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Georg Christoph Lichtenberg

Erstellt von DL-Redaktion am 26. Juni 2019

Georg Christoph Lichtenberg 

Quelle        :    Scharf  –  Links

von Richard Albrecht

220 Jahre nach seinem Ableben  oder Sprüche sind das halbe Leben …  „Mehr als das Blei in den Kugeln hat das Blei in den Setzkästen die Welt verändert.“

Als Aphorismus gilt eine in sich „geschlossene und prägnant formulierte Äußerung eines Gedankens“. Jeder Sinnspruch hat einen „einprägsam und treffend formulierten Gedanken“[1]. In literarisiert-gereimter Form kann er zum leichter wiedererzählbaren Memorabile werden. Aphorismen wie Memorabile sind wie auch Legenden, Sagen, Mythen, Rätsel, Witze und Märchen „einfache Formen“ (André Jolles) des kommunikativen Austausches.

Ein bedeutender Aphoristiker ist der Göttinger Physiker und Gelehrte Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) aus dem südhessischen Darmstädter Land. Zeitgenosse des 1749 in Frankfurt am Main geborenen Johann Wolfgang Goethe, dem lebenssprühenden, weltmännischen Charmeur, der nach Juslizentiat, Lehrjahren in der väterlichen Advokatenpraxis, am Wetzlarer Reichsgericht und seinem ersten literarischen Erfolg 1775 an den Hof in Weimar kommt, bald zum kleinstädtischem Hofstaat gehört, betitelt und geadelt wird … und als allseits geehrter Dichterfürst dort 1832 stirbt.

Lichtenberg dagegen wirkt wie sein antipodisches Zerrbild: wohl ein bekannter, der europäischen Aufklärung verpflichteter Physiker, von Goethe in Göttingen aufgesucht und dem Geheimen Rath Anfang Oktober 1783 zur Farbtheorie ausführlich und überhöflich schreibend. Aber auch ein krummbuckliger Zwerg, kränkelnd, oft bettlägerig, vereinsamt, erstmalig 1780 beweibt mit einem 23 Jahre jüngeren Blumenmädel, nach deren Tod 1782 bald verehelicht mit seiner Haushälterin, die ihm acht Kinder gebiert. Und ihn um nahezu fünf Jahrzehnte überlebt.

Lichtenbergs Sudelbücher enthalten fachliche Einfälle, Notizen, vor allem aber ätzend-verletzende, satirisch-bittere Wahrheiten, zur Kenntlichkeit bringende zeit- und sozialkritische Aphorismen als Sinnsprüche des literarisch so interessieren wie versierten Autors, der „Verstand gehabt hat wie ein scharf geschliffenes Rasiermesser, ein Herz wie ein Blumengarten, ein Maulwerk wie ein Dreschflegel, einen Geist wie ein Florett.“ (Kurt Tucholksky)

Wenige Einfälle und Bemerkungen aus GCLs Füllhorn:

-Wer zwei paar Hosen hat mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an

-Es wäre besser, solche Leute legten sich ins Bett, als daß sie solches Zeug schwätzten

-Alles wohlklingend und alles erlogen

-Er fiel sich selbst ins Wort

-Wir verbrennen zwar keine Hexen mehr, aber dafür gleich jeden Brief, worin eine derbe Wahrheit gesagt ist

-Er verschluckte viel Weisheit, es war aber, als wenn ihm alles in die unrechte Kehle gekommen sei

-Unter den größten Entdeckungen, auf die der menschliche Verstand in den neusten Zeiten gefallen ist, gehört meiner Meinung nach wohl die Kunst, Bücher zu beurteilen, ohne sie gelesen zu haben

-Das Faustrecht ist heutzutage verschwunden bis auf die Freiheit, jedem eine Faust in der Tasche zu machen

-Unter allen den Kuriositäten, die er in seinem Hause aufgehäuft hatte, war er selbst am Ende immer die größte

-Während man über geheime Sünden öffentlich schreibt, habe ich mir vorgenommen, über öffentliche Sünden heimlich zu schreiben

Göttingen-Grave.of.Georg.Christoph.Lichtenberg.02.jpg

Ohne die schützende Hand von Gelehrsamkeit und wissenschaftlicher Prominenz hätte Lichtenberg als öffentlicher Publizist an der Nahtstelle von spätfeudaler und frühbürgerlicher Gesellschaft auch in der aufstrebenden Universitätsstadt Göttingen zu seiner Zeit kaum der heute Psychiatrie genannten Klapse entgehen können – wie der Filzstifter Peter-Ernst Eiffe (1941-1982), der 1968 in Hamburg Sprüche wie Kein Hammer, keine Sichel, nur Eiffes Hand auf Hamburgs Michel; Ruhnau ist noch Senator Eiffe ist auch krank; Wer „Streit“ will, stirbt leider – Eiffe der Bär will Frieden veröffentlichte[2] und sein letztes Dutzend Lebensjahre verklapst verbrachte.

[1] Wolfgang Pfeifer u.a., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. München ³1995: 50, 1335

[2] Richard Albrecht, Eiffe der Bär. Erinnerungen an den Hamburger Mai 1968; http://www.trend.infopartisan.net/trd5619/t145619.html (5. Mai 2019)

 Lesehinweise

Zitate aus Lichtenbergs Werke in einem Band. Hg. Hans Friderici.  Berlin-Weimar: Aufbau, 1978³, XXXI/381 p.; vgl. die umfangreichere Sammlung: Georg Christoph Lichtenberg, Die Aphorismen-Bücher. Nach den Handschriften. Hg. Albert Leitzmann. Ffm: Zweitausendeins, 2005, 1056 p.; empfehlenswert als biographische Zugänge zu Leben & Werk Gert Sautermeister, Georg Christoph Lichtenberg. München: Beck, 1993, 163 p. sowie der Roman von Gert Hoffmann, Die kleine Stechardin. München: Hanser, 1994, 221 p.; wissenschaftlich excellent die von Wolfgang Promies [1935-2002] edierte, aus vier Text- und zwei Materialbänden bestehende und durch Register erschlossene große Ausgabe von Lichtenbergs Schriften und Briefen. München: Hanser, 1968-1992; 989, 870, 1075, 1340; 1500, 463 p. [Lizenzausgabe Ffm. o.J: Zweitausendeins]

Dr. Richard Albrecht, Kultur- und Sozialwissenschaftler. Leitkonzept The Utopian Paradigm (1991). Letzterschienenes Buch HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren (Shaker Media 2011)

Urheberrecht
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Jürgen Habermas zum 90.

Erstellt von DL-Redaktion am 19. Juni 2019

Der Philosoph der Entängstigung

JuergenHabermas.jpg

von Heribert Prantl

Am 18. Juni begeht Jürgen Habermas, seit 1998 zu unserer großen Freude Mitherausgeber der »Blätter«, seinen 90. Geburtstag. Vor zehn Jahren gratulierten ihm in den »Blättern« (fast) alle seine ehemaligen Assistenten und viele enge Mitstreiterinnen und Mitstreiter (siehe »Theorie und Praxis. Jürgen Habermas zum 80.«, in: »Blätter«, 6/2009, S. 39-88).

In diesem Jahr übernimmt diesen Part mit Heribert Prantl die wohl wichtigste linksliberale Stimme im deutschen Journalismus. – D. Red.

In der Theorie des kommunikativen Handelns, die einen zentralen Teil der wissenschaftlichen Arbeit des Jürgen Habermas ausmacht, spielt das Lachen keine Rolle – obwohl man das Lachen nicht, wie das mit seinen philosophischen Werken geschehen ist, in vierzig Sprachen übersetzen müsste. Auf keine andere Weise funktioniert Verständigung so schnell, so gründlich und so voraussetzungslos wie auf diese Weise. Das Lachen ist ein Diskurs ganz eigener Art, es hat kommunikative Kraft und ansteckende Macht.

Das Lachen ist zwar, so sagt es die neuere Logik und die analytische Philosophie, keine Aussage. Aber es ist eine „Äußerung“ – einem Ausruf wie „Aua!“ vergleichbar. Aussagen können danach wahr oder falsch sein, Äußerungen nicht. Deshalb heißt es, dass sich Diskurse nur aus Äußerungen zusammensetzen. Das aber wird der Sinnhaftigkeit des Lachens nicht ganz gerecht. Also soll hier der diskursiven Bedeutung des Lachens Raum gegeben werden.

Die Rede ist dabei nicht vom doofen Gekicher, auch nicht vom abfälligen Gegrinse und vom bösen Gelächter; das gehört zwar auch zum Stammbaum des Lachens, bildet aber eine Seitenlinie, ist eine Aberratio, eine Degeneration. Die Rede ist hier vom echten Lachen, vom großen befreienden Lachen, das manchmal mit einem Lächeln beginnt, das sich dann entfaltet und steigert, das den ganzen Menschen kitzelt und schüttelt und bisweilen erst nach einer Zeit der Seligkeit mit wohlig seufzender Mattigkeit endet. So ein Lachen verwandelt Förmlichkeit in Fröhlichkeit; es macht aus Menschen, die sich kaum oder gar nicht kannten, Freunde – manchmal für einen Abend, manchmal für Jahre. So ein Lachen kann, für ein paar Stunden jedenfalls, die Welt verändern. So ein Lachen ist eine Tonleiter, auf der man vom eigenen Sockel heruntersteigt. Es macht aus einem Philosophen, es macht aus einem Präsidenten einen normalen Menschen. Es ist dies der schönste Beginn eines herrschaftsfreien Diskurses, Lachen macht die Menschen in diesem Augenblick zu Freien und Gleichen.

Jürgen Habermas kennt das, er weiß das, er kann das. Er ist, ganz privat, ein grundfröhlicher Mensch. Vielleicht ist dies das Geheimnis, vielleicht aber auch das Ergebnis seines Erfolgs. Die Leserin seiner berühmten Habilitationsschrift über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ ahnt es nicht, dass dieser Mann auch laut sein und losprusten kann; dem Leser seines großen Werkes „Faktizität und Geltung“ zur Diskurstheorie des Rechts erschließt sich das daraus nicht: Der hochwissenschaftliche Autor hochkomplexer Gedankengebäude beherrscht das Lachen als eine der schönen Formen der Komplexitätsreduktion. Zu Habermas, dem Virtuosen der Diskurstheorie, gehört in der alltäglich lebenden Praxis auch der Witz und eine furiose, manchmal auch alberne Ausgelassenheit.

Es war im kleinen Kreis, im privaten Rahmen, an einem großen Tisch, ein gutes Jahrzehnt her. Da trafen zum ersten Mal in ihrem Leben Jürgen Habermas und Dieter Hildebrandt persönlich aufeinander – jeder ein Philosoph auf seine Weise. Der eine, Habermas, ein klassischer politischer Denker, weltweise, einer der den Dingen auf den Grund zu gehen versucht. Der andere ein wunderbarer politischer Kabarettist, der in seiner gekonnt stammelnden Art unnachahmlich bissig über diese Dinge nachdenkt. Beide hatten und haben sie die politischen Auseinandersetzungen und Diskussionen der Bundesrepublik auf jeweils ihre, höchst eigene, Weise begleitet, beide galten und gelten sie als eher links, beide waren sie engagiert in den großen Bewegungen und Debatten der alten und neuen Bundesrepublik – beginnend bei der Bewegung „Kampf dem Atomtod“ und den Ostermärschen bis hin zur Einschränkung des Asylgrundrechts; für Habermas war das Ende des alten Asylartikels 16 Absatz 2 Grundgesetz Ausdruck einer „Mentalität des Wohlfahrtschauvinismus“.

Beide haben in der Zeit der Studentenunruhen über Revolution und Scheinrevolution sinniert, beide haben sich von Gewalt abgegrenzt; beide haben die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zum Thema gemacht, haben über Adenauer räsoniert und Merkel kritisiert. Habermas tat das in vielen Essays und Schriften, in denen er das, was er in seinen großen Werken über Diskurs und Kommunikation lehrte, auf die aktuellen Debatten anwendete. Hildebrandt tat das in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft und in Fernsehauftritten, die einmal so bissig waren, dass sich der Bayerische Rundfunk, um die CSU nicht zu erzürnen, aus dem Programm ausschaltete.

Habermas wie Hildebrandt haben, auf ganz unterschiedliche Weise, Einfluss genommen auf die Debatten, die den Weg der Bundesrepublik nach Europa begleiteten – ein Europa, das für Habermas ein „höherstufiges politisches Gemeinwesen“ darstellt, das er für einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einer politisch verfassten Weltgesellschaft hält. Hildebrandt, 2013 verstorben, hätte dieses Europa genau so vehement gegen den neuen Nationalismus und dem populistischen Extremismus verteidigt, wie Habermas sich das in den vergangenen Jahren zur Aufgabe gemacht hat und mit unermüdlich junger Energie tut: „Es sind die Bürger, nicht die Banken, die in europäischen Schicksalsfragen das letzte Wort behalten müssen“, schrieb er 2015 in einem Beitrag für die „Süddeutsche Zeitung“, in dem er, wie so oft seitdem, für den Ausbau der Währungsgemeinschaft zu einer politischen Union warb. Die Nationalstaaten, dies war und ist sein Credo, müssen Souveränität an ein demokratischeres Europa abgeben.

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Jürgen Habermas during a discussion in the Munich School of Philosophy

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Kultur und Menschenrechte

Erstellt von DL-Redaktion am 14. Juni 2019

Die Stimme der Sprachlosen

Liao Yiwu Wenjiang, Chengdu July 2010.jpg

von Sabine Pamperrien

Bei der Lektüre des neuen Buchs von Liao Yiwu konnte ich mehrfach die Tränen nicht unterdrücken. Der Schmerz, der aus dem Erzählten spürbar wird, trifft den Leser mit der Wucht großartiger Dichtung. Allerdings: Das Lachen ist genauso nah und unmittelbar. Der in Berlin lebende 60jährige Chinese ist ein Mann, der Gefühle nicht scheut und dem in seiner Freimütigkeit im wahrsten Sinne des Wortes nichts fremd ist. Liao Yiwu, der hierzulande zu Recht als eine der wichtigsten Stimmen der demokratischen chinesischen Opposition gesehen wird, würde es vorziehen, als das wahrgenommen zu werden, was er eigentlich ist: Dichter und Musiker. Sein neues Buch „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Geschichten aus der chinesischen Wirklichkeit“ illustriert wie schon sein bisher wohl berühmtestes Buch, „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“, warum die korrekte Zuschreibung so wichtig für ein besseres Verständnis der chinesischen Wirklichkeit ist. Der Dichter Liao Yiwu gibt den Sprachlosen seine Stimme und macht auf diese Weise viel vom wahren China sichtbar, was ohne diese Vermittlung nicht wahrgenommen würde: das China des chinesischen Volkes.

Der historische Moment, der in diesem Buch Dreh- und Angelpunkt aller Geschichten ist, ist das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989. Der Titel erinnert an eine Szene, die sich in das kollektive Gedächtnis der Welt eingegraben hat. Am Morgen des Tages nach dem Massaker, das mit mehr als 10 000 Todesopfern und zehntausenden Verletzten bis heute in der offiziellen Geschichtsschreibung Chinas tabu ist, stellte sich ein einzelner Mann einer Kolonne von Panzern entgegen und hinderte sie so lange am Weiterfahren, bis er abgeführt wurde.

Aber wer war dieser Mann? Er ist an diesem Tag verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Der ihm von einer britischen Boulevardzeitung zugeschriebene Name „Wang Weilin“ ist vermutlich eine Erfindung. Seine wahre Identität wurde nie festgestellt. Da nichts Genaues bekannt ist, sind um den unbekannten Mann zahlreiche Spekulationen und romantische Geschichten entstanden. „Die Reihe von Romanen, Gedichten, Rocksongs, Kunstwerken und selbst Werbespots, die diese Geschichte zum Stoff haben, reißt nicht ab“, schreibt Liao Yiwu. „Auf diese Weise hat sich Wang Weilin über Zeit und Raum erhoben. Vielleicht wird sich nach weiteren tausend Jahren und nach weiteren tausend Neuanfängen der Kreis zurück zum ‚Klassiker der Berge und Meere‘ schließen. Damals hätte man Wang Weilin wie Xingtian, der die totalitäre Macht des alten Imperiums herausgefordert hat, den Kopf abgeschlagen, doch er hätte nach dem Verlust seines eigentlichen Antlitzes noch immer aufrecht auf der Straße gestanden und, die Brustwarzen als Augen, den Nabel als Mund, mit ausgebreiteten Armen für alle Zeiten Widerstand geleistet.“Das Bild des einzelnen Mannes, der sich den übermächtigen Panzern entgegenstellt, wurde zur Ikone des chinesischen Widerstands. Liao Yiwu verdeutlicht mit der Textsammlung in diesem Buch, dass die Widerständigkeit der Chinesen kein Westimport ist. Die Reflexion über Machtverhältnisse hat in der chinesischen Kultur eine tausende Jahre alte Tradition und überdauert in Mythen, Gleichnissen und volkstümlichen Erzählungen. Wenn Liao Yiwu schon mit dem Titel des Buches auf die Symbolkraft Wang Weilins fokussiert, ist dies zugleich Ausdruck tiefer Verzweiflung über die politische Wirklichkeit Chinas wie auch Ausdruck ungebrochener Hoffnung auf Veränderung.

Die auf den ersten Blick disparat anmutende Zusammenstellung von Texten unterschiedlicher Gattungen, wie Gedächtnisprotokollen, Telefonmitschnitten, Portraits, Briefen und Gedichten, entfaltet einen Sog, den am unmittelbarsten Musik zu erzeugen versteht, aber eben auch Dichtung. Auf die poetische Schreibhaltung, fortwährende Selbstreflexion und Selbstvergewisserung des Dichters muss man sich einlassen wollen, um die politische Sprengkraft dieser sublimen Innenschau auf China wirklich zu begreifen.

Das Buch beginnt mit einem Bericht über „Die letzten Augenblicke im Leben Liu Xiaobos“. Es ist das Protokoll eines vehementen Kampfes um den inhaftierten chinesischen Friedensnobelpreisträger. Für den an Krebs erkrankten Liao Xiaobo und seine Frau Liu Xia versuchte Liao Yiwu – gemeinsam mit Wolf und Pamela Biermann, Herta Müller und deren Mann Harry Merkle sowie dem früheren Cheflektor des S. Fischer Verlages, Peter Sillem –, über das Auswärtige Amt und Bundeskanzlerin Angela Merkel Ausreisegenehmigungen nach Deutschland zu erhalten. Anders als bei anderen Unterstützungsaktionen für Liu Xiaobo, bei denen zuvor zwar die Weltöffentlichkeit auf den Plan gerufen werden konnte, sich aber gezeigt hatte, dass die chinesische Führung auf öffentlichen Druck in Lius Fall mit noch härterem Vorgehen gegen ihn und seine Angehörigen und Freunde reagiert hatte, blieb diese Intervention für den Urheber der Charta 08 bei der chinesischen Regierung geheim. Die Bemühungen wurden angesichts des sich rapide verschlechternden Zustands Liao Xiaobos immer hektischer. Die selber diktaturerfahrenen deutschen Dichter zerbrachen sich den Kopf über Argumente, wie die unversöhnliche chinesische Führung davon zu überzeugen sein könnte, den Gefangenen nach Deutschland zu entlassen. Am Ende war alles umsonst, aber das Protokoll der Geschehnisse um den Tod Liao Xiaobos ist nicht nur ein tieftrauriges Zeugnis von echter Freundesliebe und bitterem Verlust, sondern es wirft auch ein bezeichnendes Licht auf das chinesische Regime.

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Chinese writer Liao Yiwu during an interview in Chengdu in July 2010.

Brian Awehalioriginally posted to Flickr as 廖亦武 Liao Yiwu Wenjiang, Chengdu July 2010 by Flickr user treasuresthouhast, released under CC-by-2.0 with permission of the photographer Brian Awehali

This image, which was originally posted to Flickr, was uploaded to Commons using Flickr upload bot on by AxelBoldt. On that date, it was confirmed to be licensed under the terms of the license indicated.

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Demokratie + Kapitalismus

Erstellt von DL-Redaktion am 12. Juni 2019

Die Superreichen gefährden die Demokratie

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Ein Essay von

Mit viel Geld lässt sich leicht Politik machen, die Zivilgesellschaft bleibt außen vor. In den USA ist das Problem allgegenwärtig, breitet sich aber auch in Europa aus.

Colin Crouch ist britischer Politikwissenschaftler und Soziologe. Er war bis zu seiner Emeritierung Professor für Governance and Public Management an der University of Warwick. International bekannt wurde er 2004 mit seinem Buch „Post-Democracy“, das 2008 auf Deutsch erschienen ist.

Read the English version of this text

Immer mehr Menschen stellen die Annahme infrage, Kapitalismus und Demokratie seien beste Freunde. Für diese berechtigte Skepsis gibt es zwei Hauptgründe: Erstens ist der moderne Kapitalismus ein globales Phänomen, während die Demokratie vor allem auf nationaler und lokaler Ebene stattfindet. Zweitens wird der moderne Kapitalismus von der Finanzwelt gelenkt, was zu einer wachsenden Ungleichheit führt. Größere Ungleichheit wiederum gefährdet die Demokratie.

Es steht also außer Frage, dass die Globalisierung für die Demokratie ein Problem darstellt. Die Weltwirtschaft wird entweder gar nicht oder von internationalen Organisationen reguliert, die gegenüber den Organen der Demokratie nur bedingt rechenschaftspflichtig sind. Außerdem können transnationale Firmen die Autorität der nationalen Demokratie allein schon dadurch untergraben, dass sie nur in Länder investieren, deren Wirtschaftspolitik ihnen gefällt. Das manifestiert sich am deutlichsten in den weltweit sinkenden Einnahmen aus Unternehmenssteuern, da die Staaten sich gegenseitig darin übertreffen wollen, die großzügigsten Steuergesetze zu bieten. Die Folge: Die Steuerlast wird auf den einzelnen Bürger abgewälzt und für staatliche Leistungen stehen weniger Ressourcen zur Verfügung.

Die Staaten könnten dieser Entwicklung natürlich entgegenwirken, indem sie sich der Herausforderung gemeinsam stellen. Meist ist die Versuchung jedoch zu groß, das Land mit den großzügigsten Bedingungen für internationale Konzerne zu werden. Die Europäische Union ist hier zumindest teilweise eine Ausnahme. Ihr Parlament ist das weltweit einzige Beispiel für eine transnationale Demokratie. Doch sein Einfluss ist schwach.

Die europäische Demokratie sieht sich zwei feindlichen Kräften gegenüber: der Beeinflussung der Europäischen Kommission und der einzelnen Mitgliedsstaaten durch Konzerne auf einer Ebene, die für das Parlament nicht zugänglich ist, und den Bemühungen xenophober Populisten, die Macht weg von der EU und zurück zu den Nationalstaaten zu bringen. Da die meisten Populisten in der politischen Rechten angesiedelt sind, interessiert es sie nicht, ob die Nationalstaaten gegen die Macht der Konzerne verlieren.

Wer finanzielle Ressourcen besitzt und manipulieren kann, generiert Erträge, die mit keiner anderen Form menschlicher Aktivität jemals erzielt werden können.    –   Colin Crouch

Grundsätzlich spielt sich Demokratie auf zwei Ebenen ab: auf der formellen Ebene der Wahlen und Parlamente und auf der informellen Ebene, auf der die Lobbyisten Druck auf die Zivilgesellschaft ausüben. Auf der ersten Ebene sind wir sehr darauf bedacht, für Gerechtigkeit zu sorgen. Jeder hat eine Stimme, egal, ob arm oder reich.

Für informelle Politik bestehen wenige Einschränkungen, und genau das ist die Grundlage für ihr Gedeihen und für unsere Freiheit. Wir können jederzeit auf vielfältige Weise Druck ausüben, um den Staat davon zu überzeugen, diese oder jene Politik zu verfolgen, solange wir nicht Korruption oder Gewalt einsetzen. Ob wir jedoch diesen Druck überhaupt ausüben können, hängt von den Ressourcen ab, über die wir verfügen. Daher begünstigt informelle Politik die Reichen und verstößt so gegen den Grundsatz der Gleichheit – einem Grundpfeiler der Demokratie.

Diese Disbalance spielt keine große Rolle, wenn die Ungleichheit in einem Land begrenzt ist oder wenn der Einfluss, der in einem Politikbereich ausgeübt wird, nicht ohne Weiteres auf einen anderen übertragen werden kann.

In den ersten drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war das weitgehend der Fall. Seither hat die Ungleichheit jedoch kontinuierlich zugenommen – nicht so sehr in der Mehrheit der Bevölkerung, sondern eher zwischen der kleinen Gruppe der Superreichen und allen anderen. Man muss schon sehr reich sein, um politischen Einfluss ausüben zu können, und diese kleine Gruppe, die vielleicht 0,1 Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist genau in dieser Position. Ein solches Ausmaß an Ungleichheit herrscht vor allem in den USA, breitet sich aber derzeit nach Europa aus.

Quelle     :           Zeit-online             >>>>>         weiterlesen

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https://de.wikipedia.org/wiki/Colin_Crouch auf der de:Frankfurter Buchmesse am 17. Oktober 2015

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Eine EU Elite – ohne Werte?

Erstellt von DL-Redaktion am 9. Juni 2019

Die Werte-Elite

Herr – werfe ein wenig Salz  – auf dieses Schmalz

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Sternenflimmern der EU

Erstellt von DL-Redaktion am 26. Mai 2019

Schuld sind der Motherfucker und ein Psychobilly-Priester

The Blind Oedipus Commending his Children to the Gods (Bénigne Gagneraux) - Nationalmuseum - 17831.tif

Der blinde Oedipus

Von Ingo Arzt

Eine Kröte überquert eine Straße und ich frage mich, warum nur, warum nur bewegt sie sich so unendlich schleichend langsam? Mein Magen schlägt an vor Sorge um das Schicksal des armen Tieres, ich hetze aber weiter und morgen, ja morgen habe ich die Kröte vergessen. Die gleichen Gefühle durchlebe ich bei einer Europawahl.

Diese Angst um die Kröte. Frans Timmermans, Manfred Weber, Emmanuel Macron, Christian Lindner, Andrea Nahles, Dietmar Bartsch, Sandra Maischberger und nur Zeus weiß, wer sonst noch, behandeln Europa wie eine Gelbbauchunke. Alle sprechen irgendwie von Schicksalswahl, weil Rechtspopulisten das Tierchen zu überrollen drohen. Schrecklich, diese sprachliche Unschärfe! Ein Schicksal ist von Göttern, Demoskopen oder Märkten vorherbestimmt, man müsste zu einer Schicksalswahl also gar nicht mehr gehen.

Im November 1632 starben nahe Leipzig der Schwedenkönig Gustav II. Adolf und Graf Pappenheim, General der Katholiken. In einer Schlacht an einem Tag. Das ist, als würden Donald Trump und Kim Jong Un beim Handshake gleichzeitig an ein und derselben Salzbrezel ersticken. Will damit sagen: Die Geschichte Europas war meist deutlich krasser als heute. Relax.

Maßgeblich zwei Menschen tragen Schuld am Hang Europas zum Überdramatischen: der Motherfucker Ödipus und der Psychobilly-Priester Johannes von Patmos. Seit dem griechischen Drama geht keine Erzählung mehr ohne – nun, griechisches Drama eben. Seit der Offenbarung nichts mehr, ohne ein schicksalhaftes Weben des Weltgeistes zu wittern, das zum Ende der Geschichte führt.

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Die ganzen Humanisten sind von dem Erlösungs-Trip bis heute nicht mehr runtergekommen: Marx, Hegel, Beckenbauer („Deutsche Nationalmannschaft auf ewig unschlagbar“, oder so). Das bestätigt auch ein Büchlein, das ich vor einigen Jahren bei einer jungen Liberalen aus dem Bücherregal geklaut habe: Peter Sloterdijks „Falls Europa erwacht“ von 1994 (schön kurze Klolektüre, nach der man behaupten kann, Sloterdijk gelesen zu haben).

Quelle       :        TAZ           >>>>>         weiterlesen

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Oben         —          The Blind Oedipus Commending his Children to the Gods (Bénigne Gagneraux) – Nationalmuseum – 17831

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Zufallsfund im Antiquariat

Erstellt von DL-Redaktion am 1. Mai 2019

Rational gegen den Judenhass

Von Klaus Hillenntand

Kurz vor der Machtübernahme der Nazis erschien eine Loseblattsammlung mit Argumenten gegen den Antisemitismus.

Der braune Einbandrücken ist an den Kanten brüchig geworden. Das oberste Stückchen dünner Pappe, vielleicht ein Zentimeter lang, hat sich abgelöst und liegt zwischen den Seiten. Dafür gibt es beim Antiquar einen Preisnachlass.

„Anti-Anti“ lautet der in großen tanzenden Buchstaben gedruckte Titel des kleinformatigen Werks. Darunter steht in kleinerer Schrift geschrieben: „Tatsachen zur Judenfrage“. Und: „Herausgegeben vom Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“. Ein Autorenname findet sich nicht.

In der Lasche des Einbands liegen, so fein säuberlich übereinander gestapelt, als seien sie niemals gelesen worden, genau 170 lose Blätter. Sie sind in Nummern von 1 bis 80 unterteilt, und jede Nummer steht für ein eigenes Stichwort. Da findet sich unter 5 „Bibelzitate (gefälschte und entstellte)“, 34 ist der „Kultur (Anteil der deutschen Juden)“ gewidmet, und bei 73 geht es um „Talmudübersetzungen“. Manche Stichworte ziehen sich über mehrere Seiten, die entsprechend in „a“, „b“ und „c“ gegliedert sind.

Die Loseblattsammlung ist einer der letzten verzweifelten Versuche der damals numerisch größten Vertretung der deutschen Juden, etwas gegen den grassierenden Antisemitismus zu unternehmen. Die einzelnen Blätter sollten als Argumentationshilfe gegen Judenhasser und die NSDAP dienen. Erschienen ist dieses Exemplar des „Anti-Anti“ vermutlich Ende 1932 oder Anfang 1933, denn es finden sich in der Sammlung einige auf den Sommer 1932 bezogene Anmerkungen. Es sollten also nur noch Wochen bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten vergehen.

Eine Sammlung gegen den Judenhass

Erstmals produziert worden war das Werk allerdings schon 1924 unter dem Titel „Anti-Anti-Blätter zur Abwehr: Tatsachen zur Judenfrage“. Die Idee dazu hatte kein deutscher Jude, sondern ein Bremer Pfarrer: Emil Felden (1874–1959) war Pazifist und Sozialdemokrat und hatte den Centralverein davon überzeugen können, die Sammlung gegen den Judenhass herauszugeben. Felden wurde am 1. August 1933 zwangspensioniert. Seine Bücher zählten zu den verbotenen Schriften.

Die Sumpfblüte des Antisemitismus feierte schon vorher Erfolge, getrieben von der „Dolchstoßlegende“, nach der Juden (und Linke) dem deutschen Heer im Ersten Weltkrieg in den Rücken gefallen seien, bis hin zur mittelalterlichen Ritualmordlügen, mit der behauptet wurde, Juden genössen zu Pessah das Blut ermordeter

Zwei Jahre vor der Erstauflage war der deutsche Außenminister Walther Rathenau ermordet worden. Die Täter, zwei Studenten und ein Ingenieur, kamen aus den Reihen der rechtsradikalen Organisation Consul. Ihnen galt Rathenau als Vertreter der verhassten „Judenrepublik“, die es zu vernichten gelte. Das Attentat auf Rathenau war der wohl prominenteste Mord von rechtsradikalen Verschwörern in der Weimarer Republik, aber es war keineswegs der einzige.

Verzweifelt aktuell

Unter dem Stichwort Rathenau ist im „Anti-Anti“ nachzulesen, dass dieser als „Beweisobjekt für den internationalen Charakter des ‚jüdischen Kapitalismus‘ und der jüdischen Weltherrschaftspläne“ herhalten musste und dass zu diesem Zweck Zitate gefälscht worden seien.

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Walther Rathenau ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten, und wohl kaum ein Rechtsradikaler käme auf die Idee, seinen Namen und seine Taten als Begründung für den Judenhass anzuführen. Und doch muten manche der Stichworte im „Anti-Anti“ verzweifelt aktuell an, heute, angesichts des Wiederauflebens völkischer Vorstellungen.

Der „Anti-Anti“ schreibt unter dem Stichwort „Kapital“, dass die Nationalsozialisten zwischen „raffendem (‚nicht an den Boden gefesselt‘) Kapital der Banken und ‚schaffendem‘ Kapital der Industrie und der Landwirtschaft“ unterschieden, und stellt fest: „In Wirklichkeit gibt es diesen Unterschied nicht; denn die verschiedenen Arten des Kapitals gehen fortgesetzt ineinander über.“ Klar ist dabei: Das „raffende“ Kapital soll jüdisch infiziert sein.

Die Analogien sind auffällig

Im vergangenen Jahr schrieb AfD-Fraktionschef Alexander Gauland in der FAZ von einer „globalisierten Klasse“, die die Macht in Händen hielte und „zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur“ zöge. Ihr gegenüber stünde derjenige, der „nicht einfach seine Unternehmen nach Indien verlagern kann“, sowie die „vielen sogenannten einfachen Menschen, deren Jobs oft miserabel bezahlt werden oder nicht mehr existieren, die ein Leben lang den Buckel krumm gemacht haben und heute von einer schäbigen Rente leben müssen“.

Quelle       :         TAZ        >>>>>        weiterlesen

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Gradikquellen       :

Oben      —        Anti-Anti-Blätter zur AbwehrTatsachen zur Judenfrage (1924)

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Sprache und Geschlecht

Erstellt von DL-Redaktion am 1. Mai 2019

Die Wirkungsmacht der Literatur

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Pünktlich zum Weltfrauentag am 8. März setzten zahlreiche Männer und einige Frauen ihre Namen unter Aufrufe gegen gendergerechte Sprache. Den Anfang machte eine Onlinepetition, zu deren Erstunterzeichnenden der mit der Identitären Bewegung fraternisierende Autor Matthias Matussek und der seit 2017 in rechtem Fahrwasser segelnde Ingeborg-Bachmann-Preisträger Uwe Tellkamp gehören.

Der Verein für deutsche Sprache legte zwei Tage später nach mit einem von der Schriftstellerin Monika Maron gemeinsam mit dem Sprachkritiker Wolf Schneider und anderen initiierten Aufruf, unterschrieben unter anderem von der Autorin Sibylle Lewitscharoff, die dank der Kinderwunschmedizin geborene Kinder als „kleine Monster“ bezeichnet hat. Sie alle tun, als gehe es um den Verlust des Abendlandes, das in einem Meer von Gendersternchen zu versinken drohe.

Warum gerade jetzt? Vielleicht aus einer Art Torschlusspanik heraus, weil sich nach Jahrzehnten abzeichnet, dass es bald nicht mehr darum gehen könnte, aus sicherer Herrenperspektive gönnerhaft „etwas für Frauen zu tun“, sondern dass Frauen und sexuelle Minderheiten längst selbst bestimmen – nicht zuletzt, da das Bundesverfassungsgericht kürzlich mit der „Dritten Option“ den Auftrag erteilt hat, geschlechtliche Diversität anzuerkennen.

Bislang war die germanistische Zunft meist die Letzte, gesellschaftliche Umbrüche zu kapieren und sich dazu zu verhalten – nun tun es ausgerechnet ihre konservativsten Kräfte, die nicht ertragen können, dass neue Teilhabe auch bedeutet, dass die bisherige Deutungsmehrheit Privilegien verliert.

Einerseits könnte man es bei dieser Erkenntnis bewenden lassen und die Aufrufe als Pro­blem vornehmlich alter Menschen nehmen (Maron, Krauss und Krämer sind vor 1950 geboren, Schneider ist Jahrgang 1925), denen es immer schwerer fällt, Gewohnheiten zu ändern. Doch es geht um mehr. Unsere Welt wird durch Sprache gemacht und durch sie verändert. Nur wer sprachlich anwesend ist, hat eine Stimme. Wer keine Stimme hat, bleibt ohne Teilhabe.

Mit Literatur die Sprache umgestalten

Wir stehen daher vor dem größten Umbruch seit Luthers Bibelübersetzung. Für die Etablierung gendergerechter Sprache braucht es Vorschläge schreibender Menschen, die diese kreative Chance – das Gendersternchen ist ja nur eine Möglichkeit von vielen – begreifen. Sie haben die Macht, und sie stehen in der Verantwortung, mit ihrer Literatur die Sprache umzugestalten. An zeitgenössischer Literatur kommt schließlich auch eine reaktionäre Sprach- und Literaturrezeption nicht vorbei.

Bürokratisch genaue Sprache hat Vorzüge. Doch schön wie auch kulturell wirksam wird sie erst durch Dichtung, wie in der Genese einer deutschen Literatursprache aus dem Kanzleideutsch im sprachgeschichtlich atemberaubend kurzen Zeitraum zwischen 1670 und 1770 nachzulesen ist. Damals entstand die Sprache Wielands, Goethes und Schillers, die wir im Prinzip bis heute schreiben.

Diese Sprache ist durch ihre Protagonisten eine der männlichen Stimme. An ihr verzweifelten jahrzehntelang Frauen in der Literatur – Autorinnen wie Irmgard Keun oder Ingeborg Bachmann, die in „Malina“ versuchte, für weibliche Wahrnehmung eine weibliche Stimme zu finden. Wie sollte da angesichts dieses über Jahrhunderte gewachsenen Ungleichgewichts geschlechtergerechte Sprache über Nacht oder mit nur einer Maßnahme erreicht werden?

Um die Zukunft der Sprache zu entwerfen, ist es zunächst wichtig, das Fundament der aktuellen Angriffe zu verstehen. Denn auch diese gründen auf Literatur.

Verrat des „Deutschen“

Antigenderismus kommt nie allein, sondern sprießt mit Nationalismus und Antisemitismus aus gemeinsamer Wurzel. Für diese Erkenntnis brauchte es Pegida und die AfD nicht. Ein solches Gedankengut war in Deutschland immer da: Nach dem Fall der Mauer in Gesamtdeutschland, vor dem Fall der Mauer in Ost und West, nach 1945, vor 1933. Nach 1871, vor 1871, nach 1848 und vor 1848; gravierend ab 1819, spätestens ab 1772.

Just die Rechte hatte dabei stets ein besonderes Vertrauen in die Wirkungsmacht der Literatur. Als Bezugstexte fallen immer wieder dieselben Namen: Botho Strauß und Ernst Jünger, Adalbert Stifter, mitunter der Mussoliniverehrer Rilke und das Arsenal der nationalromantischen Dichter.

File:Goethe Schiller Wieland Klopstock Lessing Herder.jpg

Verrat des „Deutschen“ warfen bereits die Mitglieder des Göttinger-Hain-Bundes Christoph Martin Wieland vor. Sein „vaterlandsloser“ Internationalismus (der Begriff der „Weltliteratur“ stammt ursprünglich von Wieland), seine Frankophilie und seine sexuell aktiven Frauenfiguren führten 1772 zu einer der ersten politisch motivierten Bücherverbrennungen der deutschen Geschichte. Denn Wielands Figuren Lais („Aristipp und einige seiner Zeitgenossen“) und Danae („Geschichte des Agathon“) sind Hetären, gebildete und unabhängige Edelprostituierte der Antike und zugleich Schöne Seelen.

Quelle        :       TAZ        >>>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen      :

Oben       —          Old book bindings at the Merton College library.

Source Galerie Bassenge
Author „Sprick“

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Reform vs. Revolution

Erstellt von DL-Redaktion am 19. März 2019

Revolution zur Selbsthilfe

File:Bundesarchiv Bild 102-00685, Volksbegehren zur Fürstenenteignung.jpg

Den Fürsten keinen Cent- der Regierung einen großen Tritt

Quelle     :     untergrund-blättle ch.

Von Johanna Bröse kritisch-lesen.de

Wo bleiben die radikalen Weltveränderer? Marxistische Theorie und Praxis werden dringend auch wieder in der Sozialen Arbeit gebraucht.

In einer Sendung des Hessischen Rundfunks ist im Sommer 1969 zu hören:

Der Erziehungsprozess, […] zielt darauf, dass das Verhalten, das im Heim durch Gewalt, durch totale Kontrolle, durch Strafen und Verbote erzwungen wird, mit der Zeit verinnerlicht wird. Wird die Fügsamkeit des Zöglings zunächst durch Gewalt und Zwang hergestellt, so soll am Ende der Heim-Zeit sich eben diese Fügsamkeit verselbständigt haben. […] Als Erziehungserfolg wird die Verinnerlichung der Zwänge verbucht.“

Zuständige Redakteurin des Features ist Ulrike Meinhof, die 1968/1969 Aktivistin der „Heimkampagne“ ist – eine der radikalsten und erfolgreichsten Aktionen der sozialpädagogischen Bewegung in der APO. Sie skandalisieren gemeinsam mit Betroffenen die autoritären Praktiken und marginalisierten Lebensbedingungen in den Kinder- und Fürsorgeerziehungsheimen der Bundesrepublik.

Auch in vielen anderen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit gibt es in den folgenden Jahren heftige Auseinandersetzungen zwischen zumeist jungen, eher antiautoritär eingestellten Sozialarbeiter_innen und denjenigen, die die gewohnte repressive Erziehungspraxis nicht aufgeben wollen. Die Konfrontationen schlagen sich in Ausbildung und Lehre nieder: An den Hochschulen setzen sich Pädagog_innen ausgiebig mit materialistischen Gesellschaftstheorien und der Funktion der Sozialen Arbeit im Kapitalismus auseinander, zahlreiche Arbeitskreise Kritischer Sozialer Arbeit entstehen.

Der Geruch der revolutionären 68er Jahre auf den Gängen weht Studierenden wie Lehrenden über Jahre in allen Gängen hinterher. Und heute? Studierende Sozialer Arbeit gelten immer noch als Schmuddelkinder der leistungseffizient durchgestylten Hochschulen, ihnen klebt das Pathos der moralischen Weltveränderer an. Aber ihre Beschäftigung mit den revolutionären Vorstellungen ihrer Vorgänger_innen scheint ihnen längst abhandengekommen zu sein. Die Neoliberalisierung der Hochschulen und der Praxisfelder hat ganze Arbeit geleistet.

Doch halt, nicht ganz: In der Pfalz versucht ein junger Sozialpädagoge, sein Arbeitsfeld in Theorie und Praxis wieder konsequent marxistisch zu durchleuchten. In einem kleinen Bändchen hat Tobias Kraus jetzt zusammengestellt, wie es mit dem revolutionären Potenzial der Sozialen Arbeit damals und heute aussieht. Im Kern seiner Ausarbeitung stehen zwei Fragen, die schon in den 1970ern radikale Sozialarbeitende umtrieb: Welche Funktion hat die Soziale Arbeit für den Kapitalismus an sich, und wie ist sie unter kapitalistischen Produktionsbedingungen überhaupt zu leisten?

Historischer Materialismus Einmaleins

Kraus arbeitet sich durch die marxistischen Diskussionen in der Sozialen Arbeit von damals und setzt diese mit der Profession in der Gegenwart in Verbindung. Wie kann Soziale Arbeit aussehen, wenn sie nicht systemstabilisierender Helferdienst sein will? Wie kann Soziale Arbeit als antikapitalistische Kraft entwickelt werden? Dazu muss natürlich zuerst ein theoretischer Rahmen klären, wie Kraus sich der Sache überhaupt nähert: Voilà, Grundlagen des Marxismus für alle angehenden Sozialarbeiter_innen, auf knappen 20 Seiten serviert. Es geht um zentrale Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise, Grundlagen des historischen Materialismus: Geschichte als Prozess, als zusammenhängende gesellschaftliche Entwicklung. Darüber nähert sich Kraus einer materialistischen Auffassung von Sozialer Arbeit im Kapitalismus an. Damit Sozialer Arbeit und ihren Protagonist*innen nicht nur die Rolle zukommt, Pflaster auf die Wunden, die der Kapitalismus den Menschen zufügt, zu kleben, braucht es eingreifende Praxis. Ob in der Jugendarbeit, bei der Wohnungslosenhilfe, in Sucht-Beratungsstellen oder im sozialpsychiatrischen Dienst: Anstelle von individualisierender Einzelfall- und Selbsthilfe ist der Blick auf die gesellschaftlichen Umstände zu richten, auf Ausgrenzungspraktiken und Ausschlüsse, die aufgrund von Klassenzugehörigkeit durchgesetzt werden.

Die knappe Einleitung des Buchs, die Sebastian Friedrich den Ausführungen von Kraus voranstellt, zeichnet ebenso deutlich nach, wie Hilfe zur Selbsthilfe derzeit als neoliberales Mantra den Diskurs beherrscht: „Soziale Arbeit als Feuerwehr“ (S. 8), und keiner fragt mehr, wer das Feuer eigentlich gelegt hat. Das ist eine Kritik, die Kraus vor allem in seinem Abschnitt zu „kapitalismuskritischer Sozialer Arbeit in der Gegenwart“ (S. 80f.) übt: Die Einbindung der Sozialen Arbeit auf dem Markt, mit der damit notwendig erscheinenden Darstellung von Effizienz und Überprüfbarkeit der Leistungen, bringe diese „in die Gefahr der Entwertung ihrer Produkte und der Kürzung von Ressourcen, da sich ein Großteil ihrer Leistungen nicht in einem Äquivalent, d.h. in Geldform ausdrücken lässt“ (S. 88).

Kraus macht deutlich, dass Sozialarbeit zuallererst auch Lohnarbeit ist, und damit der Widerstand der Beteiligten als Klassenkampf zu sehen ist. Es ist nicht damit getan, Kritik am Neoliberalismus zu üben, es geht um eine Veränderung der kapitalistischen Produktionsweise im Allgemeinen. Auch die derzeitig noch bestehenden Zusammenschlüsse Kritischer Sozialer Arbeit gehen, so Kraus, hier in ihrer Kritik zu defensiv vor: „Es zeigt sich ein Glaube an eine bessere Gesellschaft ohne Neoliberalismus innerhalb kapitalistischer Strukturen“ (S. 95).

File:Jugendzentrum Lister Turm 30177 Hannover Seitenportal Walderseestraße 100.jpg

Antikapitalistische Soziale Arbeit muss praktisch werden

Das Buch ist als Abschlussarbeit geschrieben worden, das merkt man. Knappe zwei Seiten Fazit stellt der Autor bereit. Selbstorganisierung wird darin zentral gesetzt, alles Weitere besteht aus einem ganzen Konglomerat an offenen Fragen und „bräuchte“, „müsste“ und „sollte“. Aber genau das macht es wiederum gut übertragbar in Seminare und Diskussionsrunden. Das schmale Buch regt zur Auseinandersetzung mit einer dezidiert marxistisch ausbuchstabierten, antikapitalistischen Sozialen Arbeit gestern und heute an und zeigt an vielen kleinen Punkten die dafür wichtigen theoretischen Hebel auf.

Schade nur, dass der Autor selbst am Ende mutlos zu werden scheint und der Radikalisierung sozialer Arbeit eine „mehr als unwahrscheinlich(e)“ (S. 112) Zukunft prognostiziert. Wenig Reform also, und noch viel weniger Revolution? Der Zusammenhalt von Sozialarbeiter_innen und Besucher_innen des Jugendzentrums Potse in Berlin, die sich derzeit gemeinsam gegen die Räumung ihrer Einrichtung stellen, könnte ein kleines Beispiel gegen diesen Befund sein. Kämpfe wie diese, die sich an den konkreten Lebensgrundlagen der Adressat*innen ausrichten (Kämpfe um politische Sichtbarkeit, um (Wohn)Räume und so weiter) müssten dringend stärkere Unterstützung finden – auch aus einer politisch agierenden Profession heraus.

Johanna Bröse
kritisch-lesen.de

Tobias Kraus: Reform vs. Revolution. Zur Relevanz marxistischer Theorie für die Soziale Arbeit. PapyRossa Verlag, Köln 2018. 148 Seiten. ca. SFr. 15.00 ISBN: 9783894386825

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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Grafiquelle      :

Oben        —       Volksbegehren zur Fürstenenteignung Info non-talk.svg

Wahlpropaganda 1926

Aufgrund eines Volkbegehrens wurde im Deutschen Reich am 20. Juni 1926 ein Volksentscheid über die entschädigungslose Enteignung der bis 1918 regierenden Fürstenhäuser durchgeführt. Mit den abgebildeten Plakaten wurde für ein „Ja“ geworben.

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Source eigenes „Werk“ mit Hilfe einer dankenswerterweise geliehenen Kamera
Author Recherche, Scans, Arbeitsleistung gestiftet von: Bernd Schwabe in Hannover

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Unerhörte Begebenheiten

Erstellt von DL-Redaktion am 18. März 2019

Wolf Biermann und sein neuer Novellenband

Konzert von Wolf Biermann in der Gedenkstätte Bautzen, 2002.JPG

Von Ulrich Gutmair

Wolf Biermann verbindet in seinem neuen Novellenband pointiert und unterhaltsam persönliche Erlebnisse mit historischen Ereignissen.

m Künstlerclub „Die Möwe“ trifft sich die „Deutsche Demokratische Boheme“. Rein kommt man nur mit Clubausweis, es sei denn, man ist eine schöne Frau oder man besitzt Berliner Schnauze und „quatscht und quetscht sich kess“ durch die Kontrolle.

Im Winter 1961, die Mauer ist gerade gebaut, liegt eine sibirische Kälte über der Stadt. Wer einen solchen Winter mal erlebt hat, kurz nach dem Mauerfall gab es wieder einen, weiß, was es heißt, in einer Wohnung mit Kachelofen zu wohnen, wie Wolf Biermann, der in jenem Winter schon nicht mehr Regieassistent am Brecht-Theater, sondern wieder Student der Humboldt-Uni ist. Einen Clubausweis hat er aber noch. In der „Möwe“ trifft er die schöne Barbara. Sie stellt sich vor als „eene Ballett-Tänzerin anner Komischen“, abweisend und schroff.

Biermann erzählt ihr von der Nazizeit, seiner „Kommunistenfamilie“, seiner „Judenfamilie“ und von der Operation „Gomorrha“, als britische Bomber Hamburg in Schutt und Asche legten. Er trägt sein neuestes Gedicht über die Mauer vor: „Berlin, du deutsche, deutsche Frau, ich bin dein Hochzeitsfreier. Ach deine Hände sind so rauh von Kälte und von Feuer.“ Aus Eitelkeit, nicht Berechnung, schlägt er der Dame vor, ihr das Lied zu Hause in der Chausseestraße zur Gitarre vorzusingen.

Die Geschichte der kurzen, aber heftigen Begegnung mit der Tänzerin gab Biermanns eben erschienener Sammlung von 18 „Liebesnovellen und anderen Raubtiergeschichten“ den Namen: „Barbara“. Die Novelle war eine im 19. Jahrhundert beliebte kurze Prosaform. Deutschlehrer lassen noch heute gerne Jeremias Gotthelfs „Schwarze Spinne“ lesen, vielleicht, weil diese klassische Novelle trotz ihrer christlichen Moral eine Horrorstory ist, die es mit jedem Zombiefilm aufnehmen kann.

Bei Dage Gommunist, bei Nacht Faschist

Im Gespräch mit Eckermann definierte Goethe die Novelle als Prosastück über „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“. Das trifft auch auf Biermanns Erzählungen zu. Aus ihnen lassen sich, in schöner Ergänzung zu seiner 2016 erschienenen Autobiografie, Anekdoten aus seinem Leben und kluge Einschätzungen zu Liebesangelegenheiten und ihren Zusammenhang mit der Politik erfahren.

Im Mittelpunkt jeder Novelle steht eine Person. Ruth Berlau, Manfred Krug, eine Ostberliner Krankenschwester oder Kohlen-Otto, der im Suff Volkskammerabgeordneten in ihren Bonzenschleudern „Heil Hitler!“ zuruft und prompt in den Steinbruch geschickt wird.

Biermann wurde 1936 als Sohn zweier Kommunisten in Hamburg geboren. Schon seine Großmutter – Biermann nennt sie in seinen Lieder und Geschichten „Oma Meume“ – war Kommunistin gewesen. Sie erzählt dem jungen Wolf: „Mich hat mei Garrl im Bett nie jeschont. Bei Dage war er Gommunist. Bei Nacht war er ’n Faschist.“ Oma Meume nutzt keine Verhütungsmittel, ihre Tochter dagegen gehört zur „Avantgarde bolschewistischer Emanzen“. Die KPD empfiehlt den Genossen, Präservative zu benutzen, damit der Pfusch von Engelmacherinnen die Kampfkraft der Partei nicht schwächt. Anfang der dreißiger Jahre gibt die KPD – hat man Wilhelm Reich gelesen? – gar die Losung aus: „Genossen, verschafft euren Frauen einen Orgasmus, sonst wählen sie Hitler.“

Vater Dagobert kam aus einer orthodoxen jüdischen Familie, und als er 1939 wegen Vorbereitung zum Hoch- und Landesverrat vor Gericht stand und nach seiner Konfession gefragt wurde, antwortete der Atheist: „Ich bin Jude!“ 1943 wurde er aus dem Zuchthaus nach Auschwitz deportiert, wo er kurz darauf starb. Biermann beschrieb sich in seinem Lied „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ später so: „Ich bleibe, was ich immer war: halb Judenbalg und halb ein Goy.“

Als die Mauer fällt, ist Biermann längst kein Kommunist mehr, wohl aber sein Freund Walter Grab, Heine-Spezialist aus Tel Aviv. Walter schimpft Wolf einen Verräter, der antwortet: „Gewiss, das bin ich! Wie Arthur Koestler, wie meine Freunde Manès Sperber und Ernst Fischer: ein treuer Verräter an der kommunistischen Illusion, ein frommer Ketzer, ein guter Renegat.“

Wolf Biermann 2017 Autogrammstunde.jpg

Biermann findet die Urszene für Grabs ungebrochene Treue im israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948, die dieser Novelle über den Freund in mehrfacher Hinsicht die unerhörte Begebenheit liefert. Grab war Kommunist, kein Zionist, verteidigte aber Israel gegen die einfallenden arabischen Armeen als Reservist. Er liegt mit einem Gewehr „wie aus dem Kriegsmuseum“ mit 10 Schuss Munition in einer Mulde. Da kommt ein Lkw angefahren, Kisten voller Maschinenpistolen werden ausgeladen, die Ende des Zweiten Weltkriegs von der Roten Armee erbeutet worden sind. „Die Sowjetunion war der einzige Staat, der das junge Israel militärisch unterstützte. Genosse Stalin hatte ihm ein Gewehr für diesen Krieg geliefert.“

Erst in der Morgensonne hat Genosse Grab die Gelegenheit, seine Waffe zu begutachten: „Es schmückte sie am Gewehrkolben ein blank poliertes Stahlblech. Darauf das Symbol der Hölle, ein fettes Hakenkreuz.“

Quelle      :      TAZ         >>>>>       weiterlesen

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Grafikquellen        :

Unten      —      Konzert von Wolf Biermann in der Gedenkstätte Bautzen, 2002

 

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Kulturkämpfe im Netz :

Erstellt von DL-Redaktion am 22. Februar 2019

 Haben wir die digitale Gegenrevolution verschlafen?

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Quelle           :     Berliner  Gazette

von Alexander Karschnia

Freche Memes, unerhörte Grenzüberschreitungen und erfolgreiches Establishment-Bashing: Hat die Neue Rechte die ins Netz verlegten Kulturkämpfe längst gewonnen? Ist es plötzlich wirklich hip, ein frauenhassender Neo-Faschist zu sein und hat die Linke all das verschlafen? In seinem zweiteiligen Essay untersucht Berliner Gazette-Autor und Theatermacher Alexander Karschnia die affektgetriebenen Poltiken der Alt-Right, die sich auch längst in Deutschland breitmachen.

Never judge a book by its cover, heißt es bekanntlich. Bei Angela Nagle‘s Buch über die digitale Gegenrevolution fällt das nicht leicht: Zu grell sticht das Giftgelb ins Auge, für das sich ihr Verlag in Deuschland (transcript) entschieden hat. Nun ist das keine ungewöhnliche Wahl für Buchumschläge: Reclam hat den kompletten westlichen Kanon in dieser aufdringlichen Farbe verramscht, Langenscheidt Fremdprachenkenntnisse, rororo aktuell einst linke Theorie und der März-Verlag Avantgarde-Literatur.

Was in diesem Fall besticht ist das timing – kaum lagen die Bücher in den Läden, wurde das Leuchtgelb zur Signalfarbe des sozialen Aufstands, als sich in Frankreich Abertausende die Warnwesten überzogen, um an Verkehrskreiseln und Maut-Stationen Versammlungen abzuhalten und den Verkehr zu blockieren: Die „Gelbwesten“ (Gilets Jaunes, Spitzname: Gilles & John – wie Deleuze & Lennon) schienen aus dem Nichts zu kommen, um vor Jahresende doch noch ein militantes Revival der Revolte zu zelebrieren wie zum Abschluss der vielerorts verschämt versäumten 50-Jahre Jubiläumsfeiern zu ’68.

Die Erhöhung des Spritpreis war jedoch nur der Auslöser, mit einem Mal scheint es nicht ausgeschlossen, dass sich die Dynamik von 2011-12 wiederholt, als die arabellion von Tunesien auf Ägypten übersprang und sich über Südeuropa bis in die USA (Occupy Wall Street) ein „führerloser Widerstand“ verbreitete: Von Belgien bis Bulgarien, Serbien bis Schweden, bis nach Israel und dem Irak wurden sie gesichtet. Aus Angst vor Unruhen ließ die ägyptische Militärregierung gelbe Westen gleich ganz aus dem Verkehr ziehen.

Schon wieder ‘ne facebook-Revolution?

Not again, wird das Silicon Valley gestöhnt haben, schon wieder eine „facebook-Revolution“?! Nach der harschen Kritik an ihrem schlechten Einfluss aufs Weltgeschehen (Brexit, Trump) hatte der Konzern versucht, die Algorithmen wesentlich lokaler zu fokussieren. Gerade dadurch soll der Funken übergesprungen und eine „agile Revolution“ ausgelöst worden sein? Nicht nur der überrumpelte französische Präsident, die ganze Welt schien sich zu fragen: Wer sind diese Leute – und was wollen sie? Und vor allem: Sind das Linke oder Rechte?

Zunächst freuten sich die Rechten: Emmanuel Macron hatte im Frühjahr 2017 die rechtsextreme Kandidatin Marine Le Pen im Präsidentschaftswahlkampfs aus dem Feld geschlagen und war zum Hoffnungsträger aller Pro-EuropäerInnen aufgestiegen. Seine Bewegung En Marche schien den Beweis zu liefern: Another populism is possible! Jedoch stellte sich auch bei seiner Bewegung dieselbe Fragen wie bei Gilles & John: Wenn sie weder links noch rechts ist – was ist sie dann? In Deutschland hatte man sich schnell auf das Label „linksliberal“ geeinigt – für eine populistische Bewegung zunächst ungewohnt, bei näherer Betrachtung jedoch völlig plausibel.

Hatten nicht Chantal Mouffe & Ernesto Laclau, die VordenkerInnen eines progressiven Populismus, immer von einem „empty signifier“ gesprochen, um den herum sich eine solche Bewegung aufbauen lassen sollte? Was gäbe es für eine leerere Referenz als „Linksliberalismus“? Für die einen ist es einfach eine Verdopplung, für die anderen ein Widerspruch in sich. Für die einen Schild & Schwert gegen den Rechtsextremismus, für die anderen das Grundübel unserer Zeit. Auch Angela Nagle hat sich auf den Linksliberalismus, bzw. den „kulturellen Liberalismus“ eingeschossen. Mehr dazu im zweiten Teil.

Online-Kulturkämpfe der Neuen Rechten

Fassen wir zunächst die Vorzüge dieses Buches zusammen: ein millenial erzählt dem Rest der Welt eine flüchtige Geschichte, die schon bald wieder vergessen sein könnte, deren Folgen uns aber noch lange begleiten werden, selbst wenn Donald Trump seines Amtes enthoben oder 2020 nicht wiedergewählt werden würde. Die Geschichte, die Nagle für uns rekonstruiert, ist die Geschichte der „Online-Kulturkämpfe der Neuen Rechten von 4chan und Tumblr bis zur Alt-Right und Trump“ (so der Untertitel ihres Buches).

Während wir hierzulande gerade erst begonnen haben, den „Kulturkampf von rechts“ wahrzunehmen, den die AfD und die mit ihr vernetzte sog. ‚Neue Rechte‘ gegen etablierte Institutionen, die Freie Szene und EinzelkünstlerInnen führt, zeichnet Nagle ein bigger picture, indem sie diese einzuordnen versteht in die Kulturkämpfe (culture wars) von den Sixties über die Nineties bis in die 2010er Jahre. Bei diesen „Kulturkriegen“ geht es um den Sittenwandel im Zuge von identitätspolitischen Kämpfen um Anerkennung marginalisierter Gruppen Nicht-Männer, Nicht-Weißer, Nicht-Heteros. Das Neue an diesem neuesten „Kulturkrieg“ jedoch ist, dass er vornehmlich von weißen, heterosexuellen Männern angeführt wird, die agieren, als seien auch sie eine Minderheit, die endlich gehört werden müsste. Dieser „Krieg“ findet nicht nur im Netz statt, aber seine rhetorischen Waffen werden dort erprobt und vervielfacht.

Für Nagle markiert das Jahr 2016 jene Schwelle, an dem die etablierten Medien endgültig die Kontrolle über die sog. „große Politik“ verloren hätten und gegen alle Vorhersagen ein obskurer Außenseiter-Kandidat ins Weiße Haus einzog. Um zu erfassen, wie sich die Welt in nicht einmal einem Jahrzehnt verändert hat, muss man nur das berühmte Porträt aus Obamas Wahlkampf 2008, das CHANGE & HOPE versprach mit dem Trump-Meme als ‚Pepe the frog‘ von 2016 vergleichen. Die hässliche Froschfratze ist das bedauernswerte Opfer einer cultural appropriation durch Nagle‘s GenerationsgenossInnen, die sich im Netz gerne auf dem berüchtigten Bilderboard 4chan herumtreiben und dort anonym z.B. unter /pol/ politically incorrect ihren Shit posten.

Unverhoffte Wahlkampfhilfe durch eine Armee durchgeknallter Trolle

Was mit einer Leidenschaft für Anime-Figuren begann endete wie in einem verkehrten Märchen mit der Verwandlung in einen Frosch, der ohne zu wissen, wie ihm geschieht zum Maskottchen einer Bewegung wurde, die man als „Meme-Brigade“ bezeichnen könnte oder einfach als Bilderkrieger: unverhoffte Wahlkampfhilfe durch eine Armee durchgeknallter Trolle, die einfach curious waren, was passieren würde, wenn sie die verrücktesten Simpsons-Fantasien Wirklichkeit werden lassen und einen Widerling aus einer Reality TV-Show zum 45. US-Präsidenten shit-posten just for the lulz of it (ein lol aus reiner Schadenfreude). Und so entstand ein „Trump-Internet“, das sich von 4chan über Reddit‘s r/RealDonaldTrump über Twitter bis zu What‘s APP und facebook spannt.

Die gesamte sog. alt-right (alternative right) gewann zunächst Format als Internet-Phänomen: Die catchy Abk. claimt Richard Spencer für sich, der vor 10 Jahren eine Website mit diesem Namen angemeldet hat. Spencer ist kein gemeiner Troll, sondern gibt den Gebildeten und hat – wie hierzulande Götz Kubitschek – einen rechtsextremen think tank gegründet.

In seinen Augen war die alt-right bislang nur ein Kopf ohne Körper, während Trumps Kampagne lange nur ein Körper ohne Kopf waren, nun wachse zusammen, was zusammen gehöre. Bei einer Siegesfeier in Washington DC rief er „Hail Trump, hail victory, hail our people!“ wobei einigen Anwesenden der ausgestreckte Arm in die Höhe schnellte. Während das „Meme-Team“ kek-kek-kek-kichernd ihre Bildchen hochlädt, schwadroniert er über „friedliche ethnische Säuberungen“ und träumt von einem weißen Reich. Dabei wurde er selbst unfreiwillig zum Meme, als er während Trumps Amtseinführung bei einem Interview vor laufender Kamera von der Antifa geboxt wurde (lulz). Sie alle triumphierten am 9. November 2016: Trump ist ihr Mann im Weißen Haus.

Was die Rechten bei den Europawahlen vorhaben

Die „Plattform für die alt-right“ ist jedoch der berüchtigte Blog Breitbart und dessen noch berüchtigterer letzter Chefredakteur Stephen Bannon, der erst Trumps Wahlkampfleiter wurde, dann Chefstratege im Weißen Haus und seit seiner Entlassung überall dort auftaucht, wo Rechtsextreme zur Macht drängen: So wurde die Wahl in Brasilien zugunsten des “Tropen-Trump” Bolsonaro entschieden – eines “lupenreinen Faschisten” (ZEIT) – unterstützt durch einen “Tsunami an Falschmeldungen” auf What‘s App, die in den USA produziert wurden, oft mit kalifornischen IP-Adressen: Der Faschismus wird digital! “Wir wurden gehackt”, erklären die AktivistInnen von avaaz: “Wir erleben einen Propagandakrieg, der nicht über Radios stattfindet, sondern auf unsren Smartphones”.

Besonders Beunruhigend: Bannon hat derweilen in Brüssel ein Büro (The Movement) eröffnet, um die Europawahlen aufzumischen und die europäischen Rechtsparteien zur stärksten Fraktion im Europa-Parlament zu machen. Wichtigste Verbündete sind Viktor Orbán und die Fidesz-Partei in Ungarn (Orbán, Erfinder der “illiberalen Demokratie”, Bannon nennt ihn “Trump vor Trump”) und Italiens Mini-Trump Matteo “il Capitano” Salvini (Lega Nord), der von einer neuen Rom-Berlin-Achse träumt, die FPÖ in Österreich und Marine Le Pens Rassemblement National in Frankreich.

Auf Breitbart erschien auch der berüchtigte Artikel ‚An Establishment‘s conservative Guide to the alt-right‘. Der Titel macht klar, wozu die alt-right die Alternative darstellen möchte: zum konservativen Establishment, von ihnen gerne als cuckservative, Kuckucks-Konservative (von cuckold: Hahnrei) geschmäht: neoliberale Konservative (Neocons), denen es nur um Wirtschaftspolitik geht, während sie die Kultur den Liberalen & Linken überlassen, die ihnen prompt ‚die Hören aufgesetzt‘ hätten. Doch das sei nun vorbei, Trump wird gepriesen als erster „truly cultural candidate“ – und damit prädestiniert für den Support von Breibart, dessen Gründer einst die Losung ausgab: „politics is downstream of culture“ – Politik als Auslaufstelle für Kultur. Klingt harmloser als es ist, wird doch zugleich betont, die Gemeinsamkeit der alt-right bestünde darin, Kultur für untrennbar zu halten von race. Das ist die Alternative, die die alt-right gefunden für den alten, belasteten biologistischen Rasse-Begriff: „die Kultur“. Der „culture war“ der alt-right ist der „race war“ der old right.

Der Verfasser des Artikels war Milo Yiannopoulos, der Poster-Boy der sog. alt-light (oder alt-lite), fellow traveller dieser neuesten ‚Neuen Rechten‘. Er war sicherlich die schillerndste Figur des ganzen Pandämoniums: kokettierte er doch mit seiner sexuellen Orientierung, seinem katholischen Glauben und seinem jüdischem Familienhintergrund, während er mit dem Faschismus flirtete (Dangerous Faggot Tour). Seine Karriere hatte er als Technik-Journalist begonnen, bevor er zum Agit-Entertainer wurde. Die feministische Autorin Laurie Penny hatte ihn bei einer Ralley bei den Gays for Trump begleitet, wo er verkündete: „Trump is punk, Republican is the new cool!“

Nun ist ein offensiv schwul auftretender Provo wie Milo für Old School Konservative sicherlich eine ebensolche Zumutung gewesen wie der fluchende, frauenbegrabschende White-Trash-Typ Trump. Ohne den verhassten Sittenwandel wären derart grelle Gestalten unvorstellbar, sie entstammen der (Anti-)Tradition der Gegenkultur, in der Transgression längst zum Selbstzweck verkommen ist, wie Nagle zu recht kritisch anmerkt.

Doch während sich in den 1980er Jahren NoPorn-Feministinnen mit reaktionären Kräften verbündet haben, um die Forderung nach Zensur zu unterstützen, soll die Sache dieses Mal umgekehrt verlaufen: Ultrakonservative (sog. „Paläokonservative“ wie Pat Buchanan) werden umworben, um sich mit rechtslibertären Rotzlöffeln wie Milo gegen das konservative Establishment zu verbünden, um Geschichte umzuschreiben: Während Francis Fukuyama 1992 vom ‚Ende der Geschichte‘ sprach und liberale Marktdemokratie und offene Gesellschaft zu den historischen SiegerInnen kürte, sah Pat Buchanan einen „Krieg um die amerikanische Seele“ toben, der nach dem Sieg über den äußeren nun gegen den „inneren Feind“ zu führen sei.

Rechte im Feindesgebiet der Identitätspolitik

Ein Vierteljahrhundert später wird dieser Krieg, so scheint es, auf dem Gebiet dieses Feindes selbst ausgetragen: der Identitätspolitik. Kein Zufall also, dass Fukuyamas neuestes Buch sich eben diesem Thema widmet, scheint es doch so, als seien es genau jene „Kulturkämpfe“, die dem liberalen Kapitalismus den Sieg doch noch streitig machen könnten, sollte sich auf der Rechten der Trumpsche „Wirtschaftsnationalismus“ durchsetzen.

Yiannopoulos Aufstieg zum neurechten Pop-Star war untrennbar verbunden mit #gamergate, einer erbittert geführten Auseinandersetzung über white male supremacy in der Videospielkultur. Was dabei schockierend unverblümt zum Vorschein kam, war, wie buchstäblich wie ernst es hardcore Gamer-Geeks mit dem schlechten alten Nerd-Prinzip meinen: „Es gibt keine Mädchen im Internet.“ Gemobbt, gedisst, gedoxxt, gestalkt, bedroht und bedrängt wurden bei #gamergate vornehmlich Frauen, die Position bezogen und sich zum Status der ‘gamer culture’ äußerten. Es ist genau jener Widerspruch, den kein Rechter zugeben kann, denn es würde ihren Tanz um die Meinungsfreiheit schlagartig beenden: die „Kulturkrieger“ kämpfen für ihr eigenes uneingeschränktes Rederecht nur, um andere in verletzender, diskriminierender, gewalttätiger Form zum Schweigen zu bringen.

Am Ende des Tages ist es nicht zufällig auch ein Krieg gegen Frauen, den die Netz-Nazis ausfechten, ein militanter, oft plumper und primitiver, manchmal aber auch perfider Antifeminismus, der große Teile des Netzes in eine ‚Mannosphäre‘ verwandelt hat, in der selbsternannte ‘Pick-Up-Artists’ und reddit-gestählte Beta-Männchen Vergewaltigungsratschläge erteilen, während zölibatäre Solitäre, sog. incels versuchen, ihren eignen Weg zu gehen (MGTOW: Men Go Their Own Way), um sich in verschiedenen Stadien vom weiblichen Geschlecht zu trennen – von der sexuellen Askese bis zur vollständigen Segregation: Sie alle haben die ‚rote Pille‘ geschluckt wie im Film Matrix, die ihnen die Augen geöffnet hat, wer wirklich hinter Political Correctness, Gender Mainstreaming, Globalisierung, Multikulturalismus, Immigration und Islamisierung steckt – Frauen, genauer: FeministInnen: „Feminazis“.

Are all the kids alt-right?

Gegen den grassierenden Feminismus seien schwule Männer die beste Medizin, behauptete Yiannopoulos und fragte seine Fans, was sie lieber hätten: a) Feminismus oder b) Krebs. Doch plötzlich hatte der Schelm seinen Schuldigkeit getan, the Milo can go: Ein Video-Interview wurde geleakt, in dem er Päderastie verteidigt hat – and that was it. „Daddy“ Donald und die alt-right brauchten ihn nicht mehr. Als Höhepunkt seiner Agit-Tour hatte er sich im Herbst 2017 den Campus Berkley erkoren, wo 1964 der Kampf für Redefreiheit (free speech) begonnen hatte.

Der Campus, an dem auch die Gender-Theoretikerin Judith Butler lehrt, Hassfigur aller Rechten, war in Aufruhr, es kam zu gewalttätigen Szenen, Fenster wurden entglast, Feuer gelegt, Yiannopoulos musste evakuiert und die Veranstaltung abgeblasen werden. Auf nichts anderes hatte er es angelegt, ging es ihm doch vor allem darum zu demonstrieren, wie militant intolerant die Linke geworden sei, während heute nur noch die Rechte radikal für das Recht auf Meinungsfreiheit streite. Dieser Scam (Beschiss) ist das rechte Erfolgsrezept – sie gebärden sich libertär und verabsolutieren Freiheitsrechte wie free speech, nur um sie so ins Gegenteil zu verkehren.

Mit diesen Szenen in Berkley endet Nagles Buch. Im Verhalten der GegendemonstrantInnen sieht sie den Beweis für das komplette Versagen der Linken im Kampf gegen die neue freche Rechte. Doch bleibt die Frage, ob man nicht den Einfluss solcher Subkulturen vollkommen überbewertet, wenn man ihnen einen entscheidenden Anteil an Trumps Wahlsieg zuspricht? Ist es wirklich wahr, dass im Netz eine neue Generation zynischer Trollen herangewachsen ist: Are all the kids alt-right? Was ist mit all den anderen twenty- und thirty-somethings, die Bernie Sanders Kampagne unterstützt haben? Hieß es nicht, diese Bewegung sei die größte Graswurzel-Netzbewegung of all times? Und hätte Bernie nicht Trump geschlagen, wenn die Clinton-Clan ihm nicht die Kandidatur gestohlen hätte?

Anm. d. Red.: Der Autor war im Rahmen des Berliner Gazette-Jahresprojekts MORE WORLD am 3. Februar auf einem Panel bei der transmediale zu Gast und hat mit Aktivistin Abiol Lual Deng und Berliner Gazette-Redaktionsleiterin Magdalena Taube über die Affektpolitik der Neuen Rechten und die damit einhergehenden diskursiv-politischen Schließungen von Weltzugängen diskutiert. Moderation: Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki. Fotos vom Panel und der Diskussion, aufgenommen von Andi Weiland, gibt in diesem Album.

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Linke Strategien visa Rechts

Erstellt von DL-Redaktion am 12. Februar 2019

Wie hältst du es mit der Klasse?

File:Klassenfeind Gallery.jpg

Quelle      :      untergrundblättle ch.

von Johanna Tirnthal / kritisch-lesen.de

Eine Debatte behandelt das richtige Problem von der falschen Seite.

„Victory to the miners!“ brüllt Mark Ashton, der junge, schwule Aktivist aus London mit erhobener Faust, während er auf einem Tisch in der Gemeindehalle eines walisischen Bergbaudorfs steht. Rundum sitzen die streikenden Minenarbeiter_innen. Viele jubeln, einige blicken eher skeptisch zu ihm hoch. Plötzlich erhebt sich eine Frauenstimme und stimmt ein Lied an: „Bread and Roses“, einen feministischen Klassiker der Frauen- und Gewerkschaftsbewegung. Die singende Frau steht auf, nach und nach stimmen andere ein und stehen ebenfalls auf, bis schließlich auch viele der Männer mitsingen. Ganze zwei Minuten verweilt der Film „Pride“ (2014) in dieser Szene.

Der Emotionalität und Kraft des gemeinsamen Lieds kann sich dem offensichtlichen Kitsch zum Trotz kaum jemand entziehen. Es vereint viele der Sehnsüchte und Forderungen, die die Debatte um eine „Neue Klassenpolitik“ antreiben. Hier verbinden sich der Kampf einer Gruppe queerer, linksradikaler junger Londoner_innen mit dem Kampf der Minenarbeiter_innen 1984/85 in Wales, wobei die spezifische Position der Frauen im Dorf eine wichtige Rolle spielt. Feminismus, queere Identitätspolitik und Klassenpolitik in ihrer wohl klassischsten Form, der des Bergarbeiter_innen-Streiks, finden zusammen und sind so stärker als für sich alleine.

Peter Nowak beschreibt den Film „Pride“ ausführlich in seinem Beitrag zu „Neue Klassenpolitik. Linke Strategien gegen Rechtsruck und Neoliberalismus“. Damit illustriert er seine These, außerbetriebliche Solidarität mit Arbeitskämpfen sei ein wirksames Mittel für eine Neue Klassenpolitik. Beispiele dafür sind linke Gruppen, die 2008 Streiks im Einzelhandel oder 2017 Streiks bei Amazon unterstützten, indem sie Geschäftseingänge oder Ausfahrten blockierten. Nebenbei zeigt „Pride“, dass die Neue Klassenpolitik keineswegs so neu ist wie der Name vermuten ließe: Beispiele für gelungene Zusammenarbeit zwischen, auf den ersten Blick, sehr verschiedenen Kämpfen gegen Unterdrückung gibt es in der Geschichte der sozialen Bewegungen zur Genüge.

Was ist eine Neue Klassenpolitik?

„Neu“ müsse die Klassenpolitik des Sammelbandes nun sein, so die Diagnose der meisten Beiträge im Sammelband, weil die Linke (in Deutschland, in Europa und den USA) die „Klasse“ als Kategorie in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt oder vergessen habe. Die Aufgabe bestehe nun darin, die „Arbeiterklasse“, die in den vergangenen Jahren vielfach Trump, Marine Le Pen oder die AfD gewählt hat, wieder für ein linkes Projekt zu begeistern. Dabei soll die Klassenpolitik aber nicht gegen eine „Identitätspolitik“ ausgespielt werden. Mit „Identitätspolitik“ sind Kämpfe für die Interessen von Minderheiten gemeint: Beispiele wären Feminismus, Antirassismus oder queere Kämpfe.

Der Sammelband bildet dabei eine über eineinhalb Jahre in der Monatszeitung ak – Analyse und Kritik geführte Debatte ab. Das heißt, die Beiträge sind kurz und beziehen sich häufig aufeinander. Dabei setzen einige einen antirassistischen Fokus (zum Beispiel Keeanga-Yamahtta Taylor), andere nehmen eher eine historische Perspektive ein (Michael Zander), wieder andere Beiträge kommen aus dem feministischen Spektrum (prominent Silvia Federici und Frigga Haug). In der zweiten Hälfte des Buchs überwiegen Beiträge aus der linken Stadtteil- und Gewerkschaftsarbeit.

„Rechtsruck und Neoliberalismus“ – die zu bekämpfenden Konzepte aus dem Untertitel des Buches – bilden dabei nur den Hintergrund, vor dem eine alte, linke Gretchenfrage verhandelt wird: Wie hältst du es mit der Klasse? Zwischen zwei Buchdeckeln vereint, wirken die vielen Debattenbeiträge leider sehr redundant. Alle paar Seiten wird von neuem erklärt, was Marx unter „Klasse“ versteht, was eine Neue Klassenpolitik sein sollte und dass eben Klassen- und Identitätspolitik beziehungsweise ökonomische und kulturelle Kämpfe nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. Viele Debattenbeiträge dekonstruieren auch die Debatte selbst, etwa wenn Torsten Bewernitz schreibt: „Dieser erstaunlichen Produktion von Konzeptpapieren müssen Taten folgen […] bevor sie niemand mehr lesen will“ (S. 147). Auch der Beitrag des Lower Class Magazines konstatiert: „Was uns jetzt fehlt, ist nicht das immer kleinteiligere Ausformulieren dieses Ansatzes in Zeitschriften und Büchern“ (S. 152), was ein reichlich seltsames Gefühl bei der Lektüre dessen erzeugt, was ohne Zweifel ein Buch geworden ist.

Das Lower Class Magazine kritisiert dann auch, es handle sich bei der Neuen Klassenpolitik um eine zu komplizierte Meta-Debatte, die die „Klasse“, um die es geht, gar nicht verstehen würde. Es stellt sich tatsächlich die Frage, für wen das Buch geschrieben ist. In vielen Beiträgen wird mit komplizierten marxistischen Begriffen und Theorien gearbeitet. Wer auf diesem Theorie-Level folgen kann, wird sich aber von den präsentierten Thesen eher unterfordert fühlen.

Erfrischend sind jene Beiträge, die die Debatte nicht von ihrem Nullpunkt her, der Definition der Klasse, wieder ganz neu aufrollen, sondern konkrete, über die Gretchenfrage hinausführende Beispiele ausarbeiten. Peter Nowak macht das anhand von „Pride“ und der außerbetrieblichen Solidarität, Fabian Namberger anhand von Streiks im Bereich der Logistik. Christian Frings analysiert die Position der Gewerkschaften in der Klassenpolitik. Mit Textstellen, die bereits mehr als 100 Jahre auf dem Buckel haben, zeigt Michael Zander, dass die Aufhebung des Widerspruchs zwischen Klassen- und Identitätspolitik schon 1891 hoch im Kurs stand, als die SPD ihr Erfurter Programm schrieb:

„Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands kämpft […] nicht für neue Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern für die Abschaffung der Klassenherrschaft und der Klassen selbst und für gleiche Pflichten aller ohne Unterschied des Geschlechts und der Abstammung“ (S. 70).

Welche Erkenntnisposition braucht eine Neue Klassenpolitik?

Silvia Federici, die für ihren Beitrag von Hannah Schultes interviewt wurde, ist wie immer äußerst lesenswert. Sie erzählt von Erfahrungen mit Frauenstreiks und der „Lohn für Hausarbeit“-Kampagne aus den 1970er-Jahren und konstatiert, Klassenpolitik und Identitätspolitik (in diesem Fall den Feminismus) als ökonomische Kämpfe auf der einen und kulturelle Kämpfe auf der anderen gegeneinander auszuspielen, sei eine „Bankrotterklärung, ein völliges Missverständnis der Art und Weise, wie im Kapitalismus unterschiedliche Positionen innerhalb der Organisation der Arbeit geschaffen werden“ (S. 94). Damit weist Silvia Federici auch in Richtung des größten Problems des Sammelbands. Ceren Türkmen fasst dieses Problem in ihrem Beitrag am besten zusammen:

„Innerhalb der internationalen Debatten reicht es nicht aus, den konzeptuell und moralisch wohlwollenden Hinweis zu wiederholen, dass eine Neue Klassenpolitik intersektional zu denken sei. Selbst in dieser Absichtserklärung liegt eine Rückfallgefahr zum Hauptwiderspruchsdenken, sofern Migration und Rassismus nur als Prozesse von Klassenspaltungen verstanden werden“ (S. 60).

An manchen Stellen hat die Leserin das Gefühl, dass Beiträge von der falschen Seite an das richtige Problem herangehen. Das gegeneinander Ausspielen von Klassen- und Identitätspolitik als falsch anzusprechen ist zunächst richtig. Eine Sackgasse ist aber, das Problem von der Erkenntnisposition einer homogenen Arbeiterklasse aus anzupacken. Die Rede von „Spaltungslinien“ in der Klasse, die man nicht „ignorieren“ könne (S. 189) ruft erst wieder das Phantasma einer ursprünglich homogenen Klasse auf, die nachträglich gespalten wurde und die sich wieder vereinen sollte. Mag Wompel schreibt in ihrem Text von einer nötigen Vereinigung unter der „Lohnarbeit als größten gemeinsamen Nenner“ (S. 162). Selbst wenn sie im nächsten Halbsatz wieder von den verschiedenen Identitäten spricht, die zu akzeptieren wären, hat sie damit den „Hauptwiderspruch“ wieder an die Wand gemalt.

Klassenpolitik (die „vereinte Klasse“) wieder als Hauptwiderspruch gegen die „Nebenwidersprüche“ der Identitätspolitik (die „gespaltene Klasse“) auszuspielen, ist nicht das bewusste Anliegen der Autor*innen und Herausgeber*innen, das ist klar. Trotzdem schreibt Sebastian Friedrich in seiner Einleitung, „auch die Konzentration der ‚Kulturlinken’ auf die notwendigen, aber meist eindimensionalen Kämpfe gegen Rassismus, Sexismus und Nationalismus“ (S. 15) sei mit ein Grund für die Abkehr der Linken von der Klassenfrage. Von solchen unglücklichen Formulierungen (aus der Feder weißer Männer) können sich Vertreter_innen von Kämpfen aus dem Reich der „Nebenwidersprüche“ sehr angegriffen fühlen und das verfehlt genau den Anspruch des Buchs.

Wie Freud’sche Verschreiber weisen diese Formulierungen darauf hin, dass im Unbewussten der deutschen Linken eine weiße, männliche Perspektive vorherrscht und sie sich deswegen eine homogene Arbeiterklasse konstruiert, wie auch Peter Nowak bemerkt (S. 184). Sein Beitrag ist wie der von Ceren Türkmen, Silvia Federici und einige andere hellsichtiger als manche andere. Auch Martin Birkners Analyse ist hier wertvoll. Klassenpolitik ist für ihn „Politik gegen das Zur-Klasse-gemacht-werden“ (S. 195). Das ist sehr sinnvoll, geht doch eine antirassistische Politik auch nicht von der „Rasse“, feministische Politik nicht von der „Frau“ beziehungsweise dem „Geschlecht“ als gegeben aus.

Klasse entstehe nicht auf dem Reißbrett, schreibt auch Sebastian Friedrich in der Einleitung: „Klasse basiert nicht nur auf einer ähnlichen Klassenposition, sondern auf gemeinsamen Erfahrungen, gemeinsamem Handeln, einer gewachsenen kulturellen Praxis“ (S. 18). Einige Debattenbeiträge spielen sich allerdings leider auf dem Reißbrett ab – auf dem Reißbrett linker Autor*innen, die sich ihre Klasse imaginieren. Es ist schade, dass dieses Problem – dieses Spannungsfeld zwischen unbewusstem Klassenreduktionismus in der Linken und einer wirklichen Neuen Klassenpolitik – nicht in der Rahmung des Buchs thematisiert wird.

Vielstimmig im Kanon

Zeitgemäß wäre, wie manche Beiträge es vormachen, den umgekehrten Weg einzuschlagen: Nicht zu fragen, wie das imaginierte revolutionäre Subjekt „Arbeiterklasse“ von den Rechten zurückgewonnen werden kann, sondern von den konstitutiven „Spaltungslinien“ her die Klassenfrage zu denken. Der Vorschlag wäre dann nicht zu sagen: Hier haben wir eine Klasse, aber sie ist gespalten, und erst, wenn sie ihren gemeinsamen Bezugspunkt (Klassenverhältnis/Hauptwiderspruch) begreift, kann sie kämpfen, sondern umgekehrt vorzugehen. Ceren Türkmen weist auf diese andere Richtung hin, wenn sie schreibt, für Migrant_innen „stellt der Faktor ‚race’ vielmehr das soziale Verhältnis dar, durch das sie ‚Klassenerfahrungen’ machen. Nicht umgekehrt. Und gerade das hat die Linke bisher zu wenig betont“ (S. 62).

Der umgekehrte Weg bedeutet also zu sagen: Hier haben wir verschiedene unterdrückte Gruppen. Sie sind keine homogene Klasse. Was ist der stärkste Antrieb für sie zu kämpfen, welche Gemeinsamkeiten können sie finden und was kann die Linke von ihnen lernen, wo kann sie unterstützen? Das privilegierte Erkenntnissubjekt für eine Neue Klassenpolitik ist tendenziell weiblich und/oder queer, nicht weiß und nicht unbedingt gesund. Wenn diese mehrfach ausgebeuteten Subjekte sich organisieren, sind sie stärker als die Überreste der weißen Arbeiterklasse, die dann wahrscheinlich froh sein werden, in das gemeinsame Lied wie in der walisischen Gemeindehalle in „Pride“ einzustimmen.

Johanna Tirnthal / kritisch-lesen.de

Sebastian Friedrich / Redaktion analyse & kritik (Hg.): Neue Klassenpolitik. Linke Strategien gegen Rechtsruck und Neoliberalismus. Bertz + Fischer, Berlin 2018. 220 Seiten. ca. 17.00 SFr., ISBN: 3865057527

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Liberal sein oder nicht sein

Erstellt von DL-Redaktion am 14. Dezember 2018

Die Existenzkrise der Republik

File:Reichstag berlin.jpg

von Jens Hacke

Bald 30 Jahre nach der globalen Zäsur von 1989 und hundert Jahre nach Beginn der Weimarer Republik befindet sich die liberale Demokratie global wie national in einer tiefen Krise. Spätestens seit der Wahl Donald Trumps hat sich auch die Zeitdiagnostik dramatisch eingetrübt. Der Westen befindet sich in Auflösung, so lautet der nahezu einhellige Befund, und man nimmt Abschied von der selbstgewissen Fortschrittsidee, die das epochale Buch von Francis Fukuyama zum Ausdruck brachte.[1] Seine Hoffnung auf ein liberales Ende der Geschichte, nach dem es „keine ideologische Konkurrenz mehr zur liberalen Demokratie“ geben sollte[2] – eine durchaus repräsentative Stimmungslage nach Beendigung des Kalten Krieges –, hat sich als ebenso trügerisch erwiesen wie die Erwartung, dass die kapitalistisch induzierte Globalisierung quasi automatisch die Entwicklung hin zu demokratisch verfassten, offenen Gesellschaften fördern müsse. Viele liebgewonnene Muster aus der Zeit des großen Booms, der trente glorieuses, sind mittlerweile fraglich geworden. Das institutionelle Arrangement von parlamentarischer Demokratie, kapitalistischer Ökonomie und Wohlfahrtsstaat hat sich als fragiler herausgestellt, als der weitreichende Konsens einer sozialliberalen Reformpolitik suggerierte. In unübersehbarer Weise werden demokratische Verfassungsordnungen in Mittel- und Osteuropa ausgehöhlt und manipuliert; Polen und Ungarn liefern hier eindrückliche Beispiele. Autoritäre Regierungsformen scheinen auf dem Vormarsch, und auch der Populismus bleibt ein Dauerthema. Und der zur Zeit des Cold War Liberalism angenommene Konnex zwischen kapitalistischer Marktwirtschaft und liberaler Demokratie ist bezogen auf Russland oder China alles andere als zwingend.

Kurzum: Die Selbstverständlichkeit, mit der lange Zeit die Stabilität, Vernünftigkeit und auch die universale Übertragbarkeit der liberalen Demokratie mitsamt ihrer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung angenommen worden ist, hat sich verflüchtigt. Das Misstrauen gegenüber supranationalen Institutionen, die Sehnsucht nach kraftvoller politischer Führung im Nationalstaat, die Kritik am Parteiensystem, die Angst vor dem Fremden – diese nicht nur beiläufigen Phänomene rufen vertraute Problemkonstellationen auf, die wir längst dauerhaft überwunden glaubten. Nicht selten ist von einer Wiederkehr der 1930er Jahre die Rede, als der Radikalnationalismus triumphierte und sich die liberale Demokratie endgültig in einer Existenzkrise befand.[3] Autoritäre Praktiken der Gewalt, eine postfaktische Politik der Lüge, propagandistische Geschichtsklitterung und eine neue Begeisterung für die „illiberale Demokratie“ sind im Aufwind, und die Anwälte der liberalen Demokratie sehen sich auf einmal massiv in die Defensive gedrängt.

Zwar sollte man sich hüten, bei jedem Krisenanzeichen die Wiederkehr Weimarer Verhältnisse zu beschwören oder die Katastrophenszenarien der Zwischenkriegszeit zu bemühen, als ökonomische, staatliche und internationale Ordnungssysteme nach und nach zerbrachen. Doch in mancherlei Hinsicht scheinen die Hoffnungen des demokratischen Liberalismus nach 1989 nicht weniger illusionär als diejenigen rund sieben Jahrzehnte zuvor.

Auch der „Wilsonian Moment“ von 1918 war von dem globalen Optimismus erfüllt, dass liberaler Internationalismus und demokratische Selbstbestimmung der Nationalstaaten zum beherrschenden Paradigma einer neuen Weltordnung würden.[4] Im Kontrast zum alsbald grassierenden Nationalismus und zu den autoritär-faschistischen Bewegungen hielten die intellektuellen Vertreter einer liberalen Internationale am Gedanken des Völkerbundes und an der Hoffnung auf europäische Versöhnung und supranationale Kooperation ebenso fest wie am Leitbild der parlamentarischen Demokratie. Sie waren vor allem von ihrer normativen Überlegenheit und der Evidenz ihrer besseren Argumente überzeugt.

Die Anhänger der Völkerbundidee hatten nach dem Ersten Weltkrieg unablässig für die „Parlamentarisierung“ der internationalen Politik geworben, um im Medium des Verhandelns berechenbare Interessenpolitik anstatt „Herrschaftspolitik“ zu betreiben. Sie setzten auf Rationalität und die pazifizierende Wirkung einer Politik des Ausgleichs und der allseitigen Kompromissbereitschaft, weil Liberale weiterhin mit der Staatsraison und der Vernunft der Akteure rechneten. Dieser Vorstellung lag die Idee zugrunde, dass die westlichen Siegermächte die Grundzüge einer neuen Weltordnung bestimmen könnten. Damals herrschte in liberalen Kreisen die verbreitete Auffassung, dass sich Politik und Gesellschaft ohnehin auf dem Weg ins Zeitalter der demokratischen Gleichheit befänden. Spätestens seit Tocquevilles epochalen Studien über die Demokratie in Amerika gewann die Überzeugung an Boden, dass der Demokratisierungsprozess grundsätzlich nicht aufzuhalten, allenfalls zu bremsen oder zu kanalisieren sei. Der Untergang des Kaiserreichs ließ sich als Konsequenz einer natürlichen Tendenz Richtung Demokratie interpretieren. Es hatte also den Anschein, als ob die Startbedingungen für den fortschrittlichen Liberalismus und für die liberale Demokratie insgesamt günstig waren. Doch dieses Modell fiel in den 1930er Jahren ebenso in sich zusammen wie das Vertrauen in die Stabilität und in die Selbststeuerungskapazität der parlamentarischen Demokratie. Im Rückblick mutet es kurios an, dass die Geburt der Weimarer Republik als Verwirklichung liberaldemokratischer Verfassungsziele just in dem Moment erfolgte, als die bürgerliche Epoche ihr Ende fand und die Massenmobilisierung des Antiliberalismus unter demokratischen Bedingungen ungeahnte Kräfte entfaltete.

Nicht zuletzt unterlag die Demokratiesemantik in den wenigen Jahren der Weimarer Republik heftigen konjunkturellen Schwankungen: Unmittelbar nach der Kriegsniederlage, im Zuge der Verfassungsgebung, stand die Demokratie – zumindest in der politischen Rhetorik – bis ins Lager der Konservativen hoch im Kurs; späterhin, in den Krisen der Republik, geriet der Demokratiebegriff wieder in Misskredit und drohte im Strudel des virulenten Antiliberalismus zu versinken. In den damaligen Debatten lassen sich – bei allen situativen Unterschieden – markante Strukturanalogien zu heute entdecken, die uns heute bei der Suche nach neuen und besseren Begründungen der Demokratie helfen können.

1918/19 – der kurze Triumph der Demokratie

Die liberale Demokratie zu unterstützen, das bedeutete in der Zwischenkriegszeit ein Eintreten für den Parlamentarismus, das repräsentative System, Gewaltenteilung, Rechtsstaat, Menschen- und Bürgerrechte. Und angesichts der politischen Mehrheitsverhältnisse und der im Großen und Ganzen relativ breiten Akzeptanz der neuen Republik schienen die Prognosen für die liberale Demokratie gar nicht schlecht. Der politische Erdrutsch im Oktober und November 1918 hatte vieles obsolet gemacht, was über Jahre auf der Reformagenda des fortschrittlichen Liberalismus gestanden hatte und Gegenstand zäher Auseinandersetzungen gewesen war: der Kampf gegen das preußische Dreiklassenwahlrecht, die Kritik an der Prärogative des Kaisers, die Forderung nach parlamentarischer Regierung in der Monarchie. Dies alles war mit der Novemberrevolution und der Einsetzung des Rates der Volksbeauftragten Makulatur geworden. „Über Nacht“ sei Deutschland, so Ernst Troeltsch, „zur radikalsten Demokratie Europas geworden“, und die Anerkennung der Weltkriegsniederlage nötige zur „Angleichung an die übrige politische Welt“.[5] Die Demokratie, deren Siegeszug Troeltsch für unaufhaltsam hielt, war die Losung der Stunde. Allerdings war völlig offen, was genau unter Demokratie zu verstehen sei und inwiefern die Demokratie zu Integration, Kompromissfindung und konstruktiver Problemlösung in der Lage sein – und wie schnell sie daran scheitern würde.

Wenn man also 1918/19 von einem Triumph der Demokratie sprechen kann, dann war dieser ausgesprochen kurzlebig – und vor allem löste er gerade unter den besiegten Nationen wie Deutschland keine den späteren Epochenjahren 1945 und 1989 vergleichbaren Befreiungsgefühle aus. Denn auch wenn den Sozialdemokraten und Liberalen langgehegte verfassungspolitische Ziele nun in den Schoß fielen, waren die Novemberrevolution und der politische Umbruch zugleich mit dem Stigma von Niederlage und Verlust belegt. Die politische Erbschaft des Kaiserreichs wurde in bedrängter außenpolitischer Lage sogleich zu einer Aufgabe, die, gemessen an den durch Kriegsagitation und nationale Selbstüberhebung über Jahre gesteigerten Erwartungen, nur in Enttäuschung enden konnte.

Hinzu kam, dass der überhitzte ideologische Gegensatz zwischen liberaler Demokratie und monarchischer Autokratie sich erst in jüngster Zeit gebildet hatte und in seinen Verzerrungen auch die unmittelbare Nachkriegszeit vergiftete. Die Alliierten waren gegen die Mittelmächte nämlich noch gar nicht im Namen der Demokratie angetreten. Die Idee der westlichen Demokratie hatte sich erst im Propagandakrieg herausgebildet, und es ist notwendig, daran zu erinnern, dass die westlichen Demokratien in dieser Zeit selbst erst wesentliche Gleichheitsforderungen wie das Frauenwahlrecht und die Abschaffung des Wahlzensus zu erfüllen begannen. Die „liberale Demokratie“ war somit weit davon entfernt, ein allgemein akzeptiertes Modell zu sein, sondern genau genommen nur eine unter anderen stark umkämpften Positionen.

Wie sich erweisen sollte, stellte sie zudem die größten intellektuellen Ansprüche an die Bürgerinnen und Bürger und an die Politik. Das ist bis heute so geblieben.[6] Um das Verhältnis von Demokratie und Liberalismus wurde hart gerungen; nicht wenigen galten die beiden Begriffe als Gegensatzpaar. Zudem geriet die liberale Demokratie – kaum erst verwirklicht – unter Druck, sich in eine wahrhaft soziale Demokratie zu transformieren. Denn aus dem „warfare state“ erwuchs unter den Zwängen von Demobilisierung und Kriegsfolgenmanagement der „welfare state“, und die gesteigerten Kompetenzen des Kriegsleviathans verwandelten sich in die sorgende Verantwortung des demokratischen Staates.[7]

Carl Schmitt gegen Hermann Heller

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Oben      —           Berlin – Reichstag

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Unten     —       Wahlaufruf auf der Titelseite des Illustrierten Blatts, Januar 1919: „Deutsche! Schafft nach innen und außen Klarheit.“

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Richterin statt Unterleuten

Erstellt von DL-Redaktion am 13. Dezember 2018

Juli Zeh wird Landesverfassungsrichterin

Es gibt sie also doch. SchreiberInnen welche ihre Leidenschaft mit einen Hobby vergleichen und nicht auf Kosten der Steuerzahler ihren fürstlich vergüteten Pflichtaufgaben fernbleiben, um mehr Zeit zu haben – ihren eigentlich unleserlichen Müll unter die Menschheit zu bringen. Red. DL – IE

Von Stefan Alberti

Bekannt ist Juli Zeh als Autorin zahlreicher Romane. Sie ist aber auch promovierte Juristin – und neue Richterin am Verfassungsgericht in Potsdam.

„Ich bin eine gut bezahlte Arbeitslose“, hat Juli Zeh (44) vor ein paar Wochen in einem Interview gesagt. Was sich dadurch erklärt, dass Zeh das, was sie bekannt gemacht hat, nämlich Schriftstellerei, nicht als Arbeit versteht – „also wirklich, wirklich, wirklich nicht“, sagt sie den Kollegen vom Tagesspiegel. In jedem Fall ist Zeh seit Mittwoch etwas weniger arbeitslos: Sie ist nun Richterin am Brandenburger Landesverfassungsgericht. Für die nächsten zehn Jahre hat der Landtag sie in das neunköpfige Gremium mit Sitz in Potsdam gewählt. Zeh ist dort nicht das einzige Mitglied mit Promi-Faktor: Seit 2012 ist auch „Sommer vorm Balkon“-Regisseur Andreas Dresen Verfassungsrichter.

Bei ihm geht das, weil drei Mitglieder nicht das zweite juristische Staatsexamen abgelegt haben müssen, das zum Richteramt befähigt. Zeh gehört aber nicht in diese Gruppe: Sie hat nicht nur die nötigen Examen, sondern setzte noch einen internationalen Master-Abschluss drauf und promovierte 2010 zur Dr. jur. Da war sie längst eine erfolgreiche Schriftstellerin. Ihr erster Roman „Adler und Engel“ erschien 2001 – und wurde in 35 Sprachen übersetzt.

Auch bei Wenigerlesern prominent wurde Zeh, als im Frühjahr 2016 „Unterleuten“ auf den Markt kam, dieser vielschichtige Blick auf ein fiktives Brandenburger Dorf zwischen intellektuellen Berliner Stadtflüchtern, bodenständigen Pragmatikern, Streit um Windräder und alten Geschichten von vor der Wende. Über 600.000-mal verkaufte sich das Buch. Zeh konnte da auch ihr eigenes Umfeld und die dortige Diskussion über solche Anlagen abbilden: Sie stammt zwar aus Bonn, wuchs dort auch auf, lebt aber seit mehreren Jahren in einem Brandenburger Dorf.

Quelle      :         TAZ          >>>>>         weiterlesen

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Grafikquelle     :         Juli Zeh in 2006

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German Angst

Erstellt von DL-Redaktion am 11. Dezember 2018

Die ganz große Kleine-Leute-Koalition

Kolumne von Sonja Vogel

Wir haben die kleinen Leute verlassen, um noch kleinere Leute zu werden. Und wir haben Sehnsucht – aber wir haben nichts zu bieten.

„Wir haben die kleinen Leute verlassen, um noch kleinere Leute zu werden“ – so kommentiert ein Freund die frisch entflammte Liebe vieler Linker und Liberaler zu den Gelbwesten, diesen kleinen Leuten

Denn: Sind nicht gerade jene, denen jetzt das Herz aufgeht, aus der Provinz, der kleinen Welt dieser Leute geflohen? Ich habe das auch getan. Weil ich es konnte. Gelandet bin ich in einer noch kleineren Provinz – nicht so Charlotte-Roche-digital-detox-totale-Entschleunigung-kein-Arzt-kein-Bus-juchuh-mäßig, sondern, um mein Leben zu finanzieren. Hört sich groß an, ist jedoch furchtbar klein.

Wir haben die kleinen Leute verlassen, um noch kleinere Leute zu werden. Diese kleinen Leute bleiben Sehnsuchtsort und Maß im Sinne dieses gesellschaftlichen Zusammenhalts. Der hieß mal Volksgemeinschaft, Einheit und jetzt nur noch Demokratie. Horst Seehofer sagte zum Antritt, die neue Regierung werde „eine große Koalition für die kleinen Leute“ sein. Die Sozialdemokratie hat sie verraten, die AfD hat sie entdeckt, die Seite 3 möchte sie verstehen: Wer sind sie, was wollen sie, warum so angry? Sie sind eine Klasse, die durch die Rede von oben herab geformt wird.

Wir haben die kleinen Leute verlassen, um noch kleinere Leute zu werden. Das Unwohlsein, der Klassendünkel, schwingt immer mit, wenn wir über sie sprechen. Von „der sozialen Verachtung, die dieser Bewegung entgegenschlägt“ schrieb Édouard Louis in seinem viralen Text „Wer sie beleidigt, beleidigt meinen Vater“. So sind die kleinen Leute Heilige wie Huren, eben auch Pack, die Homophoben, Rassistinnen und Wutbürger, feuchter Traum der globalisierten Rechten, jene, die aus berechtigter Empörung über Chancenlosigkeit von der sozialen zur nationalen Frage kommen. Ist es da klein, sich radikal abzugrenzen oder – ist Solidarität genau das: sich mit einem Kampf gemein machen, der nicht der eigene ist?

Dieses unser Scheitern

Qoelle      :       TAZ          >>>>>          weiterlesen

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Grafikquellen       :

Oben     —          Demonstration in Belfort am 1. Dezember 2018

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Unten      —      Édouard Louis auf der Frankfurter Buchmesse 2017

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Die Linke ohne Rassismus

Erstellt von DL-Redaktion am 15. November 2018

Warum die Linke der Versuchung widerstehen muss, sich fremdenfeindlicher Rhetorik zu bedienen.

Der folgende Text des britischen Politikwissenschaftlers Colin Crouch erschien am 2. Oktober 2018 unter dem Titel “Why The Left Must Resist Wanting A Piece Of The Xenophobic Action” auf dem englischsprachigen Webportal “socialeurope”. Mit freundlicher Genehmigung von socialeurope veröffentlicht Europa.blog hier eine deutsche Übersetzung des Textes von Colin Crouch.

Quelle  : europa.blog

Beitrag von Colin Crouch

Seit 2008 träumt die Linke in der fortgeschrittenen Welt von einem Volksaufstand gegen die neoliberale Elite, die uns den Finanzcrash brachte. Nun, da der Aufstand gekommen ist, ist er aber fast vollständig von der extremen Rechten okkupiert worden, die Feindseligkeit gegenüber Einwanderern, der Europäischen Union, anderen Formen der internationalen Zusammenarbeit, der Globalisierung und Ausländern im Allgemeinen mobilisiert.

Während die Linke den öffentlichen Zorn für Klassenziele nutzen will, fragen einige, ob sie nicht durch die Einbeziehung einiger dieser hochwirksamen Themen eine entscheidende zusätzliche Anziehungskraft gewinnen kann: Immigranten senken die Löhne; die EU ist ein kapitalistischer Club; der Handel mit China zerstört Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe. Die Führungsspitze der britischen Labour Party ist eindeutig auf die Unterstützung des Brexit eingeschwenkt. In Deutschland wurde mit Aufstehen eine neue Bewegung ins Leben gerufen, um die Anti-EU- und Anti-Immigranten-Stimmung auf der linken Seite zusammenzuführen. Ähnliches Grollen kommt aus Dänemark, Italien und anderen Ländern.

Die Antwort ist “NEIN!”, aus vier Gründen.

Erstens sollte Fremdenfeindlichkeit für die Linke moralisch inakzeptabel sein. Das ist nicht ganz einfach. Viele, wahrscheinlich die meisten, historischen Moralvorstellungen sind in den gemeinsamen Identitäten von Gemeinschaften verwurzelt, Normen für gutes Verhalten, die an die Mitgliedschaft in der Gruppe gebunden sind, ja sogar Ausweise für sie sind. Diese Art von Moral erfordert eine klare Definition von Insidern und Outsidern. Die Solidarität der Arbeiterbewegungen gründete sich auf solche Identitäten. Bergleute waren Bergleute, keine Mitglieder einer breiteren Arbeiterklasse. Tatsächlich dachten die Bergleute in Yorkshire nie viel an die Bergleute in Leicestershire – ein Antagonismus, der seine letzte Konfrontation im Bergbau-Streik von 1984-85 austrug.

Aber die historische Errungenschaft der Arbeiter- und Sozialdemokratischen Parteien bestand gerade darin, diese sehr partikularen Solidaritäten in breitere zu überführen – sie nicht zu zerstören, sondern sie einer breiteren klassenbasierten Moral des Universalismus unterzuordnen. Für die überwiegende Zeit des 20. Jahrhunderts bedeutete “universell” “national”. Der Grund dafür war ein Mix aus pragmatischen Überlegungen (der Nationalstaat war die Ebene, auf der die Demokratie am effektivsten etabliert werden konnte) und Appellen an Solidaritäten auf der Grundlage von Blut und Boden. Die universalistische, egalitäre Moral der Linken betonte die erstere; die ausschließenden Tendenzen der Rechten, die letztere. Die genaue Mischung spielte keine große Rolle, solange die beiden parallel vorgehen konnten, aber als der Nationalstaat seine Fähigkeit zur autonomen Regulierung des Wirtschaftsraums verloren hat, hat sich das Argument, auf den Vorrang der Nation zu bestehen, stärker auf Appelle an Blut und Boden gestützt. Daher ist die Rechte zum hauptsächlichen Profiteur des Unbehagens mit einer globalisierten Welt geworden. Um daran teilhaben zu können, muss die Linke eine universelle, egalitäre Moral zugunsten einer ausschließenden aufgeben, ein Verrat an der Noblesse ihrer Vergangenheit.

Colin-Crouch-2015.jpg

Zu behaupten, dass die Präsenz der Polen auf einem lokalen Arbeitsmarkt die Löhne der britischen Arbeiter senkt, ist keine sozialistische Kritik am Kapitalismus, sondern eine zynische Hundegjaule.

Lokal sichtbare Polen sind auf eine Weise präsent, wie die abstrakte Idee des Kapitalismus es nicht ist und so sind sie leichter zu hassen.

Hassdelikte

Zweitens bedeutet dies auch, dass die Linke bei weitem nicht nur einen Teil der Aktion der Rechten übernimmt, sondern dass sie in diesen Punkten die Botschaft der extremen Rechten legitimiert und sich mit ihr verschwört, um die Grenzen niederzureißen, mit denen die ursprüngliche Moral des Universalismus über Jahre hinweg die Rechte in Schach gehalten hat. Es ist kein Zufall, dass Wellen von Hassverbrechen und Gewalt gegen Minderheiten auf die Abstimmung über den Brexit, die Wahl von Donald Trump und dem Eintritt der La Lega in die italienische Regierung folgten. Die Debatten um diese Ereignisse legitimierten die Verunglimpfung von Einwanderern und anderen Ausländern und Institutionen, die aufgrund der jahrzehntelangen massiven Zurückdrängung von allem, wofür Adolf Hitler stand, delegitimiert waren. Hass ist bei weitem das mächtigste menschliche Gefühl, und politisch ist er Teil der extremen Rechten. Er muss heraus gehalten werden aus einem akzeptablen Diskurses.

Drittens können einzelne Nationalstaaten eine Weltwirtschaft nicht allein regulieren. Es gibt drei mögliche Antworten darauf. Man kann dies als in Ordnung betrachten, da die Weltwirtschaft am besten außerhalb der Reichweite der Regulierung ist. Das ist die Position der extremen neoliberalen Rechten, die dann zynisch mit ihrem Einfluss hinter der nationalistischen Rechten stehen kann, weil der Nationalismus wirtschaftlich zahnlos geworden ist und sich auf Symbolpolitik beschränkt.

Eine zweite ist der Versuch, den Nationalstaat durch Protektionismus vom Globalisierungsdruck abzuschotten. Das ist der Ansatz der antiglobalen nationalistischen Rechten und Linken gleichermaßen. Sie schafft eine Welt mit reduziertem Handel, kleineren, ärmeren Volkswirtschaften und wenig Innovation, mit potenziell feindlichen Beziehungen zwischen den Staaten.

Dann kann man versuchen, Koalitionen von Nationalstaaten und internationalen Organisationen aufzubauen, die globale Transaktionen regulieren können. Das ist der Ansatz der gemäßigten Neoliberalen und Sozialdemokraten. Er ist schwierig, weil er eine Einigung über eine Vielzahl von Ländern erfordert, aber es ist der einzige Weg, die Vorteile des Welthandels mit guten Standards für Wirtschaftssteuerung zu kombinieren, um die Kernstrategie der Sozialdemokratie, den Kapitalismus sozial zur Rechenschaft zu ziehen, zu retten. Die Versuche, an Bord des fremdenfeindlichen Zuges zu steigen, hindern die Linke daran, die öffentliche Meinung zu entwickeln, die notwendig ist, um die nächste Stufe ihres universellen Kurses zu unterstützen.

Die toleranten jungen Leute

Schließlich werden bei weitem nicht alle Bürger von der fremdenfeindlichen Agenda angezogen, die selten mehr als ein Drittel der Wähler ausmacht. Jahrzehntelange offizielle Ablehnung von Fremdenfeindlichkeit in vielen Ländern hat ihre Auswirkungen gehabt. Außerdem mögen viele Menschen Hass nicht und ziehen es vor, andere Kulturen zu akzeptieren und tolerant zu sein. Diese Menschen, oft die jüngsten, gebildetsten und zukunftsorientiertesten, werden zunehmend zu einem Kernwahlkreis für die Linke. Sie werden die Träger der universalistischen Werte der Linken sein und diese auf die äußerst wichtige postnationale Ebene bringen. Eine Linke, die diese jungen Leute meidet, meidet ihre eigene Zukunft.

Es ist zur Routine geworden, dass politische Kommentatoren in vielen Meinungsäußerungen gegen “liberale Eliten” protestieren, wobei das Adjektiv mit einem Spott gesprochen wird, der sich zunehmend an das Wort “liberal” selbst klammert. Gegen illiberale und antiliberale Eliten müssen wir uns zusammenschließen. Ihre Macht wächst mit der Ausbreitung der Fremdenfeindlichkeit in Europa, den USA und anderen Ländern. Die Kräfte aller auf der linken Seite und in der Mitte sind notwendig, um sie zu bekämpfen.

Colin Crouch ist emeritierter Professor der University of Warwick und externes wissenschaftliches Mitglied des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln. Er hat in den Bereichen vergleichende europäische Soziologie und Arbeitsbeziehungen, Wirtschaftssoziologie und zeitgenössische Themen der britischen und europäischen Politik geforscht und publiziert.

Sein neuestes Buch, The Globalisation Backlash, erschien bei Polity Press/John Wiley am 19. Oktober 2018

Übersetzung: Jürgen Klute

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Oben   —    Übernahme von europa.blog

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Unten      —      https://de.wikipedia.org/wiki/Colin_Crouch auf der de:Frankfurter Buchmesse am 17. Oktober 2015

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«Der schlimmste Ort»

Erstellt von DL-Redaktion am 14. November 2018

Die Geschichte des KZ Katzbach

Quelle      :   untergrund-blättle

Von Nicolai Hagedorn / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 431,

September 2018, www.graswurzel.net

Mitten in Frankfurt am Main wurde eines der grausamsten KZ-Aussenlager des Dritten Reiches betrieben. Bis heute kämpfen private Initiativen um eine Gedenkstätte.

Glaubt man den historischen Wetteraufzeichnungen, dann war der 14. März 1945 ein milder Frühlingstag in Frankfurt. Der Zweite Weltkrieg war längst verloren, die Stadt von den alliierten Luftangriffen weitgehend zerstört, die Rote Armee hatte Pommern und Westpreussen bereits besetzt und rüstete sich für den Angriff auf Berlin. Zwei Wochen später würde die siebte US-Armee den Widerstand in der Stadt am Main endgültig gebrochen haben. Aber an diesem Mittwochmorgen konnten die Frankfurter noch ein letztes Mal zeigen, welch gute Nationalsozialisten und wie treu ergeben sie ihrer SS waren.

Am Morgen waren aus dem KZ-Aussenlager „Katzbach“, das sich mitten in der Stadt auf dem Gelände der „Adlerwerke“ befand, zwei Häftlinge entflohen. Die Adlerwerke waren bereits 1880 als Heinrich Kleyer GmbH gegründet worden und hatten bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges unter anderem Fahr- und motorisierte Dreiräder, Autos, Motorräder und Schreibmaschinen produziert. Nachdem grosse Teile des Frankfurter Werkes bei Bombenangriffen zerstört worden waren, konzentrierte man sich seit 1944 weitgehend auf den Bau von Motoren und Fahrgestellen für kriegswichtige Fahrzeuge und da die Arbeitskräfte auszugehen drohten, hatte man auch KZ-Häftlinge angefordert.

Ende Oktober 1944 schliesslich war das KZ-Aussenlager innerhalb des Gebäudekomplexes der Adlerweke eingerichtet und von 1139 Häftlingen bezogen. Das KZ mit dem Decknamen „Katzbach“, benannt nach der „Schlacht an der Katzbach“, bei der 1813 deutsch-russische Truppen während der so genannten Befreiungskriege die französischen Einheiten zurückgedrängt hatten, war eines der wenigen, die mitten in einer Grossstadt errichtet wurden. Die Räume waren von Beginn an überbelegt, insgesamt wurden bis Kriegsende, also in etwa sieben Monaten, rund 1600 Häftlinge in dem Lager unter- und zum grössten Teil umgebracht.

Zwei von ihnen, Georgi Lebedenko und Adam Golub waren an jenem Morgen aus dem KZ-Aussenlager geflohen. Weit kamen beide nicht, auch weil sich an ihrer Ergreifung „offenbar die halbe Nachbarschaft beteiligt hatte“, wie Ernst Kaiser und Michael Knorn bereits 1998 in ihrer Studie „Wir lebten und schliefen zwischen den Toten – Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit und Vernichtung in den Frankfurter Adlerwerken“ dokumentierten. Demnach wurde Lebedenko zuerst gefasst und „um 6:00 Uhr morgens“ in einer Strasse nahe den Adlerwerken im Frankfurter Stadtteil Gallus erschossen. Golub gelang es etwas länger, sich zu verstecken.

Er wurde schliesslich in der nahen Lahnstrasse im Keller eines Wohnhauses entdeckt. Rund 30 Frankfurtern, die sich auf der Strasse versammelt hatten, bot sich eine Szenerie, die die Hausfrau Maria L. nach dem Krieg in ihrer Vernehmung durch die Kriminalpolizei Frankfurt so darstellte: „Weiss (gemeint ist Martin Weiss, einer der wegen seiner Brutalität im Umgang mit KZ-Häftlingen gefürchtetsten Frankfurter SS-Männer, N.H.) begab sich in den Keller, er hatte schon einen Revolver oder eine Pistole in den Händen gehalten. Der Häftling kam aber von allein die Treppe herauf und sagte zu Weiss ‚Kamerad, nicht schiessen‘, worauf Weiss seine Pistole wieder einsteckte und nach einem herumliegenden Knüppel griff.

Auf der Strasse dann wollte er den Häftling schlagen, worauf ich vom Fenster meiner im ersten Stock gelegenen Wohnung dem Weiss zurief, er solle den Häftling nicht schlagen. Weiss liess tatsächlich den Knüppel fallen und auf der Strasse erschoss er den Betreffenden von hinten mit einem Kopfschuss.“ Georgi Lebedenko und Adam Golub waren zum Zeitpunkt ihrer Hinrichtung 21 bzw. 19 Jahre alt.

Die Geschichte des KZ Katzbach und den davon profitierenden Adlerwerken ist in mehrfacher Hinsicht exemplarisch, einerseits für die Rolle der deutschen Industrie und ihrer Manager im Dritten Reich, andererseits für den Umgang der Bundesrepublik und ihrer Institutionen mit Tätern und Opfern.

So konnten die Adlerwerke mit Hilfe der KZ-Häftlinge im Jahr 1944 den höchsten Bilanzgewinn während des Zweiten Weltkrieges verbuchen, man profitierte reichlich von den eingesetzten Zwangsarbeiter*innen, deren gesamter Arbeitswert beim Unternehmen blieb und deren Arbeitsfähigkeit man nur gerade so aufrecht erhielt – der Faschismus war auch hier Wegbereiter eines kapitalistischen Schlaraffenlands. Gleichzeitig war das Lager unter den Häftlingen berüchtigt. Die extra für diesen Zweck zusammengestellte private Wachmannschaft, die sich gemeinsam mit der SS um die Insassen kümmerte, wütete wie an kaum einem anderen Ort.

File:Gedenken-Katzbach-2015-Ffm-406.jpg

Der Häftling Zygmunt Swistak erzählte später der Journalistin Joanna Skibinska von den Bedingungen im Frankfurter KZ: „Wir waren ja im Herbst und im Winter dort und hatten nur diese Sommersträflingsanzüge. Wir besassen überhaupt keine Unterwäsche. An den Füssen trugen wir Holzschuhe, ohne Socken und auf dem Kopf eine gestreifte Mütze. Das war alles. Es war wahnsinnig kalt. (…) Dazu noch diese Behandlung, dieses ständige Schlagen. Die Treppe herauf und herunter jagen! An jeder Ecke stand ein Deutscher mit einem Stock und hat uns angetrieben.“

Ein anderer Überlebender, Andrzej Branecki, der zuvor bereits die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Mannheim kennengelernt hatte, betonte: „In Buchenwald haben wir untereinander von Dachau als einem ‚Sanatorium‘ gesprochen. Und Frankfurt war später der schlimmste Ort, an dem ich in meinem ganzen Leben gewesen bin“ Auch der ebenfalls mit Auschwitz-Erfahrung nach Frankfurt verschleppte Wladyslaw Jarocki bestätigte: „Die Adlerwerke waren viel schlimmer als ein Lager, das war ein Todeskommando! Die Sterblichkeitsrate war unheimlich hoch – durch Läuse und Hunger. (…) Ich wog 40 Kilo! Die Suppe bestand aus Pressrückständen von Zitronen und Kartoffelschalen aus der SS-Küche. Diese Abfälle haben sie in einen Kessel geworfen und gekocht – oder auch nicht. (…) Unsere Holzschuhe legten wir vor dem Einschlafen auf der Pritsche unter den Kopf wie ein Kissen. Wir hatten nicht einmal ausreichend Decken. Manchmal standen die Bretter dieser Pritschen so weit auseinander, dass man das Gefühl hatte, man schliefe auf einer Leiter. Das kann man nicht beschreiben.“

Kurz vor Kriegsende wurden die Häftlinge evakuiert. Am 13. März 1945 wurden etwa 500 von ihnen in das KZ Bergen-Belsen verbracht, acht davon überlebten das Kriegsende rund sechs Wochen später. Am 24. März 1945 begann für die übrigen rund 400 Häftlinge der so genannte Evakuierungsmarsch von Frankfurt nach Buchenwald, wo knapp vier Wochen später nur rund 40 von ihnen ankamen und kurz darauf von der US-amerikanischen Armee befreit wurden.

72 Jahre später spricht die Künstlerin Stefanie Grohs im Frankfurter Nordend von einer Aktion, die sie im Jahr 2015 durchgeführt und bei der sie im Stadtgebiet rund 1600 Stoffbinden an Baumstämmen angebracht hatte. Die gestreiften Binden orientierten sich an der Häftlingsbekleidung, sorgten in der Stadt monatelang für Aufsehen und sollten laut Grohs die rund 1600 Todesopfer des Frankfurter KZs repräsentieren. „Alles hat damit angefangen, dass ich die Geschichte meiner eigenen Familie nachvollziehen wollte, die allerdings eher im Bereich des Tätervolks angesiedelt ist“, erzählt sie im Gespräch, „und bei der Recherche bin ich dann in der Gedenkstätte in Auschwitz gelandet, was so ein Schockerlebnis war, dass ich das starke Bedürfnis entwickelt habe, mich dazu zu positionieren.“ Von der ehemaligen Existenz eines KZs in Frankfurt habe sie erst später erfahren und festgestellt, „dass es unglaublich viele Menschen in der Stadt gibt, die das nicht wissen, auch Leute die ihr ganzes Leben hier verbracht haben.“ Deshalb habe sie überlegt, wie diese Tatsache in das Bewusstsein der heutigen Bevölkerung zu bringen sei und so sei die Idee mit den Stoffbinden entstanden.

Nachdem die Stadt Frankfurt jahrzehntelang eher daran interessiert gewesen sei, Katzbach totzuschweigen, freut sich Grohs darüber, dass mit ihrem und zwei weiteren Kunstprojekten, die finanziell unterstützt worden waren, auch das Interesse der aktuellen Stadtregierung an zumindest einem aktiven Erinnern sichtbar geworden sei, sie mahnt aber auch: „Das sind allerdings nur temporäre Kunstaktionen gewesen und das reicht nicht.“

Neben ihrem künstlerischen Engagement ist Grohs auch Mitglied eines Fördervereins, der sich für die Errichtung einer Gedenkstätte zum KZ Katzbach einsetzt.

Die „Initiative gegen das Vergessen“ kämpft seit Mitte der 90er Jahre um ein angemessenes Gedenken und eine Entschädigung für die Überlebenden – erstaunlicher Weise mit einigem Erfolg. So gibt es seit November 1997 in Frankfurt einen Golub-Lebedenko-Platz, benannt nach den hingerichteten Flüchtlingen aus dem Frühjahr 1945 und man erstritt 1998 eine Entschädigung für die elf noch lebenden Katzbach-Häftlinge in Höhe von insgesamt 80.000 D-Mark von der Dresdner Bank, die 1945 Mehrheitsaktionärin der Adlerwerke war – selbstverständlich gegen den massiven Widerstand seitens Management und Aktionärsversammlung. Seit Jahren streitet der Verein nun für eine Gedenkstätte und damit für ein angemessenes Gedenken an die Opfer der staatlich organisierten Verbrechen in Frankfurt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges.

Zwar hat die Stadt mittlerweile signalisiert, dass sie an der Einrichtung einer solchen Gedenkstätte grundsätzlich interessiert sei, so „schnell“ geht das dann aber doch nicht, und so werden wohl auch die letzten Überlebenden dieser siebenmonatigen Hölle ein angemessenes Gedenken an ihr Martyrium nicht mehr miterleben.

Auf Anfrage erklärt die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig, sie „unterstütze die Initiativen darin, diesem Ort und den hier stattgefundenen Verbrechen dauerhaft zu gedenken“, allerdings sei es notwendig, „unter Berücksichtigung der in den letzten Jahrzehnten veröffentlichten Quellen und Dokumente, die Lücke zwischen den älteren Untersuchungen und heute zu schliessen“, schliesslich habe man erst „mit diesem neuen Wissen (…) eine fundierte Grundlage für eine Gedenkstätte“. Eine Historikerin am Fritz Bauer Institut sei bereits „mit der Aktualisierung des Forschungsstandes zum KZ Katzbach“ befasst.

Auch wenn alle Initiativen-Vertreter*innen im Gespräch angeben, Frau Hartwig sei es mit der Gedenkstätte durchaus ernst und sie keinesfalls die Schuldige an dem Desaster: Über 70 Jahre nach der Befreiung der Häftlinge nehmen es deutsche Behörden in guter deutscher Tradition doch sehr genau mit Forschung und fundierter Grundlage, wenn es um das Gedenken an die Opfer geht – da ist Eile offenbar nicht geboten. Mit der Rehabilitierung und Auszeichnung der Mörder hingegen konnte es gar nicht schnell genug gehen und so setzten auch die Verantwortlichen für den Frankfurter Nazi-Mordrausch ihre Karrieren nach Kriegsende weitgehend unbehelligt fort.

Ernst Hagemeier, 1944/45 „Betriebsführer“ der Adlerwerke, konnte nach kurzer Inhaftierung bereits im Juli 1948 auf seinen alten Posten als Vorstandsvorsitzender zurückkehren. Vom NS-Nachfolgestaat BRD wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Carl Goetz, von 1939 bis 1945 Vorsitzender des Aufsichtsrates der Adlerwerke, erhielt ebenfalls das Bundesverdienstkreuz.

Der „Abwehrbeauftragte“ des Unternehmens, Dr. Franz Engelmann, ebenfalls einer der Hauptverantwortlichen, wurde 1950 zum „Minderbelasteten“ erklärt und nicht weiter rechtlich belangt.

Der als Lagerführer und SS-Hauptscharführer Chef der Frankfurter Mörderbande, Erich Franz, setzte sich nach Österreich ab, ein möglicher Prozess wurde von der Wiener Staatsanwaltschaft gar nicht erst ernsthaft angestrengt, man halte „die vorliegende Sach- und Beweislage (…) für aussichtslos“, hiess es 1967 lustlos in der Begründung – trotz eindeutiger Indizien. Der mehrfache Mörder Franz wurde bis zu seinem Tod 1985 nicht mehr strafrechtlich verfolgt.

SS-Lagerkoch Martin Weiss, der Mörder des Teenagers Adam Golub und vieler weiterer Menschen, kehrte in seine rumänische Heimat zurück, wurde nicht weiter belangt und starb 1995 im Alter von 79 Jahren. Laut Kaiser und Knorn, die den Katzbach-Komplex in den 1990er Jahren als Lehrer im Rahmen eines Schülerprojektes und ohne finanzielle Hilfen aufrollten, wurden die Personalangaben des 1965 ausgestellten, für das Bundesgebiet gültigen Haftbefehls „mit derartigem Desinteresse bearbeitet, dass der zuständige Staatsanwalt im Jahre 1984 lakonisch vermerkte, damit ‚dürfte allerdings kaum jemand festzunehmen sein, selbst wenn der Schuldige auftauchen sollte.'“ (1)

Nicolai Hagedorn / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 431, September 2018, www.graswurzel.net

Fussnoten:

(1) Kaiser/Knorn: „Wir lebten und schliefen zwischen den Toten“, Campus-Verlag, Frankfurt/M. 1998

Soweit nicht anders angegeben und keine Quellenangabe (Name einer Organisation oder Internet-Adresse) vorhanden ist, gilt für die Texte auf dieser Webseite eine Creative Commons Lizenz (CC).

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Grafikquelle     :

Oben    —      Gebäude der Adlerwerke (Stahlbetonbau nach dem System von François Hennebique[1]), gesehen von der Kleyerstraße, 2007

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Klimawandel, Nazis & mehr

Erstellt von DL-Redaktion am 2. November 2018

Demonstrieren ist erst der Anfang

Neonazi 2.4.2005 München.jpg

Von Katharina Saheicha

Ein Lösungsansatz, der die Zusammenhänge unserer drängenden, systemimmanenten Probleme berücksichtigt und Wege in eine grundlegend andere Gesellschaft aufzeigt.

Zurzeit häufen sich die Probleme. Es gilt sich den aufkeimenden rechten Kräften zu widersetzen, die mit Hitlergruß durch deutsche Städte marschieren ebenso wie dem Abholzen des Hambacher Forst, durch das der Klimawandel forciert und unsere Umwelt zerstört wird, außerdem wird das Recht von Frauen über ihren Körper frei zu bestimmen durch die Existenz des Paragraphen 219 in Frage gestellt, sodass dringend dessen Abschaffung unterstützt werden muss. Darüber hinaus gibt es, neben den ganz persönlichen Problemen, noch zahlreiche weitere wie knappe Rohstoffe, Plastikmüll, Hunger, Armut, Krieg, Überbevölkerung und Gewalt gegen Frauen, denen wir uns als Gesellschaft entgegenstellen müssen.

Doch die bisherigen Bemühungen und Ansätze haben bisher nicht zum gewünschten Erfolg geführt. Daher müssen diese Strategien und Ansätze überdacht werden. Es fällt jedoch auf, dass scheinbar gewisse Zusammenhänge zwischen den diversen Problemen bestehen. So leugnen die wiedererstarkten rechten Kräfte alle, ob Trump, UKIP in UK oder AfD in Deutschland, den Klimawandel, zumindest den von Menschen verursachten, obwohl dieser bereits wissenschaftlich erwiesen ist. Darüber hinaus sind diese rechten Kräfte ausgesprochen frauenfeindlich wie Trump immer wieder recht anschaulich vermittelt.
Daher versucht das Buch „Save the World: Wege aus dem Trump-Desaster und dem Klimawandel“ Antworten zu finden, indem zunächst das verbindende Element identifiziert wird, das den diversen Problemen zugrunde liegt, um die Zusammenhänge zu verstehen. Einige machen bereits das kapitalistische System verantwortlich, doch wir müssen noch etwas tiefer gehen, denn das kapitalistische System ist nur eine Ausprägung der bestehenden patriarchalen Gesellschaft mit ihrem Wunsch nach Macht, dem daraus resultieren Besitzstreben sowie der damit verbundenen hierarchischen Struktur. Im Grunde steht uns unsere hierarchisch strukturierte Gesellschaft im Wege, denn nur in solch einer besteht der Wunsch nach Gewinn, um sich von anderen abzugrenzen und damit in der Hierarchie höher zu rücken. Dadurch wird die Ausbeutung und damit die Zerstörung unserer Umwelt oder anderer Menschen zum Teil des Systems, das wir daher dringend hinter uns lassen müssen, um eine Zukunft zu haben. Unsere Probleme sind systemimmanent. Somit können unsere Probleme nicht wirklich im patriarchalen System gelöst werden.
File:Karikatur von Gerhard Mester zum Thema Klimawandel gibt es nicht O12816.jpg
Viele meinen jedoch, dieses Verhalten liegt in der Natur des Menschen, sodass es somit keine wirkliche Alternative geben kann. Doch ein kurzer Blick in die Vergangenheit der Menschheit und auf noch bestehende Mutter zentrierte Gesellschaften zeigt, dass dies eben nicht immer so war, wie oft behauptet wird, sondern dass eine Gesellschaft sehr wohl ohne hierarchische Strukturen auskommen kann und das Streben nach immer mehr nicht von der Natur vorgegeben ist. Das gibt schon einmal Anlass zur Hoffnung. Doch wie könnte eine solche Gesellschaft heute für uns im Detail aussehen? Und noch viel wichtiger, wie können wir eine solche Gesellschaft erreichen?

Quelle      :     Der Freitag >>>>> weiterlesen

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Grafikquellen    :

Oben     — Neonazi rally in Munich on April 2, 2005

  • CC BY-SA 3.0view terms
  • File:Neonazi 2.4.2005 München.jpg
  • Created: 2 April 2005

 

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Unten      —        Karikatur von Gerhard Mester zum Klimawandel

Source Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V.
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Kolumne Lügenleser

Erstellt von DL-Redaktion am 16. Oktober 2018

Die Höcke-Bewacher der Buchmesse

Kolumne von Juri Sternburg

Am Freitag hielt Björn Höcke eine Veranstaltung bei der Frankfurter Buchmesse ab. Polizei und Veranstalter verhinderten Proteste und Berichterstattung.

Zuerst die bekannten News: Erneut hat die Frankfurter Buchmesse dafür gesorgt, dass ein geistiger Brandstifter wie Björn Höcke die Außendarstellung der größten Literaturveranstaltung Deutschlands bestimmt. Ein Mensch, dessen Denken in der Endkonsequenz bei der Verbrennung von Büchern landet. Wäre Martin Sonneborn nicht als Stauffenberg verkleidet erschienen, der Protest dagegen wäre unsichtbar geblieben.

Nun zu den bisher unbekannten Informationen: Die Buchmesse und die Polizei haben am vergangenen Freitag, an dem Höcke eine angeblich öffentliche Veranstaltung abhielt, alles dafür getan, Journalisten, Aussteller, Autoren und Verleger davon abzuhalten, an dieser teilzunehmen.

Alles beginnt gegen 13 Uhr, als mehrere Teilnehmer sich zu dem Raum bewegen, in dem Höcke später auftritt. Wir wollen schauen, wo sich der Saal befindet, um später nicht suchen zu müssen. Wir finden ihn und wollen wieder gehen, als Polizisten uns umringen. Eine „rein zufällige“ Personenkontrolle, teilt man uns mit. Wir weisen uns als Aussteller und Journalisten aus. Man notiert unsere Daten. Ein Affront im Endeffekt – verglichen mit dem, was noch folgen sollte, allerdings eher harmlos.

Wer nicht „ins Bild“ passt, wird hinausgeworfen

Quelle    :       TAZ       >>>>>        weiterlesen

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Grafikquelle      :         Höcke im Thüringer Landtag (2016)

 

 

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Thilo Sarrazins Übernahme

Erstellt von DL-Redaktion am 8. Oktober 2018

„Feindliche Übernahme“ – eine Laudatio

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Von Kristian Stemmler / lcm

Der renommierte Islamwissenschaftler Thilo „das Schwert“ Sarrazin hat endlich sein lang erwartetes zweites Buch vorgelegt, das natürlich die Bestsellerlisten von Flensburg bis Palermo bereits vor Erscheinen anführte.

Das fast 500 Seiten starke und entsprechend schwergewichtige Werk ist auf den Buchmärkten eingeschlagen wie eine Bombe, soweit der Vergleich in diesem Zusammenhang noch erlaubt ist. Schon der Titel verspricht die Spannung eines guten Thrillers. „Feindliche Übernahme“, Untertitel: „Wie die Gesellschaft den Fortschritt des Islam bedroht“ oder so ähnlich.

Wie schon in seinem längst kanonisch gewordenen, vor nahezu einem Jahrzehnt erschienenen Opus „Deutschland schafft sich ab“ überrascht der begnadete Autor die Öffentlichkeit mit atemberaubenden Enthüllungen aus der muslimischen Welt, so dass das Buch auch mit Fug und Recht „Inside Islam“ hätte heißen können. Mit der ihm eigenen Akribie, die einem ehemaligen Berliner Finanzsenator und Bundesbankvorstand gut ansteht, weist Sarrazin unter anderem nach:

  • Der Gebetsruf eines Muezzin kann im Extremfall mit 130 Dezibel den Lärmpegel eines startenden Düsenjets übertreffen. Dies könne, so der Bestsellerautor, nachhaltige Gehörschäden am deutschen Volkskörper verursachen, so dass nachher womöglich niemand mehr gehorchen will.
  • Die deutsche Schweinezuchtindustrie wird, dies kann Sarrazin mit exklusivem Material eindeutig belegen, über Mittelsmänner von arabischen Clans beherrscht. Die Schweine werden bewusst mit Hormonen geimpft, die wiederum dafür sorgen, dass deutschen Männern zunehmend Brüste wachsen. „Dies ist der wahre Grund, weshalb Muslime kein Schweinefleisch essen“, so der Experte.
  • Körperbedeckungen wie die Burka und Niqab würden von muslimischen Frauen nur deshalb getragen, weil diese im Schnitt hässlicher seien als die Frauen indoeuropäischer Prägung. Sarrazin vergisst hier für einen Moment seine gute Erziehung und schreibt von „Schleierschlampen“, was ihm aufgrund seines emotionalen Engagements für die gute Sache nachzusehen ist.

Zahlreiche weitere Enthüllungen ähnlichen Kalibers halten den Leser bis zur letzten Seite bei der Stange, zumal der Politrentner, im Schlusskapitel den geheimen Plan des Islam zur Übernahme Deutschlands aufdeckt. Verblüffend einfach und durchschaubar sei der Plan der Verschwörer eigentlich, so schreibt er. Die Übernahme werde schleichend über den muslimischen Teppichhandel abgewickelt. Mit aggressiven Werbemethoden, dem Einsatz von Drückerkolonnen und Erpressungen würden immer mehr Deutschen, die eigentlich nur einen Läufer kaufen wollten, zwei bis drei Perserteppiche angedreht.

Mit vielen Statistiken und Grafiken zeigt Sarrazin auf 40 Seiten, wie diese Strategie in wenigen Jahren dazu führt, dass sämtliche Häuser und Wohnungen der deutschen Bevölkerung bis zur Decke mit Teppichen gefüllt sind, was die Wohnqualität massiv beeinträchtige und so gute wie alle Haushalte in die Insolvenz führen werde. Dann sei die Zeit reif, dass die muslimische Mafia eine Teppichtheokratie hierzulande errichte.

Eine Schwäche hat das neue Werk des neuen präceptor germaniae allerdings. Angesichts des Titels „Feindliche Übernahme“ dürfte sich der eine oder andere Leser fragen, wie ein Land übernommen werden soll, das sich bereits vor acht Jahren abgeschafft hat.

Soweit nicht anders angegeben und keine Quellenangabe (Name einer Organisation oder Internet-Adresse) vorhanden ist, gilt für die Texte auf dieser Webseite eine Creative Commons Lizenz (CC).

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Grafikquelle     :

Thilo Sarrazin, at the presentation of his book „Deutschland schafft sich ab“

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Ende mit Gemütlichkeit

Erstellt von DL-Redaktion am 7. Oktober 2018

HistorikerInnen warnen vor Rechtspopulismus.

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Was ist daran falsch?

Von Stefan Reinecke

Die Zeit, in der Geisteswissenschaftler der Gesellschaft den Weg wiesen, ist vorbei. Das machtkritische „J’accuse“ ist out. Für moralische Interventionen aller Art ist change.org zuständig, ein Unternehmen, das Geld damit verdient, dass andere die Welt verbessern wollen. Heutzutage protestieren Professoren (Professorinnen weniger) eher, wenn die Regierung es versäumt, Flüchtlinge an der Grenze zurückzuweisen. Es ist nicht klar, wann der Historikerverband zuletzt eine politische Warnung veröffentlicht hat. Es ist offenbar so lange her, dass sich auch HistorikerInnen, deren Metier das Gedenken ja ist, sich nicht mehr daran erinnern können. Insofern ist die „Resolution zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie“, die der Fachverband der Historikerinnen und Historiker kürzlich in Münster beschloss, ungewöhnlich (zu finden auf der Homepage des Verbands der Historiker und Historikerinnen unter „Verband“ und dann unter „Stellungnahmen“).

Es gebe „maßlose Angriffe“ auf die Demokratie, heißt es dort. „Heutige Beschimpfungen von Politikern als ,Volksverräter‘ oder der Medien als ,Lügenpresse‘ nehmen die antidemokratische Sprache der Zwischenkriegszeit wieder auf“, so die Resolution. Auch dass Parteien behaupten, „einen einheitlichen Volkswillen“ zu vertreten, erinnere bedenklich an die Weimarer Republik und den Aufstieg der Nazis, die das für sich reklamierten. Bei der NS-Zeit gelte es auf Quellen zu beharren und kritisch gegenüber „alternativen Fakten“ zu sein. Auch Migration wird erwähnt, die Gesellschaften historisch gesehen nützlich gewesen sei. Angesichts eines Bundesinnenministers, der Migration zur „Mutter aller Probleme“ erklärt, ist das ein fälliges Korrekturzeichen – auch von HistorikerInnen. Die AfD wird nicht namentlich erwähnt – aber es ist klar, dass die VerfasserInnen der Aufstieg des Rechtspopulismus umtreibt.

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Patrick Bahners ließ in der FAZ an dem Aufruf kein gutes Haar. Er sei oberlehrerhaft. Ein Text, der Migration, Kolonialismus und die Gefahr des Nationalismus erwähne, sei für einen Verband eine Art Amtsanmaßung. Bahners Kritik spiegelt konservative Einwände gegen Linksintellektuelle, die ohne Qualifikation einen Wahrheitsanspruch für alles beanspruchen würden. Petra Terhoeven, Zeithistorikerin aus Göttingen und eine Initiatorin der Resolution, beeindruckt diese Kritik nicht. „Wenn dieser Text als linksliberales, sogar parteipolitisches Papier gilt, zeigt das, wie weit sich der Diskurs nach rechts verschoben hat. Eigentlich erinnern wir doch nur an Selbstverständlichkeiten.“

Quelle      :     TAZ         >>>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen  :

Oben    —         Titelseite der von Georges Clemenceau herausgegebenen Zeitung L’Aurore vom 13. Januar 1898 mit Émile Zolas J’accuse…! überschriebenem offenen Brief an Staatspräsident Faure zur Dreyfus-Affäre.

Quelle Scan of L’Aurore
Urheber Émile Zola
Genehmigung
(Weiternutzung dieser Datei)
Public domain Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.
Dies gilt für das Herkunftsland des Werks und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 100 oder weniger Jahren nach dem Tod des Urhebers.

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Unten   —       political cartoon

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Spiele der Kapitalisten

Erstellt von DL-Redaktion am 1. Oktober 2018

Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts

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Quelle      :        europa.blog

Beitrag von Werner Rügemer

In seinem gleichnamigen Buch hat der Autor Werner Rügemer den Aufstieg der kaum regulierten Schattenbanken analysiert: BlackRock und einige Dutzend ähnliche Kapitalorganisatoren sind seit der Finanzkrise die bestimmenden Eigentümer der wichtigsten westlichen Banken und Unternehmen. Auch die Digitalgiganten wie Facebook, Amazon, Google und Apple gehören den neuen Finanzakteuren. Sie kooperieren mit den Geheimdiensten.

Im folgenden dokumentier Europa.blog das Kapitel zur Überwachung der Europäischen Union.

Werner Rügemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. Gemeinverständliche Notizen zum Aufstieg der neuen Finanzakteure. Köln 2018, Papyrossa Verlag, 357 Seiten, 19,90 Euro. Transnationale Kapitalverflechtungen, Arbeitsverhältnisse, Rechtsbrüche. Vergleich des US-geführten westlichen Kapitalismus mit dem Kapitalismus in China nach den Kriterien Völkerrecht, Menschenrechte, Arbeitseinkommen, erneuerbare Energien, Korruptionsbekämpfung, volkswirtschaftliche Entwicklung. Handelskonflikte USA – EU – China.

Datei:Überwachungskameras Bahnhofsvorplatz Köln-9900.jpg

Die Überwachung der Europäischen Union

US-Akteure kontrollieren den größten Teil der Infrastruktur des Internet: Transozeanische Seekabel, Produktion von Chips und Software, Server und Speicherkapazitäten (Clouds); 80 Prozent des westlichen Internet-Verkehrs verläuft über die USA.[1] Blackrocks Aladdin führt beim Datenmanagement für westliche Unternehmen, Banken, Börsen und die EZB; Paypal und GAMFA[2] beherrschen den Zahlungsverkehr in der EU, Google und Facebook die Werbung. Die öffentliche Verwaltung in der EU, ob Ministerien, Militär, Polizei und Kommunen, ist bei der Software nicht nur eine „Microsoft-Kolonie“,[3] sondern die Staaten und Unternehmen der EU haben auch die Dienste von Alphabet, IBM und Amazon tief in die Infrastruktur der Krankenhäuser, Wasserwerke, Transportsysteme und Universitäten integriert.[4] Der „deutsche“ Software-Konzern SAP, ohnehin im Eigentum von BlackRock&Co bzw. auf das US-Geschäft und gut zahlende US-Geheimdienste orientiert, spielt eine ganz untergeordnete Rolle.

Parlamentarier in Brüssel, Oberbürgermeister von Städten wie München wollten immer wieder von Microsoft unabhängig werden; Kommissionspräsident Juncker und Bundeskanzlerin Merkel erklärten, die EU müsse „digital unabhängig“ werden – aber die Praxis ist gegenteilig. Linux ist die billigere und sichere Variante, aber diese real mögliche Unabhängigkeit hat bei den EU-Oberen keine Chance.

Einzelne EU-Staaten lassen in aller Stille und ohne gesetzliche Festlegungen GAMFA herein. Der französische Microsoft-Cheflobbyist war parlamentarischer Mitarbeiter von Präsident Macron: Der will Microsoft behalten.[5] Facebook hat nach Irland und Schweden in Dänemark sein drittes Datenzentrum eingerichtet, nachdem Apple hier in Viborg auch schon eine Serverfarm platziert hatte. Die dänische Regierung betrachtet die GAMFA wie „souveräne Staaten“, lässt sich bei ihnen durch einen „digitalen Botschafter“ vertreten und hofft auf weitere Investitionen.[6]

EU „hilflos“ gegen GAMFA

Seit 1995 gilt die EU-Datenschutz-Richtlinie. Sie erlaubt die Weitergabe der Daten von EU-Bürgern in das EU-Ausland nur, wenn die Daten dort ausreichend geschützt sind. Weil die Datenspeicher etwa von Microsoft und Apple in den USA liegen, erklärte die EU im Safe Harbor-Abkommen die USA als „sicheren Hafen“; die US-Unternehmen müssen seitdem gegenüber der US-Handelskommission (Federal Trade Commission, FTC) einige Verpflichtungen unterschreiben, aber die Einhaltung wird weder von der FTC noch von der EU kontrolliert.

Deshalb hob der EUGH 2015 das Safe Harbor-Abkommen auf. Geklagt hatte der österreichische Anwalt Max Schrems. Er hatte auf Anfrage bei der Facebook-Zentrale in Dublin/Irland die über ihn gespeicherten Daten erhalten – auf 1.222 Seiten, auch mit Daten, die er bereits gelöscht hatte. Das Gericht hält die USA wegen des möglichen Zugriffs der Geheimdienste nicht für einen sicheren Daten-Hafen. Doch Facebook hält das Urteil für falsch und hält sich nicht daran.[7]

Auf Safe Harbor folgte das Abkommen Privacy Shield und 2018 die geplante neue E-Privacy-Verordnung. Es sollen nun zwar die neuen Ausforschungsinstrumente wie WhatsApp und Facebook Messenger einbezogen werden, Nutzer sollen den Einsatz von Cookies und das Tracking (Beobachten des Nutzers im Internet) auch ablehnen können. Aber die Geschäftspartner von GAMFA laufen Sturm: Zum Beispiel die Verleger der Leitmedien wie in Deutschland BILD, Welt, FAZ, SZ und HB fürchten Einbußen, wenn sie bei Google&Co nicht mehr so oft und so weit oben erscheinen und von ihnen nicht mehr so viele Nutzerdaten kaufen können.[8]

Ohnehin müssen sich die zehntausenden Unternehmen aus der EU, die in den USA Niederlassungen und Kunden haben genauso wie die US-Unternehmen, die in der EU Niederlassungen und Kunden haben, sich den „America First“-Regeln des Patriot Act von 2001 unterwerfen. Die neue Datenschutz-Grundverordnung der EU von 2018 geht darauf nicht ein.

Auch Überwachungsprogramme, die (zunächst) zivil entwickelt werden, sind von EU-Regeln nicht erfasst. Das gilt z.B. seit 2016 für die Amazon-Software Recognition. Damit können Gesichter in großen Menschenansammlungen – auf Plätzen, Flughäfen, bei Konzerten, Fußballspielen, Demonstrationen – schnell identifiziert werden – da wird niemand vorher gefragt (kann ohnehin nicht gefragt werden), ob er/sie ablehnt oder zustimmt. Die Datenverarbeitung geschieht bei Amazon Web Services (AWS). Polizeien in den USA setzen das Programm ein. Damit wurden auch bei der königlichen Hochzeit in London 2018 die Gäste überprüft – niemand konnte vorher Zustimmung oder Ablehnung signalisieren.[9]

Das EU-Geheimdienst-Tabu

Die EU blendet die Geheimdienst-Frage aus. Nach dem Patriot Act dürfen FBI, CIA und NSA alle Kommunikationsmittel und Konten von irgendwie des Terrorismus oder der Terrorismusunterstützung Verdächtigten abschöpfen, auch ohne richterliche Erlaubnis; das betrifft US-Bürger ebenso wie Ausländer.

Als 2013 bekannt wurde, dass die NSA das Mobiltelefon der deutschen Bundeskanzlerin seit 2002 ausgespäht hat, wurde auch bekannt: NSA und CIA überwachten aus den US-Botschaften von 19 EU-Staaten wie Frankreich, Italien und Spanien heraus das jeweilige Regierungspersonal. US-Präsident Obama sagte der Bundeskanzlerin, er habe davon nichts gewusst:[10] Das entsprach vermutlich der Wahrheit, denn die Schönredner im politischen Amt werden nicht mit schmutzigen Praktiken belastet, das könnte ihre Funktionsfähigkeit beeinträchtigen.

EU und Deutschland: Transatlantische Komplizen

Die NSA greift auf die Landungsstellen der transatlantischen Unterseekabel zu, ob an der britischen Westküste in Bude/Cornwall, ob in Marseille. Auch das wird in allen EU-Regularien nicht thematisiert.

Der größte „deutsche“ Software-Konzern SAP bedient auch die NSA. SAP kaufte in den USA die Sicherheitsfirmen Inxight und Sybase und liefert deren Personen-Zielfindungssysteme der NSA für Fern-Tötungen – die hohen ethischen Standards der SAP-Miteigentümer Blackrock und Norges stehen dem nicht entgegen. SAP-Vertreter treffen sich in der Intelligence and National Security Alliance in Washington mit den Vertretern der US-Geheimdienste und der Rüstungskonzerne wie Northrop und Lockheed und sprechen die Aufträge ab.[11]

Der Springer-Verlag hat 2018 Alexander Karp in den Aufsichtsrat berufen. Karp ist Chef des NSA- und FBI-Dienstleisters Palantir. Das Unternehmen wurde von der CIA gegründet und überprüft gegenwärtig auf Anweisung der Trump-Regierung die in die USA einreisenden Muslime. Auch Konzerne wie Deutsche Bank, BP, Merck und Airbus sind Kunden. Die hessische Polizei hat sich von Palantir-Mitarbeitern schulen lassen und kauft die Software, wobei der tatsächliche Preis im Haushalt des Landes Hessen „aus Sicherheitsgründen“ mit 0,01 Euro angegeben wird.[12]

Die rechtswidrige Geheimdienst-Unterwerfung hat Tradition. Die CIA und der von ihr bzw. ihrem Vorläufer OSS nach 1945 gegründete Organisation Gehlen – ab 1955 als bundesdeutscher Geheimdienst BND umfirmiert – überwachten seit 1949 grundgesetzwidrig millionenfach Telefone, Briefe und Pakete in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR.[13] Gerade der wichtigste und treueste US-Verbündete, „Europas Wirtschaftsmacht Nummer eins“, wird bis heute am stärksten überwacht und bricht dafür seit seiner Gründung eigene Gesetze.[14]

Der bestbesetzte beste Bündnispartner

Seit 1955 nicht nur wichtiges Mitglied des von den USA gegründeten Militärbündnisses NATO, ist die Bundesrepublik Deutschland auch zeitlich unbegrenzt militärisch besetzt. Die USA unterhalten etwa 30 Militärstützpunkte, auch neugegründete wie AFRICOM (Überwachung Afrikas und des Nahen Ostens, Drohnenlenkung) sowie den erheblich ausgebauten Militärflughafen, den Drohnen-Kommunikationsknoten und das größte US-Militärkrankenhaus außerhalb der USA in Ramstein/Pfalz. Zudem lagern die US-Streitkräfte etwa 200 Atombomben in Deutschland – ohne offizielles Wissen der deutschen Regierung und entgegen dem Atomwaffen-Sperrvertrag. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages musste feststellen, dass die genaue Zahl der US-Stützpunkte in Deutschland nicht ermittelbar ist: „Die Gesamtzahl der Standorte der US-Streitkräfte ist… nicht präzise ermittelbar, dürfte sich aber im höheren zweistelligen Bereich bewegen.“[15]

Im Städtedreieck Frankfurt/Main, Wiesbaden und Darmstadt betreiben nicht nur die zivilen US-Geheimdienste CIA und NSA, sondern auch Militärgeheimdienste und die US-Heimatschutzbehörde ihre europäische Zentrale. Hinzu kommen in Deutschland und, in geringerem Maße, in anderen EU-Staaten – vor allem Großbritannien, Italien, Belgien sowie im Kosovo (Militärstützpunkt Bondsteel) – US-Stützpunkte und US-geführte NATO-Kommandozentralen. 2018 wurde in Ulm die neueste NATO-Kommandozentrale errichtet, für den Landaufmarsch gegen Russland.[16] Deutschland ist der durch die USA bei weitem am intensivsten besetzte und überwachte Staat überhaupt.[17]

Der weltgrößte Internetknoten in Frankfurt/Main

In Frankfurt/Main liegt auch der weltgrößte zivile Internetknoten. Hier laufen 1.200 Kabel zwischen China, Europa und den USA zusammen. Der Knoten besteht aus 19 Rechenzentren, die über die Stadt verteilt sind und mehr Strom verbrauchen als der Fankfurter Flughafen. Der Verband der Internetwirtschaft Eco betreibt den Knoten seit 1995 über die Tochtergesellschaft De-Cix GmbH (De-Cix = Deutsche Commercial Internet Exchange). Auch etwa Facebook und Microsoft sind Verbandsmitglieder.

Anmerkungen

[1] Mit offenen Karten. Seekabel – der unsichtbare Krieg, arte TV 14.4.2018

[2] GAMFA = Google Amazon Microsoft Facebook Apple

[3] Harald Schumann: Das Microsoft-Dilemma, ARD 19.2.2018

[4] Evgeny Morozov: Europa im Tiefschlaf, Süddeutsche Zeitung 16.8.2018

[5] Schumann: Das Microsoft-Dilemma ebd.

[6] Thomas Wagner: Dänemark hofiert das Silicon Valley, junge Welt 8.2.2017

[7] Was die Entscheidung des EuGH bedeutet, Süddeutsche Zeitung 6.10.2015

[8] Ein Albtraum für die Branche, Handelsblatt 11.4.2018

[9] Polizei nutzt Gesichtserkennung von Amazon, FAZ 24.5.2018

[10] Merkels Handy steht seit 2002 auf US-Abhörliste, Der Spiegel 26.10.2013

[11] SAP arbeitet für die NSA, Zeit online 10.3.2015

[12] Schön billig, Der Spiegel 15/2018, S. 41

[13] Josef Foschepoth: Überwachtes Deutschland, Göttingen 2014

[14] Der Freund liest mit, Der Spiegel 2013, S. 16 und 20

[15] Deutscher Bundestag: Umfang und Standorte der in Deutschland stationierten US-Streikräfte, 18.1.2017

[16] Wilhelmsburg-Kaserne in Ulm – Neues NATO-Kommando in Deutschland, https://www.zdf.de

[17] Rudolph Bauer (Hrg.): Kriege im 21. Jahrhundert. Neue Herausforderungen der Friedensbewegung. Annweiler 2015, S. 126

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Grafikquellen    :

Oben    —        Werner Rügemer (* 4. September 1941 in Amberg) ist ein deutscher Publizist, Referent und Sachbuchautor.

Unten     —     Überwachungskameras Bahnhofsvorplatz Köln. Hersteller: Dallmeier. Modell: Panomera. Jedes Kameragehäuse enthält 8 Einzelkameras

Namensnennung: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

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linksuntenverein – Verbot

Erstellt von DL-Redaktion am 27. September 2018

Ermittlungsverfahren wegen Verteidigung von Pressefreiheit

Datei:Demonstration gegen denn sog. Maulkorberlass des Kultusministeriums (Kiel 66.127).jpg

Quelle  :  Scharf – Links

Von Peter Nowak / Achim Schill / Detlef Georgia Schulze

Wir hatten uns im vergangenen Jahr gegen das kurz zuvor verfügte Verbot des – auch von Linksradikalen genutzten – internet-Mediums linksunten.indymedia.org ausgesprochen. Nun bekamen wir Post vom Landeskriminalamt Berlin. Wir werden „beschuldigt, folgende Straftat begangen zu haben:

Tatvorwurf[:] Verstoß Vereinsgesetz […]

Tatörtlichkeit[:] Internet, Ihr Artikel vom 31. 8. 2017

http://systemundcrashundtatbeilinksunten.blogsport.eu/

Mit jener Tatörtlichkeit dürfte wohl folgender Text gemeint sein:

#linksunten: Solidarisch zu sein, heißt: sich dem Verbot zu widersetzen

Die tatsächliche URL des Artikels lautet allerdings:

http://systemcrashundtatbeilinksunten.blogsport.eu/2017/08/31/linksunten-solidarisch-zu-sein-heisst-sich-dem-verbot-zu-widersetzen/

Dazu nehmen wir wie folgt Stellung:

1. Der Text stammt tatsächlich von uns.

2. Wir halten den Text nach wie vor für politisch richtig und außerdem für juristisch legal.

3. Für juristisch legal halten wir unseren Text vor allem deshalb, weil das zugrundelie­gende Verbot des vermeintlichen „Vereins“ illegal ist, denn es handelt sich in Wirklichkeit nicht (jedenfalls nicht nur) um ein Vereins-, sondern vor allem um ein Medienverbot.

4. Damit stellt das Verbot von linksunten.indymedia eine Verletzung der von Artikel 5 Ab­satz 1 Grundgesetz garantierten Meinungsäußerungs- und Pressefreiheit sowie des Zen­surverbotes dar. Maßgeblich dafür sind die folgenden, hier kurz zusammengefassten Argu­mente:

a) linksunten.indymedia ist als Online-Medium von der in Artikel 5 Absatz 1 Satz 1 und 2 Grundgesetz garantierten Meinungsäußerungs- und Pressefreiheit geschützt.

b) Das Verbot von linksunten.indymedia ist also in Wirklichkeit eine medienrechtliche Auf­sichtsmaßnahme (auch wenn sie vom Bundesinnenministerium als „Vereinsverbot“ dekla­riert wird), die in die Gesetzgebungs- und auch Ausführungskompetenz der deutschen Bundesländer (und eben nicht des Bundesinnenministeriums) fällt.

c) Das pauschale Verbot der gesamten Internetplattform ist von vornherein unzulässig, da das Komplettverbot eines Mediums eine gesteigerte Form von Vor-Zensur darstellt, die aber gemäß Artikel 5 Absatz 1 Satz 3 Grundgesetz („Eine Zensur findet nicht statt.“) voll­ständig und ausnahmslos verboten ist (Periodika, die der Zensur unterliegen, haben im­merhin noch die Chance, im Einzelfall eine Genehmigung für ihre einzelnen Ausgaben zu erhalten, während einem verbotenen Medium selbst die Chance auf Genehmigung ver­wehrt ist). Die zuständigen Behörden hätten folglich allenfalls mit Unterlassungs- und Sperrverfügungen nach Maßgabe des Rundfunkstaatsvertrags gegen etwaige konkret rechtswidrige Inhalte von linksunten.indymedia vorgehen dürfen.

d) Das Verbot verstößt darüber hinaus gegen die Europäische Menschenrechtskonven­tion. Nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ver­letzt das pauschale Verbot eines gesamten Mediums die in Artikel 10 Europäische Men­schenrechtskonvention (BGBl. 2002 II, 1059) garantierte Freiheit der Meinungsäußerung, die die Freiheit der publizistischen Medien einschließt:

„The practice of banning the future publication of entire periodicals […] went beyond any notion of ‚necessary’ restraint in a democratic society and, instead, amounted to censor­ship.“

(https://hudoc.echr.coe.int/eng#{%22tabview%22:[%22document%22],%22itemid%22:[%22001-95201%22]},

Tz. 44)

„Die Praxis, die zukünftige Veröffentlichung eines ganzen Periodikums […] zu verbieten, geht über über jeden Begriff (jede Vorstellung) davon, welche Beschränkungen [der Mei­nungsäußerungsfreiheit] in einer demokratischen Gesellschaft ‚notwendig’ sind, hinaus, und ist Zensur /zählt als Zensur / läuft auf Zensur hinaus.“ (eigene Übersetzung)

5. Im übrigen bestreiten wir, daß wir überhaupt das Vereinsgesetz verletzt haben, was wir hier aber nicht genauer ausführen wollen, da es uns nicht erster Linie darum geht, unseren eigenen (vereinsstrafrechtlichen) Kopf zu retten, sondern die juristische Legalität und politische Berechtigung und Nützlichkeit des Mediums linksunten.indymedia zu verteidi­gen.

Peter Nowak / Achim Schill / Detlef Georgia Schulze – Peter Nowak und DGS fügen noch hinzu:

„Weg mit Bundesanzeiger vom Freitag, 25. August 2017: [Ausriß in den beigefügten Dateien]

Linksunten statt Metternich, Lothar de Maizière, Seehofer & LKA KG“

Urheberrecht
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Grafikquelle   :     Demonstration gegen denn sog. Maulkorberlass des Kultusministeriums

Urheber Magnussen, Friedrich (1914-1987)
Genehmigung
(Weiternutzung dieser Datei)
CC BY-SA 3.0 DE

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Besuch im Circus Sarrazin:

Erstellt von DL-Redaktion am 13. September 2018

Neu im Pogrom, äh: Programm

„Offener Brief“ von Stefan Weinert

Sehr geehrte Damen und Herren der shz,
sehr geehrter Herr Wienecke (Schopbuch),
sehr geehrte Damen und Herren der Stadtverwaltung Brunsbüttel,

als gebürtiger Schleswiger habe ich immer noch regen Kontakt (siehe mein FB-Kommentar unten) in das „Land zwischen den Meeren“ und habe so erfahren, dass in der schleswig-holsteinischen Stadt Brunsbüttel (Elbe) am 8. Oktober 2018 eine öffentliche Lesung mit Thilo Sarrazin aus seinem Buch „Feindliche Übernahme“ stattfinden soll. Zu lesen ist es auch auf Facebook. Organisiert hat diese Veranstaltung die Buchhandlung „Schopf“, deren Inhaber vor wenigen Wochen noch Bürgermeister von Brunsbüttel werden wollte.

Auch wenn ich seit 30 Jahren am anderen Ende der Republik nahe des Bodensees lebe, protestiere ich doch auf das Heftigste gegen diese groß angelegte Veranstaltung. Auch wenn Sarrazins neuestes Buch bereits über 50.000 mal verkauft worden ist, so ist und bleibt der Autor dennoch ein geistiger Brandstifter. Weder „schafft sich Deutschland selbst ab“, noch ist eine irgendwie geartete „feindliche Übernahme“ Deutschlands durch den Islam und seine Anhänger geplant​ und wird sie auch nicht stattfinden​. „Sein Kampf“ ist nicht der meinige und darf auch nicht der unsrige sein.

Da Hamburg und Kiel nicht weit weg liegen und AfD und Pegida leider auch im Norden weit und gutz gestreut sind, darf man wohl davon ausgehen, das nicht nur kritiker Sarrazins zu dieser Veranstaltung an den Nord-Ostsee-Kanal reisen werden.

Übrigens: Die feindliche Übernahme Deutschlands, nämlich durch das KAPITAL und den DAX,  ist doch längst geschehen und begann mit dem „Wirtschaftswunder“ vor 60 Jahren, dass übrigens ohne die von Sarrazin heute verteufelten Nachfahren der damaligen türkischen Fremd(Gast?)arbeiter gar nicht möglich gewesen wäre.

Völlig abstrus und verschwörungsvergiftet, was Herr Sarrazin an Parolen von sich gibt.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf diese ​meine ​Petition hinweisen.

Hier >>>> CHANGE <<<<<

https://www.change.org/p/generalstaatsanwaltschaft-deutschlands-in-karlsruhe-veruteilung-der-alternative-f%C3%BCr-deutschland-afd-wegen-mobbing-nach-dem-stgb-gegen-fl%C3%BCchtlinge-und-andere-mitmenschen-mit-migrationshintergrund

Datei:Thilo Sarrazin030709.jpg

Von 1994 – 2010 war ich beruflich als Flüchtlingssozialberater im Landkreis Ravensburg unterwegs und weiß aus Erfahrung, dass man die Migration/Integration differenziert sehen muss, nicht aber diese zum „modernen Damoklesschwert über Deutschland“ umschmieden darf.

Mit guten Grüßen ​in den hohen Norden,​

Stefan Weinert, Ravensburg (20 km bis Bodensee)

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​Mein ​Facebook – Kommentar​ an die Buchhandlung „Schopf“ in Schleswig-Holstein ​:
In den zurückliegenden 1.500 Jahren war es das Christentum und vor allem die Katholische Kirche, die den Fortschritt in Europa und „Deutschland“ überstark behindert und bedroht ha​be, und nicht der Islam war es​. Man denke nur an Martin Luther (der freigegeben war zum Tode durch ​J​edermann, ​und ​wäre es gelungen dann, wäre die Erde heute noch eine Scheibe, ​(​um die sich alles dreht)​;​ Galileo und der Papst (dito)​;​ die „Judenfrage“ und das Versagen Pius XII. in den braunen Tagen Deutschlands, Pillenverbot durch Paul VI​;​ Abtreibungsverbot und ​Beratungsverbot; Zölibath … Dagegen ist beispielsweise die moderne Humanmedizin ohne den muslimischen Araber und Arzt Ibn Sina (10./11.Jahrhundert nach CHRISTus) überhaupt nicht denkbar. Während der Koran seine Leser auffordert, zu fragen, zu forschen, was das Leben zu bieten hat und was möglich ist, sagt die Bibel zum Leser lapidar: Machet sie (die Tier- und Umwelt) euch untertan. Was dabei herausgekommen ist, brauche ich hier nicht zu schreiben … Ich protestiere gegen das öffentliche Forum, dass man dem Brandstifter Sarrazin in Brunsbüttel geben will. Würde unsere hiesige Buchhandlung so etwas durchführen wollen, dann würde hier sofort „der Baum brennen“ und 2.000 oder mehr Bürger/innen eine entsprechende Petition unterschreiben. Und die ist noch nicht vom Tisch … Also lieber Herr Wienecke: Sie wollten jüngst Bürgermeister von Brunsbüttel werden. ​Z​eigen Sie bitte, dass Sie auch​, dass sie auch​ ohne dieses Amt dem Rechtsstaat verpflichtet sind​.​ GEISTIGE BRANDSTIFTUNG HAT MIT MEINUNGSFREIHEIT NICHTS ZU TUN !!

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Grafikquellen    :

Oben    —      Privat  – Stefan Weinert

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Unten     —          Thilo Sarrazin am 3. Juli 2009

Quelle Eigenes Werk
Urheber Nina Gerlach Nina
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Ein Prost auf die Politiker

Erstellt von DL-Redaktion am 30. August 2018

„Alkohol ist ein trügerischer Freund für einen Politiker“

File:Boris Johnson -opening bell at NASDAQ-14Sept2009-3c.jpg

Interview  Eva Oer

Früher galt das Regierungsviertel in Westminster als „Komasauf-Hauptstadt Großbritanniens“, heute bleiben viele Politiker lieber nüchtern. Ben Wright weiß warum und hat ein Buch über das politische Trinken geschrieben

taz: Herr Wright, ich erreiche Sie am Telefon und muss gleich mal fragen: Trinken Sie gerade ein Pint?

Ben Wright: Das ist eine freche Frage!

Es ist der Moment der Wahrheit.

Okay, meine Entschuldigung ist: Ich habe gestern sehr lange gearbeitet, es ist mein freier Tag, es ist 5 Uhr am Nachmittag, und – ich kann nicht glauben, dass Sie mich erwischt haben – ich habe gerade eben eine Flasche amerikanisches India Pale Ale geöffnet. Aber es ist ein kleines!

Für diese Gelegenheit habe ich mir auch eine Flasche Bier an den Schreibtisch geholt, sonst mache ich das auch nicht. Herr Wright, für Ihr Buch „Order, Order! The Rise and Fall of Political Drinking“ haben Sie recherchiert, welche Rolle Alkohol in der Politik hat. Mit wem würden Sie jetzt gerade gern einen Drink nehmen?

Boris Johnson ist im Moment die Person in der britischen Politik, mit der jeder offen über seine Ambitionen sprechen möchte. Wann will er Premierminister werden? Wie wird er das angehen, was denkt er wirklich über den Brexit? Ich habe ihn für das Buch interviewt, und er ist einer der seltenen offenen Anhänger des Alkohols. Er denkt, es ist im Großen und Ganzen eine gute Sache, macht das Leben angenehmer, er denkt, Politik macht damit mehr Spaß. Im Moment würde ich mich gern mit ihm bei einem Drink hinsetzen und ihn ganz offen fragen, was er im Schilde führt.

Sie zitieren Johnson in Ihrem Buch, wie er sagt, er trinke manchmal eine „gewaltige Menge“. Ist er damit eine Ausnahme?

Er ist ein ehemaliger Journalist, also hatte er sein Training. Es ist Teil seiner Anziehungskraft auf Menschen – und auch sein Risiko. Johnson hat keine Angst, recht offen über seinen Lebensgenuss zu sprechen. Aber als ich ihn für das Buch interviewt habe, sagte er ebenso, dass Alkohol ein trügerischer Freund für einen Politiker ist. Alkohol macht die Plackerei der Politik erfreulicher, die endlosen Meetings und Empfänge erträglicher. Aber: Wegen Betrunkenheit kannst du wirklich in Schwierigkeiten geraten. Es ist eine Gratwanderung.

Ein Pressechef des ehemaligen Premiers Gordon Brown sagte mal, das Regierungsviertel Westminster sei die „Komasauf-Hauptstadt Großbritanniens“. Stimmt das noch?

Das war Damian McBride, Premierminister Gordon Browns Kampfhund. Er war ein Westminster-Strippenzieher alter Schule, der Beziehungen mit Journalisten bei sehr langen Mittagessen und heftigen Nächten in Pubs pflegte. Aber ich denke, es ist keine faire Beschreibung mehr vom heutigen Westminster. Es gibt bestimmte Abende, im Wesentlichen Donnerstage, wenn das Ende der Woche in Sicht ist, da sind die Bürgersteige rund um die Pubs von Westminster voll mit ReferentInnen, BeraterInnen und BeamtInnen. Es sind nicht immer die PolitikerInnen. Die sind vorsichtiger, gesundheitsbewusster geworden, sie arbeiten oft härter, es ist jetzt ein arbeitsamerer Menschenschlag.

Was hat sich geändert?

Vor 40, 50 Jahren hatten die meisten Abgeordneten wirklich nichts zu tun, und sie waren nicht viel Kontrolle ausgesetzt. Sie repräsentierten Wahlkreise, die als sicher für die jeweilige Partei galten. Sie waren nicht wirklich von Bedeutung, solange sie durch die Abstimmungsräume im Parlament schwanken konnten, um zu tun, was ihnen gesagt wurde, und für ihre Partei abzustimmen. Heute sind die ParlamentarierInnen außerordentlich beschäftigt mit großen Mengen Wahlbezirksarbeit, sie sind den ganzen Tag auf Twitter, sie betreiben alle 24-Stunden-Medienkampagnen – sie haben einfach keine Zeit, den ganzen Tag trinkend in Pubs und Parlamentsbars zu sitzen. Außerdem sind die Zeiten weniger männlich: Als ich Parlamentarier dar­über befragt habe, sagten viele, dass eine große kulturelle Veränderung im Jahr 1997 kam, als viele Frauen gewählt wurden und Tony Blair bei den Wahlen seinen Erdrutschsieg hatte. Viele Frauen hatten junge Familien, sie kamen nicht aus einer Trinkkultur, sie wollten so nicht ihre Zeit verbringen. Das veränderte die Atmosphäre ziemlich.

Was war denn die goldene Zeit des politischen Trinkens?

Quelle  :        TAZ           >>>>>           weiterlesen

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Grafikquelle      :         Mayor of London, Boris Johnson poses for a photo prior to ringing the opening bell at NASDAQ on September 14, 2009.

Source originally posted to Flickr as Boris Opening Bell solo and uploaded to commons at Boris_Johnson_-opening_bell_at_NASDAQ-14Aug2009.jpg
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Entzauberung der Träume

Erstellt von DL-Redaktion am 26. August 2018

Feminismus im Märchenwald

Datei:Rumpelstiltskin Efteling.jpg

So könnte es auch in Silwingen aussehen – wenn das Rumpelstilzchen seinen eigenen Schandtaten zuhört!

Eine Rezension von

Säbelschwingende Prinzessinnen und eskalierende Parties: Der Simpsons-Erfinder Matt Groening schafft in seiner neuen TV-Serie „Disenchantment“ eine neue Fantasywelt.

Eine neue Serie von Matt Groening ist immer eine spannende Sache. Der Schöpfer der Simpsons ist sich lange treu geblieben, aber wichtiger wiegt wahrscheinlich, dass seine Schöpfungen ihm treu geblieben sind. Als Die Simpsons 1989 beim Sender Fox in Serie gingen, waren sie der erste Cartoon im Abendprogramm seit Familie Feuerstein und den Jetsons in den Sechzigern. Bald brachte die gelbe Familie mit dem Überbiss Sittenwächter und sogar US-Präsident Bush senior gegen sich auf. Die Serie witzelte und parodierte mehr oder wenig munter weiter, ein sonntägliches Perpetuum mobile. Weil das Merchandising weiterhin superb läuft und weil die Darsteller eben nicht altern, gibt es weder Gründe, die Sendung einzustellen, noch sie kreativ zu erfrischen.

Vielleicht liegt es daran, dass Die Simpsons seit fast 20 Jahren im kreativen Dornröschenschlaf liegen, dass Groenings neue Serie Disenchantment im Märchenwald spielt. Sehr weit von Springfield hat sich das Team auch diesmal nicht wegbewegt, aber zumindest vom Fox-Kanal ist man abgerückt. Allerdings ist der Gang zu Netflix zu einer Zeit, in der selbst ein Dauerbrenner wie Star Trek dort Premiere feiert, auch nicht gerade kühn. Wie so häufig, wenn Netflix sich eine Blaupause bestehender Serien einkauft, könnte sich der Zuschauer am Ende fragen, warum er nicht einfach das Original weiterschaut, das ja immer noch im Free-TV läuft.

Disenchantment hat (zumindest in der englischen Fassung) richtig gute Stimmen, eine poppige, vom Computer unterstützte Grafik der neueren Simpsons und Matt Groenings altbewährten Humor. Prinzessin Bean (Stimme von Abbi Jacobson) ist die verzogene und antriebslose Tochter des Königs Zøg von Fairyland (Stimme von John DiMaggio, sofort erkennbar als Bender aus Futurama). Ihr zur Seite stehen ein Elf namens Elfo (Nat Faxon) und ein aus bisher unklaren Gründen auf sie angesetzter Dämon namens Luci (Eric André), der sie auf die schiefe Bahn locken soll und feststellen muss, dass sie sich schon längst auf dieser befindet. Gemeinsam erleben sie die Abenteuer, die ewig Heranwachsende heutzutage eben in Komödien erleben.

Besonders viel Neues ist den Machern nicht eingefallen. Der absurde visuelle Humor orientiert sich an den späteren Staffeln der Simpsons, die fantastischen Stimmen rekrutieren sich vornehmlich aus dem Talentpool von Futurama. Klar, das Ganze kommt erwachsener daher als Die Simpsons und weniger nerdig als Futurama. Ein paar gute Gags haben die ersten Folgen, die vorab zu sehen waren, durchaus zu bieten: ein Foliant, der so alt ist, dass er nur noch aus Staub besteht, eine fiese Groteskerie über Kinderarbeit und jede Menge zotiger Tavernennamen.

Zumindest auf der Metaebene ist man ein wenig mit der Zeit gegangen: ein Mädchen als Hauptfigur, eine gute Portion Feminismus, eine böse Schwiegermutter, deren Akzent nach Melania Trump klingt, und endlich auch mal Nichtweiße als Sprecher. Gerade in Anbetracht der vor Kurzem noch einmal kontrovers durchdiskutierten Simpsons-Figur Apu Nahasapeemapetilon eine positive Entwicklung.

Quelle    :        Zeit-online          >>>>>         weiterlesen

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Grafikquelle     :     Repelsteeltje (Rumpelstiltskin) in de Efteling

Quelle originally posted to Flickr as Rumpelstiltskin
Urheber Jeroen Kransen
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Checked copyright icon.svg Diese Datei wurde ursprünglich bei Flickr hochgeladen. Sie wurde mit Hilfe von Flickr upload bot durch Fvlamoen hierher übertragen. Zu diesem Zeitpunkt – – war sie bei Flickr unter der unten stehenden Lizenz freigegeben.
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Die Sprache der Rechten

Erstellt von DL-Redaktion am 5. Juni 2018

–  Wie wir täglich manipuliert werden  –

Autor: Dr. Frederik Weinert, Passau
ISBN 978-3-8288-4045-4 (Nomos/Tectum), 336 Seiten, Euro 19,95
http://www.tectum-verlag.de/die-sprache-der-rechten.html
Erscheinungstermin: Diese Woche (4. Juni 2018)
Für „Demokratisch-Links“ schon gelesen von Carl-Paul Hénry, Publizist

Das vorliegende Buch hat einen hohen Unterhaltungswert, einen noch höheren Lesewert und ist brandaktuell. Überraschend wohltuend geht der Autor das Thema mit der Philosophie der Allparteilichkeit an. Seite für Seite ist zu spüren, dass Weinert nicht als Politiker mit bestimmten „Stallgeruch“, sondern als unabhängiger Soziolinguist, ausgerüstet mit gesunder Distanz, schreibt. Der Autor filtert heraus, dass die AfD die einzige Partei ist, die einen eigenen „Soziolekt“ entwickelt hat und der man inhaltlich nicht beikommen kann. Die AfD ignorieren, sei das probatere Mittel, so der Autor.

Weder ist das Buch eine linksmissionarische Bibel, noch werden die politisch Rechten ins Fegefeuer oder lieber gleich in die Hölle geschickt. Der Autor erklärt, er entschuldigt nicht. Er zeigt sich zwar als ein „Rechten-Versteher“ (warum?), macht aber gleichzeitig deutlich, dass er bei weitem kein „Rechten-Befürworter“ (njet!) ist. Im Gegenteil – aber eben, ohne zu verdammen. Als Vertreter der „Generation Y“ fällt ihm das naturgemäß leichter, als einem alten „68er“. Denn auch die „Linken“ bekommen ihr Fett zu „Recht“ ab. Und das ist gut so.

Das vorliegende Werk ist nicht nur erfrischend locker geschrieben, sondern besticht auch durch so manchen aufhellenden und kontextwichtigen Exkurs mit extrem vielen Informationen zu den verschiedensten Disziplinen rund um das Thema. Dabei nehmen die heutige Machtstellung und die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke „Facebook und Co.“ einen großen Platz ein. Weinert bringt in seinem Buch unzählige Beispiele von rechtsradikalen Intenetbeiträgen, die wie Viren sogar mental bis in unser aller Köpfe vordringen.

Das Buch lädt nicht nur zum Nach- und Umdenken ein, sondern ist auch entlarvend – beides freilich nur für den, der seine „tiefrote“ oder „blau-schwarze“ Brille vorher beiseite gelegt hat, und somit unvoreingenommen Seite für Seite des Buches so lesen kann, als würde er sich jungfräulich, weil „das erste Mal“, mit diesem Thema beschäftigen.

Eine Herausforderung aber auch ein MUSS für jeden, der heute in Sachen „Gesellschaft und Politik“ mitreden will. Aber auch in den Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, in denen der Printmedien und in den Zentralen der Altparteien, darf dieses Buch nicht fehlen. Ist es doch ein wichtiger und bisher fehlender Beitrag zum vernünftigen und sachlichen Diskurs um den Rechtsradikalismus und die AfD in Deutschland.

Carl-Paul Hénry, Prenzlau

 

 

 

 

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Über die Erkenntnistheorie

Erstellt von DL-Redaktion am 26. April 2018

Über Ästhetik, Liebe und Erkenntnis(grenzen)

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Quelle   :   Scharf – Links

von SYSTEMCRASH

Die Aufgabe der Philosophie ist nicht das Geben von (praktischen) Tipps [die eh nicht funktionieren], sondern das intelligentere Nachdenken (über sich selbst und ‚Gott und die Welt‘).

‚Erkenntnistheorie‘ im engen philosophischen Sinne hat mich eigentlich schon im relativ zarten Jugendalter umtrieben. Und bis heute bietet mir die ML-‚materialistische‘ ‚Widerspiegelungstheorie‘ zumindest emotional ein gewisses Sicherheitsfundament, auch wenn ich gedanklich schon lange über dieses Stadium hinaus bin.

Ich hatte aber schon öfter bemerkt, dass ich bei der Formulierung ‚erkenntnistheoretischer‘ Überlegungen immer an eine gewisse Grenze gestossen bin, die ich mir nicht erklären konnte. Darum hatte ich bislang Abstand davon genommen, explizit zur Erkenntnistheorie Stellung zu nehmen und mich auf die Erörterung (vermeintlich ‚konkreter‘) politischer ‚Sachverhalte‘ beschränkt; die aber implizit auch erkenntnistheoretische Aspekte aufwiesen. Dies ist natürlich auf die Dauer inkonsequent.

Mehr durch zufällige ‚Umwege‘ bin ich jetzt wieder mit erkenntnistheoretischen Fragen konfrontiert worden, die ich in diesen Artikel mal versuche in eine halbwegs sinnvolle Darstellung einzusortieren. Dabei erhebe ich keineswegs den Anspruch — dies gleich als Warnung vorneweg — eine vollständige oder gar umfassende Erkenntnistheorie zu entwickeln (könnte ich auch nicht), sondern mir geht es nur um ein paar Mosaiksteinchen, die vielleicht in ein grösseres ‚Bild‘ hineinpassen.

Meines Erachtens ist die Frage der Erkenntnis(theorie) letzlich genauso wenig (oder genauso viel!) ‚lösbar‘ wie die ‚Gottesfrage‘:

Erstens ist sie nicht auf einer rein ‚rationalen‚ Ebene zu ‚beantworten‘.

Zweitens ist sie eher eine Frage des ‚Glaubens‘ und der [ganzheitlichen] Erfahrung als des [theoretischen] Denkens. [siehe auch Fussnote 7]

Die ‚Matrix‘

Da ich kein ‚Philosoph‘ bin, versuche ich es erst gar nicht eine philosophiegeschichtliche ‚Ableitung‘ der erkenntnistheoretischen Debatten auch nur in den allergröbsten Zügen darzulegen. Ich wähle einen anderen Weg: nämlich den Zugang über die ‚populäre Kultur‘. Ich bekenne auch von vorherein, dass ich mich auf zwei Videos mit Richard David Precht als Quellmaterial beziehe. Ich weiss, dass Precht in der ‚Öffentlichkeit‘ zum Teil sehr kritisch gesehen wird. Aber wie immer man zu ihm stehen mag, so muss man ihm zumindest zugute halten, dass er komplizierte Zusammenhänge so darstellen kann, dass auch philosophisch nicht Vorgebildete das verstehen können. Und zweitens — ganz pragmatisch– fasst er Themenkomplexe zusammen, die man sich sonst nur äusserst mühsam (bis unmmöglich!) über ein umfangreiches Quellenstudium aneignen könnte. Dass dabei auch die Gefahr der Simplifizierung und Vulgarisierung besteht, nehme ich dabei gern in Kauf. Philosophische Texte sind ja schliesslich dazu da, um hinterher in Grund und Boden kritisiert zu werden! 😉

Die meisten kennen sicherlich den Film „Matrix“, oder haben zumindest davon gehört. Dort geht es um eine Welt, die von Maschinen beherrscht wird und die Menschen werden in Nährflüssigkeit gehalten, die ihnen eine Scheinwelt vorgaugelt. Gleichzeitig dienen die Menschen als Energielieferant für die Maschinen.

Was uns an dieser Vorstellung beunruhigt ist die Tatsache ;), dass in dieser ‚Matrix‘ die Erlebnisse der Menschen nicht real sind.

Genau an dieser Stelle setzt jetzt eine philosophische Diskussion ein, die vermutlich fast so alt ist wie die Existenz der Menschheit selbst. Woher wissen wir und was gibt uns die Gewissheit, dass wir zwischen ‚Realität‘ und ‚Fiktion‘ unterscheiden können? Was wäre, wenn alles nur in ein Traum in einem Traum wäre? Wie sollten wir dann überhaupt unterscheiden können?

Ich denke, dass diese Frage ‚rein rational‘ nicht lösbar ist. Der ‚Idealismus‘ (im philosophisch-erkenntnistheoretischen Sinne) ist rein ‚logisch‘ nicht widerlegbar (genauso wenig, wie man die ‚Existenz Gottes‘ ‚beweisen‘ oder nicht beweisen kann).

Hier bietet jetzt Precht meines Erachtens eine ‚Lösung‘ (oder besser wohl: Anschaung) an, die zumindest für meinen Geschmack recht annehmbar ist: selbst wenn wir in einem Traum ‚leben‘ würden, wäre es doch zumindest unser Bestreben, auch im Traum eher ‚gute‘ ‚Erlebnisse‘ zu haben. So dass eigentlich die Frage nach der Unterscheidung von ‚guten Erlebnissen‘ in der ‚Fiktion‘ und der ‚Realität‘ sich letzlich in die Richtung einer Irrelevanz (oder abschwächenden Bedeutung) auflöst.[1]

Wir alle hatten bestimmt schon man einen intensiven Traum, der uns auch noch tagelang hinterher beschäftigt hat, oder ein Roman bietet eine so spannende Story, dass wir gar nicht mehr mit dem lesen aufhören können.[2]

Ich denke, auf der ebene der Fiktion können wir diese Nichtunterscheidung zur Realität gut akzeptieren (nicht zufällig lieben viele Leute Science fiction und Fantasy und gewiss nicht nur aus eskapistischen Gründen). Der ganze Literaturbetrieb lebt ja schliesslich davon, dass auch Fiktionales eine gesellschaftliche Relevanz besitzt (um das zu akzeptieren, muss man nicht mal besonders ‚esoterisch‘ angehaucht sein 😉 )

Aber trotzdem lehnt sich irgendetwas in uns gegen diesen Gedanken auf: wenn wir ein Schnitzel essen, wollen wir schliesslich wissen, dass dieses Schnitzel ‚echt‘ ist und nicht ‚eingebildet‘.

An dieser Stelle vermischen sich meines Erachtens zwei verschiedene Problemkomplexe, die erst mal nichts miteinander zu tun haben.

Der erste Komplex ist die Kantsche Frage ‚Was können wir wissen‘? Dies ist quasi die Kernfrage der philosophischen Erkenntnistheorie.

Das zweite Problem würde ich eher als ‚Lebenswirklichkeit‘ oder ‚Lebenseinstellung‘ (‚Lebensaufgabe‘ in den ökonomisch-philosophischen Manuskripten bei Marx [7]) beschreiben wollen. Die allermeisten Menschen stellen sich doch überhaupt keine erkenntnistheoretischen Fragen. Und dies nicht etwa ’nur‘, weil sie zu oberflächlich sind (das gibts sicher auch), sondern weil die lebenswirkliche Realität sich doch stark in Leidenschaften abspielt, wo die Frage von Realität oder Nichtrealität sich gar nicht stellt!

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Würde ein Blumenliebhaber, der den Duft einer Rose einatmet, darüber nachdenken, ob die Rose ‚echt‘ ist oder nicht? (Der Dichter Rilke meint sogar, dass eine Rose manchmal wichtiger sein kann als ein Stück Brot.)

Würde ein Liebender die ‚Realität‘ seiner Angebeteten in Frage stellen?

Würde ein Sportler, der einen Marathonlauf beschreitet, der all seine Kräfte mobilisiert, darüber nachdenken, ob der Schweiss, der aus jeder seiner Körperporen austritt aufgrund seiner körperlichen Anstrengung, ‚wirklich‘ ist oder nicht?

Ein dreimaliges ‚Nein‘ würde erschallen, und zwar deshalb, weil alle drei Beispiele existentielle Erfahrungen sind, die nicht weiter hinterfragbar sind…

… Es sei denn, man liegt mit sich selbst im Zwei-fel und stellt daher diese Fragen. Philosophisch ausgedrückt könnte man vielleicht sagen, dass erst ein gewisses Mass an (Selbst)’Entfremdung‘ überhaupt das ‚Bedürfnis‘ nach erkenntnistheoretischen Überlegungen hervorbringt.

Ein Mensch, der ‚mit sich selbst im Reinen ist‘, würde sich diese Fragen vermutlich erst gar nicht stellen.

Wenn man das Ganze auf die Spitze treiben wollte, könnte man sogar sagen, erst die Existenz des Zweifels und der ‚Entfremdung‘ setzt den Anreiz für ‚höhere‘ Erkenntnisgewinnung! [3] (Rene Descartes: „Zweifel ist der Weisheit Anfang“.)

Kommunikation und Sprache

In der ‚alten‘ [westlichen] Philosophie ging es um das Verhältnis von Objekt und Subjekt (durchaus auch in dieser Reihenfolge!), während die ‚Postmoderne‘ die Sprache selbst als erkenntnistheoretisches Problem entdeckte.[4]

Ohne jetzt auf die ‚Sprachphilosophie‘ im einzelnen eingehen zu wollen (das Thema wäre mir auch zu umfangreich), möchte ich doch zumindest so viel sagen, dass die Sprache innerhalb der Grenzen der ‚rationalen Logik‘ verbleibt und dadurch von vornherein Erkenntnisgrenzen hat, die sich auf alle Bereiche erstreckt, die eben über die Rationalität hinausgehen.[5] Neben den ‚klassischen‘ Bereichen der Religion, Spiritualität und Metaphysik ist das insbesondere auch die Kunst.

Für politische Fragestellungen ist das durchaus auch relevant, da man offensichtlich (stillschweigend!!) davon ausgeht, politische Inhalte seien (mit mehr oder weniger Schwierigkeiten) ‚rational vermittelbar‘.

Meine tägliche Erfahrung (ich arbeite in einem Call-Center!) spricht da eine ganz andere ‚Sprache‘. Die allerwenigste Kommunikation findet nach (rein) rationalen Kriterien[6] statt und eine gelungene Verständigung ist weit eher die Ausnahme als der Regelfall!

Dies ist auch eigentlich relativ leicht erklärbar: die ‚bürgerliche‘ Gesellschaft produziert den Schein der Privatheit und der Isolation (Konkurrenz, jeder ist dem anderen ein Wolf) der einzelnen Egos. Wenn aber eine ‚gelungene Kommunikation‘ auf allen Ebenen stattfinden muss, dann würde das eine ‚Offenheit‘ voraussetzten, die wir im ‚öffentlichen Raum‘ in der Regel gar nicht bereit sind, ‚einzusetzen‘. Nur in intimen Beziehungen oder in einer ‚therapeutischen‘ Situation würden wir ein solches ‚Risiko‘ eingehen (genauer gesagt: eingehen müssen, sonst klappts nicht!).

Man könnte sicherlich noch eine ganze Menge über die Tücken der Sprache schreiben, aber ich will hier nur noch (schon um den Artikel nicht unnötig in die Länge zu ziehen) zwei Aspekte hinzufügen.

Einmal die Mehrdeutigkeit der Sprache. Dazu schrieb ich bereits in einem Kommentar bei facebook:

Ich finde, Mehrdeutigkeiten bereichern eine Sprache. Die Kommunikation (ohnehin schon ein schwieriges Unterfangen) wird dadurch aber freilich nicht einfacher.

Und zum damit zusammenhängenden zweiten Problem:
Allerdings war Sprache auch noch nie als Präzisionsinstrument gedacht. Es ist eben ein VERSUCH der sozialen Verständigung. Bloss, diese Verständigung ist eben komplex (auf verschiedenen Ebenen angesiedelt) und immer abhängig vom Kontext. Besonders letzterer Aspekt wird in einer zunehmend narzisstischen und egoistischen Gesellschaft immer weniger berücksichtigt.
Tatsächlich hat sich die Philosphie um eine ‚klare(re)‘ [präzisere] Sprache bemüht. Diese offenbarte aber auch ihre Grenzen.
Die ‚Postmoderne‘ (linguistic turn) hat da zum Teil gegengesteuert. Aber das ist ein weites Feld, wo ich mir selbst noch nicht völlig im klaren drüber bin.

‚Ästhetik‘ und ‚Liebe‘

Die grossen griechischen Philosophen der Antike glaubten, dass es so etwas gäbe, wie das ‚Schöne‘, ‚Wahre‘ und ‚Gute‚. Und auch die Klassik in der Literaturgeschichte  und die deutschen Idealisten standen in der Tradition der ‚grossen Griechen‘ (inwieweit da Marx reinpasst, wäre eine Spezialfrage, die ich ohne weitere Quellen nicht beantworten kann).  Ein Postmoderner würde darüber wohl eher verächtlich lachen. aber ich weiss gar nicht, ob die Postmodernen so viel zu lachen haben!?!

Wir leben in einer Welt, in welcher die Gesellschaften immer mehr fragmentieren und ‚individualisieren‘. Politische, kulturelle und weltanschauliche Orientierungen geraten immer mehr aus den Fugen und in eine Krise. Die einzelnen fühlen sich einsam, verlassen, verängstigt und ohne (inneren) Halt[7]. Und suchen zum Ausgleich den Exzess der privaten Räusche und des Rückzugs, den sogenannten ‚Ego-Trip‘.

Wäre in so einer Welt die ‚grosse Erzählung‘ vom ‚Schönen, Wahren und Guten‘ denn wirklich das allerschlechteste?

Aber bitte nicht falsch verstehen! Mir geht es nicht um eine kritiklose Reaktivierung von Mythen. Den Stand der ‚Ich-Bildung‘ in modernen Gesellschaften kann man nicht zurückdrehen.

Mir geht es darum, moderne Ich-Rationalität mit ‚transrationaler Spiritualität‘ zu integrieren. Diese nicht als vermeintlichen Gegensatz zu sehen, sondern als Ergänzungsverhältnis auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen.

Dies klingt jetzt natürlich furchtbar abstrakt. Ich werde daher versuchen, diesen Gedanken an drei ‚Themenkomplexen‘ zu verdeutlichen. Ich fange mal mit dem ‚politischsten‘ Thema an: der Ökologie.

Wie ich bereits in meinem ‚reload‘ der ‚Feuerbachthesen‘ geschrieben habe:

Was wir brauchen, ist eine Auffassung, die den Menschen sowohl als Einzelnen (durchaus auch im Sinne des Isolierten, wobei diese Isoliertheit ihre Grenze an der Bestimmung des ‚Zoon politicon‘ hat) als auch als gesellschaftliches Wesen (an)erkennt und gleichzeitig die geistigen Bedürfnisse mit den materiellen in eine gesunde Balance bringt. Dieser Aspekt wäre auch für die Behandlung der ökologischen Frage von fundamentaler Bedeutung.

Was ich damit ‚konkret‘ meine, ist, dass ein Mensch, der ‚geistig ausgeglichen‘ ist, auch in seinen materiellen Bedürfnissen ausgeglichen ist. Gier und Verschwendung wären ihm fremd und würden ihm ‚falsch‘ vorkommen, auch ohne eine explizit ‚ökologische Ethik‘.

Das allein würde aber freilich nicht reichen. Neben der Gedanken der Nachhaltigkeit, der ja in einer nicht profitgesteuerten Wirtschaft auch durchaus rein ökonomisch Sinn macht, käme sicherlich auch noch als weltanschaulicher Überbau ein stärkeres Bewusstsein für die Notwendigkeit einer grösseren ‚Harmonie von Mensch und Natur‘ [grössere Verbundenheit über das Ego-Denken hinaus] dazu. Das muss nicht dazu führen, dass wir alle zu Gaia beten, aber eine Sensibilisierung für den Wert von naturreligiösem Denken (das ja auch häufig mit einer Betonung von ‚weiblichen‘ Werten verbunden ist, wie zum Beispiel die zyklischen Naturprozesse; im Gegensatz zu linearen Auffassungen) wäre sicherlich auch nicht das Schlechteste.

Der zweite Themenkomplex ist die Kunst. Ich glaube, dass ein Mensch, der anfängt, über seine ‚ästhetischen Erfahrungen‘ [8]nachzudenken, kritischer und selbstbewusster wird. Er wird sich nicht mehr so leicht von der ‚(ver)öffentlich(t)en Meinung‘ beeinflussen lassen (um nicht zu sagen: manipulieren lassen) und versuchen, seine eigenen Beurteilungsmaßstäbe zu schärfen (‚eigen‘ aber nicht im sinne von Ego, sondern über das Ego hinaus. ‚Höheren‘ Zielen verpflichtet [‚allgemeineren‘ nach dem kategorischen Imperativ von Kant; ‚dezentriert‘, transrational im Sinne der integralen Theorie].

Solche ’selbstbewussteren Individuen‘ werden auch gebraucht für die ‚emanzipative Transformation der Gesellschaft‘; – für alle, die wort ‚Revolution‘ für zu krude halten. 😉

Selbstbewusstsein aber nicht im Sinne des ‚Egoismus der [sozial] Erfolgreichen‘, sondern als Ergebnis und Effekt der geistigen und persönlichen Weiterentwicklung/Transformation. Das ist beileibe nicht das Gleiche!

Und das dritte Thema wäre die ‚Liebe‚, die ich in einem engen Bedeutungszusammhang mit der ‚Ästhetik‘ sehe.

Denn was ‚lieben‘ wir, wenn wir ‚lieben‘? Doch wohl die ‚Schönheit‘, oder? [9]

Nun will ich mich nicht auf die Diskussion einlassen, was ‚Schönheit‘ ist. Bei diesem Thema kann ich sehr gut damit leben, wenn jeder seine eigene ‚Definition‘ und seinen eigenen ‚Geschmack‘ hat. Aber DASS wir die ‚Schönheit‘ lieben, das scheint mir eine gesicherte Erkenntnis zu sein. (Auf die Frage, in welchem Verrhältnis die ‚Hässlichkeit‘ zu Schönheit steht, will ich hier nicht eingehen. Für eine umfassende Diskussion des Begriffes ‚Schönheit‘ wäre das aber sicher erforderlich.)

So wie die Kunst führt uns die Liebe über unsere Ego-Grenzen hinaus und verleiht uns einen Sinn für die Transzendenz [über sich selbst hinauswachsen]. Ich persönlich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass Kunst, Liebe, Erkenntnis(prozess) und [gelungenes] Leben letztlich ein und dasselbe sind. [10]

Wenn ich für alles einen Oberbegriff finden sollte, würde mir nur einer einfallen: Erhabenheit.[11]

Um aber zum Schluss doch noch dem Ganzen einen ‚lebenspraktischen‘ Sinn zu geben (wenn es schon nicht ein Ratschlag ist 😉 ), würde ich gern noch ein Zitat bringen von jemanden, deren Name man in einem philosophischen Zusammenhang eher nicht erwarten würde: Marilyn Monroe.

„Alles passiert aus einem Grund. Menschen ändern sich, damit du lernst loszulassen. Dinge gehen schief, damit du zu schätzen weisst, wenn es gut läuft. Du glaubst einer Lüge, damit du lernst, nur dir selbst zu vertrauen und manchmal bricht etwas Gutes auseinander, damit etwas Schöneres zusammenkommen kann.“

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[1] Vergleich dazu: (https://www.youtube.com/watch?v=YvKCJtFGjyE)

Vergleich auch die 2. Feuerbachthese: „Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens –  das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.“
Den begriff ‚Praxis‘ (und aus meiner sicht auch ‚Diesseitigkeit‘) sollte man allerdings in den Feuerbachthesen mit einer gewissen kritischen Skepsis geniessen. Hochinteressant ist hingegen der Hinweis auf die ‚Macht (des Denkens)‘. Hier deutet sich meines Erachtens etwas an, was heutzutage als ‚Diskurstheorie‘ (Michel Foucault) aus der Gesellschaftstheorie nicht mehr wegzudenken ist.

[2] „Wer niemals ganze Nachmittage lang mit glühenden Ohren und verstrubbeltem Haar über einem Buich saß und las und las und die Welt um sich her vergaß, nicht mehr merkte, dass er hungrig wurde oder fror –

Wer niemals heimlich im Schein einer Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen hat, weil der Vater oder die Mutter oder sonst irgendeine Person einem das Licht ausknipste mit der gutgemeinten Begündung, man müsse jetzt schlafen, da man doch morgen so früh aus den Federn sollte –

Wer niemals offen oder im Geheimen bitterliche Tränen vergossen hat, weil einer wunderbare Geschichte zu Ende ging und man Abschied nehmen musste von den Gerstalten, mit denen man gemeinsam so viele Abenteuer erlebt hatte, die man liebteund bewunderte, um die man gebangt und für die man gehofft hatte, und ohne deren Gesellschaft einem das Leben leer und sinnlos schien –

Wer nichts von alledem aus eigener Erfahrung kennt, nun, der wird wahrscheinlich nicht begreifen können, was Bastian jetzt tat.“ (Michael Ende, Die unendliche Geschichte)

[3] „Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles was entsteht; Ist wert, daß es zugrunde geht; Drum besser wärs wenn nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, Mein eigentliches Element.
[Ich bin] ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ (Goethe, Faust)

[4] Zum ‚linguistic turn‘ siehe: (https://www.youtube.com/watch?v=u_zDXOGbRe4)

[5] Ich stütze mich hier explizit auf die ‚integrale Theorie‘ der ‚Bewusstseinsevolution‘ nach Ken Wilber („kurze Geschichte des Kosmos“, „Eros Kosmos Logos“). [mit dem Modell der ‚spiral dynamics‚ habe ich mich nicht beschäftigt und habe dazu auch keine ‚Position‘.]

[6] Nach dem ‚Eisberg-Modell‘ findet ca 80% der Kommunikation auf der ‚emotionalen‘ Ebene statt!

[7] „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln! (Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung)

Vergleich auch aus den ‚Manuskripten‚: „Man sieht, wie Subjektivismus und Objektivismus, Spiritualismus und Materialismus, Tätigkeit und Leiden erst im gesellschaftlichen Zustand ihren Gegensatz und damit ihr Dasein als solche Gegensätze verlieren; (man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die praktische Energie des Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe faßte.“

[8] Der Begriff ‚ästhetische Erfahrung‘ ist schon viel zu elaboriert. Die meisten werden sich Gedanken machen über ‚Schönheit‘ und ‚Hässlichkeit‘ und was macht eigentlich ein ‚Kunstwerk‘ aus. Und erst wenn sie das Urteilen in gesellschaftlichen Konventionen in Frage stellen, wird eine ernsthaftere (und vor allem persönlich gewinnbringende) Auseinandersetzung mit der Kunst möglich sein.

[9] „Die Schönheit ermuntert die Seele zum Handeln.“ (Dante) [Das ‚Zitat‘ habe ich nicht geprüft. Es könnte auch ’nur‘ ein Filmzitat sein. Was aber an der inhaltlichen Aussage nichts ändert.]

[10] „Liebe ist einfach nur der Name für die Sehnsucht und dem Verlangen nach dem Ganzen.“ (Platon)

[11] “ Friedrich Schiller schließt an Kant an und unterscheidet das Erhabene (Sublime) vom Schönen dadurch, dass letzteres innerhalb der menschlichen Natur Ausdruck der Freiheit sei; das im Gegensatz dazu von der sinnlichen, berührbaren Welt unabhängige Erhabene erhebe ihn über seine Natur. Das Schöne binde uns an die sinnliche Welt, das Erhabene hingegen befreie uns davon. Schiller zufolge besteht das Erhabene „einerseits aus dem Gefühl unserer Ohnmacht und Begrenzung, einen Gegenstand zu umfassen, anderseits aus dem Gefühle unserer Übermacht, welche vor keinen Grenzen erschrickt und dasjenige sich geistig unterwirft, dem unsere sinnlichen Kräfte unterliegen“. Beim Erhabenen fühlen wir uns frei, „weil die sinnlichen Triebe auf die Gesetzgebung der Vernunft keinen Einfluss haben, weil der Geist hier handelt, als ob er unter keinen anderen als seinen eigenen Gesetzen stünde“. Das Erhabene „verschafft uns einen Ausgang aus der sinnlichen Welt“ und sei gleichzeitig „ein gemischtes Gefühl. Es ist eine Zusammensetzung von Wehsein… und von Frohsein…“ – Beim Erhabenen „stimmen Vernunft und Sinnlichkeit nicht zusammen, und eben in diesem Widerspruch zwischen beiden liegt der Zauber, womit es unser Gemüth ergreift“:

„Der erhabene Gegenstand ist von doppelter Art. Wir beziehen ihn entweder auf unsere Fassungskraft und erliegen bei dem Versuch, uns ein Bild oder einen Begriff von ihm zu bilden; oder wir beziehen ihn auf unsere Lebenskraft und betrachten ihn als eine Macht, gegen welche die unsrige in Nichts verschwindet. Aber ob wir gleich in dem einen wie in dem anderen Fall durch seine Veranlassung das peinliche Gefühl unserer Grenzen erhalten, so fliehen wir ihn doch nicht, sondern werden vielmehr mit unwiderstehlicher Gewalt von ihm angezogen. Würde dieses wohl möglich sein, wenn die Grenzen unsrer Phantasie zugleich die Grenzen unsrer Fassungskraft wären?“ (Wikipedia)

Allerdings teile ich die strenge Trennung von ‚Sinnlichkeit‘ und ‚Erhabenheit‘ [geistige Freiheit, auch von der ‚Natur‘. Wo doch der Mensch selbst Teil der Natur immer AUCH bleibt] bei Schiller nicht. Ich denke vielmehr, dass Sinnlichkeit und Erhabenheit so eine Art Fliessgleichgewicht oder ‚gesunde‘ Balance zwischen ‚Erdung‘ und ‚Transzendenz‘ ‚herstellen‘ sollen.

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Grafikquellen   :

Oben    —    Sechs von den 15 Ahu Tongariki Moais

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2.) von Oben    ––  „Heldmaschine Lügen Tour 2015 Bochum‘

Unten  —      

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Knastbericht aus Russland

Erstellt von DL-Redaktion am 20. März 2018

„Wir haben kein Gesetz“

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Gespräch Steffi Unsleber

Wladimir Perewersin hat als Manager beim Yukos-Konzern gearbeitet. Als dieser zerschlagen wurde, wurde er zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Ein Gespräch über den Alltag in russischen Gefängnissen – und wie man dort überlebt.

Er war ein junger, aufstrebender Ökonom. Wladimir Perewersin arbeitete bei einer russischen Bank, flog in die Schweiz und nach Frankreich. Eine Zeitlang lebte er in New York und London. Dann fing er an, bei Yukos zu arbeiten, einem großen russischen Ölkonzern. Er wurde dort Direktor der Abteilung für Auslandsschulden. Er heiratete, bekam einen Sohn. Die Zukunft lag verheißungsvoll vor ihm.

Bis er 2004 verhaftet wurde. Zu dieser Zeit wurde der Yukos-Konzern zerschlagen. Sein Besitzer Michail Chodorkowski wurde wegen Betrugs, Geldwäsche und Steuerhinterziehung angeklagt und verurteilt. Im Westen sprach man von einem politischen Prozess. Chodorkowski hatte sich mit seiner Stiftung „Offenes Russland“ und mit dem Anprangern von Korruption bei Präsident Wladimir Putin unbeliebt gemacht. Die Bewertung des Prozesses bleibt umstritten: Der Europäi­sche Menschenrechtsgerichtshof hat das Urteil gegen Chodorkowski im Jahr 2013 grundsätzlich gebilligt.

Perewersin, der wichtigste Finanzfachmann von Yukos, saß über zwei Jahre in Untersuchungshaft. Schließlich wurde er wegen Betrugs und Geldwäsche zu einer Haftstrafe von elf Jahren verurteilt. Später wurde die Strafe reduziert, er kam nach sieben Jahren frei. Seit 2014 lebt er in Berlin und arbeitet für ein IT-Unternehmen. Über den Prozess und seine Zeit in Haft hat er ein Buch geschrieben, das bisher nur auf Russisch erschienen ist. Es heißt: „Saloschnik“ – Geisel.

Zum Gespräch treffen wir uns zweimal in der Lobby des Ritz Carlton in Berlin. Perewersin, 52, hat diesen Ort vorgeschlagen, er arbeitet und wohnt um die Ecke. Nach ein paar Worten auf Russisch führen wir das Gespräch auf Englisch.

taz am wochenende: Herr Perewersin, Sie saßen sieben Jahre wegen Betrugs und Geldwäsche im Gefängnis. Zu Recht?

Perewersin: Nein, natürlich nicht. Der Prozess war lächerlich. Bis zur Urteilsverkündung hätte ich mir nicht vorstellen können, dass sie mich verurteilen. Ich war sprachlos, als es passierte.

Warum mussten Sie aus Ihrer Sicht ins Gefängnis gehen?

Ich war nur ein zufälliges Opfer. Die Behörden haben Leute in verschiedenen Teilen der Firma gesucht, um den Prozess gegen Chodorkowski zu unterstützen. Sie wollten, dass ich gegen ihn aussage. Im Gegenzug wurde mir eine Freilassung angeboten. Für mich war aber klar, dass ich nur die Wahrheit sagen kann.

Also waren Sie im Gefängnis, weil Sie nicht lügen wollten?

Ich habe das nie bereut, auch jetzt nicht.

Erinnern Sie sich noch an den Tag Ihrer Verhaftung?

Ich erinnere mich daran, als ob es gestern gewesen wäre. Ich saß in einem Restaurant im Zentrum von Moskau. Plötzlich klingelte mein Telefon. „Hier ist die Polizei“, sagte eine Stimme. „Sie sollten innerhalb der nächsten zwanzig Minuten zu uns auf die Wache kommen.“ „Kann ich morgen kommen?“, fragte ich. „Ich habe gerade ziemlich viel zu tun.“ „Nein, sofort“, sagte der Mann und beschrieb mir den Weg. „Okay“, sagt ich und dachte, besser gleich als später. Aus einem kurzen Besuch wurden sieben Jahre und zwei Monate.

Sie wurden während Ihrer Haft drei Mal verlegt, aber immer mussten Sie Ihre Zelle mit vielen teilen. Wie haben Sie es ausgehalten, sieben Jahre lang keine Privatsphäre zu haben?

Ich weiß es nicht. Das Schlimmste im Gefängnis ist, dass man nie allein sein kann. Sogar auf der Toilette bist du zusammen mit anderen Menschen. Oder in der Dusche: Im Gefängnis in Russland darfst du einmal pro Woche duschen. Einmal pro Woche! Und dann gibt es zehn Menschen, die sich um eine Dusche drängen und nur dreißig Minuten Zeit haben. Oder die Betten: In vielen Zellen sind mehr Menschen eingesperrt als es Betten gibt. Wir mussten in Schichten schlafen. Zum Verhör haben sie mich oft dann geholt, wenn ich gerade mit dem Schlafen dran gewesen wäre. Ich war wochenlang wach und habe kaum gegessen. Das System in Russland funktioniert so, dass Menschen erniedrigt werden. Jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde stehst du unter Druck. Das verändert die Leute. Sie hassen das System, sie hassen aber auch die anderen Menschen. Sie werden verrückt.

Im Gefängnis gibt es viele ungeschriebene Regeln, Sie beschreiben sie in Ihrem Buch. Die wichtigsten lauten: „Glaube an nichts! Hab keine Angst! Frag nicht!“ Wie haben Sie diese Regeln gelernt?

Ich habe ein Gespür dafür entwickelt. Wenn du im Gefängnis bist, solltest du nicht versuchen, den anderen etwas vorzumachen. Die Menschen sind dort wie Tiere, sie haben einen ausgeprägten Instinkt. Und du bist mit ihnen 24 Stunden am Tag in derselben Zelle. Du darfst sie niemals reinlegen, sie würden es merken. Ich hatte großes Glück. Manchmal kann ich kaum glauben, dass ich alles selbst erlebt haben. An manchen Tagen fühlt es sich an, als wäre es die Geschichte von jemand anderem.

Wurden Sie wie die übrigen Gefangenen behandelt?

Nein. Ich weiß, dass es sich komisch anhört, aber die Gefängniswärter mussten Berichte über mich nach Moskau schicken: Wie viele Pakete ich bekommen habe. Was in diesen Paketen drin war. Wie viele Socken. Es klingt lächerlich, aber es ist wahr.

Woher wissen Sie das?

Im Gefängnis gibt es alle möglichen Arten von Aufsehern – manche mögen sich nicht. Ein Aufseher fragte mich, ob ich seine Englischhausaufgaben machen könnte. Er war ein Student. Im Gegenzug habe ich einige Informationen erhalten.

Wurden Sie geschlagen?

Ja, mehrfach. Das ist üblich in russischen Gefängnissen. Wenn eine neue Gruppe von Gefangenen ankommt, werden sie von den Gefängnisaufsehern verprügelt. Manchmal schlagen sie hart zu, manchmal leichter. Es hängt von ihrer Stimmung ab, wie sie geschlafen haben. Manchmal passiert es auch, dass Gefangene deshalb sterben. Falls sich jemand beschwert, finden die Aufseher Zeugen, die bestätigen, dass die Aufseher von den Häftlingen angegriffen wurden.

Quelle     :     TAZ     >>>>>>      weiterlesen

Harakiri. Gefängnisskizzen

007. Saint Petersburg. Arsenalnaya embankment, 7-B.jpg

Von Wladimir Perewersin

Um der Gewalt in der Zelle zu entgehen und auf die Krankenstation verlegt zu werden, greifen manche Gefangenen zu drastischen Mitteln. Sie schlitzen sich selbst den Bauch auf. Eine Kurzgeschichte.

Die Strafkolonie ist ein Mikromodell unserer Gesellschaft. Alle Phänomene und Prozesse, die in der Gesellschaft vorkommen, gibt es dort auch – nur in übersteigerter und grotesker Form. In einer Strafkolonie bestimmt nicht das Gesetz die Ordnung des Lebens, sondern der Grad der Herrschsucht des Chefs und seines Umfelds. Nicht umsonst heißt der Leiter der Kolonie Chosjain, Hausherr. Und das ist er auch, nicht mehr und nicht weniger: Herr des Hauses. Die Geschlossenheit des Systems generiert uneingeschränkte Macht und jede Art von Günstlingswirtschaft, sprich: absolute Rechtlosigkeit.

Warum treten Gefangene in den Hungerstreik, zerschneiden sich die Pulsadern oder schlitzen sich den Bauch auf? Wo liegt für einen Menschen die Grenze des Erträglichen? Was bringt ihn zu solchen Verzweiflungstaten?

Andrei lernte ich in einer Kolonie des allgemeinen Strafvollzugs kennen. Quer über seinen ganzen Bauch zog sich eine tiefe, monströse Narbe, die mit weiten Stichen schlampig vernäht war. Er hatte sich in Untersuchungshaft mit einer Sa­totsch­ka, einem selbstgemachten Messer, den Bauch aufgeschlitzt, als einziges Mittel gegen die permanente Schikane. Immer wieder hatte man ihn verprügelt und gefoltert, um ihn dazu zu bringen, Verbrechen zu gestehen, die er nicht begangen hatte. Eine in Russland eigentlich sehr gängige Geschichte.

In der Kolonie kann einmal ein Mithäftling zu mir und fragte mich um Rat. Die polizeilichen Ermittler hatten ihm ein attraktives Geschäft vorgeschlagen – nachdem sie ihn vorsorglich erst verprügelt und dann gedroht hatten, ihn zu vergewaltigen.

Er sollte ein Geständnis ablegen. „Was kostet dich das schon?“, flöteten die Beamten. „Du kriegst höchstens ein halbes Jahr, das ist doch nichts. Wir lassen dich auf Bewährung raus, da bleibst du dann noch für zwei Jahre!“

Was soll man sagen, davon haben alle was! Die Bullen kassieren eine Prämie und werden befördert, weil sie so gut gearbeitet haben, und der Knacki kommt früher raus!

Bei Andrei war die Sache ernster. Als Wiederholungstäter, den man erst vor Kurzem aus dem Gefängnis entlassen hatte, war er ein begehrtes Opfer und eine leichte Beute. Man zwang ihn, einen Mord zu gestehen. Ihm blieb kaum eine Wahl. Er schnitt sich den Bauch auf und ließ seine Eingeweide heraushängen. Es war kein Selbstmordversuch, sondern eine pure Verzweiflungstat, der einzige Weg aus diesem Untersuchungsgefängnis heraus führte ins Krankenhaus.

Man muss dazu sagen, dass diese Einrichtung, die sich in der Ortschaft Pakino in der Oblast Wladimir befindet, berüchtigt war für die dort üblichen Foltermethoden. Andrei war nicht der einzige Häftling, der zu diesem Mittel gegriffen hatte. Damals fand ich seine Geschichte ziemlich krass, ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich mal zu etwas Ähnlichem fähig wäre. In gewisser Weise war Andrei mein Mentor und ideologischer Vordenker.

Quelle      :     TAZ       >>>>>       weiterlesen

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Oben   —    Butyrka prison, Moscow, Russia / Butyrka Gefängnis in Moskau

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Merkels Massaker

Erstellt von DL-Redaktion am 26. Februar 2018

In Berlin gepflanzt, in Ost-Ghuta geerntet

Dmitry Medvedev at the 34th G8 Summit 7-9 July 2008-49.jpg

Wir sind die Deutschen – so schießen wir zurück – erst nach nach 12 Uhr

Rationalgalerie

Autor: Uli Gellermann

Massaker! schreit es aus dem Kanzleramt. Und im ganze Land dröhnt das Echo. Und wirklich liefert der syrische Krieg erneut brutale Bilder. Tod und Verderben in Ost-Ghuta erzeugen Abscheu und Mitleid zugleich: Dem Sterben will niemand länger zuschauen. Da kommt Merkels Massaker-Schrei gerade Recht. Und wer, glaubt man Merkel und ihren Epigonen, ist Schuld am Krieg um Ost-Ghuta: Das Assad-Regime und „ganz besonders Iran und Russland“. Immer noch benutzt die Merkel in solchen Fällen ihre Kleinmädchen-Stimme, die klingt besonders glaubhaft.

Merkels Stimme war damals nicht zu hören. Als im Januar 2012, am idyllischen Ludwigkirchplatz in Berlin-Wilmersdorf, rund 50 syrische Oppositionelle auf Einladung des Auswärtigen Amtes zusammentrafen. Das aus deutschen Steuermitteln geförderte Projekt nannte sich „The Day After“ und hatte nur ein Ziel: Das syrische Fell zu verteilen. Klar war auch, dass dafür zuvor dringend der syrische Präsident Baschar al-Assad erlegt werden müsse. So forderte auch Merkel einen „politischen Übergang“ in Syrien, „an dessen Ende Assad nicht mehr im Amt sein kann“. Assad muss weg: Das war aus dem US-Präsidial-Büro zu hören, das skandierten nahezu alle Medien der westlichen Welt. Und ob er nun tot oder lebendig „weg“ sein sollte, das hatten die Schreier nie so genau festgelegt.

Baschar al-Assad war nie das, was man zum Beispiel in der Schweiz unter einem Demokraten versteht. Aber dieses Merkmal traf und trifft natürlich auch auf den jeweiligen König Saudi Arabiens zu. Oder auf diverse Emire im Nahen Osten. Auch kennt so mancher NATO-Verbündeter das Wort Demokratie nur vom Weghören. Hat man im westlichen Chor je die Forderung „Scheich Tamim bin Hamad Al Thani muss weg“ gehört? Der Mann ist seit 2013 Staatsoberhaupt des Emirates Katar. Das deutsche Auswärtige Amt nennt diese Diktatur eine „Monarchie mit Beratender Versammlung“. Und dumm-stolz verkündet das Amt auf seiner Website: „Die politischen Beziehungen Katars zur Bundesrepublik Deutschland haben sich durch eine stetige hochrangige Besuchsdiplomatie noch intensiviert“.

Wer sich die Armee der katarischen Diktatur ansieht, der findet dort jede Menge deutscher Panzer und anderes Mordgerät aus der heimischen Rüstungsindustrie. Und 30 Kilometer westlich der Hauptstadt findet sich dann ebenfalls die Al Udeid Air Base, der übliche Militärstützpunkt der USA. Und erst im August haben die NATO-Partner Türkei und Katar ein gemeinsames Militärmanöver abgehalten. Wahrscheinlich musste der lupenreine Demokrat Erdogan mal seine 5000 im Golfstaat geparkten Soldaten bewegen.

Für Leute, die lesen können, ist es kein Geheimnis, dass der Anlass für den andauernden Syrienkrieg eine Pipeline war. Denn im Jahr 2009, als Katar den Syrern den Bau einer Pipeline vorschlug, die über Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien in die Türkei führen sollte, um die EU mit Erdgas zu versorgen, da sagten die Syrer Nein. Nur wenig später begannen Katar, Saudi-Arabien und die Türkei den syrischen al-Qaida-Ableger Jabhat al-Nusra sowie die Kämpfer der Terrorgruppe ISIS zu finanzieren und mit Waffen auszustatten. Aber wer will das schon wissen? Frau Merkel lieber nicht. Wie sollte sie sonst so unschuldig vom Massaker schreien können, ohne die ausländische Einmischung in Syrien zu erwähnen?

Was ist Fußball? Klar, ein großes Geschäft. Aber auch eine großartige Marketing-Maßnahme: Hinter fröhlichen Spielen, so rechnet der Emir von Katar, lässt sich die traurige Wahrheit von Sklavenarbeit und Terrorfinanzierung prima verbergen. Deshalb gibt es im November 2022 die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Und der Deutsche Fußballbund hat diesen Tarnspielen zugestimmt, fördert sie bis heute. Glaubt jemand, das Kanzleramt habe diese Zustimmung nicht kontrolliert? Nicht einmal jene, die von der CDU-Mitgliedschaft des aktuellen DFB-Chefs nichts wissen, können so blöd sein, die immerwährende Regierungstreue des DFB zu ignorieren.

Wenn die Merkel heute „Massaker“ schreit, ohne die Ursachen zu nennen, ohne die ausländische Einmischung in Syrien auch nur zu erwähnen, dann ist das widerlicher Zynismus. Dann ist es der schäbige Versuch, mit blutigem Finger auf andere zu zeigen. Denn natürlich wurde der Boden für das Massaker in Ost-Ghuta auch in Berlin vorbereitet. Aber für die Bluternte werden andere verantwortlich gemacht.

Ein heisses Eisen – Antisemitismus in Deutschland
Mit Wolfgang Gehrcke und Uli Gellermann

In den letzten Wochen und Monaten waren die deutschen Medien voll von Meldungen über „Antisemitismus in Deutschland“. Eine Reaktion im Bundestag konnte nicht ausbleiben: Das Parlament beschloss, einen Antisemitismus-
Beauftragen zu installieren.

Gab es in den letzten Jahren ausschließlich oder primär antisemitischen Rassismus in Deutschland? Welche Rolle spielt die Merkelsche „Staatsräson“, das besondere Verhältnis der Bundesrepublik zu Israel in dieser Debatte? Was kann, was soll der Antisemitismusbeauftragte für eine Rolle spielen?
Zu diesen Fragen wollen Wolfgang Gehrcke und Uli Gellermann ein öffentliches Gespräch führen.

Wolfgang Gehrcke, geboren 1943 in Reichau, aufgewachsen in Hamburg. Er war Mitbegründer und später Bundesvorsitzender der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ). Nach Beteiligung an den ersten Ostermärschen wurde er 1961 aus der SPD ausgeschlossen. Mitbegründer der DKP, der PDS, der Linken und der Europäischen Linkspartei. Von 1998 bis 2017 war er Mitglied des Bundestages und Stellvertretender Fraktionsvorsitzender mit Schwerpunkt Internationale Politik.

Uli Gellermann, geboren 1945, ist in Düsseldorf aufgewachsen. Er ist Journalist und Filmemacher und hat als Creative Director gearbeitet. Lange Zeit war er für Bewerbungen des Bauens in Berlin zuständig. Seit Jahren begleitet er die Berlinale als Filmkritiker. Er verantwortet die Website rationalgalerie.de

Am 20. März 2018 um 20.30 Uhr

im Buchhändlerkeller-Berlin. Carmerstr. 1,
10623 Berlin (nahe Savignyplatz)

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Grafikquelle  :     TOYAKO-ONSEN, HOKKAIDO, JAPAN. With German Federal Chancellor Angela Merkel and Secretary-General of the United Nations Ban ki moon.

 

 

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Der falsche Eckensteher

Erstellt von DL-Redaktion am 24. Februar 2018

Eine Graphic Novel-Kriminalserie aus Berlin

Quelle  :   Untergrundblättle

Von Jenz Steiner telegraph.cc

Michael Schröter aus Berlin Prenzlauer Berg gehörte einst zu den Zeichnern des „Mosaik“. Mit „Mäcke Häring“, einer Graphic Novel-Kriminalserie bedient er seit sechs Jahren die Ästhetik der DDR-Kultzeitschrift.

Viel spannender ist jedoch der gut recherchierte Einblick in das Berliner Kulturleben der Zwanziger Jahre mit den frühen Vorboten des aufkommenden Faschismus in Deutschland. Jenz Steiner hat sich Schröters aktuelle Veröffentlichung „Der Falsche Eckensteher“ genauer angesehen:

„Der falsche Eckensteher“ ist der sechste grosse Fall des Privatdetektivs Mäcke Häring. Mit dessen Spürsinn ergründet man eine Stadt im Übergang. Wieder knattert Mäcke Häring mit seinem Motorrad durch die brodelnde Metropole Berlin. Knifflig ist der Schnüfflerjob zwischen Alexanderplatz und Oranienburger Tor, zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus. Wie der masslose Grössenwahn der vermeintlichen „Goldenen Zwanziger“ einer Atmosphäre der Rücksichtslosigkeit und Depression weicht, bekommt Mäcke Häring von allen Seiten zu spüren. Kriminalität, soziale Not und Kälte, Misstrauen, Verzweiflung und politischer Populismus prägen die Stadt. Mäcke wird vorsichtiger, wortkarger, spürt, wie sich die Gesellschaft spaltet und polarisiert. Wohin die Reise geht, kann Mäcke noch nicht klar benennen. Dass es auch für ihn langsam eng und unbequem wird, spürt er schon deutlich.

Eine geheimnisvolle Hinrichtungszeremonie auf dem Hinterhof einer Schnappsbrennerei führt den Detektiv Mäcke Häring in dieser Folge in den Harz. Dort ticken die Uhren zwar noch anders als im lauten Berlin. Doch in den verschlafenen Dörfern ist die wirtschaftliche Not gross und wer kann, verhökert sein Tafelsilber, um über die Runden zu kommen.

Die Hektik, Rastlosigkeit und Unruhe der späten Weimarer Republik spiegelt sich in Michael Schröters Zeichnungen nun noch stärker als in den vorangegangenen Mäcke Häring-Bänden. Mit schneller Feder und grellen Farben zeichnet er ein hektisch beklemmendes Sittengemälde einer Stadt, deren Ecken uns vertraut vorkommen, deren einstige Lebendigkeit und Dynamik uns jedoch bislang verschlossen blieb. Michael Schröter: Mäcke Häring – Der falsche Eckensteher

Die Dialoge sind noch harscher, kürzer und geladener als in den bisherigen Mäcke-Häring-Abenteuern. An den Stellen, an denen Sprache das Geschehen nicht mehr erklären kann, bedient sich Michael Schröter der Stärken des Films, setzt die frühen antisemitischen Pogrome kraftvoll, actiongeladen und unkommentiert in Szene. Wie durch eine Kamera blickt man wortlos in die Strassen und Höfe, deren Klima kontinuierlich rauer wird.

Dass das Berliner Scheunenviertel einmal Zentrum jüdischen Lebens war, ist allgemein bekannt. Doch richtig vorstellen können wir uns das heute nicht mehr. Die Collagen überzeichneten Fotos und lassen diesen verschwundenen Teil der Stadt wieder auferstehen. Mäcke Häring führt uns durch eine Gegend, deren damalige Lebendigkeit heute surreal und weit weg wirkt.

Im Gegensatz dazu ist die politische Spannung in der Stadt, in der sich der umtriebige Privatdetektiv bewegt, sehr nahe an unserer Lebensrealität.

„Mäcke Häring – Der falsche Eckensteher“ ist eine sehr gut recherchierte Graphic Novel. Geschickt verwebt Michael Schröter in dieser Kriminalgeschichte Action und Spannung mit der Atmosphäre und dem Zeitgeist der ausklingenden neunzehnhundertzwanziger Jahre. Die Parallelen zur heutigen Zeit sind bedrückend und kommen nicht von ungefähr. Dieser Band transportiert, was Geschichtsbücher und Dokus nicht oder nur schwer vermitteln können: die emotionale, die menschliche Ebene des aufkommenden Faschismus in der niedergehenden Republik.

Michael Schröter: Mäcke Häring – Der falsche Eckensteher. Eene Kriminaljeschichte aus Berlin. 82 Seiten, ca. 21.00 SFr., ISBN 9783000571701

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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Grafikquelle   :   Arbeiterfamilie in Billbrook 1902

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Auf Klapsmühlen-Tournee

Erstellt von DL-Redaktion am 15. Februar 2018

Selbsttherapeutische Massnahmen

Die PsychiatrieMaschinerie als Thema an der Mad Pride in Köln 2016.

Quelle  :   Untergrundblättle

Von Alex Gräbeldinger

Mit Erreichen der Volljährigkeit hatte ich folgende Referenzen vorzuweisen: einen Schulabschluss der mittleren Reife, einen Pkw-Führerschein, eine Videothekenmitgliedskarte und ein psychologisches Gutachten, das mir bescheinigte, dass ich geisteskrank bin.

Anstatt mich darüber zu freuen, nicht länger zur Schule gehen zu müssen – sondern endlich arbeitslos zu sein, legal Schnaps trinken zu dürfen und mit dem Auto besoffen zur Videothek fahren zu können –, fühlte ich mich down. Also beschloss ich, das Abfeiern meiner Volljährigkeit hinauszuzögern und stattdessen eine Klapsmühlen-Tournee zu starten.

Im Anschluss an einen stationären Aufenthalt stand der Besuch einer Tagesklinik auf dem Plan. Eigentlich hätte ich mich wohlfühlen können – die Seidenmalerei und das Körbeflechten im Rahmen der Ergotherapie weckten neu­en Lebensmut in mir. Trotzdem blieb mir ein nachhaltiger Therapieerfolg verwehrt. Meine Niedergeschlagenheit sta­gnierte. Als widrigen Umstand für meine Genesung emp­fand ich die Tatsache, dass der Stationsarzt ein dummes Arschloch war und die Oberschwester eine blöde Kuh. Im Verlauf der Einzelgespräche starrte mich der Seelenklempner immer nur dämlich an und sagte nichts weiter. Einerseits debil wirkend, anderseits streng und vorwurfs­voll. Sein Auftreten verunsicherte mich und sein hässlicher Schnauzbart erledigte den Rest.

Beklemmende Vibrations, die zur Folge hatten, dass ich ihm nichts mehr erzählte, sondern es vorzog, ebenfalls das Maul zu halten. Von diesem Tag an sassen wir uns nur noch schweigend gegenüber, während er mich weiterhin dämlich anstarrte.

Obwohl ich bereit gewesen wäre, den Schnauzbartträger zu ignorieren, gab es eine weitere Unannehmlichkeit, durch welche mir ein entspannter Alltag im Irrenhaus vorenthalten bleiben sollte. Ein immer wiederkehrender Programmpunkt strapazierte meine geschundenen Nerven: die sogenannte Befindlichkeitsrunde. Hierbei sassen die Patienten in Anwesenheit des Pflegepersonals und des schnauzbärtigen Arschlochs mehrmals täglich im Kreis beisammen und warfen sich gegenseitig einen Schaumstoffball zu. Nachdem man den Ball aufgefangen hatte, galt es, über seine persönliche, brandaktuelle Befindlichkeit zu referieren.

Nicht dass ich mich geziert hätte, die anderen darüber zu informieren, dass ich geisteskrank bin, jedoch störten mich die Häufigkeit und die Penetranz, mit der dieses Ritual zelebriert wurde. Mein Mitteilungsbedürfnis hielt sich in Grenzen. Zudem hatte ich das Gefühl, dass innerhalb einer Zwanzig­Personen-Runde ohnehin keine Themen gefragt waren, die an die Substanz gehen könnten. Die Aussagen der Mitpatienten bestätigten dies: »Das Essen hat mir heute sehr gut geschmeckt und das Körbe flechten besonders viel Spass gemacht. Wenn ich heute Abend nach Hause komme, gucke ich mir meine Lieblings­TV-Serie an.«

Man hätte fast glauben können, es ginge hier jedem prächtig. Trotzdem empfand ich es jedes Mal als eine enorme Stresssituation, sobald ich an der Reihe war, der Gruppe mein Zwischenresümee des Tages vorzutragen. Vor allem weil ich nicht unangenehm auffallen wollte, indem ich mich ständig wiederhole, und auch nicht Gefahr laufen mochte, einen anderen Patienten zu zitieren. Also musste ich ständig nach Synonymen suchen, um sämtliche Anwesenden über meine trivialen Tagesimpressionen in Kenntnis zu setzen.

Ein Mitpatient, ein gemütlicher, übergewichtiger Italiener, schien dieses Spielchen als ähnlich albern zu empfinden. Bloss mit dem Unterschied, dass er sich gar nicht erst die Mühe machte, seine Befindlichkeiten jedes Mal umzuformulieren. Ohne dadurch in Verlegenheit zu geraten, sagte er immer nur kurz und knapp: »Es geht mir ganz gut.« Punkt.

Diese Gelassenheit imponierte mir.

Ebenso imponierte mir ein anderer Patient. Am Tag seiner vorgesehenen Entlassung rutschen ihm folgende Worte heraus: »Ich werde heute Abend erst mal ein schönes kühles Bier trinken gehen.« Daraufhin durfte er sechs Wochen länger bleiben.

Kurz darauf brach ich die Therapie in der Tagesklinik ab und wechselte in eine Privatklinik, was so teuer war wie zuvor mein Pkw-Führerschein. Dafür gab es hier aber kein schnauzbärtiges Arschloch und auch keine Befindlichkeitsrunde, sondern ein Ambiente, das mit einem Vier­Sterne-Hotel locker hätte mithalten können – inklusive Einzeltherapeuten, Einzelzimmer und Essen à la carte. Darüber hinaus lautete das Konzept: 14-Tage-Intensiv-Programm – knallharte Verhaltenstherapie unter realen Bedingungen.

Um meine Selbstsicherheit zu stärken, bekam ich täglich Aufgaben zugewiesen. Zum Beispiel: »Gehe in einen Supermarkt und schiebe beim Verlassen einen leeren Einkaufswagen an der Kasse vorbei.« Ein weiteres Beispiel: »Lass dich in einem Fachgeschäft ausführlich über ein Produkt beraten, ohne es danach zu kaufen.« Oder auch: »Besuche ein Restaurant, bestelle etwas und lass es anschliessend unangerührt zurückgehen.«

Bei jeder der genannten Aufgaben scheiterte ich kläglich. Doch da es diese in Eigenverantwortung und ohne Aufsicht zu absolvieren galt, lag es an mir selbst, was ich daraus machen würde. Demnach war ich flexibel und hatte genug Raum zur Improvisation.

Somit folgt nun der Moment, in dem ich eines meiner bisher wohlgehütetsten Geheimnisse enthüllen werde: Ich besuchte einen Sexshop und kaufte mir eine aufblasbare Gummipuppe. Obwohl ich auf ein Beratungsgespräch verzichtete, betrachtete ich diese Übung als eine ausreichende Stärkung meiner Selbstsicherheit. Um die Situation aufzulockern, kaufte ich mir zusätzlich noch eine Packung Kondome. Damit glaubte ich, vom Kauf der Puppe ablenken zu können. Ich wollte den Anschein erwecken, dass es mir nur in erster Linie um die Kondome ginge und ich die Puppe bloss als Scherzartikel mitnehmen würde. Dass die Kombination »Gummipuppe + Kondome« allerdings schon allein aus hygienischer Sicht jeglichen Verdacht erhärten würde, wurde mir erst klar, nachdem ich den vermeintlichen Scherzartikel noch am selben Abend erstmals zu reinigen versuchte – und zwar in meinem Einzelzimmer der Vier-Sterne-Klapsmühle.

Doch statt mich erbärmlich zu fühlen, verspürte ich neuen Lebensmut. Ich dachte zurück an die Befindlichkeitsrunden in der Tagesklinik und versuchte mir die Reaktion des schnauzbärtigen Arschlochs vorzustellen, einmal angenommen, ich hätte ihm damals folgendes Tagesresümee mitgeteilt: »Ich habe mir heute im Sexshop eine Gummipuppe gekauft und sie anschliessend hier im Irrenhaus aufgeblasen und gefickt. Zusammenfassend möchte ich festhalten: Es geht mir ganz gut. Und heute Abend werde ich erst mal ein schönes kühles Bier trinken gehen.«

Hätte mich der Seelenklempner wieder bloss dämlich angestarrt? Wahrscheinlich schon, aber diesmal hätte er mich damit gewiss nicht mehr verunsichert.

Auszug aus „Verloren im Weltall, verwahrlost auf Erden: Durchhalteparolen für ein neues Jahrtausend“, Tante Guerilla, ISBN 978-3-9812772-4-1

Soweit nicht anders angegeben und keine genauere Quellenangabe vorhanden ist, gilt für die Texte auf dieser Website eine Creative Commons Lizenz (CC).

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Grafikquelle    :    Die Psychiatrie-Maschinerie als Thema an der Mad Pride in Köln 2016. / © Superbass via Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0 croppedGrafikquelle

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Der Waldmensch II

Erstellt von DL-Redaktion am 29. Januar 2018

ZweiterTeil

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Quelle  :   Untergrundblättle

Von Eckhard Mieder

Zweiter Teil

Was bisher geschah: Einem Eremiten fällt ein wimmernder Mann vor die Füße. Der hat offenbar ein Problem mit dem Kapitalismus. Das empfindet der Eremit nicht als sonderlich spektakulär. Der Mann und der Eremit bleiben im Gespräch.“

„Sie sollten sich erheben“, sagte ich dem Mann, den ich auf Anfang Vierzig schätzte.

Meiner Meinung nach hat es noch nie etwas gebracht, auf Knien herumzurutschen und um irgendwas zu flehen. Vielleicht war es so, dass man einem König, einem Sultan, einem Häuptling das Herz wärmte und ihn zur Gnade stimmte -, wir waren im 21. Jahrhundert (ungefähr; keine Ahnung, wenn wir die 300 Jahre abziehen, die angeblich gefälscht sind und quasi nicht stattgefunden haben, dann leben wir im 18. Jahrhundert; nach heutiger Geschichts-Erzählung noch weit vor der Großen Französischen Revolution und Napoleon) -, und ich fand, dass es eine der wenig-vielen Erkenntnisse der Menschheit ist: Der Mensch soll andere Menschen nicht demütigen, er soll sich nicht demütigen, er soll sich nicht demütigen lassen, er soll andere Menschen nicht gering schätzen, er soll sich nicht gering schätzen lassen von anderen Menschen. Na und so weiter. Das Humanismus-ABC rauf und runter. Das ist wie Nase-Laufen oder Schluck-Hicksen.

„Mein Name ist Dietmar“, sagte er leise.
„Ich habe keinen Namen“, sagte ich.
„Jeder Mensch hat einen Namen“, sagte er. War da eine Spur von Leben, von Widerstand, von Aufsässigkeit? Drang aus dem Häufchen Elend zu meinen Füßen ein Hauch Selbstbewusstsein zu mir hoch? Etwa Arroganz? Das gefiel mir.

„Sicher?“, fragte ich. Und falls ich einen Namen hatte (natürlich hatte ich einen, nur war er unwesentlich geworden, es gab niemanden, der nach mir rief, es gab niemanden, dem ich mich vorstellen und darstellen wollte): Dietmar hieß ich jedenfalls nicht und wollte ich auch nicht heißen.
„Warum wollen sie mir Ihren Namen nicht nennen?“, fragte er.

Ich zuckte mit den Schultern. War doch egal war, ob ich Hase hieß und von nichts wusste. Weil ich vor Jahren beschlossen hatte, ein Zoon apolitikon zu werden? Wer nicht mehr politisch denken und handeln möchte, der braucht auch keinen Namen. Er ist weder ein Absender noch ein Adressat. Oder heiße ich mit Vornamen Cicero, Platon, Sokrates und mit Nachnamen Rumpelstilzchen und ich tanze jeden Abend vor dem Zelt um mein Lagerfeuer und singe: „Ach, wie gut, dass ich nichts weiß! Was ich weiß, macht mich nicht heiß! Ich will nur mein Süppchen kochen! Meinetwegen nennt mich Jochen!“

„So demoliert bin ich nicht“, sagte jetzt der Mann, stand auf und schlug sich den grünen Moos- und Waldboden-Modder von den Hosen-Knien. Energisch, entschlossen, ja er kam mir geradezu aufrecht vor. „Ich weiß, dass ich ein Untertan bin. Ich weiß, dass ich eine Pfeife bin. Meine Frau verachtet mich, meine Vorgesetzten mobben mich. Mein Sohn geht auf jede Demonstration gegen den Staat und meint nicht mal mich, den Vater! Weil ich, der Vater, ihm keinen Widerstand wert bin! Aber über so viel Würde verfüge ich doch: Mich nicht im Wald von einem Mann arrogant behandeln zu lassen, von einem Mann, der aussieht, als bräuchte er eine Dusche und“, er hielt sich demonstrativ die Nase zu, „und Seife!“

Gut gebrüllt, wollte ich ihm sagen. Weiter so, wollte ich ihm empfehlen. Pumpe dich auf, plustere dich auf, werde wütend – und dann gehe zurück in den Kapitalismus und mache ihn fertig. Zack, Knie zwischen die Beine, Handkante gegen die Gurgel, zack, mit dem legendären Wischiwaschi-Griff einer asiatischen Kampfkunst, deren Namen ich vergessen habe, in die Augen oder in den Mund hinunter zur Lunge und raus damit! Dass er nicht mehr atmen kann, der Lumpenhund! Betrachte mich, den Eremiten, dem langsam die Zeh-Nägel in den Humus des Waldes wachsen, als deinen Feind! Trainiere an mir deine Wut, deine Aufsässigkeit, deine Lust am Widerstand! Ich bin dein Sandsack, prügle auf mich ein!

Mir fiel das altmodische Wort „Klassenfeind“ ein. Die Bezeichnung gibt es noch, den Corpus nicht mehr, heißt es. Ich erinnerte mich an die Zeit in meinem Leben, in der es Klassenfeinde gab (sagten meine Pädagogen und Propagandisten, bevor ich selber als Pädagoge und Propagandist anheuerte), ich erinnerte mich auch an die Zeit in meinem Leben, in der es Klassenfeinde nicht mehr gab (sagten Politiker, Soziologen und Journalisten, als ich nicht mehr dazu gehören wollte) -, und weil diese Zeiten hinter mir lagen und ich seit zehn Jahren in einem Waldstück über Bad Gerolstein lebte, sagte ich zu dem Mann: “Statt eines Namens kann ich ihnen ein Glas Mineralwasser anbieten. Ich habe auch ein Stück Rehfleisch dabei. Vom Rücken geschnitten, feiner Happen. Gestern überm Feuer gebraten.“ Bedachte ich es recht, war ich sehr entgegenkommend. Dafür, dass er mir zu verstehen gegeben hatte, dass ich stank und verdreckt aussah, war ich ein nobler Gastgeber.

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Grafikquelle   :  em

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Der Waldmensch

Erstellt von DL-Redaktion am 27. Januar 2018

Ich hörte davon, erst neulich wieder, 

File:Waldmenschen Skulpturenpfad (Freiburg) 5132.jpg

als ein Mann durch den Wald stolperte und immerzu rief: „Ich will nicht mehr! Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr!“

Quelle  :   Untergrundblättle

Von Eckhard Mieder

Erster Teil

Als ich auf den Weg trat, ich wollte ihm helfen, zuckte er zusammen, krümmte sich, fiel auf die Knie und bat um Nachsicht. Er wimmerte etwas, es klang wie: Ich habe es nicht gewollt, ich habe immer nur getan, was verlangt wurde, ich habe es nicht verdient, untergebuttert zu werden. Ich verstand nicht genau, was er klagstöhnend schrillte, ungefähr das war es.

Ich bat ihn, er möge sich beruhigen. Tief im Walde, wo wir uns befanden, drohe ihm nicht Gefahr und nicht Leid. Nur er und ich, umgeben von Milliarden Ameisen, Pilzen, Mücken, Bäumen, Rehen etc. pp., die nichts Böses wollten oder nur etwas wollten, was wir ohnehin nicht verstanden, existierten auf der Welt.

Der Mann, ich sah hinab auf seine Halbglatze, noch immer lag er auf Knien, fingerte in seiner Hose nach irgendetwas. Als er es herauszog, es war ein so genanntes Smartphon, und darauf fingerte – und feststellte, dass es keinen Empfang gab, warf er es ins Gebüsch und sich selber wimmernd hinterher.

Mir kann es im Grunde gleich sein, ob jemand sich zufällig oder absichtlich im Wald verirrt. Ob er Spass daran hat, sich zwischen Pfifferlingen, modernden Wurzeln und wilden Himbeeren wehzutun. Ob er vor einer Insolvenz oder aus einer Ehe geflüchtet ist. Ob er jemanden totgefahren oder im Lotto gewonnen hat und über das eine oder andere oder etwas ganz Anderes wahnsinnig geworden ist. (Obwohl, dachte ich, zwischen einem Totfahrer und einem Lotto-Gewinner – da müsste ich mich zwischen Hilfe und Anzeige entscheiden?)

Da richtete er sich auf, und sein Blick stach nach mir. Mit dolchklarer Stimme sprach er: „Der Kapitalismus ist der letzte Scheiss!“ Mir war das nicht ganz neu. Diese Erkenntnis hätte mich nicht in einen Wald getrieben, um mich wehklagend ins Moos zu werfen. Entweder lebt man in dem Scheiss oder man versucht, sich ihm zu entziehen. Man könnte ihn auch bekämpfen, ohne oder mit Gewalt, das schien mir seit Jahren eine unwichtige Entscheidung zu sein. Man musste es nur wollen. Man musste nur entweder zu einem Pflasterstein oder zu einem Pamphlet greifen. Und am besten, man organisierte sich und hatte eine Idee vom kollektiven Post-Kapitalismus.

Aber das waren Gedanken aus der Zeit, in der ich noch im Zentrum der Scheisse lebte; sie schossen in mir kurz auf wie Pilze nach dem warmen August-Regen. „Der Kapitalismus ist nicht der letzte Scheiss“, sagte ich dem Mann. Ich hatte das Gefühl, er brauchte Widerspruch. Klare Kante. Es gibt so viele Menschen, die sich nach deutlichen, brutalen Ansagen sehnen. „Er ist ein Scheiss, der sich immer wieder erneuert. Oder so gesagt: Ein wohl duftender Haufen Kacke, der immer und immer wieder aus dem Arsch des Kapitals plumpst. Kapiert?“

Meine Idee war es, dem vor Jahren auszuweichen. Also die Scheisse nicht auf meinen Kopf klatschen zu lassen und – ihn aus meinem Kopf herauszukriegen. Ich war dieser Gefühle, all dieser Gefühle, Neid, Habgier, Mordlust, Eifersucht überdrüssig. Ich wusste, dass ich davon nie frei sein würde. Aber ich wusste auch, dass ich nicht sterben wollte, ohne versucht zu haben, frei davon zu sein. Und ich ging mit meinem Zelt in den Wald, wohl wissend, dass in Deutschland derlei Aufenthalt verboten ist. Entdeckt hat mich bis heute niemand. Also?

(Zweiter Teil folgt)

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Idol als Frontenwechsler

Erstellt von DL-Redaktion am 26. Januar 2018

Gregor Gysi, Papst Franziskus und Donald Trump sitzen im Vorzimmer des Himmelssaales und warten auf ihre Anhörung.

File:KAS-Politischer Gegner, Gregor Gysi und Lothar Bisky-Bild-38604-3.jpg

Autor : Stefan Weinert / Ravensburg

Zuerst Gregor.

Der stürzt nach fünf Minuten aus dem Himmelssaal und ruft: „Ich muss noch mal zurück auf die Erde, was richtig stellen.“

Dann Franziskus.

Nach zehn Minuten geht die Tür des Himmelssaales auf, der Papst kommt heraus und sagt: „Ich muss noch mal zurück auf die Erde, was richtig stellen.“

File:Donald Trump and Pope Francis (24486540493).jpg

Dann Donald Trump.

Fünf Minuten vergehen, zehn Minuten vergehen, eine viertel Stunde vergeht, aber nichts geschieht. Doch dann, nach einer halben Stunde, wird die Himmelssaaltür aufgerissen und Jesus stürzt heraus und ruft: „Ich muss noch mal zurück auf die Erde, was richtig stellen.“

In der Tat scheint es so, dass der Jesus zu Zeiten des Römischen Reiches ein völlig anderer war, als der in den
englischen, amerikanischen und europäischen Imperien. Damals war er nichts anderes, als der Anwalt der Abgehängten, Verstoßenen, Aussätzigen, Gefangenen, Fremden, Geflüchteten, Vereinsamten und sogar der Prostituierten, die er ganz klar als Opfer der Männerwelt sah, wie es heute nicht anders ist. Er war die Lobby derer, die heute keine mehr haben. Er war entschiedener Gegner derer, die heute seinen Namen als Parteien, Kirchen, Organisationen und Privatmenschen vor sich hertragen. Wir müssen nur genau hinschauen, um das zu erkennen. Wir sollten die Bibel eben nichtals weihrauchgeschwängerte Schwarte und „postkommunionistisches“ Relikt, sondern als „Tagebuch eines Revoluzzers“ lesen und verstehen. Ich rede hier vom Neuen Testament, und dort wiederum von den vier Evangelien.

Natürlich hat sich der historische Jesus nicht verändert und schon gar nicht so, wie es uns heute erscheint und auch gefällt. Während Jesus der Zimmermann wollte, dass wir seine Interessen und die seiner „Mandanten“ vertreten, benutzen und missbrauchen wir durch die Jahrhunderte bis dato Jesus für unsere ureigensten Interessen. Schließlich kann man mit der Bibel alles vertreten und untermauern: den Pazifismus („Selig sind die FRIEDFERTIGEN“), den Krieg mit seinen millionenfachen Morden („Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das SCHWERT“), und sogar seinen eigenen Egoismus und Narzissmus („Liebe deinen Nächsten, wie DICH SELBST“). Ja, es geht soweit, dass bestimmte „christliche“ Kreise und ebensolche Politiker und Politikerinnen, die von Jesus explizit geforderte Anwaltschaft für Fremde und Flüchtlinge mit einer völlig abstrusen und abenteuerlichen Bibelauslegung nicht nur in Frage stellen, sondern kategorisch ablehnen und in aller Welt mit ihrer „Botschaft des fünften Evangeliums“ mehr und mehr „im Christentum verwurzelte“ Menschen erreichen.

Nein, Jesus hat die Fronten nie gewechselt. Wir – Du und ich – haben ihn vielmehr (vermeintlich) auf unsere Seite gezogen und sind im Grunde nichts anderes als ein verblendeter Saulus, der meinte, er stünde auf Gottes Seite und dieser auf der Seinigen, bis Gott ihn vor Damaskus auf den Boden der Tatsachen, der Fakten, der Realität wirft und fragt: „Saulus, Saulus, warum verfolgst du MICH?“ Also Vorsicht vor Leuten, die felsenfest behaupten, sie würden Gott und/oder Christus verteidigen, im Namen Gottes bzw. Christi reden und in seinem Namen (= in seinem Sinne) handeln. Und das bitte gilt nicht nur für Christen, sondern auch für Muslime und Juden und alle anderen, die sich ansonsten auf einen Gott berufen und dabei nicht Halt machen vor Ausbeutung, Intrigen, Lügen, Hass, Ablehnung, Feuer, Sprengstoff, Vergewaltigung und dem „Heiligen Schwert des Krieges“.

Würden wir die Geschichte vom Vorzimmer des Himmelssaales „weiterspinnen“ und Jesus käme in unseren Tagen tatsächlich zurück auf die Erde, um „etwas richtig zu stellen“, dann würde er es in der Tat tun. Allerdings konträr zu dem, was Donald Trump und alle „Herrschenden“ aus Wirtschaft, Politik, Medien, Sport, Vergnügen und Unterhaltung sich vorstellen würden.

Ich sehe ihn mit seiner „Peitsche“, wie er Gottesdienste stört und die Gebet- und Gesangbücher von den Bänken schleudert,
ich sehe ihn an der Frankfurter Börse, wo er lautstark jede Zinspolitik und Spekulation mit fremden Geld verdammt,
ich sehe ihn auf der Reeperbahn, wo er sich mit den Huren und den Zuhältern unterhält, sie umarmt und mit ihnen ein „Astra“ trinkt,
ich sehe ihn – als nicht geladenen Gast -auf politischen Parteitagen, wo er den noblen Damen und Herren auf dem Podest sein „ihr Schlangenbrut und Otterngezücht“ entgegen schleudert,
ich höre ihn das „Wort zum Sonntag“ (mit Perücke und falschem Bart) sprechen, was dem Programmdirektor seinen Posten kostet,
ich sehe ihn als Spieler des „FC St. Pauli“ als Verteidiger auf dem Rasen mit der „Gage“ in Höhe eines Hartz IV Satzes und
ich sehe ihn auf dem Bahnhof von Passau oder München, wo der den Fremden und ihrem Glauben an einen fremden Gott – und vor allem deren Kindern – reicht und sagt, was sie ersehnen und vermissen.

Tja, wenn und würde. Doch dieser vermeintliche Konjunktiv ist – wenn wir (wieder einmal) ganz genau hinschauen und hinhören – eigentlich Fakt und Realität. Wir sehen es bloß nicht, wir wollen es auch gar nicht sehen; wir hören es bloß nicht und wollen es auch gar nicht hören. Vielmehr sind es für uns Spinner, linksgrün Versiffte, Querköpfe, Träumer und Utopisten und Visionäre, die nicht ernst zu nehmen sind und unsere heile und erfolgreiche „brummende“ Gesellschaft nur zerstören wollen.

Deshalb müssen sie ans Kreuz. Wussten Sie, lieber Leser und Leserin, das Jesus seit dem Jahre 33 unserer Zeitrechnung – also seit nun fast tatsächlich genau 2000 Jahren – täglich und stündlich (!) erneut gekreuzigt wurde und wird. Dies jedoch nicht in den Heiligen Messen der Kirchen weltweit, sondern vor unseren Augen in unserer Stadt.

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Oben     —    Karikatur von Gysi und Bisky als Märchenonkel aus dem Märchen vom „Sterntaler“

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Altes ist besser als Neues ?

Erstellt von DL-Redaktion am 8. Januar 2018

Alles Alte ist besser als alles Neue?

File:Am Wollepark 1 Entrance.JPG

Quelle  :   Untergrundblättle

Tomasz Konicz / streifzuege.org

Reflexionen über die voranschreitende Auflösung des politischen Koordinatensystems. Das allgegenwärtige krisenbedingte Gefühl, dass etwas in Auflösung übergeht, dass verfestigte Strukturen und Lager in Bewegung übergehen und sich verflüssigen, hat längst auch die Sphäre des Politischen erfasst.

Das etablierte politische Koordinatensystem rechts- und linksgerichteter politischer Parteien und Kräfte scheint hohl und kaum noch mit Substanz aufgeladen. Immer mehr Menschen sehen keine nennenswerten Unterschiede zwischen den einzelnen Parlamentsparteien. Im Internet und seinen in den sozialen Netzwerken herumirrenden Schwärmen werden etablierte politische Begriffe wie blosse Labels behandelt und, je nach Situation und Interesse, mit neuen Bedeutungen aufgeladen. Die Ansicht darüber, was nun politisch links oder rechts ist, kann in den ausgedehnten Wahnräumen des Netzes, wo die Neue Rechte ihre digitale Heimat hat, mitunter täglich, ja stündlich wechseln, was ja letztendlich nur auf die beginnende Auflösung des politischen Koordinatensystems hinweist.

Zum einen ist es die längerfristig wirkende neoliberale Hegemonie, die im Rahmen des „Sachzwang-Diskurses“ den politischen Spielraum immer weiter einengte, sodass in den vergangenen drei Dekaden de facto eine ganz grosse neoliberale Koalition durchregierte – was zur Unterschiedslosigkeit im Parlament beitrug. Doch eigentlich war der sozioökonomische Spielraum bürgerlicher Politik im Nachkriegszeitalter schon immer begrenzt. Auch von den 1950er- bis in die 70er-Jahre hielten sich alle Regierungsparteien, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, an die damals hegemonialen keynesianischen Grundsätze der Wirtschaftspolitik. Aktuell kommt noch die Taktik der Neuen Rechten hinzu, insbesondere in den sozialen Netzwerken gezielt die Grenzen zwischen links und rechts zu verwischen („Linksfaschisten“, „Rote SA“ etc.), um so die Akzeptanz der populistischen und extremen Rechten zu erhöhen. Dennoch sollten hierbei Ursache und Wirkung nicht verwechselt werden: Die Rechte instrumentalisiert unbewusst eine gegebene Dynamik im Überbau spätkapitalistischer Gesellschaften.

Linker Egalitarismus und rechte Eliten

Ihren Ursprung hat die Einteilung der politischen Kräfte in linke und rechte Parteien – wie so vieles – in der Französischen Revolution. Schon die Sitzordnung der ersten französischen Nationalversammlung von 1789 bis 1791 war gekennzeichnet durch eine grobe Teilung in revolutionär und/oder republikanisch gesinnte Kräfte, die auf der linken Seite Platz nahmen, und konservative, monarchistische Kräfte, die auf der rechten Seite der Nationalversammlung beheimatet waren. Diese räumliche Bezeichnung verselbstständigte sich mit der Zeit: Diejenigen Kräfte, die die Dynamik der Französischen Revolution weiter anfachen wollten, wurden als die Linke bezeichnet, während die bremsenden, konservativen oder restaurativen Kräfte als die Rechte benannt wurden. Und diese Unterscheidung zwischen progressiven und konservativen Kräften bildet auch die zentrale Achse des seit dem 19. Jahrhundert etablierten politischen Koordinatensystems: Die Linke agierte politisch progressiv, fortschrittlich, vorwärtsdrängend, während die Rechte konservativ ist, den Status quo bewahrend, oder gar reaktionär. Die Linke betont das Werden, das Gemeinsame der Menschheit, die Zivilisation; die Rechte hält am bestehenden Sein fest, am Besonderen, an den Unterschieden, an der Kultur.

Der Kampf zwischen linkem Egalitarismus und rechten Eliten kennzeichnet nach der Ausrufung der allgemeinen Menschenrechte die Geschichte des politischen Systems seit dem „Zeitalter der Revolutionen“ (Hobsbawm) im 19. Jahrhundert. Etablierte Machtstrukturen, die von der Rechten verteidigt wurden, sind von der Linken um der intendierten Emanzipation immer grösserer Bevölkerungsteile willen bekämpft worden. In ihrer radikalen Avantgarde galten den Linken diese politischen Kämpfe auch als ein Mittel zur Überwindung des kapitalistischen Systems, insbesondere der Arbeiterklasse wurde dabei eine objektive historische Funktion als ein „revolutionäres Subjekt“ zugesprochen. In der Praxis lief aber dieser Emanzipationsprozess auf die rechtliche Gleichstellung und soziale Verbesserungen für zuvor marginalisierte oder verfolgte Gruppen innerhalb des kapitalistischen Systems hinaus. Die Hoffnung auf ein revolutionäres Subjekt innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft hat mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus einen historischen Rückschlag erlitten. Bei der Gleichstellung zuvor marginalisierter Gesellschaftsgruppen innerhalb des Kapitalismus wurden aber tatsächlich – zeitweilige – Erfolge erzielt: von der Arbeiterklasse, die spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg im Kapitalismus vollauf integriert wurde, über die Frauenemanzipation bis zu dem weiterhin andauernden Kampf gegen die Diskriminierung ethnischer oder sexueller Minderheiten.

Vollauf verständlich wird dieser historische – wenn auch unvollendete – politische und rechtliche „Emanzipationsprozess“, den die Linke binnenkapitalistisch geleistet hat, nur bei Berücksichtigung seiner Wechselwirkung mit der Sphäre der kapitalistischen Ökonomie. Die rechtliche Gleichstellung immer neuer Gesellschaftsgruppen ging mit deren Integration in das expandierende System der Lohnarbeit einher – solange auch das Kapital expandierte und immer grössere Quanta Lohnarbeit verwertete. Die Linke brachte zumindest in den Zentren des Weltsystems somit Überbau und Basis in Einklang, indem sie überall dort die politischen und sozialen Rechte von Gruppen erkämpfte, die in der historischen Aufstiegsbewegung des Kapitals in das System der Lohnarbeit integriert wurden. Die Rechte hingegen wollte Ausbeutung ohne Rechte, ohne Gleichstellung, ohne soziale Teilhabe – sie wirkte zunehmend kontraproduktiv, vor allem im Nachkriegszeitalter, der goldenen Ära des Sozialdemokratismus, als Massennachfrage die extreme Expansion der Kapitalverwertung ermöglichte. Für das globalisierte Kapital sind somit alle gleich – als „Humankapital“, das im Optimalfall unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder sonstigen Nebensächlichkeiten möglichst effektiv ausgebeutet werden soll.

Krisenideologien

Doch zugleich ist es inzwischen evident, wie prekär diese „Fortschritte“ gewesen sind, die im Rahmen der widerspruchsgetriebenen fetischistischen Verwertungsbewegung des Kapitals erkämpft wurden. Die Krise der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft, die in der Tendenz eine ökonomisch überflüssige Menschheit fabriziert, macht die etablierte politische „Rollenverteilung“ unmöglich. Die rechtliche Gleichstellung von Minderheiten geht seit der neoliberalen Wende ja einher mit krisenbedingter sozialer Zerrüttung, mit massenhafter Prekarisierung. Sobald die historische Expansionsbewegung des Kapitals aufgrund ihrer inneren Widersprüche zu stocken begann, das Aufsaugen von Lohnarbeit in der Warenproduktion in deren Abschmelzen umschlug, brach die ökonomische Basis dieser linken binnenkapitalistischen Scheinemanzipation zusammen. Dasselbe widerspruchszerfressene Kapitalverhältnis, das keine Unterschiede bei der Ausbeutung von Menschen machen muss, heizt in seiner Krise die Konkurrenz und entsprechende Krisenideologien an, die sich gegen Minderheiten richten, die als Konkurrenten auf den Märkten wahrgenommen werden.

Die Rechte identifiziert sich mit dieser Krisenkonkurrenz, indem sie sie mit Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Kulturalismus etc. auflädt und der Mehrheitsgesellschaft die ideologischen Legitimationen für die krisenbedingte Marginalisierung von Minderheiten liefert. Die Inklusion schlägt in ihr Gegenteil, die Exklusion, um (der rechte Hass auf „Gutmenschen“ speist sich aus dem auch in der Krise von aufrechten Linken betriebenen Kampf um Gleichstellung von Minderheiten). Die reell ins Barbarische treibende Krisendynamik erzeugt somit den Anschein, als ob die Rechte jetzt vorwärtsdränge, als ob sie voranschreite – sie tut es nur auf den Abgrund zu. Weite Teile der Linken, die den Krisenprozess weiterhin nicht in seiner Tiefe erfassen wollen, sind jetzt rückwärtsgewandt, konservativ; sie wollen entweder zurück in die „heile“ kapitalistische Welt der keynesianischen Nationalstaaten der 50er- oder 70er-Jahre oder zurück in die DDR und Sowjetunion. Die Uhren sollen – ein absurder, unrealisierbarer und letztendlich selbstmörderischer Anachronismus – zurückgedreht werden.

Schon der Zusammenbruch des real existierenden Staatssozialismus – der eigentlich nur der Vorschein der gegenwärtigen Krisenära war – hat eine regelrecht konservative Linke hervorgebracht, die angesichts der neoliberalen Offensive eine bekannte Brecht’sche Maxime einfach umkehrte. Frei nach dem Motto: „Alles Alte ist besser alles das Neue“. Da der anachronistische Zug in eine idealisierte Vergangenheit an der Krisenrealität zerschellen muss, drohen diese konservativ-linken Kräfte ähnliche Krisenideologien auszubilden, wie sie innerhalb der Rechten ausgebrütet werden: wo die Personifizierung der Krisenursachen (Ausländer, Juden, Muslime, Russen, Amis, Ausserirdische etc.) mit einer Naturalisierung der Strukturen, Formen und Vermittlungsebenen des Kapitalismus einhergeht. Zumeist wird in dieser nach „rechts“ umfallenden, postsozialdemokratischen Linken argumentiert, dass der Sozialstaat nur im nationalen Rahmen, bei geschlossenen Grenzen, aufrechterhalten oder ausgebaut werden könne.

Notwendige Transformation

Der Krisenprozess lässt keinen sozialen „Fortschritt“ im Rahmen des Kapitalismus mehr zu – deswegen bricht diese politische Frontstellung auseinander, deswegen müsste die Linke zu einer kategorialen Kritik des Kapitalismus, zu einer transformatorischen Praxis übergehen. Der direkte oder vermittelte Terror gegen eine beständig anwachsende, ökonomisch überflüssige Menschheit ist der einzig gangbare barbarische Weg innerhalb des im Zerfall begriffenen Systems. Dessen zivilisatorisch überlebensnotwendige Überwindung ist somit kein linker „Radikalismus“, sondern blanke praktische Notwendigkeit, die sich aufgrund der Eigendynamik der eskalierenden Widersprüche unabhängig vom Bewusstseinsstand der Massen oder den konkreten politischen Kräfteverhältnissen quasi von selbst stellt. Nicht der Blick zurück, sondern der Blick nach vorn, über den Kapitalismus hinaus, könnte noch den tiefen Absturz in die Barbarei verhindern.

Die Linke müsste also vor allem in Reaktion auf die zunehmenden ökonomischen und ökologischen Krisentendenzen eine breite Debatte über eine postkapitalistische Gesellschaft initiieren, anstatt an den überkommenen, ohnehin in Auflösung befindlichen Gesellschaftsformen festzuhalten. Nicht weil es radikal wäre, sondern weil es objektiv notwendig ist, weil das System seiner Krisendynamik gemäss in die Barbarei führt – aus der ins Extrem getriebenen Systemlogik heraus.

Von Tomasz Konicz erschien zum Thema Krise zuletzt im Konkret-Verlag das Buch „Kapitalkollaps. Die finale Krise der Weltwirtschaft“.
Soweit nicht anders angegeben und keine genauere Quellenangabe vorhanden ist, gilt für die Texte auf dieser Website eine Creative Commons Lizenz (CC).
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Grafikquelle    :     Zertrümmerter Eingangsbereich des (zum Aufnahmezeitpunkt nicht mehr bewohnten) Wohnblocks Am Wollepark 1, Delmenhorst, Niedersachsen. / Jacek Rużyczka (CC BY-SA 4.0)

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Jan Knopf: Bertolt Brecht

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Januar 2018

Brechts unterschlagene Commune

File:Brecht-Weigel-Haus Buckow 01.jpg

Quelle  :   Untergrundblättle

Von Fritz Güde / kritisch-lesen.de

In der früheren DDR wurde die Commune von 1871 oft gerühmt, selten als Vorbild studiert. Konkrete Erinnerung störte. Was aber brachte Professor Knopf dazu, im freien Westen die Existenz der Commune von Brecht völlig zu verschweigen?

Professor Jan Knopf ist als Herausgeber der kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe der Werke einer der umfassendsten Kenner der Werke Brechts. Zugleich ist er Leiter der Arbeitsstelle Bert Brecht in Karlsruhe. Als solcher hat er 2006 zum fünfzigsten Todestag mit einer neuen Gesamtdarstellung Brechts in der neuen Reihe von Suhrkamps BasisBiographien bedacht.

Die grosse Überraschung: Brecht war gar kein Marxist. Das haben ihm seine Anhänger und Gegner in einer gemeinsamen Verschwörung angedichtet. Brecht war vielmehr – im Hauptberuf sozusagen – ein erbitterter Gegner der Tuis (Hüllwort für Intellektuelle). Die hat er sein Leben lang gehasst. Das ist unbestreitbar. Nur: Ein wenig hat Brecht schon danach gefragt, in wessen Diensten diese Intellektuellen als Kopflanger standen. Gegen die Intellektuellen an sich konnte er nicht gut vorgehen, schliesslich war er selber einer. Diesen Gesichtspunkt hat Jan Knopf entschlossen ausradiert. Gegen Intellektuelle sein – das heisst beim Jan Knopf von 2006 so viel wie gegen Bürokratie oder gegen den Staat. Nur den bürgerlichen Staat zurückdrängen, das kann auf „lassen wir den Markt entscheiden“ hinauslaufen, aber auch auf: die Leute sollen nicht verwaltet werden, sondern lernen, die Verwaltung ihrer Angelegenheiten gemeinsam selbst zu übernehmen. Textvergleich: Knopf Reclam 2000 – Suhrkamp 2006

Die Schwäche des neuen Konzepts, das uns Jan Knopf anbietet ist, dass die Produktion Brechts nach 1930 jeden inneren Zusammenhang verliert. Auch müssen gewisse Werke Brechts völlig aus dem Korpus verschwinden. So vor allem das späte Drama Tage der Commune. Gewiss – es ist nach einer Vorlage geschrieben – wie die meisten Theaterstücke, vor allem die Brechts. Immerhin verursachte es in der alten DDR bei der Erstaufführung einige Unruhe bei den DDR-verwaltenden Mit-Marxisten. Bei Knopf ist es spurlos verschwunden. Hoffentlich nicht deshalb, weil sich da nicht verschweigen liesse, dass Brecht ganz gehörig an Marx genascht hat.

Fünf Jahre vorher wusste Jan Knopf noch: „am historischen Vorbild des Aufstands der Pariser Kommune von 1871 liessen sich aktuelle Probleme im Nachkriegsdeutschland spiegeln, und zugleich konnte Brecht für eine sozialistische Erneuerung Deutschlands plädieren.“ (Knopf 2000, S. 186) Da scheint Jan Knopf noch selbst den Sozialisten Brecht im Kopf gehabt zu haben.

Wo bleibt die Hexameterfassung des Manifests?

Auch fehlt 2006 im neuen Werk völlig Brechts Versuch, das kommunistische Manifest in klassischen Hexametern neu zu schreiben. Fünf Jahre vorher – in einer Brechteinführung bei Reclam kam es noch vor, und es wurde nach Hanns Eislers Fragen Sie mehr über Brecht richtig mitgeteilt, dass das Vorhaben an den Termini von Marx scheiterte – „Bourgeoisie“ und „Proletariat“, die sich dem Versmass des Hexameters widersetzen. Dass liesse sich allerdings gegen Knopf eher als Treue gegenüber Marxens Text verstehen. Wäre es nicht leicht gewesen „Ausgebeutete“, „Unterworfene“, „Kämpfende“ usw. zu ersetzen – schön nach den Regeln dieses Versmasses. Erste Silbe betont, zwei unbetonte. Nur – mit allen Ersatzworten wäre nicht das Ganze des Proletariats erfasst worden, immer nur ein Teil. Lieber gab Brecht das Werk auf als den vollen Begriffsumfang. (Eisler, als Quelle noch hochgerühmt im Jahre 2000, hat 2006 seinen Tadel weg – redet mehr über sich als über Brecht).

Wo etwas wegfällt, kommt anderes hinzu. Brechts wichtige Bearbeitung des Hofmeister von Lentz aus dem Sturm-und-Drang wird 2000 bei Knopf noch mit dem Satz Brechts kommentiert: es gehe ihm um die Fragen „eines revolutionären Proletariats an den Bürger von heute“ (Knopf 2000, S. 187). 2006 bedeutet die Selbstentmannung des Hofmeisters Läuffer nicht mehr den drastischen Zwang zur Triebunterdrückung, um unter adligen und bürgerlichen Herrschaftsverhältnissen seinen Lebensunterhalt zu fristen. Knopf hat 2006 eine überraschende Neudeutung parat:

„Läuffer und seine zukünftige Frau Elise, der er erst gegen Ende des Stücks begegnet, erfüllen die Voraussetzung, aber nicht das Vermögen zur Ehe. Viel boshafter war nach dem Krieg das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten, das dann Teil eines gefährlichen Kalten Krieges werden sollte, kaum zu erfassen.“ (S. 116)

Darauf muss man erst mal kommen. Deutsch-Deutsche Liebe mit Viagra-Bedarf. Gerade von dieser Inszenierung hat Brecht ein ausführliches Modell erstellen lassen. Hätte er das sagen wollen, hätte er doch einen Wink einschmuggeln können. In einem Aufsatz in Ossietzky teilt Manfred Wekwerth mit:

„Er, der Professor, hat nämlich in Brechts Bibliothek im Berliner Brechthaus nachgeschaut und kann nun beweisen, dass es nur die Biografen und Deuter waren, die behaupteten, Brecht habe Marx gelesen. ‚Davon kann jedoch keine Rede sein, er hat Marx nie richtig gelesen. Die Lektüre des ‚Kapitals‘ ist lediglich als sporadische Urlaubslektüre überliefert‘, so der Professor; bei dem ‚Büchernarren‘ Brecht habe er nur eine weitgehend ungebraucht wirkende ‚Kapital‘-Ausgabe von 1932 gefunden, obwohl Brechts angebliche Marx-Studien doch um Jahre zuvor datiert seien. Dass sich Brecht selbst als Marxismus-Kenner darstellt, ist für den Professor eher eine‚ typisch Brechtsche Selbstinszenierung, die im konkreten Fall einem speziellen Auftritt in Moskau geschuldet ist‘.“ (Ossietzky 6/2006)

Der Wagen des Berliner Ensembles mit Bertolt Brecht und Helene Weigel, 1.

Leider teilt Wekwerth die Fundstelle nicht mit. Die Mitteilung selbst wirkt glaubhaft. Sollte sie wahr sein, würde sie bei Knopf selbst auf ein erschütterndes Missverständnis dessen verweisen, was Marxismus sein kann. Sein wichtigstes Kennzeichen: Er wird nicht nur über Bücher weitergereicht, sondern vor allem durch tätigen Umgang. Gespräche, Schulungen, Briefe scheint es für Knopf nicht zu geben. Den Einfluss des marxistischen Denkers Korsch, den Brecht immer „Mein Lehrer“ nannte – gibt Knopf notgedrungen bei Reclam und Suhrkamp zu. Bei Suhrkamp allerdings mit der Anmerkung, zwar sei durch Korsch „Brechts realistischer Materialismus (…) vorübergehend ins Schwanken gekommen. (…) Nach einigen idealistischen Ausfällen, die darin bestanden, dass er Korschs Gedanken nachschrieb, stabilisierte sich Brechts Einstellung jedoch angesichts der politischen Ereignisse schnell wieder.“ (Knopf 2006, S. 36) Korsch – Verführer zum Idealismus! Kein Wunder, dass Knopf seinen Schutzbefohlenen Brecht alsbald zwingt, Korsch unter die Tuis einzusortieren.

Steht es wirklich schon so schlimm?

Man kann in einem dünnen Buch nicht alles unterbringen. Trotzdem wäre ein Wink doch möglich gewesen auf Korschs Aufenthalte in Svendborg bei den Brechts, zeitweise zugleich mit Walter Benjamin, lang nach der Entlarvung als Tui 1934. Dazu ein winziges kriminalistisches Detail. In Benjamins Passagenwerk finden sich sehr viele Exzerpte aus Korschs Buch über Karl Marx. Korschs Buch war damals noch gar nicht zu Ende geschrieben. In der ersten nach dem Krieg herausgekommenen Ausgabe – bei EVA – finden sich keine wörtlichen Entsprechungen. Also spricht sehr vieles dafür, dass Brecht mit Erlaubnis Korschs Benjamin mit den jeweils neuen Teilen des Work in Progress versorgt habe. Zumindest beweist das, dass auch nach der Entlarvung Brecht Korsch für einen der wichtigsten Denker gehalten hat. Wie hätte er ihn sonst bedenkenlos weitergegeben und empfohlen?

Scheint der von Knopf neu eingekleidete Brecht doch mehr ein modisches Phänomen, so hoffen wir, dass Knopf noch so lange tätig sein kann, dass er in der nächsten Konjunkturwelle seinen Brecht wieder neu modisch-adrett präsentieren kann – nach den dann herrschenden Bedürfnissen. Chotjewitz erwägt in konkret vom August 2006 barmherzig, dass Knopf die Ausstaffierung seines Brecht total entmarxt für nötig angesehen habe, um wenigstens auf diese Weise seinen Schützling durchzubringen in Zeiten wachsender Unwissenheit und Abneigung gegen Theorie. Also so ähnlich, wie man Zitate von Spinoza unterm Faschismus als die eines holländischen Gelehrten des 17. Jahrhunderts unschuldig maskierte.

Jan Knopf hat uns – mit anderen – die Gesamtausgabe Brecht geliefert. Ein geräumiges Gebäude. Aber was hilft das schönste Haus, wenn der Bauherr alle paar Jahre das Türschloss ändert und den Schlüssel für sich behält.

Jan Knopf: Bertolt Brecht. Suhrkamp BasisBiographien 16. Suhrkamp Verlag, Berlin 2006. 160 Seiten. ca. 12.00 SFr., ISBN: 978-3-518-18216-1

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Description
Deutsch: Denkmalgeschütztes Brecht-Weigel-Haus am Ostufer des Schermützelsees in der Bertolt-Brecht-Straße 29/30 in Buckow, Landkreis Märkisch-Oderland, Brandenburg. In dem Sommerwohnsitz arbeiteten Bertolt Brecht und Helene Weigel seit 1952, Helene Weigel auch nach dem Tod Brechts 1956. Seit 1977 dient das Haus als Museum und Gedenkstätte für das Künstlerehepaar. Laut Denkmalliste stehen unter Schutz: Sommerwohnsitz von Bertolt Brecht und Helene Weigel, bestehend aus Atelierhaus, Chauffeur- und Gärtnerhaus mit Seitenflügel und Veranda, Pavillon über Eiskeller und Garagen, Bootshaus, Wasserturm sowie parkartiger Gartenanlage mit Seebalustrade, Brücke, Boots- und Badesteg, Gartenskulpturen, Blumengarten und straßenseitiger Grundstückseinfriedung.
English: Listed Brecht-Weigel-Haus at the eastern shore of the Schermützelsee in the Bertolt-Brecht-Straße 29/30 in Buckow, District Märkisch-Oderland, Brandenburg, Germany. Bertolt Brecht and Helene Weigel were working in the summerhouse since 1952, Helene Weigel also after the death of Brecht in 1956. Since 1977 the house is used as museum and memorial to Brecht and Weigel. Listed is the whole ensemble, including some buildings as well as the garden with sculptures, sea-balustrade, water tower, boathouse and landing stage.
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Author Lienhard Schulz

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Unten   —-    Der Wagen des Berliner Ensembles mit Bertolt Brecht und Helene Weigel, 1. Mai 1954. / Bundesarchiv, Bild 183-24300-0049 – Sturm, Horst (CC BY-SA 3.0 unported – cropped)

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Politiker und Richter ?

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Dezember 2017

Richter, die dem Gewissen Schweigen befahlen

Vergleichbar mit heute nicht unbedingt da sie nicht die Macht haben über Leben und Tod zu entscheiden. Aber alles hatte einen Anfang, welcher später nicht mehr Erklärbar . So Verlustieren sie sich in den Parteien um derer Mitglieder entsprechend zu selektieren, im Auftrag von ? Die menschliche Dummheit stirbt nicht, solange die Beteiligten immer wieder willige MitspielerInnen finden – in Bottrop, Gelsenkirchen oder auch Berlin. Manipulierer denen das Gehalt als Familienrichter oder Behördenmitarbeiter zu niedrig erscheint. Ruhe aber, werden sie nie finden. DL-Red. IE

Gastbeitrag von Christoph Safferling

Niemand hat das Recht, nur zu gehorchen. Auch Richter nicht. Vor 70 Jahren wurden Hitlers Blutjuristen zu relativ milden Strafen verurteilt.

Die Strafen waren mickrig. Und als die drei amerikanischen Richter des Militärgerichtshofs Nr. III an diesem Morgen herabblickten auf die 14 Angeklagten – da blickten Richter zu ihnen zurück, Berufskollegen.

Hitlers schlimmste Blutjuristen, die vor nun 70 Jahren in Nürnberg verurteilt wurden, durften darauf vertrauen, mit vergleichsweise milden Blicken gesehen zu werden. Es gab kein Todesurteil, nur vier Mal lebenslänglich, sechs zeitige Freiheitsstrafen zwischen fünf und zehn Jahren, vier Freisprüche. Und man sollte ergänzen: Keine zehn Jahre später waren alle Häftlinge wieder entlassen. Der Umgang des Militärtribunals mit dieser besonderen Gruppe von Angeklagten blieb vergleichsweise von Nachsicht geprägt. Dabei hatten diese Männer das nationalsozialistische Morden rechtstechnisch flankiert, legalisiert und damit vielfach dem Gewissen in Deutschland Schweigen befohlen.

Franz Schlegelberger zum Beispiel, der Staatssekretär im Reichsjustizministerium, der von 1941 an ein Jahr lang als kommissarischer Minister agierte, bevor er von Hitler reich beschenkt aus dem Dienst schied: Er war Karrierejurist, kein Ideologe; er verdankte seinen Aufstieg nicht den Nazis. Aber als sie an die Macht kamen, biederte er sich an. Schlegelberger goss die Diskriminierung von Juden und Polen in Paragrafen, in ein Gewand von Recht und Ordnung, und er weitete die Verhängung von Todesstrafen massiv aus. Schließlich ersann er mit aller rechtstechnischen Raffinesse einen Weg, auch die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, also die Massenmorde an Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten, juristisch reinzuwaschen.

So unbefriedigend das Strafmaß für diese Männer auch blieb, an dem nasskalten Wintertag vor 70 Jahren wurde trotzdem Rechtsgeschichte geschrieben. In keinem anderen Strafverfahren stand die gesellschaftliche Rolle des Richters je so auf dem Prüfstand wie hier. Das Urteil, das in Nürnberg gesprochen wurde, rührte an Fragen, denen sich noch heute viele Juristen in vielen Ländern nur unzureichend stellen. Noch immer fällt es vielen Richtern leicht, sich hinter einer rein mechanischen, scheinbar unpolitischen juristischen Methodik zu verstecken und die Verantwortung für das Resultat der eigenen Entscheidungen zu leugnen. Man schreibe die Gesetze ja nicht selbst; man wende sie nur an. Als seien Richter nur Befehlsempfänger, nur Klempner an einer Maschine, die jemand anderes betreibt; nicht eigenständige Akteure mit Macht und dementsprechend auch Mitverantwortung.

Die Beschäftigung mit Justizunrecht sollte zur Pflicht für Jurastudenten werden

Die Sorge darüber treibt auch das Bundesjustizministerium um. Es möchte die Auseinandersetzung mit dem Justizunrecht des 20. Jahrhunderts, insbesondere der NS-Zeit, derzeit als Pflichtstoff in das Curriculum für Jurastudenten aufnehmen lassen, durch eine entsprechende Ergänzung des deutschen Richtergesetzes. Die Justizminister der Länder, Herren über die juristische Ausbildung, sträuben sich; sie wollen keine Einmischung des Bundes. Die Professoren sträuben sich auch; sie meinen, die Ausbildung sei schon perfekt, das kritische Bewusstsein unter dem Nachwuchs bedürfe keiner Schärfung.

Quelle      :       Sueddeutsche-Zeitung >>>>> weiterlesen

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Grafikquelle    :

A meeting of four Nazis who bore much of the responsibility for allowing the legal system of Germany to be taken over by Nazi ideology. Franz Schlegelberger is second from left. On the far left in this image is Roland Freisler. Otto Thierack is the second from the right, and Curt Rothenberger is on the far right.

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Geschichten der Welt

Erstellt von DL-Redaktion am 30. November 2017

Der bunte Teppich der Geschichte

File:Ausstellerausweis Geschichtsmarkt Dresden 2015.JPG

von Winfried Dolderer

Es ist ein anspruchsvolles Projekt, das sich Ewald Frie vorgenommen hat: Nicht weniger als unser gewohntes Geschichtsbild will er umkrempeln, den über viele Schüler- und Studentengenerationen hinweg eingeübten Kanon. Dazu hat der Tübinger Geschichtsprofessor eine multiperspektivische „Geschichte der Welt“ in 20 Kapiteln „neu erzählt“, wie es im Untertitel heißt, bunt bebildert und ohne aufwendigen Anmerkungsapparat. Denn die Adressaten seiner Darstellung sind nicht globalhistorisch versierte Fachleute. Frie hat ein Lern- und Lesebuch für ein breites Publikum verfasst.

An den Anfang stellt er die Entdeckungsreisen des englischen Kapitäns James Cook im ausgehenden 18. Jahrhundert. Er tut dies aus zwei Gründen. Zum einen sei Cook, obwohl nicht der erste Weltumsegler, doch der erste gewesen, der die Welt im Ganzen gesehen habe. Ihm gelang der Nachweis, dass es nicht mehr als fünf bewohnbare Kontinente gibt. Zum anderen hätten Cook und seine Begleiter die Kulturen, denen sie in der Südsee begegneten, als gleichwertig wahrgenommen. Frie zitiert den deutschen Mitreisenden Georg Forster mit der Feststellung, dass die Natur des Menschen „im Ganzen, sowohl der Organisation nach als auch in Beziehung auf die Triebe und den Gang ihrer Entwickelung, spezifisch dieselbe ist.“

Repräsentativ war diese Ansicht, wie Frie im einleitenden Kapitel mit Zitaten belegt, unter Cooks und Forsters Zeitgenossen keineswegs. Friedrich Schiller etwa sah außerhalb Europas Völkerschaften auf unterschiedlichen Stufen der Bildung „um uns herum gelagert“ wie „Kinder verschiedenen Alters um einen Erwachsenen“. Ein hierarchisch strukturiertes Geschichtsbild vertrat auch Immanuel Kant. Im Mittelpunkt standen für ihn die „aufgeklärten Nationen“, von denen er annahm, dass sie „allen andern dereinst Gesetze geben“ würden. Die historische Erzählung müsse bei den alten Griechen beginnen, das Römische Reich anschließen und dann die Ereignisse bis zur Jetztzeit verfolgen. Die „Staatengeschichte anderer Völker“ besaß allenfalls anekdotischen Wert. Der Philosoph Georg Friedrich Hegel schließlich dekretierte: „Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen, denn Europa ist schlechthin das Ende der Weltgeschichte, Asien der Anfang.“

Zu diesem bis heute in Lehrbüchern und Curricula nachwirkenden Denken hat Frie den Gegenentwurf vorgelegt. Er unterzieht die tradierten teleologischen Erzählmuster einer grundsätzlichen Kritik. Ob es nun wie in den anderthalb Jahrhunderten zwischen 1800 und 1945 darum gegangen sei, den Werdegang Europas zum Zentrum und Ziel der Weltgeschichte zu beschreiben, oder in der bipolaren Ordnung des Kalten Krieges wahlweise vom Aufstieg der westlichen Zivilisation oder dem unaufhaltsamen Sieg des Kommunismus zu berichten, immer haben Historiker an ihren Gegenstand ein Struktur- und Ordnungsprinzip gewissermaßen von außen herangetragen. Geschichte wurde, so Frie, als „Staffellauf des Fortschritts“ begriffen.

Dem linearen Prinzip setzt der Verfasser ein Bild der Geschichte als eines „von allen Menschen ohne Anleitung und daher chaotisch gewebten“ „kunterbunten“ Teppichs entgegen. Eines Textils mit Löchern und Rissen, kurzen und langen Fäden, tausenden nicht zu einander passenden Farben. Der Geschichtswissenschaft ist in diesem Bild die Aufgabe vorbehalten, den Teppich hier und da anzuheben, um an der Unterseite die „Verbindungen, losen Enden, Löcher und Risse“ genauer zu betrachten: „Vielleicht würden wir sogar Muster erkennen.“

Der Neuzeithistoriker Frie ist von Haus aus Fachmann für die Geschichte der Sozialpolitik und des sozialen Katholizismus in Deutschland sowie der preußischen Monarchie. Er hat allerdings fünf Jahre lang in Tübingen den interdisziplinär und globalhistorisch orientierten Sonderforschungsbereich „Bedrohte Ordnungen“ geleitet und nach eigenen Worten hier die Inspiration für das vorliegende Buch gefunden. In einem programmatisch anmutenden Nachwort nennt er als sein Anliegen, das Bild der Weltgeschichte in den Köpfen derjenigen zu verändern, die in der Schule eine „Standarderzählung“ kennengelernt hätten: Zweistromland, Ägypten, Griechen, Römer, Ritter, Kolumbus und Luther, Französische Revolution, Erster und Zweiter Weltkrieg. Diese Geschichte sei „bei Lichte betrachtet ziemlich abenteuerlich auf Europa und Deutschland hin konstruiert“. Eine Globalgeschichte, wie der Verfasser sie versteht, begnügt sich nicht mit der aus unseren Lehrbüchern vertrauten Feststellung, der moderne Mensch habe vor etwa 40 000 Jahren Europa besiedelt. In Fries Darstellung wandern Menschen der Gattung Homo Sapiens vor rund 60 000 Jahren aus ihrer Urheimat Afrika aus und erreichen vor 50 000 Jahren Australien. Wir lernen: Australien war 10 000 Jahre früher von Unseresgleichen bewohnt als Europa. Die Megakatastrophe des europäischen Spätmittelalters, die Große Pest der Jahre um 1350 erscheint in ihrer Dimension deutlich reduziert, wenn wir lesen, dass 1233 allein in der damaligen chinesischen Hauptstadt Kaifeng in zwei Monaten eine Million Menschen der Seuche zum Opfer fielen. Ähnlich wird der Vergleich ausfallen, vergegenwärtigt man sich, dass nach der Ankunft der Europäer in Amerika die dortige Bevölkerung in 100 Jahren um wahrscheinlich 90 Prozent abnahm.Frie beschreibt eine Welt in Bewegung. Handel und Migration, der Austausch von Gütern und Ideen sind in seiner Darstellung Treibstoff der Geschichte. Der Name der Stadt Barygaza, der in einem auf Griechisch verfassten Navigationsleitfaden des ersten Jahrhunderts auftaucht, wird auch historisch gebildeten Lesern womöglich neu sein. Der Hafen im heutigen nordwestindischen Bundesstaat Gujarat war damals einer der Knotenpunkte eines den Indischen Ozean überspannenden Seehandelsnetzes, das Ostafrika und Arabien mit Indien und darüber hinaus Ostasien verband. Vor dem inneren Auge des Lesers entsteht ein Bild, in dem das Römische Reich nicht das Zentrum der antiken Welt, sondern in den Worten des Verfassers das „China des Westens“ war. Westlicher „Außenspieler“ eines durch ein Geflecht von Handelsrouten integrierten Raumes, an dessen östlichem Ende das chinesische Reich lag.

Wenig schmeichelhaft für europäische Leser nimmt sich der Hinweis aus, dass im 6. Jahrhundert die Bedeutung des westlichen Außenspielers geschwunden sei. Die Nachfolger des Römischen Reiches im Mittelmeerraum, Goten, Langobarden oder Franken, seien für die Händler und Seefahrer des Indischen Ozeans uninteressant gewesen: „Barbaren, weit entfernt, unkultiviert und nicht zahlungsfähig.“

Quelle     :     Blätter >>>>> weiterlesen

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Decolonize the City!

Erstellt von DL-Redaktion am 10. November 2017

Berlin – Kolonialismus zwischen Kneipen und Cafés

Quelle  :   Untergrundblättle

Von Christian Sowa / kritisch-lesen.de

Vom „Afrikanischen Viertel“ bis zum Kottbuser Tor: Welche Rolle spielt Dekolonisierung als Praxis der Selbstorganisation?

Wer durch das so genannte „Afrikanische Viertel“ im Berliner Stadtteil Wedding spaziert, dem wird möglicherweise kaum ein Unterschied zu anderen Teilen Berlins auffallen. Alte Mietskasernen ziehen sich entlang der Strassen, Spätkäufe und Eckkneipen prägen Kreuzungen. Doch dieser vielleicht unscheinbar wirkende Ort beinhaltet jede Menge kolonialer Geschichte. So finden sich dort Strassen, die auch heute noch Namen ehemaliger Kolonialisten wie Carl Peters oder Adolf Lüderitz tragen. Koloniale Strukturen durchziehen also die heutigen europäischen Städte in vielerlei Hinsicht. Auch die Art, wie über Städte geforscht und geschrieben wird, reproduziert häufig koloniale und rassistische Sichtweisen. Dieser Befund ist eine zentrale These des Buchs „Decolonize the City!“, herausgegeben vom Zwischenraum Kollektiv im Mai 2017. Es ist aber nicht als reine Bestandsaufnahme des Status Quo gedacht, sondern als ein Aufruf an alle: Es geht darum, koloniale Strukturen zu überwinden, in der Stadt und anderswo. Perspektiven der Selbstorganisation spielen hierbei eine wichtige Rolle.

Das Buchprojekt als Selbstorganisation

Gegen Trends, wie die Neoliberalisierung der Wissenschaft und die immer stärkere Fokussierung auf das Publizieren im Wissenschaftsbetrieb, wird versucht, vor allem Inhalte stark zu machen. So haben sich in diesem Buchprojekt verschiedene Menschen versammelt, um ein politisches Projekt anzugehen: die Dekolonisierung der Stadt. Es handelt sich, so schreibt das Kollektiv,

„nicht um ein Projekt, welches von Einzelpersonen für sich beansprucht werden kann, um aus aktivistischen Debatten soziales Kapital zu schlagen, sondern um den Versuch einer radikalen Infragestellung der Kolonialität der Stadt“ (S. 11).

Die Idee des Buches stammt von einer Konferenz mit dem gleichnamigen Titel, die 2012 in Berlin veranstaltet wurde. Organisiert von einer Gruppe junger Frauen of Color tauschten die Beteiligten verschiedene lokale und translokale, akademische und aktivistische Perspektiven auf die Dekolonisierung der Stadt aus.

Das Buch hat, grob gesagt, zwei Schlagrichtungen. Auf der einen Seite ist es eine Intervention in das Feld der Stadtforschung, da Kolonialismus und Rassismus dort nur selten thematisiert werden. Auf der anderen Seite ist das Buch Ausdruck der Selbstorganisation. Etwa wird im letzten Kapitel die Organisation der Konferenz von 2012 beschrieben. Hier werden Überlegungen zum Ablauf der Konferenz, zur Moderation, zur Wahl des Veranstaltungsortes aber auch zur Übersetzung angesprochen und mit dem Lesenden geteilt. Abschnitte, die vielleicht erst einmal banal erscheinen, geben hier in einer selten vorzufindenden Weise Wissen aus der und zur Selbstorganisation weiter. Allein dafür ist ein Blick ins Buch schon lohnenswert. Humboldtforum: Koloniale Spuren und dekoloniale Widerstände

„Decolonize the City!“ greift verschiedene inhaltliche Perspektiven auf, welche ebenfalls die Frage von Selbstorganisation behandeln. Beispielsweise werden Themenfelder wie imperiale Machtverhältnisse im urbanen Raum, die Stadt als Ort der Reproduktion von Rassismus sowie Erinnerungspolitik in der Stadt angesprochen. Nicht zuletzt geht es darum, welche Bezüge zwischen der Dekolonisation als politischer Praxis und Selbstorganisation möglich sind, wie also aus der Perspektive von People of Color koloniale Strukturen in der Stadt sichtbar gemacht und aufgebrochen werden können. Wiederholt taucht die Forderung auf, Wissen und Wissenschaft zu dekolonisieren. Stadt, so die Kritik, wird häufig nur auf europäische Beispiele reduziert und gleichzeitig sind es vor allem weisse Männer, die darüber schreiben und berichten.

Es geht darum, zu hinterfragen, wer in diesem Zusammenhang spricht, wer Wissen produziert und welche Menschen von diesem Prozess ausgeschlossen sind. So schreibt Kien Nghi Ha in einem Beitrag: „Gegenwärtig haben wir eine Struktur, in der Weisssein und berufliche Expertise gleichgesetzt werden, während die Perspektiven von Personen of Color im Regelfall nur Amateur- oder Betroffenenstatus erhalten“ (S. 119). In diesem Sinne fragt das Buch nach Möglichkeiten, diese Wissensstrukturen aufzubrechen. Das Buch selbst sowie die oben angesprochene Konferenz sind Beispiele von Praktiken, welche versuchen, eine Art Gegenwissen zu diesen Strukturen aufzubauen. Darüber hinaus machen einzelne Beiträge auf konkrete städtische Orte der Auseinandersetzung aufmerksam.

Ein Beispiel von kolonialen Kontinuitäten in der Stadt ist der Neubau des Berliner Stadtschlosses verbunden mit dem sogenannten Humboldtforum, welches unter anderem die Sammlung aus dem ethnologischen Museum in Berlin-Dahlem übernehmen soll. Es sollen Exponate, die zu Teilen aus der deutschen Kolonialzeit stammen, unreflektiert im einstigen Machtzentrum der Preussen ausgestellt werden. Jedoch verweist Sandrine Micossé-Aikins gleichzeitig auf die Initiative NoHumboldt21, eine wichtige Plattform von kritischen Stimmen zu diesem Bauprojekt. Der Widerstand gegen das Humboldtforum zeigt, dass es andere Perspektiven gibt und dass sich kritische Stimmen zusammenschliessen, um diese öffentlich zu machen. In dieser Praxis identifiziert das Buch ein Beispiel, um Wissen und Stadt zu dekolonisieren. Während momentan das Humboldt-Forum noch fleissig weitergebaut wird, entstehen, so Micossé-Aikins, „widerständige Orte ‚für alle’, an denen dominante Geschichtsschreibung hinterfragt werden und marginalisierte Perspektiven zu Wort kommen, vor allem ausserhalb etablierter Kulturinstitutionen“ (S. 133).

File:Wedding Lüderitzstraße.jpg

An Stellen wie diesen zeigt das Buch wichtige Perspektiven und Praktiken der Selbstorganisation auf, um koloniale Strukturen in der Stadt aufzubrechen. Neben Beispielen wie NoHumboldt21 geht es etwa um die zahlreichen Initiativen, welche sich für die Umbenennung kolonialer Strassennamen einsetzen. Vorwiegend aus der Perspektive von People of Color werden hier koloniale Kontinuitäten im urbanen Raum offengelegt und in einer gemeinsamen Organisierung treten Menschen diesen gegenüber. Solch ein Zusammenschluss gegen koloniale Strukturen kann als Beginn eines Prozesses der Dekolonisierung gesehen werden. Denn in der Offenlegung und Herausforderung der Strukturen, stösst Macht auf Gegenmacht. So schreibt Noa Ha in einem Beitrag: Der

„städtische Raum im postkolonialen Europa ist vor allem auch ein Raum der Selbstorganisation, der Selbstbestimmung und des Widerstandes gegen institutionelle Diskriminierung, staatliche Gewalt und kapitalistische Ausbeutung, die koloniale Verhältnisse reproduzieren“ (S. 82).

Diese Diskriminierungen, konkret etwa durch Residenzpflicht oder racial profiling sichtbar, erfahren People of Color in ihrem Alltag. Jedoch steckt in dem Zitat von Noa Ha eine These, die an mehreren Stellen im Buch auftaucht: Durch den Zusammenschluss von People of Color, durch die Selbstorganisation, können Macht- und Herrschaftsverhältnisse aufgebrochen werden, diese sichtbar gemacht und somit damit begonnen werden, den urbanen Raum zu dekolonisieren.

Kolonialismus und Kapitalismus – eine schwierige Beziehung?

Ein weiterer spannender Verweis zur Selbstorganisierung als politische Praxis bietet sich auf dem Titelbild. Hier wird der Moment einer Demonstration am Kottbusser Tor in Berlin gezeigt. Im Vordergrund haben Menschen ihre Fäuste in die Höhe gestreckt, aus der Menge ragt ein Transparent mit der Aufschrift „Wir bleiben Alle“. Der Protest der Mietergemeinschaft Kotti&Co wird häufig als Beispiel für Selbstorganisation gegen Verdrängung, Mietsteigerung und Gentrifizierung in der Stadt angeführt. Demonstrationen wie jene auf dem Titelbild haben diesen Protest öffentlich sichtbar gemacht. Gleichzeitig steht Kotti&Co aber auch für eine Initiative, die stark von migrantischen Menschen geprägt und getragen wird. Das Cover ist damit ein Sinnbild des Zusammenhangs von kapitalistischer Ausbeutung und rassistischer Diskriminierung. In der Einleitung des Buches steht, es sei wichtig, Stadt „nicht nur als einen Ort kapitalistischer Akkumulation zu thematisieren, sondern auch als Kontext, in dem sich dominante Identitäten herausbilden und reproduzieren“ (S. 8). In dieser Hinsicht leistet das Buch eine wichtige Intervention, denn genau diese These wird häufig in Stadtforschung und -politik ausgeblendet.

Zur Frage nach der Überschneidung von Kapitalismus und Kolonialismus hätte ich mir im Buch an manchen Stellen dennoch gerne mehr Zeilen gewünscht. So klingt die Verbindung dieser Macht- und Herrschaftsverhältnisse in einigen Beiträgen kurz an. Etwa verweist Noa Ha auf die Ansätze Anibal Quijanos, der Kolonialismus und koloniale Macht als Voraussetzung für das Aufkommen des globalen Kapitalismus analysiert. Allerdings fehlt eine tiefer gehende Ausformulierung dessen. Dabei sollte aber im Hinterkopf behalten werden, dass sich das Buchprojekt als eine Intervention in das Feld von Stadtpolitik und Stadtforschung versteht. Lesende sollten darin keine vorgefertigten Lösungen und Antworten erwarten, jedoch eröffnet das Buch neue Perspektiven und schafft damit neue Anreize für weitere Forschung sowie zur Selbstorganisation. Mit Verweis auf das Titelbild stellt sich für mich etwa die ausblickende Frage, wie Kapitalismus und Kolonialismus in der Stadt zusammenhängen, sich überschneiden und gegenseitig bedingen.

Zwischenraum Kollektiv (Hg.): Decolonize the City! Zur Kolonialität der Stadt. Unrast Verlag, Münster 2017. 200 Seiten. ISBN: 978-3-89771-546-2

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Die Revolution lebt noch ?

Erstellt von DL-Redaktion am 20. Oktober 2017

100 Jahre Grosse Russische Revolution

File:Isaak Brodsky putilov.jpg

von Vadim Damier

Quelle      :      Artikelübernahme  von Untergrundblättle

Eine historische Analyse aus anarchistischer Sicht. Dreissig Jahre nach der Russischen Revolution 1917 erschien 1947 das Buch des russischen Exilanarchisten Vsevolod Volin «Die unbekannte Revolution». Es wurde den revolutionären Ereignissen 1917 bis 1921 in Russland gewidmet. Heute, 100 Jahre danach, bleibt die Russische Revolution zwar nicht unbekannt, doch stets missverstanden.

Das zeigt sich nicht nur im Alltagsdenken, sondern auch im geschichtswissenschaftlichen Mainstream. In ihrer Umgebung treten Mythen und falsche, stark ideologisierte Vorstellungen auf.

Nehmen wir zum Beispiel die Fragen nach dem Beginn, den Etappen und dem Ende der Revolution in Russland. Es ist bis heute gängig, die „Februarrevolution“ und die „Oktoberrevolution“ von 1917 voneinander zu trennen, indem man diese entweder als zwei verschiedene Revolutionen versteht (in einer bolschewistischen Tradition) oder man die zweite überhaupt als keine Revolution, sondern als einen Staatsstreich fasst (in einer antibolschewistischen Logik). In Wirklichkeit haben wir es mit einem ganzheitlichen Prozess der „Grossen Russischen Revolution“ zu tun. Diesen Vorgang auseinander zu reissen wäre prinzipiell falsch. Die traditionelle Teilung der Ereignisse von 1917 in einen „bürgerlichen“ Februar und einen „sozialistischen“ Oktober ist nicht mehr als ein ideologischer Mythos.

Andererseits meint die Mehrzahl der Historikerinnen und Historiker, die die Idee der „Grossen Revolution“ prinzipiell anerkennen, dass sie 1922 endete, das heisst, mit der Wiederherstellung der Autorität einer Zentralregierung auf den meisten Territorien des ehemaligen russischen Zarenreichs. Mir scheint inzwischen, dass die russischen anarchistischen Zeitgenossinnen und -genossen Recht hatten, wenn sie 1921 als das Ende der Revolution betrachteten.

Abstrakt?

Nun könnte jemand sagen, dass das alles nur rein „akademische“ und abstrakte Diskussionen seien. Mitnichten. Dahinter können wir tiefe inhaltliche Differenzen im Verständnis des Charakters der Russischen Revolution selbst entdecken.

Bei der Betrachtung der Russischen Revolution herrscht bis heute leider die Position vor, die als eine Sichtweise „von oben“ zu bezeichnen ist. In der bolschewistischen Tradition sind das Wesen und der Inhalt jeder Revolution durch eine bekannte Formel von Lenin bestimmt: Die Hauptfrage der Revolution ist die der Staatsmacht. Daraus folgt sowohl eine Trennung zwischen Februar und Oktober, als auch eine These vom „bürgerlichen“ Charakter des ersten und dem „sozialistischen“ Charakter des zweiten (also nach einer Machtergreifung durch die Bolschewiki als einer angeblich sozialistischen Kraft). Interessanterweise gehen die Gegnerinnen und Gegner des Bolschewismus von derselben Voraussetzung aus: Nach dem Sturz des Zarismus im Februar 1917 war die Macht „pluralistisch“ organisiert, dann kam eine bolschewistische Diktatur, die eine „demokratische Februar-Revolution“ vernichtete. Entscheidend für die Datierung und die Bestimmung des Charakters der Revolution bleibt dabei, wer an der Macht stand und welche Politik proklamiert oder durchgeführt wurde.

Demgegenüber ist jede wirkliche Revolution in erster Linie eine mächtigste Massenbewegung der Menschen, in der diese zum Subjekt der Geschichte werden. Bei der Betrachtung solcher sozialer Prozesse sollen wir als Ausgangspunkt nicht nehmen, wer an der Macht stand und was dieser Machthaber wollte, sondern was „unten“ vor sich ging. Hauptsache ist, was die einfachen Menschen unmittelbar machten und welche sozialen Vorgänge vorhanden waren. Dann könnten wir nicht nur die tiefgreifenden Widersprüche zwischen „oben“ und „unten“ entdecken, die einander im Laufe der revolutionären Ereignisse gegenüberstanden, sondern auch den kontinuierlichen Charakter des revolutionären Prozesses selbst erkennen.

Im Jahr 1917 war es so, dass die sozialen Veränderungen, die direkt von „unten“ durchgeführt wurden und gerade als „sozialistisch“ bezeichnet werden konnten – die Gründung der Räte als Institutionen der gesellschaftlichen Selbstverwaltung, die Arbeiterkontrolle und die Arbeiterverwaltung in den Betrieben durch die Fabrikkomitees, die Übernahme des Landes durch die Bauerngemeinden, sowie die Häuser- und Stadtviertel-Selbstverwaltung in den Städten usw. – eben nicht erst im Oktober, den Dekreten der neuen, bolschewistischen Regierung folgend, sondern bald nach Februar begannen: Meist spontan und selbstorganisiert von „unten“. Die Oktoberereignisse waren weitgehend eine logische Weiterentwicklung von diesem Prozess und gaben ihm ihrerseits eine provisorische „Legalisierung“ bzw. neuere Impulse dazu. Diese revolutionäre Initiative von unten wurde aber von den neuen bolschewistischen Machthabern schon seit Beginn des Jahres 1918 erstickt, existierte aber in einigen Punkten oder Gebieten bis 1921.

Ein weiterer Fehler bezüglich der Russischen Revolution ist ihre Reduktion auf die Bolschewiki. Man wiederholt immer wieder, dass es die Bolschewiki waren, die eine sozialistische Revolution in Russland herbeiführten und später eine Weltrevolution vorantrieben, indem sie den revolutionären Prozess leiteten. Das ist aber ein Missverständnis. Sowohl der Sturz der Provisorischen Regierung in Petrograd im Oktober 1917 und die weitere Übernahme der lokalen Verwaltung durch die Räte andernorts als auch umso mehr die revolutionären Ereignisse in den anderen Ländern der Welt wurden gar nicht nur durch die Anhängerinnen und Anhänger des Bolschewismus getragen, sondern durch eine Art linksradikalen Block. An diesem, nicht immer formalisierten Block nahmen verschiedene Strömungen teil: Von Linsksozialistinnen und Linkssozialisten bis hin zu Anarchistinnen und Anarchisten, Syndikalistinnen und Syndikalisten. Manchmal waren diese Bewegungen spontan und wurden von keiner organisierten Kraft getragen. Die Bolschewiki, ihre Anhängerinnen und Anhänger waren dabei eine Minderheit – in den Ländern Asiens oder Lateinamerikas sogar zahlenmässig ganz unbedeutend.

Das zwingt uns zu einem tiefgreifenden Blick:

Die Grosse Russische Revolution von 1917-1921 ist als ein Teil der weltweiten, revolutionären Welle zu verstehen. Diese begann im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg, weitgehend als eine Reaktion darauf, und dauerte bis 1921/1923. In jedem Land wurde sie durch Kombination und Überlappung zweier Faktoren bestimmt: Einem systemweiten, der mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Effekten verbunden war, und einem „inneren“, charakteristisch für jedes einzelne Land, wo revolutionäre Ereignisse entstanden. Der zweite Faktor resultierte aus der Konzentration und der Verschärfung der „lokalen“ (landesbezogenen) sozialen Konflikte und Widersprüche. Folglich bekamen die Revolutionen in verschiedenen Ländern eine verschiedenartige Erscheinungsform und verschiedene sozialpolitische Kräfte traten in den Vordergrund. In den stärker „entwickelten“ Staaten des Systemzentrums waren es vornehmlich die Arbeiterrevolutionen. In Russland gab es Prozesse einer Arbeiterrevolution in den Städten und einer Gemeinebauernrevolution auf dem Lande. Die Schwierigkeiten in der Verbindung dieser beiden Revolutionsströme brachten Probleme hervor und erleichterten das Ersticken des Potentials der sozialen Selbstverwaltung.

Was waren die Ergebnisse der Russischen Revolution?

Glücklicher Arbeiter in Sowdepien – Da haben aber die Linken noch viel zu tun

Man behauptet gewöhnlich, sie wurde durch den Sieg gekrönt. Aber auch das stimmt nicht.

Ja, den Bolschewiki gelang es, ihre Macht zu konsolidieren. Mit einer sozialen Revolution hat das aber nichts zu tun: Diese erlitt eine tragische Niederlage. Kennzeichnend ist dabei eine Offenlegung, die 1918 von einem der bolschewistischen Führer, Nikolaj Podwojskij, gemacht wurde: Die arbeitenden Massen, die an dem Revolution teilnahmen, „glaubten, diese für eine Befriedigung ihrer unmittelbaren Bedürfnisse zu benutzen“. „Maximalistisch, mit einer anarcho-syndikalistischen Inklination“ gesinnt, „folgten sie uns in der Periode der Zerstörungsspanne der Oktoberrevolution, ohne irgendwelche Divergenzen mit ihren Führern zu bekunden. In der Periode der Aufbauspanne, gestand Podwojskij, „mussten sie natürlich mit unserer Theorie und unserer Praktik auseinandergehen“. Sowohl die Bäuerinnen und Bauern, als auch die Arbeiterinnen und Arbeiter entdeckten bald einen tiefen Widerspruch zwischen ihren Bestrebungen zur Selbstverwaltung, zur Autonomie einerseits und der bolschewistischen staatlichen Zentralisierung anderseits.

Die Geschichte der Grossen Russischen Revolution 1917-1921 bestand nicht nur aus den Konflikten zwischen den „Roten“ und „Weissen“ Machthabern oder zwischen dem Zentrum und der Peripherie. Im Laufe der Revolution erfolgte ein gigantischer Aufschwung der autonomen sozialen Massenbewegungen. Die von ihnen formulierten radikalen Forderungen, in der Wirklichkeit auf eine Vertiefung des sozialemanzipatorischen Charakters der Revolution gerichtet, wurden sowohl von den „Weissen“, als auch von den „Roten“ oder von den nationalistischen Machthabern an der Peripherie des Russischen Reiches unterdrückt.

Diese Entwicklung war nicht zufällig. Zwischen den Bestrebungen der arbeitenden „Massen“ und der Politik der russischen Regierungen und Behörden aller politischen Richtungen existierte ein unversöhnlicher Widerspruch. Die überwältigende Mehrheit der russischen Bevölkerung lehnte instinktiv sowohl eine Rückkehr zur „alten Ordnung“, als auch das bolschewistische Projekt einer forcierten industriellen Modernisierung der Gesellschaft ab. In diesem Kontext sind ein Sieg dieses Modernisierungsprojekts und eine Errichtung der Diktatur der forcierten Modernisierung (die man fälschlicherweise bisher „Sozialismus“ nennt) eben eine Niederlage der SOZIALEN Revolution in Russland.

Revolutionen in Frankreich und Russland

Es gibt klare Parallelen zwischen der Grossen Russischen und der Grossen Französischen Revolution. Jede Stufe der beiden wurde durch einen erbitterten Kampf zwischen einer „Partei der Ordnung“ und einer „Partei der Revolution“ begleitet, wobei sich der Zusammenhang und die Bestrebungen dieser Gruppierungen bei jeder Etappe änderten. In einem gewissen Punkt, als eine „Partei der Ordnung“ sich weigerte, die lebensnotwendigen Aufgaben der Gesellschaft zu lösen, wurde sie von den „Massen“ gestürzt; eine vormalige „Partei der Revolution“ gelang zur Macht, wurde dann zu einer neuen „Partei der Ordnung“ und strebte von nun an, eine weitere Entwicklung der sozialen Revolution zu stoppen, da sie schon das bekommen hatte, was sie wollte. Die Unterdrückten und Erniedrigten versuchten, die Revolution weiter zu treiben, und somit wandte sich die frühere „Revolutionspartei“ gegen sie. So geschah es in Frankreich mit den Jakobinern. Und dasselbe geschah in Russland mit den Bolschewiki, welche 1920-1921 die Arbeiter-, Bauern-, Soldaten- und Matrosenproteste der „Dritten Revolution“ unterdrückten. Dies setzte in Kronstadt, im Machno-Gebiet, in Sibirien und andernorts der Russischen Revolution ein Ende.

Vadim Damier / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 422, Oktober 2017, www.graswurzel.net

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 2.0) Lizenz

Anmerkungen

Dr. hist. habil. Vadim Damier (57) ist Politikwissenschaftler und aktives Mitglied der Föderation der Arbeitenden in Erziehung, Wissenschaft und Technik innerhalb der Konföderation Revolutionärer Anarchosyndikalisten (KRAS). Seit vielen Jahren schreibt er regelmässig Artikel für die Graswurzelrevolution und ermöglicht uns so einen Blick von unten auf die Geschichte und die Sozialen Bewegungen u.a. in Russland. Zwei lange Interviews mit ihm finden sich in den von Bernd Drücke herausgegebenen Büchern „Anarchismus Hoch 2“ (Karin Kramer Verlag, Berlin 2014) und „Anarchismus Hoch 3“ (unrast-Verlag, Münster 2016). Seine neueste Veröffentlichung findet sich in dem von Philippe Kellermann 2017 herausgegebenen Buch „Anarchismus und Russische Revolution“

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Source http://exlibris.ng.ru/poetry/2008-04-03/5_voznesensky.html
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Glücklicher Arbeiter in Sowdepien, Propagandaplakat der weißen Freiwilligenarmee (1919)

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Lügen die Medien

Erstellt von DL-Redaktion am 10. Oktober 2017

Im Kampf gegen den Manipulations-Journalismus
Das NEUE DEUTSCHLAND macht sich zum Affen

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Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

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Buchtitel: Lügen die Medien?
Buchautor: Jens Wernicke
Verlag: WESTEND

Besser schlechte Rezensionen als keine Rezensionen, das kann man in Marketing-Handbüchern lesen. Jüngst fiel mir eine grottenschlechte Rezension des Titels „Lügen die Medien?“ im NEUEN DEUTSCHLAND so unangenehm auf, dass sich meine Unlust zu einer Buchbesprechung, die der Verlag von mir wünschte, in heftiges Interesse wandelte. Vom NEUEN DEUTSCHLAND, das der Linkspartei nahesteht, erwartet und erhofft man sich eine kritische Haltung zum Medienmainstream. Denn Linkspartei und ND wurden oft genug von diesem Stream unter der gewöhnlichen Lügen-Überschrift „SED-Nachfolger“ abgehandelt. Aber der ND-Rezensent begibt sich, nach einer kurzen, halbwegs wohlwollenden Einleitung seines Textes, in den Querfront-Mainstream. In jene antideutsche Strömung in der Linken, die gern mit dem Rechts-Verdacht operiert, um missliebige Konkurrenten zu denunzieren. Zumeist ohne jeden ordentlichen Beleg. Und so rührt der ND-Autor ein Verdächtigungs-Gebräu zusammen, in dem der „umstrittene“ Ken Jebsen und andere Akteure im Internet die Rolle der rechten Bösen spielen, während der Mainstream durch die vorgeblich linke Waschanlage gesteuert wird.

Die Methode ist höchst simpel: „Kopfschütteln lässt, dass etliche Autoren die Leserinnen und Leser des Buches auffordern sich bei ‚Alternativmedien’ im Internet zu informieren – ohne zu warnen, dass diese oftmals Schauermärchen, Halbwahrheiten und Propaganda verbreiten.“ Das schreibt ein ND-Autor allen Ernstes. Als ob man den gewöhnlichen Mainstream-Medien nicht seit Jahr und Tag genau diese Warnung aufkleben müsste. Und so wird das gute alte ND zum miesen Handlanger einer seit Monaten laufenden Kampagne der Kommerz-Verleger und ihrer öffentlich-rechtlichen Kollegen zur Verleumdung ihrer Konkurrenz im Netz.

Ein Klassiker der ND-Diffamierung ist dieser Absatz des Artikels: Da der Berliner Psychologe Klaus-Jürgen Bruder die Asylsuchenden auch als Folge von Kriegen erkennt, begreift er den Kampf gegen Asylsuchende auch als „ . . . rechte ‚Kritik‘ an der Kriegspolitik der Bundesregierung“. Das kommentiert der ND-Autor dann so: „Wer so denkt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er sich dem Verdacht aussetzt, beim nächsten AfD-Marsch mitzulaufen.“ Diese Sorte des Diffamierungs-Journalismus ist auch an ihrem gewundenen Deutsch zu erkennen. Doch wer den kompletten Text des Psychologen gelesen hat und die scharfe Kritik Bruders am Nationalismus im selben Interview, der weiß, dass der Rezensent eine echte Unterstellung fabriziert hat. Zumindest den beliebten Begriff „umstritten“ aus der Tagesschau-Meinungsmottenkiste hätte der zuständige ND-Redakteur seinem wildgewordenen antideutschen Autor aus Gründen der journalistischen Hygiene streichen müssen.

So, durch das Neue Deutschland eher versehentlich angeregt, das Buch zu lesen, kann man feststellen: Der Band vereint jede Menge Intellektuelle, die sich in die Auseinandersetzung um die Medien-und Manipulations-Macht begeben haben: Mit Beiträgen von Daniela Dahn über Noam Chomsky bis Rainer Mausfeld finden sich eine Fülle von Artikeln und Interviews zum Thema. Höchst praktisch untersucht zum Beispiel Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung, wie man durch geschicktes Wording mit „Fakten lügt“ und aus der Praxis seiner Programmbeschwerden kann der ehemalige NDR-Redakteur Volker Bräutigam berichten, wie Gesinnungsjournalismus die Programmgrundsätze des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks unterminiert. Und der Wahrnehmungsforscher Rainer Mausfeld untersucht die Entpolitisierung und Fragmentierung der Gesellschaft an der die herrschenden Medien erfolgreich mitgearbeitet haben.

So wie die Fülle der Themen und der Autoren eine Stärke des Buches ist, ist sie zugleich eine Schwäche. Nach der alten Apotheker-Regel „viel hilft viel“ ist im vorliegenden Band zwar eine ordentliche Breite zusammengekommen, deren politische Spitze und Stoßrichtung aber nur schwer herauszulesen ist. Eins aber ist sicher: Das Buch bereichert die Front jener, die begriffen haben, dass in unserem Land keine Änderung möglich ist, wenn man nicht die Medien ändert, wenn man nicht den Kampf gegen den Manipulations-Journalismus führt. Aus dieser Front hat sich das NEUE DEUTSCHLAND mit seiner Rezension leider selbst entfernt und macht sich so zum Affen des bürgerlichen Medienzirkus.


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„Geschäfte mit der Schuld“

Erstellt von DL-Redaktion am 11. September 2017

KIRCHENKONZERN:
Kirche bringt den DAX zum Höhenflug ?

Pape François Parlement européen Strasbourg 25 nov 2014 21.jpg

Ich bin der Martin Schulz aus der Glaubensgemeinschaft der SPD – und wer sind Sie ?

Von Stefan Weinert, Theologe und Sozialaktivist

In den vergangenen 25 Jahren ist mir mehr und mehr aufgefallen, dass die Kirchen – vorrangig und aus chronologisch-historischer Sicht die Katholische (= Allgemeine) Kirche, der Evangelische Kirche, aber auch zunehmend die fundamentalistischen Kreise der Freikirchen – aus dem Menschen Jesus, also dem historischen Jesus, der nach dem Zeugnis des Flavius Josephus [„Jüdische Kriege“] tatsächlich gelebt hat, einen Halbgott, einen Engel, den holden Knaben mit lockigem Haar und ein geschlechtsloses Wesen gemacht haben. Jesus jedoch war ein Mensch und Mann, wie Du und ich. Er war – tatsächlich und auch im übertragenem Sinne – ein Mann mit Eiern! Dies ist jedoch in den vergangenen 2000 Jahren nicht nur ausgeblendet, verdrängt und geleugnet, sondern auch de-realisiert worden, andererseits ist hin und wieder in der Kirchengeschichte bis heute (Dan Brown: „Sakrileg“) die These aufgestellt worden, Jesus von Nazareth habe eine sexuelle Beziehung zu Maria aus Magdala, die eine stadtbekannte Prostituierte war, gehabt. Sogar der als frauenfeindlich geltende  Paulus sagt über den Menschsein Jesus etwas: „ … indem er den Menschen gleich geworden ist, und der Gestalt nach wie ein Mensch war …“ (Philipper 2, 7).

Es ist nicht zu übersehen, dass die ersten Christen, die katholische Kirche und in der Folge der Reformation die Kirchen überhaupt, die Sexualität mit einem Makel belegt haben. Nicht aber die Bibel selbst. Ganz im Gegenteil. Wenn man/frau das Alte Tetament – und vor alllem die ersten Fünf Bücher des Mose – aufmerksam liest, dann wird über den Sex recht freizügig berichtet. Doch zurück zu den Kirchen. Die Sexualfeindlichkeit der überfrommen Theologen hat  gewiss mit der „Sündenfallgeschichte“ aus Genesis 3, 1-7 zu tun:

Der Baum ist und war in den Mythen der Urvölker, die weit vor dem Volk Israel existierten, ein Symbol für die Weltachse und den männlichen Phallus, aber auch für das Leben schlechthin. Die Schlange war und ist Symbol für die Feuchtigkeit, das Wasser und die Fruchtbarkeit. Die Nacktheit und steht für die früheste Phase der menschlichen Kindheit, vor dem Beginn der Bewusstheit = der Individuation, wo sich Kinder für ihre Unbekleidetheit nicht schämen und sie nicht wissen, dass sie nackt sind. Wo zwischen einem Gut und Böse noch nicht unterschieden werden kann. Die Frucht und die Früchte des Baumes symbolisieren die Brüste und die unteren Genitalien  der Frau (siehe auch heute noch die Umgangssprache). Das Essen der Frucht steht für die orale Phase, die erste Äußerung der kindlichen Sexualität, wo alles eben lustvoll mit dem Mund erobert wird. Bei dem  „Wissen, was gut und böse ist“, handelt es sich um die Auflösung der spannendsten Frage des jungen Menschen überhaupt: Wie kommt das Kind in den Bauch der Mutter? Diese Frage wird durch die sexuelle Aufklärung beantwortet = eben das Wissen. Last but not least, die Vertreibung aus der Geborgenheit des Garten Eden: Sie ist die gewaltsame Loslösung von der Mutterbrust, die oft, aber nicht immer, mit der kindlichen Phase des Zahnens zusammenfällt. Die Mutter verbietet ab einem bestimmten Zeitpunkt das Saugen an der Brust = Gott verbietet das Essen der Frucht von dem „Baum des Wissens“. Das Kind fühlt sich schuldig, obwohl nicht es, sondern die Mutter ( = Gott) für diese neue Situation verantwortlich ist.

So sieht es jedenfalls der Psychoanalytiker. Sehr schön ist das nachzulesen bei dem Theologen Eugen Drewermann. In seinem dreibändigen Werk „Strukturen des Bösen“ (Schöningh, vermutlich nur noch antiquarisch zu erhalten) untersucht er die Kapitel 1 – 11 der Genesis aus theologischer (Band I), psychoanalytischer (II) und philosophischer (III) Sicht. Die Kreationisten  (die Erde ist nur 6.000 Jahre alt Gott erschuf die Welt in  sechs Erdentagen usw.) allerdings wollen davon nichts wissen und haben bis heute nicht verstanden und begriffen, was uns die ersten Kapitel der Bibel eigentlich und wirklich über den Menschen (Phylogenese) und dich und mich persönlich (Ontogenese) sagen will. Da saßen vor 2.500 Jahren hochintelligente Menschen im Orient und schrieben nieder, was Siegmund Freud (ein Jude) vor 120 Jahren begann wieder zu entdecken.

Adam and Eve and the Snake in Kibutz Eilon, Israel.jpg

Im Ernst: Würde die offiziellen Kirchen die Schöpfungsgeschichte (die Geschichte über den Ursprung der Schuld) so sehen und interpretieren wie der Psychoanalytiker und der aufgeklärte und evolutionäre Mensch, dann würde ihr Imperium zusammenbrechen. Nicht, dass der Autor  falsch verstanden wird: Wahre Schuld, die nach Sühne, Bestrafung, dem „Höllenfeuer“ und nach Vergebung schreit, gibt es tatsächlich und leider genug. Aber hier geht es um die von Menschen und Kirchen generierte „Schuld“ aufgrund der allzu oberflächlichen Interpretation des Buches, dass eigentlich „Entwicklung des Menschen“, statt nur „Bibel“ (biblios = Buch, siehe auch ‚Bibliothek’) heißen müsste.

Doch „zurück“. Von diesem Zeitpunkt (Vertreibung) an, fühlt sich Kleinkind nicht mehr oder zumindest nicht mehr so wie zuvor, von der Mutter (Gott) geliebt, und sein Bild von Gott verändert sich ins Negative. Da aber niemand für die Mutter, sprich Gott, als Liebesobjekt einspringt, wird aus der Lieber der Mutter/Gottes, die Selbstliebe, der Narzissmus.  Natürlich liebt das Kind weiterhin seine Mutter, liebt der Mensch weiterhin Gott und möchte nichts anderes, als zurück zu dem Baum und seiner Frucht, sprich zurück an die Mutterbrust, oder gar in die Geborgenheit des Mutterschoßes – bis heute, bis ins hohe Alter, hin. Doch wird dies zu einem bestimmten Zeitpunkt  im Leben eines jeden Menschen, zum Tabu. Der Tabubruch geschieht daher in Gedanken, es kommt das schlechte Gewissen. Bräuchte es aber nicht, denn ganz explizit hat Gott zwar das  „Essen der Frucht“ (Gen. 2,17) verboten, nicht aber das „daran denken“ oder das „Anrühren“ der Frucht (Gen. 3, 3), Der Mensch (die Kirche) selbst hat  Gottes Gebot überhöht (idealisiert), so dass es nie eingehalten werden kann.

Lust, Trieb, Verbot, Tabu und Übertretung, vertreiben das Kind von der Personalunion mit der Mutter (Dyade) und aus dem ES wird das ICH, das nun alleine klarkommen muss. Der Mensch, der sich – eigentlich zu Unrecht schuldig fühlt, s.o. –  wird aus dem Paradies vertrieben. Diese Loslösung von der Mutter ist aber zur Individuation eines jeden Menschen  unabdingbar notwendig. Anstatt der Existenz der bisher notwendigen und bedingungslosen Abhängigkeit von der Mutter, entwickelt sich jetzt das Gewissen des Kindes (Überich, psychologisch) und das Bild von Gott (theologisch).   Wer es nicht schafft, sich emotional von der Mutter zu trennen, erkrankt daran und wird neurotisch. Es ist auch der Zeitpunkt, wo der Mensch beginnt, zu begreifen, dass er sterben muss, dass der Tod unabwendbar ist. Das ES aber kennt keinen Tod und das ICH kann nur leben, wenn es geliebt wird, wenn es von seinem ÜBERICH (= Gott?) geliebt wird. (nach S. Freud). Insofern stimmt es, was Gott sagt: „An dem Tag, da du davon isst, musst du sterben.“ [hast du das Wissen darüber, dass du sterben musst] (Genesis 2,17)

Um den sogenannten „Sündenfall“ kommt der Mensch nicht herum, wenn er reifen und sich gesund entwickeln will. Deswegen ist die „Schuldfrage“ auch nicht geklärt. Ist der Mensch schuldig? Oder ist gar Gott schuldig, weil ja die Individuation zum Leben dazugehört? Diese Frage beantwortet der Jesuit, Jack Mies, in seinem Buch „Gott – eine Biografie“ (dtv, sehr lesenswert) ganz klar mit „Ja“. —  Dass die Katholische Kirche die Sexualität und überhaupt die Erzählung aus Genesis 3, 1-7 mit einem Makel belegt hat, liegt auch daran, dass sie die „verbotene“ Frucht in ihren Überlieferungen und die Künstler in ihren Gemälden sie als Apfel darstellen, obwohl davon rein gar nichts im Text steht. Aber im  Lateinischen heißt das Böse = malus und der Apfel = malum. Das Wortspiel wird zum Irrweg und unerträglichen Gewissens – „Bissen“ bis heute.

Die gängige und „bibeltreue“ Auslegung („Sündenfall des Menschen“) ist hier – und übrigens auch an anderen Stellen – viel zu flüchtig und auch im wahrsten Sinne des Wortes trügerisch. Es würde sich lohnen, die Edengeschichte mit ihren oben aufgeführten Symbolen und ihrer Symbolik einmal psychoanalytisch zu betrachten.

Losgelöst von der Frage, ob das koptische Dokument, dass eine Heirat Jesu bestätigt, echt oder eine Fälschung ist, halte ich es durchaus für möglich, dass es so gewesen sein könnte. Es muss nicht so gewesen sein, aber Jesus hatte als ganzer Mann – auch in seiner Pubertät (die er wie jeder Junge durchlaufen musste, oder auch durfte) – auch sexuelle Gedanken, Regungen und Verlangen. Gerade auch das macht mir Jesus so sympathisch und „glaubhaft“.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass das Neue Testament sich über die Zeit Jesu zwischen seinem 13. und 30. Lebensjahr – die Phase der Mannwerdung – völlig ausschweigt. Wurden hier Texte  bei der Festlegung des biblischen Kanons (325 n. Chr. Beim Konzil von Nizäa, heute Iznik in der Türkei) bewusst entfernt? Denn wer sich schuldig fühlt, den hat man in der Hand, der ist von einem abhängig. Und wie viel – eigentlich unberechtigte – „Schuld“ haben Menschen – zumindest aus Sicht der Kirche – durch Sex in seinen verschiedenen Spielarten und auf verschiedenen Ebenen, auf sich geladen! Der Konzern „Kirche“ hat bis heute mit seinem Geschäftsmodell der von ihr generierten Schuld großes Kapital – im wahrsten Sinne des Wortes – geschlagen. Dadurch aber auch viel echte Schuld auf sich geladen. Mich wundert, dass die Katholische Kirche noch nicht an die Börse gegangen ist, um auch uns am „Geschäft mit unserer eigenen Schuld“ teilhaben zu lassen

Abschlussgedanke: Wie befreiend wäre es für viele Jugendliche (auch für mich katholischen Jungen) gewesen, wenn ihnen die Eltern und der Beichtvater so über den Mann Jesus berichtet hätten, anstatt sexuelle Regungen (Samenerguss), Onanie und sexuelle Phantasien als Sünde, die  einen von Gott entfernt, zu brandmarken.

 

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Grafikquellen  :

Papst Franziskus beim Besuch des Europaparlaments in Straßburg

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Von der DDR in die Traufe

Erstellt von DL-Redaktion am 22. August 2017

Jahodas lange Showtreppe

Autor: Reyes Carrillo
Datum: 21. August 2017

Rationalgalerie
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Buchtitel: Lustig ist anders
Buchautor: Lutz Jahoda/Reiner Schwalme
Verlag: Books on Demand

Mitte August vergangenen Jahres erfuhr ich zum ersten Male von Lutz Jahodas Arbeit an seinem neuen Buch: „Lustig ist anders“, solle es heißen, bebildert von „Eulenspiegel“-Altmeister Reiner Schwalme. Das ist aber eine prima Idee vom Lutz Jahoda, mal das heiter-nachdenkliche Best of seiner immer wieder köstlichen Politpoesie in ein Büchlein zu pressen und mit Reiner Schwalmes scharfem Strich zu veredeln. Dachte ich. Wie naiv! Herausgekommen ist auf satten 448 Seiten (sic!) ein fulminanter politischer Streifzug durch die jüngere deutsche Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Vormundschaft der USA. Überwiegend Prosa. Ich war gänzlich überrascht von diesem mir neuen, derartig hochpolitischen Lutz Jahoda. Es ist vor allem das tiefe, leidenschaftliche persönliche Bekenntnis eines ‚Unwendbaren’, eines aufrechten, unbeirrbaren Linken, mal Sozialist, mal Kommunist – und immer Humanist. Die verschwimmende Trennungsschärfe beider erster Zuordnungsprothesen tut dem Buch übrigens sehr gut, da es die erfrischende Ferne Jahodas zu allem Dogmatischen unterstreicht. Und es ist ein mutiges Buch, denn in solch einer Klarheit und Präzision hat dieser überzeugte Antikapitalist und Antifaschist noch nie zuvor seinen persönlichen politischen Blick, einen, wie wir wissen, in diesem Land geächteten und sanktionierten Blick, öffentlich gemacht.

Hinter Lutz Jahoda, dem heute 90-jährigen Buchautor, Schauspieler, Entertainer, Sänger und Autor leichterer Muse liegt ein spannendes, äußerst facettenreiches Leben, das ihn schließlich bis ganz an die Spitze der DDR-Fernsehunterhaltung brachte. Jahoda war ein absoluter Star in seinem Land. Er hatte, um nur ein Beispiel zu nennen, zwischen 1972 und 1982 eine eigene Personalityshow „Mit Lutz und Liebe“, die in ihrer für dieses Format typischen Konzeption und vor allem begeisterten Rezeption seitens des Publikums gern mit den damals in West-Deutschland äußerst populären „Peter-Alexander-Shows“ verglichen wurde. Es schadet nicht, sich diese Karriere zu vergewärtigen, hält man dieses der Aufklärung und damit der Freiheit des Menschen verpflichtete politische Tagebuch in Händen.

Das Werk ist unter vielem anderen natürlich auch eine erfrischend-bittere Abrechnung mit der „Wende“, dieses gigantischen, nur als verbrecherisch zu bezeichnenden Ausverkaufs der DDR. Trotz der drastischen Zäsur, die die „Wende“ freilich auch für Lutz Jahoda persönlich bedeutete, tropft dem Autor nicht eine einzige Träne des Selbstmitleids oder anderer selbstbezogener Sentimente ins Buch: Mit bemerkenswerter Konsequenz behält der Ich-Erzähler stets den Blick aufs Ganze. Die schiere Fülle der Chronik dieses Jahrhundertzeugen ist schlicht überwältigend: Ob die USA in ihrer inneren Zersetzung mit ihrer Asozialität, ihrem Rassismus, ihrer Waffenlobby, den Neocons und vor allem in ihrer Rolle als brutales, monströses Imperium und das eklige deutsche Vasallentum, ob die Abhandlung diverser Kanzler dieser Republik, ob Wiederbewaffnung oder die interessante Einordnung deutscher Bundespräsidenten, ob die Rollen Gorbatschows und Jelzins, ob Rüstungspolitik und Bundeswehr, sowie der dabei unvermeidliche Blick auf die Münchner Sicherheitskonferenz 2015 mit ihrem gefährlichen, abgesprochenen deutschen Dreiklang, ob die verlogene langsame Hinrichtung Griechenlands, der Putsch in Kiew, ob Irak, Afghanistan, Syrien, Libyen, ob Israel und Palästina, der sich im freien Fall befindliche deutsche Journalismus, ob Banken- oder Flüchtlingskrise, ob Brüssel, Erdogan und die Wahl von Trump, VW-Diesel-Skandal… Die Summe von Hintergrundinformationen, Fakten und Details in diesem Buch ist geradezu ausufernd.

Dass Lutz Jahoda hervorragend, vor allem kurzweilig und unterhaltsam schreiben kann, hat er in verschiedenen Büchern bewiesen. Jahodas lockerer, eleganter und witziger Stil in diesem zudem durchaus spannenden Buch ist aber weder dem gerne genutzten Hilfsmittel der Erträglichmachung des Unerträglichen geschuldet noch, auf gleicher Ebene, der satirischen Transformation eines eigentlich zutiefst desillusionierten, im Depressiven dümpelnden Zeitzeugen. Denn das Phänomen Jahoda ist vor allem das sehr seltene Kontinuum eines von beneidenswert konstruktiv ausgleichenden Kräften „beseelten“ Charakters und der heiteren Grundgelassenheit des Sanguinikers. Ob Lutz Jahoda elegant die Große Showtreppe hinunterschwebte oder dieses Buch schreibt: Beides ist gänzlich ohne jeden erkennbaren Bruch von derselben Authentizität und mentalen Verfasstheit durchdrungen. Ein Phänomen, wie gesagt. Und ganz offenbar eine der Voraussetzungen für ein langes Leben. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Jahoda in seinem Buch oft wie ein politischer Conférencier (im besten positiven Sinne!) wirkt, der mit sicherer, humorvoller Hand durch die Irrungen und Wirrungen der deutsch-amerikanischen Beziehungen – und weit mehr – führt.

Lutz Jahoda wollte wahrscheinlich eigentlich „nur“ dichten und erzählen, aber es gelingt ihm gerade dadurch mit spielerischer Hand, ob er das beabsichtigt hat oder nicht, nicht weniger als eine überzeugende und beeindruckende Sektion des – neoliberalen – Kapitalismus und seiner verheerenden Folgen für Mensch und Natur jenseits jeglichem sattsam bekannten (nicht nur marxistischen) Politsprechs. Dass ich die eine oder andere politische Einordnung des Autors nicht mitgehen kann und anders bewerte, ist angesichts des großen gemeinsamen Traumes von einer derartigen Vernachlässigbarkeit, dass ich auf diese überflüssige wie gern selbstverliebte Pose des Kritikers lieber gleich gänzlich verzichte.

Für die bisherige stiefmütterliche Behandlung der auch in der „Rationalgalerie“ veröffentlichten, längst Kultstatus erreicht habenden politischen Poesie Lutz Jahodas und die wunderbaren, kongenialen Zeichnungen von Reiner Schwalme möchte ich mich entschuldigen. Aber ich kann nicht anders: Die quantitative und vor allem inhaltlich-faktische Wucht der erzählerischen Anteile dieser Chronik dominieren das Buch entscheidend. Vielleicht mehr, als dem Autor lieb war? Jahodas herrliche Dichtkunst, die dieses Buch überall durchzieht, sowie Reiner Schwalmes wirklich hinreißende Zeichnungen, 91 an der Zahl, können dabei leider nicht mehr, aber natürlich auch nicht weniger als den künstlerisch anspruchsvoll heiteren Rahmen dieses Werkes bilden. Jedoch ist für die Fans Jahoda’scher Dichtung und Schwalmes’ wirklich köstlicher Feder genug Raum übrig geblieben. Warum Lutz Jahoda dieses Buch mit einem vergleichbar bemerkenswerten Understatement bewirbt, ist sein Geheimnis. Ich finde es großartig. Gütesiegel: Garantiert durchgehend dem Vorwurf der Geschichtsfälschung und der Verbreitung von Verschwörungstheorien würdig!

Schon allein daher unbedingte Kaufempfehlung! Es wäre dringend zu wünschen, dass dieses aufklärerische Werk vor allem auch in die Hände der Nach-Wende-Generation gerät!


 Grafikquelle :    Treppe in einer Baugrube

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Eine spanische Geschichte

Erstellt von DL-Redaktion am 1. August 2017

Verdrängte spanische Geschichte
Erinnerung ist erfinden und beharren, bewahren und verstehen

Autor: U. Gellermann
Datum: 31. Juli 2017
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Buchtitel: Esperanza
Buchautor: Marina Caba Rall
Verlag: Wagenbach

In das ordentliche Leben in Deutschland – wo alle glauben, die Geschichte sei bewältigt, wo der Schulunterricht als Beleg für eine historisch reine Weste gilt – in dieses schöne, ruhige Leben mischt sich ein Toter ein: Der Onkel von Esperanza. Er war einer von den Vielen, die Franco, der spanische Diktator und der gute Freund der Bundesrepublik, hat umbringen lassen. Längst war der spanische Bürgerkrieg von den Faschisten gewonnen, doch in den Bergen gab es damals noch Partisanen, die den Kampf nicht aufgegeben hatten. Einer von ihnen war Ramón, der Onkel von Esperanza, der spanischen Gastarbeiterin In Deutschland, die dem Buch von Marina Caba Rall den Namen gegeben hat.

Drei waren sie unter den Steineichen nicht weit von Esperanzas Dorf, drei damals junge Leute, die von der Rache der Franquisten erwischt wurden. Die kleine Esperanza kann sie sehen, kann ihr letztes Lied hören. Es kann „Ay Carmela“ gewesen sein, die Hymne der republikanischen Spanier: „Aber nichts vermögen Bomben, Gegen heiße Herzen, Ay, Carmela! Ay, Carmela!“ – Schüsse beenden das Lied, doch das Bild des Mordes, das Bild des Onkel Ramón, des Lieblingsonkels, bleibt wie tätowiert im Gedächtnis von Esperanza. Eine Locke Ramóns war Esperanza geblieben, sie nimmt sie mit auf ihrer Reise von Deutschland nach Spanien, in das Land in dem sie nicht mehr heimisch ist. Denn Ramóns Überreste sollen gefunden werden und ein ordentliches Grab bekommen.

Marina Caba Rall rührt an scheinbar Vergessenes. Denn bis heute wird die öffentliche Debatte Spaniens den Opfern des Franquismus nicht gerecht. Immer noch warten viele, zu viele darauf, dass ihre Großmütter und Großväter einen Ort der Erinnerung finden. Darauf, dass sie rehabilitiert werden als das was sie waren: Mutige Frauen und Männer, die ihr Land mit dem eigenen Leben gegen die spanische Diktatur verteidigt haben. Dass die Mörder, die Helfer und Helfershelfer Francos ihre Strafe finden, darauf darf niemand hoffen: Immer noch gilt in Spanien der Faschismus nicht als strafwürdig.

Doch Esperanza begegnete nicht nur der verdrängten Geschichte der spanischen Gesellschaft. Ihre eigene Geschichte birgt ein Geheimnis, das sie auch vor sich selbst, vor ihrem Mann und ihrer Tochter verschliesst: Sie hatte einen Sohn, ein Kind, das nun erwachsen, seine Mutter kennen lernen will. Es sind feine aber hochfeste Fäden aus denen die Autorin – die 1964 in Madrid geboren, als Zehnjährige nach Deutschland kam – ihre Geschichte knüpft. Es ist ein Netz geworden, das in einem Meer der Tränen erfolgreich nach Worten für den Schrecken gefischt hat und das dem Leser einen reichen literarischen Fang auf den Tisch bringt.

Aus der Geschichte von Schuld und Liebe, aus dem nur scheinbar Privaten, steigt in Marina Caba Ralls Roman jene Rührung auf, die zu anderen Zeiten zum Aufruhr hätte führen können: Immer noch gibt es in Spanien mehr als 30.000 Opfer der Franco-Rache, die nicht identifiziert sind. Und immer noch ist die Kumpanei der Bundesrepublik mit dem spanischen Faschismus tabu. – Frau Caba Rall ist eine Entdeckung: Sprachmächtig, mit dem Mut zur Nähe und zur Wirklichkeit begabt, erzählt die Autorin mit großer Liebe zu ihren Figuren von der Liebe zur historischen und zur privaten Wahrheit. Aus ihrem Buch kann der Leser klüger rauskommen als er hineingegangen ist: „Erinnerung ist erfinden und beharren, bewahren und verstehen, beschwören und verändern.“


Grafikquelle   :   Franco im spanischen Parlament bei der Ernennung von Juan Carlos I. zu seinem Nachfolger, 22. Juli 1969

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1 Pfund Merkel für 19,99 €

Erstellt von DL-Redaktion am 20. Juni 2017

Hass, sachlich hergeleitet

File:Karikatur Merkel als Marionette.jpg

Merkel-Abscheu für 19,99 Euro: Vor der Wahl präsentieren ein paar übliche Verdächtige ihr Anti-Kanzlerin-Buch. Mit dabei: Thilo Sarrazin.

Autorin Anja Maier

Angela Merkel ist ein gefühlloser Klotz. Eine Machtpolitikerin ohne Gewissen. Eine Karrieristin vom Stamm der untergegangenen DDR. Zudem eine miese Parteivorsitzende, eine kühle Opportunistin und eine Enttäuschung für „Deutschlands Juden“. Sie ist schuld am Brexit und gilt in Österreich als „Minusfrau“. Merkel ist ein „hohles C“ und übrigens die Feindin aller Hausfrauen. Um es mit Thilo Sarrazin zu formulieren: „Angela Merkels Ziel ist die Verbesserung der Welt auf Kosten Deutschlands.“

Der frühere Bundesbanker und Immer-noch-SPDler war am Montag vom Finanzbuchverlag als Kronzeuge aufgeboten worden, um in Berlin den Sammelband „Merkel: Eine kritische Bilanz“ vorzustellen. In dem Buch wird auf 256 Seiten der Versuch unternommen, der Kanzlerin kurz vor der Bundestagswahl noch eins mitzugeben. Für 19,99 Euro bekommt man ein Pfund Merkel-Abscheu, zusammengerührt von den üblichen Verdächtigen.

19 Männer und gerade mal 3 Frauen haben ihre hinlänglich bekannten Vorurteile aufgewärmt. Unter ihnen der erwähnte Sarrazin sowie Pegida-Versteher Werner Patzelt von der TU Dresden. Außerdem noch die „Bluse zu“-Propagandistin Birgit Kelle und ihr Einblick-­Chefredakteur Roland Tichy. Die „kritische Bilanz“ des 22-köpfigen Merkel-Gerichts fällt entsprechend negativ aus.

Schade eigentlich. Es ist ja nicht so, dass die Arbeit der Kanzlerin keiner Kritik bedürfte. Doch so, wie die Sache hier verhandelt wird, kann von Ab­wägungen, gar von tatsächlicher Erörterung oder von Erkenntnisgewinn nicht die Rede sein. Das Buch könnte auch „Merkel muss weg!“ heißen. Aber derlei sagen ja nur die ganz Schlichten.

Also wird versucht, den Hass auf Merkel sachlich zu begründen. Der Herausgeber, FAZ-Wirtschaftsredakteur Philip Plickert, listet Merkels ärgste Verbrechen auf. Als da wären: ihre Haltung in der Energiewende („ein Irrweg“), ihre Europolitik („ein Trauerspiel“), ihr Agieren in der Flüchtlingskrise („kopflos“). Die mitschreibende Kollegin auf dem Nebenplatz gähnt hier bereits zum zweiten Mal.

Quelle : TAZ >>>>> weiterlesen

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Grafikquelle  :

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Attribution: Xylophilon at the German language Wikipedia

 

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Trump im Russen-Sturm

Erstellt von DL-Redaktion am 12. Juni 2017

DPA komponiert, TAGESSCHAU orchestriert

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/dc/Tagesschau_logoen_2013-07-11_13-56.jpg

Autor: U. Gellerman

Donald Trump ist ein Idiot. Dass jedenfalls ist in Deutschland fast überall zu lesen, zu sehen, zu hören. Nicht immer so krass, aber immer öfter. Nicht immer so deutlich, aber immer lauter. Nicht immer so offen, aber immer klarer: Der Mann muss weg! Der Abmarsch von Trump ist in deutschen Medien ziemlich beschlossene Sache. Und die Katzenmusik, die man dem US-Präsidenten zum Abgang spielt, quietscht zwar schauerlich, ist aber sorgsam orchestriert und dirigiert. Ein Beispiel für ein Medien-Stück der besonders schrägen Art lieferte jüngst eine Kooperation von DEUTSCHER PRESSEAGENTUR (DPA) und TAGESSCHAU: „Eine Wolke über Trumps Präsidentschaft“ lautete die Überschrift, und die Wolke, versteht sich, ist die „Russland-Affäre“. Das ist die DPA-Wolke, aus der ein Russen-Sturm kommt.

Diese düstere Wolke, in einem Text von DPA zusammengeballt und von der TAGESSCHAU über den deutschen Medienhimmel getrieben, bewässerte dann umgehend die BZ in Berlin, die GLOCKE im tiefen Westfalen, die FR in Frankfurt, die Saarbrücker Zeitung, die Rhein Zeitung, die Chemnitzer Morgenpost und hätte beinahe auch den OSSERVATORE ROMANO in deutscher Sprache noch bepinkelt, wenn sich nicht der Papst quergestellt hätte. Denn die DPA wird immer und überall zitiert, und die TAGESSCHAU ist offenkundig ihr Prophet. Die „dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH“ ist die größte Nachrichtenagentur der Bundesrepublik Deutschland und ist ein Muss für jede Redaktion. Sie unterhält in Deutschland zwölf Landesdienste, hat 680 Beschäftigte, und im Jahr 2015 lag ihr Umsatz bei etwa 90,7 Millionen Euro. Die DPA sollte sich nicht „Dienst“ nennen, denn sie dient nicht, sie herrscht die Journalisten in den Redaktionen an: Schreib dies! Unterschlag jenes! Denn wenn die Konkurrenz die DPA-Meldung bringt und das eigene Medium nicht, dann biste draußen. Bringste aber was, das nicht durch eine DPA-Meldung geheiligt wurde, dann ist der Text zweifelhaft. Zweifelhaft wie anrüchig, wie fragwürdig, wie dubios.

„Wir wollen nur über Ereignisse berichten, die wir mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört haben.“ So pinselt die DPA ihren Ethos an die Redaktions-Wand und kommt dann zu diesem Wolken-Text: „Schnell kam der Verdacht auf: Die Computer der Clinton-Partei wurden im Auftrag Russlands gehackt.“ Hat die DPA den Verdacht wohl selbst gesehen? Oder doch nur in irgendeiner Washingtoner Hotel-Lobby zwischen dem zweiten und dem dritten Martini zugeflüstert bekommen? Weiter schreibt die Agentur: „US-Geheimdienste kamen zu dem Schluss, dass Russland tatsächlich dahinterstecke.“ Irgendjemand kommt immer zum Schluß, vor allem wenn er am Ende ist. Und Geheimdienste, das weiß der DPA-Redakteur genau, sind total verlässliche Zeugen: Sie haben keinen Namen, sie widersprechen nie, und vor Gericht sind sie auch noch nie gesehen worden. „Schon während des Wahlkampfes hatte es möglicherweise Kontakte von Trump-Leuten zu russischen Regierungsstellen gegeben“ tut uns DPA kund. MÖGLICHERWEISE! Dafür hätte man einst Blatt-Verbot für drei Monate erteilt. Aber die DPA setzt noch eins drauf: „Trump-Gegner sehen dies als mögliche Einflussnahme auf die Justiz. Dies nährte den Verdacht, dass Trump eigene oder politische Interessen in der Russland-Affäre hat.“ Niemand ist so vertrauenswürdig wie ein Trump-Gegner wenn es um Trump geht, oder? Und die Nährung eines unbewiesenen Verdachtes findet immer an der Brust der Missgunst und der Zitze der üblen Nachrede statt. Und eine „mögliche“ Einflussnahmen ist als Nachricht ungefähr so bedeutend wie keine Einflussnahme. Das weiß jeder. Außer der DPA. Und diesen Schrott-Text wagt die Macht um Acht, die mächtige Tagesschau, über die Bildschirme zu verbreiten.

Aber aber, die Öffentlich-Rechtlichen sind doch keine Macht, erzählt der Märchenerzähler um die Ecke oder der Regierungssprecher. Die heißen doch schon rechtlich, da wird es wohl mit rechten Dingen zugehen. – Die ARD, der Betreiber der Tagesschau und anderer Nachrichten-Jonglagen, ist im Spiegel-Ranking der größten Medienkonzerne Deutschlands auf Platz zwei. Denn die ARD, die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland, ist das größte öffentlich-rechtliche Medienunternehmen der Welt. Und die Einnahmen aus Rundfunkgebühren und Werbung übersteigen die Budgets der meisten kommerziellen Medienkonzerne. Ihr Umsatz lag 2012 bei 6,27 Milliarden Euro. Da kann der legendäre Springer-Konzern nur abstinken: Der bekam mal gerade einen Umsatz bei 3,31 Milliarden Euro zustande. Und wenn man jetzt noch den öffentlich-rechtlichen ZDF-Jahres-Umsatz von rund zwei Milliarden Euro zu den ARD-Milliarden hinzuzählt, dann weiß man was man hat: Das Volkserziehungs-Monster Nummer 1. Denn mit den Weihen der Überparteilichkeit und der Objektivität ausgestattet, versorgen die Öffentlich-Rechtlichen jeden deutschen Haushalt mit der amtlich angesagten Denke. Kein Wohnzimmer ohne TAGESSCHAU, kein Kinderzimmer ohne „1, 2 oder 3 die Quizshow“ moderiert von der Intelligenz-Bestie ELTON, dem Mann, der schon bei ProSieben das Niveau unter Null drückte. Keine private Polit-Debatte ohne Schein-Argumente aus der Manipulationsrunde bei Anne Will. Kein Weihnachten oder Neujahr ohne die Verkündigungsstunde von Präsident oder Kanzler. Kaum eine politische Aussage ohne den Kernsatz „Westliche Wertegemeinschaft“. Das ist jene Gemeinschaft, deren Werte um so vieles wertvoller sind als jene anderer Gemeinschaften. Warum sonst sollte die Bundeswehr, unter freundlicher Anteilnahme der Öffentlich-Rechtlichen, diese Werte an jeder dritten Welt-Ecke verteidigen?

Natürlich ist Donald Trump nicht so richtig intelligent. Denn jeder Idiot weiß, dass man seit dem Ende des Volksvermögen-Verschleuderers Jelzin nicht mehr mit Russland redet, wenn man US-Präsident bleiben will. Man darf Drohnen über Unschuldige regnen lassen, man darf gemeinsam mit dem saudischen Mörder-Königshaus einen Krieg im Jemen befeuern, man darf auch gern rund um Korea an der Atom-Kriegsschraube drehen. Immer gern auch mit dem Beifall der Öffentlich-Rechtlichen. Was man nicht darf: Mit Russland so reden, als sei das Land irgendwie gleichberechtigt. Sonst wird so lange Katzenmusik in Deutschland gespielt, bis Trumps Amtsenthebung perfekt ist.

Ehj, Donald, ein Tip: Sag doch mal, dass die Ukraine dringend in die NATO gehört. Schon bist Du nicht mehr der Idiot. Sondern der Held. So spielt die Medienmusik, Stupid.

Der Text der Startseite wurde von Angelika Kettelhack lektoriert.

Das Buch zum Medium:

http://shop.papyrossa.de/Gellermann-Uli-Klinkhammer-Friedhelm-Braeutigam-Volker-Die-Macht-um-acht

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User:Sogndal 123Eigenes Werk

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DIE DEBATTE -Tagesschau

Erstellt von DL-Redaktion am 6. Juni 2017

ZUR MACHT UM ACHT

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/dc/Tagesschau_logoen_2013-07-11_13-56.jpg

Autor Uli Gellermann

Einige Freunde der Rationalgalerie haben das Buch „Die Macht um Acht“ gelesen und werden ihre Rezensionen Zug um Zug an dieser Stelle veröffentlichen. Sie alle beteiligen sich seit Jahren an der intellektuellen Diskussion in unserem Land. Ihre Beiträge können und sollten die Leserinnen und Leser anregen ihre Meinung zur Medien-Verfassung unseres Landes zu äußern.
Viele Köpfe denken

WOLFGANG BREUER
Wolfgang Breuer lebt und schreibt als freier Journalist in Hamburg. Zuvor war er Mitglied der Chefredaktion von Magazinen, u.a. bei Men’s Health, Best Life und Modern Living. Als Redakteur bei Tageszeitungen wie der NRZ und dem Kölner Express berichtete er u.a. aus dem Vietnam-Krieg. Er ist seit 50 Jahren Mitglied der Deutschen Journalisten Union.

Die Rechnung ohne den Gast gemacht

Zugegeben: Ich sehe oft die Tagesschau. Eingeräumt: Ich ärgere mich oft über die Tagesschau. Weil ich meinen Rundfunkbeitrag dafür zahle, aber nicht das bekomme, was ich bestellt habe, nämlich einen objektiven Überblick über die Weltlage. In einem Restaurant würde ich das verpfuschte Gericht zurückgehen lassen, die Nachrichten kann man nicht zurückschicken. Oder doch: Die Journalisten Uli Gellermann, Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam haben jetzt Ungenießbares zurück in die Tagesschau-Küche geschickt – mit detaillierter Kritik an Köchen und Zutaten.

Ihr Buch „Die Macht um Acht“ erinnert nicht nur an die Ursprünge der meist gesehenen Nachrichten-Sendung, die im Geheimdienst-Sumpf lagen, es sichtet auch den Nachrichten-Markt, auf dem Monopolisten wie dpa, Reuters, AP und AFP die Meinungshoheit haben. Vor allem aber weist es in dokumentierten Programmbeschwerden nach, wie Nachrichten verfälscht oder unterschlagen werden. Wie Neonazis in der Ukraine zu „regierungstreuen Kämpfern“ geheiligt wurden, wie der Prominenten-Appell „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“ verschwiegen, Putin ohne Fakten als Hacker-Zar verdächtig wurde.

Das Buch ist eine wunderbare Sehhilfe für Tagesschauer, es schärft den Blick auf Bilder und Formulierungen. Für alle, bei denen bisher unartikuliertes Unbehagen grummelt, weist es mit großer Sach- und Fachkenntnis Wege zur Reklamation. Es stiftet zum kritischen Unfrieden mit dem Mainstream-Brei der Herrschenden an und ist zugleich ein wichtiges Buch für die Friedensbewegung – weil die Produktion von Feindbildern in den Medien auch immer ein Schritt zur Kriegsvorbereitung ist. Ich werde weiter die Tagesschau sehen, aber alles Ungenießbare, Ungare, Verfälschte und Verdorbene zurück gehen lassen. Man sollte die Beitragsrechnung nicht ohne den zahlenden und mündigen Gast machen!


Grafikquelle   :

User:Sogndal 123Eigenes Werk

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Buchladen Kisch & Co.

Erstellt von DL-Redaktion am 24. April 2017

Dreijährige Galgenfrist für Kisch & Co.

von Gabriele Goettle

Vorerst kann die Buchhandlung in der Oranienstraße in Kreuzberg noch bleiben. Was aber kein Ende der Verdrängung bedeutet.

„Unser Ziel ist der Aufbau eines vielfältigen Immobilienportfolios, mit charaktervollen Bauten, als langfristige Vermögensanlage. Immobilien sind für uns dabei mehr als nur ein Investment, Architektur, Ästhetik und Kunst interessieren uns ebenso wie der ‚cashflow‘.“

Nicolas Berggruen

Thorsten Willenbrock, Buchhändler. Geboren 1965 in Buchholz/Harburg, dort Besuch d. Gymnasiums, 1984 Abitur. Nach d. Zivildienst 1987 Studium d. Geschichte u. Slawistik. Danach diverse Jobs. Auch als Aushilfe bei der berühmten Wohlthat’schen Buchhandlung, was für ihn zum Einstieg in d. Buchhandel wurde. 1998 kam er durch Vermittlung eines ehemaligen Kollegen zur Buchhandlung Kisch & Co. in Berlin Kreuzberg, wo er bis heute arbeitet. Seit 3 ½ Jahren ist er Mitinhaber.

Ich bin mit Thorsten Willenbrock am frühen Morgen im Laden von Kisch & Co. verabredet. Die Traditionsbuchhandlung liegt in der Oranienstraße 25 in Berlin-Kreuzberg, hat zwei sehr schöne große Schaufenster und ein Schild über der Ladentür mit dem Porträt von Egon Erwin Kisch. Hinter Glas hängt ein Zettel, auf dem Kunden und Leute aus dem Kiez darüber informiert werden, dass die Gentrifizierung nun auch Kisch & Co. erreicht hat. Weil der Mietvertrag nicht verlängert wurde, muss der Laden zum 31. 5. schließen. Alle werden eingeladen, zum Kiezplenum im SO36 zusammenzukommen.

Thorsten Willenbrock schließt auf mein Klopfen hin die Glastür auf und bittet mich mit einer einladenden Geste hinein. Es riecht nach Papier. Die Bücher dämmern noch in ihren Regalen dahin, Kunden kommen erst um 10 Uhr. Er sagt: „Ich mache mal das Licht nicht an, damit nicht Kunden denken, es sei geöffnet.“ Wir setzen uns auf die kleinen Stühlchen in der Kinderbuchabteilung, umgeben von lustigen Titelblättern, was so gar nicht zum Anlass meines Besuches passen will, denn hier geht es um die nackte Existenz. Nach einem Schluck Kaffee und einigen sarkastischen Bemerkungen beginnt Thorsten zu erzählen:

„1997 hat mein Kollege von Wohlthat, Frank Martens, hier den Laden eröffnet, zuerst nur mit modernem Antiquariat. Das haben wir ja immer noch. Ganz in der Nähe, Wiener Straße 17, das macht jetzt er, und ich bin hier. Seit 3 ½ Jahren bin ich ja, wie gesagt, Mitinhaber. Frank Martens hatte mich damals, am 1. 1. 1998, hierher nachgeholt. Ehemals war es ja so, dass hier Elefantenpress (1971 gegründeter linker Verlag, Anm. G.G.) drin war, mit Büchern und Galerie, das wissen vielleicht viele nicht mehr.

Frank Martens hat dann bald festgestellt, dass es hier einen Bedarf gibt an neuen Büchern. So ist dann nach und nach im Laufe der Zeit entstanden, was heute ist. Hier haben wir nun eine Sortimentsbuchhandlung mit einem guten Spektrum, das reicht von Kinderbüchern über Reiseführer, Berlinensia, viele Fotobücher, Kunstbände, etwas zum Film, zum Thema Kochen, viel Belletristik, bis hin zu Politik und Geschichte. Dort hinten ist die politische Abteilung, daneben sind die Geisteswissenschaften. Und dann haben wir selbstverständlich ein recht umfangreiches Angebot an Zeitschriften. Also das ist sehr lebendig alles und man merkt, dass die Buchläden, die es hier gibt, gebraucht werden.

Wie haben natürlich die jeweiligen Veränderungen hier im Bezirk auch im Laden gespürt. 1997 ist die Situation nicht sehr gut gewesen, denn nach dem Mauerfall hatten die Leute dann allmählich das Umland entdeckt und zogen weg, und es gab eine Abwanderungsbewegung von Kreuzberg in die Ostbezirke, nach Mitte und Prenzlauer Berg. Es war ja auch die Zeit der Hausbesetzerbewegung im ehemaligen Ostteil der Stadt, es gab dort Clubgründungen, neue Läden, also Entwicklungen, die sehr spannend waren. Der Kiez hier bekam einen fast dörflichen Charakter, hat aber natürlich nicht aufgehört mit seinen politischen Bewegungen. Man kannte fast jeden, der hier in den Laden kam. Wenn man aus dem Haus ging, hat man Hallo gesagt.

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Grafikquelle :NgbkwikiEigenes Werk

 

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Bald hat sie fertig

Erstellt von DL-Redaktion am 20. April 2017

Sollte sie heute aufhören – käme ihre Verganheit auf den Tisch – das können MachthaberInnen nicht leiden

Datei:Angela Merkel 10.jpg

Die WASG startete einst – wir färben nicht schön !!

Alle rätseln, ob Angela Merkel die Nase bei der Bundestagswahl vorne hat. Gut möglich, dass sie gar nicht weiterregieren will.

Autor : Jürgen Busche

Es gibt Fragen, von denen jeder weiß, dass sie nicht zu beantworten sind. Aber die Fragen sind trotzdem da. Nur ihr Umfeld kann erörtert werden. Die Frage, die wir hier vor uns haben, lautet: Will Angela Merkel Bundeskanzlerin bleiben?

Gesagt hat sie es. Aber konnte sie denn etwas anderes sagen?

Zweifel an ihrer Absicht, im Amt zu bleiben, hatte es schon gegeben, bevor sie sich dazu äußerte. Als sie es schließlich tat, wurde sogleich kritisch unter die Lupe genommen, wie sie es gesagt hatte. Es schlug wieder einmal die Stunde der Laienpsychologen, die in jeder Redaktion reichlich vertreten sind. Lag nicht etwas Bedrücktes in dem Auftritt, mit dem sie ihre Bereitschaft erklärte, sich noch einmal unter das Joch der Kanzlerschaft zu beugen? Hat sie es versäumt, eine solche Kanzlerschaft in ihrer Ankündigung mit attraktiven Vorstellungen von dem zu verbinden, was in Deutschland zu geschehen habe? Oder hat sie es nicht versäumt, sondern schlicht nicht gewusst? Oder ist sie nicht darauf gekommen, weil sie einfach nicht daran gedacht hat?

Zugleich wurde ihrer Einlassung zu diesem Thema eine gewisse Müdigkeit attestiert. Man könnte auch sagen: Lustlosigkeit. Wenn man in Erinnerung hat, wie sie einst im Besitz einer sicheren Bundesratsmehrheit und mit einer großen Mehrheit im Bundetag lostrompetete: „Und dann wird durchregiert“, der weiß nur zu genau, welche Töne jetzt vermisst werden. Vielleicht ist es richtig, auf den Überschwang, den der SPD-Kanzlerkandidat in seinen Reden produziert, nicht mit dem Vorzeigen von ähnlichem Enthusiasmus zu reagieren. Angela Merkel hat sich zuletzt in weiser Einschätzung der Konfrontation nicht auf den Wahlkampfstil von Peer Steinbrück eingelassen. Dessen Großspurigkeit begegnete sie mit Zurückhaltung. Bei Martin Schulz mag sie sich erhoffen, dass dessen mitreißende Lebendigkeit in einigen Monaten nur noch als zappelig erscheint.

Aber darauf darf sie sich nicht verlassen.

Die SPD ist zwar nicht als überaus lernwillig bekannt, aber sie ist lernfähig und sie dürfte aus dem verpfuschten Steinbrück-Wahlkampf gelernt haben. Sie wird eindringlich mit Hinweisen auf die Geschlossenheit der Partei werben. Eine solche Geschlossenheit gibt es bei den Unionsparteien heute nicht – schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Wo früher im Erscheinungsbild von CDU und CSU die Stärken lagen, sind nun Schwächen zu beobachten. Das weiß die CDU-Vorsitzende Merkel ganz genau. Als sie bei einer Pressekonferenz im Konrad-Adenauer-Haus auf die Frage nach möglichen Nachfolgern für sie antwortete, diese Frage stelle sie sich nicht, das werde schon die Partei besorgen, gab es rundum ein herzliches Lachen. Das war nicht falsch. Aber richtig dürfte auch sein, dass sich bei anderer Gelegenheit die Kanzlerin mit derselben Auskunft ganz anders beschäftigt.

Unvergessen sollte sein, dass seit dem ominösen Jahr 2015 mit dem Zuzug von fast einer Million Flüchtlingen auch ernsthafte Leute immer wieder die Frage aufwarfen: ob Merkel Kanzlerin bleiben werde, ob sie es im Herbst noch sei, ob sie es Weihnachten noch sei. Das wurde in jeder Talkshow diskutiert, auch langatmige Zeitungsartikel erwogen es, und aus Kabinettssitzungen der Unionsfraktion drangen Kassiber über angebliche Zerwürfnisse. Das geschah in einer Weise, die man früher als Tatarenmeldungen bezeichnet hätte. Der Schönheitsfehler war halt, dass von den Berichterstattern niemand dabei war. Nach außen hin zeigte die Union zunächst Geschlossenheit. Im Dezember 2015 etwa bestätigten die Delegierten des Parteitags in Karlsruhe sie eindrucksvoll – fast mit Martin-Schulz-Ergebnis. Ein Bild freilich, das überwiegend als trügerisch empfunden wurde.

Wagner-Verehrerin

Ganz falsch war solches Empfinden wohl nicht – und auch die Wagner-Verehrerin Merkel wird etwas davon gespürt haben. Was in der CSU von der Spitze bis zur Basis gegen sie losbrach, konnte bei besonnener Betrachtung an der CDU nicht spurlos vorübergegangen sein. Gleichwohl waren Spekulationen, die Kanzlerin könne in der laufenden Legislaturperiode gestürzt werden, realitätsfremd.

Quelle : Freitag >>>>> weiterlesen

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Author / Autor: Kuebi = Armin Kübelbeck galerie.hbz-da.de
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Erinnern für die Änderung

Erstellt von DL-Redaktion am 4. April 2017

Ein Werk der immer besseren Art von Christoph Hein

Trutz

Autor: U. Gellermann

Buchtitel: TRUTZ
Buchautor: Christoph Hein
Verlag: Suhrkamp

„Glücklich ist, wer vergisst“, singt die kleine Geta fast trotzig in die Familie des Professors für Mnemonic, für Gedächtniskunst, hinein. Zu der Zeit ist der große Wissenschaftler, der anerkannte Mathematiker und Sprach-Experte Waldemar Gejm von der Moskauer Universität längst im Ural, verbannt, verboten, näher dem baldigen Lagertod als seinem alten, erfüllten Leben. Wie eine billige, boshafte Hymne klingt das Liedchen aus der Operette durch die 500 Seiten des großen Romans „Trutz“ von Christoph Hein. Denn zu vergessen gäbe es viel, am Vergessen wurde und wird gründlich gearbeitet. Wie nie gelebt wanderten Stalins Tote, die Opfer der Parteidiktatur, lange Jahre durch den existierenden Sozialismus. Im Westen lebten sie nur als Waffe gegen den Osten, als Zombies einer gemeuchelten Idee, die immer noch virulent war und gefürchtet wurde, der Idee der Selbstermächtigung der Massen, der Vision Lenins von der Köchin, die den Staat lenken könne, weil jeder Koch das können sollte, was vorgeblich nur die Leute mit den Kronen und den Zylindern konnten: Regieren.

Auf der Flucht aus dem von den Nazis verseuchten Berlin nach Moskau, dem heiligen Ort der geplanten Arbeiterfreiheit, wollen sie die Bedrängnis hinter sich lassen, die kleine Gewerkschaftsfunktionärin Gudrun und der junge Schriftsteller Rainer Trutz. Sie wissen was ihnen in Deutschland droht: Folter, Gefängnis, Tod. Erste Kostproben haben die neuen Herren sie schon schmecken lassen. Ihr neuer Wohnort wird Exil heißen, mit harter körperlicher Arbeit im Tiefbau der Moskauer Metro und in der Schokoladenfabrik. Im verheißenen Paradies der Internationale lernen sie den keineswegs paradiesischen Alltag der jungen Sowjetunion kennen. Aber neben dem Kampf um das tägliche Brot begegnen sie auch dem intellektuellen und prominenten Kreis um Professor Gejm. Ein Kreis wie es viele in jener Moskauer Zeit gab: Erfasst von der noch neuen Idee einer Zukunft, die jedermann selbst bestimmen kann, wissenschaftsgläubig, dem Aufbau des Sozialismus in einem Land ergeben, bewaffnet mit einer roten Fahne von der man damals noch nicht wusste, dass ihre Farbe nicht nur das Blut ihrer Gegner symbolisieren sollte. Aus den Familien Trutz und Gejm werden sich spät, sehr spät nur die beiden Söhne wieder treffen. In einem Berlin, in dem sie den lächerlichen deutschen Wodka Gorbatschow trinken und sich erinnern werden. Auch und gerade an die Menschen, die ihnen genommen wurden.

Christoph Heins schreibender Wechsel aus dem hastigen und zunehmend verhetzten Berlin in das Moskau der Aufbauzeit, der großen Siege in der industriellen Produktion, der Vergötzung Stalins und dem Bau der Metro, dem prächtigen Symbol für den scheinbar endgültigen Triumph des Sozialismus, ist atemberaubend. Reich an genauer Beobachtung, angereichert mit großer Liebe zu seinen Figuren, die aus der Liebe zu den Menschen kommt, veredelt mit einer der Grundfragen menschlichen Lebens: Vergessen oder Erinnern? Eine Frage in der, wie in den Matrjoschka-Puppen, nur die nächste steckt: Kann man aus der Geschichte lernen? Und dann schon wieder die nächste: Muss der Mensch die Geschichte nur ertragen oder kann er sie auch selbst gestalten? Diese Fragen, die der Autor in den Schicksalen seiner Familien-Chronik erkennen lässt, sind es, die den Atem rauben können: Selber atmen oder atmen lassen? Und, nie von Christoph Hein explizit gestellt und doch mit jeder gelesenen Seite drängender: Geworfen sein oder selbst werfen? Die bisher erschienenen Kritiken wissen es schnell: Statist sei der Mensch im Weltgeschehen. Das Selber-Werfen könne er, angesichts des neuen Heinschen Romans und seiner Schicksale, doch besser lassen.

Einmal im Roman lässt Christoph Hein die Wissenschaft gegen die Kunst antreten, läutet er einen Kampf des Geregelten, Erkennbaren, des Intellektuellen gegen die Kunst, gegen das Emotionale ein. Der Kampfplatz ist ausgerechnet der Kopf des höchst rationalen Sprachwissenschaftlers und da steht der Verlierer schnell fest. Romanen und Lyrik, glaubt der Professor zu wissen, fehle „jede zwingende Konsequenz, um aus gegebenen Prämissen zu einem logischen Resultat zu gelangen.“ Gogol und Tolstoi verlassen geschlagen den Ring, Aristoteles und Newton tragen den Sieg davon. So arbeitet Christoph Hein: In einem scheinbar nebensächlichen Bild des Romans wird dessen Grundthema erneut aufgeführt, wird die Frage nach der Mechanisierung des Denkens in der Wissenschaft aufgeworfen. Und die nächste Frage lauert schon: Wer macht die Prämissen zu gegebenen? Wer bestimmt die Parameter gesellschaftlichen Denkens? – Der Roman stellt keinen Gewinner im Kampf zwischen Wissenschaft und Kunst fest. Ist er doch beides: Große Erzählkunst und Ergebnis akribischer wissenschaftlicher Recherche.

„Glücklich ist, wer vergisst . . “, singt die Figur aus der „Fledermaus“, der Operette von Johann Strauß, um in der nächsten Zeile den Vorhang fallen zu lassen: „. . . was doch nicht zu ändern ist“. Nein, zu ändern ist die temporäre historische Niederlage der sozialistischen Idee, erwürgt in ihrer stalinistischen Praxis, keineswegs. Aber aus ihr zu lernen geht nur, wenn eben nicht vergessen wird: Die Opfer nicht und auch nicht deren Hoffnung auf ein besseres, selbstbestimmtes Leben, entwickelt im Kampf gegen die Diktatur des Zaren und des Kapitals. Auch nicht jene, die mit dem falschen Namen Stalin auf den Lippen den richtigen Kampf gegen den deutschen Faschismus geführt und gewonnen haben. Das alles zu vergessen hieße, die Opfer ein zweites Mal umzubringen. Genau dem arbeitet Christoph Hein entgegen, mit einem Roman, der sich schmerzhaft erinnert, um Änderungen erst möglich zu machen. So legt der Schriftsteller mit „Trutz“ ein weiteres Werk von immer besserer Art vor: Buch, um Buch.

Buchpremiere
Zum Roman TRUTZ
Lesung mit Christoph Hein, Corinna Harfouch
Musik: Hans-Eckardt Wenzel
Akademie der Künste Berlin, Hanseatenweg
Am Dienstag, 4.4. 2017, 20 Uhr

 

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Was ist deutsch ?

Erstellt von DL-Redaktion am 23. März 2017

Wer ihr seid – und wer es euch sagt

Dank Mütze – Orden – Uniform, wird  selbst der kleinste Furz zum Sturm

von Micha Brumlik

Eine Identität, die nur noch als Nichtidentität möglich ist, Verfassungspatriotismus oder Gartenzwerg vorm Haus. Neue Antworten anlässlich der Buchmesse.

Befinden wir (bitte wer?) uns in einer Identitätskrise? Zweifel sind unangebracht: Handelt es sich doch um die politisch-kulturelle Frage dieses Frühjahrs. So stellt das Philosophie Magazin fest, dass sie „wieder da ist“: die Frage nach der Identität. So wirbt sogar eine Geografiezeitschrift mit dem Slogan „Mein Lebenslauf. Mein Ich“. Mehr noch: Kein Geringerer als der Bundesinnenminister, ein eher liberaler CDU-Politiker, gab ausweislich des Spiegels zu Protokoll: „Wir wissen nicht mehr genau“, so Thomas de Maizière, „wer wir sind und wer wir sein wollen“.

Andere drücken das härter aus: In ihrem neuen Programm fordert die AfD, dass in der Erinnerungskultur „die aktuelle Verengung auf die NS-Zeit“ zugunsten einer Geschichtsbetrachtung aufzubrechen sei, „die auch die positiv identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte umfasst“. Zuletzt fragte der Historiker Lorenz Jäger in einer Biografie über Walter Benjamin allen Ernstes: „In welchem Sinne war Benjamin deutsch, vom Bildungsgang und der Staatsangehörigkeit einmal abgesehen?“, um damit kundzutun, dass „deutsch zu sein“ mehr und anderes ist oder doch wenigstens sein soll.

All das in einem Land, das inzwischen den größten Anteil an Immigranten unter allen europäischen Staaten aufweist. Es geht, um einen zum Schlagwort verkommenen sozialwissenschaftlichen Begriff zu verwenden, um die „Identität“, bescheidener gesagt, um das Selbstverständnis der Deutschen, oder doch mindestens um das Selbstverständnis jenes überwiegenden Teils der hiesigen Wohnbevölkerung, die einen deutschen Pass hat.

Indes: Die Lebenserfahrung lehrt, dass, wer sich dem Zeitgeist anvermählt, schnell verwitwet ist. Ist also die Frage nach dem Wesen „Deutschlands“ lediglich eine solche Mode des Zeitgeistes? Oder hat sie wirklich gute Gründe? So äußerte der ehemalige Außenminister Fischer kürzlich in der ihm eigenen Art die Sorge, dass hierzulande bald wieder eine Debatte darüber entstehen könne, ob Deutschland überhaupt noch zum Westen gehöre.

File:150910-D-VO565-037 German honor guard members stand in formation at the Defense Ministry in Berlin 2015.JPG

So weit ist es gewiss noch nicht. Aber: Nach Donald Trumps Kritik an der Nato sowie der Ausrufung eines „postwestlichen“ Zeitalters durch den russischen Außenminister Lawrow wird gleichwohl wieder diskutiert, was genau denn nun „deutsch“ sei. Immerhin gelten 5 Prozent, also etwa 4 Millionen der hiesigen Bevölkerung als Muslime, unter ihnen etwa 3 Millionen türkischstämmige Bürger, die derzeit gebannt und zum Teil aggressiv auf den türkischen Wahlkampf blicken; von Schulklassen in großen Städten, wo der Anteil ethnisch deutscher Kinder von Jahr zu Jahr sinkt, gar nicht zu reden.

Weltbürgerlichkeit und Nationalismus

Die Frage selbst ist freilich so alt wie das deutschsprachige ­Bildungsbürgertum, also mindestens 250 Jahre. Drei Neuerscheinungen wollen dem Pu­blikum dabei helfen, eigene Antworten zu finden. So hat der Heidelberger Germanist Dieter Borchmeyer, ein Spezialist für Werk und Leben Richard Wagners und Thomas Manns, soeben ein tausendseitiges flüssig geschriebenes Buch unter dem Titel „Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst“ vorgelegt – Summe eines Lebenswerks und Standortbestimmung in einem.

Quelle : TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle : Das Couleur der Bajuvaria Wien (Deckel, Band, Zipfe)

Oben — Charly1981Eigenes Werk

  • CC BY-SA 3.0
  • File:Couleur Bajuvaria Wien.JPG
  • Erstellt: 08.09.2008

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UntenDieses Werk ist in den Vereinigten Staaten gemeinfrei, da es von Mitarbeitern der US-amerikanischen Bundesregierung oder einem ihrer Organe in Ausübung ihrer dienstlichen Pflichten erstellt wurde und deshalb nach Titel 17, Kapitel 1, Sektion 105 des US Code ein Werk der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika ist.

Quelle http://www.defense.gov/Media/Photo-Gallery?igphoto=2001289401
Urheber DoD photo by D. Myles Cullen

 

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Eine Qual? Nein, ein Epos

Erstellt von DL-Redaktion am 5. Februar 2017

Kommentar 150 Jahre „Das Kapital“

Obwohl der Stil so sperrig ist, übt Marx’ Hauptwerk einen ungeheuren Sog aus. Es ist bis heute ein Bestseller. Seine Analyse ist immer noch aktuell.

Autorin: Ulrike Herrmann

Marx‘ Buch „Das Kapital“ hat Millionen von gutwilligen Lesern zur Verzweiflung gebracht, denn schon der allererste Absatz ist eine Zumutung. Umständlich heißt es: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.“

Noch schlimmer geht es stilistisch nicht. Auch Marx wusste, dass seine ersten Kapitel unmöglich waren. Im Vorwort zum „Kapital“ schrieb er: „Aller Anfang ist schwer.“ Seine Ehefrau Jenny riet einem befreundeten Sozialisten beherzt, „die dialektischen Spitzfindigkeiten der ersten Abschnitte“ einfach zu überspringen.

Doch obwohl der Stil so sperrig ist, übt Marx’ Hauptwerk einen ungeheuren Sog aus. „Das Kapital“ ist bis heute ein Bestseller und erreicht Verkaufszahlen, von denen die lebenden Ökonomen nur träumen können. Aber warum ist Marx so faszinierend? Diese Frage hat wieder Hochkonjunktur, denn es gilt, ein Jubiläum zu feiern: „Das Kapital“wird 150 Jahre alt.

Marx’ Wirkungsgeschichte ist auch deswegen so bemerkenswert, weil längst nicht alle Prognosen oder Analysen richtig waren. Mainstream-Ökonomen finden vor allem amüsant, dass es nicht zu jenem Massenelend gekommen ist, das Marx prognostiziert hatte. So höhnte der Nobelpreisträger Paul Samuelson: „Man sehe sich die Arbeiter mit ihren Autos und Mikrowellen doch an – besonders verelendet sehen sie nicht aus.“

Gewinnstreben als Selbstzweck

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Author Carlos Latuff Link back to Creator infobox templatewikidata:Q466165 –/–Public Domain

 

 

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NSU und kein Ende

Erstellt von DL-Redaktion am 31. Januar 2017

MigrantInnen über rechten Terror und Rassismus

Anschlagsort in der Keupstraße / Köln

Autor:  Uli Gellermann

Buchtitel: Die haben gedacht, wir waren das
Buchautor: Kemal Bozay / Bahar Aslan / Orhan Mangitay / Funda Özfırat
Verlag: Papyrossa

Noch hat der NSU-Prozess kein Ende gefunden, da hat die NPD, die Partei der NSU-Freunde, schon einen Freispruch zweiter Klasse bekommen. Noch ist das NSU-Netzwerk nicht annähernd aufgeklärt, da darf einer dieser NPD-Nachfolgepolitiker von der AfD ungestraft vom tausendjährigen Deutschland fabulieren. In diese politische Landschaft hinein schreibt eine ganze große Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund ihre Erfahrungen, ihre Erkenntnisse und ihre Gefühle zum NSU-Verbrechen. Sie kommen aus allen möglichen  politischen Gegenden: CDU-Mitglieder sind unter ihnen, Leute von der LINKEN und den GRÜNEN, auch Sozialdemokraten. Sie alle eint der schwere Schock des Generalverdachtes, den die deutschen Medien und Behörden während der Mordserie wagten in die Welt zusetzen: „Die haben gedacht, wir waren das!“ Ein Streit unter türkischen Geschäftsleuten wurde vermutet, Verbindungen zum Rotlichtmilieu, dem Drogenhandel und zur Türsteherszene wurden unterstellt. Der Sicherheitsminister Otto Schily schloss schon am Tag nach dem Attentat einen terroristischen Hintergrund aus. Die Deutschen waren sich ziemlich einig: Diese Mordserie konnte nicht von Deutschen, sie musste von irgendwelchen Ausländern verübt worden sein.

Fünf Jahre nach der Aufdeckung der Morde und Bombenanschläge des rechten Terrornetzwerks »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU), das in der Öffentlichkeit gerne auch mit dem Terrortrio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe in Verbindung gebracht wird, fünf Jahre nach kontinuierlicher politischer Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex durch Journalisten, Juristen, Schriftsteller, Untersuchungsausschüsse und antirassistische Initiativen sowie nach drei Jahren andauerndem NSU-Prozess in München hat sich zwar Einiges bewegt, doch offen bleibt die Ausgangsfrage: Wir wissen tatsächlich immer noch nicht, wer der NSU wirklich war und welche rechtsextremen Netzwerke mit dem NSU in Verbindung standen? Offen ist auch, inwieweit staatliche Sicherheitsdienste informiert und involviert waren. 

Wie kann ein Trio 14 Jahre lang aus dem Untergrund all diese Morde, Bombenanschläge und Raubüberfälle durchführen – ohne dass staatliche Sicherheitsbehörden aufmerksam darauf geworden sind? 
Nicht zu übersehen ist auch ein Vertrauensbruch und Riss, der die gesamte Gesellschaft zum Nachdenken anregt. Wo bleiben Wut und Widerstand? Erinnern wollen die Autoren an die Lichterketten aus den 1990er Jahren, als im Zuge der Brandanschläge in Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen Hunderttausende auf die Straßen gingen. Auch fünf Jahre nach der Aufdeckung der NSU-Morde und -Anschläge herrscht weiterhin Schweigen! Daher begreift sich das vorliegende Buch am 5. Jahrestag der Aufdeckung der NSU-Morde als Manifest von Migranten zu rechtem Terror und Rassismus.

Die Autoren erinnern auch dran, dass der NSU keine plötzliche, unerklärliche Erscheinung ist, sondern gesellschaftliche Wurzeln hat: In Äußerungen des höchst achtbaren Historikers Hans-Ulrich Wehler, der lauthals verkünden durfte: „Die Bundesrepublik hat kein Ausländerproblem, sie hat ein Türkenproblem. Diese muslimische Diaspora ist im Prinzip nicht integrierbar. Man soll sich nicht freiwillig Sprengstoff ins Land holen“. Im angehäuften Sprengstoff einer Jahre währenden Nicht-Integrationspoltik, die darauf setzte, dass die Ausländer alle „nach Hause“ gehen würden, obwohl manche inzwischen in der zweiten Generation in Deutschland lebten. In den üblen Thesen des Sozialdemokraten Thilo Sarrazin, dessen Buch „Deutschland schafft sich ab“ seinen Resonanzboden beim SPIEGEL, der BILD-Zeitung und in unzähligen Talkshows fand. Jenen Schaukampf-Buden, in denen sich nahezu die selben Leute nur wenig später über Pegida erstaunten. 

Mit „Die haben gedacht, wir waren das“ liegt ein Buch vor, dass eine Zeitenwende in der Bundesrepublik markiert: Von der gewöhnlichen Ausländerfeindlichkeit über den ausgeprägten Rassismus  bis hin zum rechten Terror. Schon jetzt ist das Buch ein historisches Dokument.

Buchpräsentation
DIE HABEN GEDACHT WIR WAREN DAS
Özge Pinar Sarp – Politologin aus Berlin
Kemal Bozay – Professor für Angewandte Sozialwissenschaften, Köln

Am 21. 02. 2017 um 20.30 Uhr
Im Berliner Buchhändlerkeller, Carmerstr.1, 10623 Berlin-Charlottenburg

Es moderiert: Uli Gellermann

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Fotoquelle: Autor —  christophbrammertz (Christoph Brammertz)  http://www.flickr.com/photos/27565078@N07

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Kann man den Tod heilen?

Erstellt von DL-Redaktion am 20. April 2016

Liebe in den Zeiten der Psychoanalyse

Autor: U. Gellermann
Datum: 18. April 2016
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Buchtitel: Ein zweites Leben
Buchautor: Michael Schneider
Verlag: Kiepenheuer und Witsch

Der Hochschul-Lehrer Fabian Fohrbeck hat sich eine Auszeit genommen. Als könne das Leben eine Pause machen, will er ein „Burn-Out“ in einer Klinik kurieren. Wie kann man den Tod heilen? Denn seit dem Tod seiner Frau ist dem Fohrbeck das Leben nur halb. Innig hat er sie geliebt, zärtlich lässt der Schriftsteller Michael Schneider den Leser an den Riten und Erinnerungen teilhaben, die der Frau des Ich-Erzählers gewidmet sind. Michael Schneider gibt der psychosomatischen Klinik im Buch den Namen Phoenix, als könne man in solchen Kliniken strahlend aus der Asche der eigenen Vergangenheit in eine lichte Zukunft aufsteigen.

Liebe in den Zeiten der Psychoanalyse, so könnte der neue Roman von Schneider auch heißen. Als sei der Autor, mehr als 40 Jahre später, zu seinem ersten Buch „Neurose und Klassenkampf“ zurückgekehrt. Doch während sein frühes Buch der Wissenschaft gewidmet war, deutet sein jüngstes die Liebe in den Zeiten des digitalen Zeitalters, in Zeiten, die nicht mehr zu altern scheinen, in denen die Zugriffszeit jenes Tempo bestimmt, in dem wir leben sollen.

Auch der Klassenkampf ist bei Schneider nicht vergessen. Anders als manch andere Autoren seiner Generation hat sich Schneider seinen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse bewahrt und findet in der Klinik ein Figuren-Ensemble, in dem eine Karriere-Dame den Neo-Liberalismus als alternativlose Lebensform predigt und den Wettbewerb als Maßstab der Dinge preist: „Nicht der Große frisst den Kleinen, sondern der Schnelle den Langsamen.“ Wenn der ausgebrannte Hochschul-Lehrer ihr Senecas Schrift „Von der Kürze des Lebens“ entgegenhält, erscheint er hoffnungslos altmodisch und verteidigt doch nur ein Leben außerhalb des Profitdenkens.

Immer wieder taucht der Patient Fohrbeck, ermuntert durch die an ihm angewandte Psychologie, in die Zeiten seiner Kindheit, um dem erwachsenen Fabian näher zu kommen. Krieg und Flucht prägen seine Generation bis heute, und die Gewalt des Krieges setzt sich fort in einer schwarzen Pädagogik, die bis in die drohende Figur des traditionellen Nikolaus ragt. Manchmal, angesichts der therapeutischen Aufwände für die Ausgebrannten der Jetztzeit, schleicht sich die Frage nach der Therapie für die Kriegsgeneration an: Wie haben die Front- und Bombengeschädigten ihre Zeit nur ohne professionelle Hilfe bewältigen können?

„Ein zweites Leben“, so laute der Titel des Romans, denn Fohrbeck, der geglaubt hatte nie wieder lieben zu können, findet ein neues Ziel seines Begehrens. Und hofft ein zweites Leben zu beginnen, eines, das seine Wünsche nach Nähe und Wärme erfüllen soll. Doch der Hochschullehrer scheitert: Die Frau, die er begehrt, verweigert sich, gefangen in ihrer Kindheitsgeschichte, kann sie die seine, die Angst vor dem Verlassenwerden, nicht lösen. – Aber Fohrbeck wäre nicht Fohrbeck, und Michael Schneider nicht Michael Schneider, wenn er das Ende der Liebe nur privatisiert sähe. Er fordert seine Universität heraus: Ein Symposium, das von der Gewalt der Geschwindigkeit handelt, fragt nach dem Sinn dieser Geschwindigkeit, nach ihrem Wofür. Ein Sturm, ein langes, intensives Gewitter bringt den Roman zu einem dramatischen Klimax und einem Ende, das keine Fragen beantwortet, sondern neue stellt.

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Grafikquelle   :    Göttingen, Parkfriedhof Junkerberg, Ehrengrab von Franz Heigl und Annelise Heigl-Evers

(Psychoanalytiker)

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Ukraine-Krieg dauert an

Erstellt von Rationalgalerie am 12. Februar 2016

Die Seuche dieser Zeit: Verrückte führen Blinde

Autor: U. Gellermann
Datum: 11. Februar 2016
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Buchtitel: Die Eroberung Europas durch die USA
Buchautor: Wolfgang Bittner
Verlag: Westend

Gibt des ihn eigentlich noch, den Ukraine-Krieg? Ein Jahr nach dem letzten Abkommen von Minsk gibt es nach wie vor Gefechte in der Ost-Ukraine, es sterben Menschen, das soziales Leben wird zerstört. Denn nach wie vor weigert sich Kiew, einen wesentlichen Punkt von „Minsk“ zu erfüllen: Man redet nicht direkt mit den Rebellen in der Ost-Ukraine. Frau Merkel, die das Abkommen initiiert hat, schweigt auch: Sie ist gerade als Lautsprecher zur Verurteilung Russlands im Syrien-Krieg unterwegs. So drängt der Syrienkrieg den schwelenden Krieg in der Ukraine aus den Schlagzeilen. Was heute schwelt kann morgen wieder brennen. Auf deshalb ist das Buch von Wolfgang Bittner „Die Eroberung Europas durch die USA“ – mit dem der Autor akribisch nachweist, dass die USA den Ukraine-Krieg auch als Hebel zu Beherrschung der EU einsetzen – so aktuell und notwendig.

Bereits im Vorwort seiner Analyse erkennt der Autor einen wesentlichen Mitspieler im Kampf um die Ukraine: Die westlichen Medien, „die zu Werbeträgern insbesondere der US-Propaganda verkommen sind.“ Und er erinnert an den schweren Rückfall in den Kalten Krieg, wenn der SPIEGEL vom „prorussischen Mob“ diffamiert und die WELT von der „Ruchlosigkeit der Putin-Propaganda“ lärmt. Schon wie bei anderen Kriegen zuvor formiert sich die deutsche Medienlandschaft so sehr, dass Bittner, Albrecht Müller zitierend, von „Primitivität“ schreiben muss.

Zur Sezession der Krim, die ja bis heute als Vorwand der EU-Sanktionen dient, erinnert Wolfgang Bittner daran, dass die Krim „schon so lange ein Teil Russlands“ ist „wie es die USA überhaupt gibt“. Und er findet bei seiner Analyse der fortschreitenden Militarisierung des Ukrainekonflikts die Forderung des ukrainischen Außenministers Klimkin, der vom Westen eine Militärhilfe „ähnlich wie für den Irak“ fordert. Weder Bundespräsident Gauck, dem Klimkin diesen Wunsch vorträgt, noch den Medien mochte die morbide Parallelität auffallen. Zwar schreiben acht ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter an Bundeskanzlerin Merkel, warnen vor einem Krieg mit Russland und finden, dass die aktuelle Kampagne an die US-Täuschungen vor dem Angriff auf den Irak erinnern, aber ein Begreifen der deutschen Öffentlichkeit ist nicht festzustellen.

Zu den öffentlichen Täuschungen zählt Bittner zu Recht auch den Versuch, einen „russischen Rüstungsvorteil“ gegenüber dem Westen zu behaupten. Kühl kontert er mit den wirklichen Zahlen: Die USA und ihre Verbündeten England, Frankreich und Deutschland gaben im selben Zeitraum mehr als das Achtfache aus. Und die Glaubwürdigkeit der NATO-Propaganda entlarvt er schnell mit einer präzisen Beobachtung. Es war ausgerechnet Anders Fogh Rasmussen, der damalige Nato-Generalsekretär, der einst behauptete: „Irak hat Massenvernichtungswaffen. Das ist nicht etwas, das wir lediglich vermuten. Wir wissen es.“ In dieser Kontinuität der Lüge steht so ziemlich alles, was der Westen und seine NATO bis heute über die Ukraine zu wissen vorgibt.

Die aktuelle wirtschaftliche Lage der Ukraine mag schlecht sein –  das Bruttoinlandsprodukt war in den vergangenen zwei Jahren um beinahe 20 Prozent eingebrochen, die Staatsschuld hatte sich mehr als verdoppelt, mehrere Minister fliehen aus ihren Ämtern – aber eine fette Beute ist das Land trotzdem, wie Bittner nachweist. „Mehr als 32 Millionen Hektar fruchtbares Ackerland“ warten auf die Ausbeutung durch Agrarkonzerne wie Monsanto. Wohl deshalb hat die EU in ihr Assoziierungsabkommen mit der Ukraine in den Artikel 40 eine Klausel geschrieben, die „die Anwendung der Biotechnologie innerhalb des Landes ausweiten“ soll.

Trotz der Schäden für die deutsche Wirtschaft, Bittner zitiert einen Rückgang der deutschen Exporte im Jahr 2014 um 18 Prozent, gehen die Sanktionen der EU gegen Russland weiter und auch die dumme Propaganda in den westlichen Medien. Wolfgang Bittner, der früher dem WDR-Rundfunkrat angehörte, hat einen solchen Fall aufgespießt: Der Bayerische Rundfunk hatte den Ex-Präsidenten Georgiens, Michail Saakaschwili, der heute in der Ukraine sein Wesen treibt, in einem TV-Beitrag zum „Antikorruptionskämpfer“ stilisiert. Dass gegen den Mann in Georgien ein Haftbefehl wegen „Amtsmissbrauch“ vorliegt, spielte keine Rolle. Bittner reagierte mit einer Programmbeschwerde. – Ob Beschwerden zu einer Besserung der Lage führen, ist ungewiss. Gewiss ist, das ein Schlusssatz des Buches nicht nur für den Ukraine-Krieg Gültigkeit hat: „Das ist die Seuche dieser Zeit: Verrückte führen Blinde.“ (Shakespeare, König Lear).


Grafikquelle :    Wolfgang Bittner

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Publizist Roger Willemsen ist tot

Erstellt von DL-Redaktion am 9. Februar 2016

Der Mann des Bildungsfernsehens

von Jan Feddersen

Er war der belesenste TV-Moderator der letzten 20 Jahre, ein Idol des Bildungsbürgertums. Am Sonntag ist Roger Willemsen gestorben.

Die taz kam ja auch in den, so muss man es neidlos sagen, Genuss seiner wirklich sehr virtuosen Art, sehr Hässliches sehr schön formulieren zu können. Als die Kolleg*innen der sonntaz vor gut sechs Jahren Roger Willemsen fragten, ob er sich am „Streit der Woche“ mit einer kurzen Einlassung beteiligen würde, zierte er sich nicht lange – und das Zieren war ihm öfters ja angelegen –, denn das Objekt, dem er einige garstige Sätze widmen sollte, lag ihm schon lange wie ein mieser Stein auf der Seele.

So schrieb er denn zur Show „Germany‘s Next Top-Model“ und ihrer Präzeptorin Heidi Klum:

„Eine unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernanten-Profil bringt kleine Mädchen zum Weinen, indem sie ihre orthodoxe, hochgerüstete Belanglosigkeit zum Maßstab humaner Seinserfüllung hochschwindelt, über ‚Persönlichkeit‘ redet, sich aber kaum mehr erinnern kann, was das ist, und sollte diese je zum Vorschein kommen, sie mit Rauswurf bestraft. Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nazionale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge ‚Entscheidung‘ mitteilt, und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre.“

Die Passage sei hier in Gänze zitiert, kein Wort ist überflüssig – auch wenn die leicht dünkelhafte Allüre, die dem Mann des Bildungsbürgertums ja immer eigen war, im Verhältnis zur Trashkultur immer etwas zu mokant, zu selbstsicher, zu gewiss in eigener (Klassen-)Sache wirkte.

Es ist traurig und wahr zugleich, denn Roger Willemsen, der belesenste unter allen TV-Figuren der vergangenen 20 Jahre, der Mann der Literatur, des Talks und der elaborierten Auseinandersetzung auf beinahe allen Quatschsofas der Republik, kann bei der nächsten Staffel der Heidi-Klum-Dressur- und Zuchtshow nicht mehr zugucken – lebte er aber, dürfte er ein wenig seufzen, denn nichts scheint sich an dem Befund zu dieser dunklen Meisterin der Körperformatierung geändert zu haben. Willemsen, erschütternd junge 60 Jahre alt erst, ist gestern an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben.

Niemand hatte so interessante Gäste

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Grafikquelle     :     Roger Willemsen (2014)

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»Natürlich ist Religion erst mal Pflicht«

Erstellt von DL-Redaktion am 30. Januar 2016

»Natürlich ist Religion erst mal Pflicht«

File:Navid Kermani 1.jpg

Der Katholik Martin Mosebach und der Muslim Navid Kermani sind fasziniert vom Glauben des jeweils anderen. Ein Gespräch über falsche und echte Toleranz – und darüber, wie der Islam im Westen missverstanden wird

SZ-Magazin: Herr Mosebach, Ihr Schriftstellerkollege und Freund Navid Kermani hat gerade eine große Meditation über das Christentum veröffentlicht: ›Ungläubiges Staunen‹ heißt das Buch, in dem er sich über Meisterwerke von Botticelli bis Caravaggio der Schönheit und Sinnlichkeit, aber auch der Rätselhaftigkeit des Christentums nähert. Muss erst ein Muslim kommen, um den Christen zu zeigen, wie faszinierend ihre eigene Religion ist?

Martin Mosebach: Leider scheint es so. Der durchschnittliche Christ kennt seine Religion nicht mehr. Sein religiöses Wissen ist ausgeronnen wie aus einem geplatzten Sack. Dazu kommt, dass Navid einen Vorteil hat: Er ist Muslim. Er kann diese Bilder so intensiv auf sich wirken lassen, weil sie ihn erst mal gar nichts angehen.

Navid Kermani: Über den Islam könnte ich so ein Buch nie schreiben. Ich würde in einen frömmlerischen Ton fallen. Ich kann nur vom anderen, vom Fremden schwärmen. Die Liebe zum Eigenen – ob es nun die eigene Kultur, Religion oder auch die eigene Person ist – erweist sich in der Kritik. Die Liebe zum anderen kann viel rückhaltloser sein.

Ist Ihr Buch eine Antwort auf das, was im Irak und in Syrien passiert?

Kermani: Es lässt mich jedenfalls nicht unberührt, was dort geschieht. Andere Muslime entführen Christen, umso dringlicher ist es, dass Muslime sich dem Christentum gerade jetzt mit Achtung widmen.

Mosebach: Es ist die glücklichste Idee, sich der anderen Religion über die Kunst zu nähern, weil man sich über die Theologie nur entzweien kann, ja muss. Dieses Buch ist einzigartig, weil es nach meiner Kenntnis der erste Versuch eines Muslims ist, sich über die christliche Kunst in das Christentum einzufühlen.

Hatten Sie die Befürchtung, vor lauter Begeisterung dem eigenen Glauben untreu zu werden?

Kermani: Es war eher andersherum. Durch die Beschäftigung mit dem Christentum habe ich Aspekte des Islam kennengelernt, derer ich mir in ihrer Tiefe nicht bewusst war.

Zum Beispiel?
Kermani: Je begeisterter ich vor den Werken christlicher Kunst stand, desto reizvoller fand ich die Bilderlosigkeit im Islam. Und je mehr Kirchen ich betrachtete, desto mehr leuchtete mir der Aufbau einer Moschee ein: Dass es anders als in der Kirche, deren Wege auf den Altar zulaufen, weil dort Gott gegenwärtig ist, in einer Moschee kein Zentrum geben kann, weil Gott überall gegenwärtig ist. Egal wo man in einer Moschee sitzt, man sieht die Kuppel von überall gleich gut – wie den Himmel.

An einer Stelle des Buches gestehen Sie: »In Rom wurde ich neidisch aufs Christentum.«

Kermani: Bevor ich ein Jahr in Rom lebte, nahm ich das Christentum als etwas Gutes und ethisch Wertvolles wahr, aber nicht als etwas Schönes. Als Jugendlicher in einer sehr protestantischen Stadt aufgewachsen, dachte ich oft: Die Christen sind ja nett, aber warum sind ihre Gottesdienste so langweilig? In Rom habe ich gespürt, wie alt die katholische Tradition ist; dass göttlich nicht heißt, dass etwas vom Himmel fällt, sondern über die eigene Erinnerung hinausgeht, dass Rituale, Formen, Gebete einen Ursprung haben, den wir allenfalls noch erforschen können und den dennoch keine Forschung aufschlüsselt. Leider leben wir in einer Zeit, in der sowohl katholische als auch islamische Traditionen wegbrechen; das ist nicht nur traurig, sondern gefährlich, weil Traditionen, die abgebrochen sind, meistens als Fundamentalismus, als etwas Reaktionäres zurückkehren, und dann entsteht Gewalt.

Aber der Fundamentalismus behauptet doch gerade, zum Ursprung zurückkehren zu wollen.

Kermani: Ja, aber er will dabei die Tradition sozusagen überspringen. Er wendet sich dezidiert gegen die Tradition, insofern er zu einem Uranfang zurückzukehren behauptet.

Dann sollte man Traditionen gar nicht erst abreißen lassen, oder?

Kermani: Man kann keine Tradition künstlich am Leben halten. Aber man kann sie dort, wo sie noch existiert, achten und auch schützen und erneuern. Tradition ist die Vermittlung der göttlichen Offenbarung durch Generationen von Menschen hinweg; sie ist mehr, als ein Einzelner wissen oder sich ausdenken kann. Aber heute muss alles nach unserem gesunden Menschenverstand gehen, ohne dass wir bedenken, dass dieser Verstand doch wie jeder menschliche Verstand zuvor auch nur zeitlich bedingt ist. Religion soll so sein, wie wir uns das wünschen, sie soll das aussagen, was wir ohnehin denken, sie soll kompatibel sein mit unserer Zeit. Dabei ist doch das Wesen der Religion, dass sie gerade nicht kompatibel mit unserer oder überhaupt einer Zeit ist. Jesus war ganz offensichtlich nicht kompatibel mit seiner Zeit.

Mosebach: Im Westen glaubt man unter Christen und Atheisten, man könne die Religion in Philanthropie und Menschenrechten aufgehen lassen. Das Christentum will aber nicht Lösungen zur Überwindung gesellschaftlicher Schwierigkeiten vorschlagen, sondern den einzelnen Menschen in die Gegenwart des lebendigen Gottes führen.

Kermani: Die Herausforderung bestünde darin, einer Religion nicht stumpf zu folgen, sondern es hinzukriegen, dass man einen Text, der vor 2000 Jahren geschrieben wurde, ernst nimmt – und zwar jedes Wort und jede Geschichte – und trotzdem menschenfreundlich und aufgeklärt in der Gegenwart lebt. Keiner sagt, dass das leicht ist, aber das menschliche Bewusstsein kann das. Religion ist niemals das göttliche Wort pur. Sie ist das sich stets verändernde Verhältnis von Menschen zu diesem Wort. Aus genau dieser Bewegung des menschlichen Geistes sind die großen Kulturen entstanden.

Warum hält sich das Vorurteil vom antimodernistischen Islam so hartnäckig?

Kermani: Weil heute so viele Muslime den Islam antimodernistisch auslegen. Und weil sie keine Ahnung haben von ihrer eigenen theologischen Tradition. Man muss sich nur mal fünf Minuten mit diesen Menschen unterhalten, die in der Fußgängerzone den Koran in die Höhe halten: Ihr Wissen beschränkt sich meist auf ein paar Schlagwörter und Regeln, an denen sie sich wie an einem Vademecum festhalten. Sie haben keine Ahnung, dass der Koran kein Buch ist, sondern seiner eigenen Textgattung nach ein liturgischer Vortrag. Dass er von den ersten Muslimen und bis weit ins 20. Jahrhundert gesungen wurde und nicht gelesen. Sie haben keine Ahnung, dass es jedem traditionellen Umgang mit dem Koran spottet, ihn in der Fußgängerzone wie eine Werbebroschüre zu verteilen. Wenn ihre Eltern noch fromm gewesen wären, wüssten sie, dass man in einem muslimischen Haushalt den Koran an höchster Stelle, mit einem kostbaren Tuch verhüllt, aufbewahrt und nur mit äußerster Andacht berührt, manchmal nur mit Handschuhen. Es ist für Muslime Gottes Wort, welches in den Fußgängerzonen im nächsten Papierkorb landet. Diese Menschen reduzieren einen hochpoetischen, auch im Arabischen sprachlich hochkomplexen Text, der sich übrigens in jedem einzelnen Vers reimt, auf ein Gesetzbuch, das man bei Google nach Schlagwörtern durchscannt.

Quelle: SZ >>>>> weiterlesen

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Grafikquelle   :    Navid Kermani, Frankfurter Buchmesse 2012

Source Own work
Author Lesekreis
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Das Herz der Finsternis schlägt atomar

Erstellt von Rationalgalerie am 29. Januar 2016

Eine Reise durch die Zeiten zu den Ursprüngen des Nuklearzeitalters

Autor: U. Gellermann
Datum: 28. Januar 2016
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Buchtitel: Schlangentanz
Buchautor: Patrick Marnham
Verlag: Berenberg

Es ist ein wirklich riesiger Erzählbogen, den der Autor von „Schlangentanz“ Patrick Marnham spannt. Er reicht von den kongolesischen Wäldern und der Brutalität des belgischen Kolonialregimes im Kongo bis zur brutalen Zerstörung Fukushimas und dessen atomarer Verseuchung bis heute. Und der Pfeil, den Marnham auf die Sehne gelegt hat und durch die Zeiten schwirren lässt, soll die USA treffen. Mitten in das weltbeherrschende, atomare Herz.

Düster zwar, doch poetisch beginnt das Buch mit Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ und der Reise zur kongolesischen Erzmine von Shinkolobwe, wo das Uran gewonnen wurde, das zum Bau der über Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Atombomben verwendet wurde. Es ist eine Reise mit zuweilen überraschenden Ausflügen. So, wenn wir den Kunsthistoriker Aby Warburg treffen oder auf die Hopi-Indianer, deren ritueller Schlangentanz dem Buch seinen Titel gegeben hat und die unweit von Los Alamos leben. Dort, wo die US-Regierung ihr Atomprogramm startete.

Los Alamos, erinnert der Autor, das gehörte doch mal den Mexikanern. Und so zählt er denn den bis heute in den USA glorifizierten Landraub auf, der „Innerhalb von fünfzig Jahren“ aus „einer kümmerlichen Republik eine wohlhabende und mächtige Nation“ zusammenraffte. Nüchtern und erbittert erinnert Marnham, „als 1890 bei Wounded Knee in South Dakota die letzte Schlacht (gegen die Indianer) geschlagen wurde, waren die Vereinigten Staaten die führende Industriemacht der Welt.“ Rückblickend wirkt die Schlächterei, mit automatischen Waffen gegen Frauen und Kinder, wie ein Vorgriff auf künftige Menschenrechtsverbrechen der USA.

Mit einem dieser Verbrechen, dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki – das faschistische Japan lag längst am Boden – befasst sich das Buch detailliert und kenntnisreich: Von der Forschungsgruppe, die im Auftrag der US-Regierung an der Entwicklung der Bombe arbeitete, bis zur Entscheidung des Präsidenten Truman, der die Bombe werfen ließ, um den früheren Alliierten der Anti-Hitler-Koalition und aktuellen Lieblingsfeind der USA, die Sowjetunion, zu erpressen. Auf dem Weg dahin findet Marnham ein charakteristisches Zitat von Brigadegeneral Leslie Groves, einem der Väter der Atombombe: „Ich fragte mich, was denn nun, nachdem der Westen erobert war, für mich zu tun geblieben sei“.

Am Ende der langen Reise, ins verseuchte Fukushima, begegnet der Leser einem Reaktor, der vom US-Konzern „Genial Electric“ so konstruiert wurde, „dass als Kernbrennstoff ein Abfallprodukt aus den USA genutzt werden kann, Plutonium -239 mit einer Halbwertzeit von 24.000 Jahren.“ Um solche Fakten aus dem Reich scheinbarer Zufälligkeit in die Welt der gelenkten Wirklichkeit zu überführen, kommt der japanische Schriftsteller Kenzaburo Oe zu Wort, der vor dem geheimen Abkommen Japans mit den USA über die Stationierung von Atomsprengköpfen in Japan warnt und seine Regierung auffordert, die Stationierung von US-Streitkräften auf Okinawa aufzukündigen und die Kernkraft abzuschaffen. Das Herz der Finsternis schlägt atomar.

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Fotoquelle: Wikipedia – Author United States Department of Energy –/– Gemeinfrei

Atombombentest „Romeo“ (Sprengkraft 11 Megatonnen TNT-Äquivalent) am 27. März 1954 auf dem Bikini-Atoll

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Mein Kampf – Merkel Ausgabe

Erstellt von IE am 29. Dezember 2015

Hitlers böses Buch kehrt zurück

Siebzig Jahre haben die Deutschen gebraucht um nach Ende des Krieges hier die Demokratie einzuführen. Was Adenauer und seine Nachfolger erst gar nicht versuchten schaffte endlich Merkel die Nation darf das Buch der Deutschen wieder lesen „Mein Kampf“.

Leider aber ist dieses nur die halbe Wahrheit, denn uns wird in Kürze eine Schrift vorgelegt werden welche mit der Urschrift nur wenige Gemeinsamkeiten aufzuweisen hat. Von der Politik bezahlte Historiker haben die zwei Schriften auf das doppelte anwachsen lassen und die dann 1950 Seiten  mit 3500 Fußnoten vollgeschmiert. Wir lesen also auch heute eine Politisch gesteuerte Ausgabe was das Buch zu einer Farce verkommen lässt. „Mein Kampf“ zensiert bei Angela Merkel und ihre Meinungsschergen.

Die Politik macht also heute das gleiche was in den 30ger Jahren vorexerziert wurde, mit einem Unterschied, Missliebige Bücher werden heute nicht  mehr verbrannt sondern erst gar nicht mehr gedruckt. Politik ist also ein wenig diplomatischer geworden, die auferlegten Barrieren der demokratischen Werte zu umschiffen. Freiheit sieht allerdings anders aus.

Richtiger wäre es allerdings gewesen die Vergangenheit endgültig aufzuarbeiten und nicht weiter zu verdrängen. Dabei hätten die originalen Schriften sicher eine große Hilfe leisten können. Da wäre aber auch das Risiko größer gewesen im Nachhinein einige Denkmäler stürzen zu müssen?  Auf die Meinung von Historikern welche ihr Wissen aus dem Kaffeesatz lesen haben kann ich jedenfalls gerne verzichten. Von derartigen Schwachsinn wird der Markt ja geradezu überschwemmt.

Hitlers böses Buch kehrt zurück

Historiker in Deutschland geben erstmals wieder Hitlers „Mein Kampf“ heraus. Das Projekt ist umstritten, das Interesse groß.

Wer will so etwas lesen? „Es bedurfte auch hier erst der Faust des Schicksals, um mir das Auge über diesen unerhörtesten Völkerbetrug zu öffnen.“ Oder: „Wer nicht selbst in den Klammern dieser würgenden Natter sich befindet, lernt ihre Giftzähne niemals kennen.“ … „Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu finden.“

Die Stilblüten sind wörtliche Zitate aus einem Buch, dass in Deutschland 70 Jahre lang nicht neu erscheinen durfte. Die Rechte an Adolf Hitlers zweibändiger Bekenntnisschrift „Mein Kampf“ gingen 1945/46 – ebenso wie sein sonstiges Eigentum – an den Freistaat Bayern, weil der „Führer“ bis zuletzt mit seinem Hauptwohnsitz in München gemeldet war. Die folgenden sieben Jahrzehnte hat es das Finanzministerium in München verstanden, alle Versuche einer Wiederveröffentlichung zu verhindern. Bis jetzt.

Am 1. Januar 2016 endet – über 70 Jahre nach den Tod des Autors – diese Schutzfrist, die allen Schriftstellern und ihren Rechtsnachfolgern zusteht, heißen sie nun Kurt Tucholsky, Joseph Roth oder Adolf Hitler.

Diese Frist spielt unter Verlegern ein große Rolle, denn von diesem Zeitpunkt an besitzt jedermann die Möglichkeit, ohne Vertrag mit dem Autor oder dessen Erben und ohne Beachtung anderer Verlegerrechte zu produzieren, was die Druckwalzen hergeben. So wimmelt es seit einigen Jahren von Neuveröffentlichungen der Werke von Tucholsky oder Roth. Nun auch von Hitler?
1.950 Seiten und rund 3.500 Fußnoten

Am 8. Januar wird das renommierte Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) die erste vollständige Fassung von „Mein Kampf“ der Öffentlichkeit vorstellen – nach jahrzehntelangem Widerstand und mehr als dreijähriger Arbeit.

In zwei Bänden, gut doppelt so dick als die Ursprungsfassung, auf 1.950 Seiten und versehen mit etwa 3.500 Fußnoten, wollen die Wissenschaftler um den Projektleiter Christian Hartmann die Inhalte des Buchs knacken. „Wir drehen den Zünder raus“, so hat Hartmann das Ziel der wissenschaftlichen Edition gegenüber der Zeit umschrieben. Er gibt zu: „So ein irres Gebräu zu widerlegen, das ist schwierig.“ Grundproblem sei es gewesen, dass Hitler von einem ganz anderen Weltbild ausging. „Wir mussten im Grunde beweisen, dass die Erde nicht flach ist.“

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoqueööe: Wikipedie – Urheber Albert Reich –/– Gemeinfrei

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Ein Kampf für die Spree

Erstellt von Rationalgalerie am 15. Dezember 2015

Von Amt zu Amt für einen Fluss

File:Spree Berlin Ships.JPG

Das Wasser ist blau, wie die Insassen in der Fäkalienbude – Die leersten Köpfe streben immer nach Oben.

 

Autor: Angelika Kettelhack
Datum: 14. Dezember 2015
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Buchtitel: Der Wassermann
Buchautor: Sandra Prechtel
Verlag: HERBiG

So wie Sandra Prechtel die Geschichte des 53-jährigen Ingenieurs Ralf Steeg in ihrem Buch „Der Wassermann“ beschreibt, hat dieser tüchtige Tiftler seit fast 15 Jahren mit mutlosen oder trägen Beamten in Berliner Behörden darum gerungen, die Spree wieder so sauber zu kriegen wie sie 1905 mal gewesen ist als in diesem Fluss die Menschen noch ganz selbstverständlich schwimmen konnten. Dazu will Steeg unter der Wasseroberfläche Speicherbehälter montierten lassen, die die Abwässer aus Berlins Kanalisation bei starkem Regen vorübergehend aufnehmen könnten. Auf den Abwasserspeichern erträumt er sich dann Plattformen, die auf der Spree eine Kette von Inseln bilden für Sonnendecks, Cafés und Gärten.

Ralf Steeg, der in seinen ersten Jahren in West-Berlin die Hinterhöfe von Wohnkasernen mit Hilfe der Anwohner in prächtige Gärten verwandelte, und der damit so etwas wie das heute beliebte „Urban Gardening“ vorwegnahm, hat etwas erfunden, dass ein weltweites Umweltproblem lösen könnte und das sogar bezahlbar wäre. Doch der Weg von der Theorie in die Praxis ist anscheinend mit Borniertheit gepflastert. Nur weil Steeg ab und an begüterte Gönner fand, die er für sein Projekt begeistern konnte und die ihm privat für einige Monate weiterhalfen, hat er immer wieder die Kraft gefunden, all die Jahre unbeirrt für sein geniales System der Abwasser-Reinigung zu kämpfen. Er konnte seine Idee zwar schon in Hanoi / Vietnam vorstellen und in der Architektursparte der Biennale in Venedig ausstellen, aber der Arroganz der Berliner Beamten war er wohl nicht gewachsen. Zumindest konnte er sein Projekt nach deren Ansicht nicht überzeugend großsprecherisch darstellen. Anscheinend zeigte der Ingenieur nicht genug Selbstbewusstsein, so dass man versuchen konnte, ihn mundtot zu machen mit Absagen wie dieser von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: „Unser Haus sieht keine Veranlassung für eine Übernahme der Pilotanlage im Berliner Osthafen durch die Berliner Wasserbetriebe. Da außerdem eine anteilige Finanzierung durch das Land Berlin nicht möglich ist, erübrigt sich ein Gesprächstermin.“

Ralf Steegs bescheidene Art des Auftretens mag daran liegen, dass er in der DDR großgeworden ist. Nachdem ein Ausreiseantrag seiner Eltern nicht bewilligt wurde, verlor er als 16-jähriger die Geduld und versuchte über die tschechische Grüne Grenze zu fliehen. Dieser Versuch endete in dem berüchtigten Untersuchungsgefängnis Halle/ Saale. Die Filmregisseurin Sandra Prechtel hatte eigentlich vor, über das Leben des Ingenieurs und Visionärs Ralf Steeg einen Dokumentarfilm zu drehen. Nun aber ist ihre Idee zunächst ein Buch geworden, das sich wie ein spannender autobiographisch geschriebener Entwicklungs-Roman liest. Da Prechtel als Autorin die Rolle von Steeg einnimmt, indem sie dessen Leben in der Ich-Form erzählt, erreicht sie eine weitgehend größere Anteilnahme an Steegs Schicksal und ein neugierigeres Interesse für dessen geniale Technologie als er es wahrscheinlich in seiner Bescheidenheit gekonnt hätte.

Steeg will das Problem von Dreck und Gift – wie etwa Fäkalien, Fischkadaver, Öle, Arzneimittel und Schwermetalle – die ungefiltert im städtischen Fluss landen weil das herkömmliche Abwassersystem nicht genug schluckt und überläuft, mit einem überraschend einfachen Gegenmittel lösen: Bei Stark-Regen sollen die Wassermassen, die etwa 30 Mal im Jahr mit über 5 Milliarden Liter in die Spree fließen, durch riesige unter der Flussoberfläche verankerte Grosstanks aufgefangen werden, um sie später bei Trockenheit wieder in die Kanalisation zurück zu pumpen und sie von dort ins nächst liegende Klärwerk zu transportieren. Noch immer steht das Projekt in den Sternen.


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Was ist ein Staatsverbrechen?

Erstellt von Rationalgalerie am 28. November 2015

Wer erschoss Mundlos und Böhnhardt?

Autor: Wolfgang Pfeiffer
Datum: 26. November 2015
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Buchtitel: Die schützende Hand – Denglers achter Fall
Buchautor: Wolfgang Schorlau
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Verblüffung zuerst: für die allwissende Internet-Enzyklopädie „WIKIPEDIA“ existiert ein Stichwort: „Staatsverbrechen“ nicht. Vielleicht wartet man ja noch auf den Ausgang des NSU-Prozess, um in deren Ergebnis das Stichwort neu zu definieren.

Der Krimi-Autor Wolfgang Schorlau hat zu Recht nicht darauf gewartet. Sein Buch „Die schützende Hand – Denglers achter Fall“ serviert dem Leser jedenfalls – vermittelt durch den Erzählstrang rund um den Privatermittler Georg Dengler – alle Zutaten zu einem Kriminalfall, der die Bezeichnung „Staatsverbrechen“ verdient.

Die schlichte Frage „Wer erschoss Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt?“, mit der ein anonymer Auftraggeber Dengler in die Spur setzt, verbunden mit einer saftigen Geldspritze für den ewig klammen ehemaligen BKA-Zielfahnder, erweist sich als so explosiv, dass sich für Dengler selbst bald eine Frage auf Leben und Tod stellt …

Schorlau gibt Dengler und dem Leser nach und nach alle mittlerweile öffentlich zugänglichen Fakten und Lügen rund um den „NSU-Komplex“ an die Hand. Über 70 Anmerkungen, teils Dokumente, teils Zeitungsartikel und Tatort-Fotos, belegen, dass bei  der  „Aufklärung“ der vorgeblichen  Selbsttötungen  der
Rechtsterroristen Mundlos und Böhnhardt seitens der Ermittlungsbehörden geschlammt, gelogen und vertuscht wurde, dass sich die Balken biegen. Dazu passt gut die neueste mdr-Meldung, dass – nach sechs Jahren – im Rahmen einer „diskreten Durchsuchung befasster Dienststellen“ – plötzlich die verloren geglaubten Originalfotos vom Tatort wieder aufgetaucht sind, samt umfangreichen Aktenmaterials.

Und schon sind wir mittendrin in der aktuellen Debatte über „Verschwörungstheorien“. Der geneigte Leser, zu Beginn genauso naiv oder skeptisch wie Dengler, wird von Seite zu Seite in ein kriminelles Konstrukt von so
unglaublichem Ausmass hineingezogen, dass ihm zunächst nur die Charakterisierung „Fiktion“ einfällt. Wenn da nicht die Belege wären, die fast wissenschaftlich exakt den Anmerkungsapparat füllen.

Schorlau stellt sich dramaturgisch mit seinen Krimis in der Tradition von F. Forsyth (z. B. „Der Schakal“, „Die Akte Odessa“, „Die Todesliste“) oder auch von John Le Carré (z.B. „Das Russlandhaus“). Die Verbindung von realen (politischen) Verhältnissen mit fiktiven Romanfiguren gelingt ihm sprachlich allerdings nicht so brillant. Trotzdem nimmt die Handlung schon durch die Einführung der unumstösslichen Fakten in die Romanhandlung nach etwas zähem Anlauf ständig Fahrt auf. Dengler und mit ihm sein fiktiver Unterstützerkreis wird schliesslich vom Jäger zum Gejagten.

Fazit: Wolfgang Schorlau fasst auf unterhaltende (?) Art eine Frage zusammen, die schon der letzte Satz in dem Buch „Heimatschutz – Der Staat und die Mordserie des NSU“ (2014 erschienen im Pantheon Verlag) von Stefan Aust und Dirk Laabs nahelegt: „Mit jeder weiteren vernichteten Akte, mit jeder nicht beantworteten Frage, mit jeder neuen Lüge verstrickt sich das Bundesamt für Verfassungsschutz nun weiter in einen Kampf, den es vor über 20 Jahren begonnen hatte – und der Satz des Geheimdienstkoordinators und ehemaligen Vizepräsidenten des BfV Klaus-Dieter Fritsche vor dem NSU-Ausschuss, hallt mit jedem Tag lauter, schriller, aber auch klarer nach: „Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln unterminieren.““ – Die Frage lautet: wie weit ist der Schritt vom Staatsgeheimnis zum Staatsverbrechen bereits gegangen?

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Fotoquelle: Wikipedia – NSU Mahnmal Dortmund –/– Author Reclus –/– CC0

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Das letzte Buch von Günter Grass

Erstellt von Rationalgalerie am 10. November 2015

Aus der Erinnerung nur wächst die Zukunft

Autor: U. Gellermann
Datum: 09. November 2015
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Buchtitel: Vonne Endlichkeit
Buchautor: Günter Grass
Verlag: Steidl

Das war´s: „Vonne Endlichkeit“, ist das letzte Buch von Günter Grass. War´s das? Wer kann schon so weit in die Zukunft blicken und Geschichtsmächtigkeit erkennen? Jene Summe von Zitaten und Rezitaten, die Erinnerungen künftiger Rezensionen, die Bilanz germanistischer Diplomarbeiten: „Die Auswirkungen sozialdemokratischer Politik auf die Poetik des Günter Grass“, oder „Der Pferdekopf als Aalköder – das Märchen von der Gänsemagd als Material für die Blechtrommel“. Endlich, denken sie, sie hätten ihn beerdigt, den Querschreiber, auf USB-Sticks abgeheftet, und sie könnten sich den Nachrichten zuwenden, in denen doch nur ein weiteres Stück von Grass über den Krieg aufgeführt wird: „Gedachten wir, vom Bildersturz verschreckt, / des Ersten, während vielerorts / der Dritte anfing, Probe nur / und Übung für den Ernstfall war.“ So brandet noch einmal der Grass auf, in seinem letzten Buch: „Und hielt den Atem an / haßentbrannt in diesem Sommer.“

Hassentbrannt? Ja hat der Alte denn nicht seinen Frieden gefunden, in seinen letzten Tagen? Es wird dieser Sommer gemeint sein, der letzte des Grass´schen Lebens, ein Sommer voller Krieg, auf den die Vernunft und die Liebe zu den Menschen mit dem selben Hass zurückblicken wird wie der Dichter. – Der lag mal zur Probe in seinem Sarg. Machte sich vertraut mit seinem Tod, das Holz roch frisch, zufrieden habe er ausgesehen, meinte seine Frau, bei der Anprobe. So gehen Momentaufnahmen. In langen Spannen misst sich die Unzufriedenheit: „Erst als die immer schon Heimischen / sich fremd genug waren / begannen auch sie / ihr Fremdsein zu ertragen“ das notiert uns Grass über die Vertriebenen, beschrieben werden die Millionen Deutsche des letzten großen Krieges, gemeint sind alle, die vor Kriegen geflohen, in fremden Ländern die nützliche Masse der Fremden stellen.

Einmal, auf den gut gebundenen Seiten von dickem, weichen Papier, lädt Grass uns zum Vergleich mit sich selbst ein: Auf der linken Seite ist Herbstlaub mit dem Zeichenstift schraffiert zu sehen, auf der rechten malt er das Laub in seiner Sprache: „Ich beuge mich, lerne lesen. Kein Blatt ohne Inschrift. Auf einem Fächer Kastanienlaub hat Eichendorff ein Gedicht hinterlassen, das ich als Schüler hersagen konnte.“ Stünde der Dichter mit dem Zeichner im Wettbewerb, um Längen hätte der Dichter den Kampf gewonnen. Wie sollten auch Zeilen über das unheimliche Wort der Kindheit, nach dem Gott alles sieht, in einer Zeichnung gefasst werden können. Grass nimmt das Wort, zerschlägt es, fügt es neu und betet: „Ach, liebe Drohne / mach mich fromm, / daß ich in deinen Himmel komm.“ So wird das Auge Gottes in die wirklichen Machtverhältnisse bewegt, dorthin, wo aus heiterem Himmel jede Stunde ein US-Gottesurteil die Erde verfinstern kann.

Ganze vier Seiten lang kämpft der Dichter den „Abschied vom Fleisch“. Und was das Feuilleton sicher als vegetarische Handreichung überblättert hat, ist ein beißendes Gedicht vom Tod, sich noch einmal ins lebendige Fleisch krallend, noch einmal den Leib der Frauen erinnernd und auch den eigenen; den Abschied nehmen, weil anderes nicht mehr zu nehmen ist. – Die Deutschen sagen bei den langen Abschieden „Lebe wohl“, das nimmt sich nach dem Ende des Lebens eher komisch aus. Einmal mehr hilft das englische Farewell: Reise gut, Grass! Reise im Gepäck derer, die erinnern können. Denn aus der Erinnerung nur wächst uns die Zukunft.


Fotoquelle: Wikipedia – Author Blaues Sofa from Berlin, Deutschland — / — CC BY 2.0

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Wenn Venedig stirbt

Erstellt von Rationalgalerie am 22. September 2015

Stirbt die Idee von der Stadt

Autor: Susanna Böhme-Kuby
Datum: 21. September 2015
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Buchtitel: Wenn Venedig stirbt
Buchautor: Salvatore Settis
Verlag: Wagenbach

Unsere Autorin lebt und arbeitet in Vendedig.

Wenn Venedig stirbt…  so die Schlussfolgerung des Autors am Ende seines Pamphletes – wenn Venedig stirbt, dann stirbt die eigentliche Idee von Stadt als offener und vielfaeltiger Raum sozialen Lebens, Grundlage fuer Zivilisation und Demokratie.
Um letzteres geht es. Salvatore Settis legt kein neues Buch ueber Venedig vor, sondern  der hochengagierte Kunsthistoriker und Archaeologe vereinigt einige seiner juengsten Vortraege zu einer „Streitschrift gegen den Ausverkauf der Staedte“. Das ist im Italien der urbanen Vielfalt mit seiner einst beispielhaften Stadtkultur ein hochaktuelles Thema, angesichts sogenannter Modernisierungsprojekte und einer zunehmend kommerziellen Valorisierung historischer Bauten bei grassierender Immobilienspekulation inmitten touristischer Monokulturen.

Staedte als komplexe lebendige Konstrukte setzten sich ueber Jahrhunderte aus Steinen und Menschen, aus der Stadtbevoelkerung und ihren Lebensbedingungen zu historischen Erfahrungsraeumen zusammen. Verschwinden letztere, Settis nennt das post-antike Athen als Beispiel, geht das einher mit einer kollektiven Amnesie, und wie bei Menschen, die ihr Gedaechtnis verlieren, auch mit dem Vergessen der eigenen Wuerde.
Hauptthema von Settis‘ Betrachtungen ist also die Unterwerfung auch der Stadtentwicklung unter die zunehmend zerstoererischen Bedingungen der neoliberalen Oekonomie, die die Beduerfnisse der Mehrheit der Menschen und eben auch der Stadtbewohner ignoriert, deren Anzahl heute bereits auf mehr als die Haefte aller Erdbewohner gestiegen ist.

Settis beschreibt den Wandel der Stadt vom hoechsten Kulturprodukt unserer Zivilisation, Wiege buergerlicher Werte und Demokratie, hin zur exorbitanten Megalopole, in der sich Abermillionen Menschen zusammendraengen bis in weit ausufernde Bidonvilles „im Namen von Produktivitaet, geblendet von der Illusion des sozialen Aufstiegs oder um des nackten Ueberlebens willen“. Als Beispiel fuer diesen vor allem ausserhalb Europas rapide voranschreitenden Trend nennt Settis u.a.das chinesische Chongqing, das von 600.000 Einwohnern um 1930 auf inzwischen 32 Mio. anwuchs. Auch in europaeischen Staedten sind Tendenzen zur Anpassung an die konsumgesteuerte Produktionsmaschinerie (Wolkenkratzer, Stadtautobahnen, Satellitenviertel, Schlafstaedte) in vollem Gange.

Die in einem zunehmend deindustrialisierten Italien errichtete glamouroese Hochhaus-Kulisse im Zentrum Mailands, fuer die Expo 2015, stellt jedoch laut Settis keinen „verspaeteten Triumph der Moderne, sondern ihre Fiktion“ dar, die keinen Wachstumsprojektionen entspricht. Und die Typologie des Wolkenkratzers ist auch anderswo in Italien dabei, sich losgeloest von Raumentwicklungsplaenen durchzusetzen. Selbst im sich entvoelkernden Venedig ist ein 250 m hoher Riesenturm angedacht (der vom neugewaehlten Buergermeister der Stadt als positiver „moderner“ Impuls gesehen wird, ebenso wie die schwimmenden Hochhaeuser der Kreuzfahrtungetueme / Anmerkung der Rezensentin). Settis sieht in diesem Gigantismus einen „Fetisch des Kapitalismus (…) reproduzierbar als das architektonische Gesicht eines schrankenlosen Neoliberalismus“, dessen oekonomische Hintergruende und soziale Folgen ausgeblendet und verschleiert bleiben und folglich als „naturgegeben“ erscheinen.

Als Gegenbild zur Megalopolis erscheint die Stadt Venedig als verborgenes Urbild aller Staedte, von denen der Erzaehler, Marco Polo, in Italo Calvinos „Unsichtbaren Staedten“ dem Gross-Khan  berichtet. Ihm folgend ist auch fuer Settis der mehr als tausendjaehrige Stadtkomplex in der Lagune, als vollendeter Ausdruck der engsten Symbiose von Natur und Kultur, das Sinnbild fuer alle Staedte und gilt als Paradigma der historischen Stadt ueberhaupt. Und er tritt ein fuer eine neue Betrachtungsweise der Altstadt-Problematik, bei der Fortschritt und Konservierung bisher als unueberbrueckbare Gegensaetze gelten. Settis schlaegt die Realisierung von Alternativen zum fortschreitenden „Einheitsgedanken, der auf der ganzen Welt ein einziges Modell identischer Neustaedte durchsetzen will“ vor. Venedig ist dabei ein Pruefstein im bestehenden Aufloesungsprozess seiner ‚forma urbis‘ die – verdeutlicht durch den immer bedrohlicheren Bevoelkerungsschwund – mehr und mehr zu blosser Residualexistenz verurteilt scheint, zur passiven Kulisse des Tourismus (nur noch 56.000 Einwohner in der Altstadt bei ca. 34 Mio. Besuchern pro Jahr).

Es geht fuer das Ueberleben Venedigs also nicht um die Konservierung von Vergangenem oder das Auskosten des Jetzt durch immer neue Events, sondern um die Reaktivierung einer taetigen Buergerschaft, die „den Vorrang des Gebrauchswertes der Stadt ueber den Tauschwert stellt“. Es geht um das „Recht auf Stadt“, d.h. auch „um das Recht junger Menschen auf eine kreative Arbeit, auf Wohnung und auf eine Zukunft“. Und Settis schliesst dabei die „Neuitaliener“ ein, die aus vielen Weltteilen kommen und ein anderes Bewusstsein entwickeln koennen, als das, was der „truegerische Kosmopolitismus der ueber Venedig hereinfallenden Touristenhorden“ suggeriert. Damit stellt der Autor allerdings eine gesellschaftspolitische Forderung, die ueber die Stadtproblematik weit hinaus und die Italien und ganz Europa angeht.
Wie z.B. der Fall MoSE (das umstrittene und korrupte Mammutprojekt zum Schutz vor dem Hochwasser) zeigt, dienten gerade die Umwelt-Probleme Venedigs als Vorwand fuer einen vorgeblichen „Kulturschutz“, der gigantische Raubmechanismen deckt, die auch in anderen „Grossprojekten“ Italiens weiterhin am Werke sind. Einige der Verantwortlichen stehen nun vor Gericht, aber ihr System scheint ungebrochen.

Umso notwendiger erscheint es, die Dimension der Erinnerung an ein „Anderes“ zu bewahren und weiter zu entwickeln, deren Gefahr fortschreitenden Verschwindens inzwischen das gesamte menschliche Zusammenleben bedroht: „Es raubt der Gegenwart den Atem und gefaehrdet die Zukunft“.


Fotoquelle: Wikipedia /Artist Canaletto (1697–1768) Link back to Creator infobox template –Source/Photographer Own work, Giovanni Badoer

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„Ich wollte Schröder stürzen“

Erstellt von IE am 21. September 2015

„Ich wollte Schröder stürzen“

File:2008-02-16-Oskar Lafontaine 0109.JPG

Ja, genau das ist Politik: Am A…. und am Kopf finden sie immer wieder zusammen. Auch wenn einige Jahre  darüber vergangen sind. Wobei die leeren Köpfe alle gleich hohl klingen. Was unter ihren Strich zählt, ist das Geld sowohkl in der Eigenen als auch der Parteikasse um so möglichst lange die Macht und damit die Kontrolle über die Kasse zu behalten. Als Zugabe erwähnen wir die Staatsräson, welche immer dann besonders hoch gezerrt wird, wenn Dummheit und Ratlosigkeit zu sehr nach oben durchschimmern. Die persönliche Unfähigkeit muss vor der Bevölkerung kaschiert werden.

Einen sichtbaren Unterschied zwischen Schröder und Merkel gibt es nicht, dieser blitzte in den Wahlnächten vielleicht einmal kurz auf, verflog aber schnell vor der Ohnmacht des jeweiligen Verlierer. Einer der weiteren ganz großen Verlierer heißt Oskar Lafontaine welcher, wie weitere vor ihm, dieser Tage seine Biografie vorstellt welche entsprechend reißerisch aufgemacht wird, um dadurch wohl seine still anhaltende Wut auf Schröder zum Ausdruck zu bringen.

Wer mag das heute noch glauben, im Angesicht der Tatsache, wo auch er sich in seinem Leben so oft verbog – so dass er hätte selber mühelos, in sein eigenes Hinterteil hineinkriechen können.  Eine typische Geste der Politiker eben, bei welchen nur noch das große Fressen oben auf ihrer Visitenkarte steht. Egon Bahr sprach es einst passend aus, als er vor einer Heidelberger Schule folgendes sagte: „In der internationalen Politik geht es, nicht um Demokratie und Menschenrechte, sondern um Interessen. Ganz egal was man Ihnen im Geschichtsunterricht auch sagt“. Solange das so ist, wird alles beim Alten bleiben.

Natürlich werden bestehende Verletzungen nicht vergessen werden. Auch wohl bis an  das Lebensende hin. Fakt ist aber letztendlich auch, das der Verlierer an seiner Niederlage für gewöhnlich den größten Anteil selber trägt? Vielleicht hatte Schröder ja nur die besseren Mitarbeiter an seiner Seite?

Diese Vermutung scheint wohl zuzutreffen, da sich eine ähnliche Situation einige Jahre später in der LINKEN wiederholte. Ich kann so schreiben, da mit beiden Seiten viele Gespräche geführt wurden wobei es nie meine Absicht war, ins Saarland einzuwandern.

Auch dieser Streit hält bis zum heutigen Tag vor und wird in schöner Regelmäßigkeit gegenseitig befeuert. Das war mit Sicherheit eine der größten Bärendienste welche sich die Partei  selber erweisen konnte. Denn da sie von immerwährenden Wahlen getrieben wird, unterstelle ich hier den Machern, egal ob in Berlin oder Saarbrücken, ein totales, taktisches Versagen. Einen politischen Suizid.

Erinnern wir uns nicht alle noch an den Wahlabend als Schröder sich gegenüber Merkel ähnlich einen Trunkenbold aufführte? Merkel will am Morgen, Dienstag – in Berlin die Biografie über ihren Vorgänger präsentieren. Auch Schröder wird dabei sein, vielleicht sogar nüchtern? Das ist aber genau der Punkt welcher die Politik innerhalb der Bevölkerung als völlig Unglaubwürdig darstellt.

Vielleicht wird daran gedacht wenn einmal mehr über die nachlassende Bereitschaft zum Wählen, so hohl debattiert wird. Für Clowns ist ein Zirkus normal der bessere Präsentierteller.

„Ich wollte Schröder stürzen“

Der frühere SPD-Chef Oskar Lafontaine hat in einem neuen Buch über Gerhard Schröder schonungslos wie selten zugegeben, dass er sich am damaligen Kanzler rächen wollte. „Ich wollte Schröder stürzen“, erzählt der spätere Vorsitzende der Linkspartei und Agenda-2010-Gegner in einer am Montag erschienenen Biografie, die der Historiker Gregor Schöllgen über den SPD-Altkanzler verfasst hat.

In der Wahlnacht 2005, als Schröder die Macht an CDU-Chefin Angela Merkel verlor, sei die Rivalität aber von ihm abgefallen: „Jetzt war ich innerlich frei“, sagte Lafontaine im Gespräch mit Schöllgen. Schröder hat keinen Bedarf, mit dem Saarländer zu reden. Seit damals haben die beiden kein Wort miteinander gewechselt.

Die Welt

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Schlachtfeld Irak

Erstellt von Rationalgalerie am 8. September 2015

Titanic im Mittelmeer für alle

Boat People at Sicily in the Mediterranean Sea.jpg

Autor: U. Gellermann
Datum: 07. September 2015
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Buchtitel: Der Verrückte vom Freiheitsplatz und andere Geschichten über den Irak
Buchautor: Hassan Blasim
Verlag: Antje Kunstmann

Schlachtfeld heißen die Felder, Straßen und Plätze, auf denen Menschen geschlachtet werden. Allerlei Sorten des Metzgerns hat Hassan Blasim in seinen Geschichten über den Irak aufgeschrieben. Auch die vom verlorenen Kopf einer Mutter, verloren auf der Flucht aus dem Irak in ein Europa, aus dem Krieger und Kriege in den Irak kamen: „Es fehlte einzig der Kopf, der einst seinen Kopf berührte und sich zärtlich über ihn geneigt hatte.“ Fast vier Millionen Iraker irren durch das eigene Land. Auf der Suche nach Sicherheit, nach Schutz vor gewaltsamem Tod. Und Blasim ist ihr Chronist. Selbst vor dem nun mehr als 30 Jahre andauernden irakischen Krieg geflohen, lebt er nun in Finnland und schreibt sich die Seele aus dem Leib.

Die irakischen Kriege der Neuzeit – begonnen mit dem Iran-Irak-Krieg von 1980, waren immer auch Kriege der USA, von den Vereinigten Staaten gewünscht oder provoziert oder begonnen – dauern an. Und sie finden auch im Exil kein Ende: In einem Aufnahmezentrum für Flüchtlinge treffen junge Sudanesen auf eine Gruppe von Irakern, die den Sturz Saddam Husseins feiern: „Die Amisoldaten werden Eure Frauen vögeln,“ sagen die Sudanesen, „Warum freut ihr Euch darüber?“ Und schon beginnt die Prügelei. Wie eine Fortsetzung der Kämpfe im eigenen Land. – Irgendwo auf einer Flucht merkt der Autor an, dass „die kollektive Ertrinkerei“ im Mittelmeer, „einen ausgesprochen unterhaltenden Filmeffekt bietet, so etwas wie eine neue Titanic für alle.“ Und wenn in diesen Tagen ein ertrunkener Junge am Strand vor Bodrum scheinbar die Welt bewegt und sogar den britischen Ministerpräsidenten zu einer arglistigen Vortäuschung von Menschlichkeit bringt, dann findet man am Bild von der Titanic fast Gefallen. Und auch an diesem drastischen Sarkasmus: „Und jetzt auch noch dies: 800 Afrikanische Kadaver pro Woche! Das sind, selbst bei durchschnittlich 65 unterernährten Kilogramm, immerhin 52 Tonnen Menschenfleisch pro Woche. Kein Wunder, dass der Blauflossenthun triumphiert und die Dorade sich fühlt wie die Made im Speck.“ So ätzt es der Bundesrichter Thomas Fischer auf die Seiten der ZEIT.

Auf einer der vielen Fluchten und Reisen, von diesem Lager zu jener Asyl-Station, lässt uns der Autor auf den Mann mit der dicken, fetten, weißen Ratte treffen. Noch während der Leser glauben mag, ein Zitat des muslimische Mystikers Rumi über die Wahrheit, die ein großer Spiegel war und vom Himmel fiel, führe zu Erkenntnissen, führt die Spur des Schriftstellers nur in eine absurdes Nichts, zur Ratte als einem Symbol für den Tod, der im Rattengift seine chemische Vollendung findet. In der Tradition orientalischer Märchen findet der Autor seine Form, und bei Kafka findet er die surrealen Bilder einer Wirklichkeit, deren Realität angesichts des Entsetzens über Krieg und Flucht fassbar geworden ist, als seien sie nicht geschrieben, nur noch beschrieben.

Im Irak wandern 3,6 Millionen Binnenvertriebene durch ein gefährliches, zerstörtes Land. Ungefähr dort wo heute Deutschland liegt, wütete vor mehr als 300 Jahren der 30jährige Krieg. Jahrzehnte brauchte das zerschundene, zerfetzte, vergewaltigte Land zur Erholung. Wie lange der Irak brauchen wird, oder Afghanistan, Libyen, Syrien, dass wissen wir nicht. Gewiss ist, dass die Erholung erst mit dem Ende des Krieges begann und beginnt.


Grafikquelle :   Ringrazio per la foto Matteo Penna.

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Eine konformistische Provokation

Erstellt von Rationalgalerie am 17. Juli 2015

Dietrich Brüggemanns Kinofilm „Heil“

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Autor: Hans-Günther Dicks
Datum: 15. Juli 2015

Darf man über alte und neue Nazis lachen? Sehr wohl – wenn man sie genügend ernst nimmt; tut man letzteres wirklich, ist das Lachen sogar unausweichlich. Darf man über Nazis eine Filmkomödie drehen? Natürlich auch – wenn man sie genügend… Nach anderen deutschen Jungfilmern hat sich nun auch der 1976 in München geborene Dietrich Brüggemann daran gemacht, aus der Lächerlichkeit dumpfbrauner Hirngespinste an den Kinokassen Honig zu saugen. Sein fünfter Spielfilm „Heil“ kommt am 16. Juli in die Kinos, als „kreischend komische Liebeskomödie und bitterböse Gesellschaftssatire“ vom Verleih beworben – und davon stimmt gerade mal das erste Wort.

Um was geht es? Der afrodeutsche Autor Sebastian Klein ist durch sein Buch gegen den Rassismus zum Medienstar geworden. Auf einer Lesetournee gerät er im ostdeutschen Dreiländereck in die Hände, pardon, Schlagstöcke von Neonazis, verliert sein Gedächtnis und plappert fortan die Phrasen der Nazis nach. Seine hochschwangere Freundin Nina nimmt hartnäckig seine Spur auf und landet in einem Provinznest, wo wie in einem aufgescheuchten Wespennest sich diverse ultrarechte Cliquen, Nachrichtendienste, Karrieristen, Medienmacher, Politiker, Ordnungshüter und chaotische Links- und Rechtsaktivisten gegenseitig beharken. Der ehrgeizige Naziführer Sven (Benno Fürmann) will mit einem fingierten Überfall die Eroberung Polens einleiten, um endlich bei seiner ultramilitanten Freundin zu punkten, dieweil diverse BND-V-Leute restlos den Überblick verlieren und die Medien des Landes zusätzliche Verwirrung stiften.

Fingierter polnischer Überfall? Wer sich hier an seinen Geschichtsunterricht erinnert, den belehrt Oberlehrer Brüggemann bald eines besseren: Den Fall Gleiwitz gibt es bei ihm nicht real, sondern nur als Hirngespinst eines verliebten Trottels. Auch sonst lässt der Regisseur, der hier in grotesker Selbstüberschätzung gleichzeitig für Regie, Buch, Musik und Koproduktion zeichnet und sich bei der finalen TV-Talkrunde auch noch eine Rolle als Verkünder eigener Botschaften ins Drehbuch schrieb, kein einziges politisch inkorrektes Fettnäpfchen aus. Er stolpert von Witz zu Witzchen, watscht das komplette Politik- und Medienspektrum nach einander heftig ab. stolpert durch sein Thema ohne Konzept oder Struktur, und wo ihm einmal ein wirklicher Gag einfällt, nimmt er ihm im endlosen Tsunami aus Kalauern, Plattitüden und Geschmacklosigkeiten selbst die Wirkung. Wenn’s sein muss, opfert er für abgestandene Situationskomik auch mal jede dramaturgische Logik und plappert ganz wie sein Filmheld Sebastian die üblichen Rechts-gleich-Links-Phrasen nach, die schon immer der Geburtsfehler dieser Gesellschaft waren. Dem Zuschauer schwinden bald die Sinne – und der Story der Sinn.

Wo solcherart jede Subtilität ausgetrieben ist, haben natürlich auch die Darsteller wenig zu spielen. Es ist, als habe sich der Regisseur nach seinem fast asketisch stillen Film „Kreuzweg“ nun mit einem gigantischen Darsteller-Ensemble einmal so richtig austoben wollen. Doch was heißt schon Ensemble bei einer Rekordzahl von nicht weniger als 114 (!) Sprechrollen, die großen davon mit Stars wie Benno Fürmann, Liv Lisa Fries oder Jakob Matschenz zugkräftig besetzt, wogegen seine Schwester Anna, die an all seinen früheren Filmen als Co-Autorin und/oder Darstellerin prominent beteiligt war, diesmal nur in der Rolle der brutalen Nazibraut Doreen zu sehen ist. Rollen zudem, deren bevorzugte Ausdrucksmittel Herumschreien, Schüsse, Schläge, Stöße und Tritte sind? Jeder von ihnen liefert ohne subtile Mimik und Charakterzeichnung seinen mehr oder minder kurzen Auftritt ab, und bevor er auf den Szenenapplaus warten kann, ist schon die nächste „Nummer“ dran. Wie rasch sich solche „Dramaturgie“ selbst erledigt, zeigt der geradezu hilflos einfallslose Schluss.

Überhaupt scheint Rekordjagd gegenwärtig ein prägendes Ziel im bundesdeutschen Film zu werden, dafür gibt es Preise und Beifallarien wie lange nicht mehr. Da gibt es einen Bundesfilmpreis für Til Schweigers 7-Millionen-Besucherrekord – was wenig über Publikumswünsche, aber viel über die Vermarktungsstrukturen in der deutschen Filmwirtschaft sagt. Da wird Sebastian Schippers „Victoria“ in den Feuilletons bejubelt als quasi olympische Leistung, bloß weil moderne Digitaltechnik es möglich machte, die 140 Filmminuten komplett in einer einzigen Einstellung ohne Schnitt zu drehen. Brüggemann nutzt seine Monsterteam immerhin zu einem raffinierten Besetzungscoup: Ein Schuft, wer Böses dabei denkt, dass er nach seinem 2014 arg gefloppten Film „Kreuzweg“ etliche Rollen mit Prominenten aus der Film- und Medienbranche besetzt hat, die er zu augenzwinkernden Kurzauftritten vor die Kamera lud. Das Wohlwollen der Branche und der Filmförderer wird ihm diesmal sicher sein. Zwar dürfen Michael Gwisdek und Heinz Rudolf Kunze (als Verfassungsschützer) und der prominente Filmkritiker Dietrich Kuhlbrodt nebenbei ein paar aufmüpfige Wahrheiten ins Kinovolk streuen, aber die gehen gewiss unter im Geschnatter der anderen. So kommt „Heil“ nicht als wirkliche Provokation daher, sondern als eine Art Inzuchtprodukt bundesdeutscher Filmpolitik, die in ihm bekommt, was sie verdient.

Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.

[youtube E5m4zrWiymc]

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Grafikquelle    :

Source Heil Drumpf
Author Cody Williams from Los 4ngeles//C4, US
w:en:Creative Commons
attribution
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Botox für alle

Erstellt von Rationalgalerie am 7. Juli 2015

Auch und gerade für Obdachlose

Bildergebnis für Wikimedia Commons Bilder Botox

Autor: U. Gellermann
Datum: 06. Juli 2015
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Buchtitel: Botox für alle
Buchautor: Olaf Cless und Dieter Süverkrüp
Verlag: fiftyfifty edition

Die im Buch „Botox für alle“ versammelten Glossen stammen alle aus dem Düsseldorfer Straßenmagazin „fiftyfifty“. Es steht zu vernuten, dass man im besseren Düsseldorf einfach nicht halbe-halbe sagen kann. Und so spricht auch das sozial schlechter gestellte Düsseldorf denglisch. Der Glossen-Schreiber Olaf Cless und sein Illustrator Dieter Süverkrüp allerdings schreiben und zeichnen ohne Umschweife. Und weil sie jetzt wirklich keine Zeit haben, bis der Mainstream ihre kunstvolle Arbeit wahrnimmt, haben sie die fälligen Rezensionen schon mal vorweg genommen. Besser können die Staatsmedien ohnehin nicht schreiben. Wer sonst würde es in einer Obdachlosenzeitung wagen Botox für alle zu fordern? Siehste.
„Unser soeben erschienenes Büchlein „Botox für alle“ hat bereits ein unerwartet lebhaftes Presseecho ausgelöst. Als erste reagierte, noch vor den eigentlichen Medien, die Botox-Herstellerfirma Allergan: „Grundsätzlich begrüßen wir es, dass sich hier zwei Autoren den Gedanken ‚Botox für alle’ zu eigen gemacht haben, der seit langem Richtschnur unseres wirtschaftlichen Engagements ist. Noch schöner hätten wir es gefunden, wenn die Herren Cless und Süverkrüp ihre Publikation im Vorfeld mit uns abgestimmt hätten.“

Wenig später brachte die Rheinische Post eine knappe Würdigung des Buches: „’Botox für alle’ kommt in verspiegelter Optik daher. Eine hübsche Idee. Leider muss man lange blättern, bis die titelgebende Glosse auftaucht. Sie ist bereits vier Jahr alt und gefällt sich in Respektlosigkeiten gegen den bekannten Schönheitschirurgen Mang, der auch für unsere Landeshauptstadt schon so viel geleistet hat.“ Grundsätzlicher wird ein Kritiker in Die Welt: „Glossen eines gewissen Olaf Cless, Zeichnungen von Dieter Süverkrüp? Welch seltsame Arbeitsteilung. Hat es dem vormals so zungenschnellen altlinken Barden derart die Sprache verschlagen, dass er die Texterei einem Nobody von der erstbesten Obdachlosenzeitung überlässt und sich selbst auf eine Serie dünnstrichiger Zeichnungen beschränkt? Umgekehrt wäre wohl noch eher ein Schuh daraus geworden.“ Zu einem freundlicheren Urteil kommt erwartungsgemäß die Junge Welt, wenngleich mit Einschränkungen: „Cless’ Kolumnen bleiben zu oft im satirisch Unverbindlichen, lassen den klaren Klassenstandpunkt, die unmissverständliche Kampfansage an die Herrschenden vermissen. Ein Manko, das Süverkrüps skurrile Bilder eher noch steigern.“ Ausschließlich diesen Zeichnungen widmet das Kunstmagazin art eine knappe Notiz, in der es heißt: „Zugegeben, Süverkrüps Strich ist von bemerkenswerter Souveränität, doch genau darin liegt das Problem: So klar und sicher darf man, seit Beuys, heute nicht mehr zeichnen. Und schon gar nicht so lustig.“

Aus dem insgesamt eher negativen Echo – aber Hauptsache, es gibt überhaupt eines – sei hier noch die Süddeutsche Zeitung zitiert: „Der Autor der fiftyfifty-Glossen scheint unser ‚Streiflicht’ zu kennen. Die überraschende Themenverquickung, die sprachliche Delikatesse – auch er versucht sich an derlei. Aber ach, die literarischen Referenzen schwächeln, das altsprachliche Fundament fehlt, und so landet er allzu oft in schnöder Tagespolitik.“

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Grafikquelle     :

Source Own work
Author Reedj1117
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Aus dem Wachkoma

Erstellt von DL-Redaktion am 27. Juni 2015

Nach fünf Jahren zurückgekämpft

von Uwe Mauch

Ihre Tochter war bereits fünf Jahre alt, als Carola Thimm aus dem Wachkoma erwachte. Über ihr Leben in diesem Dämmerzustand schrieb sie ein Buch.

Fünf Jahre lang wusste sie nicht, dass sie eine gesunde Tochter zur Welt gebracht hatte. Sie wusste auch nicht , dass ihr Vater in der Zwischenzeit verstorben war. Sie dachte viel mehr, dass er ihretwegen verärgert war und deshalb nicht mehr an ihr Bett treten wollte. Sie hatte auch keine Ahnung, dass sie im Wachkoma lag. „Weil ich gar nicht gewusst habe, was ein Wachkoma ist“, erzählt Carola Thimm heute .

Blackout

Sie war gerade einmal 36 Jahre alt und glücklich – weil im fünften Monat schwanger, – als sie zum dritten Mal in 13 Jahren ein Aneurysma erlitt. Ganz plötzlich, während des Walkens. Thimm schildert die dramatischen Minuten: „Meine Atmung beschleunigt sich. Irgendwie ist mir plötzlich schlecht, mein Herzschlag hämmert in meinem Kopf. Schnell und gierig atme ich die frische Luft ein, pumpe sie in meine Lunge. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass der Sauerstoff nicht ausreicht. Ein stechender Schmerz jagt durch meinen Kopf. In der Ferne sehe ich einen Spaziergänger auf einem der Felder, über mir zieht ein Bussard seine Kreis am wolkenlosen Frühlingshimmel. Sein Schrei, der spitz in meinen Ohren klingt, ist das Letzte, was ich wahrnehme – dann ist plötzlich alles schwarz, Blackout, nichts mehr. Ein blinder Fleck in meiner Erinnerung.“ Spaziergänger finden die ohnmächtige Frau.

Quelle: Kurier >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Blick in eine Intensivstation. – Urheber Norbert Kaiser

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Mein Vater ist Terrorist

Erstellt von Rationalgalerie am 23. Mai 2015

Über die Liebe in der Apartheid

Rationalgalerie

Autor: Angelika Kettelhack

Datum: 21. Mai 2015

Der international gerühmte israelische Regisseur Eran Riklis wurde 1954 in Jerusalem als Sohn eines Biochemikers geboren und ist in Kanada, den USA und in Brasilien aufgewachsen. Sein neuster Film, der heute unter dem Titel MEIN HERZ TANZT in die deutschen Kinos kommt, und dessen englischer Titel DANCING ARABS viel verheißungsvoller klingt, ist die Geschichte von Eyad (Tawfeek Barhom), der als bislang erster und einziger Palästinenser an einer Elite-Schule in Jerusalem angenommen wird. Schon als „I-Männchen“ fällt Eyad auf als der palästinensische Lehrer nach den Berufen der Väter fragt. Voller Stolz und strahlend sagt er: „Mein Vater ist Terrorist!“ Mit seiner Unbekümmertheit gewinnt er natürlich sofort die Herzen der Kinobesucher. Dessen ist sich sein Regisseur Eran Riklis, der vor allem durch seine Arbeiten DIE SYRISCHE BRAUT (2004) und LEMON TREE (2008) bekannt wurde, auch durchaus bewusst: Er möchte als Israeli von Anfang an Sympathie für seine palästinensische Hauptfigur wecken.

Eyad, der aus der israelischen Kleinstadt Tira stammt, deren Bevölkerung fast ausschließlich aus muslimischen Arabern besteht, ist sehr bemüht, sich seinen jüdischen Internatszöglingen und der israelischen Gesellschaft anzupassen. Er möchte dazugehören. Neben dem harten Lernen für das Stipendium an der Elite-Schule meldet er sich auch für ein soziales Projekt an. Ihm wird Yonatan (Michael Moshonov) zugeteilt, der im Rollstuhl sitzt und so ebenso ein Außenseiter ist wie Eyad. Schon bald entsteht zwischen dem Schwerkranken und dem in Jerusalem noch Fremden eine ganz besondere Freundschaft.

Natürlich verliebt sich Eyad an seiner neuen Schule genau in das falsche Mädchen, nämlich in die kluge und schöne Jüdin Naomi (Danielle Kitzis). Eine Liebe, die gegenüber Familie und Freunden geheim bleiben muss. Naomi möchte gegen alle Widerstände zu Eyad stehen, und auch Eyad ist bereit, alles für Naomi zu tun. Als deren Eltern dennoch von der unseligen Beziehung erfahren, wollen sie die Tochter von der Schule nehmen. Da Eyad aber die gute Ausbildung seiner Freundin nicht behindern möchte, verlässt er seinerseits das Elite-Internat. Doch durch die Unterstützung von Yonatan und dessen Mutter, die von dem weltbekannten ehemaligen Model Yael Abecassis sehr dezent und liebevoll und gleichzeitig doch überzeugend stark und entscheidungsfähig, auf eine subtile Art zurückgenommen, gespielt wird, kann Eyad als Externer seine Examina für eine aussichtsreiche Karriere fortsetzen. Und bevor Yonatan stirbt, legt Eyad auch für ihn sämtliche Prüfungen ab und führt damit sozusagen ein Doppelleben als Palästinenser und Israeli.

Eran Riklis filmische Parabel über die Suche junger Menschen nach ihrer Identität und sein Plädoyer für ein menschliches Zusammenleben beruht auf dem halb autobiografischen Roman des in den USA lebenden „Haaretz“-Kolumnisten Sayed Kashua. In kleinen fast unbedeutend wirkenden – weil wie nebenbei inszenierten – Szenen zeigt Riklis wie Gewalt und Borniertheit in aller Welt funktionieren: Wenn Eyad und Naomi durch Jerusalem schlendern und sie ihn bittet, er solle ihr „Ich liebe Dich“ doch mal auf arabisch sagen, wird das von einem israelischen Soldaten zufällig mitgehört. Und der nimmt Eyad natürlich sofort fest und den Rest kann der Zuschauer sich selbst ausmalen. Oder wenn Naomis Mutter sagt: „Du kannst ruhig lesbisch sein oder Krebs haben, aber einen Araber bringst Du mir nicht mit nach Hause“. Eran Riklis ist der Meinung, dass solche Szenen nicht ausgespielt werden müssen, weil sie in aller Welt auf ähnliche Weise funktionieren – so etwa auch zwischen Deutschen und Türken oder Franzosen und Nordafrikanern, etc…

Aber auf die Frage ob Filme soziale und politische Probleme lösen können, antwortet Riklis: „Das können sie nicht. Aber sie können helfen soziale, politische und humane Diskussionen anzustoßen. Wenn ich gefragt werde ob ich politische Filme mache, sage ich ,Nein‘. Ich mache Filme, die Erkenntnisse und Bewusstsein erzeugen. Die Leute kommen bevor sie den Film gesehen haben mit einem bestimmten Standpunkt, einer bestimmten Voreingenommenheit ins Kino. Meine einzige Absicht ist es, dass diese Leute wieder denken sollen und wieder sensibilisiert werden. Der Film soll in ihnen arbeiten und vielleicht ihre festgelegte Meinung verändern oder sie wenigstens dazu bringen, mit ihren Freunden zu diskutieren. Das reicht für mich. Ich will die Leute nicht umerziehen. Ich bin kein Prediger. Ich hasse Didaktik.

Und wie wurde DANCING ARABS in Israel aufgenommen? „Erstaunlich gut, obwohl wir ja in einem sehr schwierigen Jahr starteten. – Es war eine Katastrophe. Aber nicht nur der Krieg mit Gaza. Jeder von uns blickt auf eine lange Geschichte zurück. Besitzansprüche auf das Land, geistige und religiöse Bindungen, die die Menschen und Nationen viel zu lange gespalten haben. Egal ob in Tel Aviv, Jerusalem, Damaskus, Kairo oder in Tira, der Stadt aus der unser Held kommt, man ist mit der Frage konfrontiert, wer man ist, woran man glaubt und wo man sich in der Zukunft selbst sieht. In Israel gibt es israelische Juden, israelische Araber und israelische Christen mit den dort nicht nur auf den Golan-Höhen lebenden Drusen. Der Araber im Film muss immer jonglieren, einen Tanz aufführen als Minderheit zwischen den Veränderungen der Mehrheit. Er muss sich sozusagen immer zwischen den Regentropfen bewegen. Die Situation bleibt immer schwierig.“

Und weiter meint Eran Riklis: „Die Menschen in Israel sind von ihrer Herkunft her sowieso schon sehr multikulturell. Aber die populäre, in Europa gebrauchte Bezeichnung ist immer ,die Juden und der Rest‘. Deshalb steht am Anfang meines Films schon der Satz ,20 Prozent der israelischen Bevölkerung sind Araber.‘ Unter den Arabern gibt es viele Moslems, aber sie sind nicht alle Palästinenser. Und warum werden auf den großen arabischen Festivals die Filme von Riklis nicht gezeigt? „I‘ m very upset“, sagt er. „Ja das ärgert mich sehr. Schon vor 24 Jahren als ich meinen Film CUP FINAL machte, wurde er in Kairo auf dem Festival nicht gezeigt, obwohl wir Frieden mit Ägypten hatten. Es macht keinen Sinn wenn die politische Welt sich einmischt, da wo sie nicht sollte. Besonders in Dubai und Abu Dhabi. Es ist immer wieder eine Frage des Geldes, der wirtschaftlichen Stärke. Das sieht man wie der Westen, die Amerikaner und die Europäer, dorthin gehen. Ich finde, die Filmemacher müssten sagen, wenn ihr nicht Filme aus aller Welt nehmen wollt, dann braucht ihr auch kein Festival zu machen“.

Der Film kommt am 21. Mai in die Kinos.

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Grafikquelle    :       Eran Riklis mit Smadi Wolfman (2010)

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Das Stigma Antisemitismus

Erstellt von Uli Gellermann am 19. Mai 2015

Wer Antisemit ist, bestimmt der Mainstream

File:Bundesarchiv Bild 133-075, Worms, Antisemitische Presse, "Stürmerkasten".jpg

Autor: U. Gellermann
Datum: 18. Mai 2015
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Buchtitel: Rufmord – Die Antisemitismus-Kampagne gegen Links
Buchautor: Wolfgang Gehrcke
Verlag: PapyRossa

Das ist das Bequeme am Antisemitismus-Vorwurf: Er muss nicht belegt, nicht argumentiert werden. Auch die Kritik am Staat Israel ist in der deutschen Öffentlichkeit durchweg als Antisemitismus eingeordnet. Beweise für den Vorwurf? Die braucht der gewöhnliche Redakteur, der übliche Politiker nicht. Es reicht aus, das Wort Antisemit zu benutzen, und der so stigmatisierte ist erledigt. Das weist der LINKEN-Abgeordnete Wolfgang Gehrcke gründlich nach, wenn er in seinem Buch „Rufmord – Die Antisemitismuskampagne gegen Links“ sorgsam die Vorwürfe mit den Fakten vergleicht und unter den vielen Anwürfen auch jenen gegen Oskar Lafontaine findet – dem von Dieter Graumann, einem Funktionär des jüdischen Zentralrates – „krankhafte“ Feindseligkeit gegen Israel vorgeworfen wurde. Dass der Graumann mit dem Wort „krankhaft“ die Sprache der Nazis benutzte, fiel der allgemeinen Öffentlichkeit einfach nicht auf.

Die wohl berühmteste jüngere Antisemitismus-Vorwurf-Kampagane zitiert Gehrcke, wenn er an den „Fall“ Günter Grass erinnert, der vor dem atomaren Erstschlag der Regierung Netanjahu gegen den Iran warnte und dafür monatelang auf der Antisemitismus-Bestseller-Liste des kompletten Medienmainstreams stand. Auch weniger Prominente gerieten auf diese Liste: Jakob Augstein, der zum lupenreinen Antisemit gemacht wurde, auch weil er Günter Grass verteidigt hatte und Gehrcke selbst, der von Christian Bommarius in der „Berliner Zeitung“ zum „Gesinnungsgenossen“ des „rechten Mob“ gestempelt wurde, weil er mit Ken Jebsen einen Aufruf der Friedensbewegung unterzeichnet hatte. Und Jebsen sei nun mal Antisemit. Der ist zwar keiner, aber warum soll man etwas beweisen, was sich schon durch die einfache Behauptung beweist.

Es war die deutsche Linke, so erinnert Gehrcke, die historisch mit den Begriff „verjudet“ gebrandmarkt wurde. Das Wort vom „jüdischen Bolschewismus“ war lange virulent, wurde dann aber im westlichen Nachkriegsdeutschland aus Rücksicht gegenüber dem Bündnispartner Israel eingemottet. Bis es in den 80ern durch den Historiker Ernst Nolte wiederbelebt wurde. Was aus der heutigen, umgedrehten Vorwurfslage vollständig ausgeblendet wird, ist die Tatsache der Nazi-Rettungs-Aktion in der jungen Bundesrepublik, die den praktizierenden, den mörderischen Antisemiten das soziale Überleben in der Justiz, in den Geheimdiensten und der Politik ermöglichte. Der Nazi-Kanzler Kiesinger und der Nazi-Bundespräsident Carstens verschwinden hinter dem dreckigen Vorwurf gegen die Linke fast völlig.

Zwar stellt die Studie von Werner Bergmann vom „Zentrum für Antisemitismusforschung“ fest, dass Antisemitismus bei Linken nur unterdurchschnittlich anzutreffen ist. Aber was soll solchen verblendeten Linken-Hassern wie Volker Beck von den GRÜNEN schon die Wissenschaft, wenn er auf dem Halstuch einer linken Abgeordneten, das den nahen Osten zeigte, die israelischen Grenzen nicht erkennen konnte und der interessierten Öffentlichkeit deshalb meldet: „Israel ist dort bereits verschwunden!“ Dass man genau dieses Tuch überall in Israel kaufen kann und die Grenzen fehlen, weil der Staat Israel seine Grenzen nun mal nicht festlegen will: Was soll´s. Kaum hatte die falsche Beck-Behauptung die Öffentlichkeit erreicht, wurde sie zur anerkannten Wahrheit: Wer Antisemit ist, bestimmt der Mainstream.

Längst hat der bequeme Antisemitismusvorwurf gegen die Linken auch die LINKE selbst erreicht. Der Berliner Chef der LINKEN-Landespartei, Klaus Lederer, behauptete jüngst, dass zwei Unterzeichner der Aktion „Friedenswinters“ eine Nazi-Nähe haben. Das „bewies“ er mit zwei entstellten Zitaten. Und lieferte so eine gründlich gefälschte Steilvorlage für jene Medien, die ganz sicher nicht mit der Linkspartei befreundet sind. – Eine besonders anrührende Stelle findet sich in Gehrckes Buch, wenn er über die emotionale Auswirkung der Antisemitismus-Beschuldigung berichtet: „Sie macht hilflos und drängt dazu, sich zu verteidigen, zu rechtfertigen, wohl wissend, dass das gänzlich sinnlos ist“. Dass es Wolfgang Gehrcke – der in den 70er Jahren mit an der Spitze der linken Aktionen gegen die antisemitische NPD stand – mitten ins Herz trifft, wenn ausgerechnet solche wie er als Antisemiten bezeichnet werden, ist mehr als verständlich. Vielleicht deshalb schließt er sein Buch mit den Worten: „Antisemitismus und Antikapitalismus schließen sich aus wie Wasser und Feuer.“

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Ein deutscher Neger

Erstellt von Uli Gellermann am 15. Mai 2015

Justiz-Mord im kaiserlichen Kamerun

Autor: U. Gellermann
Datum: 14. Mai 2015
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Buchtitel: Der gute Deutsche
Buchautor: Christian Bommarius
Verlag: Berenberg

„Zuverlässig in Afrika“ titelt die Hamburger Firma C. Woermann GmbH & Co. KG auf ihrer Web-Präsenz und leistet sich, fraglos ungewollt, damit einen bitteren Witz. Denn zuverlässig wurden ab 1884 – im Interesse und auf Geheiß der Woermann-Sippe im deutschen „Schutzgebiet Kamerun“ – über Jahrzehnte Menschen faktisch versklavt und ihrer Rohstoffe beraubt, damit sich die Woermanns und andere ein Vermögen zusammenraffen konnten. Noch heute zeugt das Hamburger „Afrikahaus“, das ausgerechnet an der „Grosse Reichenstrasse“ liegt, von der erfolgreichen Brutalität des deutschen Kapitalismus. Über einen ganz besonderen Fall, den Justizmord an Rudolf Duala Manga Bell, berichtet Christian Bommarius in seinem Buch „Der gute Deutsche“. Denn als einen guten Deutschen hatte sich Manga Bell, der Sohn eines Häuptlings, sicher verstanden: Er war ein braver Christ, hatte sein Deutsch bei einer schwäbischen Pflegefamilie gelernt und bestand auf seinem guten Recht: Das hat ihm ein Ende durch den Strang eingetragen. Noch heute wissen die Menschen in Kamerun, dass „Tot´ekombo“ der „Vater der Nation“ von den Deutschen ermordet wurde. Nur die Deutschen wissen das nicht.

Damals, es war die Zeit, in der die europäischen Nationen ihre Kolonien unter die Stiefel nahmen, wollten auch die Deutschen – die späte Nation – mithalten. Die Franzosen und Engländer hatten sich im „Wettlauf um Afrika“ schon beträchtliche Teile des Kontinents unter den Nagel gerissen. Da schien es an der Zeit, dass auch das deutsche Reich seinen „Platz an der Sonne“ bekam, wie es der spätere Reichskanzler von Bülow forderte. Es ist von ähnlichem Witz wie die Woermannsche „Zuverlässigkeit“, dass der Bülowsche Räuberspruch bis heute Titel eine Fernsehlotterie ist: Geschichtsvergessenheit gehört zum deutschen Tages-Geschäft. Vielleicht findet sich in einem der ethnologischen Museen auch noch der „feudale Kanuschmuck des Lock Priso“, den einer der deutschen Eroberer nach dem Niederbrennen eines Dorfes in Kamerun erbeutet hat: So bewahrt der Bildungsbürger brav die Geschichte der `Eingeborenen´ auf.

Die afrikanische Umgebung, in der Rudolf Manga Bell aufwächst, ist geprägt von seiner Familien-Herkunft und der täglichen Brutalität kolonialer Herrschaft: Auch wenn die Deutschen sich nur schwer vorstellen können, dass die `Wilden´ so etwas wie Zivilisation besitzen, waren die Leute vom Duala-Stamm schon lange erfolgreiche Händler und die Generationen der Familie Bell galten bei ihnen als herausragend erfolgreich. Aber da die Duala eine Art Konsensdemokratie herausgebildet hatten, waren die jeweiligen Stammes-Sprecher auf Gespräche, auf besseres Wissen und eben Erfolge angewiesen. Dieses höchst zivilisierte Regime musste der deutschen Befehlskette und ihrer Waffentechnik unterlegen sein.

Säckeweise ließ der Schutztruppenoffizier Hans Dominik die abgeschnittenen Köpfe schwarzer Feinde transportieren, vielleicht auch zur Dekoration für ein Regal daheim. Dass nach ihm immer noch eine Straße in Hamburg-Jenfeld benannt ist, wird sicher mit seinen Verdiensten um die deutsche Kolonie zusammenhängen: „Die Neger müssen wissen, dass ich der Herr bin und der Stärkere; solange sie das nicht glauben, müssen sie es eben fühlen, und zwar hart und unerbittlich, so dass ihnen für alle Zeiten das Auflehnen vergeht“ zitiert ihn Christian Bommarius und er erinnert auch daran, dass die deutsche Kolonie als „twenty-five country“ bekannt war, jenes Stück Land, in dem mindesten fünfundzwanzig Schläge mit der Nilpferdpeitsche üblich waren, wenn „der Neger“ nicht das tat, was der weiße Herr wollte. August Bebel verteilte damals aus Protest Kolonial-Peitschen im Reichstag. Solch despektierliche Aktionen würden der heutigen SPD kaum einfallen.

Als die Maßnahmen der deutschen Kolonialmacht die Existenzmöglichkeiten der Duala unter das Minimum drückten, als man sie zwangsweise umsiedelte und ihren Handel faktisch verbot, besann sich Rudolf Manga Bell auf jenes Rechtsprinzip, das er wohl aus Deutschland mitgebracht hatte: Pacta sunt servanda, Verträge sind einzuhalten. Und es gab einen Vertrag zwischen den Deutschen, durch Hamburger Handelshäuser vertreten, der einst mit den Dualas abgeschlossen worden war. Dieser Vertrag sah ein Kündigungsrecht vor. Der sehr deutsche Schwarze Manga Bell wollte den Vertrag erfüllt sehen. Unterstützt von deutschen Rechtsanwälten wie Hugo Haase und Paul Levi, die zur „intellektuellen Elite der Sozialdemokraten“ zählten. Aber er erfährt sehr schnell, das deutsches Recht nur für echte Deutsche gilt.

Wer das Buch von Bommarius mit einer Internet-Recherche begleitet, wird in der als alternativ gerühmten Wissensmaschine WIKIPEDIA zum deutschen Kamerun eine Sprache finden, die zwischen scheinbar nüchterner Distanz und haltlosen Euphemismen hin und her schwankt. Da „erzwingt“ ein Kolonialoffizier „den ungehinderten Verkehr“ und von Jesko von Puttkamer – der als Gouverneur von Kamerun Symbol für Gier, Brutalität und Betrug war – weiß WIKI, dass er „Kamerun als deutsche Kolonie nachhaltig geprägt hat.“ Dieser postkolonialen Blindheit könnte Christian Bommarius mit seinem Buch „Der gute Deutsche“ ein Ende setzen, wenn es jene Verbreitung fände, die es verdient hat. – Wie dieser sonst sorgfältig recherchierende Journalist jüngst die schlichte Lüge über die Friedensbewegung – in der „Linke und Rechtsradikale in einem Bündnis“ geeint seien – hat verbreiten mögen, bleibt ein Rätsel.


Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Heinrich Hoffmann (1809–1894) Auf die Infoboxvorlage des Erstellers verlinken wikidata:Q215724

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Krieg der Ukraine-Oligarchen

Erstellt von Uli Gellermann am 1. Mai 2015

Vom Bundeswehr-Tanz auf den Gräbern begleitet

Autor: U. Gellermann
Datum: 30. April 2015
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Buchtitel: Ein Krieg der Oligarchen
Buchautor: Ulrich Heyden
Verlag: PapyRossa

Ganz hinten in der Medien-Reihe, im WDR 5, erfuhr man vor ein paar Tagen, dass der für Russland und die Ukraine zuständige Koordinator der Bundesregierung, Gernot Erler, die Kiewer Regierung gewarnt hat: „Die Erwartungen der Ukraine gehen in eine Richtung, die nicht realistisch ist.“ Hätten Erler, Merkel, Steinmeier & Co. damals, als sie das Ukraine-Abenteuer auf dem Maidan begannen, nur Ulrich Heyden gefragt. Der seit 1992 in Moskau arbeitende Korrespondent für „Die Wochenzeitung“ (Zürich), hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Ob es noch reicht, der den Krieg riskierenden deutschen Außenpolitik Heydens jüngstes Buch „Ein Krieg der Oligarchen“ zu schenken, ist fraglich. Denn Heyden, der auf dem Kiewer Maidan war, der persönlich in Donezk, Schachtjorsk und Odessa recherchiert hat, mag die in deutschen Medien und deutscher Politik weit verbreitete These von „Putins Krieg“ in der Ukraine nicht stützen. Und die angeblichen deutschen Sachkenner lasen sich höchst ungern das Brett vom Kopf nehmen, das sie sich von den USA vor den Kopf haben nageln lassen.

Weil Heyden keine vorgefasste Meinung hat, wird er bereits zu Beginn des Buches dem Kiewer Maidan gerecht, den er nach seinem Besuch im Januar des letzten Jahres als Basisbewegung gegen Korruption und Oligarchen-Wirtschaft schildert und in der er durchaus linke Einsprengsel entdeckt. Doch während der versammelte deutsche Mainstream noch von einer puren Demokratiebewegung schreibt und sendet, spürt der sorgfältige Journalist schon dem Rechten Sektor nach: Der habe sich schon seit der Orangenen Revolution 2004 in paramilitärischen Trainingslagern getroffen, Fackelmärsche für den Nazi-Kollaborateur Bandera organisiert und die „nationale Revolution“ vorbereitet. Während die GRÜNEN rund um den Maidan nur „Freiheitskämpfer“ erkennen mochten, deckt Heyden auf, dass es der Rechte Sektor war, der den von Frank W. Steimeier inspirierten „Sechs-Punkte-Plan“ in den Papierkorb warf, und der den Ministerpräsidenten, Wiktor Janukowitsch, mit Drohungen zur Flucht veranlasste. Einer dieser vom Westen apostrophierten „Freiheitskämpfer“ wird von Heyden exemplarisch entlarvt: Er hatte seine solide Schießausbildung und seine Indoktrination dem „Kongress Ukrainischer Nationalisten“ zu verdanken.

Einen besonderen Abschnitt widmet Heyden den „Scharfschützen“ jenen bis heute anonymen Mördern vom Maidan, die von Klitschko und Jazenjuk sofort den Kräften um Wiktor Janukowitsch zugeordnete wurde. Eine unbewiesene These, die aber eil- und dienstfertig von den deutschen Medien weiterverbreitet wurde. Denn wenn es der „blutige Diktator“ Janukowitsch war, dann rechtfertigte sich der Putsch wie von selbst. Heyden protokoliert solch seltsame Fakten wie jene, dass auf der Maidan-Tribüne bereits von „drei Scharfschützen“ die Rede war, als das noch niemand hätte wissen können. Und auch davon schreibt der Autor, dass „aus den von Maidan-Aktivisten besetzten Gebäuden geschossen wurde.“ Bis heute mag die Kiewer Regierung die Verbrechen nicht aufklären. Verschwundene Beweise lassen die Zweifel am Aufklärungswillen der Behörden wachsen.

Auch ein nächstes Massaker findet keine Aufklärung: Jener Anschlag gegen etwa 100 Menschen, die auf dem Scheiterhaufen des Gewerkschaftshauses in Odessa verbrannt wurden. Dem Massenmord hat der deutsche Medienmainstream das Wort „Katastrophe“ gewidmet. Es hätte nicht viel gefehlt und der „objektive“ Journalismus hätte das Wort „Natur“ davor gesetzt. Ulrich Heyden nimmt die schmerzhafte Aufgabe auf sich, vor Ort mit Überlebenden zu reden und mit Augenzeugen des Geschehens. Und er stellt die Fragen, die gestellt werden müssen: Warum kam die Feuerwehr erst 38 Minuten nach dem ersten Alarm, warum hat sich die Polizei völlig passiv verhalten? Fragen, die auch Aussenminister Steinmeier hätte stellen könne. Er war, so schreibt Heyden, elf Tage nach dem Brand in Odessa. Eigentlich habe er einen Kranz vor dem Gewerkschaftshaus niederlegen wollen. Aber der Gouverneur habe ihm geraten das nicht zu tun: Er könne Unruhen auslösen.

Heydens ruhige, professionelle Schreibe ist eine wohltuende Abwechslung zu den Propaganda-Texten für Kiew, denen die deutschen Leser und Zuschauer seit Monaten ausgesetzt sind. Neben seinen sozialen Analysen über die Auswirkungen der IWF-Interessen an der Ukraine – Preis-Explosionen bei den Wohnungsnebenkosten, brutale Kürzungen im medizinischen Sektor – macht er sich auf und sucht die von Kiew verordnete Kriegsbegeisterung in der Ukraine. Er findet um die 10.000 Deserteure, Soldaten-Frauen, die gegen das Verheizen ihrer Männer protestieren und den Mindestpreis vom 600 Euro für eine ärztliche Untauglichkeits-Diagnose. Und er ist sich auch sicher, dass es nur Frieden geben kann, wenn man gemeinsam mit Russland nach Lösungen sucht und Kiew direkte Verhandlungen mit den Separatisten aufnimmt. Dazu bedarf es auch und gerade auf deutscher Seite einer gewissen Klugheit und Sensibilität.

Wie viel Sensibilität die deutsche Seite aufbringt, ist am 9. Mai im Berliner „Palais am Funkturm“ zu besichtigen: Ausgerechnet am 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus werden beim “Ball des Heeres” Militärs und Spitzen der Gesellschaft auf den Gräbern jener Menschen tanzen, die mit ihrem Tod die braune Pest beendet haben. Weil nun mal, so wagt die Heeresleitung zu erklären, an diesem Datum auch der 60. Jahrestag des Beitrittes der Bundesrepublik Deutschland zur NATO zu feiern sei.

Vorstellung des Buchs von Ulrich Heyden
Am Montag, 04.05.2015 | 19:00 Uhr
Rosa-Luxemburg-Stiftung, Salon, Berlin
Franz-Mehring-Platz 1
10243 Berlin

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Mattana

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Die Stunde Null und die Currywurst

Erstellt von Uli Gellermann am 3. April 2015

Herzlichen Glückwunsch, Uwe Timm!

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2d/Currywurst-1.jpg

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 01. April 2015
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Buchtitel: Montaignes Turm
Buchautor: Uwe Timm
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

„Sie wollen uns die Currywurst wegnehmen“, titelte die „Hamburger Morgenpost“ damals, in Erwiderung einer als räuberisch empfundenen Attacke der Berliner BZ, als Uwe Timm mit seiner 1993 erschienenen Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ versehentlich eine Fehde zwischen den beiden Städten auslöste, die für sich in Anspruch nehmen eben diese Wurst mit Soße erfunden zu haben. Nachzulesen ist diese seltene Folge eines Romans in einer neuen Arbeit des Autors: „Montaignes Turm“, einer Sammlung von Essays, die in diesen Tagen pünktlich zum 75. Geburtstag des Schriftstellers ihre Leser erreicht. Timms Currywurst ist die Randerscheinung eines poetischen Textes, der von Lena Brückner in Hamburg erzählt, die ihrem jungen Geliebten, der aus dem letzten großen deutschen Krieg desertiert war, eine Fortsetzung des Krieges über das Ende hinaus inszenierte, um ihn an sich zu binden. Die ungewöhnliche Umkehrung des antiken Lysistrata-Motives – die sexuelle Verweigerung der Frauen Athens und Spartas, um den Frieden zu erzielen wird im vermeintlichen Currywurst-Roman zum nur scheinbaren Kriegsgefängnis der Liebe wegen – findet ihr Ende, als Lena Brückner die ersten Fotos ermordeter Juden in den Nach-Nazi-Zeitungen sieht: Die frühen Tage der Befreiung sollten kleine und große Lügen beenden und zugleich die neue Lüge anspinnen, jene von der Stunde Null.

Ob Uwe Timm sich 1974, als er seinen ersten Roman veröffentlichte, vorgestellt hat, dass er später einer der Großen deutscher Literatur werden würde? „Heißer Sommer“ hieß sein Erstling und ist einer der wenigen literarischen Zeugnisse der 68er Bewegung, jenem Frühling westdeutschen Aufbegehrens dessen Hoffnung auf ein anderes, ein besseres Deutschland bis heute Spuren hinterlassen hat. Dass Uwe Timm ins Englische, ins Französische, ins Russische und was der europäischen Sprachen mehr sind, übersetzt werden würde, wird ihm damals kaum geträumt haben. Denn Timms Träume, soweit sie in seinen Büchern öffentlich wurden, waren selbst in Momenten größter Privatheit zumeist für die Vielen geträumt, waren den Verhältnissen gewidmet, in ihnen zugleich den Einzelnen, deren Besonderheiten er liebevoll, sprachmächtig und geschichtsbewusst aus der Gesellschaft entwickelte, auch um sie zu bessern.

Eine Stunde Null wollte der Schriftsteller Timm dem deutschen Imperialismus keinesfalls für das Jahr 1945, das Kriegsende spendieren: Mit dem 1978 erschienenen Roman „Morenga“ über den Aufstand der Herero und Nama in Deutsch-Südwest-Afrika grub der Autor an jenen frühen Wurzeln von Rassismus und Militarismus, aus denen zwei deutsche Weltkriege wuchsen und auch die industrielle Vernichtung der europäischen Juden. In einem weiteren Buch hat Uwe Timm sich der langen deutschen Blutspur erinnert: In der autobiographischen Erzählung „Am Beispiel meines Bruders“ ist über seinen Bruder Karl-Heinz zu lesen, der sich freiwillig zur SS gemeldet hatte, und auch vom Vater, Hans Timm, der  Mitglied eines Freikorps im Baltikum gewesen war und gegen die „Bolschewisten“ gekämpft hatte. Und dann kam in dieser Erzählung auf den leisen Sohlen des Verschweigens die Stunde Null daher: „. . . eines Tages, redeten die Erwachsenen auf mich ein, verboten mir, was ich doch eben erst gelernt hatte: die Hacken zusammenzuschlagen. Und Heil Hitler zu sagen. Hörst du. Auf keinen Fall! Das wurde dem Kind leise und beschwörend gesagt. Es war der 23. April 1945, und die amerikanischen Soldaten waren in die Stadt eingerückt.

Mit einer „Reise an das Ende der Welt“ endet der jüngste Essay-Band von Uwe Timm. Bis zu diesem Ende ist immer wieder Timms sorgsame Sprache zu erfahren, seine sichere Ruhe in der Beschreibung von Wirklichem und Gedachtem: Vom „Zwischenreich der Märchen“ über die deutsche Sprache und deren Dialekte, mit einem langen, wunderbaren Kleis-Zitat, das dem Konjunktiv der deutschen Literatur seinen bewegenden Platz einräumt, bis zum erneut gelesenen „Zauberberg“ von Thomas Mann, in dem das im Buch entdeckte Begehren auf Timms bisher letzten Roman „Vogelweide“ weist. – Doch ist die Reise des Autors im Oktober des letzten Jahres in das Flüchtlingslager Dafur im Tschad, an das „Ende der Welt“, das aktuellste Zeugnis für die Einsichten des Schriftstellers Uwe Timm. Das „Ende der Welt“ ist nicht primär geografisch zu begreifen. Timm sieht den zweiten Sieg des globalen Kapitalismus über seine ehemaligen Kolonien, wenn er notiert, dass die EU hochsubventionierte Lebensmittel in die afrikanischen Regionen exportiert, „wo sie fast um die Hälfte billiger sind als die dort erwirtschafteten. Das ruiniert die Bauern. Woraufhin sich abermals verarmte Menschen in den Strom derer, die nach Europa drängen, einreihen.“ Es ist nicht auszuschließen, das an diesem Hungerstrom das Ende der uns bekannten Welt liegt.

Einmal, am Rande des Lagers, entdeckt der Autor eine starke Frau, die nach der Flucht aus dem Sudan auf eigenen Beinen steht, eine Art Imbiss eröffnet hat und ohne Wehleidigkeit überlebt. Auch nach Krieg und Flucht, erzählt Timm, ist ein neuer Anfang möglich. Er ist sich sicher, dass er einer sudanesischen Frau Brückner, der Entdeckerin der Currywurst, begegnet ist. Der von Timm erfundenen Erfinderin ist in Hamburg eine Gedenktafel gewidmet. So stark und manchmal auch seltsam kann Literatur wirken. – Üblich ist es, dass sich der Gefeierte zu seinen Geburtstag etwas wünschen kann. Vom Üblichen abweichend wenden wir die Verhältnisse und wünschen wir uns von Uwe Timm mehr und neue Bücher, die den Zuständen zu anderen Umstände verhelfen könnten: Neues will geboren sein.


Grafikquelle :    Currywurst in Pappschale mit „Pommesgabel

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Hinter den sieben Bergen

Erstellt von Uli Gellermann am 17. März 2015

Als man in Siebenbürgen Hitler schätzte

File:02015.61 Die Trachten der Siebenbürger Sachsen.JPG

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 16. März 2015
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Buchtitel: Zeiden, im Januar
Buchautor: Ursula Ackrill
Verlag: Wagenbach

Kann man Bilderbücher schreiben? Ja. Ursula Ackrill hält die Sprachbilder-Bilder in ihrem Erstlings-Roman fast photografisch während ihrer Entdeckungsreise durch die Siebenbürger Geschichte fest. Das Objektiv wird manchmal an die Butzenscheiben der Häuser gepresst. Um dann wieder während der Überflüge des Flugpioniers Albert Ziegler über das Burzenland ausgelöst zu werden. Bei den Flügen jenes Zieglers, der um 1910 berühmt wurde und den eine Liebe mit Ackrills Hauptfigur Leontine Philipi verbindet. Knipps, schreibt Ackrill noch ein Bild, knipps, wird eines um 1900 geschrieben, dann wieder werden ganze Bilderserien um 1940 zu Papier gebracht. Die Autorin springt beim Reisen vor und zurück, um einen entfernten Winkel europäischer Geschichte zu belichten. Der Siebenbürger Landstrich gehörte mal zu Ungarn, mal zu Rumänien, war aber immer eigentümlich deutsch. Erst recht als das Nazi-Reich die Auslandsdeutschen in aller Welt für seine Expansion entdeckte.

Was ist es, das wir von Siebenbürgen wissen? Es könnte gut hinter den sieben Bergen liegen. Wäre da nicht der Sänger Peter Maffay, dessen rollendes „R“ daran erinnert, dass er aus eben diesem Gebiet stammt, einer deutschen Gegend in Rumänien. Dann, jüngst, taucht aus den sieben Bergen der Siebenbürger Sachse Klaus Iohannis auf: Ein Deutscher, der zum Präsidenten Rumäniens gewählt geworden ist. Wie stolz das in der BILD-Zeitung klingt: Jetzt werden wir den schlampigen Rumänen mal zeigen was eine deutsche Harke ist. Ist es wahr, Wirklichkeit? Oder ist es eine der Geschichten, die Ursula Ackrill erfunden hat oder doch gefunden, um sie in ihr Buch „Zeiden im Januar“ einzufügen, eine Momentaufnahme, die von ihrer Herkunft zeugt: Siebenbürgen.

Hin- und her-geworfen hat die Geschichte die Siebenbürger Sachsen. Damals, als das „Reich“ sein Interesse an ihnen zeigte, da lieferten sie junge Männer für die SS, da nahmen sie auf Versammlungen den Mund ganz schön voll, da verdienten sie ein Geld an den Dingen, die ihren jüdischen Nachbarn gehört hatten bevor man sie deportierte. Es ist Leontine, die dem neuen brausenden Deutschsein nicht viel abgewinnen kann, die daran erinnert wie sich die Siebenbürger über Jahrhunderte isoliert hatten. Man heiratete nur Deutsche, man wanderte nicht aus, man war eine Minderheit, wollte eine sein. Jetzt geht es einer anderen Minderheit noch schlechter als es ihnen einst ging und sie haben kein Mitleid. Aus dieser Kälte wird auch Heinrich Zillich gewachsen sein, ein Schriftsteller, der den „Judenhass“ aus der vorgeblichen Unfähigkeit der Juden, sich anzupassen, erklärte. Und der später seine Rente als Vertriebenen-Funktionär gemütlich am Starnberger See genoss.

„Die Möhren dösen in ihren Sandbetten, die Krautköpfe prickeln in ihrer Lake, die Speckseiten verdicken sich auf den Schweinen“, knipps macht es, wenn die Ackrill die Wintervorräte beschreibt. Wenn sie mit den „Revenanten“, den Widergängern, das versunkene Deutsch der Siebenbürger hebt oder statt des alten „ausgefuchst“ ein neues „ausgefögelt“ ihrer schreibenden Kamera entlockt. Immer für eine Überraschung gut, lässt die Autorin unversehens den Namen Oskar Maria Graf aus dem Fluss der Geschichte treiben, als wäre der von den Nazis vertriebene Autor eine Beschwörungsformel, gut gegen Unbilden aller Art. Ein Leser, der dem Buch seine Tiefenschärfe abschauen will, wird sich ein wenig Mühe geben müssen.

Was mögen die Siebenbürgen sein, die sich so hartnäckig als etwas Eigenes erhalten haben? Kaum eine Nation, die da im deutschen Zeiden hockte und hockt, das doch auch mal Feketehalom auf Ungarisch hieß und bis heute auf Rumänisch Codlea gerufen wird. Es wird der hohe Außendruck gewesen sein, der die Ethnie erhalten hat. Als folkloristisches Element wie man glauben möchte. In Zeiten, in denen die ethnische Herkunft – vom Kosovo bis zur Ost-Ukraine – wieder nutzbarer Kriegsgrund geworden ist, gerät der Roman von Ursula Ackrill zu einer poetischen Suche danach, was wir eigentlich sind und findet Menschen aller Art, die sich in Wahrheit weniger unterscheiden als sie glauben möchten.

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Grafikquelle   :    Die Trachten der Siebenbürger Sachsen

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Author Silar

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Memoiren eines Unvernünftigen

Erstellt von DL-Redaktion am 11. März 2015

Autobiografie von Gérard Depardieu

AUS PARIS RUDOLF BALMER

VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG Gérard Depardieu verteidigt in seiner Autobiografie, was man von ihm kennt: Alkoholexzesse, Steuerflucht und die Freundschaft mit Diktatoren. Von Schuld will er nichts wissen. „Da scheiß ich drauf, seit Langem!“, schreibt er

 „Es hat sich so ergeben“, lautet ein wenig lakonisch oder gar fatalistisch der Titel von Gérard Depardieus Autobiografie, die jetzt auch auf Deutsch erschienen ist. Die französische Originalfassung hatte es im letzten Herbst ein wenig schwer auf dem Büchermarkt. Der war in Sachen intime Vertraulichkeiten und Skandale ganz von Valérie Trierweilers Revanche gegen ihren Expartner Präsident Hollande dominiert. Statt einer Rezension publizierten viele Medien damals nur Depardieus Enthüllung, dass er schon mit zehn Jahren als Strichjunge Geld machte und als Helfer eines Leichenfledderers auf die schiefe Bahn geriet. Selbst das hat in Frankreich kaum schockiert, denn von Depardieu war man schon so manches gewohnt. Seine polternden Provokationen, seine Exzesse mit Alkohol, sein Steuerexil, seine Freundschaft mit Diktatoren.

Beim Lesen der kurzen Kapitel mit Anekdoten aus dem Privatleben des französischen Filmschauspielers stellt man sich lebhaft vor, wie die beiden Verfasser bei ein paar Gläsern Wein zusammen die Erinnerungen des Obelix-Darstellers auffrischen. „Sag mal Gérard, wie war das bei deiner Großmutter, die damals Toilettendame im Flughafen Orly war?“ So oder ähnlich hat ihn wohl der Koautor, der bekannte Ghostwriter Lionel Duroy, ausgefragt. Und Depardieu erzählte dann, wie er dort als Knirps mit Sehnsucht die Flugzeuge zu exotisch fernen Zielen starten sah und selber von einem Flug nach Rio träumte.

 Schwierige Kindheit

Depardieu widmet seiner schwierigen Kindheit viel Platz und Bedeutung. Vom Kino dagegen ist fast nur am Rande die Rede. Er spricht viel von seinem Vater „Dédé“, den er bewundert, obwohl er säuft und für den rebellierenden Sohn „unerträglich“ wird, und von seiner von ihm trotz allem geliebten Mutter „Lilette“, von ihren zahlreichen Schwangerschaften, danach von seiner eher kurzen Schulzeit, vor allem von einer Kindheit und Jugend auf der Gasse in der mittelfranzösischen Stadt Châteauroux in der Provinz Berry, die ihm nachträglich ein wenig wie „Kasachstan“ vorkommt.

Schnell begreift der Leser, dass die Publikation dieser Memoiren für ihn eine Art der Vergangenheitsbewältigung im psychoanalytischen Sinn war. So manches musste mal ausgesprochen und gesagt sein. Depardieu fängt damit in der Zeit vor seiner Geburt an. Seine Mutter habe ihn ja nicht nur nicht gewollt, sondern alles getan, mit Stricknadeln, Kirschstielen und anderem „Zeug“, um den Fötus abzutreiben. Ein paar Jahre später soll er als Bub zu Hause selber als Helfer der Hebamme bei zwei Geburten dabei gewesen sein.

Aus diesen dramatischen Anfängen leitet er seinen unbändigen (Über)lebenswillen ab – und wahrscheinlich auch sein uneingeschränktes Recht zu genießen. Heute aber fühlt er sich selber unwohl in seinem aus den Fugen geratenen Körper, der ihm mit all seinen Geräuschen Angst macht. „Mein Herz, das klopft, meine Gedärme, die knurren, meine Gelenke, die knacken … Das wird geradezu eine Phobie. Wenn ich allein im Hotel bin, muss ich trinken, um das nicht zu hören und nicht verrückt zu werden. Ich kann nicht mehr einschlafen, ohne stockbesoffen zu sein.“

In einem Interview gestand er kürzlich, dass es oft 14 Flaschen sind, außer Wein auch Pastis und Wodka. Irgendwo spielt da auch die Reue eines Vaters mit. Sein Sohn Guillaume hatte sich stets von ihm unverstanden und vernachlässigt gefühlt und war als Jugendlicher heroinsüchtig geworden.

Kein Schuldbewusstsein

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Fotoquelle: Wikipedia – Namensnennung: Kremlin.ru

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JE SUIS MONTAIGNE

Erstellt von Rationalgalerie am 3. März 2015

Der Gestank des eigenen Mistes ist jedem der liebste Duft

File:Misthaufen.jpg

Autor: Botho Cude

Rationalgalerie

Datum: 02. März 2015
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Buchtitel: Von der Kunst, das Leben zu lieben
Buchautor: Michel de Montaigne
Verlag: Die Andere Bibliothek

Ein Tagebuch, das ein hervorragender Mann und guter Beobachter führt, ist unter allen Umständen von großem Wert … so habe ich kürzlich mit großem Interesse die Reisen Montaignes gelesen, und manchmal haben sie mir noch besser gefallen als seine Essais.
Goethe zu Soret am 22. 1. 1830 /1/

An Montaignes Schriften haben sich bedeutende deutsche Übersetzer versucht. Am Beginn steht Johann Daniel Tietz (1753 f.), gegen Ende des 18. Jahrhunderts folgt die klassische Verdeutschung durch Johann Joachim Bode (1793 ff.), die in revidierter Fassung von Otto Flake und Wilhelm Weigand 1921 neu aufgelegt wurde. Im 20. Jahrhundert erscheinen die Auswahlen von Paul Sakman (1932) und Arthur Franz (1953). Schließlich hat der vor kurzem verstorbene Hans Stilett in der Anderen Bibliothek eine moderne Übersetzung der Essais (1998) und des Reisetagebuchs (2002) vorgelegt. Zum 30jährigen Jubiläum der Anderen Bibliothek wurde nun von Christian Döring die Blütenlese Stiletts aus Montaignes Schriften von 2005 neu herausgegeben.

Hans Stilett ist bemüht, die knappe und spontane, reichlich mit Sentenzen gespickte Schreibweise Montaignes für heutige LeserInnen nachzuempfinden. Dieses Stilexperiment darf als gelungen gelten, auch wenn begreiflicherweise auf eine Adaption der Latinismen in Montaignes Syntax verzichtet wurde. /2/ Trotzdem will mir scheinen, dass der über 400 Jahre alte Text in der Übersetzung Bodes von 1793 auf uns echter wirkt.
Der Sammelband Stiletts enthält thematisch geordnet Auszüge aus den Essais und dem Reisetagebuch. Der Herausgeber verfeinert den „Salat“ seines Autors, indem er das Werk einer Kompilation unterzieht. Die klassischen Zitate werden in gebundene Sprache gebracht und in der Herkunft nicht verifiziert, wie in älteren Ausgaben üblich. Streichungen sind nicht kenntlich gemacht, die in Kleinstformat beigefügten Abbildungen nicht untertitelt.
Auch warum den Buchdeckel ein flaues Bildnis Molières als Sganarelle im „Eingebildeten Kranken“ ziert, bleibt uns verborgen. Montaigne starb 1592 mit 59 Jahren an einem Steinleiden. Erst dreißig Jahre später wurde Jean-Baptiste Poquelin geboren, den wir als Molière verehren.

Michel de Montaigne entstammt einer wohlhabenden Kaufmannsdynastie. Die Familie erwarb mit ihren Landgütern anscheinend auch den Adelstitel. Nach dem ererbten Gut Montaigne in der Picardie legt Michel Eyquem sich als erster seines Geschlechts den Titel „de Montaigne“ zu.
Er wird 1533 geboren als Sohn des in Bordeaux beamteten Pierre Eyquem und der Anthoinette Louppes de Villeneuve, die einem begüterten, (vermutlich) marranischen Geschlecht entstammt. /3/ Vom zweiten bis zum sechsten Lebensjahr lässt ihn der Vater von einem deutschen Arzt namens Horstanus (Horst), der angeblich kein Wort Französisch versteht, in lateinischer Sprache erziehen. Wir sehen, die pädagogischen Experimente der Renaissance konnten es mit denen unserer Zeit an Aberwitz durchaus aufnehmen. Nach humanistischer Schulbildung und Studium wird Montaigne mit 21 Jahren Rat am Steuergericht, später Rat am Parlament von Bordeaux.

1562 beginnt in Frankreich ein über dreißigjähriger konfessioneller Bürgerkrieg zwischen Hugenotten und katholischer Liga, den erst Heinrich IV. 1598 mit dem Edikt von Nantes beendet. Montaigne berichtet: Tausendmal habe ich mich zu Hause mit dem Gedanken schlafen gelegt, man könnte mich in dieser Nacht verraten und ermorden. (S. 9)
Weil ihn die Jurisprudenz auch moralisch nicht befriedigt, zieht er sich 1570, nachdem er das Erbe des Vaters angetreten hat, als Landedelmann auf sein Gut Montaigne zurück, dient aber noch mehrmals den französischen Königen Heinrich III. und Heinrich IV. als Kammerherr in heiklen diplomatischen Missionen und versucht zwischen den verfeindeten Parteien ausgleichend zu wirken. Wer sich in Religionskriegen unparteiisch gibt, schwebt in akuter Lebensgefahr. Die beiden Heinriche werden von katholischen Fanatikern gemeuchelt (nach heutigem Sprachgebrauch: von Terroristen ermordet).

Montaigne beginnt 1572 mit dem Schreiben seiner Essais. Es ist das Jahr der Pariser Bluthochzeit. Das katholische Establishment massakriert in der Bartholomäusnacht in Paris und den Provinzen zehntausende Hugenotten. Diese Mordbefugnis der Staatsmacht gegenüber einheimischen Partikularisten erinnert uns aktuell an Vorgänge in der Ukraine.
1580 erscheinen die Essais in zwei Bänden, ein dritter Band folgt 1588. Bis zu seinem Lebensende bessert der Autor am Manuskript.

Seit 1577 leidet Montaigne an Nierenkoliken. Deshalb unternimmt er nach der Herausgabe der Essais 1580 eine Bäderreise nach Italien über Deutschland und die Schweiz. In Rom begegnet er Papst Gregor XIII. und lässt die Essais von der päpstlichen Zensur absegnen. Erst 1667 kommen sie auf den Index Romanus. Über die Reise führt er ein Tagebuch (zuerst erschienen 1774). In Italien erreicht ihn die Nachricht, dass er zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt wurde. 1583 erfolgt seine Wiederwahl für weitere zwei Jahre. Es sind schwere Zeiten. Pest und Bürgerkrieg bedrohen die Stadt.

Zu allen Zeiten finden philosophische LeserInnen in Montaignes Essais eine ihnen adäquate Weltauffassung, das passende Lebensgefühl. Der junge Goethe wird das französische Original gelesen haben. Montaigne, Amyot, Rabelais, Marot waren meine Freunde, und erregten in mir Anteil und Bewunderung, /4/ schreibt Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ über seine Studentenzeit in Straßburg. Viele Ansichten des Autors müssen auf damalige Leser noch revolutionär gewirkt haben. In der Folge sind sie als bildungsbürgerliches Allgemeingut verinnerlicht worden.
Der Hauptgegenstand seiner Beobachtungen ist er selbst, der Mensch Montaigne, und insofern wir alle als Menschen. Ich gebe mich nicht damit ab zu sagen, was in der Welt zu tun ist – damit geben sich genug andere ab –, sondern ich sage, was ich in ihr tue. (S. 87)
Die Essais betrachten Mode, Sprache und Stil, Recht und Religion, Vergangenheit und Gegenwart, Aberglauben und Skepsis, die Kindererziehung und das Sterben aus der Sicht des honnête homme.

Anders, als es uns die wohlgeordnete Auswahl Stiletts suggeriert, werden von Montaigne die sittlichen Probleme seiner Zeit in loser Folge behandelt. Dabei bewahrt er gegenüber allen Dogmen (einschließlich denen der Kirche) kritische Distanz. Zuzeiten des Renaissancehumanismus erkennen kluge Köpfe die Religion per se als eine Mixtur aus Tradition und Wunderglauben. Montaigne fasst das so: Wir sind Christen in der gleichen Weise, wie wir Bewohner des Périgord oder Deutsche sind. /5/ Die Frage nach dem rechten Glauben lässt er offen und untermauert seine kritische Betrachtungsweise sicherheitshalber mit klassischen lateinischen Zitaten. Sein erkenntnistheoretischer Agnostizismus gipfelt in dem berühmten Credo: Was weiß ich?

Die Blütenlese Hans Stiletts verkürzt Montaignes ursprünglich spontane Niederschrift und sortiert sie in moderne Schubladen. Die Methode erinnert von Ferne an die überlieferten Epitome aus antiken Autoren. Entstanden ist ein optimistisches Montaigne-Brevier für jugendliche Einsteiger, die auf gelehrten Ballast gut verzichten können. Vielleicht auch deshalb beschwört der Herausgeber in seinem Vorwort Montaignes Lebensfreude und Heiterkeit. Der ewige Ruhm Montaignes fußt jedoch auf seinem nüchternen Skeptizismus und seiner vorurteilsfreien Toleranz. Alle Umdeutung bleibt problematisch.
Aber letztlich gilt auch hier: Was weiß ich?

Anmerkungen
/1/ Frederic Soret, Zehn Jahre bei Goethe, Brockhaus, Leipzig 1929, S. 352
/2/ vgl. Klemperer, Hatzfeld, Neubert, Die Romanischen Literaturen von der Renaissance bis zur französischen Revolution, Athenaion 1926, S. 278 f.
/3/ vgl. Philo-Lexikon, Jüdischer Verlag 2003, S. 487
/4/Johann Wolfgang Goethe, Sämtliche Werke (Münchner Ausgabe), Bd. 16, S. 513 (Dichtung und Wahrheit, Dritter Teil, Elftes Buch)
/5/ zit. nach: Kindlers Neues Literaturlexikon, München 1998, Bd. 11, S. 884


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Möbelhaus

Erstellt von DL-Redaktion am 22. Februar 2015

Er ist jetzt Robert Kisch

VON PETER UNFRIED

WÜRDE Er war Starjournalist. Dann wurde er Einrichtungsberater. Jetzt trägt er einen anderen Namen, weil er darüber ein Buch geschrieben hat. „Möbelhaus“ bringt die Antisolidarisierung der deutschen Gesellschaft auf den Punkt. Eine Begegnung

Herr …? „Keine Namen, bitte“, sagt er hastig, nachdem er die Filiale einer Café-Kette neben einem Hauptbahnhof betreten hat. Auch keine Städtenamen. Keine Personenbeschreibung. Ihn auf keinen Fall mit dem echten Namen ansprechen, der ihn zur journalistischen Marke gemacht hat. Er ist jetzt „Robert Kisch“. Er hat ein Buch über sein neues Leben als Möbelverkäufer geschrieben. Und er will nicht, dass sein Möbelhaus ihm nachweisen kann, dass er das war. „Tatsachenroman“ hat der Verlag sicherheitshalber auf den Titel geschrieben. Erfunden sei nichts, sagt Kisch. „Alles ist so. Leider.“

„Möbelhaus“ ist ein wichtiges Buch; nicht weil es literarische Grenzen sprengt, nicht weil es als Sachbuch undercover die Ausbeutung in einem Unternehmen oder einer Branche aufdeckt, sondern viel besser: weil es anhand einer einfachen Geschichte einen blinden Fleck der Gesellschaft beschreibt und dabei ihre kulturelle und moralische Verwahrlosung. Und die Schuldfrage nicht einfach an den Kapitalismus auslagert – obwohl der Reflex naheliegt. „Es gibt nicht den einen Bösen“, sagt Kisch.

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BERLINALE: Außer Konkurrenz

Erstellt von Uli Gellermann am 17. Februar 2015

Georg Elsers Attentat auf Hitler und Wim Wenders
Schuld – und – Sühne-Drama

File:Georg Elser a.jpg

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 16. Februar 2015

Die Berlinale ist keineswegs ohne Konkurrenz: Mit den Filmfesten in Cannes und Venedig konkurriert das Berliner Festival seit Jahren heftig um die besten Filme. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut. In dieser Konkurrenz-Situation hätte es dem Berlinale-Wettbewerb gut getan, wenn er sich mit zwei herausragenden Filmen geschmückt hätte: Dem von Wim Wenders, einem intensiven Schuld-und-Sühne-Drama, und dem dramatischen Film „Elser“, ein Film über den gescheiterten Hitler-Attentäter von Oliver Hirschbiegel. Doch beide Arbeiten liefen „außer Konkurrenz“, hatten also keine Chance auf eine der bärigen Auszeichnungen.

Alles wird gut, versichert Wenders Film bereits mit seinem TItel: „Every Thing Will Be Fine“ und beginnt in den ersten Einstellungen mit einem bullernden Kanonenofen, der eine Holzhütte zu einem warmen Refugium mitten in Eis und Kälte werden lässt. Draußen schneit es. Dank der 3-D-Technik scheinbar bis in den Zuschauerraum des Kinos. Drinnen sitzt der Schriftsteller Tomas (James Franco) und müht sich mit seinen Notizen ab. Auf dem Weg zu seiner Noch-Freundin geschieht das, was sein Leben in jenen zwölf Jahren prägen wird, in die uns der Film einen Einblick gibt: Versehentlich, ohne jede Schuld, überfährt er ein Kind, einen der beiden Jungen von Kate (Charlotte Gainsbourg).

Einfühlsam gestaltet Wenders die private Suche nach Verantwortung über die Schuld hinaus und gibt dem Beziehungsgeflecht der Akteure des Dramas jenen Ton leiser Melancholie, der den Film aus dem Berlinale-Alltag hinaushob. Kein hektisches Genital-Gefummel wie bei Peter Greenaway, der den Mexiko-Aufenthalt des sowjetischen Filmregisseurs Sergei Eisenstein dazu nutzte den Schöpfer des „Panzerkreuzer Potemkin“ auf seinen Schwanz zu reduzieren. Kein zappeliger Reigen rund um ein schwules Coming-out wie in „Cha Vá Con Vá“ am Mekong von Phan Dang Di. Kein sinnentleerter Bilder-Rausch im Hollywood des Terrence Malick. Statt dessen gibt uns Wenders, zum Altmeister des deutschen Films gereift, die Hoffnung, dass es gut werden kann.

Den Film „Elser“ kann der Zuschauer mit dem Nachdenken über den deutschen Widerstand gegen Hitler verlassen. Denn Jahr für Jahr zelebriert die offizielle Bundesrepublik die „Männer und Frauen des 20. Juli“, jene von Adligen und Militärs geprägte Verschwörung, die nicht selten vom Wunsch getrieben war im untergehenden Deutschland die Rettungsboote zu finden. Mit diesem verengten Blick fällt dann auch gleich der Widerstand der einfachen Menschen unter den Tisch, die früh schon wussten, dass Hitler Krieg bedeutete und dass er bekämpft werden musste. Unter ihnen jene 5.000 deutsche Mitglieder der Internationalen Brigaden, die im spanischen Bürgerkrieg gegen Hitlers Verbündeten General Franco mit der Waffe in der Hand für ihre Heimat kämpften. Georg Elsers Widerstand gegen den deutschen Faschismus war nicht organisiert. Mag er auch vom „Rotfrontkämpferbund“, dem Elser angehörte, inspiriert gewesen sein: Der Versuch des Schreiners den ihm verhassten Hitler im November 1939 mit einer Bombe umzubringen wurde nur von ihm allein geplant und umgesetzt.

Der Regisseur Oliver Hirschbiegel nähert sich dem Elser mit freundlichem Respekt, zeigt ihn tief in seiner schwäbischen Heimat verwurzelt, als einen, der gern mit den Mädchen flirtete und der, mitten in der Folterei der methodischen Nazi-Schläger, vom schönen Land zu singen weiß, wo wir uns finden wohl unter Linden, zur Abendzeit. Denn sie hatten ihn gefasst, den Attentäter, nachdem Hitler, noch vor der Detonation, den Münchner Bürgerbräu-Keller verließ und so leider überlebte. In den Verhören weisen Elser, klug von Christian Friedel dargstellt, und sein porträtierender Regisseur nach, dass Elser ein Einzeltäter war. In Rückblicken erzählt der Film von einem Deutschland, das 1939 noch siegesgewiss war und sich mehrheitlich mit der NSDAP arrangiert hatte. Diejenigen, die sich gegen die Nazis gewehrt hatten, waren entweder tot, in den Konzentrationslagern und Gefängnissen oder ins Ausland geflohen. Auch das wird im Film deutlich und lässt dem Deutschland jener Zeit keine der vielen Ausreden, die bis heute das Märchen vom „man konnte ja nichts machen“ und dem „wir haben von nichts gewusst“ verbreiten.

Eine Schluss-Szene – in der Arthur Nebe (Burkardt Klaußner), der als Chef des Reichskriminalamtes den Elser verhörte, wegen seiner Kontakte zum deutschen Widerstand aufgehängt wurde – nährt die lange verbreitete Mär vom „anständigen Polizisten“. Doch Nebe war schon vor der Machtergreifung Mitglied der NSDAP und hat sich später bei seiner Beteiligung an Massenmorden als echtes Nazi-Schwein bewährt: Ein Karrierist, der zeitweilig auch an einer Rückversicherung interessiert war. – Bis in die 90er Jahre mochte sich die Bundesrepublik nicht oder selten an Georg Elser, den mutigen Mann aus Königsbronn erinnern. Mit Oliver Hirschbiegels Film ist ein gutes Denkmal gelungen, das durchaus auch für die vielen „einfachen Menschen“ stehen kann, die sich der Hitlerei entgegenstemmten hatten. Einen Film über die Spanienkämpfer hat das vereinte Deutschland bisher nicht zu bieten.

Im Berlinale-Wettbewerb, in der Konkurrenz waren eindringliche Filme zu finden, wie die große, poetische Dokumentation „The Pearl Button“ des Chilenen Patricio Guzman, die den langen Linien von der Gewalt gegen die chilenischen Indios bis zur Gewalt gegen jene Chilenen folgte, die unter dem Regime des Augusto Pinochet gefoltert und ermordet wurden. Mit „Ixcanul“ war die andauernde Unterdrückung der Indios in Guatemala zu erfahren und „Sworn Virgin“ führte in ein Albanien, in dessen großartigen Landschaften bis heute die eingeschworenen Jungfrauen leben, jene Frauen, die sich männliche Freiheiten dadurch erwerben, dass sie auf ihre Weiblichkeit verzichten.

Über Jury-Entscheidungen hat man in den letzten Jahren schweigen müssen, bewiesen sie doch zumeist, dass die Jurys ihrer großer Namen wegen zusammengesetzt waren und kaum wegen ihrer Sachkenntnis. In diesem Jahr kann man dem Jury-Urteil weitgehend zustimmen. Was fehlt ist eine weitere Kategorie: Der gehäkelte Bär für völlige Wirrnis. Der könnte sowohl dem russischen Film „Under Electric Clouds“ (Alexey German Jr.) als auch dem US-Film „Knight of Cups“ (Terrence Malick) verliehen werden. Terrence Malick orchestrierte eine gewaltige Bilderflut ohne Erzählfaden und ohne viel Verstand. Alexey German Jr. verbrauchte noch mehr Minuten und noch mehr großartig gebaute Bilder, um auch nichts zu sagen. – Am Rande der Berlinale bekam dann auch ihr Direktor Dieter Kosslick einen Preis: Der „Verband der deutschen Filmkritik“ verglich ihn mit Mao Zedong, um sich dann selbst als schmerzensreiche Dissidenten-Truppe zu veredeln. Mit Kurt Tucholsky könnte man dem Vorstand des Vereins zurufen: „Ham´ses nich n´ bißchen kleiner?“ Aber dass dort Tucholsky gelesen und verstanden wird, ist zu bezweifeln.

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Grafikquelle    :

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Author Rutherford

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Der beharrliche Miesmacher

Erstellt von DL-Redaktion am 9. Januar 2015

Journalist über DDR-Geschichte

AUS WEIMAR JOSEFINE JANERT (TEXT)

Der Journalist Roman Grafe schreibt Bücher über die DDR. Bei Lesungen wird er deshalb oft angefeindet – vor allem von älteren Ostdeutschen. Bei Jüngeren kommen seine Texte hingegen meist gut an. Sie wüssten gern mehr über die DDR.

Mit dem Plattenspieler unterm Arm betrat der Lehrer das Klassenzimmer. Sein Fach war Staatsbürgerkunde, die Schüler sollten die Grundlagen des Marxismus-Leninismus erlernen und wie die DDR funktioniert. Manchmal hörten sie auch gemeinsam sozialistische Kampflieder. Roman Grafe, damals 14 Jahre alt, fand das eher öde und rief einem Klassenkamerad zu: „Heute hören wir wieder Kommunisten-Beat!“ Der Lehrer brachte ihn daraufhin zur Direktorin und forderte: „Wiederhole, was du eben gesagt hast!“ Roman Grafe bekam Angst. Bei ihm zu Hause schimpften sie zwar häufig über die DDR, aber seine Familie hatte ihm auch eingeschärft, dass kritische Aussagen außerhalb der eigenen vier Wände zu Problemen führen. Deshalb korrigierte er sich: „Ich habe gesagt: ,Heute hören wir wieder ein kommunistisches Lied!'“ Die Sache ging glimpflich aus.

Mehr als 30 Jahre später hat Roman Grafe Ärger mit denen, die die DDR immer noch mögen. Weil sie sich über ihn ärgern. Grafe, stämmig, braunes Haar, weißes Hemd, ist Journalist und schreibt Bücher über den „Arbeiter-und-Bauern-Staat“. Seit Jahren tourt der 46-Jährige regelmäßig durch Ost- und Westdeutschland, liest aus seinen Werken, diskutiert mit seinem Publikum. Er tritt in Schulen auf, in Gemeindesälen, Kultureinrichtungen. Besonders ältere Ostdeutsche mögen es nicht, wenn er ihnen ihre DDR madig macht. „Man müsste Ihnen Ihr Buch um die Ohren hauen“, fauchte ihn vor einigen Monaten in Mühlhausen eine ältere Frau an. In Sondershausen, das ebenfalls in Thüringen liegt, sprach er vor einer Schulklasse. Anschließend rannte ihm ein Jugendlicher auf dem Schulhof hinterher. „Warum machen Sie die DDR so schlecht?“ Ein Jugendlicher öffnete das Fenster und brüllte seinem Klassenkameraden nach: „Mach ihn fertig!“

 „Mach ihn fertig!“

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle:  Wikipedia – Author Fornax

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Ein Erbe des Widerstandes

Erstellt von Rationalgalerie am 6. Januar 2015

Was man den Lebenden schuldig ist

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 05. Januar 2015
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Buchtitel: Machandel
Buchautor: Regina Scheer
Verlag: Knaus

Einmal rastete im Jahr 1987 der Friedensmarsch vom Konzentrationslager Ravensbrück zum Konzentrationslager Sachsenhausen in einem Dorf bei Oranienburg. Für Clara, die zentrale Figur in Regina Scheers Buch „Machandel“, ist der Ort ein Teil der Familienerzählung. Ihr Vater war diesen Weg auch schon gegangen in jenen Apriltagen 1944 als die SS das Lager räumen ließ und auf diesem Marsch die Mehrheit der Häftlinge umbrachte. Ein Stein am Wegesrand, mit dem roten Winkel der „Politischen“ geziert, erzählte, in Erinnerung an die Toten, von den „Vorkämpfern für Frieden und Sozialismus“.

Clara, die in einer Familie des „Roten Adels“ groß geworden war, setzte Hoffnung auf diesen Marsch, der von der DDR-Opposition organisiert, Veränderung erreichen, die Luft zum Atmen in der DDR bessern sollte. Als Clara Jahre später, längst war die DDR vergangen, den selben Ort besucht, ist der Stein weg. Ein großes Holzkreuz, jetzt auch den toten deutschen Soldaten und den KZ-Wachmannschaften gewidmet, markiert die Grabstätte. Die war nun mit der Inschrift „Den Opfern von Krieg und Gewalt“ versehen. Gleichberechtigt die Gräber. Alle sind nun irgendwie Opfer. Gewalt kennt scheinbar keine Täter mehr.

Clara und ihr Mann hatten gegen Ende der DDR, von dem 1985 nicht einmal eine Ahnung in der Luft lag, in Mecklenburg eine Kate bezogen, einen ehemaligen Schafstall, den sie liebevoll als Refugium, als Ort der Zuflucht herrichteten. Zuflucht vor einer Atmosphäre öffentlicher Sprachlosigkeit und Bedrückung, der sich Claras Bruder durch die Ausreise entziehen wird. Mit ihm besucht sie erstmalig das Dorf Machandel, ein Nest, in dem ihr Bruder Zeiten seiner Kindheit verbracht hatte, ein Flecken nach den vielen Wacholderbäumen ringsum benannt, die im Plattdeutschen Machandel heißen.

Es wird im Buch auch um den Machandel-Baum gehen, jenes mythische Gewächs aus dem grausamen Märchen vom Bruder, den die Stiefmutter schlachtet, aus ihm „eine gute Suppe“ kocht und dessen Gebeine die Schwester unter dem Machandel-Baum vergräbt, damit er wiederauferstehen kann. „Meine Mutter die Hur / die mich umgebracht hat / mein Vater der Schelm / der mich gessen hat / mein Schwesterlein klein / hub auf die Bein / an einem kühlen Ort“, lässt Goethe das Gretchen in der Kerker-Szene des „Faust“ singen. Eine Vorahnung schimmert auf: Clara wird mehr verlieren als nur ihren Bruder.

Von Machandel aus entrollt Regina Scheer den Stoff ihres Romanes, ein Gewebe deutscher Geschichte, wie ein brutales Märchen erzählt, begonnen im Widerstand der Kommunisten, fortgesetzt in der Gründung der DDR, eigentlich beendet mit dem Versuch der DDR-Opposition eine andere, bessere DDR zu erzwingen. Während des Sterbens der DDR treffen zwei Genossen aufeinander, die sich aus dem Konzentrationslager kannten. Und wo der eine nach den Waffen ruft, um die Opposition zu ersticken: „Das sind wir den Toten schuldig!“´, hält Claras Vater dagegen: „Den Lebenden sind wir auch etwas schuldig“.

Woher mag die Schuld kommen, wenn man etwas schuldig bleibt? Schon längst ein Pflegefall erinnert Claras Vater, der alte Kommunist, wie er gemeinsam mit anderen aus dem KZ Bombenschäden in Hitlers Reichskanzlei beseitigen soll: „Wir gingen in diesen Saal – Deutsche, Tschechen, Russen, ein Franzose – , wir flätzten uns in die Sessel, johlten und lachten, während es draußen krachte und kreischte und blitzte. Diese Bomben, dachten wir sind nicht für uns.“ Für einen Moment waren die Häftlinge im Zentrum des mächtigen Verbrechens. Nach dem Krieg sollten nicht wenige von ihnen selbst die Macht sein. Und sie sollten verlieren.

Wer Regina Scheer liest, kann einen summenden Ton hören, so wie Teekessel summen, wenn die Nacht auf die Häuser fällt und zwischen den Buchdeckeln die Geschichten aufsteigen. Mit starker Nähe formt die Autorin ihre Figuren: Die Flüchtlinge aus dem Osten, die 1945 in Machandel eine Bleibe fanden – manche für immer. Die russische Zwangsarbeiterin, die in Machandel blieb und fast versehentlich eine Deutsche wurde. Die Frau aus der großen Stadt Hamburg, die vor den Bomben in das Dorf geflohen war und eine fremde Liebe fand. Den Vater von Clara, der dem KZ entkommen, eine kleine Zeit des Kurierens im Ort verbrachte und auf seine spätere Frau traf. Sie vergisst auch nicht den, der eine junge Frau dem Nazimord in einer Anstalt auslieferte und anscheinend ohne Schaden davon kam. Sie alle begegnen sich, manche berühren sich auch. Ganz sicher berühren sie den Leser. Wenn er sich einlässt auf eine Geschichte in Geschichten, auf die von der Autorin geschenkten Schicksale, auf jene warmherzige Nachdenklichkeit, die Regina Scheer zu eigen ist.

Der Bruder wird verloren bleiben: Ein Fotograf der Ereignisse im Prag des Jahres 1968, der seinem und Claras Vater ein Gewissen war, der auf der Spur nach einem anderen, einem besseren Leben für das Recht der Menschen an sich selbst, in einem fernen Land verschwindet. So wie scheinbar die Sehnsucht der Kommunisten nach einem anderen, einem besseren Leben für alle verschwunden ist, versunken im Verbrechen des Stalinismus, ertrunken im Sumpf der Bürokratie, entschlafen in grauem Alltag.

Einmal im Buch zitiert Clara den Dichter Jürgen Rennert: „Mein Land ist mir zerfallen. / Sein´ Macht ist abgetan. / Ich hebe, gegen allen / Verstand, zu klagen an.“ Der Verlust an Hoffnung, so erzählt „Machandel“, darf nicht in der Verzweiflung münden. Was sich da aus dem Widerstand entwickelt hatte und an sich selbst zugrunde ging, hat ein Erbe hinterlasse: Den Widerstand. Den sind wir den Lebenden schuldig.

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Grafikquelle    :    Die Briefmarke „Verfolgung und Widerstand 1933–1945“ der Deutschen Bundespost von 1983 symbolisiert das Thema mit einer von Stacheldraht umgebenen Weißen Rose, dem Kennzeichen der gleichnamigen studentischen Widerstandsgruppe

  • GemeinfreiHinweise zur Weiternutzung
  • File:DBP 1983 1163 Verfolgung und Widerstand.jpg
  • Erstellt: 21. August 2010

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Die Liane des Todes

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Januar 2015

Drogenentzug

AUS Tarapoto ULRIKE FOKKEN

Nur in den Wäldern des Amazonas lässt sich nachvollziehen, wie die Schamanen ihre Heilkunst von den Pflanzen lernen. Gut die Hälfte der Patienten schafft es, ohne Drogen zu leben. Konventionelle Therapien haben bei lediglich 20 Prozent Erfolg

In Lima haben die jungen Männer Kokain geschnupft und pasta básica geraucht. In der Entziehungsklinik Takiwasi im peruanischen Amazonas heilen sie ihre Sucht mit den Pflanzen der Schamanen. Der französische Arzt Jacques Mabit zeigt ihnen einen Weg aus der Sucht und nutzt dafür den psychoaktiven Ayahuasca-Trank, die Liane des Todes, wie die Indígena Ayahuasca nennen.

Zum Essen für seine Abschiedsfeier hatte sich Casey Bananen, Yucca und Salat gewünscht. Nun gibt es doch wieder nur Linsen, Reis, Huhn. Neun Monate und vier Tage hat er fast jeden Tag Linsen und Reis von dem Edelstahlteller mit seinem Namen in weißer Schrift gegessen. Auf einen Tag kommt es nicht an, sagt Casey.

Aber auf die Worte seiner Freunde in der Entziehungsklinik Takiwasi im peruanischen Amazonasgebiet kommt es an. An sie wird er denken, wenn er in den USA sein Leben mit 29 Jahren noch einmal beginnt. „Du bist gleichzeitig das Kunstwerk und der Künstler“, gibt ihm Enzo mit auf den Weg. Er entwirft aus dem Stehgreif Bilder, die so bunt klingen wie die Rufe der Vögel aus dem Wald des Amazonas. „Dein Leben hast du dir erschaffen“, sagt Enzo zu Casey und könnte dabei ebenso über sich selbst sprechen. Noch vor acht Monaten lebte Enzo in den Straßen von Lima. Sein Hirn und seine Seele zerstörte er sich da schon ein paar Jahre lang mit pasta básica, dem Kokainsulfat aus den Drogenküchen des Dschungels. Ein Schokoriegel großes Stück Kokainbasispaste kostet in Lima nicht mehr als fünf Soles, halb soviel wie ein günstiges Mittagessen.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber CostaPPPR

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Vom Eigentum und der Geschichte

Erstellt von Uli Gellermann am 30. Dezember 2014

Mit dem Kopf ins Freie des Normalen

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 29. Dezember 2014
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Buchtitel: Das ist eine Geschichte
Buchautor: Kathrin Gerlof
Verlag: Aufbau

Der kleine Ort Warenberg, nicht weit von Berlin, ist die Nussschale in der Kathrin Gerlof ein ganz großes Panorama deutscher Geschichte entwickelt. Mit der Weinreb-Familie, aufgestiegen aus dem Ghetto in die Reihe der besseren Leute, ist der Zeitrahmen abgesteckt: Von Bismarck über Hitler bis zu Kohl und den ungeklärten Besitzansprüchen an den kleinen Häusern, die damals, als es die DDR noch gab, an der Wilhelm-Külz-Straße lagen und die nach der Wende in Salomon-Weinreb-Straße umbenannt wurde. Külz war mal Reichsminister in der Weimarer Zeit, dann gemeinsam mit Theodor Heuss Vorsitzender der Demokratischen Partei Deutschlands und später mit Wilhelm Pieck Vorsitzender des Deutschen Volksrates, einem Vorläufer der DDR-Volkskammer. Dem Salomon Weinreb gehörte mal halb Warenberg und er wird in Gerlofs Buch „Das ist eine Geschichte“ gemeinsam mit seinem Bruder die Retrospektive anführen.

„Es geht hier also nicht um Antisemitismus, es geht um Geld“, schreibt eine der kleinen Hausbesitzerinnen einer Anwältin. Ihr Vater ist im Konzentrationslager geblieben, ein Politischer, die Mutter war im Widerstand und nun soll die Tochter, nicht alt genug, um am Judenmord beteiligt gewesen zu sein, den Preis für die deutsche Schuld zu tragen. Denn die Weinrebs hatten die Häuser zu Beginn der Nazi-Zeit verkauft. Nach dem Krieg besaß die DDR die Siedlung und verkaufte einzelne Häuser an ihre Bürger. Nun, nach der Wende, hatten die Sieger der Einheit über das Volkseigentum verfügt, dass die Rückgabe an frühere private Eigentümer einer „Entschädigung der Alteigentümer“ vorzuziehen sei. Das könnten, im Fall Warenberg, die Weinrebs gewesen sein. Was wie eine Gerichtsakte daher kommt, gerät in der Hand der Gerlof zu einem Dramen-Mosaik, einem Stück in Stücken, einem Geschichts-Puzzle, verteilt auf viele beteiligte Menschen.

Mit Katrin Gerlof entdecken wir eine Business-Wessi an der Seite jener Ossis, die ihre Häuser behalten und keine zweiten Kaufpreis zahlen wollen. Verheiratet mit dem Sozialarbeiter, der nicht in Warenberg bleiben will, denn: „Hier gibt es nicht mal Drogensüchtige. Ich werde immer in die Stadt fahren müssen, um ausreichend Junkies für meinen Lebensinhalt zu finden.“ Die Autorin schildert den Hobbyhistoriker, der über den Antisemitismus in der DDR arbeitet und sie gönnt uns einen langen Blick auf den Zeitungsredakteur des Heimatblattes, der über die neue Zeit vor allem weiß, dass er nicht anecken soll. Die Gerlof gehört zu den wenigen in der neueren deutschen Literatur, deren Augen nicht auf den eigenen Bauchnabel fixiert sind, die den Kopf ins Freie hebt und dort ganz normale Leute mit ganz normalen Problemen entdeckt, die des Schreibens, des Beschreibens wert sind.

Mit diesen Augen für das Kleine, das der Geschichte erst die wahre Größe gibt, gelingt der Autorin ein Spannungsroman der Wirklichkeit, der auf der Suche nach der Moral entdecken lässt, dass es nicht nur die eine, wahre Moral gibt. Während sie mit der Stimme der Brüder Weinreb mahnt, die reiche und auch schreckliche Geschichte der deutschen Juden in die Jetztzeit zu tragen, vergisst sie keinen Moment, dass Besitz in unseren Verhältnissen zwar aus Geld kommt, aber ohne Arbeit eigentümlich bliebe: „Was haben wir uns alles vom Mund abgespart“, lässt sie die Friseurin erzählen, die in der DDR-Zeit vom Materialmangel geplagt ihr Haus erhalten hat und deren Mann erstmal den Wessi-Vor-Besitzer mit der Axt vom Grundstück gejagt und die jüdischen Ansprüche gesittet mit einer Bürgerinitiative bestreitet. Das Ende der Geschichte vom Eigentum in Warenberg bleibt offen. Die Akte des Volkseigentums scheint geschlossen zu bleiben.

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Grafikquelle    :    Zwei Mädchen mit deutlich sichtbarem Scheitel

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Das Ende des Kapitalismus

Erstellt von DL-Redaktion am 29. Dezember 2014

Das Ende des Kapitalismus im 21. Jahrhundert?

von Thomas Piketty

Sehr verehrte Damen und Herren, ich fühle mich geehrt, hier heute die erste „Democracy Lecture“ halten zu können. Natürlich habe ich mich sehr über den großen Erfolg meines Buches in den Vereinigten Staaten gefreut. Doch ich bin zutiefst Europäer und interessiere mich im Grunde mehr für die europäische als für die amerikanische Diskussion. Und Deutschland ist natürlich ein bedeutender Teil Europas. Ich bin also wirklich sehr glücklich, dass soeben die deutsche Fassung meines Buches erschienen ist und ich heute Abend hier sein kann.

Umso mehr, als man hier in Deutschland, und speziell hier in Berlin, in wenigen Tagen diesen sehr wichtigen Jahrestag begeht. Ich bin 1971 geboren, gehöre also zu der betroffenen Generation. 1989 war ich 18 Jahre alt und so bin ich quasi erwachsen geworden mit der Radiomeldung vom Fall der Mauer, vom Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa. Wie viele Studenten bin ich damals durch Osteuropa gereist, also wirklich erwachsen geworden mit dieser neuen Welt, die da aufgebaut wurde. Es ist daher sehr bewegend für mich, heute Abend hier zu sein und über mein Buch sprechen zu können.

„Das Kapital im 21. Jahrhundert“ hat primär die Untersuchung des Kapitals in historischer Perspektive zum Gegenstand. Es unternimmt den Versuch herauszufinden, wie man die Entwicklung von Ungleichheiten, von Herrschaftsverhältnissen historisch analysieren kann, die mit der Geschichte des Kapitals und unterschiedlichen Eigentumsformen seit der industriellen Revolution einhergehen.

Der erste Satz des ersten Kapitels meines Buches ist Artikel 1 der Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen von 1789 entnommen, der besagt: Die sozialen Unterschiede können nur im allgemeinen Nutzen gründen. Anders ausgedrückt besteht das demokratische Ursprungsversprechen genau darin: Soziale Ungleichheiten und Unterschiede können akzeptiert werden, allerdings nur unter der Bedingung, dass sie im allgemeinen Interesse liegen. Man kann diesen Artikel durchaus mit einem sehr viel späteren aus dem deutschen Grundgesetz von 1949 vergleichen, dem Artikel 14, der das Recht auf Eigentum anerkennt und garantiert und zugleich versichert, dass das Eigentum so genutzt werden müsse, dass es gleichzeitig zum Wohl der Allgemeinheit beitrage. All diese Ausdrücke – wie allgemeiner Nutzen oder Allgemeinwohl – bleiben offensichtlich sehr vage. Aber das demokratische Versprechen ist immer dasselbe. Es geht im Prinzip darum, demokratische Institutionen zu befähigen, das Kapital, den Kapitalismus, das Eigentumsrecht, in den Dienst des öffentlichen Interesses zu stellen. Und die zentrale Frage lautet, ob dieses Versprechen heute gehalten wird.

In meinem Buch gehe ich zurück in die Geschichte des Kapitalismus – der Metamorphosen des Kapitals und der unterschiedlichen Eigentumsformen seit der industriellen Revolution –, um herauszufinden, was dabei letztendlich nicht funktioniert hat, und zu versuchen, die Frage des Kapitals und seiner Entwicklung so grundlegend wie möglich zu reflektieren.

Die Französische Revolution und das gebrochene Versprechen der Gleichheit

Quelle: Blätter >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Sue Gardner

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Weihnachtsüberraschung

Erstellt von Uli Gellermann am 25. Dezember 2014

Deutsche glauben Medien nicht

Datei:Pegida Banner, Lügenpresse Banner.jpg

Autor: U. Gellermann

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Datum: 24. Dezember 2014

Nun hatten sie sich doch solche Mühe gegeben, die deutschen Medien, den Anschein von objektiver Berichterstattung im Ukraine-Konflikt herzustellen. Was die kräftig mit-anscheinende ZEIT geritten hat, kurz vor Weihnachten eine Umfrage zum Thema in Auftrag zu geben, weiß man nicht. Aber das erste Ergebnis ist genau so, wie vermutet: 47 Prozent der Befragten waren der Auffassung, dass die Medien einseitig berichten und von der Politik gelenkt würden. Selbst das anvisierte Haupt-Ziel der Medien-Militarisierung, die Vorbereitung der Kriegs-Schuld-Erklärung, wurde verfehlt: Immerhin 37 Prozent machen den Westen und Russland für den Ukraine-Konflikt gleichermaßen verantwortlich. Und, so schreibt die ZEIT weiter, „Das Misstrauen in die Medien und in den Westen nimmt mit der Höhe des Bildungsabschlusses und des Einkommens zu.“ Peng. Ebenso schade wie bezeichnend ist, dass die Umfrage nicht detaillierter veröffentlicht wurde. Gesichert ist: Wer klüger ist, hat den Kinderglauben an die Vierte Gewalt längst verloren.

Unter Berufung auf irgendwelche Kreise oder nach eigenen Angaben: So oder so ähnlich beginnen ebenfalls kurz vor Weihnachten die Meldungen der Mainstream-Medien, wenn es um die Aufrüstung der baltischen Länder geht. Denn noch glaubt der Redakteur, er müsse Nachrichten wie diese begründen: „Für insgesamt 138 Millionen Euro schafft das 1,3 Millionen Einwohner zählende Estland nun 44 Panzer vom Typ CV90 und sechs vom Typ Leopard aus den Niederlanden an. Zuvor hatte es bereits in den USA für 40 Millionen Euro 40 Stinger-Raketensysteme bestellt.“ Das legt uns Springers WELT auf den Gabentisch und verkündet: „Die baltische Luftraumüberwachung der Nato hat nach eigenen Angaben allein Anfang Dezember täglich bis zu 30 russische Militärflugzeuge abgefangen“. Da sind sie „die eigenen Angaben“. Ungeprüft von irgendeinem NATO-Sprecher, der in einem baltischen Hinterzimmer sitzt, übernommen.

„Zwei Dutzend russische Bomber und Transportmaschinen sind am Wochenende über der Ostsee gesichtet worden. Das meldet der US-Fernsehsender CNN unter Berufung auf das US-Militär“, diese Nachricht hängt der SPIEGEL an den Tannenbaum der objektiven Berichterstattung. Berufung? Ausgeschlossen! Denn wenn der Sender CNN, der sich als embedded in die US-Aussenpolitik begreift, als Quelle anonyme US-Militärs nennt, dann hat der SPIEGEL-Redakteur strammzustehen und keinesfalls, vor der Publikation dieser trüben Nachrichten-Suppe, bei CNN nach dem Wahrheitsgehalt zu prüfen. Die Russen mal nach ihren Bombern zu fragen, Ort und Zeit festzustellen und eine zweite Meinung einzuholen, Parameter also, die zum Journalismus gehören sollten, das kommt dem SPIEGEL-Kolporteur nicht in den Sinn.

Und so geistern denn Meinungen aller Art durch die Medienlandschaften: Mal ist es Polens Verteidigungsminister Tomasz Siemoniak, der seine „Beunruhigung“ angesichts der „beispiellosen“ Militäraktionen Russlands erklärt. Dann meldet sich das Stockholmer Verteidigungsministerium und begründet die Möglichkeit, ehemalige Wehrdienstleistende für Militärübungen einzuziehen, mit der „Wiederaufrüstung Russlands“. Schließlich darf der litauische Militärexperte Aleksandras Matonis der WELT mitteilen: „Im schlimmsten Fall, bei einer Aggression (der Russen) gegen die baltischen Staaten und dem Inkrafttreten der Nato-Verteidigungspläne, würde es noch etwas dauern, bis die Alliierten reagieren“. Vom „litauische Militärexperten“ weiß man wenig, außer dass er mal „in diplomatischer Mission in Afghanistan“ unterwegs war. Macht nix. Wenn Matonis kraft seiner seherischen Fähigkeiten eine russische Aggression heraufziehen sieht, dann sind auch Lettlands Militär-Einkäufe erklärt: Für 48 Millionen Euro 123 diverse Kriegsfahrzeuge in Großbritannien. Litauen wiederum kaufte im September von Polen ein Grom-Luftabwehrsystem für 34 Millionen Euro und kündigte an, für weitere 16 Millionen Euro Panzerabwehrraketen in den USA zu ordern. Ob die Rüstungsindustrie ihre Dankschreiben an düstere Experten oder an die hilfsbereiten deutschen Medien sendet, ist nicht bekannt.

Nachdem die schweren Medien-Geschütze wie BILD, ZEIT, SPIEGEL oder WELT unisono die akute russische Bedrohung erkannt haben, dürfen sich dann auch Rand-Medien wie der DONAUKURIER melden. Der Ingolstädter CSU-Bundestagsabgeordnete Reinhard Brandl hat die Bundeswehrsoldaten im estnischen Luftwaffenstützpunkt Ämari besucht und wird befragt: „Herr Brandl, die Berichte über Luftraumverletzungen und Provokationen russischer Militärflugzeuge im Baltikum häufen sich.“ Das ist eine super-journalistische Frage, sie hantiert mit ungeprüften Meldungen als Voraussetzung. Dann kommt die Antwort von Herrn Brandl: „Das sind nicht unbedingt Luftraumverletzungen. Das würde ja bedeuten, dass russische Flugzeuge nach Estland eindringen. Das tun sie zum Großteil nicht.“ Upps, beinahe wäre die Wahrheit in den Spalten des DONAUKURIER gelandet: Die Russen verletzen den Luftraum nicht. Aber unser CSU-Mann von der Baltenfront bekommt doch noch so gerade die Kurve: Zum „Großteil“ verletzten die Russen zwar nichts, aber vielleicht im Kleinteil, in Ersatzteilen oder mit Puddingteilchen?

In Wahrheit ist es keine Weihnachtsüberraschung: Immer mehr Deutsche haben das Vertrauen in „ihre“ Medien verloren, weil es nicht ihre Medien sind. Die haben sich längst den Wünschen der US-Politik unterstellt. Einen letzten Beweis lieferten sie gerade kurz vor Weihnachten: Der US-Präsident unterzeichnete den „Ukraine Freedom Support Act“, ein Gesetz, das den Kiewer Verbündeten schwere Waffen im Wert von 350 Millionen US-Dollar zur Niederschlagung pro-russischer Volksmilizen zukommen lässt. Das macht den kalten Krieg heißer. Und wer hier der Aggressor ist, das kann man auch ohne „Militär-Experten“ erkennen. Aber solch eine Nachricht könnte den Weihnachtsfrieden stören. Die bringt der deutschen Freundschafts-Redakteur lieber gar nicht. Stille Nacht allerseits.

Die Veranstaltung zum Thema:
DIE UKRAINE-FRONT
Deutsche Medien im Konflikt

Vortrag und Gespräch mit Uli Gellermann
Moderation: Cornelia Staudacher

Am Dienstag ,13. Januar, 20.30 Uhr
Im BUCHHÄNDLERKELLER BERLIN
CARMERSTRASSE 1, PARTERRE
10623 BERLIN-CHARLOTTENB
URG


Grafikquelle :

Quelle https://www.flickr.com/photos/128406688@N07/17227025612
Urheber Opposition24.de
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TIMBUKTU

Erstellt von Rationalgalerie am 12. Dezember 2014

Spielen ohne Ball

Autor: Angelika Kettelhack

Rationalgalerie

Datum: 11. Dezember 2014

Zweiundzwanzig Jungen laufen auf einem Sandfeld hin und her. Sie juchzen und lachen und rufen etwas in einer Sprache, die wir nicht verstehen. Aber es ist offensichtlich, dass sie Fußball spielen – nur seltsamerweise ohne Ball. Denn das ist verboten in Timbuktu in Mali seitdem islamische Fundamentalisten die sagenumwobene Oasen-Stadt in der afrikanischen Sahelzone überfallen haben. Mit einer beeindruckenden Pantomime ohne Ball bewegen sich die halbwüchsigen Jungen über das Spielfeld und leisten so den Besatzern subversiven Widerstand.

Mit dieser Szene wird der Regisseur und Produzent Abderrahmane Sissako, 53, wahrscheinlich in die Filmgeschichte eingehen. Aber ohnehin gilt er als einer der bekanntesten Filmschaffenden aus dem subsaharischen Afrika. Seine Haupt-Themen sind Globalisierung und Exil. Geboren wurde er im dünn besiedelten Mauretanien, zog aber bald mit seinen Eltern nach Mali, weil sein Vater von dorther stammte. Mit 22 Jahren ging er nach Moskau, um an der WGIK, der ältesten Filmhochschule der Welt, Kinematographie zu studieren. Heute lebt Abderrahmane Sissako in Paris und in Mauretanien.

In seinem neuesten Film „Timbuktu“ lässt er gleich in der Eröffnungssequenz einen Haufen barbarischer Islamisten auftauchen, die aus purer Langeweile mit ihren Maschinengewehren spielen und auf afrikanische Kultgegenstände schießen und somit im weitesten Sinne ihre eigene Tradition vernichten. Alles, was der eigenen Ideologie und Überzeugung zuwiderläuft, wird zerstört. Diese Szene erinnert daran wie 2001 die riesigen Buddha-Statuen aus dem 6. Jahrhundert im afghanischen Bamyian ebenfalls von religiösen Fanatikern gesprengt wurden.

Früher galt Timbuktu, am nördlichen Knie des Niger, und somit verkehrstechnisch günstig gelegen, als eine der wichtigsten mittelalterlichen Handelsmetropolen. Getauscht wurden neben dem begehrten Gold und Salz auch Elfenbein, Moschus, Kolanüsse, Leder und Pfeffer. Darüber hinaus entwickelte sich Timbuktu auch als Mittelpunkt des islamischen Geisteslebens in Westafrika: An der Sankoré-Mosche existierte schon damals eine Medresa, vergleichbar einer mittelalterlichen Universität, an der die arabische Sprache, Rhetorik und Astrologie gelehrt wurden. Vom Glanz alter Tage ist heute nichts mehr übrig geblieben. Die Bevölkerung ist arm und zum großen Teil arbeitslos. Von den klassischen Handelsgütern der Vergangenheit ist lediglich das Salz übrig geblieben.

Im Interview betont Sissako mit viel Nachdruck, dass für ihn persönlich die Religion des Islam sehr wichtig ist, dass ihm aber die Praktiken der neuen islamistischen Fundamentalisten ein Gräuel sind. In seinem Film „Timbuktu“ zeigt er wie unter der Führung dieser selbst ernannten Hüter der moralischen Ordnung das Leben der Bewohner von Timbuktu von einem Tag auf den anderen total verändert wird. In den dicht an einander erbauten Lehmhäusern, die dieselbe beige Farbe wie der Wüstensand der Umgebung haben, wird jede Lebensfreude durch unsinnige Ge- und Verbote verdrängt: Rauchen, Tanzen und Musikmachen werden verboten. Mit Lautsprechern rasen die Fundamentalisten plötzlich durch die engen Gassen der Stadt und verkünden, dass von nun an Schleier und Strümpfe für alle Frauen Pflicht sind.

Als auch die Marktfrauen gezwungen werden Handschuhe zu tragen, öffnet eine der empörten jungen Fischverkäuferinnen ihr Klappmesser und schreit die arabischen Dschihadisten an, sie sollten ihr doch gleich damit die Hände abhacken. Aber da ziehen die so mutigen Männer den Schwanz ein und lassen von ihr ab. In Szenen wie dieser erweist sich Sissakos genaue Beobachtungsgabe des Absurden im Alltäglichen. Er widersetzt sich somit der geistlosen Ideologie und furchteinflössenden Gewalt der religiös Verirrten auf humorvolle Weise wenn er zeigt, dass diese sich selbst mitnichten an ihre starren Regeln halten: Sie gucken Fussball im Fernsehen, sie machen sich an Frauen heran und natürlich rauchen sie heimlich. Nur in der Öffentlichkeit geben sie die puristischen Islamisten.

Doch sobald sie nicht zugegen sind, fühlen sich die Bewohner ungestört. Gitarren werden wieder ausgepackt, es wird getrommelt, gesungen und gelacht. Sissako interessiert sich in seinem Film ausgesprochen stark für Musik. Er schwört auf ihre aufbauende Wirkung und heilende Kraft in einem repressiven Regime. Auf den geheimgehaltenen Inseln der Freiheit siegt die Freude über die Allmachtsfantasien der Doktrinäre, zumindest solange, bis die Musizierenden ertappt und öffentlich ausgepeitscht werden. Auch mit den brutalen Bildern einer Steinigung von einer Frau und einem Mann, die bis auf den Kopf im Sand eingegraben sind, werden durch die Konfrontation der komischen Szenen mit denen der extremen Brutalität der Horror und das Entsetzen über die religiös radikalisierte Menschen fast ins Unerträgliche gesteigert.

Es tut gut die Ausgangsgeschichte des Film zu erinnern, an die kurzen Augenblicke des Glücks. Da lebt eine Tuareg-Familie, Kidane mit seiner Frau Satima und seiner Tochter Toya, friedlich in der Wüste, in der noch vom Wahn der Menschheit unberührten Natur. Nicht weit von Timbuktu entfernt. Dort müssen sie nicht wie die Bewohner der Stadt ohnmächtig das Terrorregime der Dschihadisten ertragen. Abderrahmane Sissako schildert das Leben der Familie in kraftvollen und poetischen Bildern mit einer Sanftheit, die das Drama, in das die Familie später unfreiwillig geraten wird, umso stärker miterleben lässt.

Der Film kommt am 11. 12. in die Kinos

[youtube Cs2dYAlbINY]

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Grafikquelle    :     Erstligaspiel der Roma Rovers in Roma (1990)

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Weihnachten an der Ukraine-Front

Erstellt von Uli Gellermann am 6. Dezember 2014

Die FAZ wäscht den Rechten Sektor weiß

Autor: U. Gellermann

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Datum: 04. Dezember 2014

Es geht auf Weihnachten zu. Und wie damals, als die Deutschen beinahe in Stalingrad gegen die Russen gewonnen hätten, muss der Kriegswinter romantisch illustriert werden. Damals machte das der „Völkische Beobachter“, grob und eindeutig. Heute besorgt die FAZ und ihr Autor Konrad Schuller das schmutzige Geschäft der Kriegspropaganda. Natürlich ist die FAZ irgendwie feinsinniger. Schuller besuchte das „Ukrainische Freiwilligenkorps (DUK)“ an der Front. Ja, das sei zwar „der bewaffnete Arm des Rechten Sektors“, aber Nazis oder Antisemiten, das seien sie natürlich nicht. Nur Nationalisten eben, die für ihre Heimat kämpfen.

Doch bevor der FAZ-Autor sich an das Reinwaschen wagt, illuminiert er erst mal die Szene. Da plagen sich die Freiwilligen mit einer alten Panzerabwehrkanone ab. Gott sei Dank kommt ihnen die reguläre ukrainische Armee zu Hilfe. Der DUK-Kommandeur vor Ort ist „Bärtig, herzlich, unerbittlich, unerschöpflich im Männervokabular der Kasernen“. Und was kommt bei den kernigen Jungs vom DUK auf den Tisch? „Auf dem Esstisch liegt zwischen Hering und Kohlsuppe, unschuldig wie ein Stück Butter, ein gelbes Päckchen TNT (Sprengstoff).“ Und genau so unschuldig ist auch der Führer des Rechten Sektors Dmytro Jarosch inzwischen. Damals, als der Rechte Sektor als „Speerspitze der pro-europäischen Revolution“ entstand, da mögen sie sich ja mit „zweifelhaften“ Kräften eingelassen haben. Inzwischen arbeiten sie „offen mit dem jüdischen Oligarchen Ihor Kolomojskij zusammen“.

Nun kommt man als ausgewiesener Antisemit wahrscheinlich nicht gut an, wenn man seine Truppen von einem jüdischen Milliardär finanzieren lässt. Da ist der offizielle Gesinnungswandel zwingend. Denn Ihor Kolomojskij, der drittreichste Mann der Ukraine, gibt nicht nur Geld für die Kämpfer des DUK. Er zahlt auch für jeden verhafteten pro-russischen Separatisten eine Prämie von 10.000 US-Dollar. Tot oder lebendig. Zu seinen nationalen Verdiensten gehört ebenfalls, dass er in das Freiwilligen-Bataillon Dnipro zehn Millionen Dollar investiert hat. Die Ausbilder für die Legionäre kommen aus Israel, Rumänien und Georgien. Das wird so eine Marotte bei Kolomojskij sein, ähnlich jener wie Schuller sie bei seinem Jarosch vom Rechten Sektor feststellt, wenn er in dessen Programm einige „Extravaganzen – etwa die Forderung nach Atomwaffen für die Ukraine“ findet. Da wären Strapse unter der Uniform doch ungleich „extravaganter“.

„Der Stolz dieser Kämpfer auf die Ukraine ist überall präsent, aber er ist kein Nationalismus“, schreibt Schuller und lässt seinen Kommandanten sagen, ihm sei der damalige Widerstand gegen die Rote Armee heilig. Dass bei dieser Gelegenheit polnische und jüdische Bewohner der Ukraine massakriert wurden, unter anderem die Menschen der Orte Huta-Pieniacka, Podkamień und Palikrowy, was soll es den tapferen Reinwäscher Schuller kümmern. Falls er je den Namen der 14. Waffen-Grenadier-Division der SS, in der ausschließlich ukrainische Freiwillige Dienst taten, gelesen haben sollte, hat er ihn längst verdrängt.

„Die Kerze ist runtergebrannt, in der Dunkelheit hört man das ferne Wummern der Raketenwerfer“, notiert der FAZ-Autor aus dem Untertstand. Schöner Raketen nie klingen, als zu der Weihnachtszeit, so tönt der schwärmerische Text des FAZ-Propagandisten. Und dann zitiert Schuller noch den Kommandeur der vom Oligarchen angeworbenen Freiwilligen: „Ja, wir wollen Europa. Aber ohne Blut geht das nicht.“


Grafikquelle   :  Andrij Bilezkyj am Rednerpult, bei einer Veranstaltung der Partei in Charkiw 2008

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Simplicius Simplicissimus im Irak

Erstellt von Uli Gellermann am 2. Dezember 2014

Ziviler Ungehorsam gegen den Krieg

Autor: U. Gellermann

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Datum: 01. Dezember 2014
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Buchtitel: Bagdad Marlboro
Buchautor: Najem Wali
Verlag: Hanser

Seit dem September 1980 finden auf dem geschundenen Boden des Irak Kriege statt: Der Krieg des Irak gegen den Iran, jener gegen Kuwait, die US-Invasion und die Banden-und Religionskriege, die im Gefolge der amerikanischen Aggression bis heute andauern. Der irakische Autor Najem Wali schreibt gegen diesen 30-jährigen Krieg an. Mit „Bagdad Marlboro“ überlässt er uns dem Inferno eines zerstörten Landes, das – von der Diktatur Saddam Husseins bereits schwer geschädigt – von Krieg zu Krieg immer unbewohnbarer wird und heute erneut mit dem „Islamischen Staat“ die Negativschlagzeilen beherrscht.

Die Liebe zur Poesie bringt in der Hölle der Kriege einen US-Soldaten und einen irakischen Dichter zusammen, ein Zusammentreffen, das dem Buch eine Reise der Schrift auferlegt: Ein Brief des Dichters an den Ich-Erzähler wird zur Flaschenpost in einem Meer von Gräuel, von Irrungen und Wirrungen. Als könne das Aufgeschriebene die Wunden heilen. Es ist nicht auszuschliessen, dass diese Schreibtherapie dem Autor hilft. Najem Wali, der vor Beginn des Iran-Irak-Krieges nach Deutschland geflohen ist, leidet an seinem Land und mit jenen, die dort immer noch überleben.

Walis Roman erinnert unwillkürlich an den des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, der seinen Simplicius Simplicissimus vor mehr als 300 Jahren durch einen anderen 30-jährigen Krieg wandern und taumeln lässt, und in dem eine frühe aber erkennbare Botschaft gegen den Krieg verborgen ist. Zwar ist der Appel gegen jeden Krieg in „Bagdad Marlboro“ in allen Zeilen zu erkennen, aber heute, nach so vielen Fortschritten in der Erkenntnis, wäre ein Hinweis auf die Ursachen der irakischen Krieg hilfreich für das Begreifen des Romans gewesen.

Von der absurden kolonialistischen Grenzziehung im Nahen Osten bis zur Brutalo-Einmischung der USA (beginnend mit Ronald Reagan und seinem Ziel im Iran-Irak-Krieg: „Ein Sieg des Iran ist nicht hinnehmbar.“), haben die internationalen Mächte dem Irak alle Knüppel auf den Kopf gehauen, die nur denkbar waren. Das pure „Geworfen-Sein“, das Walis Roman schildert, ist sprachmächtig und schrecklich-anschaulich, lässt aber nur Saddam Hussein als Schuldigen erkennen, der natürlich nicht unschuldig war, aber faktisch Komplizen außerhalb der Landesgrenzen hatte.

Wenn der Autor am Ende seiner Arbeit den Whistleblower Bradley (Chelsea) Manning aufschimmern lässt, dann ist diese Episode sicher als Wegweisung zu begreifen: Ziviler Ungehorsam, ruft uns Najem Wali zu, ist der erste Schritt zum Widerstand gegen den Krieg. Wer wollte das verneinen.

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Grafikquelle     :   : Screenshot aus Artikel WAZ

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Ist Helmut Schmidt verstorben?

Erstellt von Rationalgalerie am 15. November 2014

Ein Beitrag zur antikolonialen Debatte

File:Der Lotse geht von Bord.png

Autor: U. Gellermann

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Datum: 14. November 2014
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Buchtitel: Die Eroberung Europas durch die USA
Buchautor: Wolfgang Bittner
Verlag: VAT André Thiele

Ob der Alt-Kanzler Helmut Schmidt wohl verstorben ist? Diese Frage wirft Wolfgang Bittner in seinem Buch „Die Eroberung Europas durch die USA“ implizit auf. Denn tatsächlich, nachdem Schmidt im Zusammenhang mit der Ukrainekrise „vor der Gefahr eines dritten Weltkriegs gewarnt und der EU Größenwahn vorgeworfen hat“, ist der „Elder Statesman“ aus der Öffentlichkeit verschwunden. Er, der sonst jede dritte Talkshow zierte und Zeitungen von BILD bis ZEIT als das Orakel von Langenhorn galt, ist weg vom öffentlichen Fenster. Bittner nimmt diese und andere Erscheinungen des öffentlichen Kniefalls vor den Zielen der USA in Europa als Beweise dafür, dass „die Mehrheit der westlichen Medien . . . zu Werbeträgern insbesondere der US-Propaganda verkommen sind.“

Doch neben dem Ausfall der Medien als Vierte Gewalt notiert Bittner auch die Verluste im Wirtschaftskrieg gegen Russland: Rund 19 Milliarden Euro Direktinvestitionen seien in Russland gebunden, das bilaterale Handelsvolumen zwischen Russland und Deutschland sei, im Gefolge der Sanktionen, im ersten Halbjahr 2014 um 6,3 Prozent zurückgegangen und die deutschen Exporte nach Russland schrumpften um 15,5 Prozent. Mit solchen Zahlen lässt der Autor den Leser selbst fragen, welchen Nutzen denn die Sanktionen haben sollen und erinnert daran, dass „Russland Deutschlands größter Energielieferant ist“ und eine Verschärfung der Konfrontation erhebliche Schäden anrichten könnte. So vermittelt das Buch eine Fülle von Fakten, um nach dem Interesse am Ukrainekonflikt zu fragen und kommt zu dem klaren Fazit: „Die USA sind kein Vorbild für Frieden und Freiheit“.

Als redlicher Intellektueller bezieht Bittner auch die russische Position in seine Überlegungen ein und zitiert aus der Rede Putins vor dem Deutschen Bundestag im September 2001, in der er für eine weitgehende Kooperation mit Deutschland und der EU plädierte. Und auch in der Rede des russischen Präsidenten im Kreml aus dem März 2014, entdeckt der Autor Verhandlungsbereitschaft der russischen Seite und die Werbung „um einen fairen Umgang miteinander“. Fast resignierend stellt Bittner fest, dass Putins Überlegungen immer wieder als „Propaganda“ abgetan werden, statt wenigstens deren Gehalt auszutesten. Und er kommt zu einer galligen Frage: „Aber was ist von einer Regierung zu halten (gemeint ist die deutsche), die ständig die eigene Verfassung bricht, um die hochbrisante Kriegstreiberei der USA mitzumachen?“

Von einer eindringlichen Skizze des ukrainischen Ministerpräsidenten Arsenji Jazenjuk, die ihn als Stellvertreter Washingtons in Kiew ausweist, über den Verfall des „Hoffnungsträgers“ Obama bis hin zum offenen Brief von acht ehemaligen US-Geheimdienstlern an Angela Merkel, enthält Bittners Buch ein Ensemble von Beweisen und Gedanken, die den ziemlich gelungenen Versuch der USA zur Eroberung der EU belegen. Einmal allerdings sind Zweifel an Bittners Text angesagt. So, wenn er annimmt, dass nach Obamas Verkündung, „die USA würden in der Ukraine nicht militärisch eingreifen“, die akute Kriegsgefahr in Europa gebannt sei.

Während Bittners Buch gerade die Leser erreicht verkündete der Nato-Oberkommandeur, der US-General Philip Breedlove: „Wir haben Kolonnen russischer Ausrüstung gesehen, vor allem russische Panzer, russische Artillerie, russische Luftabwehrsysteme und russische Kampftruppen, die in die Ukraine gebracht werden.“ Breedloves Behauptung wird ohne jeden Beweis von den deutschen Medien einfach weitergereicht. Die Kriegsgefahr ist nicht gebannt. Und genau deshalb ist Wolfgang Bittners Buch ein richtiger und wichtiger Beitrag zu jener antikolonialen Debatte, die in Europa geführt werden muss, wenn die Völker der alten Welt ihre Selbstständigkeit zurück gewinnen und den Frieden bewahren wollen.

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Grafikquelle  :     Karikatur über Helmut Schmidt, Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder zum Kölner Parteitag der SPD 1983

Source Own work
Author Kevin Fuchs

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Was bleibt

Erstellt von Rationalgalerie am 12. November 2014

Christa Wolfs Moskauer Tagebücher

Autor: U. Gellermann

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Datum: 11. November 2014
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Buchtitel: Moskauer Tagebücher
Buchautor: Christa Wolf
Verlag: Suhrkamp

Heute würde Christa Wolf – lebte sie denn noch – als Russland-Versteherin bemerkt und gegeißelt werden. Denn sie kannte die Sowjetunion gut, dieses Nationenkonglomerat, das ob seiner gemeinsamen russischen Verständigungssprache und der gemeinsamen Geschichte russisch dominiert und geprägt war. Sie, die sehr deutsche Schriftstellerin, hätte weder das Leid, das wir den Russen angetan haben, vergessen, noch die Hoffnung, die Sozialisten in aller Welt mit dem ersten sozialistischen Land verbanden, und dessen Selbstzerstörung sie aus der Nähe beobachtete und notierte. Genau in diesen Tagen, in denen sich das russisch-deutsche Verhältnis um jeden Tag verschlechtert, an dem die USA die deutschen Verhältnisse diktieren, liegen die „Moskauer Tagebücher“ der Schriftstellerin vor. In dieser Arbeit – sorgsam ediert von Gerhard Wolf – kann man dem nachspüren, was der Untertitel der Tagebücher verheißt: „Wer wir sind und wer wir waren“.

Gleich bei der ersten Reise 1957 trifft Christa Wolf eine lebendige Hoffnung auf ein anderes, besseres System: Auf eine Kellnerin, die Größen der Weltliteratur „Pushkin, Lermontow, Gogol usw.“ liest, und die darüber mit der Schriftstellerin redet. Die Begebenheit erinnert an das Lenin-Zitat von der Köchin, die in Lage sein muss, die Staatsmacht auszuüben; an eine emanzipatorische Idee, die weit über das alltägliche Geschwätz von der Freiheit hinausragt, in jenes Reich der Freiheit, in dem die materiellen und geistigen Bedingungen des Einzelnen die Freiheit aller garantieren. Lange Jahre später, auf der sechsten Reise, trifft sie auf den Schriftsteller Efin Etkind, der wegen seiner Unterstützung Solschenyzins ins Ausland emigrieren musste. Es ist dieser Schriftsteller, der in der Stasi-Akte zu Christa Wolf erwähnt wird. Eine Notiz des russischen Geheimdienstes hatte den Kontakt der Autorin mit dem verfemten Etkind vermerkt. Und von ihm findet sich auch, auf den letzten Seiten der Tagebücher, eine Kurzgeschichte, die von der brutalen Judenverfolgung in der Sowjetunion der frühen 50er Jahre handelt.

Zwischen den Polen einer sozialistischen Morgenröte, die für Christa Wolf über den Trümmern des deutschen Faschismus erglühte, und deren trübe reale Abenddämmerung bis in die Perestroika reichte – dem unzureichenden Versuch der alten Sowjetunion eine neue Verfassung zu geben – bewegen sich die Notizen der Schriftstellerin. Es sind die Erinnerungen der großen Autorin, die unerschrocken hinschaute, nachdachte, schrieb und doch „nicht auf den Traum von einem sozialistischen Deutschland verzichten“ wollte. So jedenfalls schrieb es der russische Dichter und Dissident Lew Kopelew in seinem Aufsatz auf, mit dem er die ebenso dumme wie eklige Reich-Ranicki-Kampagne gegen die vorgebliche „Staatsdichterin“ energisch zurück wies. Auf den Seiten dazwischen treffen wir auf alle möglichen russischen Menschen und Zustände, aber auch auf Max Frischs russisches Tagebuch (Frisch und Wolf trafen sich auf einer Schriftsteller-Reise in der Sowjetunion), auf russische Autoren und Funktionäre und auf ein bemerkenswertes, überraschend aktuelles Interview, das Christa Wolf auf ihrer siebten Russlandreise 1973 mit dem Schriftsteller Konstantin Simonow geführt hat.

Simonow, der den Krieg der Deutschen gegen die Russen im Range eines Oberst der Roten Armee und als Kriegsberichterstatter erlebte und die Mordbrennerei mit eigenen Augen gesehen hatte, war nicht vom Hass gegen die Deutschen erfüllt. In seinem Gespräch mit Christa Wolf glaubte er entschieden zu wissen, dass es keine europäische Zukunft ohne das gäbe, was die Deutschen und die Russen verbindet. Und er wußte nicht nur vom „Hamburger Aufstand“ zu erzählen, sondern hatte eben auch von Lessing, Goethe und Schiller bis hin zu Heinrich Böll den Kanon der deutschen Literatur gelesen. Simonow zählt zu der langen Reihe russischer Autoren, die den Krieg zum zentralen Thema ihrer Arbeit machten. Es ist nicht zufällig, dass es kaum Deutsche gibt, die aus diesem Krieg, den die Russen den „Großen Vaterländischen“ nennen, Literatur entwickelt haben. Und es ist auch kein Zufall, dass die wenigen Schriftsteller, die sich dieses Themas annahmen – Erich Loest, Hermann Kant und Dieter Noll – in der DDR zu Hause waren. Im Westen – sieht man von den unerträglichen, die Wehrmacht reinwaschenden Groschen-Romanen der „Landser“-Heftchen ab – wurde der Vernichtungskrieg ebenso beschwiegen wie lange Zeit der Holocaust. Über den Krieg in Russland schweigt das vereinte Deutschland bis heute.

Was bleibt, was ist geblieben? Es bleibt ein weiteres, posthumes Buch einer aussergewöhnlichen Schriftstellerin. Ein Buch, das die Haltung von Christa Wolf spiegelt: Aufrichtig, anständig, selbstkritisch und nachdenklich. Ein Buch, das wie ein Steinbruch sein könnte, aus dem Erkenntnis-Stein für Erkenntnis-Stein für den Bau eines europäischen Hauses unter Einschluss Russlands entnommen werden könnte – wenn die politische Macht nicht in den Händen von geschichtsvergessenen Idioten läge.

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Grafikquelle    :

Christa Wolf (Oktober 1989)

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Ein Selfie-Roman

Erstellt von Uli Gellermann am 21. Oktober 2014

Wie Damir Karakas über sich selbst schreibt

Self-portrait by the depicted Macaca nigra female

Autor: U. Gellermann

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Datum: 20. Oktober 2014
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Buchtitel: Ein unvergleichlicher Ort für das Unglück
Buchautor: Damir Karakas
Verlag: Dittrich

Man sieht sie mit ausgestrecktem Arm durch die Gegend gehen. Wie Traumwandler durchstreifen sie Landschaften und Städte, am Ende des Arms, in der Hand, ruht das Foto-Handy. Und die Inhaber des Arms fotografieren immer nur sich selbst: Vor dem Eiffelturm, vor der Clique, vor dem Baum im Park. Diese Gattung der Fotografie wird „Selfie“ genannt, Englisch natürlich, und ist unversehentlich nur um Haaresbreite vom ebenfalls englischen „selfish“ (selbstbezogen) entfernt. Einen solchen Flickenteppich von Selfies legt Damir Karakas als autobiografischen Roman vor. Den Hintergrund liefert Paris und ganz vorne im Bild steht immer Karakas und Karakas und Karakas.

Aus Kroatien kommt Karakas, aus einem dieser Länder, das sich die jeweiligen Nationalistenführer blutig aus dem alten Jugoslawien herausgeschnitten haben. Im Fall Kroatiens unter der freundlichen Mithilfe Deutschlands, die Deutschen hatten dort alte Beziehungen und es waren allerdings keine zu den früheren Anti-Hitler-Partisanen. Jetzt nun, in Paris, scheinen die alten balkanesischen Feindschaften vergessen. Gut, exilierte Kroaten haben immer noch kein herzliches Verhältnis zu den exilierten Serben, aber gemeinsam ist man Strandgut, von den Wellen westlicher Politik in ein Paris der Flüchtlinge getrieben. Man lebt mit kürzestfristiger Aufenthaltsgenehmigung, von der Hand in den Mund, von Schwarzarbeit, im Karakas-Fall von den Karikaturen, die er den Touristen verkauft und von der Idee seinen kroatischen Roman ins Französische übersetzen zu lassen, um endlich jenen internationalen Ruhm zu erreichen, dessen matter Glanz bisher nur in Kroatien schimmert.

Dunkel liegt der Schatten seines Bartes auf der Mundpartie, balkanesisch-düster glimmen die Augen des Schriftstellers auf dem Foto des Buchumschlages, verwegen schneidet die Krempe seines Hutes die Stirn: Ich kann auch anders, sagt das Bild. Im Roman kann er vor allem eines: Freundliche Frauen ausnutzen. Nahezu seriell schläft er mit ihnen und so schreibt, beschreibt er auch die Beischlaf-Szenen: Schnell und selfish. Da dem Autor wenig an den Damen liegt, kann er auch beim Leser kaum Interesse für die Objekte seiner Obsession erwecken, die, kaum benutzt schon entledigt, eben nur die Hintergründe abgeben.

Vordergrund macht Bild gesund, so lautet eine alte Fotografenweisheit. Doch nur wenige Fotografen kämen auf die Idee den immer selben Macho in der immer gleichen Einstellung zu fotografieren. So erfährt der Leser zwar von den sozialen Verwerfungen des Einwanderer-Paris. Und alles ist so schön authentisch. Aber die flotte Schreibe imitiert nur Empathie, pinselt das Elend pittoresk und immer ist man gewiss: Was da aufgeschrieben, dient dem kleinen Ziel eines Autors groß rauszukommen.

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Der Joschka-Stammtisch

Erstellt von Uli Gellermann am 17. Oktober 2014

Ein Fischer-Buch zur Europäischen Union

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 16. Oktober 2014
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Buchtitel: Scheitert Europa?
Buchautor: Joschka Fischer
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Schon im Vorfeld der Buchpräsentation des beinahe berühmten Autors Joschka Fischer wurde dessen große Bedeutung heftig unterstrichen: Vor Pressekonferenz und Rezension musste der Rezensent schriftlich versichern, nichts vorab über das Buch „Scheitert Europa“ zu veröffentlichen: Per Fax, unterschriftlich und schadenersatzpflichtig. Während der Pressekonferenz zum Buch im Haus der GRÜNEN Böll-Stiftung roch es dann nach Brötchen, nach ziemlich kleinen Brötchen. Wenn auch pompös dargeboten: Viele Kameras, viel Gewese für einen Ex-Außenminister.

Das Pompöse auch gleich zum Auftakt des Fischer-Buches: Zwei Seiten einer Churchill-Rede aus dem Jahr 1946. Der hatte schon damals im September in Zürich zur Gründung der „Vereinigten Staaten von Europa“ aufgerufen. Wenn Fischer ihn heute zum Kronzeugen für seine Vorstellung von Europa auftreten lässt, dann meint er damit vorrangig Marketing: Churchill ist bedeutend, ich auch, zusammen sind wir noch bedeutender. Nicht aufgefallen ist dem Europa-Autor offenkundig die Hohlheit jener Churchill-Phrase in dessen Rede, in der er die „Errettung der Menschen aller Rassen und aller Länder aus Krieg und Knechtschaft“ fordert. Denn zu jener Zeit ächzten Indien und Pakistan noch unter dem Stiefel englischer Kolonial-Soldaten, waren rund zehn afrikanische Staaten noch in britischen Kolonial-Fesseln gefangen und es sollten, bis sie sich selbst aus „Krieg und Knechtschaft“ befreit haben würden noch viel Blut fließen. So isser, der Fischer: Da schlägt jemand wie Churchill mit dem imperialen Kochlöffel auf irdenes Geschirr und der ehemalige Außenminister gibt es für tönendes Erz aus.

In seinem eigenen Text ist es dann eher Blech, aus dem er der Europäischen Union eine Zukunft schmiedet: Eine lange Nacherzählung der Finanzkrise mündet bei ihm notwendig in der „Zentralisierung“ europäischer Macht als Heilmittel. Da fragt er nicht lange für wen und für was, und preist erneut die von Schröder und ihm 2003 verkündete Agenda 2010 als „überfällige Struktur-Reform“ als „unabweisbar“. So ging und geht es dann der deutschen Unterschicht wie den Indern und Afrikanern: Errettung gilt nur der weißen Oberschicht, die Hartzer werden so lange in Knechtschaft verharren, wie sie sich nicht selbst befreien.

Doch gibt es bei Fischer immerhin zwei Gedanken im Buch, die unabweisbar richtig sind: Er notiert die Ängste unserer Nachbarn vor einem „deutschen Europa“ und zitiert deren Sorgen, dass sie unter „deutscher Vormundschaft“ stünden. Auch die zweite Fischer-Erkenntnis, nach der die Europäische Zentralbank „faktisch als eine Art Ersatzregierung“ agiert, ist nicht von der Hand zu weisen. Errettung aus dieser ihm misslichen Situation findet der Autor in der Geschichte der EU: Sie sei nicht „auf Umfragen und Mehrheitsstimmungen gebaut“. Sie wurde „vielmehr von Staatsmännern gebaut, die nicht nach Popularität schauten“. Derartig auf Macht und Mächtige fixiert entgeht dem einstigen Straßenkämpfer, dass genau hier, in mangelnder Legitimation, im undemokratischen EU-Apparat die Krise der EU liegt: Die europäische Bevölkerung muss den `dummen´ Inder spielen und die Fischers machen den Churchill.

Zuweilen verirrt sich Fischer in die Weltgeschichte und dann blinzelt der kleine Josef hinter der großen Fischermaske hervor: Europa sei einfach historischer als andere Weltregionen, zum Beispiel sieht er Ost- und Südostasien seit 2000 Jahren von China bestimmt. So alte Kulturstaaten wie Japan und Vietnam verschwinden dann, zugunsten der Vereinfachung, mal eben unter Fischers Stammtisch. Und wenn er dann der europäischen Geschichte zu nahe tritt, befragt er sie nach der wissenschaftlich verbotenen Was-Wäre-Wenn-Methode: Was wäre „wenn es dem Haus Valois im Spätmittelalter gelungen wäre, eine machtpolitische Restauration des mittleren Erbteils der karolingischen Erbfolge auf Dauer durchzusetzen?“ Hier kommt der versammelte Fischer-Chor zu einer verblüffenden Erkenntnis: „Die Geschichte verlief anders“. Dass immerhin zwölf französische Könige aus dem Hause Valois und seinen Nebenlinien stammten, was macht das schon, wenn es doch um den Fischer-Ritt durch die Geschichte geht?

Schließlich kommt Fischer zur „Strategischen Krise Europas“, die ihm besonders im Ukraine-Konflikt deutlich wird: Der Russe sei es, der mit „militärischer Gewalt“ eine Revision der postsowjetischen Staatsordnung anstrebe. Die EU habe der Ukraine „ohne böse Absicht“ einen Handelsvertrag angeboten. Hier schafft es der Autor sein bisheriges Niveau noch zu unterbieten: Dass im harmlosen „Handelsabkommen“ auch eine Sicherheits- sprich militärpolitische Passage existiert, die den Russen das Messer an die Kehle setzt, verschweigt er einfach. Ohne böse Absicht versteht sich. Dann kartet er noch seine Niederlage als Pipeline-Lobbyist nach, wenn er die Ostsee-und Schwarzmeer-Pipelines als Geldversenkung charakterisiert und die ukrainischen Blockade-Spielchen bei der Durchleitung des russischen Gas nach Westeuropa schlicht unterschlägt. Höhepunkt der geistigen Falschmünzerei ist dann seine Behauptung der EU als „Friedensprojekt“, obwohl jede Menge EU-Mitglieder die Kriege der USA im Irak, in Libyen und in Syrien fröhlich begleitet oder sogar vorangetrieben haben. So steuert das NATO-Mitglied Joschka Fischer tapfer im Dunkel seiner Gedanken pfeifend auf die „Vereinigten Staaten von Europa“ zu, die er sich nur im Bündnis mit den USA denken kann. Aber warum sie dann notwendig sein sollten, verschweigt er ebenso, wie er kein einziges Wort über das imperiale Handelsabkommen TTIP verliert. Diese Sorte Europa darf getrost scheitern.

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Fotoquelle: Wikipedia -Author Evergreen68

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Merkel – Kohl = Hopp und Ex

Erstellt von IE am 8. Oktober 2014

Eine Geschichte ohne Helden – politischer Dreck eben

„Die Übergabe des Kaufpreises für die DDR in Bonn“ im Rahmen der BRDigungs-Aktion „Das letzte Geläut“

Sind die in den letzten Tagen zu lesenden Reaktionen in der Presse auf die Buch- Veröffentlichung der Journalisten Heribert Schwan und Jens Tilmann, zu deren Erinnerungen an Helmut Kohl nicht verständlich? Wollen wir vielleicht einfach nicht erkennen, dass sich hier viele der Haus und Hofschreiber unseres politischen Helden nun wie verschmähte Liebhaber fühlen?  Über viele Jahre hinweg haben sie sich, vollkommen außerhalb jeglicher Realität aus einen einfachen Menschen einen „Vereinigungshelden“ gestrickt, welchem jetzt die Unterhosen heruntergezogen werden.

Und dann bleibt genau das über, was wir von einen jeden anderen Menschen auch sehen, ein Ebenbild unser aller selbst, nicht mehr und nicht weniger. Selbst nach seinem Ableben, ich wünsche ihm noch viele lebenswerte Jahre, bleibt wie bei jeden von uns nur der Staub zurück.

Was ist wichtig daran, was ein Helmut Kohl irgendwann in seinem Leben gedacht oder gemacht hat? Allenfalls für diejenigen welche auch noch nach seinem Ableben aus seiner Ikone ein Geschäft machen möchten. Die Partei, die Schreiber der Historie und vielleicht die Verkäufer des Pfälzer Saumagen. Diese alle werden aber ehe nur das für Sie interessante aus den Hinterlassenschaften herausfiltern, ein jeder das, was er für sich braucht.

Ansonsten, wenn Mahner schon einmal den warnenden Finger gegen die Politiker erheben,  heißt es doch nur allzu schnell, dass Ethik und Moral in der Politik ehe fremd am Platze sind. Warum also jetzt dieses Gezeter, die Abhängigkeit muss doch allzu groß gewesen sein.

Ja, warum eigentlich sollen die Aussagen über Merkel nicht zutreffen. Stellen wir uns nur einmal vor Obama wäre der Deutsche Präsident. Dieser hat seine Wurzeln in Afrika. Oder gar Philipp Rösler welcher aus Vietnam zu uns fand. In Asien und Afrika wird heute noch mit den Fingern gegessen, da die Speisen angeblich besser munden. Das natürlich eher nicht in Lokalitäten in welchen Politiker verkehren und der Steuerzahler dann für die Rechnung aufkommt. Merkel stammt eben aus der Uckermark und sowohl in Asien als auch in Afrika finden wir größere Städte als in Europa, in denen man auch heute noch mit den Fingern isst und das vorhandene Besteck in der Schublade bleibt und den weißen Gästen angeboten wird.

Überhaupt, die Aussagen bestätigen doch eindeutig die Thesen welche immer wieder geäußert werden und der Spruch „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ kommt doch nicht von ungefähr. Sind es nicht die Spinner aus den verschiedensten  Ideologien welche sich in einer dumpfen Ausschließlichkeit für etwas Besseres halten? Unterschiede zwischen Putin, Kim, Obama, Merkel, Junker, Schröder oder auch Kohl und Schmidt sehen wir eher weniger.

Sie alle sind von einer scheinbar krankhaften Gier besessen etwas Besseres darstellen zu müssen. Sie fühlen sich dazu berufen, anderen Ihren Weg erklären zu müssen auch wenn er sich bereits hunderte Male zuvor als falsch erwiesen hat. Dabei vergessen sie den aufrechten Gang für sich selbst. Sie haben das Glück nicht in einen anderen Zeitalter geboren zu sein. Oder wer glaubt dass ein Nero, oder Caligula, Stalin oder auch Adenauer anders tickte? Über Menschen mit Oberlippenbärtchen wollen wir besser schweigen.

Schreiber welche die Politiker von Ethik und Moral entlasten, sollten sich auch besser der Stimme enthalten wenn es um die Charaktere bestimmter Personen geht. Denn wenn ein Mensch in die Lage versetzt wird einmal Macht ausüben zu können, und damit sofort seine Herkunft und sein Aufwachsen vergisst, sollten wir Diese ebenfalls vergessen.

Auch Merkel fühlt sich heute fortlaufend von Trotteln umgeben, oder warum werden Frankreich und anderen Ländern in Europa immer wieder Deutsche Eigenschaften aufgedrängt welche für diese außerhalb ihrer Mentalität stehen. Zumal am Deutschen Wesen doch schon einmal die Welt genesen sollte. Vielleicht mag Merkel so klug wie Kohl sein. Toleranz scheint aber für Beide ein Fremdwort zu sein. Interessant ist schon das Kohl in diesen Zusammenhang jetzt Menschenfeindlichkeit unterstellt wird und Merkel und Schröder dagegen nicht?

Ist denn allen wirklich der Spruch von der Selbsterhöhung und einer darauf folgenden Erniedrigung aus dem Gedächtnis entschwunden? Heribert Schwan teilt seine Erfahrungen welche er mit Helmut Kohl gemacht hat mit. Alle Journalisten machen das gleiche. Edward Snowden macht bei genauer Betrachtung nichts anderes und wird dafür zu Recht gefeiert. Ich glaube es würde uns allen besser zu Gesicht stehen, über die miesen Kreaturen nachzudenken welche über uns regieren. Werfen wir den Dreck nicht so hoch, damit er hinterher weniger Staub aufwirbelt.

Eine Geschichte ohne Helden

ORTSTERMIN Die Journalisten Heribert Schwan und Tilman Jens stellten in Berlin das Kohl-Buch „Vermächtnis“ vor – ein Dokument der Niedertracht

VON STEFAN REINECKE

Der Journalist Heribert Schwan hat 2001 und 2002 lange Interviews mit Helmut Kohl geführt. Daraus hat er nun mit Tilman Jens, einem Journalisten, der mit dem Hammer zu arbeiten weiß, das Buch „Vermächtnis“ gemacht. Ob das legal ist oder ob Kohl die Rechte an den Interviews zustehen, ist umstritten.

Das Bild, das in „Vermächtnis“ von dem Exkanzler entsteht, ist nicht neu. Der Politiker Kohl verachtete unbeirrbar alle, die ihm nicht bedingungslos ergeben waren. Seine vernichtendes Urteil über Norbert Blüm („Verräter“) oder sein Zerwürfnis mit Schäuble sind lange bekannt. Überraschend aber sind das Ausmaß der Menschenfeindschaft und die Härte von Kohls Verdikten, die Schwan und Jens genüsslich zitieren. In dem Buch sind sie kursiv gedruckt, damit die Leser die Stellen schneller finden.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Author Kurt Jotter

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„Frauen sind nicht immer Opfer“

Erstellt von IE am 5. Oktober 2014

„Ich kann das Wort ,Opfer‘
für meine Romane nicht ausstehen“

.BUCHMESSE Sofi Oksanen ist der Star der finnischen Literaturszene. Sie hält am Dienstag die Auftaktrede zur Frankfurter Buchmesse für den diesjährigen Ehrengast Finnland. Mit der taz spricht sie über ihren neuen Roman „Als die Tauben verschwanden“, über Frauen, Esten, Nazis, Sowjets – sowie die aktuelle russische Propaganda

INTERVIEW RUTHARD STÄBLEIN

Sofi Oksanen lädt ein in ihr Lieblingscafé. Es liegt in einem alten Arbeiterviertel in Helsinki. Es gibt Kuchen. Mehrere Vogelbauer hängen im Raum, den Vogelgezwitscher, Tassenklappern, Gespräche erfüllen. Der Caféplüsch steht im Kontrast zum Aussehen und Auftreten von Sofi Oksanen. Mit ihrem schwarzen Post-Punk-Lederrock, dem langen Haarteil aus Dreadlocks, dem überschminkten, vollen Mund. Really gothic.

Sofi Oksanen landete mit ihrem Roman „Fegefeuer“ einen Welterfolg. Mit einer gewissen Aliida als Hauptfigur. Der neue Roman hat den Titel „Als die Tauben verschwanden“. Ihre neue Heldin heißt Judith. Was ist der mythologische Hintergrund?, frage ich Sofi Oksanen; zuerst auf Deutsch, dann auf Englisch. Sie unterbricht mich.

(…..)
Die russische Propaganda bezeichnet ihre Feinde häufig als „Faschisten“.

Ja, das Wort von den „Faschisten“ ist wohl das wichtigste Werkzeug in der russischen Propaganda. Das war auch eine der Schlüsselideen von Stalin: Man spricht nicht über den Zweiten Weltkrieg, sondern ausschließlich über den „Großen Vaterländischen Krieg“. Für die Russen existiert der Begriff „Zweiter Weltkrieg“ nicht. Es ist immer nur vom „Großen Vaterländischen Krieg“ die Rede, nie von den Juden, vom Holocaust, von Rassenverfolgung. Nur vom Leiden der russischen Menschen und der Verteidigung von Russland. Nie sprechen sie vom Nationalsozialismus. Das ist zu nahe an „Sozialismus“. Um die Nähe zu vermeiden, bezeichnen sie den Nationalsozialismus ausschließlich als Faschismus. „Faschismus“ war und ist das Wort der Wörter. Es steht für alle, die gegen das autoritäre Russland sind, in der Ukraine, überall. Homosexuelle, der Westen, alles Faschisten!

Und dieses entgrenzende Gerede vom Faschismus erlaubt es dann, sämtliche Mittel gegen die Gegner einzusetzen?

Genau, so ist es.

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Fotoquelle: Wikipedia – Author Lesekreis

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Apartheid als Staatsräson

Erstellt von Uli Gellermann am 19. September 2014

Wie der Philosemitismus die Menschenrechte ignoriert

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 18. September 2014
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Buchtitel: Das unheilvolle Dreieck Deutschland, Israel und die Palästinenser
Buchautor: Arn Strohmeyer
Verlag: Gabriele Schäfer

Gegen Judenhass hatten sie jüngst in Berlin demonstriert – die Merkels, die Gaucks und Gabriels – nicht gegen Russenhass, nicht gegen Islamhass, nicht gegen Xenophobie. Als hätten die paar Idioten, die jüngst am Rande von Demonstrationen gegen das Schlachten in Gaza antisemitische Parolen riefen, den deutschen Staat erschüttert und die hochrangige Image- Reparatur-Brigade aus Staat und Regierung auf den Plan gerufen. Tatsächlich gibt es nicht wenige Deutsche, die nach dem erneuten Morden in Gaza die unerschütterliche Solidarität mit Israel in Frage stellen. Was das mit Antisemitismus zu tun haben soll, auch wenn es immer wieder und gern behauptet wird, bleibt ein Rätsel. Der Autor Arn Strohmeyer hat sich mit seinem Buch „Das unheilvolle Dreieck – Deutschland, Israel und die Palästinenser“ genau dieser Frage gewidmet und sie gewissenhaft, kenntnisreich und anständig beantwortet.

Strohmeyer erinnert daran, dass die Palästinenser die deutsche Zeche zahlen, das es ihr Land ist, das man den Israelis nicht zuletzt deshalb zugesprochen hat, weil die Deutschen einen millionenfachen Mord an Juden verübt hatten, und der alte zionistische Siedlungsplan so einen moralischen Schub bekam, der zumindest in Deutschland bis heute anhält. Weil diversen israelischen Regierungen die alten Grenzen aus der Zeit vor 1967 nicht ausreichten, Grenzen die international weitgehend akzeptiert wurden, wollen sie bis heute die realen staatlichen Grenzen Israels nicht festlegen: Es gibt ja noch jede Menge Quadratkilometer im Westjordanland, die nicht von israelischen Siedlern besetzt sind und die, nach dem sonderbaren, biblisch verbrämten Glauben einer israelische