sprengt die Armee aus einander. Das hohe Kommando, das  hauptsächlich aus Oldtimern, Ashkenazim und  vergleichsweise moderaten Israelis besteht, brachte Azaria  vor Gericht.  Einen verwundeten Feind zu töten, ist gegen die Armee-Order. Soldaten ist es nur erlaubt, zu schießen und zu töten, falls sie unmittelbar in Gefahr sind,

Ein großer Teil der Bevölkerung, besonders die vom religiösen und rechten Sektor protestierten laut gegen die Gerichtsverhandlung. Da die Familie Azaria orientalisch ist, schließen die Demonstranten einen Großteil des orientalischen Sektors ein.

Netanjahus politische Nase schien unmittelbar die Entwicklung zu riechen. Er entschied, die Azaria-Familie zu besuchen und wurde nur im letzten Augenblick von seinen Beratern zurückgehalten. Stattdessen telefonierte er mit Elors Vater und  teilte ihm seine persönlichen Sympathien mit. Avigdor Lieberman besuchte vor seiner Ernennung zum Verteidigungsminister persönlich den Gerichtshof, um seine Unterstützung für den Soldaten zu demonstrieren.

Es war eine öffentliche Backpfeife ins Gesicht des Armeekommandos.

Nun ist die Armee, das letzte Bollwerk der nationalen Einheit, auseinander gerissen. Das oberste Kommando wird offen als Linke angegriffen, ein Terminus, der sich nicht weit von verräterisch entfernt. Der Mythos der militärischen Unfehlbarkeit ist erschüttert, die Behörde des Oberkommando  zutiefst beschädigt, die Kritik des  Stabschef ist ungezügelt.

In dem Wettstreit zwischen dem Unteroffizier Elor Azaria und dem Stabschef Generalleutnant Gadi Eizenkot mag der Unteroffizier wohl gewinnen. Falls er überhaupt wegen  eklatantem Bruch der Befehle, wird er mit einer leichten Strafe davon kommen.

Der Mörder eines wehrlosen menschlichen Wesens ist zu einem nationalen Helden geworden.  Dies war der Schuss, der im ganzen Land gehört wurde.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Willkommen! Bienvenue!

Erstellt von DL-Redaktion am 26. Februar 2017

Autor  :  Uri Avnery

FÜR MICH ist Frankreich das Land der Freiheit.

Als ich gerade 10 Jahre alt war, floh ich mit meiner Familie von Nazi-Deutschland nach Frankreich, auf unserem Weg nach Palästina. Wir befürchteten, an der Grenze verhaftet zu werden. Als unser Zug den Rhein überquerte, wir Deutschland hinter uns ließen und in Frankreich einreisten, atmete ich tief durch. Aus der Tyrannei in die Freiheit, von der Hölle ins Paradies.

Ich vergaß dieses Gefühl nie. Immer, wenn ich Frankreich besuchte, überkam es mich.

Ich erinnerte mich diese Woche wieder daran, als ich einen viel zitierten TV “Untersuchungsbericht” über “Antisemitismus in Frankreich” sah. Es war ein Haufen Propaganda-Nonsens.

„ANTI-SEMITISMUS IN Frankreich“ ist nun der letzte Schrei in Israel. Eine riesiger Propagandaaufwand wird in diese Kampagne investiert. Das Ziel ist, die französischen Juden dazu bewegen, nach Israel zu kommen, um „Alija zu machen“ (eine entsetzliche Entstellung des Hebräischen).

Juden in Frankreich sind laut „Untersuchungsberichten“ mit einer furchtbaren Gefahr konfrontiert. Sie können einen zweiten Holocaust jeden Moment erwarten. Sie werden auf den Straßen angegriffen. Sie haben Angst, die Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen. Zum Wohl ihrer Kinder müssen sie nach Israel kommen. Und zwar schnellstens, – jetzt!

Als ich mir den TV-Bericht näher ansah, bemerkte ich eine Besonderheit: fast alle männlichen Juden, die interviewt wurden, trugen eine Kippa. Seltsam, ich habe kaum jemals einen französischen Juden getroffen, der eine Kippa trug.

Dann bemerkte ich eine weitere Besonderheit: es erschien mir, als ob alle Juden, die interviewt wurden, wie Nordafrikaner aussahen, besonders algerisch.

Auch wurden alle erwähnten gewaltsamen Zwischenfälle von Muslimen verursacht. Sie fanden nicht auf der Avenue des Champs Elysées statt, sondern in den Vororten, wo arme nordafrikanische Muslime mit nordafrikanischen Juden auf engstem Raum zusammenleben.

Warum ereignen sich diese Zwischenfälle? Warum dort? Und was haben sie mit französischem Anti-Semitismus zu tun?

WENN ich “französischer Anti-Semitismus” höre, sehe ich in meiner Vorstellung die lange Tradition der Aversion des christlichen Frankreichs gegenüber Juden. Sogar nach der Französischen Revolution, die auch die Juden befreite, gab es eine Menge Anti-Semitismus in Frankreich. Man muss sich nur an die Dreyfus-Affäre am Ende des 19. Jahrhunderts erinnern, als ein französischer jüdischer Offizier der Armee fälschlicherweise als deutscher Spion angeklagt war und auf die Teufelsinsel, Französisch Guyana, verbannt wurde. Massen von Franzosen marschierten über die Champs Elysées und schrien: „Tod den Juden!“ Einer der Zuschauer war ein jüdischer Journalist aus Wien, Theodor Herzl genannt, der den Schluss daraus zog, dass alle Juden Europa verlassen und ihren eigenen Staat errichten mussten. Der Zionismus wurde geboren.

Diese Art von christlichem Anti-Semitismus, der (glaube ich) von der Geschichte über den Tod von Jesus im neuen Testament ausgeht, existierte schon immer in Frankreich, genauso wie in den meisten anderen europäischen Ländern. Seit dem Holocaust, ist es ein Rand-Phänomen geworden. Ich glaube, dass das in Frankreich auch so ist.

DiE MUSLIMISCH-JÜDISCHE Feindschaft, die sich nun in den Vororten von Paris abspielt, ist etwas gänzlich Anderes und hat nichts zu tun mit Antisemiten. Zufällig sind beide Seiten Semiten.

Es begann vor langer Zeit in Algerien. Die Franzosen eroberten das Land und siedelten dort in großer Anzahl. Dann taten sie etwas ziemlich Kleveres: Sie übertrugen die französische Staatsangehörigkeit auf die Juden vor Ort, aber nicht auf die Muslime, die die breite Mehrheit bildeten. Wie die alten Römer zu sagen pflegten: “ Teile und herrsche.”

Als der algerische Unabhängigkeitskrieg ausbrach (in 1954), standen die Juden, die stolze französische Bürger waren, auf der Seite des Unterdrückers gegen die Unterdrückten.

Mehr noch. Als die französische Armee signalisierte, dass sie abziehen wollte, stellten die Siedler eine Untergrund-Militärorganisation auf, die OAS, um die Muslime zu terrorisieren. Die Juden vor Ort waren involviert. Nach und nach begannen die französischen Siedler, nach Frankreich zurückzukehren und die Juden blieben. Die OAS wurde dann fast eine jüdische Organisation.

Ich war irgendwie involviert. Die algerische Nationale Befreiungsfront, die FLN, die spürte, dass sie kurz vor dem Sieg standen, war sehr besorgt, dass die Juden Algerien verlassen würden. Da die Juden eine große Rolle in dem algerischen wirtschaftlichen und intellektuellen Leben spielten, fürchteten die FLN-Führer, dass eine derartige Abwanderung einen großen Verlust für den entstehenden Staat bedeuten würde.

Sie kamen auf mich zu mit der Bitte, in Israel eine Organisation aufzustellen, um die algerische Unabhängigkeit zu unterstützen. Als ich den “Israelischen Rat für ein freies Algerien” gründete, baten sie uns, Material in Hebräisch zu veröffentlichen, das sie ins Französische übersetzten und unter den Juden verteilten.

Erfolglos. Am Ende setzte Charles de Gaulle einen Termin für den Rückzug der französischen Armee. Über eine Million französische Siedler flohen beinahe über Nacht nach Frankreich und mit ihnen praktisch alle Juden.

Algerische Juden kamen nicht nach Israel. Sie waren zu gut in die französische Kultur integriert. Marokkanische und tunesische Juden spalteten sich: die gebildeten gingen nach Frankreich, alle anderen kamen hierher.

Was sich heute abspielt, ist die Fortsetzung dieses algerischen Konfliktes auf französischem Boden. Der Hass, der einst in den Straßen von Algier und Oran herrschte, wird in den Straßen von Paris und Marseilles ausgefochten.

Tragisch? In der Tat. Traurig? Gewiss. Anti-Semitismus – keineswegs. Es hat nichts mit dieser alten europäischen Geißel zu tun.

UM EIN richtiges Bild zu bekommen, muss man die Anzahl der muslimischen Gewalttaten gegen Juden in Frankreich mit der Anzahl der Gewalttaten der christlichen Franzosen gegen die Muslime vergleichen.

Ich habe keine derartigen Statistiken gesehen, wahrscheinlich weil Frankreich darauf besteht, dass es keinen Unterschied zwischen Franzosen aller Hautfarben, Glaubensrichtungen und Rassen gibt.

Dennoch würde ich 100 prozentig darauf wetten, dass die Gewalttaten gegen Muslime beiweitem zahlreicher sind als Gewalttaten gegen die Juden.

Französischer Neo-Faschismus, angeführt von der sehr klugen Marine Le Pen, ist gänzlich zentriert auf den Hass gegen die Muslime, wohingegen sie alles Erdenkliche tut, um den Juden zu schmeicheln. Einige Juden sind sogar in der Partei. Sie bewundert uns, sie liebt uns. Sie warf ihren eigenen Vater hinaus, weil er sich nicht zurückhalten konnte, Sätze zu äußern, die einen Rest von Antisemitismus widerspiegelten.

Also, woher kommt die gegenwärtige Furcht vor dem französischen Antisemitismus?

Ah, es gibt mehrere gute Gründe.

Grundsätzlich sind Zionismus und Anti-Semitismus Zwillinge. Es ist der moderne europäische Antisemitismus, der den modernen Zionismus schuf. Wie erwähnt, wurde Herzl zum Zionisten, als er die (französischen) Antisemiten sah. Meine Familie kam nach Palästina wegen des (deutschen) Antisemitismus. So war es mehr oder weniger bei allen israelischen Juden.

Man könnte sagen, dass, wenn der Antisemitismus nicht bereits existiert hätte, die Zionisten ihn hätten erfinden müssen.

Gemäß der zionistischen Ideologie existiert der Staat Israel als eine Zufluchtsstätte für verfolgte Juden. Wo auch immer Juden in der Welt in einer Notlage sind, retten wir sie und bringen sie hierher. (Auch wenn Israel vielleicht der am wenigsten sichere Platz in der Welt für Juden ist.)

Wenn der Anti-Semitismus zu schwach ist, um “den Job zu machen”, müssen wir ihm dabei helfen, wie wir es 1952 im Irak taten, als wir Bomben in Synagogen legten, um die Juden anzuspornen, das Land zu verlassen und nach hier zu kommen.

Es scheint so, dass gerade jetzt ein Mangel an Anti-Semitimus vorherrscht. Russische Juden kommen nicht mehr, auch keine amerikanischen. Also muss Frankreich die Lücke schließen.

Es gibt auch eine noch zynischere Erklärung. Israel hat ein aufwendiges Instrumentarium errichtet, um Juden hierher zu bringen. Es gibt Einwanderungs-Beamte in israelischen Botschaften. Es gibt die “Jewish Agency” (Jüdische Agentur) eine weltweite Organisation, die sich hauptsächlich der Aufgabe verschrieben hat, Juden nach Israel zu bringen. Was würde mit diesem ganzen Heer von Gesandten, Organisatoren, Bürokraten, politischen Beauftragten und dergleichen geschehen, wenn keine Juden mehr nach hier kommen wollen und den Boden bei ihrer Ankunft küssen?

Glücklicherweise gibt es diese „Welle von Anti-Semitismus“ in Frankreich und ist jeder voll und ganz beschäftigt. Politiker schwingen Reden, Journalisten produzieren emotionale “Untersuchungs-” Serien, die zionistische Seele ist aufgewacht, der Zionismus ist voll im Gange. Flugzeuge voller Kippa tragender Juden kommen an. Hallelujah!

WAS GESCHIEHT mit all diesen Einwanderern, die die “Alija machen”, sobald sie nach hier kommen?

Das ist eine gute Frage. Einige Bürokraten sind beauftragt, sich um sie zu kümmern. Wir haben ein ganzes Ministerium, das sich der “Immigranten Absorption“ gewidmet hat. (Man kann behaupten, dass es der letzte wünschenswerte Job für Politiker ist, eine Art Zwischenparkplatz, bis sich etwas Besseres findet).

Wenn die neuen Einwanderer einmal hier sind, scheinen viele begeisterte Zionisten das Interesse an ihnen zu verlieren. Praktisch alle Einwanderer aus islamischen Ländern seit der Geburt des Staates, sie und ihre Nachkommen, beschweren sich nun, benachteiligt zu werden.

Das Problem ist nun das Zentrum einer lebhaften Debatte. Ein Komitee, das von einem blinden orientalischen Poeten geleitet wird, hat gerade einen ausführlichen Bericht erstellt und verlangt, dass sämtliche Geschichtsbücher neu geschrieben werden, um Platz zu schaffen für orientale jüdische Politiker, Rabbis, Künstler und Schriftsteller, auf der Basis der Gleichheit mit Juden europäischer Abstammung.

Halboffizielle Schätzungen sind, dass ca. 30% der neuen “französischen” Einwanderer wahrscheinlich nach Frankreich zurückkehren werden. Das scheint als normal akzeptiert zu werden.

Aber wenn 70% bei uns bleiben, ist das ein Reingewinn. Bienvenue, mes amis!

aus dem Englischen übersetzt von Inga Gelsdorf)

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Das zweite Kommen

Erstellt von DL-Redaktion am 19. Februar 2017

Autor : Uri Avnery

PLÖTZLICH erschien ein bekanntes, fast schon vergessenes Gesicht, auf dem Fernseh-Bildschirm. Nun gut, nicht ganz bekannt, weil es jetzt einen prominenten schwarzen Bart trägt. (Wenn ich es wäre, würde ich ihn schnellstens entfernen.)

Ja, da war er, der ehemalige Stabschef und Premierminister, Ehud Barak.

Barak in einem neuen Format. Aggressiv, unverblümt. Er verurteilte Binyamin Netanyahu klar und deutlich und wiederholte meine Warnung, Wort für Wort, dass Netanyahu seinen Verstand verloren hat. Er sagte, dass Netanyahu “aus den Fugen geraten ist” und dass es nun “Anzeichen von Faschismus” in Israel gäbe.

Das gesamte Land wachte auf und hörte zu. Barack wieder zurück? Letzendlich ein Mann, der möglicherweise Netanyahu besiegen konnte?

Barak verneinte, dass er ein potentieller Premierminister-Kandidat sei. Keiner glaubte ihm. Jeder Kommentator, der etwas auf sich hielt, begann, Pläne für eine neue Partei zu veröffentlichen. Weshalb nicht Barak gemeinsam mit Moshe Ya’alon, dem ehemaligen Stabschef und Verteidigungsminister, der gerade von Netanyahu hinausgeworfen wurde? Weshalb nicht mit Gabi Ashkenazi, einem anderen ehemaligen Stabschef, der den zusätzlichen Vorteil hat, Orientale zu sein? Jede Menge Namen schwirrten durch die Luft.

Es herrschte eine neue Atmosphäre. Ein weitverbreitetes Gefühl, dass “Bibi gehen muss”. Ein neues Gefühl, dass es eine Chance gibt, ihn und auch Sarah’le, seine unpopuläre Ehefrau, loszuwerden.

ICH HABE damit ein kleines Problem. Man kann es mit dem Begriff “Camp David” zusammenfassen.

Für mich war Camp David ein historischer Wendepunkt. Bis zur Camp David-Konferenz im Juli 2000 herrschte Optimismus im Hinblick auf Frieden. Seit der Konferenz ist der Frieden aus der Szene verschwunden.

Für mich war der Mann, der fast die alleinige Verantwortung dafür trug, Ehud Barak.

Lassen Sie mich die Ereignisse rekonstruieren, wie ich sie damals sah.

President Bill Clinton wollte unbedingt einen großen Triumph erzielen, bevor seine Amtszeit zu Ende ging. Seit Präsident Jimmy Carter vor ihm einen großen Erfolg in Camp David mit dem israelisch-ägyptischen Friedensvertrag errungen hatte, wollte er einen noch größeren Triumph mit einem israelisch-palästinensischen Frieden erringen.

Der palästinensische Partner, Yasser Arafat, lehnte einen Besuch ab. Mit Recht wies er darauf hin, dass keinerlei Vorbereitungsarbeit von Expertenkomitees geleistet wurde. Er befürchtete, zur Nuss im amerikanisch-israelischen Nussknacker zu werden.

Clinton gelang es letztendlich, ihn nach Camp David zu locken, nachdem er ihm versprochen hatte, dass er, Clinton, im Falle des Scheiterns keine Seite dafür verantwortlich machen werde. Er brach später dieses Versprechen ohne Bedenken.

Also fuhr Arafat äußerst misstrauisch zu der Konferenz , bereit, sich vor Fallen zu hüten und erwartete keinen Durchbruch. Er war sicher, dass Clinton und Barak sich gegen ihn verbündeten.

DIE KONFERENZ zog sich 14 Tage hin, was nicht geplant war. In der gesamten Zeit trafen sich Barak und Arafat nicht ein einziges Mal privat. Barak besuchte Arafat nicht, noch lud er ihn in sein Privatquartier ein, das 100 Meter entfernt war.

Meiner Meinung nach war das sehr wichtig. Arafat war ein kontaktfreudiger Mensch. Er liebte persönlichen Kontakt, Gäste zu bewirten, die er manchmal mit seinen Fingern fütterte. In typisch arabischer Art glaubte er an die Mensch-zu-Mensch-Beziehung.

Barak ist das genaue Gegenteil, kalt, reserviert, bevorzugt unpersönliche Logik anstelle von persönlichem Kontakt. Jede Art von Intimität ist ihm zuwider.

Ich frage mich manchmal, was geschehen wäre, wenn Ariel Sharon an Baraks Stelle dort gewesen wäre. Sharon war wie Arafat, kontaktfreudig, genoss den persönlichen Kontakt, liebte es, Gäste zu bewirten und hätte vielleicht so eine andere Atmosphäre geschaffen.

ABER selbstverständlich waren die politischen Differenzen von größerer Bedeutung als die persönlichen.

Da keine Vorbereitungen getroffen worden waren, kamen beide Seiten mit ihren festgelegten Vorschlägen.

Barak hatte absolut keine vorherige Erfahrung in arabischen Angelegenheiten. Er kam nach Camp David mit einer Reihe von Vorschlägen, die in der Tat weitreichender als alles war, das Israel bis dahin vorgeschlagen hatte. Er war bereit, einen palästinensischen Staat zu akzeptieren, wenn auch unter vielen Bedingungen und Einschränkungen. Vielleicht erwartete er, dass die Palästinenser aufspringen und ihn umarmen würden, wenn sie seine Konzessionen hörten.

Unglücklicherweise verfehlte Baraks Maximum Arafats Minimum. Der palästinensische Führer dachte an seinen Empfang zu Hause, wenn er die palästinensischen Grundforderungen aufgab. Am Ende gab es kein Abkommen.

Clinton war wütend und trotz seines feierlichen Versprechens gab er Arafat die gesamte Schuld. Er dachte höchstwahrscheinlich an seine Ehefrau, Hillary, die damals versuchte, zur Senatorin von “Jew-York” (“Juden-York”) gewählt zu werden.

Aber Barak war derjenige, der sein persönliches Versagen in eine historische Katastrophe verwandelte.

WAS HÄTTE ein echter Staatsmann in einer solchen Situation getan?

Ich kann mir vorstellen, er hätte folgende Rede gehalten:

„Liebe Mitbürger,

Ich bedauere, Ihnen zu sagen, dass die Camp David-Konferenz vertagt wurde, ohne die erhofften Ergebnisse zu erzielen.

Selbstverständlich wäre es töricht, zu erwarten, dass ein Konflikt, der bereits mehr als hundert Jahre andauert, innerhalb 14 Tagen gelöst werden könnte. Das wäre ein Wunder gewesen.

Beide Seiten waren in einem ernsten, auf beiderseitiger Achtung basierenden Dialog. Wir haben viel über die gegenseitigen Ansichten und Probleme erfahren.

Jetzt haben wir eine Reihe von gemeinsamen Komitees ernannt, um die verschiedenen Aspekte des Konfliktes, wie Grenzen, Jerusalem, Sicherheit, Flüchtlinge, usw. ausführlich zu studieren. Zu gegebener Zeit werden wir eine zweite und wenn nötig dritte Konferenz anberaumen, um ein endgültiges Friedensabkommen zu erzielen.

Beide Seiten haben zugestimmt, dass wir in der Zwischenzeit unser Bestes tun, um Krieg- und Gewalt-Aktionen zu verhindern.

Wir danken unserem Gastgeber, Präsident Clinton, für seine Gastfreundschaft und sein Entgegenkommen.“

Stattdessen tat Ehud Barak etwas, dass den Lauf der Geschichte veränderte.

Bei seiner Rückkehr denunzierte er Arafat und die Palästinenser generell als unerbittliche Feinde.

Er schob nicht nur die gesamte Schuld für das Scheitern der Konferenz den Palästinensern zu, sondern erklärte, wir hätten “keinen Partner für Frieden”.

Das waren schicksalshafte Worte. Seit der Zeit wurde: “Wir haben keinen Partner für Frieden”, zu einem Grundsatz bei den Israelis, eine Rechtfertigung für alle Taten und Missetaten. Er erlaubte Netanyahu und seinen Anhängern an die Macht zu kommen. Es war das Totenlied für die israelische Friedensbewegung, die sich seitdem nicht erholt hat.

ALSO, WAS ist mit einer zukünftigen Kandidatur von Ehud Barak als Premierminister?

Kann er eine neue Partei gründen, die eine große Koalition gegen Netanyahu zusammenstellt?

Mir wurde gesagt, dass er Zweifel hat. “Sie hassen mich alle”, soll er gesagt haben.

Bis zu einem Punkt entspricht das ziemlich der Wahrheit. Barak wird gesehen als ein Mensch ohne Prinzipien. Die Menschen werden sich an seine letzte politische Eskapade erinnern, als er die Arbeiterpartei spaltete, um als Verteidigungsminister in Netanyahus Kabinett einzutreten.

Seitdem er sich von der Politik verabschiedet hat, soll er angeblich großen Reichtum angehäuft haben, indem er seine Erfahrung und Verbindungen in den Dienst ausländischer Regierungen und Kapitalisten stellte.

Weit entfernt davon, dieses Vermögen zu verbergen, protzt er damit, indem er mehrere Apartments in einem der luxuriösesten Hochhäusern Tel Avivs bezieht. All das scheint darauf hinzuweisen, dass er sich von der Politik für immer verabschiedet hat.

Aber nun erscheint sein bärtiges Antlitz auf dem kleinen Bildschirm. Es scheint zu verkünden: “Hallo, Kameraden, ich bin zurück!”

IST ER das? Kann er der Mittelpunkt eines neuen Bündnisses werden, eines Bündnisses, um “Bibi hinauszuwerfen”?

Es ist nicht unmöglich. Ich glaube, dass nur noch wenige Menschen Barak hassen. Verglichen mit Netanyahu, erscheint er in einem viel positiveren Licht.

Menschen ändern sich, sogar Politiker. Vielleicht hatte er Zeit, über seine Erfahrungen, darunter auch Camp David, nachzudenken und hat aus seinen Fehlern gelernt. Vielleicht ist er neuen Menschen vorzuziehen, die noch keine Fehler begangen haben und somit nichts, um daraus zu lernen.

Barak ist eine hochintelligente Person. Er besitzt bessere historische (selbst angeeignete) Kenntnisse, als es in Israels Führungskreisen üblich ist. Er hat ein soziales Gewissen. Kurzum, er ist kein Netanyahu.

Kein Netanyahu zu sein erfüllt mehr als die Hälfte der Voraussetzungen für einen neuen Premierminister. Und, wenn Barak der einzige glaubwürdige Kandidat ist, ist er erklärtermaßen der beste.

Die Deutschen sagen: “Wenn der Teufel hungrig ist, frisst er Fliegen.” Sogar Menschen, die Barak tief verachten, würden ihn als Erlöser von Netanyahu begrüßen.

In Hebräisch bedeutet Barak: “Blitz” (nicht in Arabisch, wo Barak von dem Wort “Segen” stammt). Der Blitz ist das Aufleuchten im Bruchteil einer Sekunde, das die Dunkelheit erhellt. Sehen wir in diesem aufblitzenden Licht einen neuen Ehud Barak?

Kurzum: Ist für Barak ein zweites Kommen möglich? Meine Antwort ist: “Ja.”

Aus dem Englischen übersetzt von Inga Gelsdorf

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Nur ein Trick

Erstellt von DL-Redaktion am 12. Februar 2017

Autor : Uri Avnery

EINMAL HÖRTE ich die folgende Geschichte vom schwedischen Botschafter in Paris:

„1977, als die UN den Plan zur Teilung Palästinas diskutierte, war ich ein Mitglied des Unterkomitees , das sich mit Jerusalem befasste. Eines Tages sandten die Juden einen neuen Vertreter. Sein Name war Abba Eban. Er sprach ein wunderbares Englisch, viel besser als der britische oder US-Miglied des Komitees. Er sprach über eine halbe Stunde und am Ende war keine Person mehr im Saal, die ihn nicht abgrundtief hasste.“

Ich erinnerte mich an diese Episode, als ich im Fernsehen die Pressekonferenz von Dore Gold, dem General-Direktor unsres Außenministeriums sah. Ihr Thema war die vor kurzem statt gefundene Pariser Friedenkonferenz, die streng von unserer Regierung denunziert wurde.

Von dem Augenblick an, als ich Gold zum ersten Mal sah, war er mir unsympathisch. Er war damals unser neuer Gesandter bei der UN. Ich sagte mir, dass meine Haltung eine unwürdige Zurückweisung für ausländische Juden (Exil Juden“ im israelischen Slang) ist. Gold sprich hebräisch mit einem sehr starken amerikanischen Accent, Er ist kein Appolo

Ich würde als unsern Vertreter einen aufrechten, israelisch aussehenden Pioniertyp bevorzugen, der englisch mit einem ausgesprochenen hebräischen Accent bevorzugen ( Ich weiß, dies klingt rassistisch und schäme mich selbst durch und durch.

GOLDS KONFERENZ war dabei, sich über die französische Friedensinitiative, die der israelisch –palästinensische Frieden

Er war dabei, sich über die französische Friedens initiative. Die den israelisch-palästinensischen Friedens-Konflikt beinhaltet

Ich habe einen heimlichen Verdacht, dass er lauert noch immer umherlauert – dass diese keine wirklichen keine wirkliche Initiative ist, sondern eine verdeckte amerikanische.

Sie mach die israelische Regierung wütend, und kein amerikanischer Präsident kann dies tun, falls er das wünscht – er oder seine Partei – wieder gewählt zu werden – dass dies keine wirkliche französische, ., sondern eine verdeckte amerikanische.

Sie machte die israelische Regierung wütend und kein amerikanischer Präsident kaa dies tun, falls er das Wünscht

Da ist eine schreckliche Angst,

die unsere Regierung heimsucht. Barack Obama hasst Netanjahu – aus guten Gründen. Er kann nichts offen gegen ihn tun – nichts bis Mitternacht nach dem Wahltag. Ob Hillary Clinton oder ( um Himmels Willen) Donald Trump gewählt wird – Obama bleibt noch fast drei Monate im Amt- und in dieser Periode ist er so frei wie ein Vogel ( wie die Deutschen sagen würden) – er kann tun , was ihm gefällt. Was auch immer der Tag und Nacht acht lange Tage wünschte. Und was er über Benjamin Netanjahu träumte.

Ach , die süße Rache. Aber nur bis November. Bis dahin hat er nach Netanjahus‘ Pfeife zu tanzen, wenn er nicht die demokratischen Nominierte zu verletzen wünscht.

Was kann er also Juni tun? Er kann die Aufgabe vertreilen Zum Beispiel, die Franzosen bitten, eine Friedenskonferenz einzuberufen, um einen Weg zur Anerkennung des Staates Palästina vorzubereiten.

Die Franzosen zu bitten darum, ein hochrangige Konferenz in Paris einzuberufen , wäre so, als ob man eine Katze fragt, ob sie Milch wünscht. Man muss nicht auf eine Antwort warten. Das war die Zeit, als fast die Hälfte der Welt in den Atlanten blau aussahen und fast die Hälfte der Welt in den Atlanten im britischen Rot

Frankreich, trauert wie Großbritannien über seine imperiale Vergangenheit, als Paris das Zentrum der Welt war und gebildete Deutsche und Russen, geschweige denn die Ägypter und Vietnamesen französisch sprachen. Die Pässe vieler Nationen waren in dieser Sprache gedruckt.

Das war die Zeit, als fast die Hälfte der Welt in den Atlanten in französischem Blau erschien und während die andere Hälfte in britischem rot erschien. Die Zeit, als der französische Diplomat Georges Picot und sein britischer Kollege Mark Sykes sich den Ottomanische Nahen Osten genau vor hundert Jahren in dieser Woche teilten.

Der Außenminister (geschweige denn die Könige und Präsidenten) der Welt würden sich gern einem der wunderschönen Palästen von Pari s zu versammeln einen französischen Traum geträumt. Die Briten sind etwa in derselben Situation würden dasselbe tun, sind aber sehr mit infantilem Drang beschäftigt, um die Europäische Union zu verlassen.

Wie auch immer, haben wir jetzt diese französische Initiative, eine glänzende Versammlung von Außenministern oder ihren Vertreter, verlangen die die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen in einem begrenzten Zeitrahmen, mit dem erklärten Ziel , den palästinensischen Staat anzuerkennen.

NETANJAHU liebt Frankreich. Er liebt sich dort mit seiner Frau an der französischen Riviera zu amüsieren, in den teuersten Pariser Restaurants zu speisen und in luxuriösen Pariser Wohnungen zu leben – so lang wie es andere bezahlen. Dies ist letzte Woche bei einem Prozess eines verdächtigen französischen Juden herausgekommen, der wegen betrügerische Höhen von Hundert Millionen Euros angeklagt wurde und der mehrere von Netanjahus Trips bezahl hat, Netanjahu denkt nicht daran , selbst sein Vergnügen zu bezahlen und besaß wie die Königin keine Kreditkarte.

Aber sich an französischem Luxus zu erfreuen, ist eine Sache, sich französischer Diplomatie zu amüsieren, ist eine andere Sache. In diesem Augenblick, als er seine Zeit nicht mit Rechtsanwälten zu tun hat, widmet er seine Zeit, die französische Initiative zu vereiteln.

Warum, um Gottes willen? Was ist so schlimm mit der Versammlung der Welt-Staatsmänner und Frauen, um den israelisch-palästinensischen Friedensprozess wieder aufzunehmen? Praktisch alles!

Dieser Friedensprozess ist wie ein schlafender Hund. Ein gefährlicher Hund, wenn er schläft, kann Netanjahu sich alles erlauben – die Besatzung palästinensischen Gebiete vertiefen, die Siedlungen erweitern (Still, dass der Hund nicht aufwacht) all die hundert täglichen Dinge, die die Besatzung „unumkehrbar“ machen. Und hier kommt der Franzose und versucht den Hund in seine Rippen zu stoßen.

Und nun? Mögen Leute fragen. Da sind vorher Konferenzen gewesen, Friedensprozesse in Hülle und Fülle, internationale Resolutionen. Falls eine andere große Konferenz einberufen wird und die Details eines Friedensabkommens diskutiert werden, wird Israel nicht warten und Netanjahu wird die ganze Sache ignorieren. Wie viele Male ist dies schon vorher geschehen? Es wird kaum ein Gähnen verdienen.

ABER DIESES Mal könnte es anders sein. Nicht an sich, aber wegen der internationalen Atmosphäre.

Langsam, sehr langsam wird Israels internationaler Horizont dunkel. Kleine Dinge geschehen jeden Tag in aller Welt. Eine Resolution hier, ein Boykott dort, eine Eeklärung, eine Demonstration. Das Israel, das universell bewundert wurde, ist schon lange verschwunden.

´ Sie verletzt nicht wirklich die israelische Wirtschaft. Aber es schafft eine Stimmung, zuerst in den Hochschulanlagen und dann rund herum. Jüdische Institutionen schicken SOS-Botschaften

Inzwischen sind die selbst jüdischen Institutionen infiziert. Die täglichen Nachrichten aus Israel über die Geschehnisse in den besetzten Gebieten und sogar in Israel selbst verletzen die Juden und besonders die jungen. Viele von ihnen kehren Israel den Rücken , einige engagieren sich aktiv gegen dies.

Dies ist ein starkes Land. Es hat sehr großes Militär, die modernsten Waffen, eine gesunde Wirtschaft (besonders high-tech) , häufig diplomatische Erfolge.

Dies ist kein zweites Südafrika, wie die BDS-Leute es gerne sehen würden. Da gibt es große Unterschiede. Das Apartheid-Regime wurde von Nazi-Sympathisanten geführt, während Israel noch immer auf der weltweiten Welle der Holocaust-Ära –Buße und Reue reitet. Südafrika hing von seinen rebellischen schwarzen Arbeitskräften ab, Israel importiert ausländische Arbeiter aus vielen Ländern.

Israel hängt nicht wirklich von amerikanischen finanzieller Hilfe ab Diese Hilfe ist ein Luxus, nicht mehr. Diese Hilfe ist ein Luxus Es benötigt das US-Veto gegen feindselige Vorschläge der UN, aber es kann und tut es – die UN ignorieren.

Doch alles in allem: Israels schlechter werdendes internationale Ansehen wird schlechter. selbst Netanjahu macht sich Sorgen. Langsam, aber sicher akzeptiert die Welt den Staat Palästina als Tatsache des Lebens, als eine Bedingung für Frieden.

Netanjahu schaut sich nach einem neuen Trick um. Was sieht er dort? Ägypten.

ISRAEL’S BEZIEHUNHEN mit Ägypten gehen ein paar Tausend Jahre zurück. Ägypten war schon eine Regionalmacht, als das israelitische Volk entstand. Aber nach dem „Exodus aus Ägypten ( 2. Moses 21-24) (Was wirklich nie geschah, gab es viele „up und downs“ in den Beziehungen zwischen dem Mächtigen Ägypten und dem kleinen Israel.

Als die Assyrer eine Belagerung um Jerusalem machten und die Judäer auf Hilfe der Ägypter warten mokierten sich die die Assyrer. „Ihr vertrautet dem Staab dieses roten Schilfgrases ZB. wenn ein Mann sich anlehnt, wird es in seine Hand schneiden . (2 Regnun, 18

Nun ist der augenblickliche Pharao, Abed al Fataach al Sissi. Netanjahus große Hoffnung. Egypt, bankrott wie immer, hängt von den Saudis ab. Die Saudis hängen (heimlich von den Israelis und in ihren Kampgegen Daesch, dem islamischen Kaliphat. So ist al-Sisi auch ein verbündeter non Israel

Beim aufbessern seiner Statur, al-Sisi l. posierte auch er als Friedeinitiative, lobte Gott. Er rief nach einer Regionalen Friedensinitiative. In seiner Schmährede gegen die Franzosen. Dore Gold , der Franzose klagte die Sabotage an und hinderte dadurch den Frieden.

Netanjahu schaut sich nach einem neuen Trick um. Was sieht er dort ? Ägypten akzeptierte die ägyptische Initiative, fügte hinzu , dass sie nur ein paar Veränderungen nötig hätte.

Tatsächlich tat er es . Al-Sissis Plan gründet sich auf die 2002 Saudi Friedensplan-Initiativen, die von der Arabischen Liga adoptiert wurde. Der fordert, dass die von Israel besetzten Gebiete (einschließend den Golan und Ostjerusalem) geräumt werden den Staat Palästina, das Recht auf die akzeptierten palästinensischen Flüchtlinge. Netanjahu will, dass Tausende sterben, bevor er dies annimmt.

Indem man den ägyptischen Plan als Vorwand nimmt um den französischen Plan anzunehmen, zu sabotieren, ist dies auf eine zynische Vermutung.

Netanjahu nimmt den ägyptischen Plan als Vorwand.

„Regional“ ist übrigens das neue Schlagwort. Es kam vor einiger Zeit auf und hatte sogar einige wohl- meinende Bedeutungen für Israelis. Empfang „Regionaler Frieden“, wie wunderschön klingt.

.Stattdessen lasst uns über Frieden mit dem gehassten Palästinenser reden, über Frieden mit der Region reden Lasst uns über Frieden mit der Region reden. Aber es ist totaler Unsinn.

Kein arabischer Führer von Marokko bis zum Irak wollen ein Friedensabkommen mit Israel abschließen, das das Ende der Besatzung mit Israel einschließt, doch nicht die Errichtung eines palästinensischen Staates und die Schaffung. Jetzt kann man sehen. Die Massen seines Volkes werden ihn nicht durchlassen. Anwar al Sadat schloss diesen seinen Friedenvertag mit Menachem Begin nicht ein. Obwohl in Worten, so konnte dieser leicht gebrochen werden)

Als meine Freunde und ich, 1949 die Lösung das erste Mal brachten, die selbst unter dem Namen „Zwei Staaten für zwei Völker bekannt wurden“ schloss er selbstverständlich die arabische Welt ein: und der Frieden wird mit der ganzen arabischen Welt geschlossen. Und als selbstverständlich hingenommen wurde auch Frieden mit dem Staat Palästina. Wie zwei siamesische Zwillinge, die eingeschlossen werden.

Wenn wir jetzt von einem „Regional Frieden“ als einer Alternative für Frieden mit den Palästinensern sprechen, so ist das Unsinn „Regionaler Frieden“.meint nicht Frieden

Am andern Tag schrieb Gideon Levy in Haaretz, dass Netanyahu und Avigdor Lieberman „jetzt so reden sollte wie Uri Avnery im Jahre 1969.

Sehr schmeichelhaft. Aber leider ist dies nur ein Trick.

(Dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Tag der Rhinos

Erstellt von DL-Redaktion am 5. Februar 2017

Autor : Uri Avnery

ICH HABE kürzlich das deutsche Wort „Gleichschaltung“ erwähnt – eines der typischsten Wörter des Nazi- Vokabulars.

„Gleich“ bedeutet „ dasselbe“, Schaltung bedeutet „Verbindung zum elektrischen Strom“. Das lange deutsche Wort bedeutet, dass jeder im Staat auf dieselbe Art vernetzt ist – auf Nazi-Art.

Dies war ein wesentlicher Teil der Nazi- Transformation Deutschlands. Aber es geschah nicht auf dramatische Weise. Der Austausch der Leute war langsam, fast unmerklich. Am Ende waren alle bedeutenden Positionen im Land mit Nazi-Funktionären besetzt.

Wir sind jetzt Zeugen, wie so etwas in Israel geschieht. Wir sind schon mitten im Prozess.

Position um Position wird von der extremen Rechten, die jetzt Israel beherrscht, übernommen. Langsam. Sehr, sehr langsam.

ES FING direkt nach der Wahl im letzten Jahr an. Benjamin Netanjahu war in der Lage, eine Koalition der sehr Rechten zu bilden, wenn auch mit einer dünnen Mehrheit. Wie es so oft in den Annalen des Faschismus geschah, benötigte er dafür eine „Zentrum“-Partei. Er fand sie in der Form der Moshe-Kahalon-Fraktion. Kahalon, ein Ex-Likud-Mann war populär, weil er billige Wohnungspreise versprach. Stattdessen gingen die Wohnungpreise in die Höhe.

(Kahalon ist der Lächelnde. Er ist sehr liebenswert. Ein Kolumnist verglich ihn mit der Cheshire-Katze, die Katze, die verschwand und nur ein Lächeln hinterließ. „Nicht eine Katze mit einem Lächeln“ sagte Alice im Wunderland, sondern ein Lächeln mit einer Katze“. Aber er ist die Katze, die die Rechte an der Macht hält, sogar jetzt.

Die neue Regierung schloss eine Mischung von unglaublichen Ernennungen ein. Die empörendste neue Ministerin ist Miri Regev, eine primitive Frau, die wegen ihrer stolzen Vulgarität bekannt ist und die nun Kultusministerin ist. Ich vermute selbst Vulgarität hat ein Recht, vertreten zu sein.

Frau Regev hat jetzt den Auftrag, den Regierungsetat an das Theater, an die Literatur, an das Ballett, die Oper und ähnliches zu verteilen. Sie hat es schon klar gemacht, dass sie besser den Regierungsverpflichtungen nachkommt, wenn sie bezahlt werden wollen.

Ihr nächster Konkurrent ist die neue Justizministerin, Ayelet Shaked (buchstäblich die Mandelgazelle). Ihr proklamiertes Ziel ist die Unterwerfung des Obersten Gerichtes, der Stolz Israels. Obwohl jetzt noch ganz schüchtern, ist das Gericht gegen neue unterdrückende Gesetze. Deshalb wünscht Frau Mandel, dieses mit neuen „konservativen“ Richtern zu besetzen.

Der gefährlichste des Pulks ist der Minister für Bildung und Erziehung – Naftali Bennett, einer der extremsten nationalistischsten-religiösen Politiker. Israel hat drei religiöse Bildungssysteme. Das einzige „säkulare“ System ist schon ständig während der Jahre der letzten Minister reduziert worden . Vertraut man Bennett, der von vielen als religiöser Faschist bezeichnet wird, die Bildung an, bedeutet dies den Bock zum Gärtner zu machen.

Alle diese Minister, auch die anderen derselben Sorte, sind jetzt sehr eifrig dabei, die hohen Beamten mit Personen ihrer Überzeugung zu ersetzen, ein ständiger und äußerst gefährlicher Prozess.

DANN SIND da noch die Torhüter.

Eine der bedeutendsten Personen in Israel trägt den Titel „Legaler Berater der Regierung“. Er ist der höchste legale Beamte, noch über dem Staatsanwalt und unabhängig vom Justizminister. Sein Rat ist rechtlich bindend und nur dem Obersten Gericht unterworfen.

Netanjahu hat mehrere persönliche rechtliche Probleme. Er und seine Familie sind in aller Welt gereist und zwar auf Kosten anderer Leute, während er im Amt war. Dies und andere Affären sind viel Jahre durch die rechtlichen Prozeduren aufgehalten worden – nach der Entscheidung des „Beraters“.

Der letzte legale Berater, ein ehemaliger Richter, der von Netanjahu für dieses Amt ernannt wurde, ist gerade von Netanjahu ersetzt worden durch —welch Überraschung !! – den Regierungssekretär Avihay Mandelblit, ein Kipa-tragender Anwalt, der Netanjahu so nah wie nur möglich steht.

Um die Sache sicher zu machen, wurde der Staats-Rechnungsprüfer, ein anderer sehr mächtiger Beamter in Israel, von der Knesset-Mehrheit nach den Wünschen von Netanjahu gewählt. Yosef Shapiro ist auch ein früherer Richter.

Warum diese zwei Positionen für Netanjahu so wichtig sind, wird gerade jetzt deutlich. Das ganze Land ist fasziniert von mehreren Fällen, in die Angestellte in der offiziellen Residenz des Ministerpräsidenten bezeugten, dass Sarah Netanjahu unerträglich sei: sie schreit und ist eine hysterische Megäre, die ihre privaten Ausgaben aus der offiziellen Staatskasse nimmt.

Um diesen Kreis vollständig zu machen gibt es den neuen Polizei-Kommandeur. Seit Jahren ist die hohe Führung in einen Morast sexueller Anklagen und zusätzlich von Bestechungen geraten. Ein hoher Offizier hat Selbstmord begangen, mehrere andere sind rausgeworfen worden.

Welche Lösung wäre besser, als einen Außenseiter, einen hohen Shin Bet (Geheimdienst) Angestellten? Eine brillante Idee, aber jetzt stellt sich heraus, dass die Polizei in noch größeren Morast versinkt. In mehreren Fällen haben Polizisten brutal und öffentlich Zivilisten geschlagen, Araber und Juden – aus keinem ersichtlichen Grund und erhielten den vollen Rückhalt von Roni Alsheikh, ihrem neuen Oberkommandeur.

DIE ISRAELISCHEN Medien werden vom rechten Flügel als „Linke“, ein Bollwerk der „alten Elite“ beschimpft, die die Rechten zu ersetzen geschworen haben.

Leider ist diese Beschreibung ganz falsch. Von den zwei größeren Zeitungen, ist die eine Israel Hajom („Israel heute“) und gehört Netanyahu. Oder – um es genau zu sagen – Sheldom Adelson, einem amerikanischen Casino-Mogul, der freiwillige und großzügige Patron von Bibi ist. Die Zeitung, dessen einziger Zweck es ist, Netanjahu persönlich zu dienen, wird in riesigen Mengen gratis verteilt.

Das andere Massenblatt, Yediot Aharonot („Späte Nachrichten“) versucht zu konkurrieren , indem sie noch weiter rechts ist.

Die einzige andere bedeutende Tageszeitung, Haaretz („Das Land“), die gegenüber Netanjahu kritisch ist, ist bei weitem kleiner und in ständiger wirtschaftlichen Not.

Israels drei TV-Kanäle sind eine intellektuelle Wüste. Abgesehen von den Nachrichten und einer winzigen Anzahl von Qualitätsprogrammen, haben sie keinen Inhalt, sie sind hauptsächlich den „Realitäts“Programmen gewidmet, die nichts mit der Realität zu tun haben.

Wer ist verantwortlich? Warum, natürlich der Minister für die Medien. Und wer ist das? Noch einmal – Welche Überraschung! – Kein anderer als eine Person, die den Namen Benjamin Netanjahu trägt.

Nach israelischem Gesetz kann der Ministerpräsident selbst so viele Portfolios haben, wie sein Herz verlangt. Dies bedeutet augenblicklich, dass der Gegen-wärtige selbst einige hat, einschließlich des Außenamtes und die Medien.

Seit Monaten haben die Medienleute Schwierigkeiten, nachts Schlaf zu finden. Alle drei TV-Kanäle benötigen Regierungsunterstützung. Einige mutige TV- Persönlichkeiten wagen es, die Regierung offen zu kritisieren, ja sogar scharf, aber ihre Anzahl ist im Schwinden.

Als ich diese Woche im TV war, sagte ich meinem Interviewer, dass er und seine Kollegen in einem Jahr wahrscheinlich arbeitslos sein werden. Er lachte nervös und fragte: „Was, noch ein ganzes Jahr?“

Viele TV-Journalisten sind schon Rhinos (Das ist der Spitzname für Leute, die sich der Regierung unterworfen haben, weil sie eine dicke Haut brauchen) geworden. Der Prozess der Rhinos-Werdung geht ständig weiter.

UND JETZT kommt der Gnadenschuss in der Gestalt des Avigdor Ivett Lieberman.

Lieberman ist eine schreckenerregende Person. In ihrer Gegenwart würde sogar ein Donald Trump zurückschrecken.

Ein Immigrant aus Sowiet-Moldawien, ein früherer Bar-Herauswerfer und später ein naher Helfer von Netanjahu. Er ist jetzt der extrem rechteste Politiker auf der Bühne. Er schlug einmal vor, den Assuan-Damm in Ägypten zu bombardieren (was viele Millionen Tote verursachen würde) Das war eine seiner moderateren Ideen. Er hat die Armee für zu schüchtern gehalten und nannte Netanjahu (vor nicht langer Zeit) einen Betrüger, eine Memme und einen Scharlatan.

Liebermann (ein „netter“ Mann auf Deutsch) ist schlau. Es kann vermutet werden, dass er wenigstens für einige Monate sich äußerst moderat, friedensliebend und liberal verhält. Schon in dieser Woche haben er und Netanjahu erklärt , dass sie eifrige Anhänger der „Zwei-Staaten-Lösung für zwei Volker“ seien. Das ist als ob Mussolini in 1939 erklärt hättee, er sei ein ergebener Pazifist.

Die bedrohende Konfrontation zwischen dem Verteidigungsminister und dem Generalstab könnte ein folgenschweres Ereignis werden: der Zusammenstoß zwischen einer unaufhaltsamen Macht und einem unbeweglichem Objekt.

Die „Israelische Verteidigungsarmee“ (IDF), die auch die Flotte und die Luftwaffe einschließt, ist eine fast autonome Institution. Ihr offizieller Oberkommandeur ist aber die Regierung im Ganzen, die durch den Verteidigungsminister agiert.

Es ist eine gehorsame Armee. Nur selten hat sie sich offen der Regierung widersetzt. Ein solcher Fall war 1967, als der Ministerpräsident Levy Eshkol zögerte, angesichts der wachsenden ägyptischen Militärdrohung auf der Sinai-Halbinsel. Eine Gruppe von Generälen drohten ihm mit kollektiver Resignation, falls er nicht den Befehl zum Angriff geben würde. Er unterlag.

Es ist sogar noch schlimmer. Das Armeekorps der niedrigeren Offiziere und einfachen Soldaten, die im nationalen Bildungssystem erzogen wurden, mögen jetzt näher bei Lieberman stehen, als beim Stabschef.

Dies wurde zum Test beim kürzlichen Fall des Elor Azariya, dem Soldaten, der einen ernstlich verletzen Palästinenser, der auf dem Boden lag, erschoss. Viele Soldaten erklärten, dass Azariya ein Nationalheld sei.

Azariya hat jetzt vor einem Militärgericht wegen Totschlags einen Prozess. Das Obere Armeekommando war unerbittlich angesichts der rechten Opposition. Und siehe da, wer stieß die beträchtliche Masse seines Körpers in den überfüllten Gerichtssaal? Avigdor Lieberman. Er kam um seine Unterstützung für den Angeklagten zu demonstrieren. Sogar Netanjahu beugte sich dem Druck und rief den Vater des Soldaten an, um seine Unterstützung auszudrücken.

(Als wir den Killer im TV vor Gericht sahen, waren wir überrascht, einen Jungen zu sehen, der verwirrt und orientierungslos dreinschaute mit seiner Mutter, die hinter ihm saß und seinen Kopf streichelte. Weh dem Staat, der eine tödliche Waffe in die Hände einer primitiven und unreifen Person gibt. )

Hier sind wir jetzt: die Regierung unterminiert die Armee und das Friedenslager setzt ihr Vertrauen in das Oberkommando.

Manche mögen jetzt zu einem Gott beten, an den sie nicht glauben, um einen Militärputsch zu erbitten.

(dt. Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

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Das Zentrum hält nicht

Erstellt von DL-Redaktion am 4. Februar 2017

Autor : Uri Avnery

„DEN BESTEN fehlt es an Überzeugungen, während die Schlechteste voll leidenschaftlicher Intensität ist.“

Gibt es eine bessere Beschreibung für das, was jetzt in Israel geschieht?

 Doch diese Worte wurden vor fast hundert Jahren von dem irischen Dichter W.B.Yeats geschrieben.

YEATS SCHRIEB kurz nach dem schrecklichen Morden und Zerstören des 1.Weltkriegs. Er glaubte, dass die Welt zu einem Ende kommt und erwartete das 2. Kommen des Christus.

Als Teil des Chaos sah er im selben Gedicht voraus: „dass das Zentrum nicht halten kann“. Ich glaube, er nahm diese Metapher vom Schlachtfeld früherer Jahrhunderte, wenn die gegenüberstehenden Armeen in zwei Reihen aufgestellt und sich gegenüber standen – mit der Hauptkraft in der Mitte und die beiden Flanken sie beschützten.

In einer klassischen Schlacht versuchte jede Seite eine der Flanken des Feindes zu zerstören, um das Zentrum zu umzingeln und anzugreifen. So lang wie das Zentrum hielt, war die Schlacht unentschieden.

In Israel, wie in den meisten modernen Demokratien, ist das Zentrum zusammengesetzt aus zwei oder mehr etablierten Parteien, geringfügig Links und geringfügig rechts. Die Linke ist die klassische Arbeiterpartei – jetzt verbirgt sie sich hinter dem Namen das „zionistische Lager“(welches automatisch die arabische Minderheit ausschließt, etwa 20% der Wählerschaft) . Die Rechte ist der Likud, die gegenwärtige Inkarnation der alten „Revisionisten“-Partei, die vor fast hundert Jahren von Vladimir Jabotinsky, gegründet wurde, einem liberalen Nationalisten im italienischen Risorgimento-Stil.

Dies war das israelische Zentrum, unterstützt von einigen kleinen Parteien.

Diese beherrschte Israel vom Tag seiner Gründung an. Die eine Partei bildete die Regierung, die andere war die loyale Opposition und sie wechselten alle paar Jahre die Rollen, wie es in einer ordentlichen Demokratie sein sollte.

An den Flanken waren die arabischen Parteien (jetzt vereint unter Zwang) und die kleine aber prinzipientreue Meretz auf der Linken und mehrere religiöse und proto-faschistische Parteien auf der Rechten.

Es war ein „normaler“ Aufbau wie in vielen anderen demokratischen Ländern.

Nun nicht mehr.

.AUF DEM Zentrum-Linke hat sich eine Stimmung der Resignation gebildet und ein Defätismus herrscht vor. Die alte Partei ist in die Hände einer Anzahl politischer Zwerge gefallen, deren Streit untereinander alle ihre andern Funktionen verdeckt.

Der gegenwärtige Führer YItzhak Herzog, der Nachkomme einer guten Familie trägt nach dem Gesetz den glorreichen Titel „Führer der Opposition“, aber weiß nicht einmal, was eine Opposition ist. Einige nennen seine Partei “Likud2“ Bei all den vitalen Themen wie Frieden mit dem palästinensischen Volk und der arabischen Welt, soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Demokratie, Trennung von Staat und Religion, Korruption – ist die Partei stumm. Für alle praktischen Zwecke ist sie am Sterben oder schon tot.

„Dem Besten fehlt es an Überzeugungen“ wie Yeats beklagte. Die besten Elemente der israelischen Gesellschaft sind entmutigt, geschlagen und stumm.

Auf dem Zentrum -Rechts sieht es noch schlimmer aus und noch gefährlicher. Der Likud, einmal eine liberale, demokratische Partei des rechten Flügels ist das gefallene Opfer einer feindseligen Übernahme. Sein extremistischer Flügel hat jeden Andersdenkenden herausgeschmissen und nun beherrscht er die Partei vollkommen. In dem Sinne derselben Metapher hat die rechte Flanke, das Zentrum übernommen.

Die Schlimmsten sind voller Intensität. Diese Rechts-Radikalen sind jetzt voller Schwung. Sie erlassen die grauenhaftesten Gesetze in der Knesset. Sie unterstützen und ermutigen die Polizisten und Soldaten zu abscheulichen Handlungen. Sie versuchen das Oberste Gericht und das Armee-Kommando zu unterminieren. Sie sind fest entschlossen noch mehr und größere Siedlungen zu bauen. Diese gefährlichen Rowdies sind tatsächlich „ voller Intensität“.

Der Neuzugang von Avigdor Lieberman zur Regierung vervollständigt dieses Angst einjagende Bild. Sogar der frühere Ministerpräsident Ehud Barak, ein gemäßigter Politiker, verkündigte öffentlich, dass diese Regierung faschistische Elemente einschließt

WARUM IST dies geschehen? Was ist der Grund?

Die gewöhnliche Antwort ist „ das Volk hat sich nach rechts bewegt“. Doch dies erklärt nichts. Warum haben sie sich nach rechts bewegt? Warum?

Einige suchen die Erklärung im demographischen Schisma in der israelisch-jüdischen Gemeinschaft. Juden, deren Familien aus islamischen Ländern kommen (Misrahim genannt) tendieren dahin, dass sie Likud wählen; Juden deren Familien aus Europa kommen (Askenazim) tendieren zur Linken .

Das erklärt nicht Lieberman, dessen Partei aus Immigranten aus der früheren Sowjetunion besteht, anderthalb Millionen, die „Russen“ genannt werden Warum sind die meisten von ihnen extreme Rechte, Rassisten, Araberhasser?

Eine Klasse für sich sind junge Linke, die sich weigern, eine Partei zu unterstützen. Stattdessen, wenden sie sich zu einem Nicht-Parteien–Aktivismus, gründen regelmäßig neue Gruppen für zivile Rechte und Frieden. Sie unterstützen die Palästinenser in den besetzten Gebieten, kämpfen für die „Reinheit unserer Waffen“ in der Armee und tun wunderbare Arbeit aus ähnlichen Gründen.

Es gibt Dutzende, ja vielleicht Hunderte solcher Vereinigungen, viele von ihnen vom Ausland unterstützt, die wunderbare Arbeit leisten. Aber sie hassen die politische Arena und schließen sich keiner Partei an, viel weniger vereinigen sich.

Ich glaube, dass dieses Phänomen den Trand erklärt. Immer mehr Leute, besonders junge Leute wenden sich von der „Politik“ ab, wobei sie Partei-Politik meinen. Es fehlt ihnen nicht an Überzeugungen, sie glauben aber, dass den politischen Parteien alle ehrlichen Überzeugungen fehlen und sie wollen nichs mit ihnen zu tun haben.

Sie sehen nicht, dass politische Parteien ein notwendiges Instrument sind, um in einer Demokratie eine Veränderung zu erreichen. Sie sehen sie als Gruppen von korrupten Heuchlern, denen reale Überzeugungen fehlen und wollen nicht in solcher Gesellschaft gesehen werden.

DEMNACH KOMMEN wir zu einer erstaunlichen Tatsache: dass sich die Entwicklungen in Israel den Prozessen in vielen anderen Ländern ähneln, die nichts mit unseren speziellen Problemen zu tun haben.

Vor ein paar Tagen waren die Wahlen für die Präsidentschaft in Österreich

Bis jetzt war die österreichische Präsidentschaft ein zeremonielles Amt wie in Israel, das zwischen den zwei Hauptparteien pendelte. Dieses Mal geschah etwas noch nie Dagewesenes: die zwei endgültigen Kandidaten kamen von den Extremen Rechten und den Grünen. Die Wähler beseitigten alle Kandidaten aus dem zentralen Establishment. Es ist noch schlimmer: der fast faschistische Kandidat verlor nur durch eine winzige Anzahl von Stimmen.

Österreich? Ein Land, das begeistert den (österreichischen) Adolf Hitler vor nur 80 Jahren willkommen hieß, und unter den vollen Konsequenzen litt?

Die einzige Erklärung ist, dass die Österreicher, wie die Israelis die Nase voll hatten von etablierten Parteien. Es handelt sich um zwei Nationen von gleicher Größe, die aber sonst nichts gemeinsam haben.

In Frankreich feiert Marine Le Pen, die extrem rechte anti-Establishment Führerin. In Deutschland, Holland und Skandinavien spielt sich etwas Ähnliches ab.

In den UK, die Mutter der Demokratie, ist die Öffentlichkeit dabei, für oder gegen den Austritt aus der EU zu stimmen. DIE EU ist mit dem Establishment identifiziert. Die EU zu verlassen, sieht (wenigstens für mich) total irrational aus. Doch die Chancen für dieses Geschehen sehen real aus.

ABER WARUM nur über die kleinen Länder reden? Was ist mit der einzigen Supermacht, die Vereinigten Staaten von Amerika?

Seit Monaten hat die Weltöffentlichkeit mit wachsendem Erstaunen den unglaublichen Aufstieg des Donald Trump beobachtet – das Drama, das mit einer Komödie begann und immer erschreckender wird.

Was, um Gottes Willen, hat sich in dieser großen Nation ereignet? Wie können Millionen und aber Millionen sich um das Banner eines Großmauls, eines vulgären, ignoranten Kandidaten scharen, dessen Hauptvorteil – und vielleicht das einzige – seine Entfernung von seiner politischen Partei ist? Wie konnte er sie überwältigen, ja tatsächlich die Große Alte Partei zerstören, ein Teil der Geschichte Amerikas?

Auf der andern Seite steht Bernie Sanders, ein viel attraktiverer Charakter, aber auch ein von seiner eigenen Partei verachteter. Mit einer Agenda, die von der der Mehrheit der Amerikanerweit entfernt ist.

Es gibt nur eine Ähnlichkeit zwischen den beiden, dass sie ihre Parteien nicht mögen und ihre Parteien sie nicht mögen.

DIES SCHEIN, nun ein weltweites Muster geworden zu sein.

Wenn man betrachtet, dass dies zur selben Zeit in Dutzenden Ländern, großen und kleinen geschieht, die sonst absolut nichts gemein haben – verschiedene Probleme, verschiedene Themen, verschiedene Situationen – ist das nicht erstaunlich?

Für mich ist das ein Rätsel. Alle paar Jahrzehnte kommen neue Ideen und infizieren einen großen Teil der Menschheit. Demokratie, Liberalismus, Anarchismus, Sozialdemokratie, Kommunismus, Faschismus, Demokratie noch einmal und jetzt diese Art von Chaos, meistens radikal Rechts-Flügelig sind weltweite Trends. Der letzte hat noch keinen Namen.

Ich bin sicher, dass viel Leute, Marxisten und andere eine vorgefertigte Erklärung. haben. Ich bin von keiner überzeugt. Ich bin nur perplex.

KOMMEN WIR zurück zu uns armen Israelis: Ich veröffentlichte gerade in Haaretz einen praktischen Plan, um die Sintflut bei uns aufzuhalten.

Ich bin noch immer ein Optimist.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Das geteilte Dorf

Erstellt von DL-Redaktion am 29. Januar 2017

Die große Politik führt in einem kleinen Land oft zu seltsamen Auswüchsen: Das palästinensische Dorf Barta’a wurde 1949 in Ost und West geteilt. Deswegen hat die eine Hälfte des Kabha-Klans einen grünen Ausweis, die andere einen blauen. Was nach Identitätskrise aussieht, hat im Alltag manchmal überraschende Vorzüge – und zeigt, was mehr zählt als Israels Gesetze, Fatah oder Hamas: Familienbande.

von Agnes Fazekas

Wenn Hamzeh Kabha morgens in seinen teuren Geländewagen steigt, um die Kinder zur Schule unten im Dorf zu bringen, hat er immer ein wenig Angst, dass ihn ein israelischer Polizist aufhält. Ganz unbegründet ist die Sorge nicht, schließlich saß sein Bruder schon mal sieben Monate im Gefängnis, nur weil man ihn unten im Tal im Café erwischt hatte.

Trotzdem, so groß ist die Angst dann doch nicht – das lässt sich wohl damit erklären, dass man im Dorf Bar­ta’a, in dem beinahe alle 12 000 Einwohner den Nachnamen Kabha tragen, seit Jahrzehnten gewohnt ist, sich mit absurden Gesetzen zu arrangieren. Und so verboten fühlt es sich schließlich auch nicht an, von Ost-Barta’a nach West-Barta’a zu fahren. Ja, als Fremder merkt man es kaum: keine Soldaten, kein Zaun, kein Checkpoint.

Nur eine winzige Verkehrsinsel markiert die Grenze da unten im Tal. Darauf eine schäbige Tafel aus Stein mit einer Inschrift: „Am 3. April 1949 unterzeichneten Jordanien und Israel das Waffenstillstandsabkommen von Rhodos, demzufolge Barta’a in einen Ostteil, der zu Jordanien gehört, und einen Westteil, der zu Israel gehört, getrennt wurde. Das Tal wurde zur Grünen Linie erklärt.“

Diese Linie, damals auf der Karte mit grüner Tinte durchs umkämpfte Land gezogen, trennt heute viele arabische Familien. Macht die einen zu „arabischen Israelis“, die anderen zu „Palästinensern“. Aber nirgendwo zeigt sich die Teilung so drastisch wie in Barta’a.

Vermutlich ist die Topografie des Dorfs schuld am Verlauf der Linie: Das tiefe Wadi sieht auf der Karte wie eine natürliche Grenze aus. Vor mehr als 2000 Jahren soll ein Ziegenhirte die Quelle entdeckt haben, die hier entspringt. Woraufhin seine Nachfahren ihre Häuser entweder am Osthang errichteten, wo man an klaren Tagen bis zum Mittelmeer schauen kann – oder im Westen des Tals, nahe der Quelle.

Man könnte also sagen, die Vorlieben ihrer Vorfahren haben entschieden, dass die einen Kabhas heute einen blauen Ausweis haben, mit dem sie sich in Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten relativ frei bewegen können – und die anderen einen grünen Ausweis wie Hamzeh und sein Bruder.

Aber zurück zu 1949: Über Nacht also befand sich der Dorfbrunnen auf der israelischen Seite, die Moschee auf der jordanischen. Erst hinderten nur Soldaten, dann ein Zaun die Menschen daran, die andere Seite zu besuchen, ihre Eltern, Cousins oder Geschwister.

Eine zweite Moschee wurde gebaut, ein zweiter Friedhof, eine zweite Schule. Und ein Kanal wurde ausgehoben, der das Wasser von der Quelle auf der israelischen Seite des Dorfs zu einem Brunnen auf der jordanischen Seite leiten sollte. Die Israelis füllten ihre Krüge tagsüber und die Jordanier nachts. Die Kinder im israelischen Teil machten sich einen Spaß daraus, nachts ins Wasser zu pinkeln; Frauen schickten Papierschiffchen mit Briefen in den jordanischen Teil zu ihren Freunden. So erzählen es die Alten.

Und wenn im jordanischen Barta’a eine Hochzeit gefeiert wurde, verfolgten die Bewohner im israelischen Barta’a das Fest mit Ferngläsern. Wenn ein Kind geboren wurde, stieg der Vater auf den Berg und brüllte die gute Nachricht so laut er konnte hinüber in den anderen Teil des Dorfs.

Das waren die Zeiten, als der Schmuggel blühte in Barta’a. Im jungen Israel waren viele Waren rationiert. Die Trampelpfade rund ums Tal zeugen heute noch von den illegalen Handelswegen. Als sich die israelische Wirtschaft gefestigt hatte, waren es die jordanischen Soldaten, die den Kinder aus dem Westen auftrugen, ihnen amerikanische Zigaretten zu kaufen.

Dann passierte nach 18 Jahren endlich, worauf der Kabha-Klan so sehr gehofft hatte: die Wiedervereinigung. Wieder war das unscheinbare Dorf zum Spielball der Politik geworden. Diesmal, weil die Israelis im Sechstagekrieg den Jordaniern das Land abnahmen. Doch als die Leute aus Ost und West endlich zusammenkamen, da feierte man nicht nur tagelang ein Fest – sondern merkte auch schnell: Man war sich fremd geworden.

Im Osten trugen sie Bärte, im Westen Jeans

Quelle :   weiterlesen >>>>> Le Monde diplomatique

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Fotoquelle : Picture taken by Justin McIntosh, August 2004.

 

 

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Was ist mit Netanjahu los?

Erstellt von DL-Redaktion am 29. Januar 2017

Was ist Netanjahu zugestoßen?

von Uri Avnery:

Ist es auch ihm zugestoßen? Hat auch er die Verbindung zur Realität verloren? Dasselbe geschah mit David Ben Gurion, nachdem er 15 Jahre an der Macht war. Sein Benehmen in der Lavon-Affäre war verrückt. Er wurde abgesetzt. Dasselbe geschah mit Menachem Begin nach 6 Jahren an der Macht. Mit großer Ehrlichkeit gab Begin zu: „Ich kann nicht mehr“. sagte er und zog sich in sein Haus zurück. Ist es das, was nun dem Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach 12 Jahren im Amt zugestoßen ist?

Seine letzten Aktionen waren nicht vernünftig. Sie waren verrückt soweit es sein eigenes Interesse betraf. Netanjahu hätte Isaak Herzog in die Regierung bringen können. Der gute Buji – ehrlich, unterwürfig und diszipliniert. Herzog würde seine Partei mitgebracht haben, alle oder eine große Mehrheit und hätte der Regierung ein langes Leben garantiert.

Herzog würde die Nationen der Welt beruhigt haben, die angefangen haben, sich vor Netanjahu zu fürchten. Und was wollte er eigentlich? Netanjahu sollte einige Versprechen schriftlich machen. Ja, was denn? Seit wann hat Netanjahu gezögert, seine schriftlichen Versprechen zu brechen und zwar genau auf dieselbe Weise, wie er seine mündlichen Versprechen gebrochen hat ?

Anstelle des angenehmen und des umgänglichen Partner wählte er einen verschlagenen Rowdy, der nicht einmal seine tiefe Verachtung für ihn verbirgt. Avigdor Lieberman verbirgt auch seine Hoffnungen nicht, Netanjahu bei der nächsten Gelegenheit abzulösen. Ein Partner, den die ganze Welt als gefährlichen Mann ansieht.

Warum? Dafür gibt es keine Erklärung. Keinen logischen Grund. Lieberman in die Regierung zu nehmen, ist ein selbstmörderischer Akt. Das Verteidigungs-Ministerium ihm zu geben, ist völlig bekloppt.

Was ist mit Netanjahu los? Bis jetzt hat er vernünftig und pragmatisch gehandelt. Es stimmt, er hat den Weg gewählt, wo am Ende Verwüstung, unsere Verwüstung auf uns wartet. Fast jeder Schritt, den er nahm, verletzte die israelische Demokratie, das Oberste Gericht und nun auch die IDF. Aber es war möglich, all diese Schritte als Mittel zu erklären , an der Macht zu bleiben. Aber nun nicht mehr.

Eine Person kann nicht weiter das Land regieren, wenn eine zunehmende Anzahl von angesehenen Leuten mit Einfluss und Macht, die solch großen Instituten – wie die Militärführung, die Gerichte, die Medien, Künste und Akademien – alle zu der Schlussfolgerung gekommen sind, dass er gefährlich wird. Wenn die Führungs-schicht wie der frühere Mossad Chef Meir Dagan, der Vertreter des IDF-Chefs Generalmajor Yair Golan und der frühere Verteidigungsminister Moshe Ya’alon die Notwenigkeit empfinden, nach ihrem Gewissen aufzustehen und ihre Stimme zu erheben. Das ist es, was Ben Gurion passierte. Und wer ist Netanjahu im Vergleich zu Ben Gurion?

Es ist ein langsamer Prozess. Wenn er nur nicht zu spät kommt. Was kann getan werden, ihn zu beschleunigen?

Wir haben viele Vorschläge gehört. Auch ich machte einen. Aber den praktischsten Vorschlag fand ich Freitag in einer Kolumne von Yair Assulin in Haaretz (auf Hebräisch). Ein einfacher und praktischer Vorschlag, der sofort erfüllt werden kann, wenn nur all diese Leute, die involviert sind, verstehen können , dass sie enorme Verantwortung für das Schicksal des Landes haben.

Der Vorschlag, wie ich ihn verstanden habe, ist: die jungen Knesset-Mitglieder der Zionistischen Union werden sich erheben – Merav Michaeli, Stav Shaffir, Omer Bar-Lev, Itzik Shmuli, Miki Rosenthal und die anderen – und ihre Partei verlassen , die nichts ist als ein lebender Leichnam, und eine neue, junge und energische Partei errichten. Ihnen werden sich andere MKs. anschließen, die den Eisberg sich nähern sehen , so wie Orli Levi-Abekasis. Sie werden auch die Unterstützung von Ya’alon , Gabi Ashkenazi und MK Benny Begin haben. Sie werden sofort eine neue Fraktion in der Knesset bilden, die Flagge hochheben, ein Programm verfassen, das das Gemeinsame hervorhebt und nicht das Trennende: ein Banner des Friedens, der Demokratie, der Gerechtigkeit, soziale Partnerschaft und Reinheit der Waffen.

Um dies zu tun, ist es nicht nötig, auf den Messias zu warten. Es ist möglich und notwendig, aufzustehen und morgen früh zu handeln. Die Alternative wäre zu schrecklich.

( dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Ich war dort

Erstellt von DL-Redaktion am 22. Januar 2017

Autor:  Uri Avnery

„BITTE, SCHREIBE nicht über Yair Golan:“ bat mich ein-Freund, „irgend ein Linker wie  du wird ihn nur verletzten.

Also verzichtete ich einige Wochen.  Aber nun konnte ich nicht mehr still bleiben.

General Yair Golan, der Vertreter des Generalstabschef der israelischen Armee hielt am Holocaust/Gedenktag eine Rede. Er trug seine Armee-Uniform. Er las eine gut vorbereitete Rede, die einen Aufruhr verursachte, der noch nicht abgeklungen ist.

Dutzende von Artikeln sind veröffentlicht worden, einige verurteilen ihn, einige lobten ihn. Es scheint, dass keiner gleichgültig sein konnte.Der Hauptsatz war „Falls es etwas gibt, das mich über die Erinnerungen an den Holocaust erschreckt, ist es das Wissen über einen entsetzlichen Prozess, der sich in Europa abspielte und ganz besonders in Deutschland, vor 70,80, 90 Jahren und  Spuren davon hier in unserer Mitte, heute im Jahr 2016.

Die Hölle brach los. Was!!! Spuren von Nazismus in Israel. Etwas Ähnliches zwischen dem, was die Nazis uns antaten, was wir mit den Palästinensern tun?

Vor 90 Jahren war 1926 eine der letzten Jahre der Deutschen Republik. vor 80 Jahren, das war 1936, drei Jahre nachdem die Nazis an die Macht kamen. Vor 70 Jahren  – das war 1946 – am Morgen als Hitler Selbstmord beging und das Ende des Nazireichs.

ICH FÜHLTE mich verpflichtet, über die Rede des Generals zu schreiben, schließlich war ich ja dort.

Als Kind war ich ein Augenzeuge der letzten Jahre der Weimarer Republik (sie wurde so genannt, weil seine Verfassung, in Weimar Gestalt annahm, der Stadt von Goethe und Schiller. Als ein politisch wacher Junge, war ich Zeuge der Nazi-Machtergreifung und des ersten Halbjahres der Naziherrschaft.

Ich weiß, was Golan aussprach. Auch wenn wir zu  zwei verschiedenen Generationen gehörten, so teilten wir denselben Hintergrund. Unsre beiden Familien kamen aus kleinen Städten in Westdeutschland. Sein Vater und ich  müssen eine Menge gemeinsam haben.

Es gibt strenge moralische Vorschriften in Israel: nichts kann mit dem Holocaust verglichen werden. Der Holocaust ist einmalig. Es geschah mit uns, den Juden, weil wir einzigartig sind (Die religiösen Juden würden hinzufügen: „Weil Gott uns auserwählt hat.“)

Ich  habe diese Gebote überschritten just bevor Golan geboren wurde, veröffentlichte ich (auf Hebräisch) ein Buch das „Swastika“ hieß (Hakenkreuz), in dem ich meine Kindheitserinnerungen erzählte. Ich versuchte, die Schlussfolgerungen daraus zu erzählen. Es war an einem Vorabend des Eichmann-Prozesses, als ich über den Mangel an Wissen über die Nazi-Ära unter jungen Israelis   schockiert war.

Mein Buch befasste sich nicht mit dem Holocaust, der sich ereignete, als ich schon in Palästina lebte, aber eine Frage, die mich während all der Jahre und sogar heute noch beunruhigt: Wie konnte so etwas in diesem Deutschland geschehen, das vielleicht die kulturellste Nation  n der damaligen Zeit und Welt war, die Heimat von Goethe, Beethoven und Kant, konnte demokratisch einen völlig irren Psychopathen wie Adolf Hitler gewählt werden?

Das letzte Kapitel des Buches hatte den Titel „Es kann auch hier geschehen!“  Der Titel wurde von einem Buch des amerikanischen  Romanautor Sinclair Lewis, ironischer Weise auch  „Es kann hier nicht geschehen“  , in dem er eine Nazi-Übernahme schildert.

In diesem Kapitel diskutierte ich die Möglichkeit einer jüdischen Nazi-ähnlichen Partei, die in Israel an die Macht kommt. Meine Schlussfolgerung war, dass eine Nazi-Partei in jedem Land der Erde zur Macht kommen wird, wenn die Bedingungen richtig sind, auch in Israel.

Das Buch wurde weithin in der israelischen Öffentlichkeit ignoriert, das damals  von einem Sturm von Emotionen von den schrecklichen Enthüllungen des Eichmann- Prozesses  hervor gerufen war.

Jetzt kommt General Golan, ein angesehener Berufssoldat und sagt dasselbe.

Und nicht als eine improvisierte Bemerkung, sondern, bei einer offiziellen Gelegenheit, bei der er die Uniform eines Generals trägt, bei der er von einem vorbereiteten Text liest, ein gut durchdachter Text.

Der Sturm brach los, und ist noch nicht vorbei.

DIE ISRAELIS  haben eine selbst-schützende Gewohnheit: wenn sie mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert werden, dann weichen sie seinem Wesen aus und beschäftigen sich mit einer zweitranigen, unbedeutenden Ansicht. Von all den Dutzenden und aber-dutzenden von Reaktionen in der Presse, den TV-Medien und politischen Plattformen, befasst sich fast keiner mit der schmerzlichen  Behauptung.

Nein, die wilde Debatte, die ausbrach, betrifft die Fragen: ist es einem hochrangigen Armee –Offizier erlaubt, eine Meinung über Sachen zu äußern, die das zivile Establishment betreffen?  Und das in Armeeuniform? Bei einer offiziellen Angelegenheit?

Sollte ein Armee-Offizier über seine politische Einstellung schweigen? Oder nur bei geschlossenen Sitzungen – „bei relevanten  Sitzungen“ wie ein wütender Binjamin Netanjahu es formuliert?

General Golan erfreut sich in der Armee eines hohen Grades von Achtung. Als Vertreter des Staatschefe war er bis jetzt fast sicher ein Kandidat für den Stabschef, wenn der Amtsinhaber nach den üblichen vier Jahren das Büro verlässt.

Die Erfüllung dieses Traumes, die er mit jedem Generalstabschef teilt, ist jetzt sehr gering. Praktisch hat Golan jetzt seine weitere Beförderung geopfert, um seine Warnung zu äußern und gab seine weitest mögliche Resonanz auf.

Man kann solchen Mut nur bewundern. Ich bin niemals General Golan begegnet.  Ich glaube und kenne seine politischen Ansichten nicht. Aber ich bewundere sein Handeln sehr.

(Irgendwie erinnere ich mich an einen Artikel, der im britischen Magazin Punch vor dem 1.Weltkrieg kam, als eine Gruppe jüngerer Offiziere ein Statement veröffentlichten, in dem sie gegen die Regierungspolitik in Irland waren. Das Magazin sagte, dass während die rebellischen Offiziere ihre Meinung sagten, war es über die Tatsache stolz, dass so junge Offiziere bereit waren, ihre Karriere für ihre Überzeugung zu opfern.)

DER NAZI –Marsch an die Macht begann 1929, als es eine schreckliche weltweite wirtschaftlich Krisis in Deutschland gab. Eine winzige sehr rechte Partei wurde plötzlich eine politische Macht, mit der gerechnet werden musste. Von da an brauchte es noch vier Jahre, um die größte Partei im Land zu werden und die Macht zu übernehmen. (auch wenn es noch eine Koalition bräuchte).

Ich war dort, als es geschah, ein politisch wacher Junge in einer Familie, in der die Politik das Hauptthema bei Tisch war. Ich sah wie die Republik zusammenbrach, allmählich, langsam, Schritt um Schritt. Ich sah wie Freunde meiner Familie eine Hakenkreuzfahne  hissten. Ich sah wie Lehrer des Gymnasiums zum ersten Mal ihren Arm hoben, wenn sie in die Klasse kamen und mit „Heil Hitler“ grüßten. (und dann insgeheim mich beruhigend, dass sich nichts verändert hat).

Ich war der einzige Jude im ganzen Gymnasium. Als die hundert Jungen – alle größer als ich – ihre Arme hochhoben und die Nazi-Nationalhymne sangen – und ich es nicht tat, bedrohten sie mich, mir die Knochen zu brechen, wenn dies noch einmal geschah. Ein paar Tage später verließen wir Deutschland für immer.

General Golan wurde angeklagt, er würde Israel mit Nazi-Deutschland vergleichen. Nichts davon. Ein sorgfältiges Lesen seines Textes zeigte, dass er Entwicklungen in Israel verglich, die zur Zersetzung der Weimarer Republik führte. Und dass dies ein zulässiger Vergleich ist.

Es geschehen Dinge in Israel, besonders seit der letzten Wahl, die eine erschreckende Ähnlichkeit mit jenen Ereignissen haben. Der Prozess ist ganz anders. Der deutsche Faschismus kam als Demütigung der Kapitulation im ersten Weltkrieg, und der Besatzung des Ruhrgebietes durch Frankreich und Belgien (1923-25), der schrecklichen wirtschaftlichen Krise von 1929, dem Elend der Millionen Arbeitsloser. Israel ist in seinen häufigen militärischen Aktionen siegreich, Wir lebten ein angenehmes Leben. Die Gefahren, die uns bedrohten, sind von völlig anderer  Art gewesen. Sie stammten von unsern  Siegen, nicht von unsern Niederlagen.

Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen Israel von heute  und  dem Deutschlandvon damals weit größer als die Ähnlichkeiten. Doch jene Ähnlichkeiten  existieren  – und der General hatte recht, darauf hinzuweisen.

Die Diskriminierung der Palästinenser in praktisch allen Lebensgebieten können mit der Behandlung der Juden in der ersten Phase im Nazideutschland verglichen werden. Die Unterdrückung der Palästinenser in den besetzten Gebieten ähnelt mehr der Behandlung der Tschechen im Protektorat nach dem Münchner Vertrag.

Der Regen des rassistischen Entwurfes in der Knesset, jene die schon adoptiert und jene , die stark an die Gesetze vom Reichstag in den frühen Tagen des Nazi-Regime erinnert. Einige Rabbiner rufen zu einem Boykott der arabischen Läden auf wie damals. Der Ruf „Tod den Arabern“ („Juda verrecke?“) wird regelmäßig bei Fußball –Spielen gehört. Ein Mitglied des Parlaments hat für die Trennung von jüdischen und arabischen Neugeborenen im Krankenhaus gerufen. Ein Oberrabbiner hat erklärt, dass Goyim (Nicht–Juden) von Gott geschaffen wurden, damit sie den Juden dienen. Unsere Minister für Bildung und Kultur sind eifrig dabei, die Schulen, Theater und Künste der extremen Rechte, etwas was in Deutschland als Gleichschaltung bekannt war. Der Oberste Gerichtshof – der Stolz Israels – wird schonungslos vom Justiz-Minister angegriffen.  Der Gazastreifen ist ein riesiges Ghetto.

Natürlich  wird keiner der Rechten im Entferntesten Netanjahu mit dem Führer vergleichen, aber es gibt politische Parteien hier, die einen starken faschistischen Geruch abgeben. Das  politische Gesindel besiedelt die gegenwärtige Netanjahu-Regierung könnte leicht seinen Platz in der ersten Nazi-Regierung finden.

Einer der Hauptslogans unserer gegenwärtigen Regierung ist, die „alte Elite“ zu ersetzen, da sie zu liberal sei mit einer neuen. Eines der Haupt Nazi-Slogans  war, „das System“  zu ersetzen.

ALS DIE Nazis übrigens an die Macht kamen,  wurden fast alle hochrangigen Offiziere der deutschen Armee stille Anti-Nazis. Sie dachten sogar an einen Putsch gegen Hitler. Ihr politischer Führer wurde – kurz gefasst – ein Jahr später exekutiert, als Hitler seine Gegner in seiner eigenen Partei liquidierte. Uns  wurde gesagt, dass General Golan von einem  persönlichen Bodygard geschützt wird —  etwas das vorher nie  in den Annalen Israels einem General geschah.

Der General  erwähnte die Besatzung und die Siedlungen nicht, die unter der Herrschaft der Armee waren. Aber er erwähnte die Episode, die vor kurzem vor seiner Rede geschah und die noch immer Israel erschütterte: im besetzten Hebron unter der Herrschaft der Armee sah ein Soldat einen schwer verletzten Palästinenser hilflos auf dem Boden liegen, er näherte sich ihm und tötete ihn mit einem Schuss in den Kopf. Das Opfer hatte versucht, einige Soldaten mit dem Messer anzugreifen, stellte aber  jetzt keine Bedrohung mehr für irgendjemand dar. Dies war ein klarer Verstoß  gegen die Armeebefehle. Der Soldat ist vor ein Kriegsgericht geschleppt worden.

Ein Schrei ging durch das Land: Der Soldat ist ein Held. Er sollte ausgezeichnet werden! Netanyahu rief seinen Vater an, um ihm zu versichern, dass er seine Unterstützung habe.

Avigdor Lieberman betrat den vollen Gerichtsraum, um seine  Solidarität mit dem Soldaten auszudrücken. Ein paar Tage später ernannte Netanjahu Lieberman zum Verteidigungsminister, der zweit wichtigste Office ??? in Israel. Vor dem erhielt General Golan starke Unterstützung vom  Verteidigungsminister Moshe Ya’alon und dem  Stabschef  Gabi Eisenkot. Wahrscheinlich war dies der unmittelbare Grund für den Rauswurf von Yaalon und der Ernennung von Lieberman an seiner Stelle. Es erinnert an einen Putsch.

Es scheint, dass Golan nicht nur ein mutiger Offizier ist sondern  auch ein Prophet. Die Einbeziehung von Liebermans Partei in der Regierungskoalition bestätigt Golans schwärzeste Befürchtungen. Dies ist noch ein Schlag gegen Israels Demokratie.

Bin ich  als Zeuge verdammt, denselben Prozess  zum 2. Mal in meinem Leben zu erfahren?

Es ist dieser Vorfall, der den General erregte, auszusprechen und das Land warnte. Ich kann ihn nur grüßen.   ( dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser authorisiert)

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Ein Dokument mit einer Mission

Erstellt von DL-Redaktion am 15. Januar 2017

Autor : Uri Avnery

ALS DAVID BEN -GURION Israels Unabhänigkeits-Erklärung (offiziell: Erklärung der Gründung  des Staates Israel) am 14. Mai 1948 vorlas, war ich im Kibbuz Hulda.

Meine Kompanie der (noch unbenannten) Armee Israels hatte den Befehl, nachts  das arabische Dorf al-Kubab , nahe der Stadt Ramleh anzugreifen. Man vermutete, dass es ein harter Kampf werden würde und ich war eifrig dabei, meine Ausrüstung zu überprüfen und meine (tschechische) Waffe zu reinigen, als jemand sagte, dass eine Rede von Ben-Gurion im Speisesaal-Radio des Kibbuz übertragen wird.

Ich war wirklich nicht daran interessiert. Wir waren alle davon überzeugt, dass was einige Politiker plapperten ziemlich unwesentlich für unsre Zukunft war. Ob unser Staat überleben würde oder nicht, würde auf dem Schlachtfeld entschieden. Die regulären Armeen der benachbarten arabischen Staaten waren dabei, im Krieg einzugreifen, es würde zu blutigen Schlachten führen und das Ergebnis würde über unser Leben entscheiden. Buchstäblich.

Doch gab es ein Detail, das unsere Neugierde weckte. Wie würde unser neuer Staat genannt werden? Einige Gerüchte lagen in der Luft. Das wollten wir wissen.

Also begab ich mich in den Speisesaal des Kibbuz – den wir Soldaten an gewöhnlichen Tagen nicht betreten durften – und tatsächlich, war da die hohe Stimme von Ben-Gurion, der das Dokument vorlas. Als er zu dem Abschnitt kam: „(wir) erklären hiermit die Gründung eines Jüdischen Staates in Erez Israel, der als der Staat Israel bekannt wird“ verließ ich den Saal.

Ich erinnere mich, dass ich draußen den Bruder einer Freundin traf, der in dieser Nacht ein anderes Dorf angreifen sollte. Wir wechselten ein paar Worte. Ich sah ihn nie wieder. Er wurde getötet.

ALL DIES ging mir durch den Kopf, als ich vor drei Tagen, am Vorabend  des Unabhängkeitstages eingeladen wurde, um an einer Feier in genau dieser Halle,   in der der Original-Text von Ben Gurion vorgelesen werden sollte, teilzunehmen. Ich war eine der Personen, die zum 68. Jahrestag dies nochmal vorlesen sollten.

Bei dieser Gelegenheit las ich zum ersten Mal den ganzen Text der Erklärung. Ich war nicht beeindruckt.

Der Original-Text wurde zuerst, von einigen Beamten entworfen, dann von Moshe Sharett (der an diesem Tag Außenminister wurde) noch einmal geschrieben. Er war ein Verfechter der hebräischen Sprache, so wurde der Text sprachlich ausgezeichnet. Ben Gurion war mit dem Text nicht zufrieden, also nahm er ihn und schrieb ihn noch einmal vollständig. Er trägt seinen persönlichen Stil. Er hatte auch die Chutzpeh, seine Unterschrift über die aller Anderen zu setzen, die in alphabetischer Reihenfolge folgten.

Die Autoren der Erklärung hatten offensichtlich die amerikanische Unabhängigkeitserklärung gelesen, bevor sie ihre eigene formulierten. Sie kopierten den allgemeinen Entwurf. Er ist nicht im erbaulichen Stil eines historischen Dokumentes geschrieben, sondern als Dokument mit einer Mission: die Nationen der Welt zu überzeugen, den Staat anzuerkennen.

DIE EINFÜHRUNG ist eine Wiederholung von zionistischen Slogans. Sie gibt vor, die historischen Fakten darzulegen.  Es sind sehr dubiose Fakten.

Zum Beispiel, beginnt es mit den Worten „Erez Israel war der Geburtsort des jüdischen Volkes. Hier wurde seine geistige, religiöse und politische Identität gestaltet.“

Nun , nicht ganz. Mir wurde in der Schule beigebracht, dass Gott Abraham das Land versprach, als er noch in Mesopotamien lebte. Die Zehn Gebote wurden uns von Gott persönlich auf dem Berg Sinai gegeben, der im Ausland liegt. der bedeutendere der beiden Talmuds wurde in Babylon geschrieben. Es stimmt, dass die hebräische Bibel im Land verfasst wurde, aber die meisten religiösen Texte des Judentums wurden im „Exil“ geschrieben.

„Die Juden trachteten in jeder sukzessiven Generation, sich in ihrer alten Heimat  neu zu etablieren..“ Unsinn. Die meisten taten es nicht. Zum Beispiel, als die Juden aus dem christlichen Spanien 1492 vertrieben wurden, gingen die meisten von ihnen in die Länder der muslimischen Welt, nur ein paar siedelten in Palästina.

Der Zionismus, die Bewegung, die eine jüdische Nation in Palästina errichtete, wurde erst am Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, als der Antisemitismus eine mächtige politische Kraft in ganz Europa wurde, und die Gründer das zukünftige Unheil voraussahen.

DIE ERKLÄRUNG betonte natürlich die Geschichte aus letzter Zeit: „Am 29.November 1947 verabschiedete die UN-Vollversammlung eine Resolution, die die Errichtung eines jüdischen Staates in Erez-Israel ausrief…“

Das ist eine  Verfälschung. Die UN-Resolution rief die Errichtung  von ZWEI Staaten aus: einen arabischen und einen jüdischen Staat (und eine separate Zone von Jerusalem.) Die Errichtung des arabischen Staates wurde vergessen und das verändert den ganzen Charakter der Resolution.

Das war natürlich beabsichtigt. Ben Gurion war schon im geheimen Kontakt mit König Abdullah von Jordanien, der die Westbank an sein transjordanisches Königreich annektieren wollte. Ben Gurion erkannte dies an.

Ben Gurion sah es als ein großes Ziel an, jede Spur eines separaten arabisch palästinensischen Staates zu eliminieren. Deshalb wird diese Nation in der Erkärung nicht erwähnt. Die Annektierung der Westbank durch  König Abdullah wurde stillschweigend anerkannt – sogar bevor der erste jordanische Soldat das Land betrat, angeblich um die Araber vor dem jüdischen Staat zu  bewahren.

HIER IST der Ort, um die zwei schicksalhaften  Wörter „Jüdischer Staat“ in Angriff zu nehmen.

Wenn wir  über unsern zukünftigen Staat vor der Gründung Israels sprachen, haben fast alle von uns die Worte „Hebräischer Staat“ benützt. Das war es, was  wir bei unzähligen Demonstrationen riefen, das war es, was in den Zeitungen geschrieben wurde und bei politischen Reden verlangt wurde.

Dies war keine ideologische Entscheidung. Stimmt, da gab es eine winzige Gruppe von jungen Autoren und Künstlern mit dem Spitznamen „Canaaniter“, die die Geburt einer neuen „Hebräischen Nation“ verkündeten und nichts mit den Juden in der Diaspora zu tun haben wollten. Einige andere Gruppen, einschließlich einer, die von mir gegründet war, drückten ähnliche Ideen aus , aber ohne solch absurde Schlussfolgerungen.

Bei umgangssprachlichen Reden machten die Leute eine klare Unterscheidung zwischen „hebräisch“ (Dinge im Land wie hebräische Landwirtschaft, hebräische Verteidigungskräfte etc.) und „jüdisch “ (wie die jüdische Religion, jüdische Tradition und Ähnliches).

Also warum dann „Jüdischer Staat“? Ganz einfach: die britische Verwaltung definierte die Bevölkerung von Palästina als Juden und Araber. Der UN-Teilungsplan sprach von einem jüdischen und einem arabischen Staat. Die Unabhängigkeitserklärung gab sich große Mühe, um das zu betonen, dass wir nur die UN-Entscheidung erfüllten. „Deshalb erklärten wir die Gründung eines jüdischen Staates, der als Staat Israel bekannt wird.“

(Hinweis: „ein“ jüdischer Staat, nicht „der“ jüdische Staat)

Diese harmlosen Wörter sind millionenfach zitiert worden, um die Behauptung, dass Israel ein „jüdischer“ Staat sei, in dem Juden Sonderrechte und Privilegien haben zu rechtfertigen. Dies wird heute fraglos akzeptiert.

Doch wird gewöhnlich übersehen, dass in einem der Paragraphen, in dem „wir die Hände zu allen benachbarten Staaten ausstrecken“, wir sie bitten – im hebräischen Original – um Zusammenarbeit mit „dem souveränen hebräischen Volk!“. Dies ist flagrant in der offiziellen Übersetzung im „souveränen jüdischen Volk“ verfälscht worden.

Man sollte Ben Gurion dankbar für die Tatsache sein, dass Gott  überhaupt nicht in dem Dokument vorkommt. Nach einem mühsamen Kampf mit der damals kleinen religiösen zionistischen Fraktion, wurde die einzige religiöse Anspielung hinzugefügt. Sie erwähnt den „Fels von Israel“, eine Bezeichnung für Gott, die aber auch anders verstanden werden kann.

EINE EKLATANTE Weglassung ist die nackte Unterlassung, dass die Erklärung die Grenzen des neuen Staates überhaupt nicht erwähnt.

Der UN-Erklärungsplan zog sehr klare Grenzen. Im Lauf des 1948er-Krieges eroberte unsere Seite beträchtlich mehr Land. Am Ende blieb die sog. grüne Linie.

Die Erklärung erwähnt keine Grenzen und bis jetzt ist Israel der einzige Staat in der Welt, der keine offiziellen Grenzen hat.

Hierbei, wie in allen anderen Angelegenheiten hat Ben-Gurion den Kurs festgelegt, auf dem sich Israel noch heute bewegt.

( dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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„Wir“ und „sie“

Erstellt von DL-Redaktion am 8. Januar 2017

von Uri Avnery

NEIN, ES ist nicht  „wir“ und  „sie“.
Nicht  „wir“ –  die Guten, die Moralischen, die Richtigen. Oder, um es plump zu sagen:  die Großartigen. Die Juden.
Und nicht „sie“ – die Bösen, die Schlimmen. Um es  wieder plump zu sagen: die Verachtenswerten. Ja, die Araber.
Wir, die von Gott Auserwählten, weil wir so speziell sind.
Sie, die Heiden, die zu allen möglichen Idolen beten, wie Allah oder Jesus.
Wir, die heldenhaften Wenigen, die wir uns in jeder Generation gegenüber jenen sehen, die uns vernichten wollen, aber wir retten uns vor ihren Händen.
Sie, die vielen Feiglinge, die uns und unsern Staat vernichten wollen und unser Mut besiegt sie.
Sie – alle Goyim, aber besonders die Muslime, die Araber, die Palästinenser.
Nein, so ist es nicht. Überhaupt nicht. 

VOR EINIGEN Tagen sagte Jitzhak Herzog etwas besonders Widerliches.
Herzog, der Führer der Labor-Partei, der Vorsitzende des „Zionistischen Lager“-Union, der Chef der Opposition (ein Titel, der automatisch dem Führer der größten Oppositions-Partei verliehen wird), erklärte, dass seine Partei bei den Wahlen scheiterte, weil die Leute glauben, dass seine Mitglieder „Araberliebhaber“ seien
Wenn man dies ins Deutsche übersetzt, mag dies besser verstanden werden. Zum Beispiel, dass Angela Merkels Partei aus „Juden-Liebhabern“ besteht.
Keiner sagt so. Tatsächlich  darf das keiner sagen. Nicht im heutigen Deutschland.
Man mag vermuten, dass Herzog es nicht so meinte, wie es klingt. Sicher nicht in der Öffentlichkeit. Es entwich nur aus seinem Mund. Er meinte es nicht so.
Vielleicht. Aber ein Politiker, aus dessen Mund solche Wörter kommen, kann nicht  Führer eines großen politischen Lagers sein. Eine Partei mit solch einem Führer, die ihn nicht am selben Tag hinauswirft, ist nicht wert, das Land zu führen.
Nicht, weil er unrecht hat. Es gibt sicher viele Leute, die glauben, dass die Labor-Partei Mitglieder hat, die „Araberliebhaber“ sind. (auch wenn es keine Anzeichen dafür gibt, dass sie es sind. Es mag eine geheime Leidenschaft sein.) Und viele Leute glauben, dass die Labor-Partei  so tief gesunken sei, weil so viele dieses schreckliche Ding glauben. Das Problem ist, diese Art von Personen würden nie für Labor stimmen, noch weniger Herzog, sogar wenn sie auf und abspringen und schreien: „Tod den Arabern!“
Und dies ist noch nicht die wichtigste Sache. Die bedeutendste Tatsache ist, dass jenseits all der moralischen und politischen Ansichten, diese Wörter decken einen entsetzlichen Mangel an Verständnis der israelischen Realität auf.
DIE HEUTIGE israelische Realität bedeutet, dass es nicht die geringste Chance gibt, die Rechten von der Macht zu beseitigen, wenn sie nicht  einer vereinigten und resoluten Linken gegenüber steht, die sich auf eine jüdisch-arabische Partnerschaft gründet.
Es gibt eine demographische Realität. Die arabischen Bürger stellen etwa 20% der Israelis dar. Um eine Mehrheit ohne Araber zu erreichen, würde die jüdische Linke 60% der jüdischen Öffentlichkeit benötigen. Das ist ein Hirngespinst.
Einige träumen vom Zentrum, das die Arbeit der Linken tun könnte. Das ist auch ein Hirngespinst. Das Zentrum hat keine Kraft, und kein Rückgrat, keine ideologische Basis. Es zieht die Schwachen und die Sanftmütigen an, jene die sich  zu nichts verpflichten wollen. Die Yair Lapids und die Moshe Kachalons wie ihre Vorgänger und wahrscheinlich ihre Nachfolger sind wie Schwänze der Füchs, nicht wie Köpfe von Löwen. Seit den Tagen der Dash-Partei  1977 hängen sie immer die Rechten an. Von dort  kommen sie, dorthin werden sie zurückkehren.
Vorbei sind die Tage der alten Laborpartei, Mapai mit ihren Schwänzen – der früheren national-religiösen Partei und der jüdisch-orientalischen Shas-Partei.
Eine neue große und starke Linke müsste kommen.
Solch eine Linke, neu, groß und stark, kann nicht entstehen außer auf einer soliden Basis einer jüdisch-arabischen Einheit. Dies ist kein Traum oder eine aussichtslose Hoffnung. Es ist eine  einfache politische Tatsache. Nichts Gutes  wird ins Land kommen, es sei denn, auf der Basis der jüdisch-arabischen Partnerschaft. Diese Partnerschaft machte das Oslo-Abkommen möglich. Ohne die arabischen Stimmen in der Knesset wäre dieses nicht genehmigt worden.  Solch eine Partnerschaft ist für jeden Schritt in Richtung Frieden notwendig.
Das Argument, dass ein Führer „der Araber nicht liebt, ist an sich irrelevant. Es sagt nur, dass die Person nicht geeignet ist, Israel zu führen. Er wird in Nichts Erfolg haben, ganz sicher nicht beim Frieden machen.
Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Redewendung „die Araber lieben“ kindisch ist. Wie kann man ein ganzes Volk lieben- oder nicht lieben? In jedem Volk – einschließlich dem unsrigen – gibt es gute und schlimme Individuen, gutherzige  und üble, freundlich und feindlich gesinnte.  „Araber-Liebhaber“ sind wie „Juden-Liebhaber“ zwei Wörter, die einen starken antisemitischen Geruch haben, wie jeder Jude weiß.
Ich war ein Augenzeuge – und  Aktionszeuge – vieler Bemühungen, um eine jüdisch-arabische Partnerschaft in Israel zu gründen, buchstäblich von den ersten Tagen des Staates an.
Ich habe schon viele Male (vielleicht zu viele Male) erzählt: unmittelbar nach dem 1948erKrieg war ich Teil einer winzigen Gruppe, die den ersten Plan für eine „Zwei-Staaten-Lösung“ zusammenstellte. In den 50er-Jahren-nahm ich an  einer Aufstellung eines „Komites gegen die Militärregierung“ teil, eine jüdisch- arabische Gruppe, die für die Abschaffung des repressiven Regimes kämpfte, unter dem die arabischen Bürger litten. (Es wurde 1966 abgeschafft). 1948 nahm ich  am Aufbau der „Progressiven Liste für Frieden“ teil, einer arabisch-jüdischen Partei, die zwei Sitze in der Knesset gewann, einen für einen Araber, einen für einen Juden. Und es gab zwischendrin viele Bemühungen.
Ich erwähne sie, um eine erschreckende Tatsache zu illustrieren: während der letzten 30 Jahre ist die Zusammenarbeit zwischen den jüdischen und arabischen Friedenskräften nicht gewachsen, sondern im Gegenteil: geschrumpft. Es ist ein ständiger Prozess der Abnahme. Und so ist übrigens auch die Zusammenarbeit zwischen den israelischen und palästinensischen Friedenskräften.
Dies ist eine Tatsache. Eine traurige, deprimierende, sogar Verzweiflung-schaffende Tatsache. Aber eine Tatsache.
WER IST daran schuld?
Solche Fragen sind völlig sinnlos, wenn es sich um historische Prozesse geht. Jede historische Tragöde hat viele Väter. Trotzdem werde ich versuchen, sie zu beantworten.
Ich werde gegen mich selbst aussagen: vom Anfang der Besatzung an, seit 1967 reduzierte ich meine Aktivitäten für die jüdisch-arabische Zusammenarbeit innerhalb Israels, um alle meine Bemühungen dem Kampf für den israelisch-palästinischen Frieden, für das Ende der Besatzung, für die Zwei-Staaten-Lösung zu widmen. Auch für die Beziehungen mit Yasser Arafat und seinen Nachfolgern. All dies schien mir damals wichtiger, als der Streit innerhalb Israels. Vielleicht war dies ein Fehler.
Die israelische Linke behauptet jetzt, dass die arabischen Bürger „radikal“ geworden sind. Die arabischen Bürger argumentierten, dass die jüdische Linke sie betrogen und vernachlässigt habe. Vielleicht haben beide recht. Die Araber glaubten, dass die jüdische Linke sowohl im Kampf für den Frieden zwischen den beiden Völkern als auch in dem Kampf in der Sache der Gleichheit innerhalb des Staates. Die jüdische Linke glaubt, dass die Äußerungen von Leuten wie die des Scheich Raed Salah, Knesset- Mitglied Hanin Zuabi und andere, jede Chance der Linken an die Macht zurück zu- kommen, zerstört.
Beide haben recht. Vielleicht sollte die Schuld gleichartig verteilt werden, 50 zu 50. Aber die Schuld der dominanten Gruppe wiegt viel mehr als die Schuld der Unterdrückten.
Jeder Tag liefert neue Beweise über die Kluft zwischen den beiden Völkern innerhalb Israels. Es ist schwierig, das Schweigen der jüdischen Linken in der Angelegenheit des verletzten Palästinensers der in Hebron von einem jüdischen Soldaten ermordet wurde. Es ist auch schwierig, die Holocaust-Leugnung, die unter Arabern wuchert, zu verstehen.
ICH EMPFINDE, dass diese Kluft immer größer und tiefer wird. Seit Jahren habe ich keinen ernsthaften Versuch von beiden Seiten gehört, um eine gemeinsame politische Kraft, ein gemeinsames Narrativ, gemeinsame persönliche und allgemeine Beziehungen – beides auf einem hohen und niedrigen Niveau.
Hier und dort initiieren gute Leute kleine Bemühungen. Aber es gibt keine ernsthafte, nationale, politische Initiative.
Wenn ich einen Telefonanruf empfangen hätte: „Uri die Zeit ist  gekommen, eine ernst zu nehmende Initiative ist unterwegs. Komm und hilf uns!“, wäre ich in die Luft gesprungen und hätte gerufen: „ Hier bin ich!“. Aber es kam kein Telefonanruf.
Er muss von unten kommen. Keine Initiative von einem alten Mann, sondern eine Bemühung von jungen Leuten, frisch und entschlossen.
(Die  Alten, wie ich, können mit ihren Erfahrungen, teilnehmen. Aber es liegt nicht an ihnen, die Initiative zu übernehmen.

SOLCH EINE Bemühung muss bei null anfangen. Ganz von null an.
Als Erstes, muss es eine gemeinsame Bemühung sein, von Juden und Arabern, Muslimen und Christen und Drusen in enger Zusammenarbeit von Anfang an. Nicht dass Juden die Araber einladen. Nicht dass Araber die Juden einladen. Zusammen eine untrennbare Verbindung, vom Augenblick des Beginns.
Eine der ersten Aufgaben ist, im historischen Narrativ überein zustimmen. Nicht ein künstliches, keine Augenwischerei, sondern real und wahrhaftig, eines das die Motive der Zionisten berücksichtigt und die der arabischen Nationalisten, die Grenzen der Führer auf beiden Seiten, die Demütigung der Araber durch den westlichen Imperialismus, das jüdische Trauma nach dem Holocaust und ja, der palästinensischen Nakba.
Es ist sinnlos, hier Fragen zu stellen: „Wer hat recht?“ Solche Fragen sollten nicht  einmal geäußert werden. Beide Völker handelten entsprechend ihren Umständen, ihrer Not und ihrem Elend, entsprechend ihrem Glauben, ihren Fähigkeiten. Da gab es Sünden. Viele sogar. Da gab es Verbrechen. Auf beiden Seiten. Sie müssen erinnert werden. Gewiss. Aber sie dürfen kein Hindernis für eine bessere Zukunft sein.
Vor zwanzig Jahren, hat Gush Shalom (die Organisation, zu der ich gehöre) solch ein gemeinsames Narrativ veröffentlicht, das mit seinen historischen Fakten wahr war und versuchte, zum Verständnis für die Motive beider Seiten zu ermutigen. Einige andere sind gemacht worden. Solch eine Bemühung ist unentbehrlich, um eine intellektuelle und emotionale Basis für eine reale Partnerschaft zu gründen.
Es mag nicht notwendig sein, eine gemeinsame Partei zu schaffen. Vielleicht ist dies jetzt nicht realistisch. Vielleicht würde es besser sein, eine permanente Koalition politischer Kräfte auf beiden Seiten aufzustellen.
Vielleicht sollte ein gemeinsames Schatten-Parlament entstehen, um die Differenzen in einer regulären und öffentlichen Weise zu diskutieren.
Wahre Partnerschaft muss persönlich, sozial und politisch sein. Von Anfang an sollte es das Ziel sein, das Gesicht Israels zu ändern und die Kräfte weg zu schaffen, die  zu einer historischen Tragödie führen. In andern Worten: die Macht übernehmen.
Zur selben Zeit sollten persönliche und soziale Brücken gebaut werden – zwischen Lokalitäten, zwischen Städten, zwischen Institutionen, zwischen Universitäten, zwischen Moscheen und Synagogen.
WEDER YITZHAK Herzog  noch die Labor-Partei können diese Bemühung auf der jüdischen Seite anführen. Weder Herzog noch seine Rivalen in seiner Partei, die seinen Platz übernehmen wollen. (Es scheint, dass die Labor-Partei keinen Politiker dahin bringt, die Führung anzustreben, es sei denn er oder sie hat schon einmal in der Vergangenheit völlig versagt.
Was notwendig ist, ist eine junge energische, innovative neue Führung. Nicht  noch einer dieser jungen Leute, die jetzt auf der politischen Bühne erscheinen, eine neue kleine Gruppe bilden, eine gute Sache für ein oder zwei Jahre schaffen und dann verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. Was notwendig ist sind Leute, die bereit sind, zusammen zu arbeiten, eine Kraft aufbauen, den Staat in eine neue Richtung lenken.
„Araberfreund“? Ja. „Judenfreund“?  Sicher.  Aber vor allem ein Lebens-Freund, ein Friedens-Freund und ein Freund dieses Landes

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)


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„Wir“ und „sie“

Erstellt von DL-Redaktion am 5. Juni 2016

Texte von Uri Avnery

von Uri Avnery

NEIN, ES ist nicht  „wir“ und  „sie“.
Nicht  „wir“ –  die Guten, die Moralischen, die Richtigen. Oder, um es plump zu sagen:  die Großartigen. Die Juden.
Und nicht „sie“ – die Bösen, die Schlimmen. Um es  wieder plump zu sagen: die Verachtenswerten. Ja, die Araber.
Wir, die von Gott Auserwählten, weil wir so speziell sind.
Sie, die Heiden, die zu allen möglichen Idolen beten, wie Allah oder Jesus.
Wir, die heldenhaften Wenigen, die wir uns in jeder Generation gegenüber jenen sehen, die uns vernichten wollen, aber wir retten uns vor ihren Händen.
Sie, die vielen Feiglinge, die uns und unsern Staat vernichten wollen und unser Mut besiegt sie.
Sie – alle Goyim, aber besonders die Muslime, die Araber, die Palästinenser.
Nein, so ist es nicht. Überhaupt nicht. 

VOR EINIGEN Tagen sagte Jitzhak Herzog etwas besonders Widerliches.
Herzog, der Führer der Labor-Partei, der Vorsitzende des „Zionistischen Lager“-Union, der Chef der Opposition (ein Titel, der automatisch dem Führer der größten Oppositions-Partei verliehen wird), erklärte, dass seine Partei bei den Wahlen scheiterte, weil die Leute glauben, dass seine Mitglieder „Araberliebhaber“ seien
Wenn man dies ins Deutsche übersetzt, mag dies besser verstanden werden. Zum Beispiel, dass Angela Merkels Partei aus „Juden-Liebhabern“ besteht.
Keiner sagt so. Tatsächlich  darf das keiner sagen. Nicht im heutigen Deutschland.
Man mag vermuten, dass Herzog es nicht so meinte, wie es klingt. Sicher nicht in der Öffentlichkeit. Es entwich nur aus seinem Mund. Er meinte es nicht so.
Vielleicht. Aber ein Politiker, aus dessen Mund solche Wörter kommen, kann nicht  Führer eines großen politischen Lagers sein. Eine Partei mit solch einem Führer, die ihn nicht am selben Tag hinauswirft, ist nicht wert, das Land zu führen.
Nicht, weil er unrecht hat. Es gibt sicher viele Leute, die glauben, dass die Labor-Partei Mitglieder hat, die „Araberliebhaber“ sind. (auch wenn es keine Anzeichen dafür gibt, dass sie es sind. Es mag eine geheime Leidenschaft sein.) Und viele Leute glauben, dass die Labor-Partei  so tief gesunken sei, weil so viele dieses schreckliche Ding glauben. Das Problem ist, diese Art von Personen würden nie für Labor stimmen, noch weniger Herzog, sogar wenn sie auf und abspringen und schreien: „Tod den Arabern!“
Und dies ist noch nicht die wichtigste Sache. Die bedeutendste Tatsache ist, dass jenseits all der moralischen und politischen Ansichten, diese Wörter decken einen entsetzlichen Mangel an Verständnis der israelischen Realität auf.
DIE HEUTIGE israelische Realität bedeutet, dass es nicht die geringste Chance gibt, die Rechten von der Macht zu beseitigen, wenn sie nicht  einer vereinigten und resoluten Linken gegenüber steht, die sich auf eine jüdisch-arabische Partnerschaft gründet.
Es gibt eine demographische Realität. Die arabischen Bürger stellen etwa 20% der Israelis dar. Um eine Mehrheit ohne Araber zu erreichen, würde die jüdische Linke 60% der jüdischen Öffentlichkeit benötigen. Das ist ein Hirngespinst.
Einige träumen vom Zentrum, das die Arbeit der Linken tun könnte. Das ist auch ein Hirngespinst. Das Zentrum hat keine Kraft, und kein Rückgrat, keine ideologische Basis. Es zieht die Schwachen und die Sanftmütigen an, jene die sich  zu nichts verpflichten wollen. Die Yair Lapids und die Moshe Kachalons wie ihre Vorgänger und wahrscheinlich ihre Nachfolger sind wie Schwänze der Füchs, nicht wie Köpfe von Löwen. Seit den Tagen der Dash-Partei  1977 hängen sie immer die Rechten an. Von dort  kommen sie, dorthin werden sie zurückkehren.
Vorbei sind die Tage der alten Laborpartei, Mapai mit ihren Schwänzen – der früheren national-religiösen Partei und der jüdisch-orientalischen Shas-Partei.
Eine neue große und starke Linke müsste kommen.
Solch eine Linke, neu, groß und stark, kann nicht entstehen außer auf einer soliden Basis einer jüdisch-arabischen Einheit. Dies ist kein Traum oder eine aussichtslose Hoffnung. Es ist eine  einfache politische Tatsache. Nichts Gutes  wird ins Land kommen, es sei denn, auf der Basis der jüdisch-arabischen Partnerschaft. Diese Partnerschaft machte das Oslo-Abkommen möglich. Ohne die arabischen Stimmen in der Knesset wäre dieses nicht genehmigt worden.  Solch eine Partnerschaft ist für jeden Schritt in Richtung Frieden notwendig.
Das Argument, dass ein Führer „der Araber nicht liebt, ist an sich irrelevant. Es sagt nur, dass die Person nicht geeignet ist, Israel zu führen. Er wird in Nichts Erfolg haben, ganz sicher nicht beim Frieden machen.
Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Redewendung „die Araber lieben“ kindisch ist. Wie kann man ein ganzes Volk lieben- oder nicht lieben? In jedem Volk – einschließlich dem unsrigen – gibt es gute und schlimme Individuen, gutherzige  und üble, freundlich und feindlich gesinnte.  „Araber-Liebhaber“ sind wie „Juden-Liebhaber“ zwei Wörter, die einen starken antisemitischen Geruch haben, wie jeder Jude weiß.
Ich war ein Augenzeuge – und  Aktionszeuge – vieler Bemühungen, um eine jüdisch-arabische Partnerschaft in Israel zu gründen, buchstäblich von den ersten Tagen des Staates an.
Ich habe schon viele Male (vielleicht zu viele Male) erzählt: unmittelbar nach dem 1948erKrieg war ich Teil einer winzigen Gruppe, die den ersten Plan für eine „Zwei-Staaten-Lösung“ zusammenstellte. In den 50er-Jahren-nahm ich an  einer Aufstellung eines „Komites gegen die Militärregierung“ teil, eine jüdisch- arabische Gruppe, die für die Abschaffung des repressiven Regimes kämpfte, unter dem die arabischen Bürger litten. (Es wurde 1966 abgeschafft). 1948 nahm ich  am Aufbau der „Progressiven Liste für Frieden“ teil, einer arabisch-jüdischen Partei, die zwei Sitze in der Knesset gewann, einen für einen Araber, einen für einen Juden. Und es gab zwischendrin viele Bemühungen.
Ich erwähne sie, um eine erschreckende Tatsache zu illustrieren: während der letzten 30 Jahre ist die Zusammenarbeit zwischen den jüdischen und arabischen Friedenskräften nicht gewachsen, sondern im Gegenteil: geschrumpft. Es ist ein ständiger Prozess der Abnahme. Und so ist übrigens auch die Zusammenarbeit zwischen den israelischen und palästinensischen Friedenskräften.
Dies ist eine Tatsache. Eine traurige, deprimierende, sogar Verzweiflung-schaffende Tatsache. Aber eine Tatsache.
WER IST daran schuld?
Solche Fragen sind völlig sinnlos, wenn es sich um historische Prozesse geht. Jede historische Tragöde hat viele Väter. Trotzdem werde ich versuchen, sie zu beantworten.
Ich werde gegen mich selbst aussagen: vom Anfang der Besatzung an, seit 1967 reduzierte ich meine Aktivitäten für die jüdisch-arabische Zusammenarbeit innerhalb Israels, um alle meine Bemühungen dem Kampf für den israelisch-palästinischen Frieden, für das Ende der Besatzung, für die Zwei-Staaten-Lösung zu widmen. Auch für die Beziehungen mit Yasser Arafat und seinen Nachfolgern. All dies schien mir damals wichtiger, als der Streit innerhalb Israels. Vielleicht war dies ein Fehler.
Die israelische Linke behauptet jetzt, dass die arabischen Bürger „radikal“ geworden sind. Die arabischen Bürger argumentierten, dass die jüdische Linke sie betrogen und vernachlässigt habe. Vielleicht haben beide recht. Die Araber glaubten, dass die jüdische Linke sowohl im Kampf für den Frieden zwischen den beiden Völkern als auch in dem Kampf in der Sache der Gleichheit innerhalb des Staates. Die jüdische Linke glaubt, dass die Äußerungen von Leuten wie die des Scheich Raed Salah, Knesset- Mitglied Hanin Zuabi und andere, jede Chance der Linken an die Macht zurück zu- kommen, zerstört.
Beide haben recht. Vielleicht sollte die Schuld gleichartig verteilt werden, 50 zu 50. Aber die Schuld der dominanten Gruppe wiegt viel mehr als die Schuld der Unterdrückten.
Jeder Tag liefert neue Beweise über die Kluft zwischen den beiden Völkern innerhalb Israels. Es ist schwierig, das Schweigen der jüdischen Linken in der Angelegenheit des verletzten Palästinensers der in Hebron von einem jüdischen Soldaten ermordet wurde. Es ist auch schwierig, die Holocaust-Leugnung, die unter Arabern wuchert, zu verstehen.
ICH EMPFINDE, dass diese Kluft immer größer und tiefer wird. Seit Jahren habe ich keinen ernsthaften Versuch von beiden Seiten gehört, um eine gemeinsame politische Kraft, ein gemeinsames Narrativ, gemeinsame persönliche und allgemeine Beziehungen – beides auf einem hohen und niedrigen Niveau.
Hier und dort initiieren gute Leute kleine Bemühungen. Aber es gibt keine ernsthafte, nationale, politische Initiative.
Wenn ich einen Telefonanruf empfangen hätte: „Uri die Zeit ist  gekommen, eine ernst zu nehmende Initiative ist unterwegs. Komm und hilf uns!“, wäre ich in die Luft gesprungen und hätte gerufen: „ Hier bin ich!“. Aber es kam kein Telefonanruf.
Er muss von unten kommen. Keine Initiative von einem alten Mann, sondern eine Bemühung von jungen Leuten, frisch und entschlossen.
(Die  Alten, wie ich, können mit ihren Erfahrungen, teilnehmen. Aber es liegt nicht an ihnen, die Initiative zu übernehmen.

SOLCH EINE Bemühung muss bei null anfangen. Ganz von null an.
Als Erstes, muss es eine gemeinsame Bemühung sein, von Juden und Arabern, Muslimen und Christen und Drusen in enger Zusammenarbeit von Anfang an. Nicht dass Juden die Araber einladen. Nicht dass Araber die Juden einladen. Zusammen eine untrennbare Verbindung, vom Augenblick des Beginns.
Eine der ersten Aufgaben ist, im historischen Narrativ überein zustimmen. Nicht ein künstliches, keine Augenwischerei, sondern real und wahrhaftig, eines das die Motive der Zionisten berücksichtigt und die der arabischen Nationalisten, die Grenzen der Führer auf beiden Seiten, die Demütigung der Araber durch den westlichen Imperialismus, das jüdische Trauma nach dem Holocaust und ja, der palästinensischen Nakba.
Es ist sinnlos, hier Fragen zu stellen: „Wer hat recht?“ Solche Fragen sollten nicht  einmal geäußert werden. Beide Völker handelten entsprechend ihren Umständen, ihrer Not und ihrem Elend, entsprechend ihrem Glauben, ihren Fähigkeiten. Da gab es Sünden. Viele sogar. Da gab es Verbrechen. Auf beiden Seiten. Sie müssen erinnert werden. Gewiss. Aber sie dürfen kein Hindernis für eine bessere Zukunft sein.
Vor zwanzig Jahren, hat Gush Shalom (die Organisation, zu der ich gehöre) solch ein gemeinsames Narrativ veröffentlicht, das mit seinen historischen Fakten wahr war und versuchte, zum Verständnis für die Motive beider Seiten zu ermutigen. Einige andere sind gemacht worden. Solch eine Bemühung ist unentbehrlich, um eine intellektuelle und emotionale Basis für eine reale Partnerschaft zu gründen.
Es mag nicht notwendig sein, eine gemeinsame Partei zu schaffen. Vielleicht ist dies jetzt nicht realistisch. Vielleicht würde es besser sein, eine permanente Koalition politischer Kräfte auf beiden Seiten aufzustellen.
Vielleicht sollte ein gemeinsames Schatten-Parlament entstehen, um die Differenzen in einer regulären und öffentlichen Weise zu diskutieren.
Wahre Partnerschaft muss persönlich, sozial und politisch sein. Von Anfang an sollte es das Ziel sein, das Gesicht Israels zu ändern und die Kräfte weg zu schaffen, die  zu einer historischen Tragödie führen. In andern Worten: die Macht übernehmen.
Zur selben Zeit sollten persönliche und soziale Brücken gebaut werden – zwischen Lokalitäten, zwischen Städten, zwischen Institutionen, zwischen Universitäten, zwischen Moscheen und Synagogen.
WEDER YITZHAK Herzog  noch die Labor-Partei können diese Bemühung auf der jüdischen Seite anführen. Weder Herzog noch seine Rivalen in seiner Partei, die seinen Platz übernehmen wollen. (Es scheint, dass die Labor-Partei keinen Politiker dahin bringt, die Führung anzustreben, es sei denn er oder sie hat schon einmal in der Vergangenheit völlig versagt.
Was notwendig ist, ist eine junge energische, innovative neue Führung. Nicht  noch einer dieser jungen Leute, die jetzt auf der politischen Bühne erscheinen, eine neue kleine Gruppe bilden, eine gute Sache für ein oder zwei Jahre schaffen und dann verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. Was notwendig ist sind Leute, die bereit sind, zusammen zu arbeiten, eine Kraft aufbauen, den Staat in eine neue Richtung lenken.
„Araberfreund“? Ja. „Judenfreund“?  Sicher.  Aber vor allem ein Lebens-Freund, ein Friedens-Freund und ein Freund dieses Landes
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Das Viereck abrunden

Erstellt von DL-Redaktion am 24. April 2016

Texte von Uri Avnery

von Uri Avnery

ICH LIEBE den Präsidenten des Staates Israel, Reuven (Rubi) Rivlin. Ich liebe ihn sehr.

Das mag etwas seltsam erscheinen, da er ein Mann der Rechten ist. Er ist ein Mitglied der Likud-Partei. Er glaubt an das, was man im Hebräischen „das ganze Land von Israel“ nennt.

Doch ist er eine sehr menschliche Person. Er ist freundlich und bescheiden. Seine Familie ist seit vielen Generationen in Palästina verwurzelt. Er sieht sich selbst als Präsident aller Israelis, einschließlich der arabischen Bürger.

Ich glaube, dass er eine geheime Verachtung für Binjamin Netanjah und ähnliche hat. Wie wurde er zum Präsidenten gewählt‘? Der Präsident Israels wird in einer geheimen Wahl der Knesset gewählt. Ich habe sehr den Verdacht, dass er nicht alle Stimmen des Likud erhielt, aber von den Stimmen der Linken gewählt wurde.

IN DIESER Woche veröffentlichte Präsident Rivlin einen Friedensplan. Das ist kein gewöhnlicher Akt des Präsidenten, dessen Office hauptsächlich zeremoniell ist

Sein Plan gründet sich auf eine Föderation der zwei „Entitäten“ – eine zionistisch-jüdische Entität und eine arabisch-palästinensische.

Er ging nicht ins Detail. Offensichtlich glaubt er, dass es in diesem Stadium besser sei, eine allgemeine Idee zu verbreiten und die Leute daran zu gewöhnen. Dies mag weise sein.

Doch ist es auch schwierig, den Plan ernsthaft zu beurteilen. Wie die Redewendung es ausdrückt: der Teufel liegt im Detail. Es kann ein sehr guter Plan sein oder ein sehr schlimmer. Es kommt auf die Details an.

Doch die reine Tatsache, dass Rivlin diese Idee veröffentlicht, ist positiv. Im heutigen Israel sind Ideen festgefroren. Dies hilft eine Atmosphäre der Resignation, der Gleichgültigkeit oder gar Verzweiflung zu schaffen. „Es gibt keine Lösung“ ist eine allgemeine Haltung, die von Netanjahu unterstützt wird, der die passende Schlussfolgerung für sich zog: „Wir werden immer mit dem Schwert leben.“

DIE IDEE einer Föderation ist nicht neu. Ich selbst habe darüber viel Male nachgedacht. (Ich muss mich deshalb entschuldigen, wenn ich hier Dinge wiederhole, die ich schon früher erwähnt habe.)

Vor dem 1948er-Krieg glaubten einige von uns, dass die Hebräer und die Araber in diesem Land in einer neuen gemeinsamen Nation fusionieren könnten. Der Krieg vernichtete diese Auffassung. Ich zog die Schlussfolgerung, dass wir in diesem Land zwei verschiedene Nationen haben und dass jede realistische Lösung sich auf diese Tatsache gründen muss.

Unmittelbar nach diesem Krieg – anfangs 1949 – traf sich eine kleine Gruppe, um eine Lösung zu finden. Diese Gruppe schloss auch einen Muslim und einen Drusen ein. Sie schuf das, was jetzt die Zwei-Staaten-Lösung im Land zwischen Mittelmeer und dem Jordan und vielleicht darüber hinaus genannt wird. Heute ist dies ein überwältigender Welt-Konsens.

Es war für uns klar, dass zwei Staaten in einem kleinen Land, wie das unsrige nicht ohne eine sehr enge Kooperation zwischen ihnen – Seite an Seite – existieren können. Wir zogen in Erwägung, ob dies eine Föderation genannt werden kann, aber entschieden uns, dies nicht zu tun, da wir fürchteten, dass dies beide Seiten erschrecken würde.

Unmittelbar nach dem !956er-Krieg (in diesem Land sind wir immer „unmittelbar nach dem Krieg“) bildeten wir eine viel größere Gruppe, die sich „semitische Aktion“ nannte. Sie schloss Nathan Yallin-Mor, den früheren Kommandeur der (terroristischen) Untergrund-Gruppe Lehi ein, die bei den Briten als die Stern-Bande bekannt war, auch die Schriftsteller Boaz und Amos Kenan und andere gehörten dazu. Wir widmeten ein ganzes Jahr, um ein Dokument zu erstellen, von dem ich glaube, dass es bis heute beispiellos ist. Mit diesem stellten wir einen Entwurf auf für totale Veränderung des Staates Israel und zwar für alle Lebensbereiche. Wir nannten ihn das „Hebräische Manifest“.

Das Manifest schließt eine Föderation zwischen dem Staat Israel und dem Staat Palästina ein mit den notwendigen gemeinsamen Instituten an der Spitze. Es befürwortete auch die Schaffung einer „semitischen Konföderation“ aller arabischen Staaten, Israel und vielleicht auch der Türkei und dem Iran (die keine semitischen Länder sind, obgleich ihre Religion semitische Wurzeln hat.)

SEIT DAMALS kam der Gedanke einer Föderation oder einer Konföderation verschiedene Male auf und unter verschiedenen Umständen, hat aber nie Wurzeln gefasst.

Die Ausdrücke selbst sind ungenau. Was ist der Unterschied zwischen ihnen? In verschiedenen Ländern haben sie verschiedene Bedeutungen. Russland ist jetzt offiziell eine Föderation, doch ist nicht klar, welche Rechte die einzelnen Bestandteile haben. Die Schweiz nennt sich eine Konföderation. Der deutsche Bund ist eine „föderale Republik“. Die europäische Union ist für alle praktischen Zwecke eine Konföderation, wird aber nicht so genannt.

Es wird mehr oder weniger akzeptiert, dass eine „Föderation“ viel mehr eine Union ist als eine „Konföderation“. Dies wurde durch den amerikanischen Bürgerkrieg klar, als der „föderale“ Norden gegen die „konföderalen Südstaaten kämpfte, die versuchten, sich von der Union zu trennen, die zu eng für ihren Geschmack war.

Aber wie ich sagte, sind diese Termini sehr liquide. Und sie sind wirklich nicht bedeutend. Es ist die Substanz, die von Bedeutung ist, und die Substanz variiert notwendiger Weise von Ort zu Ort, je nach Geschichte und Umständen.

FÜR UNSER Land, liegt die Schönheit der Idee in der Tatsache, dass sie das Viereck abrundet.

Was wünschen beide Seiten?

Die Juden wollen einen jüdischen Staat, einen Staat, der sich auf die jüdische Kultur und Geschichte gründet, hauptsächlich hebräisch spricht und mit der jüdischen Diaspora verbunden ist. Außer einer sehr kleinen Minderheit ist dies eine ideale Allmende (Was ist das?) für alle jüdischen Israelis. Viele Israelis würden auch gerne das Land vereint behalten und besonders die Stadt Jerusalem.

Die Palästinenser wollen endlich einen eigenen freien Staat, in dem sie ihre eigenen Herren sind, ihre eigene Sprache sprechen, ihre eigene Kultur und Religion pflegen, befreit von der Besatzung, unter ihrem eigenen Gesetz.

Eine (Kon-)föderation kann diesen anscheinenden Widerspruch lösen, das Quadrat zu einen Kreis machen. Es würde beiden Völkern erlauben, in ihren eigenen Staaten frei zu leben, mit ihren eigenen Identitäten, nationalen Flaggen, National–Hymne , Regierungen und Fußball-Teams, während zur selben Zeit die Einheit des Landes gerettet ist und ihre gemeinsamen Probleme in Einheit und enger Kooperation gelöst werden. Die Grenze zwischen ihnen wird notwendiger Weise zur freien Passage von Personen und Waren offen sein.

Ich bin kein Experte für Nord-Amerika. Aber es scheint mir, dass so etwas wie dies zwischen den US, Kanada und Mexiko schon existiert (wenigstens bis Donald Trump Präsident wird) trotz der kulturellen und sozialen Unterschiede zwischen den drei Völkern.

PRÄSIDENT RIVLIN sollte mit der Darlegung der Idee nicht zufrieden sein. Er sollte etwas tun, trotz der Beschränkung seines Amtes.

Ich würde vorschlagen, dass er auf höchster Ebene eine Konferenz von Experten in seine Residenz einberuft und damit beginnt, in die Details zugehen, um herauszufinden, wie dies praktisch aussehen könnte.

Ich glaube nicht, dass beide Seiten mit einer „Entity“ zufrieden sein werden. Die jüdischen Israelis werden die Eigenstaatlichkeit Israels nicht aufgeben, noch werden die Palästinenser mit irgendetwas das weniger als ein „Staat“ ist. zufrieden sein.

Vor allem gibt es das Problem der Armee. Wird es dann zwei getrennte Armeen geben, mit irgendeiner Form von Koordination – nicht wie die sehr ungleiche Beziehung, die jetzt zwischen der israelischen Armee und der palästinensischen „Sicherheitskraft“ besteht. Kann es eine unitäre Armee geben? Oder etwas dazwischen?

Das ist sehr schwierig. Viel einfacher ist das Problem mit der Gesundheit. Es gibt zwischen den Völkern schon viel Kooperation: arabische Ärzte und Sanitäter, die in israelischen Kkenhäusern arbeiten, und israelische Ärzte, die palästinensische Kollegen in den besetzten Gebieten beraten.

Wie ist es mit der Bildung? In jedem der zwei Staaten gründet sich die Bildung natürlich auf ihre eigene Sprache, Kultur, Geschichte und Traditionen. In jedem Staat müssen die Schüler die Sprache der andern Seite lernen, so wie die Schweizer Schüler eine der nationalen Sprachen lernen, eine andere als ihre eigene.

Das genügt nicht. Auf beiden Seiten müssen die Lehrer weiter gebildet werden und wenigstens die Grundlagen der Kultur, der Geschichte und Religion der anderen Seite lernen. Die Schulbücher müssen von den Spuren von Hass befreit werden und ein wahres objektives Narrativ der Ereignisse der letzten 120 Jahre geben.

Die Wirtschaft bietet ernste Probleme. Das durchschnittliche Einkommen eines Israeli ist 20 mal (ja, das ist kein Fehler. Nicht 120%, sondern „2000%) größer als das durchschnittliche Einkommen eines Palästinenser in den besetzten Gebieten sein. Da müsste es eine föderale Anstrengung geben, um diesen unglaublichen Abstand zu vermindern.

Natürlich kann nicht alles geplant und verordnet werden. Das Leben wird übernehmen. Israelische Geschäftsleute, die in Saudi Arabien und im Irak Erfolg haben wollen, werden sich nach palästinensischen Partnern umschauen und palästinensische Unternehmer könnten israelische Kompetenz und Kapital anwenden, um Geschäfte im Jemen und Marokko zu machen. Freundschaften werden geschlossen. Hier und da werden Misch-Ehen stattfinden. (Nein, Gott verhüte, streich den letzten Satz aus !!!)

Gegenseitige Kontakte haben ihre eigene Logik. Wo immer sich Muftis und Rabbiner treffen, entdecken sie die unglaublichen Ähnlichkeiten zwischen dem Islam und dem Judentum (viel mehr als zwischen ihnen und dem Christentum). Geld überbrückt die Kluft zwischen Geschäftsleuten. Akademiker finden eine gemeinsame Sprache.

Da wird es natürlich immense Schwierigkeiten geben. Und die Siedler? Können die Palästinenser überzeugt werden, dass einige von ihnen bleiben? Im Gegenzug können die Israelis erlauben, dass einige Flüchtlinge zurückkehren? Ich vertraue dem Leben.

ICH KANN die bedeutende Rolle des Präsidenten Rivlin nicht übertreiben, die er bei all dem spielt.

Er könnte Experten in seine Residenz einladen und Gastgeber spielen, und damit ein klares Signal geben, ohne sich selbst zu kompromitieren.

Die Diskussionen selbst könnten einen großen geistigen Einfluss haben, die Atmosphäre verändern, die Hoffnung neu beleben, Optimismus erzeugen.

Rubi Rivlin ist von Natur ein Optimist – wie ich.

Ohne Optimismus wird sich nichts zum Besseren verändern.

Der Präsident kann normalen, anständigen Leuten auf beiden Seiten zeigen: Ja, das Quadat kann zum Kreis werden!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Fall des Soldaten A.

Erstellt von DL-Redaktion am 17. April 2016

Alles, außer der Hauptsache.

Autor Uri Avnery

ES SCHEINT, dass alles irgendwie Mögliche schon gesagt, geschrieben, verkündet, behauptet und verleugnet worden ist und zwar über den Vorfall, der Israel erschüttert hat.

DER ZWISCHENFALL dreht sich um „den Soldaten von Hebron“. Die Militär-Zensur erlaubt nicht, dass er mit Namen genannt wird. Er kann Soldat A genannt werden.

Es geschah im Tel Rumaida-Viertel in der besetzten südlichen Westbankstadt Hebron, wo eine Gruppe von super-extremen Siedlern vom rechten Flügel mitten unter etwa 160 000 Palästinensern lebt. Sie werden schwer von der israelischen Armee beschützt. Es wimmelt von gewalttätigen Zwischenfällen.

An dem besagten Tag griffen zwei lokale Palästinenser einige Soldaten mit Messern an. Beide wurden auf der Stelle angeschossen. Der eine von ihnen wurde getötet, der andere schwer verletzt und lag auf dem Boden.

Der Platz war voller Leute. Sanitäter wandten sich dem verletzten Soldaten( aber nicht dem Palästinenser)zu, mehrere Offiziere und Soldaten standen mit einigen Siedlern herum.

Nach sechs Minuten erschien Soldat A auf der Bühne. Er sah sich vier Minuten um, dann näherte er sich dem verletzten Angreifer und schoss ihn aus der Nähe kaltblütig eine Kugel in den Kopf. Die Autopsie zeigte, dass dies tatsächlich der Schuss war, der ihn tötete.

Als Schluss-Szene zeigt die Aufnahme den Soldaten A, wie er einem der Siedler, dem berüchtigten Baruch Marzel, einem Führer der geächteten Partei des verstorbenen Meir Kahane, die Hand schüttelt. Letzterer wurde vom Obersten Gericht als Faschist bezeichnet.

BIS DAHIN gibt es keine Diskussion über die Fakten. Aus einem einfachen Grund wurde der ganze Zwischenfall von einem einheimischen Palästinenser aus ziemlicher Nähe fotografiert. Die israelische Menschenrechtsgruppe B’tselem hat vielen Palästinensern eine Video-Camera gegeben, um genau solch eine Eventualität aufzunehmen.

(B’tselem ist ein biblischer Name und bedeutet „Nach (Seinem) Bild“. Nach Genesis 2 schuf Gott den Menschen „nach seinem Bild“. Dies ist eines der menschlichsten Verse in der Bibel, da dies bedeutet, dass alle Menschen ohne Unterschied nach dem Bilde Gottes geschaffen sind).

Die Video-Camera spielt bei diesem Vorfall eine bedeutende Rolle. In der gegenwärtigen Intifada, sind viele arabische Angreifer bei solchen Vorfällen getötet worden. Es gibt einen starken Verdacht, dass viele von ihnen exekutiert wurden, nachdem sie schon „neutralisiert“ wurden – die Armee spricht so von arabischen Angreifern, die keinem mehr Leid antun können, weil sie tot sind, schwer verletzt oder gefangen genommen wurden.

NACH ISRAELISCHEN Armee-Befehlen ist es Soldaten nicht erlaubt, feindliche Angreifer zu töten, wenn sie keine Gefahr mehr darstellen. Andrerseits glauben viele Politiker und Armeeoffiziere, dass es „Terroristen nicht erlaubt werden soll, nach einem Angriff am Leben zu bleiben“. Dies war ein inoffizieller Befehl des verstorbenen Ministerpräsidenten Yitzhak Shamir. (Er selbst war ein hervorragender Terrorist).

Doch das Armee-Kommando hat niemals diese Regel akzeptiert. Als in Shamirs Tagen als Ministerpräsident der Shin Bet-Chef zwei gefangene Busentführer tötete, stand er einer strafbaren Anklage gegenüber bis er vom Präsidenten begnadigt wurde. Er wurde entlassen.

Bei einem anderen Vorfall wurde ein palästinensisches Mädchen, ein Teenager, das auf der Straße mit einer Schere herumrannte, aus geringem Abstand von einem Polizisten totgeschossen.

In all diesen speziellen Fällen war es die Video-Camera, die etwas bewegte. (Vielleicht sollte das göttliche Gebot berichtigt werden: Du sollst nicht töten, wenn eine Camera in der Nähe ist!)

Der Kommandeur des Soldaten A fragte ihn auf der Stelle, warum er den verletzten Palästinenser erschoss. Der Soldat A antwortete spontan: „Er verletzte meinen Kameraden – also verdient er zu sterben“.

Bald danach wurde ihm klar, dass dies die falsche Antwort war, also berichtigte er sie. „Er bewegte sich und ein Messer lag neben ihm, also fühlte ich mich bedroht.“ Es zeigte sich, dass ein anderer Soldat das Messer schon weggeschubst hatte.

Später gab er einen anderen Grund an, an dem er seitdem blieb. Ich sah eine Wölbung unter seiner Jacke und dachte, dass er einen Bombengürtel anhatte. Ich schoss, um das Töten von jemand anderen hier zu verhindern.“ Das ist höchst unwahrscheinlich, da der Filmmitschnitt deutlich zeigt, dass all die anderen Leute in der Nähe nicht beunruhigt waren. Der verletzte Mann war schon untersucht worden. Die Militärpolizei verkündigte also, dass sie den SoldatenA wegen Mordes anklagen.

EIN RIESIGER Sturm brach aus. Im ganzen Land griffen die Rechten, die Siedler, die Politiker und andere das Armee-Kommando in einer nie zuvor gehörten Sprache an.

Der Bildungsminister Naftali Bennet, der Führer der extremen Rechten „Jüdisches Heim“-Partei griff wütend den Verteidigungsminister, ein früherer Stabschef, der ein moderater Likud-Rechter ist, an.

Der gegenwärtige Stabschef Gadi Eizenkot, hat sich nicht abschrecken lassen. Er wiederholt die Armee-Order und unterstützt die Aktionen der Militär-Polizei gegen den Mob, die die Sozial-Medien mit Tausenden von Botschaften überfluten und das Armee-Kommando verfluchten. Benjamin Netanjahu unterstützte zunächst schwach den Verteidigungsminister, dann wurde er still.

Dies war nur der Beginn. Die Eltern des Soldaten A griffen das Armee-Kommando in den Medien an, dass sie ihren Baby Sohn „im Stich lassen“. Die Mitglieder der Armee-Einheit verfluchten offen ihre Kommandeure und die Militärpolizei. Im ganzen Land tönte der Schrei, dass der Soldat A ein „Held“ sei.

Demonstrationen von Soldaten und Zivilisten fanden vor dem Militärgericht innerhalb eines Armee-Compounds statt. Minister und Knesset-Mitglieder kamen in den Gerichtsraum, um ihre Solidarität mit dem „Held“ zu demonstrieren. Der Armeechef und der Verteidigungsminister wurden vom Mob aufgerufen, abzutreten.

ICH WÜRDE hier gern meine persönlichen Bemerkungen hinzufügen

Im Krieg 1948 war ich ein Soldat in einer Kommando-Einheit, die mit einem Ehrentitel ausgezeichnet wurde: die „Samson- Füchse“. Ich nahm an etwa 50 Gefechten teil. Ich schrieb zwei Bücher über diese Erfahrungen. Das erste „Auf den Feldern der Philister“ wurde während des Krieges geschrieben und beschrieb die Schlachten. Alles Geschriebene war die Wahrheit und nur die Wahrheit – aber nicht die ganze Wahrheit. Das zweite Buch „Die andere Seite der Münze“, das sofort nach dem Krieg veröffentlicht wurde, beschrieb die dunkle Seite des Krieges, einschließlich der Kriegsverbrechen.

Auf Grund dieser Erfahrung wage ich zu behaupten: jeder der den Soldaten A einen Helden nennt, beleidigt die Hundert Tausenden von anständigen Soldaten, die in der israelischen Armee seit damals bis heute dienten und unter ihnen wirkliche Helden, (wie die vier marokkanisch-jüdischen Soldaten, die ihr Leben riskierten und mich unter Feuer in Sicherheit brachten, als ich verwundet wurde.)

Ein Held ist ein Soldat, der sein Leben riskiert, um einen Kameraden zu retten oder um eine andere wichtige Aufgabe auszuführen. Jemand der einen verwundeten Feind erschießt, ist kein Held, und ihn so zu nennen, ist eine Beleidigung der anständigen Soldaten, die versuchen, ihre Menschlichkeit unter harten—manchmal unmöglichen – Umständen zu bewahren.

Ein anständiger Soldat braucht keine Armee-Order, um zwischen erlaubten und verbotenen zu unterscheiden, zwischen annehmbaren und kriminellen, zwischen einem Held und einem blutrünstigen Feigling. Er weiß das einfach.

EINIGE LEUTE mögen sich über meine Haltung gegenüber der Armee wundern.

Ich bin ein Pazifist. Ich hasse den Krieg und Gewalt. Aber ich bin kein Einfaltspinsel. Ich weiß, dass jedes Land eine Armee braucht, nicht nur in Kriegszeiten, sondern auch in Friedenzeiten.

Eine Armee ist eine Tötungsmaschine. Aber nach dem grauenhaften 30-Jährigen Krieg im 17. Jahrhundert legte die zivilisierte Menschheit Grenzen fest. Kurz gesagt, Gewalt wird erlaubt, wenn sie den Zwecken des Krieges dient, ist aber absolut verboten, wenn sie gegen hilflose Menschen angewandt wird, wie Gefangene und Verletzte.

Wie einige von uns voraussahen, haben 50 Jahre Besatzung unsere Armee in vieler Hinsicht korrumpiert. Es ist nicht mehr die Armee, in der ich diente. Es ist nicht eine Armee, auf die ich stolz sein kann. Sie ähnelt mehr einer kolonialen Polizeikraft als einer Armee, deren Pflicht es ist, unsern Staat in einer turbulenten Nachbarschaft zu verteidigen.

Ausländer mögen sich über die Tatsache wundern, dass in Israel das Armee –Kommando im Allgemeinen moderater ist als die Regierung und die Politiker. Aus historischen Gründen ist das immer so gewesen. Ich gebe dem Armee-Kommando die Schuld für viele Fehler und Verbrechen, aber ich muss sie für ihre Charakter-Stärke in diesem Fall loben.

DIE HAUPTPUNKTE dieses Zwischenfalls, die keiner auszusprechen wagt, dass das erste Mal in der Geschichte Israels wir Zeugen einer Meuterei sind.

Es gibt keine andere Art und Weise, dies zu definieren.

Eine Gruppe Soldaten, unterstützt von einem größeren Teil der politischen Szene, hat gegen ihre Kommandeure gemeutert. Dies ist eine größere Bedrohung für den Staat, eine Infrage-Stellung von dem, was von unserer Demokratie übrig bleibt.

Die Fäulnis, die in den besetzten Gebieten begann, breitet sich im Land aus. Dies hat sich jetzt in der einen Institution manifestiert, die bis jetzt von allen (jüdischen) Israelis geliebt wurde, der Armee.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Unter den Linden

Erstellt von DL-Redaktion am 10. April 2016

Texte von Uri Avnery

von Uri Avnery

EINE DER bekanntesten Zeilen in der deutschen Dichtung ist „ Grüß mich nicht unter den Linden.“

Der jüdisch-deutsche Dichter Heinrich Heine bittet seine Geliebte, ihn nicht zu beschämen, indem sie ihn öffentlich in der Hauptstraße von Berlin grüßt, die „Unter den Linden“ genannt wird.

Israel ist in der Position dieser illegalen Geliebten. Arabische Länder haben eine Affäre mit ihr, wollen aber nicht mit ihr in der Öffentlichkeit gesehen werden.

Das wäre zu beschämend.

DAS FRAGLICHE arabische Land ist Saudi Arabien. Seit einiger Zeit ist das Königreich ein heimlicher Verbündeter von Israel gewesen – und umgekehrt.

In der Politik übertrumpfen nationale Interessen oft ideologische Unterschiede. Das ist hier der Fall.

Das Gebiet, das vom Westen als „Naher Osten“ bezeichnet wird, ist jetzt in zwei Lager polarisiert, angeführt jeweils von Saudi Arabien und dem Iran.

Der nördliche Bogen besteht aus dem schiitischen Iran, dem heutigen Irak mit seiner schiitischen Mehrheit, dem wichtigsten syrischen Gebiet, das von der alawitischen Gemeinde und der schiitischen Hisbollah im Libanon kontrolliert wird.

Der südliche Block, angeführt vom sunnitischen Saudi Arabien, besteht aus den sunnitischen Staaten Ägypten und den Golfstaaten. In einer schattenhaften Weise sind sie mit dem sunnitischen islamischen Kalifat verbunden, auch als Daesh oder Isis bekannt, das sich selbst zwischen Syrien und dem Irak deponiert hat. Außer Ägypten, das so arm wie eine Moschee-Maus ist, sind alle stinkreich mit Öl.

Der nördliche Bogen wird von Russland unterstützt, das gerade jetzt der Assad-Familie in Syrien einen massiven militärischen Stoß gegeben hat. Der südliche Block ist bis vor kurzem von den US und ihren Verbündeten unterstützt worden.

DIES IST ein ordentliches Bild, wie es sein soll. Die Menschen in aller Welt mögen keine komplizierten Situationen, besonders wenn sie es schwierig machen, zwischen Freunden und Feinden zu unterscheiden.

Zum Beispiel die Türkei. Die Türkei ist ein sunnitisches Land, vorher säkular, jetzt aber von einer religiösen Partei regiert. Deshalb ist es logisch, dass es stillschweigend Daesh unterstützt.

Die Türkei kämpft gegen die syrischen Kurden, die gegen Daesh kämpfen und die mit der kurdischen Minderheit in der Türkei verbündet sind, die von der türkischen Regierung als tödliche Bedrohung angesehen wird.

(Die Kurden sind ein separates Volk – weder arabisch noch türkisch – die zwischen dem Irak, dem Iran, der Türkei und Syrien aufgeteilt sind. Sie sind meistens Sunniten.

Die US kämpfen gegen Assads Syrien, das von Russland unterstützt wird. Die US kämpfen aber auch gegen Daesch, der gegen Assads Syrien kämpft. Die syrischen Kurden kämpfen gegen Daesch, aber auch gegen Assads Armee. Die libanesische Hisbollah unterstützt stark Syrien, ein traditioneller Feind des Libanon und hält Assads Herrschaft lebendig, während diese gegen Daesch kämpft, Seite an Seite mit den US, ein tödlicher Feind von Hisbollah. Der Iran unterstützt Assad und kämpft gegen Daesch, Seite an Seite mit den US, Hisbollah und den syrischen Kurden.

Man versuche nicht, dies auszusortieren. Keiner kann das.

Vor kurzem hat die US ihre Orientierung gewechselt. Bis dahin war das Bild klar. Die US benötigen das saudische Öl, so billig wie der König es liefern kann. Sie hassen auch den Iran, seitdem die schiitischen Islamisten den iranischen Schah der Schahs, einen amerikanischer Handlanger, hinaus geworfen haben. Die Islamisten fingen die amerikanischen Diplomaten und hielten sie als Geiseln. Um sie zu befreien, lieferten die US der iranischen Armee über Israel Waffen (Dies wurde Irangate genannt). Der Iran war mit dem Irak im Krieg, das unter der sunnitischen Diktatur von Saddam Hussein war. Die Amerikaner unterstützten Saddam gegen den Iran. Aber später überfielen sie den Irak, erhängten ihn und lieferten den Irak tatsächlich dem Iran, seinem Todfeind, aus.

Jetzt haben die US einen zweiten Gedanken (als ob dieses Durcheinander viel mit „Gedanken“ zu tun hat) Ihr traditionelles Bündnis mit Saudi-Arabien gegen den Iran sieht nicht mehr so attraktiv aus. Die US Abhängigkeit vom arabischen Öl ist nicht mehr so stark, wie sie war. Plötzlich sieht die Saudi-religiöse Tyrannei nicht mehr so attraktiv aus wie die iranisch-religiöse Demokratie und ihr verlockender Markt. gegen 20 Millionen einheimischer Saudis gibt es 80 Millionen Iraner.

Wir haben jetzt also ein US-iranisches Abkommen. Die westlichen Sanktionen gegen den Iran werden aufgehoben. Es sieht jetzt wie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft aus. Die saudischen Prinzen schäumen vor Wut und zittern vor Angst.

WO IST in diesem Durcheinander Israel? Nun, es ist ein Teil dieses Durcheinander.

Als Israel mitten in einem Krieg mit den Arabern errichtet wurde, bevorzugte die Regierung etwas, das „Bündnis der Minderheiten“ genannt wurde. Dies bedeutete Kooperation mit allen peripheren Faktoren in der Region: die Maroniten im Libanon (die Schiiten wurden verachtet und ignoriert), die Alawiten in Syrien, die Kurden im Irak. Die Kopten in Ägypten, die Herrscher des Iran, Äthiopien, Süd-Sudan, des Tschad und so weiter.

Da gab es tatsächlich lose Verbindungen mit den Maroniten. Der Iran des Shah wurde ein enger, wenn auch halbgeheimer Verbündeter. Israel half dem Schah, seine Geheimpolizei aufzubauen und der Schah erlaubte israelischen Offizieren durch sein Gebiet zu gehen, um sich den kurdischen Rebellen im Nord-Irak anzuschließen und sie zu instruieren – bis der Schah leider ein Geschäft mit Saddam Hussein machte. Der Shah wurde auch ein Partner Israels im Ölgeschäft, das persisches Öl über Eilat nach Ashkalon brachte, statt durch den Suez-Kanal (Ich verbrachte einmal einen Tag, um diese Leitung aufzubauen, die noch immer ein gemeinsames israelisch-iranisches Geschäft ist, Subjekt eines Schiedsgerichts-verfahrens.

Jetzt ist die Situation ganz anders. Die schiitisch-sunnitische Teilung (betreffend der Nachfolge des Propheten Muhammad, die viele Generationen schlummerte, erwachte wieder und dient natürlich sehr weltlichen Interessen.

Für die Saudis ist ihre Konkurrenz mit dem Iran um die Vorherrschaft in der muslimischen Welt viel wichtiger als der alte Kampf mit Israel. Tatsächlich veröffentlichten die Saudis vor Jahren einen Friedensplan, der den Friedensplänen der israelischen Friedenskräfte (einschließlich der meinigen) ähnelte. Er wurde von der Arabischen Liga akzeptiert, aber von Sharons Regierung und dann von auf einander folgenden israelischen Regierungen völlig ignoriert.

Benjamin Netanjahus Berater rühmten sich damit, dass die geopolitische Situation für Israel nie besser war als sie jetzt ist. Die Araber sind mit ihren Streitigkeiten beschäftigt. Viele arabische Länder wollen ihre geheimen Verbindungen mit Israel stärken.

Die Verbindungen mit Ägypten sind sogar nicht geheim. Der ägyptische Militär-Diktator kooperiert offen mit Israel, indem er den Gazastreifen mit seinen fast zwei Millionen Einwohnern stranguliert. Der Streifen wird von der Hamas beherrscht, einer Bewegung, von der die ägyptische Regierung behauptet, dass sie mit ihrem Feind Daesch verbunden ist.

Indonesien, das größte muslimische Land in der Welt, ist nahe dran, seine Verbindungen mit uns zu öffnen. Israels politische und wirtschaftliche Verbindungen mit Indien, China und Russland sind gut und nehmen zu.

Das kleine Israel wird als ein militärischer Riese, als eine technische Macht, eine stabile Demokratie (wenigstens für seine jüdischen Bürger) angesehen. Feinde wie die BDS-Bewegung sind nur Irritationen. Was ist also schlimm?

DAMIT KEHREN wir zu den Lindenbäumen zurück. Keiner unserer arabischen Freunde will uns öffentlich grüßen. Ägypten, mit dem wir einen offiziellen Friedensvertrag haben, heißt israelische Touristen nicht mehr willkommen. Ihnen wird geraten, nicht mehr dorthin zu gehen.

Saudi Arabien und seine Verbündeten wünschen keine offenen und offiziellen Beziehungen mit Israel. Im Gegenteil, sie sprechen über Israel weiter wie während des schlimmsten Kriegszustandes und der arabischen Zurückweisung.

Sie zitieren alle denselben Grund: die Unterdrückung des palästinensischen Volkes. Sie sagen alle dasselbe: offizielle Beziehungen mit Israel werden erst nach dem Ende des israelisch-palästinensischen Konfliktes kommen. Die Massen der arabischen Völker überall sind emotional zu sehr an der Notlage der Palästinenser beteiligt, um offizielle Verbindungen zwischen ihren Herrschern und Israel zu dulden.

Diese Herrscher stellen alle dieselben Bedingungen, die schon von Yasser Arafat vorgebracht wurden und im Saudi-Friedensplan eingeschlossen waren: ein freier palästinensischer Staat, Seite an Seite mit Israel, gegenseitig anerkannte Grenzen, die sich auf die Grenzen vom Juni 67 gründen, Grenzen mit kleinerem Austausch von Territorium, eine „vereinbarte“ Rückkehr der Flüchtlinge („vereinbart“ mit Israel bedeutet höchstens eine symbolische Rückkehr einer sehr begrenzten Anzahl).

Die israelischen Regierungen haben niemals auf diesen Plan reagiert. Heute unter Benjamin Netanjahu sind sie weiter von diesen Bedingungen entfernt als je. Fast täglich verabschiedet unsere Regierung Gesetze, vergrößert die Siedlungen, ergreift Maßnahmen und gibt Erklärungen ab, die Israel von jedem Frieden weiter wegstößt, den die arabischen Länder akzeptieren konnten.

ZUKÜNFTIGE GENERATIONEN werden auf diese Situationen nur mit Verwunderung schauen.

Seit der Gründung der zionistischen Bewegung und ganz sicherlich seit der Schaffung des Staates Israel, haben Israelis von einer Überwindung des arabischen Widerstandes geträumt und davon, dass die arabische Welt dahin gebracht wird, den „jüdischen und demokratischen“ Staat von Israel als legitimes Mitglied der Region anzuerkennen.

Jetzt stellt sich diese Gelegenheit selbst dar. Es kann getan werden. Israel wird an den arabischen Tisch eingeladen. Und Israel ignoriert die Gelegenheit.

Nicht, weil Israel blind ist, sondern weil die besetzten palästinensischen Gebiete und die Siedlungen für es wichtiger sind, als der historische Akt, Frieden zu schließen.

Keiner von ihnen wünscht also, sie unter den Linden zu grüßen.

(aus dem Englischen; Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Was geschieht mit den Juden?

Erstellt von DL-Redaktion am 3. April 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

PLÖTZLICH ERINNERE ich mich, wo ich das vorher schon (einmal) gesehen habe.

Dieselbe Art von Gesicht, dasselbe vorgeschobene Kinn, um einen Ausdruck von Kraft und Entschlossenheit zu erzeugen.

Dieselbe Art und Weise des Sprechens. Einzelne Sätze und dann eine Pause , und nun auf das zustimmende Schreien der Menge wartend.

Dieselbe Kombination von Monster und Clown.

Ja, unverkennbar. Ich habe dies in meiner frühen Kindheit in der Wochenschau gesehen.

Benito Mussolini. Rom. Piazza Venezia. Der Duce auf einem Balkon. Die Menschen-menge unten auf dem Platz. Außer sich. Applaudiert. Schreit bis sie heißer ist. Eine Massenorgie von Dummheit.

In dieser Woche sah und hörte ich es wieder. Dieses Mal im Fernsehen.

ES GAB natürlich Unterschiede.

Der Präsidentschaftskandidat Donald Trump sprach in Washington DC, der moderne Nachfolger des alten Rom.

Der Duce war glatzköpfig und trug deshalb immer einen abstrusen Hut, der extra für ihn entworfen wurde. Trump trug sein Markenzeichen, das orange Haar, (nach seinem Butler) sehr sorgfältig von ihm selbst arrangiert.

Mussolini sprach italienisch, eine der schönsten Sprachen der Welt,auch wenn es aus dem Mund eines Diktators kommt. Trump sprach amerikanisch-englisch, eine Sprache, die nicht einmal seine eifrigsten Bewundere r melodisch nennen würden.

Aber der größte Unterschied war die Art der Audienz. Der Duce sprach zu einem römischen Mob, ein später Nachfolger des antiken römischen Pöbels, der nicht weit von dort, in der Arena geschrien hat.

Trump sprach – unglaublich – zu einem Publikum von meist älteren, reichen und gebildeten Juden.

Juden, um Himmels Willen! Leute, die im Stillen glauben, dass sie das intelligenteste Volk auf Erden seien! Juden, die außer sich sind und nach jedem Satz klatschen, auf und ab springen, als ob sie vom Teufel besessen wären.

WAS IST mit diesen Juden geschehen?

Es ist eine traurige Geschichte. Während des 2. Weltkrieges, als der Holocaust in vollem Gange war, verhielten sich die amerikanischen Juden still. Sie verwendeten ihre schon beträchtliche politische Macht nicht, um den Präsidenten zu überreden, etwas Wesentliches zu tun, um die Juden zu retten. Sie waren ängstlich. Sie fürchteten, der Kriegstreiberei beschuldigt zu werden.

Mein Bruder, ein Soldat in der britischen Armee, brachte mir einmal ein Nazi-Flugblatt, das von der deutschen Luftwaffe über der amerikanischen Linie in Italien abgeworfen wurde. Es zeigte einen dicken, hässlichen Juden, der ein blondes amerikanisches Mädchen umarmte. Es sagte etwas wie:„Während du hier dein Blut vergießt, verführt ein reicher Jude deine Freundin!“

Die Juden fürchteten sich, etwas zu tun, das als Bestätigung der Nazi-Propaganda angesehen werden könnte, dass dies ein von Juden angezettelter Krieg war und ihr Strohmann, Präsident Rosenfeld , die arischen Nationen zerstört.

Diese Juden waren ein oder zwei Generationen vorher nach Amerika gekommen. Die Opfer des Holocaust waren ihre nächsten Verwandten. Ihr schlechtes Gewissen wegen ihrer Untätigkeit während des Holocaust verfolgt sie – besonders die Älteren unter ihnen – bis heute.

Ihre blinde Loyalität gegenüber dem „jüdischen Staat“ ist eine Folge dieses schlechten Gewissens. Viele amerikanische Juden – besonders die Älteren – fühlen sich mehr mit Israel verbunden als mit den US. Der britische Slogan: „Mein Land, Recht oder Unrecht“ wird von ihnen für Israel angewandt.

Dies waren die Zuhörer von Trump bei dem AIPAC-Massentreffen.

AIPAC IST die Verkörperung der jüdischen Macht und der jüdischen Komplexe.

In einer Weise ist es die späte Verwirklichung der berühmten russischen Fälschung: „Die Protokolle der Ältesten von Zion“, über die jüdische Herrschaft über die Welt. Nach vielen Berichten ist es die zweitmächtigste ethnische Lobby in den USA (nach der Lobby der Waffen-Verrückten).

Wie erreicht eine kleine politische Organisation vor etwa 60 Jahren diese schwindelerregenden Höhen? Die Juden sind bei weitem nicht die größte ethnische Gemeinschaft in den USA. Aber als Folge der angeborenen Angst vor Antisemitismus, halten sie zusammen. Und was weit wichtiger ist, sie spenden Geld. Eine Menge Geld. In jeder Hinsicht übertreffen sie viel größere Gemeinden, wie die arabische.

Der amerikanische politische Prozess, einmal der Neid der Demokraten in aller Welt, ist jetzt grundsätzlich korrupt. Politische Werbung ist nötig und teuer. Jeder der nach einem Amt schielt, benötigt eine Menge Geld. Nach Geld Ausschau zu halten, ist jetzt der Hauptberuf eines amerikanischen Politikers.

Im heutigen Amerika kann fast jeder Politiker gekauft werden. So können es ganze Partei-Organisationen. Die Summen sind nicht einmal sehr beeindruckend. AIPAC hat diese Korruption zu einem Höhepunkt gebracht.

Um ihre Macht zu demonstrieren, hat AIPAC einige eklatante Beispiele produziert. Sie werden durch Verweigerung von Geld an Politiker, die Israel in irgendeiner Weise kritisiert haben, nicht zufrieden. Sie haben politischen Karrieren von Kritikern aktiv ein Ende gesetzt, indem sie konkurrierenden Niemands mit Geld vollstopften und die so an deren Stelle gewählt wurden.

Falls es so etwas gäbe wie politischen Terrorismus, dann würde AIPAC die Siegerkrone bekommen.

WOFÜR WIRD diese immense Macht verwendet?

Der israelische Journalist Gideon Levy schrieb in dieser Woche einen Artikel, über den viele geschockt waren. Er behauptet, dass AIPAC tatsächlich eine anti-israelische Organisation sei. Wenn ich den Artikel geschrieben hätte, würde er sogar noch extremer gewesen sein.

Falls der Staat Israel – Gott bewahre!- die nächsten hundert Jahre nicht überleben wird, werden Historiker eine Menge Schuld dem amerikanischen, von AIPAC angeführten Judentum geben.

Seit 1967 steht Israel einer einfachen aber schicksalshaften Wahl gegenüber: Gib die besetzten palästinensischen Gebiete zurück und mach Frieden mit Palästina und der ganzen arabischen und muslimischen Welt – oder behalte die Gebiete, baue Siedlungen und führe einen endlosen Krieg.

Dies ist keine politische Meinung. Es ist eine historische Tatsache.

Jeder wahre Freund Israels wird alles Mögliche tun, um Israel in die erste Richtung zu drängen. Jeder Dollar, jede Unce politischen Einflusses sollte für diesen Zweck benützt werden. Am Ende werden die beiden Staaten – Israel und Palästina – Seite an Seite vielleicht in einer Art Konföderation leben.

Ein Antisemit stößt Israel in die andere Richtung. Innerhalb der nächsten Hundert Jahre wird sich Israel in einen fanatischen, nationalistischen, ja faschistischen, isolierten Apartheid-Staat mit einer wachsenden arabischen Mehrheit verwandeln, und das ganze Land würde schließlich ein arabischer Staat werden mit einer abnehmenden jüdischen Minderheit.

Alles andere ist ein Pfeifentraum.

WAS TUT AIPAC ?

In seinem monumentalen Werk „Faust“ beschreibt Goethe den Teufel Mephisto als eine Kraft, die immer das Böse will und immer das Gute erreicht. AIPAC ist genau das Gegenteil.

Es unterstützt die schlimmsten Elemente in Israel und stößt den „Jüdischen Staat“ mit Macht vorwärts auf dem Weg in eine andere riesige Katastrophe der jüdischen Geschichte.

Sie haben natürlich eine Entschuldigung. Es sind die Israelis selbst, die diesen Kurs gewählt haben. AIPAC unterstützt – wen auch immer – die Israelis in demokratischen Wahlen wählen. Israel ist die Einzige Demokratie im Nahen Osten.

Quatsch. AIPAC und seine Schwestergruppen sind tief verwickelt in Israelis Wahl. Sie unterstützen Benyamin Netanjahu, den extrem rechten Ministerpräsidenten und das ganze ultra-rechte Spektrum der israelischen Parteien.

Vielleicht sollte ich die Schuld dem amerikanischen Judentum im Allgemeinen geben. Es ist nicht nur AIPAC, sondern Millionen anderer Juden. Sie unterstützen alle Israel, egal, ob es schlimm oder schlimmer ist

Aber das mag nicht ganz richtig sein. Mir wird gesagt, dass eine neue Generation von Juden in Amerika sich von Israel abwendet, ja sogar Israel-Hasser unterstützen. Dies würde schade sein. Sie könnten stattdessen beim Wiederbeleben des israelischen Friedenslagers eine Rolle spielen und ihren Beitrag für ein aufgeklärtes Israel leisten, indem sie die alten jüdischen Werte von Frieden und Gerechtigkeit aufrechterhalten.

Ich sehe nicht, dass dies geschieht. Was ich sehe, sind junge und fortschrittliche amerikanische Juden, die still von der Bühne verschwinden und diese dem neuen amerikanischen Mussolini und seinen außer sich, schreienden, auf und abspringenden Juden überlassen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die große BDS-Debatte

Erstellt von DL-Redaktion am 20. März 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

HILFE ! Ich gehe in einem Minenfeld spazieren. Ich kann nicht anders.

Das Minenfeld hat einen Namen: BDS – Boykott-De-Investment-Sanktionen.

Ich werde oft nach meiner Haltung gegenüber dieser internationalen Bewegung gefragt, die von palästinensischen Aktivisten initiiert wurde und die sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Welt verbreitet hat.

Die israelische Regierung betrachtet diese Bewegung als größere Bedrohung – es scheint mir sogar – als Daesh oder der Iran. Die israelischen Botschaften in der ganzen Welt werden mobilisiert, sie zu bekämpfen.

Das Hauptschlachtfeld ist die akademische Welt. Fanatische Anhänger von BDS führen heftige Debatten mit genau so fanatischen Anhängern in Israel. Beide Seiten benützen erfahrene Disputanten, verschiedene Propagandatricks, falsche Argumente und komplette Lügen. Es ist eine hässliche Debatte, die immer hässlicher wird.

BEVOR ICH meine eigene Einstellung dazu zum Ausdruck bringe, möchte ich den Grund erklären. Worum geht es hier eigentlich?

Die letzten 70 Jahre, seit meinem 23. Lebensjahr, habe ich mein Leben dem Frieden gewidmet – dem jüdisch-arabischen Frieden, dem israelisch-palästinensischen Frieden.

Viele Leute auf beiden Seiten der Kluft sprechen von Frieden. Inzwischen ist „Frieden“ die letzte Zuflucht von Agitatoren geworden, wie Dr.Johnson dies umschreibt.

Doch was bedeutet Frieden? Frieden wird zwischen zwei Feinden geschlossen. Es erfordert die Existenz von beiden. Wenn eine Seite die andere zerstört, wie Rom Kartago zerstörte, setzt es ein Ende des Krieges. Aber es ist kein Friede.

Frieden bedeutet, dass beide Seiten nicht nur die gegenseitigen Feindseligkeiten beenden und hoffentlich miteinander kooperieren und schließlich dahin kommen, sich zu lieben /zu achten.

Deshalb einen Wunsch nach Frieden zu verkünden, während man eine gegenseitige Hasskampagne durchführt, ist keine reale Angelegenheit. Was immer es auch sein mag, so ist dies kein Kampf um Frieden.

BOYKOTT IST ein legitimes Mittel eines politischen Kampfes.

Es ist auch ein fundamentales Menschenrecht. Jeder ist berechtigt zu kaufen oder nicht zu kaufen, was er oder sie wünschen. Jeder ist berechtigt, andere zu bitten, eine gewisse Ware zu kaufen oder nicht zu kaufen, egal aus welchem Grund.

Millionen von Israelis boykottieren Läden und Restaurants, die nicht „kosher“ sind. Sie glauben daran, dass Gott ihnen das sagte. Da ich ein strikter Atheist bin, folgte ich nie diesem Gebot. Aber ich respektiere die Haltung der Religiösen.

Als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, organisierten amerikanische Juden einen Boykott gegen deutsche Waren. Die Nazis reagierten darauf, indem sie einen Tag des Boykottes jüdischer Läden in Deutschland proklamierten . Ich war 10 Jahre alt und ich erinnere mich noch deutlich an den Anblick: Nazis in braunen Hemden standen vor jüdischen Läden und hielten Schilder hoch, auf denen stand: „Deutsche verteidigt euch! Kauft nicht bei Juden!“

Der erste Boykott gegen die Besatzung wurde von Gush Shalom proklamiert, der israelischen Friedensorganisation, zu der ich gehöre. Das war lange bevor BDS entstand.

Unser Aufruf wandte sich an die israelische Öffentlichkeit. Wir riefen zum Boykott der Waren aus den Siedlungen in der Westbank, des Gazastreifens und der Golanhöhen auf. Um dies einfacher zu machen, veröffentlichten wir eine Liste all der Betriebe, die das betraf.

Ich nahm auch an Gesprächen mit der Europäischen Union teil, hier und in Brüssel und bat sie, nicht zum Bauen der israelischen Siedlungen auf erobertem Land zu ermutigen. Es dauerte lange, bis die Europäer entschieden, dass Produkte aus den Siedlungen deutlich gezeichnet sein müssen.

Zu kaufen oder nicht zu kaufen, egal aus welchen Grund, ist eine private Angelegenheit. Deshalb ist es sehr schwierig, zu erfahren, wie viele Israelis unserm Aufruf folgten. Unser Eindruck ist, dass es eine beträchtliche Anzahl von Israelis ist, die das taten und noch tun.

Wir baten nicht darum, Israel als solches zu boykottieren. Wir betrachteten dies als kontraproduktiv. Mit einer Drohung gegen den Staat konfrontiert zu sein, vereinigte ?? die Israelis. Dies würde bedeuten, dass anständige, wohlmeinende Bürger in die Arme der Siedler gestoßen würden. Unser Ziel war genau das Gegenteil: die allgemeine Öffentlichkeit von den Siedlern zu trennen.

DIE BDS-Bewegung hat einen ganz anderen Gesichtspunkt. Sie wurde von palästinensischen Nationalisten initiiert, an die Weltöffentlichkeit gerichtet, ohne Rücksicht auf die israelischen Gefühle.

Eine Boykott-Bewegung braucht kein präzises Programm. Das allgemeine Ziel, die Besatzung zu beenden und die Palästinenser zu befähigen, ihren eigenen Staat in den besetzen Gebieten zu gründen, würde genug gewesen sein. Aber BDS veröffentlichte von Anfang an ein klares politisches Programm. Und da beginnt das Problem.

Die proklamierten Ziele von BDS sind drei: Beendigung der Besatzung und der Siedlungen, garantierte Gleichheit für die Araber innerhalb Israels, außerdem die Rückkehr der Flüchtlinge.

Dies klingt harmlos, ist es aber nicht. Es erwähnt nicht Frieden mit Israel. Es erwähnt nicht die Zwei-Staaten-Lösung. Der Hauptpunk ist der dritte.

Der Exodus der Hälfte des palästinensischen Volkes aus ihren Wohnsitzen im 1948er-Krieg – die zum Teil in einem langen, grausamen Krieg fliehend, zum Teil absichtlich vom israelischen Militär vertrieben wurde –es ist eine komplizierte Geschichte. Ich war ein Augenzeuge und habe ausführlich darüber in meinen Büchern geschrieben. (Der zweite Teil meiner Erinnerungen ist gerade auf Hebräisch erschienen) Die hervorragende Tatsache ist, dass ihnen nicht erlaubt wurde, nach dem Ende des Krieges heimzukehren und dass ihre Häuser und ihr Land jüdischen Immigranten, viele von ihnen waren Flüchtlinge, die den Holocaust überlebten.

Diesen Prozess jetzt umzukehren , ist so realistisch, als ob man von den weißen Amerikanern verlangen würde, dorthin zurück zu kehren, wo ihre Vorfahren herkamen und das Land seinen ursprünglichen Besitzern zurückzugeben. Es würde die Abschaffung des Staates Israel und die Gründung des Staates Palästina vom Mittelmeer bis zum Jordanfluss bedeuten, ein Staat mit einer arabischen Mehrheit und einer jüdischen Minderheit.

Wie kann dies ohne einen Krieg mit einem nuklear bewaffneten Israel erreicht werden? Wie kann das mit Frieden in Verbindung gebracht werden?

Alle ernsthaften palästinensischen Unterhändler haben bis jetzt stillschweigend in diesem Punkt nachgegeben. Ich sprach mehrmals mit Yasser Arafat darüber. Das stillschweigende Übereinkommen ist, dass nach einem Friedens-Endabkommen Israel eine symbolische Anzahl von Flüchtlingen zurücknehmen wird und dass alle andern und ihre Nachkommen – jetzt etwa fünf bis sechs Millionen – eine angemessene Entschädigung bekommen werden. All dies ist Teil einer Zwei-Staaten-Lösung.

Das ist ein Friedensprogramm. Tatsächlich das einzige Friedensprogramm. Die BDS-Bewegung hat diese Absicht nicht.

DIE ANDERE Seite dieser wütenden Debatte in Oxford und Harvad ist sogar weniger friedensorientiert.

Legionen von zionistischen „Aufklärern“ – viele von ihnen bezahlte Professionelle – weisen die BDS-Attacke zurück. Sie beginnen damit, die offensichtlichsten Fakten zu leugnen: dass der Staat Israel das palästinensische Volk unterdrückt, dass eine gnadenlose, militärische Besatzung das Leben der Palästinenser in Elend führt, dass „Frieden“ in Israel zum Schimpfwort geworden ist.

Vor ein paar Tagen verkündigte ein extrem rechter israelischer TV-Kommentator halb im Scherz: „Die Gefahr des Friedens ist vorüber!“

DIE EINFACHSTE Art die BDS-Leute zu bannen und zu ächten, ist sie des Antisemitismus‘ anzuklagen. Dies beendet jede sensible Diskussion, besonders in Deutschland und allgemein im Ausland. Leute, die den Holocaust verleugnen, sind keine Gesprächspartner.

Es gibt keinerlei Beweise für die Anklage, dass die Mehrheit der BDS-Symphatisanten tatsächlich Antisemiten sind. Ich bin überzeugt davon, dass die große Mehrheit von ihnen hingebungsvolle Idealisten sind, deren Herzen zu den unterdrückten Palästinenser gehen, so wie Juden früher zur Hilfe von unterdrückten Völkern eilten, amerikanische Schwarze oder russische Mujiks ?? waren.

Doch – und dies muss gesagt werden – gibt es einige BDS-Anhänger, die Erklärungen mit unverkennbar antisemitischem Geruch abgeben. Für einen waschechten Antisemiten der alten Schule ist BDS heute die einzige sichere Kanzel, von der sie ihre abscheulichen Prinzipien predigen können und zwar unter dem Mantel des Antizionismus‘ und des Anti-Israelismus‘.

Ich würde die Palästinenser und ihre wahren Freunde gern (noch einmal) warnen, dass die Antisemiten in Wirklichkeit ihre gefährlichen Feinde sind. Sie sind es, die Juden aus aller Welt nach Israel treiben. Diese Antisemiten kümmern sich einen Dreck um die Palästinenser, sie instrumentalisieren ihre Notlage, um sich ihrer eigenen uralten antijüdischen Perversion hinzugeben.

Und umgekehrt: Juden, die sich der neuen Welle der Islamophobie unter dem falschen Eindruck anschließen, dass sie damit Israel helfen, begehen einen ähnlichen ernsten Fehler. Die heutigen Islam-Hasser sind die gestrigen und morgigen Judenhasser.

DIE PALÄSTINENSER benötigen Frieden, um die Besatzung los zu werden und um endlich Freiheit, Unabhängigkeit und ein normales Leben zu erlangen.

Die Israelis benötigen Frieden, weil wir ohne ihn immer tiefer in den Morast eines ewigen Krieges sinken, die Demokratie verlieren, auf die wir so stolz waren, und ein verachteter Apartheidstaat werden.

Die BDS-Debatte kann die gegenseitige Feindschaft zuspitzen, die Kluft zwischen den beiden Völkern vertiefen, sie sogar weiter auseinanderreißen. Nur aktive Kooperation zwischen dem Friedenslager auf beiden Seiten, kann das einzige Ding, das beide Seiten verzweifelt benötigen, gewinnen:

Den FRIEDEN.

(Aus dem Engl. übersetzt: Ellen Rohlfs, vom Verfasser ……

 

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Kopfbedeckung

Erstellt von DL-Redaktion am 13. März 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

ER ERSCHIEN aus dem Nirgendwo. Buchstäblich

Die israelische Polizei benötigte einen neuen Kommandeur. Der letzte hatte seine Amtszeit beendet; mehrere ältere Offiziere waren angeklagt worden, ihre weiblichen jüngeren Kolleginnen sexuell belästigt zu haben, einer hatte Selbstmord begangen, nach dem er der Korruption angeklagt worden war. Also wurde jemand von außerhalb ernannt.

Als Benjamin Netanjahu seine Wahl ankündigte, war jeder erstaunt. Roni Alscheich? Woher- zum Teufel – kommt der denn?

Er sieht – abgesehen von seinem Schnurbart – nicht wie ein Polizist aus. Er hatte nie die geringste Verbindung mit Polizeiarbeit. Er war tatsächlich der geheime Vertreter des Shin Bet Chefs – dem internen Geheimdienst.

Boshafte Zungen flüsterten, dass es einen einfachen Grund für diese seltsame Ernennung gibt: der Chef des Shin Bet war dabei, seine Amtszeit zu beenden. Netanjahu wollte nicht, dass Alscheich ihm folgte. Deshalb schickte er ihn, um die Polizei zu kommandieren.

Der Name Alscheich ist eine Verfälschung des sehr arabischen al-Scheich – „der Alte“. Sein Vater ist jemenitischer Abstammung, seine Mutter ist Marokkanerin.

Er ist der erste Polizeichef, der eine Kippa trägt. Auch der erste, der einmal ein Siedler war. Wir warteten alle auf seine erste bedeutende Äußerung. Sie kam in dieser Woche und betraf die um ihre Söhne trauernden Mütter.

Alscheich behauptete, der schmerzende Verlust ist wirklich ein jüdisches Gefühl. Jüdische Mütter trauern um ihre Kinder. Arabische Mütter trauern nicht. Deshalb lassen sie sie Steine auf unsere Soldaten werfen, wobei sie wissen, dass sie wahrscheinlich erschossen werden.

Das klingt primitiv? Das ist auch primitiv. Es ist auch ziemlich beängstigend, dass unser neuer Polizeichef, der Mann, der für Ruhe und Ordnung zuständig ist, solch primitive Ansichten hat.

EIN PAAR Tage später wiederholte unser Verteidigungsminister Moshe Yaalon, der ein viel größeres Empire kontrolliert, diese Behauptung. Arabische Trauer kann nicht mit jüdischer Trauer verglichen werden. Das hängt damit zusammen, dass Juden das Leben lieben, während die Araber den Tod lieben.

Wenn unsere tapferen Soldaten (alle unseren Soldaten sind tapfer) ihr Leben opfern, dann deshalb, weil sie das Leben unserer Nation lieben, während arabische Terroristen Selbstmordmissionen begehen, um ins Paradies zu kommen. Ihre Mütter ermutigen sie dazu. So sind Araber eben.

All diese Super-Patrioten sind zu jung, um sich daran zu erinnern, dass jüdische Mütter in Palästina ihre Söhne und Töchter ermutigten, sich den Untergrund-Organisationen anzuschließen, um gegen die britische Besatzung zu kämpfen (ein Kampf fürs Leben des Volkes, natürlich) Vielleicht dachten die britischen Polizisten genau so über die jüdischen Mütter und vergassen dabei, dass nur wenige Jahre zuvor Millionen und Abermillionen weißer christlicher Europäer sich den Armeen mit dem Segen der Mütter angeschlossen haben und einander töteten. Um des Lebens und der Freiheit willen.

Wenn zwei so hochrangige Persönlichkeiten solch erschütternden Unsinn von sich geben, kann es nur einen Grund geben: sie wiederholen die „Erklärungsbögen“, die täglich vom Amtssitz des Ministerpräsident an alle Regierungsminister und hochrangigen Beamten verteilt werden. (In Israel mögen wir das Wort „Propaganda“ nicht benützen – stattdessen auf hebräisch hasbara „Erklärung“)

EIN WORT über die Kippa des Polizeichefs.

Als ich ein Jugendlicher in Tel Aviv war, sah ich kaum jemanden, der eine Kippah trug. Auch nicht in der Schule (die ich im Alter von 14 verließ, um für den Lebensunterhalt zu arbeiten) noch in der Irgun, noch in der Armee sah ich einen Kameraden, der so eine Kopfbedeckung trug. Die jungen Leute schämten sich, sie zu tragen.

Heutzutage tragen fast die Hälfte derer, die im Fernsehen erscheinen, stolz die Kippa. Einige von ihnen tragen sie in einer Weise oder in einer Größe, dass die Camera sie nicht sehen kann. Aber Regierungsangestellte tragen sie wie eine Ehrenplakette, um zu zeigen, dass sie wahre Gläubige der herrschenden Ideologie sind. Wie ein roter Stern in China oder eine Krawatte in den US.

Während der letzten paar Monate hat Netanjahu neue Leute für verschiedene bedeutendste Regierungsfunktionen ernannt. Der Polizeichef ist einer von ihnen. Ein anderer ist der Generalstaatsanwalt („Juristischer Berater der Regierung“ genannt) der Regierungsbeamte mit großer Machtbefugnis. Ein anderer ist der neue Chef des Shin Bet. Im Unterschied zu ihren Vorgängern tragen sie alle die Kippa.

Um die Bedeutung von ihr zu erklären, muss man die jüdische Religion charakterisieren. Sie ist ganz anders als die christliche Religion und dem Islam viel näher. Alles Reden über die „jüdisch-christliche“ Tradition gründet sich auf Ignoranz.

DAS HEBRÄISCHE Wort für Religion ist „dat“. Wie das arabische Wort „din“ meint sie im Wesentlichen „Gesetz“. Judentum besteht aus einer Reihe von Geboten (allein in der Bibel sind es 613) die von Gott verhängt wurden. Dafür hat Gott uns als sein Volk „auserwählt“ und uns das Heilige Land gegeben. Man kann kein Jude sein, ohne zum jüdischen Volk zu gehören, dem das Heilige Land auf immer gehört.

Seit 2000 Jahren und mehr waren Juden über die ganze Welt zerstreut. Ihre Verbindung zum Heiligen Land war rein geistiger Natur. Das jüdische „Volk“ war eine religiöse Erfindung.

Dann kam der Zionismus. Er wurde Ende des 19.Jahrhundert gegründet. Fast alle seine Begründer waren überzeugte Atheisten. Sie glaubten nicht an Gott, der die Juden ins Exil geschickt hat.

Als ich jung war, sprach niemand in diesem Land über einen „Jüdischen Staat“. Wir sprachen über einen „Hebräischen Staat“. Eine extreme Gruppe (mit dem Spitznamen „Kanaaniter“) behauptete, dass wir eine neue hebräische Nation sind, die nichts mit dem Judentum zu tun hat. Die meisten meiner Generation dachten in derselben Weise, wenn auch nicht mit diesen Worten.

Ich bin oft gefragt worden, warum ein entschiedener Militarist wie David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident und Verteidigungsminister, religiöse Schüler vom Militärdienst befreite. Meine Erklärung ist ganz einfach: wie die meisten von uns glaubte er, dass die jüdische Religion in diesem Land absterben würde. Der Zionismus hat sie ersetzt. Der neue hebräische Pionier braucht all den religiösen Unsinn nicht.

Dann kam der Krieg von 1967 und der Sieg wie ein Wunder, die Eroberung des ganzen Landes bis zum Jordanfluss mit all den heiligen Stätten. Die jüdische Religion war weit davon entfernt zu sterben. Die jüdische Religion kam plötzlich wieder neu zum Leben. Nun breitet sie sich schnell aus, die Kippa kann überall gesehen werden. Besonders unter den Siedlern.

Diese regenerierte Religion ist eng verbunden mit der extremen Rechten, ultra-nationalistischen, die Araber hassende Ideologie. Dies ist die Welle, auf der sich Netanjahu, ein nicht religiöser, nicht koscher essender, super-nationalistischer Opportunist bewegt. Praktisch jeden Tag tauchen- buchstäblich – neue national-religiöse Gesetze und Gesetzvorlagen auf.

Eine Gesetzesvorlage sagt, dass im Falle eines Zweifels Richter das jüdische Gesetz („die Halacha) „befragen“ müssen. Diese alten Gesetze, einige davon 2500 Jahre alt, behandelt Frauen als minderwertig und verdammt Homosexuelle zur Steinigung. Es hat nichts mit dem modernen Leben zu tun. Ein anderer Gesetzentwurf erlaubt der Knesset-Mehrheit vom Parlament gewählte Mitglieder, die den Staat nicht als „jüdisch und demokratisch“ anerkennen (das könnte wie ein Oximoron klingen), rauszuwerfen. Schulbücher in säkularen Schulen wird ein religiöser Beiklang gegeben (werden aber noch nicht verbrannt). Unabhängige Lehrer werden entlassen. Der Minister für Bildung trägt natürlich eine Kippa. Sechs Mitglieder des angesehenen Rates für höhere Bildung haben ihr Amt aufgegeben, weil die Bemühung der Regierung dahin geht, den illustren Körper mit nationalistischen und religiösen Aufwieglern voll zu stopfen.

„Wo ist die sog. Linke bei all diesem?“ mag mancher wohl fragen. Sie sind unsichtbar. Außer ein paar Übriggebliebenen als auch der belagerten arabischen Fraktion sind sie still im Glauben, dass sie sich nach rechts (auch das Zentrum genannt) bewegen müssen, um ihre Köpfe über dem heiligen Wasser zu heben.

Ich werde nicht überrascht sein, wenn ich eines Abends den TV einschalte und – siehe da – da ist Benjamin Netanjahus Kopf mit einer hübschen, kleinen Kippa bedeckt.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Wenn Gott verzweifelt

Erstellt von Uri Avnery am 6. März 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

DIREKT NACH der Gründung Israels erschien Gott David Ben Gurion und sagte zu ihm: „Du hast meinem Volk gegenüber Gutes getan. Äußere einen Wunsch und ich will ihn dir erfüllen“.

 „Ich wünsche mir, dass Israel jüdisch, demokratisch sei und das ganze Land zwischen Mittelmeer und Jordan umfassen soll,“ antwortete Ben-Gurion.

 „Das ist selbst für mich zu viel“ rief Gott aus. „Aber ich will dir zwei von den drei Wünschen erfüllen. Du kannst wählen zwischen einem jüdischen und demokratischen Israel in einem Teil des Landes. Einen demokratischen Staat im ganzen Land, das nicht jüdisch ist oder ein jüdisches Israel im ganzen Land, das nicht demokratisch ist.“

 Gott hat seine Meinung nicht verändert.

WÄHREND ICH das schreibe, ist Benjamin Netanjahu völlig damit beschäftigt, ein neues Gesetz zu erlassen, ein Gesetz, das in der Geschichte Israels ein Wendepunkt sein würde. Die Öffentlichkeit sieht in belustigter Weise zu, als ob es in Kamchatka geschieht.

Dieses Gesetz würde (ich könnte „wird“ sagen) 90 von 120 Knesset-Mitgliedern in die Lage versetzen, einige oder alle andern Mitglieder aus der Knesset zu vertreiben. Die Gründe für solch eine Entscheidung sind nebelhaft: Unterstützung von „Terrorismus“ – durch reden als auch durch handeln, Aberkennung des jüdischen Charakters des Staates Israel und Ähnliches.

Wer entscheidet? Die Mehrheit natürlich.

Der unmittelbare Anstoß, dieses Gesetz vorzuschlagen, wurde durch die drei arabischen Knesset Mitglieder ausgelöst, die die Eltern von arabischen „Terroristen“ im annektierten Ost-Jerusalem besuchten. Ich habe dies in meinem letzten Artikel erwähnt. Sie hatten einen guten Vorwand – ihnen zu helfen die Leichname ihrer Söhne, die an Ort und Stelle erschossen wurden, zurückzubekommen. Aber der offensichtliche Grund war, zu kondolieren.

Jetzt mag behauptet werden, dass eine trauernde Mutter eine trauernde Mutter ist, ungeachtet der Ursache des Todes ihres Sohnes und dass zu kondolieren eine menschliche Tugend ist. Aber das mag für Likud-Mitglieder zu humanistisch sein.

In den guten alten Zeiten, als wir die „Terroristen“ waren und die Briten die Besatzer, würde ich gewiss einem Nachbarn kondoliert haben, dessen Sohn während eines Irgun-Überfalls erschossen worden ist. Ich denke, die Briten würden mich deshalb nicht verhaftet haben.

Nach dem Gesetz sind Knesset-Mitglieder immun vor Strafverfolgung wegen irgend- eines Aktes, der mit ihren Pflichten übereinstimmt. Für Knesset Mitglieder ist ein Besuch bei ihren Wählern unter solchen Umständen solch ein Akt. Deshalb ist ein neues Gesetz nötig.

Und was für ein Gesetz!

„MAN STELLE sich so etwas in England oder in den US vor“, donnerte Netanjahu, „ein Parlamentsmitglied oder ein Kongressmann, der Terroristen unterstützt.“

„Man stelle sich so etwas in Großbritannien oder den US vor,“ würde ich erwidern, „ein Gesetz, das drei Viertel des Parlaments oder Kongresses erlaubt, andere rauszuschmeißen!“

Netanjahu wurde in den US erzogen. Ganz sicherlich wurde ihm beigebracht, dass Demokratie nicht nur bedeutet, dass die Mehrheit regiert. Adolf Hitler wurde wahrscheinlich von der Mehrheit unterstützt. Demokratie bedeutet, dass die Mehrheit die Rechte der Minderheit respektiert, einschließlich des Rechtes der freien Rede.

Das Recht der freien Rede bedeutet nicht, das Recht populäre Ansichten auszudrücken. Populäre Ansichten benötigen keinen Schutz. Freie Rede bedeutet, das Recht, Ansichten zu äußern, die von der Mehrheit verabscheut wird.

Sicherlich bedeutet es, dass Minderheiten ihre Ansichten mit friedlichen Mitteln zum Ausdruck bringen dürfen. Und hier liegt der Hund begraben.

Jeder versteht, dass das Recht der 90, 30 zu vertreiben, eine Bedrohung für die Araber ist, aus der Knesset vertrieben zu werden. Die „arabische“ Fraktion in der gegenwärtigen Knesset besteht aus 13 Mitgliedern und wird wahrscheinlich bei den nächsten paar Wahlen größer werden.

(Es ist ein bisschen kompliziert. Die „arabische“ Fraktion schließt ein jüdisches Mitglied ein, das sehr respektiert wird. Die „jüdischen“ Fraktionen schließen einige arabische Mitglieder ein, die bei ernsten Angelegenheiten nicht wagen, ihren Mund aufzumachen.)

Dies ist kein Gesetz gegen „terroristische“ Sympathisanten. Dies ist ein Gesetz gegen die arabische Minderheit. Die Knesset wird jüdisch sein, ganz einfach nur jüdisch.

Kommen wir zurück auf Gottes Versprechen mit Ben Gurion. Es wird ein jüdischer Staat im ganzen Land sein, ohne demokratisch zu sein.

JUDEN SIND seit dem babylonischen Exil etwa vor 2500 Jahren Minderheiten gewesen. Alle Juden sind Tausende von Jahren Minderheiten gewesen.

Man sollte glauben, dass 80 Generationen ausreichen, um zu erfahren, wie ein Staat sich gegenüber Minderheiten verhalten sollte. Tatsächlich könnte man geglaubt haben, dass alle Staaten der Welt Delegationen nach Israel senden würden, um zu lernen, wie Minderheiten behandelt werden sollten. Der Gründer des Zionismus, Theodor Herzl hat sicherlich so gedacht und beschrieb die idyllischen Beziehungen zwischen dem jüdischen Staat und seinen arabischen Bewohnern in seiner futuristischen Novelle „Altneuland“. (siehe Bemerkung am Ende)

Leider ist dies nicht so geworden. Die Zeiten, als ein junges und frisches Israel Progressive aus aller Welt anzog, um die Kibbuzim und Moschavim (kooperative Dörfer) zu sehen, sind längst vorbei. (Es kam jetzt heraus, dass Bernie Sanders, einer der US-Demokratischen Präsidentschafts-Kandidaten einmal ein freiwilliger Arbeiter in einem Kibbuz war). Selbst bevor das vorgeschlagene Gesetz erlassen wird, ist Israel eines der wenigsten demokratischen Länder der westlichen Welt, zu der Israel gehören will.

In der Westbank, die von Israel beherrscht wird, leben etwa 2,5 Millionen Menschen, die ohne zivile und ohne Menschenrechte sind. Gerade in dieser Woche beschrieb Amira Hass, die mutige israelische Berichterstatterin der Besatzung wie eine komfortable Wohnung einer palästinensischen Bürgerfamilie mitten in der Nacht von einem Militärtrupp besetzt wird und ihr gesagt wurde, sie solle ihr Wohnzimmer sofort räumen, damit es ein Armee-Außenposten werden kann – so sagte man ihnen. Die Soldaten brachten ein tragbares chemisches WC mit, aber urinierten selbst frei vom Balkon.

Wir glaubten eine Zeit lang, dass Israel „die einzige Demokratie im Nahen Osten“ bleiben könnte, während es große Gebiete besetzt hält. Hielten die Briten nicht hunderte Millionen Inder unterjocht, während das Heimatland ein leuchtendes Beispiel für Demokratie blieb? Sicherlich, aber ein Engländer benötigte mehrere Wochen, um von Liverpool nach Bombay zu segeln, genug Zeit, um seine Persönlichkeit zu verändern, während wir nur fünf Minuten brauchen , um von Israel in die Westbank zu kommen.

DIE ARABISCHEN Bürger im eigentlichen Israel machen 20 % der Bevölkerung aus. Sie sind der Rest einer großen Mehrheit, die meisten von ihnen waren geflohen oder wurden vertrieben.

Dieser Prozentsatz ist von Anfang des Staates an bis jetzt geblieben, eine Zeit, in der die Bevölkerung von Israel um das Zehnfache gewachsen ist.

Ein Wunder? Beinahe. Das riesige natürliche Anwachsen der arabischen Bevölkerung hat die jüdische Einwanderung ausbalanciert, die zunächst aus den islamischen Ländern, dann aus Russland und zuletzt aus Äthiopien gekommen ist. Die Araber sind immer noch 20%, wie Gott es voraussah.

Die erste Generation „israelischer Araber“ – wie die Juden sie zu ihrem Missfallen nennen, waren bescheiden und untertänig, noch immer geschockt von der immensen Katastrophe, die über ihr Volk gekommen war. Um der Sicherheit willen wurden sie einer „Militärregierung“ unterworfen, die die Bewegungsfreiheit einschränkte. Ein Araber konnte nicht ohne schriftliche, militärische Genehmigung von einem Dorf ins andere gehen, noch weniger einen Traktor kaufen oder seinen Sohn zum Studieren schicken. Dieses System wurde erst nach 17 Jahren aufgehoben.

Man mag sich fragen, warum ihnen das Stimmrecht überhaupt gewährt wurde. Nun, da sie so gutmütig waren, entschied Ben Gurion, durch und durch Partei-Mensch, sie würden die Mehrheit seiner Partei bei den Wahlen abstützen. Dies geschah tatsächlich.

Aber nun gibt es eine dritte Generation arabischer Bürger. Nun gibt es arabische Universitätsprofessoren, Chefärzte, Unternehmer, sogar Polizei–Kommandeure. Es gibt palästinensische Nationalisten, Islamisten, Kommunisten. Sie haben Gefühle, Forderungen, ja sogar die Frechheit, volle Gleichheit zu verlangen.

Das würde in einer normalen Situation ein genügend großes Problem sein. Aber die Situation hier ist nicht normal. Israels nationale Minderheit ist ein Teil des palästinensischen Volkes, deren ganzes Gebiet die gegenwärtige israelische Führung wegzunehmen wünscht.

GANZ HINTEN in meinem Kopf habe ich ein Drehbuch für einen Film. Ich bin bereit, es weiterzugeben.

Zwei jüdische Brüder, nennen wir sie Abraham und David flohen aus Nazi-Deutschland. David ging in die USA. Abraham nach Palästina.

David schließt sich natürlich der Bewegung von Martin-Luther-King an und wird führender Aktivist für zivile Rechte und ist jetzt ein eifriger Mitkämpfer für die Rechte von Minderheiten. Er unterstützt auch BDS, die zum Boykott von Israels Siedlungen aufruft.

Abraham, der sich selbst Rami nennt, ist ein Offizier in der israelischen Armee, ein eifriger Nationalist und regelmäßiger Likud-Wähler, ein Bewunderer von Netanjahu. Durch reinen Zufall (Dies ist schließlich ein Film) war er einmal ein-Mitglied desselben Kibbuzes, in dem Bernie Sanders als freiwilliger Arbeiter war.

Er hat die Verantwortung für einen großen Teil der Westbank und ist zufällig auch verantwortlich für die Order, nach der Palästinenser aus ihrer Wohnung geworfen werden – aus Sicherheitsgründen.

David leitet eine amerikanische Menschenrechts-Delegation, die kommt, um das zu untersuchen, was in den besetzten Gebieten geschieht. Rami hat die Aufgabe, dies zu verhindern. Und so weiter.

AUF GOTT zurückzukommen. Er schüttelt seinen Kopf. Diese Menschen – so fragt Er sich Selbst – werden sie nie lernen?

Kein Land hat jemals davon profitiert, dass es seine Minderheiten hinausgeworfen hat. Nazi-Deutschland warf seine jüdischen Wissenschaftler hinaus, einige von ihnen gingen in die US und bauten für Amerika die Atombombe. Lange zuvor warf der katholische König von Frankreich die protestantischen Hugenotten hinaus, die nach Preußen emigrierten und die eine kleine Garnisonstadt mit Namen Berlin in ein Weltzentrum von Industrie und Kultur verwandelten. Es gibt noch mehr Beispiele.

Falls zweitausend Jahre uns nicht irgendetwas gelehrt haben, wann werden wir jemals lernen ?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser

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Eine Dame mit einem Lächeln

Erstellt von Uri Avnery am 28. Februar 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

ES IST nicht leicht, ein Araber in Israel zu sein.

Es ist nicht leicht, eine Frau in der arabischen Gesellschaft zu sein.

Es ist nicht leicht, ein Araber in der israelischen Politik zu sein.

Es ist sogar noch weniger leicht, eine arabische Frau in der Knesset zu sein.

Hanin Soabi ist all dies zusammen. Vielleicht ist es deshalb, dass sie immer lächelt – Es mag das Lächeln von jemandem sein, der schließlich gewonnen hat.

Es kann sehr ärgerlich sein. Ärgerlich und provokativ.

In diesen Tagen hat Soabi etwas erreicht, von dem keine arabische Frau in Israel jemals geträumt hat: das ganze Land spricht über sie. Nicht eine Stunde, nicht einen Tag lang, sondern wochenlang.

Der größte Teil der jüdischen Israelis hasst sie. Soabis Lächeln triumphiert

HANIN GEHÖRT zu einem großen Familien-Clan, der mehrere Dörfer bei Nazareth dominiert. Zwei Soabis sind Mitglieder der Knesset in deren frühen Tagen gewesen – einer war ein Vassall der damals herrschenden zionistischen Labor-Partei gewesen, der andere ein Mitglied der linken zionistischen Mapam-Partei. Er war es, der den denkwürdigen Satz prägte: „Mein Land ist mit meinem Volk im Krieg“.

Hanin Soabi ist ein Mitglied der Balad („Heimat“)-Partei, eine arabische, nationalistische Partei, die von Asmi Bishara , einem israelisch-palästinensischen Intellektuellen gegründet wurde. Bishara war ein Bewunderer von Gamal Abd-al-Nasser und seiner pan-arabischen Vision. Als der Shin Bet im Begriff war, ihn unter irgendeinem Vorwand zu verhaften, floh er aus dem Land, indem er behauptete, er leide an einer ernsten Nierenerkrankung und das Gefängnis würde sein Leben gefährden.

Er hinterließ eine Knesset-Fraktion von drei Mann, eine der drei arabischen Fraktionen von ähnlicher Größe. Alle waren eine ständige Irritation für ihre jüdischen Kollegen. Deshalb erfanden sie ein Rechtsmittel. Ein neues Gesetz wurde erlassen, das die Knesset-Mitgliedschaft jeder Partei verweigert, die nicht genügend Stimmen für eine Vier-Mitglieder-Fraktion gewann. (Ein größeres Minimum hätte die Orthodoxe jüdische Partei gefährdet.)

Die Logik war einfach: die drei kleinen arabischen Fraktionen hassten sich gegenseitig. Eine war kommunistisch (mit einem jüdischen Mitglied), eine war islamistisch und eine war nationalistisch (Balad).

Aber siehe da: unter der Bedrohung der Vernichtung können sich sogar Araber vereinigen. Sie bildeten eine „Gemeinsame Liste“ („Gemeinsam“ nicht „Vereinigte“) und gewannen so 13 Sitze – drei mehr als vorher. Sie sind jetzt die drittgrößte Fraktion in der Knesset, direkt nach Likud und Labor, ein Ärgernis für viele ihrer Kollegen.

DIES IST der Hintergrund der letzten Empörung.

Seit Monaten ist Israel jetzt mitten in einer Mini-Intifada. In den zwei früheren Intifadas handelten „Terroristen“ in Gruppen unter Befehlen von Organisationen, die leicht infiltriert wurden. Dieses Mal handeln einzelne alleine oder zusammen mit Cousins, denen man vertrauen kann, ohne vorherige Anzeichen. Die israelischen Kräfte (Armee, Polizei, Shin Bet) haben keine vorherige Information über irgendetwas und waren deshalb nicht in der Lage, diese Handlungen zu verhindern.

Außerdem sind viele der heutigen „Terroristen“ Kinder – Jungen und Mädchen – die nur ein Messer aus der Küche ihrer Mutter mitnehmen und ganz spontan losrennen und den nächsten Israeli angreifen. Einige von ihnen sind 13, 14 Jahre alt. Einige der Mädchen nahmen Scheren mit. Alle wissen, dass sie höchst wahrscheinlich an Ort und Stelle von Soldaten oder vorbeigehenden bewaffneten Zivilisten erschossen werden.

Die bevorzugten Opfer sind Soldaten oder Siedler. Wenn diese fehlen, greifen sie jeden Israeli, Mann oder Frau, den/die sie sehen an.

Die mächtigen israelischen Sicherheitskräfte sind zugegebenermaßen hilflos gegen diese Art von „Infantifada“ (wie mein Freund Reuven Wimmer sie nennt). In ihrer Verzweiflung tun die Sicherheitskräfte, was sie in solchen Situationen immer tun: sie benützen Methoden, die schon vielmals misslangen.

Abgesehen von Exekutionen an Ort und Stelle (gerechtfertigt oder nicht gerechtfertigt) schließen diese Methoden die Zerstörung des Hauses der Familie ein, um andere abzuschrecken, oder die Verhaftung der Eltern oder andere Familienmitglieder.

Offen gesagt, verabscheue ich diese Methoden. Sie erinnern mich an einen Nazi-Begriff meiner Kindheit: „Sippenhaft“. Es ist barbarisch. Es ist auch äußerst unwirksam. Ein Junge, der sich entschieden hat, sein Leben für sein Volk zu opfern, wird von so etwas nicht abgeschreckt. Dafür gibt es keinen einzigen Gegenbeweis. Im Gegenteil, es ist verständlich, dass solch barbarische Akte den Hass schüren und zu mehr solchen Angriffen motivieren.

ABER DIE scheußlichste und dümmste Maßnahme ist, die Körper der Toten zurück zuhalten. Ich schäme mich fast, darüber zu schreiben.

Nach fast jedem „terroristischen“ Akt wird der Leichnam des Täters – Erwachsener oder Kind – von den Sicherheitskräften mitgenommen. Nach muslimischem Gesetz und Brauch müssen Tote noch am selben Tag oder am nächsten beerdigt werden. Sie zurückzuhalten, ist ein äußerst grausamer Akt. Unsere Sicherheitsdienste glauben, dass dies zur Abschreckung beiträgt. Für Muslime ist dies ein äußerster Akt von Frevel.

Dies ist der Hintergrund des letzten Skandals. Die drei Balad-Mitglieder der arabischen Fraktion besuchten die Familien der Täter einer „terroristischen“ Gewalttat, deren Leichname zurückgehalten wurden. Ihre Version ist, dass sie zum Diskutieren kamen, wie man die Leichname zurückerlangen könne. Die Sicherheitskräfte bestanden darauf, dass sie auch kondolierten und eine Gedenkminute hielten.

Die Knesset war geschlossen wütend. Wie können sie das wagen? Mörder zu loben und ihren Familien Sympathie zu zeigen?

Die Balad-Mitglieder der gemeinsamen Fraktion sind außer Soabi mit ihrem Lächeln, Bassal Gatas und Gamal Zahalka. Ich habe Gatas nie persönlich getroffen. Er ist 60 Jahre alt und ein christlicher Araber, ein Dr.ing. und ein Geschäftsmann. Er war lange Zeit Mitglied der kommunistischen Partei, wurde aber rausgeschmissen, als er auf seinem Recht bestand, die Sowjet Union zu kritisieren. Asmi Bishara ist sein Cousin. Im TV macht er einen sehr sensiblen Eindruck.

Gamal Zahalka betrachte ich als persönlichen Freund. Einmal nahmen wir gemeinsam an einer Konferenz in Italien teil und unternahmen einige Ausflüge mit unsern Frauen. Ich habe ihn sehr gern.

Die drei Balad-Mitglieder wurden für mehrere Monate aus der Knesset verbannt, abgesehen vom Recht an Knesset-Abstimmungen teilzunehmen (Ein Recht, das nicht verweigert werden kann. Jetzt schlägt man eine neue Gesetzesvorlage vor, dass die Knesset – bei einer Mehrheit von90 der 120 Mitglieder – Mitglieder aus der Knesset völlig hinauswirft.

Dies bedeutet, dass – wenn das Oberste Gericht diese Gesetzesvorlage nicht für verfassungswidrig hält – die Knesset bald Araber-rein sein wird. Eine rein jüdische Knesset für einen rein jüdischen Staat.

DAS WÜRDE für Israel eine Katastrophe sein.

Jeder fünfte Israeli ist ein Araber. Die arabische Minderheit in Israel ist eine der größten nationalen Minderheiten pro Kopf in der Welt. Solch eine Minderheit aus dem politischen Prozess rauszuwerfen, wird die ganze Struktur des Staates schwächen.

Als der Staat gegründet wurde, glaubten wir, dass nach einer oder zwei Generationen die Kluft zwischen den beiden Gemeinschaften sich schließen würde. Das Gegenteil ist geschehen. In den frühen Jahren war die politische Zusammenarbeit zwischen Juden und Araber in einem gemeinsamen Friedenslager stark und wurde stärker. Diese Tage sind längst vergangen. Die Kluft ist breiter geworden.

Es gab und gibt einen gegensätzlichen Trend. Viele Araber sind in wichtigen Berufen integriert, wie z.B. in der Medizin. Als ich das letzte Mal im Krankenhaus war, konnte ich nicht raten, ob der Chefarzt meiner Abteilung Jude oder Araber war. Ich musste meinen (arabischen) Pfleger fragen. Er bestätigt mir, dass der sehr freundliche Arzt Araber war. Ich fand, dass das arabische medizinische Personal im Allgemeinen freundlicher war als das jüdische.

In verschiedenen Berufen sind Araber mehr oder weniger integriert. Aber der allgemeine Trend ist gegensätzlich. Wo einmal herzliche Beziehungen zwischen Nachbarschaften oder zwischen politischen Organisationen bestanden, lösten sich die Kontakte oder verschwanden ganz.

Es gab Zeiten, in denen meine Freunde und ich fast jede Woche arabische Städte und Dörfer besuchten. Nun nicht mehr.

Dies ist insgesamt kein einseitiger Prozess. Beleidigt und seit langem zurückgewiesen, haben arabische Bürger die Lust an Zusammenarbeit verloren. Einige von ihnen sind islamistischer geworden. Die Ereignisse in den besetzten Gebieten beeinflusst sie stark. Eine dritte und vierte Generation von israelisch arabischen Bürgern ist stolzer und selbstbewusster geworden. Sie sind sehr enttäuscht worden vom Versagen der jüdischen Friedensbewegungen.

Die arabischen Mitglieder aus der Knesset zu werfen ist – wie ein französischer Politiker einmal berühmte Maßen sagte „ist schlimmer als ein Verbrechen – es ist ein Fehler!“

Es würde die Verbindungen des israelischen Staates von mehr als 20% seiner Bürger trennen. Einige Israelis mögen davon träumen, die Araber allesamt aus dem Land zu werfen – alle sechs Millionen von ihnen aus dem eigentlichen Israel, der Westbank und dem Gazastreifen – doch dies ist ein Hirngespinst. Die Welt, in der dies einmal möglich war, existiert nicht mehr.

Was möglich ist und schon besteht, ist eine schleichende Apartheid. Sie besteht schon in der Westbank und in Ost-Jerusalem und – wie es diese Episode zeigt – sie wird auch im eigentlichen Israel Realität.

Die Hysterie, die das Land nach dem „Besuch der Terroristen“-Familien heimgesucht hat, hat auch die Labor-Partei und sogar Merez ergriffen.

Ich setze „Terroristen“ in Anführungsstriche, weil sie nur für Juden Terroristen sind. Für Araber sind sie Helden, Shahid. Muslime , die ihr Leben opfern, um die Größe Allahs zu bezeugen.

Die Frage ist natürlich, was ist die Aufgabe eines arabischen Knesset-Mitglieds? Die Juden aufzuregen? Oder die Kluft zu schmälern und die Israelis zu überzeugen, dass der israelisch-arabische Frieden möglich und erstrebenswert ist. Ich fürchte, dass Soabis Lächeln nicht hilft, dieses Ziel zu erreichen.

FALLS IRGENDETWAS so hat diese Affäre die Argumente für die „Zweistaaten-Lösung“ bestärkt. Lasst jeden der beiden Staaten ein eigenes Parlament haben, in dem sie all die Dummheiten begehen können, die sie wollen, und einen gemeinsamen Koordinierungsrat, wo ernsthafte Entscheidungen getroffen werden können.

(Aus dem Engl. Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

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Optimismus des Willens

Erstellt von Uri Avnery am 21. Februar 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

 WIR HABEN also noch einen Antisemiten. Mazal Tov („Gutes Glück“) wie wir auf Hebräisch sagen.

Sein Name ist Ban Ki-moon, und er ist der Generalsekretär der UN . Tatsächlich der höchste internationale Offizielle, eine Art Welt-Ministerpräsident.

Er hat gewagt, die israelische Regierung zu kritisieren und auch die Palästinensische Behörde, sie würden den Friedensprozess sabotieren und dadurch einen israelisch-palästinensischen Frieden fast unmöglich machen. Er betonte, dass es einen weltweiten Konsens über die „Zwei-Staaten-Lösung“ gäbe, was die einzige Möglichkeit wäre.

Die Formulierung klang neutral, aber Ban macht es ganz klar, dass fast die ganze Schuld auf der Seite Israels liege. Seit die Palästinenser unter einer feindseligen Besatzung leben, können sie nicht viel tun, weder auf die eine noch auf die andere Weise.

Jeder, der Israel für irgendetwas die Schuld gibt, ist natürlich ein eklatanter Antisemit, der letzte in einer langen Reihe – angefangen mit Pharao, König von Ägypten, vor ein paar Tausend Jahren.

 ICH KRITISIERE Ban nicht, höchstens dafür, dass er zu sanft gesprochen hat. Vielleicht ist das der koreanische Stil. Falls ich – Gott bewahre – an seiner Stelle gewesen wäre, wäre meine Formulierung sehr viel schärfer gewesen sein.

Im Gegensatz zu Erscheinung gibt es keinen großen Unterschied zwischen Ban und Bibi, soweit es die Vorhersage betrifft. Vor ein paar Wochen verkündigte Benjamin Netanjahu, dass wir „auf immer mit dem Schwert leben werden“ – eine biblischer Satz, der auf die Warnung von Avner, König Sauls General zurückgeht, der zu König Davids General Yoav ausrief: „Soll das Schwert ohne Ende fressen?“. (Ich liebte Avner immer und nahm seinen Namen an.)

Aber was gut für einen Patrioten wie Netanyahu ist, ist nicht gut für einen Judenhasser wie Ban. Also zur Hölle mit ihm!

NETANJAHU MAG Bans Äußerung, dass die „Zwei-Staaten-Lösung“ jetzt der Konsens der ganzen Welt sei, nicht geliebt haben. Die Welt außer Netanjahu und seine Kohorte.

Das war nicht immer so. Ganz im Gegenteil.

Der Teilungsplan, der zuerst von der britisch königlichen Kommission angenommen wurde, der nach der arabischen Revolte 1936 (von den Juden „Die Ereignisse“ genannt) vereinbart wurde und in dem viele Araber, Juden und britische Soldaten starben. Nach diesem Plan wurde den Juden nur ein kleiner Teil von Palästina zugeteilt, ein schmaler Streifen am Meer entlang, aber es war das erste Mal in der modernen Geschichte, dass ein jüdischer Staat anvisiert wurde. Die Idee verursachte eine große Spaltung in der jüdischen Gemeinde in Palästina („Yishuv“ genannt. Aber der Ausbruch des 2. Weltkrieges setzte dem Plan ein Ende.

Nach dem Krieg und dem Holocaust gab es ein weltweites Suchen nach einer dauerhaften Lösung. Die Generalversammlung der neuen Vereinten Nationen entschied sich für eine Teilung Palästinas in zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabischen. Die jüdische Führung akzeptierte dies förmlich, aber mit der geheimen Absicht, das Gebiet bei der nächsten Gelegenheit zu vergrößern.

Die Gelegenheit kam bald danach. Die Araber wiesen die Teilung zurück und begannen einen Krieg, in dem wir viel mehr Land eroberten und unser junger Staat annektierte dies.

Mit dem Ende des Krieges, Anfang 1949 sah die Situation folgendermaßen aus: der vergrößerte jüdische Staat, jetzt Israel genannt, besetzte 78 % des Landes einschließlich West-Jerusalem; der Emir von Transjordanien behielt das Westufer/ (die West Bank) des Jordan mit Ost-Jerusalem und änderte seinen Titel in König von Jordanien; der König von Ägypten behielt den Gazastreifen.

Palästina war von der Karte verschwunden.

ALS ICH (wegen meiner Verletzungen) aus der Armee entlassen wurde, war ich davon überzeugt, dass diese Situation zu einem permanenten Konflikt führen würde. Während des Krieges hatte ich viele arabische Dörfer und Städte gesehen, von denen die Bewohner geflohen waren oder vertrieben worden sind und war davon überzeugt, dass es ein palästinensisches Volk gibt – im Gegensatz zu israelischen Behauptungen und weltweiter Meinung – und dass es nie Frieden geben wird, wenn diesem Volk ein eigener Nationalstaat verweigert wird.

Noch trug ich die Uniform, schaute mich aber nach Partnern um, mit denen ich diese Überzeugung teilen konnte. Ich fand einen jungen muslimischen arabischen Architekten in Haifa und einen jungen drusischen Scheich. (Die Drusen sind Araber, die sich vom Islam getrennt haben und vor vielen Jahrhunderten eine neue Religion gründeten.)

Wir drei trafen uns mehrere Male in der Wohnung des Architekten, aber fanden kein allgemeines Echo. Die Regierung und die allgemeine Meinung in Israel zogen den Status Quo vor. Die Existenz eines palästinensischen Volkes wurde eifrig verleugnet. Jordanien wurde de facto ein Verbündeter von Israel – wie es im Geheimen schon vorher war.

Falls jemand in den frühen 50er-Jahren eine internationale allgemeine Meinungsumfrage gemacht hätte, so frag ich mich, ob er 100 Leute in der Welt würde gefunden haben, die ernsthaft einen palästinensischen Staat gewollt hätten. Einige arabische Staaten machten gegenüber dieser Idee Lippenbekenntnisse, aber keiner nahm es ernst.

Mein Magazin Haolam Hazeh und später die Partei, die ich gründete, die denselben Namen hatte, waren die einzigen Organisationen in der Welt, die diesen Kampf weiterführten. Golda Meir sagte das berühmte Wort, dass „es so etwas wie ein palästinensisches Volk nicht gibt“ (und weniger bekannt ist: „Ich bin bereit, auf die Barrikaden zu klettern, um Uri Avnery aus der Knesset zu werfen“.

Diese totale Zurückweisung der Rechte und die reine Existenz des palästinensischen Volkes wurden sogar durch den Sechs-Tage-Krieg 1967 noch gestärkt, als Israel sich den Rest von Palästina aneignete. Die herrschende Doktrin war die „Jordanische Option“ – die Idee, dass falls und wenn Israel Teile der West Bank zurückgibt, man sie König Hussein geben würde.

Dieser Konsens erstreckte sich von David Ben Gurion bis Levy Eschkol, von Yitzhak Rabin bis Shimon Peres. Die Idee dahinter war nicht nur die geerbte Leugnung der Existenz des palästinensischen Volkes, sondern auch die verrückte Überzeugung, dass der König Jerusalem aufgeben würde, da seine Hauptstadt Amman war. Nur ein völliger Dummkopf könnte geglaubt haben, dass der haschemitische König, ein direkter Nachkomme des Propheten, die dritt-heiligste Stadt des Islam an Ungläubige geben könnte.

Die pro-sowjetisch israelisch kommunistische Partei war auch für die jordanische Option, die mich dazu brachte, in der Knesset einen Scherz zu machen, dass sie wahrscheinlich die einzige kommunistische monarchistische Partei in der Welt wäre. Dies endete 1969, als Leonid Brezhnev plötzlich den Kurs änderte und die „zwei Staaten für zwei Volker“-Formel akzeptierte. Die israelischen Kommunisten folgten fast bevor die Worte ausgesprochen waren.

Die Likud-Partei natürlich war nie bereit, nur einen qm von Erez Israel aufzugeben. Offiziell beansprucht es das Ostufer des Jordanflusses auch. Nur ein Erzlügner wie Netanjahu konnte öffentlich der Welt gegenüber seine Akzeptanz der „Zwei-Staaten-Lösung“ behaupten. Kein Likud Mitglied nahm ihn ernst.

Wenn der höchste Diplomat der Welt sagt, dass es einen weltweiten Konsens für die Zwei-Staaten-Lösung gibt, habe ich das Recht, mich einen Augenblick lang der Genugtuung zu erfreuen. Und des Optimismus‘.

„OPTIMISTISCH“ IST der Titel meiner Memoiren, deren zweiter Teil in dieser Woche herauskam (Leider nur auf Hebräisch. Ich habe noch keinen Verleger gefunden, der es in andern Sprachen herausgibt.

Als der erste Teil erschien, dachten die Leute, der Titel sei verrückt. Jetzt sagen sie, er sei wahnwitzig.

Optimistisch? Heute? Wenn das israelische Friedenslager schwer verzweifelt ist? Wenn der hier gewachsene Faschismus seinen Kopf hebt und die Regierung zum nationalen Selbstmord führt?

Ich habe mehrfach zu erklären versucht, woher dieser irrationale Optimismus kommt: aus genetischen Wurzeln, Lebenserfahrung, das Wissen, dass Pessimisten gar nichts tun, dass es die Optimisten sind, die versuchen, eine Veränderung zu bewirken.

Antonio Gramscis Motto zitiert: „Pessimismus des Intellekts, Optimismus des Willens.

BAN IST nicht der einzige Antisemit, der kürzlich demaskiert wurde. Ein anderer ist Laurent Fabius, Außenminister von Frankreich.

Wie kommt das? Fabius hat vor kurzem die Idee der Zusammenkunft einer internationalen Konferenz für einen israelisch-palästinensischen Frieden (natürlich in Paris) gehabt. Er erklärte im Voraus, wenn diese Idee nicht akzeptiert wird, wird Frankreich den palästinensischen Staat anerkennen, und die Tore Europas auch für andere öffnen.

Dies erhebt eine semantische Frage. Nach zionistischer Redeweise kann nur ein Nicht-Jude ein Antisemit sein. Ein Jude, der dasselbe sagt, ist ein „jüdischer Selbsthasser“.

Fabius gehört zu einer jüdischen Familie, die zum Katholizismus konvertiert ist. Nach jüdisch religiösen Gesetz (die Halacha) bleibt ein Jude, der gesündigt hat, ein Jude. Konvertieren ist eine Sünde. Ist Fabius also ein Nichtjude und deshalb ein Antisemit oder ein jüdischer Sünder, ein Selbsthasser?

Wie sollen wir ihn exakt verfluchen?

(Aus dem Englischen : Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Rattenfänger von Zion

Erstellt von Uri Avnery am 14. Februar 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

HAMELN, EINE kleine Stadt in Deutschland (nicht weit von da, wo ich geboren wurde) war von Ratten heimgesucht. In ihrer Verzweiflung riefen die Bürger nach einem Rattenfänger und versprachen ein Tausend Gulden dafür, dass er sie von der Plage befreien werde.

Der Rattenfänger nahm sein Blasinstrument und spielte eine hüsche Melodie, dass alle Ratten aus ihren Löchern kamen und ihm folgten. Er marschierte mit ihnen zum Weserfluss, wo sie alle ertranken.

Einmal von der Plage befreit, sahen die Einwohner keinen Grund zu zahlen. Der Pfeifer nahm also noch einmal sein Instrument und spielte eine noch viel schönere Melodie. Die entzückten Kinder der Stadt sammelten sich um ihn und er marschierte mit ihnen direkt zum Fluss hinunter, wo sie alle ertranken.

Benjamin Netanjahu ist unser Rattenfänger. Entzückt von seinen Melodien, laufen die Leute von Israel hinter ihm her zum Fluss.

Jene Bürger, denen klar ist, was geschieht, schauen zu. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Wie kann man die Kinder retten?

DAS ISRAELISCHE Friedenslager ist in Verzweiflung. Kein Retter ist in Sicht. Viele sitzen vor ihrem Fernseher und wringen die Hände.

Unter dem Rest findet eine Debatte statt. Wird die Erlösung von innen kommen oder von außen?

Der letzte Mitwirkende an dieser Debatte ist Amos Schocken, der Besitzer der „Haaretz-Zeitung. Er hat einen seiner seltenen Artikel geschrieben, in dem er behauptet, dass uns nur Kräfte von außen retten können.

Lasst mich zuerst sagen, dass ich Schocken bewundere. „Haaretz“ („ Das Land) ist eine der letzten Bastionen von Israels Demokratie. Verflucht und verachtet von der ganzen rechten Mehrheit führt sie die intellektuelle Schlacht für Demokratie und Frieden. All dies während die gedruckten Medien in Israel und in aller Welt in ernster finanzieller Notlage sind. Meine eigene Erfahrung als Besitzer und Herausgeber eines Magazins–das die Schlacht verloren hat – weiß genau, wie heroisch und herzzerbrechend dieser Job ist.

In seinem Artikel sagt Schocken, dass die Schlacht, Israel von innen zu retten, hoffnungslos ist. und dass wir deshalb den von außen kommenden Druck unterstützen müssen: die wachsende weltweite Bewegung, um Israel zu boykottieren: politisch, wirtschaftlich und akademisch.

Ein anderer prominenter Israeli, der diese Ansicht unterstützt, ist Alon Liel, ein früherer Botschafter in Südafrika und gegenwärtiger Hochschuldozent. Auf seiner eigenen Erfahrung gegründet, behauptet Liel, dass es der weltweite Boykott war, der das Apartheidregime auf seine Knie zwang.

Es liegt mir fern, das Zeugnis von solch hervorragenden Experten zu verachten. Ich war nie in Süd-Afrika, um es selbst zu erleben. Aber ich habe mit vielen Teilnehmern, Schwarzen und Weißen gesprochen und mein Eindruck ist ein wenig anders.

ES IST eine große Versuchung, das gegenwärtige Israel mit der Apartheid Süd-Afrika zu vergleichen. Tatsächlich ist der Vergleich fast unvermeidbar. Aber was sagt es uns?

Die angenommene Ansicht im Westen ist, dass der internationale Boykott des scheußlichen Apartheid-Regime es war, der ihm das Rückgrat brach. Dies ist eine beruhigende Ansicht. Das Gewissen der Welt wachte auf und zerdrückte die Schufte.

Doch dies ist ein Blick von außen. Der Blick von innen scheint ganz anders. Die Innenansicht schätzt die Hilfe der internationalen Gemeinschaft, aber führt den Sieg auf den Kampf der schwarzen Bevölkerung selbst zurück, ihre Bereitschaft zu leiden, ihren Heldenmut, ihre Hartnäckigkeit. Indem es viele verschiedene Methoden anwandte, einschließlich Terrorismus und Streiks, machte es die Apartheid schließlich unmöglich.

Der internationale Druck half mit, dass den Weißen zunehmend ihre Isolierung bewusst wurde. Einige Maßnahmen, wie der internationale Boykott der südafrikanischen Sportteams waren besonders schmerzlich. Aber ohne den Kampf der schwarzen Bevölkerung selbst, würde der internationale Druck unwirksam gewesen sein.

Den höchsten Respekt schuldet man den weißen Süd-Afrikanern, die aktiv den Kampf der Schwarzen unterstützten, einschließlich Terrorismus bei großem persönlichem Risiko. Viele von ihnen waren Juden. Einige flohen nach Israel. einer war mein Freund und Nachbar Arthur Goldreich. Die israelische Regierung unterstützte natürlich das Apartheid-Regime.

Selbst ein oberflächlicher Vergleich zwischen den beiden Fällen zeigt, dass das israelische Apartheid-Regime sich großer Aktivas erfreut, die in Süd-Afrika nicht existierten.

Die südafrikanischen weißen Herrscher wurden weltweit verabscheut, weil sie ganz offen die Nazis im 2. Weltkrieg unterstützten. Die Juden waren die Opfer der Nazis. Der Holocaust ist ein riesiges Guthaben der israelischen Propaganda. So wird das Nennen jeder Kritik Israels als antisemitisch angesehen – eine sehr wirksame Waffe in diesen Tagen.

(Mein letzter Beitrag: Wer ist ein Antisemit? Derjenige, der die Wahrheit über die Besatzung sagt.)

Die unkritische Unterstützung der mächtigen jüdischen Gemeinden in aller Welt für die israelische Regierung ist etwas, wovon die südafrikanischen Weißen nicht einmal träumen konnten.

Und natürlich ist kein Nelson Mandela in Sicht.

Paradoxerweise gibt es ein klein wenig Rassismus in der Ansicht, dass es die Weißen in der westlichen Welt waren, die die Schwarzen in Südafrika befreiten und nicht die schwarzen Südafrikaner selbst.

Es gibt noch einen großen Unterschied zwischen den beiden Situationen. Während Jahrhunderten der Verfolgung in der christlichen Welt abgehärtet, können jüdische Israelis auf Druck von außen anders reagieren als erwartet. Druck von außen kann sich gegensätzlich äußern. Es kann sich der alte jüdische Glaube wieder bestätigen, dass Juden nicht verfolgt werden für das, was sie tun, sondern für das, was sie sind. Das ist einer von Netanjahus Hauptargumenten.

Vor Jahren sang und tanzte eine Armeeunterhaltungsgruppe zu der fröhlichen Melodie eines Liedes, das mit den Worten begann: „Die ganze Welt ist gegen uns, aber uns ist es schnuppe…“

Dies betrifft auch die BDS-Kampagne. Vor 18 Jahren waren meine Freunde und ich die ersten, die einen Boykott auf die Produkte der Siedlungen erklärten. Wir wollten eine Kluft zwischen Israelis und den Siedlern schaffen. Deshalb erklärten wir keinen Boykott gegen Israel selbst, was gewöhnliche Israelis in die Arme der Siedler getrieben hätte. Nur direkte Unterstützung der Siedlungen sollte bestraft werden

Das ist noch immer meine Meinung. Aber jeder im Ausland sollte seine/ihre eigene Meinung dazu haben. Man sollte sich immer daran erinnern, dass die Hauptsache sei, die öffentliche Meinung zu in Israel zu beeinflussen

DIE „INNEN-AUSSEN“Debatte könnte rein theoretisch sein, aber sie ist es nicht. Sie hat sehr praktische Konsequenzen.

Das israelische Friedenslager ist in einem Zustand der Verzweiflung. Die Größe und Macht des Rechten Regierungsflügels wächst. Fast täglich werden widerliche neue Gesetze vorgeschlagen und erlassen, einige von ihnen mit einer unverkennbaren faschistischen Variante. Der Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich mit einem Pulk männlicher und weiblicher Rowdies umgeben, vor allem aus der Likud Partei, obwohl er selbst im Vergleich zu denen selbst beinahe ein Liberaler ist. Die wichtigste Oppositionspartei, das „Zionistische Lager“ (früher Labor) könnte Likud B genannt werden.

Abgesehen von einigen Dutzend Randgruppen, die tapfer diese Welle aushalten und bewundernswerte Arbeit tun, jede in ihrer ausgewählten Nische, ist das Friedenslager gelähmt durch seine eigene Verzweiflung. Sein Slogan könnte gut sein: „Nichts kann mehr getan werden“

Die jüdisch-arabische Zusammenarbeit im gemeinsamen Kampf innerhalb Israel – jetzt trauriger Weise fast fehlend – ist auch wesentlich.

In diesem Klima ist die Idee, dass Israel nur durch Druck von außen von sich selbst retten kann, tröstlich. Irgendjemand dort draußen wird die Arbeit für uns tun. Erfreuen wir uns also der Demokratie, solange sie noch besteht.

Ich weiß, dass nichts weiter entfernt ist von Schockens, Liels und all der anderen Gedanken, die täglich den Kampf kämpfen. Aber ich fürchte, dass dies die Folge ihrer Ansichten ist.

WER ALSO hat recht? Diejenigen, die glauben, dass der Kampf innerhalb Israel uns retten kann oder jene, die ihr Vertrauen ganz auf den Druck von außen setzen?

Meine Antwort: weder noch

Oder eher beide.

Diejenigen die innen kämpfen, benötigen alle Hilfe, die sie von außen bekommen können. Alle moralisch denkenden Menschen in allen Ländern der Welt sollten es als ihre Pflicht ansehen, den Gruppen und Personen innerhalb Israels zu helfen, die weiter für Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit kämpfen.

Wenn Israel ihnen teuer ist, sollten sie diesen tapferen Gruppen moralisch, politisch und materiell zu Hilfe kommen.

Aber um den Druck von außen wirksam zu machen, müssen sie in der Lage sein, sich mit dem Kampf drinnen zu verbinden, dies veröffentlichen und dafür Unterstützung gewinnen. Sie können neue Hoffnung denen geben, die am Verzweifeln sind. Nichts ist entscheidender.

Der Regierung ist das klar. Deshalb erlässt sie alle Arten von Gesetzen, um die israelischen Friedensgruppen von ausländischer Hilfe abzuschneiden.

Also lassen wir den guten Kampf weitergehen – innerhalb, außerhalb, ja überall.

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Extrem, extremer, am Extremsten

Erstellt von Uri Avnery am 7. Februar 2016

Texte von Uri Avnery

 Autor Uri Avnery

WIE ES wohl bekannt ist, ist Israel ein „Jüdischer und demokratischer Staat.“

Das ist die offizielle Bezeichnung.

Nun ….

 WAS DAS Jüdische betrifft, so ist es eine neue Art Jüdischkeit, eine Mutation.

Seit etwa 2000 Jahren sind Juden als weise, schlaue, friedliebende, humane, progressive, liberale, sogar sozialistische Menschen bekannt.

Wenn man heute diese Attribute hört, fällt einem nicht der Staat Israel als erstes ein. Weit davon entfernt.

Was „demokratisch“ betrifft, so stimmte dies mehr oder weniger bei der Gründung des Staates 1948 bis zum 6-Tage-Krieg von 1967, als Israel leider die Westbank, den Gazastreifen, Ost-Jerusalem und die Golanhöhen eroberte. Und natürlich die Sinai-Halbinsel, die später an Ägypten zurückgegeben wurde .

(Ich sage „mehr oder weniger“ demokratisch, weil es nirgendwo auf der Welt einen vollständig demokratischen Staat gibt.)

Seit 1967 ist Israel eine hybride Schöpfung – halb demokratisch, halb diktatorisch. Wie ein Ei, das zur Hälfte frisch, zur Hälfte verrotten ist.

Die besetzten Gebiete – erinnern wir uns – bestehen mindestens aus vier verschiedenen Kategorien:

(a) Ost-Jerusalem, das 1967 von Israel annektiert wurde und jetzt offiziell Teil von Israels Hauptstadt ist. Seine palästinensischen Bewohner sind nicht als israelische Bürger akzeptiert worden. Sie sind nur „Einwohner“, ohne jegliche Bürgerrechte.

(b) Die Golanhöhen, früher ein Teil Syriens, die von Israel annektiert wurden . Die paar arabisch-drusischen Bewohner, die dort blieben, sind zögerliche Bürger Israels.

(c) Der Gazastreifen, der von Israel und Ägypten (die gemeinsame Sache machen) vollkommen von der Welt abgeschnitten ist. Die israelische Flotte schneidet es auf der See ab. Das Minimum, das die Bewohner zum Überleben brauchen, darf durch Israel kommen. Der verstorbene Ariel Sharon zog die wenigen jüdischen Siedlungen aus dem Gebiet heraus, das nicht von Israel beansprucht wurde, weil dort zu viele Araber sind.

(d) Die Westbank (des Jordanflusses), die die israelische Regierung und Israelis vom rechten Flügel mit ihren biblischen Namen „Judäa und Samaria“ nennen, ist die Heimat des größten Teils des palästinensischen Volkes, wahrscheinlich etwa 3,5 Millionen. Es ist dort, wo die Schlacht sich abspielt.

VOM ERSTEN TAG der 1967-Besatzung beabsichtigen Israelis vom rechten Flügel die Westbank an Israel zu annektieren. Mit dem Slogan „Das ganze Erez Israel“ begannen sie eine Kampagne, um dieses ganze Gebiet zu annektieren, die palästinensische Bevölkerung zu vertreiben und so viel wie möglich jüdische Siedlungen dort aufzubauen.

Die Extremisten verbergen nie ihre Absicht, dieses Land ganz von Nicht-Juden zu reinigen und ein Groß-Israel vom Mittelmeer bis zum Jordanfluss zu errichten.

Dieses Ziel zu erreichen, ist sehr schwierig. 1948, während unsres sog. „Befreiungskrieges“ eroberte Israel ein weit größeres Gebiet als ihm von den Vereinten Nationen zugestanden wurde, wurde aber vergeben. Die Hälfte der palästinensischen Bevölkerung des Landes wurde vertrieben oder floh. Das Fait accompli wurde mehr oder weniger von der Welt akzeptiert, weil es mit militärischen Mitteln in einem Krieg erreicht wurde, der von arabischer Seite begonnen wurde, und weil es so nah am Holocaust geschah.

1967 war die Situation völlig anders. Die Ursachen des neuen Krieges waren umstritten: David verwandelte sich in Goliath, ein weltweiter kalter Krieg lief. Israels Eroberungen wurden nicht anerkannt, nicht einmal von ihrem Schutzherrn, den USA.

Trotz verschiedener neuer israelisch-arabischer Kriege, dem Ende des kalten Krieges und vielen andern Veränderungen, hat sich diese Situation nicht verändert.

Israel nennt sich selbst einen „jüdischen und demokratischen Staat“. Die Bevölkerung in „Groß-Israel“ ist jetzt halb jüdisch und halb arabisch, wobei sich die Araber schneller vermehren. Das eigentliche Israel ist mehr oder weniger demokratisch. In den besetzten palästinensischen Gebieten herrscht eine diktatorische „ Militärregierung“ mit Hundert Tausenden jüdischer Siedler, die versuchen, die palästinensisch-arabische Bevölkerung mit allen erreichbaren Mitteln, einschließlich betrügerischem Landkauf und Terrorismus („Vergeltung“ genannt) zu vertreiben.

Im eigentlichen Israel gehört die Regierung zur extremen Rechten mit einigen Elementen, die woanders „faschistisch“ genannt würden. Das Zentrum und die Linke sind ohnmächtig. Der einzige wirkliche politische Kampf herrscht zwischen der radikalen Rechten und der noch radikaleren Rechten.

IN DIESER WOCHE brach eine wütende Schlacht zwischen Benjamin Netanjahu und seinem Verteidigungsminister Bogi Yaalon, beide von der Arbeitpartei und Naftali Bennett, dem Führer der“Jüdisches Heim“-Partei, aus. Bennett, ein ehrgeiziger Rechter macht kein Hehl aus seiner Absicht, Netanjahu so bald wie möglich zu ersetzen.

Die Art und Weise der Sprache, die von beiden Parteien benützt wird, würde man sogar zwischen der Koalition und der Opposition als extrem betrachten. Zwischen Partnern der Koalitionsregierung ist es – mild ausgedrückt – ziemlich ungewöhnlich, selbst in Israel.

Verglichen mit diesem ist die Sprache des Oppositionsführers Yitzhak Herzog praktisch höflich.

Bennett sagte, dass Netanjahu und Ya’alon alte und überholte Ideen propagieren und an „psychischer Paralyse“ leiden. Er behauptete, dass sie Israels schwankenden Ruf in der Welt nur noch mehr verschlechtern. Netanjahu und Yaalon, ein früheres Kibbuzmitglied und Stabschef der Armee klagten Bennett des Stehlens an. Nach ihnen würde Bennett, sobald es im Kabinett eine gute Idee gäbe, aus dem Raum rennen und behaupten, es seien seine eigenen Ideen Yaalon nannte Bennett „kindisch“ und „unbesonnen“.

Wer hat recht? Leider alle.

Dazwischen steht bzw. sitzt der gegenwärtige Armeechef Gadi Eisenkot, Sohn marokkanischer Immigranten trotz seines deutsch klingenden Namens. In Israel sind – seltsam genug – die Armeechefs gewöhnlich moderater als die Politiker.

Der General schlug vor, die Lage der arabischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten zu verbessern zum Beispiel den Leuten in Gaza einen Hafen zu bauen, damit sie mit der Welt im ganzen in Kontakt kommen könnten. Erstaunlich.

ALL DIES ereignete sich bei einer Konferenz der sogenannten Sicherheitsexperten, bei der jeder sich zu Wort melden kann.

Die Führer der Oppositionspartei nahmen auch daran teil. Yitzhak Herzog von der Labor-Partei, Yair Lapid von der Zentrum-Partei „Es gibt eine Zukunft“ und andere hatten das Sagen, aber sie waren so langweilig, dass über ihre Reden nur um der fairness willen berichtet wurde. Sie grabschten von hier und dort einige Ideen und nannten dies „mein Plan“ – und schoben den Frieden – wenn überhaupt – auf eine sehr entfernte Zukunft.

Frieden ist – soviel man weiß – etwas Angenehmes, etwas, von dem man träumt. Nichts für ernsthafte Politiker.

Was bleibt, ist ein wütender Kampf zwischen der extremen Rechten und dem noch extremeren rechten Flügel.

Bennett, ein früherer High-Tech-Unternehmer, trägt eine Kippa auf seinem kahlen Kopf (offen gesagt, wundere ich mich immer, was sie dort hält, vielleicht der reine Willen). Er verbirgt seine Überzeugung nicht, dass er den flauen Netanjahu um der Nation willen so bald wie möglich ersetzen muss.

Bennett verklagte die inkompetente, politische Führung, dass sie unsere tapferen Soldaten und ihre Kommandeure in Stich lässt – eine Anklage direkt aus „Mein Kampf“, das dabei ist, auf Hebräisch zu erscheinen.

Netanjahus einzig möglicher Nachfolge innerhalb seiner Likud-Partei ist Yaalon, ein Mann ohne irgendwelches Charisma oder politisches Talent. Doch damit Bennett und seine Jüdische Heimat-Partei ans Ruder kommt, müssen sie die Likud-Partei an die Wahlurne überwinden – eine sehr schwierige Sache. Göttliche Intervention mag nötig sein.

Wenn wir schon von göttlicher Intervention sprechen: letzte Woche kritisierte die schwedische Außenministerin Margot Wallström Israels Rechtssystem, das verschiedene Rechte für Juden und Araber hätte.

Netanjahu reagierte scharf – wer hätte das gedacht: rein zufällig war die schwedische Presse voller Geschichten über die Korruption von Wallström, die für ihre Regierungswohnung weniger Miete als sie sollte, zahlen würde.

ALL DIES könnte amüsierend sein, wenn es nicht die Zukunft Israels beträfe.

Friede ist ein schmutziges Wort. Das Ende der Besatzung ist nicht in Sicht. Die Vereinte (arabische) Partei wird nicht einmal in Bezug gezogen. Dasselbe gilt beinahe für Meretz.

Auf der Linken ist Verzweiflung das Synonym für Faulheit. Dort gibt es eine sanfte Debatte über die Idee, dass nur die Welt außerhalb Israels uns von uns selbst retten kann. Dies wird jetzt von dem geachteten früheren Generaldirektor unseres Außenministeriums, Alon Lyel, propagiert. Ich glaube nicht daran. Die Idee sich an Nichtjuden zu wenden, um die Juden vor sich selbst zu retten, ist keine Idee, die große Popularität gewinnen wird.

Bennett hat in einem Punkt recht: Stagnation, psychisch wie praktisch, ist keine Lösung. Die Dinge müssen wieder in Bewegung kommen. Ich hoffe inbrünstig, dass die junge Generation neue Kräften und neue Ideen hervorbringen wird, die Netanjahu, Bennett und ihre Sorte beiseiteschieben wird.

Was unsere hoch-gelobte Demokratie betrifft, so scheint es, dass seit Jahren eine von der Regierung finanzierte Organisation einen privaten Detektiv bezahlt hat, dessen Job es war, die Papierkörbe von Friedensaktivisten durchzugehen, um Informationen über Menschenrechts- und Friedensgruppen und Persönlichkeiten zu erhalten.

Zum Glück zerreiße ich alles.

(dt. Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

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Die Kluft, die immer weiter wird

Erstellt von Uri Avnery am 31. Januar 2016

Die Kluft, die immer weiter wird

Autor Uri Avnery

IN JEDER Liste von Israels bedeutendsten Frauen würde Ilana Dayan an prominenter Stelle stehen.

Dayan (Keine Verbindung zum verstorbenen General mit dem Augenverband) ist  die Redakteurin  von einem der repräsentativsten Fernsehprogramme. Während das israelische  Fernsehen im Allgemeinen langsam in einen Morast stupider „Realitäts“-Unterhaltung sinkt, steht ihr Programm  mit Namen „Uvdah“  („Tatsache“)  wie ein Leuchtturm von verantwortlichem, investigativem Journalismus, und zwar von der Ar, von der mein  einst wöchentliches Nachrichten Magazin bekannt war.

Im Allgemeinen ist Dayan immer als sanfte „Linke“ angesehen worden – da kompromisslose Kritik der zur Zeit Regierenden gewöhnlich mit der Linken identifiziert wird.

Jetzt wird sie angeklagt, der extremen fast faschistischen Rechten zu dienen. Schockierend!

In der wilden Debatte, die folgte, zitierte Dayan mich zur Unterstützung.  40 Jahre lang trug mein Magazin in seinem Impressum den Slogan „Ohne Furcht, ohne Vorurteil.“ Dayan behauptete, dass sie entsprechend dieses  Mottos  handeln würde.

Dies zwingt mich, mich in diese Diskussion einzumischen – gegen mein besseres Urteil.

DER HINTERGRUND dieser Affäre betrifft genau die Gründe des israelisch-palästinensischen Konfliktes.

Seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 hat Israel  unter anderen Gebieten das Gebiet, das von den Arabern „die Westbank“/ Westufer des Jordan, und von der israelischen Regierung und von Israelis des rechten Flügels „Judäa und Samaria“, ihre biblische Bezeichnung, genannt wird, erobert.

Fast seit Beginn der Besatzung hat sich die israelische Rechte sehr darum bemüht, „das Land zu besiedeln“  – jüdische Siedlungen und Städte, Dörfer und kleine Außenposten im ganzen Gebiet.

Wem gehört das Land offiziell, auf dem die Siedlungen gebaut werden?

Vieles davon war „Regierungsland“.  Dies geht zurück bis  ins Ottomanische Reich. Allgemeine Landreserven, die keinem individuellen Bauer gehörten, sondern dem ganzen Dorf, waren auf den Namen des Sultan  registriert. Unter der britischen „Regierung von Palästina“ wurde es „Regierungsland“. Als die israelische Armee das Land besetzte, legte die israelische Regierung  ihre Hand  auf all diesen Besitz. Das bedeutet, dass dieses Land jetzt nur von jüdischen Siedlern benützt wird.

Andere Teile des Landes wurden einfach von der Militärregierung „ aus Sicherheitsgründen“ oder  für „öffentliche Zwecke“ enteignet und dann den Siedlern übergeben.

Viele dieser Siedlungen sind offenkundig illegal, sogar nach dem israelischen Gesetz, das in diesen Gebieten vorherrscht. Aber das  Gesetz wird sehr selten angewandt. Die israelische Militärregierung, die Armee und die Polizei unterstützen ganz offen die Siedlungen, schützen sie  und verbinden sie mit dem Stromnetz. Die Gerichte kümmern sich sehr selten um sie.

Doch was geschieht mit Siedlungen, die auf privatem arabischem Land stehen?  Ah, hier liegt der Hase im Pfeffer. Alle möglichen und unmöglichen Tricks sind angewandt worden, um sie zu übernehmen. Unter ihnen  ist die Anwendung von falschen Dokumenten, falschen Unterschriften, oft von toten Besitzern. Aber die gewöhnlichste Methode ist der Gebrauch arabischer Vermittler.

FÜR DAS palästinensische Volk ist dies ein existentieller Kampf. Die israelische Rechte, die jetzt die Regierung dominiert, verbirgt ihre Vision eines Landes, frei von palästinensischen Arabern nicht (im Deutschen „araberrein“). Die Vision des ganzen Landes  von Juden besiedelt – mit  sonst niemand –  hat starke Anziehung, besonders in religiösen Kreisen.

Die Siedler und  ihre Verbündeten haben ein ganzes Netzwerk für legalen Land-Erwerb  geschaffen. Sie nähern sich einem arabischen Besitzer und bieten ihm eine riesige  Summe für sein Land an. Das Geld kommt von  jüdischen Milliardären der USA oder aus geheimen Regierungsfonds. Der arabische Besitzer ist sehr versucht. Er will es verkaufen und dann mit dem Geld wegrennen. Aber er fürchtet seine Nachbarn und fanatische Palästinenser.

Von da kommen die arabischen Vermittler. Sie handeln als Agenten der Siedler und kaufen das gewünschte Land in einer Weise, die den Käufer befähigt, vorzugeben, dass  er seinen Besitz an andere Araber verkaufe.

Für die palästinensische Gemeinde sind diese Vermittler schlimmer als Verräter.  Sie gefährden die bloße Existenz des palästinensischen Volkes. Sie entfachen intensive Wut.

HIER ISTES,  wo die TV-Reportage von Ilana Dayan beginnt.

Es konzentriert sich auf einen israelischen Friedensaktivisten mit Namen Ezra Nawi, ein irakisch-jüdischer Name. Er ist sehr aktiv in der Gegend von Hebron in der südlichen Westbank. Seit Jahrzehnten kenne  ich seinen Namen.

Mein Eindruck ist immer  gewesen, dass Nawi eine Art Einzelgänger ist; selbstlos hilft er den Palästinensern, verbunden mit einigen der vielen aktiven israelischen Friedensorganisationen, besonders mit Ta’ayush.

Hebron ist ein Zentrum der fanatischsten jüdischen Siedler. Es war hier, wo der Siedler und Massenmörder Baruch Goldstein 29  betende Araber in der Moschee massakrierte. Von wütenden Überlebenden wurde er auch getötet. Er wird jetzt von den Siedlern wie ein Heiliger verehrt.

Diese Siedler sind mit einem langen Kampf  engagiert, um alle Araber  aus den umliegenden Dörfern zu vertreiben. Sie zerstören ihre Häuser, sägen ihre Fruchtbäume ab, füllen ihre Brunnen mit Dreck. Ezra Nawi  arbeitet unermüdlich, um den Arabern zum Durchhalten zu helfen

AUF DER Seite der Siedler gibt es mehrere jüdisch faschistische Organisationen (pardon, keine andere Bezeichnung trifft den Fall) die großzügig von amerikanisch- jüdischen Milliardären  finanziert werden.

Wie es jetzt scheint, haben diese Organisationen ein Spionage Netzwerk aufgebaut, um israelische Friedens- und Menschenrechtsgruppen zu infiltrieren. Einem ihrer Agenten gelang es das Vertrauen des unverdächtigen Nawi zu gewinnen, der in einem Augenblick der Selbstverherrlichung angab, die Namen  von arabischen Landverkäufern den palästinensischen Sicherheitskräften preisgab, die sie wegen Verrats exekutierten.

Die faschistische Organisation brachte die Information rüber zu Ilana Dayan, die dies zum Haupt-Thema ihres wöchentlichen Fernsehprogrammes  machte. Nawi eilte zum Flughafen, wurde aber von der Polizei aus dem Flugzeug geholt.

Hier sind wir also.

Bei der wütenden Debatte, die jetzt in den Medien tobte, wird Dayan von den Linken wie Gideon Levy angeklagt, sie sei eine Verräterin geworden und diene nun den Faschisten. Dayan antwortete mit einem wütenden Artikel, in dem sie mein Motto zitiert. Es sei nicht ihre Sache, behauptete sie, sich zu fragen, ob ihre Enthüllungen der Linken oder der Rechten diene. Ihr Job sei es nur, sicher zu gehen, dass sie wahr sind.

Sie behauptete auch, es sei nicht ihr Geschäft, die Motive der Leute zu erkunden, die die Information liefern. Auch hier stimme ich mit ihr überein. Eine wichtige Information kann zuweilen  von ganz unangenehmen Quellen ausgehen.

Das öffentliche Wohl mag seine Veröffentlichung trotzdem verlangen.

Ich bin unter allen Umständen gegen Todesstrafe. Ich bin auch gegen Folter.  Doch habe ich nie irgendeinen Beweis gesehen, dass die palästinensischen Sicherheitsdienste bei arabischen Landvermittlern dies ausgeführt haben, auch wenn einige harsch verhört worden seien.

Einen komischen Gesichtspunkt gibt es auch. Nawi wird angeklagt, Kontakte mit ausländischen Agenten zu haben, ein Verbrechen, das Spionage gleichkommt. Welche ausländischen Agenten? Der Sicherheitsdienst der palästinensischen Behörde unter dem Kommando von Mahmoud Abbas?  Doch nur vor ein paar Tagen teilte der israelische  Sicherheitsdienst mit, dass die beiden Sicherheitsdienste – der israelische und der palästinensische – eng zusammen arbeiten, um arabischen „Terrorismus“ zu verhindern; Auf diese Weise wurden viele  israelische Leben gerettet. Wann also sind palästinensische Dienste Feinde und Kontakt mit ihm ein solch ernstes Verbrechen?

Eine andere Frage betrifft die Offenlegung, dass extreme  Organisationen des rechten Flügels von ausländischen (jüdisch-amerikanischen) Spendern finanziert,  weitverbreitete geheime Spionagetätigkeit gegen israelische Aktivisten durchführen. Wie kommt es, dass der Shin Bet nichts davon weiß – oder falls er davon weiß, warum hält er es geheim?

Eine Sache ist sicher: Israelische Politik wird von Tag zu Tag hässlicher. Die Kluft zwischen links und rechts wird  zu einem Abgrund des Hasses. Der rechte Flügel benützt Methoden, die mich an 1933 in Deutschland erinnern.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

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Vorgestellte Nationen

Erstellt von Uri Avnery am 24. Januar 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

VOR ZWEI Wochen starb Benedict Anderson. Oder wie wir auf Hebräisch s

agen: „er ging in seine Welt.“

Anderson , ein Ire, der in China geboren, in England groß geworden ist, sprach fließend mehrere südasiatische Sprachen, hatte einen großen Einfluss auf meine intellektuelle Welt.

Ich schulde seinem bedeutendsten Buch: „Vorgestellte Gemeinschaften“

JEDER VON uns hat ein paar Bücher, die seine Weltsicht schufen und veränderten.

In meiner frühen Jugend las ich Oswald Spenglers monumentales „Der Untergang des Abendlandes“. Es hatte eine dauernde Wirkung auf mich.

Spengler, jetzt fast vergessen, war davon überzeugt, dass die ganze Weltgeschichte aus einer Anzahl von „Kulturen“ besteht, die menschlichen Wesen ähneln: sie werden geboren, reifen, werden in einer Zeitspanne von tausend Jahren alt und sterben.

Die „alten“ Kulturen der Griechen und Römer dauerten von 500 vor Chr., bis 500 nach Chr. Ihnen folgte die „magische“ östliche Kultur, die im Islam ihren Höhepunkt hatte, die bis zum Auftauchen der westlichen Kultur dauerte und die im Begriff ist zu sterben. Und nun von Russland gefolgt wird, (Wenn er heute gelebt hätte, würde Spengler wahrscheinlich China anstelle von Russland gesetzt haben)

Spengler, der eine Art Universalgenie war, erkannte auch mehrere Kulturen auf andern Kontinenten.

Das nächste monumentale Werk, das meine Weltsicht beeinflusste war Arnold Toynbees „Ein Studium der Geschichte“. Wie Spengler, glaubte er, dass Geschichte aus „Zivilisationen“ bestehen, die reifen und altern, aber er fügte Spenglers Liste noch einiges hinzu.

Spengler, ein Deutscher, war pessimistisch. Toynbee, ein Brite, war optimistisch. Er akzeptierte nicht die Ansicht, dass Zivilisationen verurteilt werden, nach einer gewissen Lebensspanne zu sterben. Nach ihm geschah dies tatsächlich bis heute, aber ihre Menschen können aus Fehlern lernen und seinen Lauf der Dinge verändern.

ANDERSON BESCHÄFTIGTE sich nur mit einem Teil der Geschichte: mit der Geburt der Nationen.

Für ihn ist eine Nation eine menschliche Schöpfung der letzten paar Jahrhunderte. Er leugnete die akzeptierte Ansicht, dass Nationen immer existiert haben und sich nur verschiedenen Zeiten anpassten, wie wir in der Schule lernten. Er bestand darauf, dass Nationen vor nur etwa 350 Jahren „erfunden“ wurden.

Entsprechend der europäischen Ansicht, die „Nation“ übernahm ihre gegenwärtige Form in der Französischen Revolution oder unmittelbar davor. Bis dahin lebte die Menschheit in verschiedenen Formen von Organisationen.

Primitive Menschen lebten in Stämmen, die gewöhnlich aus ungefähr 800 Individuen bestanden. Solch ein Stamm war klein genug von einem kleinen Gebiet zu leben, und groß genug, sich gegen benachbarte Stämme zu verteidigen, die immer versuchten, Gebiet von ihm zu nehmen.

Von hier entwickelten sich verschiedene Formen menschlicher Kollektive, wie der griechische Städte-Staat, das persische und römische Empire, der multi-kommunale byzantinische Staat, die islamische „Umma“, die europäischen Viel-Völker-Monarchien und das westliche Kolonialreich.

Jede dieser Schöpfungen passt sich seiner Zeit und den Realitäten an. Der moderne Nation-Staat war eine Reaktion auf moderne Herausforderungen („Herausforderung und Reaktion“ war Toynbees Mechanismen des Wechsels) Neue Realitäten – die industrielle Revolution, die Erfindung der Eisenbahn und das Dampfschiff, immer tödlichere moderne Waffen etc. – machten kleine Fürstentümer obsolet.

Ein neuer Entwurf war notwendig und fand seine beste Form in einem Staat mit zehnmillionen Menschen, genug, um eine moderne Industriewirtschaft zu erhalten, sein Gebiet mit riesigen Armeen, zu verteidigen, eine allgemeine Sprache zu entwickeln als Grundlage für eine Kommunikation zwischen allen Bürgern.

(Ich bitte um Verzeihung, wenn ich meine eigenen primitiven Gedanken mit denen von Anderson vermische. Ich bin zu faul, sie aus einander zu sortieren.)

NOCH BEVOR die neuen Nationen blühten, und England, Schottland, Wales und Irland vereinigten sich zwangsweise zu Großbritannien , einer genügend großen und starken Nation, die einen großen Teil der Welt erobern konnte. Franzosen, Bretonen, Provenzalen, Korsen und viele andere vereinigten sich und wurden Frankreich. Es war stolz auf seine gemeinsame Sprache , die von der Druckpresse und den Massenmedien gefördert wurde.

Deutschland, ein Nachzügler auf der Bühne bestand aus Dutzenden von souveränen Königreichen und Fürstentümer. Die Preußen und Bayern konnten sich nicht ausstehen. Städte wie Hamburg waren stolz unabhängig. Erst während des französisch- preußischen Krieges von 1870 wurde das neue Deutsche Reich gegründet – praktisch auf dem Schlachtfeld. Die Vereinigung von „Italien“ fand noch etwas später statt.

Jede dieser neuen Entitäten benötigte ein gemeinsames Bewusstsein und eine gemeinsame Sprache und so kam es zu „Nationalismus“. „Deutschland, Deutschland über alles“, vor der Vereinigung geschrieben, meinte ursprünglich nicht , dass Deutschland überallen anderen Nationen war, sondern dass das gemeinsame deutsche Vaterland über all den lokalen Fürstentümern stand.

All diese neuen „Nationen“ wollten erobern – aber als erstes „eroberten“ und annektierten sie ihre Vergangenheit. Philosophen, Historiker, Lehrer und Politiker fingen eifrig damit an, ihre Vergangenheit neu zu schreiben und brachten alles in die „nationale“ Geschichte.

Zum Beispiel die Schlacht im Teutoburger Wald (9 n.Chr.), bei der drei deutsche Stämme entscheidend eine römische Armee besiegte, wurde ein nationales „deutsches“ Ereignis. Der Führer Hermann (Arminius) wurde nachträglich ein früher „National“-Held.

Auf diese Weise kamen Andersons „ vorgestellte“ Gemeinschaften zustande.

Aber nach Anderson wurde die moderne Nation gar nicht in Europa geboren, sondern in der westlichen Hemisphäre. Als die eingewanderten weißen Gemeinschaften in Süd- und Nord-Amerika genug von ihren unterdrückerischen europäischen Herren hatten, entwickelten sie einen lokalen (weißen) Patriotismus und wurden neue „Nationen“ – Argentinien, Brasilien, die Vereinigten Staaten und all die anderen – jede eine Nation mit einer eigenen nationalen Geschichte. Von dort kam die Idee nach Europa bis die ganze Menschheit in Nationen aufgeteilt war.

Als Anderson starb, begannen die Nationen schon aus einander zu brechen wie antarktische Eisberge. Der Nationen-Staat wird obsolet und wird schnell zur Fiktion. Eine weltweite Wirtschaft, super-nationale Militärische Bündnisse, Raumflüge, welt-umspannende Mrdien, Klimawandel und viele andere Faktoren schaffen eine neue Realität. Organisationen wie die europäische Union und die Nato übernehmen Funktionen, die einst von Nation-Staaten ausgeführt wurden.

Nicht durch Zufall wird die Vereinigung von geographischen und ideologischen Blöcken begleitet, was nach gegensätzlicher Tendenz aussieht, aber in Realität ein sich ergänzender Prozess ist. Nation Staaten brechen aus einander. Die Schotten, die Basken, Katalanen, Quebecer, Kurden und viele andere schreien nach Unabhängigkeit, nachdem die Sowjetunion, Jugoslawien, Serbien, der Sudan und verschiedene andere supra nationale Entitäten aus einander gebrochen sind. Warum müssen Katalonien und das baskische Land unter demselben spanischen Dach leben, wenn jedes von ihnen ein eigenes, unabhängiges Mitglied der EU werden kann?

EIN HUNDERT Jahre nach der Französischen Revolution „ erfanden“ Theodor Herzl und seine Kollegen die jüdische Nation.

Das Timing war nicht zufällig. Ganz Europa wurde „national“. Die Juden waren eine internationale ethnisch-religiöse Diaspora, ein Überbleibsel aus der ethnisch-religiösen Welt des Byzantinischen Reiches. Und so kam Verdacht und Feindschaft auf. Herzl, ein eifriger Bewunderer von beiden, dem neuen deutschen Reich und dem britischen Reich, glaubte, dass beim neuen Definieren die Juden als eine territoriale Nation, dem Antisemitismus ein Ende gemacht werden könnte.

Verspätet taten er und seine Anhänger das, was alle anderen Nationen vorher getan haben: eine „nationale“ Geschichte zu erfinden, die sich nicht auf biblische Mythen, Legenden und Realität gründet und Zionismus nannten. Sein Slogan war :„Wenn ihr wollt, dann ist es kein Märchen.“

Der Zionismus, vom intensiven Antisemitismus geholfen, war unglaublich erfolgreich .Juden richteten sich in Palästina ein, schufen einen eigenen Staat und im Laufe der Ereignisse wurde es ein realer Nation. „Eine Nation wie alle anderen“, wie ein berühmter Slogan sagte.

Die Schwierigkeit war, dass in dem Prozess der zionistische Nationalismus nie wirklich die alte jüdische religiöse Identität überwand. Unbehagliche Kompromisse, die von Zeit zu Zeit der Zweckmäßigkeit dienten. Da der neue Staat der Macht und die finanziellen Mittel des Weltjudentum übernehmen wollte, war er glücklich, die Verbindungen zum Weltjudentum nicht abgeschnitten zu haben und gab vor , dass die neue Nation in Palästina („Eretz Israel“) nur eine von vielen jüdischen Gemeinden war, wenn auch die vorherrschende.

Im Unterschied zum Prozess , bei dem sich die Nationen vom Mutterland trennen, wie es Anderson beschreibt, die kläglichen Versuche, in Palästina eine neue getrennte „hebräische“ Nation zu bilden, wie Argentinien und Kanada, misslangen (Sie werden in den Büchern von Shlomo Sand beschrieben.)

Unter der gegenwärtigen israelischen Regierung wird Israel immer weniger israelisch und immer jüdischer. Kippah tragende religiöse Juden übernehmen immer mehr zentrale Regierungsfunktionen; die Bildung wird immer religiöser.

Jetzt wünscht die Regierung ein Gesetz heraus zu geben, nach dem der Staat „Nation-Staat des Jüdischen Volkes“ genannt wird. Damit wird die bestehende legale Fiktion eines „ jüdischen und demokratischen Staates“ außer Kraft gesetzt. Der Kampf um dieses Gesetz wird wohl die entscheidende Schlacht um Israels Identität sein

Das Konzept selbst ist natürlich lächerlich. Ein Volk und eine Nation sind zwei verschiedene Dinge. Ein Nationalstaat ist eine territoriale Entität, die ihren Bürgern gehört. Er kann nicht den Mitgliedern einer weltweiten Gemeinschaft gehören, die zu verschiedenen Nationen gehören, in verschiedenen Armeen dienen und ihr Blut für verschiedene Dinge vergießen.

Es bedeutet auch, dass der Staat nicht 20% oder mehr seiner eigenen Bürger, die keine Juden sind, nicht gehört. Kann man sich eine verfassungsmäßige Änderung in den US vorstellen, bei der alle Angel-Sachsen weltweit alle US- Einwohner werden , während Afro-Amerikaner und Spanisch-stämmige keine Bürger sind.

Nun vielleicht konnte Donald Trump sich das vorstellen. Vielleicht auch nicht.

ICH TRAF Benedict Anderson nie persönlich. Das ist schade. Ich würde so gern über einige dieser Konzepte mit ihm diskutiert haben.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

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König Bibi

Erstellt von Uri Avnery am 20. Dezember 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

BENJAMIN NETANJAHU ist unser Ministerpräsident fürs Leben.

So scheint es. Offensichtlich glaubt er dies auch.

Er glaubt es nicht nur. Er handelt entsprechend. Um sicher zu gehen, hat er zwei notwendige Dinge getan: a) jeden möglichen Konkurrenten eliminieren und (b) sich mit männlichen und weiblichen Troddeln umgeben; keiner von diesen könnte als plausibler Nachfolger angesehen werden. In der Tat, der Gedanke, dass irgendeiner von diesen jemals Ministerpräsident werden könnte, lässt einen schaudern.

Also sind wir mindestens fürs Leben an ihn gebunden. Zeit, um dieser Aussicht gegenüber zu treten.

ER IST nicht der Schlechteste. Keiner ist dies jemals. Für jeden schlechten Führer gibt es noch einen schlechteren (Mit Ausnahme von Adolf Hitler, vielleicht).

Blicken wir also zuerst auf die positiven Seiten seiner Regierung. Da gibt es, (tatsächlich) welche.

Nummer 1: Er ist nicht verrückt.

In der Welt gibt es mehrere verrückte Führer. Wir haben eine ganze Anzahl von Verrückten innerhalb und außerhalb der Regierung. Netanjahu ist keiner von ihnen.

Nummer2: Er ist nicht unverantwortlich.

Während des letzten Gaza-Krieges, als alle Arten von Politikern und andere Demagogen ihm zuriefen, alle möglichen unverantwortlichen Dinge zu tun , wie das Zurück-erobern des Gazastreifens, verweigerte er dies und folgte dem Rat der Armee.

(In Israel verabscheut die Armee zur Zeit sinnlose Abenteuer. Die Armeeoffiziere sind in der Regel viel weniger unbesonnen als die Politiker.)

Man kann natürlich fragen, wie kamen wir überhaupt erst in diesen Morast? Tatsächlich passt die alte Definition zu Netanjahu: Eine schlaue Person ist jemand, der weiß, wie man aus einer schlimmen Situation herauskommt, in die eine weise Person überhaupt niemals hinein geraten würde.

Nummer 3: Er ist ein erfolgreicher Redner.

Das ist natürlich keine notwendige Voraussetzung. David Ben Gurion war ein schlechter Redner. Levi Eshkol war ein miserabler Redner. Beide waren im Vergleich zu Golda Meir Demosthenes-gleich, deren Vokabular im Hebräischen und Englischen aus etwa hundert Wörtern mit schlechtem Akzent bestand. Das war für sie genug, um jede Hörerschaft zu überzeugen.

Netanjahu ist ein vollendeter Redner im entgegengesetzten Sinn. Er spricht ein gutes Hebräisch; er hat eine tiefe Stimme, seine Gesten sind angemessen. Tatsächlich hat man oft den Eindruck, dass er eine Stunde vor dem Spiegel verbrachte, um den Vortrag ganz genau hinzubekommen.

Doch überzeugt er nur diejenigen, die überzeugt werden wollen. Um kritische Zuhörer zu überzeugen, ist die ganze Vorstellung zu sehr einstudiert, zu perfekt. Wie sein Haar zu glatt, zu perfekt blau-weiß gefärbt ist.

(Neulich wurde bekannt, dass sein persönlicher Friseur auf der Regierungsliste mehr als ein Kabinettminister verdient. Recht so, denke ich.)

Wenn Netanjahu vor der Welt als Vertreter Israels spricht, liefert er eine glaubwürdige Vorstellung. Nicht brillant, vielleicht nicht sehr überzeugend, aber auch nicht beschämend.

VIELE LEUTE in Israel oder außerhalb glauben, dass Netanjahu ein totaler Zyniker ist, ein Mann ohne wirkliche Überzeugungen, dessen einziges Ziel es ist, für immer an der Macht zu bleiben.

Ich glaube nicht, dass dies wahr ist.

Ein Zyniker ohne Überzeugungen würde viel weniger gefährlich sein. Aber Netanjahu ist kein Zyniker.

Er wuchs im Schatten seines Vaters Ben Zion auf, ein harter Familientyrann, der überzeugt war, dass er nicht den Respekt erhält, der ihm von seinen akademischen Kollegen und Institutionen zukam.. Deswegen emigrierte er vorübergehend in die US, wo Benjamin als richtiger amerikanischer Junge aufwuchs.

Der Vater war ein fanatischer extremer Rechter. Der Führer der zionistischen Rechten, der brillante Vladimir (Ze’ev) Jabotinsky, war für ihn zu moderat. Ben Zion war spezialisiert auf die Geschichte der spanischen Inquisition und schrieb ein gewichtiges Buch darüber, aber seine Kollegen erwiesen ihm nicht die Ehre, von der er glaubte, sie stünde ihm zu. Er wurde sehr verbittert.

Benjamin verehrte seinen Vater und betrachtete ihn als Genie, aber der Vater bewunderte seinen älteren Sohn Yoni, einen Militäroffizier, der bei dem berühmten Entebbe –Überfall starb. Von „Bibi“ hatte der Vater eine ziemlich geringe Meinung. Er sagte einmal öffentlich, dass Benjamin ein guter Außenminister werden könnte, aber kein Ministerpräsident. In Israel wird der Außenminister mit einiger Geringschätzung behandelt. Ein wirklicher-Mann hofft Verteidigungsminister zu werden.

All dies flößte in den jungen Benjamin einen brennenden Eifer, seinem toten Vater zu zeigen, dass er ein ausgezeichneter Ministerpräsident sein konnte. Dies bildete auch die ideologische Basis für all seine Gedanken und Aktionen: die unerschütterliche Überzeugung, dass die Juden „das ganze Eres Israel“ in Besitz nehmen müssen – das ganze Land zwischen Mittelmer und dem Jordan.

Jedes Wort, das Netanjahu je sagte, das dieser Grundüberzeugung widersprach, ist eine eklatante Lüge. Aber wie die alten Römer gesagt haben sollen: „ Es ist süß und passend, fürs Vaterland zu lügen

INNERHALB DIESES verborgenen Parameters ist Netanjahu tatsächlich ein Zyniker. Er klebt an der Macht und hat keine Neigung dazu, sie jemals aufzugeben-

Und tatsächlich ist er ein vollkommener Politiker. Es gibt keine Anzeichen, dass er irgendeinen von ihm ernannten Minister respektiert. Er scheint, ein Vergnügen daran zu haben, jedem einzelnen den Job zu geben, der am wenigsten zu ihm/ zu ihr passt. Die Kulturministerin, Miri Regev, eine vulgäre, primitive, ganz unkultivierte weibliche Politikerin ist ein ausgezeichnetes Beispiel, aber die meisten ihrer Kollegen sind nicht viel besser.

Keiner von diesen kann Netanjahus Position zum mindesten gefährden. Verglichen mit ihm, ist er die überragende Figur.

In den andern Parteien innerhalb der Regierungs-Koalition – und außerhalb – ist die Situation nicht viel besser. Einige von ihnen zeigten (wenigstens in den Meinungsumfragen) einige Hoffnung, doch dies erwies sich als zu kurzlebig. Moshe Kahlon, der gegenwärtige Finanzminister, ein netter Kerl, aber als nationaler Führer ist er ganz klein. So ist es auch mit Yair Lapid, dem früheren Finanzminister, der jetzt in der Opposition ist, der fest davon überzeugt ist, dass ihn das Schicksal zu Netanjahus Nachfolger auserwählt habe. Sein einziges Problem ist, dass nur sehr wenige diesen Glauben teilen.

Viel beunruhigender ist, dass die Labor-Partei (jetzt „Zionistisches Lager“) ohne jede Persönlichkeit ist, die nur in die Nähe von Netanjahus Führungsstatur kommen könnte. Der Parteiführer Yitzhak Herzog ist eine traurige Enttäuschung. Fast alle Parteifunktionäre meiden sogar das hervorstechende Staatsproblem zu erwähnen: die Besatzung. Kaum jemals äußern sie das gefährliche Wort Frieden. Es ist viel besser über „politische Vereinbarungen“ „Endabkommen“ und ähnliches blah, blah, blah zu reden.

NETANJAHUS HAUPTINSTRUMENT der Herrschaft geht zurück auf die alten Römer (wie es zum Sohn eines Historikers passt): Teile und herrsche.

Er ist ein großartiger Aufhetzer; Juden gegen Araber, orientalische Juden gegen Aschkenasi, religiöse gegen säkulare. (Er selbst ist ein Ungläubiger, aber die Religiösen aller Richtungen sind seine stärksten Verbündeten.)

Haß geht mit Angst. Es ist ein alter jüdischer Glaube, dass die ganze Welt uns zerstören will („Aber Gott rettet uns aus ihren Händen“ wie jeder Jude am Passahabend deklamiert) Das ist jetzt wahrer denn je.

Die Iraner wollen uns ausrotten. Die Araber wollen uns ins Meer werfen. Die Linken sind noch schlechter: sie sind Verräter. Bibi ist der einzige, der uns von all diesen retten kann. Gott mag etwas nachhelfen.

ABER DIE wirkliche Gefahr von Netanjahus Herrschaft ist sein totales Schweigen zu Israels Hauptproblem, seine existentielle Frage: der 130jährige Krieg mit den Palästinensern und durch Erweiterung mit der ganzen arabischen und muslimischen Welt.

Durch die Ideologie seines Vaters festgelegt, ist er nicht in der Lage, einen Zoll unsres heiligen Vaterlandes abzugeben (Wie viele Israelis glaubt er nicht an Gott, glaubt aber, dass Gott uns dieses Land verheißen hat. Tatsächlich war Gott sogar großzügiger und versprach uns alles Land zwischen Nil und Euphrat.

Einige bantustan-ähnliche, nicht mit einander verbundene Enklaven für die Palästinenser – warum nicht? solange wir sie nicht alle mit einander vertreiben können. Aber nicht mehr.

Dies verhindert jede Bemühung um Frieden. Es garantiert einen Apartheidstaat oder einen bi-nationalen Staat mit einem permanenten Bürgerkrieg. Netanjahu weiß dies sehr genau. Er macht sich keine Illusionen. Also äußerte er die logische Antwort: „Wir werden immer mit dem Schwert leben“. Gutes Hebräisch, schreckliche Staatsmannsschaft.

Unter seiner Herrschaft wird Israel unwiderruflich den Abhang hinuntergleiten und schließlich in die Katastrophe. Je länger seine Herrschaft dauert, umso größer ist die Gefahr.

Alles in allem: Netanjahu ist ein Mann ohne intellektuelle Tiefe, ein politischer Manipulator ohne reale Lösungen, ein Mann mit einem imposanten Äußeren, aber einem leeren Inneren.

Mittlerweile ist er groß im Erfinden von Belangen, die die Aufmerksamkeit vom schicksalhaften Problem ablenken. Ganz Israel war monatelang mit der Debatte über den „natürlichen Gas-Plan“ beschäftigt. –(Vor der israelischen Meeresküste wurde nämlich Gas entdeckt.) –Und die Art und Weise , wie soll der Profit geteilt werden. Netanjahu unterstützt mit all seiner Macht den „Plan“, der den Gewinn in die Taschen einer handvoll Reicher fließen lässt, die irgendwie mit Sheldon Adelson , seinem Schutzherrn ( und manche sagen seinem Beschützer, verbunden sind ).

In der Zwischenzeit können „König Bibi“ und seine höchst unpopuläre Gemahlin Königin Sarahle sich mit Befriedigung umschauen. Da gibt es niemanden, der ihre unbegrenzte Herrschaft („Amtszeit“ scheint eine unpassende Definition). gefährdet.

Sie denken daran, einen königlichen ( sorry – Ministerpräsidenten-) Palast, anstelle der ziemlich schäbigen gegenwärtigen Residenz, mitten in Jerusalem zu bauen. Rund um sie herum ist nichts außer einer politischen Wüste.

Ich würde zu Gott beten, uns zu erlösen.

Aber leider glaube ich nicht an Gott.

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Gedanken am Strand

Erstellt von Uri Avnery am 13. Dezember 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery

ES WAR wunderbar.

Ich ging zum ersten Mal nach der Operation nach drei Wochen an den Strand.  Es ist ein Spaziergang von fünf Minuten von meiner Wohnung.

Das Meer war still, ganz ruhig. Eine milde Sonne schien am Horizont, nicht zu heiß, nicht zu kalt, gerade so, wie wir es gern haben. Ein kühler Wind, nicht zu kalt, wehte.

Ich schlürfte eine Tasse „Americano“ Kaffee und dachte, dass alles in der Welt zum Besten stand.

ABER NATÜRLICH  war es das nicht. In der Tat war alles schlecht, am schlechtesten von allen Welten.

Jenseits des blauen Meeres im weit entfernten Paris  beriet sich  die größte  Versammlung  der Führer der Welt, wie man den Planet vom Klimawandel retten könne. Unser eigener Benjamin Netanjahu war dort mit einer riesengroßen Delegation, obwohl die meisten Israelis, einschließlich Netanjahu  für dies Problem nur Verachtung hatten und das sie  für ein gefälschtes  Problem für verwöhnte Länder halten, die keine echten Probleme haben , wie wir sie in Mengen haben.

Er ging nur deshalb hin, um Hände zu schütteln,  und um dieses Bild des Händeschütteln  mit den größten Führern der Welt, einschließlich den Arabern, um so die Lüge  für all jene zu verbreiten, die Israels wachsende Isolierung in der Welt bedauern.

Aber all dies war Augenwischerei. Israel, das Land das ich liebe, ist in großer Gefahr. Tatsächlich ist es in mehr Gefahren .Nicht nur in einer.

Während ich auf das Meer hinausschaute,  dachte ich über die drei großen Gefahren nach, die ich spürte und die ich selbst nicht im Krankenhaus  vergessen konnte.

Die erste Gefahr: Israel wird ein Apartheidstaat (Was  schon in den besetzten palästinensischen Gebieten die Situation ist.)

Früher oder später wird die eingebildete Grenze zwischen Israel und „den Gebieten“ völlig verschwinden. Noch besteht sie in legalen Termini. Doch  wie lange noch?

Zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan leben israelische Juden und palästinensische Araber jeder in mehr oder weniger gleicher Zahl – etwa 6,5 Millionen  Dies wird ein Apartheidstaat in der schlimmsten Bedeutung des Wortes.

Falls Israel schließlich gezwungen werden könnte, den arabischen  Bewohnern  die gleichen Rechte zu gewähren, wie das Recht zu wählen (etwas das sehr, sehr weit entfernt scheint).

Dies würde ein Staat mit ständigem Bürgerkrieg sein. Diese beiden Völker  haben nichts  gemeinsam –  sozial, kulturell, religiös, ökonomisch – außer ihrem gegenseitigen Hass.

Die zweite Gefahr wird  von Daesh (IS, ISIL, ISIS) symbolisiert. Alle benachbarten Staaten  mögen sich unter dem schwarzen Banner von Allah  vereinigen und sich gegen uns  wenden. Es geschah vor 900 Jahren, als der große  Salah-ad-Din (Saladin) die arabische Welt gegen die Kreuzfahrer vereinigte und sie ins Meer warf. (Saladin war kein Araber, sondern ein Kurde aus dem nördlichen Irak.)

Während Israel auf diese  Eventualität wartet, bleibt Israel bis an die Zähne bewaffnet mit massenweise Atombomben und wird immer mehr militarisiert, spartanisiert, religiös, fanatisch, ein jüdisches Spiegelbild des islamischen Kalifats.

Die dritte Gefahr mag die schlimmste sein: diese wachsende Zahl von jungen, wohl erzogener, talentierter Israelis werden in die USA und Deutschland auswandern und   hinter sich die wenig-gebildeten, primitiveren, weniger produktive Bevölkerung zurücklassen. Dies geschieht schon. Fast alle meine Freunde haben Söhne und Töchter, die im Ausland leben.

Übrigens  die Entfernung scheint den „Patriotismus“ wachsen zu lassen – in der Tat  Netanjahu   bemüht sich jetzt darum, das Wahlrecht Israelis zu gewähren, die ständig im Ausland leben. Er glaubt offensichtlich, dass die meisten von ihnen  für die extreme Rechte wählen.

Und wie ist es mit der Zukunft des Globus? Zur Hölle mit ihm!

SEHR WENIG Leute reden über diese Gefahren.  Stillschweigend stimmen sie darin überein, dass es da keine Lösung gibt. Warum sollen wir uns also  darüber die Köpfe zerbrechen?

Aber da gibt es noch eine Gefahr, über die jeder endlos redet: das Auseinanderbrechen der israelischen Gesellschaft.

Als ich jung war und der israelische Staat noch nicht geboren, waren wir entschlossen, eine neue Gesellschaft zu schaffen, tatsächlich eine neue Nation, eine hebräische Nation. Wir mieden das Wort „Jüdisch“, weil wir anders waren als die jüdische Welt – erdgebunden, territorial, national.

Bewusst feierten wir den „Sabra“-Prototyp. Sabra ist das hebräische Wort für die Kaktuspflanze, die wir für eine Pflanze aus unserem Land hielten (Obwohl sie ursprünglich aus Mexiko kommt). Die Bezeichnung wurde der neuen Generation, die im Lande geboren wurde, gegeben. Der Tsabar  wurde für praktisch gehalten, für sachlich, weit entfernt von jüdischer Spitzfindigkeit. Unbewusst nahmen wir an, dass der neue Typ Aschkenasi sei, blauäugig, von europäischer Abstammung.

Unter diesem Banner schufen wir, was wir als neue hebräische Kultur ansahen. Diese Kultur bestand für uns nicht nur aus Literatur, Dichtung, Musik und Ähnlichem, sondern, auch aus militärischen und zivilen Normen.

Da gab es eine Menge Dünkel, aber wir waren stolz, etwas völlig Neues zu schaffen. Es half uns, auf unsern eigenen Füßen zu stehen, den 1948er-Krieg  (wenn auch gerade) zu gewinnen und den Staat zu gründen.

Wir brachten eine riesige Welle neuer Immigranten herein, und  hier ist es, wo der Trouble begann. Beim „Ausbruch des Staates“ wie wir  auf Hebräisch im Spaß sagten, waren wir rund 650 000 Seelen. In kurzer Zeit brachten wir mehr als eine Million neuer Immigranten nicht nur die vom Holocaust in Europa Übrig- gebliebenen, sondern fast alle Juden aus den moslemischen Ländern.

Diejenigen, die zögerten, denen wurde nachgeholfen. Im Irak legten israelische Geheimagenten Bomben in  einige Synagogen, um die Juden davon zu überzeugen, dass sie gehen müssen.

Wir erwarteten, dass die neuen Immigranten so werden wie wir – wenn nicht gleich, so doch in einer Generation. Dies geschah aber nicht. Die „Orientalen“ hatten ihre eigene Kultur und Traditionen; sie hatten nicht den Wunsch „Tsabars“ zu werden.

Die Hoffnung von Leuten wie David Ben Gurion, dass sich das Problem  innerhalb weniger Jahre von alleine lösen würde, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil, Abneigung und gegenseitige Antipathie wuchs mit der Zeit.  Heute  ist es einer dritten und vierten Generation mehr als vorher bewusst.

DANN GIBT es noch das „National-religiöse“ Lager, diejenigen, die die gehäkelte Kippah tragen.

Als der Staat ausbrach, erwartete jeder, dass die Religion aussterben würde. Hebräischer Nationalismus wurde übernommen; die jüdische Religion gehört in die Diaspora und wird mit den alten Leuten, die in diesem Land daran festhalten, verschwinden. Sie wurden mit freundlicher Verachtung behandelt.

Das Gegenteil geschah. Der 1967erKrieg, der die israelischen Soldaten an die alten biblischen Stätten brachte, ließ die Religion sprunghaft ansteigen. Er schuf die Siedlerbewegung, übernahm das rechte Lager und ist jetzt eine  vorherrschende  Macht im israelischen Leben und in der Politik, und übernimmt langsam die all-mächtige Armee.

Die „Gehäkelten“- wie wir sie nennen – sind von den Orthodoxen  unterschieden, eine getrennte Bevölkerung, die in abgeschlossenen Vierteln lebt, schwarze Hüte und Kleidung trägt. Sie lehnen den Zionismus ganz und gar ab, aber  nützen ihr Wahlrecht, um den Staat zu zwingen, ihre zahllosen Kinder  zu unterstützen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erreichte eine riesige Welle russisch-jüdischer Immigranten das Land. Etwa jeder fünfte Israeli ist jetzt ein „Russe“ (Alle früheren sowjetischen Länder eingeschlossen). Die meisten von ihnen verachten  alles, was nach Sozialismus  oder Links riecht und tendieren zur äußersten Rechten, zum Nationalismus und sogar zum Rassismus.

All dies zusätzlich zu den 20% israelischer Bürger, die Araber sind, die dazu oder nicht dazu gehören. Sie haben sich mehr  integriert als viele realisieren, werden aber von vielen als Feinde angesehen. Der Ruf „Tod den Arabern“  wird bei Fußballspielen routinemäßig geschrien.

Der Traum einer vereinigten, homogenen,  neuen hebräischen Nation ist lange tot. Israel ist jetzt eine sehr heterogene Nation, eher wie eine Föderation von  getrennten  „Sektoren“, die einander nicht sehr mögen: Aschkenasis, Orientalen, National-Religiöse, Orthodoxe, Russen und Araber mit vielen  Untergruppen.

Das eine Band, dass die meisten dieser Sektoren vereinigt, ist die Armee, in der sie alle (außer den Orthodoxen und den Arabern) zusammen dienen.

Und dann, natürlich gibt es den einen großen Einiger: den Krieg.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Reigen der Absurdiotie

Erstellt von Uri Avnery am 6. Dezember 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery SO ETWAS wie „Internationalen Terrorismus“ gibt es nichtEinen Krieg gegen „Internationalen Terrorismus“ zu erklären, ist Unsinn. Politiker, die das tun, sind entweder Dummköpfe oder Zyniker und wahrscheinlich beides.

Terrorismus ist eine Waffe. Wie eine Kanone. Wir würden denjenigen Auslachen, der gegen eine „internationale Artillerie“ den Krieg erklärt. Eine Kanone gehört einer Armee und dient den Zielen dieser Armee. Die Kanone der einen Seite schießt auf die Kanone der andern Seite.

Terrorismus ist  eine Methode, die oft von einem unterdrückten Volk benützt wird, wie der französische Widerstand  gegenüber den Nazis im 2. Weltkrieg. Wir würden jeden auslachen, der Krieg  gegen  „internationalen Widerstand“ erklärt.

Carl von  Clausewitz, der preußische Militärdenker, sagte den berühmten Satz, dass „Krieg  die Fortsetzung der Politik ist mit andern Mitteln“  Falls er mit uns heute leben würde, hätte er gesagt: „Terrorismus ist eine Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln.

Terrorismus bedeutet buchstäblich, die Opfer erschrecken, damit sie ihren Willen dem Willen des Terroristen übergeben.

Terrorismus ist eine Waffe. Gewöhnlich ist es die Waffe der Schwachen, von denen, die keine Atombomben haben, wie die, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, die die Japaner terrorisierten, sich zu ergeben.

Da die meisten Gruppen und Länder, die Terrorismus anwenden, verschiedene Ziele haben, ja, sich oft widersprechen, gibt es nichts „Internationales“ über sie. Jede terroristische Kampagne hat einen eigenen Charakter – ganz zu schweigen, dass sich keiner als Terrorist ansieht, sondern eher als ein Kämpfer für Gott, Freiheit oder für sonst etwas.

(Ich kann mich nicht zurückhalten, damit zu prahlen, dass ich vor langer Zeit die Formel erfand : „Der Terrorist des einen, ist der Freiheitskämpfer des anderen“)

VIELE GEWÖHNLICHE Israelis fühlen nach den Vorfällen in Paris tiefe Befriedigung. „Jetzt fühlen (diese Scheiß-/ verdammtem-Europäer einmal, was wir die ganze Zeit fühlen!“

Benjamin Netanjahu, ein kleiner Denker, aber ein brillanter Verkäufer, ist auf die Idee gekommen, eine direkte Verbindung zwischen dem jihadistischen Terrorismus in Europa und dem palästinensischen Terrorismus in Israel und den besetzten Gebieten herzustellen.

Es ist ein genialer Schlag: Falls sie ein und dieselben wären, die Messer-stechenden palästinensischen Teenager und die belgischen Anhänger von ISIS, dann gäbe es kein israelisch-palästinensisches Problem, keine Besatzung, keine Siedlungen. Nur moslemischen Fanatismus. (Ignorieren wir die vielen christlichen Araber, die die säkularen palästinensischen „terroristischen“ Organisationen füllen.)

Das hat nichts mit Realität zu tun. Palästinenser, die kämpfen und für Allah sterben  wollen, gehen nach Syrien. Palästinenser – beide, die religiösen und die säkularen – die in diesen Tagen schießen, mit dem Messer stechen oder israelische Soldaten und Zivilisten überfahren, wünschen Freiheit und einen eigenen Staat anstelle von Besatzung

Dies ist eine so offensichtliche Tatsache, dass selbst eine Person mit dem begrenztem IQ  unserer gegenwärtigen Kabinett-Minister dies begreifen können. Aber falls sie dies tun, würden sie sehr unfreundlichen Wahlen gegenüber stehen, was den israelisch-palästinensischen Konflikt betrifft.

Also lasst uns an der bequemen  Schlussfolgerung hängen: Sie töten uns, weil sie als Terroristen geboren wurden, weil sie im Paradies den versprochenen 70 Jungfrauen begegnen wollen, weil sie Antisemiten sind. So wie Netanjahu fröhlich voraussagt: „Wir werden auf immer mit dem Schwert leben.

SO TRAGISCH  die Folgen  jedes terroristischen Ereignisses auch sein mögen, so ist da etwas Absurdes an der europäischen Reaktion auf die kürzlichen Ereignisse.

Der Gipfel der Absurdität wurde in Brüssel erreicht, als ein einziger Terrorist auf der Flucht eine ganze Hauptstadt tagelang lähmte, ohne dass ein einziger Schuss abgeschossen wurde. Es war der äußerste Erfolg von Terrorismus  im buchstäblichsten Sinn: Die Angst als Waffe nützen.

Aber die Reaktion in Paris war nicht viel besser. Die Zahl der Opfer der Gräueltat war groß, aber vermutlich der  Zahl  der Opfer von Verkehrsunfällen in Frankreich  alle paar Wochen ähnlich. Es war sicherlich viel kleiner, als die Zahl der Opfer einer  einzigen Stunde  Weltkrieg. Aber rationales Denken zählt hier nicht. Terrorismus arbeitet mit der Sichtweise der Opfer.

Es scheint unglaublich, dass zehn mittelmäßige Individuen mit ein paar primitiven Waffen eine weltweite  Panik verursachen konnten. Doch es ist eine Tatsache.  Unterstützt von den Massenmedien, die genau aus solchen Ereignissen Gewinn ziehen, werden lokale terroristische Akte  heutzutage zu weltweiten Drohungen. Die modernen Medien sind durch ihre reine Natur die besten Freunde des Terroristen.  Ohne die Medien kann der Terror nicht blühen.

Der nächstbeste Freund der Terroristen ist der Politiker.Es ist für einen Politiker fast unmöglich, der Versuchung zu widerstehen, auf der Panikwelle mit zu reiten. Panik schafft „nationale Einheit“, der Traum jedes Herrschers. Panik schafft das Verlangen nach einem „stärkeren   Führer“. Dies ist ein Grund-menschlichen Instinkts.

Francois Hollande ist ein typisches Beispiel. Ein mittelmäßiger, doch schlauer Politiker ergriff die Gelegenheit, sich als ein Führer hinzustellen. „Das ist der Krieg!“ erklärte er und schuf eine nationale Stimmung. Natürlich ist es kein „Krieg“. Natürlich ist es kein 3. Weltkrieg. Nur ein terroristischer Angriff  durch einen verborgenen Feind.

Diese Ereignisse decken die unglaubliche Dummheit der politischen Führer  rund herum auf. Sie verstehen die Herausforderung nicht. Sie reagieren auf phantasierte Drohungen und ignorieren die wirklichen. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Sie halten Reden, berufen Konferenzen ein und bombardieren jemanden (egal wen und weshalb).

Da sie die Krankheit nicht verstehen, ist ihre Medizin schlimmer als die Krankheit selbst. Bombardements verursachen Zerstörung, Zerstörung verursacht Feinde, die nach Rache dürsten. Es ist eine  direkte Kollaboration mit den Terroristen.

Es war ein trauriges Schauspiel, all diese  Weltführer, die Kommandeure mächtiger Nationen   wie Mäuse in einem Labyrinth  herumlaufen zu sehen, sich begegnen, Reden halten, sinnlose  Erklärungen von sich zu geben, vollkommen unfähig, sich mit der Krise auseinanderzusetzen.

DAS PROBLEM ist tatsächlich wegen einer  ungewöhnlichen Tatsache weit komplizierter als schlichte Gemüter meinen: Der Feind ist diesmal keine Nation, kein Staat, nicht einmal ein reales Territorium, sondern eine undefinierbare Entität:  eine Idee, ein Geisteszustand, eine Bewegung, die zwar irgendeine territoriale Basis hat, ist aber kein  realer Staat.

Dies ist kein Phänomen, das es so noch nie gegeben hat: vor mehr als hundert Jahren beging die Anarchisten-Bewegung überall terroristische Aktionen  ohne  überhaupt eine territoriale Basis zu haben. Und vor 900 Jahren  terrorisierte eine religiöse Sekte ohne Land, die Assassins ( Eine Korruption eines arabischen Wortes „Haschischbenutzer“) die muslimische Welt.

Ich weiß nicht, wie man den Islamischen Staat (oder eher Nicht-Staat) wirksam bekämpft. Ich fürchte, dass dies niemand weiß. Gewiss nicht die  Einfaltspinsel (Mann oder Frau) der verschiedenen Regierungen.

Ich bin mir nicht sicher, ob selbst eine territoriale Invasion dieses Phänomen  zerstören würde. Aber selbst solch eine Invasion scheint unwahrscheinlich. Die Koalition der Unwilligen – von den US vereinigt, scheint abgeneigt zu sein, eine Bodeninvasion zu machen. Die einzigen Kräfte, die versuchen könnten – die Iraner und die syrische Regierungsarmee – werden von den US und ihren lokalen Verbündeten gehasst.

Wenn man nach einem Beispiel totaler Orientierungslosigkeit Ausschau hält, die an Wahnsinn grenzt, so ist es die Unfähigkeit der US und der europäischen Mächte zwischen der Assad-Iran-Russland-Achse und dem IS-Saudi-Sunni-Lager zu wählen. Füge das türkisch-kurdische  Problem, die russisch-türkische Abneigung und den israelisch-palästinensischen Konflikt hinzu – und das Bild ist noch lange nicht vollständig.

(Für Geschichts-Liebhaber ist das etwas Faszinierendes über das Wiederaufleben des Jahrhunderte-alten Kampfes zwischen Russland und der Türkei)

Es ist gesagt worden, dass Krieg viel zu wichtig sei, um ihn den Generälen zu überlassen. Die augenblickliche Situation  ist viel zu kompliziert, um sie den Politikern zu überlassen. Aber wer ist noch da?

DIE ISRAELIS GLAUBEN ( wie gewöhnlich) dass wir die Welt lehren könnten. Wir kennen Terrorismus. Wir wissen, was zu tun ist.

Aber tun wir es?

Seit Wochen  lebt Israel jetzt in Panik. Aus Mangel eines besseren Namens wird sie die „Terrorwelle“ genannt.  Jeden Tag greifen zwei, drei, vier Jugendliche  -einschließlich 13-Jährige – Israelis mit Messern an oder überfahren sie mit Wagen und werden gewöhnlich auf der Stelle erschossen. Unsere renommierte Armee versucht alles, einschließlich drakonischen  Vergeltungsschlägen gegen die Familien  und kollektive Strafen gegen Dörfer  – ohne Nutzen.

Dies sind individuelle Akte, oft ganz spontan und deshalb ist es nahezu unmöglich, sie zu verhindern. Es ist kein militärisches Problem, das Problem ist politisch und psychologisch.

Netanjahu versucht  wie Hollande & Co auf dieser Welle zu reiten. Er zitiert den Holocaust  und redet endlos über Antisemitismus.

Alles, um die eklatante Tatsache zu tilgen: die Besatzung mit ihren täglichen , in der Tat  stündlichen und minütlichen Schikane der palästinensischen Bevölkerung. Einige Regierungsminister verbergen nicht einmal, dass es ihr Ziel ist, die Westbank zu annektieren und irgendwann das palästinensische Volk aus ihrer Heimat ganz zu vertreiben.

Es gibt keine direkte Verbindung zwischen dem IS-Terrorismus in aller Welt und dem palästinensischen nationalen Kampf um einen Staat. Aber wenn dies nicht gelöst wird, werden sich die Probleme vermischen – und eine viel mächtigere IS wird  die moslemische Welt vereinigen, so wie es Saladin einst tat, um  uns – den neuen Kreuzfahrern –  gegenüber zu treten.

Wenn ich gläubig wäre, würde ich flüstern: Gott bewahre.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser ….

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Die Katzen von Ariel

Erstellt von Uri Avnery am 29. November 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery

JEDES MAL, wenn man denkt, dies ist die Grenze, taucht wieder etwas auf, und die Grenze verschiebt sich.

Man könnte gedacht haben, dass die Hitler-Mufti-Geschichte die absolute Grenze des Wahnsinns wäre. Aber nun kommt Uri Ariel und beweist, dies ist falsch. Ariels Katzen sind noch schlimmer als Netanjahus Mufti.

Ariel ist ein Kabinett-Minister. Ein Minister für wen? Fast keiner weiß das genau. Bis jetzt. Jetzt kommt heraus, dass er der Minister für Landwirtschaft ist.

Als solcher ist er auch Minister für Katzen. Ja, ja – ich mache keinen Scherz. Selbst in Israel sind Katzen keine landwirtschaftlichen Tiere. Sie ziehen keinen Pflug und legen keine Eier. Sie werden nur kastriert.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Israel ist voller Katzen. Die Leute lieben sie. Aber je mehr sie sich vermehren, um so weniger haben sie zu fressen. Also hat vor einiger Zeit die Regierung sich darum bemüht, besitzerlose Katzen zu fangen und sie zu kastrieren, um die Katzen-Population zu dezimieren und ihnen ein dezentes Katzenleben zu ermöglichen.

Wer zahlt dafür? Der Minister für Landwirtschaft, natürlich. Wer sonst?

(Warum? Keiner weiß es. Da muss es einen geheimen Grund geben.)

Kommen wir zu Ariel. Er ist ein Politiker vom extremsten rechten Flügel. In andern Ländern könnte er ein Faschist genannt werden, aber in Israel lieben wir das F-Wort nicht.

Er wurde in einem religiösen Kibbuz geboren – von denen es einige gibt – schloss sich einer Siedlung an und wurde ein Führer in der Siedlerbewegung. Als Rehavam Zeevi, mit Spitznamen Gandhi, der Schutzheilige der äußersten Rechten, ermordet wurde, übernahm Ariel seinen Sitz in der Knesset. Mit seinen fanatischen Nachfolgern errichtete Ariel eine extreme Partei, schloss sich einer anderen super-rechten Partei an, trennte sich von ihr, schloss sich einer andern rechten Partei an. Gegenwärtig gehört er einer Unterpartei der „Jüdisches Heim-Partei“ an und ist Minister, s. oben.

Ariel ist eine ernste Person. Ich hab ihn niemals lächeln gesehen. Tatsächlich habe ich den Verdacht, dass seine Oberlippe gelähmt ist. Er ist keiner der alltäglichen männlichen und weiblichen Demagogen, mit denen die gegenwärtige Regierung voll ausgelastet ist. Er ist wirklich ernst.

Im letzten Jahr war er der Minister für Hausbau, ein außerordentlich passender Job, da seine Hauptfunktion ist, die Siedler mit Wohnungen zu versehen. Aber nach der letzten Wahl wurde er nur Landwirtschaftsminister, und das schien nicht sehr angemessen zu sein.

Siedler sitzen auf einer Menge arabischem landwirtschaftlich ausgenütztem Land, aber sie machen wirklich keine Landwirtschaft. Ihre Haupt-Aktivität in der Landwirtschaft scheint das Herausreißen der benachbarten arabischen Olivenbäume zu sein.

Bis jetzt.

 

JETZT KOMMT GOTT dazu. Gott schuf alles Lebendige und sagte ihnen: „Mehret euch!“ Es ist das erste von Gottes unzähligen Geboten. Deshalb ist das Kastrieren streng verboten.

Als neuer Minister für Landwirtschaft entdeckte Ariel zu seinem Schrecken, dass sein Ministerium das Geld bekam, um die Katzen zu kastrieren. Schrecklich. Eine schändliche Sünde in den Augen Gottes!

Also verordnete der Minister, mit dieser gottlosen Praxis sofort aufzuhören. Aber was sollte man mit den Katzen tun? Ariel dachte sehr nach und kam auf sein Lieblingswort: Transfer.

Wenn israelische Faschisten dieses Wort benützen, meinen sie gewöhnlich den Transfer von Arabern. Ariels einander folgende verschiedene Parteien sprechen alle über „Transfer“ (und benützen auch im Hebräischen das englische Wort) – Transfer von der Westbank, Transfer aus dem Gazastreifen, Transfer aus Ost-Jerusalem, Transfer auch vom eigentlichen Israel. Während er also intensiv über die Katzen nachdenkt, fand er offensichtlich die Lösung: warum sie nicht auch transferieren?

Reines Genie. Aber wohin? Der Minister konnte sich natürlich nicht mit solchen Kleinigkeiten abgeben. Irgendwohin transferieren. In ein afrikanisches Land. Mozambik, Zimbabwe? Viele afrikanische Länder würden sie für viel (natürlich von den US geliefertes) Geld nehmen. Sie sind nicht jüdisch, sie könnten sie kastrieren und zur eigenen Zufriedenheit töten.

DOCH WIE Netanjahu und sein Mufti, so weckte Ariel und seine Katzen einen Sturm aus. Israel ist voller Tierliebhaber und -Kämpfer für Tiere … Sie erhoben sich wie einer, um gegen diesen neuen Holocaust zu protestieren.

Ariel musste einen Rückzieher machen. Kein Transfer. Was also mit den Katzen tun? Das weiß im Augenblick keiner.

(Ehrlich gesagt: ich bin auch ein Tierliebhaber, ich liebe besonders Katzen. Ich brachte einmal eine kleine Katze nach Hause und nach kurzer Zeit hatte meine drei-Zimmerwohnung 13 Katzen – abgesehen von ihren beiden Untermietern, meiner Frau und mir. Jetzt habe ich keine; aber die Katzen auf meiner Straße bekommen immer etwas von meinen Mahlzeiten) .

DAS LAND ist jetzt voller Witze – aber es ist keine witzige Angelegenheit. Die Regierung der äußersten Rechten ist von einer wahrhaftigen Mani besessen, die jede Woche neue Höhen erreicht.

Koalitionsmitglieder – Minister und nur einfache MKs wetteifern miteinander, um Gesetzentwürfe vorzulegen, lächerliche, scheußliche oder beides. Das ist ein wirklicher Veits-Tanz der Regierungsgesetzesgeber.

In dieser Woche erließ die Knesset ein Gesetz, das Richter zwingt, Steine-Werfer, einschließlich 13jähriger Kinder, eine Minimum-Gefängnisstrafe – den Umständen entsprechend -von zwei bis vier Jahren zu geben, In Israel sind Kinder unter 14 noch nicht kriminell aber ein Lösung wurde dafür gefunden: Die Regierungsanwälte ziehen ihre Gerichtsfälle so weit hinaus, bis der/ die Angeklagte den 14. Geburtstag erreicht hat.

Die Eltern der so verurteilten Kinder verlieren für diese Zeit jede soziale Versicherung und sind auch haftbar für ein Strafgeld von 10 000 Schekel (2500 US$)

Ein andrer neuer Gesetzentwurf schreibt vor, dass es Friedens- und Menschenrechts-Aktivisten nicht erlaubt sei, das Knesset-Gebäude ohne ein Sonderabzeichen zu betreten. Dies gilt nur für Mitglieder von Vereinigungen, die von ausländischen Regierungen Geld erhalten.

Viele Israelis werden an Nazibefehle erinnert, Juden mußten immer einen gelben Davidstern tragen. Einige schlugen sogar vor, dass das Abzeichen gelb sein solle und in der Form eines sechseckigen Sterns.

Dieselben Verbindungen (einschließlich der bekannten wie B’tselem, die sogar von der Armee respektiert wird) müssen auch ihre ausländischen Geldquellen auf jeder Korrespondenz angeben.

Der Trick hinter diesem Vorschlag ist, dass Verbindungen vom rechten Flügel die finanzielle Hilfe vom Ausland nicht nötig haben, weil sie in Geld schwimmen, das von ausländischen Juden geliefert wird. Sheldon Adelson z.B. ist reicher als viele Regierungen, und er ist nur einer von den Multi-Multi Milliardären, der Netanjahu und die Likud-Partei offen finanziert.

Die EU und einige individuelle europäische Regierungen unterstützen einige Friedens- und Menschenrechtsgruppen (Gush Shalom leider nicht). sehr zum Ärger von Likud-Mitgliedern. Deshalb die neue Idee.

Noch ein neuer Gesetzentwurf wird das Gesetz gegen Aufwiegelung verändern. Bis jetzt musste man( d.h. Araber), um irgendjemand anzuklagen beweisen, dass es eine direkte und unmittelbare Gefahr gibt, dass seine oder ihre Worte zu terroristischen Aktionen führen. Nicht mehr. Seitdem alle Araber sagen und schreiben, dass sie gegen die Besatzung sind, kann praktisch jeder unter dieses Gesetz fallen.

Dann gibt es noch das „Nation-Gesetz“. Es besagt, dass Israel der Nationalstaat des jüdischen Volkes“ ist. Dies ist natürlich ziemlich blöde: ein Volk und eine Nation sind zwei sehr verschiedene Begriffe.

Nach der bestehenden rechtlichen Formel ist Israel „ein jüdischer und demokratischer Staat“. Beide Begriffe sind hier gleich. Der neue Gesetzentwurf sagt in seiner ursprünglichen Version, wenn ein Widerspruch zwischen dem „jüdischen“ und dem „demokratischen“ Charakter des Staates besteht, dann müsse der „demokratische“ dem „jüdischen“ nachgeben. In einfachen Worten: Israel hört auf, demokratisch zu sein.

Es gab daraufhin einen öffentlichen Aufschrei und diese Worte hat man fallen lassen. Aber genau so diskriminiert der Gesetzentwurf die 20 % von Israels Bürgern, die Araber sind, und weitere 5 %, die aus religiösen Gründen nicht als Juden anerkannt werden.

Dann ist da noch Ayelet Shaked, die Justizministerin, die die Hauptfeindin des Obersten Gerichtes ist. Dieses ehrenhafte Institut ist die Hauptstütze der Besatzung, aber in individuellen Fällen blockiert es manchmal die Regierung. Die Ministerin, die sich auf ihr gutes Ansehen verlässt , sagt und tut die scheußlichsten Dinge. Sie fand für dieses Ärgernis eine Medizin: ein paralleles Gericht zu schaffen.

Dieses Gericht, das Gericht der Nationalen Sicherheit, würde für alle Fälle zuständig sein, bei denen die Regierung nicht erwarten kann, dass das Oberste Gericht in ihrem Sinn urteilt. Solche Gerichte bestehen schon in vielen totalitären Ländern.

DER EIFER der Minister erinnert mich an einen Witz, der in unsrer Armee umlief.

Es gibt vier Arten von Offizieren: (1) der intelligente und fleißige, (2) der intelligente und faule, (3) der dumme und faule,(4) der dumme und fleißige.

Sie werden im Folgenden nach dieser Ordnung bewertet: Der Intelligente und fleißige sind die besten: sie tun viel und alles, was sie tun, ist gut. Dann kommt der Intelligente und faule; sie tun wenig, aber was sie tun, ist gut. Dann kommt der dumme und faule: alles, was sie tun, ist schlecht, aber Gott sei Dank, machen sie wenig. Die 4. Kategorie ist die schlimmste: Sie tun eine Menge, aber alles, was sie tun, ist katastrophal.

ALL DIES geschieht in einem Land, das noch immer als die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ bekannt ist. Man kann sich nur fragen, wie lange dieser Ruf von der zivilisierten Welt anerkannt wird.

Vor kurzem sagte Netanjahu etwas, das die Welt hätte schockieren können, wenn die Welt zugehört hätte. Aber Netanjahu hat so viel Dinge gesagt, dass sogar viele Israelis aufgehört haben, ihm zuzuhören.

Eines der bekanntesten Sätze in der Bibel ist eine Frage, die Avner an Yoav richtet. Avner war König Sauls Armeechef. Yoav war der Kommandeur unter David. Nach einem langen Bürgerkrieg, der von David gewonnen wurde, wandte sich Avner (nachdem ich mich selbst genannt habe) an Yoav und fragte: „Soll das Schwert (uns) auf immer verschlingen? Weißt du nicht, dass daraus am Ende nur Jammer kommen wird? (2. Samuel 2,26.) Yoav hörte nicht auf ihn und am Ende tötete er Avner.

Im alten Hebräisch liest sich der Text buchstäblich: „Willst du immer das Schwert essen?“

In dieser Woche beantwortete Netanjahu die alte Frage. Er sagte dem israelischen Volk: „Wir werden immer das Schwert essen!“

In die heutige Sprache umgesetzt: „Ja, wir werden immer mit dem Schwert leben. Es wird nie Frieden sein.

Es ist nicht so, dass Netanjahu den Krieg liebt. Er weiß nur, dass, um Frieden zu erreichen, wir die besetzten Gebiete zurückgeben müssen. Weder er noch die Leute um ihn sind bereit, dies zu tun.

Das ist das ganze Problem auf den Punkt gebracht.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Adolf, Amin und Bibi

Erstellt von Uri Avnery am 22. November 2015

Adolf, Amin und Bibi

Autor Uri Avnery

ES IST nicht sehr erfreulich, wenn ernste Leute in aller Welt – Historiker, Psychiater, Diplomaten – sich fragen, ob mein Ministerpräsident seine Sinne psychisch noch bei einander hat.

Doch dies geschieht jetzt. Und nicht nur im Ausland. Immer mehr Leute in Israel stellen sich dieselbe Frage.

All dies wurde durch einen Vorfall ausgelöst. Aber die Leute schauen jetzt viele andere Ereignisse der Vergangenheit und Gegenwart in einem neuen Licht.

Bis jetzt wurden viele seltsame Handlungen und Äußerungen von Benjamin Netanjahu als Manipulationen eines schlauen Politikers, eines talentierten Demagogen angesehen, der die Seele seiner Wähler kennt und sie mit entsprechend reichlich Lügen versorgt.

Nicht mehr. Ein beunruhigender Verdacht geht um: dass unser Ministerpräsident ernsthafte psychische Probleme hat.

ALLES BEGANN vor zwei Wochen, als Netanjahu vor einer weltweiten zionistischen Versammlung eine Rede hielt. Was er sagte, war schockierend.

Adolf Hitler – so sprach er hochtrabend – wollte die Juden nicht wirklich auslöschen. Er wollte sie nur vertreiben. Aber dann traf er den Mufti aus Jerusalem, der ihn davon überzeugte, die Juden zu „verbrennen“. So wäre der Holocaust geboren worden.

Die Schlussfolgerung? Hitler war schließlich gar nicht so böse. Den Deutschen sollte nicht die Schuld gegeben werden. die Palästinenser waren die Urheber des Mordes an sechs Millionen Juden.

Falls das Subjekt ein anderes gewesen wäre, könnte diese Rede als eine der üblichen Lügen und Verfälschungen, die für Netanjahu typisch sind, angesehen werden. Hitler war wirklich nicht so schlecht, die Palästinenser müssen angeklagt werden, der Mufti war der Vorläufer von Mahmoud Abbas. Nur ein Stück Routine politischer Propaganda.

Aber dies betrifft den Holocaust, das schrecklichste Verbrechen der modernen Zeit und bei weitem das bedeutendste Ereignis in der modernen jüdischen Geschichte. Dieses Ereignis hat direkten Einfluss auf das Leben der Hälfte der jüdischen Bevölkerung Israels (einschließlich meiner selbst), die ihre Verwandten im Holocaust verloren haben oder selbst Überlebende sind.

Diese Rede war nicht nur eine kleine politische Manipulation, eine von denen, an die wir uns gewöhnten, seitdem Netanjahu Ministerpräsident wurde. Dies war etwas Neues, etwas Entsetzliches.

UM DIE ganze Welt ging ein Aufschrei. Es gibt viele Tausende von Experten über den Holocaust. Unzählige Bücher wurden über Nazi-Deutschland geschrieben (eines auch von mir). Jedes einzelne Detail ist immer wieder untersucht worden.

Holocaustüberlebende waren geschockt, weil Netanjahu Hitler und den Deutschen im Allgemeinen auch von der Hauptanklage für das entsetzliche Verbrechen vergeben wollte. Hitler war also nicht so schlecht. Er wollte die Juden nur vertreiben, nicht töten. Es waren die bösen Araber, die ihn verleiteten, die Scheußlichkeiten der Scheußlichkeiten auszuführen.

Angela Merkel verhielt sich anständig und veröffentlichte sofort ein Dementi und unterstellte die totale Anklage dem deutschen Volk. Tausende von wütenden Artikeln erschienen in aller Welt, viele Hunderte von ihnen in Israel.

Diese besondere Äußerung Netanjahus war nicht nur dumm, nicht nur ignorant. Es grenzt an psychische Erkrankung.

EIN MUFTI ist ein religiöser Wissenschaftler, die Autorität von höchstem Rang in einer islamischen Gesellschaft, weit über einem Richter. Ein Großmufti ist die höchste lokale religiöse Behörde. Im Islam gibt es keinen Papst.

Der Großmufti in dieser Geschichte ist Hajj Amin al-Husseini, der von den britischen Behörden in Palästina für das Amt des Großmufti von Jerusalem gewählt wurde. Wie sich herausstellte, war dies ein großer Fehler.

Der Mann, der den Fehler machte, war ein Jude – Herbert Samuel, der erste Hohe Kommissar des britischen Mandatsgebietes von Palästina nach dem 1. Weltkrieg. Der junge Hajj Amin war schon als Hitzkopf bekannt, und Samuel folgte der wohl eingerichteten kolonialen Praxis Feinde für hohe Ämter zu ernennen, um sie unten zu halten.

Die Husseini-Familie ist die führende Großfamilie in Jerusalem. Sie hat etwa 5000 Mitglieder und ein ganzes Stadtteil. Sie ist eine der drei oder vier angesehendsten Familien und seit vielen Generationen ist ein Husseini der Mufti gewesen, der Bürgermeister oder eine andere führende Persönlichkeit im arabischen Jerusalem.

Hajj Amin (Hajj ist die Anrede eine Muslim, der seine Pflichtpilgerreise nach Mekka gemacht hat.) war von Anfang an ein Unruhestifter. Er sah für die arabische Gemeinde in Palästina früh die Gefahr der zionistischen Einwanderung in Palästina und mehrere Male hetzte er zu anti-britischen und antijüdischen Aufständen. Diese kam zu einem Höhepunkt in der Großen Revolte von 1936 – die von den Juden „Die Ereignisse“ genannt wurden – die das Land drei Jahre lang unter Schock hielt. Bis zum 2. Weltkrieg.

Während „der Ereignisse“ wurden viele Juden und viele Briten getötet, aber die meisten Opfer waren Araber. Der Mufti (wie ihn jeder nannte) nützte die Gelegenheit, dass alle seine Rivalen und Konkurrenten getötet wurden. Für die Juden in Palästina wurde er zu einem Symbol des Bösen, das Objekt intensivsten Hasses.

Inzwischen hatten auch die Briten genug von ihm gehabt. Sie jagten den Mufti aus dem Land. Er ging in den Libanon, aber als dies Land im 2. Weltkrieg von den Briten besetzt wurde, um die Truppen vom französischen Vichy-Regime zu vertreiben, floh der Mufti in den Irak, das in den Händen von anti-britischen und pro-Nazi-Rebellen war. Als die Briten den Irak zurück eroberten, floh der Mufti nach Italien, das die faschistischen Bemühungen leitete und sich bemühte, die Araber zu gewinnen. Der Mufti, dessen Hauptfeinde die Briten waren, handelte nach der Theorie, dass der Feind meines Feindes mein Freund ist. (Zur selben Zeit handelte ein Führer des jüdischen Untergrundes in Palästina, Abraham Stern, nach derselben Theorie, suchte also Kontakt mit den Italienern und den Deutschen.)

Es scheint, dass die Italiener nicht so begeistert waren, Hajj Amin bei sich zu haben, so zog der Mufti weiter ins Nazi-Deutschland. Zur selben Zeit versuchte die SS muslimische Freiwillige für den Krieg gegen Russland zu gewinnen und irgendjemand hatte die glänzende Idee, dass ein Foto vom Großmufti mit Hitler hier sinnvoll wäre.

Hitler liebte diese Idee gar nicht. Er war völlig überzeugt von der Rassentheorie – und die Araber sind Semiten – eine minderwertige und widerwertige Rasse, genau wie die Juden. Aber am Ende wurde er überredet, diesen arabischen Flüchtling zu einer „Foto-Gelegenheit“ zu empfangen. Ein Bild wurde gemacht – das einzige Foto des einzigen Treffens dieser beiden Personen. (Es gab auch Fotos des Mufti mit muslimisch-bosnischen SS-Freiwilligen.)

Das Treffen war kurz, ein oberflächliches Protokoll wurde gemacht – die Juden erschienen nicht darin. Die ganze Episode war unbedeutend. Bis Netanjahu.

Es ist lächerlich, den Mufti als den Vater der palästinensischen Nation zu krönen. Bei all meinen hunderten Begegnungen mit Palästinensern, ab Arafat, hatte ich nie ein gutes Wort über Hajj Amin gehört, nicht einmal von dem wunderbaren Faisal al-Husseini, einem entfernten Verwandten. Sie beschrieben ihn einstimmig als einen realen palästinensischen Patrioten, aber eine Person mit begrenzter Bildung und engstirniger Auffassung, der einen Teil der Schuld für das Desaster trägt, das das palästinensische Volk 1948 befallen hat. Das Blutbad, das er unter den Palästinensern in der Rebellion von 1936-39 ausgeführt hat, schwächte die Palästinenser so sehr, dass, als der entscheidende Test kam – die 1947er Teilung von Palästina und der Krieg von 1948 – die palästinensische Nation keine effektive Führung mehr hatte.

Die Idee, dass der mächtige Führer (AH) den Rat von einem geflüchteten Semiten benötigt, um sich für den Holocaust zu entscheiden, ist nicht nur lächerlich, es ist sogar verrückt.

Auch die Daten stimmen nicht überein. Das Fototreffen fand Ende 1941 statt. Die Vernichtung begann unmittelbar nach der Eroberung von Polen 1939 und nahm seine monströse Dimension mit der Nazi- Invasion der Sowjet Union Mitte 1941 an. Sie gelangte zu ihrer industriellen Endlösung, als Heinrich Himmler, der Chef der SS entschied, dass „ man von einem anständigen deutschen Soldaten nicht verlangen könne, „ all diesen jüdischen Abschaum zu erschießen“. Der Mufti hatte absolut nichts damit zu tun – allein die Idee ist krankhaft.

Bis 1939 förderte Hitler tatsächlich die Vertreibung der Juden, weil eine physische Vernichtung in einem friedlichen Europa undenkbar war. Aber nachdem der Krieg ausgebrochen war, sah er auf einmal die Gelegenheit der Massenvernichtung – und sagte dies ganz offen.

WIE KAM es, dass der Sohn eines „renommierten Historikers“ solch verrückte Dinge sagte? (Diese Bezeichnung von Ben Zion Netanjahu ist jetzt in den israelischen Medien gang und gäbe, obwohl ich niemals jemanden traf, der sein Werk über die spanische Inquisition gelesen hatte. Vielleicht hörte er dies von irgendeinem Spinner der von Sheldon Adelson Geld bekam – aber die Tatsache, dass er dies nicht direkt zurückwies, zeigt nicht nur, dass er ein vollkommener Ignoramus über das bedeutendste Kapitel der modernen jüdischen Geschichte ist, sondern auch, dass er einige psychische Probleme hat.

In diesem Licht sehen viele seiner Entscheidungen jetzt anders aus, einschließlich der Entscheidung dieser Woche: Maßnahmen zu ergreifen, um den „Einwohner“ Status von zehn-Tausenden arabischer Jerusalemiten zu nehmen. Als Ost-Jerusalem 1967 von Israel annektiert wurde, wurde den Einwohnern nicht das israelische Bürgerrecht gewährt, nur reduzierte Einwohnerrechte, die das Stimmrecht für die Knesset verweigerte. Ihnen wurde gnädiger Weise das individuelle Recht gegeben, die Bürgerschaft zu beantragen, aber natürlich hat kaum einer davon Gebrauch gemacht, weil dies die Anerkennung der Annexion bedeutet hätte.

Jetzt bin ich besorgt. Wenn wir tatsächlich von einem Mann mit psychischen Problemen regiert werden – wohin wird er uns jetzt führen?

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

DER MUFI – (Fortsetzung)

EINIGE MEINER  Freunde beklagten sich, dass mein letzter Artikel – wie Churchill wohl gesagt haben mag – eine terminologische Ungenauigkeit enthielt.

Ich schrieb, dass die Juden bei dem Hitler-Husseini-Treffen nicht erwähnt  wurden. Das ist eine große Übertreibung. Jeder, der etwas über Hitler weiß, weiß auch, dass der Führer keine drei Sätze äußern konnte, ohne die Juden zu erwähnen. (Auch dies eine große Übertreibung.)

Die englische Version des offiziellen Protokolls  besteht aus  etwa 2250 Wörtern. Die Juden werden 12 Mal erwähnt – dreimal von Hajj Amin und neunmal von Hitler. Hitler benützte all seine Standardausdrücke, der Mufti benützte  offensichtliche Schöntuerei. Keiner sagte etwas Neues. Hitler wies  höflich alle Forderungen des Mufti zurück.

Nach Hitlerbeherrschten die Juden Britannien und die Sowjet Union. (Die US war noch nicht  im Krieg.)  Falls Italien und Japan auf der andern Seite gewesen wäre, würde Hitler sie der Liste hinzugefügt haben.

In der Zeit – im November 1941. . war die Vernichtung durch die Einsatzkommandos schon in vollem Schwung. Offenbar wusste der Mufti nichts darüber, noch sagte ihm Hitler etwas davon. Es war das Staatsgeheimnis Nr.1.

Das Protokoll  ist seit langer Zeit bekannt gewesen. Falls Netanjahus absurde  Behauptungen wahr gewesen wären, würde  uns  und die Welt unsere super-wirksame  Propagandamaschine  unsere Welt und  jeden einzelnen Tag daran erinnert haben.

Über die Beachtung der Nazis für den Mufti: Hajj Amin blieb weitere vier Jahre  bis zum Kriegsende in Deutschland. Fast nichts ist über seinen Aufenthalt dort bekannt. Hitler hat ihn nie wieder empfangen. Das sagt aus, wie wichtig er war.

Übrigens war Netanjahu in dieser Woche dazu gezwungen, so etwas wie ein Dementi auszudrücken – so wie es Netanjahu  tut. Er sagt, Hitler wäre für den Holocaust verantwortlich.

( dt. E. Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

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Weine, geliebtes Land!

Erstellt von Uri Avnery am 15. November 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery

 MANCHMAL KANN ein kleiner Vorfall die Dunkelheit durchdringen und ein erschreckendes Bild enthüllen.

Dies geschah am letzten Sonntag in Beersheba, der Hauptstadt der Negev.

Das Bild war in der Tat erschreckend.

DER VORFALL begann als Routineangriff, einer von vielen, an die wir uns in den letzten Wochen gewöhnt haben. Einige nennen dies „Die 3. Intifada“, einige sprechen von einer Terrorwelle; einige sind zufrieden mit „Eskalation“

Es ist ein neues Stadium des alten Konfliktes. Sein Symbol ist die individuelle Messerstecherei eines einzelnen Palästinensers – entweder in Ost-Jerusalem, der Westbank oder selbst in Israel.

Sie ist mit keiner palästinensischen Partei verbunden. Vor der Tat hat der Angreifer keine Verbindung zu irgendeiner militanten Gruppe. Er oder sie waren dem israelischen Sicherheitsdienst völlig unbekannt. Deswegen ist es unmöglich, solche Aktionen zu verhindern.

Eines Morgens wacht der zukünftige Märtyrer auf; er fühlt, dass jetzt die Zeit gekommen ist, nimmt ein großes Küchenmesser, geht in einen jüdischen Vorort und sticht in den nächsten israelischen Juden, vorzugsweise einen Soldaten – aber wenn keine Soldaten in der Nähe sind – irgend einen jüdischen Zivilisten, einen Mann, eine Frau oder sogar ein Kind .

Der Angreifer weiß sehr wohl, dass er höchstwahrscheinlich auf der Stelle getötet werden wird. Er will ein Märtyrer werden, buchstäblich „ein Glaubenszeuge.“

Bei früheren Intifadas waren die Angreifer gewöhnlich Mitglieder von Organisationen oder Zellen. Diese Zellen waren ausnahmslos von bezahlten Verrätern infiltriert, und fast alle Täter wurden früher oder später gefangen. Viele solche Taten wurden verhindert.

Der jetzige Ausbruch ist anders. Da sie von einzelnen Individuen ausgeführt werden, ihnen sind keine Spione bewusst. Diese Akten können nicht im Voraus gestoppt werden. Sie können irgendwo, an jedem Ort geschehen – in Jerusalem, in den andern besetzten Gebieten, mitten in Israel selbst. Jeder Israeli kann irgendwo mit dem Messer angegriffen werden.

Um das ganze Bild des Vorfalles zu bekommen, muss man dieser Steine werfenden Gruppe palästinensischer Jugendlicher und Kindern an den Schnellstraßen hinzufügen. Die Gruppe bildet sich plötzlich, spontan, gewöhnlich zusammengesetzt aus lokalen Teenagers, die Steine und Brandbomben auf vorbeifahrende Wagen wirft– Natürlich versichert man sich als erstes, ob es auch jüdische Israelis sind. Oft schließen sich ihnen noch mehr Kinder an, die eifrig ihren Mut beweisen wollen und ihre Hingabe an Allah. Einer der Gefangenen war 13 Jahre alt.

Steine werfende Vorfälle führen zuweilen zum Tod des Fahrers, der die Kontrolle über seinen Wagen verliert. Die Armee antwortet mit Tränengas, Gummi-ummantelten Stahlkugeln, (die großen Schmerz verursachen, aber selten töten und mit scharfer Munition.

DER AUSBRUCH – dem noch kein endgültiger Name gegeben worden ist – begann vor mehreren Wochen in Ost-Jerusalem. Wie gewöhnlich – könnte man hinzufügen.

Das Zentrum der arabischen Alt-Stadt ist die heilige Stätte, die die Juden „ den Tempelberg“ nennen und die Araber Haram al Sharif – den heiligen Schrein. Es ist dort, wo einst die alten jüdischen Tempel standen.

Nachdem auch der Zweite Tempel von den Römern vor etwa 1945 Jahren zerstört wurde, wurde der Platz von den Christen entheiligt, als sie diesen in einen Düngehaufen verwandelten. Als er von den Muslimen 635 erobert wurde, befahl der humane Khalif Omar, ihn zu reinigen. Zwei heilige muslimische Gebäude wurden errichtet – der wunderschöne Felsendom mit seiner auffallend goldenen Kuppel und der sogar noch heiligeren Al-Aqsa-Moschee, die dritt-heiligste Moschee im Islam.

Wenn man also Unruhe schaffen will, dann ist dies der Ort, an dem man beginnt. Der Schrei, dass Al-Aqsa in Gefahr ist, lässt jeden Palästinenser und jeden Muslim rund um die Welt aufstehen. Es regt moderate religiöse Muslime (Wie die meisten Araber) auf, als auch religiöse Fanatiker. Es ist ein Ruf zu den Waffen, zum Selbstopfer.

Das geschah mehrmals in der Vergangenheit. Die schrecklichen „Ereignisse“ von 1929, während der die alte jüdische Gemeinschaft in Hebron massakriert wurde, fand durch eine jüdische Provokation an der Westmauer statt, ein Teil der Mauer, die den Berg umgibt. Die zweite Intifada brach aus, weil Ariel Scharon eine provokative Demonstration auf den Berg führte – mit der ausdrücklichen Genehmigung des damaligen Labor-Partei-Ministerpräsidenten Ehud Barak.

Die gegenwärtige Unruhe begann mit Besuchen des jüdischen Führers des extrem rechten Flügels, einschließlich eines Ministers und Knesset-Mitgliedern auf dem Tempelberg. Dies ist an sich nicht verboten. Außer nach Orthodoxem jüdischen Gesetz. Weil es gewöhnlichen Juden nicht erlaubt ist, das zu betreten, wo einst das Heilige des Heiligsten stand. Der Berg ist eine Touristen-Attraktion von höchstem Rang.

Um die Dinge zu regeln, wurde etwas geschaffen, das man den Status quo nannte. Als die israelische Armee Ost-Jerusalem 1967 im Sechs-Tage-Krieg eroberte, wurde entschieden, dass die Tempelberganlage, obwohl jetzt unter israelischer Herrschaft, unter muslimischer und jordanischer Jurisdiktion stünde (Warum jordanisch? Weil Israel nicht mit palästinensischer Jurisdiktion einverstanden war) Den Juden war es erlaubt, die Anlage zu betreten, aber nicht dort zu beten.

Benjamin Netanjahu behauptet, dass der Status Quo aufrecht erhalten ist. Aber in letzter Zeit haben Gruppen fanatischer Israelis vom rechten Flügel die Anlage betreten, beschützt von der israelischen Polizei und dort gebetet. Für die Muslime war das ein Bruch des Status Quo.

Außerdem ist jüdischen Gruppen viel Publizität gegeben worden, die sich darauf vorbereiten, den jüdischen Tempel neu aufzubauen, nachdem die muslimische Moschee zerstört worden ist. Die Priestergewänder und die in der Bibel beschriebenen Instrumente sind von den Fanatikern schon vorbereitet und nicht jetzt von jüdischen Siedlern vorbereitet worden.

In normalen Zeiten, an einem normalen Ort könnte dies friedlich geregelt werden. Aber nicht auf dem Tempelberg und nicht jetzt mit jüdischen Siedlern, die damit begonnen haben, sich in den arabischen Dörfern rings um den Tempelberg gewaltsam anzusiedeln. Über die besetzten Gebiete und unter den arabischen Bürgern Israels ging der Schrei um: Die Heiligen Stätten sind in Gefahr. Die israelischen Führer schrien zurück, dass dies alles ein Pack von Lügen sei.

Junge Palästinenser nahmen Messer und begannen, damit Israelis anzugreifen, obwohl sie sehr wohl wussten, dass sie wahrscheinlich auf der Stelle tot geschossen würden. Israelische Führer riefen jüdische Bürger auf, immer Waffen zu tragen und zu schießen, sobald sie sehen, dass ein Angriff stattfindet. Nun gibt es täglich mehrere solcher Angriffe. Zusammen sind in diesem Monat acht Juden getötet worden, zusammen mit 18 Verdächtigen und 20 anderen Palästinensern.

Dies ist der Hintergrund zu der Gewalttat in Beersheba.

ES GESCHAH im zentralen Busbahnhof der Wüstenhauptstadt, einer Stadt mit 250 000 Juden, meistens mit orientalischem Hintergrund, umgeben von zahlreichen Beduinenstädten- und –Lagern.

Drei Personen waren in den Vorfall verwickelt.

Der erste war ein 19jähriger Soldat, Omri Levi. Er stieg aus dem Bus aus und betrat das große Bahnhofsgebäude, als er von einem Araber angegriffen wurde, der nach seiner Waffe griff. Wir wissen sehr wenig über den Soldaten, nur dass er ein nett ausseheder 19Jähriger war.

Die zweite Person war der Angreifer, der 21jährige Muhammad al-Okbi. Überraschenderweise war er ein Beduine aus der Umgebung mit keiner Sicherheitsrisiko-Vergangenheit. Überraschend deshalb, weil viele Beduinen freiwillig zur israelischen Armee gehen oder in der Polizei dienen und an der Beersheba-Universität studieren. Dies hindert die israelische Regierung nicht am Versuch, das Land der Beduinenstämme zu rauben und sie in übervölkerte kleine Städte umzusiedeln

Keiner weiß, warum dieser Junge aus der Wüste beim Aufwachen an diesem Tag entschied, ein Shahid zu werden und einen Amoklauf zu machen. Seine Großfamilie scheint so perplex zu sein wie jeder andere auch. Es scheint, dass er sehr religiös geworden war und auf die Al-Aqsa-Vorfälle reagierte. Wie alle Beduinen im Negev war er sicherlich auch über die Bemühungen der Regierung, sie zu enteignen, wütend.

Also schoss er auf die Passanten – entweder mit einer Pistole in seinem Besitz oder mit der Waffe, die er dem Soldaten weggenommen hat. Nach zehntausenden von Worten bin ich mir nicht sicher.

ABER DIE Person, die die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog, war nicht der Soldat noch der Angreifer, sondern das dritte Opfer.

Sein Name war Haftom Zarhiim, ein 29Jähriger Flüchtling aus Eritrea – einer der etwa 50 000 Afrikaner, die illegal die Grenze in den Negev überschritten haben. Er war völlig unschuldig. Er betrat nur zufällig das Gebäude hinter dem Angreifer und einige Passanten hielten ihn für einen Komplizen. Er sah nicht jüdisch aus.

Er wurde angeschossen und verletzt. Während er blutend und hilflos auf dem Boden lag, umgab ihn der Mob und trat ihn von allen Seiten, manche traten seinen Kopf. Im Krankenhaus kam er tot an. Die ganze Szene wurde schadenfroh von einem Passanten mit seinem Smartphone fotografiert und in allen TV-Nachrichten gezeigt.

Da gibt es keine andere Erklärung: es war ein reiner und simpler Vorfall von bösartigem Rassismus. Eine barbarische Behandlung eines verwundeten palästinensischen Angreifers durch einen aufgeregten Mob kann noch irgendwie verstanden werden – nicht entschuldigt, nicht geduldet aber mindestens verstanden werden. Wir haben einen Konflikt, der schon länger als 130 Jahre dauert; auf beiden Seiten mehrere Generationen, die zu gegenseitigem Hass erzogen wurden.

Und Asylsucher? Sie werden fast universal gehasst. Warum? Nur weil sie Ausländer sind, keine Juden. Nicht einmal ihre Hautfarbe kann hier eine volle Erklärung geben – nach dem wir jetzt eine ganze Anzahl dunkelhäutiger äthiopischer Juden haben, die als „die unsrigen“ akzeptiert werden.

Das grausame Lynchen des sterbenden Haftorn war vollkommen hässlich, absolut abscheulich. Es könnte einen zur Verzweiflung über Israel bringen – Hätte es nicht einen anonymen Passanten – mittleren Alters gegeben – der zwei Tage später zu der Szene zurückkehrte und die Geschichte im TV noch einmal erzählte und zugab, dass er seitdem nicht schlafen könnte – und weinte.

(Aus dem Engl- Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Das Preußen der Siedler

Erstellt von Uri Avnery am 1. November 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

DIE ISRAELISCHE DEMOKRATIE  rutscht abwärts, schliddert langsam, behaglich, aber unverkennbar.

Wohin schliddert sie? Jeder weiß es: in eine ultra-nationalistische, rassistische, jüdisch-orthodoxe Gesellschaft.

Wer führt uns auf diesen Weg?

Die Regierung natürlich. Diese Gruppe von lärmenden Niemanden, die bei den letzten Wahlen an die  Macht kamen, angeführt von Benjamin Netanjahu.

Nicht wirklich. Nehmt all diese großmäuligen kleinen Demagogen, die Minister von diesem oder jenen (Ich kann mich nicht erinnern, wer vermutlich der Minister von was ist)  und sperrt sie ein, da wird sich nichts ändern. In 10 Jahren wird sich keiner mehr an die Namen von ihnen erinnern.

Wenn die Regierung nicht führt, wer tut es dann? Vielleicht der rechte Mob? Die Leute, die wir im TV sehen – mit Hass verzerrten Gesichtern, die beim Fußball-Spielen schreien bis sie heiser sind „Tod den Arabern“  oder die nach jedem Vorfall in den jüdisch-arabischen Städten demonstrieren: „ Alle Araber sind Terroristen! Tötet sie alle.“

Dieser Mob kann dieselben Demonstrationen morgen gegen andere führen: gegen Schwule, Lesben, Richter, Feministen, gegen wen auch immer. Es ist nicht konsequent. Er kann kein neues System aufbauen.

Aber es gibt eine Gruppe im Land, die stark genug ist, genügend  zusammenhält, entschieden genug, den Staat zu übernehmen: die Siedler.

IN DER Mitte des letzten Jahrhunderts schrieb ein überragender Historiker, Arnold Toynbee , ein monumentales Werk. Seine zentrale These  war, dass Zivilisationen wie menschliche Wesen sind: Sie werden geboren, wachsen, werden erwachsen, altern und sterben. Dies war wirklich nicht ganz neu – der deutsche Historiker Oswald Spengler schrieb vor ihm etwas Ähnliches  („Den Untergang des Abendlandes“). Aber Toynbee , ein Brite, war weniger metaphysisch als sein deutscher Vorgänger und versuchte, praktische Schlussfolgerungen zu ziehen.

Unter Toynbees vielen Innenansichten, gab es eine, die uns jetzt interessieren sollte. Es geht um den Prozess, bei dem Grenzdistrikte die Macht und den Staat übernehmen.

Nehmen wir das Beispiel aus der deutschen Geschichte. Die deutsche Zivilisation wuchs im Süden und reifte im Süden – in der Nähe von Frankreich und Österreich. Eine reiche und kultivierte Oberklasse verbreitete sich im ganzen Land und in den Städten. Die patrizische Bürgerschicht förderte die Schriftsteller und Komponisten. Die Deutschen sahen sich selbst als „Ein Volk der Dichter und Denker“.

Aber im Laufe der Jahrhunderte suchten die Jungen und Energischen aus der reichen Schicht, besonders die zweiten Söhne, die nichts erbten, für sich selbst eine neue Domäne. Sie gingen an die Ostgrenze, eroberten neues Land von den slawischen Bewohnern und holten dort neue Ländereien für sich selbst.

Das östliche Land wurde Mark Brandenburg genannt. „Mark“  bedeutet Grenzland. Eine Reihe fähiger Fürsten vergrößerten den Staat, bis Brandenburg eine führende Macht wurde. Damit noch nicht zufrieden, heiratete einer der Fürsten eine Frau, die als Mitgift ein kleines  östliches  Königreich, Preußen genannt, mitbrachte. So wurde der Fürst ein König. Brandenburg vereinigte sich mit Preußen und vergrößerte sich durch Kriege und Diplomatie, bis Preußen halb Deutschland beherrschte.

Der preußische Staat, in der Mitte Europas gelegen, umgeben von starken Nachbarn, hatte keine natürlichen Grenzen – weder weite Meere noch hohe Gebirge oder breite Flüsse. Es war nur ein flaches Land. Also schufen die preußischen Könige eine künstliche Grenze: eine mächtige Armee. Graf Mirabeau, der französische Staatsmann sagte bekannterweise: „Andere Staaten haben Armeen. In Preußen hat die Armee einen Staat.“ Die Preußen prägten selbst den Satz: „Der Soldat ist der erste Mann im Staat.“

Es ist nicht wie in andern Ländern, in Preußen wurde das Wort „Staat“  fast als heiliges Wort vorausgesetzt. Theodor Herzl,  der Gründer des Zionismus und ein großer Bewunderer von Preußen, adoptierte dieses Ideal und nannte seine zukünftige Schöpfung:„Der Judenstaat“

TOYNBEE, DER sich nicht mit Metaphysik abgab, fand den irdischen Grund für dieses Phänomen zivilisierter Staaten, die von weniger zivilisierten Staaten übernommen wurden, weil das Grenzvolk härter ist.

Die Preußen mussten kämpfen: Land erobern, ein Teil seiner Bevölkerung vernichten, neue Dörfer  und Städte schaffen, Gegenangriffen widerstehen, nachtragenden Nachbarn, Schweden, Polen und Russen widerstehen. Sie mussten hart sein.

Zur selben Zeit führte das Volk im Inneren  ein viel leichteres Leben. Die Bürger von Frankfurt, Hamburg, München und Nürnberg  hatten ein leichteres Leben, verdienten Geld, lasen ihre großen Dichter und hörten ihre großen Komponisten. Sie konnten die primitiven Preußen mit Verachtung behandeln. Bis sie sich selbst 1871 in einem neuen germanischen Reich  wiederfanden, das von den Preußen beherrscht wurde  – von einem preußischen Kaiser.

Diese Art von Prozess ist während der Geschichte in vielen Ländern geschehen. Die Peripherie wird zum Zentrum.

In alten Zeiten – in der Antike – wurde das griechische Reich nicht von zivilisierten  Bürgern einer griechischen Stadt, wie Athen, geschaffen, sondern von einem Führer aus dem mazedonischen Reich, von Alexander dem Großen. Später wurde das mediterrane Reich nicht von einer zivilisierten griechischen Stadt geschaffen, sondern von einer peripheren italienischen Stadt, Rom genannt.

Ein kleines deutsches Grenzland im Südosten wurde das riesige multinationale Reich, Österreich genannt,  bis es von den Nazis besetzt wurde und  Ostmark genannt wurde  – östliche Grenze.

Es gibt eine Fülle von Beispielen..

DIE JÜDISCHE GESCHICHTE, die reale und die eingebildete, hat ihre eigenen Beispiele.

Wenn ein Steine werfender Junge aus der südlichen Gegend mit Namen David, König von Israel  wurde, setzte er seine Hauptstadt aus der alten Stadt Hebron an einen neuen Ort, den er gerade erobert hat, Jerusalem. Dort war er weit weg von all den Städten, in denen sich eine neue Aristokratie eingerichtet hat und gedieh.

Viel später, in römischen Zeiten, kamen die Kämpfer des Grenzlands Galiläa nach Jerusalem, inzwischen eine zivilisierte Patrizier Stadt,  und zwangen die friedlichen Bürger einen verrückten Krieg  gegen die  unendlich weit überlegeneren Römer anzufangen. Vergeblich versuchte der jüdische König Agrippa, Nachfolger von Herodes dem Großen, sie mit einer eindrucksvollen Rede zu stoppen, die Flavius Josephus  überlieferte. Das Grenzvolk gewann die Oberhand, Judäa revoltierte, der („Zweite“)  Tempel wurde zerstört und die Konsequenzen konnten bis in die letzte Woche auf dem Tempelberg (auf Arabisch: Haram al Sharif – der heilige Schrein) in Jerusalem bemerkt werden, wo arabische Jungs, Nachahmer von David, auf die jüdischen Imitatoren von Goliath Steine warfen.

Im heutigen Israel  macht man einen klaren Unterschied- einen Zwiespalt zwischen den wohlhabenden reichen Städten, wie Tel Aviv und der viel ärmeren „Peripherie“, deren Bewohner meistens  die Nachkommen von Immigranten aus armen und zurückgebliebenen, orientalischen Ländern sind.

Es war nicht immer so. Vor der Gründung des Staates Israel, wurde die jüdische Gemeinde Palästinas (der „Yishuv“ genannt) von der Labor-Partei beherrscht, die von den Kibbuzim, den kommunalen Dörfern dominiert waren . Viele von ihnen lagen entlang der Grenze. (Man könnte sagen, dass sie tatsächlich die „Grenzen“ des Yishuv bildeten) Dort war eine neue Rasse harter Kämpfer geboren, während verwöhnte Stadtbewohner verachtet wurden.

Im neuen Staat sind die Kibbuzim ein Schatten ihrer selbst geworden und die zentralen Städte sind die Zentren der Zivilisation, beneidet und sogar von der Peripherie gehasst. Das war die Situation bis vor kurzem.  Es verändert sich rasend.

AM TAG nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 hob ein neues israelisches Phänomen seinen Kopf: Die Siedlungen in den neu besetzten palästinensischen Gebieten. Ihre Gründer waren  die „National-religiösen“ Jugendlichen.

Während der Tage des Yishuv wurden die religiösen Zionisten eher verachtet. Sie waren eine kleine Minderheit. Einerseits hatten sie nicht den revolutionären Schwung der säkularen, sozialistischen Kibbuzim gemieden. Andrerseits waren wirkliche orthodoxe Juden überhaupt   keine Zionisten und verurteilten das ganze zionistische Unternehmen als eine Sünde gegen Gott (War es nicht Gott, der  die Juden wegen ihrer Sünden ins Exil geschickt,  und unter die  Völkerverstreut hatte?

Aber nach der Eroberung von 1967  wurde die „national-religiöse Gruppe plötzlich eine bewegende Kraft. Die Eroberung des Tempelberges in Ost-Jerusalem und all die andern biblischen Orte, erfüllte sie mit religiösem Eifer. Statt eine marginale Minderheit zu bleiben, wurden sie eine mächtige  treibende Kraft.

Sie schufen die Siedlerbewegung und  bauten Dutzende von neuen Städten und Dörfern in der ganzen besetzten Westbank und Ost-Jerusalem. Mit der Hilfe von allen einander folgenden israelischen Regierungen, den Linken wie den Rechten wuchsen  und gediehen sie. Während das linke „Friedenslager“  allmählich verschwindet, breiteten sie ihre Flügel aus.

Die „national-religiöse“ Partei, einmal eine der moderatesten Kräfte in der israelischen Politik, verwandelte sich in die ultra-nationalistische, fast  faschistische „Jüdisches Heim“-Partei. Die Siedler wurden auch eine dominierende Kraft in der Likud-Partei. Sie kontrollieren nun die Regierung. Avigdor Lieberman, ein Siedler, führt eine noch rechtere Partei als  nominelle Opposition. Der Star des  „Zentrum“, Yair Lapid gründete seine Partei in der Ariel-Siedlung und redet jetzt wie ein extremer Rechter. Yitzhak Herzog, der Führer der Labor-Partei, versucht ihnen kraftlos nachzueifern.

Alle  verwenden jetzt die Siedlersprache. Sie sprechen nicht mehr von der Westbank, sondern von „Judäa und Samaria“.

Während ich Toynbee folgte, erklärte ich dieses Phänomen  durch das Problem, das durch das Leben an der Grenze  gestellt wird.

Selbst, wenn die Situation weniger gespannt ist, als sie es jetzt ist, trotzen die Siedler Gefahren. Sie sind von arabischen Dörfern und Städten  umgeben (Wobei sie sich selbst in ihre Mitte setzten) . Sie setzen sich geworfenen Steinen aus und sporadischen Angriffen auf den Schnell-Straßen, leben aber unter ständigem Armeschutz, während die Leute in den israelischen Städten ein bequemes Leben führen

Natürlich sind nicht alle Siedler Fanatiker. Viele von ihnen leben in einer Siedlung, weil ihnen die Regierung  die Wohnung dort fast umsonst gibt: eine Villa mit Garten, vom der sie im eigentlichen Israel nicht einmal zu träumen wagten. Viele von ihnen sind Regierungsangestellte mit gutem Gehalt. Viele lieben nur die Aussicht – all dieser malerischen muslimischen Minaretts.

Viele Fabriken haben das eigentliche Israel verlassen, verkauften ihr Land für  unglaubliche Summen und bekamen dafür  noch riesige Regierungszuschüsse, dass sie in die Westbank umzogen. Sie beschäftigen natürlich billige palästinensische Arbeiter aus den benachbarten Dörfern – frei von rechtlichen Minimum-Löhnen irgendwelcher Arbeits-Gesetze. Die Palästinenser schuften für sie, weil sie sonst keine Arbeit bekommen können.

Aber selbst diese  „bequemen“ Siedler wurden zu Extremisten, um zu überleben und ihre Häuser zu verteidigen, während sich  die Leute in Tel Aviv  an ihren Cafes und Theater amüsieren. Viele dieser Altein-gesessenen haben schon einen 2. Pass besorgt, einen deutschen, amerikanischen oder polnischen  – nur für den Fall. … Kein Wunder, dass die Siedler, den Staat übernehmen,

DER PROZESS ist schon weit voran geschritten. Der neue Polizeichef  ist ein Kippa tragender früherer Siedler. Auch der Chef vom Geheimdienst. Immer mehr Offiziere der Armee und Polizei sind Siedler. In der Regierung und in der Knesset üben die Siedler riesige Macht und Einfluss aus.

Vor etwa 18 Jahren als meine Freunde und ich als erste einen israelischen Boykott gegen die Produkte der Siedlungen ausriefen, sahen wir, was auf und zukommt.

Dies ist jetzt die wirkliche Schlacht um Israel.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Führer ohne Ruhm

Erstellt von Uri Avnery am 25. Oktober 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

ZUM ERSTEN Mal traf ich Anfang 1983 Mahmoud Abbas in Tunis.

Ich wusste, dass er für den israelischen Schreibtisch in der PLO verantwortlich  war- Said Hamami und Issam Sartawi, die PLO- Gesandten, mit denen ich seit 1974 in ständigem Kontakt gewesen war, sagten mir, dass er  der Beauftragte war. Aber er war nicht bei meinem ersten Treffen mit Yassser Arafat in Beirut während der Belagerung anwesend.

Ich kam mit General Matti Peled  und Yaakov Arnon, in einer offiziellen  Delegation des „Israel-Rates für israelisch-palästinensischen Frieden“ nach Tunis. Wir hatten diesen 1975 gegründet. Bevor wir Arafat selbst trafen, wurden wir darum gebeten, Abu Mazen (Wie Abbas genannt wird) zu treffen und unsere Ideen mit ihm zu diskutieren, um dem Führer einen abgestimmten, detaillierten Vorschlag zu unterbreiten. Dies war auch bei all den vielen Treffen, die folgten, die Prozedur.

Abu Mazen war ganz anders als Arafat. Arafat war auffällig, spontan, extrovertiert. Abu Mazen ist eher verschlossen, introvertiert, vorsichtig, pedantisch. Mein erster Eindruck war der eines Schulmeisters.

Nachdem Arafat ermordet worden war (wovon ich überzeugt bin), gab es zwei offensichtliche Kandidaten, ihm zu folgen. Mahmoud Abbas und Farouk Kaddoumi, beides Mitglieder der PLO-Gründungsgeneration. Kaddoumi war viel extremer; er glaubte nicht daran, dass Israel jemals Frieden machen würde und bewunderte das syrische Regime von Hafez al-Assad. Die PLO-Führung wählte Abbas,

ALS ABBAS  „die Macht“ übernahm   – fand er sich selbst in einer fast unmöglichen Situation.

Arafat hatte den Status einer Palästinensischen Behörde unter israelischer Besatzung als kalkuliertes Risiko akzeptiert.

Als erstes glaubte er Yitzhak Rabin, wie wir alle  (und wie ich ihm riet). Wir glaubten alle, dass Rabin auf dem richtigen Weg wäre, einen palästinensischen  Staat neben Israel  zu akzeptieren. Innerhalb von fünf Jahren würde der Staat Palästina ein Fakt werden. Keiner konnte weder den Mord an Rabin, noch die Feigheit von Shimon Peres und das Emporkommen von Benjamin Netanjahu voraussehen.

Schon davor hat sich Rabin dem Druck seines „Sicherheitschefs“ gebeugt und über wichtigen Teilen des Oslo Abkommens sein Versprechen gebrochen, wie z.B. die vier freien Passagen zwischen der Westbank und dem Gazastreifen.

Abu Mazen  kam in diese Situation – Rabin war tot, das Oslo-Abkommen  nur noch ein Schatten seiner selbst, die Besatzung und das Siedlungs-Unternehmen in vollem Schwung.

Es war eine fast hoffnungslose Aufgabe von Anfang an: eine zweifelhafte Autonomie unter Besatzung. Entsprechend dem Oslo-Deal, das höchstens fünf Jahre dauern sollte, war der größere Teil der Westbank („Zone C“) unter direkter  und voller israelischer Kontrolle und die israelische Armee war, in den beiden andern Gebieten („A“ und „B“) frei zu operieren. Ein zusätzlicher israelischer Rückzug, in Oslo geplant, kam nie zustande.

Die palästinensischen Wahlen, die unter diesen Umständen durchgeführt wurden, führten die Hamas zum Sieg, halfen bei dem Wettkampf unter den Fatah-Kandidaten nach . Als Israel und die US die Hamas daran hinderten, an die Macht zu kommen, nahm  die Hamas mit Gewalt den Gazastreifen.  Die israelische Führung war voller Freude: Der alte römische  Grundsatz divide et impera diente seinem Zweck gut.

Seit damals  haben alle israelischen Regierungen alles in ihrer Macht stehende getan, Abbas an  der „Macht“ zu halten, während man ihn als bloßen Untergeordneten  behandelte. Die palästinensische Behörde – zu Beginn als das Embryo des palästinensischen Staates  konzipiert –  war  jeder wirklichen Autorität beraubt.  Ariel Sharon pflegte über Abu Mazen von einem „gerupften Huhn“ zu reden.

UM DIE die extreme Gefahr von Abu Mazens Situation zu realisieren, muss man sich nur an den historischen Präzedenzfall von „Autonomie“ unter  der Besatzung des Vichy-Regime erinnern.

Im Sommer 1940, als die Deutschen Nordfrankreich  überrannten und Paris besetzten, ergaben sich die Franzosen. Frankreich wurde in zwei Teile geteilt: Der Norden mit Paris blieb unter direkter deutscher Besatzung, dem Süden war Autonomie gewährt. Ein ehrwürdiger Marschall, Henry Petain, ein Held des 1 Weltkrieges, wurde zum Führer der nicht besetzten Zone ernannt; ihre Hauptstadt  war der Kurort Vichy.

Ein einsamer französischer General ergab sich nicht. Charles de Gaulle floh mit einer kleinen Gruppe von Anhängern nach England, wo er über Radio versuchte, das französische Volk zum Widerstand zu bringen. Das Ergebnis war geringfügig.

Gegen alle Erwartungen setzten die Briten den Krieg fort („Allright, dann eben allein) und das deutsche Regime in Frankreich wurde unvermeidbar härter und härter.  Geiseln wurden exekutiert, Juden deportiert; Vichy wurde immer mehr ein  Beiwort für Kollaboration mit dem Feind. Langsam gewann der „Widerstand“  Boden. Am Ende fielen die Alliierten in Frankreich ein, die Deutschen besetzten das Gebiet von Vichy und wurden besiegt; De Gaulle kehrte als Sieger zurück. Petain wurde zum Tode verurteilt, aber dies wurde nicht ausgeführt.

Die Meinungen über Petain waren geteilt und sind es noch. Einerseits rettete er Paris vor der Zerstörung und rettete das französische Volk vor den Grausamkeiten der Nazis. Nach dem Krieg erholte sich Frankreich wieder schnell, während andere Länder in Ruinen blieben.

Andrerseits wird Petain von vielen als ein Verräter, ein früherer Held, angesehen, der mit dem Feind in Kriegszeiten kollaborierte und Widerstandskämpfer und Juden den Nazis auslieferte.

NATÜRLICH können verschiedene historische Situationen nicht verglichen werden. Israelis sind harsche Besatzer, aber sie sind keine Nazis. Abi Mazen ist gewiss kein zweiter Petain. Aber einige Vergleiche können doch gemacht werden.

Ein Weg, eine Politik zu beurteilen, ist, zu fragen: welches sind die Alternativen?

Es ist keine Übertreibung  zu sagen, dass alle Arten von palästinensischem Widerstand  versucht worden und wünschenswert gefunden sind und dass alle  gescheitert sind.

Am Anfang träumten einige Palästinenser von zivilem Ungehorsam im indischen Stil. Dies gelang überhaupt nicht. Palästinenser sind keine Inder und die Besatzungsarmee, die kein wirkliches Gegenmittel zu zivilem Ungehorsam hatte, begann einfach zu schießen, und zwang so die Palästinenser, Gewalt anzuwenden.

Gewalt blieb auch erfolglos. Die israelische Seite erfreut sich unendlicher militärischer Überlegenheit. Mit Hilfe der Informanten und der Folter werden palästinensische Untergrundzellen regelmäßig aufgedeckt, einschließlich der letzten in dieser Woche.

Viele Palästinenser hoffen auf internationale Intervention. Dies ist durch einander folgende  US-Regierungen verhindert worden, die alle den Forderungen des US-jüdischen  Establishments dienten. Sympathisanten der palästinensischen Sache, wie die internationale Boykottbewegung (BDS) sind viel zu schwach, um einen großen Unterschied zu machen

Die arabischen Länder sind gut dabei, Erklärungen zu machen und Pläne zu schmieden, aber unwillig, den Palästinensern in irgendeiner Weise zu helfen.

Was bleibt also?  Sehr wenig.

ABU MAZEN glaubt – oder gibt vor, –an„ internationalen Druck“ zu glauben. Viele israelische Friedensaktivisten – verzweifelt an ihrem eigenen Volk – sind zur selben Schlussfolgerung gekommen.

Mit einer Menge Geduld sammelt Abbas langsam Punkte bei der UN.  In dieser Woche wurde die palästinensische Flagge beim UN-Hauptquartier unter die Flaggen der Mitgliedsnationen gehisst. Dies hat nationalen Stolz geweckt. (Ich erinnere mich noch an ein ähnliches Ereignis unserer eigenen Vergangenheit.) Doch hat das wirklich nichts geändert.

Abbas kann hoffen, dass der wachsende persönliche Zwiespalt zwischen Präsident Obama und Ministerpräsident Netanjahu  die Amerikaner dahin bringen wird, das nächste Mal im Sicherheitsrat nicht mit einem Veto eine Resolution  gegen die  Besatzung zu verhindern . Ich bezweifle es. Doch wenn es zutrifft, dann wird die israelische Regierung  auch das ignorieren. Dasselbe wird geschehen, wenn Abbas es gelingt, einige israelische Offiziere beim Internationalen Gerichtshof wegen Kriegsverbrechen anzuklagen. Israelis glauben nur  an  „Tatsachen auf dem Boden“.

Ich vermute, dass Abu Mazen all dies weiß. Er versucht, Zeit zu gewinnen. Er versucht, einen gewalttätigen Aufstand zu verhindern, der  – wie er glaubt nur der Besatzung nützt, diese setzt ihre amerikanisch gedrillten „Sicherheitskräfte „ zusammen  mit der Besatzungsarmee ein. Dies ist nah am  Abgrund.

Er hat einen Trost: die Hamas-Behörde im Gazastreifen ist  offensichtlich zur selben Schlussfolgerung gekommen und  hält jetzt  mit Israel eine Art Waffenstillstand.  (hudna).

EINE DER Hauptunterschiede zwischen den jüdischen Israelis und den Arabern ist ihre Einstellung z.Z. Israelis sind von Natur aus ungeduldig,. Araber bewundern Kamele, ein Tier von unendlicher Geduld. Die Araber haben eine sehr lange Geschichte, während die Israelis fast keine haben.

Ich nehme an, Abu Mazen glaubt, dass zu diesem Zeitpunkt, es für die Palästinenser sehr wenig zu tun gibt. Deshalb führt er eine Politik des Abwartens, um die Besatzung  auszuhalten, gewalttätige Konfrontationen  zu verhindern, die die Palästinenser verlieren müssen und darauf warten, bis sich die Situation verändert. Die Araber sind gut  mit dieser Art Strategie, die SUMUD genannt wird.

Doch die Besatzung steht nicht still. Sie ist aktiv und stiehlt arabisches Land, baut unerbittlich israelische Siedlungen und vergrößert sie

Auf die Dauer ist dies eine Schlacht des Willens und der Ausdauer. Wie gesagt worden ist. Eine Schlacht zwischen einer nicht aufzuhaltenden Kraft und einer unbeugsamen Masse.

WIE WIRD Abbas von der Geschichte beurteilt werden?

Es ist viel zu früh, dies zu sagen.

Ich glaube, dass er ein wahrer Patriot ist, nicht weniger als Arafat. Aber er ist in Gefahr, gegen seinen Willen abzugleiten und zwar in eine Petain-artige Situation.

Auf jeden Fall glaube ich nicht, dass er korrupt ist, wie seine Feinde behaupten, oder dass  er eine kleine Gruppe „fetter Katzen“ vertritt, die unter und von der Besatzung reich werden.

Die Geschichte hat ihn in eine Situation gebracht, die geradezu unmöglich ist. Er zeigt großen Mut, indem er versucht, sein Volk  unter diesen Umständen zu führen.

Es ist keine ruhmreiche Rolle. Dies ist keine Zeit für Ruhm.

Die Geschichte wird ihn als einen Mann im Gedächtnis behalten, der sein Bestes unter katastrophalen  Umständen geleistet hat.

Ich zum Beispiel kann  ihm nur Gutes wünschen.

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Nasser und ich

Erstellt von Uri Avnery am 18. Oktober 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

VOR 45 JAHREN  starb Gamal Abd-al-Nasser im frühen Alter von 52 Jahren. Es ist kein Ereignis der Vergangenheit. Es hat einen riesigen Einfluss auf die Gegenwart und wird diesen wahrscheinlich weiter auch  auf die Zukunft haben.

Mein Zusammentreffen mit ihm geht ins Jahr 1945 zurück. Ich pflegte zu scherzen, dass „wir einander sehr nah waren, aber wir haben uns nicht rechtzeitig vorgestellt.“

 Es geschah so: Im Juli 45  versuchten wir verzweifelt, den Vormarsch der ägyptischen Armee auf Tel Aviv zu stoppen. Der Eckstein unserer Front war ein Dorf mit Namen Negba. An einem Abend wurde uns mitgeteilt, dass eine ägyptische Einheit uns die einzige Straße zu diesem Kibbuz abgeschnitten und sich auf der andern Seite dort eingegraben hat.

Die Kompanie, zu der ich gehörte, war eine mobile Kommando-Einheit mit Jeeps von denen jedes mit zwei Maschinengewehren bewaffnet war. Wir hatten den Befehl, die Position zu stürmen und sie um jeden Preis zu erobern. Es war eine verrückte Idee – man verwendet keine Jeeps, um eingegrabene Soldaten anzugreifen. Aber die Kommandeure waren auch verzweifelt.

Also fuhren wir in der Dunkelheit die schmale Straße entlang, bis wir die ägyptische Position erreichten, und wurden mit mörderischem Feuer empfangen. Wir zogen uns zurück. Aber dann schloss sich uns der Bataillon-Kommandeur an und leitete einen anderen Angriff. Dieses Mal überrannten wir buchstäblich die Ägypter, ja fühlten menschliche Körper unter unsern Rädern. Die Ägypter flohen. Ihr Kommandant wurde verletzt. Wie ich später herausfand, war es ein Major mit Namen Gamal Abd-al-Nassar.

Danach wandte sich das Kriegsglück. Wir bekamen die Oberhand und umzingelten eine ganze ägyptische Brigade. Ich war ein Teil des belagernden Militärs und wurde  schwer verletzt.  Auf der andern Seite  war Major Abd-al-Nassar.

VIER JAHRE später rief mich Ginger sehr aufgeregt an. „Ich muss dich sofort treffen“, sagte er mir.

Gingi ist der hebräische Slangausdruck für Gingerhead, wie die Briten einen Rothaarigen  nennen. Dieser besondere Rotschopfige war ein kleiner, sehr dunkler Jemenite. Er wurde mit diesem Spitznamen genannt, weil er sehr schwarzes Haar hatte – das war die Art unseres Humors.

Der Gingi –( sein tatsächlicher Name war  Yerucham  Cohen)  hatte während des Krieges als Adjudant  des Kommandeurs der Südfront, Yigal Alon, gedient. Während des Kampfes war eine kurze Feuerpause eingelegt worden, um beiden Seiten zu ermöglichen, die Toten und Verletzten, die zwischen den Linien lagen, herauszuholen. Der Gingi, der ausgezeichnet arabisch sprach, wurde gesandt, um mit dem Emissär der eingekesselten Brigade zu verhandeln.

Wie es manchmal geschieht, bildete sich bei den Begegnungen eine Freundschaft  zwischen den beiden Männern. Einmal, als der Ägypter sehr niedergeschlagen war, versuchte Gingi ihn zu trösten und sagte: „ Verzweifle nicht, Gamal, du wirst hier lebend herauskommen und Kinder haben!“

Die Prophezeiung  wurde erfüllt. Der Krieg war zu Ende; die umzingelte Brigade kehrte  nach Kairo zurück. Yerucham wurde zum Mitglied einer israelisch-ägyptischen Waffenstillstands-Kommission ernannt. Eines Tages  erzählte ihm sein ägyptischer Gesprächspartner: „ Ich wurde von meinem Oberstleutnant  Abd-al-Nasser gebeten, dir zu sagen, dass ihm ein Sohn geboren worden sei.“

Yerucham kaufte einen Babyanzug  und beim nächsten Treffen gab er diesen seinem Kollegen. Nasser schickte seinen Dank zurück: eine Mischung von Gebäck vom berühmten  Groppi-Cafe in Kairo.

IM SOMMER 1952  rebellierte die ägyptische Armee und in einem unblutigen Coup sandte der Playboy König Faruk weg. Der Coup wurde von einer Gruppe  „Freier Offiziere“  angeführt, geleitet von einem 51 jährigen General.  Muhammad Naguib.

Ich veröffentlichte in meinem Magazin an die Offiziere. eine Gratulation .

Als ich Gingi traf, sagte er mir. „Vergiss Naguib. Er ist nur ein Strohmann. Der wirkliche Führer ist ein Bursche  mit Namen Nasser!“ Mein Magazin hatte also einen Sensationsbericht – lange bevor jemand in der Welt wusste, verrieten wir, dass der wirkliche Führer ein Offizier mit Namen Abd-al-Nassar war.

(Ein Wort über arabische Namen: Gamal ist ein Kamel, ein arabisches  Symbol für Schönheit. Ad al Nasser – ausgesprochen Abd-an-Nassar – bedeutet  „Diener von  (Allah)  dem Siegreichen“. Indem wir den Mann nur Nasser nannten, wie wir es alle taten, verliehen wir ihm einen der 99 Namen Allahs.)

Als Nasser offiziell der Führer wurde, verriet mir Yerucham ein großes Geheimnis, dass er gerade eine erstaunliche Einladung erhalten hat. Nasser hatte ihn privat eingeladen, ihn in Kairo zu besuchen.

„Geh!“ bat ich ihn inständig. „Dies könnte eine historische Öffnung sein!“

Aber Yerucham war ein gehorsamer Bürger. Er bat das Außenamt um Erlaubnis. Der Minister Moshe Sharett , die bekannte Friedenstaube, verbat ihm, die Einladung anzunehmen. „Wenn Nasser mit Israel zu reden wünscht, muss er sich ans Auswärtige Amt wenden,“ wurde Yerucham gesagt. Das war natürlich das Ende der Sache.

NASSER WAR  ein  neuer Typ eines Arabers, groß, gut aussehend, charismatisch, ein faszinierender Redner. David Ben Gurion, der schon alt geworden war, fürchtete ihn und beneidete ihn vielleicht. Also schmiedete er mit den Franzosen ein Komplott, um ihn abzusetzen.

Nach einem kurzen freiwilligen Exil in einem Kibbuz, kehrte Ben Gurion 1955 auf seinen Posten als Verteidigungsminister wieder zurück. Das erste, was er tat, war ein Angriff  auf die ägyptische Armee in Gaza. Nach einem Plan oder durch ein Versehen wurden viele ägyptische Soldaten  getötet. Nasser  – wütend und gedemütigt –wandte er sich an die Sowjets und erhielt große Schiffsladungen mit Waffen. Ben Gurion reagierte dadurch, dass er ein enges Bündnis mit den US knüpfte, das bis heute andauert.

Seit 1954 stand Frankreich  einem Befreiungskrieg der Algerier gegenüber. Sie  konnten sich nicht vorstellen, dass die Algerier aus freiem Willen sich gegen Frankreich erheben werde. Sie klagten Nasser an, sie aufzuhetzen. Die Briten schlossen sich dem Klub an, weil Nasser die Britisch-Französische Gesellschaft, die für den Suezkanal verantwortlich war, verstaatlichte.

Das Ergebnis war 1956 das Suez-Abenteuer. Israel griff die ägyptische Armee in der Sinai-Wüste an, während die Franzosen und die Briten in ihrem Rücken landeten. Der ägyptischen Armee, nun praktisch umzingelt, wurde befohlen, so schnell wie möglich umzukehren. Einige Soldaten ließen sogar ihre Stiefel zurück. Israel war von dem  überwältigenden Sieg wie betrunken.

Aber die Amerikaner waren ärgerlich, so auch die Sowjets. Der US-Präsident Eisenhower und der sowjetische Präsident Bulgarin erließen Ultimatums und die drei konspirierenden Mächte, mussten sich sofort zurückziehen. „Ike“  war der letzte amerikanische Präsident, der es wagte, mit Israel und den US-Juden  sich anzulegen.

Übernacht wurde Nasser der Held der ganzen arabischen Welt. Seine Vision einer Pan-arabischen Nation  war in Reichweite. Die Palästinenser, ihrer eigenen Heimat beraubt  und zwischen Israel, Jordanien und Ägypten aufgeteilt, sahen ihre Zukunft in solch einer gemeinsamen Nation und verehrten Nasser.

In Israel wurde Nasser der größte Feind, der Teufel in Person. Er wurde  offiziell und in allen Medien  als „der ägyptische Tyrann“ und  häufig als  „der zweite Hitler“ bezeichnet. Als ich vorschlug, mit ihm Frieden zu schließen, hielten mich die Leute für verrückt.

ABGEHOBEN DURCH seine immense Popularität in der ganzen arabischen Welt und darüber hinaus, tat Nasser eine törichte Sache. Als der israelische Stabschef Yitzhak Rabin  den Syrern mit einer Invasion drohte, sah Nasser darin einen einfachen Weg, seine Führung zu zeigen. Er warnte Israel und sandte seine Armee in die entmilitarisierte Sinai-Wüste.

Jeder in Israel hatte Angst. Jeder –außer mir ( und der Armee). Ein paar Monate vorher wurde ich in ein Geheimnis eingeweiht, das ein führender israelischer General Freunden anvertraut hatte: Ich bete jede Nacht, dass Nasser seine Armee in den Sinai sendet. Dort werden wir sie zermalmen!“

Und so geschah es. Zu spät realisierte Nasser, dass er in eine Falle getappt war (Wie mein Magazin  es in seiner Schlagzeile ankündigte). Um das Unglück abzuwehren, publizierte er Furcht einflößende Drohungen:  „ Israel ins Meer zu werfen“   und sandte einen hochrangigen  Gesandten nach Washington, die US-Regierung darum zu bitten, Israel zu stoppen.

Zu spät. Nach viel Zögerung und extra erhaltener Genehmigung von Henry Kissinger  griff die israelische Armee an und  zerrieb die ägyptischen, jordanischen und die syrischen  Kräfte innerhalb von 6 Tagen. (1967)

Das hatte zwei historische Ergebnisse (a)  Israel wurde zur Kolonialmacht und (b) das Rückgrat des Pan-arabischen Nationalismus war gebrochen.

NASSER BLIEB noch drei Jahre an der Macht – ein Schatten seiner selbst. Offensichtlich dachte er nach.

Eines Tages bat mich mein französischer Freund, der berühmte Journalist Eric Rouleau, dringend, nach Paris zu kommen – ein in Ägypten geborener Jude, der für die repräsentative französische Zeitung „Le Monde“ arbeitete, war mit der ägyptischen Elite bekannt. Er sagte mir, dass Nasser ihm gerade ein langes Interview gegeben hätte. Wie abgemacht übermittelte er den Text an Nasser zur Bestätigung. Nach einiger Durchsicht strich Nasser einen wichtigen Teil aus: ein Angebot an Israel, Frieden zu machen. Es war im Wesentlichen das Angebot, das die Grundlage  für das Sadat-Begin-Friedensabkommen neun Jahre später bildete.

Aber Rouleau hatte das volle Interview auf seinem Tonband. Er bot mir den Text an, damit ich ihn der israelischen Regierung unter totaler Verschwiegenheit geben konnte.

Ich eilte nach Hause und rief ein zentrales Mitglied der israelischen Regierung an. Der Finanzminister Pinchas Sapir, der als das sanfteste  Mitglied des Kabinetts galt. Er empfing mich auch gleich, lauschte dem, was ich zu sagen hatte, und zeigte  nicht das geringste Interesse. Ein paar Tage später, während der Schwarzen-September-Krise in Jordanien starb Nasser plötzlich.

MIT IHM starb die Vision des Pan-arabischen Nationalismus‘. Die Wiedergeburt der arabischen Nation unter der Flagge einer europäischen Idee stützte sich auf einen rationalen säkularen Gedanken.

Ein spirituelles und politisches Vakuum wurde in der arabischen Welt geschaffen. Aber die Natur toleriert  – wie wir alle wissen – keine leeren Räume.

Mit dem toten Nassar und nach dem gewalttätigen Ende seines Nachfolgers und Imitatoren Sadat, Mubarrak, Gaddafi und Saddam lud das Vakuum eine neue Kraft ein: den salafistischen Islamismus.

Ich habe in der Vergangenheit viele Male gewarnt, falls wir Nasser  und den arabischen Nationalismus zerstören, würden religiöse Kräfte  nach vorne kommen. Statt eines Kampfes zwischen rationalen Feinden, die einen vernünftigen Frieden schließen können, wird es zum Beginn eines religiösen Krieges kommen, der per definitionem irrational sein wird und keinen Kompromiss erlaubt.

Genau hier sind wir jetzt. Anstelle von Nasser haben wir jetzt DAESH =IS. Anstelle der arabischen Welt, die von einem charismatischen Führer geleitet wurde, der den arabischen Massen überall einen Sinn für Würde und Erneuerung  gab, stehen wir jetzt einem Feind gegenüber, der das öffentliche Köpfen  rühmt und uns ins 7.Jahrhundert  zurückbringt.

Ich gebe der israelischen und amerikanischen politischen Blindheit und reinen Dummheit die Schuld für diese Entwicklung. Ich hoffe, uns bleibt noch genug Zeit, um dies rückgängig zu machen

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert)

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Das Ministerium der Angst

Erstellt von Uri Avnery am 11. Oktober 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

„WIR HABEN nichts zu fürchten, außer der Furcht,“ sagte Präsident Franklin Delano Roosevelt. Er hatte unrecht.

Angst ist eine notwendige Vorbedingung für menschliches Überleben. Die meisten Tiere  in der Natur haben sie. Sie hilft ihnen, auf Gefahren zu reagieren, ihnen aus dem Weg zu gehen oder sie zu bekämpfen. Die Menschen überleben, weil sie  furchtsam sind.

Die Furcht ist beides: individuell und kollektiv. Seit ihren frühesten Tagen hat die menschliche Rasse in Kollektiven gelebt. Beides ist notwendig und eine erwünschte Bedingung. Die frühe Menschheit lebte in Stämmen. Der Stamm verteidigte sein Gebiet gegen alle „Fremden“ – die benachbarten Stämme – , um seine Nahrungsquelle und seine Sicherheit zu wahren. Die Angst war eines der sie einenden Faktoren.

Zu einem Stamm zu gehören (Der nach vielen Entwicklungen  zu einer modernen Nation wurde) ist auch eine tiefe psychologische Notwendigkeit.  Auch dies ist mit Angst verknüpft –  Angst vor andern Stämmen, Angst vor andern Nationen.

Aber Angst kann wachsen und zu einem Monster werden.

VOR KURZEM  erhielt ich von einem jungen Naturwissenschaftler, Youv  Litvin,  einen sehr interessanten wissenschaftlichen Artikel, der sich genau mit diesem Phänomen aus einander setzt. Er beschrieb mit wissenschaftlichen Ausdrücken, wie leicht Angst manipuliert werden kann. Die damit befasste Wissenschaft war die Erforschung des menschlichen Gehirns, die sich auf Experimente mit Tieren  im Labor z.B. mit Mäusen und Ratten, auseinandersetzt.

Nichts ist leichter, als Ängste zu schüren. Zum Beispiel werden Mäuse, während Rockmusik spielt, einem elektrischer Schock ausgesetzt. Nach einiger Zeit  zeigten die Mäuse auch dann Reaktionen äußerster Angst, wenn Rockmusik gespielt wurde, ohne dass ihnen ein Schock gegeben wurde. Allein die Musik verursachte die Angst.

Dies kann auch umgekehrt sein. Lange Zeit wurde ihnen die Musik gespielt, ohne einen Schmerz zu verursachen. Langsam, sehr langsam verringerte sich die Angst. Aber nicht vollkommen: als nach langer Zeit mit der Musik wieder ein Schock verpasst wurde, erschienen sofort die vollen Symptome. Einmal war genug.

WENDET MAN dies gegenüber menschlichen Nationen an, sind die Ergebnisse dieselben.

Die Juden sind ein perfektes Labor – ein Experimentierstück.  Jahrhunderte der Verfolgung in Europa lehrte sie den Wert der Angst. Wenn sie von weitem Gefahr witterten, lernten sie, sich bei Zeiten zu retten  – gewöhnlich durch Flucht.

In Europa waren die Juden eine Ausnahme, die luden zu Opfern einluden. Im Byzantinischen  (Ost-römischen) Reich waren Juden normale Menschen. Im ganzen Reich wurden regionale  Völker zu ethnisch-religiösen Gemeinschaften. Ein Jude in Alexandria konnte eine Jüdin in Antiochien heiraten, aber nicht die junge Frau von neben an, falls sie zufällig eine orthodoxe Christin  war.

Dieses „Millet“-System währte während des islamisch Ottomanischen Reiches; während des britischen Mandats und lebt im heutigen Staat Israel noch weiter. Ein israelischer Jude kann eine israelische Christin oder einen Muslim nicht legal heiraten.

Dies war der Grund, dass es in der arabischen Welt keinen Antisemitismus gab, abgesehen vom Detail, dass Araber selbst Semiten sind. Juden und Christen, die „Völker des Buches“ haben einen Sonderstatus im islamischen Staat (wie heute im Iran,  eine Art „zweiklassig“, in anderer Weise privilegiert (Sie müssen nicht in der Armee dienen).  Bis zur Ankunft des Zionismus waren arabische Juden hier nicht ängstlicher als andere Menschen.

Die Situation in Europa war ganz anders. Das Christentum, das sich vom Judentum abspaltete, hegte von Anfang an gegenüber Juden eine tiefe Abneigung. Das Neue Testament enthielt herbe anti-jüdische Beschreibungen von Jesu Tod, die jedes christliche Kind in einem beeindruckenden Alter lernte. Und die Tatsache, dass die Juden in Europa  (abgesehen von Roma und Sinti) das einzige Volk waren, das keine Heimat hatte, machte es um so verdächtiger und furchterregender.

Das fortgesetzte Leiden der Juden in Europa setzte jeden europäischen Juden in eine ständige und tiefsitzende Angst. Jeder Jude war ständig in Alarmbereitschaft  – bewusst oder unbewusst oder im Unterbewusstsein, sogar in Zeiten und Ländern, die von jeder Gefahr weit entfernt schienen  wie im Deutschland zur der Zeit, als meine Eltern noch jung waren.

Mein Vater war ein vorzügliches Beispiel für dieses Syndrom. Er wuchs in einer Familie auf, die seit Generationen in Deutschland lebte. (Mein Vater, der Latein studiert hatte, bestand darauf, dass  unsere Familie mit Julius Caesar nach Deutschland gekommen war.) Aber als die Nazis an die Macht kamen, brauchte mein Vater für die Entscheidung zu fliehen nur wenige Tage, und  ein paar Monate später kam meine Familie glücklich in Palästina an,

EINE PERSÖNLICHE Bemerkung: Meine eigene Erfahrung mit der Angst war auch interessant – für mich wenigstens.

Als 1948 der hebräisch-arabische  Krieg ausbrach, meldete ich mich natürlich  freiwillig zum Kampf. Vor meiner ersten Schlacht, krümmte ich mich  – buchstäblich  vor Angst. Während des Kampfes, der glücklicherweise leicht war, verließ mich die Angst und kehrte nie wieder zurück.

Bei den folgenden etwa 50 Kämpfen, einschließlich einem halben Dutzend größerer Schlachten fühlte ich keine Angst.

Ich war sehr stolz darauf, doch war es eine dumme Sache. Zum Ende des Krieges hin, als ich schon Truppenführer war, gab man mir den Befehl, eine Position zu übernehmen, die dem feindlichen Feuer ausgesetzt war. Ich ging, um die Position auszukundschaften,  fast aufrecht  bei hellem Tageslicht und wurde  sofort von einer ägyptischen Gewehrkugel durchdrungen. Vier meiner Soldaten, Freiwillige aus Marokko  holten mich tapfer aus der Schusslinie. Ich kam gerade noch rechtzeitig  zum nächsten Militärhospital, so wurde  mein Leben gerettet.

Selbst dies hat meine verlorene Angst nicht wieder hervorgerufen. Ich fühle sie noch immer nicht, obwohl mir bewusst ist, dass dies  äußerst dumm ist.

ZURÜCK ZU meinem Volk.

Die neue hebräische Gemeinschaft in Palästina , gegründet von Flüchtlingen der Pogrome in Moldavia, Polen, Ukraine und Russland  und später verstärkt von den  vom Holocaust übriggebliebenen, lebten in Angst vor ihren arabischen Nachbarn, die von Zeit zu Zeit gegen die Einwanderung revoltierten.

Die neue Gemeinschaft, Yishuv genannt, machte ihre Jugend stolz auf  ihr Heldentum, die so fähig war, sich selbst, ihre Städte und ihre Dörfer zu verteidigen. Ein ganzer Kult wuchs um die neue „Sabras“ (Kaktuspflanze), die furchtlosen, heroischen, jungen Hebräer, die im Lande geboren waren. Als wir in dem  Krieg von 1948  nach  langem und bitterem Kampf (Wir verloren 6500 junge Männer aus einer Gemeinschaft von 650 000 Menschen)  schließlich gewannen, wurde die kollektive rationale Angst durch einen irrationalen Stolz ersetzt.

Hier waren wir nun, eine neue Nation auf neuem Boden, stark und selbstbewusst; wir konnten es uns leisten, furchtlos zu sein. Aber wir waren es nicht.

Furchtlose Leute können Frieden und mit den Feinden von gestern  einen Kompromiss machen, Koexistenz versuchen und sogar Freundschaft schließen. Dies geschah – mehr oder weniger – in Europa  nach vielen hunderten von Jahren ständiger Kriege.

Nicht hier. Die Furcht vor der „arabischen Welt“ erzeugte  eine dauernde Spannung  in unserm nationalen Leben: das Bild des „kleinen von Feinden umgebenen Israel“  war eine innere Überzeugung und ein Propagandatrick. Ein Krieg folgte dem anderen, und jeder produzierte neue Wellen von Ängstlichkeit.

Diese Mischung von anmaßendem Stolz und tiefsitzender Angst, eine Mentalität des Eroberers, und permanente Furcht, ist ein Kennzeichen des heutigen Israel. Ausländer haben oft den Verdacht, dass dies  eine Täuschung sei, aber es ist ganz real

ANGST IST auch das Instrument von Herrschern. Schaffe Angst und herrsche. Dies ist eine Maxime der Könige und Diktatoren  Jahrhunderte lang gewesen.

In Israel ist es das leichteste Ding der Welt. Man muss nur den Holocaust erwähnen (Shoah auf Hebräisch) und die Angst sickert aus allen Poren des nationalen Körpers.

Holocaust-Erinnerungen schüren, sind wie eine nationale Industrie. Kinder werden zu ihrem ersten Auslandtrip nach Auschwitz gesandt, um dieses zu besuchen. Der letzte Erziehungsminister verordnete (Im Ernst) die Einführung der Holocaustlehre im Kindergarten. So gibt es einen Holocausttag  – zusätzlich zu vielen andern  jüdischen Feiertagen, die für vergangene Versuche, Juden zu töten sind.

Das historische Bild, das so im Gedächtnis eines jeden jüdischen Kindes – in Israel wie im Ausland – geschaffen wird, liegt in den Worten des Passah-Gebetes, das jedes Jahr in jeder  jüdischen Familie laut gelesen wird:  “In jeder Generation erheben sie sich gegen uns, um uns zu vernichten, aber Gott rettet uns aus ihren Händen!“

DIE LEUTE FRAGEN sich, welches die besondere Qualität ist, die Benjamin Netanjahu auszeichnet , um immer wieder gewählt zu werden und praktisch alleine zu regieren, umgeben von einer Herde geräuschvoller, unbedeutender Personen.

Die Person, die ihn am besten kennt, sein eigener Vater, erklärte einmal, dass Bibi ein guter Außenminister sein könnte, aber unter keinen Umständen ein Ministerpräsident. Es stimmt! Netanjahu hat eine gute Stimme und ein wahres Talent fürs Fernsehen – aber das ist auch alles. Er ist oberflächlich, er hat keine Vision der Welt und keine wirkliche Vision für Israel, seine historischen Kenntnisse  kann man vergessen.

Aber er hat ein wirkliches Talent: Panikmache. Darin hat er keinen Konkurrenten.

Es gibt kaum eine größere Rede von Netanjahu in Israel oder im Ausland  ohne  wenigstens eine Bemerkung über den Holocaust. Danach kommt das letzte  up-to-date Angst machende  Bild.

Einmal gab es „Internationalen Terrorismus“. Der junge Netanjahu schrieb ein Buch darüber und  stellte sich selbst als Experte vor. In Wirklichkeit ist dies Unsinn. So etwas wie internationalen Terrorismus gibt es nicht. Er ist von  Scharlatanen erfunden worden, die eine Karriere darauf bauten. Professoren und ähnliches.

Was ist Terrorismus? Zivilisten töten? Wenn es so ist, dann sind die abscheulichsten Akte von Terrorismus in der letzten Geschichte Dresden und Hiroshima. Kämpfer von Nichtstaaten zu töten? Such sie dir aus. Wie ich viele Male sagte: „Freiheitskämpfer“   sind auf meiner Seite, „Terroristen“ sind auf der andern Seite.

Palästinenser und Araber sind im Allgemeinen natürlich Terroristen. Sie hassen uns, weil wir ihnen einen großen Teil ihres Landes genommen haben. Offensichtlich  kann man keinen Frieden mit solch perversen Leuten wie jenen machen. Man kann sie nur fürchten und sie bekämpfen.

Wenn das Feld der Terroristenkämpfer zu voll wird, dann schaltet Netanjahu zur iranischen Bombe um. Dort war die aktuelle Bedrohung unserer Existenz.  Der zweite Holocaust.

Für mich ist dies immer lächerlich gewesen. Die Iraner haben keine Atombombe und wenn sie sie hätten, würden sie sie nicht benützen

Aber nimm die iranische Bombe von Netanjahu – was bleibt dann noch?  Kein Wunder, dass er sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt. Aber jetzt ist es endlich  erledigt worden. Was sollte nun getan werden?

Mach dir keine Sorgen. Bibi wird eine andere Bedrohung finden, blutrünstiger als je zuvor.

Warte nur und zittere.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Texte von Uri Avnery

Erstellt von Uri Avnery am 4. Oktober 2015

„Sprecht nicht Zionismus!“

Autor Uri Avnery

IN DEN frühen 1950er -Jahren  veröffentlichte ich eine Geschichte von einem Freund. In jener Zeit war der Staat Israel in ernster Notlage, seine Führer wussten nicht, wie man die Lebensmittel für den nächsten Monat bezahlen sollte.

Irgendjemand erinnerte daran, dass in einem fernen Teil Afrikas es eine kleine  jüdische Gemeinde gibt, der all die Diamantminen gehörte  und die sehr reich war. Die Regierung wählte ihren effektivsten Geldbeschaffer und sandte ihn dorthin.

Dem Mann war klar, dass das Schicksal des Staates auf seinen Schultern ruhte. Er versammelte die lokalen Juden und hielt ihnen die Rede: Über die Pioniere, die alles hinter sich gelassen hatten, um nach Palästina zu gehen und die Wüste zum Blühen zu bringen – mit einer den Rücken brechenden Arbeit und ihren hochfliegenden sozialistischen Idealen.

Als er geendet hatte, war im Raum kein Auge mehr trocken. Als der Mann zu seinem Hotel zurückkehrte, wusste  er, dass er die Rede seines Lebens gehalten hatte.

Und tatsächlich klopfte am nächsten Morgen eine Delegation der lokalen Juden an seine Tür. „ Deine Worte  ließen uns fühlen, dass wir ein unwürdiges Leben führen“, sagten sie . „Ein Leben in Luxus und Ausbeutung. Also entschlossen wir uns einstimmig, die Minen als Geschenk unseren Arbeitern zu geben, hier alles zurückzulassen, mit dir nach Israel zu gehen und Pioniere zu werden“.

DAVID BEN GURION  war ein wirklicher Zionist. Er war davon überzeugt, dass ein Zionist ein Jude war, der nach Israel geht, um dort zu leben. Selbst ein Präsident der zionistischen Weltorganisation war kein Zionist, wenn er in New York lebte. Er war in seinen Überzeugungen unerbittlich.

Als er das erste Mal in die US als Ministerpräsident Israels reiste, wurde er von seinen Beratern gefragt, welches wohl seine Botschaft sein würde. „Ich werde ihnen sagen, alles zurückzulassen und nach Israel zu kommen!“ antwortete er.

Seine Berater waren zu tiefst erschrocken. „Aber Israel braucht ihr Geld!“ riefen sie aus.“ Ohne das können wir nicht auskommen!“

Eine Schlacht des Gewissens folgte. Endlich gab Ben Gurion nach. Er ging nach  Amerika, sagte den Juden, dass sie gute Zionisten sein könnten, wenn sie gegenüber Israel großzügig seien und ihm ihre politische Unterstützung gäben. Nach dieser Episode war Ben Gurion nie mehr derselbe. Seine Grundüberzeugung war zerbrochen worden.

Dasselbe geschah mit dem Zionismus. Er wurde ein zynischer Slogan, der von jedem  benützt wurde, der seine oder ihre Agenda  vor sich herschob. Hauptsächlich wurde es ein Instrument der israelischen Führung, um das Weltjudentum  zu beherrschen und  für ihre nationalen,  parteipolitischen oder politischen Ziele zu aktivieren.

Um zur Geschichte zurückzukommen: Es hätte keine größere Katastrophe geben können als die, wenn das Weltjudentum eingepackt hätte und nach Israel gekommen wäre. Die ungeheure Macht der organisierten US-Juden, die ihre Order aus Jerusalem erhält, ist wesentlich für die Existenz des Staates.

ICH DACHTE  über all das nach, als ich übers Wochenende einen provozierenden Aufsatz von dem bekannten linken israelischen Schriftsteller A.B.Yehoshua las, der  unter den israelischen Top-Schriftstellern fast allein ist: da er kein Aschkenasi ist. Sein  Vater gehörte zu einer alten sephardischen Familie in Jerusalem, seine Mutter ist Marokkanerin. Das macht ihn im heutigen Slang zu einem Misrahi (Ein „Östlicher“)

In seinem Aufsatz macht Yehoshua einen Unterschied zwischen Nationalismus und Zionismus. Nach ihm sind diese beiden nicht zu einem Begriff verschmolzen, wie man die Leute in Israel heute glauben lässt, sondern zwei verschiedene Dinge sind miteinander „verschmolzen“.die in ständigem Konflikt  mit einander sind. „Zionismus spielt eine zweifelhafte Rolle bei dieser Dualität.

Im heutigen Israel ist es eine gewagte Theorie, die an Ketzerei grenzt. Im alten Rom wurden Menschen für weniger verbrannt.  Als ob man sagen würde, dass Gott und Jehova zwei verschiedene Gottheiten seien. Aber meiner Meinung nach, ist dies eine Konstruktion von überholten Ausdrücken. Jetzt können wir wagen, viel weiter zu denken. Ist Israels Nationalismus‘ wirklich mit dem nicht -israelischen Zionismus verschmolzen?

ICH MUSS den Leser daran erinnern, wie es begonnen hat: die große Idee des Theodor Herzl hatte nichts mit Zion im buchstäblichen Sinn zu tun.

Ursprünglich wollte Herzl einen Staat der Juden (keinen „jüdischen Staat“) in Patagonien, im südlichen Argentinien. Die ursprüngliche Bevölkerung war gerade mehr oder weniger ausgelöscht worden und Herzl dachte, dass dieses leere Land  für eine jüdische Masseneinwanderung geeignet sei, wenn der Rest der Eingeborenen vertrieben worden ist (aber erst, „nachdem sie alle wilden Tiere getötet hatten“.)

Als Herzl, ein völlig assimilierter Wiener Jude, mit wirklichen Juden zusammentraf, besonders mit Russen, wurde ihm zögerlich klar, dass  nichts außer Palästina in Frage kommen würde. So wurde seine Idee zum Zionismus. Er liebte Palästina nicht. Er besuchte es nur einmal, als er praktisch vom romantischen deutschen Kaiser Wilhelm II. dorthin befohlen wurde, der darauf bestand, ihn in Jerusalem zu treffen (Der Kaiser bemerkte später, dass der Zionismus eine große Idee wäre, dass „er aber nicht mit Juden zu machen wäre“) .

Herzls Idee des Zionismus‘ war ganz einfach: alle Juden der Welt werden in den neuen Staat kommen, und sie werden die einzigen sein, die Juden zu sich riefen. Diejenigen, die vorzogen, dort zu bleiben, wo sie sind, würden danach aufhören, Juden zu sein und schließlich Österreicher, Deutsche, Amerikaner etc. werden. Ende der Geschichte.

NUN, SO geschah es nicht. Der Zionismus war  ein viel zu zweckdienliches Instrument für die Politiker – in Israel wie außerhalb –  um auf den Müllhaufen geworfen zu werden.

Jeder benützt ihn. Die amerikanischen Politiker, die jüdisches Geld brauchen. Die israelischen Politiker, die sonst nichts zu sagen haben, israelische Regierungsangestellte aller Farben, die offen die israelischen arabischen Bürger  diskriminieren. Koalitionsmitglieder der Knesset gegen die Opposition. Oppositionsmitglieder der Knesset gegen die Regierung.

Lasst Benjamin Netanjahu Yitzhak Herzog, den Führer der Opposition, einen „Anti-Zionisten“ nennen, und er wird härter dagegen protestieren, als würde er ihn nur Verräter genannt haben. Anti-Zionist ist schrecklich. Unverzeihlich.

Doch wenn einer von diesen gefragt worden wäre, was Zionismus  eigentlich ist, die Antwort wäre:      Zionismus? – warum, jeder weiß doch, was Zionismus ist. Was für eine Frage?!  Zionismus ist eh…eh … eh

Auf der andern Seite des Zaunes ist es nicht viel anders. Jeder klagt den andern als Zionisten an. Du bist für die Zwei-Staatenlösung?  Ein boshafter zionistischer Plot.  Du willst nicht, dass Israel verschwindet?  Du bist also ein Teil  der weltweiten zionistischen Verschwörung.

Jemanden einen Zionisten nennen, heißt so viel, wie die Diskussion beenden. Das wäre das Gleiche, als würde man ihn einen Nazi nennen, nur noch schlimmer. Viel schlimmer.

Und dann sind da noch  die Übriggebliebenen des klassischen Antisemitismus‘. Was bleibt von der einst so stolzen Bewegung, mit der alles  begann. Die Leute , die Herzl auf den Straßen von Wien und Paris traf, als er zu der logischen Schlussfolgerung kam, dass Juden im 19. Jahrhundert nicht mehr in Europa leben können . Diese große antisemitische Bewegung ist vergangen. Nur pathetische Reste bleiben. Gerade so viel, um Zionisten mit dem nötigen Brennstoff zu versorgen.

ZIONISMUS ALS solcher, der wirklich anständige, Gütige  starb einen ehrenhaften Tod  in dem Moment in Tel Aviv, als der Staat Israel gegründet wurde.

(In jenen Tagen war „Zionismus“  unter jungen Leuten ein Witz. „Rede nicht  Zionismus“ bedeutet „Rede keinen angeberischen Quatsch!“)

Was bleibt, ist die Ko-Existenz von zwei getrennten Gebilden, nicht wirklich miteinander verschweißt, die zusammen gebunden sind, um eines Tages  in der Zukunft aus einander zu fallen.

Keiner von ihnen hat viel mit Zionismus zu tun.

Da ist die israelische Entität – eine normale Nation (Wenigstens so normal wie jede andere Nation)  Sie hat ein Vaterland, eine kollektive Mentalität, eine geographische und politische Realität, wirtschaftliche Interessen, eine Mehrheit mit einer Sprache, interne Probleme im Überfluss. 75% seiner Bevölkerung, also eine Majorität, sind Juden, 20% Araber. (Der Rest sind Juden, die von den Rabbinern – die solche Dinge in Israel entscheiden –  nicht als Juden  anerkannt werden.)

Und dann gibt es noch das Weltjudentum. Seine Heimat ist die ganze Welt. Es gehört zu vielen verschiedenen Nationen, hat  etwas vages allgemeines Interesse (von Antisemiten hervorgerufen)  eine Religion, viele Traditionen. Ein großer Teil engagiert sich für Israel, ein unbestimmter Teil kann noch unbestimmter werden.

Eine der Hauptfunktionen des „Zionismus‘“ ist es, dieses Volk vollkommen  unterwürfig unter die Interessen von Israels augenblicklicher (aber wechselnder) Führung zu halten. Ohne diese Verbindung müsste Israel von seinen eigenen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen leben, einer weithin reduzierten Existenz.

Die Bande, die diese beiden Gebilde zusammenhalten (oder nach Yehoshua „zusammenschweißen“), sind die Religion und die Tradition. In diesen Tagen, wenn Juden in der ganzen Welt und in Israel dieselben  „Hohem Feiertage“ feiern, ist dies offensichtlich. Die Bande, seit Jahrhunderten vorhanden, sind sie  wirklich viel stärker, fragt man sich heute. Viel stärker als jene zwischen den irländisch-Amerikanern und Irland oder zwischen den Singapurer Chinesen und   China? Wie würde dies In einem wirklichen Test aussehen?

Ironisch genug klingt es, dass der extremste Teil der religiösen Juden – in Jerusalem und in Brooklyn – den Zionismus als  Sünde gegen Gott von sich weist.

DER WIRKLICHE Schaden, den die zionistische Umklammerung Israels verursacht, ist  Israels Situation in der Welt.

Die offizielle Bestimmung Israels als „ein jüdischer und demokratischer Staat“ ist ein Oxymoron. Ein jüdischer Staat kann wirklich nicht demokratisch sein, da die Definition den Nicht-Juden – besonders den Arabern –  die Gleichheit verweigert. Aus demselben Grund kann ein demokratischer Staat nicht  jüdisch sein. Er muss für alle seine Bürger gleich vorhanden sein.

Aber das Problem liegt tiefer. Israels Bande mit den Juden der Welt sind unendlich viel enger, als die Bande mit seinen Nachbarn. Man kann seinen Blick  nicht auf New York fixieren und gleichzeitig sehr daran interessiert sein, was die Menschen in Bagdad, Damaskus und Teheran tun.

Bis Damaskus und Teheran  so nah kommen, dass man sie nicht mehr übersehen kann, vergeht  einige Zeit. Paradoxer Weise schreien einige Leute in Teheran „Tod der zionistischen Entität!“ Auf die Dauer ist das, was dort geschieht,  für unsere Zukunft, hundert Mal wichtiger als die Republikanische Partei in San Francisco.

Lasst es mich klar sagen: Ich predige keine Trennung wie es früher einmal eine kleine Gruppe mit dem Spitznamen „Kanaaniter“  gefordert hatte. Die natürlichen Bande, die real sind und die das vitale Interesse der andern Seite nicht verletzt, werden  Israel helfen, im Weltjudentum zu überleben.

Aber nur unter einer Bedingung: dass sie nicht die Zukunft Israels verletzen, eine Zukunft, die Frieden und Freundschaft zwischen ihren Bürgermit ihren Nachbarn verlangt oder die Zukunft  der Juden in aller Welt mit ihren eigenen Nationen.

Wie passt das in die zionistische Doktrin? Nun wenn es dies nicht tut, dann zur Hölle mit der Doktrin!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Texte von Uri Avnery

Erstellt von Uri Avnery am 27. September 2015

Die wirkliche Bedrohung

ICH  HABE Angst.Ich schäme mich nicht,  dies zuzugeben. Ich habe Angst.

Ich habe Angst vor der Islamischen Staat-Bewegung, auch ISIS  oder Daesh genannt.

Es ist die einzige wirkliche Gefahr, die Israel bedroht, die die Welt bedroht, die mich bedroht.

Diejenigen, die dies  heute mit Gleichgültigkeit oder mit Desinteresse behandeln, werden es bedauern.

IM JAHR, in dem ich geboren wurde –  1923  – inszenierte ein lächerlicher, kleiner Demagoge  mit einem komischen Schnauzbart, Adolf Hitler, in München einen versuchten Putsch. Er wurde von ein paar Polizisten niedergeschlagen und bald vergessen.

Die Welt hatte viel ernstere Gefahren, mit denen es sich beschäftigen musste. In Deutschland war Inflation.  In Russland entwickelte sich die junge Sowjet-Union. Es gab  den gefährlichen Wettbewerb zwischen den beiden mächtigen Kolonialmächten, Großbritannien und Frankreich. 1929  kam die schreckliche wirtschaftliche Krise, die die Weltwirtschaft  zu Grunde richtete.

Aber der kleine Münchner Demagoge hatte eine Waffe, die nicht von erfahrenen Staatsmännern  und schlauen Politikern wahr genommen wurde: eine mächtige Ideologie. Sie verwandelte die Demütigung einer großen Nation in eine Waffe, die effektiver war als Schlachtschiffe und Kampfflugzeuge. Innerhalb einer erstaunlich kurzen Zeit – nur ein paar Jahre –  eroberte er Deutschland, dann Europa und fast die ganze Welt.

Millionen Menschen kamen während des Prozesses zu Tode. Unsägliches Elend  suchte viele Länder heim. Ganz zu schweigen vom Holocaust, einem Verbrechen, das fast ohne Parallele in den Annalen der modernen Geschichte ist.

Wie machte er das? Zunächst nicht durch politische und militärische Macht, sondern  durch die Macht einer Idee, einen Geisteszustand, eine geistige Explosion.

Ich war im ersten Viertel meines Lebens Zeuge davon. Dies kommt mir ins Gedächtnis, wenn ich auf die Bewegung schaue, die sich selbst IS, der „Islamische Staat“ nennt.

IM FRÜHEN 7. Jahrhundert der christlichen Ära, hatte ein kleiner Kaufmann in der  gottverlassenen arabischen Wüste eine Idee. In einer erstaunlich kurzen Zeit eroberten er und seine  Kumpane  seine Heimatstadt Mekka, dann die ganze Arabische Halbinsel, dann den fruchtbaren Halbmond und schließlich einen großen Teil der zivilisierten Welt, vom atlantischen Ozean bis nach Nordindien und darüber hinaus. Seine Nachfolger erreichten das Herz Frankreichs  und belagerten Wien.

Wie konnte ein kleiner arabischer Stamm all dies erreichen? Nicht durch militärische Überlegenheit, sondern durch die Kraft einer neuen berauschenden Religion, einer Religion , die so progressiv und befreiend war, dass ihr irdische Macht nicht widerstehen konnte.

Gegen eine berauschende neue Idee sind materielle Waffen machtlos, Armeen und Flotten lassen mächtige Empires scheitern, wie Byzanz und Persien. Aber Ideen sind unsichtbar, Realisten können sie nicht sehen, erfahrene Staatsmänner und mächtige Generäle sind für sie wie blind.

„Wie viele Divisionen hat der Papst?“ antwortete Stalin geringschätzig, als er über die Macht der Kirche gefragt wurde. Doch das  Sowjetreich zerfiel und verschwand  und die katholische Kirche  ist noch hier.

AL-Daula al ISLAMIYA, der Islamische Staat ist eine „fundamentalistische“ Bewegung. Das Fundament ist der Islamische Staat, der vor 1400 Jahren  vom Propheten Muhammad in Medina und Mekka gegründet wurde. Diese zurückblickende Einstellung ist ein Propagandatrick. Wie kann