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Archiv für die 'Bücher' Kategorie

1 Pfund Merkel für 19,99 €

Erstellt von DL-Redaktion am 20. Juni 2017

Hass, sachlich hergeleitet

File:Karikatur Merkel als Marionette.jpg

Merkel-Abscheu für 19,99 Euro: Vor der Wahl präsentieren ein paar übliche Verdächtige ihr Anti-Kanzlerin-Buch. Mit dabei: Thilo Sarrazin.

Autorin Anja Maier

Angela Merkel ist ein gefühlloser Klotz. Eine Machtpolitikerin ohne Gewissen. Eine Karrieristin vom Stamm der untergegangenen DDR. Zudem eine miese Parteivorsitzende, eine kühle Opportunistin und eine Enttäuschung für „Deutschlands Juden“. Sie ist schuld am Brexit und gilt in Österreich als „Minusfrau“. Merkel ist ein „hohles C“ und übrigens die Feindin aller Hausfrauen. Um es mit Thilo Sarrazin zu formulieren: „Angela Merkels Ziel ist die Verbesserung der Welt auf Kosten Deutschlands.“

Der frühere Bundesbanker und Immer-noch-SPDler war am Montag vom Finanzbuchverlag als Kronzeuge aufgeboten worden, um in Berlin den Sammelband „Merkel: Eine kritische Bilanz“ vorzustellen. In dem Buch wird auf 256 Seiten der Versuch unternommen, der Kanzlerin kurz vor der Bundestagswahl noch eins mitzugeben. Für 19,99 Euro bekommt man ein Pfund Merkel-Abscheu, zusammengerührt von den üblichen Verdächtigen.

19 Männer und gerade mal 3 Frauen haben ihre hinlänglich bekannten Vorurteile aufgewärmt. Unter ihnen der erwähnte Sarrazin sowie Pegida-Versteher Werner Patzelt von der TU Dresden. Außerdem noch die „Bluse zu“-Propagandistin Birgit Kelle und ihr Einblick-­Chefredakteur Roland Tichy. Die „kritische Bilanz“ des 22-köpfigen Merkel-Gerichts fällt entsprechend negativ aus.

Schade eigentlich. Es ist ja nicht so, dass die Arbeit der Kanzlerin keiner Kritik bedürfte. Doch so, wie die Sache hier verhandelt wird, kann von Ab­wägungen, gar von tatsächlicher Erörterung oder von Erkenntnisgewinn nicht die Rede sein. Das Buch könnte auch „Merkel muss weg!“ heißen. Aber derlei sagen ja nur die ganz Schlichten.

Also wird versucht, den Hass auf Merkel sachlich zu begründen. Der Herausgeber, FAZ-Wirtschaftsredakteur Philip Plickert, listet Merkels ärgste Verbrechen auf. Als da wären: ihre Haltung in der Energiewende („ein Irrweg“), ihre Europolitik („ein Trauerspiel“), ihr Agieren in der Flüchtlingskrise („kopflos“). Die mitschreibende Kollegin auf dem Nebenplatz gähnt hier bereits zum zweiten Mal.

Quelle : TAZ >>>>> weiterlesen

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Trump im Russen-Sturm

Erstellt von DL-Redaktion am 12. Juni 2017

DPA komponiert, TAGESSCHAU orchestriert

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/dc/Tagesschau_logoen_2013-07-11_13-56.jpg

Autor: U. Gellerman

Donald Trump ist ein Idiot. Dass jedenfalls ist in Deutschland fast überall zu lesen, zu sehen, zu hören. Nicht immer so krass, aber immer öfter. Nicht immer so deutlich, aber immer lauter. Nicht immer so offen, aber immer klarer: Der Mann muss weg! Der Abmarsch von Trump ist in deutschen Medien ziemlich beschlossene Sache. Und die Katzenmusik, die man dem US-Präsidenten zum Abgang spielt, quietscht zwar schauerlich, ist aber sorgsam orchestriert und dirigiert. Ein Beispiel für ein Medien-Stück der besonders schrägen Art lieferte jüngst eine Kooperation von DEUTSCHER PRESSEAGENTUR (DPA) und TAGESSCHAU: „Eine Wolke über Trumps Präsidentschaft“ lautete die Überschrift, und die Wolke, versteht sich, ist die „Russland-Affäre“. Das ist die DPA-Wolke, aus der ein Russen-Sturm kommt.

Diese düstere Wolke, in einem Text von DPA zusammengeballt und von der TAGESSCHAU über den deutschen Medienhimmel getrieben, bewässerte dann umgehend die BZ in Berlin, die GLOCKE im tiefen Westfalen, die FR in Frankfurt, die Saarbrücker Zeitung, die Rhein Zeitung, die Chemnitzer Morgenpost und hätte beinahe auch den OSSERVATORE ROMANO in deutscher Sprache noch bepinkelt, wenn sich nicht der Papst quergestellt hätte. Denn die DPA wird immer und überall zitiert, und die TAGESSCHAU ist offenkundig ihr Prophet. Die „dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH“ ist die größte Nachrichtenagentur der Bundesrepublik Deutschland und ist ein Muss für jede Redaktion. Sie unterhält in Deutschland zwölf Landesdienste, hat 680 Beschäftigte, und im Jahr 2015 lag ihr Umsatz bei etwa 90,7 Millionen Euro. Die DPA sollte sich nicht „Dienst“ nennen, denn sie dient nicht, sie herrscht die Journalisten in den Redaktionen an: Schreib dies! Unterschlag jenes! Denn wenn die Konkurrenz die DPA-Meldung bringt und das eigene Medium nicht, dann biste draußen. Bringste aber was, das nicht durch eine DPA-Meldung geheiligt wurde, dann ist der Text zweifelhaft. Zweifelhaft wie anrüchig, wie fragwürdig, wie dubios.

„Wir wollen nur über Ereignisse berichten, die wir mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört haben.“ So pinselt die DPA ihren Ethos an die Redaktions-Wand und kommt dann zu diesem Wolken-Text: „Schnell kam der Verdacht auf: Die Computer der Clinton-Partei wurden im Auftrag Russlands gehackt.“ Hat die DPA den Verdacht wohl selbst gesehen? Oder doch nur in irgendeiner Washingtoner Hotel-Lobby zwischen dem zweiten und dem dritten Martini zugeflüstert bekommen? Weiter schreibt die Agentur: „US-Geheimdienste kamen zu dem Schluss, dass Russland tatsächlich dahinterstecke.“ Irgendjemand kommt immer zum Schluß, vor allem wenn er am Ende ist. Und Geheimdienste, das weiß der DPA-Redakteur genau, sind total verlässliche Zeugen: Sie haben keinen Namen, sie widersprechen nie, und vor Gericht sind sie auch noch nie gesehen worden. „Schon während des Wahlkampfes hatte es möglicherweise Kontakte von Trump-Leuten zu russischen Regierungsstellen gegeben“ tut uns DPA kund. MÖGLICHERWEISE! Dafür hätte man einst Blatt-Verbot für drei Monate erteilt. Aber die DPA setzt noch eins drauf: „Trump-Gegner sehen dies als mögliche Einflussnahme auf die Justiz. Dies nährte den Verdacht, dass Trump eigene oder politische Interessen in der Russland-Affäre hat.“ Niemand ist so vertrauenswürdig wie ein Trump-Gegner wenn es um Trump geht, oder? Und die Nährung eines unbewiesenen Verdachtes findet immer an der Brust der Missgunst und der Zitze der üblen Nachrede statt. Und eine „mögliche“ Einflussnahmen ist als Nachricht ungefähr so bedeutend wie keine Einflussnahme. Das weiß jeder. Außer der DPA. Und diesen Schrott-Text wagt die Macht um Acht, die mächtige Tagesschau, über die Bildschirme zu verbreiten.

Aber aber, die Öffentlich-Rechtlichen sind doch keine Macht, erzählt der Märchenerzähler um die Ecke oder der Regierungssprecher. Die heißen doch schon rechtlich, da wird es wohl mit rechten Dingen zugehen. – Die ARD, der Betreiber der Tagesschau und anderer Nachrichten-Jonglagen, ist im Spiegel-Ranking der größten Medienkonzerne Deutschlands auf Platz zwei. Denn die ARD, die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland, ist das größte öffentlich-rechtliche Medienunternehmen der Welt. Und die Einnahmen aus Rundfunkgebühren und Werbung übersteigen die Budgets der meisten kommerziellen Medienkonzerne. Ihr Umsatz lag 2012 bei 6,27 Milliarden Euro. Da kann der legendäre Springer-Konzern nur abstinken: Der bekam mal gerade einen Umsatz bei 3,31 Milliarden Euro zustande. Und wenn man jetzt noch den öffentlich-rechtlichen ZDF-Jahres-Umsatz von rund zwei Milliarden Euro zu den ARD-Milliarden hinzuzählt, dann weiß man was man hat: Das Volkserziehungs-Monster Nummer 1. Denn mit den Weihen der Überparteilichkeit und der Objektivität ausgestattet, versorgen die Öffentlich-Rechtlichen jeden deutschen Haushalt mit der amtlich angesagten Denke. Kein Wohnzimmer ohne TAGESSCHAU, kein Kinderzimmer ohne „1, 2 oder 3 die Quizshow“ moderiert von der Intelligenz-Bestie ELTON, dem Mann, der schon bei ProSieben das Niveau unter Null drückte. Keine private Polit-Debatte ohne Schein-Argumente aus der Manipulationsrunde bei Anne Will. Kein Weihnachten oder Neujahr ohne die Verkündigungsstunde von Präsident oder Kanzler. Kaum eine politische Aussage ohne den Kernsatz „Westliche Wertegemeinschaft“. Das ist jene Gemeinschaft, deren Werte um so vieles wertvoller sind als jene anderer Gemeinschaften. Warum sonst sollte die Bundeswehr, unter freundlicher Anteilnahme der Öffentlich-Rechtlichen, diese Werte an jeder dritten Welt-Ecke verteidigen?

Natürlich ist Donald Trump nicht so richtig intelligent. Denn jeder Idiot weiß, dass man seit dem Ende des Volksvermögen-Verschleuderers Jelzin nicht mehr mit Russland redet, wenn man US-Präsident bleiben will. Man darf Drohnen über Unschuldige regnen lassen, man darf gemeinsam mit dem saudischen Mörder-Königshaus einen Krieg im Jemen befeuern, man darf auch gern rund um Korea an der Atom-Kriegsschraube drehen. Immer gern auch mit dem Beifall der Öffentlich-Rechtlichen. Was man nicht darf: Mit Russland so reden, als sei das Land irgendwie gleichberechtigt. Sonst wird so lange Katzenmusik in Deutschland gespielt, bis Trumps Amtsenthebung perfekt ist.

Ehj, Donald, ein Tip: Sag doch mal, dass die Ukraine dringend in die NATO gehört. Schon bist Du nicht mehr der Idiot. Sondern der Held. So spielt die Medienmusik, Stupid.

Der Text der Startseite wurde von Angelika Kettelhack lektoriert.

Das Buch zum Medium:

http://shop.papyrossa.de/Gellermann-Uli-Klinkhammer-Friedhelm-Braeutigam-Volker-Die-Macht-um-acht

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DIE DEBATTE -Tagesschau

Erstellt von DL-Redaktion am 6. Juni 2017

ZUR MACHT UM ACHT

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/dc/Tagesschau_logoen_2013-07-11_13-56.jpg

Autor Uli Gellermann

Einige Freunde der Rationalgalerie haben das Buch „Die Macht um Acht“ gelesen und werden ihre Rezensionen Zug um Zug an dieser Stelle veröffentlichen. Sie alle beteiligen sich seit Jahren an der intellektuellen Diskussion in unserem Land. Ihre Beiträge können und sollten die Leserinnen und Leser anregen ihre Meinung zur Medien-Verfassung unseres Landes zu äußern.
Viele Köpfe denken

WOLFGANG BREUER
Wolfgang Breuer lebt und schreibt als freier Journalist in Hamburg. Zuvor war er Mitglied der Chefredaktion von Magazinen, u.a. bei Men’s Health, Best Life und Modern Living. Als Redakteur bei Tageszeitungen wie der NRZ und dem Kölner Express berichtete er u.a. aus dem Vietnam-Krieg. Er ist seit 50 Jahren Mitglied der Deutschen Journalisten Union.

Die Rechnung ohne den Gast gemacht

Zugegeben: Ich sehe oft die Tagesschau. Eingeräumt: Ich ärgere mich oft über die Tagesschau. Weil ich meinen Rundfunkbeitrag dafür zahle, aber nicht das bekomme, was ich bestellt habe, nämlich einen objektiven Überblick über die Weltlage. In einem Restaurant würde ich das verpfuschte Gericht zurückgehen lassen, die Nachrichten kann man nicht zurückschicken. Oder doch: Die Journalisten Uli Gellermann, Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam haben jetzt Ungenießbares zurück in die Tagesschau-Küche geschickt – mit detaillierter Kritik an Köchen und Zutaten.

Ihr Buch „Die Macht um Acht“ erinnert nicht nur an die Ursprünge der meist gesehenen Nachrichten-Sendung, die im Geheimdienst-Sumpf lagen, es sichtet auch den Nachrichten-Markt, auf dem Monopolisten wie dpa, Reuters, AP und AFP die Meinungshoheit haben. Vor allem aber weist es in dokumentierten Programmbeschwerden nach, wie Nachrichten verfälscht oder unterschlagen werden. Wie Neonazis in der Ukraine zu „regierungstreuen Kämpfern“ geheiligt wurden, wie der Prominenten-Appell „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“ verschwiegen, Putin ohne Fakten als Hacker-Zar verdächtig wurde.

Das Buch ist eine wunderbare Sehhilfe für Tagesschauer, es schärft den Blick auf Bilder und Formulierungen. Für alle, bei denen bisher unartikuliertes Unbehagen grummelt, weist es mit großer Sach- und Fachkenntnis Wege zur Reklamation. Es stiftet zum kritischen Unfrieden mit dem Mainstream-Brei der Herrschenden an und ist zugleich ein wichtiges Buch für die Friedensbewegung – weil die Produktion von Feindbildern in den Medien auch immer ein Schritt zur Kriegsvorbereitung ist. Ich werde weiter die Tagesschau sehen, aber alles Ungenießbare, Ungare, Verfälschte und Verdorbene zurück gehen lassen. Man sollte die Beitragsrechnung nicht ohne den zahlenden und mündigen Gast machen!


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Buchladen Kisch & Co.

Erstellt von DL-Redaktion am 24. April 2017

Dreijährige Galgenfrist für Kisch & Co.

von Gabriele Goettle

Vorerst kann die Buchhandlung in der Oranienstraße in Kreuzberg noch bleiben. Was aber kein Ende der Verdrängung bedeutet.

„Unser Ziel ist der Aufbau eines vielfältigen Immobilienportfolios, mit charaktervollen Bauten, als langfristige Vermögensanlage. Immobilien sind für uns dabei mehr als nur ein Investment, Architektur, Ästhetik und Kunst interessieren uns ebenso wie der ‚cashflow‘.“

Nicolas Berggruen

Thorsten Willenbrock, Buchhändler. Geboren 1965 in Buchholz/Harburg, dort Besuch d. Gymnasiums, 1984 Abitur. Nach d. Zivildienst 1987 Studium d. Geschichte u. Slawistik. Danach diverse Jobs. Auch als Aushilfe bei der berühmten Wohlthat’schen Buchhandlung, was für ihn zum Einstieg in d. Buchhandel wurde. 1998 kam er durch Vermittlung eines ehemaligen Kollegen zur Buchhandlung Kisch & Co. in Berlin Kreuzberg, wo er bis heute arbeitet. Seit 3 ½ Jahren ist er Mitinhaber.

Ich bin mit Thorsten Willenbrock am frühen Morgen im Laden von Kisch & Co. verabredet. Die Traditionsbuchhandlung liegt in der Oranienstraße 25 in Berlin-Kreuzberg, hat zwei sehr schöne große Schaufenster und ein Schild über der Ladentür mit dem Porträt von Egon Erwin Kisch. Hinter Glas hängt ein Zettel, auf dem Kunden und Leute aus dem Kiez darüber informiert werden, dass die Gentrifizierung nun auch Kisch & Co. erreicht hat. Weil der Mietvertrag nicht verlängert wurde, muss der Laden zum 31. 5. schließen. Alle werden eingeladen, zum Kiezplenum im SO36 zusammenzukommen.

Thorsten Willenbrock schließt auf mein Klopfen hin die Glastür auf und bittet mich mit einer einladenden Geste hinein. Es riecht nach Papier. Die Bücher dämmern noch in ihren Regalen dahin, Kunden kommen erst um 10 Uhr. Er sagt: „Ich mache mal das Licht nicht an, damit nicht Kunden denken, es sei geöffnet.“ Wir setzen uns auf die kleinen Stühlchen in der Kinderbuchabteilung, umgeben von lustigen Titelblättern, was so gar nicht zum Anlass meines Besuches passen will, denn hier geht es um die nackte Existenz. Nach einem Schluck Kaffee und einigen sarkastischen Bemerkungen beginnt Thorsten zu erzählen:

„1997 hat mein Kollege von Wohlthat, Frank Martens, hier den Laden eröffnet, zuerst nur mit modernem Antiquariat. Das haben wir ja immer noch. Ganz in der Nähe, Wiener Straße 17, das macht jetzt er, und ich bin hier. Seit 3 ½ Jahren bin ich ja, wie gesagt, Mitinhaber. Frank Martens hatte mich damals, am 1. 1. 1998, hierher nachgeholt. Ehemals war es ja so, dass hier Elefantenpress (1971 gegründeter linker Verlag, Anm. G.G.) drin war, mit Büchern und Galerie, das wissen vielleicht viele nicht mehr.

Frank Martens hat dann bald festgestellt, dass es hier einen Bedarf gibt an neuen Büchern. So ist dann nach und nach im Laufe der Zeit entstanden, was heute ist. Hier haben wir nun eine Sortimentsbuchhandlung mit einem guten Spektrum, das reicht von Kinderbüchern über Reiseführer, Berlinensia, viele Fotobücher, Kunstbände, etwas zum Film, zum Thema Kochen, viel Belletristik, bis hin zu Politik und Geschichte. Dort hinten ist die politische Abteilung, daneben sind die Geisteswissenschaften. Und dann haben wir selbstverständlich ein recht umfangreiches Angebot an Zeitschriften. Also das ist sehr lebendig alles und man merkt, dass die Buchläden, die es hier gibt, gebraucht werden.

Wie haben natürlich die jeweiligen Veränderungen hier im Bezirk auch im Laden gespürt. 1997 ist die Situation nicht sehr gut gewesen, denn nach dem Mauerfall hatten die Leute dann allmählich das Umland entdeckt und zogen weg, und es gab eine Abwanderungsbewegung von Kreuzberg in die Ostbezirke, nach Mitte und Prenzlauer Berg. Es war ja auch die Zeit der Hausbesetzerbewegung im ehemaligen Ostteil der Stadt, es gab dort Clubgründungen, neue Läden, also Entwicklungen, die sehr spannend waren. Der Kiez hier bekam einen fast dörflichen Charakter, hat aber natürlich nicht aufgehört mit seinen politischen Bewegungen. Man kannte fast jeden, der hier in den Laden kam. Wenn man aus dem Haus ging, hat man Hallo gesagt.

Quelle : TAZ >>>>> weiterlesen

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Bald hat sie fertig

Erstellt von DL-Redaktion am 20. April 2017

Sollte sie heute aufhören – käme ihre Verganheit auf den Tisch – das können MachthaberInnen nicht leiden

Datei:Angela Merkel 10.jpg

Die WASG startete einst – wir färben nicht schön !!

Alle rätseln, ob Angela Merkel die Nase bei der Bundestagswahl vorne hat. Gut möglich, dass sie gar nicht weiterregieren will.

Autor : Jürgen Busche

Es gibt Fragen, von denen jeder weiß, dass sie nicht zu beantworten sind. Aber die Fragen sind trotzdem da. Nur ihr Umfeld kann erörtert werden. Die Frage, die wir hier vor uns haben, lautet: Will Angela Merkel Bundeskanzlerin bleiben?

Gesagt hat sie es. Aber konnte sie denn etwas anderes sagen?

Zweifel an ihrer Absicht, im Amt zu bleiben, hatte es schon gegeben, bevor sie sich dazu äußerte. Als sie es schließlich tat, wurde sogleich kritisch unter die Lupe genommen, wie sie es gesagt hatte. Es schlug wieder einmal die Stunde der Laienpsychologen, die in jeder Redaktion reichlich vertreten sind. Lag nicht etwas Bedrücktes in dem Auftritt, mit dem sie ihre Bereitschaft erklärte, sich noch einmal unter das Joch der Kanzlerschaft zu beugen? Hat sie es versäumt, eine solche Kanzlerschaft in ihrer Ankündigung mit attraktiven Vorstellungen von dem zu verbinden, was in Deutschland zu geschehen habe? Oder hat sie es nicht versäumt, sondern schlicht nicht gewusst? Oder ist sie nicht darauf gekommen, weil sie einfach nicht daran gedacht hat?

Zugleich wurde ihrer Einlassung zu diesem Thema eine gewisse Müdigkeit attestiert. Man könnte auch sagen: Lustlosigkeit. Wenn man in Erinnerung hat, wie sie einst im Besitz einer sicheren Bundesratsmehrheit und mit einer großen Mehrheit im Bundetag lostrompetete: „Und dann wird durchregiert“, der weiß nur zu genau, welche Töne jetzt vermisst werden. Vielleicht ist es richtig, auf den Überschwang, den der SPD-Kanzlerkandidat in seinen Reden produziert, nicht mit dem Vorzeigen von ähnlichem Enthusiasmus zu reagieren. Angela Merkel hat sich zuletzt in weiser Einschätzung der Konfrontation nicht auf den Wahlkampfstil von Peer Steinbrück eingelassen. Dessen Großspurigkeit begegnete sie mit Zurückhaltung. Bei Martin Schulz mag sie sich erhoffen, dass dessen mitreißende Lebendigkeit in einigen Monaten nur noch als zappelig erscheint.

Aber darauf darf sie sich nicht verlassen.

Die SPD ist zwar nicht als überaus lernwillig bekannt, aber sie ist lernfähig und sie dürfte aus dem verpfuschten Steinbrück-Wahlkampf gelernt haben. Sie wird eindringlich mit Hinweisen auf die Geschlossenheit der Partei werben. Eine solche Geschlossenheit gibt es bei den Unionsparteien heute nicht – schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Wo früher im Erscheinungsbild von CDU und CSU die Stärken lagen, sind nun Schwächen zu beobachten. Das weiß die CDU-Vorsitzende Merkel ganz genau. Als sie bei einer Pressekonferenz im Konrad-Adenauer-Haus auf die Frage nach möglichen Nachfolgern für sie antwortete, diese Frage stelle sie sich nicht, das werde schon die Partei besorgen, gab es rundum ein herzliches Lachen. Das war nicht falsch. Aber richtig dürfte auch sein, dass sich bei anderer Gelegenheit die Kanzlerin mit derselben Auskunft ganz anders beschäftigt.

Unvergessen sollte sein, dass seit dem ominösen Jahr 2015 mit dem Zuzug von fast einer Million Flüchtlingen auch ernsthafte Leute immer wieder die Frage aufwarfen: ob Merkel Kanzlerin bleiben werde, ob sie es im Herbst noch sei, ob sie es Weihnachten noch sei. Das wurde in jeder Talkshow diskutiert, auch langatmige Zeitungsartikel erwogen es, und aus Kabinettssitzungen der Unionsfraktion drangen Kassiber über angebliche Zerwürfnisse. Das geschah in einer Weise, die man früher als Tatarenmeldungen bezeichnet hätte. Der Schönheitsfehler war halt, dass von den Berichterstattern niemand dabei war. Nach außen hin zeigte die Union zunächst Geschlossenheit. Im Dezember 2015 etwa bestätigten die Delegierten des Parteitags in Karlsruhe sie eindrucksvoll – fast mit Martin-Schulz-Ergebnis. Ein Bild freilich, das überwiegend als trügerisch empfunden wurde.

Wagner-Verehrerin

Ganz falsch war solches Empfinden wohl nicht – und auch die Wagner-Verehrerin Merkel wird etwas davon gespürt haben. Was in der CSU von der Spitze bis zur Basis gegen sie losbrach, konnte bei besonnener Betrachtung an der CDU nicht spurlos vorübergegangen sein. Gleichwohl waren Spekulationen, die Kanzlerin könne in der laufenden Legislaturperiode gestürzt werden, realitätsfremd.

Quelle : Freitag >>>>> weiterlesen

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Author / Autor: Kuebi = Armin Kübelbeck galerie.hbz-da.de
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Erinnern für die Änderung

Erstellt von DL-Redaktion am 4. April 2017

Ein Werk der immer besseren Art von Christoph Hein

Trutz

Autor: U. Gellermann

Buchtitel: TRUTZ
Buchautor: Christoph Hein
Verlag: Suhrkamp

„Glücklich ist, wer vergisst“, singt die kleine Geta fast trotzig in die Familie des Professors für Mnemonic, für Gedächtniskunst, hinein. Zu der Zeit ist der große Wissenschaftler, der anerkannte Mathematiker und Sprach-Experte Waldemar Gejm von der Moskauer Universität längst im Ural, verbannt, verboten, näher dem baldigen Lagertod als seinem alten, erfüllten Leben. Wie eine billige, boshafte Hymne klingt das Liedchen aus der Operette durch die 500 Seiten des großen Romans „Trutz“ von Christoph Hein. Denn zu vergessen gäbe es viel, am Vergessen wurde und wird gründlich gearbeitet. Wie nie gelebt wanderten Stalins Tote, die Opfer der Parteidiktatur, lange Jahre durch den existierenden Sozialismus. Im Westen lebten sie nur als Waffe gegen den Osten, als Zombies einer gemeuchelten Idee, die immer noch virulent war und gefürchtet wurde, der Idee der Selbstermächtigung der Massen, der Vision Lenins von der Köchin, die den Staat lenken könne, weil jeder Koch das können sollte, was vorgeblich nur die Leute mit den Kronen und den Zylindern konnten: Regieren.

Auf der Flucht aus dem von den Nazis verseuchten Berlin nach Moskau, dem heiligen Ort der geplanten Arbeiterfreiheit, wollen sie die Bedrängnis hinter sich lassen, die kleine Gewerkschaftsfunktionärin Gudrun und der junge Schriftsteller Rainer Trutz. Sie wissen was ihnen in Deutschland droht: Folter, Gefängnis, Tod. Erste Kostproben haben die neuen Herren sie schon schmecken lassen. Ihr neuer Wohnort wird Exil heißen, mit harter körperlicher Arbeit im Tiefbau der Moskauer Metro und in der Schokoladenfabrik. Im verheißenen Paradies der Internationale lernen sie den keineswegs paradiesischen Alltag der jungen Sowjetunion kennen. Aber neben dem Kampf um das tägliche Brot begegnen sie auch dem intellektuellen und prominenten Kreis um Professor Gejm. Ein Kreis wie es viele in jener Moskauer Zeit gab: Erfasst von der noch neuen Idee einer Zukunft, die jedermann selbst bestimmen kann, wissenschaftsgläubig, dem Aufbau des Sozialismus in einem Land ergeben, bewaffnet mit einer roten Fahne von der man damals noch nicht wusste, dass ihre Farbe nicht nur das Blut ihrer Gegner symbolisieren sollte. Aus den Familien Trutz und Gejm werden sich spät, sehr spät nur die beiden Söhne wieder treffen. In einem Berlin, in dem sie den lächerlichen deutschen Wodka Gorbatschow trinken und sich erinnern werden. Auch und gerade an die Menschen, die ihnen genommen wurden.

Christoph Heins schreibender Wechsel aus dem hastigen und zunehmend verhetzten Berlin in das Moskau der Aufbauzeit, der großen Siege in der industriellen Produktion, der Vergötzung Stalins und dem Bau der Metro, dem prächtigen Symbol für den scheinbar endgültigen Triumph des Sozialismus, ist atemberaubend. Reich an genauer Beobachtung, angereichert mit großer Liebe zu seinen Figuren, die aus der Liebe zu den Menschen kommt, veredelt mit einer der Grundfragen menschlichen Lebens: Vergessen oder Erinnern? Eine Frage in der, wie in den Matrjoschka-Puppen, nur die nächste steckt: Kann man aus der Geschichte lernen? Und dann schon wieder die nächste: Muss der Mensch die Geschichte nur ertragen oder kann er sie auch selbst gestalten? Diese Fragen, die der Autor in den Schicksalen seiner Familien-Chronik erkennen lässt, sind es, die den Atem rauben können: Selber atmen oder atmen lassen? Und, nie von Christoph Hein explizit gestellt und doch mit jeder gelesenen Seite drängender: Geworfen sein oder selbst werfen? Die bisher erschienenen Kritiken wissen es schnell: Statist sei der Mensch im Weltgeschehen. Das Selber-Werfen könne er, angesichts des neuen Heinschen Romans und seiner Schicksale, doch besser lassen.

Einmal im Roman lässt Christoph Hein die Wissenschaft gegen die Kunst antreten, läutet er einen Kampf des Geregelten, Erkennbaren, des Intellektuellen gegen die Kunst, gegen das Emotionale ein. Der Kampfplatz ist ausgerechnet der Kopf des höchst rationalen Sprachwissenschaftlers und da steht der Verlierer schnell fest. Romanen und Lyrik, glaubt der Professor zu wissen, fehle „jede zwingende Konsequenz, um aus gegebenen Prämissen zu einem logischen Resultat zu gelangen.“ Gogol und Tolstoi verlassen geschlagen den Ring, Aristoteles und Newton tragen den Sieg davon. So arbeitet Christoph Hein: In einem scheinbar nebensächlichen Bild des Romans wird dessen Grundthema erneut aufgeführt, wird die Frage nach der Mechanisierung des Denkens in der Wissenschaft aufgeworfen. Und die nächste Frage lauert schon: Wer macht die Prämissen zu gegebenen? Wer bestimmt die Parameter gesellschaftlichen Denkens? – Der Roman stellt keinen Gewinner im Kampf zwischen Wissenschaft und Kunst fest. Ist er doch beides: Große Erzählkunst und Ergebnis akribischer wissenschaftlicher Recherche.

„Glücklich ist, wer vergisst . . “, singt die Figur aus der „Fledermaus“, der Operette von Johann Strauß, um in der nächsten Zeile den Vorhang fallen zu lassen: „. . . was doch nicht zu ändern ist“. Nein, zu ändern ist die temporäre historische Niederlage der sozialistischen Idee, erwürgt in ihrer stalinistischen Praxis, keineswegs. Aber aus ihr zu lernen geht nur, wenn eben nicht vergessen wird: Die Opfer nicht und auch nicht deren Hoffnung auf ein besseres, selbstbestimmtes Leben, entwickelt im Kampf gegen die Diktatur des Zaren und des Kapitals. Auch nicht jene, die mit dem falschen Namen Stalin auf den Lippen den richtigen Kampf gegen den deutschen Faschismus geführt und gewonnen haben. Das alles zu vergessen hieße, die Opfer ein zweites Mal umzubringen. Genau dem arbeitet Christoph Hein entgegen, mit einem Roman, der sich schmerzhaft erinnert, um Änderungen erst möglich zu machen. So legt der Schriftsteller mit „Trutz“ ein weiteres Werk von immer besserer Art vor: Buch, um Buch.

Buchpremiere
Zum Roman TRUTZ
Lesung mit Christoph Hein, Corinna Harfouch
Musik: Hans-Eckardt Wenzel
Akademie der Künste Berlin, Hanseatenweg
Am Dienstag, 4.4. 2017, 20 Uhr

 

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Was ist deutsch ?

Erstellt von DL-Redaktion am 23. März 2017

Wer ihr seid – und wer es euch sagt

Dank Mütze – Orden – Uniform, wird  selbst der kleinste Furz zum Sturm

von Micha Brumlik

Eine Identität, die nur noch als Nichtidentität möglich ist, Verfassungspatriotismus oder Gartenzwerg vorm Haus. Neue Antworten anlässlich der Buchmesse.

Befinden wir (bitte wer?) uns in einer Identitätskrise? Zweifel sind unangebracht: Handelt es sich doch um die politisch-kulturelle Frage dieses Frühjahrs. So stellt das Philosophie Magazin fest, dass sie „wieder da ist“: die Frage nach der Identität. So wirbt sogar eine Geografiezeitschrift mit dem Slogan „Mein Lebenslauf. Mein Ich“. Mehr noch: Kein Geringerer als der Bundesinnenminister, ein eher liberaler CDU-Politiker, gab ausweislich des Spiegels zu Protokoll: „Wir wissen nicht mehr genau“, so Thomas de Maizière, „wer wir sind und wer wir sein wollen“.

Andere drücken das härter aus: In ihrem neuen Programm fordert die AfD, dass in der Erinnerungskultur „die aktuelle Verengung auf die NS-Zeit“ zugunsten einer Geschichtsbetrachtung aufzubrechen sei, „die auch die positiv identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte umfasst“. Zuletzt fragte der Historiker Lorenz Jäger in einer Biografie über Walter Benjamin allen Ernstes: „In welchem Sinne war Benjamin deutsch, vom Bildungsgang und der Staatsangehörigkeit einmal abgesehen?“, um damit kundzutun, dass „deutsch zu sein“ mehr und anderes ist oder doch wenigstens sein soll.

All das in einem Land, das inzwischen den größten Anteil an Immigranten unter allen europäischen Staaten aufweist. Es geht, um einen zum Schlagwort verkommenen sozialwissenschaftlichen Begriff zu verwenden, um die „Identität“, bescheidener gesagt, um das Selbstverständnis der Deutschen, oder doch mindestens um das Selbstverständnis jenes überwiegenden Teils der hiesigen Wohnbevölkerung, die einen deutschen Pass hat.

Indes: Die Lebenserfahrung lehrt, dass, wer sich dem Zeitgeist anvermählt, schnell verwitwet ist. Ist also die Frage nach dem Wesen „Deutschlands“ lediglich eine solche Mode des Zeitgeistes? Oder hat sie wirklich gute Gründe? So äußerte der ehemalige Außenminister Fischer kürzlich in der ihm eigenen Art die Sorge, dass hierzulande bald wieder eine Debatte darüber entstehen könne, ob Deutschland überhaupt noch zum Westen gehöre.

File:150910-D-VO565-037 German honor guard members stand in formation at the Defense Ministry in Berlin 2015.JPG

So weit ist es gewiss noch nicht. Aber: Nach Donald Trumps Kritik an der Nato sowie der Ausrufung eines „postwestlichen“ Zeitalters durch den russischen Außenminister Lawrow wird gleichwohl wieder diskutiert, was genau denn nun „deutsch“ sei. Immerhin gelten 5 Prozent, also etwa 4 Millionen der hiesigen Bevölkerung als Muslime, unter ihnen etwa 3 Millionen türkischstämmige Bürger, die derzeit gebannt und zum Teil aggressiv auf den türkischen Wahlkampf blicken; von Schulklassen in großen Städten, wo der Anteil ethnisch deutscher Kinder von Jahr zu Jahr sinkt, gar nicht zu reden.

Weltbürgerlichkeit und Nationalismus

Die Frage selbst ist freilich so alt wie das deutschsprachige ­Bildungsbürgertum, also mindestens 250 Jahre. Drei Neuerscheinungen wollen dem Pu­blikum dabei helfen, eigene Antworten zu finden. So hat der Heidelberger Germanist Dieter Borchmeyer, ein Spezialist für Werk und Leben Richard Wagners und Thomas Manns, soeben ein tausendseitiges flüssig geschriebenes Buch unter dem Titel „Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst“ vorgelegt – Summe eines Lebenswerks und Standortbestimmung in einem.

Quelle : TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle : Das Couleur der Bajuvaria Wien (Deckel, Band, Zipfe)

Oben — Charly1981Eigenes Werk

  • CC BY-SA 3.0
  • File:Couleur Bajuvaria Wien.JPG
  • Erstellt: 08.09.2008

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UntenDieses Werk ist in den Vereinigten Staaten gemeinfrei, da es von Mitarbeitern der US-amerikanischen Bundesregierung oder einem ihrer Organe in Ausübung ihrer dienstlichen Pflichten erstellt wurde und deshalb nach Titel 17, Kapitel 1, Sektion 105 des US Code ein Werk der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika ist.

Quelle http://www.defense.gov/Media/Photo-Gallery?igphoto=2001289401
Urheber DoD photo by D. Myles Cullen

 

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Eine Qual? Nein, ein Epos

Erstellt von DL-Redaktion am 5. Februar 2017

Kommentar 150 Jahre „Das Kapital“

Obwohl der Stil so sperrig ist, übt Marx’ Hauptwerk einen ungeheuren Sog aus. Es ist bis heute ein Bestseller. Seine Analyse ist immer noch aktuell.

Autorin: Ulrike Herrmann

Marx‘ Buch „Das Kapital“ hat Millionen von gutwilligen Lesern zur Verzweiflung gebracht, denn schon der allererste Absatz ist eine Zumutung. Umständlich heißt es: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.“

Noch schlimmer geht es stilistisch nicht. Auch Marx wusste, dass seine ersten Kapitel unmöglich waren. Im Vorwort zum „Kapital“ schrieb er: „Aller Anfang ist schwer.“ Seine Ehefrau Jenny riet einem befreundeten Sozialisten beherzt, „die dialektischen Spitzfindigkeiten der ersten Abschnitte“ einfach zu überspringen.

Doch obwohl der Stil so sperrig ist, übt Marx’ Hauptwerk einen ungeheuren Sog aus. „Das Kapital“ ist bis heute ein Bestseller und erreicht Verkaufszahlen, von denen die lebenden Ökonomen nur träumen können. Aber warum ist Marx so faszinierend? Diese Frage hat wieder Hochkonjunktur, denn es gilt, ein Jubiläum zu feiern: „Das Kapital“wird 150 Jahre alt.

Marx’ Wirkungsgeschichte ist auch deswegen so bemerkenswert, weil längst nicht alle Prognosen oder Analysen richtig waren. Mainstream-Ökonomen finden vor allem amüsant, dass es nicht zu jenem Massenelend gekommen ist, das Marx prognostiziert hatte. So höhnte der Nobelpreisträger Paul Samuelson: „Man sehe sich die Arbeiter mit ihren Autos und Mikrowellen doch an – besonders verelendet sehen sie nicht aus.“

Gewinnstreben als Selbstzweck

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NSU und kein Ende

Erstellt von DL-Redaktion am 31. Januar 2017

MigrantInnen über rechten Terror und Rassismus

Anschlagsort in der Keupstraße / Köln

Autor:  Uli Gellermann

Buchtitel: Die haben gedacht, wir waren das
Buchautor: Kemal Bozay / Bahar Aslan / Orhan Mangitay / Funda Özfırat
Verlag: Papyrossa

Noch hat der NSU-Prozess kein Ende gefunden, da hat die NPD, die Partei der NSU-Freunde, schon einen Freispruch zweiter Klasse bekommen. Noch ist das NSU-Netzwerk nicht annähernd aufgeklärt, da darf einer dieser NPD-Nachfolgepolitiker von der AfD ungestraft vom tausendjährigen Deutschland fabulieren. In diese politische Landschaft hinein schreibt eine ganze große Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund ihre Erfahrungen, ihre Erkenntnisse und ihre Gefühle zum NSU-Verbrechen. Sie kommen aus allen möglichen  politischen Gegenden: CDU-Mitglieder sind unter ihnen, Leute von der LINKEN und den GRÜNEN, auch Sozialdemokraten. Sie alle eint der schwere Schock des Generalverdachtes, den die deutschen Medien und Behörden während der Mordserie wagten in die Welt zusetzen: „Die haben gedacht, wir waren das!“ Ein Streit unter türkischen Geschäftsleuten wurde vermutet, Verbindungen zum Rotlichtmilieu, dem Drogenhandel und zur Türsteherszene wurden unterstellt. Der Sicherheitsminister Otto Schily schloss schon am Tag nach dem Attentat einen terroristischen Hintergrund aus. Die Deutschen waren sich ziemlich einig: Diese Mordserie konnte nicht von Deutschen, sie musste von irgendwelchen Ausländern verübt worden sein.

Fünf Jahre nach der Aufdeckung der Morde und Bombenanschläge des rechten Terrornetzwerks »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU), das in der Öffentlichkeit gerne auch mit dem Terrortrio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe in Verbindung gebracht wird, fünf Jahre nach kontinuierlicher politischer Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex durch Journalisten, Juristen, Schriftsteller, Untersuchungsausschüsse und antirassistische Initiativen sowie nach drei Jahren andauerndem NSU-Prozess in München hat sich zwar Einiges bewegt, doch offen bleibt die Ausgangsfrage: Wir wissen tatsächlich immer noch nicht, wer der NSU wirklich war und welche rechtsextremen Netzwerke mit dem NSU in Verbindung standen? Offen ist auch, inwieweit staatliche Sicherheitsdienste informiert und involviert waren. 

Wie kann ein Trio 14 Jahre lang aus dem Untergrund all diese Morde, Bombenanschläge und Raubüberfälle durchführen – ohne dass staatliche Sicherheitsbehörden aufmerksam darauf geworden sind? 
Nicht zu übersehen ist auch ein Vertrauensbruch und Riss, der die gesamte Gesellschaft zum Nachdenken anregt. Wo bleiben Wut und Widerstand? Erinnern wollen die Autoren an die Lichterketten aus den 1990er Jahren, als im Zuge der Brandanschläge in Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen Hunderttausende auf die Straßen gingen. Auch fünf Jahre nach der Aufdeckung der NSU-Morde und -Anschläge herrscht weiterhin Schweigen! Daher begreift sich das vorliegende Buch am 5. Jahrestag der Aufdeckung der NSU-Morde als Manifest von Migranten zu rechtem Terror und Rassismus.

Die Autoren erinnern auch dran, dass der NSU keine plötzliche, unerklärliche Erscheinung ist, sondern gesellschaftliche Wurzeln hat: In Äußerungen des höchst achtbaren Historikers Hans-Ulrich Wehler, der lauthals verkünden durfte: „Die Bundesrepublik hat kein Ausländerproblem, sie hat ein Türkenproblem. Diese muslimische Diaspora ist im Prinzip nicht integrierbar. Man soll sich nicht freiwillig Sprengstoff ins Land holen“. Im angehäuften Sprengstoff einer Jahre währenden Nicht-Integrationspoltik, die darauf setzte, dass die Ausländer alle „nach Hause“ gehen würden, obwohl manche inzwischen in der zweiten Generation in Deutschland lebten. In den üblen Thesen des Sozialdemokraten Thilo Sarrazin, dessen Buch „Deutschland schafft sich ab“ seinen Resonanzboden beim SPIEGEL, der BILD-Zeitung und in unzähligen Talkshows fand. Jenen Schaukampf-Buden, in denen sich nahezu die selben Leute nur wenig später über Pegida erstaunten. 

Mit „Die haben gedacht, wir waren das“ liegt ein Buch vor, dass eine Zeitenwende in der Bundesrepublik markiert: Von der gewöhnlichen Ausländerfeindlichkeit über den ausgeprägten Rassismus  bis hin zum rechten Terror. Schon jetzt ist das Buch ein historisches Dokument.

Buchpräsentation
DIE HABEN GEDACHT WIR WAREN DAS
Özge Pinar Sarp – Politologin aus Berlin
Kemal Bozay – Professor für Angewandte Sozialwissenschaften, Köln

Am 21. 02. 2017 um 20.30 Uhr
Im Berliner Buchhändlerkeller, Carmerstr.1, 10623 Berlin-Charlottenburg

Es moderiert: Uli Gellermann

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Fotoquelle: Autor —  christophbrammertz (Christoph Brammertz)  http://www.flickr.com/photos/27565078@N07

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Kann man den Tod heilen?

Erstellt von DL-Redaktion am 20. April 2016

Kann man den Tod heilen?

Liebe in den Zeiten der Psychoanalyse

Autor: U. Gellermann
Datum: 18. April 2016
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Buchtitel: Ein zweites Leben
Buchautor: Michael Schneider
Verlag: Kiepenheuer und Witsch

Der Hochschul-Lehrer Fabian Fohrbeck hat sich eine Auszeit genommen. Als könne das Leben eine Pause machen, will er ein „Burn-Out“ in einer Klinik kurieren. Wie kann man den Tod heilen? Denn seit dem Tod seiner Frau ist dem Fohrbeck das Leben nur halb. Innig hat er sie geliebt, zärtlich lässt der Schriftsteller Michael Schneider den Leser an den Riten und Erinnerungen teilhaben, die der Frau des Ich-Erzählers gewidmet sind. Michael Schneider gibt der psychosomatischen Klinik im Buch den Namen Phoenix, als könne man in solchen Kliniken strahlend aus der Asche der eigenen Vergangenheit in eine lichte Zukunft aufsteigen.

Liebe in den Zeiten der Psychoanalyse, so könnte der neue Roman von Schneider auch heißen. Als sei der Autor, mehr als 40 Jahre später, zu seinem ersten Buch „Neurose und Klassenkampf“ zurückgekehrt. Doch während sein frühes Buch der Wissenschaft gewidmet war, deutet sein jüngstes die Liebe in den Zeiten des digitalen Zeitalters, in Zeiten, die nicht mehr zu altern scheinen, in denen die Zugriffszeit jenes Tempo bestimmt, in dem wir leben sollen.

Auch der Klassenkampf ist bei Schneider nicht vergessen. Anders als manch andere Autoren seiner Generation hat sich Schneider seinen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse bewahrt und findet in der Klinik ein Figuren-Ensemble, in dem eine Karriere-Dame den Neo-Liberalismus als alternativlose Lebensform predigt und den Wettbewerb als Maßstab der Dinge preist: „Nicht der Große frisst den Kleinen, sondern der Schnelle den Langsamen.“ Wenn der ausgebrannte Hochschul-Lehrer ihr Senecas Schrift „Von der Kürze des Lebens“ entgegenhält, erscheint er hoffnungslos altmodisch und verteidigt doch nur ein Leben außerhalb des Profitdenkens.

Immer wieder taucht der Patient Fohrbeck, ermuntert durch die an ihm angewandte Psychologie, in die Zeiten seiner Kindheit, um dem erwachsenen Fabian näher zu kommen. Krieg und Flucht prägen seine Generation bis heute, und die Gewalt des Krieges setzt sich fort in einer schwarzen Pädagogik, die bis in die drohende Figur des traditionellen Nikolaus ragt. Manchmal, angesichts der therapeutischen Aufwände für die Ausgebrannten der Jetztzeit, schleicht sich die Frage nach der Therapie für die Kriegsgeneration an: Wie haben die Front- und Bombengeschädigten ihre Zeit nur ohne professionelle Hilfe bewältigen können?

„Ein zweites Leben“, so laute der Titel des Romans, denn Fohrbeck, der geglaubt hatte nie wieder lieben zu können, findet ein neues Ziel seines Begehrens. Und hofft ein zweites Leben zu beginnen, eines, das seine Wünsche nach Nähe und Wärme erfüllen soll. Doch der Hochschullehrer scheitert: Die Frau, die er begehrt, verweigert sich, gefangen in ihrer Kindheitsgeschichte, kann sie die seine, die Angst vor dem Verlassenwerden, nicht lösen. – Aber Fohrbeck wäre nicht Fohrbeck, und Michael Schneider nicht Michael Schneider, wenn er das Ende der Liebe nur privatisiert sähe. Er fordert seine Universität heraus: Ein Symposium, das von der Gewalt der Geschwindigkeit handelt, fragt nach dem Sinn dieser Geschwindigkeit, nach ihrem Wofür. Ein Sturm, ein langes, intensives Gewitter bringt den Roman zu einem dramatischen Klimax und einem Ende, das keine Fragen beantwortet, sondern neue stellt.

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Ukraine-Krieg dauert an

Erstellt von Rationalgalerie am 12. Februar 2016

Ukraine-Krieg dauert an

Die Seuche dieser Zeit: Verrückte führen Blinde

Autor: U. Gellermann
Datum: 11. Februar 2016
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Buchtitel: Die Eroberung Europas durch die USA
Buchautor: Wolfgang Bittner
Verlag: Westend

Gibt des ihn eigentlich noch, den Ukraine-Krieg? Ein Jahr nach dem letzten Abkommen von Minsk gibt es nach wie vor Gefechte in der Ost-Ukraine, es sterben Menschen, das soziales Leben wird zerstört. Denn nach wie vor weigert sich Kiew, einen wesentlichen Punkt von „Minsk“ zu erfüllen: Man redet nicht direkt mit den Rebellen in der Ost-Ukraine. Frau Merkel, die das Abkommen initiiert hat, schweigt auch: Sie ist gerade als Lautsprecher zur Verurteilung Russlands im Syrien-Krieg unterwegs. So drängt der Syrienkrieg den schwelenden Krieg in der Ukraine aus den Schlagzeilen. Was heute schwelt kann morgen wieder brennen. Auf deshalb ist das Buch von Wolfgang Bittner „Die Eroberung Europas durch die USA“ – mit dem der Autor akribisch nachweist, dass die USA den Ukraine-Krieg auch als Hebel zu Beherrschung der EU einsetzen – so aktuell und notwendig.

Bereits im Vorwort seiner Analyse erkennt der Autor einen wesentlichen Mitspieler im Kampf um die Ukraine: Die westlichen Medien, „die zu Werbeträgern insbesondere der US-Propaganda verkommen sind.“ Und er erinnert an den schweren Rückfall in den Kalten Krieg, wenn der SPIEGEL vom „prorussischen Mob“ diffamiert und die WELT von der „Ruchlosigkeit der Putin-Propaganda“ lärmt. Schon wie bei anderen Kriegen zuvor formiert sich die deutsche Medienlandschaft so sehr, dass Bittner, Albrecht Müller zitierend, von „Primitivität“ schreiben muss.

Zur Sezession der Krim, die ja bis heute als Vorwand der EU-Sanktionen dient, erinnert Wolfgang Bittner daran, dass die Krim „schon so lange ein Teil Russlands“ ist „wie es die USA überhaupt gibt“. Und er findet bei seiner Analyse der fortschreitenden Militarisierung des Ukrainekonflikts die Forderung des ukrainischen Außenministers Klimkin, der vom Westen eine Militärhilfe „ähnlich wie für den Irak“ fordert. Weder Bundespräsident Gauck, dem Klimkin diesen Wunsch vorträgt, noch den Medien mochte die morbide Parallelität auffallen. Zwar schreiben acht ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter an Bundeskanzlerin Merkel, warnen vor einem Krieg mit Russland und finden, dass die aktuelle Kampagne an die US-Täuschungen vor dem Angriff auf den Irak erinnern, aber ein Begreifen der deutschen Öffentlichkeit ist nicht festzustellen.

Zu den öffentlichen Täuschungen zählt Bittner zu Recht auch den Versuch, einen „russischen Rüstungsvorteil“ gegenüber dem Westen zu behaupten. Kühl kontert er mit den wirklichen Zahlen: Die USA und ihre Verbündeten England, Frankreich und Deutschland gaben im selben Zeitraum mehr als das Achtfache aus. Und die Glaubwürdigkeit der NATO-Propaganda entlarvt er schnell mit einer präzisen Beobachtung. Es war ausgerechnet Anders Fogh Rasmussen, der damalige Nato-Generalsekretär, der einst behauptete: „Irak hat Massenvernichtungswaffen. Das ist nicht etwas, das wir lediglich vermuten. Wir wissen es.“ In dieser Kontinuität der Lüge steht so ziemlich alles, was der Westen und seine NATO bis heute über die Ukraine zu wissen vorgibt.

Die aktuelle wirtschaftliche Lage der Ukraine mag schlecht sein –  das Bruttoinlandsprodukt war in den vergangenen zwei Jahren um beinahe 20 Prozent eingebrochen, die Staatsschuld hatte sich mehr als verdoppelt, mehrere Minister fliehen aus ihren Ämtern – aber eine fette Beute ist das Land trotzdem, wie Bittner nachweist. „Mehr als 32 Millionen Hektar fruchtbares Ackerland“ warten auf die Ausbeutung durch Agrarkonzerne wie Monsanto. Wohl deshalb hat die EU in ihr Assoziierungsabkommen mit der Ukraine in den Artikel 40 eine Klausel geschrieben, die „die Anwendung der Biotechnologie innerhalb des Landes ausweiten“ soll.

Trotz der Schäden für die deutsche Wirtschaft, Bittner zitiert einen Rückgang der deutschen Exporte im Jahr 2014 um 18 Prozent, gehen die Sanktionen der EU gegen Russland weiter und auch die dumme Propaganda in den westlichen Medien. Wolfgang Bittner, der früher dem WDR-Rundfunkrat angehörte, hat einen solchen Fall aufgespießt: Der Bayerische Rundfunk hatte den Ex-Präsidenten Georgiens, Michail Saakaschwili, der heute in der Ukraine sein Wesen treibt, in einem TV-Beitrag zum „Antikorruptionskämpfer“ stilisiert. Dass gegen den Mann in Georgien ein Haftbefehl wegen „Amtsmissbrauch“ vorliegt, spielte keine Rolle. Bittner reagierte mit einer Programmbeschwerde. – Ob Beschwerden zu einer Besserung der Lage führen, ist ungewiss. Gewiss ist, das ein Schlusssatz des Buches nicht nur für den Ukraine-Krieg Gültigkeit hat: „Das ist die Seuche dieser Zeit: Verrückte führen Blinde.“ (Shakespeare, König Lear).


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Das Herz der Finsternis schlägt atomar

Erstellt von Rationalgalerie am 29. Januar 2016

Das Herz der Finsternis schlägt atomar

Eine Reise durch die Zeiten zu den Ursprüngen des Nuklearzeitalters

Autor: U. Gellermann
Datum: 28. Januar 2016
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Buchtitel: Schlangentanz
Buchautor: Patrick Marnham
Verlag: Berenberg

Es ist ein wirklich riesiger Erzählbogen, den der Autor von „Schlangentanz“ Patrick Marnham spannt. Er reicht von den kongolesischen Wäldern und der Brutalität des belgischen Kolonialregimes im Kongo bis zur brutalen Zerstörung Fukushimas und dessen atomarer Verseuchung bis heute. Und der Pfeil, den Marnham auf die Sehne gelegt hat und durch die Zeiten schwirren lässt, soll die USA treffen. Mitten in das weltbeherrschende, atomare Herz.

Düster zwar, doch poetisch beginnt das Buch mit Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ und der Reise zur kongolesischen Erzmine von Shinkolobwe, wo das Uran gewonnen wurde, das zum Bau der über Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Atombomben verwendet wurde. Es ist eine Reise mit zuweilen überraschenden Ausflügen. So, wenn wir den Kunsthistoriker Aby Warburg treffen oder auf die Hopi-Indianer, deren ritueller Schlangentanz dem Buch seinen Titel gegeben hat und die unweit von Los Alamos leben. Dort, wo die US-Regierung ihr Atomprogramm startete.

Los Alamos, erinnert der Autor, das gehörte doch mal den Mexikanern. Und so zählt er denn den bis heute in den USA glorifizierten Landraub auf, der „Innerhalb von fünfzig Jahren“ aus „einer kümmerlichen Republik eine wohlhabende und mächtige Nation“ zusammenraffte. Nüchtern und erbittert erinnert Marnham, „als 1890 bei Wounded Knee in South Dakota die letzte Schlacht (gegen die Indianer) geschlagen wurde, waren die Vereinigten Staaten die führende Industriemacht der Welt.“ Rückblickend wirkt die Schlächterei, mit automatischen Waffen gegen Frauen und Kinder, wie ein Vorgriff auf künftige Menschenrechtsverbrechen der USA.

Mit einem dieser Verbrechen, dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki – das faschistische Japan lag längst am Boden – befasst sich das Buch detailliert und kenntnisreich: Von der Forschungsgruppe, die im Auftrag der US-Regierung an der Entwicklung der Bombe arbeitete, bis zur Entscheidung des Präsidenten Truman, der die Bombe werfen ließ, um den früheren Alliierten der Anti-Hitler-Koalition und aktuellen Lieblingsfeind der USA, die Sowjetunion, zu erpressen. Auf dem Weg dahin findet Marnham ein charakteristisches Zitat von Brigadegeneral Leslie Groves, einem der Väter der Atombombe: „Ich fragte mich, was denn nun, nachdem der Westen erobert war, für mich zu tun geblieben sei“.

Am Ende der langen Reise, ins verseuchte Fukushima, begegnet der Leser einem Reaktor, der vom US-Konzern „Genial Electric“ so konstruiert wurde, „dass als Kernbrennstoff ein Abfallprodukt aus den USA genutzt werden kann, Plutonium -239 mit einer Halbwertzeit von 24.000 Jahren.“ Um solche Fakten aus dem Reich scheinbarer Zufälligkeit in die Welt der gelenkten Wirklichkeit zu überführen, kommt der japanische Schriftsteller Kenzaburo Oe zu Wort, der vor dem geheimen Abkommen Japans mit den USA über die Stationierung von Atomsprengköpfen in Japan warnt und seine Regierung auffordert, die Stationierung von US-Streitkräften auf Okinawa aufzukündigen und die Kernkraft abzuschaffen. Das Herz der Finsternis schlägt atomar.


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Fotoquelle: Wikipedia – Author United States Department of Energy –/– Gemeinfrei

Atombombentest „Romeo“ (Sprengkraft 11 Megatonnen TNT-Äquivalent) am 27. März 1954 auf dem Bikini-Atoll

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Mein Kampf – Merkel Ausgabe

Erstellt von IE am 29. Dezember 2015

Mein Kampf – Merkel Ausgabe

Siebzig Jahre haben die Deutschen gebraucht um nach Ende des Krieges hier die Demokratie einzuführen. Was Adenauer und seine Nachfolger erst gar nicht versuchten schaffte endlich Merkel die Nation darf das Buch der Deutschen wieder lesen „Mein Kampf“.

Leider aber ist dieses nur die halbe Wahrheit, denn uns wird in Kürze eine Schrift vorgelegt werden welche mit der Urschrift nur wenige Gemeinsamkeiten aufzuweisen hat. Von der Politik bezahlte Historiker haben die zwei Schriften auf das doppelte anwachsen lassen und die dann 1950 Seiten  mit 3500 Fußnoten vollgeschmiert. Wir lesen also auch heute eine Politisch gesteuerte Ausgabe was das Buch zu einer Farce verkommen lässt. „Mein Kampf“ zensiert bei Angela Merkel und ihre Meinungsschergen.

Die Politik macht also heute das gleiche was in den 30ger Jahren vorexerziert wurde, mit einem Unterschied, Missliebige Bücher werden heute nicht  mehr verbrannt sondern erst gar nicht mehr gedruckt. Politik ist also ein wenig diplomatischer geworden, die auferlegten Barrieren der demokratischen Werte zu umschiffen. Freiheit sieht allerdings anders aus.

Richtiger wäre es allerdings gewesen die Vergangenheit endgültig aufzuarbeiten und nicht weiter zu verdrängen. Dabei hätten die originalen Schriften sicher eine große Hilfe leisten können. Da wäre aber auch das Risiko größer gewesen im Nachhinein einige Denkmäler stürzen zu müssen?  Auf die Meinung von Historikern welche ihr Wissen aus dem Kaffeesatz lesen haben kann ich jedenfalls gerne verzichten. Von derartigen Schwachsinn wird der Markt ja geradezu überschwemmt.

„Mein Kampf“ in neuer Ausgabe

Hitlers böses Buch kehrt zurück

Historiker in Deutschland geben erstmals wieder Hitlers „Mein Kampf“ heraus. Das Projekt ist umstritten, das Interesse groß.

Wer will so etwas lesen? „Es bedurfte auch hier erst der Faust des Schicksals, um mir das Auge über diesen unerhörtesten Völkerbetrug zu öffnen.“ Oder: „Wer nicht selbst in den Klammern dieser würgenden Natter sich befindet, lernt ihre Giftzähne niemals kennen.“ … „Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu finden.“

Die Stilblüten sind wörtliche Zitate aus einem Buch, dass in Deutschland 70 Jahre lang nicht neu erscheinen durfte. Die Rechte an Adolf Hitlers zweibändiger Bekenntnisschrift „Mein Kampf“ gingen 1945/46 – ebenso wie sein sonstiges Eigentum – an den Freistaat Bayern, weil der „Führer“ bis zuletzt mit seinem Hauptwohnsitz in München gemeldet war. Die folgenden sieben Jahrzehnte hat es das Finanzministerium in München verstanden, alle Versuche einer Wiederveröffentlichung zu verhindern. Bis jetzt.

Am 1. Januar 2016 endet – über 70 Jahre nach den Tod des Autors – diese Schutzfrist, die allen Schriftstellern und ihren Rechtsnachfolgern zusteht, heißen sie nun Kurt Tucholsky, Joseph Roth oder Adolf Hitler.

Diese Frist spielt unter Verlegern ein große Rolle, denn von diesem Zeitpunkt an besitzt jedermann die Möglichkeit, ohne Vertrag mit dem Autor oder dessen Erben und ohne Beachtung anderer Verlegerrechte zu produzieren, was die Druckwalzen hergeben. So wimmelt es seit einigen Jahren von Neuveröffentlichungen der Werke von Tucholsky oder Roth. Nun auch von Hitler?
1.950 Seiten und rund 3.500 Fußnoten

Am 8. Januar wird das renommierte Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) die erste vollständige Fassung von „Mein Kampf“ der Öffentlichkeit vorstellen – nach jahrzehntelangem Widerstand und mehr als dreijähriger Arbeit.

In zwei Bänden, gut doppelt so dick als die Ursprungsfassung, auf 1.950 Seiten und versehen mit etwa 3.500 Fußnoten, wollen die Wissenschaftler um den Projektleiter Christian Hartmann die Inhalte des Buchs knacken. „Wir drehen den Zünder raus“, so hat Hartmann das Ziel der wissenschaftlichen Edition gegenüber der Zeit umschrieben. Er gibt zu: „So ein irres Gebräu zu widerlegen, das ist schwierig.“ Grundproblem sei es gewesen, dass Hitler von einem ganz anderen Weltbild ausging. „Wir mussten im Grunde beweisen, dass die Erde nicht flach ist.“

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoqueööe: Wikipedie – Urheber Albert Reich –/– Gemeinfrei

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Ein Kampf für die Spree

Erstellt von Rationalgalerie am 15. Dezember 2015

Von Amt zu Amt für einen Fluss

Autor: Angelika Kettelhack
Datum: 14. Dezember 2015
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Buchtitel: Der Wassermann
Buchautor: Sandra Prechtel
Verlag: HERBiG

So wie Sandra Prechtel die Geschichte des 53-jährigen Ingenieurs Ralf Steeg in ihrem Buch „Der Wassermann“ beschreibt, hat dieser tüchtige Tiftler seit fast 15 Jahren mit mutlosen oder trägen Beamten in Berliner Behörden darum gerungen, die Spree wieder so sauber zu kriegen wie sie 1905 mal gewesen ist als in diesem Fluss die Menschen noch ganz selbstverständlich schwimmen konnten. Dazu will Steeg unter der Wasseroberfläche Speicherbehälter montierten lassen, die die Abwässer aus Berlins Kanalisation bei starkem Regen vorübergehend aufnehmen könnten. Auf den Abwasserspeichern erträumt er sich dann Plattformen, die auf der Spree eine Kette von Inseln bilden für Sonnendecks, Cafés und Gärten.

Ralf Steeg, der in seinen ersten Jahren in West-Berlin die Hinterhöfe von Wohnkasernen mit Hilfe der Anwohner in prächtige Gärten verwandelte, und der damit so etwas wie das heute beliebte „Urban Gardening“ vorwegnahm, hat etwas erfunden, dass ein weltweites Umweltproblem lösen könnte und das sogar bezahlbar wäre. Doch der Weg von der Theorie in die Praxis ist anscheinend mit Borniertheit gepflastert. Nur weil Steeg ab und an begüterte Gönner fand, die er für sein Projekt begeistern konnte und die ihm privat für einige Monate weiterhalfen, hat er immer wieder die Kraft gefunden, all die Jahre unbeirrt für sein geniales System der Abwasser-Reinigung zu kämpfen. Er konnte seine Idee zwar schon in Hanoi / Vietnam vorstellen und in der Architektursparte der Biennale in Venedig ausstellen, aber der Arroganz der Berliner Beamten war er wohl nicht gewachsen. Zumindest konnte er sein Projekt nach deren Ansicht nicht überzeugend großsprecherisch darstellen. Anscheinend zeigte der Ingenieur nicht genug Selbstbewusstsein, so dass man versuchen konnte, ihn mundtot zu machen mit Absagen wie dieser von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt: „Unser Haus sieht keine Veranlassung für eine Übernahme der Pilotanlage im Berliner Osthafen durch die Berliner Wasserbetriebe. Da außerdem eine anteilige Finanzierung durch das Land Berlin nicht möglich ist, erübrigt sich ein Gesprächstermin.“

Ralf Steegs bescheidene Art des Auftretens mag daran liegen, dass er in der DDR großgeworden ist. Nachdem ein Ausreiseantrag seiner Eltern nicht bewilligt wurde, verlor er als 16-jähriger die Geduld und versuchte über die tschechische Grüne Grenze zu fliehen. Dieser Versuch endete in dem berüchtigten Untersuchungsgefängnis Halle/ Saale. Die Filmregisseurin Sandra Prechtel hatte eigentlich vor, über das Leben des Ingenieurs und Visionärs Ralf Steeg einen Dokumentarfilm zu drehen. Nun aber ist ihre Idee zunächst ein Buch geworden, das sich wie ein spannender autobiographisch geschriebener Entwicklungs-Roman liest. Da Prechtel als Autorin die Rolle von Steeg einnimmt, indem sie dessen Leben in der Ich-Form erzählt, erreicht sie eine weitgehend größere Anteilnahme an Steegs Schicksal und ein neugierigeres Interesse für dessen geniale Technologie als er es wahrscheinlich in seiner Bescheidenheit gekonnt hätte.

Steeg will das Problem von Dreck und Gift – wie etwa Fäkalien, Fischkadaver, Öle, Arzneimittel und Schwermetalle – die ungefiltert im städtischen Fluss landen weil das herkömmliche Abwassersystem nicht genug schluckt und überläuft, mit einem überraschend einfachen Gegenmittel lösen: Bei Stark-Regen sollen die Wassermassen, die etwa 30 Mal im Jahr mit über 5 Milliarden Liter in die Spree fließen, durch riesige unter der Flussoberfläche verankerte Grosstanks aufgefangen werden, um sie später bei Trockenheit wieder in die Kanalisation zurück zu pumpen und sie von dort ins nächst liegende Klärwerk zu transportieren. Noch immer steht das Projekt in den Sternen.


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Was ist ein Staatsverbrechen?

Erstellt von Rationalgalerie am 28. November 2015

Was ist ein Staatsverbrechen?

Wer erschoss Mundlos und Böhnhardt?

Autor: Wolfgang Pfeiffer
Datum: 26. November 2015
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Buchtitel: Die schützende Hand – Denglers achter Fall
Buchautor: Wolfgang Schorlau
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Verblüffung zuerst: für die allwissende Internet-Enzyklopädie „WIKIPEDIA“ existiert ein Stichwort: „Staatsverbrechen“ nicht. Vielleicht wartet man ja noch auf den Ausgang des NSU-Prozess, um in deren Ergebnis das Stichwort neu zu definieren.

Der Krimi-Autor Wolfgang Schorlau hat zu Recht nicht darauf gewartet. Sein Buch „Die schützende Hand – Denglers achter Fall“ serviert dem Leser jedenfalls – vermittelt durch den Erzählstrang rund um den Privatermittler Georg Dengler – alle Zutaten zu einem Kriminalfall, der die Bezeichnung „Staatsverbrechen“ verdient.

Die schlichte Frage „Wer erschoss Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt?“, mit der ein anonymer Auftraggeber Dengler in die Spur setzt, verbunden mit einer saftigen Geldspritze für den ewig klammen ehemaligen BKA-Zielfahnder, erweist sich als so explosiv, dass sich für Dengler selbst bald eine Frage auf Leben und Tod stellt …

Schorlau gibt Dengler und dem Leser nach und nach alle mittlerweile öffentlich zugänglichen Fakten und Lügen rund um den „NSU-Komplex“ an die Hand. Über 70 Anmerkungen, teils Dokumente, teils Zeitungsartikel und Tatort-Fotos, belegen, dass bei  der  „Aufklärung“ der vorgeblichen  Selbsttötungen  der
Rechtsterroristen Mundlos und Böhnhardt seitens der Ermittlungsbehörden geschlammt, gelogen und vertuscht wurde, dass sich die Balken biegen. Dazu passt gut die neueste mdr-Meldung, dass – nach sechs Jahren – im Rahmen einer „diskreten Durchsuchung befasster Dienststellen“ – plötzlich die verloren geglaubten Originalfotos vom Tatort wieder aufgetaucht sind, samt umfangreichen Aktenmaterials.

Und schon sind wir mittendrin in der aktuellen Debatte über „Verschwörungstheorien“. Der geneigte Leser, zu Beginn genauso naiv oder skeptisch wie Dengler, wird von Seite zu Seite in ein kriminelles Konstrukt von so
unglaublichem Ausmass hineingezogen, dass ihm zunächst nur die Charakterisierung „Fiktion“ einfällt. Wenn da nicht die Belege wären, die fast wissenschaftlich exakt den Anmerkungsapparat füllen.

Schorlau stellt sich dramaturgisch mit seinen Krimis in der Tradition von F. Forsyth (z. B. „Der Schakal“, „Die Akte Odessa“, „Die Todesliste“) oder auch von John Le Carré (z.B. „Das Russlandhaus“). Die Verbindung von realen (politischen) Verhältnissen mit fiktiven Romanfiguren gelingt ihm sprachlich allerdings nicht so brillant. Trotzdem nimmt die Handlung schon durch die Einführung der unumstösslichen Fakten in die Romanhandlung nach etwas zähem Anlauf ständig Fahrt auf. Dengler und mit ihm sein fiktiver Unterstützerkreis wird schliesslich vom Jäger zum Gejagten.

Fazit: Wolfgang Schorlau fasst auf unterhaltende (?) Art eine Frage zusammen, die schon der letzte Satz in dem Buch „Heimatschutz – Der Staat und die Mordserie des NSU“ (2014 erschienen im Pantheon Verlag) von Stefan Aust und Dirk Laabs nahelegt: „Mit jeder weiteren vernichteten Akte, mit jeder nicht beantworteten Frage, mit jeder neuen Lüge verstrickt sich das Bundesamt für Verfassungsschutz nun weiter in einen Kampf, den es vor über 20 Jahren begonnen hatte – und der Satz des Geheimdienstkoordinators und ehemaligen Vizepräsidenten des BfV Klaus-Dieter Fritsche vor dem NSU-Ausschuss, hallt mit jedem Tag lauter, schriller, aber auch klarer nach: „Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln unterminieren.““ – Die Frage lautet: wie weit ist der Schritt vom Staatsgeheimnis zum Staatsverbrechen bereits gegangen?

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Fotoquelle: Wikipedia – NSU Mahnmal Dortmund –/– Author Reclus –/– CC0

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Das letzte Buch von Günter Grass

Erstellt von Rationalgalerie am 10. November 2015

Aus der Erinnerung nur wächst die Zukunft

Autor: U. Gellermann
Datum: 09. November 2015
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Buchtitel: Vonne Endlichkeit
Buchautor: Günter Grass
Verlag: Steidl

Das war´s: „Vonne Endlichkeit“, ist das letzte Buch von Günter Grass. War´s das? Wer kann schon so weit in die Zukunft blicken und Geschichtsmächtigkeit erkennen? Jene Summe von Zitaten und Rezitaten, die Erinnerungen künftiger Rezensionen, die Bilanz germanistischer Diplomarbeiten: „Die Auswirkungen sozialdemokratischer Politik auf die Poetik des Günter Grass“, oder „Der Pferdekopf als Aalköder – das Märchen von der Gänsemagd als Material für die Blechtrommel“. Endlich, denken sie, sie hätten ihn beerdigt, den Querschreiber, auf USB-Sticks abgeheftet, und sie könnten sich den Nachrichten zuwenden, in denen doch nur ein weiteres Stück von Grass über den Krieg aufgeführt wird: „Gedachten wir, vom Bildersturz verschreckt, / des Ersten, während vielerorts / der Dritte anfing, Probe nur / und Übung für den Ernstfall war.“ So brandet noch einmal der Grass auf, in seinem letzten Buch: „Und hielt den Atem an / haßentbrannt in diesem Sommer.“

Hassentbrannt? Ja hat der Alte denn nicht seinen Frieden gefunden, in seinen letzten Tagen? Es wird dieser Sommer gemeint sein, der letzte des Grass´schen Lebens, ein Sommer voller Krieg, auf den die Vernunft und die Liebe zu den Menschen mit dem selben Hass zurückblicken wird wie der Dichter. – Der lag mal zur Probe in seinem Sarg. Machte sich vertraut mit seinem Tod, das Holz roch frisch, zufrieden habe er ausgesehen, meinte seine Frau, bei der Anprobe. So gehen Momentaufnahmen. In langen Spannen misst sich die Unzufriedenheit: „Erst als die immer schon Heimischen / sich fremd genug waren / begannen auch sie / ihr Fremdsein zu ertragen“ das notiert uns Grass über die Vertriebenen, beschrieben werden die Millionen Deutsche des letzten großen Krieges, gemeint sind alle, die vor Kriegen geflohen, in fremden Ländern die nützliche Masse der Fremden stellen.

Einmal, auf den gut gebundenen Seiten von dickem, weichen Papier, lädt Grass uns zum Vergleich mit sich selbst ein: Auf der linken Seite ist Herbstlaub mit dem Zeichenstift schraffiert zu sehen, auf der rechten malt er das Laub in seiner Sprache: „Ich beuge mich, lerne lesen. Kein Blatt ohne Inschrift. Auf einem Fächer Kastanienlaub hat Eichendorff ein Gedicht hinterlassen, das ich als Schüler hersagen konnte.“ Stünde der Dichter mit dem Zeichner im Wettbewerb, um Längen hätte der Dichter den Kampf gewonnen. Wie sollten auch Zeilen über das unheimliche Wort der Kindheit, nach dem Gott alles sieht, in einer Zeichnung gefasst werden können. Grass nimmt das Wort, zerschlägt es, fügt es neu und betet: „Ach, liebe Drohne / mach mich fromm, / daß ich in deinen Himmel komm.“ So wird das Auge Gottes in die wirklichen Machtverhältnisse bewegt, dorthin, wo aus heiterem Himmel jede Stunde ein US-Gottesurteil die Erde verfinstern kann.

Ganze vier Seiten lang kämpft der Dichter den „Abschied vom Fleisch“. Und was das Feuilleton sicher als vegetarische Handreichung überblättert hat, ist ein beißendes Gedicht vom Tod, sich noch einmal ins lebendige Fleisch krallend, noch einmal den Leib der Frauen erinnernd und auch den eigenen; den Abschied nehmen, weil anderes nicht mehr zu nehmen ist. – Die Deutschen sagen bei den langen Abschieden „Lebe wohl“, das nimmt sich nach dem Ende des Lebens eher komisch aus. Einmal mehr hilft das englische Farewell: Reise gut, Grass! Reise im Gepäck derer, die erinnern können. Denn aus der Erinnerung nur wächst uns die Zukunft.


Fotoquelle: Wikipedia – Author Blaues Sofa from Berlin, Deutschland — / — CC BY 2.0

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Eine Lanze für … Akif Pirinçci

Erstellt von DL-Redaktion am 30. Oktober 2015

Sehr mutig, so offen seinen Schritt zu zeigen

Der irre Exschriftsteller wird hierzulande wohl kein Bein mehr auf den Boden bekommen. Wohin kann er dann bloß gehen?

von Arno Frank

Jahrelang habe ich die Junge Welt mit der Jungen Freiheit verwechselt, aber wie’s so ist mit Abonnements – sobald die einen erst mal bei den Eiern haben, kündigt man nicht mehr so mir nichts, dir nichts. Auch wäre es geistig nicht erfrischend, in der Zeitung immer nur das grünlinksversiffte Gutzeug zu lesen, das ich mir sowieso dauernd denke. Die Junge Freiheit jedenfalls hat Akif Pirinçci angerufen und gefragt: „Mensch, Akif, dumm gelaufen. Wie steckst du’s weg? Alles fit im Schritt?“

Und dann sagt Akif Pirinçci, nee, überhaupt nicht fit, er mache jetzt den Heinrich Heine. Verkaufe sein Haus, locke seine Katzen in die Transportbox und setze sich ins Ausland ab, wo er sich vermutlich ein neues Haus kaufen und seine Katzen wieder frei rumlaufen lassen könne, ohne dass sie auf der Straße gleich als „Faschistenkatzen“ bepöbelt würden. Wohin es gehen soll, sei noch geheim. Pacific Palisades, wie Thomas Mann und Bertolt Brecht? Dschidda, wie Idi Amin? Sankt Helena im Atlantik? Oder gleich weiter ins antarktische Neu­schwa­ben­land? Die Junge Freiheit wird mich hoffentlich auf dem Laufenden halten.

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Wenn Venedig stirbt

Erstellt von Rationalgalerie am 22. September 2015

Stirbt die Idee von der Stadt

Autor: Susanna Böhme-Kuby
Datum: 21. September 2015
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Buchtitel: Wenn Venedig stirbt
Buchautor: Salvatore Settis
Verlag: Wagenbach

Unsere Autorin lebt und arbeitet in Vendedig.

Wenn Venedig stirbt…  so die Schlussfolgerung des Autors am Ende seines Pamphletes – wenn Venedig stirbt, dann stirbt die eigentliche Idee von Stadt als offener und vielfaeltiger Raum sozialen Lebens, Grundlage fuer Zivilisation und Demokratie.
Um letzteres geht es. Salvatore Settis legt kein neues Buch ueber Venedig vor, sondern  der hochengagierte Kunsthistoriker und Archaeologe vereinigt einige seiner juengsten Vortraege zu einer „Streitschrift gegen den Ausverkauf der Staedte“. Das ist im Italien der urbanen Vielfalt mit seiner einst beispielhaften Stadtkultur ein hochaktuelles Thema, angesichts sogenannter Modernisierungsprojekte und einer zunehmend kommerziellen Valorisierung historischer Bauten bei grassierender Immobilienspekulation inmitten touristischer Monokulturen.

Staedte als komplexe lebendige Konstrukte setzten sich ueber Jahrhunderte aus Steinen und Menschen, aus der Stadtbevoelkerung und ihren Lebensbedingungen zu historischen Erfahrungsraeumen zusammen. Verschwinden letztere, Settis nennt das post-antike Athen als Beispiel, geht das einher mit einer kollektiven Amnesie, und wie bei Menschen, die ihr Gedaechtnis verlieren, auch mit dem Vergessen der eigenen Wuerde.
Hauptthema von Settis‘ Betrachtungen ist also die Unterwerfung auch der Stadtentwicklung unter die zunehmend zerstoererischen Bedingungen der neoliberalen Oekonomie, die die Beduerfnisse der Mehrheit der Menschen und eben auch der Stadtbewohner ignoriert, deren Anzahl heute bereits auf mehr als die Haefte aller Erdbewohner gestiegen ist.

Settis beschreibt den Wandel der Stadt vom hoechsten Kulturprodukt unserer Zivilisation, Wiege buergerlicher Werte und Demokratie, hin zur exorbitanten Megalopole, in der sich Abermillionen Menschen zusammendraengen bis in weit ausufernde Bidonvilles „im Namen von Produktivitaet, geblendet von der Illusion des sozialen Aufstiegs oder um des nackten Ueberlebens willen“. Als Beispiel fuer diesen vor allem ausserhalb Europas rapide voranschreitenden Trend nennt Settis u.a.das chinesische Chongqing, das von 600.000 Einwohnern um 1930 auf inzwischen 32 Mio. anwuchs. Auch in europaeischen Staedten sind Tendenzen zur Anpassung an die konsumgesteuerte Produktionsmaschinerie (Wolkenkratzer, Stadtautobahnen, Satellitenviertel, Schlafstaedte) in vollem Gange.

Die in einem zunehmend deindustrialisierten Italien errichtete glamouroese Hochhaus-Kulisse im Zentrum Mailands, fuer die Expo 2015, stellt jedoch laut Settis keinen „verspaeteten Triumph der Moderne, sondern ihre Fiktion“ dar, die keinen Wachstumsprojektionen entspricht. Und die Typologie des Wolkenkratzers ist auch anderswo in Italien dabei, sich losgeloest von Raumentwicklungsplaenen durchzusetzen. Selbst im sich entvoelkernden Venedig ist ein 250 m hoher Riesenturm angedacht (der vom neugewaehlten Buergermeister der Stadt als positiver „moderner“ Impuls gesehen wird, ebenso wie die schwimmenden Hochhaeuser der Kreuzfahrtungetueme / Anmerkung der Rezensentin). Settis sieht in diesem Gigantismus einen „Fetisch des Kapitalismus (…) reproduzierbar als das architektonische Gesicht eines schrankenlosen Neoliberalismus“, dessen oekonomische Hintergruende und soziale Folgen ausgeblendet und verschleiert bleiben und folglich als „naturgegeben“ erscheinen.

Als Gegenbild zur Megalopolis erscheint die Stadt Venedig als verborgenes Urbild aller Staedte, von denen der Erzaehler, Marco Polo, in Italo Calvinos „Unsichtbaren Staedten“ dem Gross-Khan  berichtet. Ihm folgend ist auch fuer Settis der mehr als tausendjaehrige Stadtkomplex in der Lagune, als vollendeter Ausdruck der engsten Symbiose von Natur und Kultur, das Sinnbild fuer alle Staedte und gilt als Paradigma der historischen Stadt ueberhaupt. Und er tritt ein fuer eine neue Betrachtungsweise der Altstadt-Problematik, bei der Fortschritt und Konservierung bisher als unueberbrueckbare Gegensaetze gelten. Settis schlaegt die Realisierung von Alternativen zum fortschreitenden „Einheitsgedanken, der auf der ganzen Welt ein einziges Modell identischer Neustaedte durchsetzen will“ vor. Venedig ist dabei ein Pruefstein im bestehenden Aufloesungsprozess seiner ‚forma urbis‘ die – verdeutlicht durch den immer bedrohlicheren Bevoelkerungsschwund – mehr und mehr zu blosser Residualexistenz verurteilt scheint, zur passiven Kulisse des Tourismus (nur noch 56.000 Einwohner in der Altstadt bei ca. 34 Mio. Besuchern pro Jahr).

Es geht fuer das Ueberleben Venedigs also nicht um die Konservierung von Vergangenem oder das Auskosten des Jetzt durch immer neue Events, sondern um die Reaktivierung einer taetigen Buergerschaft, die „den Vorrang des Gebrauchswertes der Stadt ueber den Tauschwert stellt“. Es geht um das „Recht auf Stadt“, d.h. auch „um das Recht junger Menschen auf eine kreative Arbeit, auf Wohnung und auf eine Zukunft“. Und Settis schliesst dabei die „Neuitaliener“ ein, die aus vielen Weltteilen kommen und ein anderes Bewusstsein entwickeln koennen, als das, was der „truegerische Kosmopolitismus der ueber Venedig hereinfallenden Touristenhorden“ suggeriert. Damit stellt der Autor allerdings eine gesellschaftspolitische Forderung, die ueber die Stadtproblematik weit hinaus und die Italien und ganz Europa angeht.
Wie z.B. der Fall MoSE (das umstrittene und korrupte Mammutprojekt zum Schutz vor dem Hochwasser) zeigt, dienten gerade die Umwelt-Probleme Venedigs als Vorwand fuer einen vorgeblichen „Kulturschutz“, der gigantische Raubmechanismen deckt, die auch in anderen „Grossprojekten“ Italiens weiterhin am Werke sind. Einige der Verantwortlichen stehen nun vor Gericht, aber ihr System scheint ungebrochen.

Umso notwendiger erscheint es, die Dimension der Erinnerung an ein „Anderes“ zu bewahren und weiter zu entwickeln, deren Gefahr fortschreitenden Verschwindens inzwischen das gesamte menschliche Zusammenleben bedroht: „Es raubt der Gegenwart den Atem und gefaehrdet die Zukunft“.


Fotoquelle: Wikipedia /Artist Canaletto (1697–1768) Link back to Creator infobox template –Source/Photographer Own work, Giovanni Badoer

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„Ich wollte Schröder stürzen“

Erstellt von IE am 21. September 2015

Ja, genau das ist Politik: Am A…. und am Kopf finden sie immer wieder zusammen. Auch wenn einige Jahre  darüber vergangen sind. Wobei die leeren Köpfe alle gleich hohl klingen. Was unter ihren Strich zählt, ist das Geld sowohkl in der Eigenen als auch der Parteikasse um so möglichst lange die Macht und damit die Kontrolle über die Kasse zu behalten. Als Zugabe erwähnen wir die Staatsräson, welche immer dann besonders hoch gezerrt wird, wenn Dummheit und Ratlosigkeit zu sehr nach oben durchschimmern. Die persönliche Unfähigkeit muss vor der Bevölkerung kaschiert werden.

Einen sichtbaren Unterschied zwischen Schröder und Merkel gibt es nicht, dieser blitzte in den Wahlnächten vielleicht einmal kurz auf, verflog aber schnell vor der Ohnmacht des jeweiligen Verlierer. Einer der weiteren ganz großen Verlierer heißt Oskar Lafontaine welcher, wie weitere vor ihm, dieser Tage seine Biografie vorstellt welche entsprechend reißerisch aufgemacht wird, um dadurch wohl seine still anhaltende Wut auf Schröder zum Ausdruck zu bringen.

Wer mag das heute noch glauben, im Angesicht der Tatsache, wo auch er sich in seinem Leben so oft verbog – so dass er hätte selber mühelos, in sein eigenes Hinterteil hineinkriechen können.  Eine typische Geste der Politiker eben, bei welchen nur noch das große Fressen oben auf ihrer Visitenkarte steht. Egon Bahr sprach es einst passend aus, als er vor einer Heidelberger Schule folgendes sagte: „In der internationalen Politik geht es, nicht um Demokratie und Menschenrechte, sondern um Interessen. Ganz egal was man Ihnen im Geschichtsunterricht auch sagt“. Solange das so ist, wird alles beim Alten bleiben.

Natürlich werden bestehende Verletzungen nicht vergessen werden. Auch wohl bis an  das Lebensende hin. Fakt ist aber letztendlich auch, das der Verlierer an seiner Niederlage für gewöhnlich den größten Anteil selber trägt? Vielleicht hatte Schröder ja nur die besseren Mitarbeiter an seiner Seite?

Diese Vermutung scheint wohl zuzutreffen, da sich eine ähnliche Situation einige Jahre später in der LINKEN wiederholte. Ich kann so schreiben, da mit beiden Seiten viele Gespräche geführt wurden wobei es nie meine Absicht war, ins Saarland einzuwandern.

Auch dieser Streit hält bis zum heutigen Tag vor und wird in schöner Regelmäßigkeit gegenseitig befeuert. Das war mit Sicherheit eine der größten Bärendienste welche sich die Partei  selber erweisen konnte. Denn da sie von immerwährenden Wahlen getrieben wird, unterstelle ich hier den Machern, egal ob in Berlin oder Saarbrücken, ein totales, taktisches Versagen. Einen politischen Suizid.

Erinnern wir uns nicht alle noch an den Wahlabend als Schröder sich gegenüber Merkel ähnlich einen Trunkenbold aufführte? Merkel will am Morgen, Dienstag – in Berlin die Biografie über ihren Vorgänger präsentieren. Auch Schröder wird dabei sein, vielleicht sogar nüchtern? Das ist aber genau der Punkt welcher die Politik innerhalb der Bevölkerung als völlig Unglaubwürdig darstellt.

Vielleicht wird daran gedacht wenn einmal mehr über die nachlassende Bereitschaft zum Wählen, so hohl debattiert wird. Für Clowns ist ein Zirkus normal der bessere Präsentierteller.

„Ich wollte Schröder stürzen“

Der frühere SPD-Chef Oskar Lafontaine hat in einem neuen Buch über Gerhard Schröder schonungslos wie selten zugegeben, dass er sich am damaligen Kanzler rächen wollte. „Ich wollte Schröder stürzen“, erzählt der spätere Vorsitzende der Linkspartei und Agenda-2010-Gegner in einer am Montag erschienenen Biografie, die der Historiker Gregor Schöllgen über den SPD-Altkanzler verfasst hat.

In der Wahlnacht 2005, als Schröder die Macht an CDU-Chefin Angela Merkel verlor, sei die Rivalität aber von ihm abgefallen: „Jetzt war ich innerlich frei“, sagte Lafontaine im Gespräch mit Schöllgen. Schröder hat keinen Bedarf, mit dem Saarländer zu reden. Seit damals haben die beiden kein Wort miteinander gewechselt.

Die Welt

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Fotoquellen:Wikipedia

Schröder: Urheber André Zahn / CC BY-SA 2.0 de

Lafontaine: Urheber ItuCC BY-SA 3.0

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Schlachtfeld Irak

Erstellt von Rationalgalerie am 8. September 2015

Titanic im Mittelmeer für alle

Autor: U. Gellermann
Datum: 07. September 2015
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Buchtitel: Der Verrückte vom Freiheitsplatz und andere Geschichten über den Irak
Buchautor: Hassan Blasim
Verlag: Antje Kunstmann

Schlachtfeld heißen die Felder, Straßen und Plätze, auf denen Menschen geschlachtet werden. Allerlei Sorten des Metzgerns hat Hassan Blasim in seinen Geschichten über den Irak aufgeschrieben. Auch die vom verlorenen Kopf einer Mutter, verloren auf der Flucht aus dem Irak in ein Europa, aus dem Krieger und Kriege in den Irak kamen: „Es fehlte einzig der Kopf, der einst seinen Kopf berührte und sich zärtlich über ihn geneigt hatte.“ Fast vier Millionen Iraker irren durch das eigene Land. Auf der Suche nach Sicherheit, nach Schutz vor gewaltsamem Tod. Und Blasim ist ihr Chronist. Selbst vor dem nun mehr als 30 Jahre andauernden irakischen Krieg geflohen, lebt er nun in Finnland und schreibt sich die Seele aus dem Leib.

Die irakischen Kriege der Neuzeit – begonnen mit dem Iran-Irak-Krieg von 1980, waren immer auch Kriege der USA, von den Vereinigten Staaten gewünscht oder provoziert oder begonnen – dauern an. Und sie finden auch im Exil kein Ende: In einem Aufnahmezentrum für Flüchtlinge treffen junge Sudanesen auf eine Gruppe von Irakern, die den Sturz Saddam Husseins feiern: „Die Amisoldaten werden Eure Frauen vögeln,“ sagen die Sudanesen, „Warum freut ihr Euch darüber?“ Und schon beginnt die Prügelei. Wie eine Fortsetzung der Kämpfe im eigenen Land. – Irgendwo auf einer Flucht merkt der Autor an, dass „die kollektive Ertrinkerei“ im Mittelmeer, „einen ausgesprochen unterhaltenden Filmeffekt bietet, so etwas wie eine neue Titanic für alle.“ Und wenn in diesen Tagen ein ertrunkener Junge am Strand vor Bodrum scheinbar die Welt bewegt und sogar den britischen Ministerpräsidenten zu einer arglistigen Vortäuschung von Menschlichkeit bringt, dann findet man am Bild von der Titanic fast Gefallen. Und auch an diesem drastischen Sarkasmus: „Und jetzt auch noch dies: 800 Afrikanische Kadaver pro Woche! Das sind, selbst bei durchschnittlich 65 unterernährten Kilogramm, immerhin 52 Tonnen Menschenfleisch pro Woche. Kein Wunder, dass der Blauflossenthun triumphiert und die Dorade sich fühlt wie die Made im Speck.“ So ätzt es der Bundesrichter Thomas Fischer auf die Seiten der ZEIT.

Auf einer der vielen Fluchten und Reisen, von diesem Lager zu jener Asyl-Station, lässt uns der Autor auf den Mann mit der dicken, fetten, weißen Ratte treffen. Noch während der Leser glauben mag, ein Zitat des muslimische Mystikers Rumi über die Wahrheit, die ein großer Spiegel war und vom Himmel fiel, führe zu Erkenntnissen, führt die Spur des Schriftstellers nur in eine absurdes Nichts, zur Ratte als einem Symbol für den Tod, der im Rattengift seine chemische Vollendung findet. In der Tradition orientalischer Märchen findet der Autor seine Form, und bei Kafka findet er die surrealen Bilder einer Wirklichkeit, deren Realität angesichts des Entsetzens über Krieg und Flucht fassbar geworden ist, als seien sie nicht geschrieben, nur noch beschrieben.

Im Irak wandern 3,6 Millionen Binnenvertriebene durch ein gefährliches, zerstörtes Land. Ungefähr dort wo heute Deutschland liegt, wütete vor mehr als 300 Jahren der 30jährige Krieg. Jahrzehnte brauchte das zerschundene, zerfetzte, vergewaltigte Land zur Erholung. Wie lange der Irak brauchen wird, oder Afghanistan, Libyen, Syrien, dass wissen wir nicht. Gewiss ist, dass die Erholung erst mit dem Ende des Krieges begann und beginnt.


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Bahnfahren in Indonesien

Erstellt von IE am 6. August 2015

Jakarta / Metropole rund 30 Millionen Einwohner

Fifty Shades of Green

Wer mit der „Kereta Api“ quer durch Java fährt, kommt in seltsame Hafenstädte, sieht viel grüne Landschaft – und ist allein unter Indonesiern.

von Michael Brake

Es dürfte kaum einen grüneren Ort auf der Welt geben als Java in der Regenzeit. Laubfroschgrün leuchtende Reisfelder grundieren die gesamte Insel, nur vereinzelt blitzen aus ihnen die Caping auf, die Kegelhüte der Reisbauern. Darüber wuchert es, palmengrün, bambusgrün, bananenstaudengrün, dschungelgrün und Grün ist auch die Farbe der meisten Moscheen.

Reisfeld in Gebangsari Village, Banyumas, Central Java.

Man hat viel Zeit, sich Indonesiens Hauptinsel anzuschauen, wenn man sie einmal komplett mit dem Zug durchquert, von Jakarta im Nordwesten bis an die Ostspitze, nach Banyuwangi, wo im Halbstundentakt die Fähren nach Bali übersetzen. 27 Stunden Nettofahrtzeit und weit über 1.000 Gleiskilometer sind das, verteilt auf vier Etappen.

Bahntrasse

Nun ist der Zug normalerweise nicht das Mittel der Wahl eines Individualreisenden. Die Erzählung einer stundenlangen Tour im Kleinbus – aus den Boxen laute Musik, auf dem Schoß ein Huhn – gehört zur Backpackerromantik wie Kakerlakenjagden und Durchfall-Survival. Bahn fahren hingegen ist etwas für Menschenscheue wie mich, man kann es machen, ohne ein Wort zu sprechen. Es ist wie im Supermarkt einzukaufen, statt beim Händler zu feilschen. Ein quantifizierbares System mit klaren Regeln und Zeiten.

Weißes Rathaus von Cirebon

Nebenbei ist eine Bahnreise natürlich auch schneller, sicherer und man kann dabei auch mal aufstehen und herumlaufen. Und was all das Gewese um die „Locals“ angeht, an deren Leben jeder aufgeklärte westliche Reisende unbedingt teilhaben muss: In allen vier Zügen war ich der einzige Weiße – wurde in dieser Rolle aber einfach so zur Kenntnis genommen und nicht bestaunt oder permanent angesprochen.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquellen: Wikipedia

von oben nach unten:

Jakarta bei Tag : Urheber Gunawan Kartapranata

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

Reisplantage: Urheber Wie146

Diese Datei ist unter den Creative-Commons-Lizenzen „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“,

Bahnstrecke: Urheber Galih Andrian

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

Weißes Rathaus von Cirebon: Urheber Jie73

Diese Datei ist lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“.

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Eine konformistische Provokation

Erstellt von Rationalgalerie am 17. Juli 2015

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Dietrich Brüggemanns Kinofilm „Heil“

Autor: Hans-Günther Dicks
Datum: 15. Juli 2015

Darf man über alte und neue Nazis lachen? Sehr wohl – wenn man sie genügend ernst nimmt; tut man letzteres wirklich, ist das Lachen sogar unausweichlich. Darf man über Nazis eine Filmkomödie drehen? Natürlich auch – wenn man sie genügend… Nach anderen deutschen Jungfilmern hat sich nun auch der 1976 in München geborene Dietrich Brüggemann daran gemacht, aus der Lächerlichkeit dumpfbrauner Hirngespinste an den Kinokassen Honig zu saugen. Sein fünfter Spielfilm „Heil“ kommt am 16. Juli in die Kinos, als „kreischend komische Liebeskomödie und bitterböse Gesellschaftssatire“ vom Verleih beworben – und davon stimmt gerade mal das erste Wort.

Um was geht es? Der afrodeutsche Autor Sebastian Klein ist durch sein Buch gegen den Rassismus zum Medienstar geworden. Auf einer Lesetournee gerät er im ostdeutschen Dreiländereck in die Hände, pardon, Schlagstöcke von Neonazis, verliert sein Gedächtnis und plappert fortan die Phrasen der Nazis nach. Seine hochschwangere Freundin Nina nimmt hartnäckig seine Spur auf und landet in einem Provinznest, wo wie in einem aufgescheuchten Wespennest sich diverse ultrarechte Cliquen, Nachrichtendienste, Karrieristen, Medienmacher, Politiker, Ordnungshüter und chaotische Links- und Rechtsaktivisten gegenseitig beharken. Der ehrgeizige Naziführer Sven (Benno Fürmann) will mit einem fingierten Überfall die Eroberung Polens einleiten, um endlich bei seiner ultramilitanten Freundin zu punkten, dieweil diverse BND-V-Leute restlos den Überblick verlieren und die Medien des Landes zusätzliche Verwirrung stiften.

Fingierter polnischer Überfall? Wer sich hier an seinen Geschichtsunterricht erinnert, den belehrt Oberlehrer Brüggemann bald eines besseren: Den Fall Gleiwitz gibt es bei ihm nicht real, sondern nur als Hirngespinst eines verliebten Trottels. Auch sonst lässt der Regisseur, der hier in grotesker Selbstüberschätzung gleichzeitig für Regie, Buch, Musik und Koproduktion zeichnet und sich bei der finalen TV-Talkrunde auch noch eine Rolle als Verkünder eigener Botschaften ins Drehbuch schrieb, kein einziges politisch inkorrektes Fettnäpfchen aus. Er stolpert von Witz zu Witzchen, watscht das komplette Politik- und Medienspektrum nach einander heftig ab. stolpert durch sein Thema ohne Konzept oder Struktur, und wo ihm einmal ein wirklicher Gag einfällt, nimmt er ihm im endlosen Tsunami aus Kalauern, Plattitüden und Geschmacklosigkeiten selbst die Wirkung. Wenn’s sein muss, opfert er für abgestandene Situationskomik auch mal jede dramaturgische Logik und plappert ganz wie sein Filmheld Sebastian die üblichen Rechts-gleich-Links-Phrasen nach, die schon immer der Geburtsfehler dieser Gesellschaft waren. Dem Zuschauer schwinden bald die Sinne – und der Story der Sinn.

Wo solcherart jede Subtilität ausgetrieben ist, haben natürlich auch die Darsteller wenig zu spielen. Es ist, als habe sich der Regisseur nach seinem fast asketisch stillen Film „Kreuzweg“ nun mit einem gigantischen Darsteller-Ensemble einmal so richtig austoben wollen. Doch was heißt schon Ensemble bei einer Rekordzahl von nicht weniger als 114 (!) Sprechrollen, die großen davon mit Stars wie Benno Fürmann, Liv Lisa Fries oder Jakob Matschenz zugkräftig besetzt, wogegen seine Schwester Anna, die an all seinen früheren Filmen als Co-Autorin und/oder Darstellerin prominent beteiligt war, diesmal nur in der Rolle der brutalen Nazibraut Doreen zu sehen ist. Rollen zudem, deren bevorzugte Ausdrucksmittel Herumschreien, Schüsse, Schläge, Stöße und Tritte sind? Jeder von ihnen liefert ohne subtile Mimik und Charakterzeichnung seinen mehr oder minder kurzen Auftritt ab, und bevor er auf den Szenenapplaus warten kann, ist schon die nächste „Nummer“ dran. Wie rasch sich solche „Dramaturgie“ selbst erledigt, zeigt der geradezu hilflos einfallslose Schluss.

Überhaupt scheint Rekordjagd gegenwärtig ein prägendes Ziel im bundesdeutschen Film zu werden, dafür gibt es Preise und Beifallarien wie lange nicht mehr. Da gibt es einen Bundesfilmpreis für Til Schweigers 7-Millionen-Besucherrekord – was wenig über Publikumswünsche, aber viel über die Vermarktungsstrukturen in der deutschen Filmwirtschaft sagt. Da wird Sebastian Schippers „Victoria“ in den Feuilletons bejubelt als quasi olympische Leistung, bloß weil moderne Digitaltechnik es möglich machte, die 140 Filmminuten komplett in einer einzigen Einstellung ohne Schnitt zu drehen. Brüggemann nutzt seine Monsterteam immerhin zu einem raffinierten Besetzungscoup: Ein Schuft, wer Böses dabei denkt, dass er nach seinem 2014 arg gefloppten Film „Kreuzweg“ etliche Rollen mit Prominenten aus der Film- und Medienbranche besetzt hat, die er zu augenzwinkernden Kurzauftritten vor die Kamera lud. Das Wohlwollen der Branche und der Filmförderer wird ihm diesmal sicher sein. Zwar dürfen Michael Gwisdek und Heinz Rudolf Kunze (als Verfassungsschützer) und der prominente Filmkritiker Dietrich Kuhlbrodt nebenbei ein paar aufmüpfige Wahrheiten ins Kinovolk streuen, aber die gehen gewiss unter im Geschnatter der anderen. So kommt „Heil“ nicht als wirkliche Provokation daher, sondern als eine Art Inzuchtprodukt bundesdeutscher Filmpolitik, die in ihm bekommt, was sie verdient.

Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.

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Botox für alle

Erstellt von Rationalgalerie am 7. Juli 2015

Auch und gerade für Obdachlose

Autor: U. Gellermann
Datum: 06. Juli 2015
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Buchtitel: Botox für alle
Buchautor: Olaf Cless und Dieter Süverkrüp
Verlag: fiftyfifty edition

Die im Buch „Botox für alle“ versammelten Glossen stammen alle aus dem Düsseldorfer Straßenmagazin „fiftyfifty“. Es steht zu vernuten, dass man im besseren Düsseldorf einfach nicht halbe-halbe sagen kann. Und so spricht auch das sozial schlechter gestellte Düsseldorf denglisch. Der Glossen-Schreiber Olaf Cless und sein Illustrator Dieter Süverkrüp allerdings schreiben und zeichnen ohne Umschweife. Und weil sie jetzt wirklich keine Zeit haben, bis der Mainstream ihre kunstvolle Arbeit wahrnimmt, haben sie die fälligen Rezensionen schon mal vorweg genommen. Besser können die Staatsmedien ohnehin nicht schreiben. Wer sonst würde es in einer Obdachlosenzeitung wagen Botox für alle zu fordern? Siehste.
„Unser soeben erschienenes Büchlein „Botox für alle“ hat bereits ein unerwartet lebhaftes Presseecho ausgelöst. Als erste reagierte, noch vor den eigentlichen Medien, die Botox-Herstellerfirma Allergan: „Grundsätzlich begrüßen wir es, dass sich hier zwei Autoren den Gedanken ‚Botox für alle’ zu eigen gemacht haben, der seit langem Richtschnur unseres wirtschaftlichen Engagements ist. Noch schöner hätten wir es gefunden, wenn die Herren Cless und Süverkrüp ihre Publikation im Vorfeld mit uns abgestimmt hätten.“

Wenig später brachte die Rheinische Post eine knappe Würdigung des Buches: „’Botox für alle’ kommt in verspiegelter Optik daher. Eine hübsche Idee. Leider muss man lange blättern, bis die titelgebende Glosse auftaucht. Sie ist bereits vier Jahr alt und gefällt sich in Respektlosigkeiten gegen den bekannten Schönheitschirurgen Mang, der auch für unsere Landeshauptstadt schon so viel geleistet hat.“ Grundsätzlicher wird ein Kritiker in Die Welt: „Glossen eines gewissen Olaf Cless, Zeichnungen von Dieter Süverkrüp? Welch seltsame Arbeitsteilung. Hat es dem vormals so zungenschnellen altlinken Barden derart die Sprache verschlagen, dass er die Texterei einem Nobody von der erstbesten Obdachlosenzeitung überlässt und sich selbst auf eine Serie dünnstrichiger Zeichnungen beschränkt? Umgekehrt wäre wohl noch eher ein Schuh daraus geworden.“ Zu einem freundlicheren Urteil kommt erwartungsgemäß die Junge Welt, wenngleich mit Einschränkungen: „Cless’ Kolumnen bleiben zu oft im satirisch Unverbindlichen, lassen den klaren Klassenstandpunkt, die unmissverständliche Kampfansage an die Herrschenden vermissen. Ein Manko, das Süverkrüps skurrile Bilder eher noch steigern.“ Ausschließlich diesen Zeichnungen widmet das Kunstmagazin art eine knappe Notiz, in der es heißt: „Zugegeben, Süverkrüps Strich ist von bemerkenswerter Souveränität, doch genau darin liegt das Problem: So klar und sicher darf man, seit Beuys, heute nicht mehr zeichnen. Und schon gar nicht so lustig.“

Aus dem insgesamt eher negativen Echo – aber Hauptsache, es gibt überhaupt eines – sei hier noch die Süddeutsche Zeitung zitiert: „Der Autor der fiftyfifty-Glossen scheint unser ‚Streiflicht’ zu kennen. Die überraschende Themenverquickung, die sprachliche Delikatesse – auch er versucht sich an derlei. Aber ach, die literarischen Referenzen schwächeln, das altsprachliche Fundament fehlt, und so landet er allzu oft in schnöder Tagespolitik.“

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Aus dem Wachkoma

Erstellt von DL-Redaktion am 27. Juni 2015

Wachkomapatientin:

Nach fünf Jahren zurückgekämpft

Ihre Tochter war bereits fünf Jahre alt, als Carola Thimm aus dem Wachkoma erwachte. Über ihr Leben in diesem Dämmerzustand schrieb sie ein Buch.

Fünf Jahre lang wusste sie nicht, dass sie eine gesunde Tochter zur Welt gebracht hatte. Sie wusste auch nicht , dass ihr Vater in der Zwischenzeit verstorben war. Sie dachte viel mehr, dass er ihretwegen verärgert war und deshalb nicht mehr an ihr Bett treten wollte. Sie hatte auch keine Ahnung, dass sie im Wachkoma lag. „Weil ich gar nicht gewusst habe, was ein Wachkoma ist“, erzählt Carola Thimm heute .

Blackout

Sie war gerade einmal 36 Jahre alt und glücklich – weil im fünften Monat schwanger, – als sie zum dritten Mal in 13 Jahren ein Aneurysma erlitt. Ganz plötzlich, während des Walkens. Thimm schildert die dramatischen Minuten: „Meine Atmung beschleunigt sich. Irgendwie ist mir plötzlich schlecht, mein Herzschlag hämmert in meinem Kopf. Schnell und gierig atme ich die frische Luft ein, pumpe sie in meine Lunge. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass der Sauerstoff nicht ausreicht. Ein stechender Schmerz jagt durch meinen Kopf. In der Ferne sehe ich einen Spaziergänger auf einem der Felder, über mir zieht ein Bussard seine Kreis am wolkenlosen Frühlingshimmel. Sein Schrei, der spitz in meinen Ohren klingt, ist das Letzte, was ich wahrnehme – dann ist plötzlich alles schwarz, Blackout, nichts mehr. Ein blinder Fleck in meiner Erinnerung.“ Spaziergänger finden die ohnmächtige Frau.

Quelle: Kurier >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Blick in eine Intensivstation. – Urheber Norbert Kaiser

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Mein Vater ist Terrorist

Erstellt von Rationalgalerie am 23. Mai 2015

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Über die Liebe in der Apartheid

Rationalgalerie

Autor: Angelika Kettelhack

Datum: 21. Mai 2015

Der international gerühmte israelische Regisseur Eran Riklis wurde 1954 in Jerusalem als Sohn eines Biochemikers geboren und ist in Kanada, den USA und in Brasilien aufgewachsen. Sein neuster Film, der heute unter dem Titel MEIN HERZ TANZT in die deutschen Kinos kommt, und dessen englischer Titel DANCING ARABS viel verheißungsvoller klingt, ist die Geschichte von Eyad (Tawfeek Barhom), der als bislang erster und einziger Palästinenser an einer Elite-Schule in Jerusalem angenommen wird. Schon als „I-Männchen“ fällt Eyad auf als der palästinensische Lehrer nach den Berufen der Väter fragt. Voller Stolz und strahlend sagt er: „Mein Vater ist Terrorist!“ Mit seiner Unbekümmertheit gewinnt er natürlich sofort die Herzen der Kinobesucher. Dessen ist sich sein Regisseur Eran Riklis, der vor allem durch seine Arbeiten DIE SYRISCHE BRAUT (2004) und LEMON TREE (2008) bekannt wurde, auch durchaus bewusst: Er möchte als Israeli von Anfang an Sympathie für seine palästinensische Hauptfigur wecken.

Eyad, der aus der israelischen Kleinstadt Tira stammt, deren Bevölkerung fast ausschließlich aus muslimischen Arabern besteht, ist sehr bemüht, sich seinen jüdischen Internatszöglingen und der israelischen Gesellschaft anzupassen. Er möchte dazugehören. Neben dem harten Lernen für das Stipendium an der Elite-Schule meldet er sich auch für ein soziales Projekt an. Ihm wird Yonatan (Michael Moshonov) zugeteilt, der im Rollstuhl sitzt und so ebenso ein Außenseiter ist wie Eyad. Schon bald entsteht zwischen dem Schwerkranken und dem in Jerusalem noch Fremden eine ganz besondere Freundschaft.

Natürlich verliebt sich Eyad an seiner neuen Schule genau in das falsche Mädchen, nämlich in die kluge und schöne Jüdin Naomi (Danielle Kitzis). Eine Liebe, die gegenüber Familie und Freunden geheim bleiben muss. Naomi möchte gegen alle Widerstände zu Eyad stehen, und auch Eyad ist bereit, alles für Naomi zu tun. Als deren Eltern dennoch von der unseligen Beziehung erfahren, wollen sie die Tochter von der Schule nehmen. Da Eyad aber die gute Ausbildung seiner Freundin nicht behindern möchte, verlässt er seinerseits das Elite-Internat. Doch durch die Unterstützung von Yonatan und dessen Mutter, die von dem weltbekannten ehemaligen Model Yael Abecassis sehr dezent und liebevoll und gleichzeitig doch überzeugend stark und entscheidungsfähig, auf eine subtile Art zurückgenommen, gespielt wird, kann Eyad als Externer seine Examina für eine aussichtsreiche Karriere fortsetzen. Und bevor Yonatan stirbt, legt Eyad auch für ihn sämtliche Prüfungen ab und führt damit sozusagen ein Doppelleben als Palästinenser und Israeli.

Eran Riklis filmische Parabel über die Suche junger Menschen nach ihrer Identität und sein Plädoyer für ein menschliches Zusammenleben beruht auf dem halb autobiografischen Roman des in den USA lebenden „Haaretz“-Kolumnisten Sayed Kashua. In kleinen fast unbedeutend wirkenden – weil wie nebenbei inszenierten – Szenen zeigt Riklis wie Gewalt und Borniertheit in aller Welt funktionieren: Wenn Eyad und Naomi durch Jerusalem schlendern und sie ihn bittet, er solle ihr „Ich liebe Dich“ doch mal auf arabisch sagen, wird das von einem israelischen Soldaten zufällig mitgehört. Und der nimmt Eyad natürlich sofort fest und den Rest kann der Zuschauer sich selbst ausmalen. Oder wenn Naomis Mutter sagt: „Du kannst ruhig lesbisch sein oder Krebs haben, aber einen Araber bringst Du mir nicht mit nach Hause“. Eran Riklis ist der Meinung, dass solche Szenen nicht ausgespielt werden müssen, weil sie in aller Welt auf ähnliche Weise funktionieren – so etwa auch zwischen Deutschen und Türken oder Franzosen und Nordafrikanern, etc…

Aber auf die Frage ob Filme soziale und politische Probleme lösen können, antwortet Riklis: „Das können sie nicht. Aber sie können helfen soziale, politische und humane Diskussionen anzustoßen. Wenn ich gefragt werde ob ich politische Filme mache, sage ich ,Nein‘. Ich mache Filme, die Erkenntnisse und Bewusstsein erzeugen. Die Leute kommen bevor sie den Film gesehen haben mit einem bestimmten Standpunkt, einer bestimmten Voreingenommenheit ins Kino. Meine einzige Absicht ist es, dass diese Leute wieder denken sollen und wieder sensibilisiert werden. Der Film soll in ihnen arbeiten und vielleicht ihre festgelegte Meinung verändern oder sie wenigstens dazu bringen, mit ihren Freunden zu diskutieren. Das reicht für mich. Ich will die Leute nicht umerziehen. Ich bin kein Prediger. Ich hasse Didaktik.

Und wie wurde DANCING ARABS in Israel aufgenommen? „Erstaunlich gut, obwohl wir ja in einem sehr schwierigen Jahr starteten. – Es war eine Katastrophe. Aber nicht nur der Krieg mit Gaza. Jeder von uns blickt auf eine lange Geschichte zurück. Besitzansprüche auf das Land, geistige und religiöse Bindungen, die die Menschen und Nationen viel zu lange gespalten haben. Egal ob in Tel Aviv, Jerusalem, Damaskus, Kairo oder in Tira, der Stadt aus der unser Held kommt, man ist mit der Frage konfrontiert, wer man ist, woran man glaubt und wo man sich in der Zukunft selbst sieht. In Israel gibt es israelische Juden, israelische Araber und israelische Christen mit den dort nicht nur auf den Golan-Höhen lebenden Drusen. Der Araber im Film muss immer jonglieren, einen Tanz aufführen als Minderheit zwischen den Veränderungen der Mehrheit. Er muss sich sozusagen immer zwischen den Regentropfen bewegen. Die Situation bleibt immer schwierig.“

Und weiter meint Eran Riklis: „Die Menschen in Israel sind von ihrer Herkunft her sowieso schon sehr multikulturell. Aber die populäre, in Europa gebrauchte Bezeichnung ist immer ,die Juden und der Rest‘. Deshalb steht am Anfang meines Films schon der Satz ,20 Prozent der israelischen Bevölkerung sind Araber.‘ Unter den Arabern gibt es viele Moslems, aber sie sind nicht alle Palästinenser. Und warum werden auf den großen arabischen Festivals die Filme von Riklis nicht gezeigt? „I‘ m very upset“, sagt er. „Ja das ärgert mich sehr. Schon vor 24 Jahren als ich meinen Film CUP FINAL machte, wurde er in Kairo auf dem Festival nicht gezeigt, obwohl wir Frieden mit Ägypten hatten. Es macht keinen Sinn wenn die politische Welt sich einmischt, da wo sie nicht sollte. Besonders in Dubai und Abu Dhabi. Es ist immer wieder eine Frage des Geldes, der wirtschaftlichen Stärke. Das sieht man wie der Westen, die Amerikaner und die Europäer, dorthin gehen. Ich finde, die Filmemacher müssten sagen, wenn ihr nicht Filme aus aller Welt nehmen wollt, dann braucht ihr auch kein Festival zu machen“.

Der Film kommt am 21. Mai in die Kinos.

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Das Stigma Antisemitismus

Erstellt von Uli Gellermann am 19. Mai 2015

Wer Antisemit ist, bestimmt der Mainstream

Autor: U. Gellermann
Datum: 18. Mai 2015
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Buchtitel: Rufmord – Die Antisemitismus-Kampagne gegen Links
Buchautor: Wolfgang Gehrcke
Verlag: PapyRossa

Das ist das Bequeme am Antisemitismus-Vorwurf: Er muss nicht belegt, nicht argumentiert werden. Auch die Kritik am Staat Israel ist in der deutschen Öffentlichkeit durchweg als Antisemitismus eingeordnet. Beweise für den Vorwurf? Die braucht der gewöhnliche Redakteur, der übliche Politiker nicht. Es reicht aus, das Wort Antisemit zu benutzen, und der so stigmatisierte ist erledigt. Das weist der LINKEN-Abgeordnete Wolfgang Gehrcke gründlich nach, wenn er in seinem Buch „Rufmord – Die Antisemitismuskampagne gegen Links“ sorgsam die Vorwürfe mit den Fakten vergleicht und unter den vielen Anwürfen auch jenen gegen Oskar Lafontaine findet – dem von Dieter Graumann, einem Funktionär des jüdischen Zentralrates – „krankhafte“ Feindseligkeit gegen Israel vorgeworfen wurde. Dass der Graumann mit dem Wort „krankhaft“ die Sprache der Nazis benutzte, fiel der allgemeinen Öffentlichkeit einfach nicht auf.

Die wohl berühmteste jüngere Antisemitismus-Vorwurf-Kampagane zitiert Gehrcke, wenn er an den „Fall“ Günter Grass erinnert, der vor dem atomaren Erstschlag der Regierung Netanjahu gegen den Iran warnte und dafür monatelang auf der Antisemitismus-Bestseller-Liste des kompletten Medienmainstreams stand. Auch weniger Prominente gerieten auf diese Liste: Jakob Augstein, der zum lupenreinen Antisemit gemacht wurde, auch weil er Günter Grass verteidigt hatte und Gehrcke selbst, der von Christian Bommarius in der „Berliner Zeitung“ zum „Gesinnungsgenossen“ des „rechten Mob“ gestempelt wurde, weil er mit Ken Jebsen einen Aufruf der Friedensbewegung unterzeichnet hatte. Und Jebsen sei nun mal Antisemit. Der ist zwar keiner, aber warum soll man etwas beweisen, was sich schon durch die einfache Behauptung beweist.

Es war die deutsche Linke, so erinnert Gehrcke, die historisch mit den Begriff „verjudet“ gebrandmarkt wurde. Das Wort vom „jüdischen Bolschewismus“ war lange virulent, wurde dann aber im westlichen Nachkriegsdeutschland aus Rücksicht gegenüber dem Bündnispartner Israel eingemottet. Bis es in den 80ern durch den Historiker Ernst Nolte wiederbelebt wurde. Was aus der heutigen, umgedrehten Vorwurfslage vollständig ausgeblendet wird, ist die Tatsache der Nazi-Rettungs-Aktion in der jungen Bundesrepublik, die den praktizierenden, den mörderischen Antisemiten das soziale Überleben in der Justiz, in den Geheimdiensten und der Politik ermöglichte. Der Nazi-Kanzler Kiesinger und der Nazi-Bundespräsident Carstens verschwinden hinter dem dreckigen Vorwurf gegen die Linke fast völlig.

Zwar stellt die Studie von Werner Bergmann vom „Zentrum für Antisemitismusforschung“ fest, dass Antisemitismus bei Linken nur unterdurchschnittlich anzutreffen ist. Aber was soll solchen verblendeten Linken-Hassern wie Volker Beck von den GRÜNEN schon die Wissenschaft, wenn er auf dem Halstuch einer linken Abgeordneten, das den nahen Osten zeigte, die israelischen Grenzen nicht erkennen konnte und der interessierten Öffentlichkeit deshalb meldet: „Israel ist dort bereits verschwunden!“ Dass man genau dieses Tuch überall in Israel kaufen kann und die Grenzen fehlen, weil der Staat Israel seine Grenzen nun mal nicht festlegen will: Was soll´s. Kaum hatte die falsche Beck-Behauptung die Öffentlichkeit erreicht, wurde sie zur anerkannten Wahrheit: Wer Antisemit ist, bestimmt der Mainstream.

Längst hat der bequeme Antisemitismusvorwurf gegen die Linken auch die LINKE selbst erreicht. Der Berliner Chef der LINKEN-Landespartei, Klaus Lederer, behauptete jüngst, dass zwei Unterzeichner der Aktion „Friedenswinters“ eine Nazi-Nähe haben. Das „bewies“ er mit zwei entstellten Zitaten. Und lieferte so eine gründlich gefälschte Steilvorlage für jene Medien, die ganz sicher nicht mit der Linkspartei befreundet sind. – Eine besonders anrührende Stelle findet sich in Gehrckes Buch, wenn er über die emotionale Auswirkung der Antisemitismus-Beschuldigung berichtet: „Sie macht hilflos und drängt dazu, sich zu verteidigen, zu rechtfertigen, wohl wissend, dass das gänzlich sinnlos ist“. Dass es Wolfgang Gehrcke – der in den 70er Jahren mit an der Spitze der linken Aktionen gegen die antisemitische NPD stand – mitten ins Herz trifft, wenn ausgerechnet solche wie er als Antisemiten bezeichnet werden, ist mehr als verständlich. Vielleicht deshalb schließt er sein Buch mit den Worten: „Antisemitismus und Antikapitalismus schließen sich aus wie Wasser und Feuer.“

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Ein deutscher Neger

Erstellt von Uli Gellermann am 15. Mai 2015

Justiz-Mord im kaiserlichen Kamerun

Autor: U. Gellermann
Datum: 14. Mai 2015
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Buchtitel: Der gute Deutsche
Buchautor: Christian Bommarius
Verlag: Berenberg

„Zuverlässig in Afrika“ titelt die Hamburger Firma C. Woermann GmbH & Co. KG auf ihrer Web-Präsenz und leistet sich, fraglos ungewollt, damit einen bitteren Witz. Denn zuverlässig wurden ab 1884 – im Interesse und auf Geheiß der Woermann-Sippe im deutschen „Schutzgebiet Kamerun“ – über Jahrzehnte Menschen faktisch versklavt und ihrer Rohstoffe beraubt, damit sich die Woermanns und andere ein Vermögen zusammenraffen konnten. Noch heute zeugt das Hamburger „Afrikahaus“, das ausgerechnet an der „Grosse Reichenstrasse“ liegt, von der erfolgreichen Brutalität des deutschen Kapitalismus. Über einen ganz besonderen Fall, den Justizmord an Rudolf Duala Manga Bell, berichtet Christian Bommarius in seinem Buch „Der gute Deutsche“. Denn als einen guten Deutschen hatte sich Manga Bell, der Sohn eines Häuptlings, sicher verstanden: Er war ein braver Christ, hatte sein Deutsch bei einer schwäbischen Pflegefamilie gelernt und bestand auf seinem guten Recht: Das hat ihm ein Ende durch den Strang eingetragen. Noch heute wissen die Menschen in Kamerun, dass „Tot´ekombo“ der „Vater der Nation“ von den Deutschen ermordet wurde. Nur die Deutschen wissen das nicht.

Damals, es war die Zeit, in der die europäischen Nationen ihre Kolonien unter die Stiefel nahmen, wollten auch die Deutschen – die späte Nation – mithalten. Die Franzosen und Engländer hatten sich im „Wettlauf um Afrika“ schon beträchtliche Teile des Kontinents unter den Nagel gerissen. Da schien es an der Zeit, dass auch das deutsche Reich seinen „Platz an der Sonne“ bekam, wie es der spätere Reichskanzler von Bülow forderte. Es ist von ähnlichem Witz wie die Woermannsche „Zuverlässigkeit“, dass der Bülowsche Räuberspruch bis heute Titel eine Fernsehlotterie ist: Geschichtsvergessenheit gehört zum deutschen Tages-Geschäft. Vielleicht findet sich in einem der ethnologischen Museen auch noch der „feudale Kanuschmuck des Lock Priso“, den einer der deutschen Eroberer nach dem Niederbrennen eines Dorfes in Kamerun erbeutet hat: So bewahrt der Bildungsbürger brav die Geschichte der `Eingeborenen´ auf.

Die afrikanische Umgebung, in der Rudolf Manga Bell aufwächst, ist geprägt von seiner Familien-Herkunft und der täglichen Brutalität kolonialer Herrschaft: Auch wenn die Deutschen sich nur schwer vorstellen können, dass die `Wilden´ so etwas wie Zivilisation besitzen, waren die Leute vom Duala-Stamm schon lange erfolgreiche Händler und die Generationen der Familie Bell galten bei ihnen als herausragend erfolgreich. Aber da die Duala eine Art Konsensdemokratie herausgebildet hatten, waren die jeweiligen Stammes-Sprecher auf Gespräche, auf besseres Wissen und eben Erfolge angewiesen. Dieses höchst zivilisierte Regime musste der deutschen Befehlskette und ihrer Waffentechnik unterlegen sein.

Säckeweise ließ der Schutztruppenoffizier Hans Dominik die abgeschnittenen Köpfe schwarzer Feinde transportieren, vielleicht auch zur Dekoration für ein Regal daheim. Dass nach ihm immer noch eine Straße in Hamburg-Jenfeld benannt ist, wird sicher mit seinen Verdiensten um die deutsche Kolonie zusammenhängen: „Die Neger müssen wissen, dass ich der Herr bin und der Stärkere; solange sie das nicht glauben, müssen sie es eben fühlen, und zwar hart und unerbittlich, so dass ihnen für alle Zeiten das Auflehnen vergeht“ zitiert ihn Christian Bommarius und er erinnert auch daran, dass die deutsche Kolonie als „twenty-five country“ bekannt war, jenes Stück Land, in dem mindesten fünfundzwanzig Schläge mit der Nilpferdpeitsche üblich waren, wenn „der Neger“ nicht das tat, was der weiße Herr wollte. August Bebel verteilte damals aus Protest Kolonial-Peitschen im Reichstag. Solch despektierliche Aktionen würden der heutigen SPD kaum einfallen.

Als die Maßnahmen der deutschen Kolonialmacht die Existenzmöglichkeiten der Duala unter das Minimum drückten, als man sie zwangsweise umsiedelte und ihren Handel faktisch verbot, besann sich Rudolf Manga Bell auf jenes Rechtsprinzip, das er wohl aus Deutschland mitgebracht hatte: Pacta sunt servanda, Verträge sind einzuhalten. Und es gab einen Vertrag zwischen den Deutschen, durch Hamburger Handelshäuser vertreten, der einst mit den Dualas abgeschlossen worden war. Dieser Vertrag sah ein Kündigungsrecht vor. Der sehr deutsche Schwarze Manga Bell wollte den Vertrag erfüllt sehen. Unterstützt von deutschen Rechtsanwälten wie Hugo Haase und Paul Levi, die zur „intellektuellen Elite der Sozialdemokraten“ zählten. Aber er erfährt sehr schnell, das deutsches Recht nur für echte Deutsche gilt.

Wer das Buch von Bommarius mit einer Internet-Recherche begleitet, wird in der als alternativ gerühmten Wissensmaschine WIKIPEDIA zum deutschen Kamerun eine Sprache finden, die zwischen scheinbar nüchterner Distanz und haltlosen Euphemismen hin und her schwankt. Da „erzwingt“ ein Kolonialoffizier „den ungehinderten Verkehr“ und von Jesko von Puttkamer – der als Gouverneur von Kamerun Symbol für Gier, Brutalität und Betrug war – weiß WIKI, dass er „Kamerun als deutsche Kolonie nachhaltig geprägt hat.“ Dieser postkolonialen Blindheit könnte Christian Bommarius mit seinem Buch „Der gute Deutsche“ ein Ende setzen, wenn es jene Verbreitung fände, die es verdient hat. – Wie dieser sonst sorgfältig recherchierende Journalist jüngst die schlichte Lüge über die Friedensbewegung – in der „Linke und Rechtsradikale in einem Bündnis“ geeint seien – hat verbreiten mögen, bleibt ein Rätsel.


Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Heinrich Hoffmann (1809–1894) Auf die Infoboxvorlage des Erstellers verlinken wikidata:Q215724

Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

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Krieg der Ukraine-Oligarchen

Erstellt von Uli Gellermann am 1. Mai 2015

Vom Bundeswehr-Tanz auf den Gräbern begleitet

Autor: U. Gellermann
Datum: 30. April 2015
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Buchtitel: Ein Krieg der Oligarchen
Buchautor: Ulrich Heyden
Verlag: PapyRossa

Ganz hinten in der Medien-Reihe, im WDR 5, erfuhr man vor ein paar Tagen, dass der für Russland und die Ukraine zuständige Koordinator der Bundesregierung, Gernot Erler, die Kiewer Regierung gewarnt hat: „Die Erwartungen der Ukraine gehen in eine Richtung, die nicht realistisch ist.“ Hätten Erler, Merkel, Steinmeier & Co. damals, als sie das Ukraine-Abenteuer auf dem Maidan begannen, nur Ulrich Heyden gefragt. Der seit 1992 in Moskau arbeitende Korrespondent für „Die Wochenzeitung“ (Zürich), hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Ob es noch reicht, der den Krieg riskierenden deutschen Außenpolitik Heydens jüngstes Buch „Ein Krieg der Oligarchen“ zu schenken, ist fraglich. Denn Heyden, der auf dem Kiewer Maidan war, der persönlich in Donezk, Schachtjorsk und Odessa recherchiert hat, mag die in deutschen Medien und deutscher Politik weit verbreitete These von „Putins Krieg“ in der Ukraine nicht stützen. Und die angeblichen deutschen Sachkenner lasen sich höchst ungern das Brett vom Kopf nehmen, das sie sich von den USA vor den Kopf haben nageln lassen.

Weil Heyden keine vorgefasste Meinung hat, wird er bereits zu Beginn des Buches dem Kiewer Maidan gerecht, den er nach seinem Besuch im Januar des letzten Jahres als Basisbewegung gegen Korruption und Oligarchen-Wirtschaft schildert und in der er durchaus linke Einsprengsel entdeckt. Doch während der versammelte deutsche Mainstream noch von einer puren Demokratiebewegung schreibt und sendet, spürt der sorgfältige Journalist schon dem Rechten Sektor nach: Der habe sich schon seit der Orangenen Revolution 2004 in paramilitärischen Trainingslagern getroffen, Fackelmärsche für den Nazi-Kollaborateur Bandera organisiert und die „nationale Revolution“ vorbereitet. Während die GRÜNEN rund um den Maidan nur „Freiheitskämpfer“ erkennen mochten, deckt Heyden auf, dass es der Rechte Sektor war, der den von Frank W. Steimeier inspirierten „Sechs-Punkte-Plan“ in den Papierkorb warf, und der den Ministerpräsidenten, Wiktor Janukowitsch, mit Drohungen zur Flucht veranlasste. Einer dieser vom Westen apostrophierten „Freiheitskämpfer“ wird von Heyden exemplarisch entlarvt: Er hatte seine solide Schießausbildung und seine Indoktrination dem „Kongress Ukrainischer Nationalisten“ zu verdanken.

Einen besonderen Abschnitt widmet Heyden den „Scharfschützen“ jenen bis heute anonymen Mördern vom Maidan, die von Klitschko und Jazenjuk sofort den Kräften um Wiktor Janukowitsch zugeordnete wurde. Eine unbewiesene These, die aber eil- und dienstfertig von den deutschen Medien weiterverbreitet wurde. Denn wenn es der „blutige Diktator“ Janukowitsch war, dann rechtfertigte sich der Putsch wie von selbst. Heyden protokoliert solch seltsame Fakten wie jene, dass auf der Maidan-Tribüne bereits von „drei Scharfschützen“ die Rede war, als das noch niemand hätte wissen können. Und auch davon schreibt der Autor, dass „aus den von Maidan-Aktivisten besetzten Gebäuden geschossen wurde.“ Bis heute mag die Kiewer Regierung die Verbrechen nicht aufklären. Verschwundene Beweise lassen die Zweifel am Aufklärungswillen der Behörden wachsen.

Auch ein nächstes Massaker findet keine Aufklärung: Jener Anschlag gegen etwa 100 Menschen, die auf dem Scheiterhaufen des Gewerkschaftshauses in Odessa verbrannt wurden. Dem Massenmord hat der deutsche Medienmainstream das Wort „Katastrophe“ gewidmet. Es hätte nicht viel gefehlt und der „objektive“ Journalismus hätte das Wort „Natur“ davor gesetzt. Ulrich Heyden nimmt die schmerzhafte Aufgabe auf sich, vor Ort mit Überlebenden zu reden und mit Augenzeugen des Geschehens. Und er stellt die Fragen, die gestellt werden müssen: Warum kam die Feuerwehr erst 38 Minuten nach dem ersten Alarm, warum hat sich die Polizei völlig passiv verhalten? Fragen, die auch Aussenminister Steinmeier hätte stellen könne. Er war, so schreibt Heyden, elf Tage nach dem Brand in Odessa. Eigentlich habe er einen Kranz vor dem Gewerkschaftshaus niederlegen wollen. Aber der Gouverneur habe ihm geraten das nicht zu tun: Er könne Unruhen auslösen.

Heydens ruhige, professionelle Schreibe ist eine wohltuende Abwechslung zu den Propaganda-Texten für Kiew, denen die deutschen Leser und Zuschauer seit Monaten ausgesetzt sind. Neben seinen sozialen Analysen über die Auswirkungen der IWF-Interessen an der Ukraine – Preis-Explosionen bei den Wohnungsnebenkosten, brutale Kürzungen im medizinischen Sektor – macht er sich auf und sucht die von Kiew verordnete Kriegsbegeisterung in der Ukraine. Er findet um die 10.000 Deserteure, Soldaten-Frauen, die gegen das Verheizen ihrer Männer protestieren und den Mindestpreis vom 600 Euro für eine ärztliche Untauglichkeits-Diagnose. Und er ist sich auch sicher, dass es nur Frieden geben kann, wenn man gemeinsam mit Russland nach Lösungen sucht und Kiew direkte Verhandlungen mit den Separatisten aufnimmt. Dazu bedarf es auch und gerade auf deutscher Seite einer gewissen Klugheit und Sensibilität.

Wie viel Sensibilität die deutsche Seite aufbringt, ist am 9. Mai im Berliner „Palais am Funkturm“ zu besichtigen: Ausgerechnet am 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus werden beim “Ball des Heeres” Militärs und Spitzen der Gesellschaft auf den Gräbern jener Menschen tanzen, die mit ihrem Tod die braune Pest beendet haben. Weil nun mal, so wagt die Heeresleitung zu erklären, an diesem Datum auch der 60. Jahrestag des Beitrittes der Bundesrepublik Deutschland zur NATO zu feiern sei.

Vorstellung des Buchs von Ulrich Heyden
Am Montag, 04.05.2015 | 19:00 Uhr
Rosa-Luxemburg-Stiftung, Salon, Berlin
Franz-Mehring-Platz 1
10243 Berlin

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Mattana

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Ein Hörspiel für LINKE

Erstellt von IE am 26. April 2015

Illegale Helfer

Sie wollen alles andere als Helden sein.

Auszug aus einem Theaterstück und Hörspiel

Es sind politisch engagierte Menschen, die die Grenzen, die das Gesetz festlegt, nicht akzeptieren, die damit auch nicht die Marginalisierung, Kriminalisierung und eben Illegalisierung von Menschen ohne legalen Status akzeptieren. Es sind Leute, deren politischer Protest im Helfen besteht. Die damit eine intakte Zivilgesellschaft repräsentieren, die Verantwortung übernimmt auch oder besonders dann, wenn der eigene Staat und die europäischen Staaten versagen. Sie tun es auch mit Blick auf die nationalsozialistische Vergangenheit. Dass sie sich selbst in Gefahr begeben oder straffällig werden, ihren Beamtenstatus riskieren, nehmen sie in Kauf, sie legen es aber nicht darauf an. Und sie verlieren keine Zeit damit, darüber nachzudenken, was man bloß tun kann – sie tun was. Und sie retten dabei Leben. Ich habe vier Jahre lang – in Zusammenarbeit mit Lars Studer – in vier europäischen Ländern recherchiert und mit den Menschen gesprochen, die in der verborgenen Welt des menschlichen Handels zu Hause sind. Sie setzen viel Zeit, Energie und Fantasie ein, ein halbes Leben, ein Doppelleben, das sie führen.

1. Szene

Genner, Mitte 60:

Zivilcourage ist heute notwendiger denn zuvor, denn es kann ja gelingen, Abschiebungen zu verhindern! Wenn ein Asylwerber Asyl eingebracht hat, wenn er von der Deportation bedroht ist, untertaucht und 18 Monate nicht auftaucht, dann tritt für ihn die Dublin-Verordnung außer Kraft. Aber 18 Monate sind eine lange Zeit. Wo soll er hin in dieser Zeit?

Lukas, um die 40:

Ich hatte mit meinen Kindern eine Zeit auf der Alp bei meinem Freund Jonas verbracht. Er bewirtschaftet einen Wald und mehrere Wiesen in den südlichsten Ausläufern der Schweizer Alpen im Tessin, direkt an der Grenze zu Italien. Ein groß gewachsener, kräftiger Mann von vielleicht Mitte 20 kam den Saumpfad herunter, gestützt auf zwei Stöcke. Er sprach uns freudig an, in einem fast unverständlichen Englisch, strahlte und fragte er, ob er hier in der Schweiz sei. Wir bejahten. Der Mann war dankbar, begeistert eigentlich, die Schweiz! Der Traum geht in Erfüllung, und er fragte weiter, ob, wenn er diesem Weg ins Tal folgen würde, er zu einem Dorf käme. Ja, sagten wir. Ich spürte, wie es mich freute, ihm auf diese Weise helfen zu können. Er überbot sich mit Segnungen. God bless you, sagte er, ich glaube, er nahm meine Hand, ich glaube auch, er berührte meinen Kopf.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

Besonders wichtig für Führer der Partei DIE LINKE welche hören möchten was eine LINKE Lebenseinstellung bedeutet ! Erst hören und dann danach bitte auch handeln wenn ihr in der Gesellschaft respektiert werden wollt. Es geht viel mehr als nur leere Reden zu führen !!

Das Hörspiel – Illegale Helfer

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Judgement – Grenze der Hoffnung

Erstellt von Rationalgalerie am 24. April 2015

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Ein Film über alte und neue Flüchtlinge

Autor: Angelika Kettelhack

Rationalgalerie

Datum: 23. April 2015

Ein kleines, ärmliches Dorf an der bulgarisch-türkischen Grenze. Dort in der rauen Berglandschaft lässt der bulgarische Regisseur Stephan Komandarev seine Geschichte spielen: Als Mityo (Assen Blatechki) mit Mitte Vierzig seinen Job als Milchfahrer verliert, steht seine gesamte Existenz auf dem Spiel. Sein achtzehnjähriger Sohn Vasko hält ihn schon lange für einen Versager. Aber er weiß fast nichts über seinen Vater. So auch nicht, dass der sein ganzes Geld für die Behandlung seiner krebskranken Frau Franka ausgegeben hat, die aber vor kurzem dennoch gestorben ist. Für Mityo scheint es nur noch einen Ausweg zu geben, nämlich das gefährliche Angebot seines ehemaligen Armee-Captain anzunehmen, der von Miki Manojlovic brillant infam und undurchsichtig gespielt wird. Manojlovic ist vielen Kinogängern sicher noch aus Emir Kusturicas Film „Underground“ von 1995 in Erinnerung, wo er einen skrupellosen Schwarzmarkt-Händler spielt oder als Sex-Club-Besitzer neben Marianne Faithfull in „Irina Palm“ von 2007.

Für den Film „Judgment – Grenze der Hoffnung“, der bildgewaltig und episch eine Tragödie im klassischen Sinne erzählt, ist es sicher von Vorteil, dass die Balkan-Schauspiellegende Miki Manojlovic eine der drei Hauptpersonen im Drama von Schuld, Verrat und Versöhnung spielt. Für diesen ehemaligen Armee-Hauptmann soll Mityo Flüchtlinge aus Syrien illegal über die nahe Grenze zwischen der Türkei und Bulgarien in die EU schleusen. Für den gutmütigen Mityo ist das eine folgenschwere Entscheidung. Denn der Weg führt durch das Grenzgebiet am sogenannten Judgment-Felsen vorbei, in jener südbulgarischen Gebirgsregion, die im vorigen Jahrhundert eine der wenigen echten Ostblock-Außengrenzen zum kapitalistischen Ausland war und deshalb als ebenso scharf bewacht galt wie man das von der innerdeutschen Grenze kannte. Dieses Felsmassiv erinnert Mityo immer wieder an ein schreckliches Verbrechen, an dem er – gegen seinen Willen – selbst beteiligt gewesen war als junger Wehrdienstsoldat, der eine der härtesten Grenze des Kalten Krieges zu verteidigen hatte.

Der Film beruht laut Stephan Komandarev auf einer wahren Geschichte. Aufbauend auf drei Dokumentarfilmen, die in dieser unwirtlichen Gegend entstanden, hat er als Regisseur und Drehbuchautor selbst zwei Jahre verbracht und eine Menge authentischer Berichte gesammelt, um sie in den Film einfließen zu lassen. Er sagt: „Es ist die Geschichte eines Mannes, der vor 25 Jahren etwas Furchtbares getan hat während er dort seinen Militärdienst ableisten musste. Sein Sohn ist erst nach der Wende geboren worden. Und nur sehr langsam und mit Hilfe vieler Fragen versteht er erst die Wahrheit hinter der Vergangenheit seines Vaters. Für mich ist das Vater-Sohn-Verhältnis eines der wichtigsten Elemente im Film. Denn ich selbst habe zwei Kinder, die mich immer wieder nach den gesamtgesellschaftlichen und den sozialen Bedingungen fragen. In gewisser Weise handelt es sich vielleicht aber auch um ein „Roadmovie“. Denn der Grenzübergang in dieser Gegend war damals der Fluchtweg von Ungarn bis hin zur Türkei, für Menschen, die damals dem Kommunismus entfliehen wollten.“

Und jetzt gut 25 Jahre später sind es also die Menschen, die auf ihrer Flucht aus Syrien und den angrenzenden Krisengebieten den selben gefährlichen Landweg wählen – aber in umgekehrter Richtung – um das vermeintliche „Paradies Europa“ zu erreichen. Jetzt hilft Mityo Menschen die Grenze zu überwinden, die er einst mit brutaler Waffengewalt verteidigt hat und wird dabei immer wieder von den Schatten der Vergangenheit heimgesucht. Sobald die Flüchtlinge das Gebirgsmassiv bei Sturm und Nebel, meist kriechend überwunden haben, um nicht in das Sichtfeld der Such-Kameras zu geraten, mit denen die Grenzer auf Bergrücken hantieren, lässt Miya die Menschen in seinen umgebauten Milchtransporter klettern. Und das solange bis die Grenzer wahrscheinlich an der Rumänischen Grenze zugreifen.

In „Judgment – Grenze der Hoffnung“ zeigt Komandarev packend und detailgenau das karge Leben der Menschen dieser Region und gibt dabei auch den neuen Flüchtlingen ein Gesicht. Aber zweifellos ist es auch ein spannendes Kapitel Vergangenheit, das Mityos Sohn aufdeckt, als er zwei DDR-Reispässe in den Sachen seines Vaters findet und dadurch erfährt, dass sowohl sein Vater als auch der einstige Armeehauptmann am Verschwinden eines jungen Paares beteiligt waren. Dieses aufrüttelnde Geschichts- und Gegenwarts-Drama wurde von Bulgarien, Deutschland, Kroatien und Mazedonien 2014 gemeinsam produziert. Es bleibt zu hoffen, dass der Film als ein Mosaik-Steinchen im Verbund mit anderen ehrlich gemeinten Warnungen vor falschen Versprechungen von einem „Paradies Europa“ seinen Beitrag leisten kann.


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Die Stunde Null und die Currywurst

Erstellt von Uli Gellermann am 3. April 2015

Herzlichen Glückwunsch, Uwe Timm!

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 01. April 2015
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Buchtitel: Montaignes Turm
Buchautor: Uwe Timm
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

„Sie wollen uns die Currywurst wegnehmen“, titelte die „Hamburger Morgenpost“ damals, in Erwiderung einer als räuberisch empfundenen Attacke der Berliner BZ, als Uwe Timm mit seiner 1993 erschienenen Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ versehentlich eine Fehde zwischen den beiden Städten auslöste, die für sich in Anspruch nehmen eben diese Wurst mit Soße erfunden zu haben. Nachzulesen ist diese seltene Folge eines Romans in einer neuen Arbeit des Autors: „Montaignes Turm“, einer Sammlung von Essays, die in diesen Tagen pünktlich zum 75. Geburtstag des Schriftstellers ihre Leser erreicht. Timms Currywurst ist die Randerscheinung eines poetischen Textes, der von Lena Brückner in Hamburg erzählt, die ihrem jungen Geliebten, der aus dem letzten großen deutschen Krieg desertiert war, eine Fortsetzung des Krieges über das Ende hinaus inszenierte, um ihn an sich zu binden. Die ungewöhnliche Umkehrung des antiken Lysistrata-Motives – die sexuelle Verweigerung der Frauen Athens und Spartas, um den Frieden zu erzielen wird im vermeintlichen Currywurst-Roman zum nur scheinbaren Kriegsgefängnis der Liebe wegen – findet ihr Ende, als Lena Brückner die ersten Fotos ermordeter Juden in den Nach-Nazi-Zeitungen sieht: Die frühen Tage der Befreiung sollten kleine und große Lügen beenden und zugleich die neue Lüge anspinnen, jene von der Stunde Null.

Ob Uwe Timm sich 1974, als er seinen ersten Roman veröffentlichte, vorgestellt hat, dass er später einer der Großen deutscher Literatur werden würde? „Heißer Sommer“ hieß sein Erstling und ist einer der wenigen literarischen Zeugnisse der 68er Bewegung, jenem Frühling westdeutschen Aufbegehrens dessen Hoffnung auf ein anderes, ein besseres Deutschland bis heute Spuren hinterlassen hat. Dass Uwe Timm ins Englische, ins Französische, ins Russische und was der europäischen Sprachen mehr sind, übersetzt werden würde, wird ihm damals kaum geträumt haben. Denn Timms Träume, soweit sie in seinen Büchern öffentlich wurden, waren selbst in Momenten größter Privatheit zumeist für die Vielen geträumt, waren den Verhältnissen gewidmet, in ihnen zugleich den Einzelnen, deren Besonderheiten er liebevoll, sprachmächtig und geschichtsbewusst aus der Gesellschaft entwickelte, auch um sie zu bessern.

Eine Stunde Null wollte der Schriftsteller Timm dem deutschen Imperialismus keinesfalls für das Jahr 1945, das Kriegsende spendieren: Mit dem 1978 erschienenen Roman „Morenga“ über den Aufstand der Herero und Nama in Deutsch-Südwest-Afrika grub der Autor an jenen frühen Wurzeln von Rassismus und Militarismus, aus denen zwei deutsche Weltkriege wuchsen und auch die industrielle Vernichtung der europäischen Juden. In einem weiteren Buch hat Uwe Timm sich der langen deutschen Blutspur erinnert: In der autobiographischen Erzählung „Am Beispiel meines Bruders“ ist über seinen Bruder Karl-Heinz zu lesen, der sich freiwillig zur SS gemeldet hatte, und auch vom Vater, Hans Timm, der  Mitglied eines Freikorps im Baltikum gewesen war und gegen die „Bolschewisten“ gekämpft hatte. Und dann kam in dieser Erzählung auf den leisen Sohlen des Verschweigens die Stunde Null daher: „. . . eines Tages, redeten die Erwachsenen auf mich ein, verboten mir, was ich doch eben erst gelernt hatte: die Hacken zusammenzuschlagen. Und Heil Hitler zu sagen. Hörst du. Auf keinen Fall! Das wurde dem Kind leise und beschwörend gesagt. Es war der 23. April 1945, und die amerikanischen Soldaten waren in die Stadt eingerückt.

Mit einer „Reise an das Ende der Welt“ endet der jüngste Essay-Band von Uwe Timm. Bis zu diesem Ende ist immer wieder Timms sorgsame Sprache zu erfahren, seine sichere Ruhe in der Beschreibung von Wirklichem und Gedachtem: Vom „Zwischenreich der Märchen“ über die deutsche Sprache und deren Dialekte, mit einem langen, wunderbaren Kleis-Zitat, das dem Konjunktiv der deutschen Literatur seinen bewegenden Platz einräumt, bis zum erneut gelesenen „Zauberberg“ von Thomas Mann, in dem das im Buch entdeckte Begehren auf Timms bisher letzten Roman „Vogelweide“ weist. – Doch ist die Reise des Autors im Oktober des letzten Jahres in das Flüchtlingslager Dafur im Tschad, an das „Ende der Welt“, das aktuellste Zeugnis für die Einsichten des Schriftstellers Uwe Timm. Das „Ende der Welt“ ist nicht primär geografisch zu begreifen. Timm sieht den zweiten Sieg des globalen Kapitalismus über seine ehemaligen Kolonien, wenn er notiert, dass die EU hochsubventionierte Lebensmittel in die afrikanischen Regionen exportiert, „wo sie fast um die Hälfte billiger sind als die dort erwirtschafteten. Das ruiniert die Bauern. Woraufhin sich abermals verarmte Menschen in den Strom derer, die nach Europa drängen, einreihen.“ Es ist nicht auszuschließen, das an diesem Hungerstrom das Ende der uns bekannten Welt liegt.

Einmal, am Rande des Lagers, entdeckt der Autor eine starke Frau, die nach der Flucht aus dem Sudan auf eigenen Beinen steht, eine Art Imbiss eröffnet hat und ohne Wehleidigkeit überlebt. Auch nach Krieg und Flucht, erzählt Timm, ist ein neuer Anfang möglich. Er ist sich sicher, dass er einer sudanesischen Frau Brückner, der Entdeckerin der Currywurst, begegnet ist. Der von Timm erfundenen Erfinderin ist in Hamburg eine Gedenktafel gewidmet. So stark und manchmal auch seltsam kann Literatur wirken. – Üblich ist es, dass sich der Gefeierte zu seinen Geburtstag etwas wünschen kann. Vom Üblichen abweichend wenden wir die Verhältnisse und wünschen wir uns von Uwe Timm mehr und neue Bücher, die den Zuständen zu anderen Umstände verhelfen könnten: Neues will geboren sein.


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Hinter den sieben Bergen

Erstellt von Uli Gellermann am 17. März 2015

Als man in Siebenbürgen Hitler schätzte

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 16. März 2015
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Buchtitel: Zeiden, im Januar
Buchautor: Ursula Ackrill
Verlag: Wagenbach

Kann man Bilderbücher schreiben? Ja. Ursula Ackrill hält die Sprachbilder-Bilder in ihrem Erstlings-Roman fast photografisch während ihrer Entdeckungsreise durch die Siebenbürger Geschichte fest. Das Objektiv wird manchmal an die Butzenscheiben der Häuser gepresst. Um dann wieder während der Überflüge des Flugpioniers Albert Ziegler über das Burzenland ausgelöst zu werden. Bei den Flügen jenes Zieglers, der um 1910 berühmt wurde und den eine Liebe mit Ackrills Hauptfigur Leontine Philipi verbindet. Knipps, schreibt Ackrill noch ein Bild, knipps, wird eines um 1900 geschrieben, dann wieder werden ganze Bilderserien um 1940 zu Papier gebracht. Die Autorin springt beim Reisen vor und zurück, um einen entfernten Winkel europäischer Geschichte zu belichten. Der Siebenbürger Landstrich gehörte mal zu Ungarn, mal zu Rumänien, war aber immer eigentümlich deutsch. Erst recht als das Nazi-Reich die Auslandsdeutschen in aller Welt für seine Expansion entdeckte.

Was ist es, das wir von Siebenbürgen wissen? Es könnte gut hinter den sieben Bergen liegen. Wäre da nicht der Sänger Peter Maffay, dessen rollendes „R“ daran erinnert, dass er aus eben diesem Gebiet stammt, einer deutschen Gegend in Rumänien. Dann, jüngst, taucht aus den sieben Bergen der Siebenbürger Sachse Klaus Iohannis auf: Ein Deutscher, der zum Präsidenten Rumäniens gewählt geworden ist. Wie stolz das in der BILD-Zeitung klingt: Jetzt werden wir den schlampigen Rumänen mal zeigen was eine deutsche Harke ist. Ist es wahr, Wirklichkeit? Oder ist es eine der Geschichten, die Ursula Ackrill erfunden hat oder doch gefunden, um sie in ihr Buch „Zeiden im Januar“ einzufügen, eine Momentaufnahme, die von ihrer Herkunft zeugt: Siebenbürgen.

Hin- und her-geworfen hat die Geschichte die Siebenbürger Sachsen. Damals, als das „Reich“ sein Interesse an ihnen zeigte, da lieferten sie junge Männer für die SS, da nahmen sie auf Versammlungen den Mund ganz schön voll, da verdienten sie ein Geld an den Dingen, die ihren jüdischen Nachbarn gehört hatten bevor man sie deportierte. Es ist Leontine, die dem neuen brausenden Deutschsein nicht viel abgewinnen kann, die daran erinnert wie sich die Siebenbürger über Jahrhunderte isoliert hatten. Man heiratete nur Deutsche, man wanderte nicht aus, man war eine Minderheit, wollte eine sein. Jetzt geht es einer anderen Minderheit noch schlechter als es ihnen einst ging und sie haben kein Mitleid. Aus dieser Kälte wird auch Heinrich Zillich gewachsen sein, ein Schriftsteller, der den „Judenhass“ aus der vorgeblichen Unfähigkeit der Juden, sich anzupassen, erklärte. Und der später seine Rente als Vertriebenen-Funktionär gemütlich am Starnberger See genoss.

„Die Möhren dösen in ihren Sandbetten, die Krautköpfe prickeln in ihrer Lake, die Speckseiten verdicken sich auf den Schweinen“, knipps macht es, wenn die Ackrill die Wintervorräte beschreibt. Wenn sie mit den „Revenanten“, den Widergängern, das versunkene Deutsch der Siebenbürger hebt oder statt des alten „ausgefuchst“ ein neues „ausgefögelt“ ihrer schreibenden Kamera entlockt. Immer für eine Überraschung gut, lässt die Autorin unversehens den Namen Oskar Maria Graf aus dem Fluss der Geschichte treiben, als wäre der von den Nazis vertriebene Autor eine Beschwörungsformel, gut gegen Unbilden aller Art. Ein Leser, der dem Buch seine Tiefenschärfe abschauen will, wird sich ein wenig Mühe geben müssen.

Was mögen die Siebenbürgen sein, die sich so hartnäckig als etwas Eigenes erhalten haben? Kaum eine Nation, die da im deutschen Zeiden hockte und hockt, das doch auch mal Feketehalom auf Ungarisch hieß und bis heute auf Rumänisch Codlea gerufen wird. Es wird der hohe Außendruck gewesen sein, der die Ethnie erhalten hat. Als folkloristisches Element wie man glauben möchte. In Zeiten, in denen die ethnische Herkunft – vom Kosovo bis zur Ost-Ukraine – wieder nutzbarer Kriegsgrund geworden ist, gerät der Roman von Ursula Ackrill zu einer poetischen Suche danach, was wir eigentlich sind und findet Menschen aller Art, die sich in Wahrheit weniger unterscheiden als sie glauben möchten.

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Memoiren eines Unvernünftigen

Erstellt von DL-Redaktion am 11. März 2015

VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG Gérard Depardieu verteidigt in seiner Autobiografie, was man von ihm kennt: Alkoholexzesse, Steuerflucht und die Freundschaft mit Diktatoren. Von Schuld will er nichts wissen. „Da scheiß ich drauf, seit Langem!“, schreibt er

AUS PARIS RUDOLF BALMER

„Es hat sich so ergeben“, lautet ein wenig lakonisch oder gar fatalistisch der Titel von Gérard Depardieus Autobiografie, die jetzt auch auf Deutsch erschienen ist. Die französische Originalfassung hatte es im letzten Herbst ein wenig schwer auf dem Büchermarkt. Der war in Sachen intime Vertraulichkeiten und Skandale ganz von Valérie Trierweilers Revanche gegen ihren Expartner Präsident Hollande dominiert. Statt einer Rezension publizierten viele Medien damals nur Depardieus Enthüllung, dass er schon mit zehn Jahren als Strichjunge Geld machte und als Helfer eines Leichenfledderers auf die schiefe Bahn geriet. Selbst das hat in Frankreich kaum schockiert, denn von Depardieu war man schon so manches gewohnt. Seine polternden Provokationen, seine Exzesse mit Alkohol, sein Steuerexil, seine Freundschaft mit Diktatoren.

Beim Lesen der kurzen Kapitel mit Anekdoten aus dem Privatleben des französischen Filmschauspielers stellt man sich lebhaft vor, wie die beiden Verfasser bei ein paar Gläsern Wein zusammen die Erinnerungen des Obelix-Darstellers auffrischen. „Sag mal Gérard, wie war das bei deiner Großmutter, die damals Toilettendame im Flughafen Orly war?“ So oder ähnlich hat ihn wohl der Koautor, der bekannte Ghostwriter Lionel Duroy, ausgefragt. Und Depardieu erzählte dann, wie er dort als Knirps mit Sehnsucht die Flugzeuge zu exotisch fernen Zielen starten sah und selber von einem Flug nach Rio träumte.

Schwierige Kindheit

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JE SUIS MONTAIGNE

Erstellt von Rationalgalerie am 3. März 2015

Der Gestank des eigenen Mistes ist jedem der liebste Duft

Autor: Botho Cude

Rationalgalerie

Datum: 02. März 2015
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Buchtitel: Von der Kunst, das Leben zu lieben
Buchautor: Michel de Montaigne
Verlag: Die Andere Bibliothek

Ein Tagebuch, das ein hervorragender Mann und guter Beobachter führt, ist unter allen Umständen von großem Wert … so habe ich kürzlich mit großem Interesse die Reisen Montaignes gelesen, und manchmal haben sie mir noch besser gefallen als seine Essais.
Goethe zu Soret am 22. 1. 1830 /1/

An Montaignes Schriften haben sich bedeutende deutsche Übersetzer versucht. Am Beginn steht Johann Daniel Tietz (1753 f.), gegen Ende des 18. Jahrhunderts folgt die klassische Verdeutschung durch Johann Joachim Bode (1793 ff.), die in revidierter Fassung von Otto Flake und Wilhelm Weigand 1921 neu aufgelegt wurde. Im 20. Jahrhundert erscheinen die Auswahlen von Paul Sakman (1932) und Arthur Franz (1953). Schließlich hat der vor kurzem verstorbene Hans Stilett in der Anderen Bibliothek eine moderne Übersetzung der Essais (1998) und des Reisetagebuchs (2002) vorgelegt. Zum 30jährigen Jubiläum der Anderen Bibliothek wurde nun von Christian Döring die Blütenlese Stiletts aus Montaignes Schriften von 2005 neu herausgegeben.

Hans Stilett ist bemüht, die knappe und spontane, reichlich mit Sentenzen gespickte Schreibweise Montaignes für heutige LeserInnen nachzuempfinden. Dieses Stilexperiment darf als gelungen gelten, auch wenn begreiflicherweise auf eine Adaption der Latinismen in Montaignes Syntax verzichtet wurde. /2/ Trotzdem will mir scheinen, dass der über 400 Jahre alte Text in der Übersetzung Bodes von 1793 auf uns echter wirkt.
Der Sammelband Stiletts enthält thematisch geordnet Auszüge aus den Essais und dem Reisetagebuch. Der Herausgeber verfeinert den „Salat“ seines Autors, indem er das Werk einer Kompilation unterzieht. Die klassischen Zitate werden in gebundene Sprache gebracht und in der Herkunft nicht verifiziert, wie in älteren Ausgaben üblich. Streichungen sind nicht kenntlich gemacht, die in Kleinstformat beigefügten Abbildungen nicht untertitelt.
Auch warum den Buchdeckel ein flaues Bildnis Molières als Sganarelle im „Eingebildeten Kranken“ ziert, bleibt uns verborgen. Montaigne starb 1592 mit 59 Jahren an einem Steinleiden. Erst dreißig Jahre später wurde Jean-Baptiste Poquelin geboren, den wir als Molière verehren.

Michel de Montaigne entstammt einer wohlhabenden Kaufmannsdynastie. Die Familie erwarb mit ihren Landgütern anscheinend auch den Adelstitel. Nach dem ererbten Gut Montaigne in der Picardie legt Michel Eyquem sich als erster seines Geschlechts den Titel „de Montaigne“ zu.
Er wird 1533 geboren als Sohn des in Bordeaux beamteten Pierre Eyquem und der Anthoinette Louppes de Villeneuve, die einem begüterten, (vermutlich) marranischen Geschlecht entstammt. /3/ Vom zweiten bis zum sechsten Lebensjahr lässt ihn der Vater von einem deutschen Arzt namens Horstanus (Horst), der angeblich kein Wort Französisch versteht, in lateinischer Sprache erziehen. Wir sehen, die pädagogischen Experimente der Renaissance konnten es mit denen unserer Zeit an Aberwitz durchaus aufnehmen. Nach humanistischer Schulbildung und Studium wird Montaigne mit 21 Jahren Rat am Steuergericht, später Rat am Parlament von Bordeaux.

1562 beginnt in Frankreich ein über dreißigjähriger konfessioneller Bürgerkrieg zwischen Hugenotten und katholischer Liga, den erst Heinrich IV. 1598 mit dem Edikt von Nantes beendet. Montaigne berichtet: Tausendmal habe ich mich zu Hause mit dem Gedanken schlafen gelegt, man könnte mich in dieser Nacht verraten und ermorden. (S. 9)
Weil ihn die Jurisprudenz auch moralisch nicht befriedigt, zieht er sich 1570, nachdem er das Erbe des Vaters angetreten hat, als Landedelmann auf sein Gut Montaigne zurück, dient aber noch mehrmals den französischen Königen Heinrich III. und Heinrich IV. als Kammerherr in heiklen diplomatischen Missionen und versucht zwischen den verfeindeten Parteien ausgleichend zu wirken. Wer sich in Religionskriegen unparteiisch gibt, schwebt in akuter Lebensgefahr. Die beiden Heinriche werden von katholischen Fanatikern gemeuchelt (nach heutigem Sprachgebrauch: von Terroristen ermordet).

Montaigne beginnt 1572 mit dem Schreiben seiner Essais. Es ist das Jahr der Pariser Bluthochzeit. Das katholische Establishment massakriert in der Bartholomäusnacht in Paris und den Provinzen zehntausende Hugenotten. Diese Mordbefugnis der Staatsmacht gegenüber einheimischen Partikularisten erinnert uns aktuell an Vorgänge in der Ukraine.
1580 erscheinen die Essais in zwei Bänden, ein dritter Band folgt 1588. Bis zu seinem Lebensende bessert der Autor am Manuskript.

Seit 1577 leidet Montaigne an Nierenkoliken. Deshalb unternimmt er nach der Herausgabe der Essais 1580 eine Bäderreise nach Italien über Deutschland und die Schweiz. In Rom begegnet er Papst Gregor XIII. und lässt die Essais von der päpstlichen Zensur absegnen. Erst 1667 kommen sie auf den Index Romanus. Über die Reise führt er ein Tagebuch (zuerst erschienen 1774). In Italien erreicht ihn die Nachricht, dass er zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt wurde. 1583 erfolgt seine Wiederwahl für weitere zwei Jahre. Es sind schwere Zeiten. Pest und Bürgerkrieg bedrohen die Stadt.

Zu allen Zeiten finden philosophische LeserInnen in Montaignes Essais eine ihnen adäquate Weltauffassung, das passende Lebensgefühl. Der junge Goethe wird das französische Original gelesen haben. Montaigne, Amyot, Rabelais, Marot waren meine Freunde, und erregten in mir Anteil und Bewunderung, /4/ schreibt Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ über seine Studentenzeit in Straßburg. Viele Ansichten des Autors müssen auf damalige Leser noch revolutionär gewirkt haben. In der Folge sind sie als bildungsbürgerliches Allgemeingut verinnerlicht worden.
Der Hauptgegenstand seiner Beobachtungen ist er selbst, der Mensch Montaigne, und insofern wir alle als Menschen. Ich gebe mich nicht damit ab zu sagen, was in der Welt zu tun ist – damit geben sich genug andere ab –, sondern ich sage, was ich in ihr tue. (S. 87)
Die Essais betrachten Mode, Sprache und Stil, Recht und Religion, Vergangenheit und Gegenwart, Aberglauben und Skepsis, die Kindererziehung und das Sterben aus der Sicht des honnête homme.

Anders, als es uns die wohlgeordnete Auswahl Stiletts suggeriert, werden von Montaigne die sittlichen Probleme seiner Zeit in loser Folge behandelt. Dabei bewahrt er gegenüber allen Dogmen (einschließlich denen der Kirche) kritische Distanz. Zuzeiten des Renaissancehumanismus erkennen kluge Köpfe die Religion per se als eine Mixtur aus Tradition und Wunderglauben. Montaigne fasst das so: Wir sind Christen in der gleichen Weise, wie wir Bewohner des Périgord oder Deutsche sind. /5/ Die Frage nach dem rechten Glauben lässt er offen und untermauert seine kritische Betrachtungsweise sicherheitshalber mit klassischen lateinischen Zitaten. Sein erkenntnistheoretischer Agnostizismus gipfelt in dem berühmten Credo: Was weiß ich?

Die Blütenlese Hans Stiletts verkürzt Montaignes ursprünglich spontane Niederschrift und sortiert sie in moderne Schubladen. Die Methode erinnert von Ferne an die überlieferten Epitome aus antiken Autoren. Entstanden ist ein optimistisches Montaigne-Brevier für jugendliche Einsteiger, die auf gelehrten Ballast gut verzichten können. Vielleicht auch deshalb beschwört der Herausgeber in seinem Vorwort Montaignes Lebensfreude und Heiterkeit. Der ewige Ruhm Montaignes fußt jedoch auf seinem nüchternen Skeptizismus und seiner vorurteilsfreien Toleranz. Alle Umdeutung bleibt problematisch.
Aber letztlich gilt auch hier: Was weiß ich?

Anmerkungen
/1/ Frederic Soret, Zehn Jahre bei Goethe, Brockhaus, Leipzig 1929, S. 352
/2/ vgl. Klemperer, Hatzfeld, Neubert, Die Romanischen Literaturen von der Renaissance bis zur französischen Revolution, Athenaion 1926, S. 278 f.
/3/ vgl. Philo-Lexikon, Jüdischer Verlag 2003, S. 487
/4/Johann Wolfgang Goethe, Sämtliche Werke (Münchner Ausgabe), Bd. 16, S. 513 (Dichtung und Wahrheit, Dritter Teil, Elftes Buch)
/5/ zit. nach: Kindlers Neues Literaturlexikon, München 1998, Bd. 11, S. 884


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Möbelhaus

Erstellt von DL-Redaktion am 22. Februar 2015

Er ist jetzt Robert Kisch

WÜRDE Er war Starjournalist. Dann wurde er Einrichtungsberater. Jetzt trägt er einen anderen Namen, weil er darüber ein Buch geschrieben hat. „Möbelhaus“ bringt die Antisolidarisierung der deutschen Gesellschaft auf den Punkt. Eine Begegnung

VON PETER UNFRIED

Herr …? „Keine Namen, bitte“, sagt er hastig, nachdem er die Filiale einer Café-Kette neben einem Hauptbahnhof betreten hat. Auch keine Städtenamen. Keine Personenbeschreibung. Ihn auf keinen Fall mit dem echten Namen ansprechen, der ihn zur journalistischen Marke gemacht hat. Er ist jetzt „Robert Kisch“. Er hat ein Buch über sein neues Leben als Möbelverkäufer geschrieben. Und er will nicht, dass sein Möbelhaus ihm nachweisen kann, dass er das war. „Tatsachenroman“ hat der Verlag sicherheitshalber auf den Titel geschrieben. Erfunden sei nichts, sagt Kisch. „Alles ist so. Leider.“

„Möbelhaus“ ist ein wichtiges Buch; nicht weil es literarische Grenzen sprengt, nicht weil es als Sachbuch undercover die Ausbeutung in einem Unternehmen oder einer Branche aufdeckt, sondern viel besser: weil es anhand einer einfachen Geschichte einen blinden Fleck der Gesellschaft beschreibt und dabei ihre kulturelle und moralische Verwahrlosung. Und die Schuldfrage nicht einfach an den Kapitalismus auslagert – obwohl der Reflex naheliegt. „Es gibt nicht den einen Bösen“, sagt Kisch.

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BERLINALE: Außer Konkurrenz

Erstellt von Uli Gellermann am 17. Februar 2015

Georg Elsers Attentat auf Hitler und Wim Wenders

Schuld – und – Sühne-Drama

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 16. Februar 2015

Die Berlinale ist keineswegs ohne Konkurrenz: Mit den Filmfesten in Cannes und Venedig konkurriert das Berliner Festival seit Jahren heftig um die besten Filme. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut. In dieser Konkurrenz-Situation hätte es dem Berlinale-Wettbewerb gut getan, wenn er sich mit zwei herausragenden Filmen geschmückt hätte: Dem von Wim Wenders, einem intensiven Schuld-und-Sühne-Drama, und dem dramatischen Film „Elser“, ein Film über den gescheiterten Hitler-Attentäter von Oliver Hirschbiegel. Doch beide Arbeiten liefen „außer Konkurrenz“, hatten also keine Chance auf eine der bärigen Auszeichnungen.

Alles wird gut, versichert Wenders Film bereits mit seinem TItel: „Every Thing Will Be Fine“ und beginnt in den ersten Einstellungen mit einem bullernden Kanonenofen, der eine Holzhütte zu einem warmen Refugium mitten in Eis und Kälte werden lässt. Draußen schneit es. Dank der 3-D-Technik scheinbar bis in den Zuschauerraum des Kinos. Drinnen sitzt der Schriftsteller Tomas (James Franco) und müht sich mit seinen Notizen ab. Auf dem Weg zu seiner Noch-Freundin geschieht das, was sein Leben in jenen zwölf Jahren prägen wird, in die uns der Film einen Einblick gibt: Versehentlich, ohne jede Schuld, überfährt er ein Kind, einen der beiden Jungen von Kate (Charlotte Gainsbourg).

Einfühlsam gestaltet Wenders die private Suche nach Verantwortung über die Schuld hinaus und gibt dem Beziehungsgeflecht der Akteure des Dramas jenen Ton leiser Melancholie, der den Film aus dem Berlinale-Alltag hinaushob. Kein hektisches Genital-Gefummel wie bei Peter Greenaway, der den Mexiko-Aufenthalt des sowjetischen Filmregisseurs Sergei Eisenstein dazu nutzte den Schöpfer des „Panzerkreuzer Potemkin“ auf seinen Schwanz zu reduzieren. Kein zappeliger Reigen rund um ein schwules Coming-out wie in „Cha Vá Con Vá“ am Mekong von Phan Dang Di. Kein sinnentleerter Bilder-Rausch im Hollywood des Terrence Malick. Statt dessen gibt uns Wenders, zum Altmeister des deutschen Films gereift, die Hoffnung, dass es gut werden kann.

Den Film „Elser“ kann der Zuschauer mit dem Nachdenken über den deutschen Widerstand gegen Hitler verlassen. Denn Jahr für Jahr zelebriert die offizielle Bundesrepublik die „Männer und Frauen des 20. Juli“, jene von Adligen und Militärs geprägte Verschwörung, die nicht selten vom Wunsch getrieben war im untergehenden Deutschland die Rettungsboote zu finden. Mit diesem verengten Blick fällt dann auch gleich der Widerstand der einfachen Menschen unter den Tisch, die früh schon wussten, dass Hitler Krieg bedeutete und dass er bekämpft werden musste. Unter ihnen jene 5.000 deutsche Mitglieder der Internationalen Brigaden, die im spanischen Bürgerkrieg gegen Hitlers Verbündeten General Franco mit der Waffe in der Hand für ihre Heimat kämpften. Georg Elsers Widerstand gegen den deutschen Faschismus war nicht organisiert. Mag er auch vom „Rotfrontkämpferbund“, dem Elser angehörte, inspiriert gewesen sein: Der Versuch des Schreiners den ihm verhassten Hitler im November 1939 mit einer Bombe umzubringen wurde nur von ihm allein geplant und umgesetzt.

Der Regisseur Oliver Hirschbiegel nähert sich dem Elser mit freundlichem Respekt, zeigt ihn tief in seiner schwäbischen Heimat verwurzelt, als einen, der gern mit den Mädchen flirtete und der, mitten in der Folterei der methodischen Nazi-Schläger, vom schönen Land zu singen weiß, wo wir uns finden wohl unter Linden, zur Abendzeit. Denn sie hatten ihn gefasst, den Attentäter, nachdem Hitler, noch vor der Detonation, den Münchner Bürgerbräu-Keller verließ und so leider überlebte. In den Verhören weisen Elser, klug von Christian Friedel dargstellt, und sein porträtierender Regisseur nach, dass Elser ein Einzeltäter war. In Rückblicken erzählt der Film von einem Deutschland, das 1939 noch siegesgewiss war und sich mehrheitlich mit der NSDAP arrangiert hatte. Diejenigen, die sich gegen die Nazis gewehrt hatten, waren entweder tot, in den Konzentrationslagern und Gefängnissen oder ins Ausland geflohen. Auch das wird im Film deutlich und lässt dem Deutschland jener Zeit keine der vielen Ausreden, die bis heute das Märchen vom „man konnte ja nichts machen“ und dem „wir haben von nichts gewusst“ verbreiten.

Eine Schluss-Szene – in der Arthur Nebe (Burkardt Klaußner), der als Chef des Reichskriminalamtes den Elser verhörte, wegen seiner Kontakte zum deutschen Widerstand aufgehängt wurde – nährt die lange verbreitete Mär vom „anständigen Polizisten“. Doch Nebe war schon vor der Machtergreifung Mitglied der NSDAP und hat sich später bei seiner Beteiligung an Massenmorden als echtes Nazi-Schwein bewährt: Ein Karrierist, der zeitweilig auch an einer Rückversicherung interessiert war. – Bis in die 90er Jahre mochte sich die Bundesrepublik nicht oder selten an Georg Elser, den mutigen Mann aus Königsbronn erinnern. Mit Oliver Hirschbiegels Film ist ein gutes Denkmal gelungen, das durchaus auch für die vielen „einfachen Menschen“ stehen kann, die sich der Hitlerei entgegenstemmten hatten. Einen Film über die Spanienkämpfer hat das vereinte Deutschland bisher nicht zu bieten.

Im Berlinale-Wettbewerb, in der Konkurrenz waren eindringliche Filme zu finden, wie die große, poetische Dokumentation „The Pearl Button“ des Chilenen Patricio Guzman, die den langen Linien von der Gewalt gegen die chilenischen Indios bis zur Gewalt gegen jene Chilenen folgte, die unter dem Regime des Augusto Pinochet gefoltert und ermordet wurden. Mit „Ixcanul“ war die andauernde Unterdrückung der Indios in Guatemala zu erfahren und „Sworn Virgin“ führte in ein Albanien, in dessen großartigen Landschaften bis heute die eingeschworenen Jungfrauen leben, jene Frauen, die sich männliche Freiheiten dadurch erwerben, dass sie auf ihre Weiblichkeit verzichten.

Über Jury-Entscheidungen hat man in den letzten Jahren schweigen müssen, bewiesen sie doch zumeist, dass die Jurys ihrer großer Namen wegen zusammengesetzt waren und kaum wegen ihrer Sachkenntnis. In diesem Jahr kann man dem Jury-Urteil weitgehend zustimmen. Was fehlt ist eine weitere Kategorie: Der gehäkelte Bär für völlige Wirrnis. Der könnte sowohl dem russischen Film „Under Electric Clouds“ (Alexey German Jr.) als auch dem US-Film „Knight of Cups“ (Terrence Malick) verliehen werden. Terrence Malick orchestrierte eine gewaltige Bilderflut ohne Erzählfaden und ohne viel Verstand. Alexey German Jr. verbrauchte noch mehr Minuten und noch mehr großartig gebaute Bilder, um auch nichts zu sagen. – Am Rande der Berlinale bekam dann auch ihr Direktor Dieter Kosslick einen Preis: Der „Verband der deutschen Filmkritik“ verglich ihn mit Mao Zedong, um sich dann selbst als schmerzensreiche Dissidenten-Truppe zu veredeln. Mit Kurt Tucholsky könnte man dem Vorstand des Vereins zurufen: „Ham´ses nich n´ bißchen kleiner?“ Aber dass dort Tucholsky gelesen und verstanden wird, ist zu bezweifeln.

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Der beharrliche Miesmacher

Erstellt von DL-Redaktion am 9. Januar 2015

Der Journalist Roman Grafe schreibt Bücher über die DDR. Bei Lesungen wird er deshalb oft angefeindet – vor allem von älteren Ostdeutschen. Bei Jüngeren kommen seine Texte hingegen meist gut an. Sie wüssten gern mehr über die DDR.

AUS WEIMAR JOSEFINE JANERT (TEXT)

Mit dem Plattenspieler unterm Arm betrat der Lehrer das Klassenzimmer. Sein Fach war Staatsbürgerkunde, die Schüler sollten die Grundlagen des Marxismus-Leninismus erlernen und wie die DDR funktioniert. Manchmal hörten sie auch gemeinsam sozialistische Kampflieder. Roman Grafe, damals 14 Jahre alt, fand das eher öde und rief einem Klassenkamerad zu: „Heute hören wir wieder Kommunisten-Beat!“ Der Lehrer brachte ihn daraufhin zur Direktorin und forderte: „Wiederhole, was du eben gesagt hast!“ Roman Grafe bekam Angst. Bei ihm zu Hause schimpften sie zwar häufig über die DDR, aber seine Familie hatte ihm auch eingeschärft, dass kritische Aussagen außerhalb der eigenen vier Wände zu Problemen führen. Deshalb korrigierte er sich: „Ich habe gesagt: ,Heute hören wir wieder ein kommunistisches Lied!'“ Die Sache ging glimpflich aus.

Mehr als 30 Jahre später hat Roman Grafe Ärger mit denen, die die DDR immer noch mögen. Weil sie sich über ihn ärgern. Grafe, stämmig, braunes Haar, weißes Hemd, ist Journalist und schreibt Bücher über den „Arbeiter-und-Bauern-Staat“. Seit Jahren tourt der 46-Jährige regelmäßig durch Ost- und Westdeutschland, liest aus seinen Werken, diskutiert mit seinem Publikum. Er tritt in Schulen auf, in Gemeindesälen, Kultureinrichtungen. Besonders ältere Ostdeutsche mögen es nicht, wenn er ihnen ihre DDR madig macht. „Man müsste Ihnen Ihr Buch um die Ohren hauen“, fauchte ihn vor einigen Monaten in Mühlhausen eine ältere Frau an. In Sondershausen, das ebenfalls in Thüringen liegt, sprach er vor einer Schulklasse. Anschließend rannte ihm ein Jugendlicher auf dem Schulhof hinterher. „Warum machen Sie die DDR so schlecht?“ Ein Jugendlicher öffnete das Fenster und brüllte seinem Klassenkameraden nach: „Mach ihn fertig!“

„Mach ihn fertig!“

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Fotoquelle:  Wikipedia – Author Fornax

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Ein Erbe des Widerstandes

Erstellt von Rationalgalerie am 6. Januar 2015

Was man den Lebenden schuldig ist

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 05. Januar 2015
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Buchtitel: Machandel
Buchautor: Regina Scheer
Verlag: Knaus

Einmal rastete im Jahr 1987 der Friedensmarsch vom Konzentrationslager Ravensbrück zum Konzentrationslager Sachsenhausen in einem Dorf bei Oranienburg. Für Clara, die zentrale Figur in Regina Scheers Buch „Machandel“, ist der Ort ein Teil der Familienerzählung. Ihr Vater war diesen Weg auch schon gegangen in jenen Apriltagen 1944 als die SS das Lager räumen ließ und auf diesem Marsch die Mehrheit der Häftlinge umbrachte. Ein Stein am Wegesrand, mit dem roten Winkel der „Politischen“ geziert, erzählte, in Erinnerung an die Toten, von den „Vorkämpfern für Frieden und Sozialismus“.

Clara, die in einer Familie des „Roten Adels“ groß geworden war, setzte Hoffnung auf diesen Marsch, der von der DDR-Opposition organisiert, Veränderung erreichen, die Luft zum Atmen in der DDR bessern sollte. Als Clara Jahre später, längst war die DDR vergangen, den selben Ort besucht, ist der Stein weg. Ein großes Holzkreuz, jetzt auch den toten deutschen Soldaten und den KZ-Wachmannschaften gewidmet, markiert die Grabstätte. Die war nun mit der Inschrift „Den Opfern von Krieg und Gewalt“ versehen. Gleichberechtigt die Gräber. Alle sind nun irgendwie Opfer. Gewalt kennt scheinbar keine Täter mehr.

Clara und ihr Mann hatten gegen Ende der DDR, von dem 1985 nicht einmal eine Ahnung in der Luft lag, in Mecklenburg eine Kate bezogen, einen ehemaligen Schafstall, den sie liebevoll als Refugium, als Ort der Zuflucht herrichteten. Zuflucht vor einer Atmosphäre öffentlicher Sprachlosigkeit und Bedrückung, der sich Claras Bruder durch die Ausreise entziehen wird. Mit ihm besucht sie erstmalig das Dorf Machandel, ein Nest, in dem ihr Bruder Zeiten seiner Kindheit verbracht hatte, ein Flecken nach den vielen Wacholderbäumen ringsum benannt, die im Plattdeutschen Machandel heißen.

Es wird im Buch auch um den Machandel-Baum gehen, jenes mythische Gewächs aus dem grausamen Märchen vom Bruder, den die Stiefmutter schlachtet, aus ihm „eine gute Suppe“ kocht und dessen Gebeine die Schwester unter dem Machandel-Baum vergräbt, damit er wiederauferstehen kann. „Meine Mutter die Hur / die mich umgebracht hat / mein Vater der Schelm / der mich gessen hat / mein Schwesterlein klein / hub auf die Bein / an einem kühlen Ort“, lässt Goethe das Gretchen in der Kerker-Szene des „Faust“ singen. Eine Vorahnung schimmert auf: Clara wird mehr verlieren als nur ihren Bruder.

Von Machandel aus entrollt Regina Scheer den Stoff ihres Romanes, ein Gewebe deutscher Geschichte, wie ein brutales Märchen erzählt, begonnen im Widerstand der Kommunisten, fortgesetzt in der Gründung der DDR, eigentlich beendet mit dem Versuch der DDR-Opposition eine andere, bessere DDR zu erzwingen. Während des Sterbens der DDR treffen zwei Genossen aufeinander, die sich aus dem Konzentrationslager kannten. Und wo der eine nach den Waffen ruft, um die Opposition zu ersticken: „Das sind wir den Toten schuldig!“´, hält Claras Vater dagegen: „Den Lebenden sind wir auch etwas schuldig“.

Woher mag die Schuld kommen, wenn man etwas schuldig bleibt? Schon längst ein Pflegefall erinnert Claras Vater, der alte Kommunist, wie er gemeinsam mit anderen aus dem KZ Bombenschäden in Hitlers Reichskanzlei beseitigen soll: „Wir gingen in diesen Saal – Deutsche, Tschechen, Russen, ein Franzose – , wir flätzten uns in die Sessel, johlten und lachten, während es draußen krachte und kreischte und blitzte. Diese Bomben, dachten wir sind nicht für uns.“ Für einen Moment waren die Häftlinge im Zentrum des mächtigen Verbrechens. Nach dem Krieg sollten nicht wenige von ihnen selbst die Macht sein. Und sie sollten verlieren.

Wer Regina Scheer liest, kann einen summenden Ton hören, so wie Teekessel summen, wenn die Nacht auf die Häuser fällt und zwischen den Buchdeckeln die Geschichten aufsteigen. Mit starker Nähe formt die Autorin ihre Figuren: Die Flüchtlinge aus dem Osten, die 1945 in Machandel eine Bleibe fanden – manche für immer. Die russische Zwangsarbeiterin, die in Machandel blieb und fast versehentlich eine Deutsche wurde. Die Frau aus der großen Stadt Hamburg, die vor den Bomben in das Dorf geflohen war und eine fremde Liebe fand. Den Vater von Clara, der dem KZ entkommen, eine kleine Zeit des Kurierens im Ort verbrachte und auf seine spätere Frau traf. Sie vergisst auch nicht den, der eine junge Frau dem Nazimord in einer Anstalt auslieferte und anscheinend ohne Schaden davon kam. Sie alle begegnen sich, manche berühren sich auch. Ganz sicher berühren sie den Leser. Wenn er sich einlässt auf eine Geschichte in Geschichten, auf die von der Autorin geschenkten Schicksale, auf jene warmherzige Nachdenklichkeit, die Regina Scheer zu eigen ist.

Der Bruder wird verloren bleiben: Ein Fotograf der Ereignisse im Prag des Jahres 1968, der seinem und Claras Vater ein Gewissen war, der auf der Spur nach einem anderen, einem besseren Leben für das Recht der Menschen an sich selbst, in einem fernen Land verschwindet. So wie scheinbar die Sehnsucht der Kommunisten nach einem anderen, einem besseren Leben für alle verschwunden ist, versunken im Verbrechen des Stalinismus, ertrunken im Sumpf der Bürokratie, entschlafen in grauem Alltag.

Einmal im Buch zitiert Clara den Dichter Jürgen Rennert: „Mein Land ist mir zerfallen. / Sein´ Macht ist abgetan. / Ich hebe, gegen allen / Verstand, zu klagen an.“ Der Verlust an Hoffnung, so erzählt „Machandel“, darf nicht in der Verzweiflung münden. Was sich da aus dem Widerstand entwickelt hatte und an sich selbst zugrunde ging, hat ein Erbe hinterlasse: Den Widerstand. Den sind wir den Lebenden schuldig.

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Die Liane des Todes

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Januar 2015

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Drogenentzug

Nur in den Wäldern des Amazonas lässt sich nachvollziehen, wie die Schamanen ihre Heilkunst von den Pflanzen lernen. Gut die Hälfte der Patienten schafft es, ohne Drogen zu leben. Konventionelle Therapien haben bei lediglich 20 Prozent Erfolg

In Lima haben die jungen Männer Kokain geschnupft und pasta básica geraucht. In der Entziehungsklinik Takiwasi im peruanischen Amazonas heilen sie ihre Sucht mit den Pflanzen der Schamanen. Der französische Arzt Jacques Mabit zeigt ihnen einen Weg aus der Sucht und nutzt dafür den psychoaktiven Ayahuasca-Trank, die Liane des Todes, wie die Indígena Ayahuasca nennen

AUS Tarapoto ULRIKE FOKKEN

Zum Essen für seine Abschiedsfeier hatte sich Casey Bananen, Yucca und Salat gewünscht. Nun gibt es doch wieder nur Linsen, Reis, Huhn. Neun Monate und vier Tage hat er fast jeden Tag Linsen und Reis von dem Edelstahlteller mit seinem Namen in weißer Schrift gegessen. Auf einen Tag kommt es nicht an, sagt Casey.

Aber auf die Worte seiner Freunde in der Entziehungsklinik Takiwasi im peruanischen Amazonasgebiet kommt es an. An sie wird er denken, wenn er in den USA sein Leben mit 29 Jahren noch einmal beginnt. „Du bist gleichzeitig das Kunstwerk und der Künstler“, gibt ihm Enzo mit auf den Weg. Er entwirft aus dem Stehgreif Bilder, die so bunt klingen wie die Rufe der Vögel aus dem Wald des Amazonas. „Dein Leben hast du dir erschaffen“, sagt Enzo zu Casey und könnte dabei ebenso über sich selbst sprechen. Noch vor acht Monaten lebte Enzo in den Straßen von Lima. Sein Hirn und seine Seele zerstörte er sich da schon ein paar Jahre lang mit pasta básica, dem Kokainsulfat aus den Drogenküchen des Dschungels. Ein Schokoriegel großes Stück Kokainbasispaste kostet in Lima nicht mehr als fünf Soles, halb soviel wie ein günstiges Mittagessen.

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Vom Eigentum und der Geschichte

Erstellt von Uli Gellermann am 30. Dezember 2014

Mit dem Kopf ins Freie des Normalen

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 29. Dezember 2014
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Buchtitel: Das ist eine Geschichte
Buchautor: Kathrin Gerlof
Verlag: Aufbau

Der kleine Ort Warenberg, nicht weit von Berlin, ist die Nussschale in der Kathrin Gerlof ein ganz großes Panorama deutscher Geschichte entwickelt. Mit der Weinreb-Familie, aufgestiegen aus dem Ghetto in die Reihe der besseren Leute, ist der Zeitrahmen abgesteckt: Von Bismarck über Hitler bis zu Kohl und den ungeklärten Besitzansprüchen an den kleinen Häusern, die damals, als es die DDR noch gab, an der Wilhelm-Külz-Straße lagen und die nach der Wende in Salomon-Weinreb-Straße umbenannt wurde. Külz war mal Reichsminister in der Weimarer Zeit, dann gemeinsam mit Theodor Heuss Vorsitzender der Demokratischen Partei Deutschlands und später mit Wilhelm Pieck Vorsitzender des Deutschen Volksrates, einem Vorläufer der DDR-Volkskammer. Dem Salomon Weinreb gehörte mal halb Warenberg und er wird in Gerlofs Buch „Das ist eine Geschichte“ gemeinsam mit seinem Bruder die Retrospektive anführen.

„Es geht hier also nicht um Antisemitismus, es geht um Geld“, schreibt eine der kleinen Hausbesitzerinnen einer Anwältin. Ihr Vater ist im Konzentrationslager geblieben, ein Politischer, die Mutter war im Widerstand und nun soll die Tochter, nicht alt genug, um am Judenmord beteiligt gewesen zu sein, den Preis für die deutsche Schuld zu tragen. Denn die Weinrebs hatten die Häuser zu Beginn der Nazi-Zeit verkauft. Nach dem Krieg besaß die DDR die Siedlung und verkaufte einzelne Häuser an ihre Bürger. Nun, nach der Wende, hatten die Sieger der Einheit über das Volkseigentum verfügt, dass die Rückgabe an frühere private Eigentümer einer „Entschädigung der Alteigentümer“ vorzuziehen sei. Das könnten, im Fall Warenberg, die Weinrebs gewesen sein. Was wie eine Gerichtsakte daher kommt, gerät in der Hand der Gerlof zu einem Dramen-Mosaik, einem Stück in Stücken, einem Geschichts-Puzzle, verteilt auf viele beteiligte Menschen.

Mit Katrin Gerlof entdecken wir eine Business-Wessi an der Seite jener Ossis, die ihre Häuser behalten und keine zweiten Kaufpreis zahlen wollen. Verheiratet mit dem Sozialarbeiter, der nicht in Warenberg bleiben will, denn: „Hier gibt es nicht mal Drogensüchtige. Ich werde immer in die Stadt fahren müssen, um ausreichend Junkies für meinen Lebensinhalt zu finden.“ Die Autorin schildert den Hobbyhistoriker, der über den Antisemitismus in der DDR arbeitet und sie gönnt uns einen langen Blick auf den Zeitungsredakteur des Heimatblattes, der über die neue Zeit vor allem weiß, dass er nicht anecken soll. Die Gerlof gehört zu den wenigen in der neueren deutschen Literatur, deren Augen nicht auf den eigenen Bauchnabel fixiert sind, die den Kopf ins Freie hebt und dort ganz normale Leute mit ganz normalen Problemen entdeckt, die des Schreibens, des Beschreibens wert sind.

Mit diesen Augen für das Kleine, das der Geschichte erst die wahre Größe gibt, gelingt der Autorin ein Spannungsroman der Wirklichkeit, der auf der Suche nach der Moral entdecken lässt, dass es nicht nur die eine, wahre Moral gibt. Während sie mit der Stimme der Brüder Weinreb mahnt, die reiche und auch schreckliche Geschichte der deutschen Juden in die Jetztzeit zu tragen, vergisst sie keinen Moment, dass Besitz in unseren Verhältnissen zwar aus Geld kommt, aber ohne Arbeit eigentümlich bliebe: „Was haben wir uns alles vom Mund abgespart“, lässt sie die Friseurin erzählen, die in der DDR-Zeit vom Materialmangel geplagt ihr Haus erhalten hat und deren Mann erstmal den Wessi-Vor-Besitzer mit der Axt vom Grundstück gejagt und die jüdischen Ansprüche gesittet mit einer Bürgerinitiative bestreitet. Das Ende der Geschichte vom Eigentum in Warenberg bleibt offen. Die Akte des Volkseigentums scheint geschlossen zu bleiben.

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Das Ende des Kapitalismus im 21. Jahrhundert?

Erstellt von DL-Redaktion am 29. Dezember 2014

von Thomas Piketty

Sehr verehrte Damen und Herren, ich fühle mich geehrt, hier heute die erste „Democracy Lecture“ halten zu können. Natürlich habe ich mich sehr über den großen Erfolg meines Buches in den Vereinigten Staaten gefreut. Doch ich bin zutiefst Europäer und interessiere mich im Grunde mehr für die europäische als für die amerikanische Diskussion. Und Deutschland ist natürlich ein bedeutender Teil Europas. Ich bin also wirklich sehr glücklich, dass soeben die deutsche Fassung meines Buches erschienen ist und ich heute Abend hier sein kann.

Umso mehr, als man hier in Deutschland, und speziell hier in Berlin, in wenigen Tagen diesen sehr wichtigen Jahrestag begeht. Ich bin 1971 geboren, gehöre also zu der betroffenen Generation. 1989 war ich 18 Jahre alt und so bin ich quasi erwachsen geworden mit der Radiomeldung vom Fall der Mauer, vom Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa. Wie viele Studenten bin ich damals durch Osteuropa gereist, also wirklich erwachsen geworden mit dieser neuen Welt, die da aufgebaut wurde. Es ist daher sehr bewegend für mich, heute Abend hier zu sein und über mein Buch sprechen zu können.

„Das Kapital im 21. Jahrhundert“ hat primär die Untersuchung des Kapitals in historischer Perspektive zum Gegenstand. Es unternimmt den Versuch herauszufinden, wie man die Entwicklung von Ungleichheiten, von Herrschaftsverhältnissen historisch analysieren kann, die mit der Geschichte des Kapitals und unterschiedlichen Eigentumsformen seit der industriellen Revolution einhergehen.

Der erste Satz des ersten Kapitels meines Buches ist Artikel 1 der Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen von 1789 entnommen, der besagt: Die sozialen Unterschiede können nur im allgemeinen Nutzen gründen. Anders ausgedrückt besteht das demokratische Ursprungsversprechen genau darin: Soziale Ungleichheiten und Unterschiede können akzeptiert werden, allerdings nur unter der Bedingung, dass sie im allgemeinen Interesse liegen. Man kann diesen Artikel durchaus mit einem sehr viel späteren aus dem deutschen Grundgesetz von 1949 vergleichen, dem Artikel 14, der das Recht auf Eigentum anerkennt und garantiert und zugleich versichert, dass das Eigentum so genutzt werden müsse, dass es gleichzeitig zum Wohl der Allgemeinheit beitrage. All diese Ausdrücke – wie allgemeiner Nutzen oder Allgemeinwohl – bleiben offensichtlich sehr vage. Aber das demokratische Versprechen ist immer dasselbe. Es geht im Prinzip darum, demokratische Institutionen zu befähigen, das Kapital, den Kapitalismus, das Eigentumsrecht, in den Dienst des öffentlichen Interesses zu stellen. Und die zentrale Frage lautet, ob dieses Versprechen heute gehalten wird.

In meinem Buch gehe ich zurück in die Geschichte des Kapitalismus – der Metamorphosen des Kapitals und der unterschiedlichen Eigentumsformen seit der industriellen Revolution –, um herauszufinden, was dabei letztendlich nicht funktioniert hat, und zu versuchen, die Frage des Kapitals und seiner Entwicklung so grundlegend wie möglich zu reflektieren.

Die Französische Revolution und das gebrochene Versprechen der Gleichheit

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Sue Gardner

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Weihnachtsüberraschung

Erstellt von Uli Gellermann am 25. Dezember 2014

Deutsche glauben Medien nicht

Autor: U. Gellermann

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Datum: 24. Dezember 2014

Nun hatten sie sich doch solche Mühe gegeben, die deutschen Medien, den Anschein von objektiver Berichterstattung im Ukraine-Konflikt herzustellen. Was die kräftig mit-anscheinende ZEIT geritten hat, kurz vor Weihnachten eine Umfrage zum Thema in Auftrag zu geben, weiß man nicht. Aber das erste Ergebnis ist genau so, wie vermutet: 47 Prozent der Befragten waren der Auffassung, dass die Medien einseitig berichten und von der Politik gelenkt würden. Selbst das anvisierte Haupt-Ziel der Medien-Militarisierung, die Vorbereitung der Kriegs-Schuld-Erklärung, wurde verfehlt: Immerhin 37 Prozent machen den Westen und Russland für den Ukraine-Konflikt gleichermaßen verantwortlich. Und, so schreibt die ZEIT weiter, „Das Misstrauen in die Medien und in den Westen nimmt mit der Höhe des Bildungsabschlusses und des Einkommens zu.“ Peng. Ebenso schade wie bezeichnend ist, dass die Umfrage nicht detaillierter veröffentlicht wurde. Gesichert ist: Wer klüger ist, hat den Kinderglauben an die Vierte Gewalt längst verloren.

Unter Berufung auf irgendwelche Kreise oder nach eigenen Angaben: So oder so ähnlich beginnen ebenfalls kurz vor Weihnachten die Meldungen der Mainstream-Medien, wenn es um die Aufrüstung der baltischen Länder geht. Denn noch glaubt der Redakteur, er müsse Nachrichten wie diese begründen: „Für insgesamt 138 Millionen Euro schafft das 1,3 Millionen Einwohner zählende Estland nun 44 Panzer vom Typ CV90 und sechs vom Typ Leopard aus den Niederlanden an. Zuvor hatte es bereits in den USA für 40 Millionen Euro 40 Stinger-Raketensysteme bestellt.“ Das legt uns Springers WELT auf den Gabentisch und verkündet: „Die baltische Luftraumüberwachung der Nato hat nach eigenen Angaben allein Anfang Dezember täglich bis zu 30 russische Militärflugzeuge abgefangen“. Da sind sie „die eigenen Angaben“. Ungeprüft von irgendeinem NATO-Sprecher, der in einem baltischen Hinterzimmer sitzt, übernommen.

„Zwei Dutzend russische Bomber und Transportmaschinen sind am Wochenende über der Ostsee gesichtet worden. Das meldet der US-Fernsehsender CNN unter Berufung auf das US-Militär“, diese Nachricht hängt der SPIEGEL an den Tannenbaum der objektiven Berichterstattung. Berufung? Ausgeschlossen! Denn wenn der Sender CNN, der sich als embedded in die US-Aussenpolitik begreift, als Quelle anonyme US-Militärs nennt, dann hat der SPIEGEL-Redakteur strammzustehen und keinesfalls, vor der Publikation dieser trüben Nachrichten-Suppe, bei CNN nach dem Wahrheitsgehalt zu prüfen. Die Russen mal nach ihren Bombern zu fragen, Ort und Zeit festzustellen und eine zweite Meinung einzuholen, Parameter also, die zum Journalismus gehören sollten, das kommt dem SPIEGEL-Kolporteur nicht in den Sinn.

Und so geistern denn Meinungen aller Art durch die Medienlandschaften: Mal ist es Polens Verteidigungsminister Tomasz Siemoniak, der seine „Beunruhigung“ angesichts der „beispiellosen“ Militäraktionen Russlands erklärt. Dann meldet sich das Stockholmer Verteidigungsministerium und begründet die Möglichkeit, ehemalige Wehrdienstleistende für Militärübungen einzuziehen, mit der „Wiederaufrüstung Russlands“. Schließlich darf der litauische Militärexperte Aleksandras Matonis der WELT mitteilen: „Im schlimmsten Fall, bei einer Aggression (der Russen) gegen die baltischen Staaten und dem Inkrafttreten der Nato-Verteidigungspläne, würde es noch etwas dauern, bis die Alliierten reagieren“. Vom „litauische Militärexperten“ weiß man wenig, außer dass er mal „in diplomatischer Mission in Afghanistan“ unterwegs war. Macht nix. Wenn Matonis kraft seiner seherischen Fähigkeiten eine russische Aggression heraufziehen sieht, dann sind auch Lettlands Militär-Einkäufe erklärt: Für 48 Millionen Euro 123 diverse Kriegsfahrzeuge in Großbritannien. Litauen wiederum kaufte im September von Polen ein Grom-Luftabwehrsystem für 34 Millionen Euro und kündigte an, für weitere 16 Millionen Euro Panzerabwehrraketen in den USA zu ordern. Ob die Rüstungsindustrie ihre Dankschreiben an düstere Experten oder an die hilfsbereiten deutschen Medien sendet, ist nicht bekannt.

Nachdem die schweren Medien-Geschütze wie BILD, ZEIT, SPIEGEL oder WELT unisono die akute russische Bedrohung erkannt haben, dürfen sich dann auch Rand-Medien wie der DONAUKURIER melden. Der Ingolstädter CSU-Bundestagsabgeordnete Reinhard Brandl hat die Bundeswehrsoldaten im estnischen Luftwaffenstützpunkt Ämari besucht und wird befragt: „Herr Brandl, die Berichte über Luftraumverletzungen und Provokationen russischer Militärflugzeuge im Baltikum häufen sich.“ Das ist eine super-journalistische Frage, sie hantiert mit ungeprüften Meldungen als Voraussetzung. Dann kommt die Antwort von Herrn Brandl: „Das sind nicht unbedingt Luftraumverletzungen. Das würde ja bedeuten, dass russische Flugzeuge nach Estland eindringen. Das tun sie zum Großteil nicht.“ Upps, beinahe wäre die Wahrheit in den Spalten des DONAUKURIER gelandet: Die Russen verletzen den Luftraum nicht. Aber unser CSU-Mann von der Baltenfront bekommt doch noch so gerade die Kurve: Zum „Großteil“ verletzten die Russen zwar nichts, aber vielleicht im Kleinteil, in Ersatzteilen oder mit Puddingteilchen?

In Wahrheit ist es keine Weihnachtsüberraschung: Immer mehr Deutsche haben das Vertrauen in „ihre“ Medien verloren, weil es nicht ihre Medien sind. Die haben sich längst den Wünschen der US-Politik unterstellt. Einen letzten Beweis lieferten sie gerade kurz vor Weihnachten: Der US-Präsident unterzeichnete den „Ukraine Freedom Support Act“, ein Gesetz, das den Kiewer Verbündeten schwere Waffen im Wert von 350 Millionen US-Dollar zur Niederschlagung pro-russischer Volksmilizen zukommen lässt. Das macht den kalten Krieg heißer. Und wer hier der Aggressor ist, das kann man auch ohne „Militär-Experten“ erkennen. Aber solch eine Nachricht könnte den Weihnachtsfrieden stören. Die bringt der deutschen Freundschafts-Redakteur lieber gar nicht. Stille Nacht allerseits.

Die Veranstaltung zum Thema:
DIE UKRAINE-FRONT
Deutsche Medien im Konflikt

Vortrag und Gespräch mit Uli Gellermann
Moderation: Cornelia Staudacher

Am Dienstag ,13. Januar, 20.30 Uhr
Im BUCHHÄNDLERKELLER BERLIN
CARMERSTRASSE 1, PARTERRE
10623 BERLIN-CHARLOTTENB
URG


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TIMBUKTU

Erstellt von Rationalgalerie am 12. Dezember 2014

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Spielen ohne Ball

Autor: Angelika Kettelhack

Rationalgalerie

Datum: 11. Dezember 2014

Zweiundzwanzig Jungen laufen auf einem Sandfeld hin und her. Sie juchzen und lachen und rufen etwas in einer Sprache, die wir nicht verstehen. Aber es ist offensichtlich, dass sie Fußball spielen – nur seltsamerweise ohne Ball. Denn das ist verboten in Timbuktu in Mali seitdem islamische Fundamentalisten die sagenumwobene Oasen-Stadt in der afrikanischen Sahelzone überfallen haben. Mit einer beeindruckenden Pantomime ohne Ball bewegen sich die halbwüchsigen Jungen über das Spielfeld und leisten so den Besatzern subversiven Widerstand.

Mit dieser Szene wird der Regisseur und Produzent Abderrahmane Sissako, 53, wahrscheinlich in die Filmgeschichte eingehen. Aber ohnehin gilt er als einer der bekanntesten Filmschaffenden aus dem subsaharischen Afrika. Seine Haupt-Themen sind Globalisierung und Exil. Geboren wurde er im dünn besiedelten Mauretanien, zog aber bald mit seinen Eltern nach Mali, weil sein Vater von dorther stammte. Mit 22 Jahren ging er nach Moskau, um an der WGIK, der ältesten Filmhochschule der Welt, Kinematographie zu studieren. Heute lebt Abderrahmane Sissako in Paris und in Mauretanien.

In seinem neuesten Film „Timbuktu“ lässt er gleich in der Eröffnungssequenz einen Haufen barbarischer Islamisten auftauchen, die aus purer Langeweile mit ihren Maschinengewehren spielen und auf afrikanische Kultgegenstände schießen und somit im weitesten Sinne ihre eigene Tradition vernichten. Alles, was der eigenen Ideologie und Überzeugung zuwiderläuft, wird zerstört. Diese Szene erinnert daran wie 2001 die riesigen Buddha-Statuen aus dem 6. Jahrhundert im afghanischen Bamyian ebenfalls von religiösen Fanatikern gesprengt wurden.

Früher galt Timbuktu, am nördlichen Knie des Niger, und somit verkehrstechnisch günstig gelegen, als eine der wichtigsten mittelalterlichen Handelsmetropolen. Getauscht wurden neben dem begehrten Gold und Salz auch Elfenbein, Moschus, Kolanüsse, Leder und Pfeffer. Darüber hinaus entwickelte sich Timbuktu auch als Mittelpunkt des islamischen Geisteslebens in Westafrika: An der Sankoré-Mosche existierte schon damals eine Medresa, vergleichbar einer mittelalterlichen Universität, an der die arabische Sprache, Rhetorik und Astrologie gelehrt wurden. Vom Glanz alter Tage ist heute nichts mehr übrig geblieben. Die Bevölkerung ist arm und zum großen Teil arbeitslos. Von den klassischen Handelsgütern der Vergangenheit ist lediglich das Salz übrig geblieben.

Im Interview betont Sissako mit viel Nachdruck, dass für ihn persönlich die Religion des Islam sehr wichtig ist, dass ihm aber die Praktiken der neuen islamistischen Fundamentalisten ein Gräuel sind. In seinem Film „Timbuktu“ zeigt er wie unter der Führung dieser selbst ernannten Hüter der moralischen Ordnung das Leben der Bewohner von Timbuktu von einem Tag auf den anderen total verändert wird. In den dicht an einander erbauten Lehmhäusern, die dieselbe beige Farbe wie der Wüstensand der Umgebung haben, wird jede Lebensfreude durch unsinnige Ge- und Verbote verdrängt: Rauchen, Tanzen und Musikmachen werden verboten. Mit Lautsprechern rasen die Fundamentalisten plötzlich durch die engen Gassen der Stadt und verkünden, dass von nun an Schleier und Strümpfe für alle Frauen Pflicht sind.

Als auch die Marktfrauen gezwungen werden Handschuhe zu tragen, öffnet eine der empörten jungen Fischverkäuferinnen ihr Klappmesser und schreit die arabischen Dschihadisten an, sie sollten ihr doch gleich damit die Hände abhacken. Aber da ziehen die so mutigen Männer den Schwanz ein und lassen von ihr ab. In Szenen wie dieser erweist sich Sissakos genaue Beobachtungsgabe des Absurden im Alltäglichen. Er widersetzt sich somit der geistlosen Ideologie und furchteinflössenden Gewalt der religiös Verirrten auf humorvolle Weise wenn er zeigt, dass diese sich selbst mitnichten an ihre starren Regeln halten: Sie gucken Fussball im Fernsehen, sie machen sich an Frauen heran und natürlich rauchen sie heimlich. Nur in der Öffentlichkeit geben sie die puristischen Islamisten.

Doch sobald sie nicht zugegen sind, fühlen sich die Bewohner ungestört. Gitarren werden wieder ausgepackt, es wird getrommelt, gesungen und gelacht. Sissako interessiert sich in seinem Film ausgesprochen stark für Musik. Er schwört auf ihre aufbauende Wirkung und heilende Kraft in einem repressiven Regime. Auf den geheimgehaltenen Inseln der Freiheit siegt die Freude über die Allmachtsfantasien der Doktrinäre, zumindest solange, bis die Musizierenden ertappt und öffentlich ausgepeitscht werden. Auch mit den brutalen Bildern einer Steinigung von einer Frau und einem Mann, die bis auf den Kopf im Sand eingegraben sind, werden durch die Konfrontation der komischen Szenen mit denen der extremen Brutalität der Horror und das Entsetzen über die religiös radikalisierte Menschen fast ins Unerträgliche gesteigert.

Es tut gut die Ausgangsgeschichte des Film zu erinnern, an die kurzen Augenblicke des Glücks. Da lebt eine Tuareg-Familie, Kidane mit seiner Frau Satima und seiner Tochter Toya, friedlich in der Wüste, in der noch vom Wahn der Menschheit unberührten Natur. Nicht weit von Timbuktu entfernt. Dort müssen sie nicht wie die Bewohner der Stadt ohnmächtig das Terrorregime der Dschihadisten ertragen. Abderrahmane Sissako schildert das Leben der Familie in kraftvollen und poetischen Bildern mit einer Sanftheit, die das Drama, in das die Familie später unfreiwillig geraten wird, umso stärker miterleben lässt.

Der Film kommt am 11. 12. in die Kinos

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Weihnachten an der Ukraine-Front

Erstellt von Uli Gellermann am 6. Dezember 2014

Die FAZ wäscht den Rechten Sektor weiß

Schmock des Monats

Autor: U. Gellermann

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Datum: 04. Dezember 2014

Es geht auf Weihnachten zu. Und wie damals, als die Deutschen beinahe in Stalingrad gegen die Russen gewonnen hätten, muss der Kriegswinter romantisch illustriert werden. Damals machte das der „Völkische Beobachter“, grob und eindeutig. Heute besorgt die FAZ und ihr Autor Konrad Schuller das schmutzige Geschäft der Kriegspropaganda. Natürlich ist die FAZ irgendwie feinsinniger. Schuller besuchte das „Ukrainische Freiwilligenkorps (DUK)“ an der Front. Ja, das sei zwar „der bewaffnete Arm des Rechten Sektors“, aber Nazis oder Antisemiten, das seien sie natürlich nicht. Nur Nationalisten eben, die für ihre Heimat kämpfen.

Doch bevor der FAZ-Autor sich an das Reinwaschen wagt, illuminiert er erst mal die Szene. Da plagen sich die Freiwilligen mit einer alten Panzerabwehrkanone ab. Gott sei Dank kommt ihnen die reguläre ukrainische Armee zu Hilfe. Der DUK-Kommandeur vor Ort ist „Bärtig, herzlich, unerbittlich, unerschöpflich im Männervokabular der Kasernen“. Und was kommt bei den kernigen Jungs vom DUK auf den Tisch? „Auf dem Esstisch liegt zwischen Hering und Kohlsuppe, unschuldig wie ein Stück Butter, ein gelbes Päckchen TNT (Sprengstoff).“ Und genau so unschuldig ist auch der Führer des Rechten Sektors Dmytro Jarosch inzwischen. Damals, als der Rechte Sektor als „Speerspitze der pro-europäischen Revolution“ entstand, da mögen sie sich ja mit „zweifelhaften“ Kräften eingelassen haben. Inzwischen arbeiten sie „offen mit dem jüdischen Oligarchen Ihor Kolomojskij zusammen“.

Nun kommt man als ausgewiesener Antisemit wahrscheinlich nicht gut an, wenn man seine Truppen von einem jüdischen Milliardär finanzieren lässt. Da ist der offizielle Gesinnungswandel zwingend. Denn Ihor Kolomojskij, der drittreichste Mann der Ukraine, gibt nicht nur Geld für die Kämpfer des DUK. Er zahlt auch für jeden verhafteten pro-russischen Separatisten eine Prämie von 10.000 US-Dollar. Tot oder lebendig. Zu seinen nationalen Verdiensten gehört ebenfalls, dass er in das Freiwilligen-Bataillon Dnipro zehn Millionen Dollar investiert hat. Die Ausbilder für die Legionäre kommen aus Israel, Rumänien und Georgien. Das wird so eine Marotte bei Kolomojskij sein, ähnlich jener wie Schuller sie bei seinem Jarosch vom Rechten Sektor feststellt, wenn er in dessen Programm einige „Extravaganzen – etwa die Forderung nach Atomwaffen für die Ukraine“ findet. Da wären Strapse unter der Uniform doch ungleich „extravaganter“.

„Der Stolz dieser Kämpfer auf die Ukraine ist überall präsent, aber er ist kein Nationalismus“, schreibt Schuller und lässt seinen Kommandanten sagen, ihm sei der damalige Widerstand gegen die Rote Armee heilig. Dass bei dieser Gelegenheit polnische und jüdische Bewohner der Ukraine massakriert wurden, unter anderem die Menschen der Orte Huta-Pieniacka, Podkamień und Palikrowy, was soll es den tapferen Reinwäscher Schuller kümmern. Falls er je den Namen der 14. Waffen-Grenadier-Division der SS, in der ausschließlich ukrainische Freiwillige Dienst taten, gelesen haben sollte, hat er ihn längst verdrängt.

„Die Kerze ist runtergebrannt, in der Dunkelheit hört man das ferne Wummern der Raketenwerfer“, notiert der FAZ-Autor aus dem Untertstand. Schöner Raketen nie klingen, als zu der Weihnachtszeit, so tönt der schwärmerische Text des FAZ-Propagandisten. Und dann zitiert Schuller noch den Kommandeur der vom Oligarchen angeworbenen Freiwilligen: „Ja, wir wollen Europa. Aber ohne Blut geht das nicht.“


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Simplicius Simplicissimus im Irak

Erstellt von Uli Gellermann am 2. Dezember 2014

Ziviler Ungehorsam gegen den Krieg

Autor: U. Gellermann

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Datum: 01. Dezember 2014
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Buchtitel: Bagdad Marlboro
Buchautor: Najem Wali
Verlag: Hanser

Seit dem September 1980 finden auf dem geschundenen Boden des Irak Kriege statt: Der Krieg des Irak gegen den Iran, jener gegen Kuwait, die US-Invasion und die Banden-und Religionskriege, die im Gefolge der amerikanischen Aggression bis heute andauern. Der irakische Autor Najem Wali schreibt gegen diesen 30-jährigen Krieg an. Mit „Bagdad Marlboro“ überlässt er uns dem Inferno eines zerstörten Landes, das – von der Diktatur Saddam Husseins bereits schwer geschädigt – von Krieg zu Krieg immer unbewohnbarer wird und heute erneut mit dem „Islamischen Staat“ die Negativschlagzeilen beherrscht.

Die Liebe zur Poesie bringt in der Hölle der Kriege einen US-Soldaten und einen irakischen Dichter zusammen, ein Zusammentreffen, das dem Buch eine Reise der Schrift auferlegt: Ein Brief des Dichters an den Ich-Erzähler wird zur Flaschenpost in einem Meer von Gräuel, von Irrungen und Wirrungen. Als könne das Aufgeschriebene die Wunden heilen. Es ist nicht auszuschliessen, dass diese Schreibtherapie dem Autor hilft. Najem Wali, der vor Beginn des Iran-Irak-Krieges nach Deutschland geflohen ist, leidet an seinem Land und mit jenen, die dort immer noch überleben.

Walis Roman erinnert unwillkürlich an den des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, der seinen Simplicius Simplicissimus vor mehr als 300 Jahren durch einen anderen 30-jährigen Krieg wandern und taumeln lässt, und in dem eine frühe aber erkennbare Botschaft gegen den Krieg verborgen ist. Zwar ist der Appel gegen jeden Krieg in „Bagdad Marlboro“ in allen Zeilen zu erkennen, aber heute, nach so vielen Fortschritten in der Erkenntnis, wäre ein Hinweis auf die Ursachen der irakischen Krieg hilfreich für das Begreifen des Romans gewesen.

Von der absurden kolonialistischen Grenzziehung im Nahen Osten bis zur Brutalo-Einmischung der USA (beginnend mit Ronald Reagan und seinem Ziel im Iran-Irak-Krieg: „Ein Sieg des Iran ist nicht hinnehmbar.“), haben die internationalen Mächte dem Irak alle Knüppel auf den Kopf gehauen, die nur denkbar waren. Das pure „Geworfen-Sein“, das Walis Roman schildert, ist sprachmächtig und schrecklich-anschaulich, lässt aber nur Saddam Hussein als Schuldigen erkennen, der natürlich nicht unschuldig war, aber faktisch Komplizen außerhalb der Landesgrenzen hatte.

Wenn der Autor am Ende seiner Arbeit den Whistleblower Bradley (Chelsea) Manning aufschimmern lässt, dann ist diese Episode sicher als Wegweisung zu begreifen: Ziviler Ungehorsam, ruft uns Najem Wali zu, ist der erste Schritt zum Widerstand gegen den Krieg. Wer wollte das verneinen.

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Ist Helmut Schmidt verstorben?

Erstellt von Rationalgalerie am 15. November 2014

Ein Beitrag zur antikolonialen Debatte

Autor: U. Gellermann

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Datum: 14. November 2014
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Buchtitel: Die Eroberung Europas durch die USA
Buchautor: Wolfgang Bittner
Verlag: VAT André Thiele

Ob der Alt-Kanzler Helmut Schmidt wohl verstorben ist? Diese Frage wirft Wolfgang Bittner in seinem Buch „Die Eroberung Europas durch die USA“ implizit auf. Denn tatsächlich, nachdem Schmidt im Zusammenhang mit der Ukrainekrise „vor der Gefahr eines dritten Weltkriegs gewarnt und der EU Größenwahn vorgeworfen hat“, ist der „Elder Statesman“ aus der Öffentlichkeit verschwunden. Er, der sonst jede dritte Talkshow zierte und Zeitungen von BILD bis ZEIT als das Orakel von Langenhorn galt, ist weg vom öffentlichen Fenster. Bittner nimmt diese und andere Erscheinungen des öffentlichen Kniefalls vor den Zielen der USA in Europa als Beweise dafür, dass „die Mehrheit der westlichen Medien . . . zu Werbeträgern insbesondere der US-Propaganda verkommen sind.“

Doch neben dem Ausfall der Medien als Vierte Gewalt notiert Bittner auch die Verluste im Wirtschaftskrieg gegen Russland: Rund 19 Milliarden Euro Direktinvestitionen seien in Russland gebunden, das bilaterale Handelsvolumen zwischen Russland und Deutschland sei, im Gefolge der Sanktionen, im ersten Halbjahr 2014 um 6,3 Prozent zurückgegangen und die deutschen Exporte nach Russland schrumpften um 15,5 Prozent. Mit solchen Zahlen lässt der Autor den Leser selbst fragen, welchen Nutzen denn die Sanktionen haben sollen und erinnert daran, dass „Russland Deutschlands größter Energielieferant ist“ und eine Verschärfung der Konfrontation erhebliche Schäden anrichten könnte. So vermittelt das Buch eine Fülle von Fakten, um nach dem Interesse am Ukrainekonflikt zu fragen und kommt zu dem klaren Fazit: „Die USA sind kein Vorbild für Frieden und Freiheit“.

Als redlicher Intellektueller bezieht Bittner auch die russische Position in seine Überlegungen ein und zitiert aus der Rede Putins vor dem Deutschen Bundestag im September 2001, in der er für eine weitgehende Kooperation mit Deutschland und der EU plädierte. Und auch in der Rede des russischen Präsidenten im Kreml aus dem März 2014, entdeckt der Autor Verhandlungsbereitschaft der russischen Seite und die Werbung „um einen fairen Umgang miteinander“. Fast resignierend stellt Bittner fest, dass Putins Überlegungen immer wieder als „Propaganda“ abgetan werden, statt wenigstens deren Gehalt auszutesten. Und er kommt zu einer galligen Frage: „Aber was ist von einer Regierung zu halten (gemeint ist die deutsche), die ständig die eigene Verfassung bricht, um die hochbrisante Kriegstreiberei der USA mitzumachen?“

Von einer eindringlichen Skizze des ukrainischen Ministerpräsidenten Arsenji Jazenjuk, die ihn als Stellvertreter Washingtons in Kiew ausweist, über den Verfall des „Hoffnungsträgers“ Obama bis hin zum offenen Brief von acht ehemaligen US-Geheimdienstlern an Angela Merkel, enthält Bittners Buch ein Ensemble von Beweisen und Gedanken, die den ziemlich gelungenen Versuch der USA zur Eroberung der EU belegen. Einmal allerdings sind Zweifel an Bittners Text angesagt. So, wenn er annimmt, dass nach Obamas Verkündung, „die USA würden in der Ukraine nicht militärisch eingreifen“, die akute Kriegsgefahr in Europa gebannt sei.

Während Bittners Buch gerade die Leser erreicht verkündete der Nato-Oberkommandeur, der US-General Philip Breedlove: „Wir haben Kolonnen russischer Ausrüstung gesehen, vor allem russische Panzer, russische Artillerie, russische Luftabwehrsysteme und russische Kampftruppen, die in die Ukraine gebracht werden.“ Breedloves Behauptung wird ohne jeden Beweis von den deutschen Medien einfach weitergereicht. Die Kriegsgefahr ist nicht gebannt. Und genau deshalb ist Wolfgang Bittners Buch ein richtiger und wichtiger Beitrag zu jener antikolonialen Debatte, die in Europa geführt werden muss, wenn die Völker der alten Welt ihre Selbstständigkeit zurück gewinnen und den Frieden bewahren wollen.

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Was bleibt

Erstellt von Rationalgalerie am 12. November 2014

Christa Wolfs Moskauer Tagebücher

Autor: U. Gellermann

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Datum: 11. November 2014
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Buchtitel: Moskauer Tagebücher
Buchautor: Christa Wolf
Verlag: Suhrkamp

Heute würde Christa Wolf – lebte sie denn noch – als Russland-Versteherin bemerkt und gegeißelt werden. Denn sie kannte die Sowjetunion gut, dieses Nationenkonglomerat, das ob seiner gemeinsamen russischen Verständigungssprache und der gemeinsamen Geschichte russisch dominiert und geprägt war. Sie, die sehr deutsche Schriftstellerin, hätte weder das Leid, das wir den Russen angetan haben, vergessen, noch die Hoffnung, die Sozialisten in aller Welt mit dem ersten sozialistischen Land verbanden, und dessen Selbstzerstörung sie aus der Nähe beobachtete und notierte. Genau in diesen Tagen, in denen sich das russisch-deutsche Verhältnis um jeden Tag verschlechtert, an dem die USA die deutschen Verhältnisse diktieren, liegen die „Moskauer Tagebücher“ der Schriftstellerin vor. In dieser Arbeit – sorgsam ediert von Gerhard Wolf – kann man dem nachspüren, was der Untertitel der Tagebücher verheißt: „Wer wir sind und wer wir waren“.

Gleich bei der ersten Reise 1957 trifft Christa Wolf eine lebendige Hoffnung auf ein anderes, besseres System: Auf eine Kellnerin, die Größen der Weltliteratur „Pushkin, Lermontow, Gogol usw.“ liest, und die darüber mit der Schriftstellerin redet. Die Begebenheit erinnert an das Lenin-Zitat von der Köchin, die in Lage sein muss, die Staatsmacht auszuüben; an eine emanzipatorische Idee, die weit über das alltägliche Geschwätz von der Freiheit hinausragt, in jenes Reich der Freiheit, in dem die materiellen und geistigen Bedingungen des Einzelnen die Freiheit aller garantieren. Lange Jahre später, auf der sechsten Reise, trifft sie auf den Schriftsteller Efin Etkind, der wegen seiner Unterstützung Solschenyzins ins Ausland emigrieren musste. Es ist dieser Schriftsteller, der in der Stasi-Akte zu Christa Wolf erwähnt wird. Eine Notiz des russischen Geheimdienstes hatte den Kontakt der Autorin mit dem verfemten Etkind vermerkt. Und von ihm findet sich auch, auf den letzten Seiten der Tagebücher, eine Kurzgeschichte, die von der brutalen Judenverfolgung in der Sowjetunion der frühen 50er Jahre handelt.

Zwischen den Polen einer sozialistischen Morgenröte, die für Christa Wolf über den Trümmern des deutschen Faschismus erglühte, und deren trübe reale Abenddämmerung bis in die Perestroika reichte – dem unzureichenden Versuch der alten Sowjetunion eine neue Verfassung zu geben – bewegen sich die Notizen der Schriftstellerin. Es sind die Erinnerungen der großen Autorin, die unerschrocken hinschaute, nachdachte, schrieb und doch „nicht auf den Traum von einem sozialistischen Deutschland verzichten“ wollte. So jedenfalls schrieb es der russische Dichter und Dissident Lew Kopelew in seinem Aufsatz auf, mit dem er die ebenso dumme wie eklige Reich-Ranicki-Kampagne gegen die vorgebliche „Staatsdichterin“ energisch zurück wies. Auf den Seiten dazwischen treffen wir auf alle möglichen russischen Menschen und Zustände, aber auch auf Max Frischs russisches Tagebuch (Frisch und Wolf trafen sich auf einer Schriftsteller-Reise in der Sowjetunion), auf russische Autoren und Funktionäre und auf ein bemerkenswertes, überraschend aktuelles Interview, das Christa Wolf auf ihrer siebten Russlandreise 1973 mit dem Schriftsteller Konstantin Simonow geführt hat.

Simonow, der den Krieg der Deutschen gegen die Russen im Range eines Oberst der Roten Armee und als Kriegsberichterstatter erlebte und die Mordbrennerei mit eigenen Augen gesehen hatte, war nicht vom Hass gegen die Deutschen erfüllt. In seinem Gespräch mit Christa Wolf glaubte er entschieden zu wissen, dass es keine europäische Zukunft ohne das gäbe, was die Deutschen und die Russen verbindet. Und er wußte nicht nur vom „Hamburger Aufstand“ zu erzählen, sondern hatte eben auch von Lessing, Goethe und Schiller bis hin zu Heinrich Böll den Kanon der deutschen Literatur gelesen. Simonow zählt zu der langen Reihe russischer Autoren, die den Krieg zum zentralen Thema ihrer Arbeit machten. Es ist nicht zufällig, dass es kaum Deutsche gibt, die aus diesem Krieg, den die Russen den „Großen Vaterländischen“ nennen, Literatur entwickelt haben. Und es ist auch kein Zufall, dass die wenigen Schriftsteller, die sich dieses Themas annahmen – Erich Loest, Hermann Kant und Dieter Noll – in der DDR zu Hause waren. Im Westen – sieht man von den unerträglichen, die Wehrmacht reinwaschenden Groschen-Romanen der „Landser“-Heftchen ab – wurde der Vernichtungskrieg ebenso beschwiegen wie lange Zeit der Holocaust. Über den Krieg in Russland schweigt das vereinte Deutschland bis heute.

Was bleibt, was ist geblieben? Es bleibt ein weiteres, posthumes Buch einer aussergewöhnlichen Schriftstellerin. Ein Buch, das die Haltung von Christa Wolf spiegelt: Aufrichtig, anständig, selbstkritisch und nachdenklich. Ein Buch, das wie ein Steinbruch sein könnte, aus dem Erkenntnis-Stein für Erkenntnis-Stein für den Bau eines europäischen Hauses unter Einschluss Russlands entnommen werden könnte – wenn die politische Macht nicht in den Händen von geschichtsvergessenen Idioten läge.

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Ein Selfie-Roman

Erstellt von Uli Gellermann am 21. Oktober 2014

Self-portrait by the depicted Macaca nigra female

Wie Damir Karakas über sich selbst schreibt

Autor: U. Gellermann

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Datum: 20. Oktober 2014
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Buchtitel: Ein unvergleichlicher Ort für das Unglück
Buchautor: Damir Karakas
Verlag: Dittrich

Man sieht sie mit ausgestrecktem Arm durch die Gegend gehen. Wie Traumwandler durchstreifen sie Landschaften und Städte, am Ende des Arms, in der Hand, ruht das Foto-Handy. Und die Inhaber des Arms fotografieren immer nur sich selbst: Vor dem Eiffelturm, vor der Clique, vor dem Baum im Park. Diese Gattung der Fotografie wird „Selfie“ genannt, Englisch natürlich, und ist unversehentlich nur um Haaresbreite vom ebenfalls englischen „selfish“ (selbstbezogen) entfernt. Einen solchen Flickenteppich von Selfies legt Damir Karakas als autobiografischen Roman vor. Den Hintergrund liefert Paris und ganz vorne im Bild steht immer Karakas und Karakas und Karakas.

Aus Kroatien kommt Karakas, aus einem dieser Länder, das sich die jeweiligen Nationalistenführer blutig aus dem alten Jugoslawien herausgeschnitten haben. Im Fall Kroatiens unter der freundlichen Mithilfe Deutschlands, die Deutschen hatten dort alte Beziehungen und es waren allerdings keine zu den früheren Anti-Hitler-Partisanen. Jetzt nun, in Paris, scheinen die alten balkanesischen Feindschaften vergessen. Gut, exilierte Kroaten haben immer noch kein herzliches Verhältnis zu den exilierten Serben, aber gemeinsam ist man Strandgut, von den Wellen westlicher Politik in ein Paris der Flüchtlinge getrieben. Man lebt mit kürzestfristiger Aufenthaltsgenehmigung, von der Hand in den Mund, von Schwarzarbeit, im Karakas-Fall von den Karikaturen, die er den Touristen verkauft und von der Idee seinen kroatischen Roman ins Französische übersetzen zu lassen, um endlich jenen internationalen Ruhm zu erreichen, dessen matter Glanz bisher nur in Kroatien schimmert.

Dunkel liegt der Schatten seines Bartes auf der Mundpartie, balkanesisch-düster glimmen die Augen des Schriftstellers auf dem Foto des Buchumschlages, verwegen schneidet die Krempe seines Hutes die Stirn: Ich kann auch anders, sagt das Bild. Im Roman kann er vor allem eines: Freundliche Frauen ausnutzen. Nahezu seriell schläft er mit ihnen und so schreibt, beschreibt er auch die Beischlaf-Szenen: Schnell und selfish. Da dem Autor wenig an den Damen liegt, kann er auch beim Leser kaum Interesse für die Objekte seiner Obsession erwecken, die, kaum benutzt schon entledigt, eben nur die Hintergründe abgeben.

Vordergrund macht Bild gesund, so lautet eine alte Fotografenweisheit. Doch nur wenige Fotografen kämen auf die Idee den immer selben Macho in der immer gleichen Einstellung zu fotografieren. So erfährt der Leser zwar von den sozialen Verwerfungen des Einwanderer-Paris. Und alles ist so schön authentisch. Aber die flotte Schreibe imitiert nur Empathie, pinselt das Elend pittoresk und immer ist man gewiss: Was da aufgeschrieben, dient dem kleinen Ziel eines Autors groß rauszukommen.

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Der Joschka-Stammtisch

Erstellt von Uli Gellermann am 17. Oktober 2014

Ein Fischer-Buch zur Europäischen Union

Autor: U. Gellermann

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Datum: 16. Oktober 2014
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Buchtitel: Scheitert Europa?
Buchautor: Joschka Fischer
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Schon im Vorfeld der Buchpräsentation des beinahe berühmten Autors Joschka Fischer wurde dessen große Bedeutung heftig unterstrichen: Vor Pressekonferenz und Rezension musste der Rezensent schriftlich versichern, nichts vorab über das Buch „Scheitert Europa“ zu veröffentlichen: Per Fax, unterschriftlich und schadenersatzpflichtig. Während der Pressekonferenz zum Buch im Haus der GRÜNEN Böll-Stiftung roch es dann nach Brötchen, nach ziemlich kleinen Brötchen. Wenn auch pompös dargeboten: Viele Kameras, viel Gewese für einen Ex-Außenminister.

Das Pompöse auch gleich zum Auftakt des Fischer-Buches: Zwei Seiten einer Churchill-Rede aus dem Jahr 1946. Der hatte schon damals im September in Zürich zur Gründung der „Vereinigten Staaten von Europa“ aufgerufen. Wenn Fischer ihn heute zum Kronzeugen für seine Vorstellung von Europa auftreten lässt, dann meint er damit vorrangig Marketing: Churchill ist bedeutend, ich auch, zusammen sind wir noch bedeutender. Nicht aufgefallen ist dem Europa-Autor offenkundig die Hohlheit jener Churchill-Phrase in dessen Rede, in der er die „Errettung der Menschen aller Rassen und aller Länder aus Krieg und Knechtschaft“ fordert. Denn zu jener Zeit ächzten Indien und Pakistan noch unter dem Stiefel englischer Kolonial-Soldaten, waren rund zehn afrikanische Staaten noch in britischen Kolonial-Fesseln gefangen und es sollten, bis sie sich selbst aus „Krieg und Knechtschaft“ befreit haben würden noch viel Blut fließen. So isser, der Fischer: Da schlägt jemand wie Churchill mit dem imperialen Kochlöffel auf irdenes Geschirr und der ehemalige Außenminister gibt es für tönendes Erz aus.

In seinem eigenen Text ist es dann eher Blech, aus dem er der Europäischen Union eine Zukunft schmiedet: Eine lange Nacherzählung der Finanzkrise mündet bei ihm notwendig in der „Zentralisierung“ europäischer Macht als Heilmittel. Da fragt er nicht lange für wen und für was, und preist erneut die von Schröder und ihm 2003 verkündete Agenda 2010 als „überfällige Struktur-Reform“ als „unabweisbar“. So ging und geht es dann der deutschen Unterschicht wie den Indern und Afrikanern: Errettung gilt nur der weißen Oberschicht, die Hartzer werden so lange in Knechtschaft verharren, wie sie sich nicht selbst befreien.

Doch gibt es bei Fischer immerhin zwei Gedanken im Buch, die unabweisbar richtig sind: Er notiert die Ängste unserer Nachbarn vor einem „deutschen Europa“ und zitiert deren Sorgen, dass sie unter „deutscher Vormundschaft“ stünden. Auch die zweite Fischer-Erkenntnis, nach der die Europäische Zentralbank „faktisch als eine Art Ersatzregierung“ agiert, ist nicht von der Hand zu weisen. Errettung aus dieser ihm misslichen Situation findet der Autor in der Geschichte der EU: Sie sei nicht „auf Umfragen und Mehrheitsstimmungen gebaut“. Sie wurde „vielmehr von Staatsmännern gebaut, die nicht nach Popularität schauten“. Derartig auf Macht und Mächtige fixiert entgeht dem einstigen Straßenkämpfer, dass genau hier, in mangelnder Legitimation, im undemokratischen EU-Apparat die Krise der EU liegt: Die europäische Bevölkerung muss den `dummen´ Inder spielen und die Fischers machen den Churchill.

Zuweilen verirrt sich Fischer in die Weltgeschichte und dann blinzelt der kleine Josef hinter der großen Fischermaske hervor: Europa sei einfach historischer als andere Weltregionen, zum Beispiel sieht er Ost- und Südostasien seit 2000 Jahren von China bestimmt. So alte Kulturstaaten wie Japan und Vietnam verschwinden dann, zugunsten der Vereinfachung, mal eben unter Fischers Stammtisch. Und wenn er dann der europäischen Geschichte zu nahe tritt, befragt er sie nach der wissenschaftlich verbotenen Was-Wäre-Wenn-Methode: Was wäre „wenn es dem Haus Valois im Spätmittelalter gelungen wäre, eine machtpolitische Restauration des mittleren Erbteils der karolingischen Erbfolge auf Dauer durchzusetzen?“ Hier kommt der versammelte Fischer-Chor zu einer verblüffenden Erkenntnis: „Die Geschichte verlief anders“. Dass immerhin zwölf französische Könige aus dem Hause Valois und seinen Nebenlinien stammten, was macht das schon, wenn es doch um den Fischer-Ritt durch die Geschichte geht?

Schließlich kommt Fischer zur „Strategischen Krise Europas“, die ihm besonders im Ukraine-Konflikt deutlich wird: Der Russe sei es, der mit „militärischer Gewalt“ eine Revision der postsowjetischen Staatsordnung anstrebe. Die EU habe der Ukraine „ohne böse Absicht“ einen Handelsvertrag angeboten. Hier schafft es der Autor sein bisheriges Niveau noch zu unterbieten: Dass im harmlosen „Handelsabkommen“ auch eine Sicherheits- sprich militärpolitische Passage existiert, die den Russen das Messer an die Kehle setzt, verschweigt er einfach. Ohne böse Absicht versteht sich. Dann kartet er noch seine Niederlage als Pipeline-Lobbyist nach, wenn er die Ostsee-und Schwarzmeer-Pipelines als Geldversenkung charakterisiert und die ukrainischen Blockade-Spielchen bei der Durchleitung des russischen Gas nach Westeuropa schlicht unterschlägt. Höhepunkt der geistigen Falschmünzerei ist dann seine Behauptung der EU als „Friedensprojekt“, obwohl jede Menge EU-Mitglieder die Kriege der USA im Irak, in Libyen und in Syrien fröhlich begleitet oder sogar vorangetrieben haben. So steuert das NATO-Mitglied Joschka Fischer tapfer im Dunkel seiner Gedanken pfeifend auf die „Vereinigten Staaten von Europa“ zu, die er sich nur im Bündnis mit den USA denken kann. Aber warum sie dann notwendig sein sollten, verschweigt er ebenso, wie er kein einziges Wort über das imperiale Handelsabkommen TTIP verliert. Diese Sorte Europa darf getrost scheitern.

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Fotoquelle: Wikipedia -Author Evergreen68

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Merkel – Kohl = Hopp und Ex

Erstellt von IE am 8. Oktober 2014

„Die Übergabe des Kaufpreises für die DDR in Bonn“ im Rahmen der BRDigungs-Aktion „Das letzte Geläut“

Sind die in den letzten Tagen zu lesenden Reaktionen in der Presse auf die Buch- Veröffentlichung der Journalisten Heribert Schwan und Jens Tilmann, zu deren Erinnerungen an Helmut Kohl nicht verständlich? Wollen wir vielleicht einfach nicht erkennen, dass sich hier viele der Haus und Hofschreiber unseres politischen Helden nun wie verschmähte Liebhaber fühlen?  Über viele Jahre hinweg haben sie sich, vollkommen außerhalb jeglicher Realität aus einen einfachen Menschen einen „Vereinigungshelden“ gestrickt, welchem jetzt die Unterhosen heruntergezogen werden.

Und dann bleibt genau das über, was wir von einen jeden anderen Menschen auch sehen, ein Ebenbild unser aller selbst, nicht mehr und nicht weniger. Selbst nach seinem Ableben, ich wünsche ihm noch viele lebenswerte Jahre, bleibt wie bei jeden von uns nur der Staub zurück.

Was ist wichtig daran, was ein Helmut Kohl irgendwann in seinem Leben gedacht oder gemacht hat? Allenfalls für diejenigen welche auch noch nach seinem Ableben aus seiner Ikone ein Geschäft machen möchten. Die Partei, die Schreiber der Historie und vielleicht die Verkäufer des Pfälzer Saumagen. Diese alle werden aber ehe nur das für Sie interessante aus den Hinterlassenschaften herausfiltern, ein jeder das, was er für sich braucht.

Ansonsten, wenn Mahner schon einmal den warnenden Finger gegen die Politiker erheben,  heißt es doch nur allzu schnell, dass Ethik und Moral in der Politik ehe fremd am Platze sind. Warum also jetzt dieses Gezeter, die Abhängigkeit muss doch allzu groß gewesen sein.

Ja, warum eigentlich sollen die Aussagen über Merkel nicht zutreffen. Stellen wir uns nur einmal vor Obama wäre der Deutsche Präsident. Dieser hat seine Wurzeln in Afrika. Oder gar Philipp Rösler welcher aus Vietnam zu uns fand. In Asien und Afrika wird heute noch mit den Fingern gegessen, da die Speisen angeblich besser munden. Das natürlich eher nicht in Lokalitäten in welchen Politiker verkehren und der Steuerzahler dann für die Rechnung aufkommt. Merkel stammt eben aus der Uckermark und sowohl in Asien als auch in Afrika finden wir größere Städte als in Europa, in denen man auch heute noch mit den Fingern isst und das vorhandene Besteck in der Schublade bleibt und den weißen Gästen angeboten wird.

Überhaupt, die Aussagen bestätigen doch eindeutig die Thesen welche immer wieder geäußert werden und der Spruch „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ kommt doch nicht von ungefähr. Sind es nicht die Spinner aus den verschiedensten  Ideologien welche sich in einer dumpfen Ausschließlichkeit für etwas Besseres halten? Unterschiede zwischen Putin, Kim, Obama, Merkel, Junker, Schröder oder auch Kohl und Schmidt sehen wir eher weniger.

Sie alle sind von einer scheinbar krankhaften Gier besessen etwas Besseres darstellen zu müssen. Sie fühlen sich dazu berufen, anderen Ihren Weg erklären zu müssen auch wenn er sich bereits hunderte Male zuvor als falsch erwiesen hat. Dabei vergessen sie den aufrechten Gang für sich selbst. Sie haben das Glück nicht in einen anderen Zeitalter geboren zu sein. Oder wer glaubt dass ein Nero, oder Caligula, Stalin oder auch Adenauer anders tickte? Über Menschen mit Oberlippenbärtchen wollen wir besser schweigen.

Schreiber welche die Politiker von Ethik und Moral entlasten, sollten sich auch besser der Stimme enthalten wenn es um die Charaktere bestimmter Personen geht. Denn wenn ein Mensch in die Lage versetzt wird einmal Macht ausüben zu können, und damit sofort seine Herkunft und sein Aufwachsen vergisst, sollten wir Diese ebenfalls vergessen.

Auch Merkel fühlt sich heute fortlaufend von Trotteln umgeben, oder warum werden Frankreich und anderen Ländern in Europa immer wieder Deutsche Eigenschaften aufgedrängt welche für diese außerhalb ihrer Mentalität stehen. Zumal am Deutschen Wesen doch schon einmal die Welt genesen sollte. Vielleicht mag Merkel so klug wie Kohl sein. Toleranz scheint aber für Beide ein Fremdwort zu sein. Interessant ist schon das Kohl in diesen Zusammenhang jetzt Menschenfeindlichkeit unterstellt wird und Merkel und Schröder dagegen nicht?

Ist denn allen wirklich der Spruch von der Selbsterhöhung und einer darauf folgenden Erniedrigung aus dem Gedächtnis entschwunden? Heribert Schwan teilt seine Erfahrungen welche er mit Helmut Kohl gemacht hat mit. Alle Journalisten machen das gleiche. Edward Snowden macht bei genauer Betrachtung nichts anderes und wird dafür zu Recht gefeiert. Ich glaube es würde uns allen besser zu Gesicht stehen, über die miesen Kreaturen nachzudenken welche über uns regieren. Werfen wir den Dreck nicht so hoch, damit er hinterher weniger Staub aufwirbelt.

Eine Geschichte ohne Helden

ORTSTERMIN Die Journalisten Heribert Schwan und Tilman Jens stellten in Berlin das Kohl-Buch „Vermächtnis“ vor – ein Dokument der Niedertracht

VON STEFAN REINECKE

Der Journalist Heribert Schwan hat 2001 und 2002 lange Interviews mit Helmut Kohl geführt. Daraus hat er nun mit Tilman Jens, einem Journalisten, der mit dem Hammer zu arbeiten weiß, das Buch „Vermächtnis“ gemacht. Ob das legal ist oder ob Kohl die Rechte an den Interviews zustehen, ist umstritten.

Das Bild, das in „Vermächtnis“ von dem Exkanzler entsteht, ist nicht neu. Der Politiker Kohl verachtete unbeirrbar alle, die ihm nicht bedingungslos ergeben waren. Seine vernichtendes Urteil über Norbert Blüm („Verräter“) oder sein Zerwürfnis mit Schäuble sind lange bekannt. Überraschend aber sind das Ausmaß der Menschenfeindschaft und die Härte von Kohls Verdikten, die Schwan und Jens genüsslich zitieren. In dem Buch sind sie kursiv gedruckt, damit die Leser die Stellen schneller finden.

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Fotoquelle: Wikipedia – Author Kurt Jotter

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Frankfurter Buchmesse

Erstellt von IE am 5. Oktober 2014

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„Ich kann das Wort ,Opfer‘

für meine Romane nicht ausstehen“

BUCHMESSE Sofi Oksanen ist der Star der finnischen Literaturszene. Sie hält am Dienstag die Auftaktrede zur Frankfurter Buchmesse für den diesjährigen Ehrengast Finnland. Mit der taz spricht sie über ihren neuen Roman „Als die Tauben verschwanden“, über Frauen, Esten, Nazis, Sowjets – sowie die aktuelle russische Propaganda

INTERVIEW RUTHARD STÄBLEIN

Sofi Oksanen lädt ein in ihr Lieblingscafé. Es liegt in einem alten Arbeiterviertel in Helsinki. Es gibt Kuchen. Mehrere Vogelbauer hängen im Raum, den Vogelgezwitscher, Tassenklappern, Gespräche erfüllen. Der Caféplüsch steht im Kontrast zum Aussehen und Auftreten von Sofi Oksanen. Mit ihrem schwarzen Post-Punk-Lederrock, dem langen Haarteil aus Dreadlocks, dem überschminkten, vollen Mund. Really gothic.

Sofi Oksanen landete mit ihrem Roman „Fegefeuer“ einen Welterfolg. Mit einer gewissen Aliida als Hauptfigur. Der neue Roman hat den Titel „Als die Tauben verschwanden“. Ihre neue Heldin heißt Judith. Was ist der mythologische Hintergrund?, frage ich Sofi Oksanen; zuerst auf Deutsch, dann auf Englisch. Sie unterbricht mich.

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Die russische Propaganda bezeichnet ihre Feinde häufig als „Faschisten“.

Ja, das Wort von den „Faschisten“ ist wohl das wichtigste Werkzeug in der russischen Propaganda. Das war auch eine der Schlüsselideen von Stalin: Man spricht nicht über den Zweiten Weltkrieg, sondern ausschließlich über den „Großen Vaterländischen Krieg“. Für die Russen existiert der Begriff „Zweiter Weltkrieg“ nicht. Es ist immer nur vom „Großen Vaterländischen Krieg“ die Rede, nie von den Juden, vom Holocaust, von Rassenverfolgung. Nur vom Leiden der russischen Menschen und der Verteidigung von Russland. Nie sprechen sie vom Nationalsozialismus. Das ist zu nahe an „Sozialismus“. Um die Nähe zu vermeiden, bezeichnen sie den Nationalsozialismus ausschließlich als Faschismus. „Faschismus“ war und ist das Wort der Wörter. Es steht für alle, die gegen das autoritäre Russland sind, in der Ukraine, überall. Homosexuelle, der Westen, alles Faschisten!
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Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Author Lesekreis

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Apartheid als Staatsräson

Erstellt von Uli Gellermann am 19. September 2014

Wie der Philosemitismus die Menschenrechte ignoriert

Autor: U. Gellermann

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Datum: 18. September 2014
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Buchtitel: Das unheilvolle Dreieck Deutschland, Israel und die Palästinenser
Buchautor: Arn Strohmeyer
Verlag: Gabriele Schäfer

Gegen Judenhass hatten sie jüngst in Berlin demonstriert – die Merkels, die Gaucks und Gabriels – nicht gegen Russenhass, nicht gegen Islamhass, nicht gegen Xenophobie. Als hätten die paar Idioten, die jüngst am Rande von Demonstrationen gegen das Schlachten in Gaza antisemitische Parolen riefen, den deutschen Staat erschüttert und die hochrangige Image- Reparatur-Brigade aus Staat und Regierung auf den Plan gerufen. Tatsächlich gibt es nicht wenige Deutsche, die nach dem erneuten Morden in Gaza die unerschütterliche Solidarität mit Israel in Frage stellen. Was das mit Antisemitismus zu tun haben soll, auch wenn es immer wieder und gern behauptet wird, bleibt ein Rätsel. Der Autor Arn Strohmeyer hat sich mit seinem Buch „Das unheilvolle Dreieck – Deutschland, Israel und die Palästinenser“ genau dieser Frage gewidmet und sie gewissenhaft, kenntnisreich und anständig beantwortet.

Strohmeyer erinnert daran, dass die Palästinenser die deutsche Zeche zahlen, das es ihr Land ist, das man den Israelis nicht zuletzt deshalb zugesprochen hat, weil die Deutschen einen millionenfachen Mord an Juden verübt hatten, und der alte zionistische Siedlungsplan so einen moralischen Schub bekam, der zumindest in Deutschland bis heute anhält. Weil diversen israelischen Regierungen die alten Grenzen aus der Zeit vor 1967 nicht ausreichten, Grenzen die international weitgehend akzeptiert wurden, wollen sie bis heute die realen staatlichen Grenzen Israels nicht festlegen: Es gibt ja noch jede Menge Quadratkilometer im Westjordanland, die nicht von israelischen Siedlern besetzt sind und die, nach dem sonderbaren, biblisch verbrämten Glauben einer israelischen Mehrheit eigentlich ihnen gehören. Man ist in Tel Aviv für neue Grenz-Ziehungen immer offen.

„Als ewiges Opfer des Holocaust erklärt sich der jüdische Staat für berechtigt wann und wo auch immer Gewalt anzuwenden“, schreibt Strohmeyer „denn es handelt sich dabei in seinen Augen immer um Selbstverteidigung.“ Dann zitiert er den israelischen Anthropologen Jeff Halper, der achtzehn arabische Friedensangebote aufzählt, die alle von Israel abgelehnt wurden. „Das letzte 2002, in dem die arabischen Staaten Israel die volle Anerkennung anboten, wenn es im Gegenzug das Westjordanland und den Gazastreifen für die Schaffung eines Palästinenserstaates freigeben würde.“ Strohmeyer zitiert viele und häufig israelische Stimmen. Das liegt sicher daran, dass die israelischen Kritiker ihr Land und seine fatale Lage am besten kennen. Aber es mag auch daran liegen, dass sich insbesondere deutsche Israel-Kritiker gern den Antisemitismus-Vorwurf zuziehen, ein Vorwurf der einen schneller zum Paria macht als man Zentralrat der Juden in Deutschland buchstabiert kann.

Denn nach dem langen, großen deutschen Schweigen über den Mord an den europäischen Juden wendeten nicht wenige Deutsche ihren „angelernten Antisemitismus“ zum „angelernten Philosemitismus“ (Günter Grass) und versuchten der fraglosen Schuld und Verantwortung dadurch zu entgehen, dass man aus der Haut der Täter in die Haut der Opfer kroch. Durch einen schamlosen Beifall im israelischen Sechstagekrieg zum Beispiel, den die damalige BILD-Zeitungs-Schlagzeile zum „Blitzkrieg“ veredelte, als seien die Deutschen endlich gemeinsam mit den Truppen Israels unterwegs. Die Opfer der Opfer, die Palästinenser, existierten lange Zeit in Deutschland nur unter dem Begriff des Terrorismus. Bis heute wird ihr Anspruch auf ein Leben ohne Mauern, ohne das israelische Apartheidsregime und ohne den täglichen Terror der israelischen Armee in den besetzten Gebieten von den Deutschen nicht gleichermassen anerkannt wie der Anspruch Israels auf eine sichere Existenz.

Die „Sicherheit Israels auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte (ist) Teil der deutschen Staatsräson und nicht verhandelbar“ verkündete Angela Merkel. Der israelische Historiker Tom Segev kommentierte die Merkel so: „Das hört sich dann an, als wäre es von der Internetseite des israelischen Auswärtigen Amtes abgelesen.“ Doch das Lachen kann einem im Halse stecken bleiben wenn man bedenkt, dass sich Deutschland entlang der Merkel-Räson zum Komplizen der aggressiven israelischen Militär- und Außenpolitik macht. Das argumentiert Strohmeyer nachdrücklich am Beispiel jener deutschen U-Boote, die der israelischen Militärmaschine eine atomare Zweitschlags-Kapazität ermöglicht und so einen Krieg mit dem Iran denkbar macht. Den Politologen Mohssen Massarrat zitiert der Autor mit einem weisen Satz, der einen gültigen Schlusspunkt setzt: „Ein berechtigtes Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung Israels wird aber nicht durch nukleare Erst- und Zweitschlagskapazität und eine Sicherheitspolitik gegen die Staaten im Mittlern und Nahen Osten, sondern durch eine Sicherheitspolitik hergestellt, die mit diesen Staaten gemeinsam aufgebaut wird.“


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Das große Mobbing oder die Ehre der SPD

Erstellt von IE am 16. September 2014

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Sie ist schon etwas ausgelutscht, die finnische Werbung aus der Sauna, wo es um das Patent eines Kräuterbonbon geht, aber wie wir sehen, Patentrechte könnten auf fast alle Begebenheiten geltend gemacht werden. So fragen auch wir im folgenden Fall: „Wer hat es erfunden“ ? Die SPD und natürlich eine Arbeiterpartei !!!

Wo wurde es imitiert? In der Linken und beim Lesen dieser Buchvorstellung werden sicherlich viele der Ehemaligen Ihren Namen für den der Autorin Susanne Gaschke einsetzen können. Bestimmt lassen sich auch die Täter ohne allzu vieles Nachdenken  mit Namen aus der Partei die Linke austauschen. Ein Spiel aus dem politischen Leben welches sicher in allen Parteien so durchgeführt wird.

Da es so ist, wie es ist, erstaunt die immer wieder gestellte Frage: Warum nicht mehr junge Menschen in die Parteien drängen doch einigermaßen, da auch den meisten Journalisten bekannt ist wie Politik funktioniert. Auch Sie halten sich doch überwiegend diesem Klüngel fern und Sie haben sicherlich gute Gründe dafür.

Einigermaßen erstaunlich dass hier ein „Alt SPD ler“ ein Buch vorstellt, welches einen politischen Familien Clan nicht gerade zur Ehre reichen dürfte. Muss doch der äußere Schein gewahrt bleiben. Dafür gebührt Michael Naumann ein ganz besonderer Dank. Obwohl, die verblendeten Parteienfanatiker dieses wohl eher als eigene Nestbeschmutzung verurteilen werden.

Aber gerade so etwas braucht die Politik heute dringender denn je, sollte dieses System auf Dauer aufrecht gehalten werden. Wenn Politik nicht einen Weg zur Ehrlichkeit findet, und viele der handelnden Personen nicht mit einer besseren Bildung ausgerüstet werden, wird das ganze in einem Desaster enden.

Das große Mobbing oder die Ehre der SPD

PARTEIEN Hinter den Deichen eines stockkonservativen Landes – Publizist und SPD-Politiker Michael Naumann über „Volles Risiko“, das heute erscheinende Buch der früheren Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke

VON MICHAEL NAUMANN

Susanne Gaschke war eine erfolgreiche, temperamentvolle und glänzend formulierende Redakteurin der Zeit. Vorübergehend war ich ihr Chefredakteur. Im Jahr 2012 entschloss sie sich, als SPD-Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin ihrer Heimatstadt Kiel anzutreten. Einen ähnlichen Exkurs in die Kommunalpolitik, wenngleich weniger erfolgreich, hatte dieser Autor auch einmal riskiert.

Susanne Gaschke war eine „Quereinsteigerin“, die sich in das fein austarierte Karriere- und Machtgefüge einer Partei wagte, die auf eine eindrucksvolle, selbstmörderische Regionalgeschichte in Schleswig-Holstein zurückblicken kann. Ihr strahlender Held Björn Engholm, immerhin Vorsitzender der Gesamtpartei, musste im Kielwasser der Barschel-Affäre 1993 zurücktreten. Er hatte Parlament und Öffentlichkeit belogen. Seine Nachfolgerin im Amt des Ministerpräsidenten, Heide Simonis, wurde in vierfach missglückter Wahl im Parlament von den eigenen Abgeordneten gemeuchelt. Susanne Gaschke, seit ihrer Jugend Mitglied der Partei, wusste also, worauf sie sich einließ. Mehr noch, ihr Mann Hans Peter Barthels, ist Bundestagsabgeordneter der SPD. Beide zählen zum eher „rechten“ Flügel der Sozialdemokraten.

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Weniger Mitte, mehr Rand

Erstellt von Uli Gellermann am 11. September 2014

Randglossen eines linken Radikalen

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 08. September 2014
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Buchtitel: Grenzen, Ränder, Niemandsländer
Buchautor: Jochen Schimmang
Verlag: Nautilus

Nur eimal in der langen Kette kluger, wohlformulierter Nachdenklichkeit in seinem Buch über „Grenzen, Ränder, Niemandsländer“ irrt der Schriftsteller Jochen Schimmang. Von den Plätzen weiß er zu erzählen, denen er misstraut weil sie zu wenig Rand sind. Aber eine Ausnahme lässt er zu: Den Ludwig-Kirchplatz in Berlin lobt er als „ein großartiges Versteck“. Doch an eben diesem Platz haust die „Stiftung Wissenschaft und Politik“, jener Denk-Tank, aus dem die Bundesregierung ihre außenpolitischen Pläne zapft. Wie jenen, zu dem, was denn aus aus Libyen werden sollte, nach dem Sieg der „Opposition“. Der Plan für die Ukraine bleibt noch in seinem Schubladen-Schlupfwinkel. Aber bald könnte er mitten unter uns sein. So, wie die Stiftung längst Mitte, nicht Rand von Regierungs-Entscheidungen ist.

Es ist ein fantastisches Licht in das Jochen Schimmang die Wirklichkeit taucht. Magisch und erhellend zugleich kann sein schmales und doch reiches Buch auf Leser wirken. Kein Wunder, hat doch der Autor schon als Junge zeitweilig in einem Bungalow gelebt. Und Bungalow, so steht es in der Wissensmaschine Internet geschrieben, ist nur das von Engländern verballhornte Wort für „Bengalisches“. Bengalische Hütten wollten die Kolonienbesitzer mit ihren Flachdach-Bauten nachahmen. Dass ausgerechnet dem Bungalow der Schimmangs ein Dachboden zu eigen war, muss dem Magischen hinzugerechnet werden. Auf dem Dachboden lag einer der Fluchtorte des kleinen Jochen. Hier hatte er sein temporäres, herrschaftsfreies Niemandsland, hier schrieb er sich aus der Welt, um sie vom Rand aus besser beobachten zu können.

Alle, fast alle drängeln in die Mitte: Die Parteien, Wohnungsinhaber, wer will denn schon am Rand wohnen, auch die mit dem herrschenden Geschmack, leben so medioker wie möglich. Und wer nach Berlin zieht, der vermeintlichen Mitte des Landes, stellt der Autor fest, der will unbedingt in den Bezirk „Mitte“. Schimmang zieht das Randständige, das Aussenseiterische vor und wurde so selbstverständlich zum Linken. Sein radikales Lesebuch ist üppig mit Zitaten und literarischen Hinweisen versehen. Immer um einen Gedanken zu vertiefen. So, wenn er Oscar Wilde zu den Armen zitiert, denen „jede Grazie fehlt, jede Anmut der Rede, jede Zivilisation oder Kultur“. Aber, schreibt Schimmang mit etwa drei Ausrufezeichen, aber der englischen Arbeiterklasse, den Armen im Kampf gegen Margaret Thatcher, fehlte es nicht am Begreifen des Antagonismus. Dem Wissen davon, dass zwei Klassen sich unversöhnlich gegenüberstehen. Und so erkennt er dann vom Rand her, dass die einst selbstbewusste Klasse sich im Zuge der De-Industrialisierung als Personal in Call- und Shopping-Zentren aufgelöst hat. So ruft er denn der neuen Mitte, den Smarties in den Londoner Finanz-Zentren zu, dass die Thatcher leider dreißig Jahre zu spät gestorben ist.

Mitten in der Verteidigung des Randes als Standort, spricht Schimmang den Leser, den „lieben Leser“, ganz direkt an. Was ein wenig altertümlich wirkt, das warnt hochmodern vor der Heimat-Tümelei: „Der Schritt vom regionalen Widerstand zum Heimatverein ist leider nicht besonders groß“. Ist zu lesen und das Bild der vielen regionalen Kämpfe, in denen die jeweilige Landschaft verteidigt wurde, erinnert an die dort entstandenen GRÜNEN, die heute für die ganze, große Heimat Verantwortung übernehmen wollen: In Afghanistan schon lange, vielleicht demnächst auch in der Ukraine. Dass andere Leute auch eine Heimat haben und dass die nicht immer so idyllisch aussieht wie die deutschen Ländle und doch von denen selbst gegärtnert werden muss, macht der Autor mit einem einzigen wunderbaren Satz klar. Über das vereinte Deutschland und seine Nachbarstaaten schreibt er, es sei „mitten unter ihnen, wohl genährt . . . und immer voller echter Sorge um Europa, das nur gedeihen kann, wenn es auf den dicken Mann in seiner Mitte hört.“

Voller Aktualität, wenn auch in zeitlose Sprache gekleidet und in der Retrospektive, erzählt der Autor über das Nachkriegs-Westdeutschland, in das sein Vater mit nur einem Arm zurückkehrte. Über das Wort „Zusammenbruch“ statt „Befreiung“ wird berichtet, über die neuen Funktionäre der Macht, die doch häufig die alten waren und wieder gibt es den Verweis auf ein anderes Buch: „Das haben wir nicht gewollt“ von William Sheridan Allen, in dessen „German Town“ Schimmang seine Heimatstadt wieder erkennt. So erfahren wir, selten genug in der ernsten Literatur, noch ein Happy-End: Im April 1945 hielt der NSDAP-Chef des Ortes eine Rede. Er drohte jedem, der die Stadt ohne Erlaubnis verlasse, die standrechtliche Erschiessung an. Nach der Rede verließ er die Stadt in Zivil und wurde, eher versehentlich, von den anrückenden Amerikanern erschossen. So können Orte am Rand, nur ganz kurz versteht sich, zur Mitte der Geschichte werden. Leider machte das Beispiel keine Schule.

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Bizarres aus Bayreuth

Erstellt von Rationalgalerie am 2. September 2014

Wenn das der Wagner wüsste

Autor: Reyes Carrillo

Rationalgalerie

Datum: 01. September 2014

„Horch Draudl, kummd die Mergl odda der Goddschalch des Johr a widder?“
(„Hör mal, Waltraud, kommen die Merkel oder der Gottschalk dieses Jahr auch wieder?“)

Unsere die Waltraud fragende Freundin ist selbstverständlich frei erfunden. Es gibt keine(n) BayreutherIn, die nicht über die jeweilige detaillierte Liste derer im Kopf verfügte, deren traditionelle Premierenauffahrt zum Heiligen Gral des Festspiel-Theaters viele Hunderte von süchtigen Mit-Atmern prominenten Odems an die Straßenränder des Festtspielparks löckte. Wenige darunter, Störer ist zuviel gesagt, kämpfen aber mit antizipiertem, zuverlässigem Würgereiz in Anbetracht der eigentlich immergleichen unappetitlichen Bagage aus Politik, Wirtschaft, Kunst, Show usw., die da Frack- und Abendkleid lüpfend aus gewienerten Limousinen fällt und dreist umherlächelt. Gut, auch diese Gegen-An-Atmer sind selbstverständlich auf ihre Weise süchtig. Letztere findet man dann später schimpflallend beim dreizehnten „Zwick’l“-Bier (die Bierdeggelstrichla geben Auskunft) im „Herzogkeller“ wieder. Viele Mit-Atmer hingegen schleichen nach Vorstellungsende zum Künstlerlokal „Eule“, um dort vielleicht noch den beleidigten D-Prominenten zu treffen, der nicht auf den traditionellen „Staatsempfang der bayerischen Landesregierung“ im Neuen Schloss eingeladen ist. Und Costa, der in diesem Fall wirklich so heißt, wirklich vor langen Jahren aus Griechenland kam und wirklich Taxifahrer ist, sammelt dann in dieser langen Nacht zum Premieren-Kehraus ein paar Mit- und Gegen-An-Atmer, vereint und versöhnt nun im gemeinsamen Ausgeatmet-Haben, ein und freut sich jedes Jahr aufs Neue, ein kleines Rädchen dieser magischen Wochen Wagnerschen Hochamts sein zu dürfen. In dieser Zeit trägt er Anzug und Krawatte.

Aber wo sind die Nazis, wo der braune Sumpf, wo diejenigen, die den langjährigen intimen Freund Bayreuths, den Führer, vermissen? Wo diese typische „Bayreuther Brühe“ aus den einen Parsifal in die Gehörgänge implantiert habenden und über Schwabs „Deutsche Heldensagen“ masturbierenden Großdeutschland-Träumern? Zur mehr oder weniger großen Enttäuschung eines jeden aufrechten Antifaschisten wird es dummerweise tatsächlich schwer, unter solcherart Begriffsbildern in Bayreuth fündig zu werden. Was freilich mitnichten meint, all dies gäbe es nicht – auch. Die Realität des fast imperialen Wagner-Anteils Bayreuths ist aber längst eine andere, eine entspannte, glaubhaft entspannte. Von den traditionellen, aufgemotzten, mal interessanten, meist langweiligen Fehden innerhalb des Wagner-Clans natürlich einmal abgesehen. Wäre dies anders (auch schon länger), dann hätten sich kaum Regisseure und Dirigenten wie Patrice Chéreau, Pierre Boulet, Christoph Schlingensief, Frank Castorf, Werner Herzog, Heiner Müller, Jürgen Flimm, Daniel Barenboim usw. nach Bayreuth verpflichten lassen. Deren oft heftige Leiden unter dem bizarren und verkrusteten Paten-Onkel Wolfgang Wagner waren vor allem dem Kampf um ihre eigene künstlerische Freiheit geschuldet. Bemerkenswert ist unter anderem auch die gemeinsame Zeitachse völlig divergierender „Aggregatzustände“ in Bayreuth Mitte der 1970er Jahre: Da ist auf der einen Seite die in die Annalen der Bayreuther Festspiele eingegangene „linke“ Ring-„Skandal-Inszenierung“ von Patrice Chéreau, 1976. Und auf der anderen Seite das ebenso große Aufmerksamkeit erregende filmische 5-Stunden-Mammut-Interview von Hans-Jürgen Syberberg von 1975 mit Winifried Wagner (der Busen-Freundin Hitlers), in der diese noch einmal eindringlich die Unbelehrbare gibt (Hans-Jürgen Syberberg: „Winifried Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried“). O-Ton Winifried: „Wenn der Hitler heute hier zur Tür reinkäme, ich wäre genauso fröhlich und so glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben, als wie immer.“
Chéreaus Inszenierung unter der musikalischen Leitung des Dirigenten und Komponisten Pierre Boulez wird von Linken überdies als sozusagen erste (und letzte) „materialistische“ Inszenierung auf dem Grünen Hügel gefeiert. Nach der Wut des Publikums und der Kritik bis hin zu wüsten Schlägereien 1976 setzte Wolfgang Wagner den Provokations-Ring in einem mutigen Jetzt-erst-Recht vier Jahre hintereinander auf den Bayreuther Speiseplan. 1980 schließlich verabschiedete sich diese Inszenierung mit legendären neunzig Minuten Applaus und 101 Vorhängen. Wolfgang Wagner stand in einer seltenen wiewohl segensreichen Gespaltenheit nicht nur für einen drögen inszenatorischen Traditionalismus, sondern auch für seine innovatorische Aufgeschlossenheit, polarisierende Gastarbeiter wie Chéreau, Boulez, Götz Friedrich oder Harry Kupfer nach Bayreuth zu locken.

Mit Winifried an der Spitze und in gewisser Hinsicht auch mit Wolfgang verließen dann aber schließlich vor allem der letzte braune Stuhl und ein insgesamt zäher Konservatismus endgültig die Mauern des Festspielhauses und der von Haus Wahnfried.
Die heutigen Bayreuther Wagner-Spiele also unter den Generalverdacht zu stellen, ihre braune Vergangenheit müsse quasi mit der Lindwurm-Kraft eines Siegfrieds dauerhaft an ihr kleben bleiben, verkennt die Realitäten oder will sie bewusst verkennen. Eine klare und deutliche Vergangenheitsbewältigung des gesamten Clans, die auch strengeren Maßstäben genügen würde, gab es indes in der Tat nicht. Der sich freilich anbietende Umkehrschluss führt jedoch auf eine längst von braunen Duftmarken befreite und damit sinnlose Fährte.

Etwas anderes ist es, den Komponisten selbst, sein Wesen, sein Denken, seine Musik nicht zu mögen. Das bleibt natürlich jedem selbst überlassen, obschon sich – außer der Geschmacksfrage – um alle diese Fragen einige Mythen ranken, die dem Mann nicht gerecht werden. Richard Wagner, der wohl der in allen Einzelteilen sezierteste Komponist und Mensch der Musikgeschichte ist, war, was von niemandem ernsthaft bezweifelt wird, ein musikalisches Genie und hat vor allem mit seiner speziellen Harmonik die kompositorische Weiterentwicklung zu jener Zeit stark beeinflusst. Gesichert zudem ist, dass er – zwischenmenschlich – ein egoistisches Arschloch und eitler Sack gewesen sein muss, das und der alles und jeden nach seinem Nutzen für sich selbst beurteilte. Richard Wagner war darüber hinaus aber ein sehr politischer Genosse seiner sowieso sehr politischen Zeit. Doch wenn einer wie Springer-Chef Mathias Döpfner noch im Juli vergangenen Jahres im Stern-Interview Wagner als „einen rassistischen Reaktionär“ bezeichnet, dann klingt das zwar überraschend wohlfeil, sollte aber angesichts der Personalie, die dieses behauptet, ein gesundes Misstrauen generieren. Bis in linke (Fach-)Kreise hinein ist Richard Wagner längst vom eindimensionalen Vorwurf des Rassisten und Judenhassers befreit. Wagner wird hier – biografisch nachvollziehbar – als „Romantischer Linker“ gesehen, als Frühsozialist, der die vernichtenden Kräfte des aufkommenden Kapitalismus erkannte und fürchtete. In seinem Selbstbild begriff er sich sowieso als Revolutionär – musikalisch und politisch. Zu Wagners Pariser Zeit um 1830 war es unter den Frühsozialisten übrigens üblich, Kapitalisten und Juden als Synonym zu verwenden. Obwohl dies der damaligen Wirklichkeit freilich nicht standhielt, sondern sich aus den zu jener Zeit entstehenden Großbanken in jüdischem Besitz herleitete. So stellt Wagners gefürchtetes Elaborat „Das Judentum“ (in der Musik) die Juden gleichsam als Synonym für die Kommerzialisierung von jeglicher Kunst und Kultur dar. Wagners Hingezogensein zu den großen, schwülen Heldensagen des deutschen Mittelalters ist Teil seines Konzepts: Einer (natürlich von ihm) zu erschaffenden „deutschen Kunst“, eines komplexen „Gesamtkunstwerks“, das einst frei von jeglicher kommerziellen Ausbeutung die von ihm so erkannte revolutionäre Botschaft dieser Sagen verbreiten möge. Wagner visionierte eine Art von „Kunst-Religion“, die die Fähigkeit habe, gesellschaftliche Einheit (heute würde man wohl sagen: gesellschaftliche Solidarität) zu erzeugen und damit der Wucherung kapitalistischer Einzelinteressen vorzubeugen. Im Übrigen distanzierte er sich durchgängig von der nationalistischen und rassistischen Rechten seiner Zeit.
Auch der Vorwurf, Wagner habe erst den Nationalsozialismus möglich gemacht, ist freilich genauso absurd wie seine umgekehrte Variante, Marx als Vorhut des Stalinismus zu betrachten. Verbriefte antijüdische Äußerungen Wagners sind zudem im Kontext seiner Zeit zu verstehen, in der dieses Juden-Bashing zum gängigen Repertoire des Bildungsbürgertums hüben und drüben des Rheins gehörte. Das mag nicht jede/r gerne hören (die Autorin früher inbegriffen!), aber die Fairness verlangt (leider?) solcherart entlastende Kontextuierung wahrzunehmen. Und last not least hatte sich Hitler in seinem Judenhass nie auf Richard Wagner bezogen. Auch dies ein hartnäckiger Mythos.

Nein, das was Bayreuth mit seinen jeden Juli wie Heuschrecken einfallenden Wagnerianern gestern, heute und morgen so bizarr und skurril macht, ist die meist freakige Klientel selbst und die satirische Metamorphose eines temporär zu internationaler Bedeutung aufwachenden, biederen Provinzstädtchens mit Gartenzwergidylle. Es ist diese Mischung aus deutschtümelndem, internationalem (!) Bildungs- und Großbürgertum, intellektuellen Musik-Profilneurotikern, natürlich auch der Spezies mit eingebautem Wichtigkeits-Gen, dem armen, besessenen Schlucker aus Amazonien, der sein Leben für die Teilnahme an einer Generalprobe hingibt und natürlich das bunte Grüppchen, das sich Wagners Pathos einfach mal als Zwischendurch-Dröhnung geben muss.

Ach ja: Frau Merkel war zur Premiere nicht da (aber später), auch nicht Herr Gottschalk, dafür aber Johannes B. Kerner.

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Humboldts Anschauung der Welt

Erstellt von Rationalgalerie am 26. August 2014

In Deutschland gehören netto zwei Jahrhunderte dazu,
um eine Dummheit abzuschaffen.

Autor: Botho Cude

Rationalgalerie

Datum: 25. August 2014
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Buchtitel: Kosmos
Buchautor: Alexander von Humboldt
Verlag: Die Andere Bibliothek

Die Natur ist eine Gans, man muß erst sie zu etwas machen.
Goethe /1/

„Die Andere Bibliothek“ hat uns in der letzten Zeit mit einigen schätzbaren Großdrucken beglückt. Jetzt ist Alexander von Humboldts ursprünglich fünfbändiger „Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ in einem voluminösen Wälzer von über 900 Seiten im Quart-Format neu aufgelegt worden. Beigefügt ist im Reprint der „Physikalische Atlas“ von Heinrich Berghaus, seinerzeit gedacht als Hilfsmittel beim Studium von Humboldts „Kosmos“.

Alexander von Humboldt (1769 – 1859) war wohl eines der letzen Universalgenies. Und so befasst er sich im „Kosmos“ nicht nur mit den Geowissenschaften und der Astronomie. Auch die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte, die Entdeckungsreisen, Landschaftsmalerei und Naturdichtung sind Gegenstand seiner Betrachtungen. Seit Humboldts Zeit sind die Spezialwissenschaften in ungeheurem Maß fortgeschritten und ein Einzelner kann heute aus dem schier unendlichen Material schwerlich ein mehrbändiges Kompendium verfertigen. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass sich schon Humboldt bei seiner Ausarbeitung des „Kosmos“ die umfassende Unterstützung von befreundeten Fachgelehrten sicherte.

Eckermann berichtet unter dem 11. Dezember 1826: Ich fand Goethe in einer sehr heiteren aufgeregten Stimmung. „Alexander von Humboldt ist bei mir gewesen“, sagte er mir sehr belebt entgegen. „Was ist das doch für ein Mann! Ich kenne ihn so lange und doch bin ich von neuem über ihn in Erstaunen. Man kann sagen, er hat an Kenntnissen und lebendigem Wissen nicht seinesgleichen. Und eine Vielseitigkeit, wie sie mir gleichfalls noch nicht vorgekommen ist! Wohin man rührt, er ist überall zu Hause und überschüttet uns mit geistigen Schätzen. Er gleicht einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt. Er wird einige Tage hier bleiben, und ich fühle schon, es wird mir sein, als hätte ich Jahre verlebt.“ /2/

Damals beginnt Alexander von Humboldt den Stand der Naturwissenschaft seiner Zeit über die Erde und das Universum zu formulieren. Vor dem Berliner Publikum hält er im Winter 1826/27 Kosmos-Vorlesungen an der Universität und zeitgleich die populären Kosmos-Vorträge an der Singakademie. Sie bilden den Grundstock für sein Werk „Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“. Der „Kosmos“ erschien von 1845 bis 1862 in fünf Bänden und beschäftigte den Autor in den letzten 30 Jahren seines fast 90jährigen Lebens. Anders als die französisch verfassten wissenschaftlichen Hauptwerke über seine Forschungsreise durch Südamerika war der „Kosmos“, wie zuvor schon die „Ansichten der Natur“ (1808), zuerst für den deutschen Leser konzipiert und sollte ein großer buchhändlerischer Erfolg werden. Weit über 80.000 Exemplare wurden von Cotta verkauft. Wenn man Heinrich Berghaus Glauben schenken darf, erhielt Humboldt als Honorar für sein epochales Werk vermutlich insgesamt nur 5.000 Taler. /3/

Sprachlich glanzvoll sind die ersten beiden Bände. Der Eingangsband enthält nach einleitenden Betrachtungen als „Naturgemälde“ eine geraffte Abschilderung des damals bekannten Weltraums und der Erde von gravitätischer Schönheit. Allerdings ähnelt unser heutiges durchgeknalltes Universum dem stationären Weltraum des Biedermeiers weniger als eine computergesteuerte Großbäckerei dem soliden Backofen aus „Hänsel und Gretel“. Auch Humboldts Ausführungen zur Naturgeschichte sind nur noch historisch zu nehmen.
Der zweite Band eröffnet mit der Geschichte des Naturstudiums. Die Dichter und Denker der Völker werden herangezogen, beginnend mit Hesiods „Werken und Tagen“ über Vergils „Georgica“ und Lönnrots Sammlung des „Kalevala“ bis hin zu Bernardin de St. Pierres „Paul und Virginia“. Am Ende stehen Georg Forster und Charles Darwin. Dann widmet sich Humboldt der Landschaftsmalerei, insofern sie die Natur abschildert. Es folgt die Geschichte der Erkenntniß des Weltganzen (S. 240), als deren Ausgangspunkt Humboldt den Mittelmeerraum annimmt. Quellenforschung zur Geographie seit den alten Griechen, Geschichte der Eroberungszüge und Entdeckungsreisen und der Fortschritt von Astronomie und Naturwissenschaft sind fesselnde Lektüre auch für uns moderne LeserInnen.
Der dritte Band des „Kosmos“ referiert den damaligen Erkenntnisstand der Astronomie. Der Sternhimmel und unser Sonnensystem werden abgehandelt. Der dynamische entwicklungsgeschichtliche Ansatz unterscheidet die Darstellung von den seinerzeit gängigen astronomischen Handbüchern. Der literarische Anspruch tritt zurück, die wissenschaftliche Materialsammlung dominiert.
Im vierten Band wendet sich Humboldt den tellurischen Erscheinungen zu. In Erweiterung des Naturgemäldes aus Band Eins betrachte er die Erde als Ganzes (Größe, Gestalt usw.) Dann befasst er sich mit der Reaktion des Erdinnern, d. h. mit dem weltweiten Vulkanismus und resultierenden Veränderungen der Erdkruste. Die magmatischen Gesteine werden behandelt. Auch in diesem Band dominiert der Materialreichtum.

Naturgemäß konnte der greise Autor mit einem solchem Monumentalwerk nicht zu Ende kommen. Der posthume fünfte Band enthält nur noch ein größeres Fragment zur Geologie (Vulkanismus, Gebirgsformationen) und den Apparat.
Der beigelegte „Physikalische Atlas“ von Heinrich Berghaus, zuerst erschienen 1845-48 bei Perthes in Gotha, bietet auch die Teilgebiete, zu deren Ausarbeitung Humboldt aber nicht mehr gekommen ist: „Meteorologie und Klimatographie“, „Hydrologie und Hydrographie“, „Geologie“, „Magnetismus der Erde“, „Pflanzengeographie“, „Geographie der Tiere“, „Anthropographie“ und „Ethnographie“. /4/
Der Apparat des fünften Bandes fehlt in der Neuausgabe, vermutlich um die einbändige Edition nicht unnötig aufzublähen. Interessierte LeserInnen werden auf den fünften Band der Erstausgabe verwiesen, der aber antiquarisch Goldstaub ist.
Die Anmerkungen haben die Herausgeber zweckmäßig dem Text beigeordnet. Humboldt hatte sie seinerzeit ans Ende des jeweiligen Bandes gesetzt.

Der „Kosmos“ wandte sich an den bildungshungrigen Bürger des Biedermeiers. Er war ein herausragendes Produkt der naturwissenschaftlichen Aufklärung des 19. Jahrhunderts, beileibe kein Handbuch für Kolonisatoren. Die unendliche physische Welt bot keinen Platz mehr für Gott. Das machte Humboldts Weltbetrachtung den klerikalen Kreisen suspekt. Auch deshalb galt sein Charakter manchen Zeitgenossen als problematisch.
Die Biographen schildern Humboldt durchweg als einen äußerst höflichen, viel zu großzügigen Menschen und allzu freimütigen Gesprächspartner. Wenn einer ein sehr langes Leben in einem bedeutenden Bekanntenkreis mit einem hervorragenden Gedächtnis und kritischer Weltsicht verbindet und den Mund nicht halten kann, pflegt einiges zusammen zu kommen.
Im Jahr 1855 sprach der alte Herr zu einem Potsdamer Lehrer: „In Deutschland gehören netto zwei Jahrhunderte dazu, um eine Dummheit abzuschaffen, nämlich eins, um sie einzusehen, das andere aber, um sie zu beseitigen.“ /5/

Anmerkungen
/1/ Biedermann, Goethes Gespräche, Leipzig 1909, Bd. 2, S. 437
/2/ Goethes Gespräche mit J.P. Eckermann, Leipzig 1908, Bd. 2, S. 279
/3/ vgl. die Gespräche Alexander von Humboldts, Berlin 1959, S. 409
/4/ Kosmos, Die Andere Bibliothek 2014, Editorische Notiz, S. 934
/5/ Gespräche Alexander von Humboldts, Berlin 1959, S. 365

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Peter Scholl-Latour gestorben

Erstellt von IE am 16. August 2014

Nachruf

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Der deutsch-französische Journalist und Autor wurde mit Reportagen über ferne Länder bekannt und schrieb Bestseller wie „Der Tod im Reisfeld“.

Er starb im Alter von 90 Jahren am Samstag in Rhöndorf am Rhein nach schwerer Krankheit, wie die ARD in Ihren Nachrichten mitteilt. Geboren wurde er am  9. März 1924 in Bochum und er besaß neben der deutschen auch die französische Staatsbürgerschaft.

In vielen seiner mehr als 30 Bücher schreibt er  von Krisen, Konflikten und Kriegen und landete damit fast immer Bestseller. Scholl-Latour prägte das Bild der Deutschen von der arabischen Welt, von Asien und Afrika nachhaltig. Auch fürs Fernsehen berichtete er aus fernen Ländern.

In der Sendung wurde er als der Älteste Reporter und Chronist mit über sechzig Jahren Berufserfahrung des Weltgeschehens erwähnt. Ein Weitgereister, der seinen Fuß in sämtliche Länder der Erde gesetzt hat und dadurch die Kulturen der Welt kannte wie kaum ein Zweiter. Ein Erfahrener, der die Kriege und Bürgerkriege unserer Zeit von Algerien über Vietnam bis zum Irak und Afghanistan aus nächster Nähe kennengelernt hat.

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Fotoquelle: Wikipedia – Author Bernd Andres

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Ein Spiel mit dem Feuer

Erstellt von Rationalgalerie am 12. August 2014

Ein Buch zur Kriegs-Brandbekämpfung in der Ukraine

Autor: Karl Peters

Rationalgalerie

Datum: 11. August 2014
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Buchtitel: Ein Spiel mit dem Feuer – – Die Ukraine, Russland und der Westen
Buchautor: Peter Strutynski (Hg.)
Verlag: PapyRossa

Nach Monaten einseitiger und grundfalscher Berichte und Kommentare über den Ukraine-Konflikt in den deutschen Medien sammelt die ARD, – an der allgemeinen Nachrichtenfälschung führend beteiligt – in ihrem Deutschland-Trend die Ergebnisse ein: Rund 80 Prozent der Deutschen sieht Russland in der Verantwortung für die „Eskalation“ und 49 Prozent (gegen 46) sind für die Verschärfung der Sanktionen. Wenn trotzdem nur 35 Prozent die USA für einen vertrauenswürdigen Partner halten und immer noch 40 Prozent (gegen 58) nachvollziehen können, dass sich Russland vom Westen bedroht sieht, dann liegt das nicht zuletzt an den Autoren, die Peter Strutinsky, Sprecher des „Friedensratschlag“ in seinem Buch „Ein Spiel mit dem Feuer – Die Ukraine, Russland und der Westen“ als Herausgeber um sich versammelt hat. Sie alle haben, zumeist im Internet, in eben diesen langen Monaten versucht, dem deutschen Kriegsgeschrei die Stimme der Vernunft entgegen zu halten.

Mit Reinhard Lauterbach, der in Polen lebt und lange für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gearbeitet hat, beginnt der Reigen der Maidan-Analytiker. Er weist nach, dass der Maidan keine spontane Erfindung war, erzählt detailliert von der Gründung des „Rechten Sektors“, jener bewaffneten Schlägerbande, die letztlich den ehemaligen Bürgerprotest dominierte und vermerkt ironisch, dass der Aufruf der Kiewer Opposition zum Generalstreik „völlig wirkungslos“ blieb. Offenkundig hatte der Maidan, im Westen als „das Volk“ behauptet, einfach keine Mehrheit in der Bevölkerung.

Die Schriftstellerin Daniela Dahn komplettiert die ukrainische Erzählung mit der Frage, wie legitim denn die vom Maidan installierte Regierung gewesen sei. Nüchtern erinnert sie daran, dass die Wahlen, aus denen die Janukowitsch-Präsidentschaft hervorgegangen war, von der OSZE als „vorbildlich demokratisch“ gelobt worden waren. Wahlen, bei denen die Oppositions-Parteien verloren hatten, die sie aber mithilfe des des bewaffneten Maidan in einen Sieg umwandelten: Janukowitsch musste fliehen, die Timoschenko-Klitschko-Nazi-Gruppierung stellt heute Regierung und Präsident. Wenn Daniela Dahn dann anmerkt, dass eine gewählte Regierung wie zum Beispiel die deutsche nicht selten gegen Bevölkerungsmehrheiten handelt (sie erwähnt den Afghanistankrieg, Hartz 4 und die Vorratsdatenspeicherung), dann spielt sie auf den Maidan-Auslöser an: Das Abkommen zwischen der Ukraine und der EU, von dem Janukowitsch letztlich abrückte. So ist es in einer parlamentarischen Demokratie, schreibt Dahn und fragt nach der Legitimation der Maidan-Versammlung, die das Parlament mit Waffen unter Druck setzte und deren Regierung ihr Placet dann nicht vom „Volk“ sondern von ausländischen Regierungen bekam.

Der Journalist Willi Gerns versorgt den Leser mit einer Fülle von Fakten über die Ukraine: Drei Millionen Ukrainer arbeiten in Russland, der durchschnittliche ukrainische Bruttolohn beträgt 295 Euro, weniger als die Hälfte des russischen und erklärt so, aus dem sozialen Gefälle, die Attraktivität Russland für viele Ukrainer. Mit einem Ausblick auf die Rosskur, die der IWF den Ukrainern verordnet, will Gerns einen nächsten Maidan nicht ausschließen. Und Kai Ehlers, der an der verdienstvollen deutschsprachigen Website russland.ru mitarbeitet, bereichert die soziale Analyse um die politische, wenn er die „nationale Revolution“, die im Mantel der EU-Freunde umhergeht, als eher dem Westen feindlich charakterisiert und dem „Anti-Maidan“ (der ostukrainischen Bewegung) eine durchgängige Neigung zu Russland abspricht. In beiden Fällen konstatiert er, dass sich die bewaffneten Formationen von ihrer sozialen Basis gelöst haben und fürchtet, dass sich der begonnene Bürgerkrieg weiter vertiefen wird. Ein wenig blutleer wirkt das völkerrechtliche Plädoyer des Juristen Norman Paech dafür, dass die Loslösung der Krim von der Ukraine verfassungswidrig gewesen sei. Hier wäre eine Auseinandersetzung mit dem Völkerrechtler Reinhard Merkel möglich und nötig gewesen, der die Bewegung auf der Krim als „Sezession“ begreift, eine Kategorie politischer Aktion, die durchaus dem Völkerecht entspricht.

Aus der Fülle der klugen Beiträge sei jener des Historikers Ulrich Schneider erwähnt, der die historischen Wurzeln des Faschismus in der Ukraine ausgräbt, die geopolitische Einordnung des Ukraine-Konflikts durch den Wissenschaftler Erhard Crome, dessen Beitrag vom Historiker Jürgen Wagner um die EU-Erweiterungsstrategie bereichert und durch den Soziologen Jörg Kronauer erweitert wird, der die Ukraine-Politik der Bundesregierung im Widerstreit zwischen den eigenen Interessen und denen der USA begreift. Mitten in der aktuellen Auseinandersetzung befinden sich der Herausgeber der Zeitschrift „Ossietzky“ Eckart Spoo und der Herausgeber der Website „Rationalgalerie“, Uli Gellermann, die beide der deutschen Medienlandschaft völlige Einseitigkeit nachweisen. Während Spoo sich wesentlich die Druckmedien vornimmt, konzentriert sich Gellermann auf ARD und ZDF, deren „journalistische Sorgfaltspflicht“ er in „deutlicher Parteilichkeit“ aufgelöst sieht. – Das „Spiel mit dem Feuer“ ist ein groß angelegter Löschversuch, der für alle jene unverzichtbar ist, die sich über die Wirklichkeit des Ukraine-Konflikts und seine Gefahren gründlich informieren möchten.


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Das Damals im Jetzt

Erstellt von Uli Gellermann am 5. August 2014

Eine Reise in die Vergangenheit von Links und Rechts

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 04. August 2014
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Buchtitel: Für Isabel
Buchautor: Antonio Tabucchi
Verlag: Hanser

Antonio Tabucchis letzter Roman, nach seinem Tod erschienen, ist eine lange, eine nahezu unendliche Reise in die Vergangenheit. In jene Zeit, in der alles noch klar erschien, die Fronten geklärt und die Bösen Rechts waren, die Guten aber Links. Nicht, dass das heute völlig anders wäre. Aber solche, die als Links galten, drängen in die Mitte, dort treffen sie auf jene, die sich selbst als konservativ, als Rechte verstanden, und so ist die Eroberung der Mitte ein gemeinsames Ziel von fast allen, denn dort wartet der Preis aller Gravitation: Die Macht.

Da sucht einer Isabel, seine Liebe in der Zeit des portugiesischen Faschismus, er sucht sie der Leidenschaft wegen, auch weil sie verschwunden ist, sie könnte sein Kind ausgetragen haben, aber auch in den Folterkellern des Salazar-Regimes ermordet worden sein. Dunkel bleibt die Figur des suchenden Mannes, die gesuchte Frau braucht alles Licht auf, um in ihren Weggefährten – von der Kinderfrau über den Gefängniswärter bis zum mit Opium getränkten Dichter – jenen facettierten Spiegel der Wirklichkeit zu finden, der eben nicht einfaches Abbild ist sondern als ein Mosaik der vielen Sichten und Ansichten ein neues Bild schafft.

Längst hat sich das faschistische Portugal – dessen Widerstandsbewegung Tabucchi seinen großen Roman `Erklärt Pereira´ gewidmet hat – in der Mitte Europas eingefunden. Scheinbar ist das alles vergessen, verklungen, der staatliche Terror und der linke Widerstand, haben sich scheinbar die Hände über den Gräbern gereicht. Ein ehemaliger militanter Maoist, José Manuel Barroso, hat sich zum Präsidenten der Europäischen Kommission verwandelt und so in ihr aufgelöst. Und doch klebt die braune Spur wie eine hässliche Siegelschnur auf der neuen Mitte. Portugal war Gründungsmitglied der NATO, nie hat die US-Militärorganisation Folter und Mord in Portugal kritisiert. Im Gegenteil, als die Portugiesen in den 70er Jahren die Herrschaft der Diktatur abwarfen, ließ die NATO Kriegsschiffe vor der Küste Lissabons kreuzen, inspirierte sie die spanische Franco-Armee zu Truppenkonzentrationen an der portugiesischen Grenze und übte Druck auf die erste freie Regierung des Landes aus.

Tabucchis Sprache, in der Übersetzung von Karin Fleischanderl, erzeugt einen leisen, fast melancholischen Ton. So, als wäre er nicht sicher, dass die Vergangenheit vergangen sei, als sei er noch weniger sicher, dass die Zukunft auch eine Zukunft habe. Und doch war der Schriftsteller neben seinen eher verrätselten romantischen Arbeiten ein heftiger Gegner des Berlusconismus und attackierte die „Bedrohung der Demokratie“ wo er nur konnte und kämpfte um die Zukunft. Bis zu seinem Tod vor zwei Jahren bliebTabucchi jener altmodischen Haltung verpflichtet, die das was Links war als Widerstand begriff und sich nicht mit irgendeiner verschwommenen Mitte arrangierte.

Es gibt sie immer noch, die NATO. Und wer sie als pittoreskes Fossil begreift, der muss nur zur Ukraine schauen. Dort hätte sie gern einen Stützpunkt, möglichst auf der Krim. Bis dahin ist sie auch mit dem EU-Assoziierungsabkommen zufrieden, das legt schon mal militärische Zusammenarbeit fest. Zwar ist die ukrainische Regierung nicht so eindeutig faschistisch wie die damalige portugiesische, aber immerhin. – „Wir sind in unserem Damals“, sagt Isabel , als sie den, der sie gesucht hat in einem kleinen Bahnhof an der Riviera trifft. „Man kann,“ sagt der Suchende, „nicht gleichzeitig im Jetzt und im Damals sein.“ Langsam erklingt Beethovens Klavier-Sonate „Les Adieux, l’Absence, et le Retour“ an den Gleisen, vom Abschied und der Wiederkehr spielt das Stück. – Das Kiewer Lumpenstück ist eines mit den Widergängern derer von damals.


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Wo bleibt die Revolution?

Erstellt von Rationalgalerie am 8. Juli 2014

Zur Debatte um die Herrschafts-Zeiten

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 07. Juli 2014
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Buchtitel: Wo bleibt die Revolution
Buchautor: Egon W. Kreutzer
Verlag: EWK

Aus Elsendorf, aus der beschaulichen Holledau, hätte man einen Aufruf zur Revolution eher nicht erwartet. Doch genau dort lebt Egon W. Kreutzer, der mit seinem neuesten Buch die Frage stellt: „Wo bleibt die Revolution?“. Eine revolutionäre Situation entsteht nach Lenin dann, wenn die da oben nicht mehr können und die da unten nicht mehr wollen. Zuletzt war genau dieses Muster in der vergehenden DDR zu beobachten, in der es für einen recht kurzen Moment revolutionäre Verhältnisse gab bis dann der große, kapitalistische westliche Bruder das bisschen Revolution übernahm, um jene Verhältnisse einzurichten, unter denen wir bis heute in Ost und West leiden.

Egon W. Kreutzer beschreibt in seinem ersten Kapitel umfänglich und verständlich, warum es eine Revolution in Deutschland geben sollte: Über die seit Schröders Agenda umgesetzte These davon, dass Privat alles besser könne als der Staat, über den immensen Abbau von Arbeitsplätzen, die Lohndrückerei, über das Afghanistan-Fiasko und die Vergötzung des Marktes. Dabei gelingen dem Autor höchst anschauliche Beispiele, wie jene, wenn er die Hartz-Viererei mit einem Zoo und der von der ARGE verordneten „Präsenzpflicht“ vergleicht. Oder auch die kluge Erklärung zur deutschen Exportweltmeisterschaft, eine Meisterschaft, die letztlich der Mehrheit der Deutschen und auch ihren Nachbarn schadet.

Gerade weil Kreutzer seinen Lesern eine Reihe von Gründen für eine Revolution aufzählt, sind Sätze wie dieser, den Gründen vorangestellt, nur schwer begreiflich: „Angriffe auf die Symbiose von Staat und Kapital kommen folglich einem volkswirtschaftlichen Suizid gleich.“ Gegen wen sollte denn eine Revolution von statten gehen, wenn nicht gegen die auch von ihm heftig kritisierte Symbiose? Wenn nicht gegen die zunehmende Verschmelzung von Staat und Kapital, wenn nicht gegen eine Eigentumsform, in der die einen alles, die anderen zwischen wenig bis nichts haben?

In seinem Kapitel darüber, was denn die Deutschen an einer Revolution hindert, sieht der Autor das mangelnde Selbstwertgefühl der Vielen, das aus Armut, festen Hierarchien und einer Erziehung zur Angst resultiert. Um später dann eine „typische Randgruppenpsychose“ zu konstatieren, die zur Mitte dränge, um von dieser „Mitte“ Veränderungen zu erwarten. Diese Bewegung vom Rand zur Mitte belegt er mit Willy Brandts damals neuer Ostpolitik, die zum Beispiel den Antikommunismus zurückgedrängt habe. Schon diese Überlegung ist recht fragil. Entstand doch genau in Willy Brandts Regierungszeit das Berufsverbot für Linke aller Art, ein wunderbares Instrument der Unterdrückung und der Angstmacherei. Und Willy Brandts Satz, nachdem in Vietnam die Freiheit West-Berlins verteidigt werden würde, spricht denn auch eher gegen Kreuzers These.

Wenn Kreuzer von der Nazi-Keule redet, die sich gegen Vaterlandsliebe wende, kann er das nicht belegen. Auch dass er den Patriotismus an das „Vaterland“ bindet und nicht an die Verfassung, die es zu verteidigen gilt, kommt eher hölzern daher. Und wenn von ihm später zum Beispiel die Pizza als „multikulturelle Errungenschaft“ zitiert wird, die von jedermann toleriert und akzeptiert werden müsse, wolle er sich nicht „dem Vorwurf, der teils strafbewehrten Diskriminierung aussetzen“, dann muss man anmerken, dass die eigentliche Kultur-Debatte längst Teil des „Antiterror-Kampfes“ geworden und der Islamophobie gewichen ist.

Sätze wie „Die inzwischen durchaus aufgeklärte Bevölkerung fordert von ihrer Regierung den Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit“, verwischen den schroffen Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, ein Gegensatz, der lange und erfolgreich vernebelt, in die „Sozialpartnerschaft“ umgewandelt wurde, die einer möglichen Revolution sicher im Wege steht, weil erst aus dem Begreifen dieses Widerspruchs revolutionäres Bewusstsein entstehen kann. Auch wenn Kreutzer „einige Gruppierungen“ sieht, „die nur darauf gewartet haben, endlich mit- und aufmischen zu können“, mag er uns nicht mitteilen, wo er denn diese Gruppierungen verortet. Der Mittelstand jedenfalls, den der Autor gegen „die Beschränkung der Freiheit anrennen“ sieht, schmückt zur Zeit seine Autos mit der Deutschlandfahne und wird auch nach der WM, selbst wenn „wir“ nicht Meister werden sollten, brav wieder jene übergroße Koalition unter Einschluss der Grünen wählen, die uns Millionen Almosenempfänger und eine militarisierte Außenpolitik eingetragen hat. Die da unten wollen mehrheitlich so weiter machen, die da oben können ihre Herrschaft bisher ziemlich glatt ausüben.

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Fotoquelle: Wikipedia – August von Pettenkofen (1822–1889) Auf die Infoboxvorlage des Erstellers verlinken wikidata:Q203076

Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

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Man muss listig sein

Erstellt von IE am 1. Juli 2014

Fluchtboot das Ende April 1984 von der CAP ANAMUR im südchinesischen Meer aufgefunden wurde.
Es war mit 52 Menschen besetzt. Heute steht es als Denkmal in Troisdorf

Die Erkenntnis, dass alles zu ändern ist, steht im Zentrum von Rupert Neudecks Denken. Der Gründer von Cap Anamur erklärt, was „Radikal leben“ bedeutet

Autor:  DU PHAM

„Erwachsen sein heißt vernünftig sein, gesittet, ordentlich, klug auf seine Gesundheit und sein Sparkonto achten, taktisch und strategisch in Form sein und bleiben. Aber doch nicht direkt sagen, was man denkt, meint oder fühlt.“ Mit diesen Worten führt Rupert Neudeck in sein zum 75. Geburtstag erschienenes Buch „Radikal leben“ ein. Der Bucheinband erklärt im Bucheinbandjargon: „Radikalität ist für Rupert Neudeck Lebensthema und Lebenswerk zugleich.“

Neudeck erzählt in „Radikal leben“ auf 157 Seiten von seinem Dasein als Gründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur und Grünhelme. Mit dem Komitee Cap Anamur rettete er 11.340 vietnamesische Boatpeople im Südchinesischen Meer. Mit den Grünhelmen engagiert er sich für den Bau von Schulen in Afghanistan oder Syrien. Von Anfang an ist seine Frau Christel – die Neudeck rührend „die Heldin dieses radikalen Lebens“ nennt und der er ein ganzes Kapitel widmet – als treue Gefährtin an seiner Seite.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Journey234

Ich, der Urheberrechtsinhaber dieses Werkes, veröffentliche es als gemeinfrei. Dies gilt weltweit.

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Die Unerwünschten

Erstellt von Uli Gellermann am 27. Juni 2014

Als die amerikanischen Mafiosi heim kamen

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 26. Juni 2014
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Buchtitel: Die Unerwünschten
Buchautor: Gian Carlo Fusco
Verlag: Berenberg

Es liest sich ein wenig wie pulp fiction, wie jene US-Groschenromane über Verbrechen und andere Grusel, aber jedes Wort in den „Unerwünschten“ von Gian Carlo Fusco ist wahr. Fusco berichtet in einer Mischung aus Literatursprache und Gangster-Slang über die sonderbare Aktion US-amerikanischer Behörden, die 1945 die zweite und dritte Ebene der Mafia-Soldaten, der Auftragsmörder und Befehlsschläger nach Italien zurück schickte, zeitgleich mit der Lebensmittelhilfe, die man den Italienern aus dem Marshall-Plan zumaß. Nicht, dass die US-Behörden über einen makabren Humor verfügten, es traf sich gerade so.

„Während sich die Kugeln eine nach der anderen in John Bonannos Fettschicht bohrten, näherte sich längs des Bordsteins ein schwarzes Automobil mit gruselig anmutendem Verdeck und offenstehender Beifahrertür“. So zieht Fusco diese Sehne seines Spannungsbogens, um ihn dann los schnellen zu lassen: „Der Rächer schob die rauchende Pistole in die Tasche und sprang in den Wagen.“ Der Autor, durch seine Zeit im KZ Bergen-Belsen als Linker ausgewiesen, ist zeitweilig der morbiden Faszination seines Themas erlegen. Aus der Nähe erscheinen die früheren „Gun-Men“ eher armselig. Sie betteln ihn machmal an und er kann sein Mitleid nicht verbergen.

Erneut ist dem Berenberg-Verlag ein Fund gelungen: Gian Carlo Fusco hat seine Reportagen über die „Unerwünschten“ in den späten 50er Jahren geschrieben und erst heute liegen sie auf Deutsch vor (übersetzt von Monika Lustig). Fusco war, als geübter Grappa-Trinker, als einer der keine Gefahr scheute und alle wichtigen Kneipen kannte, immer ganz nah an den Objekten seines Interesses. In seinen Texten sind die Anfänge jenes Krebsgeschwüres zu erkennen, das heute die italienische Gesellschaft überwuchert.

Neben den armseligen „Unerwünschten“ erwähnt Fusco in seinem Buch eher am Rande die Zusammenarbeit von Mafia-Größen mit der CIA. Der Mafia-Boss Lucky Luciano, den die Amerikaner schon 1943 nach Italien expedierten, um ihre Landung in Sizilien zu unterstützen, gilt als erster Abgeschobener, war aber eher ein „Erwünschter“. Auch der Pate „Don“ Vito Genovese begleitete die amerikanischen Truppen nach deren Landung in der Gegend von Nola. Genovese, der sich früher mit 250.000 Dollar bei Mussolini eingeschleimt hatte, zog nun die Uniform der US-Armee an und wurde zum Vertrauensmann von Charles Poletti, der als Oberst der US-Militärregierung in Italien Herr über Visa, Führerscheine und Lizenzen war. Nur logisch, dass Genovese damit den Schwarzmarkt dirigieren konnte. Zwar wurde der Mafioso wegen Mordes verhaftet und in die Staaten überstellt, aber Fusco kommentiert resigniert: „Selbstredend wurde er freigesprochen“.

In Fuscos Buch fehlt die von den US-Geheimdiensten ausgerüstete Mafia-Terror-Gruppe gegen Kommunisten und Sozialisten. Nur in einer Fußnote taucht das Massaker an der Portella della Ginestra, unweit von Palermo, auf, wo am 1. Mai 1947 eine Mafia-Bande im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes mehr als zehn Linke umbrachte. Doch wird dieser Mangel durch das warmherzige Portrait des Ezio Taddei weitgehend wettgemacht, jenes anarchistischen Schriftstellers dessen Odyssee durch die Gefängnisse und halb Europa in den USA endete, um von dort aus als politisch Unerwünschter nach Italien abgeschoben zu werden. Dass Taddei Arthur Miller traf, dass er für ihn Passagen seines Romans „Le porte dell´inferno“ ins Englische übersetzte, ist einer jener bedeutsamen Zufälle, der dem Berenberg-Verlag zugefallen ist und die seine zuweilen skurrilen, immer aber intellektuellen Gewinn bringenden Bücher auszeichnen.


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Das andere Griechenland

Erstellt von Rationalgalerie am 10. Juni 2014

Stürzt die Götter vom Olymp

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 09. Juni 2014
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Buchtitel: Stürzt die Götter vom Olymp
Buchautor: Landolf Scherzer
Verlag: Aufbau

Mit großen, staunenden Kinderaugen wandert Landolf Scherzer durch Länder, Gegenden und gesellschaftliche Verhältnisse. Und weil seine Augen in einem höchst klugen Kopf sitzen, können seine Leser durch Scherzers Augen hindurch jene Wirklichkeit sehen, die, unverstellt durch mediale Gehirnwaschmittel, dem Erkennen der Welt dient. Scherzers jüngstes Buch erzählt von seinen zwei Besuchen in Thessaloniki, beim ersten versucht er sich als Pauschaltourist, verkleidet sich kurzzeitig als deutscher Herrenmensch, der glaubt, er könne sich mit dem Wort all-inclusive ein Land aneignen. Dann, bei der zweiten Reise ist sein Erkundungsposten „das schlechteste Hotel von Thessaloniki“. Er lebt mitten zwischen Huren, Flüchtlingen und Ausgestoßenen und kann sich auf ein Netz von Griechen stützen, von denen manche Deutsch können und alle jenes Griechenland kennen, das hungert und ohne Geld existiert, das solidarisch ist und kämpft.

Den Herrenmenschen geben kann Scherzer nicht, auch weil er nicht wenige griechische Verhältnisse in der vergehenden DDR miterlebt hat: Was damals die „Treuhand“ war ist heute die „Troika“, beides Instrumente des Raubs von sozialen Errungenschaften, von Arbeitsplätzen und Gewissheiten. Vor allem aber, weil er kein Herr ist, weil er nüchtern und gründlich recherchiert, auch und gerade über den „faulen Griechen“, jene Schimäre aus deutschen Medien, die der Scherzer-Recherche nicht standhält: Die Griechen arbeiten 44,3 Wochenstunden, die Deutschen nur 41, die Jahresarbeitszeit der Griechen liegt bei 2.120, die der Deutschen nur bei 1.400 Stunden, und während die Deutschen sich 30 Urlaubstage gönnen, begnügen sich die Griechen 23. Und so fort. Zur Recherche gehört auch, dass sich Scherzer vor der Reise mit einem griechisch-deutschen Unternehmer trifft, der ausgerechnet in Suhl, am Ende der bekannten deutschen Welt, einen erfolgreichen Delikatessen-Versand betreibt und der nicht nur köstliches Taramas serviert sondern auch diesen denkwürdigen Satz: „Wissen Sie, dass der reiche Kapitalismus das Wertvollste, das es für den Menschen gibt, niemals finanzieren kann: soziale Sicherheit und ein Leben ohne Zukunftsängste. Die arme DDR konnte das.“

Neben den großen sozialen Sorgen der griechischen Mehrheit, einem Leben, in dem nicht selten der letzte in einer großen Familie, der noch Arbeit hat, die anderen drei, vier, fünf miternähren muss, ein Leben mit brutalsten, von der Troika verordneten Lohnkürzungen, neben diesem Elend findet Scherzer auch das Aufbäumen, nicht nur in Demonstrationen und Kundgebungen, auch und gerade in gut organisierter Lebens- und Nothilfe. Zum Beispiel in der „Gesellschaft der kostenlosen Arzthilfe“, ein Projekt in dem inzwischen 250 Ärzte und Helfer jährlich 8.000 Patienten kostenlos behandeln, Menschen, die man aus dem staatlichen Gesundheitssystem vertrieben hat. Die Portraits der dort Arbeitenden gelingen Scherzer tief berührend. Und damit das Projekt so lange weiter existieren kann, bis die Griechen sich ihr Land zurückerobert haben, schreibt der Autor auch gleich die Spendenkonto-Nummer auf: Piraeus Bank 5272-059087-744. In einem anderen Beispiel wird von einem Betrieb erzählt, den die Arbeiter erfolgreich übernommen haben, nach dem die privaten Eigentümer mit einigen Millionen Euro aus der Unternehmenskasse verschwunden waren. Alle sind gleich, bekommen das gleiche Geld, haben gleich viel zu sagen. Geht nicht? Geht wohl. Bei der „Arbeitergewerkschaft VIO.ME“ in Thessaloniki.

Scherzer lässt in seinem Buch Konstantin Wecker zu Wort kommen, der von seiner Verehrung des großen griechischen Musikers Theodorakis erzählt und davon, wie der unbeugsame Linke, inzwischen 86 Jahre alt, kürzlich bei einer Demonstration von der Polizei mit Reizgas bedacht wird. Auch Asteris Koutoulas, ein in Deutschland lebender griechischer Musikproduzent, Publizist und Filmemacher schreibt in Scherzers Buch und erinnert an die Schande der Europäischen Union, die während der langen, brutalen Militärdiktatur das NATO-Mitglied Griechenland keineswegs isolierte. Auch die USA, die heute so gern Regimes changed, mochte damals die Diktatur nicht unter Druck setzen. Vor allem aber schreibt Scherzer mit liebevoller Zuneigung über jene Griechen, die ihm begegnen, die ihm auf seiner Reise in das griechische Herz weiterhelfen und mit denen er singt, lacht, trauert und feiert. Fast alle, die er trifft, wollen den Sturz jener falschen Götter, die den Markt und die Banken beherrschen, Götter, die eher in Berlin oder Brüssel sitzen als in Athen.

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Fotoquelle: Wikipedia – Author stg_gr1

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Dem Teufel ein Schnippchen schlagen

Erstellt von IE am 18. Mai 2014

KAPITALISMUS Thomas Piketty hat mit „Capital in the Twenty-First Century“ einen Super-Bestseller gelandet

VON ROBERT MISIK

Wenn ein Buch ein solches Ereignis geworden ist wie „Capital in the Twenty-First Century“ von Thomas Piketty, dann haben Rezensionen beinahe etwas Unangemessenes. Dann ist die Aufnahme, die das Buch erfährt, selbst schon mindestens so spannend wie das Buch selbst.

Als „außerordentlich wichtig“ preist es Martin Wolf, der Starkommentator der Financial Times, eine „intellektuelle Sensation“, ruft die New York Times aus, Paul Krugman spricht schon vom „Buch des Jahrzehnts“ und der „Piketty-Revolution“. Ein Buch, das solche hymnische Resonanz erfährt, bestimmt dann die Richtung mit, in die die Debatte in den kommenden Jahren gehen wird.

Die kürzestmögliche Inhaltsangabe des Buchs lautet: Im Kapitalismus werden die Reichen reicher und die anderen werden es nicht. Diese Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten noch radikalisiert und wird es weiter tun. Es sei denn, man ändert ein paar entscheidende Dinge.

Quelle: Taz >>>>> weiterlesen

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Die Fassade der großen Stadt

Erstellt von Uli Gellermann am 16. Mai 2014

Und die dahinter, die sieht man nicht

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 15. Mai 2014
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Buchtitel: Isabel
Buchautor: Feridun Zaimoglu
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Da guckt er aus einer Sprechblase, der wenig begabte Regierende Bürgermeister. Bei der letzten „Hauptstadt-Kampagne“, machte er Werbung für seine Stadt und ein anglizistisches „be berlin“ tropft ihm von der kessen Lippe, und schon war Belin Weltstadt. Das könnte den Schriftsteller Feridun Zaimoglu angeregt haben, als er seinen Roman „Isabel“ auf Kiel legte. Der mit „Kanak Sprak“ berühmt und angenehm berüchtigt gewordene Autor wischt mit seinem Buch der Stadt die Schminke vom Gesicht, treibt die Horden billigen Prosecco trinkendener Galeriebesucher vor sich her und zeigt Berlin von unten, in seiner ganzen Kleinheit und Gemeinheit, wenn er den Soldaten und das abgetakelte Modell Isabel aufeinander treffen lässt. Schon, dass er den Soldaten aus dem Kosovo hat heimkehren lassen, macht das Buch zur seltenen Kostbarkeit. Denn eine Wirklichkeit mit den Folgen des Kriegs, der Verrohung und Zerrüttung, sind eine Seltenheit im deutschen Schriftstellergewerbe. Isabel, in der Türkei geboren, im neuen Deutschland vom Regen in die Jauche geraten, die andere Hauptfigur vom Rand der Stadt, ist „außen bunt und innen grau“ und, sagt sie von sich „unten verstopft“.

Zaimoglu rückt den Rand der Stadt, den Schmutz, die Flaschenfischer, die Suppenküchenbesucher, die Transen und den käuflichen Sex in den Mittelpunkt des Romans, findet das Abenteuer im Gewöhnlichen, formt Sätze aus Wut und in Eis gegossen. Der Autor beschießt seine Leser mit einem Wort-Stakkato bis ihnen die ganze, brutale Wahrheit einleuchtet, zu einem Erkenntnis-Leuchten wird inmitten einer Stadt mit einer dünnen, oberen Fettschicht über einer kargen Armeleute-Brühe. Eine Stadt, in der immer alles neu & groß & wichtig ist und in der eine erbärmliche Existenz wie Sarrazin als Intellektueller gelten darf. – Nun ist der Soldat ein Wachmann, zuständig für die Mensa einer Uni. Dort muss der Schriftsteller keine Geschichten erfinden, er findet sie in den vielen Verrückten, die in der Mensa auf ihr kleines Glück hoffen, auf One-Night-Stands oder Essensreste.

Das große Glück, glauben Isabels Eltern, läge für Ihre Tochter in einem Mann und Kindern, in einer Familie. Deshalb organisiert ihre Mutter, bei einem Treffen in der Türkei eine ganze Parade von Bewerbern um die Hand der Tochter. Ihre Hand hätte auch gern der Gichtige, für den sie einkaufen geht. Ihm ist die bisherige Onanier-Helferin entlaufen, selber machen kann er es wegen der Gicht nicht, also soll sich Isabel nicht zieren, wird gut bezahlt, die kleine Handreichung. Das geht ihr dann doch zu weit. Obwohl sie ein gutes Geld als Beisitzerin bei einem Beischlaf verdient: Das Paar braucht Publikum, eher ein Auditorium, denn Isabel hört alles, sieht nichts, soll abgewandt bleiben. – Da taumeln sie aufeinander zu, der Soldat mit dem kaputten Kopf und die Frau mit dem kaputten Herzen. Taumeln voneinander weg, hätten sich doch gern, kriegen sich nicht, und bleiben sich so fremd, wie nur die Fassade der großen Stadt fremd machen kann. Und die dahinter, die sieht man nicht. Will man nicht sehen. Doch wer Zaimoglu liest, der kann sie kennen lernen und die Wurzeln ihrer Verzweiflung, ihres Zorns und der Hilflosigkeit begreifen.

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Der Raubzug der Bankster

Erstellt von Uli Gellermann am 26. April 2014

Ein Handbuch ökonomischer Anklagen

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 25. April 2014
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Buchtitel: Der grösste Raubzug der Geschichte
Buchautor: Matthias Weik & Marc Friedrich
Verlag: Bastei Lübbe

Es ist ein Bestseller geworden, der „Grösste Raubzug der Geschichte“, das Buch der Autoren Matthias Weik & Marc Friedrich“, das 2012 in einem kleinen Verlag mit einer Erstauflage von 1.000 Exemplaren erschien und in kurzer Zeit zum „erfolgreichsten Finanzbuch 2012“ wurde. Nun erscheint es als Taschenbuch und hat gute Aussichten auf weitere gute Auflagen. Eine Rezension mit dem Fazit des Buches zu beginnen, mag ungewöhnlich erscheinen, in diesem Fall dient das Fazit der Einordnung: Die Täter des Raubzuges werden dort summarisch genannt: „Die Finanzindustrie mithilfe der Politik und der Notenbanken“ und die Leser-Zielgruppe auch: „Schützen Sie Ihren Wohlstand! Jetzt ist es entscheidend, das persönliche Vermögen zu sichern.“ Es ist der Mittelstand, an den sich die Autoren wenden, sie schreiben im Wesentlichen für jene, die noch was haben, das sie anlegen können. Obwohl das Buch weiß und benennt, das „25 Prozent der Bevölkerung gar kein Vermögen mehr (haben)“ oder überschuldet sind.

Auch wenn sich der „Raubzug“ an nicht wenigen Stellen wie ein Ratgeber zur Rettung von kleinen Vermögen liest, ist er doch zugleich eine Arbeit der Analyse und der Enthüllung, der nicht selten überraschenden Details und des spannenden Rückgriffs in die Geschichte der Finanzkrise, die bis heute anhält und trotz aller Beschwörungen und Beschwichtigungen – jüngst erst mit der Emission griechischer und portugiesischer Staatspapiere – als Zeitbombe immer noch tickt und jederzeit erneut explodieren kann. Von der Entfesselung der Finanzmärkte durch Margret Thatcher: „Lasst uns die Regeln wegwerfen, die den Erfolg bremsen!“ Über den Beginn der deutschen Krise, die von den Autoren in Wilmington USA verortet wird, jener Briefkasten-Ansammlung im US-Bundesstaat Delaware, in dem auch die Bayern LB 1998 eine „Zweckgesellschaft“ gründete, die eigentlich unter den Straftatbestand „Bilanzfälschung und Steuerhinterziehung“ hätte fallen müssen. Bis zur Gründung der ersten deutschen Bad Bank, der „Hypo Real Estate (HRE)“, auf Anregung von Josef Ackermann gegründet und von Kanzler Schröder, Wirtschaftsminister Clement und Finanzminister Eichel freundlich begleitet. Es ist genau jene Bank, die den Steuerzahler später, im Rahmen einer sogenannten Verstaatlichung Milliarden Euro kosten sollte und deren Kauf Oskar Lafontaine damals als „Veruntreuung“ durch die Regierung wertete.

Aus einem Meer von Informationen und Fakten tauchen im „Raubzug“ immer wieder dunkle Monster auf wie jenes, dass die Merkel-Garantie für angeblich „sichere Sparanlagen“ nirgendwo gesetzlich verankert ist. Oder es treibt der unheimliche Jörg Asmussen vorbei, mal in der Rolle als Referent bei Eichel oder Steinbrück, als Aufsichtsrat der Schlüsselbank KfW oder als Formulierer jener Passagen im schwarz-roten Koalitionsvertrag von 2005, der den Finanzmarkt von „überflüssigen“ Regulierungen befreien sollte. Aber manchmal strandet im Buch auch grober Unfug am Rande der Analysenflut. So, wenn die Autoren die Verstaatlichung diverser Banken für „Die Rückkehr des Kommunismus“ ausgeben, obwohl Weik und Friedrich belegen, dass die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert werden, also ein Akt vollzogen wird, der nur den herrschenden Kapitalismus stärkt. Genau hier, im Mangel an politischen Kenntnissen liegt die wesentliche Schwäche des Buches.

Diese Schwäche wird teilkompensiert, wenn zum Beispiel im Kapitel „Was wurde aus der Krise gelernt?“ die Frage mit einem kühlen und gut belegten „Nichts“ beantwortet wird. Zum Beispiel wenn bewiesen wird, dass im Ergebnis der Finanzkrise größere Banken entstanden sind, die natürlich „too big to fail“ sind, zu groß also, als dass die Staaten sie fallen lassen könnten und sie so zu „Versicherungsunternehmen“ der Finanzindustrie werden. Die Frage nach dem Verbleib der Finanztransaktionssteuer wird genauso gestellt, wie die Rente mit 54 enthüllt wird für den früheren Co-Chef der Deutschen Bank, Michael Cohrs, der sich sein Früh-Rentnerdasein mit einer Wohnung für 11,5 Millionen Dollar versüßt. Man darf sicher sein, dass solche wie Cohrs Befürworter der Rente mit 67 sind, nur nicht für sich selbst. In einem vernichtenden Kapitel über „Experten“ zitieren die Autoren grausige Sprüche: „Die Finanzkrise wird aus heutiger Sicht keine großen Auswirkungen auf die Struktur privater Banken in Deutschland haben (Dezember 2007, Frank Mattern von der Unternehmenberatung McKinsey)“ – „Aus der Finanzkrise ergeben sich keine unmittelbaren Risiken für die Haushaltsplanung (Oktober 2008, Peer Steinbrück)“ – Ebenso schlau waren die „Wirtschaftsweisen“, die sich im November 2007 sicher waren, dass eine Rezession nicht drohe.

In weiten Teilen liest sich das Buch wie eine Klageschrift gegen das System. Allerdings fehlt ihm die politische Konsequenz daraus, die ja ganz sicher nicht in einer Besserung des Kapitalismus liegen kann. Denn seine Profitorientierung reproduziert – völlig unabhängig von moralischen Kategorien wie Gier – Tag für Tag jenes Desaster, das sich Weltwirtschaft nennt und zu den bekannten Arm-Reich-Verhältnissen führt, zur Vernichtung lebendiger Arbeitskraft zugunsten der virtuellen Finanzwirtschaft: „80 Prozent der Deutschen mussten in den vergangenen Jahren bereits reale Einkommensverluste hinnehmen – Tendenz steigend!“, wissen die Autoren zu schreiben. Und auch: „Zehn Prozent der Deutschen besitzen mehr als 67 Prozent des Gesamtvermögens.“ Trotz solcher Erkenntnisse werden im Buch Agenten der Versicherungswirtschaft wie Bernd Raffelhüschen zur Renten-Zukunft zitiert, der in der Rentenfrage zum Beispiel die Zuwanderung ausblendet, um nur ja private Zusatzversicherungen zu verkaufen. Bei aller System-Enthüllung vermisst man jene politische Dimension, die über die Anklage hinaus in die Veränderung weist. Außer man wollte die empfohlene Anlage in Immobilien bereits als einen Schritt zum System-Wechsel begreifen. Aber die Autoren sind noch jung, das nächste Buch kann ja den nächsten Schritt tun.


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Leben und Aktualität Max Weber

Erstellt von IE am 23. April 2014

Vom »Willen zum Kampf« zur Weltentfremdung

Autor: Wolfgang Martynkewicz

Der Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und Max Webers 150. Geburtstag (am 21. April) kommen in diesem Jahr auf bemerkenswerte Weise zusammen. In vielen Veröffentlichungen wird eine Epoche in den Blick genommen, in der Aufbruch und Katastrophe dicht beieinanderlagen. Und Weber – das macht den „Fall“ so interessant und exemplarisch – erlebte beides: den Aufstieg der kulturellen Moderne und die Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Als er 1920 starb, war die „große Zeit“, wie es Karl Kraus schon 1914 prophezeit hatte, wieder „klein geworden“. Von der „ernsten Herrlichkeit des nationalen Empfindens“, von der Weber 1895 in seiner Freiburger Antrittsrede geschwärmt hatte, war nicht viel übrig geblieben.

Ebenso wenig übrig geblieben ist heute von der ungeheuren Wirkung, die das „Ereignis Weber“ auf seine Zeitgenossen hatte. Viele sahen in Max Weber einen Künder und Retter. Und so mancher bezog sich dabei auch auf seine markante Physiognomie: Immer wieder werden das mächtige Haupt, die hoch aufragende, massige Gestalt und die kraftvolle Ausstrahlung erwähnt. Vor allem aber nimmt man Bezug auf den Redner Weber, dem magische Züge zugeschrieben werden: Karl Löwith, der im November 1917 seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ beiwohnte, geriet in einen Zustand der Entrückung. Webers Gesicht erinnert ihn an die „düstere Glut der Bamberger Prophetengestalten“. Mit seiner Rede zerriss er „alle Schleier“, sie kam „unmittelbar aus dem Inneren“, und seine Worte waren „wie eine Erlösung.“

Mit zwei auf den ersten Blick gegensätzlichen Haltungen zog Weber sein Publikum in den Bann: Da war zunächst sein in den Vordergrund gestellter, pathetisch beschworener Wirklichkeitssinn, sein Anspruch, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Doch, wie wir wissen, hatte Weber eine andere Seite. Er wollte „dem Schicksal der Zeit […] in sein ernstes Antlitz blicken“ und sprach in düsteren Sätzen von den „letzten Dingen“, von Leidenschaft, Kampf und Entscheidung. Erst diese Mischung erzeugte jene Faszinationskraft, die, wie Karl Jaspers schreibt, etwas „Unheimliches“ hatte.

Quelle: Blätter >>>>> weiterlesen

Fotoquelle: Wikipedia – Max Weber 1917, public domain, from en wikipedia (Image:Max weber in 1917.JPG)

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Freihandel und Kultur

Erstellt von IE am 18. April 2014

Autor: Georg Sesslen

TTIP oder: Zum letzten Gefecht gegen das Wirtschaften des Neoliberalismus

Wir leben in nebligen Zeiten. Schon ein Gespräch über ein Fußballspiel ist ein kleines Verbrechen. Denn offensichtlich wird die Wahrheit im Fußball nicht mehr vorwiegend auf dem Platz produziert, sondern durch Kontobewegungen, Übertragungsrechte, Trikotwerbung, Ablösesummen, Immobiliengeschäfte und Managermacht. Ein Jenseits, ein Darüberhinaus, wenigstens ein Daneben zur Ökonomie gibt es nicht mehr. Der Homo oeconomicus ist verbindliche Wirklichkeit geworden und die ganze Welt nur noch mithilfe der drei Ws zu verstehen: Wirtschaft, Wettbewerb, Wachstum. Wer vom Geld und seiner Zirkulation für einen Augenblick schweigen möchte, der muss sich das leisten können.

Kulturelle Schutzzone?

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Letzte Ausfahrt Uckermark?

Erstellt von Rationalgalerie am 15. April 2014

Vom Antifa-Rennen durch die Marx-Straße

Autor: Wolfgang Pfeiffer

Rationalgalerie

Datum: 14. April 2014
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Buchtitel: Vor dem Fest
Buchautor: Saša Stanišić
Verlag: Luchterhand

Im Feuilleton der „Zeit“ bricht der Schriftsteller Maxim Biller eine seltsame Diskussion vom Zaun. Mit Blick auf die Literatur „deutscher Schriftsteller mit nicht deutschen Wurzeln“ (der politisch korrekte Bandwurm für schreibende Immigranten) beschwert er sich darüber, dass diese vaterlandslosen Gesellen, statt die deutschsprachige Literatur aufzumöbeln, sich lieber um deutsche „Wohlfühlpreise“ rangeln als ihrer von Herrn Biller vorgegebenen Bestimmung zu folgen: Über Ihresgleichen zu schreiben.

Im Visier hat der Mann einen Literaten, den er – nicht zu Unrecht – zu den „Stars der neuen Weltliteratur“ zählt: den aus Bosnien stammenden Saša Stanišić. Wessen hat dieser Literat sich schuldig gemacht? Sein neuer Roman „Vor dem Fest“ spielt „in einem Dorf in der Uckermark, unter ehemaligen Ossis, von denen Stanišić so viel versteht wie seine Kritiker vom jugoslawischen Bügerkrieg, vor dem er vor 14 Jahren nach Deutschland fliehen musste … Ist es ihm wichtiger, als Neudeutscher über Urdeutsche zu schreiben als über Leute wie sich selbst?“

Schuster, bleib´ bei Deinem Leisten, will Biller uns sagen! Entweder hat er den Roman nicht gelesen oder er kennt die Uckermark („Jenes Land, das ferne leuchtet“- Ehm Welk) nicht, wahrscheinlich beides. Die Uckermark nicht zu kennen, war bisher für sich genommen keine Schande, aber spätestens nach Erscheinen von Stanišić´ Buch ist es eine Kulturlücke, für die ihn die Uckermärkerin Angela Merkel strafen möge. Die kommt in diesem Buch nicht vor, oder vielleicht nur indirekt, weil sie, wie alle Uckermärker, inkludiert ist in die Beschreibung Stanišić´ so wie in dem Historienroman „Die große Flut“ des Schriftstellers Waldemar Augustiny, der die Uckermärker als „eine Mischung aus Friesen, Mecklenburgern, Hugenotten und Preußen“ charakterisiert. Eine wahrhaft brisante Mischung, die manches, wenn auch nicht alles erklärt.

Stanišić seinerseits beschreibt die „urdeutschen“ Uckermärker nicht nur, ihm ist eine literarische Liebeserklärung gelungen (wenn das auch mancher Uckermärker anders sehen dürfte). Nur vergleichbar mit Siegfried Lenz´ Erzählungskunst über dessen ehemalige Heimat, die Masuren. Biller würde sagen, Lenz durfte das, weil er dort geboren wurde und gelebt hat. Darf Stanišić das, dieser zugereiste Serbe, dieser Kollaborateur, über die Uckermark schreiben, so treffend, so liebevoll, so historisch und kenntnisreich, als sei er hier geboren, als sei er ein Urdeutscher, wo er doch nur ein Neudeutscher ist? Nein, Herr Biller sagt nein und nochmals nein! Nicht nur, dass er sich anmaßt, urdeutsche Zustände zu beschreiben, er beschreibt auch noch ostdeutsche! Kein Wunder also, dass wir über ein antifaschistisches Radrennen (sic!) lesen müssen, dabei durch Straßen geführt werden, die Namen von Unpersonen wie Ernst Thälmann oder Karl Marx tragen (und das nach der Wende!), kein Wunder, dass wir solche Sätze lesen müssen wie „Solange noch ein DDR-Fön irgendwo Haare trocken kriegt, ist die DDR nicht tot“, kein Wunder, dass wir über Lada und Ladas, kurz über „früher“ lesen müssen, die Vergangenheit, die in der Uckermark noch so heutig ist. Womit nicht eine nostalgisch verklärte Vergangenheit gemeint ist, wenn der Rentner Imboden in der Garage „mit einem kühlen Sterni in der Hand, dem Narrenstab, etwas sagt, das so beginnt: Eine Schlägerei macht kein Fest besser, es sei denn, sie rettet es.“

Auch stimmt es nicht, dass früher besser gefeiert wurde. Die Zeiten waren bloß noch mieser … Mit „früher“ meint Imboden, meinen alle, immer gleich die gesamte Vorwendezeit. Theoretisch kannst Du mit „früher“ auch das dunkelste Mittelalter meinen, aber auf keinen Fall Gerhard Schröder.“- Auf keinen Fall, Herr Biller, jedenfalls nicht in Ostdeutschland! Vielleicht in Dortmund, ja, da redet man anders über früher, vielleicht auch über Gerhard Schröder, aber nicht in Fürstenfelde/Uckermark! Obwohl die doch tausend Mal mehr Gründe hätten, über Schröder und Hartz IV. zu reden, über die dunkelste Gegenwart. Tun sie aber nicht! Sie reden von früher, wenn sie das Heute meinen. Herr Biller versteht das nicht, Saša Stanišić sehr wohl.

Was ist Heimat? Was ist ein Heimatroman? Wer darf sich wo heimisch fühlen, wer nicht? Dürfen sich die Rumänen, die aus einem „Rumänen raus“ durch die einfache Verwandlung eines Buchstabens (eines römischen Buchstabens) ein „Rumänen- Haus“ machen, dürfen die sich in der Uckermark heimisch fühlen? Oder Frau Kranz, die zugereiste Heimatmalerin, die keine ist („Frau Kranz sieht ihr Dorf nicht, sie weiß ihr Dorf“)? Rico und Luise, die beiden Neonazis, die noch gar nicht wach waren, als Frau Schwermuth das Antifa-Rennen durch die Marx-Straße mit dem Schlachtruf startete: „Keine Bremsen, folg mir, Volk!“?

Wer darf den ultimativen Heimatroman über die Uckermark schreiben? Nur Ehm Welk oder auch Saša Stanišić, der in der Uckermark Menschen getroffen hat „wie sich selbst?“ Jeder, Herr Biller, jeder, der schreiben kann, darf über die Uckermark und über jeden anderen Ort der Welt Heimatromane schreiben! Auch Sie! Wenn Sie denn mal kommen würden …

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Gysi verkauft Brüderles Buch

Erstellt von IE am 10. April 2014

Es ist schon eine seltsames Völkchen welches in diesem Land die Partei DIE LINKEN repräsentiert. Einige Bekloppte müssen darunter sein wenn wir uns die Sache einmal näher betrachten. Allerdings, und dass hat auch etwas Gutes, die Verrückten bieten immer wieder Anlässe zum Schreiben ewig neuer Storys.

Da haben wir an einem Tag die trotzige Gruppierung der Kommunistchen welche wohl irgendwann  vergessen haben im Laufe der Jahre Erwachsen geworden zu sein und diese Spielchen um Krieg und Frieden nur noch von dummen Politiker aufgeführt werden, welche von den Bürgern vielfach mitleidig belächelt werden. So wird der Tag kommen wo dieses nach Macht und Kriegen lüsterne Pack zum Teufel gejagt werden wird, egal ob sie sich links oder rechts Gruppieren.

Zufall das am gleichen Tag ein Linker Leader das Buch welches der FDP Brüderle mit dem BILD Journalisten Hugo Müller-Vogg schrieb, mittels einer Pressekonferenz in der Öffentlichkeit präsentierte?  Ist es einer Partei schon jemals besser gelungen sich zum Gespött der Massen zu machen? Wie blöde muss die Gesellschaft sein um nicht zu bemerken wie sich hier die Kommunistin Wagenknecht und der Sozialist Gysi zum Affen machen? Aber, so zeigt es die persönliche Erfahrung, auch in der Linke heiligt der Zwecks jegliche Mittel.

Natürlich ist, dass bei den Kungeleien unter Politikern auch im Bundestag Freundschaften über die  verschiedensten Parteien hinaus geschlossen werden. Das Schauspiel welches aber  veranstaltet wird dieses zu verschleiern ist verdächtig, da hier der Bürger für dumm verkauft wird und sich letztendlich  wieder einmal zeigt dass sich alles nur um das private Wohl dreht. Vielleicht ist Gysi an den Verkaufserlösen für das Brüderle Buch entsprechend beteiligt?

So werden dem Mitglied der Parteien die tiefe Zerstrittenheit zwischen den Parteien vorgespielt und die Gutgläubigen fanatisiert. Man braucht diese Auseinandersetzungen zwecks Mobilisierung in Wahlkampfzeiten. In der Realität ist es vollkommen unwichtig wer immer auch gewählt wird, da alles in das Gleichen endet. Macht und Geld egal wer immer auch die Regierung stellt. Das weiß ein Großteil der Bürger auch bereits und bleibt im Zweifel besser den Wahlkabinen fern. Denn im Zweifel wir es nach den Wahlen für jede angerichtete Dummheit im Namen des Volkes nur eine Antwort geben: Ihr habt uns doch gewählt, wir sind Eure Volksvertreter.

Danke, und genau das brauchen wir nicht mehr.

Die Unschuld von der Hotelbar

„Jetzt rede ich!“ Mit Ausrufezeichen. In einem Buch bestätigt Rainer Brüderle erstmals die Geschichte über seine sexistischen Bemerkungen im Gespräch mit einer Journalistin. Doch entschuldigen will der Ex-FDP-Spitzenkandidat sich nicht. Denn das wahre Opfer sei ja er.

Rainer Brüderle gießt Gregor Gysi Wasser ein. Von Ex-Fraktionschef zu Fraktionschef quasi. Gysi ist weiterhin ein wichtiger Mann in der Bundespolitik. Brüderle ist inzwischen vor allem Privatmann – und Chef einer Consultingfirma. Rainer Brüderle Consult. Ein Mann wirbt mit seinem Namen.

Da kann es nicht schaden, wenn der Name auch in der Öffentlichkeit wieder etwas präsenter wird. Und so hat Rainer Brüderle nun ein Buch herausgebracht. „Jetzt rede ich!“, heißt es. Mit Ausrufezeichen. Es ist ein Buch, in dem einer recht haben will. Nicht diskutieren. Seine Sicht der Dinge „in die Beobachtung einbringen“, sagt er. Die „Beobachtung“, damit dürfte er die Debatte über die Katastrophe der FDP meinen: dass sie raus ist aus dem Bundestag. 100.000 Stimmen haben gefehlt am Wahlabend. Und nicht wenige sagen in der Debatte, dass Brüderle, der „Spitzenmann“ der FDP im Bundestagswahlkampf, eher ein größerer Teil des Problems war denn ein kleinerer.

Quelle: Sueddeutsche >>>>> weiterlesen

Fotoquellen: Wikipedia

Gysi: Author © Ralf RoletschekFahrradtechnik und Fotografie

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Brüderle:

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Liebe in Zeiten der Emanzipation

Erstellt von Uli Gellermann am 8. April 2014

Als Eigenliebe noch die Liebe zum Land einschloss

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 07. April 2014
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Buchtitel: Grosse Liebe
Buchautor: Navid Kermani
Verlag: Hanser

Der Junge liebt. Mit jener Unbedingtheit, die nur die erste Liebe kennt. Denn vorher war nichts, also denkt der Junge, auch nachher sei nichts mehr. Als Navid Kermani fünfzehn war, da hatte ihn diese GROSSE LIEBE, nach der er heute seinen Roman nennt, in ihren Bann geschlagen und wenn eine Liebe geschlagen sagt, dann meint sie es auch so. Ganze drei Nächte sind dem Jungen geblieben, Tage dazwischen auch, Küssen, Taumeln, von Sinnen sein, das erinnert der Autor dreissig Jahre später mit einem langen Gedicht, das sich als Roman ausgibt.

Die Liebe hatte ihren Platz mitten in den Auseinandersetzungen um den NATO-Doppelbeschluss, in den 70er, 80er Jahren, in denen der Westen der deutschen Republik von mehr als vier Millionen Unterschriften gegen die Stationierung amerikanischer Atomraketen geprägt war, dem Treppauf-Treppab der Unterschriftensammler, von den Listen des „Krefelder Appells“ an jedem Info-Stand, an viele Straßenecken und in jeder Versammlung, die etwas auf sich hielt. Kermani erinnert sich an eine dieser Bonner Großdemonstrationen, an die strickenden Männer, die unförmigen Kleider der Frauen und die ersten Joints eher spöttisch. Daran, dass eine Generation, die vorherige infrage stellte, dass es der letzte Großversuch der Emanzipation im Westen vor dem war, was wir kleinlaut Wende nennen, daran denkt er kaum ernsthaft.

Es wird eine letztlich unerfüllte Liebe sein, die Kermani besingt, die er mit Zitaten arabischer und iranischer Mystiker schmückt und deren stärkstes eine Szene zwischen den Liebenden Madschnun und Leila erzählt: Madschnun verlangt nach der Geliebten, doch als Leila sich ihm nähert ruft er: „Geh mir aus den Augen, denn die Liebe, die ich zu dir empfinde, nimmt mich so sehr in Beschlag, dass ich für dich keine Zeit habe.“ Das ist sie, die relative Autonomie der Liebe, die zwar den Gegenstand ihrer Projektion braucht, aber in ihrem wunderbaren Wahnsinn existiert sie auch neben der Schönsten, scheinbar sogar ohne sie.

Natürlich war auch in der großen politischen Bewegung jener Jahre ein gutes Stück Selbstliebe, ein Sich-Erkennen im Erkennen des eigenen Landes. Kermani, der voller Inbrunst die verlorene große Liebe zur „Schönsten“ beschreibt, dem kein Wort zu groß ist für das nacherzählte Gefühl, kann das verlorene Ziel der Jahre des Emanzipation-Versuches nur noch als Karikatur erkennen: Alles was dem Ziel nicht diente, so lässt er seine Figuren denken, sei faschistoid, die Revolution wurde mit drei R geschrieben und wenn einer meinte, Hitler sei nicht mit der Friedensbewegung zu schlagen gewesen, dann dächte der eben abwegig. Dem immer noch großen, retrospektiv liebenden Autor, kommt im Rückblick die Liebe zum Land nicht in den Sinn. Auch jene Liebe zu sich selbst, die im Willen zur Veränderung, zur Besserung der Verhältnisse eingeschlossen ist, kann Kermani nicht nacherzählen.

Nicht mehr als drei Tage dauerte sie an, die Liebe zur Schönsten. Und immer noch brennt sie im Buch, lodert sie aus den Zeilen, feuert sie den Schreibenden an wie auch den Lesenden. Es ist das Schicksal der ersten westdeutschen Emanzipations-Generation, dass ihre Liebe zum Land erloschen ist, erkaltet in der grünen Partei, die ihr eine politische Form gab, zur Asche geworden in den Kriegen, die von ihr bejaht wurden, begraben unter dem Leichentuch einer bleichen Modernität, die eine letztlich farblose Intellektuellen-Generation hervorgebracht hat, die in den Winkeln ihrer Privatheit hockt und die Einmischung den Politkern überlässt. Mit Sicherheit in den falschen Ländern, mit den falschen Mitteln und den falschen Argumenten, deren Falschheit von Jedermann zu erkennen wäre, hätte er nicht die Liebe zu sich selbst verloren.

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Sehnsucht nach dem Stahlbad

Erstellt von Rationalgalerie am 4. April 2014

Der richtige Krieg der Guten und der falsche Frieden der Bösen

Autor: Christian Baron

Rationalgalerie

Datum: 03. April 2014
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Buchtitel: Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss.
Buchautor: Bernd Ulrich
Verlag: Rowohlt, Reinbek.

Eine wesentliche Neigung der fast ausschließlich der saturierten Mittelklasse entstammenden Schreiberlinge des deutschen Journalismus ist es, sich den Kopf der Herrschenden zu zerbrechen. Nichts vermag dem handelsüblichen Leitartikler einer bürgerlichen Gazette mehr schlaflose Nächte zu bereiten als jene innerlich-moralischen Konflikte, die etwa der grüne Bombenbüttel Joseph Fischer einst auszustehen hatte. Ist beim Blick auf Fotos jener turbulenten Tage zwischen 1999 und 2001 seinem kriegskündenden Knautschgesicht nicht plastisch anzusehen, wie schwer es ihm gefallen ist, die von der Bundeswehr behelmten Truppen in den Kosovo oder nach Afghanistan zu schicken?

Geht es nach den meisten der sogenannten Qualitätsmedien, sollten wir uns alle vor dem ehemaligen Bundesaußenminister für die von ihm begonnene „militärische Normalisierung Deutschlands“ (S. 73) – sprich für die Kriege im Kosovo und in Afghanistan – ehrfürchtig verneigen und uns bei ihm demütig für die erteilte Lehre bedanken, „dass Krieg unter bestimmten Umständen moralisch geboten sein kann“ (S. 35). Ein 2011 erschienenes Buch von Bernd Ulrich, dem Politik-Boss und stellvertretenden Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT, ist in diesem Sinne schon vom Titel her eine klare Ansage: „Wofür Deutschland Krieg führen darf“.

So dürften vor drei Jahren die edlen Brunnenbohr- und Mädchenschulenaufbau-Propagandist_innen für eine Weile ihre Fottfinger von den Schalthebeln der Macht gelassen und dieses Werk gelesen haben, denn der werte Herr Ulrich stellt den Deutschen darin einen Persilschein für die bewaffnete Ausweitung ihrer Ideologiezone aus. Endlich, mögen sie sich gedacht haben, sagt’s mal einer klar und deutlich, denn jenseits dieses nach 1945 verordneten „Nationalpazifismus“ (S. 44) ist doch ohnehin allen klar, dass „wir“ (S. 13) Deutsche allesamt mit dem Messer zwischen den Zähnen das Licht der Welt erblicken.

Selbstredend wäre der Lohnschreiber des Holtzbrinck-Verlags nicht jener realpolitisch-weise Genius, für den er sich selbst halten mag, wenn er im Buchtitel nicht noch ein „Und muss“ nachschöbe. Schließlich leben wir alternativlos im nach permanenter Expansion strebenden und kompetitiven Kapitalismus, ob uns das gefallen mag oder nicht. Also: Stillgestanden und aufgemerkt, was Kamerad Bernd zu sagen hat!

Sein essayistischer Ritt durch die jüngere bundesdeutsche Kriegsgeschichte startet mit einem Kriechgang in den Allerwertesten des Wehrmachtsveteranen, Ex-Bundeskanzlers (SPD) und aktuellen ZEIT-Herausgebers Helmut Schmidt („Das natürliche Zentrum aller Debatten über den Krieg bildet dabei Helmut Schmidt. Es macht eben einen immensen Unterschied, ob man das Thema abstrakt diskutiert oder mit jemandem, der weiß, wovon er redet, wenn er vom Krieg spricht“, S. 20). Dann beginnt Ulrich unvermittelt aus dem Nähkästchen seines Arbeitsalltags zu plaudern. Beim beredten Schweigen über die Redaktionskonferenzen, in denen sich viele Gedanken seines Buches entwickelten, gießt er seine ,Erkenntnisse‘ in stolzgeschwellte Worte:
„Diese Freitagsrunde ist nicht nur im Journalismus einzigartig, von ihr sagt Helmut Schmidt, sie sei oft besser als Kabinettssitzungen. Die Diskussionen dienen weniger dem operativen Zeitungsgeschäft als einer politischen Selbstvergewisserung, sind mehr ein Als-Ob-Regieren“ (S. 19).

Und dieser Als-Ob-Regierer hat sichtlich seinen Orwell gelesen, denn er verfügt über das in den meisten politikwissenschaftlichen Proseminaren auswendig zu lernende „Neusprech“ (Orwell 1984, S. 9). So schreibt er über „asymmetrische Kriege“ (S. 88) statt von Angriffskriegen, Deutschland bezeichnet er als „Mittelmacht“ (S. 64) statt als europäische Austeritäts-Großmacht und deren Bevölkerungsmehrheit attestiert er eine „Interventionsverweigerung“ (S. 145) statt sie als gewaltfrei zu kennzeichnen.

Allein damit liegt Ulrich handzahm auf der Herrschaftslinie mit ihrem Motto „Krieg ist Frieden“ (Orwell 1984, S. 20) und dürfte seinen Job damit auf Jahre hinaus gesichert haben. Doch lehrte ihn George Orwell offenbar noch mehr: „Wenn alle anderen die von der Partei oktroyierte Lüge akzeptieren – wenn alle Berichte gleich lauteten – dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit“ (ebd., S. 36). Mit einem Krieg der NATO gegen den Iran liebäugelt Ulrich nämlich über ein allzu bekanntes Argument: „Das Regime in Teheran droht mit der Vernichtung Israels und ist dabei, sich Atomwaffen zu beschaffen“ (S. 72).

Zwar ist leicht nachzuweisen, dass der ehemalige iranische Präsident Ahmadinedschad niemals behauptet hat – wie in „westlichen“ Massenmedien immer wieder durch falsche Übersetzungen lanciert – er wolle Israel „auslöschen“ oder „ausradieren“ und habe ohnehin ein Recht auf Atomwaffen. Tatsächlich lauten die Sätze, die von dem Islamisten in dieser Hinsicht bislang kamen, so: „Der Staat Israel sollte in eine andere Weltgegend verlegt werden“ und „Unser verehrter Imam hat gesagt, dass das Besatzungsregime einmal aus den Seiten der Geschichte verschwinden muss“ (vgl. Berger 2007). Selbstverständlich täuscht das nicht darüber hinweg, dass das iranische Regime gegenüber Israel nicht gerade friedlich gesinnt ist. Die bewusste Verbreitung falscher Übersetzungen in diesem Fall ist Bernd Ulrich jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bekannt.

Seine Mission ist es aber nun einmal, „nach richtigen und falschen Kriegen zu fragen“ (S. 123) – und zwar ausschließlich im Interesse der sogenannten westlichen Welt. Der 2003 begonnene Irak-Feldzug der USA sei ein „in seiner Begründung und Durchführung falscher und unmoralischer Krieg“ (S. 127) gewesen. Im Kosovo aber sei ein rundum richtiger Krieg geführt worden, denn dort habe die NATO aus reiner Nächstenliebe gehandelt; schließlich gebe es an dieser Stelle „kein Öl weit und breit. Zudem sind die reichen Industrienationen jahrzehntelang gut ohne den Balkan ausgekommen, warum sollten sie nun seinetwegen in den Krieg ziehen – es sei denn, um Menschen in Not zu helfen?“ (S. 40).

Außerdem, so Ulrich weiter, ließ sich „die deutsche Zurückhaltung […] in der internationalen Debatte schlicht nicht mehr begründen“ (S. 31). Jaja, der Großjournalist kennt sie, die liebe Not der Herrschenden inmitten des Gruppenzwangs an der Taktiktafel im War Room. Nur wollte dieses dumpfe Volk wieder mal nicht mitziehen, denn „die Deutschen brauchen mitunter sehr große Begründungen für sehr kleine militärische Beiträge. Im Fall des Kosovo-Krieges bestand dieser Beitrag in nicht mehr als ein paar Tornados“ (S. 36).
Feige wie dieser seine Machthabenden verzärtelt im Stich lassende Friedensfanatismus nun einmal ist, musste sich die Bundesregierung mit Notlügen wie dem „Hufeisenplan“ dann halt aus der Patsche helfen, um die paar Tornados zum NATO-zertifizierten Zerfetzen von Zivilisten da runter zu schicken. Aber, und da ist Ulrich ganz ehrliche Haut, er hat damals mit keiner Zeile für diesen Krieg argumentiert: „Der erste Krieg, für den ich mich offen ausgesprochen habe, war der gegen das Taliban-Regime in Afghanistan“ (S. 51).

Diesen befand der Schreibtisch-Hilfskommandant als „erste Gelegenheit für Deutschland, etwas zurückzugeben für die Befreiung von Hitler und die jahrzehntelange Unterstützung“ (S. 52). Dass nach gleicher Logik auch (und angesichts der weit höheren Opferzahlen im Kampf um den Sturz Hitlers sogar noch viel, viel mehr) die russischen Kriege gegen Tschetschenien oder Georgien zu unterstützen gewesen wären, lässt Ulrich natürlich galant unter den Tisch plumpsen, weil das böse Putin-Reich bekanntlich einer der größten Gegner Deutschlands im Ringen um die ökonomische Weltherrschaft ist.

Dachte Ulrich damals noch: „Richtiger kann ein Krieg nicht sein“ (S. 52), so hat der Publizist diese Position inzwischen reumütig zurückgenommen, zumal man im Strom der Opportunist-innen ja mithalten muss und keine Sekunde dagegen steuern darf, wo sich doch so viele speichelleckende Fische darin tummeln. Kein Wunder also, dass Ulrich freimütig bekennt: „Der Krieg, den ich selbst befürwortet habe, erfüllt mich heute immer wieder mit Trauer, wenngleich“ (S. 130) – so viel Selbstgefälligkeit muss dann doch sein – „nicht mit Scham; der Krieg war falsch, aber das konnte man vorher nicht wissen“ (S. 130).

Schämen musste sich Ulrich kurze Zeit später dann aber doch noch. Wenn auch nicht für sich selbst und auch nicht für das Gros seine Landsleute, sondern ausnahmsweise für seine Regierung und die Intellektuellen. Gar so sehr schämte er sich ob deren Unwilligkeit, in libysche Stahlgewitter aufzubrechen, dass er an dieser Stelle tonal ins Weinerliche verfällt. Schließlich löcherten ihn seine arabischen Bekannten mit Fragen voller Unverständnis. Hätte er denen etwa sagen sollen:
„Das müsst ihr verstehen, als es in Afghanistan um unsere Sicherheit ging, da mussten wir eingreifen, ohne Mühen und Kosten zu scheuen, ohne Soldatenleben zu schonen, nun aber, da es um eure Revolution und eure Verwandten geht, können wir leider nichts tun? Ich konnte das nicht. Die deutsche Regierung schon“ (S. 100).

Merke: Eine Regierung ist stets für eine Kriegsablehnung zu tadeln, wenn eine Vorgängeradministration ihrerseits irgendeinen Krieg geführt hat – mag dieser nun richtig gewesen sein oder nicht. Für Ulrich ist Deutschland kriegstechnisch dementsprechend in eine „Phase der Verlotterung“ (S. 178) eingetreten, in welcher der Bevölkerungswille in Fragen von Krieg und Frieden plötzlich skandalöserweise in wenigen Einzelfällen eine ernsthafte Rolle zu spielen scheint. Eine Rüge erhält diesbezüglich vor allem Horst Köhler, der 2010 in einem Radiointerview sinngemäß von legitimen deutschen Wirtschaftskriegen sprach; eine Aussage, die der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg noch ein halbes Jahr später stützte. So viel Abweichung vom „Neusprech“ gefährdet natürlich die großdeutsche Mission und kann von dem Autoren keinesfalls akzeptiert werden.

Wut und Trauer schleichen sich daher bei Ulrich ein, denn Deutschland sei „dabei, sich dem Thema Krieg umfassend zu entfremden“ (S. 182f.) und zeige damit den Diktaturen allüberall, „dass es wenig Grund gibt, dem Westen zuzuhören, wenn er mal wieder seine idealistische Phase hat“ (S. 164). Heute gebe es Weicheier, soweit das teutonische Auge reiche: „Nur Kriege, die mit unvermischt lauteren Motiven geführt werden, sind gerechtfertigt. Dann würde die Weltgeschichte der legitimen Kriege ein schmales Büchlein“ (S. 118). Ob dem Redakteur der auflagenstarken ZEIT bewusst ist, wie stark solche Äußerungen an jenen Vorabend des Ersten Weltkrieges erinnern, der nun genau einhundert Jahre zurückliegt und an dem sich maßgebliche deutsche Diskursteilnehmende nach einem Krieg als „Stahlbad der Nation“ (Fischer 1964, S. 61) sehnten, bleibt offen.

Was Bernd Ulrich inmitten seines tragikomischen Essays über den richtigen Krieg der Guten und den falschen Frieden der Bösen jeoch über jene Bücher schreibt, die seinem eigenen Standpunkt widersprechen, gerät summa summarum zur unfreiwilligen Charakterisierung seines eigenen Kriegs-Buches, das exemplarisch steht für zahllose andere in großen Publikumsverlagen erscheinende Werke aus hegemonialer Perspektive. Könne man doch „den Wahrheitsgehalt solcher Bücher meist an der Lautstärke ablesen: Je lauter, desto falscher, je weniger tastend, desto weniger begreifend“ (S. 81).

Hier geht´s zum Originalbeitrag:

http://kritisch-lesen.de/rezension/sehnsucht-nach-dem-stahlbad

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Ein Hohes Haus, oder?

Erstellt von IE am 18. März 2014

Ein ganzes Jahr hat er sich ins Parlament gesetzt um den Bundestagsabgeordneten zuzuhören und dann ein Buch darüber geschrieben. Seine Beobachtungen bezeichnet Roger Willemsen als einen Abgesang auf die Würde des Parlaments und wir sollten ihm dafür dankbar sein, sich für eine so lange Zeit in dieser unterbelichteten Szene auf gehalten zu haben.

Wobei wir immer schon ironisch auf die breite Presse geblickt haben, welche dieses seltsame, sich selber Politiker nennende Völkchen, im vorauseilenden Gehorsam seinen Lob zollt. Vielleicht auch ein Grund mit, weshalb die Printmedien mehr und mehr an Leser verlieren. Die Bürger und hier vor allen Dingen die Jugend hat ein sehr feines Gespür für die Umgebung welche sie umgibt. Eine dumm schwätzende, von Parteien abhängige politische Hilfsarbeiter Clique, zudem mit einer breiten Selbstbedienungsmentalität ausgestattet, sind nicht die richtigen Menschen um sich über Andere zu erheben.

Nirgendwo klaffen Lüge und Wahrheit weiter auseinander als gerade in der Politik. Nirgendwo anders lässt sich so leicht und vor allen Dingen risikolos so schnell und einfach das finanzielle Leben privat absichern. Erst einmal in die Hierarchie einer Partei in die Spitze gelangt, gibt es kaum genügend goldene Löffel zu stehlen um wieder aus dem  Raster nach unten durchzufallen. Dabei ist das kein Problem einer einzelnen Partei, denn geht es um Macht und Geld sind alle gleich und sich darin einig. Selbst wenn DIE LINKE morgen in die Regierung käme, würde sie sich nicht von allen Anderen unterscheiden und sich in diesem Land nichts zum Positiven verändern..

Denn Wissen ist Macht und es ist das wichtigste zur Verteidigung derselben, dieses Wissen nicht nach unten durchzustechen. Selbst Politiker mit falschen DR. Titeln werden goldene Brücken zur Wiedergeburt gebaut. Im Zivilleben nennen wir dergleichen Betrüger, Heiratsschwindler oder Hochstapler welche dementsprechend mit Gefängnis bestraft werden. In der Politik gehen sie straffrei aus, obwohl sie eine breite Bevölkerung und nicht eine einzelne Person betrogen haben.

Ein Uli Hoeneß wird so, zweifellos zu Recht, wegen Steuerhinterziehung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Politiker welche die jetzt nachzuzahlenden Gelder durch eine falsche Ausgabenpolitik verschwenden gehen dagegen straffrei aus. Beispiele wie Stuttgart 21, den Berliner Flughafen, Waffenlieferungen über Kreditzusagen der  Regierung in ein Pleiteland wie  Griechenland sind hier nur einige Beispiele.

In Ihrer Buchbesprechung schreibt die Journalistin Anja Maier in der TAZ in ihrem Schlusskapitel folgendes:

„Das Hohe Haus“ ist ein ernüchterndes Buch. Durch seine geschliffene Wortwahl, die klugen Gedankengänge, die Roger Willemsen mit seinen Lesern durchstreift, schaut man tief hinein in das parlamentarische System – also in das, was als solches ausgestellt wird. Besser ist es eben nicht, was dort im Reichstag aufgeführt wird. Aber es könnte, es müsste besser werden. Ein Blick auf diktatorisch geführte Staaten würde schon genügen, um eine gewisse Demut gegenüber den parlamentarischen Möglichkeiten dieses Landes zu empfinden. Doch es steht zu befürchten, dass niemand diesen Blick wagt. Nicht so lange die Mehrheitsverhältnisse so sind wie in dieser gerade erst beginnenden Legislatur.

Willemsen leidet am Hohen Haus

Das Schiff gleitet fast lautlos den Rhein hinauf, wendet, gleitet stromabwärts, dreht wieder. Peu à peu taucht das Ufer ins Dunkle, während im Bauch des Schiffes ein fasziniertes Publikum sich auf die Schenkel schlägt, an den Kopf fasst, ungläubig lauscht. Vorne auf der Bühne wird unser Parlament seziert. Und plötzlich stehen vor unserem geistigen Auge die Abgeordneten ganz nackt da, ganz schäbig, undiszipliniert, schlecht erzogen.

„Ich habe für Sie gelitten“, tut Roger Willemsen kund, Allroundgast auch auf der diesjährigen lit.Cologne. Ohne ihm Unaufrichtigkeit unterstellen zu wollen, ist dieser Satz ans Publikum eher eine rhetorische Schwalbe. Trotzdem muss man ihm Respekt zollen: Ein Jahr lang  hat er in den Sitzungswochen den Bundestag besucht, ausgeharrt und aufgeschrieben, dem Volksvertreter aufs Maul geschaut. Und hat am Freitagabend Zeugnis abgelegt, im Wechsel mit der Schauspielerin Annette Schiedeck und dem Hörfunk-Moderator Jens-Uwe Krause. Wenn Willemsen gelitten hat, dann sicherlich mit einem gerüttelt Maß an empörter Lust!

Gemeinplätze und Hohlräume

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger >>>>> weiterlesen

Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Martin Lindner

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Bolivars Erben

Erstellt von Uli Gellermann am 18. März 2014

Linksregierungen in Lateinamerika

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 17. März 2014
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Buchtitel: BOLIVARS ERBEN
Buchautor: Dieter Boris
Verlag: Papyrossa

In nüchterner Sprache und mit akribischer Recherche berichtet Dieter Boris in seinem neuen Buch B0LIVARS ERBEN über die neuen, linken Wege, die in Lateinamerika gegangen wurden und noch gegangen werden, um nach dem Ende des „neobliberalen Wirtschafts- und Geschäftsmodells“ dessen Schäden zu beseitigen. Gerade aus der Erfahrung und in Absage an dieses Modell, das eine „Völlige Öffnung der Ökonomien, Liberalisierung aller Preise, weitestgehenden Rückzug des Staates aus der Wirtschaft, Abbau sozialstaatlicher Sicherungen, Privatisierung von Unternehmen und bis dahin öffentlicher Dienstleistungen“ vorsah und umsetzte, hat sich der Linkstrend in einer Reihe von Latino-Ländern durchgesetzt.

Wenn zur Zeit die Proteste gegen die linke Regierung in Venezuela deutsche Bildschirme füllen, dann werden diese Aktivitäten kaum mit jenen sozialen Spannungen erklärt, die aus den von den Linken zurückgedrängten oberen Schichten kommen, die zu gerne wieder ihre alten Bastionen besetzen würden. Man fühlt sich an die „Kochtopf-Demonstrationen“ im Chile Allendes erinnert, in denen immer wieder Damen im Chanel-Kostümchen so taten, als würden sie gleich verhungern. Es sind wesentlich die Kinder der venezolanischen Oberschicht, die ihre Barrikaden vorgeblich gegen die Korruption bauen, als wären ihre Väter nicht eben durch Korruption das geworden was sie durchweg heute noch sind: Reich.

Es ist auch und gerade die Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums in Venezuela, der in mancher Hinsicht auch für andere linksentwickelte Länder steht: „Vor allem im Gesundheits- und Bildungswesen bedeutet für die Masse der Armen Venezuelas . . . die seit 2003/04 mit Hilfe kubanischer Ärzte und Pädagogen eingerichteten Gesundheits-, Alphabetisierungs- und Erziehungsstationen, einen Quantensprung“, schreibt Boris und stellt fest, dass rund 17 Millionen der 25 Millionen Bürger von diesen Maßnahmen erfasst werden. In Bolivien hebt er das neue Rentenprogramm hervor, in Argentinien die Abkehr vom privaten Rentenversicherungssystem und in allen Ländern mit Linksregierungen schätzt er die Re-Verstaatlichung privater Betriebe als positiv ein. Allerdings macht er sich keine Illusionen: Er merkt zum Beispiel in Venezuela Korruption und mangelnde Transparenz an und sieht „Paternalismus und teilweise militärische Strukturelemente.“

Als prägend begreift Boris die „neuen Formen gesellschaftlicher Partizipation“ in Lateinamerika, die jene Verselbständigung des alten Parteiensystems, durch Wahlenthaltung und Ablehnung belegt, transformieren soll: „In Venezuela, Bolivien und Ekuador wurde das vorherige parlamentarisch-repräsentative System über die Wahl von Verfassungsgebenden Versammlungen . . . entscheidend modifiziert, um dadurch direkt-demokratische, plebiszitäre, aber auch kulturelle und regionale Besonderheiten respektierende Momente aufzunehmen.“ Nachdrücklich weist er den Versuch westlicher Kommentatoren zurück, die Änderung und Erweiterung überholter parlamentarischer Riten als Populismus zu denunzieren. Ihm sind all diese Mühen „Suchprozesse“ nach neuen, direkteren und auf die gesellschaftliche Basis orientierten Formen der Teilhabe an den politischen Entscheidungen.

Wer die Medienlandschaft der Bundesrepublik Deutschland betrachtet, der könnte angesichts des großen staatlichen Sektors in der TV- und Rundfunklandschaft im Vergleich zu Lateinamerika den galoppierenden Sozialismus vermuten. Um so unverständlicher ist das regelmäßige deutsche Aufjaulen, wenn das bis jüngst nahezu vollständig private Medienwesen in einigen Ländern Lateinamerikas eine Korrektur erfährt. Am Beispiel Argentiniens, wo in der Diktaturzeit nur private TV- Stationen betrieben werden durften, hat die Entmachtung der Clarin-Gruppe, die bisher 58 Prozent des Kabelmarktes besaß (und 73 des Zeitungsmarktes und des Pay-TV-Sektors) im Ergebnis des neuen Mediengesetzes Unternehmensanteile verkaufen müssen, um eine gewisse Pluralisierung des argentinischen Medienmarktes zu erreichen. Umgehend soldarisierten sich die Neue Zürcher Zeitung, die New York Times und die Frankfurter Allgemeine und beharrten auf einem angebliche Abbau der „Pressefreiheit“. Das faktische Monopol der Clarin-Gruppe fanden sie nicht des Erwähnens wert.

Im Buch von Boris finden sich Analysen der verbesserten wirtschaftlichen Binnenstrukturen, der erstaunlichen Entschuldungsprozesse lateinamerikanischer Länder, vor allem aber die bei uns wenig bekannten Versuche, einen der EU ähnelnden gemeinsamen Wirtschaftsraum zu schaffen, der von der Zollunion MERCOSUR bis zur UNASUR der „Union Südamerikanischer Staaten“ reicht, einer Vereinigung, die laut Gründungsurkunde dem Kampf gegen „Ungleichheit, soziale Ausgrenzung, Hunger, Armut und Unsicherheit“ gewidmet ist. Dass solche Vereinigungen immer auch gegen den übermächtigen Nachbarn USA gerichtet sind, wird bei TELESUR besonders deutlich. „Diese von Präsident Chavez im Juli 2005 kreierte gesamtlateinamerikanische Nachrichtenagentur . . . versteht sich explizit als Gegenkraft zu den großen privaten nordamerikanischen Fernsehstationen CNN und Univision sowie der britischen BBC“. Spätestens an dieser Stelle blinkt aus dem zuweilen trockenen Text eine gewisse, händereibende Fröhlichkeit, wenn der Autor aufzählt wer schon alles den Latino-Sender stützt: „Außer Venezuela auch Argentinien, Bolivien, Kuba, Ekuador, Nikaragua und Uruguay“. Bei aller wissenschaftlicher Kühle: Ein wenig Vergnügen muss sein.

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Safranskis Goethe

Erstellt von Rationalgalerie am 11. März 2014

Kunststück des Lesens

Autor: Botho Cude

Rationalgalerie

Datum: 10. März 2014
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Buchtitel: Goethe Kunstwerk des Lebens
Buchautor: Rüdiger Safranski
Verlag: Hanser

Das Närrischste ist, daß jeder glaubt, überliefern zu müssen was man gewußt zu haben glaubt.
Goethe, Maximen und Reflexionen 583 /1/

Wir heute besitzen geistig den ganzen Goethe aus der Übersicht unendlicher Äußerungen, die er getan. Wir haben ein kaum übersehbares Material an Schriftlichem jeder Art, das über Goethes Verkehr mit Menschen jeder Art Kunde gibt. Dazu eine umfangreiche Literatur, die Goethes innerste Gefühle, die er niemandem aus seiner Umgebung vielleicht anvertraute, nun aus seinen Werken heraus zu empfinden erlaubt.
Herman Grimm, Goethe aus nächster Nähe (1898) /2/

Nie schien es leichter, Goethes Leben zu schreiben. Aber die unmenschliche Menge des Gedruckten, die sich seit Herman Grimms bedeutendem Essay inkommensurabel vervielfacht hat, macht dieses Ansinnen zu einer Materialschlacht. Während Schiller, Kleist und Büchner bereits vorbildlich und EU-konform für die Pisa-Generation aufgearbeitet wurden, harrte der Europäer Goethe noch seiner Generalüberholung. Nun hat es Rüdiger Safranski unternommen, uns den renovierten Goethe zu präsentieren.

Bei der heutigen Unterstützung durch die Sekundärliteratur kann ein Profi keine unbrauchbare Goethebiografie verfassen. Mit steigendem Lebensalter ist zunehmend jeder Tag im Leben des Meisters dokumentiert. Die wahre Kunst besteht in der richtigen Auswahl aus der Masse des Verfügbaren.

Eingangs des 20. Jahrhunderts wurden zwei bahnbrechende Goethebiografien geschrieben. Wilhelm Bode verfasste „Goethes Leben“, das in neun Bänden leider nur bis 1797 reicht, weil der Autor über seinem Werk starb. Der Däne Georg Brandes schrieb im 1. Weltkrieg „Goethe“, ein Buch, das dessen Leben und Dichten erstmals entwicklungsgeschichtlich und psychologisch betrachtet.

Rüdiger Safranski fußt konzeptionell auf Brandes. Er ist fokussiert auf die Werksinterpretation und begnügt sich mit einer bloß summarischen Biografie. Manchmal entsteht der unterschwellige Eindruck, als habe Safranski sein Räsonnement mit den Worten des Dichters garniert. Vor-, Zwischen- und Nachbetrachtung des Autors offenbaren uns eine neuzeitliche Sicht auf das Phänomen Goethe, die man im biografischen Kontext eher vermisst. Dabei gilt durchgehend, was Gero von Wilpert in seinem verdienstvollen Goethe-Lexikon unter dem Stichwort Siegmund Freud schreibt: Dazu vgl. Faust (von 1765) „Du hörest ja, von Freud ist nicht die Rede.“ /3/

Handwerklich ist die Biografie perfekt gearbeitet. Jedes Goethewort ist kursiv gedruckt und im Apparat ausgewiesen. Das gilt auch für alle anderen Zitate, die in Anführungsstriche gesetzt sind. Außerdem findet sich im Anhang eine kurze Chronik von Goethes Leben und ein üppiges Literaturverzeichnis. Nur das Personenregister ist nicht ganz vollständig. Joseph von Hammer-Purgstall fehlt, der Übersetzer von Hafis´ Diwan.

Safranski ist wie viele Goethegläubige der Selbststilisierung des großen Mannes aufgesessen. In seinen autobiografischen Schriften entwickelt Goethe eine Zielgerichtetheit, der sein realer Lebensweg nur entfernt entspricht. Die Flucht vor der Frankfurter häuslichen Enge in das Duodezfürstentum, das kümmerliche Sichbescheidenmüssen infolge der Kleinheit der Verhältnisse, der unentwegte Kampf mit dem unerfreulichen Zeitgeschehen wirken auf den späten Betrachter mitnichten pyramidal. Dreimal ist Goethes bürgerliche Existenz durch Kriege bedroht. Den Siebenjährigen erlebt er als Kind im Elternhaus durch Einquartierung, den ersten Koalitionskrieg 1792 als Kombattant, die Napoleonischen Feldzüge hautnah mit Besatzung inklusive leiblicher Bedrohung durch Marodeure. Als ihm Napoleon Paris als Wohnort schmackhaft zu machen versucht, ist Goethe vielleicht auch deshalb durchaus interessiert.

Alles Anekdotische wurde ausgespart. Ein Beispiel gefällig, liebe LeserInnen? 1808 begegnet er einer Verehrerin, der Berliner Bürgersfrau Dutitre. Ick hatte mir vorgenommen, den großen Goethe doch och mal zu besuchen und wie ick durch Weimar fuhr, ging ick nach seinem Garten und gab dem Gärtner einen harten Taler, daß er mir in eine Laube verstecken und einen Wink geben sollte, wenn Goethe käme. Und wie er nun die Allee runter kam, und der Gärtner mir gewunken hatte, da trat ick raus und sagte: Angebeteter Mann! Da stand er stille, legte die Hände auf den Rücken, sah mir groß an und fragte: Kennen Sie mir? Ick sagte: Großer Mann, wer sollte Ihnen nicht kennen! und fing an zu deklamieren:
Festgemauert in der Erde
Steht die Form aus Gips gebrannt!
Darauf machte er einen Bückling, drehte sich um und ging weiter. /4/
In höherem Alter wird der Dichter zu einer Art Denkmal und Reisende aus aller Herren Länder suchen ihn heim. Der Studiosus Heinrich Heine etwa antwortet auf Goethes Frage: „Womit beschäftigen Sie sich jetzt?“ „Mit einem Faust.“ /5/ Da fällt es schwer, die Contenance zu bewahren. Das „Kunstwerk des Lebens“ (so ist die Biografie untertitelt) besteht über weite Strecken darin, das Widrige zu meiden.

Safranski streift nur Goethes langen Marsch durch die Institutionen, der wie nachmals Joschka Fischer als jugendlicher Steinewerfer beginnt und als korpulenter Staatsminister endet. Auch die Sehnsucht nach jungen Frauen vereint die beiden. Noch warten wir auf Joschkas Theaterstücke.

Goethes Liebesleben kommt zu kurz. Er soll keine unehelichen Nachkommen hinterlassen haben. Sein Herzog dagegen wird das weimarische Genom kräftig aufgefrischt haben. Der war hinter den Weiberröcken her wie der Teufel hinter den armen Seelen.

Es war ein Kaufmann in Stützerbach, der drei mannbare Töchter hatte und von der herzoglichen Rowdybande öfters heimgesucht wurde. Wenn die Ilmenauer mündliche Überlieferung glaubhaft ist (und sie war zumindest in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts noch intakt), haben sich Goethe und sein Herzog in die Töchter des Kaufmanns geteilt. Dann ist da noch die unwirtliche Höhle am Herrmannstein, in der Johann Wolfgang mit Charlotte übernachtet hat. Vielleicht können unsere Thüringer LeserInnen uns einigen Aufschluss geben, den wir bei Safranski vergebens suchen. Klopstocks väterliche Mahnung an den jungen Wilden wird vom Autor abqualifiziert, wie wir es von der moralinsauren Goethebiografik gewohnt sind. Karl Eduard Vehse, ein guter Kenner der Weimarer Hofgeschichte, schreibt diplomatisch: Goethe blickte später nur höchst ungern auf die ersten wilden weimarischen Jahre und mochte kaum die Haupttummelplätze derselben wieder sehen. /6/

Weil es sich für ein Nationalheiligtum wie Goethe so geziemt, schreibt Safranski weitestgehend humorfrei. Nur mit Schiller hat er sich einen kleinen Scherz erlaubt: „Die Kraniche des Abakus“, die vielleicht schönste von Schillers Balladen (S. 419), wobei er uns im Zweifel lässt, ob mit Abakus die quadratische Deckplatte über dem dorischen Kapitell oder das Rechenbrett gemeint ist.

Ein wenig verwundert es, dass Safranski bei der Besprechung der Prosa-Iphigenie des Jahres 1779 auf die metrische Fassung Goethes zurückgreift, die erst Jahre später in Rom entstand. Herder blieb es vorbehalten, in Weimar die Jamben zu korrigieren. Der wird später mit Bezug auf Goethes Trauerspiel „Die natürliche Tochter“ witzeln: Dein natürlicher Sohn ist mir lieber. Die problematische Freundschaft der beiden Klassiker wird nur spärlich beleuchtet. Dafür erfahren wir viel von Fichte, über den sich Goethe im Zweiten Teil des „Faust“ lustig macht, indem er dem Baccalaureus Worthülsen aus dessen Philosophie in den Mund legt.
Mitunter verstolpert sich Safranski im eigenen Bildungsschutt. Was soll uns ein Kapitel „Der taoistische Goethe“ mitteilen? Über einige Chinoiserien sind Goethes Kenntnisse des Reichs der Mitte nie hinausgekommen. Doch was fördert es mich, daß auch sogar der Chinese/ Malet, mit ängstlicher Hand, Werthern und Lotten auf Glas? (Venezianische Epigramme 34b) /7/

Viele Realien vermisst man. Das äußere Leben lässt sich Tag für Tag der Goethe-Chronik entnehmen. Aber zu einer Lebensbeschreibung gehört mehr. Wie sah Goethe aus? Wir erfahren es nicht. Dazu passend finden sich im Buch keinerlei Illustrationen bis auf drei kümmerliche, beschnittene und getönte Abbildungen von Goethes Gesicht auf dem Schutzumschlag.
Wie sah Goethes Diätetik aus? Wie viel Alkohol konsumierte er in den unterschiedlichen Lebensaltern? Was aß er gern? An welchen Krankheiten, Manien und Phobien litt der große Mann? Entlegene Quellen, die früher teils schamhaft übergangen wurden, gehören zitiert. All das habe ich schmerzlich vermisst. Auch erfahren wir fast nichts von Goethes Leben im Gartenhaus. Die frühen Weimarer Sturm-und-Drang-Jahre sind von Safranski ziemlich stiefmütterlich abgehandelt worden.

Schwerer wiegt jedoch, dass die literarischen Vorbilder übergangen werden. Herder hatte einst den jungen Goethe mit Johann Georg Hamann bekannt gemacht. Goethe behauptet, Hamann sei der Autor, von dem er am meisten gelernt, notiert Johann Kaspar Lavater im Juli 1774. /8/ Goethe war zeitlebens von diesem Mystiker und Sprachphilosophen fasziniert und schreibt in Dichtung und Wahrheit: Ich gebe die Hoffnung nicht auf, eine Herausgabe der Hamannschen Werke entweder selbst zu besorgen, oder wenigstens zu befördern. /9/
Der von Goethe hochgeschätzte Lord Byron wird nur in der Schlussbetrachtung namentlich erwähnt.

Goethes Dichtungen wirken durch sich selbst. Wer bei seiner Goethe-Lektüre Erklärungsbedarf verspürt, der ist mit dem Kommentar und Anmerkungsapparat beispielsweise der Münchner Werksausgabe gut beraten.
Rüdiger Safranski hat eine aktuelle Interpretation der Hauptwerke abgeliefert, aber die packende Lebensgeschichte Goethes für unsere Tage steht noch in den Sternen geschrieben.

Anmerkungen
/1/ Goethe, Sämtliche Werke, Münchner Ausgabe, Bd. 17, S. 826
/2/ Herman Grimm, Das Jahrhundert Goethes, Stuttgart 1948, S. 15
/3/ Gero von Wilpert, Goethe-Lexikon, Stuttgart 1998, S. 342
/4/ Biedermann, Goethes Gespräche, Leipzig 1909, Bd. 5, S. 79
/5/ H. H. Houben, Gespräche mit Heine, Potsdam 1948, S. 99
/6/ Karl Eduard Vehse, Der Hof zu Weimar privat, Köln 2011, S. 79
/7/ Goethe, Sämtliche Werke, Münchner Ausgabe, Bd. 3.2, S.132
/8/ Biedermann, Goethes Gespräche, Leipzig 1909, Bd. 1, S. 43
/9/ Goethe, Sämtliche Werke, Münchner Ausgabe, Bd. 16, S. 548

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Berlinale: Gute deutsche Soldaten

Erstellt von Uli Gellermann am 13. Februar 2014

My Lai massacre showing mostly women and children dead on a road.

Schlechte Bürokratie in Afghanistan

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 12. Februar 2014

Was es nicht gibt in Afghanistan: Den Bruch des Grundgesetzes, das uns keine Auslandseinsätze erlaubt; die unschuldigen Zivilisten, die von den internationalen Truppen weggebombt werden; Korruption auf allen Ebenen, Heroinhandel und einen Krieg aus geostrategischen Gründen. Jedenfalls kommt all das nicht in Feo Aladags Film „Zwischen Welten“ vor. Was es dort gibt sind deutsche Soldaten, die Kühe kraulen; Bundeswehr-Kumpels, die wegen eines afghanischen Kindes ihr Leben riskieren; die einen flotten Disco-Strip hinlegen, um für eine erschossene Kuh Geld zu sammeln; die Ihre Entlassung riskieren, um einer afghanischen Frau das Leben zu retten. So freundlich und heldisch kann der Krieg in Afghanistan sein.

Am Strand von Rügen entschließt sich Hauptmann Jesper (Ronald Zehrfeld) zum zweiten Mal nach Afghanistan zu gehen. Weil, so erzählt der Film implizit, sein Bruder dort umgekommen ist. Sucht er auch den Tod, will er seinen Bruder rächen? Das mag der Film nicht beantworten. Also zieht Jesper mit seinem Trupp und dem neuen Dolmetscher Tarik (Mohsin Ahmady) los, um in einem Dorf nahe Kunduz einen Checkpoint zu beziehen, der auch von Arbaki-Milizen besetzt ist. Glauben wir dem Film, dann sind das alles selbstlose Heimatschützer, glauben wir der Karzai-Regierung und dem Sender Al Jazeera, dann sind sie ein Haufen von Schutzgelderpressern, Räubern und Vergewaltigern. Als diese Truppe einen ihrer Toten bergen will, fragt Hauptmann Jesper das deutsche Hauptquartier, ob der dabei helfen darf. Die Befehlsstelle sagt nein. Ab hier beginnt Feo Aladags durchgehendes Szenario von den tapferen Frontkämpfern und den sturen Bürokraten in den Kommandostäben. Ein Szenario, dass in den Landserheftchen über den 2. Weltkrieg schon genutzt wurde: Klar, irgendwie war der Krieg nicht so toll, aber die kämpfende Truppe, die war gut, tapfer und gerecht, damit hat sich dann die Frage nach dem Sinn des Krieges erübrigt.

Der Feind hat in „Zwischen Welten“ kein Gesicht, er ist heimtückisch und bedroht den Übersetzer der kernigen deutschen Truppe und dessen Schwester. Da der Feind zwar schießt, vorzugsweise aus dem Hinterhalt, aber nie zu sehen ist, sehen wir auch seine Toten nicht. Da richtet sich der Film ganz nach dem deutschen Mainstream: Es gibt nur deutsche, oder mit den Deutschen verbündete Tote. Wenn denn doch mal über afghanische Tote geredet werden muss, dann sind es heimtückische Benzindiebe. So nimmt des Schicksal seinen Lauf: Die Schwester des Übersetzers wird angeschossen, der deutsche Hauptmann bringt sie, gegen einen ausdrücklichen Befehl, zum Bundeswehrlazarett, seine Truppe wird auf einer von der Regie vorgesehen Patroullienfahrt vom unsichtbaren Feind überfallen und einer von Jespers Kameraden stirbt. Natürlich kommt der Hauptmann vor Gericht, die böse Bürokratie siegt und der tapfere Jesper darf am Grab seines Bruders traurig gucken.

Frau Aladag, die sich freiwillig embedded hat, macht uns in ihrem Drehtagebuch mit ihren Positionen vertraut: Es mangele in Deutschland an „ehrlichem Respekt“ gegenüber „unseren Soldaten“. Und der Bundestag habe habe die Bundeswehr nach Afghanistan geschickt, „Um eben diesen Menschen zu helfen“. Diese Menschen sind „ihre Fahrer, ihre Köche, ihre Dolmetscher und ihre Familien“. Dass es die alle nicht gäbe, wären die Deutschen nicht da, fällt der Regisseurin nicht auf. Sie schreibt in ihrem Drehtagebuch weiter, dass sie uns erinnern wollte „an die Verantwortung unserem eigenen Gewissen gegenüber.“ Das muss ein merkwürdiges Gewissen sein, das an keiner Stelle des Films die Präsenz deutscher Soldaten in einem fremden Land infrage stellt.

BERLINALE: Lars von Trier in Czernowitz

Ziemlich öde Schwanzparade

„Das wirst Du alles im zweiten Teil erfahren“, sagte die Kollegin neben mir im Kino, als ich nach dem Sinn von „Nymphomaniac“, dem neuesten Film des Regisseurs Lars von Trier fragte. Aber nach gefühlten drei Kilometern Schwänzen in immer der selben Möse bin ich nicht sicher, ob es eine Auflösung der Sinnfrage gibt, oder ob sich die Langeweile des ersten Teils einfach nur fortsetzen wird.

Es ist die klassische Psychiater-Situation: Eine Frau (Charlotte Gainsbourg) liegt auf einer Couch, neben Ihr sitzt ein Mann (Stellan Skarsgard) und hört zu wenn die Frau aus dem Leben plaudert. Sie sei schlecht sagt die Frau, weil sie von frühester Jugend an rumgevögelt habe, so an die 10 Männer seien es täglich gewesen, und allein die Organisationsarbeit habe sie beträchtliche Mühe gekostet. In diesen Mühen sehen wir nicht die Gainsbourg, sondern ihre jüngere Ausgabe, die Schauspielerin Stacy Martin, die trotz einer weitgehend öden Handlung eine beträchtliche Ausstrahlung zeigen kann und weit über das gleichgültige Rammeln hinaus Gefühle vermittelt.

Zum Beispiel dann, als Ihr Vater auf Raten stirbt und sie das zeigt, was, so Lars von Triers Drehbuch, Gift für den Sex ist: Liebe. Denn so wie sie ihren Vater töchterlich liebt, so sind ihr die Kerls, mit denen sie in Bussen und Bahnen, auf Tischen und Stühlen, in Häusern und im Freien ihrer Passion nachkommt, herzlich gleichgültig. Der zuhörende Mann erklärt ihr, dass sie nicht schlecht sei, den Männern habe sie nichts angetan und wenn es ihr denn Freude mache, bitteschön, was soll´s.

Während der 180-minütigen Schwanzparade habe ich an einen alten, jiddischen Witz denken müssen: Jossele aus Czernowitz war in Paris und als er zurück kommt wollen seine Freunde wissen, was er erlebt hat. Natürlich war Jossele auch im Bordell. Und? Wie war´s? Na, überall rote Teppiche. Und dann? Dann diese Kronleuchter, wie eine Feuerwerk. Und dann? Es gab Champagner, so einen habt ihr noch nicht getrunken. Und dann? Und dann bin mit einer halbnackten, wunderschönen Frau auf´s Zimmer gegangen. Und dann, und dann, und dann rufen seine Freunde im Chor. Und Jossele antwortet: Dann, dann war es genau so wie in Czernowitz.

Es steht zu befürchten, das Lars von Trier auch im zweiten Teil nicht über Czernowitz hinaus kommen wird.

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Fotoquelle: – Wikipedia – Author Ronald L. Haeberle

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BERLINALE: The Grand Budapest Hotel

Erstellt von Uli Gellermann am 11. Februar 2014

Zeitvergeudung auf hohem Niveau

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 10. Februar 2014

Tatatata: Der Eröffnungs-Film der Berlinale wirft mit Filmprominenz nur so um sich. In „The Grand Budapest Hotel“ sind sie alle versammelt: Ralph Fiennes, Willem Dafoe, Harvey Keitel, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton und Tilda Swinton leihen im Film von Wes Anderson einem exquisiten Comic Strip ihre Gesichter. Aber auch wenn der Regisseur behauptet, er habe seine Story irgendwie dem österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig zu verdanken, muss man den großen Autor in Schutz nehmen: Keiner seiner Bücher ist zu erkennen.

Zu erkennen ist eines der östlichen Länder der österreichischen Doppelmonarchie in der Zwischenkriegszeit. Der noch kaum verblassende Glanz eines Luxushotels ist die üppige Dekoration für den Lebensweg eines Concierge (Ralph Fiennes), dem der erheblich clevere Zero (Tony Revolori) als Lobby Boy assistiert. Nichts ist echt, bis in die kleinsten Lebensregungen ist alles wunderbar süßlich gefälscht und im Mittelpunkt steht die Form. Der Inhalt? Die Inhaberin des Hotels, die völlig verschandelte, weil auf über 80 Jahre gemaskenbildnerte Tilda Swinton, wird ermordet. Sie hat dem Concierge ein elend kostbares Gemälde vermacht, das ihre Sippe dem nicht gönnt.

Pünktlich mit Tilda Swintons Tod beginnt eine Schnitzeljagd durch die 20er Jahre, drohend, aber leider auch zu komisch, stehen die Nazis am Horizont, immer wieder fährt die Kamera faszinierend durch lange Flure, mal jene des Luxushotels, dann wieder durch jene eines Gefängnisses in dem der Concierge gelandet ist weil er unter Mordverdacht steht. Dort wird er, gemeinsam mit einer ausgesucht skurrilen Verbrechertruppe, ausbrechen und keinen Gag auslassen. Nicht einmal auf das in Pasteten eingebackene Ausbruchswerkzeug kann verzichtet werden.

Hundert Minuten Filmzeit gehen im „The Grand Budapest Hotel“ wie im Flug vorbei und wer ganz genau hinsehen will, der erkennt, statt des erwarteten Budapest das Städtchen Görlitz, den eigentlichen Drehort, und kann auch dieser sächsischen Stadt einiges abgewinnen. Der Film ist gemacht, um die Zeit zu vertreiben, und wenn alle einzelnen Diapositive, Standbilder die vorgeben Film zu sein, mit sanftem Klick gezeigt worden sind, ist die Zeit auch endlich vergnüglich vergeudet. Auf ziemlich hohem ästhetischen Niveau. Man wird sehen, was das wahrscheinlich größte Filmfestival der Welt mit seinen 409 Filmen, seiner nahezu halben Million Zuschauern, seinen 936 Vorführungen und seinen vielen Stars in den nächsten Tagen noch zu bieten hat. Sicherlich ein wenig mehr Inhalt.

BERLINALE: Sari trifft Dirndl

Über aus der Art geschlagene Kinder

Zu den vielen Sektionen der Berlinale, gehört auch die Reihe „Perspektive Deutsches Kino“. Hier sind die künftigen Fassbinders zu entdecken oder die Andreas Dresens oder Fatih Akins. Und zwei von diesen Talenten haben gemeinsam einen sehr privaten Film über zwei fremde Kulturen gemacht, über die Sitten und Bräuche der Bayern und der Tamilen: „Amma & Appa“. Schnell erfährt der Zuschauer das Amma nichts anders ist als Mamma auf Tamil, und Appa wiederum Pappa in der fernen fremden Sprache bedeuet.

Da lieben sie sich nun, die Franzi und der Jaya. Sie so handfest und pragmatisch wie nur je eine junge Frau in Bayern geboren wurde. Er eher zart und sensibel wie, ja nun, wie einer der Kunst studiert. Und weil Jaya aus Indien stammt und eher Englisch spricht (von seinem Herkunfts-Tamil ganz zu schweigen), kommt der Hochdeutsche in den angenehmen Genuss von Untertiteln auch unterhalb des Film-Bayerischen. Ob die das im Fernsehen auch machen könnten? Bei all den Dramen, die in den Alpen spielen und in denen kernige Burschen den drallen Madeln immer Worte zuwerfen, die wie Oachkatzlschwoaf klingen und weiß-Gott-was zu bedeuten haben? Das wäre eine echte Hilfe. Wer jetzt von Rassismus spricht, verkennt die tiefe Ausländerfreundlichkeit des Filmkritikers: Er will doch nur verstehen.

Um Verständnis ringen auch Pappa und Mamma in Franzis Fall. Die Franzi, sagt der Pappa, die habe schon immer eine Vorliebe für dunkle Typen gehabt, jo mei, er will das verbotene N-Wort nicht sagen, aber ganz schön dunkel sei der Jaya schon und Franzi ist schon dreissig, da waren die Eltern längst zehn Jahre verheiratet. Und ihre jüngere Schwester ist auch schon verehelicht, in Glitzerweiß und in einer Orgelkirche, prächtig anzuschauen. Nur sie, die Franzi, hat eine Beziehung zu einem indischen Tamilen, dessen Heimatort für indische Verhältnisse eher ein Kaff ist, Cuddalore, und das in Süd-Indien liegt, weit weg von den modernen indischen Zentren. Aber jetzt, sagt sich die Franziska Schönenberger, jetzt will sie die Verhältnisse mal anschieben und begibt sich gemeinsam mit ihrem Komilitonen Jayakrishnan Subramanian auf nach Indien und in einen Dokumentarfilm den die beiden drehen.

Was „Jo mei“ in Tamil heißt, sagt der Film nicht, aber so was wie „meine Fresse“ werden Amma und Appa, die Eltern von Jaya, sicher ausgerufen haben, auf Tamil versteht sich, als ihr Sohn sie mit seinen bayerischen Heiratsplänen konfrontiert hat: Keine Inderin! Keine Tamilin! Keine aus der selben Kaste! Und, last but allerschlimmst: Nicht mit tamilischen Eltern aus der gleichen Kaste vorher verabredet, ohne dass die Kinder lange gefragt wurden. Jetzt könnte der interkulturelle Dialog an seiner wundesten Stelle schon zugrunde gehen. Was? Keine Liebesheirat, eine Zwangsverheiratung gar? Aber Franzi und Jaya spielen da nicht mit und lassen Franzis Eltern vor der Kamera erzählen, dass deren Heirat zwar nicht arrangiert aber schon gut geplant war und das mit der Liebe, jo mei! Das zu erzählen ist den beiden höchst liebevoll geraten und mit jenem Augenzwinkern, das nur den besseren Filmemachern gelingt.

Völlig verständnislos fragt die Amma: Was macht die fremde junge Frau? Wenn die sich freut, macht sie laut „ha-ha“ und wenn sie traurig ist kräftig „hu-hu“, und ganz plötzlich fällt einem das grobe Deutsch bei der Zurschaustellung der Gefühle auf und die würdige tamilische Zurückhaltung. All das haben Amma und Appa ausgelöst, nur weil sie die Fremde höflich aufgenommen (ha-ha) und ihr dazu noch einen Sari geschenkt haben (hu-hu). Aber das Weinen ist doch aus purem Glück! Wenn dann liebevoll die Pflege des hinduistische Hausaltar gezeigt wird und im Gegenschnitt der ebenso liebevolle Aufbau einer Weihnachtskrippe in Bayern, dann ist der Betrachter schon darauf eingestimmt, dass sich die bayerischen wie die tamilischen Eltern zumindest in einem einig sind: In ihrer Sorge über die Zukunft dieser beiden aus der jeweiligen Art geschlagenen Kinder.

Zu sehen ist noch ein bayerisches Grillfest auf einem tamilischen Dach, zu sehen ist ein fahrender Tempel, zu sehen ist in keiner Minute eine Denunziation einer der beiden Kulturen. Und wenn man aus dem Film herauskommt, ist man klüger und fröhlicher als man hineingegangen ist. Was mit der Hochzeit ist? Jo mei, was, je nach Betonung ebenso „meine Fresse“ heißen kann wie „Du meine Güte“ oder auch „Schaun mer mal“. Womit dann wieder die Frage nach den Untertiteln auftaucht.

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Fotoquelle: Wikipedia – Author *Solar ikon*

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Sacre-Coer sehen und sterben

Erstellt von Rationalgalerie am 4. Februar 2014

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Lars Kraumes Film „Meine Schwestern“

Autor: Hans-Günther Dicks

Rationalgalerie

Datum: 03. Februar 2014

Mit den Happyends im Film ist es eine vertrackte Sache. Das Kino als Wohlfühlunterhaltung liebt sie, „don´t worry, be happy“, weil sie helfen, die Zuschauer mit etwas Glücksgefühl in die Welt zu entlassen. Diese aber hat in der Realität nur einen begrenzten Vorrat an glücklich endenden Geschichten, und gerade die, „die das Leben schrieb“, vertragen oft kein Happyend. Die in Lars Kraumes „Meine Schwestern“ zum Beispiel, zu der sich der Regisseur durch den frühen Herztod seines Bruders anregen ließ. Für das Happyend-Dilemma fand er eine so simple wie elegante Lösung. Er tut, was den Rezensenten seines Films gewöhnlich zu tun verboten ist – er verrät den Schluss seiner Geschichte gleich vorneweg. Auf einer Bahre, bedeckt mit einem Tuch, wird da mit geübten Handgriffen eine Leiche in das Regal einer Leichenhalle geschoben, deren Stimme uns aus dem Off von ihrem Leben und ihrem Ende berichtet: Wegen eines schweren Geburtsfehlers von den Ärzten schon als Baby fast aufgegeben, ist sie sogar 30 geworden, hat aber dann eine komplizierte Herzoperation nicht überlebt.

Linda hieß, nein, heißt sie, denn nun führt Kraumes Film uns zurück in die letzten Wochen ihres Lebens, die sie in Vorahnung des Ausgangs mit ihren beiden Schwestern verbringen will, und zwar im Nordseedorf Tating, wo die Familie oft Urlaub gemacht hatte. Katharina, die älteste und dreifache Mutter, ist wenig begeistert von Lindas Idee, willigt aber doch ein, als Linda gemeinsam mit Clara, der Jüngsten, reisefertig an ihrer Tür klingelt. Als Stille, Nordseeluft und alte Urlaubserinnerungen nicht mehr ausreichen, die düsteren Gedanken zu verscheuchen, macht sich das Trio auf zu einer Tante ins bunt-muntere Paris, obwohl Lindas Ohnmachtsanfälle die Freude am Zusammensein immer öfter trüben. Doch als Linda von einer Party ausreißt und auf der großen Treppe hinauf nach Sacre-Coeur zusammenbricht, ist die Heimreise zur Operation unaufschiebbar…

So bekommt der in seiner Unerbittlichkeit schockierende Filmbeginn den Charakter von Befreiung, macht die nachfolgende Gelöstheit im Erzählstil erst möglich und jede falsche Rührseligkeit obsolet. Ruhige Totalen leerer Nordseestrände, die Nostalgie im Dorf ihrer Kindertage, in dem die Zeit still zu stehen scheint, und kurz darauf die pulsierende Metropole Paris mit Touristenattraktionen und buntem Lichtermeer, von Kameramann Jens Harant ohne aufgesetzte Mätzchen eingefangen, all das spiegelt das Wogen der Emotionen, die Katharina und Clara ebenso bewegen wie die quasi mit dem Tod groß gewordene Linda. Was wir darüber hinaus über die Auswirkungen von Lindas Krankheit auf ihre gesamte Familie erfahren müssen, vermitteln knappe Andeutungen in den Dialogen: Das Sorgenkind Linda hat der älteren Katharina allzu früh ihre Jugend geraubt, und auch Clara musste mit dem zufrieden sein, was an Zuwendung für sie übrig blieb.

Der erwähnte dramaturgische Kniff allein hätte freilich kaum ausgereicht, „Mein Schwestern“ zu einem der gelungensten deutschen Filme des vergangenen Jahres zu machen, der nach dem Berlinale-Start 2013 nun endlich auch die Kinos erreicht. Aber in Jördis Triebel (Linda), Nina Kunzendorf (Katharina) und Lisa Hagmeister (Clara) fand Kraume die kaum zu übertreffende Idealbesetzung des Trios, das alle Stimmungsumbrüche zwischen vager Hoffnung, trotzigem Humor, lautem Trubel und stiller Nachdenklichkeit umso glaubwürdiger verkörpern kann, da alle drei ihre Figuren gemeinsam mit dem Regisseur schon in der Drehbuchphase entwickeln konnten. Ein leider viel zu selten erprobtes Verfahren, das bald Nachahmer finden sollte, denn der so erzielte Gewinn an fast dokumentarischer Realitätsnähe ist unübersehbar. (Dass die Männerfiguren, vor allem Stephan Grossmann als Katharinas Ehemann, deutlich schwächer konturiert sind, war vielleicht Absicht, schmälert Kraumes Leistung jedenfalls nur marginal.) Wen „Fack ju Göhte“ und ähnlich pubertäre Volksverblödungen nicht endgültig aus dem Kino vertrieben hat, der sollte sich „Meine Schwestern“ nicht entgehen lassen.

Der Film kommt am 6. 02. in die Kinos

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Hannes Wader

Erstellt von IE am 2. Februar 2014

70 Jahre alt wurde dieser liebste Liedermacher der LINKEN schon am 23. Juni 2012 und ist, so lesen wir heute populärer denn je zuvor. Hier ein Interview was viele Mitglieder an und für sich verzweifeln lassen müsste. Aber, es gibt auch noch Menschen welche immer bereit sind dazu zu lernen.

„Zu den politischen Songs bin ich gezwungen worden“

Hannes Wader hört schlecht. Hinter den Ohren klemmen Hörgeräte und er würde sich lieber umsetzen, irgendwohin, wo er nicht das Gefühl hat, brüllen zu müssen, um sich verständlich zu machen. Nicht, dass der Linken liebster und zugleich umstrittenster Liedermacher nicht auch mit 71 Jahren klare Meinungen und was zu sagen hätte – es muss nur nicht mehr so laut sein.

Hier einige Auszüge:

Ich war Kommunist, ich war fast fünfzehn Jahre in der DKP und ich habe daran geglaubt, dass der sogenannte real existierende Sozialismus der richtige Weg ist, wenn er seine inneren Widersprüche lösen kann. Das war offensichtlich falsch, denn der real existierende Sozialismus existiert nicht mehr. Vor allem stellte sich heraus, er hatte – abgesehen vielleicht von Anfangsphasen – auch gar nicht existiert. Aber das war mir früher schon klar. Ich bin in der DDR aufgetreten und war in der UdSSR mit einer Kulturdelegation – und das war schockierend. Ich war in Moskau bei einem großen internationalen Musikfestival – und das war schlimm.

Warum?

Da hat sich so eine Art irrationales Schuldbewusstsein eingestellt. Aus heutiger Sicht sage ich: Das hättest du wissen müssen. Du bist da sehenden Auges reingelaufen, du Arschloch. Aus demselben Grund ist es mir auch unangenehm, über die Baader-Meinhof-Sache zu sprechen. Das ist eine Räuberpistole, die aber zu meiner Biografie gehört. Die kriege ich in diesem Leben nicht mehr los, selbst wenn ich wollte.

Ausgetreten sind Sie dann 1991.

Ich habe halt doch an der Partei gehangen. Ich habe gedacht, mir als Kommunist tut das gut, wenn ich nur eine einzige Wahrheit habe. Ich bin im Denken und Fühlen ein Chaot, ich versuche Ordnung in meine Gefühle und Gedanken zu bringen – mit meinen Liedern und auch mit meinem DKP-Eintritt.

Sozialist sind Sie aber geblieben. Mittlerweile wünschen Sie sich allerdings „einen Sozialismus mit neuem Schwung“. Wie genau sähe der aus?

Ach, mich stört mittlerweile ja schon das „-mus“. Für das, was ich heute will, bräuchte man nicht einmal eine Revolution. Einen vernünftigen Mindestlohn durchzusetzen gegen Leute wie Herrn Hundt und das Großkapital, wie es die Sozis ja jetzt vorhaben, das wäre doch schon mal was. Mir ist es immer noch wichtig, auf der Seite der Schwächeren zu stehen – obwohl ich viel Geld verdiene. Obwohl ich – könnte man sagen – berühmt bin und nicht mehr zu der Arbeiterklasse gehöre, aus der ich komme. Als ich damals in die DKP gegangen bin, wollte ich da wieder dazugehören.

Quelle: TAZ >>>>> Das ganze Interview weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Vermtech

Ich, der Urheberrechtsinhaber dieses Werkes, veröffentliche es als gemeinfrei. Dies gilt weltweit.

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Mandela: Der Film

Erstellt von Uri Avnery am 2. Februar 2014

ICH HABE mir gerade den neuen Film „Mandela“ angesehen und ich bin so voller Eindrücke, dass ich nicht anders kann, als sie aufzuschreiben. Es ist ein sehr guter Film mit sehr guten Schauspielern. Doch das ist nicht die Hauptsache. Es ist ein sehr genauer Film, der genau das brachte, was in Südafrika  geschah ; und man kann  nicht anders als immer wieder darüber nachdenken.

Was denke ich tatsächlich?

WENN IRGENDEIN Südafrikaner, schwarz oder weiß, etwa vor 35 Jahren gefragt wäre, wie der Konflikt enden würde, hätte die  Antwort höchst wahrscheinlich  gelautet : „er wird niemals enden. Es gibt keine Lösung“. Das ist genau die Antwort, die man heute in Israel und Palästina erhält.

Und tatsächlich gab es keine Lösung. Die große Mehrheit der schwarzen Südafrikaner  wünschte Freiheit und eine schwarze Herrschaft. Die große Mehrheit der Weißen, Buren und Briten, wusste, dass einmal die Afrikaner die Macht übernehmen, die Weißen  geschlachtet oder vertrieben  werden würden. Keine Seite konnte da nachgeben.

Doch das Unglaubliche, das Unvorstellbare geschah. Die Schwarzen siegten. Ein schwarzer Präsident kam an die Macht. Die Weißen wurden weder gemordet noch vertrieben. Einige sagen, sie seien heute  vielleicht mächtiger als sie jemals waren.

Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass es uns nicht mehr bewusst ist, was das für ein Wunder ist.

Als Algerien nach einem langen und brutalen Befreiungskrieg befreit wurde, floh mehr als eine Million  Siedler (“colons”) um ihr Leben zu retten. Der riesige Exodus wurde nicht  auferlegt. Präsident Charles de Gaulle  ließ nur verkünden, dass die französische Armee an einem gewissen Tag gehen werde, und alle Siedler flohen  Hals über Kopf. Eine große Anzahl lokaler Kollaborateure wurde umgebracht.

Das ist der normale Lauf der Dinge, wenn koloniale Herrschaft  nach einer langen Periode  brutaler Unterdrückung zu einem Ende kommt. Wie Friedrich Schiller  zu Beginn der kolonialen Ära schrieb: „Fürchte den Sklaven, der seine Ketten bricht!“

SIND DIE Südafrikaner eine andere Sorte  von Menschen? Humaner? Edler? Weniger  rachsüchtig?

Überhaupt nicht.

Wie der Film klar zeigte, dürsteten sie nach Rache. Sie hatten  viele Jahrzehnte unaussprechliche Demütigungen erlitten. Keine abstrakten. Sie hatten tägliche Demütigungen  auf den Straßen, in den Parks, an Bahnhöfen, überall zu leiden. Es war ihnen kein Augenblick erlaubt, zu vergessen, dass sie  schwarz und minderwertig, tatsächlich  Untermenschen seien. Viele waren in unmenschlichen Gefängnissen gewesen.

So war es ganz natürlich, dass sie am Tag der Befreiung  über ihre Folterer herfallen  würden, verbrennen, töten und zerstören. Mandelas eigene Frau Winnie  schührte die Sucht nach Rache. Sie stachelte die Massen an.

Und nur ein Mensch stand zwischen einer Orgie von Blut  und der ordentlichen  Übergabe von Macht.

Der Film zeigt, wie Nelson Mandela – völlig allein – sich gegen die  aufschäumende Woge  warf.  Im entscheidenden Augenblick, als alles auf der Waage lag, als die Geschichte ihren Atem anhielt, wandte er sich  im Fernsehen zu den Massen und sagte ihnen  frei heraus: „Wenn ich euer Führer bin, dann tut was ich sage! Sonst müsst ihr euch einen anderen Führer suchen.“

Seine Herangehensweise war rational. Gewalt würde das Land auseinander reißen, vielleicht jenseits einer Rettung, so wie es in einigen anderen afrikanischen Ländern geschehen war. Die Schwarzen würden  in Angst leben, wie die Weißen während der ganzen Apartheid-Ära.

Und unglaublich: das Volk folgte ihm.

DOCH Mandela war auch kein Über- Mensch. Er war eine normale Person mit normalen Instinkten. Er war ein richtiger Terrorist, dessen Leute getötet haben und getötet worden sind. Er hatte jahrelang unter brutaler Behandlung gelitten, physisch wie psychisch, saß Jahrzehnte im Gefängnis in Isolierhaft,  die ihn in den Wahnsinn hätte treiben können. Noch im Gefängnis und gegen den Willen seiner engsten Kameraden begann er, mit den  Führern des Apartheidregimes zu verhandeln.

Hätte es einen Mandela ohne einen Frederik Willem de Klerk geben können?  Eine gute Frage. Der Film  hielt sich nicht länger bei de Klerks Persönlichkeit auf. Aber hier war ein Mann, der die Situation erkannte, der damit einverstanden war, was bis zur völligen  Übergabe an die verachteten Kaffern  geriet und  der dies ohne das Vergießen eines Tropfens Blutes tat. Wie Michail Gorbachow  unter anderen Umständen   überwachte  er eine historische Revolution ohne Blutvergießen. (seltsam genug „Kaffir“ der Ausdruck der weißen Rassisten für die Schwarzen kommt vom Arabischen und Hebräischen und bedeutet „die Ungläubigen“)

Mandela und de Klerk waren  perfekt  auf einander abgestimmt, obwohl  man sich kaum verschiedenere Individuen vorstellen konnte.

WAS VERURSACHTE den Zusammenbruch des Apartheidregimes?

In der ganzen Welt, einschließlich Israel,  ist es die allgemeine Weisheit, dass der globale Boykott, der auf dem Apartheidstaat lag, ihm die Knochen brach. In Dutzenden  von Ländern weigerten sich anständige Leute, die Waren Südafrikas zu berühren oder sich an  Sportveranstaltungen mit südafrikanischenTeams zu beteiligen. So wurde Südafrika zu einem Pariah-Staat.

All das ist wahr und bewundernswert. Jeder, der an diesem weltweiten Aufstand des Gewissens teilnahm, verdient Respekt. Aber zu  glauben, dass dies der entscheidende Punkt des Kampfes  war, ist  für sich selbst ein Anzeichen  westlicher Herablassung, eine Art moralischen Kolonialismus.

Der Film widmet diesen weltweiten Protesten und Boykotts nur ein paar Sekunden, nicht mehr.

Es war der heroische Kampf der südafrikanischen Massen, meistens schwarze, aber auch indische Nachkommen von Immigranten und Farbigen (gemischte Ethnie), die den Sieg errangen. Die Mittel waren der bewaffnete Kampf (immer „Terrorismus“ von Unterdrückern genannt), gewaltfreie Massenaktionen und gigantische Massenstreiks. Ausländische Unterstützung diente hauptsächlich dazu, um die Moral zu erhöhen.

Mandela war nicht nur einer der Hauptführer  dieses Kampfes, sondern auch ein aktiver Teilnehmer, bis er auf Lebenszeit ins Gefängnis geschickt wurde.

Von dem Film konnte man den Eindruck gewinnen, dass es zwei Mandelas gab – den Führer des bewaffneten Kampfes, der Blut vergoss. und der Friedensmacher, der zum Weltsymbol für Toleranz und Vergebung wurde.

Doch diese beiden Mandelas sind ein und derselbe – die Persönlichkeit eines Mannes, der bereit war, sein Leben für die Freiheit seines Landes  zu opfern, aber auch im Sieg großmütig und voller Vergebung war.

Er stimmte vollständig mit dem alten jüdischen Sprichwort überein: „Wer ist ein Held? Der seinen  Feind in seinen Freund verwandelt.“

EIN ISRAELI ist gezwungen, sich selbst die unvermeidbare Frage  zu stellen;  Was sagt der Film uns über Ähnlichkeiten  bzw. Verschiedenheiten zwischen der südafrikanischen und der israelisch-palästinensischen Situation?

Der erste Eindruck ist, dass die Situationen fast völlig verschieden sind. Den politischen und demographischen Hintergrund trennen Welten. Die Ähnlichkeiten sind meistens oberflächlich.

Aber insbesondere , der offensichtlichste Unterschied ist : Es ist kein palästinensischer Mandela in Sicht und noch weniger ein israelischer de Klerk.

Mandela selbst war ein leidenschaftlicher Unterstützer der palästinensischen Sache. Er sah in Yasser Arafat seinen Seelenverwandten. Da gibt es tatsächlich eine Ähnlichkeit; wie Mandela begann Arafat einen gewalttätigen revolutionären Befreiungskampf („Terrorismus“) und wie Mandela entschied er sich, Frieden mit seinem Feind zu machen (Oslo).  Wenn Arafat groß und ansehnlich gewesen wäre wie Mandela, vielleicht würde ihn die Welt anders  behandelt haben.

Mit seiner antizionistischen Haltung ähnelte Mandela Mahatma Gandhi, dessen Ideen in den 21 Jahren geformt wurden, die er in Südafrika verbrachte, und wo er an dessen Rassismus litt (bevor Apartheid offiziell eingeführt wurde)  Gandhi hatte einen muslimischen Vornamen (Mohandas,“ Ingenieur“ im Arabischen und Hebräischen). Doch während Mandelas Glaube an die Macht der Vergebung gewann, scheiterte Gandhis  mit seinem  Glaube an die Gewaltfreiheit. Die Befreiung Indiens war begleitet von  unsagbarer Gewalt mit mindestens einer halben Million toter Muslime und Hindus – einschließlich Gandhis selbst.

Der Film endet mit Mandelas Wahl zum Präsidenten, dem von Schwarzen und Weißen zugejubelt wurde.

(dt. Ellen Rohlfs vom Verfasser autorisiert.)

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Demografische Desinformation

Erstellt von IE am 30. Januar 2014

„Traue keiner Statistik, welche du nicht selber gefälscht hast“ ist ein Spruch welcher immer auftaucht wenn diese ins Gerede kommen. Hier geht es um die demografische Entwicklung welche uns seit Jahren von der Politik wie das Schwert des Damokles um die Ohren geschlagen wird. Alles nur eine Panikmache von Dummschwätzern? Wenn wir diesem Artikel glauben. Ja !

Demografische Desinformation

Statistikprofessor Gerd Bosbach erklärt die Tricks

Statistik, als eine der Staatswissenschaften, ist mit Zahlen, Säulen, Tannenbaum- und Pyramidenformen permanent präsent und erhebt Anspruch auf Präzision und Glaubwürdigkeit. Insbesondere der demografische Wandel als bedrohliche Voraussage unserer Zukunft hat inzwischen das Image einer unumstößlichen Tatsache. Politiker, Medien, Bürger, selbst unsere Intellektuellen glauben daran. Alle sind sich einig darüber, dass gravierende Einschnitte ins Sozialsystem unvermeidlich und ein Akt weiser Voraussicht sind. Der Experte Herr Bosbach jedoch kam nach gründlicher Analyse zu einem anderen Ergebnis.

Herr Bosbach nimmt es genau. Er hat kein Auto, geht viel zu Fuß, nimmt die öffentlichen Verkehrsmittel, er ist ein ausdauernder Läufer und gibt seine sämtlichen Nebeneinnahmen als Spende weiter. Wir treffen uns im Kölner Hauptbahnhof, Erkennungszeichen: eine taz. Er hatte vorgeschlagen, einen Rundgang zu machen, spricht über das rigide Vorgehen gegen Personen ohne Geld, Reise- oder Konsumziel am Bahnhof und lädt mich zur Demonstration des Kontrasts in die DB-Lounge ein. Zutritt ist, vorbei an kontrollierendem Personal, nur für Kunden der 1. Klasse gestattet und für solche, die jährlich 2.000 Euro bei der Deutschen Bahn umsetzen.

Letzteres trifft auf Herrn Bosbach zu. Ich hingegen, mit normalem Ticket, bin als DB-Kunde plötzlich einsortiert in die 3. Klasse und darf nur als Gast hinein, um in den roten Kunstledersesseln der 2. Klasse kostenlos einen Automatenkaffee zu trinken, während es nebenan in der 1. Klasse Bedienung und Snacks gibt. Grotesk ist, wie hier bühnenmäßig mit uniformiertem Personal, Ambiente und Miniservice die Klassenschranken zur Darstellung gebracht werden. Wohl dem, der unten im Bahnhofslokal „Schweinske“ dem normalen Kommen und Gehen zuschauen darf. Einen öffentlichen Warteraum übrigens sucht man heutzutage auf unseren Bahnhöfen meist vergeblich. „Zum Glück,“ sagt Herr Bosbach lächelnd, “ bin ich in Köln-Ehrenfeld, einem Industrie- und Arbeiterviertel groß geworden und hebe deshalb nicht ab.“

Quelle: TAZ >>>>>> weiterlesen

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Nelson Mandela

Erstellt von Uli Gellermann am 29. Januar 2014

Der lange Weg zur Freiheit

Autor: U. Gellermann

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Datum: 28. Januar 2014

Kaum zwei Monate ist es her, da waren sie am Grab des großen Mannes, die Staatsmänner des Westens und haben ihm ihr Beileid hinterher geworfen. Worte der Entschuldigung dafür – dass ihre Staaten mit dem Apartheid-System paktiert hatten, dass sie Nelson Mandela jahrzehntelang auf ihrer Terroristenliste hatten – fanden sie nicht. Im Gegenteil versuchten sie sich mit dem Leichentuch die Krokodilstränen abzuwischen und ein Zipfel von Mandelas Ruhm zu stehlen. Ein Ruhm, so erzählt es der Film „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“, der von einem klugen, bescheidenen und beharrlichen Mann auf dem Weg zur Freiheit mit dem Verlust seiner Freiheit erkauft wurde.

Die Regiearbeit von Justin Chadwick – warmherzigeTöne, warmes Licht – lässt keinen Zweifel zu, dass der Film auf der Seite von Nelson Mandela gedreht wurde: Das ganze Ensemble des Films, allen voran die Verkörperung Mandelas, der strahlende Idris Elba, begreift sich retrospektiv als Teil der südafrikanischen Befreiungsbewegung. „Dies ist eine südafrikanische Geschichte,“ sagte Mandela als seine Autobiografie vorlag, zum Filmproduzenten Anant Singh, „deswegen will ich, dass Du sie erzählst.“ Singh, der als indischer Einwanderer der dritten Generation von der Apartheidregierung als „nicht-weißer“ Bürger eingestuft wurde, war selbst Teil der Befreiungsbewegung.

So sehr der Film Nelson Mandela in den Mittelpunkt stellt, so erzählt er doch parallel einen wesentlichen Abschnitt der Geschichte des Afrikanischen Nationalkongress (ANC) dessen Jugendorganisation Mandela gemeinsam mit Walter Sisulu gegründet hat. Sorgsam zeichnet der Film die historischen Linien der farbigen Bewegung gegen die Apartheid nach: Vom gewaltlosen Widerstand, den die Regierung mit brutalen Akten der Gewalt, mit Gefängnis und Folter zu brechen versuchte, über Sabotage bis zum bewaffneten Kampf gegen Armee und Polizei des Regimes. Der Film leistet hier, völlig unpathetisch, die Erklärung warum aus staatlicher Gewalt die Gewalt von unten resultiert.

Auch die privaten Momente in Mandelas Leben werden behutsam bebildert und lassen so einen Blick auch auf Winnie Mandela zu, der von der ersten schwarzen Sozialarbeiterin berichtet, von ihrer persönlichen Emanzipation, die mit der Befreiung des Volkes eng verbunden war. Die lange Gefängniszeit, 27 Jahre sperrte die Regierung Nelson Mandela weg, für ihn sind es Jahre der Reifung, der Prüfung und für seine Bewegung Jahre des unerbittlichen Kampfes. Es ist das große Verdienst des Films, dass der lange Weg zur Freiheit nicht als süßliche Story des Erfolgs über die Leinwand flimmert. Auch der Verzicht auf ein Heldenepos gibt der Arbeit jene Grundierung an Ehrlichkeit, die Voraussetzung für Erkenntnis und Nähe zugleich ist.

Der Film kommt am 30. Januar in die Kinos.

[youtube nu6t_TXvunw]

Fotioquelle: Wikipedia

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Götzendämmerung

Erstellt von Uli Gellermann am 23. Januar 2014

ADAC und WELTBILD in der Sinnkrise

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 23. Januar 2014

Niemand soll sagen, dass die zeitgleiche Lügenkrise des ADAC und die Insolvenz des katholischen Weltbild-Verlages keinen inneren Zusammenhang hat. Beide Glaubensgemeinschaften handeln mit Engeln. Der ADAC mit jenen gelben Engeln, die den Autofahrern von kaputten Autos zu heilen Gefährten verhelfen. Der Weltbild-Verlag handelt letztlich mit jenen himmlischen Heerscharen, die den Gläubigen eine Heiligkeit vermitteln, die vom kaputten Glauben zu einer heilen Welt führen. Im Zentrum der ADAC-Glaubenslehre steht die Mobilität, im Mittelpunkt katholischer Überzeugungen steht ebenfalls die Beförderung: Vom schlechten Diesseits in ein besseres Jenseits. Wer nun aber sagt, der Weltbild-Verlag sei mit seinen fünf Millionen Kundenadressen viel kleiner als der ADAC mit seinen 18 Millionen Mitgliedern, der vergisst leichtfertig, dass hinter dem Verlag die 24 Millionen Mitglieder der katholischen Kirche in Deutschland stehen. Auch, dass in beiden Vereinen die Mitglieder nichts zu sagen haben, spricht für Zusammenhänge.

Über Jahrzehnte war die Auto-Suggestion die Grundlage beider Kirchen. Wo in der scheinbar spirituellen katholischen Glaubensgemeinschaft die Heiligen und Märtyrer die Fixpunkte des Selbstbetrugs bildeten, waren es im Kosmos der automobilen Anbetung strahlende Marken wie VW, Mercedes oder gar Rolls Royce. Und wenn der Volkswagen dem Sankt Christopherus gleicht, der unermüdlich Leute auf dem Rücken trägt, so ist der Rolls ein Botschafter des HERRN, wie auch der Erzengel Gabriel, der die frohen Botschaften Gottes unter die Menschen bringt. Wenn der Rolls vorfährt, weiß man, dass ein HERR aussteigen wird. Wenn der Erzengel Gabriel den Boden berührt, wird zum Beispiele die Geburt Jesu angekündigt: Fürchte dich nicht, Maria! Solche Märcheninszenierungen wurden von den Marketingabteilungen beider Konfessionen als unumstößliche Wahrheiten verkündet und von den Käufern der Bekenntnisse in brutaler Selbst-Affirmation verinnerlicht. Eine Auto-Hypnose, die in ihrer Symbiose von Religion und PKW am reinsten auftrat, wenn in den 50er und 60er Jahren das Armaturenbrett eines VW-Käfers von einer Sankt-Christopherus-Medaille geheiligt wurde. Und wer den aktuellen Michael-Schumacher-Kult nicht als rasende Märtyrer-Legende begreift, der hat die deutschen Medien in ihrer Skiunfall-Berichterstattung nicht konsumiert.

Der Abstieg beider religiöser Unternehmen begann, als sie vom Pfad der Tugend, von ihrem Kerngeschäft, abwichen. Gewiss, immer noch kann man im katholischen Verlag die preiswerte e-book-Bibel für 4.99 Euro kaufen. Doch schon die „Wiener Prachtbibel“ – jenes von Hand in Leder gebundene Stück der Buchbinderkunst, das als „streng limitierte Auflage auf 1.999 Exemplare“ das Wort des Herrn auf jene knapp 2.000 Selbstgerechte begrenzt, die in der Lage sind 998,- Euro auf den Tisch zu legen – weist den Weg in die säkulare Merkantilisierung. Ein Beginn der Profanierung, die später mit dem Versand von CDs, DVDs, Elektronik, Geschenk- und Haushaltsartikeln in die Niederungen des Kommerz führen sollte. Ein kleiner Versuch des Verlages, sich auf die Bedürfnisse der Kleriker zu besinnen, als er das Buch „Schwule Liebesgeschichten aus aller Welt (von Robert Joseph Greene)“ ins Programm aufnahm, scheiterte an der mangelnden Bekenntnisfreude der Bischöfe: Sie nahmen das Werk in einer „Säuberungsaktion“ aus dem Sortiment, die dem asexuellen Schein einen unlauteren Vorteil gegenüber dem homosexuellen Sein verschaffen sollte.

Auch der ADAC verließ den rechten Glauben, als er immer häufiger den Automobilisten zugunsten anderer Themen und Geschäftsfelder vernachlässigte. Noch in der Nazizeit, als er unter dem Namen DDAC (Der Deutsche Automobil-Club) als Gliederung des Nationalsozialistische Kraftfahrkorps (NSKK) existierte, wusste der Verein in seinem Aufruf zur Automobilausstellung 1934 klar zu sagen: „Eine Schau für das Volk – nicht mehr, wie in vergangenen Jahren, eine Ausstellung für die bürgerlichen, wohlhabenden Schichten. Volkskraftfahrt – das ist Kraftfahrt im Geist des Führers!“. Doch schon als Fritz Junghans, Präsident des ADAC/DDAC von 1933 – 1945, in der Nachkriegszeit zum Generalsekretär des Vereins degradiert wurde, nur weil er NSDAP-Mitglied und NSKK-Standartenführer war, begann eine Aufweichung automobiler Grundsätze, die später zu einer Milliardenbeteiligung bei artfremden Versicherungs- und Reise-Unternehmen landen sollte. Wenn in diesen Tage das Schisma des Vereins droht – die Volkswagen AG wendet sich bereits vom ADAC ab, will vom Gelben Engel nichts mehr wissen – ist die Flammenschrift an der Wand deutlich zu lesen. Nur die Umkehr kann den ADAC retten: Raus aus dem Geschäft der Zahlenfälschung zugunsten der Anzeigeneinnahmen, zurück zur reinen Pannenhilfe.

Letztlich sollten beide Vereine über eine Zusammenlegung nachdenken. Der neue Papst hat zwar einmal gesagt: „Mir tut es weh, wenn ich einen Priester oder eine Schwester mit dem neuesten Automodell sehe“. Da aber gebrauchte Autos häufiger kaputt sind als neue, kann das beim ADAC nur das Kerngeschäft stärken. Sternfahrten nach Rom könnten vom Automobilclub organisiert werden und statt der gefälschten Zahlen zur Promotion diverser Automarken wäre zum Beispiel ein Mercedes-Stern in jeder Krippe ein Product-Placement, das den gelben Engel schnell vergessen machen könnte. Der Weltbildverlag könnte dann seiner Insolvenz mit Einnahmen aus der ADAC-Kasse abhelfen und wieder zum Verkauf von Christopherus-Medaillen zurückkehren. Die Vereinigung beider Glaubenslinien – die Erwartung des Heils durch den Tod und die Erlösung vom Tempolimit durch die Vollbremsung – könnte die neue, gemeinsame Kirche aus der Sinnkrise zur neuen Stäke führen. Amen.


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Barbara Thalheim

Erstellt von Uli Gellermann am 17. Januar 2014

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Herzblut fließt aus der neuen CD

Autor: U. Gellermann

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Datum: 16. Januar 2014

Was da aus dem Lautsprecher kommt, das heisert, das flüstert, das röhrt: Barbara Thalheim hatte mal wieder eine Häutung erzählt ihre neue CD „Zwischenspiel“ und so überlegt der Hörer, ob die Lieder vorher alle nur ein Vorspiel waren und ob das Zwischenspiel uns auf ein Endspiel vorbereiten soll, jene finale Musik, die auch die Verdammten dieser Erde aufwachen lässt. Denn natürlich tarnen sich die Texte der Thalheim nur als private Liebeslieder, in Wahrheit ist die komplette CD ein öffentliches Bekenntnis zur Menschenliebe, zu jener Sorte Zuwendung, deren Ergebnis nur Umwälzung werden kann.

Überdeutlich wird das Umwälzungspotential im Stück „Ist vielleicht . . .“, hier wird der Konjunktiv zum Hebel Zukünftiges zu verändern, es für möglich zu halten, dass in jedem beliebigen Kind ein Mozart stecken kann, in jedem Punk ein Heine, in jedem Autist ein Humboldt zu finden wäre, wenn man nur achtsam mit ihnen umginge. Und wenn die Sängerin ausruft, sie sei „Zum Sehen geboren“, dann ist das poetische Plädoyer für eine Selbstständigkeit zu hören, die mit der lateinischen Emanzipation nur mühsam das Wort Befreiung kaschiert: „Ich bin zum Sehen geboren, und nicht, dass mir einer sagt was er sieht“ singt Barbara Thalheim und wir wissen: Die lässt sich nix sagen, die sagt lieber selbst was.

Wie wird einer, eine Sängerin, Musikerin? Früher fing man mit der Blockflöte an, später ging man zum Take That-Konzert, heute lässt man sich von Dieter Bohlen traktieren. Viele wollen, wenigen gelingt es. Man muss bluten, wenn man auf die Bühne will, man muss sein Herzblut opfern, sich ausliefern. Was kann bei Barbara Thalheim der Auslöser für diese Art von Masochismus gewesen sein? Sicher ist, das ist aus ihren Liedern zu hören, dass sie ein einsames Kind war. Kann sein, dass ihr häufiger Wechsel zwischen Leipzig und Berlin, bedingt durch den Beruf ihres Vaters, zur Einsamkeit beitrug. Wie in aller Kunst sind es Verletzungen, die jener Sublimierung bedürfen, die auf die Bühne führen.

Immerhin drei Jahre war Barbara Thalheim Mitglied des Oktoberklubs, jenes schnellen Talentbrüters in der DDR, der sich dem politischen Lied und auch dem Land verschrieben hatte. Und wenn sich die Thalheim auf dem Weg zum eigenen Lied auch zeitweilig als Botin im Deutschen Theater betätigte, in der fürsorglich-vormundschaftlichen DDR entging sie nicht einem „Berufsausweis als Sängerin“ und einem Hochschulstudium. Das hinderte sie nicht den kaum akademischen Pfad zum Chanson zu finden. Da haben wir sie nun heute, eine der wenigen deutschen Diseusen, auf ihrer neuen CD eingebettet in eine Gruppe exzellenter Musiker, in der Rüdiger Krause die Töne aus seiner Gittare perlen lässt, Topo Gioia mit Latino-Trommeln den Takt schlägt und Bartek Mlejnek mit dem Bass den Rhythmus vorgibt.

„Mein Kinderland, mein flaches Land,“ davon erzählt das letzte Stück der CD. Von einem abgebrannten Land ihrer Kindheit singt die Thalheim und das Herzblut sickert aus den Zeilen, manchmal marschieren auch zu Riesen aufgeblasene Zwerge aus dem Lied, und doch bleibt ihr das flache Land jene widersprüchliche Heimat, der man nicht entkommen kann. In diesem großen Gesang schillert ihre Stimme, manchmal scheint sie zu brechen, dann wieder posauniert sie, schwillt an zur Kampfansage, tropft aus allen Ritzen der Traurigkeit und erklärt unmissverständlich: Barbara Thalheim ist eine große Sängerin.

Das „record release concert“ der CD ZWISCHENSPIEL ist am 25. 01. 2014 um 20.00 Uhr im Kino Babylon zu hören und zu erleben (www.babylonberlin.de).


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Nichts für ein paar schöne Stunden

Erstellt von Rationalgalerie am 7. Januar 2014

Stefan Ruzowitzkys Film

untersucht die Psyche von Massenmördern

Autor: Hans-Günther Dicks

Rationalgalerie

Datum: 06. Januar 2014

Wer einen solchen Titel wählt, hält sich nicht mit Halbheiten auf: „Das radikal Böse“, so könnte eine philosophische Abhandlung heißen, aber auch ein reißerischer Horrorfilm. Da schwingt moralischer Anspruch ebenso mit wie kalkulierte Provokation. Und es ist, um es gleich vorweg zu sagen, dieser extreme Spagat zwischen aufklärerischer Botschaft und künstlerischer Ambition, der Stefan Ruzowitzkys neuen Filmessay über weite Strecken förmlich zu zerreißen droht: Das radikal Künstliche seiner Inszenierung und der aufdringlichen Bildgestaltung seines Kameramanns Benedict Neuenfels sprengt immer wieder den Panzer der Beklemmung, der sich um den Zuschauer legt mit all den Experten-Interviews und Psychotests, mit denen geklärt werden soll, was Menschen zu bedenkenlosen Massenmördern und eiskalten Tötungsmaschinen macht.

Die erste und zugleich schockierendste Antwort auf diese Frage gibt der Kommentar gleich zu Beginn zu Bildern vom Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46. Mit Rohrschach-Tests, so erfährt man da, hätten die Ermittler nach Abnormitäten in der Psyche der Angeklagten gesucht, doch die Testergebnisse geheim gehalten: sie waren „zu gefährlich zum veröffentlichen: Alle waren normale Menschen.“ Und Pater Patrick Desbois, ein katholischer Holocaustforscher, der speziell die Massenerschießungen durch die „Einsatzgruppen“ der Nazis untersucht hat, meint: „Es stört mich, wenn von unmenschlichen Taten die Rede ist. Schön wär‘s! Leider ist Genozid etwas zutiefst Menschliches.“ Dazu gehört, dass anders als die Untaten in den KZs, die weitgehend im Verborgenen geschahen, die Exekutionen der Einsatzgruppen in aller Öffentlichkeit und oft vor Publikum stattfanden, laut Ruzowitzky „in einer schönen, einladenden Atmosphäre, …Zuschauer in Badehosen, es war eine Sommerferien-Atmosphäre – und als Spektakel gab es Massenmorde.“

Nazimorde als heiteres Spektakel? Ruzowitzky erzählt nicht aus der Perspektive der Opfer, sondern der Täter und in deren Originalton aus Briefen und Zeitzeugnissen, die aus dem Off verlesen werden zu neu gedrehten Bildern aus dem Soldatenalltag. Natürlich setzt er sich damit Vorwürfen aus, er verharmlose, ja entschuldige solche Taten oder wecke zumindest Verständnis dafür. Aber nicht um Verständnis, sondern ums Verstehen geht es ihm, und die Schuld der Täter betont er, indem er aufzeigt, dass sich auch Soldaten ohne wirklich gravierende Nachteile den Mordbefehlen entziehen konnten. Wichtiger noch: Aus den Feldpostbriefen spricht das Resultat der Nazipropaganda, doch die Dutzendgesichter der dazu gezeigten Soldatendarsteller und die wissenschaftlichen Tests späterer Jahre (Milgram-Experiment u.ä.) belegen die Bereitschaft zu Anpassung und mörderischem Gehorsam auch in scheinbar demokratischen Gesellschaften – statt der eingeimpften NS-Ideologie reicht oft die Berufung auf ein diffuses „wissenschaftliches Experiment“.

Die monströse Gefühllosigkeit, die aus den Briefen spricht, gesetzt gegen die Normalität des (inszenierten) Soldatenalltags, die unbarmherzige Logik der Psychotests und die Schärfe der Analysen in den Experten-Interviews – all das ist zweifellos harte Kinokost und wäre wohl kaum zu ertragen ohne die ungewöhnlichen Stilmittel, mit denen Ruzowitzkys Inszenierung immer wieder Distanz schafft zur Ungeheuerlichkeit der vermittelten Informationen. Wenn etwa die vermeintlichen „Testpersonen“ in Milgrams Anordnung unter den vermeintlichen Stromstößen vor Schmerz aufschreien, die ihnen die „Prüfer“, also die wirklichen Testpersonen als „Strafe“ zufügen, hilft das Wissen um die wahre Konstellation nur wenig gegen die bange Frage: „Und wie hätte ich als Prüfer reagiert?“

Gewiss, die rigorose Eingrenzung auf den psychologisch-psychiatrischen Aspekt der Fragestellung spart andere, nicht weniger relevante Einflussgrößen aus, und von den Macht- und Wirtschaftsinteressen, für die Kriege geführt werden, kann da schon gar nicht die Rede sein. Aber wer die in diesem Film ausgebreiteten Erkenntnisse nahe genug an sich heranlässt, so dass sie Selbsterkenntnis werden können, wird einen nachhaltigen Immunschutz gegen eilfertige Schuldzuweisungen als Gewinn aus dem Kino nach Hause tragen.

Der bundesweite Filmstart ist am 16. Januar.
Am Donnerstag, 9. Januar, findet im Babylon am Berliner Rosa Luxemburg-Platz um 20.15 Uhr eine Vorpremiere statt, mit anschließender Podiumsdiskussion (Regisseur Ruzowitzky, Christoph Heubner, Prof. Nachama und Bernd Wagner, Moderation: Knut Elstermann)


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Wie können sie es wagen?

Erstellt von Uli Gellermann am 3. Januar 2014

Der Messeturm, Goldman Sachs International Niederlassung Frankfurt

Die unterstehen sich das, weil wir sie lassen.

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 02. Januar 2014
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Buchtitel: Wie können sie es wagen
Buchautor: Peter Mertens
Verlag: VAT

„Sie“, das sind jene Men In Black, deren Wohnzimmer die Börse, deren Lektüre die Bilanzen und deren Klo wir sind, denn sie scheißen auf uns. Geschrieben, in ein Buch gebracht, hat die empörte Frage ein: belgischer Autor: Peter Mertens, der auch ein entschieden linker Stadtrat in Antwerpen ist. Belgien, könnte man denken, Belgien ist doch dieses nette kleine Land mit den leckeren Pralinen und den unendlich vielen Biersorten. War da sonst noch was? Ja. Belgien bereichert uns mit einem Buch: „Wie können sie es wagen“ über den „Euro, die Krise und den großen kapitalistischen Raubzug“. Und Mertens schreibt heiter und wütend zugleich, überschüttet seine Leser mit einer Fülle von Fakten und vermittelt ihnen parallel das Gefühl, das alles sei locker zu bewältigen und wenn das alles gebündelt und gezwirnt würde, man dann einen ordentlichen Strick bekäme, um „sie“ zumindest zu fesseln.

Mertens beendet die belgische Pralinen-Saga, wenn er notiert, dass „sie“ in Belgien keine Steuern zahlen, wenn sie nur genug fiktive Zinsen in ihre Bilanzen eintragen, und dass deshalb internationale Konzerne wie VW, BASF oder Bayer dort ihre Bilanzen waschen lassen. Wenn er sich dann der EU zuwendet, deren Parlament in Brüssel sitzt, findet er 4.500 Lobbyisten, die dort akkreditiert sind: Sechsmal so viele, wie es Parlamentsmitglieder gibt. Und dann exekutiert er am Beispiel der Dexia Bank, wie europäische Bankenpolitik funktioniert: Einst war die Dexia, als sie noch Crédit Communal hieß, eine staatseigene Bank. Die wurde für schäbige 750 Millionen verkauft und privatisiert, um sie dann in der Bankenkrise für vier Milliarden zurückzukaufen und 54 Milliarden Staatsgarantien für eine Bad Bank abzugeben, in der die faulen Papiere lagern. Ist jemand verhaftet worden, hat einer den Strick genommen oder bekommen? Nein, haften müssen immer nur die Normalos, das Heer der braven Bürger. Denn, so zitiert Mertens den Nobelpreisträger Joseph Stiglitz: „Es gibt heute größere Banken als vor der Krise“.

Dieses elegante Haftungsprinzip wurde, so beweist Mertens, in Europa von den New Age Sozialdemokraten eingeführt: Mit dem Einfrieren der deutschen Löhne ab 1996 begann die Deregulierung des Arbeitsmarktes, die Lockerung des Kündigungsschutzes bis hin zu Hartz IV dem neuen Sozialgefängnis. Dass parallel die Kontrollbremsen des Finanzsektors gelöst wurden, Hedgefonds und Leerverkäufe erlaubt und die Unternehmenssteuern gesenkt wurden, galt fortan bis in die Merkelei hinein als Modell Deutschland und hat die Deutschen bis heute 400 Milliarden Euro Steuereinnahmen gekostet, die natürlich bei den Renten eingespart werden müssen. Dieses wunderbare Modell führt bei den Deutschen zu gut sechs Millionen Hartz-IV-Empfängern, in Griechenland zur Zunahme der Selbstmordrate um 30 Prozent und zu immer mehr und mehr Arbeitslosen in Europa. Insbesondere die deutschen Medien, begleitet von der schlechten Bismarck-Kopie an der Staatsspitze, werfen den Südländer dann gern vor, sie hätten über ihre Verhältnisse gelebt und würden nur zu Recht bestraft. Mertens schildert die „Verhältnisse“ am Beispiel Portugals: Ein Viertel aller Kindern wächst dort in Armut auf, einer von fünf Portugiesen muss mit weniger als 360 Euro leben. Rund eine Million Menschen sind ohne Arbeit. Das sind die üppigen Verhältnisse in Portugal nach dem vierten von der deutschen EU diktierten Sparpaket.

Mertens Buch widmet sich dem Goldman Sachs-Dreigestirn: Den Herren Henry Paulsen (langjähriger US-Finanzminster und ehemaliger Spitzenmann bei Goldman Sachs), Mario Draghi (Chef der EZB und ehemaliger Spitzenmann bei Goldman Sachs) und Mario Monti (vorgeblicher Italien-Sanierer) und natürlich auch Berater bei Goldman Sachs. Und er skizziert wie die angeblich völkerverständigende EU immer mehr ultrarechte und nationalistische Parteien hervorbringt. Das intensivste Kapitel in diesem klugen Buch handelt von Chile und wie dort der Neoliberalismus sich auf das Schönste mit der Diktatur paarte. Eine einzige leise Kritik sei angemerkt: Der Originaltitel des Buches lautet im Niederländischen „Hoe durven ze?“ Das müsste im Deutschen „Was unterstehen die sich?!“ heißen und die Antwort lautet: Die unterstehen sich das, weil wir sie lassen.

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Fotoquelle: Wikipedia – Author Mylius

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Nur ein toter Islamist ist ein gutes Islamist

Erstellt von Uli Gellermann am 27. Dezember 2013

Frederick Forsythe: „Die Todesliste“

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 26. Dezember 2013
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Buchtitel: Die Todesliste
Buchautor: Frederick Forsythe
Verlag: C. Bertelsmann

Nahezu überall in der westlichen, der vorgeblich besten aller Welten, so kolportiert Frederick Forsyth in seinem jüngsten Roman „Die Todesliste“, greifen bisher unbescholtene männliche Einwanderer aus dem Nahen Osten zum Messer oder zum Gewehr und bringen irgendwen um. Weil irgendein Prediger – natürlich widerlich und hasserfüllt und ohne jeden Grund – die Männer über das Internet zum Töten aufruft. So, wie der Westen gut und tapfer ist, so ist die islamische Welt im Forsyth Buch böse und korrupt. Die islamischen Kämpfer sind „abgerichtet“ und deshalb muss man sie „zur Strecke“ bringen, wie man tollwütige Hunde abschießt. Es ist das Menschenbild, von dem man hoffte, dass es mit Bush jr. verschwinden würde und das dann mit Obama fröhliche Urstände feierte: Wir sind die Menschen, die Islamis sind die Untermenschen.

Schon mit seinem ersten Roman „Schakal“ gelang Frederick Forsyth ein Bestseller: Allein in Deutschland verkaufte sich der Politthriller um Charles de Gaulle und einen Auftragskiller der OAS mehr als 300.000 mal. Und Jahr für Jahr legte der ehemalige Pilot der Royal Air Force und Kriegsberichterstatter mit Riesenauflagen nach. Doch während er sich mit seinem Erstling noch gegen die reaktionären Algerien-Franzosen wandte, legt er mit seiner neuesten Arbeit ein Agitationshandbuch für die US-Geheimdienste und deren Terrorismus unter dem Deckmantel der Terror-Bekämpfung vor: „Wir sind die überwachte Generation.“ Wenn man einen Terroristen unter einer Million Menschen finden will, dann muss man eben die Million überwachen“, darf er in einem ARD-Interview zur Werbung für sein jüngstes Buch sagen. „Es ist wie ein zweiter Kalter Krieg. Dieser Tatsache müssen wir Tribut zollen. Und auf einige unserer Menschenrechte verzichten“.

Aus der Perspektive eines US-Agenten, der sich auf die Jagd nach dem Prediger begibt, darf der Leser tief in die US-Geheimdienst-Szene eintauchen, erfährt dass im gesamten pakistanischen Offizierscorps „Johnnie Walker Black-Label das Getränk der Wahl ist und lernt fast alles über Drohnen was der Laie wissen muss. Einzelheiten, Ortsbeschreibungen und penible Waffenkunde sind die Stärken des Autors. Über das kleine Detail, dass sich Forsyth den kurzen Lebenslauf des amerikanisch-jemenitischen Imam Anwar al-Awlaki zur Vorlage genommen hat, schweigt sich der Hassschreiber aus. Der extreme Prediger war nur 40 Jahre alt, als ihn eine US-Drohne umlegte, sein Sohn war gerade 16 Jahre alt geworden, als ihn Obamas Drohnen-Todesurteil zwei Wochen später erwischte. Auch Überlegungen wie jene, dass die mögliche Anstiftung zum Mord, deretwegen al-Awlaki vor einem ordentlichen Gericht keine Todesstrafe zu erwarten gehabt hätte, mochte Forsyth sein schriftstellerisches Talent nicht verschwenden.

Was scheinbar seriöse Verlage wie Bertelsmann, die total seriöse ARD oder das sich intellektuell gebende 3-Sat Kulturmagazin dazu treiben, den menschenverachtenden Dreck von Forsyth mit Buch und Interviews zu verbreiten, kann man nur vermuten: Bei Bertelsmann wird es schlicht Geld sein, mit Forsyth ist der Umsatz garantiert. Bei den öffentlich rechtlichen Anstalten sind es wohl die Insassen, die verrückt auf die Nähe zu Bertelsmann sind. – Forsyth nennt seinen Superagenten Kit Carson. Das kann bei einem so genau recherchierenden Autor kein Zufall sein: Der historische Kit Carson war einer der beliebtesten Indianer-Schlächter der jungen USA, bekannt durch seinen Vernichtungsfeldzug gegen die Navajo. Die Hauptstadt des Bundesstaates Nevada wurde ihm zu Ehren Carson City genannt. Wenn sich die inzwischen alten USA viel Mühe geben, den Feldzug gegen den Islam zu gewinnen, scheint das ziemlich aussichtslos zu sein. Doch offenkundig gilt das alte Motto aus den Indianerkriegen immer noch: Nur ein toter Islamist ist ein gutes Islamist.

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Die Kirche der Kommunisten

Erstellt von Uli Gellermann am 24. Dezember 2013

Gulag Perm-36

Zu einem Bericht aus dem GULAG

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 23. Dezember 2013
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Buchtitel: Zehn Jahre Lager
Buchautor: Rudolf Hamburger
Verlag: Siedler

Schweigen, geschwiegen, beschwiegen: Keiner sollte es wissen, dass sie im sowjetischen Lager waren, nicht weil ihre Umgebung das suspekt gefunden hätte, sonden weil kein Schatten auf die heilige Sowjetunion, auf das Mekka der Kommunisten fallen durfte, kein Makel die Idee beflecken sollte, der sie sich verschrieben hatten. Ungezählte deutsche Kommunisten kannten die Lager, den GULAG, von innen. Einer von ihnen war Rudolf Hamburger, über den ein englischer Freund sagte: „He was the last Victorian Communist.“ Auch er schwieg jahrelang. Erst jetzt liegt sein Bericht aus dem Lager gedruckt vor.

Irgendwie geriet Rudolf Hamburger, der während des Kampfes gegen die Nazis für den sowjetischen Geheimdienst aktiv war, in die Fänge des eigenen Dienstes. Er, der sein Leben für das erste vorgeblich sozialistische Land riskiert hatte, der in der Sowjetunion um Asyl nachsuchte, wurde von einer irrationalen Sicherheitsmaschine unter dem Vorwurf des Verrats in eine Farce von Gerichtsverhandlung geschleppt, um danach für zehn Jahre von Lager zu Lager, von Erniedrigung zu Erniedrigung, von Gemeinheit zu Gemeinheit gezerrt zu werden. Die Herrschaft des Stalinismus, im GULAG ausgeprägt, zerstörte nahezu jeden marxistischen Denkansatz und vor allem Menschen in der Sowjetunion.

Hamburger erzählt eindringlich vom alltäglichen Hunger als Disziplinierungsmoment, vom Regime der Kriminellen im Lager, von den wenigen Freundschaften, die er schloss und die immer nur so lange Bestand hatten, bis er selbst oder der Freund mal wieder in ein anderes Lager versetzt wurde. Einmal erlebt er in einem der Arbeitsgefängnisse sogar einen Moment der Liebe: Fatma, die schöne Frau aus dem Iran, ebenfalls eine „Politische“ gibt dem verlorenen Mann eine kurze Zeit schmerzlicher Zärtlichkeit, überschattet von der Trennung durch die nächste Deportation.

Doch trotz aller Repression: Rudolf Hamburger, der eher zarte Intellektuelle aus gutbürgerlichem Haus, lässt nicht ab vom Nachdenken über eine bessere Welt für alle: „Aufgeben, das ist der Tod. Hat das Volk in höchster Gefahr gegen den Erzfeind der Menschheit, den Faschismus, aufgegeben? Aus der Asche der schrecklichsten aller Kriege wird ein neuer Geist entstehen, der Härten und Unrecht von heute austilgen und auch uns Unterdrückten einen Platz im Leben zuweisen wird.“ Mitten im Hunger, im Elend ist Hamburger in der Lage sogar über die brutalen Kriminellen zu reflektieren und ihnen in einem besseren System, von dem er glaubt, dass es kommen wird, eine Chance auf Besserung zuzusprechen.

Wir verdanken dem Sohn des Autors, dem Shakespeare-Übersetzer Maik Hamburger, die Edition des berührenden Lager-Berichtes. Hamburger, in Shanghai geboren, gehört dem verzweigten Clan der Kuczinskys an, seine Mutter ist die berühmte „Sonja“, die der sowjetischen Armeeaufklärung die Atom-Unterlagen von Klaus Fuchs übermittelte. Der Sohn des Autors war nicht selten mit seinem Vater, einem wichtigen Architekten der DDR, im Streit über Formen der DDR-Herrschaft und trägt mit seinem klugen, warmherzigen Nachwort sehr zum Verständnis des Hamburgerschen Lebensweg bei.

Erst als Michael Gorbatschow einen Teil der sowjetischen Archive öffnete, als politische Häftlinge in der Sowjetunion rehabilitiert wurden, brachen auch manche ehemalige politische Gefangene ihr Schweigen. Der neue „Papst“ hatte es ja erlaubt. – Dort, wo die alte Gläubigkeit in den vielen Fraktionen der Linken dem Wissen gewichen ist, wo die Bereitschaft existiert sich dem schweren Erbe der sozialistischen Deformation zu stellen, nur dort hat ein neuer Sozialismus eine Chance, so gering sie auch erscheinen mag. Rudolf Hamburgers „Zehn Jahre Lager“ leistet dazu einen wesentlichen Beitrag. Nur mit dieser Offenheit kann „Das Gewöhnliche zum Wunderbaren werden“, so lautet der letzte Satz in einem Bericht, der aus dem Unmenschlichen kommt und doch nie das Menschliche verloren hat.

Fotoquelle: Wikipedia – Author Wulfstan

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Der Schmock

Erstellt von Rationalgalerie am 13. Dezember 2013

Das bekannte Unwesen

Ähnlichkeiten mit lebenden PolitikerInnen sind nicht zufällig und beabsichtigt

Autor: Botho Cude

Rationalgalerie

Datum: 12. Dezember 2013
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Buchtitel: Der Schmock – Das bekannte Unwesen
Buchautor: Uli Gellermann
Verlag: ePubli

Schmock: talentloser Vielschreiber, durch Freytags Journalisten (1853) bekannt geworden. Aus slowenisch šmok „Narr“.
Weigand, Deutsches Wörterbuch, II, Sp. 752

Schmock; (… vielleicht nach österreichisch Schmock „größerer Dachshund“ oder zu slowenisch smòk „Drache“, im Slowenischen häufiger Hundename): gesinnungsloser Journalist, Schriftsteller.
Duden Das große Fremdwörterbuch, S. 1205

Als wir andern alle noch mit der Trommel um den Christbaum rannten, muss unser Uli bereits mit Bumskeulen gespielt haben. In reiferem Alter gönnte er sich dann seinem Naturell entsprechend in der RATIONALGALERIE eine abgründige Spalte „Schmock des Monats“, in der er Politiker und andere Berühmtheiten abwatscht. Dabei arbeitet er frei nach der alten Holzfällerweisheit: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

Jetzt hat der Uli dreißig seiner ätzenden Realsatiren aus dem Pool der Prominenz gefischt und in einem schmucken Büchlein zusammengeführt. Der Titel lautet wie oben. Dabei hat der Layouter auf dem Buchdeckel den letzten Buchstaben symbolhaft verstürzt und so hängt das k des Schmocks mit dem Kopf nach unten. Darunter prangt der verwurstelte Untertitel „Das bekannte Unwesen“. Dann folgt leere weiße Fläche. Hier sollte ursprünglich ein berühmtes s/w-Foto von den Weltfestspielen in Berlin (Hauptstadt der DDR) Platz finden, das den jungen Uli Arm in Arm mit einer zarten späteren Schmöckin zeigt. Das Urheberrecht hat´s verhindert.

Nachfolgendes ist nur für unsere ErstleserInnen wirklich neu. Das Spektrum der präsentierten Polit-Schmöcke reicht von bemoosten Gestalten wie Altkanzler Schmidt bis zum aktuell regulierenden Barroso. Nun ist ein Parlamentarier in der zivilisierten Welt, die bekanntlich von Nordamerika bis ungefähr nach Russland reicht, normalerweise ein gut gefütterter Erfüllungsgehilfe des Establishments. Denkt nur an den Parteikonvent der Übergewichtigen, liebe LeserInnen. Von den wenigen Politikern, die ernstlich angetreten sind, den wirren Willen ihrer Wähler durchzusetzen, wissen wir aus den Medien, sie sind nichts als erbärmliche Populisten.

Kaum anders steht es mit den Promis, die öfters unter den Schmöcken aufscheinen. Manch einer ist dabei, wie Ulis Namensvetter Hoeneß, der die Schreibe kaum lohnt. Stephanie von und zu ist fast vergessen (Guttenberg natürlich, nicht Monaco!). Und doch bleibt es köstlich zu lesen, wie der Satiriker diese Zelebritäten im eigenen Fett frittiert, wenn er sie zitiert. Falls unsere Kinder einst begeistert in Ulis Büchlein blättern sollten, so werden sie die allermeisten Pappnasen erstmal googeln müssen.

Die gestandenen LeserInnen der RATIONALGALERIE dürften an der Schmocksammlung vor allem den Erinnerungswert schätzen. Und sie freuen sich diebisch darauf, den CDU-Wählern unter ihren Lieben vom Verfasser signierte Exemplare auf den Gabentisch legen zu dürfen. Für die jungen Wilden aber ist „Der Schmock“ ein wegweisendes Werk, wenn es gilt, die omnipräsenten Gruftis mit beißender Ironie, bärischer Grobheit und präziser Recherche abzufetten.

Gellermanns neues Buch:
DER SCHMOCK DAS BEKANNTE UNWESEN

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Fotoquelle: Wikipedia / Gemeinfrei

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Tatort Fan-Kurve

Erstellt von Uli Gellermann am 6. Dezember 2013

Die Massenbasis des NSU

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 05. Dezember 2013
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Buchtitel: Tatort Fankurve
Buchautor: Klaus Blume
Verlag: Rotbuch

Folgte man dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der dem Fußballspielen eine Funktion der Aggressionsabfuhr attestierte, müsste die wöchentliche Randale rund um die Bundesliga eigentlich schwächer geworden sein: Die Deutschen sind seit langem wieder an richtigen Kriegen beteiligt, könnten sich also prima in Afghanistan austoben, statt sich dem Ersatzkrieg in den Stadien zu widmen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Zahl der gewaltsamen Krawalle ist in den letzten Jahre angewachsen und sie haben sich, wie der Autor Klaus Blume in seinem Buch „Tatort Fussballkurve“ belegt, politisiert: „Inzwischen hat sich der Fußball . . . zu der Bühne für Neonazis entwickelt“, schreibt Blume und belegt das mit Zahlen der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS)“, die bei „mindestens 16 Clubs in den drei deutschen Profi-Ligen Überschneidungen zwischen gewaltbereiten Fans und der rechten Neonazi-Szene gibt.“

Blume zieht eine lange Linie einer von Nazis organisierten Politisierung der Fußballfanszene. Hatte doch schon in den 1980er Jahren der Bonner Fascho-Vordenker Michael Kühnen ein Strategiepapier vorgelegt, in dem gefordert wurde, die Fußballfans „als gewalttätiges Potential für uns einsetzen zu können.“ Und wer die Hitlergrüße vieler Fans bei den wöchentlichen Stadien-Inszenierungen sieht, wer sie „Schiri nach Ausschwitz“ skandieren hört und die Vielfalt der offenen und verdeckten Nazi-Symbole in den Fankurven wahrnimmt, der weiß um den späten Erfolg Kühnens, der weiß um die Gefahr, die aus der organisierten rechten Gewalt droht.

Als eines der herausragenden Beispiele der brutalen Auseinandersetzung mit dem staatlichen Gewaltmonopol, darf der Straßenkrieg gelten, den die rechten Hooligans nach dem Wiederaufstieg des Vereins „Eintracht Braunschweig“ lostraten. Stundenlang beherrschten sie am Pfingstmontag 2013 die Braunschweiger Innenstadt, versuchten sie in Schutt und Asche zu legen und schlugen massive Polizeiformationen immer wieder zurück. Dass der Bundesvorsitzenden der NPD, Holger Apfel aus Hildesheim, ein Fan der Braunschweiger Mannschaft ist, war bekannt. Aber Apfel, der relativ unbehelligt im sächsischen Landtag sitzt, wird mit einem Stadionverbot in Braunschweig bedacht. Ein Konzept der formierten Bekämpfung rechte Gewalt im Sport ist bisher nicht auszumachen. Eher ein Tiefhängen der Gefahr.

Während in der offiziellen Bundesrepublik eine quasi-religiöse Gedenkkultur zelebriert wird – – Denkmäler, Stolpersteine, Feiertagsreden – – braut sich rund um die Fußballvereine eine unerträglich braune Suppe zusammen, die längst internationalisiert wird: Bei Lazio Rom wird an den Wochenenden Mussolini verherrlicht, bei Feyenoord Rotterdam grölt man antisemitische Gesänge, in Madrid gibt es, so notiert der Autor und schätzen die Sicherheitsbehörden, 11.000 Fußballfans in rechtsextremen Organisationen. Klaus Blume bleibt nicht im Stadion stehen: Er erinnert an die vielen Franco-Sympathisanten in spanischen Behörden und Medien, ebenso wie an den Aufschwung rechter Bewegungen in Skandinavien, Frankreich oder Holland.

Das faktenreiche Buch endet mit einem Interview des ehemaligen DFB-Chefs Theo Zwanziger, der immerhin bekennt, dass „der Fußball den Rechtsradikalismus nicht ernst genug“ nimmt. Ob Zwanziger, eine klassische Funktionärsfigur aus der Republik der Verharmloser und Kleinredner, dazu taugt, die Schlussapotheose des Buches zu formulieren, darf bezweifelt werden. Zumal er von einem „Balanceakt“ spricht, wenn es um die Erfassung der rechten Ultras geht. Sicher bleibt, dass die rechten „Fans“ die These von den Nazi-Minderheiten widerlegen. Der NSU hat eine erkennbare Massenbasis.

Fotoquelle: Wikipedian – Author belgraded.com from Serbia

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Polanskis neuer Film

Erstellt von Rationalgalerie am 19. November 2013

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Gefangen von einer Frau

Autor: Angelika Kettelhack

Rationalgalerie

Datum: 18. November 2013

„Venus im Pelz“ ist nichts weiter als ein Zwei-Personen-Stück — aber ein grandioses, ein intellektuelles und ein erbarmungsloses. Ein Spiel, inszeniert von dem jetzt 80-jährigen Roman Polanski, dem Filmregisseur, der die Ängste der Frauen kennt und versteht wie er immer wieder bewiesen hat: 1965 in „Ekel“ mit Catherine Deneuve, 1968 in „Rosemaries Baby mit Mia Farrow, 1979 in „Tess“ mit Nastassja Kinski und 1994 in der „Tod und das Mädchen“ mit Sigourney Weaver.

Doch dieses Mal geht es um die ausweglose Situation eines Mannes, der zum „Gefangenen“ einer Frau wird in einem Duell zwischen dem Theaterregisseur Thomas und der sich naiv und ungebildet gebenden Schauspielerin Vanda, die unbedingt die Rolle der Vanda in seiner neuesten Inszenierung ergattern will, die sich auf die berühmte Novelle „Venus im Pelz“ (1870) von Leopold von Sacher-Masoch bezieht. Jenen Autor, der gegen seinen Willen für die Wortschöpfung „Masochismus“ verantwortlich gemacht wird.

Gespielt wird dieser Theaterregisseur von dem französischen Filmschauspieler Mathieu Amalric, der dem jungen Polanski verblüffend ähnlich sieht, was allerdings nicht so erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass die Eltern von Amalrics jüdischer Mutter aus dem selben Dorf in Polen stammen wie Roman Polanskis Eltern. Da kann es ja durchaus eine weiter zurückliegende gemeinsame jüdische Familiengeschichte geben – auch wenn der Schauspieler Amalric und der Regisseur Polanski beide in Paris geboren wurden.

Roman Polanski, der 2003 für „Der Pianist“ einen Oscar bekam, nimmt wie schon in seinem vorangegangenen, wunderbar brisanten Film „Der Gott des Gemetzels“, der auf einem Vier-Personen-Stück der Theater-Autorin Jasmina Reza fußt, nun für sein filmisches Zwei-Personen-Stück „Venus im Pelz“ den Broadway-Erfolg von Davis Ives als Vorlage. Beide bauen auf Sacher-Masochs Novelle auf. Bei Polanski fällt das besonders selbstironisch und witzig aus.

Von dem Duell, in dem nicht der Regisseur seine Darstellerin quält, sondern umgekehrt die Untergebene die stärkere Position einnimmt, soll Polanskis Ehefrau, Emmannuelle Seigner, mit der er seit 25 Jahren zusammen ist, und die ihre Rolle als Vanda in „Venus im Pelz“ mit beeindruckend erotischer Verführungskunst spielt, gesagt haben, der Film ihres Mannes sei ziemlich feministisch. Wahrscheinlich weil dieser Film den Frauenpart unterstützt wenn er voller Humor mit Klischees spielt, um diese dann gleich im nächsten Moment wieder zu brechen.

Zunächst aber scheinen die Rollen traditionell verteilt zu sein: Der Regisseur ist der Bestimmende und die Arbeit suchende Schauspielerin hat schlechte Karten. Nicht nur weil sie erst Stunden nach dem angesetzten Casting zum Vorsprechen erscheint, sondern auch weil sie in ein Gewitter geraten ist und nun pudelnass mit strähnigen Haaren und verlaufener Schminke ausgesprochen hässlich aussieht. Doch sie weiss, was sie will und hat sich super vorbereitet: Sie hat „second hand“ ein Kostüm aus der Zeit um 1870 und passend aus der selben Epoche eine Jackett für den Regisseur in ihrer großen Handtasche. Und noch dazu eine frühe Originalausgabe des Sacher-Masoch-Buchs.

Als Vanda dann gegen jede Erwartung eine Kostprobe ihres Könnens liefert, erlebt Thomas eine erstaunliche Wandlung: Bereitwillig zieht er die mitgebrachte Jacke an als sie ihn zwingt die Rolle ihres Stichwortgebers für sie einzunehmen. Und schon bald geht sie zum Angriff über, indem sie ihm das Motto des historischen Buches zitiert: „Und der allmächtige Gott hat ihn gestraft und ihn in eines Weibes Hände gegeben.“ – „Finden Sie das nicht sexistisch?“ fragt sie ihn vorwurfsvoll und provoziert ihn triumphierend: „Vanda ist hinreißend unschuldig bis sie zufällig auf diesen Perversen trifft … Der reine Geschlechter- und Klassen-Kampf ist das!“

Er wehrt sich typisch Mann und aus seiner Position als Arbeitgeber: „Sie begreifen es nicht. Sie begreifen gar nichts! Wie kann man so einen Schwachsinn reden und Vanda gut spielen?“ Das gegenseitige Verwirr-Spiel wird immer intensiver, manchmal fast bedrohlich in der sich ständig steigernden Auseinandersetzung um sexuell bestimmte Abhängigkeit und gegenseitige Erniedrigung, die so weit geht, dass der Mann trotz aller schöpferischen und gescheiten, aller schlagfertigen und ironischen Wortgefechte und Ausbruchsversuche zum Spielball von Vandas und seinen eigenen Gelüsten wird.

Trotz der unendlich vielen Dialogwechsel kann man in keinem Fall von einem bloßen Radio-Film reden, auch wenn er nur an einem einzigen Ort, zwischen Zuschauerraum und Bühne, spielt. Denn jede noch so einfache und normale Bewegung ist stark erotisch aufgeladen, ohne jemals peinlich zu sein. Wenn Vanda sich auf der Récamière wie hingegossen rekelt und ausstreckt oder wenn er den Reisverschluss ihres schwarzledernen Mieders schließt, ist sie die Herrin in jeder Situation.

Das Fazit von Polanski zu seinem Film: Der Sado-Masochismus hat etwas, das dem Theater nicht unähnlich ist: Man wird in seinen eigenen Phantasien zum Regisseur, man spielt eine Rolle und bringt jemand anderen dazu, eine Rolle zu spielen. Mit dieser Theatralität, diesem Spiel im Spiel, spielt der Film. Das ist ein Ort, an dem Herrschaft und Unterwerfung, Theater und echtes Leben … sich treffen, die Plätze tauschen, Grenzen sich verwischen.

Der Film kommt am 21. 11. in die Kinos

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Von Atlantis bis Xanadu

Erstellt von Rationalgalerie am 7. November 2013

Bronzezeitliches Fresko aus Akrotiri auf Santorin – Schiffsprozession aus einer mit einem
Kanal umgebenen Inselstadt zu einer Stadt auf einer anderen Insel oder dem Festland

Umberto Ecos Handbuch der Hirngespinste

Autor: Botho Cude

Rationalgalerie

Datum: 06. November 2013
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Buchtitel: Die Geschichte der legendären Länder und Städte
Buchautor: Umberto Eco
Verlag: Hanser

Träume sind nur der Abfall von Neuronengewittern im Gehirn.
Moderne Weisheit

Umberto Eco, die ragende Pinie auf einem Parnass voller Latschenkiefern, hat sich hoffentlich damit abgefunden, dass er den Mogelpreis nie kriegen wird. Zwischen den großen Romanen erholt er sich, indem er lehrreiche Bilderbücher für Erwachsene macht, die er mit seinen köstlichen Lesefrüchten garniert. 2009 erschien „Die unendliche Liste“, die für euch, liebe LeserInnen, in der RATIONALGALERIE rezensiert wurde. Jetzt hat Eco einen kunterbunten Prachtband verfertigt, der die geografischen Irrtümer und Spekulationen, die mythischen Orte und traditionellen Lügengeschichten von Orient und Okzident aus den ersten Quellen dokumentiert. Auch die Neuzeit mit ihrem uferlosen esoterischen Unfug und den überbordenden literarischen Fiktionen wurde nicht vergessen. Antike Reliefs, mittelalterliche Miniaturen, Gemälde durch die Zeitalter, alte Buchillustrationen und moderne Filmplakate bebildern das Opus. Naturgemäß sind deutscher Historismus, französisches Fin de Siècle und englischer Viktorianismus reichlich repräsentiert mit prächtigen Ölschinken voll praller Nymphenhinterbacken, wallender Odinsbärte und zingernder Blitze, wunderschön anzusehen, ohne dass darum das Dargestellte irgendwie realer würde.

Der elende Zustand der Heimat hat fabulierfreudige Skribenten zu allen Zeiten dazu verführt, ihre Träume in ferne Länder zu verpflanzen. Alles andere wäre Anstiftung zum Aufruhr gewesen. Umberto Eco entführt uns in seinem Kompendium zu verrückten und fatalen Orten, die schon unsere Vorfahren entdecken wollten, ohne sie jemals finden zu können, egal, ob Eldorado oder Schloss Silling.

Der Aufbau der fünfzehn Kapitel bleibt sich gleich. Am Anfang steht immer eine kenntnisreiche Einführung des Meisters in die Ideengeschichte der kuriosen Artefakte, gespickt mit sprechenden Bildern. Dann folgen ausgewählte Texte der maßgebenden Autoren.
Eco beginnt sein Handbuch mit der Geschichte von der Gestalt der Erde. Im Anfang war sie bekanntlich platt wie ein Spiegelei (Hesiod). Zu Beginn des Mittelalters erhob sich in der Scheibenmitte ein riesiger Berg, hinter dem nachts die Sonne verschwand (Kosmas). In der frühen Neuzeit bekam die Erde Birnenform (Columbus). Erst dann wurde sie zur Kugel, wie von Aristoteles vorhergesagt. Schließlich vermaß man den Erdball im Barock und seitdem ist er abgeplattet wie eine Pampelmuse. Natürlich faszinieren die Antipoden, die mit dem Kopf nach unten an der Erde hängen.

Die geografischen Phantasien waren ursprünglich nur Räuberpistolen, die sich Reisende am Lagerfeuer erzählten. Mit dem Gilgamesch-Epos (unerwähnt) beginnt die fiktionale Reiseliteratur. Zweitausend Jahre später berichtet die Thora vom Land Ophir und dem der Königin von Saba. Seit Homer und Herodot haben die alten Griechen das Sagen. Nicht der attische Bauer überlieferte seinem Sohn die Mär von der Insel Atlantis, sondern Platon schrieb sie nieder in den Dialogen Timaios und Kritias. Angeblich hatten ägyptische Priester dem weisen Solon diesen Bären aufgebunden. Bereits im Altertum galt der platonische Bericht als ein Märchen, erfunden zu pädagogischen Zwecken (die Schlechten werden versenkt). Was nicht verhindert hat, dass sich seitdem ganze Völkerscharen auf die Suche nach Atlantis begeben haben. So wechseln Phantasmagorien in die Realität.

Die Ungeheuer und Wundermänner der fernen Länder des Orients folgen auf dem Fuße. Von Basiliken, Drachen und den Greifen, mit deren Hilfe sich Alexander der Große in die Luft erhebt, bis zu John Mandevilles Bericht über den Priesterkönig Johannes spannt sich der Bogen.
Die Paradiese reichen vom Garten Eden bis Eldorado. Erstaunt liest der Önologe, dass das Paradies des Korans auch einen Bach enthält, der Wein mitführt, den zu trinken ein Genuss ist.
Mehrere Kapitel handeln von Inseln. Da sind zum einen die sagenhaften: Atlantis, Ultima Thule, die Insel des heiligen Brendan, Morus’ Utopia und Swifts fliegendes Laputa; zum andern die heute realen: Taprobane (einst Ceylon, nunmehr Sri Lanka), die Salomon-Inseln und die Terra Australis.
Die Berichte über geheimnisvolle Städte sind zumeist literarische Fiktion, wie Campanellas Sonnenstadt. Baco von Verulam schildert in Neu-Atlantis die Musterstadt Bensalem. Johann Valentin Andreae erfindet Christianopolis. Am Ende steht Italo Calvinos Fedora („Die unsichtbaren Städte“).
Weitere Kapitel füllen wüste Mythen, wie der Alte vom Berge, der Gral, Graf Dracula, Agartha, Shambala und Rennes-le-Château, ohne dass damit der Fundus wahnhafter Ideen irgendwie erschöpft würde, liebe LeserInnen.

Öfters begegnen wir der obskuren Ideenwelt des Nationalsozialismus. Hörbigers Welteislehre und Neuperts Hohlwelttheorie werden ebenso referiert wie Otto Rahns Gralssuche, Thulegesellschaft und Vril-Mythos inklusive. Alfred Rosenberg vermutete gar in seinem „Mythus des 20. Jahrhunderts“ die Urheimat des nordischen Menschen in Atlantis. Warum als Illustrationen Porträtfotos von Hitler, Himmler und Goebbels sowie Plastiken Thoraks und Brekers herhalten mussten, erschließt sich nicht ganz. Vermutlich wollte Eco auf das Missverhältnis zwischen banalen Kleinbürgerphysiognomien und olympischen Muskelmännern hindeuten. Hier hätte man eher Albert Speers Modell der Welthauptstadt Germania und die abstrusen Entwürfe von Wilhelm Kreis zu Totenburgen in der Ukraine erwartet. Oder auch Berlusconis monströses Mausoleum von Pietro Cascella.

Das Erdinnere und der Polmythos bringen uns auf die Neuzeit und die utopische Literatur. Im Innern ist der Planet übrigens vorzugsweise von riesigen Pilzen überwuchert. Edward Bulwer Lyttons „Das kommende Geschlecht“ und Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (unzitiert) eröffnen den Reigen. Wunderbarerweise erwähnt Eco sogar Wladimir A. Obrutschews „Plutonien“, wenn auch nur en passant. Dieses und „Das Sannikowland“ waren Lieblingsbücher meiner Kindheit. Was fehlt hier? Gewiss ein Stückchen aus Dürrenmatts „Winterkrieg in Tibet“. Das große Finale liefert Jorge Louis Borges, der Altmeister des modernen Mythos, mit seiner Erzählung vom Aleph, durch das man einfach alles auf dieser Welt beobachten kann, ähnlich wie es heute die NSA tut.

Für angehende Politikwissenschaftler, die in der Legislative Karriere machen wollen, ist dieses Buch Pflichtlektüre. Es lehrt sie nach berühmten Mustern, wie man erfolgreich das Volk verkohlt. Denn wer goldene Berge (Eldorado) und blühende Landschaften (Schlaraffenland) verspricht, kann hochelegant Raubzüge legitimieren, in denen es um Öl und Opium geht. Ganz nebenbei bekommt der Doktorand noch das korrekte Zitieren der ausgeschlachteten Literatur beigebracht.
Heute existieren profitable Industrien, die den Konsumenten mit Sciencefictionfilmen, Mangas und Computerspielen zuschütten. Zu Recht verzichtet Eco auf diese modernen Sumpfblüten der Phantastik, denen schon etliche Monografien gewidmet wurden.
„Die Geschichte der legendären Länder und Städte“ ist ein Buch, liebe LeserInnen, das nur in die Hände von klar denkenden Menschen gehört. Aber für die ist es eine Wohltat.

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Überlebensübungen

Erstellt von Uli Gellermann am 26. Oktober 2013

Folter als Herrschaftsinstrument

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 24. Oktober 2013
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Buchtitel: Überlebensübungen
Buchautor: Jorge Semprun
Verlag: Suhrkamp

Das ist doch alles ganz lange her: Als in Europa noch gefoltert wurde. Als sich Menschen illegal gegen ihre Regime organisierten. Als solche wie Jorge Semprun ihr Leben riskierten, um ein anderes, besseres Leben für alle zu erreichen. Bis zu seinem Tod vor zwei Jahren war das der Stoff, aus dem Semprun sorgsam Bücher schnitt wie man Filme schneidet. Seine letzte Arbeit – „Überlebensübungen“ – liegt nun vor. Und die Frage, wie lange das denn alles her ist, stellt sich – angesichts der Foltergefängnisse, die von der CIA betrieben auch in Litauen, Polen und Rumänien existierten – anders als man denken mag. Der Guantanamo-Komplex hat sich wie eine gefährliche Seuche ausgebreitet, und seine Abwehr ist nur schwach, verdeckt von einem Menschenrechtsgesäusel, das immer die anderen betrifft, nie aber uns.

„Der trockene, stechende, aber kaum anhaltende, flüchtigere Schmerz des Holzschlagsstocks ließ sich nicht mit dem dumpfen, beim Aufprall erträglicheren, aber sehr viel tieferen und dauerhafteren Schmerz des Gummiknüppels vergleichen“ erinnert Semprun aus der Gestapo-Villa in Auxerre, in die man ihn verbracht hatte bevor er nach Buchenwald transportiert wurde. Und er erinnert auch, dass die Gestapo schon jene Wasserfolter nutzte, die uns heute als „Waterboarding“ bekannt ist. Vom Schweigen während der Folter hing Leben ab. Auch als Semprun, dem KZ-Buchenwald entronnen, zehn lange Jahre illegal im faschistischen Spanien für die Änderung der Verhältnisse wirkte, war das Schweigen der anderen seine Überlebensgarantie: Sie haben ihn nie erwischt, den Mann, der sich Frederico Sanchez nannte und jener Jorge Semprun war, der bis zuletzt seine Erfahrungen in Literatur umsetzte, in Texte, deren Bilder als Mahnschriften an der Wand begriffen werden sollten und wurden.

Alles ganz lange her? Bis 1974 herrschte der „Estado Nuevo“ in Portugal, jene Diktatur als deren Begründer Antonio Salazar gilt und dessen Folterpolizisten sich auch nach der Diktatur unbehelligt in der Gesellschaft bewegen konnten. Der Caudillo Francisco Franco, der „Führer“ Spaniens, herrschte bis in das Jahr 1975, und sein Erbe ist bis heute nicht aufgearbeitet, seine Folterer, wenn sie noch leben, wurden nie vor ein Gericht gestellt. Natürlich waren die Gefolterten im öffentlichen Bild immer Volksfremde, Verräter, im Zweifelsfall gern Kommunisten. Dank des europäischen Kriegexportes – ob als Willige im Irak oder als Menschenrechtler in Libyen – sind die Gefolterten dieser Tage zumeist Fremde: Dunkle Hautfarben, dunkle Haare und vorgeblich dunkle Beweggründe grenzen sie aus. Was sie wollen, will keiner so recht wissen. Sicher ist: Sie gehören nicht zu uns, das stellt sie außerhalb des Rechts.

Jorge Sempruns letztes Buch konnte nicht vollendet werden, er hatte an Fortsetzungen gedacht, an ein „unendliches Buch“. Stoff genug hätte er finden können.

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Fotoquelle: Wikipedia –

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Der europäische Traum

Erstellt von Uli Gellermann am 18. Oktober 2013

Die Nationen gibt es immer noch

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 17. Oktober 2013
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Buchtitel: Der europäische Traum und die Wirklichkeit
Buchautor: Andreas Wehr
Verlag: PapyRossa Verlag

Nur knapp hat die Alternative für Deutschland (AdF) den Einzug in den Bundestag verfehlt. Für die Europawahlen prophezeien die Wahlforscher, dass die Partei rechts von der CDU bei den Europawahlen gute Aussichten auf Parlamentssitze haben wird. Ihren Erfolg bezieht die Partei vorrangig aus ihrer Ablehnung des Euro und der scheinbaren Betonung des Nationalen. Auch deshalb ist das neue Buch von Andreas Wehr, das sich mit der EU und den Nationen auseinandersetzt, ein spannender Debattenbeitrag. Wehr arbeitet sich in guter intellektueller Tradition an anderen intellektuellen Positionen ab, wenn er unter dem Titel „Der europäische Traum und die Wirklichkeit“ über die Rolle der Nationen in Europa nachdenkt.

Es sind Jürgen Habermas, Jeremy Rifkin, Ulrich Beck, Daniel Cohn-Bendit, Guy Verhofstadt und Martin Schulz, an denen sich Andreas Wehr reibt, und deren Überlegungen er als Träume, sogar als Alpträume abtut. Wohl deshalb stellt der Autor zu Beginn fest: „Der Europäischen Union kommt die Legitimation abhanden.“ Diese Feststellung untermauert er mit dem „Nein“ zur europäischen Verfassung bei den Volksabstimmungen in Frankreich und Holland, den sinkenden Wählerzahlen bei europäischen Wahlen und den aus der Bankenkrise stammenden Vorbehalten gegen eine Union des Kaputtsparens: „Nach Osteuropa entsteht im Süden (Europas) eine zweite Armutszone.“

Jeremy Rifkin, ein US-amerikanischer Autor, der von Wehr rezensiert wird, vergleicht den „american dream“ mit seinem Traum von Europa und findet den letzteren einfach besser, weil er auf europäischen Straßen „nur selten Obdachlose“ gesehen hat und auch weniger „schwergewichtige Menschen“. Dann freut sich der Soziologe heftig: „Europäer sind gern faul. Sie nehmen sich Zeit an Rosen zu schnuppern.“ Diesen galoppierenden Subjektivismus nimmt ihm Wehr zu Recht übel und sieht Rifkin gern als Äpfel-mit-Birnen-Vergleicher, der willkürlich mit Zahlen und Ebenen jongliert, um dann zu einem gnadenlosen Urteil zu kommen: „Der Europäische Traum von Jeremy Rifkin ist Science Fiction.“

Jürgen Habermas will Wehr nicht als „Fiction“ abtun. Immerhin ist der Philosoph gut sozialdemokratisch vernetzt und seine These der „Transnationalisierung der Demokratie“ erfreut sich allgemeiner Beliebtheit. Aber nicht bei Wehr, der ziemlich schnell nachweist, dass die Verlagerung sozialer Probleme ins Transnationale, sprich auf die europäische Ebene, gern einem Transport ins Unverbindliche gleichkommt statt bereits auf nationaler Ebene den Kampf um soziale Gerechtigkeit aufzunehmen. Auch die (nicht nur) bei Habermas als völlig neu begriffene Globalisierung sieht Wehr in einer kapitalistischen Kontinuität, die er mit einem treffenden Zitat aus dem „Kommunistischen Manifest“ belegt. Wenn Habermas einer Teilung der „Volkssouveränität zwischen den Bürgern der Europäischen Union und den Völkern Europas“ das Wort redet, ist Wehr an der Wirklichkeit interessiert, die nun mal eine nationale Staatsangehörigkeit vor die Unionsbürgerschaft setzt und auch deshalb bisher kaum ein europäisches Bewusstsein zulässt.

Auch dem Soziologen Ulrich Beck lässt der Autor die laxe Formulierung „Die Abgabe von Souveränitätsrechten geht einher mit einem Gewinn an politischer Gestaltungsmacht“ nicht durchgehen. Bereits Wehrs Erinnerung an das wirtschaftliche Auseinanderdriften der europäischen Staaten entlarvt den von Beck konstatierten „Gewinn“ als Phrase. Dem sprachgewaltigen „Manifest für Europa“ von Daniel Cohn-Bendit und Guy Verhofstadt attestiert Andreas Wehr „ein eurozentrisches, ja eurochauvinistisches Weltbild“. Denn Cohn-Bendit und Verhofstadt begreifen Europa primär als ein Produkt der Konkurrenz zu Staaten wie China und Indien um, gemeinsam mit den USA, „die westliche Vormachtstellung verteidigen zu können.“ Selbstverständlich taucht in den Forderungen des „Manifest für Europa“ das ebenso beliebte wie nebulöse „wir“ auf: Das ist das „wir“, dass uns alle in ein Boot verfrachtet und nicht fragt wer rudert und wer steuert.

Schließlich macht uns Wehr noch mit den Positionen von Martin Schulz, dem Präsidenten des europäischen Parlamentes bekannt. Bei ihm sieht er nicht „den Hauch einer volkswirtschaftlichen Erklärung, was angesichts der ökonomischen und sozialen Probleme der EU schon erstaunlich ist. Und wenn der Präsident feststellt, dass die EU zur Zeit ein eher neoliberales Projekt ist, dann erlaubt sich Wehr den Sozialdemokraten Schulz daran zu erinnern, dass die Deregulierung der Märkte wesentlich von der sozialdemokratisch geführten Regierung Schröder betrieben wurde.

Der EU-Mitarbeiter der Linkspartei Andreas Wehr legt ein sachkundiges, streitbares Buch vor, das mit einem Plädoyer für den „Nationalstaat als Raum politischer Kämpfe und Klassenauseinandersetzungen“ endet. Nicht als Gegensatz zu einem vereinten Europa, sondern als Basis, von der aus ein anderes, ein soziales und gerechtes Europa zu erreichen wäre. Dass Wehr – angesichts der Militäroperationen diverser EU-Mitgliedsländer – die Beschwörung des europäischen „Friedensprojektes“ als leeres Gerede demaskiert, ist ein kluges Additiv einer auf soziale und ideologische Fragen zentrierten Arbeit.

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Die Fackel der Aufklärung

Erstellt von Rationalgalerie am 11. Oktober 2013

Diderots Enzyklopädie

Autor: Botho Cude

Rationalgalerie

Datum: 10. Oktober 2013
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Buchtitel: Diderots Enzyklopädie
Buchautor: Denis Diderot u. a.
Verlag: Die Andere Bibliothek

Gewiß wird dieses Werk mit der Zeit eine Revolution im Denken bewirken, und ich hoffe, daß die Tyrannen, Unterdrücker, Fanatiker und Unduldsamen das Nachsehen haben. Wir werden der Menschheit einen Dienst erweisen; doch wir werden schon lange Staub und Asche sein, bevor man uns dafür Dank weiß.
Diderot an Sophie Volland, 25. Sept. 1762 /1/

Liebe LeserInnen,

am 5. Oktober jährt sich der Geburtstag des französischen Aufklärers Denis Diderot das dreihundertste Mal. Die Andere Bibliothek hat beschlossen, dem Heros der Lexikografie anlässlich des Jubiläums ein Denkmal zu setzen, und was könnte das anderes sein, als ein großes Buch? Es ist ein Prachtband im Quartformat geworden, der ausgewählte Artikel aus Diderots Hauptwerk enthält. Das ist die „Enzyklopädie oder Auf Vernunfterkenntnis gegründetes Lexikon der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks“. Verschönt wird das Buch durch die Wiedergabe von Kupferstichen, die den Tafelbänden der Enzyklopädie entnommen sind. Im Zeitalter des E-Books dürfte es den FreundInnen moderner Buchkunst zunehmend seltener vergönnt sein, solch gewichtige Köstlichkeiten in Händen zu halten.

Denis Diderot wird 1713 geboren als Sohn eines Messerschmieds in Langres. Grosse und befestigte Stadt in Champagne auff einem Berge, am Ursprung der Marne, schreibt dazu Johann Hübners Staats- und Zeitungslexicon von 1704. /2/ Er besucht das dortige Jesuitenkolleg, verlässt es 1728 vorzeitig und verzichtet somit auf die geistliche Laufbahn, geht nach Paris und macht daselbst 1732 den Magister in Jurisprudenz. Diderot heiratet 1743 und ernährt die Familie mit Übersetzungen und literarischer Gelegenheitsarbeit. Dann übernimmt er 1747 mit dem Mathematiker d’Alembert die Herausgabe der Enzyklopädie. Dieses Werk wird ihn in Europa berühmt machen. Und obwohl die ideologischen Institutionen der Zeit, voran die Sozietäten der Jesuiten und Jansenisten, ihn öffentlich angreifen, kann er sich (anders als heute Salman Rushdie) frei in der Gesellschaft bewegen. Keine fanatisierten Meuchelmörder bedrohen sein Leben.

Die Hauptfeinde der Enzyklopädisten sind der Klerus und die konservative Aristokratie und damit das von ihnen konservierte mittelalterliche Weltbild. Die Enzyklopädisten sind blind für die Schönheit der jüdischen Sagen und Mythen der Thora und belächeln die wirre Prophetie des Neuen Testaments. Für sie sind Moses, Jesus und Mohammed nur Betrüger, als die sie schon das Buch De Tribus Impostoribus zu Luthers Zeiten verlästerte.

Die Arbeit an der Enzyklopädie ist von Anbeginn von staatlicher Verfolgung überschattet. Noch vor Erscheinen des ersten Bandes wird Diderot 1749 verhaftet nach Veröffentlichung seines sensualistischen „Briefs über die Blinden zum Gebrauch für die Sehenden“ und für drei Monate in Vincennes eingekerkert. Das erscheint uns heute ziemlich milde, wo das Randalieren in Kirchen und Schmähgesänge auf den Herrscher Russlands mit zwei Jahren Arbeitslager geahndet werden. Diderots Freilassung erfolgt allerdings erst nach Unterzeichnung einer Selbstverpflichtung, künftig alles zu Veröffentlichende der Zensur zu unterwerfen. Von nun an werden seine Werke anonym in der „Literarischen Korrespondenz“ oder erst nach seinem Tod erscheinen. Darunter finden sich köstliche ironisch-philosophische Dialoge wie „Rameaus Neffe“ (von Goethe übersetzt), ein assoziativer Roman ohne lineare Handlung („Jakob der Fatalist und sein Herr“) und der Erstling des bürgerlichen Dramas („Der Hausvater“).

1752 werden die ersten beiden Bände der Enzyklopädie auf Befehl des Königs verboten wegen mehrerer Maximen, die darauf abzielen, die königliche Autorität zu zerstören, den Geist der Unabhängigkeit und der Revolte zu befestigen und die Grundlagen des Irrtums, der Sittenverderbnis und des Unglaubens zu errichten. /3/ Aber das Verbot zeitigt keine Folgen und so können bis 1759 sieben Bände erscheinen. Dann wird als Reaktion auf ein Attentat auf den König im Januar 1757 und die Verdammung der Enzyklopädie durch Papst Clemens XIII. im Jahr 1759 die königliche Druckerlaubnis entzogen. Aber die Mde. de Pompadour, einflussreiche königliche Maitresse, protegiert das Werk und Lamoignon de Malesherbes, Oberaufseher des Buchwesens unter Ludwig XV. und späterer Minister Ludwigs XVI., unterstützt die Enzyklopädisten. Ihm ist es wesentlich zu danken, dass das Riesenwerk zu Ende gebracht wird. Als Diderot die Hausdurchsuchung droht, verbirgt er dessen Manuskripte in seinem Haus. Was waren das für heroische Zeiten! Heute scheint es unmachbar, dass der verpimpelte deutsche Innenminister auch nur unsere harmlosen E-mails vor dem Zugriff der NSA bewahrt.

Nachfolgend wird die Veröffentlichung stillschweigend geduldet, denn die Enzyklopädie ist auch zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. In seinen besten Zeiten hat das Werk über 150 Autoren, die für die Ehre arbeiten, darunter die Großen der französischen Aufklärung, Voltaire, Montesquieu, Rousseau, Turgot, Marmontel. Unter dem Druck der Verfolgung beenden alle nach und nach die Mitarbeit, auch der Mitherausgeber d’Alembert, und am Ende bringen Diderot und der Chevalier Louis de Jaucourt, der „Lastesel der Enzyklopädie“, zu zweit den Textteil zu Ende. Jaucourt setzt dabei sein gesamtes Vermögen zu und schreibt über 17.000 Artikel!

Es ist nicht das erste Nachschlagewerk der Aufklärung. Am Anfang steht Pierre Bayles Historisches und kritisches Wörterbuch, das 1697 in Holland erschien. Das von ihm ersonnene Mittel der Querverweise treiben die Enzyklopädisten raffiniert auf die Spitze.

Z. B. wird am Ende des Artikels Eucharistie auf den Artikel „Menschenfresser“ verwiesen, was auf eine Verspottung der Lehre von der Transsubstantiation hinausläuft. Die Enzyklopädie enthält in weiser Vorsicht keine Personenartikel, mit denen sich spätere Lexika selbst zu entlarven pflegen, dafür aber alles Wissenswerte über das damalige Handwerk.

Diderot erhält für seine über zwanzigjährige Arbeit weniger als 80.000 Livres. Der Profit der Verleger wird sich auf zirka 2.400.000 Livres belaufen. Ein Gesamtexemplar der Enzyklopädie kostet etwa 900 Livre. Zum Vergleich: Ein Lyoner Seidenarbeiter verdient damals zusammen mit seiner Frau 639 Livre im Jahr. /4/ Damit ist die Klientel der Enzyklopädie beschrieben: Es eine exklusive Gruppe unter den Reichen und Mächtigen. Das Werk wird in Raubdrucken in ganz Europa verbreitet werden und macht seinen Verfasser hochberühmt. Goethe schreibt im 11. Buch von „Dichtung und Wahrheit“ nach einem gewundenen Lobgesang auf die Enzyklopädie: Diderot war nahe genug mit uns verwandt; wie er denn in alle dem, weshalb ihn die Franzosen tadeln, ein wahrer Deutscher ist. /5/

Diderots Geldsorgen nehmen erst 1763 ein Ende, als die russische Kaiserin Katharina eingreift. Die Zarin kaufte die Bibliothek für 15.000 Frances, überließ sie ihm und stellte ihm obendrein eine Pension von 1.000 Frances, damit er seine eigene Bücherei verwalten könne, berichtet Mde. de Vandeul, die Tochter Diderots. /6/ Diese Pension wurde ihm übrigens auf 50 Jahre im Voraus ausbezahlt. (Ein France entspricht 1795 knapp einem Livre.)

Diderot verlässt das Unternehmen „Enzyklopädie“ kurz vor Abschluss, als ihm bewusst wird, dass die Verleger aus eigener Machtvollkommenheit den Inhalt kastriert haben. Der spätere Baron Melchior Grimm, d’Alemberts guter Freund, ist der Herausgeber der handschriftlich verbreiteten „Literarischen Korrespondenz“ aus Paris, die damals viele Fürstenhäuser Europas mit dem Neuesten aus Kultur, Kunst und Klatsch beliefert. Er berichtet unter dem 1. 1. 1771: Die Drucklegung des Werkes ging schon ihrem Ende entgegen, als Herr Diderot einen seiner großen philosophischen Artikel unter dem Buchstaben S nachlesen musste und ihn völlig verstümmelt fand. … Er sah die besten Artikel von seiner wie von seiner Helfer Hand durch und fand fast überall das gleiche Durcheinander… Die Entdeckung versetzte ihn in einen Zustand der Raserei und Verzweiflung, den ich nie vergessen werde. /7/

1773 gönnt sich Diderot endlich die Reise zu seiner Gönnerin Katharina II. von Russland. Katharina hatte seinerzeit nach dem Verbot der Enzyklopädie generös angeboten, den Druck des Werks in Russland fortzusetzen. Diese noble Geste, liebe LeserInnen, gemahnt uns an das Asyl, das der Despot Putin dem von den Wächtern der Demokratie verfolgten Whistleblower Edward Snowden gewährt hat.
Nicolas Chamfort, dem die französische Revolution das Schlagwort „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ verdankt, hat die folgende Anekdote überliefert: Diderot hatte während seines Aufenthalts in Rußland leibeigene Bauern, Muschiks, bemerkt, entsetzlich arm, von Ungeziefer zerfressen. Er entwarf der Kaiserin ein schreckliches Bild ihres Elends. „Denken Sie denn, sie sollten sich um Häuser kümmern, in denen sie doch nur zur Miete wohnen?“, antwortete Katharina. – Dem russischen Bauern gehört wirklich nicht einmal sein Körper. /8/

Als Diderot St. Petersburg verlässt, sind Kaiserin und Philosoph von einander etwas enttäuscht.

Denis Diderot stirbt 1784 in Paris. So entgeht ihm die französische Revolution, der wir auch den Begriff des Terrorismus verdanken. Sein einstiger Beschützer Malesherbes kehrt 1792 aus der Emigration zurück, um König Ludwig XVI. vor dem Konvent zu verteidigen. Vergebens. Der Bürger Louis Capet wird 1793 guillotiniert. Malesherbes’ Kopf rollt im Jahr darauf.

Anmerkungen

/1/ Denis Diderot, Briefe an Sophie Volland, Reclam Leipzig 1986, S. 218 f.
/2/ Johann Hübner, Reales Staats- und Zeitungslexicon, Gleditsch 1704, Sp. 598
/3/ Diderots Enzyklopädie, Die Andere Bibliothek 2013, S. 29 (Vorwort)
/4/ Vgl.: Artikel aus der von Diderot und d’Alembert herausgegebenen Enzyklopädie, Reclam Leipzig 1972, S. 10
/5/ Johann Wolfgang Goethe, Sämtliche Werke 16, Münchner Ausgabe 2006, S. 520
/6/ Voltaires Briefwechsel mit Friedrich dem Grossen und Katharina II., Hans von Hugo Verlag 1944, S. 187 (Anm.)
/7/ Melchior Grimm, Paris zündet die Lichter an, Dieterich 1977, S. 325
/8/ Nicolas Chamfort, Aphorismen und Anekdoten, R. Piper o. J., S. 125

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Der Butler

Erstellt von Uli Gellermann am 8. Oktober 2013

Nur wer sich wehrt, wahrt seine Würde.

Autor: U. Gellermann

Rationalgelerie

Datum: 07. Oktober 2013
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Filmtitel: Der Butler
Regie: Lee Daniels

Ein Ende im Jubel: Endlich, so scheint es, ist mit der Präsidentschaft Barak Obamas die lange Zeit der zweiten Sklaverei beendet, haben die Afro-Amerikaner die selben Rechte wie die Weißen. Das jedenfalls nehmen Cecil und sein Sohn Louis an, als sie aus dem Fernseher das Ergebnis der US-Wahlen 2008 erfahren. Scheinbar beobachten sie in „Der Butler“ das Ende einer langen Reise, jener Reise Cecils von den Baumwollfeldern, auf denen sein Vater ermordet wurde, bis zum Weißen Haus, in dem er als Butler sieben US-Präsidenten gedient hatte. Und die Reise seines Sohnes, der als Mitglied der Bürgerrechtsbewegung geschlagen wurde, die Gefängnisse der USA von innen kennen lernte und nur knapp dem Lynchmord entgangen ist. Es ist eine Exkursion durch die Geschichte des schwarzen Nord-Amerika, die vom Regisseur Lee Daniels in einen Zweistunden-Film gegossen wurde und der ohne zu belehren doch eines lehrt: Nur wer sich wehrt, wahrt seine Würde.

Cecil der Butler ist der klassische Onkel Tom: Mit der immer gleichen Fassade des devoten Dieners hilft er den weißen Oberschichtlern in diesem und jenem Hotel – so perfekt, so unsichtbar und doch immer zur Stelle – sich wohl zu fühlen. So gelangt Forest Whitaker, der den Cecil spielt, mit einem Minimum an Mimik und einem Maximum an Ausstrahlung ins Weiße Haus. An seiner Seite Gloria, gespielt von Oprah Winfrey, die in der Rolle der Mutter und Hausfrau aufgeht, als wäre sie in der Wirklichkeit nicht Milliardärin und eine berühmte TV-Entertainerin. Oprah, die selbst von ganz unten kommt, gibt die Mom mit einem Mut zur Hässlichkeit, der Beifall verdient. Nun scheinen der Butler und seine Frau ganz oben angelangt zu sein, so oben, wie ein Farbiger in den USA der 50er Jahre nur sein kann: Ein spießiges Haus in einem spießigen Viertel, finanziert von ein Job, der einen „Housenigger“ so nahe an den Präsidenten bringt wie irgend möglich.

Es ist Louis (David Oyelowo), der älteste Sohn des Paares, der für die Brüche des Idylls zuständig ist. Mit ihm sind die USA in aller Hässlichkeit zu besichtigen: Die faktische Apartheit bis in 70er, der harte Kampf um den gleichen Platz im Bus, auf den Parkbänken, auch an Louis´ Universität zeigt der Film mit einem prägenden Bild getrennte Wasserspender für Weiße und Farbige. Aber vor allem erzählt er vom lebensgefährlichen Kampf der „Freedom Riders“ jener Gruppe von Farbigen und Weißen, die den gewaltlosen Widerstand mit einer gemeinsamen Fahrt durch den amerikanischen Süden probten und dabei beinahe im Bus verbrannten, von den brutalen Attacken des Klu Klux Klan und einer Polizei, die regelmäßig auf der Seite der Täter steht. Mit Martin Luther King erscheint die große Gestalt der schwarzen Emanzipationsbewegung, der Louis aber nicht dauerhaft folgen mag: Zu viele seiner politischen Freunde sitzen in den Gefängnissen. Zu langsam erscheinen ihm die Fortschritte. Mit der Black Panther Party glaubt er den Beschleuniger gefunden zu haben. Auch wenn Louis sich später von den bewaffneten Militanten trennt, erklärt sich doch die Wut der Panthers aus den Unterdrückungsverhältnissen, die der Film sorgfältig und bildmächtig nacherzählt.

Immer wieder benutzt der Regisseur Lee Daniels eine Choreografie des Vergleichs: Hier schreiten die Butler des Weißen Haus gravitätisch durch Festbankette und im Gegenschnitt marschieren die Bürgerrechtler durch die Straßen des Landes, im trauten Heim feiert der Butler mit seinen Freunden und der Film kontert mit Bildern aus den Gefängnissen, in denen der Sohn mal wieder nach einer Aktion gelandet ist. – Zugleich hält der Film eine ganze Fülle von den zumeist lausigen US-Präsidenten bereit, die zuweilen auch von lausig agierenden Schauspielern dargestellt werden: Von Eisenhower über Kennedy bis Reagan. Ihnen allen war der Butler zu Diensten, war ihnen meist näher als seiner Familie. Doch Cecil wird sich aus seiner Rolle lösen, wird seinem Sohn und dem Gefängnis näher kommen.

Es ist das falsche Happy-End, das die eigentlich gute Arbeit von Lee Daniels, gedreht nach einer wahren Geschichte, beschädigt. Denn der Sieg des ersten farbigen Präsidenten der USA ändert bisher nichts daran, dass nur wenige Farbige in den Vorständen der weißen Unternehmen sitzen, nur wenige eine Rolle in den Medien spielen oder in die oberen Ränge der Universitäten gelangen. Statt dessen spielen sie eine tragende Rolle in den Schlangen vor den Suppenküche, als Rauschgiftkonsumenten und stellen gut 40 Prozent der Gefängnisinsassen obwohl ihr Bevölkerungsanteil nur 13 Prozent ausmacht.- Zu Beginn sagt Cecil, die Lage der Schwarzen bedenkend: „The Law was against us.“ Mag sein, dass die Gesetze nicht mehr gegen die Schwarzen sind. Die Verhältnisse aber hat auch Barack Obama nicht ändern können oder wollen. Er ist der gute „Housenigger“ einer weißen Oberschicht, deren Söhnchen bestenfalls als Offiziere nach Afghanistan gehen, während die Mehrheit der Mannschaften schwarz ist und ganz vorne Dienst tut, dort wo man schnell sterben kann.

Der Film kommt am 10. Oktober in die Kinos.

Fotoquelle: Wikipedia – Author White House employee Alonzo Fields. Original uploader was Cybercobra at en.wikipedia

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Die DDR-Geisterbahn

Erstellt von Uli Gellermann am 6. September 2013

Bitte, bitte keine Fortsetzung!

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 05. September 2013

Hereinspaziert, hereinspaziert, hier können Sie auf 600 Seiten totales Gruseln erleben, mit echt ekligen Parteifunktionären, mit irrem DDR-Materialmangel, mit Biermann und der Staatssicherheit, auch eine Russenvergewaltigung wird nicht fehlen, alles da, alles dran, treten Sie einfach näher heran. Mit diesem Versprechen könnte der Hanser-Verlag sein Buch „Brüder und Schwestern“ von Birk Meinhardt bewerben, und jedes Wort wäre wahr. Es ist gutes, abgelagertes Propagandaholz aus dem, gut 20 Jahre nach Ende der DDR, dieser Roman geschnitzt ist, nicht einmal eine Art KZ wollte der Autor auslassen.

Und wie in jeder ordentlichen Propagandaschrift so gibt es auch in dieser die absolut Guten und die völlig Schlechten und dazwischen eigentlich nichts. Der wirklich völlig Gute ist Matti. Der muss eines Biermann-Gedichtes wegen von der Schule verwiesen werden, wird Flussschiffer und schreibt an einem Roman, der den Lesern des eigentlichen Romans auszugweise angeboten wird: „Ich holte den Ukas des Obersten hervor, der mich als zwangsberechtigt auswies“, schreibt der Ich-Erzähler als er im Zweitroman „Das Verschlossene Kind“ eine Insel betritt. Die DDR-Reizworte kommen hier in einem poetischen Fähnchen daher: „Zwangsberechtigt, Ukas, Oberster“, Matti wird seinen Roman in der DDR Meinhardts natürlich nicht verlegen. Das erledigt dann die gute Fee aus dem Westverlag, die aber vor ihrer West-Funktion in der DDR Lehrerin war und mit Matti geschlafen hat. Ja, da staunste!

Und dann der wirklich unangenehme Bruder von Matti, der Erik, ein Original-Opportunist, der in die SED eintritt, um ins Ausland zu kommen und so nebenbei seine Schwester verrät. Die gehört zu den Original-Guten und wird deshalb nicht zum Studium zugelassen, macht aber eine DDR-Weltkariere in einem privaten Zirkus und wird dabei einen echten Masochisten kennenlernen. Da biste platt, was so ein Roman alles bietet. Weil einfach kein Thema ausgelassen werden kann, kommt Erik mal in ein Büro, in dem „eine große steinerne Schale“ steht, die – geheimnisvoll, geheimnisvoll – ein jüdisches Taufbecken sein soll, denn „Ab und an würden die Juden, das läge nun mal in ihrer Kultur begründet, jemanden taufen wollen.“ In Birk Meinhardt ist begründet, dass er keine Ahnung hat. Davon aber viel. Man kennt in der jüdischen Religion die Mikwe, ein ziemlich großes Tauchbad, das der symbolischen Reinigung dient. Die Mikwe ist alles, nur keine Schale. Aber wenn der Autor seinen dünnen Stoff mit Nebenthemen aufpeppen muss, dann ist er großzügig.

Großzügig geht er auch mit der deutschen Sprache um. Da beult ein Penis die Wange einer Dame aus, „als habe sie einen fürchterlich dicken Zahn“. Während einer Schlägerei „riefen seine Knochen, Du packst mich nicht, Du nicht!“ Und wenn die Knochen schon das Reden anfangen, dann ist es nur logisch, dass einer nur friert, um sich „in ein wohliges hitziges Bibbern heineinzusteigern“. Natürlich wird das Ohrläppchen der Liebsten nicht einfach berührt, sondern gespreizt „touchiert“ und, der Lore-Roman höret nimmer auf, wenn eine Dame mit den „Salzkristallen ihres umwerfenden Schweißes“ arbeitet, und Matti durch seine „Nüstern einen Laut der Kapitulation“ hervorbringt. Die Stelle der Mutation vom Mann zum Pferd ist mir irgendwie entgangen. So nimmt die Kolportage ihren Lauf, die Sprache ächzt, der Leser auch. Doch damit nicht genug: „Es wird fortgesetzt“ wird auf der letzten Seite angedroht. Liebe Leute von Hanser, habt ein Einsehen, nehmt Euch andere Themen vor. Aus Hartz IV, der NSA und dem NSU lässt sich doch auch eine schöne Geisterbahn fertigen. Und sie hätte den Vorteil, dass all ihre Gespenster noch leben.

Buchtitel: Brüder und Schwestern
Autor: Birk Meinhardt
Verlag: Hanser

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Form bestimmt Inhalt

Erstellt von Uli Gellermann am 27. August 2013

Ein Ausflug zu den kalten Höhen der Sprache

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 26. August 2013

Es ist ein kaltes Land, in dem die Figuren der Marion Poschmann ihr Wesen treiben. Und ihre Menschen im Roman „Sonnenposition“ sind seltsam leblos. Liegt das bröckelnde Schloss, in dem die psychiatrische Anstalt, Hauptbühne des Romans, untergebracht ist deshalb auf dem Gebiet der verblichenen DDR? Soll das Gewesene seinen düsteren Schatten auf das Heute werfen? Der Rheinländer Altfried Janich, ein Arzt der Anstalt, hätte die Kulisse nicht gebraucht. Schon sein Hobby weist ihn als Schattenwesen aus. Er jagt „Erlkönige“, jene neuen Automodelle, die, mit Applikationen verfremdet, zum Testen über Nebenstraßen gefahren werden: Zwar wollen die Hersteller die Prototypen der rauen Wirklichkeit aussetzen, aber kein fremder Blick soll die künftige Gestalt der Modelle erahnen können. Janich wird nie ein Foto der von ihm begehrten Objekte gelingen, immer bleiben ihm leere Landschaften, verwehte Bäume, Regen auf einsamen Straßen.

Scheinbar ganz anders Odilo, Janichs einziger Freund. Der ist ein erfolgreicher Forscher und versucht das Luziferin, den Stoff der Glühwürmchen und Quallen leuchtend macht, auf andere lebende Organismen zu übertragen. Er luziferisiert Mäuse. Weil er von dieser Wissenschaft besessen ist, weil sie all seine Zeit frisst, schläft er nur noch wenige Stunden, wohnt immer noch bei seiner Mutter und ist so selbstbezogen wie nur einer sein kann. Wie solch ein Sonderling ein Liebesverhältnis zur durchaus lebensbejahenden Schwester Janichs entwickeln konnte, wird immer das Geheimnis der Autorin bleiben. Ohnehin sind die Figuren des Romans bar jeder Entwicklung: Sie tauchen als fertige Geschöpfe auf dem literarischen Schachbrett auf, werden ein wenig hin und her geschoben, um dann im Dunkel der Schöpfungsgeschichte wieder zur verschwinden.

Weil das bröckelnde Schloss mit seinen kafkaesken Räumen der Schriftstellerin anscheinenden nicht genug an Düsternis hergibt, wird ihm noch eine Geschichte als Vernichtungsort der Euthanasie beigegeben: Gaskammern soll es dort gegeben haben, sogar die Zahlen der Ermordeten werden im Roman akribisch aufgeschrieben. Ein anderer Ausflug in die deutsche Geschichte führt in die Heimat von Janichs Eltern, nach Schlesien. Bruder und Schwester begleiten eine Tante nach Polen, die auf dem ehemaligen Hof der Familie ein Grabkreuz errichten will. Es überrascht nicht, dass dieses Stück Polen eher grau als farbig ist, dass die Gefühle der Kreuzzügler eher verhalten als eindringlich sind und dass selbst die Schneekoppe, der Sehnsuchtsberg der Schlesier, nur als Zweitehand-Erlebnis auftaucht.

All diese Tristesse wird in einer makellosen Sprache erzählt, mal marmorn, mal ehern fühlt sich die Syntax an. Wortgebäude von kühler Pracht errichtet Marion Poschmann, aber man mag nicht darin wohnen. Nur einmal leistet sie sich einen Satz, der ihrer Kontrolle entglitten ist und überdeutlich erkennen lässt, dass die Form den Inhalt überwuchert hat: „Abgerissenes Seegras, dem Roß des Okeanos zum Fraß vorgeworfen, von der gleichmäßigen Peristaltik der Wellen zu Bällen gerollt, kleine Tischtennisbälle und größere Tennisbälle, perfekt gerundete Pferdeäpfel der See.“ Bei so viel Form wird dann die Funktion, der Gang der Haltung zweitrangig.

Buchtitel: Sonnenposition
Autor: Marion Poschmann
Verlag: Suhrkamp

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Die Grenzen der Fantasie

Erstellt von Uli Gellermann am 20. August 2013

Über das Begehren der Generation Golf

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 19. August 2013

Es ist die kulturell prägende Schicht des Landes mit der Uwe Timm seinen Roman „Vogelweide“ bevölkert: Man kennt die angesagten Galerien, die wirklich guten Weinhandlungen, spricht mindestens zwei Sprachen und hat ein reines ökologisches Gewissen. Die Alltagsreize sind wohltemperiert, die Gesellschaft ist scheinbar in guten Händen, wozu sollte man sich aufregen? Das haben doch die Eltern damals gemacht. Die pflegen die Erinnerungen, die Generation Golf pflegt alte Mahagoni-Boote oder einen Saab aus dem Jahr 1966, behutsam, mit der Lust am Bewahren. Das Zweitschlimmste, was diesen Leuten geschehen kann ist die Insolvenz. Das Schlimmste aber ist das Begehren, auch noch des Nächsten Weib, das kann nicht gut gehen.

Wenn schon eine Weltenflucht, dann auf eine Insel in der Elbmündung. Und wenn schon Flucht vor dem Bankrott, dann nicht in das Hartz-Vier-Gefängnis für die Vielen, sondern in den Dienst als Vogelwart. Dahin hat es Eschenbach dekorativ verschlagen, dort, in der Inseleinsamkeit fällt die Stadt von ihm ab, die Abendröte seiner Geschichte senkt sich auf ihn, und er lauscht dem Knacken und Knistern der Kloben im Ofen. Doch plötzlich ist die Welt wieder da: Anna wird ihn besuchen. Anna, mit der ihn eine verrückte Liebe verband, für die er seine Geliebte verließ und Anna ihren Mann.

Das besinnungslose Begehren, das Sichverzehren nach dem anderen Leib, der unbedingte Liebeswahnsinn, woher mag das alles kommen? Vielleicht aus den Tiefen der Gene, der Gier nach dem Besitz am anderen Menschen, dem unaufhaltsamen Wunsch sich zu versenken, zu verschenken. Da sitzen sie nun, Anna und Eschenbach auf der Insel, und wissen vom Begehren nur eines sicher: Es verschwindet wenn es an sein Ziel kommt, wenn die Normalität sich einschleicht, wenn man nicht mehr eins ist sondern wieder zwei.

Auf tritt, eindeutig erkennbar, Frau Allensbach, die Norne, wie Timm sie durch den Mund von Eschenbach nennt. Sie sucht nach dem Moment, der die Liebe auf den ersten Blick ausmacht, das Wissen darum, wie einer des anderen Schicksal wird. Ob Eschenbach oder Timm, die Allensbach-Umfrage-Tante als Norne auszugeben, ist ein Irrtum. Sie war keine Figur, die Schicksale bestimmte, wie es angeblich die mystischen Frauen in der „Edda“, der nordischen Sage, unterfingen. Sie war eine, die den Vielen ihre Schicksale ablauschte, sie bündelte und daraus Meinungen herstellte. Nicht selten nach ihrer politischen Neigung gefälscht. Denn wer die Fragen formuliert, bestimmt die Antworten. Jetzt soll Eschenbach, der Mann vom IT-Fach, bei der elektronischen Suche nach der Quelle des Begehrens behilflich sein.

Ja, es gibt eine Welt außerhalb der romanesken Inseleinsamkeit. Da ist der englische Freund, der auf die Neoliberalen flucht. Da ist die hässliche Figur des Marktliberalen, der den Bankrott Eschenbachs verursachte, ein böser Mensch, so wie die Gier der Banker als böse verkauft wird, als sei sie nicht die logische Folge des Systems. Und da ist die kurzzeitige Entdeckung Eschenbachs, nach dem Sturz aus dem Wohlstandsleben, dass es normale Menschen gibt. Das ist alles in die sorgsam polierte Sprache Uwe Timms gekleidet, das ist alles wohl gefügt und zu einem Mosaik von edler Schönheit zusammengeführt. Aber ein Begehren nach Veränderung findet nicht statt. So wie im wirklichen Leben das Landes. Doch der Gattung Roman ist die Fiktion zu eigen. Er kann vorahnen, vorentwerfen, nachdenken lassen. Anders als in anderen Büchern Timms hat in „Vogelweide“ die Fantasie ihre Grenzen.

Buchpremiere und Lesung am 27.8. in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz

Buchtitel: Vogelweide
Autor: Uwe Timm
Verlag: Kiepenheuer und Witsch

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Der Amerikanische Drecks-Krieg

Erstellt von Uli Gellermann am 15. August 2013

Als Vietnam um sein Leben rang

Autor: Jutta von Freyberg

Rationalgalerie

Datum: 14. August 2013

Warum und wie die Weltmacht USA den Krieg gegen Vietnam verloren hat, das ist eine der (für mich) zentralen Fragen, der Günter Giesenfeld in der erweiterten Neuauflage seines Buches „Land der Reisfelder“ nachgeht. Der Autor betrachtet sowohl die Stärken des vietnamesischen Widerstands und zieht dabei auch die Geschichte des Landes, die Tradition von Volksaufständen und Befreiungskämpfen gegen ausländische Besatzungsmächte wie China, Japan und Frankreich zur Erklärung heran; und auch die ideologische Blindheit der USA, ihre Fixierung auf die militärische Sichtweise und die Weigerung oder Unfähigkeit, „Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, die nicht ins eigene Weltbild aus der Perspektive der unbesiegbaren Großmacht passen“(S.245).

Giesenfeld räumt mit Klischees, Geschichtslegenden und Lügen über den US-Krieg gegen Vietnam und die „vietnamesischen Kommunisten“ auf, die Bestandteil der von der gesamten westlichen Welt geteilten ideologischen Kriegführung der USA waren. Er setzt sich u.a. kritisch mit der jüngeren Interpretation von Bernd Greiner auseinander, der den Vietnamkrieg als einen „asymmetrischen Krieg“ interpretiert und dabei – in Verkennung der historischen Tatsachen und der Verdrehung von Ursache und Wirkung – der vietnamesischen Guerilla Terrorismus gegenüber der Zivilbevölkerung zuschreibt und die Verbrechen der US-Regierung damit quasi entschuldigt, sie habe den Terror der Guerilla kopiert. Ja, der US-Krieg war asymmetrisch, nicht nur in militärischer Hinsicht, sondern für die Vietnamesen in existenzieller Hinsicht: Sie, nicht die US-Amerikaner, kämpften in ihrem eigenen Land um „das pure Überleben nicht nur des Einzelnen, sondern des gesamten Volkes“.

Der Autor erinnert daran, dass die Aggressionen gegen Vietnam noch nicht zu Ende waren, als die US-Amerikaner im April 1975 in Panik Saigon verlassen mussten. Die neue amerikanisch-chinesische Allianz hat weiterhin gegen das befreite Vietnam intrigiert, Fehler und innere Konflikte genutzt, um das Land von außen zu destabilisieren, u.a. mit der Kampagne der Bootsflüchtlinge, gravierender mit Hilfe der kambodschanischen Lon Nol-Diktatur und den mörderischen Roten Khmer, die Vietnam in einen mehrjährigen Grenzkrieg verwickelten. Keine US-Regierung hat bisher die einst vertraglich zugesicherte Wiederaufbauhilfe geleistet. Im Gegenteil, die USA übten Druck auf ihre westlichen Partner aus, einen Wirtschaftsboykott gegen Vietnam durchzuführen. Solche Bedingungen erschwerten den Wiederaufbau Vietnams auf unvorhersehbare Weise – und die vietnamesische Regierung tat sich schwer, sich darauf einzustellen. Der Zusammenbruch des sozialistischen Lagers stürzte Vietnam in eine weitere Krise. Es ist eine besondere Stärke des Buches, sich auch mit den jüngsten Jahrzehnten der vietnamesischen Geschichte auseinanderzusetzen: wie Reformen an der fehlerhaften Umsetzung scheitern, wie Vietnam auf den Einbruch der westlichen Moderne und das Eindringen des Neoliberalismus reagiert, sich aus der wirtschaftlichen Isolation zu befreien versucht – oder „mit dem vielleicht letzten und verzweifelten Versuch beschäftigt (ist), Moral, Menschlichkeit und Zusammengehörigkeitsgefühl als Grundlagen eines nichtkapitalistischen Weges gegen den Terror der Kommerzialisierung zu verteidigen.“

Wie Giesenfeld bezieht auch Gerhard Feldbauers Buch „Vietnamkrieg“ die Vorgänge in Vietnams Nachbarländern Kambodscha und Laos in die Untersuchung ein. Beide Autoren machen aus ihrer Positionierung kein Hehl. Doch während Giesenfeld mit dem Gestus des Historikers faktenreich den historischen Bogen von den Anfängen bis in die Gegenwart spannt, beginnt Feldbauer erst mit dem Jahr 1858, als die französischen Kolonialisten die Hafenstadt Da Nang beschießen. Im Mittelpunkt aber stehen bei ihm die US-amerikanische Kriegführung mit all ihren Verbrechen, der vietnamesische Unabhängigkeitskampf und die internationale Solidaritätsbewegung.

Es ist die Perspektive, die wir als Angehörige der westdeutschen Vietnam-Solidaritätsbewegung eingenommen hatten, und vermutlich ist das der Grund, warum das Buch von Anfang an fesselt, weil es all die Fakten in Erinnerung ruft, die uns empört, auf die Straßen getrieben und uns veranlasst haben, – möglicherweise erstmalig – einen kritischen Blick auf die USA zu werfen, die nach der Niederlage des Faschismus den Westdeutschen als Hort der Menschenrechte und Freiheit galt. Um dann die Frage zu stellen, ob und wie die westdeutsche Bundesregierung in diesen schmutzigen Krieg verwickelt war.

Den Kriegshilfen aus der Bundesrepublik widmet Feldbauer daher auch ein gesondertes Kapitel, in dem u.a. an die deutsche Beteiligung am Einsatz chemischer Gifte und Kampfstoffe oder auch die umfangreichen Devisenausgleichszahlungen erinnert wird. In den sechziger Jahren also verlangte schon die transatlantische Bündnistreue, dass die Bundesregierung indirekt oder direkt die unzähligen barbarischen Verbrechen, Menschen- und Völkerrechtsverletzungen billigte und damit unterstützte, die den Weg der USA zur einzigen Weltmacht und deren Sicherung pflastern. In Vietnam hießen die Stichwörter: die Tigerkäfige der KZ-Insel Con Son, Operation Phönix, die in fataler Weise an den Kommissar-Befehl der Nazis erinnert, Body Count, My Lai, Napalm . . . Heute: Abu Ghraib, Water Boarding, Guantanamo, Drohnenkrieg… Wie damals werden die Verantwortlichen an der Spitze nicht zur Rechenschaft gezogen und ihre ausführenden Organe in den unteren Rängen werden, wenn sie denn vor Gericht gestellt werden, mit äußerster Zuvorkommenheit behandelt. Diese Verbindungslinien muss Feldbauer nicht ziehen, sie springen geradezu ins Auge. Und auch der Gedanke wird nahegelegt: Wie die Bundesrepublik Deutschland über die Jahre sich von ihrer Rolle als Hilfssheriff „emanzipierte“ und den selbstständigen „Griff nach der – nicht Welt- sondern Großmacht“ probt.

Buchtitel: Land der Reisfelder / Vietnamkrieg
Autor: Günter Giesenfeld / Gerhard Feldbauer
Verlag: Argument / PapyRossa

Fotoquelle: Wikipedia

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