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RENTENANGST

Nichts ist normal in Gaza

Erstellt von DL-Redaktion am 1. November 2017

Nichts ist normal in Gaza

Gaza Beach.jpg

von Sara Roy

Die ohnehin katastrophale Lage der Bewohner von Gaza ist seit dem Sommer noch schlimmer geworden. Mit der jüngsten Annäherung zwischen Fatah und Hamas steigt nun die Hoffnung auf Besserung. Doch dafür müsste auch Israel einlenken und seine Blockade lockern.

Als der palästinensische Premierminis­ter Hamdallah am 2. Oktober den Erez-Grenzübergang nach Gaza überquerte, wurde er mit frenetischem Jubel begrüßt. Sein Besuch war ein erster Schritt zu einem erneuten Versuch einer Einigung zwischen den verfeindeten Parteien Fatah und Hamas.

Zwei Wochen zuvor hatte die Hamas-Regierung in Gaza verkündet, sie sei bereit, mit der Fatah über eine Versöhnung zu verhandeln und ihren Verwaltungsrat aufzulösen, der die Regierungsgeschäfte in Gaza bis dahin de facto geführt hat. Ob die Versöhnung diesmal gelingt, steht allerdings in den Sternen. Der letzte Versuch zur Bildung einer Einheitsregierung 2014 scheiterte bereits nach wenigen Wochen.

Die Hamas, die den Gazastreifen seit 2007 kon­trolliert,1 trat mit ihrem neuen Versöhnungsangebot eine Flucht nach vor an, denn Gaza befindet sich seit Monaten in einer Art humanitärem Schockzustand. Das liegt vor allem an der andauernden israelischen Blockade, die von den USA, Europa und Ägypten unterstützt wird, aber auch am zunehmenden Drucks aus Ramallah.

Während meines letzten Besuchs in Gaza im Frühjahr 2017 haben mich zwei Dinge am meisten berührt: die verheerenden Auswirkungen der mittlerweile über zehn Jahre andauernden Isolation Gazas vom Rest der Welt und die Tatsache, dass hier immer mehr Menschen ganz offensichtlich am Ende ihrer Kräfte sind.

Einst war das kleine Küstengebiet eine blühende Handelsstätte, heute wird kaum noch etwas produziert. Die Wirtschaft ist weitgehend vom Konsum abhängig.2 Zuletzt hatten Export­er­leich­terungen die Agrarausfuhren ins West­jor­dan­land und nach Israel – lange Zeit Gazas Hauptabsatzmärkte – leicht ansteigen lassen, doch das reicht bei Weitem nicht, um den geschwächten produktiven Sektor in Gang zu bringen. Fast die Hälfte der Erwerbsbevölkerung in Gaza kann ihren Lebensunterhalt nicht mehr selbst verdienen. Die Arbeitslosenquote beträgt heute um die 42 Prozent; bei jungen Leuten zwischen 15 und 29 erreicht sie sogar 60 Prozent. Die Suche nach einem Job oder irgendeiner anderen Möglichkeit, Geld zu verdienen, zerrt an den Nerven. Die Leute können fast an gar nichts anderes mehr denken, erzählte man mir.

Für die politischen Spannungen in den letzten Jahren zwischen der Hamas-Regierung in Gaza und der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) in Ramallah machen sie im Gazastreifen vor allem Präsident Abbas verantwortlich, der die Hoheit über den Etat der PA hat und sich in den vergangenen Jahren weigerte, die Verwaltungsbeamten der Hamas-Regierung auf die Gehaltsliste zu setzen. Bei meinem Besuch gab man mir wiederholt zu verstehen, dass Abbas, wenn er die Unterstützung der Bevölkerung in Gaza haben wolle, den Hamas-Beamten nur ihre Gehälter auszahlen müsse. Er sträubte sich bisher mit dem Argument, dass von dem Geld der militärische Arm der Hamas finanziert werde, und trägt so eine Mitschuld an Gazas desolater Lage.

Abbas’ Weigerung brachte die Leute umso mehr auf, weil die rund 55 000 Beamten, die vor 2007 (also noch unter der Fatah) eingestellt wurden, weiterhin ihr volles Monatsgehalt bekamen. Das liegt zwischen 500 bis 1000 Dollar, was für die hiesigen Verhältnisse eine hohe Summe ist. Diese Leute werden vor allem dafür bezahlt, dass sie nicht für die Hamas-Regierung arbeiten, die PA ließ sich das bis vor Kurzem jeden Monat 45 Millionen Dollar kosten – Geld, das hauptsächlich aus Saudi-Arabien, der EU und den USA stammt.

Im April 2017 jedoch kürzte Abbas diese Gehälter um 30 bis 50 Prozent, um den allgemeinen Druck zu erhöhen, und drohte: „Entweder gibt uns Hamas den Gazastreifen zurück, oder sie müssen die volle Verantwortung für die Bevölkerung übernehmen.“ Der Konfliktforscher Brian Barber, der sich damals gerade in Gaza aufhielt, berichtet, die Gehaltskürzungen hätten eine regelrechte Schockwelle ausgelöst. Anfang Juli versetzte die Autonomiebehörde dann auch noch 6000 Beamte in den vorzeitigen Ruhestand.

Kein Trinkwasser und selten Strom

Inspecting the Destruction - Flickr - Al Jazeera English.jpg

Außerdem entschied Abbas, die PA-Zahlungen für Strom aus Israel für Gaza auszusetzen. Prompt lieferte Israel im Juni weniger Strom. Zuvor waren täglich 120 Megawatt in den Gazastreifen geflossen, was etwa ein Viertel des gesamten Strombedarfs gedeckt hat. Gazas einziges Kraftwerk, das mit Diesel betrieben wird, läuft wegen fehlenden Kraftstoffs seit Monaten nicht mit voller Kapazität. Zuletzt gab es in Gaza oft nur zwei bis vier Stunden am Tag Strom.

Nach Angaben der NGO Oxfam ist die gesamte Situation inzwischen schlimmer als nach dem Gaza-Krieg von 2014. Damals hatte rund die Hälfte der Bewohner keinen ausreichenden Zugang zu Trinkwasser – heute gilt das für die gesamte Bevölkerung.3 Die Abwasserentsorgung ist weitgehend zusammengebrochen, ein Großteil der Abwässer wird direkt ins Meer geleitet. 73 Prozent der Küstengewässer Gazas sind gesundheitsgefährdend verschmutzt und selbst im Süden Israels wurden Strände gesperrt.4

Es fehlt an allem. Neu ist die immense Verzweiflung, die die Menschen dazu treibt, sämtliche Tabus zu überschreiten. Einmal kam eine gut angezogene Frau, das Gesicht hinter einem Nikab verborgen, in mein Hotel, um zu betteln. Als die Hotelangestellten sie höflich baten, zu gehen, weigerte sie sich energisch und bestand darauf zu bleiben – am Ende musste sie gewaltsam nach draußen gebracht werden. Sie fragte nicht, ob sie betteln dürfe, sie forderte es. So etwas habe ich in Gaza noch nie zuvor erlebt.

Das vielleicht alarmierendste Zeichen dieser Verzweiflung ist die zunehmende Prostitution. In der traditionsbewussten konservativen Gesellschaft Gazas galt sie immer als unmoralisch und schändlich; nicht nur die Frauen, die sich prostituierten, auch ihre Familien wurden sozial geächtet. Das scheint sich in den letzten Jahren geändert zu haben. Ein bekannter Arbeitgeber, der in Gaza hoch angesehen ist, erzählte mir, dass Frauen, oft gut gekleidet, in sein Büro kommen, um sich ihm „für wenig Geld“ anzubieten.

Junge Frauen, erzählte er mir, hätten es inzwischen sehr schwer, einen Ehemann zu finden, weil die Männer fürchten, dass sie nicht mehr „rein“ sind. Eltern würden ihn geradezu anflehen, ihre Töchter einzustellen, damit sie einen „sicheren und anständigen“ Arbeitsplatz haben. Ein Freund erzählte mir, dass er in einem Restaurant mitbekommen habe, wie eine junge Frau einem Mann ein unmissverständliches Angebot gemacht hat, während ihre Eltern daneben saßen. Als ich ihn fragte, wie er sich ein solches Verhalten erklärt, antwortete er: „Leute, die in einem normalen Umfeld leben, verhalten sich normal. Leute, die in einem unnormalen Umfeld leben, nicht.“

Nichts ist normal in Gaza. Mindestens 1,3 Millionen von insgesamt 1,9 Millionen Einwohnern sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, größtenteils in Form von Lebensmitteln (Reis, Zucker, Öl, Milch). Mitte 2016 gab es in Gaza 65 000 Binnenflüchtlinge (unmittelbar nach der israelischen Offensive von 2014 waren es sogar 500 000). 41 000 Menschen sind praktisch obdachlos und haben überhaupt kein Bargeld.

Quelle    :   Le Monde diplomatique     >>>>>    weiterlesen

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Grafikquellen    :

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Kleineres/geringeres Übel

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Mai 2017

Das kleinere / geringere Übel

Autor Uri Avnery

WER WIRD bei den nächsten Wahlen in den USA gewinnen?

Ich weiß es ziemlich sicher. Es ist nicht nötig, die öffentlichen Meinungsumfragen, das moderne Equivalent der römischen Interpreten tierischer Eingeweide und die moderneren Leser des Kaffee-Satzes fragen. Die Umfragen sind nicht weniger genau.

Der Gewinner wird die PLE – die Partei des kleineren Übels sein, in diesem Fall, der Kandidat des kleineren Übels.

Die Leute werden nicht für jemand wählen, sondern gegen jemand.  Gegen das größere Übel.

Dies ist ein weltweites Phänomen. In fast allen demokratischen Ländern gewinnt das geringere Übel.

SEIT DER Gründung des Staates Israel, 1948, hatten wir 20 Wahlen für das Parlament. Das Parlament (die Knesset) wählte damals die Regierungen.

Bei fünf dieser Wahlen stimmte ich für mich – in drei von ihnen stimmte ich für eine Partei, die von mir geleitet wurde, in einer Partei, in der ich zu den eröffnenden drei gehörte und in einer für eine Liste, in der ich den ehrenvollen120. Platz einnahm.

In allen 15 anderen Wahlen stimmte ich für die PLE – die Partei, die ich für das geringere Übel betrachtete.

Nicht für eine Partei, die ich liebte. Nicht für eine Partei, die ich bewunderte. Nicht für eine Partei, die ich für gut ansah. Solch eine Partei gibt es nicht. Also wählte ich eine Partei, von der ich glaubte, sie würde am wenigsten den Staat und das Ziel belasten, was ich als vorrangig betrachtete: Frieden mit dem palästinensischen Volk und der ganzen arabischen und muslimischen Welt.

Der Auswahl-Prozess ist ganz einfach. Man schreibt vor sich die Namen der Partei-Listen: in Israel gewöhnlich zwischen 10 und 20. Dann streicht man die Schlechteste. Und so weiter – bis nur eine übrig bleibt.

Sicher klingt dies nicht sehr aufregend. Man verlässt das Wahllokal nicht in guter Stimmung, um in der Straße zu tanzen. Aber man hat seine bürgerliche Pflicht in sensibler Weise erfüllt.

MAN KANN sich natürlich dafür entscheiden, überhaupt nicht zu wählen. Man sagt rechtschaffen zu sich selbst: es sind doch alle gleich, sie sind alle schlecht, eine rechtschaffene Person wie ich, kann nicht mit gutem Gewissen für einen von ihnen stimmen.

In Wirklichkeit ist das eine sehr schlechte Entscheidung. Wenn man nicht für das geringere Übel stimmt, stimmt man in Wirklichkeit für das allgemein bekannteste Übel.

Dasselbe gilt für das amerikanische System. Für einen dritten Wahl-Kandidaten, für jemanden, der keine Chance hat zu gewinnen, auch wenn er oder sie freundlich sein mögen, ist schlecht/ nicht gut. Dies gibt einem wohl ein gutes Gefühl. Aber in Wirklichkeit bedeutet dies, seine wertvolle Stimme wegzuwerfen. Es ist – falls du mich entschuldigst – eine Art politischer Onanie.

WAS DIE Systeme betrifft, bin ich immer ein handfester Verteidiger des israelischen Systems der proportionalen Vertretungen gewesen. Die Bürger wählen für eine Partei-Liste. Ehrlich gesagt profitierte ich davon, da keine, die ich leitete jemals mehr als 2% erreichte. In jener Zeit war das Minimum 1%.

Doch wenn ich mir jetzt das System im Rückblick ansehe, bin ich mir nicht mehr sicher. Es tendiert dahin, die Knesset mit „nobodys“ zu füllen. Praktisch ernennt der Parteiführer alle Kandidaten, die auf der Liste erscheinen und er füllt sie mit Leuten, auf die er sich bedingungslos verlassen kann.

Der konsequenteste Praktiker ist Avigdor Lieberman, der bei jeder Wahl alle Knesset-Mitglieder seiner „Israel ist unser Heim“-Partei hinauswirft und die Liste mit neuen Personen füllt, die natürlich total von ihm abhängig sind. In den zwei größten Parteien gibt es Vorwahlen, das Ergebnis ist ähnlich,

Dieses System ist jetzt degeneriert bis zum Punkt keiner Rückkehr.

In Wirklichkeit wählen die Bürger einen Parteiführer. Viele der anderen gegenwärtigen Knesset-Mitglieder verbringen ihre Zeit mit wilden Bemühungen, die öffentliche Aufmerksamkeit mit immer monströseren „Initiativen“ auf sich zu ziehen. Sie sind nur ihrem Parteiführer verantwortlich.

Jetzt bevorzuge ich das britische System. Dort ist das Land in Wahldistrikte aufgeteilt; jeder Distrikt wählt ein Parlamentsmitglied. Das Mitglied bleibt den Wählern und seines oder ihres Distrikts verantwortlich. Er/sie muss seine/ihre Hoffnungen, wenn er wieder gewählt werden will, erfüllen.

Es stimmt, auch diesen Wahlsystem hat einen großen Fehler: Der Sieger nimmt alles, alle Stimmen, die andere Kandidaten verloren haben. 45% der Wähler oder mehr könnten ohne Vertretung bleiben.

ZURÜCK ZUR gesegneten ?? USA. Dort ist das Wahlsystem ganz anders.

Die Wähler wählen indirekt einen Präsidenten – der Erbe der britischen absoluten Monarchie, die das ganze Land beherrschte, bevor die Republik gegründet wurde. Die amerikanischen Präsidenten haben immense Macht. Alle anderen demokratischen Präsidenten und Ministerpräsidenten aus aller Welt können sie nur beneiden.

In diesen Wahlen gibt es nur zwei Kandidaten. Die amerikanischen Wähler müssen zwischen ihnen wählen. Alles andere ist Unsinn.

Bei den bevorstehenden Wahlen ist weder der eine noch die andere sehr attraktiv. Die Amerikaner konnten Abraham Lincoln verehren, Franklin Delano Roosevelt bewundern, John F. Kennedy und seine Frau lieben. Die gegenwärtigen Kandidaten zeigen keine solchen Gefühle.

Für die meisten vernünftigen Bürger ist es eine Frage des „geringeren Übels“. Wenn beide schlecht sind, wer ist der Schlimmere?

Für mich, einen Bürger eines anderen Landes, ist dies überhaupt keine Frage.

Zuerst abgesehen von Ansichten des Charakters, besteht die Frage der Erfahrung. Ich frage mich, hat es jemals einen Kandidaten für die Präsidentschaft gegeben, der nie ein öffentliches Amt geleitet hat. Weder als Vice-Präsident noch als Gouverneur , oder als Senator oder Vertreter, noch als Hundefänger.

Politik ist ein Beruf. Sicherlich kein sehr schöner, aber immerhin ein Beruf. Man lernt, wie Dinge laufen. Wie man Ziele erreicht. Wie man das System manipuliert, um seine Ideale voranzubringen. Die Idee, dass man in wenigen Minuten von einem Privatmann zu einem ziemlich erfolgreichen – ja, zum mächtigsten Staatsmann in der Welt werden kann, ist grotesk.

Schlechte Erfahrung ist besser als keine Erfahrung. Von einer schlechten Erfahrung kann man lernen. Von nichts kann man kann man nichts lernen.

Wenn dies klar ist, können wir versuchen, die Kandidaten zu analysieren.

Hillary Clinton hat keinen Charme. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bei einem Essen neben ihr sitzen möchte. Aber sie ist kompetent. Sie hat mehr frühere Erfahrungen als die meisten Kandidaten in der Geschichte. Sie ist mehr oder weniger eine normale Politikerin. Gut genug.

Dieses email-Geschäft ??? scheint mir weit übertrieben. ??? Sicher ist es stupid/ töricht. Aber es gibt keine Chance, dass sie dies wiederholen würde. Die Obsession der amerikanischen Öffentlichkeit wird diesen Artikel/ Gegenstand scheint mir seltsam. Ich verstehe das Verhalten des FBI-Direktors. Solche Leute gehören fast immer zur extremen Rechten.

SEIT EWIGKEITEN haben Juden nach jeder Diskussion gefragt: „Ist es gut für die Juden?“ Heute mögen Israelis eine ähnliche Frage stellen: „Ist er oder sie gut für Israel?“

Nun, das hängt davon ab, was man denkt, was gut für Israel sei. Bedingungslose Unterstützung für eine israelische Regierung, die uns in einen nationalen Selbstmord führt oder Unterstützung für einen israelisch-palästinensischen Frieden, wie meine Freunde und ich glauben?

Falls die erste Antwort richtig ist, sind beide Kandidaten annehmbar. Nach dem unglaublich korrupten amerikanischen Wahlsystem benötigen beide immense Summen Geld, um ihre Wahlkampagnen zu finanzieren. Aus mehreren Gründen sind jüdische Milliardäre in der Lage, mehr als andere zu geben.

Trump empfängt riesige Summen vom jüdischen Kasino-Besitzer Sheldon Adelson, der Benjamin Netanjahu zu seinem wertvollsten Besitz gehört. Israels größte Tageszeitung, die Adelson gehört und für nichts/ ohne Kosten verteilt wird, ist Netanjahu persönlich gewidmet.

Clintons fünf führende Milliardäre sind jüdisch. Sie wird sich sicher an Barak Obamas Aktionslinie, hinsichtlich jeder Aktion des Nah-Östlichen Friedens (wenigstens bis jetzt) halten.

Falls dies antisemitisch klingt, so ist es dies. Als ich vor kurzem einem Ausländer die totale Unterwerfung des amerikanischen Kongresses unter die israelische Regierung erklärte, sagte er bestürzt:„ aber das ist ja wie in den „Protokollen der Weisen zu Zion“ geschrieben!“

So ist es. Dieses widerliche Dokument, das von der Geheimpolizei des Zaren vor mehr als hundert Jahren verfasst/gefälscht wurde, erzählt von einer jüdischen Verschwörung, die die Welt des Geldes beherrscht. Nun kontrollieren jüdische Geldgeber beide Kandidaten für den Präsidenten der führenden Macht der Welt.

Aus irgendeinem Grund unterstützen all diese Milliardäre die gegenwärtige israelische Politik, von der ich glaube, dass sie uns in die Katastrophe führt. Mit dieser Ansicht gibt es nicht viel, das die beiden unterscheidet.

ALLES IN ALLEM scheint mir Hillary Clinton eine akzeptable, wenn auch nicht ideale Kandidatin zu sein.

So ist es nicht bei Donald Trump. Falls er nicht existieren würde, würde es unmöglich sein, sich ihn vorzustellen.

Wir wissen jetzt, dass er ein Rassist, ein Hasser der Schwarzen und der Latinos ist, ein Frauenhasser, ein Hasser der Schwulen, alles in allem, eine garstige Person.

Er scheint, keine Weltanschauung zu haben, keine erkennbare Anlage auf Werte.

Er ist ein natürlicher Entertainer. Ich gebe zu, dass ich jetzt seit Wochen, wann immer ich die Morgenzeitung in die Hände nehme, das erste, wonach ich schaue, die letzte Trump-Kapriole ist.

Er mag ein hervorragender Geschäftsmann zu sein. Es wird ihm nachgesagt, dass er schon mehrfach bankrottging. Aber das mag eine kluge Geschäftstaktik sein. (Ein jiddischer Scherz spricht von zwei Juden, die ein Partnerschaftsabkommen aufsetzen und einer von ihnen fügt hinzu „im Fall eines Bankrotts verlangt er eine Klausel, dass der Profit gleichmäßig geteilt wird.)

Aber ein Geschäft zu führen, ist etwas völlig anderes, als ein Land zu führen. Und zwar nicht irgendein Land. Geschäfte führen keine Kriege. Geschäfte haben keine nuklearen Waffen.

Trump könnte ein guter Präsident werden, ein pragmatischer Innovator. Aber das Risiko ist viel zu groß. Eine Stimme für Trump könnte eine weltweite Katastrophe verursachen, die auch uns verschlingen könnte.

Wenn du/ man ein amerikanischer Bürger bist, bitte, wähle/wählt das geringere Übel.

Zusatz in letzter Minute: Selbst wenn diese Dinge nicht existieren, gibt es für mich einen Grund, der trumpft alle Trumps.

Ein Geräusch/ ein Laut, einen Klang . Ein Geräusch, das ich seit meiner Kindheit in meinen Ohren trage: Das Geräusch einer hysterischen Menge, die nach jedem Satz des Führers Beifall schrie.

Nicht noch einmal!

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser …..

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Die Kissinger-Geschichte

Erstellt von DL-Redaktion am 8. Mai 2017

ICH SCHREIBE dies am Yom Kippur
(Gott möge mir vergeben).

Autor : Uri Avnery

Genau vor 43 Jahren, genau in diesem Augenblick, begannen die Sirenen.

Wir saßen in unserm Wohnzimmer und schauten auf eine der Tel Aviver Hauptstraßen. Die Stadt war völlig ruhig. Keine Autos. Kein Verkehr irgendeiner Art. Ein paar Kinder fuhren auf ihren Fahrrädern, was an Yom Kippur, dem heiligsten Tag des Judentums, erlaubt war. Genau wie jetzt.

Rachel, meine Frau, ich und unser Gast, Professor Hans Kreitler waren in tiefer Konversation. Der Professor, ein bekannter Psychologe, wohnte in der Nähe – so konnte er zu Fuß hierher kommen.

Und dann wurde die Stille von einer Sirene durchbrochen. Einen Augenblick lang dachten wir, dass dies durch ein Versehen geschah, aber dann schlossen sich andere an. Wir gingen zum Fenster und sahen einen Aufruhr. Die Straße, die vor wenigen Minuten total leer war, begann sich mit militärischen und zivilen Fahrzeugen zu füllen.

Und dann begann das Radio, das wegen Yom Kippur still gewesen war.. Der Krieg war ausgebrochen.

VOR EIN paar Tagen wurde ich gefragt, ob ich bereit wäre, im TV über die Rolle von Henry Kissinger in diesem Krieg zu sprechen. Ich stimmte zu, doch im letzten Augenblick wurde das Programm gestrichen, weil die Funkstelle die Zeit benötigte, um Juden an der Klagemauer (Westmauer) zu zeigen, wie sie Gott um Vergebung baten. In diesen Netanjahu-Zeiten kommt Gott natürlich zuerst.

Statt im TV zu reden, werde ich jetzt meine Gedanken über das Thema hier schreiben.

Henry Kissinger hat mich immer fasziniert. Einmal nahm mich unsere Freundin Yael, die Tochter von Moshe Dayan, während seiner Abwesenheit natürlich – da er mein Feind war – in seine große Bibliothek von ungelesenen Büchern und bat mich, ein Buch als Geschenk auszuwählen. Ich wählte ein Buch von Kissinger und war sehr beeindruckt von ihm.

Wie Shimon Peres und ich wurde Kissinger 1923 geboren. Er war ein paar Monate älter als wir beide. Seine Familie verließ Nazi-Deutschland fünf Jahre später als ich und ging über England in die US. Wir beide mussten sehr früh mit dem Arbeiten beginnen, aber er machte mit seinem Studium weiter und wurde Professor, während ich Armer nicht einmal die Grundschule beendete.

Ich war sehr von der Weisheit seiner Bücher beeindruckt. Er näherte sich der Geschichte ohne Gefühle und ging besonders nach Napoleons Niederlage auf den Wiener Kongress ein, in dem eine Gruppe weiser Staatsmänner die Grundlage für ein stabiles, absolutistisches Europa bauten. Kissinger betonte die Bedeutung ihrer Entscheidung, den Vertreter des besiegten Frankreichs (Talleyrand) einzuladen. Ihnen war klar, dass Frankreich ein Teil des neuen Systems sein muss. Um den Frieden zu sichern, glaubten sie, keiner darf in diesem neuen System außen vor bleiben.

Leider hat der verantwortliche Kissinger diese Weisheit von Kissinger, dem Professor, nicht beachtet. Er ließ die Palästinenser außen vor.

DAS THEMA, über das ich im TV sprechen sollte, war eine Frage, die israelische Historiker nach dem verhängnisvollen Yom Kippur faszinierte und beunruhigte. Wusste Kissinger über den bevorstehenden ägyptisch-syrischen Angriff? Enthielt sich Kissinger absichtlich vor einer Warnung Israels, wegen seiner eigenen schändlichen Planung.

Nach dem Krieg wurde Israel von einer Frage zerrissen: warum hat unsere Regierung, von Ministerpräsidentin Golda Meir und dem Verteidigungsminister Moshe Dayan all die Zeichen eines bevorstehenden Angriffes nicht beachtet? Warum haben sie die Reserve-Armee nicht beizeiten aufgerufen. Warum haben sie die Panzer zu unserer Festung am Suez-Kanal nicht geschickt?

Als die Ägypter angriffen, wurde die Linie nur von einer zweitklassischen Truppe gehalten. Die meisten Soldaten wurden für den hohen religiösen Feiertag nach Hause geschickt. Die Grenzlinie wurde leicht überrannt.

Der israelische Geheimdienst wusste natürlich von der massiven Bewegung der ägyptischen Einheiten zum Kanal hin. Er wertete dies aber als leeres Manöver, um Israel zu erschrecken.

Um dies zu verstehen, muss man sich daran erinnern, dass nach dem unglaublichen Sieg der israelischen Armee vor nur sechs Jahren –als sie alle benachbarten Armeen zerstörte — unsere Armee eine entsetzliche Verachtung für die ägyptischen bewaffneten Kräfte hatte. Die Idee, dass sie es wagen könnten, solch eine folgen-schwere Operation durchzuführen schien lächerlich.

Man füge dieser allgemeinen Verachtung für Anwar al-Sadat, dem Mann, der ein paar Jahre früher die Macht vom legendären Gamal Abd-al Nasser übernommen hat, hinzu. Die Gruppe der „freien Offiziere“, die von Nasser angeführt wurde, hatte die unblutige Revolution von 1952 in Ägypten durchgeführt. Sadat wurde als der am wenigsten intelligente – und deshalb übereinstimmend — als Nassers Vertreter ernannt.

In Ägypten, einem Land von unzählbaren Scherzen, gab es auch darüber einen Scherz. Sadat hatte einen auffälligen braunen Fleck auf seiner Stirn. Nach dem Scherz : wann immer ein Thema bei einem Treffen des Rats der freien Offiziere angeschnitten wurde und jeder seine Ansicht ausdrückte, würde Sadat als letzter aufstehen und zu sprechen anfangen. Nasser würde seinen Finger auf seine Stirne legen und diese sanft drücken und sagen: „Setz dich hin , Anwar, setz dich hin.“

Im Laufe der sechs Jahre zwischen den Kriegen drückte er gegenüber Golda aus, dass er zu Friedensverhandlungen bereit wäre, die sich auf Israels Rückzug von der besetzten Sinai-Halbinsel gründete. Golda weigerte sich verächtlich (tatsächlich hatte Nasser selbst, kurz vor seinem Tod, sich für solch eine Bewegung entschieden. Ich spielte dabei eine kleine Rolle, indem ich diese Information unserer Regierung weitersagte.)

Zurück zum Jahr 1973: fast im letzten Augenblick wurde Israel von einem gut situierten Spion, kein geringerer als Nassers Sohn, gewarnt. Die Botschaft gab das exakte Datum für den bevorstehenden Angriff, aber den falschen Zeitpunkt, statt die Mittagsstunde, nannte er den frühen Abend. Ein Unterschied von mehreren schicksalhaften Stunden. In Israel wurde dies später debattiert, ob der Mann ein Doppelagent war und absichtlich den falschen Zeitpunkt gab. Es war zu spät, ihn zu fragen – er war unter mysteriösen Umständen gestorben.

Als Golda Kissinger über die bevorstehende ägyptische Bewegung informierte, warnte er sie, keinen Präventiv -Angriff auszuführen, der Israel auf die falsche Seite bringen würde. Golda vertraute Kissinger und gehorchte ihm, im Gegensatz zu den Ansichten des israelischen Stabschef, David Elazar, mit dem Spitznamen Dado. Kissinger verzögerte auch um zwei Stunden seinen eigenen Boss, Präsident Nixon, zu informieren.

WAS WAR nun Kissingers Spiel?

Für ihn war das amerikanische Hauptziel, die Sowjetunion aus der arabischen Welt zu vertreiben und die US als einzige Macht in der Region zu lassen.

In seiner Welt der „Realpolitik“ war dies das einzige Ziel, das von Bedeutung war.

Jeder andere, einschließlich uns arme Israelis, waren nur Bauern in dem riesigen Schachspiel.

Ein größerer aber kontrollierter Krieg war für ihn der praktische Weg, jeden in der Region von den US abhängig zu machen.

Als der ägyptische und syrische Angriff zunächst gelang, war Israel in Panik. Dayan, der in dieser Krise sich selbst ein Dummkopf nannte, der er auch wirklich war, sprach von der „Zerstörung des dritten Tempels“ (und fügte die beiden jüdischen Tempel der Antike hinzu, die von den Assyrern bzw. von den Römern zerstört wurden.) Das Armee-Kommando unter Dado verhielt sich kühl und plante seinen Gegenangriff mit bewundernswerter Präzision.

Die Munition ging aber schnell zu Ende und Golda wandte sich verzweifelt an Kissinger. Er setzte eine „Luft-Brücke“ für Vorräte in Gang, die Israel gerade genug gab, um sich verteidigen zu können – nicht mehr.

Die Sowjet-Union war hilflos, um zu unterbrechen. Kissinger war König der Situation.

MIT BEMERKENSWERTER Ausdauer (und den von Kissinger gelieferten Waffen) drehte die israelische Armee den Spieß um und stieß die Syrer zurück über ihren Punkt hinaus und näherte sich Damaskus. An der Südfront überquerten israelische Einheiten den Suez-Kanal und konnten eine Offensive in Richtung Kairo starten. Es war ein ziemlich konfuses Bild einer ägyptischen Armee, die noch westlich des Kanals war, praktisch eingekreist, aber immer noch in der Lage, sich selbst zu verteidigen, während die israelische Armee hinter ihrem Rücken, östlich des Kanals, also praktisch in einer gefährlichen Position war – also von ihrer Heimat abgeschnitten war. Ein klassischer „Kampf mit umgekehrten Fronten“.

Falls der Krieg seinen Kurs eingehalten hätte, würde die israelische Armee die Tore von Damaskus und Kairo erreicht haben und die ägyptischen und syrischen Armeen würden uns um eine Feuerpause nach israelischen Bedingungen gebeten haben.

Hier ist es, wo Kissinger dazu kommt.

DER ISRAELISCHE Fortschritt wurde auf Kissingers Befehl etwa 101 km vor Kairo angehalten. Dort wurde ein Zelt aufgebaut und die permanenten Verhandlungen begannen.

Ägypten war von einem Senior-Offizier Abd-al Rani Garnassi vertreten, der bald die Sympathie der israelischen Journalisten gewann. Der israelische Vertreter war Aharon Yariv, der frühere Chef des Armee-Geheimdienstes, ein Mitglied der Regierung und ein General der Reserve.

Yariv wurde bald zurückgerufen, um seinem Sitz im Kabinett wieder einzunehmen. Er wurde von einem sehr beliebten regulären Armee-General, Israel Tar, mit dem Spitznahmen Talik ersetzt, der zufällig einer meiner Freunde war.

Talik war dem Frieden ergeben und ich drängte ihn, die Armee zu verlassen und ein Führer des israelischen Friedenslagers zu werden. Er wies dies zurück, weil seine vorrangige Leidenschaft war, den Merkava- zu schaffen, ein ursprünglich israelischer Panzer, der seiner Mannschaft die größte Sicherheit verleihen würde.

Unmittelbar nach dem Kampf traf ich Talik regelmäßig zum Abendessen in einem wohlbekannten Restaurant. Vorbeigehende mögen sich über diese beiden – dem berühmten Panzer-General und dem Journalisten, der vom ganzen Establischment gehasst wurde, plaudernd zusammen.

Talik sagte mir – natürlich im Vertrauen – was sich eines Tages ereignet hatte. Ganassy hatte ihn bei Seite genommen und ihm gesagt, dass er neue Instruktionen erhalten habe – statt über eine Feuerpause zu reden – konnte er über einen israelisch-ägyptischen Frieden verhandeln.

Sehr aufgeregt flog Talik nach Tel Aviv und eröffnete die Nachrichten Golda Meir. Aber Golda blieb kalt. Sie sagte zu Talik, er solle sich von jedem Gespräch über Frieden enthalten. Als sie seine äußerste Bestürzung sah, erklärte sie, dass sie Kissinger versprochen habe, jedes Reden über Frieden werde unter der amerikanischen Aufsicht gehalten werden.

Und so geschah es: ein Abkommen über eine Feuerpause wurde unterzeichnet und eine Friedens-Konferenz wurde in Genf ausgerufen, offiziell unter der gemeinsamen Aufsicht der US und Sowjetunion. Ich flog nach Genf, um zu sehen, was dort geschah. Kissinger war dort, um Terms zu diktieren; aber Andrej Gromiko, sein sowjetischer Gesprächspartner, war ein zäher Kunde. Nach ein paar Reden wurde die Konferenz ohne Ergebnisse verschoben. (Für mich war es ein bedeutendes Ereignis, weil ich dort einen britischen Journalisten, Edward Mortimer, traf, der für mich ein Treffen arrangierte, um den PLO-Vertreter, Said Hamami, in London zu treffen. So kam das erste Israelische PLO-Treffen zustande. Aber dies ist eine andere Geschichte.)

Der Yom Kippur-Krieg kostete viele Tausende Leben, israelische, ägyptische und syrische. Kissinger hatte sein Ziel erreicht. Die Sowjets verloren die arabische Welt an die Vereinigten Staaten von Amerika..

Bis Vladimir Putin auftauchte.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser ….

 

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Olympische Juden

Erstellt von DL-Redaktion am 19. März 2017

DIE SZENE am Ben Gurion-Flughafen –

 

Autor : Uri Avnery

– dieser Woche war ziemlich erstaunlich. Mehr als ein Tausend männlicher Fans kamen, um zwei israelische Judokämpfer – ein weiblicher und ein männlicher – willkommen zu heißen. Sie hatten beide bei den Olympischen Spielen in Rio eine Bronze-Medaille gewonnen.

Es war ein sehr lauter Empfang. Die Menge wurde wild, schrie, stieß, erhob die Fäuste.

Doch Judo ist in Israel kein sehr populärer Sport. Die israelischen Sportbegeisterten drängen sich bei Fußballspielen wie auch in Basketballplätzen. Doch bei diesen beiden Sportarten ist Israel weit davon entfernt, irgendwelche Medaillen zu gewinnen.

So wurden israelische Mengen plötzlich Judo-Fans (einige nannten es „Jehudo“).Leute, die nicht wild begeistert waren, wurden als Verräter angesehen. Wir hörten nichts über Judo-Kämpfer, die die Gold- oder Silber-Medaille bekamen. Gab es da irgendwelche?

WIR KÖNNEN uns nur vorstellen, was geschehen wär, wenn die israelische Olympia-Mannschaft arabische Athleten eingeschlossen hätte. Araber? In unserer Mannschaft ?

Stimmt, die Araber bilden etwa 20% der israelischen Bevölkerung und einige sind im Sport sehr aktiv. Aber Gott – oder Allah – retteten uns vor diesen Kopfschmerzen. Keiner schaffte es nach Rio.

Doch da gibt es noch eine andere Frage, der Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Israel ist nach seiner offiziellen Definition ein „jüdischer Staat“. Er behauptet, dem jüdischen Volk zu gehören. Er betrachtet sich selbst in einer Weise als das Hauptquartier des „Weltjudentums“.

Warum hat also keiner in Israel das geringste Interesse an Medaillen, die von Juden und Jüdinnen in andern nationalen Delegationen gewonnen wurden? Wo ist die jüdische Solidarität? Wo bleibt der jüdische Stolz?

Nun, er existiert einfach nicht, wo es zählt. Bei den Olympischen Spielen, einem höchst nationalistischen Ereignis, kümmert sich niemand um die Diaspora-Juden.

Zur Hölle mit ihnen.

Es scheint, dass im Sport, mehr als anderswo der Unterschied zwischen Israelis und Juden fundamental ist. Tatsächlich so fundamental, dass nicht einmal die Frage gestellt wird. Wer kümmert sich darum.

DIE FRAGE wurde im Verlauf einer Debatte gestellt, die kürzlich auftauchte. Es begann mit einem kleinen Artikel von mir in der liberalen israelischen Zeitung: Haaretz. Ich deutete darauf hin, dass einige der besten und intelligentesten der israelischen Jugendlichen ausgewandert seien und in fremden Ländern Wurzeln fassen würden. Seltsamerweise ist ihr größter Wunsch für eine neue Heimat Deutschland und die beliebteste Stadt ist Berlin. Ich bat die Emigranten höflich, zurückzukommen. Und an dem Kampf teilzunehmen, um „Israel vor sich selbst zu retten“.

Einige der Israelis in Berlin lehnten höflich ab. Nein, Danke, sagten sie. Sie fühlen sich in der früheren Reichshauptstadt zu Hause und haben absolut keine Absicht, nach Israel zurückzukommen.

Ich war von der Tatsache berührt, dass keiner der Schreiber die jüdische Gemeinde in Berlin oder anderswo auch nur erwähnte. Sie sehen sich selbst nicht als Mitglieder der weltweiten jüdischen Gemeinde, sondern eher als Mitglied einer neuen israelischen Diaspora: wie die meisten Israelis hegten sie eine geheime Verachtung für Diaspora -Juden.

Aber dies kann nicht anhalten. Außer für jene, die sich vollständig von der Religion und Tradition befreit haben, benötigen die Israelis im Ausland noch immer einen Rabbi um verheiratet zu werden und ihren neugeborenen Sohn beschneiden zu lassen und am Ende um auf einem jüdischen Friedhof beerdigt zu werden. Über kurz oder lang werden sie ein volles Mitglied der lokalen jüdischen Gemeinde.

Für diese Juden wird der ganze Prozess innerhalb von sechs oder sieben Generationen beendet worden sein – vom Diasporajuden zum Israeli, vom Israeli zurück zum Diaspora-Juden.

DER GRÜNDER des politischen Zionismus, Theodor Herzl, glaubte, dass nach der Errichtung des „Judenstaates“ (nicht unbedingt in Palästina), alle Juden der Welt dorthin gehen und dort siedeln würden. Diejenigen, die nicht dorthin gehen, würden sich in dem Land, in dem sie lebten, assimilieren und aufhören, Jude zu sein.

Dies war eine einfache Idee, weil Herzl eine naive Person war, die sehr wenig über die Juden wusste. Deshalb stellte er sich einen zukünftigen Unterschied zwischen den Juden im jüdischen Staat und all den anderen nicht vor, die dort blieben, wo sie waren oder in andere Länder emigrierten wie z.B. in die USA. Der Terminus „Jude“ bedeutete vielen verschiedene Dinge.

Die Juden waren stolz, über ein „jüdisches Volk“ zu reden, über ein einzigartiges Volk, das über die ganze Welt zerstreut war. Tatsächlich gab es nichts Einzigartiges darüber: dies war die normale Situation im byzantinischen Reich und später im ottomanischen Kalifat. Einige Aspekte wurden im britischen Mandat aufrecht erhalten und bestehen sogar heute noch in den Gesetzen Israels.

Unter diesem System, das von den Türken „Millet“ genannt wurde, waren die Völker keine territoriale Einheit, sondern geographisch zerstreute religiöse Gemeinschaften, die von ihren eigenen religiösen Führern regiert wurden, und dem Kaiser oder Sultan unterworfen waren. Die Juden waren diesbezüglich nicht anders als die Hellenisten, den verschiedenen christlichen Sekten oder später die Muslime.

Erst mit dem Kommen moderner Nationen, die sich auf Territorien gründen, wurden die Juden fast einzigartig. Andere religiöse Einheiten reformierten sich selbst und wurden moderne Völker. Die hartnäckigen Juden wiesen die Veränderung ab und blieben eine ethnisch-religiöse Einheit.

Herzl und seine Anhänger wollten dies verändern und verspätet Juden in eine moderne Nation bringen, mit einem eigenen „Vaterland“. Das war die Bedeutung des Zionismus‘.

Warum machten sie keine klare Unterscheidung zwischen den Mitgliedern ihrer neuen Nationen und den Juden in aller Welt? Nun, es gab nie eine zionistische Ideologie wie die marxistische. Sie befürchteten auch, dass eine klare Trennung von der jüdischen Religion ihrer Sache schaden könne. So brachten sie alles durcheinander – die jüdische Religion, die jüdische Diaspora, das jüdische Volk, der jüdische Staat – Das war alles dasselbe.

Die Idee war, wenn man keinen Unterschied zwischen einem Juden in Berlin und einem Juden in Tel Aviv machte, es für Juden in aller Welt einfacher war, nach Israel zu gehen. Keiner dachte über die Tatsache nach, dass diese Brücke zwei Richtungen hatte. Wenn es so einfach war von Berlin nach Tel Aviv zu kommen, war es auch sehr einfach von Tel Aviv nach Berlin zu gehen. Das ist es, was jetzt geschieht.

DIES KÖNNTE nicht geschehen sein, wenn die neue Nation, die vom Zionismus geschaffen wurde, mit einem neuen Namen genannt worden wäre.

Eine kleine Gruppe von Intellektuellen schlug vor 70 Jahren genau dies vor. Sie wollten die Mitglieder der neuen Nation in Palästina „Hebräer“ nennen, während sie die Mitglieder der Diaspora weiter –„Juden“ nennen wollten“. Dies wurde von den Zionisten ernsthaft verurteilt. Jedoch hat die Umgangssprache unbewusst diese Unterscheidung adoptiert. Sie setzte sich offiziell nie durch.

Mit der Errichtung des Staates Israel, schien es eine natürliche Lösung zu geben. Da gab es die jüdische Diaspora und es gab den Staat Israel. Juden in Israel wurden Israelis und waren stolz darauf. Wenn sie im Ausland gefragt werden, was sie seien, würden sie natürlich „ ich bin ein Israeli“ antworten, niemals „ich bin ein Jude“. Ich glaube, dass ein junger israelischer Auswanderer in Berlin von heute dieselbe Antwort geben würde.

Da gibt es aber ein Problem: mehr als 20% der israelischen Bürger sind Araber. Sind sie in das Konzept der israelischen Nation eingeschlossen? Die meisten von ihnen und fast alle jüdischen Israelis würden mit einem Nein antworten. Sie betrachten sich selbst als palästinensische Minderheit in Israel.

Die einfache Lösung würde sein, die „israelischen Araber“ als eine nationale Minderheit mit den vollen Rechten einer Minderheit anzuerkennen. Aber die israelische Führung ist völlig unfähig, dies zu tun. Deshalb haben wir eine ziemlich groteske Situation: die israelische Regierungsregistrierungs-Behörde, die nach der Nationalität des einzelnen fragt, weigert sich, „israelisch“ zu registrieren und besteht auf „jüdisch“ oder „ arabisch“. (In Israel bedeutet Nationalität nicht Staatsbürgerschaft).

Ein Appell wurde von einer Gruppe israelischer Bürger (auch von mir) an das Oberste Gericht gegen diese Entscheidung gerichtet, er wurde aber abgelehnt.

Einmal hatte ich darüber ein Gespräch mit Ariel Sharon. Ich fragte ihn: „Was bist du als erstes, ein Israeli oder ein Jude?“ Er antwortete ohne zu zögern: „Als erstes bin ich ein Jude, erst dann ein Israeli.“ Meine Antwort war das Gegenteil: „Ich bin zuerst ein Israeli, erst dann ein Jude.“

Sharon wurde in einem kommunalen Dorf geboren und wusste fast nichts über das Judentum. Er wurde aber im israelischen Bildungssystem erzogen, das völlig darauf angelegt ist, Juden zu erziehen..

Falls er heute leben würde, würde Sharon sicherlich den israelischen Judokas gratulieren. Es wäre ihm nicht eingefallen, nach jüdischen Olympiasiegern zu fragen.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasserautorisiert)

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Willkommen! Bienvenue!

Erstellt von DL-Redaktion am 26. Februar 2017

Autor  :  Uri Avnery

FÜR MICH ist Frankreich das Land der Freiheit.

Als ich gerade 10 Jahre alt war, floh ich mit meiner Familie von Nazi-Deutschland nach Frankreich, auf unserem Weg nach Palästina. Wir befürchteten, an der Grenze verhaftet zu werden. Als unser Zug den Rhein überquerte, wir Deutschland hinter uns ließen und in Frankreich einreisten, atmete ich tief durch. Aus der Tyrannei in die Freiheit, von der Hölle ins Paradies.

Ich vergaß dieses Gefühl nie. Immer, wenn ich Frankreich besuchte, überkam es mich.

Ich erinnerte mich diese Woche wieder daran, als ich einen viel zitierten TV “Untersuchungsbericht” über “Antisemitismus in Frankreich” sah. Es war ein Haufen Propaganda-Nonsens.

„ANTI-SEMITISMUS IN Frankreich“ ist nun der letzte Schrei in Israel. Eine riesiger Propagandaaufwand wird in diese Kampagne investiert. Das Ziel ist, die französischen Juden dazu bewegen, nach Israel zu kommen, um „Alija zu machen“ (eine entsetzliche Entstellung des Hebräischen).

Juden in Frankreich sind laut „Untersuchungsberichten“ mit einer furchtbaren Gefahr konfrontiert. Sie können einen zweiten Holocaust jeden Moment erwarten. Sie werden auf den Straßen angegriffen. Sie haben Angst, die Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen. Zum Wohl ihrer Kinder müssen sie nach Israel kommen. Und zwar schnellstens, – jetzt!

Als ich mir den TV-Bericht näher ansah, bemerkte ich eine Besonderheit: fast alle männlichen Juden, die interviewt wurden, trugen eine Kippa. Seltsam, ich habe kaum jemals einen französischen Juden getroffen, der eine Kippa trug.

Dann bemerkte ich eine weitere Besonderheit: es erschien mir, als ob alle Juden, die interviewt wurden, wie Nordafrikaner aussahen, besonders algerisch.

Auch wurden alle erwähnten gewaltsamen Zwischenfälle von Muslimen verursacht. Sie fanden nicht auf der Avenue des Champs Elysées statt, sondern in den Vororten, wo arme nordafrikanische Muslime mit nordafrikanischen Juden auf engstem Raum zusammenleben.

Warum ereignen sich diese Zwischenfälle? Warum dort? Und was haben sie mit französischem Anti-Semitismus zu tun?

WENN ich “französischer Anti-Semitismus” höre, sehe ich in meiner Vorstellung die lange Tradition der Aversion des christlichen Frankreichs gegenüber Juden. Sogar nach der Französischen Revolution, die auch die Juden befreite, gab es eine Menge Anti-Semitismus in Frankreich. Man muss sich nur an die Dreyfus-Affäre am Ende des 19. Jahrhunderts erinnern, als ein französischer jüdischer Offizier der Armee fälschlicherweise als deutscher Spion angeklagt war und auf die Teufelsinsel, Französisch Guyana, verbannt wurde. Massen von Franzosen marschierten über die Champs Elysées und schrien: „Tod den Juden!“ Einer der Zuschauer war ein jüdischer Journalist aus Wien, Theodor Herzl genannt, der den Schluss daraus zog, dass alle Juden Europa verlassen und ihren eigenen Staat errichten mussten. Der Zionismus wurde geboren.

Diese Art von christlichem Anti-Semitismus, der (glaube ich) von der Geschichte über den Tod von Jesus im neuen Testament ausgeht, existierte schon immer in Frankreich, genauso wie in den meisten anderen europäischen Ländern. Seit dem Holocaust, ist es ein Rand-Phänomen geworden. Ich glaube, dass das in Frankreich auch so ist.

DiE MUSLIMISCH-JÜDISCHE Feindschaft, die sich nun in den Vororten von Paris abspielt, ist etwas gänzlich Anderes und hat nichts zu tun mit Antisemiten. Zufällig sind beide Seiten Semiten.

Es begann vor langer Zeit in Algerien. Die Franzosen eroberten das Land und siedelten dort in großer Anzahl. Dann taten sie etwas ziemlich Kleveres: Sie übertrugen die französische Staatsangehörigkeit auf die Juden vor Ort, aber nicht auf die Muslime, die die breite Mehrheit bildeten. Wie die alten Römer zu sagen pflegten: “ Teile und herrsche.”

Als der algerische Unabhängigkeitskrieg ausbrach (in 1954), standen die Juden, die stolze französische Bürger waren, auf der Seite des Unterdrückers gegen die Unterdrückten.

Mehr noch. Als die französische Armee signalisierte, dass sie abziehen wollte, stellten die Siedler eine Untergrund-Militärorganisation auf, die OAS, um die Muslime zu terrorisieren. Die Juden vor Ort waren involviert. Nach und nach begannen die französischen Siedler, nach Frankreich zurückzukehren und die Juden blieben. Die OAS wurde dann fast eine jüdische Organisation.

Ich war irgendwie involviert. Die algerische Nationale Befreiungsfront, die FLN, die spürte, dass sie kurz vor dem Sieg standen, war sehr besorgt, dass die Juden Algerien verlassen würden. Da die Juden eine große Rolle in dem algerischen wirtschaftlichen und intellektuellen Leben spielten, fürchteten die FLN-Führer, dass eine derartige Abwanderung einen großen Verlust für den entstehenden Staat bedeuten würde.

Sie kamen auf mich zu mit der Bitte, in Israel eine Organisation aufzustellen, um die algerische Unabhängigkeit zu unterstützen. Als ich den “Israelischen Rat für ein freies Algerien” gründete, baten sie uns, Material in Hebräisch zu veröffentlichen, das sie ins Französische übersetzten und unter den Juden verteilten.

Erfolglos. Am Ende setzte Charles de Gaulle einen Termin für den Rückzug der französischen Armee. Über eine Million französische Siedler flohen beinahe über Nacht nach Frankreich und mit ihnen praktisch alle Juden.

Algerische Juden kamen nicht nach Israel. Sie waren zu gut in die französische Kultur integriert. Marokkanische und tunesische Juden spalteten sich: die gebildeten gingen nach Frankreich, alle anderen kamen hierher.

Was sich heute abspielt, ist die Fortsetzung dieses algerischen Konfliktes auf französischem Boden. Der Hass, der einst in den Straßen von Algier und Oran herrschte, wird in den Straßen von Paris und Marseilles ausgefochten.

Tragisch? In der Tat. Traurig? Gewiss. Anti-Semitismus – keineswegs. Es hat nichts mit dieser alten europäischen Geißel zu tun.

UM EIN richtiges Bild zu bekommen, muss man die Anzahl der muslimischen Gewalttaten gegen Juden in Frankreich mit der Anzahl der Gewalttaten der christlichen Franzosen gegen die Muslime vergleichen.

Ich habe keine derartigen Statistiken gesehen, wahrscheinlich weil Frankreich darauf besteht, dass es keinen Unterschied zwischen Franzosen aller Hautfarben, Glaubensrichtungen und Rassen gibt.

Dennoch würde ich 100 prozentig darauf wetten, dass die Gewalttaten gegen Muslime beiweitem zahlreicher sind als Gewalttaten gegen die Juden.

Französischer Neo-Faschismus, angeführt von der sehr klugen Marine Le Pen, ist gänzlich zentriert auf den Hass gegen die Muslime, wohingegen sie alles Erdenkliche tut, um den Juden zu schmeicheln. Einige Juden sind sogar in der Partei. Sie bewundert uns, sie liebt uns. Sie warf ihren eigenen Vater hinaus, weil er sich nicht zurückhalten konnte, Sätze zu äußern, die einen Rest von Antisemitismus widerspiegelten.

Also, woher kommt die gegenwärtige Furcht vor dem französischen Antisemitismus?

Ah, es gibt mehrere gute Gründe.

Grundsätzlich sind Zionismus und Anti-Semitismus Zwillinge. Es ist der moderne europäische Antisemitismus, der den modernen Zionismus schuf. Wie erwähnt, wurde Herzl zum Zionisten, als er die (französischen) Antisemiten sah. Meine Familie kam nach Palästina wegen des (deutschen) Antisemitismus. So war es mehr oder weniger bei allen israelischen Juden.

Man könnte sagen, dass, wenn der Antisemitismus nicht bereits existiert hätte, die Zionisten ihn hätten erfinden müssen.

Gemäß der zionistischen Ideologie existiert der Staat Israel als eine Zufluchtsstätte für verfolgte Juden. Wo auch immer Juden in der Welt in einer Notlage sind, retten wir sie und bringen sie hierher. (Auch wenn Israel vielleicht der am wenigsten sichere Platz in der Welt für Juden ist.)

Wenn der Anti-Semitismus zu schwach ist, um “den Job zu machen”, müssen wir ihm dabei helfen, wie wir es 1952 im Irak taten, als wir Bomben in Synagogen legten, um die Juden anzuspornen, das Land zu verlassen und nach hier zu kommen.

Es scheint so, dass gerade jetzt ein Mangel an Anti-Semitimus vorherrscht. Russische Juden kommen nicht mehr, auch keine amerikanischen. Also muss Frankreich die Lücke schließen.

Es gibt auch eine noch zynischere Erklärung. Israel hat ein aufwendiges Instrumentarium errichtet, um Juden hierher zu bringen. Es gibt Einwanderungs-Beamte in israelischen Botschaften. Es gibt die “Jewish Agency” (Jüdische Agentur) eine weltweite Organisation, die sich hauptsächlich der Aufgabe verschrieben hat, Juden nach Israel zu bringen. Was würde mit diesem ganzen Heer von Gesandten, Organisatoren, Bürokraten, politischen Beauftragten und dergleichen geschehen, wenn keine Juden mehr nach hier kommen wollen und den Boden bei ihrer Ankunft küssen?

Glücklicherweise gibt es diese „Welle von Anti-Semitismus“ in Frankreich und ist jeder voll und ganz beschäftigt. Politiker schwingen Reden, Journalisten produzieren emotionale “Untersuchungs-” Serien, die zionistische Seele ist aufgewacht, der Zionismus ist voll im Gange. Flugzeuge voller Kippa tragender Juden kommen an. Hallelujah!

WAS GESCHIEHT mit all diesen Einwanderern, die die “Alija machen”, sobald sie nach hier kommen?

Das ist eine gute Frage. Einige Bürokraten sind beauftragt, sich um sie zu kümmern. Wir haben ein ganzes Ministerium, das sich der “Immigranten Absorption“ gewidmet hat. (Man kann behaupten, dass es der letzte wünschenswerte Job für Politiker ist, eine Art Zwischenparkplatz, bis sich etwas Besseres findet).

Wenn die neuen Einwanderer einmal hier sind, scheinen viele begeisterte Zionisten das Interesse an ihnen zu verlieren. Praktisch alle Einwanderer aus islamischen Ländern seit der Geburt des Staates, sie und ihre Nachkommen, beschweren sich nun, benachteiligt zu werden.

Das Problem ist nun das Zentrum einer lebhaften Debatte. Ein Komitee, das von einem blinden orientalischen Poeten geleitet wird, hat gerade einen ausführlichen Bericht erstellt und verlangt, dass sämtliche Geschichtsbücher neu geschrieben werden, um Platz zu schaffen für orientale jüdische Politiker, Rabbis, Künstler und Schriftsteller, auf der Basis der Gleichheit mit Juden europäischer Abstammung.

Halboffizielle Schätzungen sind, dass ca. 30% der neuen “französischen” Einwanderer wahrscheinlich nach Frankreich zurückkehren werden. Das scheint als normal akzeptiert zu werden.

Aber wenn 70% bei uns bleiben, ist das ein Reingewinn. Bienvenue, mes amis!

aus dem Englischen übersetzt von Inga Gelsdorf)

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Nur ein Trick

Erstellt von DL-Redaktion am 12. Februar 2017

Autor : Uri Avnery

EINMAL HÖRTE ich die folgende Geschichte vom schwedischen Botschafter in Paris:

„1977, als die UN den Plan zur Teilung Palästinas diskutierte, war ich ein Mitglied des Unterkomitees , das sich mit Jerusalem befasste. Eines Tages sandten die Juden einen neuen Vertreter. Sein Name war Abba Eban. Er sprach ein wunderbares Englisch, viel besser als der britische oder US-Miglied des Komitees. Er sprach über eine halbe Stunde und am Ende war keine Person mehr im Saal, die ihn nicht abgrundtief hasste.“

Ich erinnerte mich an diese Episode, als ich im Fernsehen die Pressekonferenz von Dore Gold, dem General-Direktor unsres Außenministeriums sah. Ihr Thema war die vor kurzem statt gefundene Pariser Friedenkonferenz, die streng von unserer Regierung denunziert wurde.

Von dem Augenblick an, als ich Gold zum ersten Mal sah, war er mir unsympathisch. Er war damals unser neuer Gesandter bei der UN. Ich sagte mir, dass meine Haltung eine unwürdige Zurückweisung für ausländische Juden (Exil Juden“ im israelischen Slang) ist. Gold sprich hebräisch mit einem sehr starken amerikanischen Accent, Er ist kein Appolo

Ich würde als unsern Vertreter einen aufrechten, israelisch aussehenden Pioniertyp bevorzugen, der englisch mit einem ausgesprochenen hebräischen Accent bevorzugen ( Ich weiß, dies klingt rassistisch und schäme mich selbst durch und durch.

GOLDS KONFERENZ war dabei, sich über die französische Friedensinitiative, die der israelisch –palästinensische Frieden

Er war dabei, sich über die französische Friedens initiative. Die den israelisch-palästinensischen Friedens-Konflikt beinhaltet

Ich habe einen heimlichen Verdacht, dass er lauert noch immer umherlauert – dass diese keine wirklichen keine wirkliche Initiative ist, sondern eine verdeckte amerikanische.

Sie mach die israelische Regierung wütend, und kein amerikanischer Präsident kann dies tun, falls er das wünscht – er oder seine Partei – wieder gewählt zu werden – dass dies keine wirkliche französische, ., sondern eine verdeckte amerikanische.

Sie machte die israelische Regierung wütend und kein amerikanischer Präsident kaa dies tun, falls er das Wünscht

Da ist eine schreckliche Angst,

die unsere Regierung heimsucht. Barack Obama hasst Netanjahu – aus guten Gründen. Er kann nichts offen gegen ihn tun – nichts bis Mitternacht nach dem Wahltag. Ob Hillary Clinton oder ( um Himmels Willen) Donald Trump gewählt wird – Obama bleibt noch fast drei Monate im Amt- und in dieser Periode ist er so frei wie ein Vogel ( wie die Deutschen sagen würden) – er kann tun , was ihm gefällt. Was auch immer der Tag und Nacht acht lange Tage wünschte. Und was er über Benjamin Netanjahu träumte.

Ach , die süße Rache. Aber nur bis November. Bis dahin hat er nach Netanjahus‘ Pfeife zu tanzen, wenn er nicht die demokratischen Nominierte zu verletzen wünscht.

Was kann er also Juni tun? Er kann die Aufgabe vertreilen Zum Beispiel, die Franzosen bitten, eine Friedenskonferenz einzuberufen, um einen Weg zur Anerkennung des Staates Palästina vorzubereiten.

Die Franzosen zu bitten darum, ein hochrangige Konferenz in Paris einzuberufen , wäre so, als ob man eine Katze fragt, ob sie Milch wünscht. Man muss nicht auf eine Antwort warten. Das war die Zeit, als fast die Hälfte der Welt in den Atlanten blau aussahen und fast die Hälfte der Welt in den Atlanten im britischen Rot

Frankreich, trauert wie Großbritannien über seine imperiale Vergangenheit, als Paris das Zentrum der Welt war und gebildete Deutsche und Russen, geschweige denn die Ägypter und Vietnamesen französisch sprachen. Die Pässe vieler Nationen waren in dieser Sprache gedruckt.

Das war die Zeit, als fast die Hälfte der Welt in den Atlanten in französischem Blau erschien und während die andere Hälfte in britischem rot erschien. Die Zeit, als der französische Diplomat Georges Picot und sein britischer Kollege Mark Sykes sich den Ottomanische Nahen Osten genau vor hundert Jahren in dieser Woche teilten.

Der Außenminister (geschweige denn die Könige und Präsidenten) der Welt würden sich gern einem der wunderschönen Palästen von Pari s zu versammeln einen französischen Traum geträumt. Die Briten sind etwa in derselben Situation würden dasselbe tun, sind aber sehr mit infantilem Drang beschäftigt, um die Europäische Union zu verlassen.

Wie auch immer, haben wir jetzt diese französische Initiative, eine glänzende Versammlung von Außenministern oder ihren Vertreter, verlangen die die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen in einem begrenzten Zeitrahmen, mit dem erklärten Ziel , den palästinensischen Staat anzuerkennen.

NETANJAHU liebt Frankreich. Er liebt sich dort mit seiner Frau an der französischen Riviera zu amüsieren, in den teuersten Pariser Restaurants zu speisen und in luxuriösen Pariser Wohnungen zu leben – so lang wie es andere bezahlen. Dies ist letzte Woche bei einem Prozess eines verdächtigen französischen Juden herausgekommen, der wegen betrügerische Höhen von Hundert Millionen Euros angeklagt wurde und der mehrere von Netanjahus Trips bezahl hat, Netanjahu denkt nicht daran , selbst sein Vergnügen zu bezahlen und besaß wie die Königin keine Kreditkarte.

Aber sich an französischem Luxus zu erfreuen, ist eine Sache, sich französischer Diplomatie zu amüsieren, ist eine andere Sache. In diesem Augenblick, als er seine Zeit nicht mit Rechtsanwälten zu tun hat, widmet er seine Zeit, die französische Initiative zu vereiteln.

Warum, um Gottes willen? Was ist so schlimm mit der Versammlung der Welt-Staatsmänner und Frauen, um den israelisch-palästinensischen Friedensprozess wieder aufzunehmen? Praktisch alles!

Dieser Friedensprozess ist wie ein schlafender Hund. Ein gefährlicher Hund, wenn er schläft, kann Netanjahu sich alles erlauben – die Besatzung palästinensischen Gebiete vertiefen, die Siedlungen erweitern (Still, dass der Hund nicht aufwacht) all die hundert täglichen Dinge, die die Besatzung „unumkehrbar“ machen. Und hier kommt der Franzose und versucht den Hund in seine Rippen zu stoßen.

Und nun? Mögen Leute fragen. Da sind vorher Konferenzen gewesen, Friedensprozesse in Hülle und Fülle, internationale Resolutionen. Falls eine andere große Konferenz einberufen wird und die Details eines Friedensabkommens diskutiert werden, wird Israel nicht warten und Netanjahu wird die ganze Sache ignorieren. Wie viele Male ist dies schon vorher geschehen? Es wird kaum ein Gähnen verdienen.

ABER DIESES Mal könnte es anders sein. Nicht an sich, aber wegen der internationalen Atmosphäre.

Langsam, sehr langsam wird Israels internationaler Horizont dunkel. Kleine Dinge geschehen jeden Tag in aller Welt. Eine Resolution hier, ein Boykott dort, eine Eeklärung, eine Demonstration. Das Israel, das universell bewundert wurde, ist schon lange verschwunden.

´ Sie verletzt nicht wirklich die israelische Wirtschaft. Aber es schafft eine Stimmung, zuerst in den Hochschulanlagen und dann rund herum. Jüdische Institutionen schicken SOS-Botschaften

Inzwischen sind die selbst jüdischen Institutionen infiziert. Die täglichen Nachrichten aus Israel über die Geschehnisse in den besetzten Gebieten und sogar in Israel selbst verletzen die Juden und besonders die jungen. Viele von ihnen kehren Israel den Rücken , einige engagieren sich aktiv gegen dies.

Dies ist ein starkes Land. Es hat sehr großes Militär, die modernsten Waffen, eine gesunde Wirtschaft (besonders high-tech) , häufig diplomatische Erfolge.

Dies ist kein zweites Südafrika, wie die BDS-Leute es gerne sehen würden. Da gibt es große Unterschiede. Das Apartheid-Regime wurde von Nazi-Sympathisanten geführt, während Israel noch immer auf der weltweiten Welle der Holocaust-Ära –Buße und Reue reitet. Südafrika hing von seinen rebellischen schwarzen Arbeitskräften ab, Israel importiert ausländische Arbeiter aus vielen Ländern.

Israel hängt nicht wirklich von amerikanischen finanzieller Hilfe ab Diese Hilfe ist ein Luxus, nicht mehr. Diese Hilfe ist ein Luxus Es benötigt das US-Veto gegen feindselige Vorschläge der UN, aber es kann und tut es – die UN ignorieren.

Doch alles in allem: Israels schlechter werdendes internationale Ansehen wird schlechter. selbst Netanjahu macht sich Sorgen. Langsam, aber sicher akzeptiert die Welt den Staat Palästina als Tatsache des Lebens, als eine Bedingung für Frieden.

Netanjahu schaut sich nach einem neuen Trick um. Was sieht er dort? Ägypten.

ISRAEL’S BEZIEHUNHEN mit Ägypten gehen ein paar Tausend Jahre zurück. Ägypten war schon eine Regionalmacht, als das israelitische Volk entstand. Aber nach dem „Exodus aus Ägypten ( 2. Moses 21-24) (Was wirklich nie geschah, gab es viele „up und downs“ in den Beziehungen zwischen dem Mächtigen Ägypten und dem kleinen Israel.

Als die Assyrer eine Belagerung um Jerusalem machten und die Judäer auf Hilfe der Ägypter warten mokierten sich die die Assyrer. „Ihr vertrautet dem Staab dieses roten Schilfgrases ZB. wenn ein Mann sich anlehnt, wird es in seine Hand schneiden . (2 Regnun, 18

Nun ist der augenblickliche Pharao, Abed al Fataach al Sissi. Netanjahus große Hoffnung. Egypt, bankrott wie immer, hängt von den Saudis ab. Die Saudis hängen (heimlich von den Israelis und in ihren Kampgegen Daesch, dem islamischen Kaliphat. So ist al-Sisi auch ein verbündeter non Israel

Beim aufbessern seiner Statur, al-Sisi l. posierte auch er als Friedeinitiative, lobte Gott. Er rief nach einer Regionalen Friedensinitiative. In seiner Schmährede gegen die Franzosen. Dore Gold , der Franzose klagte die Sabotage an und hinderte dadurch den Frieden.

Netanjahu schaut sich nach einem neuen Trick um. Was sieht er dort ? Ägypten akzeptierte die ägyptische Initiative, fügte hinzu , dass sie nur ein paar Veränderungen nötig hätte.

Tatsächlich tat er es . Al-Sissis Plan gründet sich auf die 2002 Saudi Friedensplan-Initiativen, die von der Arabischen Liga adoptiert wurde. Der fordert, dass die von Israel besetzten Gebiete (einschließend den Golan und Ostjerusalem) geräumt werden den Staat Palästina, das Recht auf die akzeptierten palästinensischen Flüchtlinge. Netanjahu will, dass Tausende sterben, bevor er dies annimmt.

Indem man den ägyptischen Plan als Vorwand nimmt um den französischen Plan anzunehmen, zu sabotieren, ist dies auf eine zynische Vermutung.

Netanjahu nimmt den ägyptischen Plan als Vorwand.

„Regional“ ist übrigens das neue Schlagwort. Es kam vor einiger Zeit auf und hatte sogar einige wohl- meinende Bedeutungen für Israelis. Empfang „Regionaler Frieden“, wie wunderschön klingt.

.Stattdessen lasst uns über Frieden mit dem gehassten Palästinenser reden, über Frieden mit der Region reden Lasst uns über Frieden mit der Region reden. Aber es ist totaler Unsinn.

Kein arabischer Führer von Marokko bis zum Irak wollen ein Friedensabkommen mit Israel abschließen, das das Ende der Besatzung mit Israel einschließt, doch nicht die Errichtung eines palästinensischen Staates und die Schaffung. Jetzt kann man sehen. Die Massen seines Volkes werden ihn nicht durchlassen. Anwar al Sadat schloss diesen seinen Friedenvertag mit Menachem Begin nicht ein. Obwohl in Worten, so konnte dieser leicht gebrochen werden)

Als meine Freunde und ich, 1949 die Lösung das erste Mal brachten, die selbst unter dem Namen „Zwei Staaten für zwei Völker bekannt wurden“ schloss er selbstverständlich die arabische Welt ein: und der Frieden wird mit der ganzen arabischen Welt geschlossen. Und als selbstverständlich hingenommen wurde auch Frieden mit dem Staat Palästina. Wie zwei siamesische Zwillinge, die eingeschlossen werden.

Wenn wir jetzt von einem „Regional Frieden“ als einer Alternative für Frieden mit den Palästinensern sprechen, so ist das Unsinn „Regionaler Frieden“.meint nicht Frieden

Am andern Tag schrieb Gideon Levy in Haaretz, dass Netanyahu und Avigdor Lieberman „jetzt so reden sollte wie Uri Avnery im Jahre 1969.

Sehr schmeichelhaft. Aber leider ist dies nur ein Trick.

(Dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Tag der Rhinos

Erstellt von DL-Redaktion am 5. Februar 2017

Autor : Uri Avnery

ICH HABE kürzlich das deutsche Wort „Gleichschaltung“ erwähnt – eines der typischsten Wörter des Nazi- Vokabulars.

„Gleich“ bedeutet „ dasselbe“, Schaltung bedeutet „Verbindung zum elektrischen Strom“. Das lange deutsche Wort bedeutet, dass jeder im Staat auf dieselbe Art vernetzt ist – auf Nazi-Art.

Dies war ein wesentlicher Teil der Nazi- Transformation Deutschlands. Aber es geschah nicht auf dramatische Weise. Der Austausch der Leute war langsam, fast unmerklich. Am Ende waren alle bedeutenden Positionen im Land mit Nazi-Funktionären besetzt.

Wir sind jetzt Zeugen, wie so etwas in Israel geschieht. Wir sind schon mitten im Prozess.

Position um Position wird von der extremen Rechten, die jetzt Israel beherrscht, übernommen. Langsam. Sehr, sehr langsam.

ES FING direkt nach der Wahl im letzten Jahr an. Benjamin Netanjahu war in der Lage, eine Koalition der sehr Rechten zu bilden, wenn auch mit einer dünnen Mehrheit. Wie es so oft in den Annalen des Faschismus geschah, benötigte er dafür eine „Zentrum“-Partei. Er fand sie in der Form der Moshe-Kahalon-Fraktion. Kahalon, ein Ex-Likud-Mann war populär, weil er billige Wohnungspreise versprach. Stattdessen gingen die Wohnungpreise in die Höhe.

(Kahalon ist der Lächelnde. Er ist sehr liebenswert. Ein Kolumnist verglich ihn mit der Cheshire-Katze, die Katze, die verschwand und nur ein Lächeln hinterließ. „Nicht eine Katze mit einem Lächeln“ sagte Alice im Wunderland, sondern ein Lächeln mit einer Katze“. Aber er ist die Katze, die die Rechte an der Macht hält, sogar jetzt.

Die neue Regierung schloss eine Mischung von unglaublichen Ernennungen ein. Die empörendste neue Ministerin ist Miri Regev, eine primitive Frau, die wegen ihrer stolzen Vulgarität bekannt ist und die nun Kultusministerin ist. Ich vermute selbst Vulgarität hat ein Recht, vertreten zu sein.

Frau Regev hat jetzt den Auftrag, den Regierungsetat an das Theater, an die Literatur, an das Ballett, die Oper und ähnliches zu verteilen. Sie hat es schon klar gemacht, dass sie besser den Regierungsverpflichtungen nachkommt, wenn sie bezahlt werden wollen.

Ihr nächster Konkurrent ist die neue Justizministerin, Ayelet Shaked (buchstäblich die Mandelgazelle). Ihr proklamiertes Ziel ist die Unterwerfung des Obersten Gerichtes, der Stolz Israels. Obwohl jetzt noch ganz schüchtern, ist das Gericht gegen neue unterdrückende Gesetze. Deshalb wünscht Frau Mandel, dieses mit neuen „konservativen“ Richtern zu besetzen.

Der gefährlichste des Pulks ist der Minister für Bildung und Erziehung – Naftali Bennett, einer der extremsten nationalistischsten-religiösen Politiker. Israel hat drei religiöse Bildungssysteme. Das einzige „säkulare“ System ist schon ständig während der Jahre der letzten Minister reduziert worden . Vertraut man Bennett, der von vielen als religiöser Faschist bezeichnet wird, die Bildung an, bedeutet dies den Bock zum Gärtner zu machen.

Alle diese Minister, auch die anderen derselben Sorte, sind jetzt sehr eifrig dabei, die hohen Beamten mit Personen ihrer Überzeugung zu ersetzen, ein ständiger und äußerst gefährlicher Prozess.

DANN SIND da noch die Torhüter.

Eine der bedeutendsten Personen in Israel trägt den Titel „Legaler Berater der Regierung“. Er ist der höchste legale Beamte, noch über dem Staatsanwalt und unabhängig vom Justizminister. Sein Rat ist rechtlich bindend und nur dem Obersten Gericht unterworfen.

Netanjahu hat mehrere persönliche rechtliche Probleme. Er und seine Familie sind in aller Welt gereist und zwar auf Kosten anderer Leute, während er im Amt war. Dies und andere Affären sind viel Jahre durch die rechtlichen Prozeduren aufgehalten worden – nach der Entscheidung des „Beraters“.

Der letzte legale Berater, ein ehemaliger Richter, der von Netanjahu für dieses Amt ernannt wurde, ist gerade von Netanjahu ersetzt worden durch —welch Überraschung !! – den Regierungssekretär Avihay Mandelblit, ein Kipa-tragender Anwalt, der Netanjahu so nah wie nur möglich steht.

Um die Sache sicher zu machen, wurde der Staats-Rechnungsprüfer, ein anderer sehr mächtiger Beamter in Israel, von der Knesset-Mehrheit nach den Wünschen von Netanjahu gewählt. Yosef Shapiro ist auch ein früherer Richter.

Warum diese zwei Positionen für Netanjahu so wichtig sind, wird gerade jetzt deutlich. Das ganze Land ist fasziniert von mehreren Fällen, in die Angestellte in der offiziellen Residenz des Ministerpräsidenten bezeugten, dass Sarah Netanjahu unerträglich sei: sie schreit und ist eine hysterische Megäre, die ihre privaten Ausgaben aus der offiziellen Staatskasse nimmt.

Um diesen Kreis vollständig zu machen gibt es den neuen Polizei-Kommandeur. Seit Jahren ist die hohe Führung in einen Morast sexueller Anklagen und zusätzlich von Bestechungen geraten. Ein hoher Offizier hat Selbstmord begangen, mehrere andere sind rausgeworfen worden.

Welche Lösung wäre besser, als einen Außenseiter, einen hohen Shin Bet (Geheimdienst) Angestellten? Eine brillante Idee, aber jetzt stellt sich heraus, dass die Polizei in noch größeren Morast versinkt. In mehreren Fällen haben Polizisten brutal und öffentlich Zivilisten geschlagen, Araber und Juden – aus keinem ersichtlichen Grund und erhielten den vollen Rückhalt von Roni Alsheikh, ihrem neuen Oberkommandeur.

DIE ISRAELISCHEN Medien werden vom rechten Flügel als „Linke“, ein Bollwerk der „alten Elite“ beschimpft, die die Rechten zu ersetzen geschworen haben.

Leider ist diese Beschreibung ganz falsch. Von den zwei größeren Zeitungen, ist die eine Israel Hajom („Israel heute“) und gehört Netanyahu. Oder – um es genau zu sagen – Sheldom Adelson, einem amerikanischen Casino-Mogul, der freiwillige und großzügige Patron von Bibi ist. Die Zeitung, dessen einziger Zweck es ist, Netanjahu persönlich zu dienen, wird in riesigen Mengen gratis verteilt.

Das andere Massenblatt, Yediot Aharonot („Späte Nachrichten“) versucht zu konkurrieren , indem sie noch weiter rechts ist.

Die einzige andere bedeutende Tageszeitung, Haaretz („Das Land“), die gegenüber Netanjahu kritisch ist, ist bei weitem kleiner und in ständiger wirtschaftlichen Not.

Israels drei TV-Kanäle sind eine intellektuelle Wüste. Abgesehen von den Nachrichten und einer winzigen Anzahl von Qualitätsprogrammen, haben sie keinen Inhalt, sie sind hauptsächlich den „Realitäts“Programmen gewidmet, die nichts mit der Realität zu tun haben.

Wer ist verantwortlich? Warum, natürlich der Minister für die Medien. Und wer ist das? Noch einmal – Welche Überraschung! – Kein anderer als eine Person, die den Namen Benjamin Netanjahu trägt.

Nach israelischem Gesetz kann der Ministerpräsident selbst so viele Portfolios haben, wie sein Herz verlangt. Dies bedeutet augenblicklich, dass der Gegen-wärtige selbst einige hat, einschließlich des Außenamtes und die Medien.

Seit Monaten haben die Medienleute Schwierigkeiten, nachts Schlaf zu finden. Alle drei TV-Kanäle benötigen Regierungsunterstützung. Einige mutige TV- Persönlichkeiten wagen es, die Regierung offen zu kritisieren, ja sogar scharf, aber ihre Anzahl ist im Schwinden.

Als ich diese Woche im TV war, sagte ich meinem Interviewer, dass er und seine Kollegen in einem Jahr wahrscheinlich arbeitslos sein werden. Er lachte nervös und fragte: „Was, noch ein ganzes Jahr?“

Viele TV-Journalisten sind schon Rhinos (Das ist der Spitzname für Leute, die sich der Regierung unterworfen haben, weil sie eine dicke Haut brauchen) geworden. Der Prozess der Rhinos-Werdung geht ständig weiter.

UND JETZT kommt der Gnadenschuss in der Gestalt des Avigdor Ivett Lieberman.

Lieberman ist eine schreckenerregende Person. In ihrer Gegenwart würde sogar ein Donald Trump zurückschrecken.

Ein Immigrant aus Sowiet-Moldawien, ein früherer Bar-Herauswerfer und später ein naher Helfer von Netanjahu. Er ist jetzt der extrem rechteste Politiker auf der Bühne. Er schlug einmal vor, den Assuan-Damm in Ägypten zu bombardieren (was viele Millionen Tote verursachen würde) Das war eine seiner moderateren Ideen. Er hat die Armee für zu schüchtern gehalten und nannte Netanjahu (vor nicht langer Zeit) einen Betrüger, eine Memme und einen Scharlatan.

Liebermann (ein „netter“ Mann auf Deutsch) ist schlau. Es kann vermutet werden, dass er wenigstens für einige Monate sich äußerst moderat, friedensliebend und liberal verhält. Schon in dieser Woche haben er und Netanjahu erklärt , dass sie eifrige Anhänger der „Zwei-Staaten-Lösung für zwei Volker“ seien. Das ist als ob Mussolini in 1939 erklärt hättee, er sei ein ergebener Pazifist.

Die bedrohende Konfrontation zwischen dem Verteidigungsminister und dem Generalstab könnte ein folgenschweres Ereignis werden: der Zusammenstoß zwischen einer unaufhaltsamen Macht und einem unbeweglichem Objekt.

Die „Israelische Verteidigungsarmee“ (IDF), die auch die Flotte und die Luftwaffe einschließt, ist eine fast autonome Institution. Ihr offizieller Oberkommandeur ist aber die Regierung im Ganzen, die durch den Verteidigungsminister agiert.

Es ist eine gehorsame Armee. Nur selten hat sie sich offen der Regierung widersetzt. Ein solcher Fall war 1967, als der Ministerpräsident Levy Eshkol zögerte, angesichts der wachsenden ägyptischen Militärdrohung auf der Sinai-Halbinsel. Eine Gruppe von Generälen drohten ihm mit kollektiver Resignation, falls er nicht den Befehl zum Angriff geben würde. Er unterlag.

Es ist sogar noch schlimmer. Das Armeekorps der niedrigeren Offiziere und einfachen Soldaten, die im nationalen Bildungssystem erzogen wurden, mögen jetzt näher bei Lieberman stehen, als beim Stabschef.

Dies wurde zum Test beim kürzlichen Fall des Elor Azariya, dem Soldaten, der einen ernstlich verletzen Palästinenser, der auf dem Boden lag, erschoss. Viele Soldaten erklärten, dass Azariya ein Nationalheld sei.

Azariya hat jetzt vor einem Militärgericht wegen Totschlags einen Prozess. Das Obere Armeekommando war unerbittlich angesichts der rechten Opposition. Und siehe da, wer stieß die beträchtliche Masse seines Körpers in den überfüllten Gerichtssaal? Avigdor Lieberman. Er kam um seine Unterstützung für den Angeklagten zu demonstrieren. Sogar Netanjahu beugte sich dem Druck und rief den Vater des Soldaten an, um seine Unterstützung auszudrücken.

(Als wir den Killer im TV vor Gericht sahen, waren wir überrascht, einen Jungen zu sehen, der verwirrt und orientierungslos dreinschaute mit seiner Mutter, die hinter ihm saß und seinen Kopf streichelte. Weh dem Staat, der eine tödliche Waffe in die Hände einer primitiven und unreifen Person gibt. )

Hier sind wir jetzt: die Regierung unterminiert die Armee und das Friedenslager setzt ihr Vertrauen in das Oberkommando.

Manche mögen jetzt zu einem Gott beten, an den sie nicht glauben, um einen Militärputsch zu erbitten.

(dt. Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

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Das Zentrum hält nicht

Erstellt von DL-Redaktion am 4. Februar 2017

Autor : Uri Avnery

„DEN BESTEN fehlt es an Überzeugungen, während die Schlechteste voll leidenschaftlicher Intensität ist.“

Gibt es eine bessere Beschreibung für das, was jetzt in Israel geschieht?

 Doch diese Worte wurden vor fast hundert Jahren von dem irischen Dichter W.B.Yeats geschrieben.

YEATS SCHRIEB kurz nach dem schrecklichen Morden und Zerstören des 1.Weltkriegs. Er glaubte, dass die Welt zu einem Ende kommt und erwartete das 2. Kommen des Christus.

Als Teil des Chaos sah er im selben Gedicht voraus: „dass das Zentrum nicht halten kann“. Ich glaube, er nahm diese Metapher vom Schlachtfeld früherer Jahrhunderte, wenn die gegenüberstehenden Armeen in zwei Reihen aufgestellt und sich gegenüber standen – mit der Hauptkraft in der Mitte und die beiden Flanken sie beschützten.

In einer klassischen Schlacht versuchte jede Seite eine der Flanken des Feindes zu zerstören, um das Zentrum zu umzingeln und anzugreifen. So lang wie das Zentrum hielt, war die Schlacht unentschieden.

In Israel, wie in den meisten modernen Demokratien, ist das Zentrum zusammengesetzt aus zwei oder mehr etablierten Parteien, geringfügig Links und geringfügig rechts. Die Linke ist die klassische Arbeiterpartei – jetzt verbirgt sie sich hinter dem Namen das „zionistische Lager“(welches automatisch die arabische Minderheit ausschließt, etwa 20% der Wählerschaft) . Die Rechte ist der Likud, die gegenwärtige Inkarnation der alten „Revisionisten“-Partei, die vor fast hundert Jahren von Vladimir Jabotinsky, gegründet wurde, einem liberalen Nationalisten im italienischen Risorgimento-Stil.

Dies war das israelische Zentrum, unterstützt von einigen kleinen Parteien.

Diese beherrschte Israel vom Tag seiner Gründung an. Die eine Partei bildete die Regierung, die andere war die loyale Opposition und sie wechselten alle paar Jahre die Rollen, wie es in einer ordentlichen Demokratie sein sollte.

An den Flanken waren die arabischen Parteien (jetzt vereint unter Zwang) und die kleine aber prinzipientreue Meretz auf der Linken und mehrere religiöse und proto-faschistische Parteien auf der Rechten.

Es war ein „normaler“ Aufbau wie in vielen anderen demokratischen Ländern.

Nun nicht mehr.

.AUF DEM Zentrum-Linke hat sich eine Stimmung der Resignation gebildet und ein Defätismus herrscht vor. Die alte Partei ist in die Hände einer Anzahl politischer Zwerge gefallen, deren Streit untereinander alle ihre andern Funktionen verdeckt.

Der gegenwärtige Führer YItzhak Herzog, der Nachkomme einer guten Familie trägt nach dem Gesetz den glorreichen Titel „Führer der Opposition“, aber weiß nicht einmal, was eine Opposition ist. Einige nennen seine Partei “Likud2“ Bei all den vitalen Themen wie Frieden mit dem palästinensischen Volk und der arabischen Welt, soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Demokratie, Trennung von Staat und Religion, Korruption – ist die Partei stumm. Für alle praktischen Zwecke ist sie am Sterben oder schon tot.

„Dem Besten fehlt es an Überzeugungen“ wie Yeats beklagte. Die besten Elemente der israelischen Gesellschaft sind entmutigt, geschlagen und stumm.

Auf dem Zentrum -Rechts sieht es noch schlimmer aus und noch gefährlicher. Der Likud, einmal eine liberale, demokratische Partei des rechten Flügels ist das gefallene Opfer einer feindseligen Übernahme. Sein extremistischer Flügel hat jeden Andersdenkenden herausgeschmissen und nun beherrscht er die Partei vollkommen. In dem Sinne derselben Metapher hat die rechte Flanke, das Zentrum übernommen.

Die Schlimmsten sind voller Intensität. Diese Rechts-Radikalen sind jetzt voller Schwung. Sie erlassen die grauenhaftesten Gesetze in der Knesset. Sie unterstützen und ermutigen die Polizisten und Soldaten zu abscheulichen Handlungen. Sie versuchen das Oberste Gericht und das Armee-Kommando zu unterminieren. Sie sind fest entschlossen noch mehr und größere Siedlungen zu bauen. Diese gefährlichen Rowdies sind tatsächlich „ voller Intensität“.

Der Neuzugang von Avigdor Lieberman zur Regierung vervollständigt dieses Angst einjagende Bild. Sogar der frühere Ministerpräsident Ehud Barak, ein gemäßigter Politiker, verkündigte öffentlich, dass diese Regierung faschistische Elemente einschließt

WARUM IST dies geschehen? Was ist der Grund?

Die gewöhnliche Antwort ist „ das Volk hat sich nach rechts bewegt“. Doch dies erklärt nichts. Warum haben sie sich nach rechts bewegt? Warum?

Einige suchen die Erklärung im demographischen Schisma in der israelisch-jüdischen Gemeinschaft. Juden, deren Familien aus islamischen Ländern kommen (Misrahim genannt) tendieren dahin, dass sie Likud wählen; Juden deren Familien aus Europa kommen (Askenazim) tendieren zur Linken .

Das erklärt nicht Lieberman, dessen Partei aus Immigranten aus der früheren Sowjetunion besteht, anderthalb Millionen, die „Russen“ genannt werden Warum sind die meisten von ihnen extreme Rechte, Rassisten, Araberhasser?

Eine Klasse für sich sind junge Linke, die sich weigern, eine Partei zu unterstützen. Stattdessen, wenden sie sich zu einem Nicht-Parteien–Aktivismus, gründen regelmäßig neue Gruppen für zivile Rechte und Frieden. Sie unterstützen die Palästinenser in den besetzten Gebieten, kämpfen für die „Reinheit unserer Waffen“ in der Armee und tun wunderbare Arbeit aus ähnlichen Gründen.

Es gibt Dutzende, ja vielleicht Hunderte solcher Vereinigungen, viele von ihnen vom Ausland unterstützt, die wunderbare Arbeit leisten. Aber sie hassen die politische Arena und schließen sich keiner Partei an, viel weniger vereinigen sich.

Ich glaube, dass dieses Phänomen den Trand erklärt. Immer mehr Leute, besonders junge Leute wenden sich von der „Politik“ ab, wobei sie Partei-Politik meinen. Es fehlt ihnen nicht an Überzeugungen, sie glauben aber, dass den politischen Parteien alle ehrlichen Überzeugungen fehlen und sie wollen nichs mit ihnen zu tun haben.

Sie sehen nicht, dass politische Parteien ein notwendiges Instrument sind, um in einer Demokratie eine Veränderung zu erreichen. Sie sehen sie als Gruppen von korrupten Heuchlern, denen reale Überzeugungen fehlen und wollen nicht in solcher Gesellschaft gesehen werden.

DEMNACH KOMMEN wir zu einer erstaunlichen Tatsache: dass sich die Entwicklungen in Israel den Prozessen in vielen anderen Ländern ähneln, die nichts mit unseren speziellen Problemen zu tun haben.

Vor ein paar Tagen waren die Wahlen für die Präsidentschaft in Österreich

Bis jetzt war die österreichische Präsidentschaft ein zeremonielles Amt wie in Israel, das zwischen den zwei Hauptparteien pendelte. Dieses Mal geschah etwas noch nie Dagewesenes: die zwei endgültigen Kandidaten kamen von den Extremen Rechten und den Grünen. Die Wähler beseitigten alle Kandidaten aus dem zentralen Establishment. Es ist noch schlimmer: der fast faschistische Kandidat verlor nur durch eine winzige Anzahl von Stimmen.

Österreich? Ein Land, das begeistert den (österreichischen) Adolf Hitler vor nur 80 Jahren willkommen hieß, und unter den vollen Konsequenzen litt?

Die einzige Erklärung ist, dass die Österreicher, wie die Israelis die Nase voll hatten von etablierten Parteien. Es handelt sich um zwei Nationen von gleicher Größe, die aber sonst nichts gemeinsam haben.

In Frankreich feiert Marine Le Pen, die extrem rechte anti-Establishment Führerin. In Deutschland, Holland und Skandinavien spielt sich etwas Ähnliches ab.

In den UK, die Mutter der Demokratie, ist die Öffentlichkeit dabei, für oder gegen den Austritt aus der EU zu stimmen. DIE EU ist mit dem Establishment identifiziert. Die EU zu verlassen, sieht (wenigstens für mich) total irrational aus. Doch die Chancen für dieses Geschehen sehen real aus.

ABER WARUM nur über die kleinen Länder reden? Was ist mit der einzigen Supermacht, die Vereinigten Staaten von Amerika?

Seit Monaten hat die Weltöffentlichkeit mit wachsendem Erstaunen den unglaublichen Aufstieg des Donald Trump beobachtet – das Drama, das mit einer Komödie begann und immer erschreckender wird.

Was, um Gottes Willen, hat sich in dieser großen Nation ereignet? Wie können Millionen und aber Millionen sich um das Banner eines Großmauls, eines vulgären, ignoranten Kandidaten scharen, dessen Hauptvorteil – und vielleicht das einzige – seine Entfernung von seiner politischen Partei ist? Wie konnte er sie überwältigen, ja tatsächlich die Große Alte Partei zerstören, ein Teil der Geschichte Amerikas?

Auf der andern Seite steht Bernie Sanders, ein viel attraktiverer Charakter, aber auch ein von seiner eigenen Partei verachteter. Mit einer Agenda, die von der der Mehrheit der Amerikanerweit entfernt ist.

Es gibt nur eine Ähnlichkeit zwischen den beiden, dass sie ihre Parteien nicht mögen und ihre Parteien sie nicht mögen.

DIES SCHEIN, nun ein weltweites Muster geworden zu sein.

Wenn man betrachtet, dass dies zur selben Zeit in Dutzenden Ländern, großen und kleinen geschieht, die sonst absolut nichts gemein haben – verschiedene Probleme, verschiedene Themen, verschiedene Situationen – ist das nicht erstaunlich?

Für mich ist das ein Rätsel. Alle paar Jahrzehnte kommen neue Ideen und infizieren einen großen Teil der Menschheit. Demokratie, Liberalismus, Anarchismus, Sozialdemokratie, Kommunismus, Faschismus, Demokratie noch einmal und jetzt diese Art von Chaos, meistens radikal Rechts-Flügelig sind weltweite Trends. Der letzte hat noch keinen Namen.

Ich bin sicher, dass viel Leute, Marxisten und andere eine vorgefertigte Erklärung. haben. Ich bin von keiner überzeugt. Ich bin nur perplex.

KOMMEN WIR zurück zu uns armen Israelis: Ich veröffentlichte gerade in Haaretz einen praktischen Plan, um die Sintflut bei uns aufzuhalten.

Ich bin noch immer ein Optimist.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Was ist mit Netanjahu los?

Erstellt von DL-Redaktion am 29. Januar 2017

Was ist Netanjahu zugestoßen?

von Uri Avnery:

Ist es auch ihm zugestoßen? Hat auch er die Verbindung zur Realität verloren? Dasselbe geschah mit David Ben Gurion, nachdem er 15 Jahre an der Macht war. Sein Benehmen in der Lavon-Affäre war verrückt. Er wurde abgesetzt. Dasselbe geschah mit Menachem Begin nach 6 Jahren an der Macht. Mit großer Ehrlichkeit gab Begin zu: „Ich kann nicht mehr“. sagte er und zog sich in sein Haus zurück. Ist es das, was nun dem Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach 12 Jahren im Amt zugestoßen ist?

Seine letzten Aktionen waren nicht vernünftig. Sie waren verrückt soweit es sein eigenes Interesse betraf. Netanjahu hätte Isaak Herzog in die Regierung bringen können. Der gute Buji – ehrlich, unterwürfig und diszipliniert. Herzog würde seine Partei mitgebracht haben, alle oder eine große Mehrheit und hätte der Regierung ein langes Leben garantiert.

Herzog würde die Nationen der Welt beruhigt haben, die angefangen haben, sich vor Netanjahu zu fürchten. Und was wollte er eigentlich? Netanjahu sollte einige Versprechen schriftlich machen. Ja, was denn? Seit wann hat Netanjahu gezögert, seine schriftlichen Versprechen zu brechen und zwar genau auf dieselbe Weise, wie er seine mündlichen Versprechen gebrochen hat ?

Anstelle des angenehmen und des umgänglichen Partner wählte er einen verschlagenen Rowdy, der nicht einmal seine tiefe Verachtung für ihn verbirgt. Avigdor Lieberman verbirgt auch seine Hoffnungen nicht, Netanjahu bei der nächsten Gelegenheit abzulösen. Ein Partner, den die ganze Welt als gefährlichen Mann ansieht.

Warum? Dafür gibt es keine Erklärung. Keinen logischen Grund. Lieberman in die Regierung zu nehmen, ist ein selbstmörderischer Akt. Das Verteidigungs-Ministerium ihm zu geben, ist völlig bekloppt.

Was ist mit Netanjahu los? Bis jetzt hat er vernünftig und pragmatisch gehandelt. Es stimmt, er hat den Weg gewählt, wo am Ende Verwüstung, unsere Verwüstung auf uns wartet. Fast jeder Schritt, den er nahm, verletzte die israelische Demokratie, das Oberste Gericht und nun auch die IDF. Aber es war möglich, all diese Schritte als Mittel zu erklären , an der Macht zu bleiben. Aber nun nicht mehr.

Eine Person kann nicht weiter das Land regieren, wenn eine zunehmende Anzahl von angesehenen Leuten mit Einfluss und Macht, die solch großen Instituten – wie die Militärführung, die Gerichte, die Medien, Künste und Akademien – alle zu der Schlussfolgerung gekommen sind, dass er gefährlich wird. Wenn die Führungs-schicht wie der frühere Mossad Chef Meir Dagan, der Vertreter des IDF-Chefs Generalmajor Yair Golan und der frühere Verteidigungsminister Moshe Ya’alon die Notwenigkeit empfinden, nach ihrem Gewissen aufzustehen und ihre Stimme zu erheben. Das ist es, was Ben Gurion passierte. Und wer ist Netanjahu im Vergleich zu Ben Gurion?

Es ist ein langsamer Prozess. Wenn er nur nicht zu spät kommt. Was kann getan werden, ihn zu beschleunigen?

Wir haben viele Vorschläge gehört. Auch ich machte einen. Aber den praktischsten Vorschlag fand ich Freitag in einer Kolumne von Yair Assulin in Haaretz (auf Hebräisch). Ein einfacher und praktischer Vorschlag, der sofort erfüllt werden kann, wenn nur all diese Leute, die involviert sind, verstehen können , dass sie enorme Verantwortung für das Schicksal des Landes haben.

Der Vorschlag, wie ich ihn verstanden habe, ist: die jungen Knesset-Mitglieder der Zionistischen Union werden sich erheben – Merav Michaeli, Stav Shaffir, Omer Bar-Lev, Itzik Shmuli, Miki Rosenthal und die anderen – und ihre Partei verlassen , die nichts ist als ein lebender Leichnam, und eine neue, junge und energische Partei errichten. Ihnen werden sich andere MKs. anschließen, die den Eisberg sich nähern sehen , so wie Orli Levi-Abekasis. Sie werden auch die Unterstützung von Ya’alon , Gabi Ashkenazi und MK Benny Begin haben. Sie werden sofort eine neue Fraktion in der Knesset bilden, die Flagge hochheben, ein Programm verfassen, das das Gemeinsame hervorhebt und nicht das Trennende: ein Banner des Friedens, der Demokratie, der Gerechtigkeit, soziale Partnerschaft und Reinheit der Waffen.

Um dies zu tun, ist es nicht nötig, auf den Messias zu warten. Es ist möglich und notwendig, aufzustehen und morgen früh zu handeln. Die Alternative wäre zu schrecklich.

( dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Ich war dort

Erstellt von DL-Redaktion am 22. Januar 2017

Autor:  Uri Avnery

„BITTE, SCHREIBE nicht über Yair Golan:“ bat mich ein-Freund, „irgend ein Linker wie  du wird ihn nur verletzten.

Also verzichtete ich einige Wochen.  Aber nun konnte ich nicht mehr still bleiben.

General Yair Golan, der Vertreter des Generalstabschef der israelischen Armee hielt am Holocaust/Gedenktag eine Rede. Er trug seine Armee-Uniform. Er las eine gut vorbereitete Rede, die einen Aufruhr verursachte, der noch nicht abgeklungen ist.

Dutzende von Artikeln sind veröffentlicht worden, einige verurteilen ihn, einige lobten ihn. Es scheint, dass keiner gleichgültig sein konnte.Der Hauptsatz war „Falls es etwas gibt, das mich über die Erinnerungen an den Holocaust erschreckt, ist es das Wissen über einen entsetzlichen Prozess, der sich in Europa abspielte und ganz besonders in Deutschland, vor 70,80, 90 Jahren und  Spuren davon hier in unserer Mitte, heute im Jahr 2016.

Die Hölle brach los. Was!!! Spuren von Nazismus in Israel. Etwas Ähnliches zwischen dem, was die Nazis uns antaten, was wir mit den Palästinensern tun?

Vor 90 Jahren war 1926 eine der letzten Jahre der Deutschen Republik. vor 80 Jahren, das war 1936, drei Jahre nachdem die Nazis an die Macht kamen. Vor 70 Jahren  – das war 1946 – am Morgen als Hitler Selbstmord beging und das Ende des Nazireichs.

ICH FÜHLTE mich verpflichtet, über die Rede des Generals zu schreiben, schließlich war ich ja dort.

Als Kind war ich ein Augenzeuge der letzten Jahre der Weimarer Republik (sie wurde so genannt, weil seine Verfassung, in Weimar Gestalt annahm, der Stadt von Goethe und Schiller. Als ein politisch wacher Junge, war ich Zeuge der Nazi-Machtergreifung und des ersten Halbjahres der Naziherrschaft.

Ich weiß, was Golan aussprach. Auch wenn wir zu  zwei verschiedenen Generationen gehörten, so teilten wir denselben Hintergrund. Unsre beiden Familien kamen aus kleinen Städten in Westdeutschland. Sein Vater und ich  müssen eine Menge gemeinsam haben.

Es gibt strenge moralische Vorschriften in Israel: nichts kann mit dem Holocaust verglichen werden. Der Holocaust ist einmalig. Es geschah mit uns, den Juden, weil wir einzigartig sind (Die religiösen Juden würden hinzufügen: „Weil Gott uns auserwählt hat.“)

Ich  habe diese Gebote überschritten just bevor Golan geboren wurde, veröffentlichte ich (auf Hebräisch) ein Buch das „Swastika“ hieß (Hakenkreuz), in dem ich meine Kindheitserinnerungen erzählte. Ich versuchte, die Schlussfolgerungen daraus zu erzählen. Es war an einem Vorabend des Eichmann-Prozesses, als ich über den Mangel an Wissen über die Nazi-Ära unter jungen Israelis   schockiert war.

Mein Buch befasste sich nicht mit dem Holocaust, der sich ereignete, als ich schon in Palästina lebte, aber eine Frage, die mich während all der Jahre und sogar heute noch beunruhigt: Wie konnte so etwas in diesem Deutschland geschehen, das vielleicht die kulturellste Nation  n der damaligen Zeit und Welt war, die Heimat von Goethe, Beethoven und Kant, konnte demokratisch einen völlig irren Psychopathen wie Adolf Hitler gewählt werden?

Das letzte Kapitel des Buches hatte den Titel „Es kann auch hier geschehen!“  Der Titel wurde von einem Buch des amerikanischen  Romanautor Sinclair Lewis, ironischer Weise auch  „Es kann hier nicht geschehen“  , in dem er eine Nazi-Übernahme schildert.

In diesem Kapitel diskutierte ich die Möglichkeit einer jüdischen Nazi-ähnlichen Partei, die in Israel an die Macht kommt. Meine Schlussfolgerung war, dass eine Nazi-Partei in jedem Land der Erde zur Macht kommen wird, wenn die Bedingungen richtig sind, auch in Israel.

Das Buch wurde weithin in der israelischen Öffentlichkeit ignoriert, das damals  von einem Sturm von Emotionen von den schrecklichen Enthüllungen des Eichmann- Prozesses  hervor gerufen war.

Jetzt kommt General Golan, ein angesehener Berufssoldat und sagt dasselbe.

Und nicht als eine improvisierte Bemerkung, sondern, bei einer offiziellen Gelegenheit, bei der er die Uniform eines Generals trägt, bei der er von einem vorbereiteten Text liest, ein gut durchdachter Text.

Der Sturm brach los, und ist noch nicht vorbei.

DIE ISRAELIS  haben eine selbst-schützende Gewohnheit: wenn sie mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert werden, dann weichen sie seinem Wesen aus und beschäftigen sich mit einer zweitranigen, unbedeutenden Ansicht. Von all den Dutzenden und aber-dutzenden von Reaktionen in der Presse, den TV-Medien und politischen Plattformen, befasst sich fast keiner mit der schmerzlichen  Behauptung.

Nein, die wilde Debatte, die ausbrach, betrifft die Fragen: ist es einem hochrangigen Armee –Offizier erlaubt, eine Meinung über Sachen zu äußern, die das zivile Establishment betreffen?  Und das in Armeeuniform? Bei einer offiziellen Angelegenheit?

Sollte ein Armee-Offizier über seine politische Einstellung schweigen? Oder nur bei geschlossenen Sitzungen – „bei relevanten  Sitzungen“ wie ein wütender Binjamin Netanjahu es formuliert?

General Golan erfreut sich in der Armee eines hohen Grades von Achtung. Als Vertreter des Staatschefe war er bis jetzt fast sicher ein Kandidat für den Stabschef, wenn der Amtsinhaber nach den üblichen vier Jahren das Büro verlässt.

Die Erfüllung dieses Traumes, die er mit jedem Generalstabschef teilt, ist jetzt sehr gering. Praktisch hat Golan jetzt seine weitere Beförderung geopfert, um seine Warnung zu äußern und gab seine weitest mögliche Resonanz auf.

Man kann solchen Mut nur bewundern. Ich bin niemals General Golan begegnet.  Ich glaube und kenne seine politischen Ansichten nicht. Aber ich bewundere sein Handeln sehr.

(Irgendwie erinnere ich mich an einen Artikel, der im britischen Magazin Punch vor dem 1.Weltkrieg kam, als eine Gruppe jüngerer Offiziere ein Statement veröffentlichten, in dem sie gegen die Regierungspolitik in Irland waren. Das Magazin sagte, dass während die rebellischen Offiziere ihre Meinung sagten, war es über die Tatsache stolz, dass so junge Offiziere bereit waren, ihre Karriere für ihre Überzeugung zu opfern.)

DER NAZI –Marsch an die Macht begann 1929, als es eine schreckliche weltweite wirtschaftlich Krisis in Deutschland gab. Eine winzige sehr rechte Partei wurde plötzlich eine politische Macht, mit der gerechnet werden musste. Von da an brauchte es noch vier Jahre, um die größte Partei im Land zu werden und die Macht zu übernehmen. (auch wenn es noch eine Koalition bräuchte).

Ich war dort, als es geschah, ein politisch wacher Junge in einer Familie, in der die Politik das Hauptthema bei Tisch war. Ich sah wie die Republik zusammenbrach, allmählich, langsam, Schritt um Schritt. Ich sah wie Freunde meiner Familie eine Hakenkreuzfahne  hissten. Ich sah wie Lehrer des Gymnasiums zum ersten Mal ihren Arm hoben, wenn sie in die Klasse kamen und mit „Heil Hitler“ grüßten. (und dann insgeheim mich beruhigend, dass sich nichts verändert hat).

Ich war der einzige Jude im ganzen Gymnasium. Als die hundert Jungen – alle größer als ich – ihre Arme hochhoben und die Nazi-Nationalhymne sangen – und ich es nicht tat, bedrohten sie mich, mir die Knochen zu brechen, wenn dies noch einmal geschah. Ein paar Tage später verließen wir Deutschland für immer.

General Golan wurde angeklagt, er würde Israel mit Nazi-Deutschland vergleichen. Nichts davon. Ein sorgfältiges Lesen seines Textes zeigte, dass er Entwicklungen in Israel verglich, die zur Zersetzung der Weimarer Republik führte. Und dass dies ein zulässiger Vergleich ist.

Es geschehen Dinge in Israel, besonders seit der letzten Wahl, die eine erschreckende Ähnlichkeit mit jenen Ereignissen haben. Der Prozess ist ganz anders. Der deutsche Faschismus kam als Demütigung der Kapitulation im ersten Weltkrieg, und der Besatzung des Ruhrgebietes durch Frankreich und Belgien (1923-25), der schrecklichen wirtschaftlichen Krise von 1929, dem Elend der Millionen Arbeitsloser. Israel ist in seinen häufigen militärischen Aktionen siegreich, Wir lebten ein angenehmes Leben. Die Gefahren, die uns bedrohten, sind von völlig anderer  Art gewesen. Sie stammten von unsern  Siegen, nicht von unsern Niederlagen.

Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen Israel von heute  und  dem Deutschlandvon damals weit größer als die Ähnlichkeiten. Doch jene Ähnlichkeiten  existieren  – und der General hatte recht, darauf hinzuweisen.

Die Diskriminierung der Palästinenser in praktisch allen Lebensgebieten können mit der Behandlung der Juden in der ersten Phase im Nazideutschland verglichen werden. Die Unterdrückung der Palästinenser in den besetzten Gebieten ähnelt mehr der Behandlung der Tschechen im Protektorat nach dem Münchner Vertrag.

Der Regen des rassistischen Entwurfes in der Knesset, jene die schon adoptiert und jene , die stark an die Gesetze vom Reichstag in den frühen Tagen des Nazi-Regime erinnert. Einige Rabbiner rufen zu einem Boykott der arabischen Läden auf wie damals. Der Ruf „Tod den Arabern“ („Juda verrecke?“) wird regelmäßig bei Fußball –Spielen gehört. Ein Mitglied des Parlaments hat für die Trennung von jüdischen und arabischen Neugeborenen im Krankenhaus gerufen. Ein Oberrabbiner hat erklärt, dass Goyim (Nicht–Juden) von Gott geschaffen wurden, damit sie den Juden dienen. Unsere Minister für Bildung und Kultur sind eifrig dabei, die Schulen, Theater und Künste der extremen Rechte, etwas was in Deutschland als Gleichschaltung bekannt war. Der Oberste Gerichtshof – der Stolz Israels – wird schonungslos vom Justiz-Minister angegriffen.  Der Gazastreifen ist ein riesiges Ghetto.

Natürlich  wird keiner der Rechten im Entferntesten Netanjahu mit dem Führer vergleichen, aber es gibt politische Parteien hier, die einen starken faschistischen Geruch abgeben. Das  politische Gesindel besiedelt die gegenwärtige Netanjahu-Regierung könnte leicht seinen Platz in der ersten Nazi-Regierung finden.

Einer der Hauptslogans unserer gegenwärtigen Regierung ist, die „alte Elite“ zu ersetzen, da sie zu liberal sei mit einer neuen. Eines der Haupt Nazi-Slogans  war, „das System“  zu ersetzen.

ALS DIE Nazis übrigens an die Macht kamen,  wurden fast alle hochrangigen Offiziere der deutschen Armee stille Anti-Nazis. Sie dachten sogar an einen Putsch gegen Hitler. Ihr politischer Führer wurde – kurz gefasst – ein Jahr später exekutiert, als Hitler seine Gegner in seiner eigenen Partei liquidierte. Uns  wurde gesagt, dass General Golan von einem  persönlichen Bodygard geschützt wird —  etwas das vorher nie  in den Annalen Israels einem General geschah.

Der General  erwähnte die Besatzung und die Siedlungen nicht, die unter der Herrschaft der Armee waren. Aber er erwähnte die Episode, die vor kurzem vor seiner Rede geschah und die noch immer Israel erschütterte: im besetzten Hebron unter der Herrschaft der Armee sah ein Soldat einen schwer verletzten Palästinenser hilflos auf dem Boden liegen, er näherte sich ihm und tötete ihn mit einem Schuss in den Kopf. Das Opfer hatte versucht, einige Soldaten mit dem Messer anzugreifen, stellte aber  jetzt keine Bedrohung mehr für irgendjemand dar. Dies war ein klarer Verstoß  gegen die Armeebefehle. Der Soldat ist vor ein Kriegsgericht geschleppt worden.

Ein Schrei ging durch das Land: Der Soldat ist ein Held. Er sollte ausgezeichnet werden! Netanyahu rief seinen Vater an, um ihm zu versichern, dass er seine Unterstützung habe.

Avigdor Lieberman betrat den vollen Gerichtsraum, um seine  Solidarität mit dem Soldaten auszudrücken. Ein paar Tage später ernannte Netanjahu Lieberman zum Verteidigungsminister, der zweit wichtigste Office ??? in Israel. Vor dem erhielt General Golan starke Unterstützung vom  Verteidigungsminister Moshe Ya’alon und dem  Stabschef  Gabi Eisenkot. Wahrscheinlich war dies der unmittelbare Grund für den Rauswurf von Yaalon und der Ernennung von Lieberman an seiner Stelle. Es erinnert an einen Putsch.

Es scheint, dass Golan nicht nur ein mutiger Offizier ist sondern  auch ein Prophet. Die Einbeziehung von Liebermans Partei in der Regierungskoalition bestätigt Golans schwärzeste Befürchtungen. Dies ist noch ein Schlag gegen Israels Demokratie.

Bin ich  als Zeuge verdammt, denselben Prozess  zum 2. Mal in meinem Leben zu erfahren?

Es ist dieser Vorfall, der den General erregte, auszusprechen und das Land warnte. Ich kann ihn nur grüßen.   ( dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser authorisiert)

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Ein Dokument mit einer Mission

Erstellt von DL-Redaktion am 15. Januar 2017

Autor : Uri Avnery

ALS DAVID BEN -GURION Israels Unabhänigkeits-Erklärung (offiziell: Erklärung der Gründung  des Staates Israel) am 14. Mai 1948 vorlas, war ich im Kibbuz Hulda.

Meine Kompanie der (noch unbenannten) Armee Israels hatte den Befehl, nachts  das arabische Dorf al-Kubab , nahe der Stadt Ramleh anzugreifen. Man vermutete, dass es ein harter Kampf werden würde und ich war eifrig dabei, meine Ausrüstung zu überprüfen und meine (tschechische) Waffe zu reinigen, als jemand sagte, dass eine Rede von Ben-Gurion im Speisesaal-Radio des Kibbuz übertragen wird.

Ich war wirklich nicht daran interessiert. Wir waren alle davon überzeugt, dass was einige Politiker plapperten ziemlich unwesentlich für unsre Zukunft war. Ob unser Staat überleben würde oder nicht, würde auf dem Schlachtfeld entschieden. Die regulären Armeen der benachbarten arabischen Staaten waren dabei, im Krieg einzugreifen, es würde zu blutigen Schlachten führen und das Ergebnis würde über unser Leben entscheiden. Buchstäblich.

Doch gab es ein Detail, das unsere Neugierde weckte. Wie würde unser neuer Staat genannt werden? Einige Gerüchte lagen in der Luft. Das wollten wir wissen.

Also begab ich mich in den Speisesaal des Kibbuz – den wir Soldaten an gewöhnlichen Tagen nicht betreten durften – und tatsächlich, war da die hohe Stimme von Ben-Gurion, der das Dokument vorlas. Als er zu dem Abschnitt kam: „(wir) erklären hiermit die Gründung eines Jüdischen Staates in Erez Israel, der als der Staat Israel bekannt wird“ verließ ich den Saal.

Ich erinnere mich, dass ich draußen den Bruder einer Freundin traf, der in dieser Nacht ein anderes Dorf angreifen sollte. Wir wechselten ein paar Worte. Ich sah ihn nie wieder. Er wurde getötet.

ALL DIES ging mir durch den Kopf, als ich vor drei Tagen, am Vorabend  des Unabhängkeitstages eingeladen wurde, um an einer Feier in genau dieser Halle,   in der der Original-Text von Ben Gurion vorgelesen werden sollte, teilzunehmen. Ich war eine der Personen, die zum 68. Jahrestag dies nochmal vorlesen sollten.

Bei dieser Gelegenheit las ich zum ersten Mal den ganzen Text der Erklärung. Ich war nicht beeindruckt.

Der Original-Text wurde zuerst, von einigen Beamten entworfen, dann von Moshe Sharett (der an diesem Tag Außenminister wurde) noch einmal geschrieben. Er war ein Verfechter der hebräischen Sprache, so wurde der Text sprachlich ausgezeichnet. Ben Gurion war mit dem Text nicht zufrieden, also nahm er ihn und schrieb ihn noch einmal vollständig. Er trägt seinen persönlichen Stil. Er hatte auch die Chutzpeh, seine Unterschrift über die aller Anderen zu setzen, die in alphabetischer Reihenfolge folgten.

Die Autoren der Erklärung hatten offensichtlich die amerikanische Unabhängigkeitserklärung gelesen, bevor sie ihre eigene formulierten. Sie kopierten den allgemeinen Entwurf. Er ist nicht im erbaulichen Stil eines historischen Dokumentes geschrieben, sondern als Dokument mit einer Mission: die Nationen der Welt zu überzeugen, den Staat anzuerkennen.

DIE EINFÜHRUNG ist eine Wiederholung von zionistischen Slogans. Sie gibt vor, die historischen Fakten darzulegen.  Es sind sehr dubiose Fakten.

Zum Beispiel, beginnt es mit den Worten „Erez Israel war der Geburtsort des jüdischen Volkes. Hier wurde seine geistige, religiöse und politische Identität gestaltet.“

Nun , nicht ganz. Mir wurde in der Schule beigebracht, dass Gott Abraham das Land versprach, als er noch in Mesopotamien lebte. Die Zehn Gebote wurden uns von Gott persönlich auf dem Berg Sinai gegeben, der im Ausland liegt. der bedeutendere der beiden Talmuds wurde in Babylon geschrieben. Es stimmt, dass die hebräische Bibel im Land verfasst wurde, aber die meisten religiösen Texte des Judentums wurden im „Exil“ geschrieben.

„Die Juden trachteten in jeder sukzessiven Generation, sich in ihrer alten Heimat  neu zu etablieren..“ Unsinn. Die meisten taten es nicht. Zum Beispiel, als die Juden aus dem christlichen Spanien 1492 vertrieben wurden, gingen die meisten von ihnen in die Länder der muslimischen Welt, nur ein paar siedelten in Palästina.

Der Zionismus, die Bewegung, die eine jüdische Nation in Palästina errichtete, wurde erst am Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, als der Antisemitismus eine mächtige politische Kraft in ganz Europa wurde, und die Gründer das zukünftige Unheil voraussahen.

DIE ERKLÄRUNG betonte natürlich die Geschichte aus letzter Zeit: „Am 29.November 1947 verabschiedete die UN-Vollversammlung eine Resolution, die die Errichtung eines jüdischen Staates in Erez-Israel ausrief…“

Das ist eine  Verfälschung. Die UN-Resolution rief die Errichtung  von ZWEI Staaten aus: einen arabischen und einen jüdischen Staat (und eine separate Zone von Jerusalem.) Die Errichtung des arabischen Staates wurde vergessen und das verändert den ganzen Charakter der Resolution.

Das war natürlich beabsichtigt. Ben Gurion war schon im geheimen Kontakt mit König Abdullah von Jordanien, der die Westbank an sein transjordanisches Königreich annektieren wollte. Ben Gurion erkannte dies an.

Ben Gurion sah es als ein großes Ziel an, jede Spur eines separaten arabisch palästinensischen Staates zu eliminieren. Deshalb wird diese Nation in der Erkärung nicht erwähnt. Die Annektierung der Westbank durch  König Abdullah wurde stillschweigend anerkannt – sogar bevor der erste jordanische Soldat das Land betrat, angeblich um die Araber vor dem jüdischen Staat zu  bewahren.

HIER IST der Ort, um die zwei schicksalhaften  Wörter „Jüdischer Staat“ in Angriff zu nehmen.

Wenn wir  über unsern zukünftigen Staat vor der Gründung Israels sprachen, haben fast alle von uns die Worte „Hebräischer Staat“ benützt. Das war es, was  wir bei unzähligen Demonstrationen riefen, das war es, was in den Zeitungen geschrieben wurde und bei politischen Reden verlangt wurde.

Dies war keine ideologische Entscheidung. Stimmt, da gab es eine winzige Gruppe von jungen Autoren und Künstlern mit dem Spitznamen „Canaaniter“, die die Geburt einer neuen „Hebräischen Nation“ verkündeten und nichts mit den Juden in der Diaspora zu tun haben wollten. Einige andere Gruppen, einschließlich einer, die von mir gegründet war, drückten ähnliche Ideen aus , aber ohne solch absurde Schlussfolgerungen.

Bei umgangssprachlichen Reden machten die Leute eine klare Unterscheidung zwischen „hebräisch“ (Dinge im Land wie hebräische Landwirtschaft, hebräische Verteidigungskräfte etc.) und „jüdisch “ (wie die jüdische Religion, jüdische Tradition und Ähnliches).

Also warum dann „Jüdischer Staat“? Ganz einfach: die britische Verwaltung definierte die Bevölkerung von Palästina als Juden und Araber. Der UN-Teilungsplan sprach von einem jüdischen und einem arabischen Staat. Die Unabhängigkeitserklärung gab sich große Mühe, um das zu betonen, dass wir nur die UN-Entscheidung erfüllten. „Deshalb erklärten wir die Gründung eines jüdischen Staates, der als Staat Israel bekannt wird.“

(Hinweis: „ein“ jüdischer Staat, nicht „der“ jüdische Staat)

Diese harmlosen Wörter sind millionenfach zitiert worden, um die Behauptung, dass Israel ein „jüdischer“ Staat sei, in dem Juden Sonderrechte und Privilegien haben zu rechtfertigen. Dies wird heute fraglos akzeptiert.

Doch wird gewöhnlich übersehen, dass in einem der Paragraphen, in dem „wir die Hände zu allen benachbarten Staaten ausstrecken“, wir sie bitten – im hebräischen Original – um Zusammenarbeit mit „dem souveränen hebräischen Volk!“. Dies ist flagrant in der offiziellen Übersetzung im „souveränen jüdischen Volk“ verfälscht worden.

Man sollte Ben Gurion dankbar für die Tatsache sein, dass Gott  überhaupt nicht in dem Dokument vorkommt. Nach einem mühsamen Kampf mit der damals kleinen religiösen zionistischen Fraktion, wurde die einzige religiöse Anspielung hinzugefügt. Sie erwähnt den „Fels von Israel“, eine Bezeichnung für Gott, die aber auch anders verstanden werden kann.

EINE EKLATANTE Weglassung ist die nackte Unterlassung, dass die Erklärung die Grenzen des neuen Staates überhaupt nicht erwähnt.

Der UN-Erklärungsplan zog sehr klare Grenzen. Im Lauf des 1948er-Krieges eroberte unsere Seite beträchtlich mehr Land. Am Ende blieb die sog. grüne Linie.

Die Erklärung erwähnt keine Grenzen und bis jetzt ist Israel der einzige Staat in der Welt, der keine offiziellen Grenzen hat.

Hierbei, wie in allen anderen Angelegenheiten hat Ben-Gurion den Kurs festgelegt, auf dem sich Israel noch heute bewegt.

( dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Der Fall des Soldaten A.

Erstellt von DL-Redaktion am 17. April 2016

Alles, außer der Hauptsache.

Autor Uri Avnery

ES SCHEINT, dass alles irgendwie Mögliche schon gesagt, geschrieben, verkündet, behauptet und verleugnet worden ist und zwar über den Vorfall, der Israel erschüttert hat.

DER ZWISCHENFALL dreht sich um „den Soldaten von Hebron“. Die Militär-Zensur erlaubt nicht, dass er mit Namen genannt wird. Er kann Soldat A genannt werden.

Es geschah im Tel Rumaida-Viertel in der besetzten südlichen Westbankstadt Hebron, wo eine Gruppe von super-extremen Siedlern vom rechten Flügel mitten unter etwa 160 000 Palästinensern lebt. Sie werden schwer von der israelischen Armee beschützt. Es wimmelt von gewalttätigen Zwischenfällen.

An dem besagten Tag griffen zwei lokale Palästinenser einige Soldaten mit Messern an. Beide wurden auf der Stelle angeschossen. Der eine von ihnen wurde getötet, der andere schwer verletzt und lag auf dem Boden.

Der Platz war voller Leute. Sanitäter wandten sich dem verletzten Soldaten( aber nicht dem Palästinenser)zu, mehrere Offiziere und Soldaten standen mit einigen Siedlern herum.

Nach sechs Minuten erschien Soldat A auf der Bühne. Er sah sich vier Minuten um, dann näherte er sich dem verletzten Angreifer und schoss ihn aus der Nähe kaltblütig eine Kugel in den Kopf. Die Autopsie zeigte, dass dies tatsächlich der Schuss war, der ihn tötete.

Als Schluss-Szene zeigt die Aufnahme den Soldaten A, wie er einem der Siedler, dem berüchtigten Baruch Marzel, einem Führer der geächteten Partei des verstorbenen Meir Kahane, die Hand schüttelt. Letzterer wurde vom Obersten Gericht als Faschist bezeichnet.

BIS DAHIN gibt es keine Diskussion über die Fakten. Aus einem einfachen Grund wurde der ganze Zwischenfall von einem einheimischen Palästinenser aus ziemlicher Nähe fotografiert. Die israelische Menschenrechtsgruppe B’tselem hat vielen Palästinensern eine Video-Camera gegeben, um genau solch eine Eventualität aufzunehmen.

(B’tselem ist ein biblischer Name und bedeutet „Nach (Seinem) Bild“. Nach Genesis 2 schuf Gott den Menschen „nach seinem Bild“. Dies ist eines der menschlichsten Verse in der Bibel, da dies bedeutet, dass alle Menschen ohne Unterschied nach dem Bilde Gottes geschaffen sind).

Die Video-Camera spielt bei diesem Vorfall eine bedeutende Rolle. In der gegenwärtigen Intifada, sind viele arabische Angreifer bei solchen Vorfällen getötet worden. Es gibt einen starken Verdacht, dass viele von ihnen exekutiert wurden, nachdem sie schon „neutralisiert“ wurden – die Armee spricht so von arabischen Angreifern, die keinem mehr Leid antun können, weil sie tot sind, schwer verletzt oder gefangen genommen wurden.

NACH ISRAELISCHEN Armee-Befehlen ist es Soldaten nicht erlaubt, feindliche Angreifer zu töten, wenn sie keine Gefahr mehr darstellen. Andrerseits glauben viele Politiker und Armeeoffiziere, dass es „Terroristen nicht erlaubt werden soll, nach einem Angriff am Leben zu bleiben“. Dies war ein inoffizieller Befehl des verstorbenen Ministerpräsidenten Yitzhak Shamir. (Er selbst war ein hervorragender Terrorist).

Doch das Armee-Kommando hat niemals diese Regel akzeptiert. Als in Shamirs Tagen als Ministerpräsident der Shin Bet-Chef zwei gefangene Busentführer tötete, stand er einer strafbaren Anklage gegenüber bis er vom Präsidenten begnadigt wurde. Er wurde entlassen.

Bei einem anderen Vorfall wurde ein palästinensisches Mädchen, ein Teenager, das auf der Straße mit einer Schere herumrannte, aus geringem Abstand von einem Polizisten totgeschossen.

In all diesen speziellen Fällen war es die Video-Camera, die etwas bewegte. (Vielleicht sollte das göttliche Gebot berichtigt werden: Du sollst nicht töten, wenn eine Camera in der Nähe ist!)

Der Kommandeur des Soldaten A fragte ihn auf der Stelle, warum er den verletzten Palästinenser erschoss. Der Soldat A antwortete spontan: „Er verletzte meinen Kameraden – also verdient er zu sterben“.

Bald danach wurde ihm klar, dass dies die falsche Antwort war, also berichtigte er sie. „Er bewegte sich und ein Messer lag neben ihm, also fühlte ich mich bedroht.“ Es zeigte sich, dass ein anderer Soldat das Messer schon weggeschubst hatte.

Später gab er einen anderen Grund an, an dem er seitdem blieb. Ich sah eine Wölbung unter seiner Jacke und dachte, dass er einen Bombengürtel anhatte. Ich schoss, um das Töten von jemand anderen hier zu verhindern.“ Das ist höchst unwahrscheinlich, da der Filmmitschnitt deutlich zeigt, dass all die anderen Leute in der Nähe nicht beunruhigt waren. Der verletzte Mann war schon untersucht worden. Die Militärpolizei verkündigte also, dass sie den SoldatenA wegen Mordes anklagen.

EIN RIESIGER Sturm brach aus. Im ganzen Land griffen die Rechten, die Siedler, die Politiker und andere das Armee-Kommando in einer nie zuvor gehörten Sprache an.

Der Bildungsminister Naftali Bennet, der Führer der extremen Rechten „Jüdisches Heim“-Partei griff wütend den Verteidigungsminister, ein früherer Stabschef, der ein moderater Likud-Rechter ist, an.

Der gegenwärtige Stabschef Gadi Eizenkot, hat sich nicht abschrecken lassen. Er wiederholt die Armee-Order und unterstützt die Aktionen der Militär-Polizei gegen den Mob, die die Sozial-Medien mit Tausenden von Botschaften überfluten und das Armee-Kommando verfluchten. Benjamin Netanjahu unterstützte zunächst schwach den Verteidigungsminister, dann wurde er still.

Dies war nur der Beginn. Die Eltern des Soldaten A griffen das Armee-Kommando in den Medien an, dass sie ihren Baby Sohn „im Stich lassen“. Die Mitglieder der Armee-Einheit verfluchten offen ihre Kommandeure und die Militärpolizei. Im ganzen Land tönte der Schrei, dass der Soldat A ein „Held“ sei.

Demonstrationen von Soldaten und Zivilisten fanden vor dem Militärgericht innerhalb eines Armee-Compounds statt. Minister und Knesset-Mitglieder kamen in den Gerichtsraum, um ihre Solidarität mit dem „Held“ zu demonstrieren. Der Armeechef und der Verteidigungsminister wurden vom Mob aufgerufen, abzutreten.

ICH WÜRDE hier gern meine persönlichen Bemerkungen hinzufügen

Im Krieg 1948 war ich ein Soldat in einer Kommando-Einheit, die mit einem Ehrentitel ausgezeichnet wurde: die „Samson- Füchse“. Ich nahm an etwa 50 Gefechten teil. Ich schrieb zwei Bücher über diese Erfahrungen. Das erste „Auf den Feldern der Philister“ wurde während des Krieges geschrieben und beschrieb die Schlachten. Alles Geschriebene war die Wahrheit und nur die Wahrheit – aber nicht die ganze Wahrheit. Das zweite Buch „Die andere Seite der Münze“, das sofort nach dem Krieg veröffentlicht wurde, beschrieb die dunkle Seite des Krieges, einschließlich der Kriegsverbrechen.

Auf Grund dieser Erfahrung wage ich zu behaupten: jeder der den Soldaten A einen Helden nennt, beleidigt die Hundert Tausenden von anständigen Soldaten, die in der israelischen Armee seit damals bis heute dienten und unter ihnen wirkliche Helden, (wie die vier marokkanisch-jüdischen Soldaten, die ihr Leben riskierten und mich unter Feuer in Sicherheit brachten, als ich verwundet wurde.)

Ein Held ist ein Soldat, der sein Leben riskiert, um einen Kameraden zu retten oder um eine andere wichtige Aufgabe auszuführen. Jemand der einen verwundeten Feind erschießt, ist kein Held, und ihn so zu nennen, ist eine Beleidigung der anständigen Soldaten, die versuchen, ihre Menschlichkeit unter harten—manchmal unmöglichen – Umständen zu bewahren.

Ein anständiger Soldat braucht keine Armee-Order, um zwischen erlaubten und verbotenen zu unterscheiden, zwischen annehmbaren und kriminellen, zwischen einem Held und einem blutrünstigen Feigling. Er weiß das einfach.

EINIGE LEUTE mögen sich über meine Haltung gegenüber der Armee wundern.

Ich bin ein Pazifist. Ich hasse den Krieg und Gewalt. Aber ich bin kein Einfaltspinsel. Ich weiß, dass jedes Land eine Armee braucht, nicht nur in Kriegszeiten, sondern auch in Friedenzeiten.

Eine Armee ist eine Tötungsmaschine. Aber nach dem grauenhaften 30-Jährigen Krieg im 17. Jahrhundert legte die zivilisierte Menschheit Grenzen fest. Kurz gesagt, Gewalt wird erlaubt, wenn sie den Zwecken des Krieges dient, ist aber absolut verboten, wenn sie gegen hilflose Menschen angewandt wird, wie Gefangene und Verletzte.

Wie einige von uns voraussahen, haben 50 Jahre Besatzung unsere Armee in vieler Hinsicht korrumpiert. Es ist nicht mehr die Armee, in der ich diente. Es ist nicht eine Armee, auf die ich stolz sein kann. Sie ähnelt mehr einer kolonialen Polizeikraft als einer Armee, deren Pflicht es ist, unsern Staat in einer turbulenten Nachbarschaft zu verteidigen.

Ausländer mögen sich über die Tatsache wundern, dass in Israel das Armee –Kommando im Allgemeinen moderater ist als die Regierung und die Politiker. Aus historischen Gründen ist das immer so gewesen. Ich gebe dem Armee-Kommando die Schuld für viele Fehler und Verbrechen, aber ich muss sie für ihre Charakter-Stärke in diesem Fall loben.

DIE HAUPTPUNKTE dieses Zwischenfalls, die keiner auszusprechen wagt, dass das erste Mal in der Geschichte Israels wir Zeugen einer Meuterei sind.

Es gibt keine andere Art und Weise, dies zu definieren.

Eine Gruppe Soldaten, unterstützt von einem größeren Teil der politischen Szene, hat gegen ihre Kommandeure gemeutert. Dies ist eine größere Bedrohung für den Staat, eine Infrage-Stellung von dem, was von unserer Demokratie übrig bleibt.

Die Fäulnis, die in den besetzten Gebieten begann, breitet sich im Land aus. Dies hat sich jetzt in der einen Institution manifestiert, die bis jetzt von allen (jüdischen) Israelis geliebt wurde, der Armee.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Wenn Gott verzweifelt

Erstellt von Gast-Autor am 6. März 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

DIREKT NACH der Gründung Israels erschien Gott David Ben Gurion und sagte zu ihm: „Du hast meinem Volk gegenüber Gutes getan. Äußere einen Wunsch und ich will ihn dir erfüllen“.

 „Ich wünsche mir, dass Israel jüdisch, demokratisch sei und das ganze Land zwischen Mittelmeer und Jordan umfassen soll,“ antwortete Ben-Gurion.

 „Das ist selbst für mich zu viel“ rief Gott aus. „Aber ich will dir zwei von den drei Wünschen erfüllen. Du kannst wählen zwischen einem jüdischen und demokratischen Israel in einem Teil des Landes. Einen demokratischen Staat im ganzen Land, das nicht jüdisch ist oder ein jüdisches Israel im ganzen Land, das nicht demokratisch ist.“

 Gott hat seine Meinung nicht verändert.

WÄHREND ICH das schreibe, ist Benjamin Netanjahu völlig damit beschäftigt, ein neues Gesetz zu erlassen, ein Gesetz, das in der Geschichte Israels ein Wendepunkt sein würde. Die Öffentlichkeit sieht in belustigter Weise zu, als ob es in Kamchatka geschieht.

Dieses Gesetz würde (ich könnte „wird“ sagen) 90 von 120 Knesset-Mitgliedern in die Lage versetzen, einige oder alle andern Mitglieder aus der Knesset zu vertreiben. Die Gründe für solch eine Entscheidung sind nebelhaft: Unterstützung von „Terrorismus“ – durch reden als auch durch handeln, Aberkennung des jüdischen Charakters des Staates Israel und Ähnliches.

Wer entscheidet? Die Mehrheit natürlich.

Der unmittelbare Anstoß, dieses Gesetz vorzuschlagen, wurde durch die drei arabischen Knesset Mitglieder ausgelöst, die die Eltern von arabischen „Terroristen“ im annektierten Ost-Jerusalem besuchten. Ich habe dies in meinem letzten Artikel erwähnt. Sie hatten einen guten Vorwand – ihnen zu helfen die Leichname ihrer Söhne, die an Ort und Stelle erschossen wurden, zurückzubekommen. Aber der offensichtliche Grund war, zu kondolieren.

Jetzt mag behauptet werden, dass eine trauernde Mutter eine trauernde Mutter ist, ungeachtet der Ursache des Todes ihres Sohnes und dass zu kondolieren eine menschliche Tugend ist. Aber das mag für Likud-Mitglieder zu humanistisch sein.

In den guten alten Zeiten, als wir die „Terroristen“ waren und die Briten die Besatzer, würde ich gewiss einem Nachbarn kondoliert haben, dessen Sohn während eines Irgun-Überfalls erschossen worden ist. Ich denke, die Briten würden mich deshalb nicht verhaftet haben.

Nach dem Gesetz sind Knesset-Mitglieder immun vor Strafverfolgung wegen irgend- eines Aktes, der mit ihren Pflichten übereinstimmt. Für Knesset Mitglieder ist ein Besuch bei ihren Wählern unter solchen Umständen solch ein Akt. Deshalb ist ein neues Gesetz nötig.

Und was für ein Gesetz!

„MAN STELLE sich so etwas in England oder in den US vor“, donnerte Netanjahu, „ein Parlamentsmitglied oder ein Kongressmann, der Terroristen unterstützt.“

„Man stelle sich so etwas in Großbritannien oder den US vor,“ würde ich erwidern, „ein Gesetz, das drei Viertel des Parlaments oder Kongresses erlaubt, andere rauszuschmeißen!“

Netanjahu wurde in den US erzogen. Ganz sicherlich wurde ihm beigebracht, dass Demokratie nicht nur bedeutet, dass die Mehrheit regiert. Adolf Hitler wurde wahrscheinlich von der Mehrheit unterstützt. Demokratie bedeutet, dass die Mehrheit die Rechte der Minderheit respektiert, einschließlich des Rechtes der freien Rede.

Das Recht der freien Rede bedeutet nicht, das Recht populäre Ansichten auszudrücken. Populäre Ansichten benötigen keinen Schutz. Freie Rede bedeutet, das Recht, Ansichten zu äußern, die von der Mehrheit verabscheut wird.

Sicherlich bedeutet es, dass Minderheiten ihre Ansichten mit friedlichen Mitteln zum Ausdruck bringen dürfen. Und hier liegt der Hund begraben.

Jeder versteht, dass das Recht der 90, 30 zu vertreiben, eine Bedrohung für die Araber ist, aus der Knesset vertrieben zu werden. Die „arabische“ Fraktion in der gegenwärtigen Knesset besteht aus 13 Mitgliedern und wird wahrscheinlich bei den nächsten paar Wahlen größer werden.

(Es ist ein bisschen kompliziert. Die „arabische“ Fraktion schließt ein jüdisches Mitglied ein, das sehr respektiert wird. Die „jüdischen“ Fraktionen schließen einige arabische Mitglieder ein, die bei ernsten Angelegenheiten nicht wagen, ihren Mund aufzumachen.)

Dies ist kein Gesetz gegen „terroristische“ Sympathisanten. Dies ist ein Gesetz gegen die arabische Minderheit. Die Knesset wird jüdisch sein, ganz einfach nur jüdisch.

Kommen wir zurück auf Gottes Versprechen mit Ben Gurion. Es wird ein jüdischer Staat im ganzen Land sein, ohne demokratisch zu sein.

JUDEN SIND seit dem babylonischen Exil etwa vor 2500 Jahren Minderheiten gewesen. Alle Juden sind Tausende von Jahren Minderheiten gewesen.

Man sollte glauben, dass 80 Generationen ausreichen, um zu erfahren, wie ein Staat sich gegenüber Minderheiten verhalten sollte. Tatsächlich könnte man geglaubt haben, dass alle Staaten der Welt Delegationen nach Israel senden würden, um zu lernen, wie Minderheiten behandelt werden sollten. Der Gründer des Zionismus, Theodor Herzl hat sicherlich so gedacht und beschrieb die idyllischen Beziehungen zwischen dem jüdischen Staat und seinen arabischen Bewohnern in seiner futuristischen Novelle „Altneuland“. (siehe Bemerkung am Ende)

Leider ist dies nicht so geworden. Die Zeiten, als ein junges und frisches Israel Progressive aus aller Welt anzog, um die Kibbuzim und Moschavim (kooperative Dörfer) zu sehen, sind längst vorbei. (Es kam jetzt heraus, dass Bernie Sanders, einer der US-Demokratischen Präsidentschafts-Kandidaten einmal ein freiwilliger Arbeiter in einem Kibbuz war). Selbst bevor das vorgeschlagene Gesetz erlassen wird, ist Israel eines der wenigsten demokratischen Länder der westlichen Welt, zu der Israel gehören will.

In der Westbank, die von Israel beherrscht wird, leben etwa 2,5 Millionen Menschen, die ohne zivile und ohne Menschenrechte sind. Gerade in dieser Woche beschrieb Amira Hass, die mutige israelische Berichterstatterin der Besatzung wie eine komfortable Wohnung einer palästinensischen Bürgerfamilie mitten in der Nacht von einem Militärtrupp besetzt wird und ihr gesagt wurde, sie solle ihr Wohnzimmer sofort räumen, damit es ein Armee-Außenposten werden kann – so sagte man ihnen. Die Soldaten brachten ein tragbares chemisches WC mit, aber urinierten selbst frei vom Balkon.

Wir glaubten eine Zeit lang, dass Israel „die einzige Demokratie im Nahen Osten“ bleiben könnte, während es große Gebiete besetzt hält. Hielten die Briten nicht hunderte Millionen Inder unterjocht, während das Heimatland ein leuchtendes Beispiel für Demokratie blieb? Sicherlich, aber ein Engländer benötigte mehrere Wochen, um von Liverpool nach Bombay zu segeln, genug Zeit, um seine Persönlichkeit zu verändern, während wir nur fünf Minuten brauchen , um von Israel in die Westbank zu kommen.

DIE ARABISCHEN Bürger im eigentlichen Israel machen 20 % der Bevölkerung aus. Sie sind der Rest einer großen Mehrheit, die meisten von ihnen waren geflohen oder wurden vertrieben.

Dieser Prozentsatz ist von Anfang des Staates an bis jetzt geblieben, eine Zeit, in der die Bevölkerung von Israel um das Zehnfache gewachsen ist.

Ein Wunder? Beinahe. Das riesige natürliche Anwachsen der arabischen Bevölkerung hat die jüdische Einwanderung ausbalanciert, die zunächst aus den islamischen Ländern, dann aus Russland und zuletzt aus Äthiopien gekommen ist. Die Araber sind immer noch 20%, wie Gott es voraussah.

Die erste Generation „israelischer Araber“ – wie die Juden sie zu ihrem Missfallen nennen, waren bescheiden und untertänig, noch immer geschockt von der immensen Katastrophe, die über ihr Volk gekommen war. Um der Sicherheit willen wurden sie einer „Militärregierung“ unterworfen, die die Bewegungsfreiheit einschränkte. Ein Araber konnte nicht ohne schriftliche, militärische Genehmigung von einem Dorf ins andere gehen, noch weniger einen Traktor kaufen oder seinen Sohn zum Studieren schicken. Dieses System wurde erst nach 17 Jahren aufgehoben.

Man mag sich fragen, warum ihnen das Stimmrecht überhaupt gewährt wurde. Nun, da sie so gutmütig waren, entschied Ben Gurion, durch und durch Partei-Mensch, sie würden die Mehrheit seiner Partei bei den Wahlen abstützen. Dies geschah tatsächlich.

Aber nun gibt es eine dritte Generation arabischer Bürger. Nun gibt es arabische Universitätsprofessoren, Chefärzte, Unternehmer, sogar Polizei–Kommandeure. Es gibt palästinensische Nationalisten, Islamisten, Kommunisten. Sie haben Gefühle, Forderungen, ja sogar die Frechheit, volle Gleichheit zu verlangen.

Das würde in einer normalen Situation ein genügend großes Problem sein. Aber die Situation hier ist nicht normal. Israels nationale Minderheit ist ein Teil des palästinensischen Volkes, deren ganzes Gebiet die gegenwärtige israelische Führung wegzunehmen wünscht.

GANZ HINTEN in meinem Kopf habe ich ein Drehbuch für einen Film. Ich bin bereit, es weiterzugeben.

Zwei jüdische Brüder, nennen wir sie Abraham und David flohen aus Nazi-Deutschland. David ging in die USA. Abraham nach Palästina.

David schließt sich natürlich der Bewegung von Martin-Luther-King an und wird führender Aktivist für zivile Rechte und ist jetzt ein eifriger Mitkämpfer für die Rechte von Minderheiten. Er unterstützt auch BDS, die zum Boykott von Israels Siedlungen aufruft.

Abraham, der sich selbst Rami nennt, ist ein Offizier in der israelischen Armee, ein eifriger Nationalist und regelmäßiger Likud-Wähler, ein Bewunderer von Netanjahu. Durch reinen Zufall (Dies ist schließlich ein Film) war er einmal ein-Mitglied desselben Kibbuzes, in dem Bernie Sanders als freiwilliger Arbeiter war.

Er hat die Verantwortung für einen großen Teil der Westbank und ist zufällig auch verantwortlich für die Order, nach der Palästinenser aus ihrer Wohnung geworfen werden – aus Sicherheitsgründen.

David leitet eine amerikanische Menschenrechts-Delegation, die kommt, um das zu untersuchen, was in den besetzten Gebieten geschieht. Rami hat die Aufgabe, dies zu verhindern. Und so weiter.

AUF GOTT zurückzukommen. Er schüttelt seinen Kopf. Diese Menschen – so fragt Er sich Selbst – werden sie nie lernen?

Kein Land hat jemals davon profitiert, dass es seine Minderheiten hinausgeworfen hat. Nazi-Deutschland warf seine jüdischen Wissenschaftler hinaus, einige von ihnen gingen in die US und bauten für Amerika die Atombombe. Lange zuvor warf der katholische König von Frankreich die protestantischen Hugenotten hinaus, die nach Preußen emigrierten und die eine kleine Garnisonstadt mit Namen Berlin in ein Weltzentrum von Industrie und Kultur verwandelten. Es gibt noch mehr Beispiele.

Falls zweitausend Jahre uns nicht irgendetwas gelehrt haben, wann werden wir jemals lernen ?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser

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Eine Dame mit einem Lächeln

Erstellt von Gast-Autor am 28. Februar 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

ES IST nicht leicht, ein Araber in Israel zu sein.

Es ist nicht leicht, eine Frau in der arabischen Gesellschaft zu sein.

Es ist nicht leicht, ein Araber in der israelischen Politik zu sein.

Es ist sogar noch weniger leicht, eine arabische Frau in der Knesset zu sein.

Hanin Soabi ist all dies zusammen. Vielleicht ist es deshalb, dass sie immer lächelt – Es mag das Lächeln von jemandem sein, der schließlich gewonnen hat.

Es kann sehr ärgerlich sein. Ärgerlich und provokativ.

In diesen Tagen hat Soabi etwas erreicht, von dem keine arabische Frau in Israel jemals geträumt hat: das ganze Land spricht über sie. Nicht eine Stunde, nicht einen Tag lang, sondern wochenlang.

Der größte Teil der jüdischen Israelis hasst sie. Soabis Lächeln triumphiert

HANIN GEHÖRT zu einem großen Familien-Clan, der mehrere Dörfer bei Nazareth dominiert. Zwei Soabis sind Mitglieder der Knesset in deren frühen Tagen gewesen – einer war ein Vassall der damals herrschenden zionistischen Labor-Partei gewesen, der andere ein Mitglied der linken zionistischen Mapam-Partei. Er war es, der den denkwürdigen Satz prägte: „Mein Land ist mit meinem Volk im Krieg“.

Hanin Soabi ist ein Mitglied der Balad („Heimat“)-Partei, eine arabische, nationalistische Partei, die von Asmi Bishara , einem israelisch-palästinensischen Intellektuellen gegründet wurde. Bishara war ein Bewunderer von Gamal Abd-al-Nasser und seiner pan-arabischen Vision. Als der Shin Bet im Begriff war, ihn unter irgendeinem Vorwand zu verhaften, floh er aus dem Land, indem er behauptete, er leide an einer ernsten Nierenerkrankung und das Gefängnis würde sein Leben gefährden.

Er hinterließ eine Knesset-Fraktion von drei Mann, eine der drei arabischen Fraktionen von ähnlicher Größe. Alle waren eine ständige Irritation für ihre jüdischen Kollegen. Deshalb erfanden sie ein Rechtsmittel. Ein neues Gesetz wurde erlassen, das die Knesset-Mitgliedschaft jeder Partei verweigert, die nicht genügend Stimmen für eine Vier-Mitglieder-Fraktion gewann. (Ein größeres Minimum hätte die Orthodoxe jüdische Partei gefährdet.)

Die Logik war einfach: die drei kleinen arabischen Fraktionen hassten sich gegenseitig. Eine war kommunistisch (mit einem jüdischen Mitglied), eine war islamistisch und eine war nationalistisch (Balad).

Aber siehe da: unter der Bedrohung der Vernichtung können sich sogar Araber vereinigen. Sie bildeten eine „Gemeinsame Liste“ („Gemeinsam“ nicht „Vereinigte“) und gewannen so 13 Sitze – drei mehr als vorher. Sie sind jetzt die drittgrößte Fraktion in der Knesset, direkt nach Likud und Labor, ein Ärgernis für viele ihrer Kollegen.

DIES IST der Hintergrund der letzten Empörung.

Seit Monaten ist Israel jetzt mitten in einer Mini-Intifada. In den zwei früheren Intifadas handelten „Terroristen“ in Gruppen unter Befehlen von Organisationen, die leicht infiltriert wurden. Dieses Mal handeln einzelne alleine oder zusammen mit Cousins, denen man vertrauen kann, ohne vorherige Anzeichen. Die israelischen Kräfte (Armee, Polizei, Shin Bet) haben keine vorherige Information über irgendetwas und waren deshalb nicht in der Lage, diese Handlungen zu verhindern.

Außerdem sind viele der heutigen „Terroristen“ Kinder – Jungen und Mädchen – die nur ein Messer aus der Küche ihrer Mutter mitnehmen und ganz spontan losrennen und den nächsten Israeli angreifen. Einige von ihnen sind 13, 14 Jahre alt. Einige der Mädchen nahmen Scheren mit. Alle wissen, dass sie höchst wahrscheinlich an Ort und Stelle von Soldaten oder vorbeigehenden bewaffneten Zivilisten erschossen werden.

Die bevorzugten Opfer sind Soldaten oder Siedler. Wenn diese fehlen, greifen sie jeden Israeli, Mann oder Frau, den/die sie sehen an.

Die mächtigen israelischen Sicherheitskräfte sind zugegebenermaßen hilflos gegen diese Art von „Infantifada“ (wie mein Freund Reuven Wimmer sie nennt). In ihrer Verzweiflung tun die Sicherheitskräfte, was sie in solchen Situationen immer tun: sie benützen Methoden, die schon vielmals misslangen.

Abgesehen von Exekutionen an Ort und Stelle (gerechtfertigt oder nicht gerechtfertigt) schließen diese Methoden die Zerstörung des Hauses der Familie ein, um andere abzuschrecken, oder die Verhaftung der Eltern oder andere Familienmitglieder.

Offen gesagt, verabscheue ich diese Methoden. Sie erinnern mich an einen Nazi-Begriff meiner Kindheit: „Sippenhaft“. Es ist barbarisch. Es ist auch äußerst unwirksam. Ein Junge, der sich entschieden hat, sein Leben für sein Volk zu opfern, wird von so etwas nicht abgeschreckt. Dafür gibt es keinen einzigen Gegenbeweis. Im Gegenteil, es ist verständlich, dass solch barbarische Akte den Hass schüren und zu mehr solchen Angriffen motivieren.

ABER DIE scheußlichste und dümmste Maßnahme ist, die Körper der Toten zurück zuhalten. Ich schäme mich fast, darüber zu schreiben.

Nach fast jedem „terroristischen“ Akt wird der Leichnam des Täters – Erwachsener oder Kind – von den Sicherheitskräften mitgenommen. Nach muslimischem Gesetz und Brauch müssen Tote noch am selben Tag oder am nächsten beerdigt werden. Sie zurückzuhalten, ist ein äußerst grausamer Akt. Unsere Sicherheitsdienste glauben, dass dies zur Abschreckung beiträgt. Für Muslime ist dies ein äußerster Akt von Frevel.

Dies ist der Hintergrund des letzten Skandals. Die drei Balad-Mitglieder der arabischen Fraktion besuchten die Familien der Täter einer „terroristischen“ Gewalttat, deren Leichname zurückgehalten wurden. Ihre Version ist, dass sie zum Diskutieren kamen, wie man die Leichname zurückerlangen könne. Die Sicherheitskräfte bestanden darauf, dass sie auch kondolierten und eine Gedenkminute hielten.

Die Knesset war geschlossen wütend. Wie können sie das wagen? Mörder zu loben und ihren Familien Sympathie zu zeigen?

Die Balad-Mitglieder der gemeinsamen Fraktion sind außer Soabi mit ihrem Lächeln, Bassal Gatas und Gamal Zahalka. Ich habe Gatas nie persönlich getroffen. Er ist 60 Jahre alt und ein christlicher Araber, ein Dr.ing. und ein Geschäftsmann. Er war lange Zeit Mitglied der kommunistischen Partei, wurde aber rausgeschmissen, als er auf seinem Recht bestand, die Sowjet Union zu kritisieren. Asmi Bishara ist sein Cousin. Im TV macht er einen sehr sensiblen Eindruck.

Gamal Zahalka betrachte ich als persönlichen Freund. Einmal nahmen wir gemeinsam an einer Konferenz in Italien teil und unternahmen einige Ausflüge mit unsern Frauen. Ich habe ihn sehr gern.

Die drei Balad-Mitglieder wurden für mehrere Monate aus der Knesset verbannt, abgesehen vom Recht an Knesset-Abstimmungen teilzunehmen (Ein Recht, das nicht verweigert werden kann. Jetzt schlägt man eine neue Gesetzesvorlage vor, dass die Knesset – bei einer Mehrheit von90 der 120 Mitglieder – Mitglieder aus der Knesset völlig hinauswirft.

Dies bedeutet, dass – wenn das Oberste Gericht diese Gesetzesvorlage nicht für verfassungswidrig hält – die Knesset bald Araber-rein sein wird. Eine rein jüdische Knesset für einen rein jüdischen Staat.

DAS WÜRDE für Israel eine Katastrophe sein.

Jeder fünfte Israeli ist ein Araber. Die arabische Minderheit in Israel ist eine der größten nationalen Minderheiten pro Kopf in der Welt. Solch eine Minderheit aus dem politischen Prozess rauszuwerfen, wird die ganze Struktur des Staates schwächen.

Als der Staat gegründet wurde, glaubten wir, dass nach einer oder zwei Generationen die Kluft zwischen den beiden Gemeinschaften sich schließen würde. Das Gegenteil ist geschehen. In den frühen Jahren war die politische Zusammenarbeit zwischen Juden und Araber in einem gemeinsamen Friedenslager stark und wurde stärker. Diese Tage sind längst vergangen. Die Kluft ist breiter geworden.

Es gab und gibt einen gegensätzlichen Trend. Viele Araber sind in wichtigen Berufen integriert, wie z.B. in der Medizin. Als ich das letzte Mal im Krankenhaus war, konnte ich nicht raten, ob der Chefarzt meiner Abteilung Jude oder Araber war. Ich musste meinen (arabischen) Pfleger fragen. Er bestätigt mir, dass der sehr freundliche Arzt Araber war. Ich fand, dass das arabische medizinische Personal im Allgemeinen freundlicher war als das jüdische.

In verschiedenen Berufen sind Araber mehr oder weniger integriert. Aber der allgemeine Trend ist gegensätzlich. Wo einmal herzliche Beziehungen zwischen Nachbarschaften oder zwischen politischen Organisationen bestanden, lösten sich die Kontakte oder verschwanden ganz.

Es gab Zeiten, in denen meine Freunde und ich fast jede Woche arabische Städte und Dörfer besuchten. Nun nicht mehr.

Dies ist insgesamt kein einseitiger Prozess. Beleidigt und seit langem zurückgewiesen, haben arabische Bürger die Lust an Zusammenarbeit verloren. Einige von ihnen sind islamistischer geworden. Die Ereignisse in den besetzten Gebieten beeinflusst sie stark. Eine dritte und vierte Generation von israelisch arabischen Bürgern ist stolzer und selbstbewusster geworden. Sie sind sehr enttäuscht worden vom Versagen der jüdischen Friedensbewegungen.

Die arabischen Mitglieder aus der Knesset zu werfen ist – wie ein französischer Politiker einmal berühmte Maßen sagte „ist schlimmer als ein Verbrechen – es ist ein Fehler!“

Es würde die Verbindungen des israelischen Staates von mehr als 20% seiner Bürger trennen. Einige Israelis mögen davon träumen, die Araber allesamt aus dem Land zu werfen – alle sechs Millionen von ihnen aus dem eigentlichen Israel, der Westbank und dem Gazastreifen – doch dies ist ein Hirngespinst. Die Welt, in der dies einmal möglich war, existiert nicht mehr.

Was möglich ist und schon besteht, ist eine schleichende Apartheid. Sie besteht schon in der Westbank und in Ost-Jerusalem und – wie es diese Episode zeigt – sie wird auch im eigentlichen Israel Realität.

Die Hysterie, die das Land nach dem „Besuch der Terroristen“-Familien heimgesucht hat, hat auch die Labor-Partei und sogar Merez ergriffen.

Ich setze „Terroristen“ in Anführungsstriche, weil sie nur für Juden Terroristen sind. Für Araber sind sie Helden, Shahid. Muslime , die ihr Leben opfern, um die Größe Allahs zu bezeugen.

Die Frage ist natürlich, was ist die Aufgabe eines arabischen Knesset-Mitglieds? Die Juden aufzuregen? Oder die Kluft zu schmälern und die Israelis zu überzeugen, dass der israelisch-arabische Frieden möglich und erstrebenswert ist. Ich fürchte, dass Soabis Lächeln nicht hilft, dieses Ziel zu erreichen.

FALLS IRGENDETWAS so hat diese Affäre die Argumente für die „Zweistaaten-Lösung“ bestärkt. Lasst jeden der beiden Staaten ein eigenes Parlament haben, in dem sie all die Dummheiten begehen können, die sie wollen, und einen gemeinsamen Koordinierungsrat, wo ernsthafte Entscheidungen getroffen werden können.

(Aus dem Engl. Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

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Die Kluft, die immer weiter wird

Erstellt von Gast-Autor am 31. Januar 2016

Die Kluft, die immer weiter wird

Autor Uri Avnery

IN JEDER Liste von Israels bedeutendsten Frauen würde Ilana Dayan an prominenter Stelle stehen.

Dayan (Keine Verbindung zum verstorbenen General mit dem Augenverband) ist  die Redakteurin  von einem der repräsentativsten Fernsehprogramme. Während das israelische  Fernsehen im Allgemeinen langsam in einen Morast stupider „Realitäts“-Unterhaltung sinkt, steht ihr Programm  mit Namen „Uvdah“  („Tatsache“)  wie ein Leuchtturm von verantwortlichem, investigativem Journalismus, und zwar von der Ar, von der mein  einst wöchentliches Nachrichten Magazin bekannt war.

Im Allgemeinen ist Dayan immer als sanfte „Linke“ angesehen worden – da kompromisslose Kritik der zur Zeit Regierenden gewöhnlich mit der Linken identifiziert wird.

Jetzt wird sie angeklagt, der extremen fast faschistischen Rechten zu dienen. Schockierend!

In der wilden Debatte, die folgte, zitierte Dayan mich zur Unterstützung.  40 Jahre lang trug mein Magazin in seinem Impressum den Slogan „Ohne Furcht, ohne Vorurteil.“ Dayan behauptete, dass sie entsprechend dieses  Mottos  handeln würde.

Dies zwingt mich, mich in diese Diskussion einzumischen – gegen mein besseres Urteil.

DER HINTERGRUND dieser Affäre betrifft genau die Gründe des israelisch-palästinensischen Konfliktes.

Seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 hat Israel  unter anderen Gebieten das Gebiet, das von den Arabern „die Westbank“/ Westufer des Jordan, und von der israelischen Regierung und von Israelis des rechten Flügels „Judäa und Samaria“, ihre biblische Bezeichnung, genannt wird, erobert.

Fast seit Beginn der Besatzung hat sich die israelische Rechte sehr darum bemüht, „das Land zu besiedeln“  – jüdische Siedlungen und Städte, Dörfer und kleine Außenposten im ganzen Gebiet.

Wem gehört das Land offiziell, auf dem die Siedlungen gebaut werden?

Vieles davon war „Regierungsland“.  Dies geht zurück bis  ins Ottomanische Reich. Allgemeine Landreserven, die keinem individuellen Bauer gehörten, sondern dem ganzen Dorf, waren auf den Namen des Sultan  registriert. Unter der britischen „Regierung von Palästina“ wurde es „Regierungsland“. Als die israelische Armee das Land besetzte, legte die israelische Regierung  ihre Hand  auf all diesen Besitz. Das bedeutet, dass dieses Land jetzt nur von jüdischen Siedlern benützt wird.

Andere Teile des Landes wurden einfach von der Militärregierung „ aus Sicherheitsgründen“ oder  für „öffentliche Zwecke“ enteignet und dann den Siedlern übergeben.

Viele dieser Siedlungen sind offenkundig illegal, sogar nach dem israelischen Gesetz, das in diesen Gebieten vorherrscht. Aber das  Gesetz wird sehr selten angewandt. Die israelische Militärregierung, die Armee und die Polizei unterstützen ganz offen die Siedlungen, schützen sie  und verbinden sie mit dem Stromnetz. Die Gerichte kümmern sich sehr selten um sie.

Doch was geschieht mit Siedlungen, die auf privatem arabischem Land stehen?  Ah, hier liegt der Hase im Pfeffer. Alle möglichen und unmöglichen Tricks sind angewandt worden, um sie zu übernehmen. Unter ihnen  ist die Anwendung von falschen Dokumenten, falschen Unterschriften, oft von toten Besitzern. Aber die gewöhnlichste Methode ist der Gebrauch arabischer Vermittler.

FÜR DAS palästinensische Volk ist dies ein existentieller Kampf. Die israelische Rechte, die jetzt die Regierung dominiert, verbirgt ihre Vision eines Landes, frei von palästinensischen Arabern nicht (im Deutschen „araberrein“). Die Vision des ganzen Landes  von Juden besiedelt – mit  sonst niemand –  hat starke Anziehung, besonders in religiösen Kreisen.

Die Siedler und  ihre Verbündeten haben ein ganzes Netzwerk für legalen Land-Erwerb  geschaffen. Sie nähern sich einem arabischen Besitzer und bieten ihm eine riesige  Summe für sein Land an. Das Geld kommt von  jüdischen Milliardären der USA oder aus geheimen Regierungsfonds. Der arabische Besitzer ist sehr versucht. Er will es verkaufen und dann mit dem Geld wegrennen. Aber er fürchtet seine Nachbarn und fanatische Palästinenser.

Von da kommen die arabischen Vermittler. Sie handeln als Agenten der Siedler und kaufen das gewünschte Land in einer Weise, die den Käufer befähigt, vorzugeben, dass  er seinen Besitz an andere Araber verkaufe.

Für die palästinensische Gemeinde sind diese Vermittler schlimmer als Verräter.  Sie gefährden die bloße Existenz des palästinensischen Volkes. Sie entfachen intensive Wut.

HIER ISTES,  wo die TV-Reportage von Ilana Dayan beginnt.

Es konzentriert sich auf einen israelischen Friedensaktivisten mit Namen Ezra Nawi, ein irakisch-jüdischer Name. Er ist sehr aktiv in der Gegend von Hebron in der südlichen Westbank. Seit Jahrzehnten kenne  ich seinen Namen.

Mein Eindruck ist immer  gewesen, dass Nawi eine Art Einzelgänger ist; selbstlos hilft er den Palästinensern, verbunden mit einigen der vielen aktiven israelischen Friedensorganisationen, besonders mit Ta’ayush.

Hebron ist ein Zentrum der fanatischsten jüdischen Siedler. Es war hier, wo der Siedler und Massenmörder Baruch Goldstein 29  betende Araber in der Moschee massakrierte. Von wütenden Überlebenden wurde er auch getötet. Er wird jetzt von den Siedlern wie ein Heiliger verehrt.

Diese Siedler sind mit einem langen Kampf  engagiert, um alle Araber  aus den umliegenden Dörfern zu vertreiben. Sie zerstören ihre Häuser, sägen ihre Fruchtbäume ab, füllen ihre Brunnen mit Dreck. Ezra Nawi  arbeitet unermüdlich, um den Arabern zum Durchhalten zu helfen

AUF DER Seite der Siedler gibt es mehrere jüdisch faschistische Organisationen (pardon, keine andere Bezeichnung trifft den Fall) die großzügig von amerikanisch- jüdischen Milliardären  finanziert werden.

Wie es jetzt scheint, haben diese Organisationen ein Spionage Netzwerk aufgebaut, um israelische Friedens- und Menschenrechtsgruppen zu infiltrieren. Einem ihrer Agenten gelang es das Vertrauen des unverdächtigen Nawi zu gewinnen, der in einem Augenblick der Selbstverherrlichung angab, die Namen  von arabischen Landverkäufern den palästinensischen Sicherheitskräften preisgab, die sie wegen Verrats exekutierten.

Die faschistische Organisation brachte die Information rüber zu Ilana Dayan, die dies zum Haupt-Thema ihres wöchentlichen Fernsehprogrammes  machte. Nawi eilte zum Flughafen, wurde aber von der Polizei aus dem Flugzeug geholt.

Hier sind wir also.

Bei der wütenden Debatte, die jetzt in den Medien tobte, wird Dayan von den Linken wie Gideon Levy angeklagt, sie sei eine Verräterin geworden und diene nun den Faschisten. Dayan antwortete mit einem wütenden Artikel, in dem sie mein Motto zitiert. Es sei nicht ihre Sache, behauptete sie, sich zu fragen, ob ihre Enthüllungen der Linken oder der Rechten diene. Ihr Job sei es nur, sicher zu gehen, dass sie wahr sind.

Sie behauptete auch, es sei nicht ihr Geschäft, die Motive der Leute zu erkunden, die die Information liefern. Auch hier stimme ich mit ihr überein. Eine wichtige Information kann zuweilen  von ganz unangenehmen Quellen ausgehen.

Das öffentliche Wohl mag seine Veröffentlichung trotzdem verlangen.

Ich bin unter allen Umständen gegen Todesstrafe. Ich bin auch gegen Folter.  Doch habe ich nie irgendeinen Beweis gesehen, dass die palästinensischen Sicherheitsdienste bei arabischen Landvermittlern dies ausgeführt haben, auch wenn einige harsch verhört worden seien.

Einen komischen Gesichtspunkt gibt es auch. Nawi wird angeklagt, Kontakte mit ausländischen Agenten zu haben, ein Verbrechen, das Spionage gleichkommt. Welche ausländischen Agenten? Der Sicherheitsdienst der palästinensischen Behörde unter dem Kommando von Mahmoud Abbas?  Doch nur vor ein paar Tagen teilte der israelische  Sicherheitsdienst mit, dass die beiden Sicherheitsdienste – der israelische und der palästinensische – eng zusammen arbeiten, um arabischen „Terrorismus“ zu verhindern; Auf diese Weise wurden viele  israelische Leben gerettet. Wann also sind palästinensische Dienste Feinde und Kontakt mit ihm ein solch ernstes Verbrechen?

Eine andere Frage betrifft die Offenlegung, dass extreme  Organisationen des rechten Flügels von ausländischen (jüdisch-amerikanischen) Spendern finanziert,  weitverbreitete geheime Spionagetätigkeit gegen israelische Aktivisten durchführen. Wie kommt es, dass der Shin Bet nichts davon weiß – oder falls er davon weiß, warum hält er es geheim?

Eine Sache ist sicher: Israelische Politik wird von Tag zu Tag hässlicher. Die Kluft zwischen links und rechts wird  zu einem Abgrund des Hasses. Der rechte Flügel benützt Methoden, die mich an 1933 in Deutschland erinnern.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

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König Bibi

Erstellt von Gast-Autor am 20. Dezember 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

BENJAMIN NETANJAHU ist unser Ministerpräsident fürs Leben.

So scheint es. Offensichtlich glaubt er dies auch.

Er glaubt es nicht nur. Er handelt entsprechend. Um sicher zu gehen, hat er zwei notwendige Dinge getan: a) jeden möglichen Konkurrenten eliminieren und (b) sich mit männlichen und weiblichen Troddeln umgeben; keiner von diesen könnte als plausibler Nachfolger angesehen werden. In der Tat, der Gedanke, dass irgendeiner von diesen jemals Ministerpräsident werden könnte, lässt einen schaudern.

Also sind wir mindestens fürs Leben an ihn gebunden. Zeit, um dieser Aussicht gegenüber zu treten.

ER IST nicht der Schlechteste. Keiner ist dies jemals. Für jeden schlechten Führer gibt es noch einen schlechteren (Mit Ausnahme von Adolf Hitler, vielleicht).

Blicken wir also zuerst auf die positiven Seiten seiner Regierung. Da gibt es, (tatsächlich) welche.

Nummer 1: Er ist nicht verrückt.

In der Welt gibt es mehrere verrückte Führer. Wir haben eine ganze Anzahl von Verrückten innerhalb und außerhalb der Regierung. Netanjahu ist keiner von ihnen.

Nummer2: Er ist nicht unverantwortlich.

Während des letzten Gaza-Krieges, als alle Arten von Politikern und andere Demagogen ihm zuriefen, alle möglichen unverantwortlichen Dinge zu tun , wie das Zurück-erobern des Gazastreifens, verweigerte er dies und folgte dem Rat der Armee.

(In Israel verabscheut die Armee zur Zeit sinnlose Abenteuer. Die Armeeoffiziere sind in der Regel viel weniger unbesonnen als die Politiker.)

Man kann natürlich fragen, wie kamen wir überhaupt erst in diesen Morast? Tatsächlich passt die alte Definition zu Netanjahu: Eine schlaue Person ist jemand, der weiß, wie man aus einer schlimmen Situation herauskommt, in die eine weise Person überhaupt niemals hinein geraten würde.

Nummer 3: Er ist ein erfolgreicher Redner.

Das ist natürlich keine notwendige Voraussetzung. David Ben Gurion war ein schlechter Redner. Levi Eshkol war ein miserabler Redner. Beide waren im Vergleich zu Golda Meir Demosthenes-gleich, deren Vokabular im Hebräischen und Englischen aus etwa hundert Wörtern mit schlechtem Akzent bestand. Das war für sie genug, um jede Hörerschaft zu überzeugen.

Netanjahu ist ein vollendeter Redner im entgegengesetzten Sinn. Er spricht ein gutes Hebräisch; er hat eine tiefe Stimme, seine Gesten sind angemessen. Tatsächlich hat man oft den Eindruck, dass er eine Stunde vor dem Spiegel verbrachte, um den Vortrag ganz genau hinzubekommen.

Doch überzeugt er nur diejenigen, die überzeugt werden wollen. Um kritische Zuhörer zu überzeugen, ist die ganze Vorstellung zu sehr einstudiert, zu perfekt. Wie sein Haar zu glatt, zu perfekt blau-weiß gefärbt ist.

(Neulich wurde bekannt, dass sein persönlicher Friseur auf der Regierungsliste mehr als ein Kabinettminister verdient. Recht so, denke ich.)

Wenn Netanjahu vor der Welt als Vertreter Israels spricht, liefert er eine glaubwürdige Vorstellung. Nicht brillant, vielleicht nicht sehr überzeugend, aber auch nicht beschämend.

VIELE LEUTE in Israel oder außerhalb glauben, dass Netanjahu ein totaler Zyniker ist, ein Mann ohne wirkliche Überzeugungen, dessen einziges Ziel es ist, für immer an der Macht zu bleiben.

Ich glaube nicht, dass dies wahr ist.

Ein Zyniker ohne Überzeugungen würde viel weniger gefährlich sein. Aber Netanjahu ist kein Zyniker.

Er wuchs im Schatten seines Vaters Ben Zion auf, ein harter Familientyrann, der überzeugt war, dass er nicht den Respekt erhält, der ihm von seinen akademischen Kollegen und Institutionen zukam.. Deswegen emigrierte er vorübergehend in die US, wo Benjamin als richtiger amerikanischer Junge aufwuchs.

Der Vater war ein fanatischer extremer Rechter. Der Führer der zionistischen Rechten, der brillante Vladimir (Ze’ev) Jabotinsky, war für ihn zu moderat. Ben Zion war spezialisiert auf die Geschichte der spanischen Inquisition und schrieb ein gewichtiges Buch darüber, aber seine Kollegen erwiesen ihm nicht die Ehre, von der er glaubte, sie stünde ihm zu. Er wurde sehr verbittert.

Benjamin verehrte seinen Vater und betrachtete ihn als Genie, aber der Vater bewunderte seinen älteren Sohn Yoni, einen Militäroffizier, der bei dem berühmten Entebbe –Überfall starb. Von „Bibi“ hatte der Vater eine ziemlich geringe Meinung. Er sagte einmal öffentlich, dass Benjamin ein guter Außenminister werden könnte, aber kein Ministerpräsident. In Israel wird der Außenminister mit einiger Geringschätzung behandelt. Ein wirklicher-Mann hofft Verteidigungsminister zu werden.

All dies flößte in den jungen Benjamin einen brennenden Eifer, seinem toten Vater zu zeigen, dass er ein ausgezeichneter Ministerpräsident sein konnte. Dies bildete auch die ideologische Basis für all seine Gedanken und Aktionen: die unerschütterliche Überzeugung, dass die Juden „das ganze Eres Israel“ in Besitz nehmen müssen – das ganze Land zwischen Mittelmer und dem Jordan.

Jedes Wort, das Netanjahu je sagte, das dieser Grundüberzeugung widersprach, ist eine eklatante Lüge. Aber wie die alten Römer gesagt haben sollen: „ Es ist süß und passend, fürs Vaterland zu lügen

INNERHALB DIESES verborgenen Parameters ist Netanjahu tatsächlich ein Zyniker. Er klebt an der Macht und hat keine Neigung dazu, sie jemals aufzugeben-

Und tatsächlich ist er ein vollkommener Politiker. Es gibt keine Anzeichen, dass er irgendeinen von ihm ernannten Minister respektiert. Er scheint, ein Vergnügen daran zu haben, jedem einzelnen den Job zu geben, der am wenigsten zu ihm/ zu ihr passt. Die Kulturministerin, Miri Regev, eine vulgäre, primitive, ganz unkultivierte weibliche Politikerin ist ein ausgezeichnetes Beispiel, aber die meisten ihrer Kollegen sind nicht viel besser.

Keiner von diesen kann Netanjahus Position zum mindesten gefährden. Verglichen mit ihm, ist er die überragende Figur.

In den andern Parteien innerhalb der Regierungs-Koalition – und außerhalb – ist die Situation nicht viel besser. Einige von ihnen zeigten (wenigstens in den Meinungsumfragen) einige Hoffnung, doch dies erwies sich als zu kurzlebig. Moshe Kahlon, der gegenwärtige Finanzminister, ein netter Kerl, aber als nationaler Führer ist er ganz klein. So ist es auch mit Yair Lapid, dem früheren Finanzminister, der jetzt in der Opposition ist, der fest davon überzeugt ist, dass ihn das Schicksal zu Netanjahus Nachfolger auserwählt habe. Sein einziges Problem ist, dass nur sehr wenige diesen Glauben teilen.

Viel beunruhigender ist, dass die Labor-Partei (jetzt „Zionistisches Lager“) ohne jede Persönlichkeit ist, die nur in die Nähe von Netanjahus Führungsstatur kommen könnte. Der Parteiführer Yitzhak Herzog ist eine traurige Enttäuschung. Fast alle Parteifunktionäre meiden sogar das hervorstechende Staatsproblem zu erwähnen: die Besatzung. Kaum jemals äußern sie das gefährliche Wort Frieden. Es ist viel besser über „politische Vereinbarungen“ „Endabkommen“ und ähnliches blah, blah, blah zu reden.

NETANJAHUS HAUPTINSTRUMENT der Herrschaft geht zurück auf die alten Römer (wie es zum Sohn eines Historikers passt): Teile und herrsche.

Er ist ein großartiger Aufhetzer; Juden gegen Araber, orientalische Juden gegen Aschkenasi, religiöse gegen säkulare. (Er selbst ist ein Ungläubiger, aber die Religiösen aller Richtungen sind seine stärksten Verbündeten.)

Haß geht mit Angst. Es ist ein alter jüdischer Glaube, dass die ganze Welt uns zerstören will („Aber Gott rettet uns aus ihren Händen“ wie jeder Jude am Passahabend deklamiert) Das ist jetzt wahrer denn je.

Die Iraner wollen uns ausrotten. Die Araber wollen uns ins Meer werfen. Die Linken sind noch schlechter: sie sind Verräter. Bibi ist der einzige, der uns von all diesen retten kann. Gott mag etwas nachhelfen.

ABER DIE wirkliche Gefahr von Netanjahus Herrschaft ist sein totales Schweigen zu Israels Hauptproblem, seine existentielle Frage: der 130jährige Krieg mit den Palästinensern und durch Erweiterung mit der ganzen arabischen und muslimischen Welt.

Durch die Ideologie seines Vaters festgelegt, ist er nicht in der Lage, einen Zoll unsres heiligen Vaterlandes abzugeben (Wie viele Israelis glaubt er nicht an Gott, glaubt aber, dass Gott uns dieses Land verheißen hat. Tatsächlich war Gott sogar großzügiger und versprach uns alles Land zwischen Nil und Euphrat.

Einige bantustan-ähnliche, nicht mit einander verbundene Enklaven für die Palästinenser – warum nicht? solange wir sie nicht alle mit einander vertreiben können. Aber nicht mehr.

Dies verhindert jede Bemühung um Frieden. Es garantiert einen Apartheidstaat oder einen bi-nationalen Staat mit einem permanenten Bürgerkrieg. Netanjahu weiß dies sehr genau. Er macht sich keine Illusionen. Also äußerte er die logische Antwort: „Wir werden immer mit dem Schwert leben“. Gutes Hebräisch, schreckliche Staatsmannsschaft.

Unter seiner Herrschaft wird Israel unwiderruflich den Abhang hinuntergleiten und schließlich in die Katastrophe. Je länger seine Herrschaft dauert, umso größer ist die Gefahr.

Alles in allem: Netanjahu ist ein Mann ohne intellektuelle Tiefe, ein politischer Manipulator ohne reale Lösungen, ein Mann mit einem imposanten Äußeren, aber einem leeren Inneren.

Mittlerweile ist er groß im Erfinden von Belangen, die die Aufmerksamkeit vom schicksalhaften Problem ablenken. Ganz Israel war monatelang mit der Debatte über den „natürlichen Gas-Plan“ beschäftigt. –(Vor der israelischen Meeresküste wurde nämlich Gas entdeckt.) –Und die Art und Weise , wie soll der Profit geteilt werden. Netanjahu unterstützt mit all seiner Macht den „Plan“, der den Gewinn in die Taschen einer handvoll Reicher fließen lässt, die irgendwie mit Sheldon Adelson , seinem Schutzherrn ( und manche sagen seinem Beschützer, verbunden sind ).

In der Zwischenzeit können „König Bibi“ und seine höchst unpopuläre Gemahlin Königin Sarahle sich mit Befriedigung umschauen. Da gibt es niemanden, der ihre unbegrenzte Herrschaft („Amtszeit“ scheint eine unpassende Definition). gefährdet.

Sie denken daran, einen königlichen ( sorry – Ministerpräsidenten-) Palast, anstelle der ziemlich schäbigen gegenwärtigen Residenz, mitten in Jerusalem zu bauen. Rund um sie herum ist nichts außer einer politischen Wüste.

Ich würde zu Gott beten, uns zu erlösen.

Aber leider glaube ich nicht an Gott.

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Reigen der Absurdiotie

Erstellt von Gast-Autor am 6. Dezember 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery SO ETWAS wie „Internationalen Terrorismus“ gibt es nichtEinen Krieg gegen „Internationalen Terrorismus“ zu erklären, ist Unsinn. Politiker, die das tun, sind entweder Dummköpfe oder Zyniker und wahrscheinlich beides.

Terrorismus ist eine Waffe. Wie eine Kanone. Wir würden denjenigen Auslachen, der gegen eine „internationale Artillerie“ den Krieg erklärt. Eine Kanone gehört einer Armee und dient den Zielen dieser Armee. Die Kanone der einen Seite schießt auf die Kanone der andern Seite.

Terrorismus ist  eine Methode, die oft von einem unterdrückten Volk benützt wird, wie der französische Widerstand  gegenüber den Nazis im 2. Weltkrieg. Wir würden jeden auslachen, der Krieg  gegen  „internationalen Widerstand“ erklärt.

Carl von  Clausewitz, der preußische Militärdenker, sagte den berühmten Satz, dass „Krieg  die Fortsetzung der Politik ist mit andern Mitteln“  Falls er mit uns heute leben würde, hätte er gesagt: „Terrorismus ist eine Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln.

Terrorismus bedeutet buchstäblich, die Opfer erschrecken, damit sie ihren Willen dem Willen des Terroristen übergeben.

Terrorismus ist eine Waffe. Gewöhnlich ist es die Waffe der Schwachen, von denen, die keine Atombomben haben, wie die, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, die die Japaner terrorisierten, sich zu ergeben.

Da die meisten Gruppen und Länder, die Terrorismus anwenden, verschiedene Ziele haben, ja, sich oft widersprechen, gibt es nichts „Internationales“ über sie. Jede terroristische Kampagne hat einen eigenen Charakter – ganz zu schweigen, dass sich keiner als Terrorist ansieht, sondern eher als ein Kämpfer für Gott, Freiheit oder für sonst etwas.

(Ich kann mich nicht zurückhalten, damit zu prahlen, dass ich vor langer Zeit die Formel erfand : „Der Terrorist des einen, ist der Freiheitskämpfer des anderen“)

VIELE GEWÖHNLICHE Israelis fühlen nach den Vorfällen in Paris tiefe Befriedigung. „Jetzt fühlen (diese Scheiß-/ verdammtem-Europäer einmal, was wir die ganze Zeit fühlen!“

Benjamin Netanjahu, ein kleiner Denker, aber ein brillanter Verkäufer, ist auf die Idee gekommen, eine direkte Verbindung zwischen dem jihadistischen Terrorismus in Europa und dem palästinensischen Terrorismus in Israel und den besetzten Gebieten herzustellen.

Es ist ein genialer Schlag: Falls sie ein und dieselben wären, die Messer-stechenden palästinensischen Teenager und die belgischen Anhänger von ISIS, dann gäbe es kein israelisch-palästinensisches Problem, keine Besatzung, keine Siedlungen. Nur moslemischen Fanatismus. (Ignorieren wir die vielen christlichen Araber, die die säkularen palästinensischen „terroristischen“ Organisationen füllen.)

Das hat nichts mit Realität zu tun. Palästinenser, die kämpfen und für Allah sterben  wollen, gehen nach Syrien. Palästinenser – beide, die religiösen und die säkularen – die in diesen Tagen schießen, mit dem Messer stechen oder israelische Soldaten und Zivilisten überfahren, wünschen Freiheit und einen eigenen Staat anstelle von Besatzung

Dies ist eine so offensichtliche Tatsache, dass selbst eine Person mit dem begrenztem IQ  unserer gegenwärtigen Kabinett-Minister dies begreifen können. Aber falls sie dies tun, würden sie sehr unfreundlichen Wahlen gegenüber stehen, was den israelisch-palästinensischen Konflikt betrifft.

Also lasst uns an der bequemen  Schlussfolgerung hängen: Sie töten uns, weil sie als Terroristen geboren wurden, weil sie im Paradies den versprochenen 70 Jungfrauen begegnen wollen, weil sie Antisemiten sind. So wie Netanjahu fröhlich voraussagt: „Wir werden auf immer mit dem Schwert leben.

SO TRAGISCH  die Folgen  jedes terroristischen Ereignisses auch sein mögen, so ist da etwas Absurdes an der europäischen Reaktion auf die kürzlichen Ereignisse.

Der Gipfel der Absurdität wurde in Brüssel erreicht, als ein einziger Terrorist auf der Flucht eine ganze Hauptstadt tagelang lähmte, ohne dass ein einziger Schuss abgeschossen wurde. Es war der äußerste Erfolg von Terrorismus  im buchstäblichsten Sinn: Die Angst als Waffe nützen.

Aber die Reaktion in Paris war nicht viel besser. Die Zahl der Opfer der Gräueltat war groß, aber vermutlich der  Zahl  der Opfer von Verkehrsunfällen in Frankreich  alle paar Wochen ähnlich. Es war sicherlich viel kleiner, als die Zahl der Opfer einer  einzigen Stunde  Weltkrieg. Aber rationales Denken zählt hier nicht. Terrorismus arbeitet mit der Sichtweise der Opfer.

Es scheint unglaublich, dass zehn mittelmäßige Individuen mit ein paar primitiven Waffen eine weltweite  Panik verursachen konnten. Doch es ist eine Tatsache.  Unterstützt von den Massenmedien, die genau aus solchen Ereignissen Gewinn ziehen, werden lokale terroristische Akte  heutzutage zu weltweiten Drohungen. Die modernen Medien sind durch ihre reine Natur die besten Freunde des Terroristen.  Ohne die Medien kann der Terror nicht blühen.

Der nächstbeste Freund der Terroristen ist der Politiker.Es ist für einen Politiker fast unmöglich, der Versuchung zu widerstehen, auf der Panikwelle mit zu reiten. Panik schafft „nationale Einheit“, der Traum jedes Herrschers. Panik schafft das Verlangen nach einem „stärkeren   Führer“. Dies ist ein Grund-menschlichen Instinkts.

Francois Hollande ist ein typisches Beispiel. Ein mittelmäßiger, doch schlauer Politiker ergriff die Gelegenheit, sich als ein Führer hinzustellen. „Das ist der Krieg!“ erklärte er und schuf eine nationale Stimmung. Natürlich ist es kein „Krieg“. Natürlich ist es kein 3. Weltkrieg. Nur ein terroristischer Angriff  durch einen verborgenen Feind.

Diese Ereignisse decken die unglaubliche Dummheit der politischen Führer  rund herum auf. Sie verstehen die Herausforderung nicht. Sie reagieren auf phantasierte Drohungen und ignorieren die wirklichen. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Sie halten Reden, berufen Konferenzen ein und bombardieren jemanden (egal wen und weshalb).

Da sie die Krankheit nicht verstehen, ist ihre Medizin schlimmer als die Krankheit selbst. Bombardements verursachen Zerstörung, Zerstörung verursacht Feinde, die nach Rache dürsten. Es ist eine  direkte Kollaboration mit den Terroristen.

Es war ein trauriges Schauspiel, all diese  Weltführer, die Kommandeure mächtiger Nationen   wie Mäuse in einem Labyrinth  herumlaufen zu sehen, sich begegnen, Reden halten, sinnlose  Erklärungen von sich zu geben, vollkommen unfähig, sich mit der Krise auseinanderzusetzen.

DAS PROBLEM ist tatsächlich wegen einer  ungewöhnlichen Tatsache weit komplizierter als schlichte Gemüter meinen: Der Feind ist diesmal keine Nation, kein Staat, nicht einmal ein reales Territorium, sondern eine undefinierbare Entität:  eine Idee, ein Geisteszustand, eine Bewegung, die zwar irgendeine territoriale Basis hat, ist aber kein  realer Staat.

Dies ist kein Phänomen, das es so noch nie gegeben hat: vor mehr als hundert Jahren beging die Anarchisten-Bewegung überall terroristische Aktionen  ohne  überhaupt eine territoriale Basis zu haben. Und vor 900 Jahren  terrorisierte eine religiöse Sekte ohne Land, die Assassins ( Eine Korruption eines arabischen Wortes „Haschischbenutzer“) die muslimische Welt.

Ich weiß nicht, wie man den Islamischen Staat (oder eher Nicht-Staat) wirksam bekämpft. Ich fürchte, dass dies niemand weiß. Gewiss nicht die  Einfaltspinsel (Mann oder Frau) der verschiedenen Regierungen.

Ich bin mir nicht sicher, ob selbst eine territoriale Invasion dieses Phänomen  zerstören würde. Aber selbst solch eine Invasion scheint unwahrscheinlich. Die Koalition der Unwilligen – von den US vereinigt, scheint abgeneigt zu sein, eine Bodeninvasion zu machen. Die einzigen Kräfte, die versuchen könnten – die Iraner und die syrische Regierungsarmee – werden von den US und ihren lokalen Verbündeten gehasst.

Wenn man nach einem Beispiel totaler Orientierungslosigkeit Ausschau hält, die an Wahnsinn grenzt, so ist es die Unfähigkeit der US und der europäischen Mächte zwischen der Assad-Iran-Russland-Achse und dem IS-Saudi-Sunni-Lager zu wählen. Füge das türkisch-kurdische  Problem, die russisch-türkische Abneigung und den israelisch-palästinensischen Konflikt hinzu – und das Bild ist noch lange nicht vollständig.

(Für Geschichts-Liebhaber ist das etwas Faszinierendes über das Wiederaufleben des Jahrhunderte-alten Kampfes zwischen Russland und der Türkei)

Es ist gesagt worden, dass Krieg viel zu wichtig sei, um ihn den Generälen zu überlassen. Die augenblickliche Situation  ist viel zu kompliziert, um sie den Politikern zu überlassen. Aber wer ist noch da?

DIE ISRAELIS GLAUBEN ( wie gewöhnlich) dass wir die Welt lehren könnten. Wir kennen Terrorismus. Wir wissen, was zu tun ist.

Aber tun wir es?

Seit Wochen  lebt Israel jetzt in Panik. Aus Mangel eines besseren Namens wird sie die „Terrorwelle“ genannt.  Jeden Tag greifen zwei, drei, vier Jugendliche  -einschließlich 13-Jährige – Israelis mit Messern an oder überfahren sie mit Wagen und werden gewöhnlich auf der Stelle erschossen. Unsere renommierte Armee versucht alles, einschließlich drakonischen  Vergeltungsschlägen gegen die Familien  und kollektive Strafen gegen Dörfer  – ohne Nutzen.

Dies sind individuelle Akte, oft ganz spontan und deshalb ist es nahezu unmöglich, sie zu verhindern. Es ist kein militärisches Problem, das Problem ist politisch und psychologisch.

Netanjahu versucht  wie Hollande & Co auf dieser Welle zu reiten. Er zitiert den Holocaust  und redet endlos über Antisemitismus.

Alles, um die eklatante Tatsache zu tilgen: die Besatzung mit ihren täglichen , in der Tat  stündlichen und minütlichen Schikane der palästinensischen Bevölkerung. Einige Regierungsminister verbergen nicht einmal, dass es ihr Ziel ist, die Westbank zu annektieren und irgendwann das palästinensische Volk aus ihrer Heimat ganz zu vertreiben.

Es gibt keine direkte Verbindung zwischen dem IS-Terrorismus in aller Welt und dem palästinensischen nationalen Kampf um einen Staat. Aber wenn dies nicht gelöst wird, werden sich die Probleme vermischen – und eine viel mächtigere IS wird  die moslemische Welt vereinigen, so wie es Saladin einst tat, um  uns – den neuen Kreuzfahrern –  gegenüber zu treten.

Wenn ich gläubig wäre, würde ich flüstern: Gott bewahre.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser ….

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Die Katzen von Ariel

Erstellt von Gast-Autor am 29. November 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery

JEDES MAL, wenn man denkt, dies ist die Grenze, taucht wieder etwas auf, und die Grenze verschiebt sich.

Man könnte gedacht haben, dass die Hitler-Mufti-Geschichte die absolute Grenze des Wahnsinns wäre. Aber nun kommt Uri Ariel und beweist, dies ist falsch. Ariels Katzen sind noch schlimmer als Netanjahus Mufti.

Ariel ist ein Kabinett-Minister. Ein Minister für wen? Fast keiner weiß das genau. Bis jetzt. Jetzt kommt heraus, dass er der Minister für Landwirtschaft ist.

Als solcher ist er auch Minister für Katzen. Ja, ja – ich mache keinen Scherz. Selbst in Israel sind Katzen keine landwirtschaftlichen Tiere. Sie ziehen keinen Pflug und legen keine Eier. Sie werden nur kastriert.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Israel ist voller Katzen. Die Leute lieben sie. Aber je mehr sie sich vermehren, um so weniger haben sie zu fressen. Also hat vor einiger Zeit die Regierung sich darum bemüht, besitzerlose Katzen zu fangen und sie zu kastrieren, um die Katzen-Population zu dezimieren und ihnen ein dezentes Katzenleben zu ermöglichen.

Wer zahlt dafür? Der Minister für Landwirtschaft, natürlich. Wer sonst?

(Warum? Keiner weiß es. Da muss es einen geheimen Grund geben.)

Kommen wir zu Ariel. Er ist ein Politiker vom extremsten rechten Flügel. In andern Ländern könnte er ein Faschist genannt werden, aber in Israel lieben wir das F-Wort nicht.

Er wurde in einem religiösen Kibbuz geboren – von denen es einige gibt – schloss sich einer Siedlung an und wurde ein Führer in der Siedlerbewegung. Als Rehavam Zeevi, mit Spitznamen Gandhi, der Schutzheilige der äußersten Rechten, ermordet wurde, übernahm Ariel seinen Sitz in der Knesset. Mit seinen fanatischen Nachfolgern errichtete Ariel eine extreme Partei, schloss sich einer anderen super-rechten Partei an, trennte sich von ihr, schloss sich einer andern rechten Partei an. Gegenwärtig gehört er einer Unterpartei der „Jüdisches Heim-Partei“ an und ist Minister, s. oben.

Ariel ist eine ernste Person. Ich hab ihn niemals lächeln gesehen. Tatsächlich habe ich den Verdacht, dass seine Oberlippe gelähmt ist. Er ist keiner der alltäglichen männlichen und weiblichen Demagogen, mit denen die gegenwärtige Regierung voll ausgelastet ist. Er ist wirklich ernst.

Im letzten Jahr war er der Minister für Hausbau, ein außerordentlich passender Job, da seine Hauptfunktion ist, die Siedler mit Wohnungen zu versehen. Aber nach der letzten Wahl wurde er nur Landwirtschaftsminister, und das schien nicht sehr angemessen zu sein.

Siedler sitzen auf einer Menge arabischem landwirtschaftlich ausgenütztem Land, aber sie machen wirklich keine Landwirtschaft. Ihre Haupt-Aktivität in der Landwirtschaft scheint das Herausreißen der benachbarten arabischen Olivenbäume zu sein.

Bis jetzt.

 

JETZT KOMMT GOTT dazu. Gott schuf alles Lebendige und sagte ihnen: „Mehret euch!“ Es ist das erste von Gottes unzähligen Geboten. Deshalb ist das Kastrieren streng verboten.

Als neuer Minister für Landwirtschaft entdeckte Ariel zu seinem Schrecken, dass sein Ministerium das Geld bekam, um die Katzen zu kastrieren. Schrecklich. Eine schändliche Sünde in den Augen Gottes!

Also verordnete der Minister, mit dieser gottlosen Praxis sofort aufzuhören. Aber was sollte man mit den Katzen tun? Ariel dachte sehr nach und kam auf sein Lieblingswort: Transfer.

Wenn israelische Faschisten dieses Wort benützen, meinen sie gewöhnlich den Transfer von Arabern. Ariels einander folgende verschiedene Parteien sprechen alle über „Transfer“ (und benützen auch im Hebräischen das englische Wort) – Transfer von der Westbank, Transfer aus dem Gazastreifen, Transfer aus Ost-Jerusalem, Transfer auch vom eigentlichen Israel. Während er also intensiv über die Katzen nachdenkt, fand er offensichtlich die Lösung: warum sie nicht auch transferieren?

Reines Genie. Aber wohin? Der Minister konnte sich natürlich nicht mit solchen Kleinigkeiten abgeben. Irgendwohin transferieren. In ein afrikanisches Land. Mozambik, Zimbabwe? Viele afrikanische Länder würden sie für viel (natürlich von den US geliefertes) Geld nehmen. Sie sind nicht jüdisch, sie könnten sie kastrieren und zur eigenen Zufriedenheit töten.

DOCH WIE Netanjahu und sein Mufti, so weckte Ariel und seine Katzen einen Sturm aus. Israel ist voller Tierliebhaber und -Kämpfer für Tiere … Sie erhoben sich wie einer, um gegen diesen neuen Holocaust zu protestieren.

Ariel musste einen Rückzieher machen. Kein Transfer. Was also mit den Katzen tun? Das weiß im Augenblick keiner.

(Ehrlich gesagt: ich bin auch ein Tierliebhaber, ich liebe besonders Katzen. Ich brachte einmal eine kleine Katze nach Hause und nach kurzer Zeit hatte meine drei-Zimmerwohnung 13 Katzen – abgesehen von ihren beiden Untermietern, meiner Frau und mir. Jetzt habe ich keine; aber die Katzen auf meiner Straße bekommen immer etwas von meinen Mahlzeiten) .

DAS LAND ist jetzt voller Witze – aber es ist keine witzige Angelegenheit. Die Regierung der äußersten Rechten ist von einer wahrhaftigen Mani besessen, die jede Woche neue Höhen erreicht.

Koalitionsmitglieder – Minister und nur einfache MKs wetteifern miteinander, um Gesetzentwürfe vorzulegen, lächerliche, scheußliche oder beides. Das ist ein wirklicher Veits-Tanz der Regierungsgesetzesgeber.

In dieser Woche erließ die Knesset ein Gesetz, das Richter zwingt, Steine-Werfer, einschließlich 13jähriger Kinder, eine Minimum-Gefängnisstrafe – den Umständen entsprechend -von zwei bis vier Jahren zu geben, In Israel sind Kinder unter 14 noch nicht kriminell aber ein Lösung wurde dafür gefunden: Die Regierungsanwälte ziehen ihre Gerichtsfälle so weit hinaus, bis der/ die Angeklagte den 14. Geburtstag erreicht hat.

Die Eltern der so verurteilten Kinder verlieren für diese Zeit jede soziale Versicherung und sind auch haftbar für ein Strafgeld von 10 000 Schekel (2500 US$)

Ein andrer neuer Gesetzentwurf schreibt vor, dass es Friedens- und Menschenrechts-Aktivisten nicht erlaubt sei, das Knesset-Gebäude ohne ein Sonderabzeichen zu betreten. Dies gilt nur für Mitglieder von Vereinigungen, die von ausländischen Regierungen Geld erhalten.

Viele Israelis werden an Nazibefehle erinnert, Juden mußten immer einen gelben Davidstern tragen. Einige schlugen sogar vor, dass das Abzeichen gelb sein solle und in der Form eines sechseckigen Sterns.

Dieselben Verbindungen (einschließlich der bekannten wie B’tselem, die sogar von der Armee respektiert wird) müssen auch ihre ausländischen Geldquellen auf jeder Korrespondenz angeben.

Der Trick hinter diesem Vorschlag ist, dass Verbindungen vom rechten Flügel die finanzielle Hilfe vom Ausland nicht nötig haben, weil sie in Geld schwimmen, das von ausländischen Juden geliefert wird. Sheldon Adelson z.B. ist reicher als viele Regierungen, und er ist nur einer von den Multi-Multi Milliardären, der Netanjahu und die Likud-Partei offen finanziert.

Die EU und einige individuelle europäische Regierungen unterstützen einige Friedens- und Menschenrechtsgruppen (Gush Shalom leider nicht). sehr zum Ärger von Likud-Mitgliedern. Deshalb die neue Idee.

Noch ein neuer Gesetzentwurf wird das Gesetz gegen Aufwiegelung verändern. Bis jetzt musste man( d.h. Araber), um irgendjemand anzuklagen beweisen, dass es eine direkte und unmittelbare Gefahr gibt, dass seine oder ihre Worte zu terroristischen Aktionen führen. Nicht mehr. Seitdem alle Araber sagen und schreiben, dass sie gegen die Besatzung sind, kann praktisch jeder unter dieses Gesetz fallen.

Dann gibt es noch das „Nation-Gesetz“. Es besagt, dass Israel der Nationalstaat des jüdischen Volkes“ ist. Dies ist natürlich ziemlich blöde: ein Volk und eine Nation sind zwei sehr verschiedene Begriffe.

Nach der bestehenden rechtlichen Formel ist Israel „ein jüdischer und demokratischer Staat“. Beide Begriffe sind hier gleich. Der neue Gesetzentwurf sagt in seiner ursprünglichen Version, wenn ein Widerspruch zwischen dem „jüdischen“ und dem „demokratischen“ Charakter des Staates besteht, dann müsse der „demokratische“ dem „jüdischen“ nachgeben. In einfachen Worten: Israel hört auf, demokratisch zu sein.

Es gab daraufhin einen öffentlichen Aufschrei und diese Worte hat man fallen lassen. Aber genau so diskriminiert der Gesetzentwurf die 20 % von Israels Bürgern, die Araber sind, und weitere 5 %, die aus religiösen Gründen nicht als Juden anerkannt werden.

Dann ist da noch Ayelet Shaked, die Justizministerin, die die Hauptfeindin des Obersten Gerichtes ist. Dieses ehrenhafte Institut ist die Hauptstütze der Besatzung, aber in individuellen Fällen blockiert es manchmal die Regierung. Die Ministerin, die sich auf ihr gutes Ansehen verlässt , sagt und tut die scheußlichsten Dinge. Sie fand für dieses Ärgernis eine Medizin: ein paralleles Gericht zu schaffen.

Dieses Gericht, das Gericht der Nationalen Sicherheit, würde für alle Fälle zuständig sein, bei denen die Regierung nicht erwarten kann, dass das Oberste Gericht in ihrem Sinn urteilt. Solche Gerichte bestehen schon in vielen totalitären Ländern.

DER EIFER der Minister erinnert mich an einen Witz, der in unsrer Armee umlief.

Es gibt vier Arten von Offizieren: (1) der intelligente und fleißige, (2) der intelligente und faule, (3) der dumme und faule,(4) der dumme und fleißige.

Sie werden im Folgenden nach dieser Ordnung bewertet: Der Intelligente und fleißige sind die besten: sie tun viel und alles, was sie tun, ist gut. Dann kommt der Intelligente und faule; sie tun wenig, aber was sie tun, ist gut. Dann kommt der dumme und faule: alles, was sie tun, ist schlecht, aber Gott sei Dank, machen sie wenig. Die 4. Kategorie ist die schlimmste: Sie tun eine Menge, aber alles, was sie tun, ist katastrophal.

ALL DIES geschieht in einem Land, das noch immer als die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ bekannt ist. Man kann sich nur fragen, wie lange dieser Ruf von der zivilisierten Welt anerkannt wird.

Vor kurzem sagte Netanjahu etwas, das die Welt hätte schockieren können, wenn die Welt zugehört hätte. Aber Netanjahu hat so viel Dinge gesagt, dass sogar viele Israelis aufgehört haben, ihm zuzuhören.

Eines der bekanntesten Sätze in der Bibel ist eine Frage, die Avner an Yoav richtet. Avner war König Sauls Armeechef. Yoav war der Kommandeur unter David. Nach einem langen Bürgerkrieg, der von David gewonnen wurde, wandte sich Avner (nachdem ich mich selbst genannt habe) an Yoav und fragte: „Soll das Schwert (uns) auf immer verschlingen? Weißt du nicht, dass daraus am Ende nur Jammer kommen wird? (2. Samuel 2,26.) Yoav hörte nicht auf ihn und am Ende tötete er Avner.

Im alten Hebräisch liest sich der Text buchstäblich: „Willst du immer das Schwert essen?“

In dieser Woche beantwortete Netanjahu die alte Frage. Er sagte dem israelischen Volk: „Wir werden immer das Schwert essen!“

In die heutige Sprache umgesetzt: „Ja, wir werden immer mit dem Schwert leben. Es wird nie Frieden sein.

Es ist nicht so, dass Netanjahu den Krieg liebt. Er weiß nur, dass, um Frieden zu erreichen, wir die besetzten Gebiete zurückgeben müssen. Weder er noch die Leute um ihn sind bereit, dies zu tun.

Das ist das ganze Problem auf den Punkt gebracht.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Adolf, Amin und Bibi

Erstellt von Gast-Autor am 22. November 2015

Adolf, Amin und Bibi

Autor Uri Avnery

ES IST nicht sehr erfreulich, wenn ernste Leute in aller Welt – Historiker, Psychiater, Diplomaten – sich fragen, ob mein Ministerpräsident seine Sinne psychisch noch bei einander hat.

Doch dies geschieht jetzt. Und nicht nur im Ausland. Immer mehr Leute in Israel stellen sich dieselbe Frage.

All dies wurde durch einen Vorfall ausgelöst. Aber die Leute schauen jetzt viele andere Ereignisse der Vergangenheit und Gegenwart in einem neuen Licht.

Bis jetzt wurden viele seltsame Handlungen und Äußerungen von Benjamin Netanjahu als Manipulationen eines schlauen Politikers, eines talentierten Demagogen angesehen, der die Seele seiner Wähler kennt und sie mit entsprechend reichlich Lügen versorgt.

Nicht mehr. Ein beunruhigender Verdacht geht um: dass unser Ministerpräsident ernsthafte psychische Probleme hat.

ALLES BEGANN vor zwei Wochen, als Netanjahu vor einer weltweiten zionistischen Versammlung eine Rede hielt. Was er sagte, war schockierend.

Adolf Hitler – so sprach er hochtrabend – wollte die Juden nicht wirklich auslöschen. Er wollte sie nur vertreiben. Aber dann traf er den Mufti aus Jerusalem, der ihn davon überzeugte, die Juden zu „verbrennen“. So wäre der Holocaust geboren worden.

Die Schlussfolgerung? Hitler war schließlich gar nicht so böse. Den Deutschen sollte nicht die Schuld gegeben werden. die Palästinenser waren die Urheber des Mordes an sechs Millionen Juden.

Falls das Subjekt ein anderes gewesen wäre, könnte diese Rede als eine der üblichen Lügen und Verfälschungen, die für Netanjahu typisch sind, angesehen werden. Hitler war wirklich nicht so schlecht, die Palästinenser müssen angeklagt werden, der Mufti war der Vorläufer von Mahmoud Abbas. Nur ein Stück Routine politischer Propaganda.

Aber dies betrifft den Holocaust, das schrecklichste Verbrechen der modernen Zeit und bei weitem das bedeutendste Ereignis in der modernen jüdischen Geschichte. Dieses Ereignis hat direkten Einfluss auf das Leben der Hälfte der jüdischen Bevölkerung Israels (einschließlich meiner selbst), die ihre Verwandten im Holocaust verloren haben oder selbst Überlebende sind.

Diese Rede war nicht nur eine kleine politische Manipulation, eine von denen, an die wir uns gewöhnten, seitdem Netanjahu Ministerpräsident wurde. Dies war etwas Neues, etwas Entsetzliches.

UM DIE ganze Welt ging ein Aufschrei. Es gibt viele Tausende von Experten über den Holocaust. Unzählige Bücher wurden über Nazi-Deutschland geschrieben (eines auch von mir). Jedes einzelne Detail ist immer wieder untersucht worden.

Holocaustüberlebende waren geschockt, weil Netanjahu Hitler und den Deutschen im Allgemeinen auch von der Hauptanklage für das entsetzliche Verbrechen vergeben wollte. Hitler war also nicht so schlecht. Er wollte die Juden nur vertreiben, nicht töten. Es waren die bösen Araber, die ihn verleiteten, die Scheußlichkeiten der Scheußlichkeiten auszuführen.

Angela Merkel verhielt sich anständig und veröffentlichte sofort ein Dementi und unterstellte die totale Anklage dem deutschen Volk. Tausende von wütenden Artikeln erschienen in aller Welt, viele Hunderte von ihnen in Israel.

Diese besondere Äußerung Netanjahus war nicht nur dumm, nicht nur ignorant. Es grenzt an psychische Erkrankung.

EIN MUFTI ist ein religiöser Wissenschaftler, die Autorität von höchstem Rang in einer islamischen Gesellschaft, weit über einem Richter. Ein Großmufti ist die höchste lokale religiöse Behörde. Im Islam gibt es keinen Papst.

Der Großmufti in dieser Geschichte ist Hajj Amin al-Husseini, der von den britischen Behörden in Palästina für das Amt des Großmufti von Jerusalem gewählt wurde. Wie sich herausstellte, war dies ein großer Fehler.

Der Mann, der den Fehler machte, war ein Jude – Herbert Samuel, der erste Hohe Kommissar des britischen Mandatsgebietes von Palästina nach dem 1. Weltkrieg. Der junge Hajj Amin war schon als Hitzkopf bekannt, und Samuel folgte der wohl eingerichteten kolonialen Praxis Feinde für hohe Ämter zu ernennen, um sie unten zu halten.

Die Husseini-Familie ist die führende Großfamilie in Jerusalem. Sie hat etwa 5000 Mitglieder und ein ganzes Stadtteil. Sie ist eine der drei oder vier angesehendsten Familien und seit vielen Generationen ist ein Husseini der Mufti gewesen, der Bürgermeister oder eine andere führende Persönlichkeit im arabischen Jerusalem.

Hajj Amin (Hajj ist die Anrede eine Muslim, der seine Pflichtpilgerreise nach Mekka gemacht hat.) war von Anfang an ein Unruhestifter. Er sah für die arabische Gemeinde in Palästina früh die Gefahr der zionistischen Einwanderung in Palästina und mehrere Male hetzte er zu anti-britischen und antijüdischen Aufständen. Diese kam zu einem Höhepunkt in der Großen Revolte von 1936 – die von den Juden „Die Ereignisse“ genannt wurden – die das Land drei Jahre lang unter Schock hielt. Bis zum 2. Weltkrieg.

Während „der Ereignisse“ wurden viele Juden und viele Briten getötet, aber die meisten Opfer waren Araber. Der Mufti (wie ihn jeder nannte) nützte die Gelegenheit, dass alle seine Rivalen und Konkurrenten getötet wurden. Für die Juden in Palästina wurde er zu einem Symbol des Bösen, das Objekt intensivsten Hasses.

Inzwischen hatten auch die Briten genug von ihm gehabt. Sie jagten den Mufti aus dem Land. Er ging in den Libanon, aber als dies Land im 2. Weltkrieg von den Briten besetzt wurde, um die Truppen vom französischen Vichy-Regime zu vertreiben, floh der Mufti in den Irak, das in den Händen von anti-britischen und pro-Nazi-Rebellen war. Als die Briten den Irak zurück eroberten, floh der Mufti nach Italien, das die faschistischen Bemühungen leitete und sich bemühte, die Araber zu gewinnen. Der Mufti, dessen Hauptfeinde die Briten waren, handelte nach der Theorie, dass der Feind meines Feindes mein Freund ist. (Zur selben Zeit handelte ein Führer des jüdischen Untergrundes in Palästina, Abraham Stern, nach derselben Theorie, suchte also Kontakt mit den Italienern und den Deutschen.)

Es scheint, dass die Italiener nicht so begeistert waren, Hajj Amin bei sich zu haben, so zog der Mufti weiter ins Nazi-Deutschland. Zur selben Zeit versuchte die SS muslimische Freiwillige für den Krieg gegen Russland zu gewinnen und irgendjemand hatte die glänzende Idee, dass ein Foto vom Großmufti mit Hitler hier sinnvoll wäre.

Hitler liebte diese Idee gar nicht. Er war völlig überzeugt von der Rassentheorie – und die Araber sind Semiten – eine minderwertige und widerwertige Rasse, genau wie die Juden. Aber am Ende wurde er überredet, diesen arabischen Flüchtling zu einer „Foto-Gelegenheit“ zu empfangen. Ein Bild wurde gemacht – das einzige Foto des einzigen Treffens dieser beiden Personen. (Es gab auch Fotos des Mufti mit muslimisch-bosnischen SS-Freiwilligen.)

Das Treffen war kurz, ein oberflächliches Protokoll wurde gemacht – die Juden erschienen nicht darin. Die ganze Episode war unbedeutend. Bis Netanjahu.

Es ist lächerlich, den Mufti als den Vater der palästinensischen Nation zu krönen. Bei all meinen hunderten Begegnungen mit Palästinensern, ab Arafat, hatte ich nie ein gutes Wort über Hajj Amin gehört, nicht einmal von dem wunderbaren Faisal al-Husseini, einem entfernten Verwandten. Sie beschrieben ihn einstimmig als einen realen palästinensischen Patrioten, aber eine Person mit begrenzter Bildung und engstirniger Auffassung, der einen Teil der Schuld für das Desaster trägt, das das palästinensische Volk 1948 befallen hat. Das Blutbad, das er unter den Palästinensern in der Rebellion von 1936-39 ausgeführt hat, schwächte die Palästinenser so sehr, dass, als der entscheidende Test kam – die 1947er Teilung von Palästina und der Krieg von 1948 – die palästinensische Nation keine effektive Führung mehr hatte.

Die Idee, dass der mächtige Führer (AH) den Rat von einem geflüchteten Semiten benötigt, um sich für den Holocaust zu entscheiden, ist nicht nur lächerlich, es ist sogar verrückt.

Auch die Daten stimmen nicht überein. Das Fototreffen fand Ende 1941 statt. Die Vernichtung begann unmittelbar nach der Eroberung von Polen 1939 und nahm seine monströse Dimension mit der Nazi- Invasion der Sowjet Union Mitte 1941 an. Sie gelangte zu ihrer industriellen Endlösung, als Heinrich Himmler, der Chef der SS entschied, dass „ man von einem anständigen deutschen Soldaten nicht verlangen könne, „ all diesen jüdischen Abschaum zu erschießen“. Der Mufti hatte absolut nichts damit zu tun – allein die Idee ist krankhaft.

Bis 1939 förderte Hitler tatsächlich die Vertreibung der Juden, weil eine physische Vernichtung in einem friedlichen Europa undenkbar war. Aber nachdem der Krieg ausgebrochen war, sah er auf einmal die Gelegenheit der Massenvernichtung – und sagte dies ganz offen.

WIE KAM es, dass der Sohn eines „renommierten Historikers“ solch verrückte Dinge sagte? (Diese Bezeichnung von Ben Zion Netanjahu ist jetzt in den israelischen Medien gang und gäbe, obwohl ich niemals jemanden traf, der sein Werk über die spanische Inquisition gelesen hatte. Vielleicht hörte er dies von irgendeinem Spinner der von Sheldon Adelson Geld bekam – aber die Tatsache, dass er dies nicht direkt zurückwies, zeigt nicht nur, dass er ein vollkommener Ignoramus über das bedeutendste Kapitel der modernen jüdischen Geschichte ist, sondern auch, dass er einige psychische Probleme hat.

In diesem Licht sehen viele seiner Entscheidungen jetzt anders aus, einschließlich der Entscheidung dieser Woche: Maßnahmen zu ergreifen, um den „Einwohner“ Status von zehn-Tausenden arabischer Jerusalemiten zu nehmen. Als Ost-Jerusalem 1967 von Israel annektiert wurde, wurde den Einwohnern nicht das israelische Bürgerrecht gewährt, nur reduzierte Einwohnerrechte, die das Stimmrecht für die Knesset verweigerte. Ihnen wurde gnädiger Weise das individuelle Recht gegeben, die Bürgerschaft zu beantragen, aber natürlich hat kaum einer davon Gebrauch gemacht, weil dies die Anerkennung der Annexion bedeutet hätte.

Jetzt bin ich besorgt. Wenn wir tatsächlich von einem Mann mit psychischen Problemen regiert werden – wohin wird er uns jetzt führen?

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

DER MUFI – (Fortsetzung)

EINIGE MEINER  Freunde beklagten sich, dass mein letzter Artikel – wie Churchill wohl gesagt haben mag – eine terminologische Ungenauigkeit enthielt.

Ich schrieb, dass die Juden bei dem Hitler-Husseini-Treffen nicht erwähnt  wurden. Das ist eine große Übertreibung. Jeder, der etwas über Hitler weiß, weiß auch, dass der Führer keine drei Sätze äußern konnte, ohne die Juden zu erwähnen. (Auch dies eine große Übertreibung.)

Die englische Version des offiziellen Protokolls  besteht aus  etwa 2250 Wörtern. Die Juden werden 12 Mal erwähnt – dreimal von Hajj Amin und neunmal von Hitler. Hitler benützte all seine Standardausdrücke, der Mufti benützte  offensichtliche Schöntuerei. Keiner sagte etwas Neues. Hitler wies  höflich alle Forderungen des Mufti zurück.

Nach Hitlerbeherrschten die Juden Britannien und die Sowjet Union. (Die US war noch nicht  im Krieg.)  Falls Italien und Japan auf der andern Seite gewesen wäre, würde Hitler sie der Liste hinzugefügt haben.

In der Zeit – im November 1941. . war die Vernichtung durch die Einsatzkommandos schon in vollem Schwung. Offenbar wusste der Mufti nichts darüber, noch sagte ihm Hitler etwas davon. Es war das Staatsgeheimnis Nr.1.

Das Protokoll  ist seit langer Zeit bekannt gewesen. Falls Netanjahus absurde  Behauptungen wahr gewesen wären, würde  uns  und die Welt unsere super-wirksame  Propagandamaschine  unsere Welt und  jeden einzelnen Tag daran erinnert haben.

Über die Beachtung der Nazis für den Mufti: Hajj Amin blieb weitere vier Jahre  bis zum Kriegsende in Deutschland. Fast nichts ist über seinen Aufenthalt dort bekannt. Hitler hat ihn nie wieder empfangen. Das sagt aus, wie wichtig er war.

Übrigens war Netanjahu in dieser Woche dazu gezwungen, so etwas wie ein Dementi auszudrücken – so wie es Netanjahu  tut. Er sagt, Hitler wäre für den Holocaust verantwortlich.

( dt. E. Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

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Das Preußen der Siedler

Erstellt von Gast-Autor am 1. November 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

DIE ISRAELISCHE DEMOKRATIE  rutscht abwärts, schliddert langsam, behaglich, aber unverkennbar.

Wohin schliddert sie? Jeder weiß es: in eine ultra-nationalistische, rassistische, jüdisch-orthodoxe Gesellschaft.

Wer führt uns auf diesen Weg?

Die Regierung natürlich. Diese Gruppe von lärmenden Niemanden, die bei den letzten Wahlen an die  Macht kamen, angeführt von Benjamin Netanjahu.

Nicht wirklich. Nehmt all diese großmäuligen kleinen Demagogen, die Minister von diesem oder jenen (Ich kann mich nicht erinnern, wer vermutlich der Minister von was ist)  und sperrt sie ein, da wird sich nichts ändern. In 10 Jahren wird sich keiner mehr an die Namen von ihnen erinnern.

Wenn die Regierung nicht führt, wer tut es dann? Vielleicht der rechte Mob? Die Leute, die wir im TV sehen – mit Hass verzerrten Gesichtern, die beim Fußball-Spielen schreien bis sie heiser sind „Tod den Arabern“  oder die nach jedem Vorfall in den jüdisch-arabischen Städten demonstrieren: „ Alle Araber sind Terroristen! Tötet sie alle.“

Dieser Mob kann dieselben Demonstrationen morgen gegen andere führen: gegen Schwule, Lesben, Richter, Feministen, gegen wen auch immer. Es ist nicht konsequent. Er kann kein neues System aufbauen.

Aber es gibt eine Gruppe im Land, die stark genug ist, genügend  zusammenhält, entschieden genug, den Staat zu übernehmen: die Siedler.

IN DER Mitte des letzten Jahrhunderts schrieb ein überragender Historiker, Arnold Toynbee , ein monumentales Werk. Seine zentrale These  war, dass Zivilisationen wie menschliche Wesen sind: Sie werden geboren, wachsen, werden erwachsen, altern und sterben. Dies war wirklich nicht ganz neu – der deutsche Historiker Oswald Spengler schrieb vor ihm etwas Ähnliches  („Den Untergang des Abendlandes“). Aber Toynbee , ein Brite, war weniger metaphysisch als sein deutscher Vorgänger und versuchte, praktische Schlussfolgerungen zu ziehen.

Unter Toynbees vielen Innenansichten, gab es eine, die uns jetzt interessieren sollte. Es geht um den Prozess, bei dem Grenzdistrikte die Macht und den Staat übernehmen.

Nehmen wir das Beispiel aus der deutschen Geschichte. Die deutsche Zivilisation wuchs im Süden und reifte im Süden – in der Nähe von Frankreich und Österreich. Eine reiche und kultivierte Oberklasse verbreitete sich im ganzen Land und in den Städten. Die patrizische Bürgerschicht förderte die Schriftsteller und Komponisten. Die Deutschen sahen sich selbst als „Ein Volk der Dichter und Denker“.

Aber im Laufe der Jahrhunderte suchten die Jungen und Energischen aus der reichen Schicht, besonders die zweiten Söhne, die nichts erbten, für sich selbst eine neue Domäne. Sie gingen an die Ostgrenze, eroberten neues Land von den slawischen Bewohnern und holten dort neue Ländereien für sich selbst.

Das östliche Land wurde Mark Brandenburg genannt. „Mark“  bedeutet Grenzland. Eine Reihe fähiger Fürsten vergrößerten den Staat, bis Brandenburg eine führende Macht wurde. Damit noch nicht zufrieden, heiratete einer der Fürsten eine Frau, die als Mitgift ein kleines  östliches  Königreich, Preußen genannt, mitbrachte. So wurde der Fürst ein König. Brandenburg vereinigte sich mit Preußen und vergrößerte sich durch Kriege und Diplomatie, bis Preußen halb Deutschland beherrschte.

Der preußische Staat, in der Mitte Europas gelegen, umgeben von starken Nachbarn, hatte keine natürlichen Grenzen – weder weite Meere noch hohe Gebirge oder breite Flüsse. Es war nur ein flaches Land. Also schufen die preußischen Könige eine künstliche Grenze: eine mächtige Armee. Graf Mirabeau, der französische Staatsmann sagte bekannterweise: „Andere Staaten haben Armeen. In Preußen hat die Armee einen Staat.“ Die Preußen prägten selbst den Satz: „Der Soldat ist der erste Mann im Staat.“

Es ist nicht wie in andern Ländern, in Preußen wurde das Wort „Staat“  fast als heiliges Wort vorausgesetzt. Theodor Herzl,  der Gründer des Zionismus und ein großer Bewunderer von Preußen, adoptierte dieses Ideal und nannte seine zukünftige Schöpfung:„Der Judenstaat“

TOYNBEE, DER sich nicht mit Metaphysik abgab, fand den irdischen Grund für dieses Phänomen zivilisierter Staaten, die von weniger zivilisierten Staaten übernommen wurden, weil das Grenzvolk härter ist.

Die Preußen mussten kämpfen: Land erobern, ein Teil seiner Bevölkerung vernichten, neue Dörfer  und Städte schaffen, Gegenangriffen widerstehen, nachtragenden Nachbarn, Schweden, Polen und Russen widerstehen. Sie mussten hart sein.

Zur selben Zeit führte das Volk im Inneren  ein viel leichteres Leben. Die Bürger von Frankfurt, Hamburg, München und Nürnberg  hatten ein leichteres Leben, verdienten Geld, lasen ihre großen Dichter und hörten ihre großen Komponisten. Sie konnten die primitiven Preußen mit Verachtung behandeln. Bis sie sich selbst 1871 in einem neuen germanischen Reich  wiederfanden, das von den Preußen beherrscht wurde  – von einem preußischen Kaiser.

Diese Art von Prozess ist während der Geschichte in vielen Ländern geschehen. Die Peripherie wird zum Zentrum.

In alten Zeiten – in der Antike – wurde das griechische Reich nicht von zivilisierten  Bürgern einer griechischen Stadt, wie Athen, geschaffen, sondern von einem Führer aus dem mazedonischen Reich, von Alexander dem Großen. Später wurde das mediterrane Reich nicht von einer zivilisierten griechischen Stadt geschaffen, sondern von einer peripheren italienischen Stadt, Rom genannt.

Ein kleines deutsches Grenzland im Südosten wurde das riesige multinationale Reich, Österreich genannt,  bis es von den Nazis besetzt wurde und  Ostmark genannt wurde  – östliche Grenze.

Es gibt eine Fülle von Beispielen..

DIE JÜDISCHE GESCHICHTE, die reale und die eingebildete, hat ihre eigenen Beispiele.

Wenn ein Steine werfender Junge aus der südlichen Gegend mit Namen David, König von Israel  wurde, setzte er seine Hauptstadt aus der alten Stadt Hebron an einen neuen Ort, den er gerade erobert hat, Jerusalem. Dort war er weit weg von all den Städten, in denen sich eine neue Aristokratie eingerichtet hat und gedieh.

Viel später, in römischen Zeiten, kamen die Kämpfer des Grenzlands Galiläa nach Jerusalem, inzwischen eine zivilisierte Patrizier Stadt,  und zwangen die friedlichen Bürger einen verrückten Krieg  gegen die  unendlich weit überlegeneren Römer anzufangen. Vergeblich versuchte der jüdische König Agrippa, Nachfolger von Herodes dem Großen, sie mit einer eindrucksvollen Rede zu stoppen, die Flavius Josephus  überlieferte. Das Grenzvolk gewann die Oberhand, Judäa revoltierte, der („Zweite“)  Tempel wurde zerstört und die Konsequenzen konnten bis in die letzte Woche auf dem Tempelberg (auf Arabisch: Haram al Sharif – der heilige Schrein) in Jerusalem bemerkt werden, wo arabische Jungs, Nachahmer von David, auf die jüdischen Imitatoren von Goliath Steine warfen.

Im heutigen Israel  macht man einen klaren Unterschied- einen Zwiespalt zwischen den wohlhabenden reichen Städten, wie Tel Aviv und der viel ärmeren „Peripherie“, deren Bewohner meistens  die Nachkommen von Immigranten aus armen und zurückgebliebenen, orientalischen Ländern sind.

Es war nicht immer so. Vor der Gründung des Staates Israel, wurde die jüdische Gemeinde Palästinas (der „Yishuv“ genannt) von der Labor-Partei beherrscht, die von den Kibbuzim, den kommunalen Dörfern dominiert waren . Viele von ihnen lagen entlang der Grenze. (Man könnte sagen, dass sie tatsächlich die „Grenzen“ des Yishuv bildeten) Dort war eine neue Rasse harter Kämpfer geboren, während verwöhnte Stadtbewohner verachtet wurden.

Im neuen Staat sind die Kibbuzim ein Schatten ihrer selbst geworden und die zentralen Städte sind die Zentren der Zivilisation, beneidet und sogar von der Peripherie gehasst. Das war die Situation bis vor kurzem.  Es verändert sich rasend.

AM TAG nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 hob ein neues israelisches Phänomen seinen Kopf: Die Siedlungen in den neu besetzten palästinensischen Gebieten. Ihre Gründer waren  die „National-religiösen“ Jugendlichen.

Während der Tage des Yishuv wurden die religiösen Zionisten eher verachtet. Sie waren eine kleine Minderheit. Einerseits hatten sie nicht den revolutionären Schwung der säkularen, sozialistischen Kibbuzim gemieden. Andrerseits waren wirkliche orthodoxe Juden überhaupt   keine Zionisten und verurteilten das ganze zionistische Unternehmen als eine Sünde gegen Gott (War es nicht Gott, der  die Juden wegen ihrer Sünden ins Exil geschickt,  und unter die  Völkerverstreut hatte?

Aber nach der Eroberung von 1967  wurde die „national-religiöse Gruppe plötzlich eine bewegende Kraft. Die Eroberung des Tempelberges in Ost-Jerusalem und all die andern biblischen Orte, erfüllte sie mit religiösem Eifer. Statt eine marginale Minderheit zu bleiben, wurden sie eine mächtige  treibende Kraft.

Sie schufen die Siedlerbewegung und  bauten Dutzende von neuen Städten und Dörfern in der ganzen besetzten Westbank und Ost-Jerusalem. Mit der Hilfe von allen einander folgenden israelischen Regierungen, den Linken wie den Rechten wuchsen  und gediehen sie. Während das linke „Friedenslager“  allmählich verschwindet, breiteten sie ihre Flügel aus.

Die „national-religiöse“ Partei, einmal eine der moderatesten Kräfte in der israelischen Politik, verwandelte sich in die ultra-nationalistische, fast  faschistische „Jüdisches Heim“-Partei. Die Siedler wurden auch eine dominierende Kraft in der Likud-Partei. Sie kontrollieren nun die Regierung. Avigdor Lieberman, ein Siedler, führt eine noch rechtere Partei als  nominelle Opposition. Der Star des  „Zentrum“, Yair Lapid gründete seine Partei in der Ariel-Siedlung und redet jetzt wie ein extremer Rechter. Yitzhak Herzog, der Führer der Labor-Partei, versucht ihnen kraftlos nachzueifern.

Alle  verwenden jetzt die Siedlersprache. Sie sprechen nicht mehr von der Westbank, sondern von „Judäa und Samaria“.

Während ich Toynbee folgte, erklärte ich dieses Phänomen  durch das Problem, das durch das Leben an der Grenze  gestellt wird.

Selbst, wenn die Situation weniger gespannt ist, als sie es jetzt ist, trotzen die Siedler Gefahren. Sie sind von arabischen Dörfern und Städten  umgeben (Wobei sie sich selbst in ihre Mitte setzten) . Sie setzen sich geworfenen Steinen aus und sporadischen Angriffen auf den Schnell-Straßen, leben aber unter ständigem Armeschutz, während die Leute in den israelischen Städten ein bequemes Leben führen

Natürlich sind nicht alle Siedler Fanatiker. Viele von ihnen leben in einer Siedlung, weil ihnen die Regierung  die Wohnung dort fast umsonst gibt: eine Villa mit Garten, vom der sie im eigentlichen Israel nicht einmal zu träumen wagten. Viele von ihnen sind Regierungsangestellte mit gutem Gehalt. Viele lieben nur die Aussicht – all dieser malerischen muslimischen Minaretts.

Viele Fabriken haben das eigentliche Israel verlassen, verkauften ihr Land für  unglaubliche Summen und bekamen dafür  noch riesige Regierungszuschüsse, dass sie in die Westbank umzogen. Sie beschäftigen natürlich billige palästinensische Arbeiter aus den benachbarten Dörfern – frei von rechtlichen Minimum-Löhnen irgendwelcher Arbeits-Gesetze. Die Palästinenser schuften für sie, weil sie sonst keine Arbeit bekommen können.

Aber selbst diese  „bequemen“ Siedler wurden zu Extremisten, um zu überleben und ihre Häuser zu verteidigen, während sich  die Leute in Tel Aviv  an ihren Cafes und Theater amüsieren. Viele dieser Altein-gesessenen haben schon einen 2. Pass besorgt, einen deutschen, amerikanischen oder polnischen  – nur für den Fall. … Kein Wunder, dass die Siedler, den Staat übernehmen,

DER PROZESS ist schon weit voran geschritten. Der neue Polizeichef  ist ein Kippa tragender früherer Siedler. Auch der Chef vom Geheimdienst. Immer mehr Offiziere der Armee und Polizei sind Siedler. In der Regierung und in der Knesset üben die Siedler riesige Macht und Einfluss aus.

Vor etwa 18 Jahren als meine Freunde und ich als erste einen israelischen Boykott gegen die Produkte der Siedlungen ausriefen, sahen wir, was auf und zukommt.

Dies ist jetzt die wirkliche Schlacht um Israel.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Führer ohne Ruhm

Erstellt von Gast-Autor am 25. Oktober 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

ZUM ERSTEN Mal traf ich Anfang 1983 Mahmoud Abbas in Tunis.

Ich wusste, dass er für den israelischen Schreibtisch in der PLO verantwortlich  war- Said Hamami und Issam Sartawi, die PLO- Gesandten, mit denen ich seit 1974 in ständigem Kontakt gewesen war, sagten mir, dass er  der Beauftragte war. Aber er war nicht bei meinem ersten Treffen mit Yassser Arafat in Beirut während der Belagerung anwesend.

Ich kam mit General Matti Peled  und Yaakov Arnon, in einer offiziellen  Delegation des „Israel-Rates für israelisch-palästinensischen Frieden“ nach Tunis. Wir hatten diesen 1975 gegründet. Bevor wir Arafat selbst trafen, wurden wir darum gebeten, Abu Mazen (Wie Abbas genannt wird) zu treffen und unsere Ideen mit ihm zu diskutieren, um dem Führer einen abgestimmten, detaillierten Vorschlag zu unterbreiten. Dies war auch bei all den vielen Treffen, die folgten, die Prozedur.

Abu Mazen war ganz anders als Arafat. Arafat war auffällig, spontan, extrovertiert. Abu Mazen ist eher verschlossen, introvertiert, vorsichtig, pedantisch. Mein erster Eindruck war der eines Schulmeisters.

Nachdem Arafat ermordet worden war (wovon ich überzeugt bin), gab es zwei offensichtliche Kandidaten, ihm zu folgen. Mahmoud Abbas und Farouk Kaddoumi, beides Mitglieder der PLO-Gründungsgeneration. Kaddoumi war viel extremer; er glaubte nicht daran, dass Israel jemals Frieden machen würde und bewunderte das syrische Regime von Hafez al-Assad. Die PLO-Führung wählte Abbas,

ALS ABBAS  „die Macht“ übernahm   – fand er sich selbst in einer fast unmöglichen Situation.

Arafat hatte den Status einer Palästinensischen Behörde unter israelischer Besatzung als kalkuliertes Risiko akzeptiert.

Als erstes glaubte er Yitzhak Rabin, wie wir alle  (und wie ich ihm riet). Wir glaubten alle, dass Rabin auf dem richtigen Weg wäre, einen palästinensischen  Staat neben Israel  zu akzeptieren. Innerhalb von fünf Jahren würde der Staat Palästina ein Fakt werden. Keiner konnte weder den Mord an Rabin, noch die Feigheit von Shimon Peres und das Emporkommen von Benjamin Netanjahu voraussehen.

Schon davor hat sich Rabin dem Druck seines „Sicherheitschefs“ gebeugt und über wichtigen Teilen des Oslo Abkommens sein Versprechen gebrochen, wie z.B. die vier freien Passagen zwischen der Westbank und dem Gazastreifen.

Abu Mazen  kam in diese Situation – Rabin war tot, das Oslo-Abkommen  nur noch ein Schatten seiner selbst, die Besatzung und das Siedlungs-Unternehmen in vollem Schwung.

Es war eine fast hoffnungslose Aufgabe von Anfang an: eine zweifelhafte Autonomie unter Besatzung. Entsprechend dem Oslo-Deal, das höchstens fünf Jahre dauern sollte, war der größere Teil der Westbank („Zone C“) unter direkter  und voller israelischer Kontrolle und die israelische Armee war, in den beiden andern Gebieten („A“ und „B“) frei zu operieren. Ein zusätzlicher israelischer Rückzug, in Oslo geplant, kam nie zustande.

Die palästinensischen Wahlen, die unter diesen Umständen durchgeführt wurden, führten die Hamas zum Sieg, halfen bei dem Wettkampf unter den Fatah-Kandidaten nach . Als Israel und die US die Hamas daran hinderten, an die Macht zu kommen, nahm  die Hamas mit Gewalt den Gazastreifen.  Die israelische Führung war voller Freude: Der alte römische  Grundsatz divide et impera diente seinem Zweck gut.

Seit damals  haben alle israelischen Regierungen alles in ihrer Macht stehende getan, Abbas an  der „Macht“ zu halten, während man ihn als bloßen Untergeordneten  behandelte. Die palästinensische Behörde – zu Beginn als das Embryo des palästinensischen Staates  konzipiert –  war  jeder wirklichen Autorität beraubt.  Ariel Sharon pflegte über Abu Mazen von einem „gerupften Huhn“ zu reden.

UM DIE die extreme Gefahr von Abu Mazens Situation zu realisieren, muss man sich nur an den historischen Präzedenzfall von „Autonomie“ unter  der Besatzung des Vichy-Regime erinnern.

Im Sommer 1940, als die Deutschen Nordfrankreich  überrannten und Paris besetzten, ergaben sich die Franzosen. Frankreich wurde in zwei Teile geteilt: Der Norden mit Paris blieb unter direkter deutscher Besatzung, dem Süden war Autonomie gewährt. Ein ehrwürdiger Marschall, Henry Petain, ein Held des 1 Weltkrieges, wurde zum Führer der nicht besetzten Zone ernannt; ihre Hauptstadt  war der Kurort Vichy.

Ein einsamer französischer General ergab sich nicht. Charles de Gaulle floh mit einer kleinen Gruppe von Anhängern nach England, wo er über Radio versuchte, das französische Volk zum Widerstand zu bringen. Das Ergebnis war geringfügig.

Gegen alle Erwartungen setzten die Briten den Krieg fort („Allright, dann eben allein) und das deutsche Regime in Frankreich wurde unvermeidbar härter und härter.  Geiseln wurden exekutiert, Juden deportiert; Vichy wurde immer mehr ein  Beiwort für Kollaboration mit dem Feind. Langsam gewann der „Widerstand“  Boden. Am Ende fielen die Alliierten in Frankreich ein, die Deutschen besetzten das Gebiet von Vichy und wurden besiegt; De Gaulle kehrte als Sieger zurück. Petain wurde zum Tode verurteilt, aber dies wurde nicht ausgeführt.

Die Meinungen über Petain waren geteilt und sind es noch. Einerseits rettete er Paris vor der Zerstörung und rettete das französische Volk vor den Grausamkeiten der Nazis. Nach dem Krieg erholte sich Frankreich wieder schnell, während andere Länder in Ruinen blieben.

Andrerseits wird Petain von vielen als ein Verräter, ein früherer Held, angesehen, der mit dem Feind in Kriegszeiten kollaborierte und Widerstandskämpfer und Juden den Nazis auslieferte.

NATÜRLICH können verschiedene historische Situationen nicht verglichen werden. Israelis sind harsche Besatzer, aber sie sind keine Nazis. Abi Mazen ist gewiss kein zweiter Petain. Aber einige Vergleiche können doch gemacht werden.

Ein Weg, eine Politik zu beurteilen, ist, zu fragen: welches sind die Alternativen?

Es ist keine Übertreibung  zu sagen, dass alle Arten von palästinensischem Widerstand  versucht worden und wünschenswert gefunden sind und dass alle  gescheitert sind.

Am Anfang träumten einige Palästinenser von zivilem Ungehorsam im indischen Stil. Dies gelang überhaupt nicht. Palästinenser sind keine Inder und die Besatzungsarmee, die kein wirkliches Gegenmittel zu zivilem Ungehorsam hatte, begann einfach zu schießen, und zwang so die Palästinenser, Gewalt anzuwenden.

Gewalt blieb auch erfolglos. Die israelische Seite erfreut sich unendlicher militärischer Überlegenheit. Mit Hilfe der Informanten und der Folter werden palästinensische Untergrundzellen regelmäßig aufgedeckt, einschließlich der letzten in dieser Woche.

Viele Palästinenser hoffen auf internationale Intervention. Dies ist durch einander folgende  US-Regierungen verhindert worden, die alle den Forderungen des US-jüdischen  Establishments dienten. Sympathisanten der palästinensischen Sache, wie die internationale Boykottbewegung (BDS) sind viel zu schwach, um einen großen Unterschied zu machen

Die arabischen Länder sind gut dabei, Erklärungen zu machen und Pläne zu schmieden, aber unwillig, den Palästinensern in irgendeiner Weise zu helfen.

Was bleibt also?  Sehr wenig.

ABU MAZEN glaubt – oder gibt vor, –an„ internationalen Druck“ zu glauben. Viele israelische Friedensaktivisten – verzweifelt an ihrem eigenen Volk – sind zur selben Schlussfolgerung gekommen.

Mit einer Menge Geduld sammelt Abbas langsam Punkte bei der UN.  In dieser Woche wurde die palästinensische Flagge beim UN-Hauptquartier unter die Flaggen der Mitgliedsnationen gehisst. Dies hat nationalen Stolz geweckt. (Ich erinnere mich noch an ein ähnliches Ereignis unserer eigenen Vergangenheit.) Doch hat das wirklich nichts geändert.

Abbas kann hoffen, dass der wachsende persönliche Zwiespalt zwischen Präsident Obama und Ministerpräsident Netanjahu  die Amerikaner dahin bringen wird, das nächste Mal im Sicherheitsrat nicht mit einem Veto eine Resolution  gegen die  Besatzung zu verhindern . Ich bezweifle es. Doch wenn es zutrifft, dann wird die israelische Regierung  auch das ignorieren. Dasselbe wird geschehen, wenn Abbas es gelingt, einige israelische Offiziere beim Internationalen Gerichtshof wegen Kriegsverbrechen anzuklagen. Israelis glauben nur  an  „Tatsachen auf dem Boden“.

Ich vermute, dass Abu Mazen all dies weiß. Er versucht, Zeit zu gewinnen. Er versucht, einen gewalttätigen Aufstand zu verhindern, der  – wie er glaubt nur der Besatzung nützt, diese setzt ihre amerikanisch gedrillten „Sicherheitskräfte „ zusammen  mit der Besatzungsarmee ein. Dies ist nah am  Abgrund.

Er hat einen Trost: die Hamas-Behörde im Gazastreifen ist  offensichtlich zur selben Schlussfolgerung gekommen und  hält jetzt  mit Israel eine Art Waffenstillstand.  (hudna).

EINE DER Hauptunterschiede zwischen den jüdischen Israelis und den Arabern ist ihre Einstellung z.Z. Israelis sind von Natur aus ungeduldig,. Araber bewundern Kamele, ein Tier von unendlicher Geduld. Die Araber haben eine sehr lange Geschichte, während die Israelis fast keine haben.

Ich nehme an, Abu Mazen glaubt, dass zu diesem Zeitpunkt, es für die Palästinenser sehr wenig zu tun gibt. Deshalb führt er eine Politik des Abwartens, um die Besatzung  auszuhalten, gewalttätige Konfrontationen  zu verhindern, die die Palästinenser verlieren müssen und darauf warten, bis sich die Situation verändert. Die Araber sind gut  mit dieser Art Strategie, die SUMUD genannt wird.

Doch die Besatzung steht nicht still. Sie ist aktiv und stiehlt arabisches Land, baut unerbittlich israelische Siedlungen und vergrößert sie

Auf die Dauer ist dies eine Schlacht des Willens und der Ausdauer. Wie gesagt worden ist. Eine Schlacht zwischen einer nicht aufzuhaltenden Kraft und einer unbeugsamen Masse.

WIE WIRD Abbas von der Geschichte beurteilt werden?

Es ist viel zu früh, dies zu sagen.

Ich glaube, dass er ein wahrer Patriot ist, nicht weniger als Arafat. Aber er ist in Gefahr, gegen seinen Willen abzugleiten und zwar in eine Petain-artige Situation.

Auf jeden Fall glaube ich nicht, dass er korrupt ist, wie seine Feinde behaupten, oder dass  er eine kleine Gruppe „fetter Katzen“ vertritt, die unter und von der Besatzung reich werden.

Die Geschichte hat ihn in eine Situation gebracht, die geradezu unmöglich ist. Er zeigt großen Mut, indem er versucht, sein Volk  unter diesen Umständen zu führen.

Es ist keine ruhmreiche Rolle. Dies ist keine Zeit für Ruhm.

Die Geschichte wird ihn als einen Mann im Gedächtnis behalten, der sein Bestes unter katastrophalen  Umständen geleistet hat.

Ich zum Beispiel kann  ihm nur Gutes wünschen.

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Nasser und ich

Erstellt von Gast-Autor am 18. Oktober 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

VOR 45 JAHREN  starb Gamal Abd-al-Nasser im frühen Alter von 52 Jahren. Es ist kein Ereignis der Vergangenheit. Es hat einen riesigen Einfluss auf die Gegenwart und wird diesen wahrscheinlich weiter auch  auf die Zukunft haben.

Mein Zusammentreffen mit ihm geht ins Jahr 1945 zurück. Ich pflegte zu scherzen, dass „wir einander sehr nah waren, aber wir haben uns nicht rechtzeitig vorgestellt.“

 Es geschah so: Im Juli 45  versuchten wir verzweifelt, den Vormarsch der ägyptischen Armee auf Tel Aviv zu stoppen. Der Eckstein unserer Front war ein Dorf mit Namen Negba. An einem Abend wurde uns mitgeteilt, dass eine ägyptische Einheit uns die einzige Straße zu diesem Kibbuz abgeschnitten und sich auf der andern Seite dort eingegraben hat.

Die Kompanie, zu der ich gehörte, war eine mobile Kommando-Einheit mit Jeeps von denen jedes mit zwei Maschinengewehren bewaffnet war. Wir hatten den Befehl, die Position zu stürmen und sie um jeden Preis zu erobern. Es war eine verrückte Idee – man verwendet keine Jeeps, um eingegrabene Soldaten anzugreifen. Aber die Kommandeure waren auch verzweifelt.

Also fuhren wir in der Dunkelheit die schmale Straße entlang, bis wir die ägyptische Position erreichten, und wurden mit mörderischem Feuer empfangen. Wir zogen uns zurück. Aber dann schloss sich uns der Bataillon-Kommandeur an und leitete einen anderen Angriff. Dieses Mal überrannten wir buchstäblich die Ägypter, ja fühlten menschliche Körper unter unsern Rädern. Die Ägypter flohen. Ihr Kommandant wurde verletzt. Wie ich später herausfand, war es ein Major mit Namen Gamal Abd-al-Nassar.

Danach wandte sich das Kriegsglück. Wir bekamen die Oberhand und umzingelten eine ganze ägyptische Brigade. Ich war ein Teil des belagernden Militärs und wurde  schwer verletzt.  Auf der andern Seite  war Major Abd-al-Nassar.

VIER JAHRE später rief mich Ginger sehr aufgeregt an. „Ich muss dich sofort treffen“, sagte er mir.

Gingi ist der hebräische Slangausdruck für Gingerhead, wie die Briten einen Rothaarigen  nennen. Dieser besondere Rotschopfige war ein kleiner, sehr dunkler Jemenite. Er wurde mit diesem Spitznamen genannt, weil er sehr schwarzes Haar hatte – das war die Art unseres Humors.

Der Gingi –( sein tatsächlicher Name war  Yerucham  Cohen)  hatte während des Krieges als Adjudant  des Kommandeurs der Südfront, Yigal Alon, gedient. Während des Kampfes war eine kurze Feuerpause eingelegt worden, um beiden Seiten zu ermöglichen, die Toten und Verletzten, die zwischen den Linien lagen, herauszuholen. Der Gingi, der ausgezeichnet arabisch sprach, wurde gesandt, um mit dem Emissär der eingekesselten Brigade zu verhandeln.

Wie es manchmal geschieht, bildete sich bei den Begegnungen eine Freundschaft  zwischen den beiden Männern. Einmal, als der Ägypter sehr niedergeschlagen war, versuchte Gingi ihn zu trösten und sagte: „ Verzweifle nicht, Gamal, du wirst hier lebend herauskommen und Kinder haben!“

Die Prophezeiung  wurde erfüllt. Der Krieg war zu Ende; die umzingelte Brigade kehrte  nach Kairo zurück. Yerucham wurde zum Mitglied einer israelisch-ägyptischen Waffenstillstands-Kommission ernannt. Eines Tages  erzählte ihm sein ägyptischer Gesprächspartner: „ Ich wurde von meinem Oberstleutnant  Abd-al-Nasser gebeten, dir zu sagen, dass ihm ein Sohn geboren worden sei.“

Yerucham kaufte einen Babyanzug  und beim nächsten Treffen gab er diesen seinem Kollegen. Nasser schickte seinen Dank zurück: eine Mischung von Gebäck vom berühmten  Groppi-Cafe in Kairo.

IM SOMMER 1952  rebellierte die ägyptische Armee und in einem unblutigen Coup sandte der Playboy König Faruk weg. Der Coup wurde von einer Gruppe  „Freier Offiziere“  angeführt, geleitet von einem 51 jährigen General.  Muhammad Naguib.

Ich veröffentlichte in meinem Magazin an die Offiziere. eine Gratulation .

Als ich Gingi traf, sagte er mir. „Vergiss Naguib. Er ist nur ein Strohmann. Der wirkliche Führer ist ein Bursche  mit Namen Nasser!“ Mein Magazin hatte also einen Sensationsbericht – lange bevor jemand in der Welt wusste, verrieten wir, dass der wirkliche Führer ein Offizier mit Namen Abd-al-Nassar war.

(Ein Wort über arabische Namen: Gamal ist ein Kamel, ein arabisches  Symbol für Schönheit. Ad al Nasser – ausgesprochen Abd-an-Nassar – bedeutet  „Diener von  (Allah)  dem Siegreichen“. Indem wir den Mann nur Nasser nannten, wie wir es alle taten, verliehen wir ihm einen der 99 Namen Allahs.)

Als Nasser offiziell der Führer wurde, verriet mir Yerucham ein großes Geheimnis, dass er gerade eine erstaunliche Einladung erhalten hat. Nasser hatte ihn privat eingeladen, ihn in Kairo zu besuchen.

„Geh!“ bat ich ihn inständig. „Dies könnte eine historische Öffnung sein!“

Aber Yerucham war ein gehorsamer Bürger. Er bat das Außenamt um Erlaubnis. Der Minister Moshe Sharett , die bekannte Friedenstaube, verbat ihm, die Einladung anzunehmen. „Wenn Nasser mit Israel zu reden wünscht, muss er sich ans Auswärtige Amt wenden,“ wurde Yerucham gesagt. Das war natürlich das Ende der Sache.

NASSER WAR  ein  neuer Typ eines Arabers, groß, gut aussehend, charismatisch, ein faszinierender Redner. David Ben Gurion, der schon alt geworden war, fürchtete ihn und beneidete ihn vielleicht. Also schmiedete er mit den Franzosen ein Komplott, um ihn abzusetzen.

Nach einem kurzen freiwilligen Exil in einem Kibbuz, kehrte Ben Gurion 1955 auf seinen Posten als Verteidigungsminister wieder zurück. Das erste, was er tat, war ein Angriff  auf die ägyptische Armee in Gaza. Nach einem Plan oder durch ein Versehen wurden viele ägyptische Soldaten  getötet. Nasser  – wütend und gedemütigt –wandte er sich an die Sowjets und erhielt große Schiffsladungen mit Waffen. Ben Gurion reagierte dadurch, dass er ein enges Bündnis mit den US knüpfte, das bis heute andauert.

Seit 1954 stand Frankreich  einem Befreiungskrieg der Algerier gegenüber. Sie  konnten sich nicht vorstellen, dass die Algerier aus freiem Willen sich gegen Frankreich erheben werde. Sie klagten Nasser an, sie aufzuhetzen. Die Briten schlossen sich dem Klub an, weil Nasser die Britisch-Französische Gesellschaft, die für den Suezkanal verantwortlich war, verstaatlichte.

Das Ergebnis war 1956 das Suez-Abenteuer. Israel griff die ägyptische Armee in der Sinai-Wüste an, während die Franzosen und die Briten in ihrem Rücken landeten. Der ägyptischen Armee, nun praktisch umzingelt, wurde befohlen, so schnell wie möglich umzukehren. Einige Soldaten ließen sogar ihre Stiefel zurück. Israel war von dem  überwältigenden Sieg wie betrunken.

Aber die Amerikaner waren ärgerlich, so auch die Sowjets. Der US-Präsident Eisenhower und der sowjetische Präsident Bulgarin erließen Ultimatums und die drei konspirierenden Mächte, mussten sich sofort zurückziehen. „Ike“  war der letzte amerikanische Präsident, der es wagte, mit Israel und den US-Juden  sich anzulegen.

Übernacht wurde Nasser der Held der ganzen arabischen Welt. Seine Vision einer Pan-arabischen Nation  war in Reichweite. Die Palästinenser, ihrer eigenen Heimat beraubt  und zwischen Israel, Jordanien und Ägypten aufgeteilt, sahen ihre Zukunft in solch einer gemeinsamen Nation und verehrten Nasser.

In Israel wurde Nasser der größte Feind, der Teufel in Person. Er wurde  offiziell und in allen Medien  als „der ägyptische Tyrann“ und  häufig als  „der zweite Hitler“ bezeichnet. Als ich vorschlug, mit ihm Frieden zu schließen, hielten mich die Leute für verrückt.

ABGEHOBEN DURCH seine immense Popularität in der ganzen arabischen Welt und darüber hinaus, tat Nasser eine törichte Sache. Als der israelische Stabschef Yitzhak Rabin  den Syrern mit einer Invasion drohte, sah Nasser darin einen einfachen Weg, seine Führung zu zeigen. Er warnte Israel und sandte seine Armee in die entmilitarisierte Sinai-Wüste.

Jeder in Israel hatte Angst. Jeder –außer mir ( und der Armee). Ein paar Monate vorher wurde ich in ein Geheimnis eingeweiht, das ein führender israelischer General Freunden anvertraut hatte: Ich bete jede Nacht, dass Nasser seine Armee in den Sinai sendet. Dort werden wir sie zermalmen!“

Und so geschah es. Zu spät realisierte Nasser, dass er in eine Falle getappt war (Wie mein Magazin  es in seiner Schlagzeile ankündigte). Um das Unglück abzuwehren, publizierte er Furcht einflößende Drohungen:  „ Israel ins Meer zu werfen“   und sandte einen hochrangigen  Gesandten nach Washington, die US-Regierung darum zu bitten, Israel zu stoppen.

Zu spät. Nach viel Zögerung und extra erhaltener Genehmigung von Henry Kissinger  griff die israelische Armee an und  zerrieb die ägyptischen, jordanischen und die syrischen  Kräfte innerhalb von 6 Tagen. (1967)

Das hatte zwei historische Ergebnisse (a)  Israel wurde zur Kolonialmacht und (b) das Rückgrat des Pan-arabischen Nationalismus war gebrochen.

NASSER BLIEB noch drei Jahre an der Macht – ein Schatten seiner selbst. Offensichtlich dachte er nach.

Eines Tages bat mich mein französischer Freund, der berühmte Journalist Eric Rouleau, dringend, nach Paris zu kommen – ein in Ägypten geborener Jude, der für die repräsentative französische Zeitung „Le Monde“ arbeitete, war mit der ägyptischen Elite bekannt. Er sagte mir, dass Nasser ihm gerade ein langes Interview gegeben hätte. Wie abgemacht übermittelte er den Text an Nasser zur Bestätigung. Nach einiger Durchsicht strich Nasser einen wichtigen Teil aus: ein Angebot an Israel, Frieden zu machen. Es war im Wesentlichen das Angebot, das die Grundlage  für das Sadat-Begin-Friedensabkommen neun Jahre später bildete.

Aber Rouleau hatte das volle Interview auf seinem Tonband. Er bot mir den Text an, damit ich ihn der israelischen Regierung unter totaler Verschwiegenheit geben konnte.

Ich eilte nach Hause und rief ein zentrales Mitglied der israelischen Regierung an. Der Finanzminister Pinchas Sapir, der als das sanfteste  Mitglied des Kabinetts galt. Er empfing mich auch gleich, lauschte dem, was ich zu sagen hatte, und zeigte  nicht das geringste Interesse. Ein paar Tage später, während der Schwarzen-September-Krise in Jordanien starb Nasser plötzlich.

MIT IHM starb die Vision des Pan-arabischen Nationalismus‘. Die Wiedergeburt der arabischen Nation unter der Flagge einer europäischen Idee stützte sich auf einen rationalen säkularen Gedanken.

Ein spirituelles und politisches Vakuum wurde in der arabischen Welt geschaffen. Aber die Natur toleriert  – wie wir alle wissen – keine leeren Räume.

Mit dem toten Nassar und nach dem gewalttätigen Ende seines Nachfolgers und Imitatoren Sadat, Mubarrak, Gaddafi und Saddam lud das Vakuum eine neue Kraft ein: den salafistischen Islamismus.

Ich habe in der Vergangenheit viele Male gewarnt, falls wir Nasser  und den arabischen Nationalismus zerstören, würden religiöse Kräfte  nach vorne kommen. Statt eines Kampfes zwischen rationalen Feinden, die einen vernünftigen Frieden schließen können, wird es zum Beginn eines religiösen Krieges kommen, der per definitionem irrational sein wird und keinen Kompromiss erlaubt.

Genau hier sind wir jetzt. Anstelle von Nasser haben wir jetzt DAESH =IS. Anstelle der arabischen Welt, die von einem charismatischen Führer geleitet wurde, der den arabischen Massen überall einen Sinn für Würde und Erneuerung  gab, stehen wir jetzt einem Feind gegenüber, der das öffentliche Köpfen  rühmt und uns ins 7.Jahrhundert  zurückbringt.

Ich gebe der israelischen und amerikanischen politischen Blindheit und reinen Dummheit die Schuld für diese Entwicklung. Ich hoffe, uns bleibt noch genug Zeit, um dies rückgängig zu machen

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert)

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Das Ministerium der Angst

Erstellt von Gast-Autor am 11. Oktober 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

„WIR HABEN nichts zu fürchten, außer der Furcht,“ sagte Präsident Franklin Delano Roosevelt. Er hatte unrecht.

Angst ist eine notwendige Vorbedingung für menschliches Überleben. Die meisten Tiere  in der Natur haben sie. Sie hilft ihnen, auf Gefahren zu reagieren, ihnen aus dem Weg zu gehen oder sie zu bekämpfen. Die Menschen überleben, weil sie  furchtsam sind.

Die Furcht ist beides: individuell und kollektiv. Seit ihren frühesten Tagen hat die menschliche Rasse in Kollektiven gelebt. Beides ist notwendig und eine erwünschte Bedingung. Die frühe Menschheit lebte in Stämmen. Der Stamm verteidigte sein Gebiet gegen alle „Fremden“ – die benachbarten Stämme – , um seine Nahrungsquelle und seine Sicherheit zu wahren. Die Angst war eines der sie einenden Faktoren.

Zu einem Stamm zu gehören (Der nach vielen Entwicklungen  zu einer modernen Nation wurde) ist auch eine tiefe psychologische Notwendigkeit.  Auch dies ist mit Angst verknüpft –  Angst vor andern Stämmen, Angst vor andern Nationen.

Aber Angst kann wachsen und zu einem Monster werden.

VOR KURZEM  erhielt ich von einem jungen Naturwissenschaftler, Youv  Litvin,  einen sehr interessanten wissenschaftlichen Artikel, der sich genau mit diesem Phänomen aus einander setzt. Er beschrieb mit wissenschaftlichen Ausdrücken, wie leicht Angst manipuliert werden kann. Die damit befasste Wissenschaft war die Erforschung des menschlichen Gehirns, die sich auf Experimente mit Tieren  im Labor z.B. mit Mäusen und Ratten, auseinandersetzt.

Nichts ist leichter, als Ängste zu schüren. Zum Beispiel werden Mäuse, während Rockmusik spielt, einem elektrischer Schock ausgesetzt. Nach einiger Zeit  zeigten die Mäuse auch dann Reaktionen äußerster Angst, wenn Rockmusik gespielt wurde, ohne dass ihnen ein Schock gegeben wurde. Allein die Musik verursachte die Angst.

Dies kann auch umgekehrt sein. Lange Zeit wurde ihnen die Musik gespielt, ohne einen Schmerz zu verursachen. Langsam, sehr langsam verringerte sich die Angst. Aber nicht vollkommen: als nach langer Zeit mit der Musik wieder ein Schock verpasst wurde, erschienen sofort die vollen Symptome. Einmal war genug.

WENDET MAN dies gegenüber menschlichen Nationen an, sind die Ergebnisse dieselben.

Die Juden sind ein perfektes Labor – ein Experimentierstück.  Jahrhunderte der Verfolgung in Europa lehrte sie den Wert der Angst. Wenn sie von weitem Gefahr witterten, lernten sie, sich bei Zeiten zu retten  – gewöhnlich durch Flucht.

In Europa waren die Juden eine Ausnahme, die luden zu Opfern einluden. Im Byzantinischen  (Ost-römischen) Reich waren Juden normale Menschen. Im ganzen Reich wurden regionale  Völker zu ethnisch-religiösen Gemeinschaften. Ein Jude in Alexandria konnte eine Jüdin in Antiochien heiraten, aber nicht die junge Frau von neben an, falls sie zufällig eine orthodoxe Christin  war.

Dieses „Millet“-System währte während des islamisch Ottomanischen Reiches; während des britischen Mandats und lebt im heutigen Staat Israel noch weiter. Ein israelischer Jude kann eine israelische Christin oder einen Muslim nicht legal heiraten.

Dies war der Grund, dass es in der arabischen Welt keinen Antisemitismus gab, abgesehen vom Detail, dass Araber selbst Semiten sind. Juden und Christen, die „Völker des Buches“ haben einen Sonderstatus im islamischen Staat (wie heute im Iran,  eine Art „zweiklassig“, in anderer Weise privilegiert (Sie müssen nicht in der Armee dienen).  Bis zur Ankunft des Zionismus waren arabische Juden hier nicht ängstlicher als andere Menschen.

Die Situation in Europa war ganz anders. Das Christentum, das sich vom Judentum abspaltete, hegte von Anfang an gegenüber Juden eine tiefe Abneigung. Das Neue Testament enthielt herbe anti-jüdische Beschreibungen von Jesu Tod, die jedes christliche Kind in einem beeindruckenden Alter lernte. Und die Tatsache, dass die Juden in Europa  (abgesehen von Roma und Sinti) das einzige Volk waren, das keine Heimat hatte, machte es um so verdächtiger und furchterregender.

Das fortgesetzte Leiden der Juden in Europa setzte jeden europäischen Juden in eine ständige und tiefsitzende Angst. Jeder Jude war ständig in Alarmbereitschaft  – bewusst oder unbewusst oder im Unterbewusstsein, sogar in Zeiten und Ländern, die von jeder Gefahr weit entfernt schienen  wie im Deutschland zur der Zeit, als meine Eltern noch jung waren.

Mein Vater war ein vorzügliches Beispiel für dieses Syndrom. Er wuchs in einer Familie auf, die seit Generationen in Deutschland lebte. (Mein Vater, der Latein studiert hatte, bestand darauf, dass  unsere Familie mit Julius Caesar nach Deutschland gekommen war.) Aber als die Nazis an die Macht kamen, brauchte mein Vater für die Entscheidung zu fliehen nur wenige Tage, und  ein paar Monate später kam meine Familie glücklich in Palästina an,

EINE PERSÖNLICHE Bemerkung: Meine eigene Erfahrung mit der Angst war auch interessant – für mich wenigstens.

Als 1948 der hebräisch-arabische  Krieg ausbrach, meldete ich mich natürlich  freiwillig zum Kampf. Vor meiner ersten Schlacht, krümmte ich mich  – buchstäblich  vor Angst. Während des Kampfes, der glücklicherweise leicht war, verließ mich die Angst und kehrte nie wieder zurück.

Bei den folgenden etwa 50 Kämpfen, einschließlich einem halben Dutzend größerer Schlachten fühlte ich keine Angst.

Ich war sehr stolz darauf, doch war es eine dumme Sache. Zum Ende des Krieges hin, als ich schon Truppenführer war, gab man mir den Befehl, eine Position zu übernehmen, die dem feindlichen Feuer ausgesetzt war. Ich ging, um die Position auszukundschaften,  fast aufrecht  bei hellem Tageslicht und wurde  sofort von einer ägyptischen Gewehrkugel durchdrungen. Vier meiner Soldaten, Freiwillige aus Marokko  holten mich tapfer aus der Schusslinie. Ich kam gerade noch rechtzeitig  zum nächsten Militärhospital, so wurde  mein Leben gerettet.

Selbst dies hat meine verlorene Angst nicht wieder hervorgerufen. Ich fühle sie noch immer nicht, obwohl mir bewusst ist, dass dies  äußerst dumm ist.

ZURÜCK ZU meinem Volk.

Die neue hebräische Gemeinschaft in Palästina , gegründet von Flüchtlingen der Pogrome in Moldavia, Polen, Ukraine und Russland  und später verstärkt von den  vom Holocaust übriggebliebenen, lebten in Angst vor ihren arabischen Nachbarn, die von Zeit zu Zeit gegen die Einwanderung revoltierten.

Die neue Gemeinschaft, Yishuv genannt, machte ihre Jugend stolz auf  ihr Heldentum, die so fähig war, sich selbst, ihre Städte und ihre Dörfer zu verteidigen. Ein ganzer Kult wuchs um die neue „Sabras“ (Kaktuspflanze), die furchtlosen, heroischen, jungen Hebräer, die im Lande geboren waren. Als wir in dem  Krieg von 1948  nach  langem und bitterem Kampf (Wir verloren 6500 junge Männer aus einer Gemeinschaft von 650 000 Menschen)  schließlich gewannen, wurde die kollektive rationale Angst durch einen irrationalen Stolz ersetzt.

Hier waren wir nun, eine neue Nation auf neuem Boden, stark und selbstbewusst; wir konnten es uns leisten, furchtlos zu sein. Aber wir waren es nicht.

Furchtlose Leute können Frieden und mit den Feinden von gestern  einen Kompromiss machen, Koexistenz versuchen und sogar Freundschaft schließen. Dies geschah – mehr oder weniger – in Europa  nach vielen hunderten von Jahren ständiger Kriege.

Nicht hier. Die Furcht vor der „arabischen Welt“ erzeugte  eine dauernde Spannung  in unserm nationalen Leben: das Bild des „kleinen von Feinden umgebenen Israel“  war eine innere Überzeugung und ein Propagandatrick. Ein Krieg folgte dem anderen, und jeder produzierte neue Wellen von Ängstlichkeit.

Diese Mischung von anmaßendem Stolz und tiefsitzender Angst, eine Mentalität des Eroberers, und permanente Furcht, ist ein Kennzeichen des heutigen Israel. Ausländer haben oft den Verdacht, dass dies  eine Täuschung sei, aber es ist ganz real

ANGST IST auch das Instrument von Herrschern. Schaffe Angst und herrsche. Dies ist eine Maxime der Könige und Diktatoren  Jahrhunderte lang gewesen.

In Israel ist es das leichteste Ding der Welt. Man muss nur den Holocaust erwähnen (Shoah auf Hebräisch) und die Angst sickert aus allen Poren des nationalen Körpers.

Holocaust-Erinnerungen schüren, sind wie eine nationale Industrie. Kinder werden zu ihrem ersten Auslandtrip nach Auschwitz gesandt, um dieses zu besuchen. Der letzte Erziehungsminister verordnete (Im Ernst) die Einführung der Holocaustlehre im Kindergarten. So gibt es einen Holocausttag  – zusätzlich zu vielen andern  jüdischen Feiertagen, die für vergangene Versuche, Juden zu töten sind.

Das historische Bild, das so im Gedächtnis eines jeden jüdischen Kindes – in Israel wie im Ausland – geschaffen wird, liegt in den Worten des Passah-Gebetes, das jedes Jahr in jeder  jüdischen Familie laut gelesen wird:  “In jeder Generation erheben sie sich gegen uns, um uns zu vernichten, aber Gott rettet uns aus ihren Händen!“

DIE LEUTE FRAGEN sich, welches die besondere Qualität ist, die Benjamin Netanjahu auszeichnet , um immer wieder gewählt zu werden und praktisch alleine zu regieren, umgeben von einer Herde geräuschvoller, unbedeutender Personen.

Die Person, die ihn am besten kennt, sein eigener Vater, erklärte einmal, dass Bibi ein guter Außenminister sein könnte, aber unter keinen Umständen ein Ministerpräsident. Es stimmt! Netanjahu hat eine gute Stimme und ein wahres Talent fürs Fernsehen – aber das ist auch alles. Er ist oberflächlich, er hat keine Vision der Welt und keine wirkliche Vision für Israel, seine historischen Kenntnisse  kann man vergessen.

Aber er hat ein wirkliches Talent: Panikmache. Darin hat er keinen Konkurrenten.

Es gibt kaum eine größere Rede von Netanjahu in Israel oder im Ausland  ohne  wenigstens eine Bemerkung über den Holocaust. Danach kommt das letzte  up-to-date Angst machende  Bild.

Einmal gab es „Internationalen Terrorismus“. Der junge Netanjahu schrieb ein Buch darüber und  stellte sich selbst als Experte vor. In Wirklichkeit ist dies Unsinn. So etwas wie internationalen Terrorismus gibt es nicht. Er ist von  Scharlatanen erfunden worden, die eine Karriere darauf bauten. Professoren und ähnliches.

Was ist Terrorismus? Zivilisten töten? Wenn es so ist, dann sind die abscheulichsten Akte von Terrorismus in der letzten Geschichte Dresden und Hiroshima. Kämpfer von Nichtstaaten zu töten? Such sie dir aus. Wie ich viele Male sagte: „Freiheitskämpfer“   sind auf meiner Seite, „Terroristen“ sind auf der andern Seite.

Palästinenser und Araber sind im Allgemeinen natürlich Terroristen. Sie hassen uns, weil wir ihnen einen großen Teil ihres Landes genommen haben. Offensichtlich  kann man keinen Frieden mit solch perversen Leuten wie jenen machen. Man kann sie nur fürchten und sie bekämpfen.

Wenn das Feld der Terroristenkämpfer zu voll wird, dann schaltet Netanjahu zur iranischen Bombe um. Dort war die aktuelle Bedrohung unserer Existenz.  Der zweite Holocaust.

Für mich ist dies immer lächerlich gewesen. Die Iraner haben keine Atombombe und wenn sie sie hätten, würden sie sie nicht benützen

Aber nimm die iranische Bombe von Netanjahu – was bleibt dann noch?  Kein Wunder, dass er sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt. Aber jetzt ist es endlich  erledigt worden. Was sollte nun getan werden?

Mach dir keine Sorgen. Bibi wird eine andere Bedrohung finden, blutrünstiger als je zuvor.

Warte nur und zittere.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Texte von Uri Avnery

Erstellt von Gast-Autor am 4. Oktober 2015

„Sprecht nicht Zionismus!“

Autor Uri Avnery

IN DEN frühen 1950er -Jahren  veröffentlichte ich eine Geschichte von einem Freund. In jener Zeit war der Staat Israel in ernster Notlage, seine Führer wussten nicht, wie man die Lebensmittel für den nächsten Monat bezahlen sollte.

Irgendjemand erinnerte daran, dass in einem fernen Teil Afrikas es eine kleine  jüdische Gemeinde gibt, der all die Diamantminen gehörte  und die sehr reich war. Die Regierung wählte ihren effektivsten Geldbeschaffer und sandte ihn dorthin.

Dem Mann war klar, dass das Schicksal des Staates auf seinen Schultern ruhte. Er versammelte die lokalen Juden und hielt ihnen die Rede: Über die Pioniere, die alles hinter sich gelassen hatten, um nach Palästina zu gehen und die Wüste zum Blühen zu bringen – mit einer den Rücken brechenden Arbeit und ihren hochfliegenden sozialistischen Idealen.

Als er geendet hatte, war im Raum kein Auge mehr trocken. Als der Mann zu seinem Hotel zurückkehrte, wusste  er, dass er die Rede seines Lebens gehalten hatte.

Und tatsächlich klopfte am nächsten Morgen eine Delegation der lokalen Juden an seine Tür. „ Deine Worte  ließen uns fühlen, dass wir ein unwürdiges Leben führen“, sagten sie . „Ein Leben in Luxus und Ausbeutung. Also entschlossen wir uns einstimmig, die Minen als Geschenk unseren Arbeitern zu geben, hier alles zurückzulassen, mit dir nach Israel zu gehen und Pioniere zu werden“.

DAVID BEN GURION  war ein wirklicher Zionist. Er war davon überzeugt, dass ein Zionist ein Jude war, der nach Israel geht, um dort zu leben. Selbst ein Präsident der zionistischen Weltorganisation war kein Zionist, wenn er in New York lebte. Er war in seinen Überzeugungen unerbittlich.

Als er das erste Mal in die US als Ministerpräsident Israels reiste, wurde er von seinen Beratern gefragt, welches wohl seine Botschaft sein würde. „Ich werde ihnen sagen, alles zurückzulassen und nach Israel zu kommen!“ antwortete er.

Seine Berater waren zu tiefst erschrocken. „Aber Israel braucht ihr Geld!“ riefen sie aus.“ Ohne das können wir nicht auskommen!“

Eine Schlacht des Gewissens folgte. Endlich gab Ben Gurion nach. Er ging nach  Amerika, sagte den Juden, dass sie gute Zionisten sein könnten, wenn sie gegenüber Israel großzügig seien und ihm ihre politische Unterstützung gäben. Nach dieser Episode war Ben Gurion nie mehr derselbe. Seine Grundüberzeugung war zerbrochen worden.

Dasselbe geschah mit dem Zionismus. Er wurde ein zynischer Slogan, der von jedem  benützt wurde, der seine oder ihre Agenda  vor sich herschob. Hauptsächlich wurde es ein Instrument der israelischen Führung, um das Weltjudentum  zu beherrschen und  für ihre nationalen,  parteipolitischen oder politischen Ziele zu aktivieren.

Um zur Geschichte zurückzukommen: Es hätte keine größere Katastrophe geben können als die, wenn das Weltjudentum eingepackt hätte und nach Israel gekommen wäre. Die ungeheure Macht der organisierten US-Juden, die ihre Order aus Jerusalem erhält, ist wesentlich für die Existenz des Staates.

ICH DACHTE  über all das nach, als ich übers Wochenende einen provozierenden Aufsatz von dem bekannten linken israelischen Schriftsteller A.B.Yehoshua las, der  unter den israelischen Top-Schriftstellern fast allein ist: da er kein Aschkenasi ist. Sein  Vater gehörte zu einer alten sephardischen Familie in Jerusalem, seine Mutter ist Marokkanerin. Das macht ihn im heutigen Slang zu einem Misrahi (Ein „Östlicher“)

In seinem Aufsatz macht Yehoshua einen Unterschied zwischen Nationalismus und Zionismus. Nach ihm sind diese beiden nicht zu einem Begriff verschmolzen, wie man die Leute in Israel heute glauben lässt, sondern zwei verschiedene Dinge sind miteinander „verschmolzen“.die in ständigem Konflikt  mit einander sind. „Zionismus spielt eine zweifelhafte Rolle bei dieser Dualität.

Im heutigen Israel ist es eine gewagte Theorie, die an Ketzerei grenzt. Im alten Rom wurden Menschen für weniger verbrannt.  Als ob man sagen würde, dass Gott und Jehova zwei verschiedene Gottheiten seien. Aber meiner Meinung nach, ist dies eine Konstruktion von überholten Ausdrücken. Jetzt können wir wagen, viel weiter zu denken. Ist Israels Nationalismus‘ wirklich mit dem nicht -israelischen Zionismus verschmolzen?

ICH MUSS den Leser daran erinnern, wie es begonnen hat: die große Idee des Theodor Herzl hatte nichts mit Zion im buchstäblichen Sinn zu tun.

Ursprünglich wollte Herzl einen Staat der Juden (keinen „jüdischen Staat“) in Patagonien, im südlichen Argentinien. Die ursprüngliche Bevölkerung war gerade mehr oder weniger ausgelöscht worden und Herzl dachte, dass dieses leere Land  für eine jüdische Masseneinwanderung geeignet sei, wenn der Rest der Eingeborenen vertrieben worden ist (aber erst, „nachdem sie alle wilden Tiere getötet hatten“.)

Als Herzl, ein völlig assimilierter Wiener Jude, mit wirklichen Juden zusammentraf, besonders mit Russen, wurde ihm zögerlich klar, dass  nichts außer Palästina in Frage kommen würde. So wurde seine Idee zum Zionismus. Er liebte Palästina nicht. Er besuchte es nur einmal, als er praktisch vom romantischen deutschen Kaiser Wilhelm II. dorthin befohlen wurde, der darauf bestand, ihn in Jerusalem zu treffen (Der Kaiser bemerkte später, dass der Zionismus eine große Idee wäre, dass „er aber nicht mit Juden zu machen wäre“) .

Herzls Idee des Zionismus‘ war ganz einfach: alle Juden der Welt werden in den neuen Staat kommen, und sie werden die einzigen sein, die Juden zu sich riefen. Diejenigen, die vorzogen, dort zu bleiben, wo sie sind, würden danach aufhören, Juden zu sein und schließlich Österreicher, Deutsche, Amerikaner etc. werden. Ende der Geschichte.

NUN, SO geschah es nicht. Der Zionismus war  ein viel zu zweckdienliches Instrument für die Politiker – in Israel wie außerhalb –  um auf den Müllhaufen geworfen zu werden.

Jeder benützt ihn. Die amerikanischen Politiker, die jüdisches Geld brauchen. Die israelischen Politiker, die sonst nichts zu sagen haben, israelische Regierungsangestellte aller Farben, die offen die israelischen arabischen Bürger  diskriminieren. Koalitionsmitglieder der Knesset gegen die Opposition. Oppositionsmitglieder der Knesset gegen die Regierung.

Lasst Benjamin Netanjahu Yitzhak Herzog, den Führer der Opposition, einen „Anti-Zionisten“ nennen, und er wird härter dagegen protestieren, als würde er ihn nur Verräter genannt haben. Anti-Zionist ist schrecklich. Unverzeihlich.

Doch wenn einer von diesen gefragt worden wäre, was Zionismus  eigentlich ist, die Antwort wäre:      Zionismus? – warum, jeder weiß doch, was Zionismus ist. Was für eine Frage?!  Zionismus ist eh…eh … eh

Auf der andern Seite des Zaunes ist es nicht viel anders. Jeder klagt den andern als Zionisten an. Du bist für die Zwei-Staatenlösung?  Ein boshafter zionistischer Plot.  Du willst nicht, dass Israel verschwindet?  Du bist also ein Teil  der weltweiten zionistischen Verschwörung.

Jemanden einen Zionisten nennen, heißt so viel, wie die Diskussion beenden. Das wäre das Gleiche, als würde man ihn einen Nazi nennen, nur noch schlimmer. Viel schlimmer.

Und dann sind da noch  die Übriggebliebenen des klassischen Antisemitismus‘. Was bleibt von der einst so stolzen Bewegung, mit der alles  begann. Die Leute , die Herzl auf den Straßen von Wien und Paris traf, als er zu der logischen Schlussfolgerung kam, dass Juden im 19. Jahrhundert nicht mehr in Europa leben können . Diese große antisemitische Bewegung ist vergangen. Nur pathetische Reste bleiben. Gerade so viel, um Zionisten mit dem nötigen Brennstoff zu versorgen.

ZIONISMUS ALS solcher, der wirklich anständige, Gütige  starb einen ehrenhaften Tod  in dem Moment in Tel Aviv, als der Staat Israel gegründet wurde.

(In jenen Tagen war „Zionismus“  unter jungen Leuten ein Witz. „Rede nicht  Zionismus“ bedeutet „Rede keinen angeberischen Quatsch!“)

Was bleibt, ist die Ko-Existenz von zwei getrennten Gebilden, nicht wirklich miteinander verschweißt, die zusammen gebunden sind, um eines Tages  in der Zukunft aus einander zu fallen.

Keiner von ihnen hat viel mit Zionismus zu tun.

Da ist die israelische Entität – eine normale Nation (Wenigstens so normal wie jede andere Nation)  Sie hat ein Vaterland, eine kollektive Mentalität, eine geographische und politische Realität, wirtschaftliche Interessen, eine Mehrheit mit einer Sprache, interne Probleme im Überfluss. 75% seiner Bevölkerung, also eine Majorität, sind Juden, 20% Araber. (Der Rest sind Juden, die von den Rabbinern – die solche Dinge in Israel entscheiden –  nicht als Juden  anerkannt werden.)

Und dann gibt es noch das Weltjudentum. Seine Heimat ist die ganze Welt. Es gehört zu vielen verschiedenen Nationen, hat  etwas vages allgemeines Interesse (von Antisemiten hervorgerufen)  eine Religion, viele Traditionen. Ein großer Teil engagiert sich für Israel, ein unbestimmter Teil kann noch unbestimmter werden.

Eine der Hauptfunktionen des „Zionismus‘“ ist es, dieses Volk vollkommen  unterwürfig unter die Interessen von Israels augenblicklicher (aber wechselnder) Führung zu halten. Ohne diese Verbindung müsste Israel von seinen eigenen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen leben, einer weithin reduzierten Existenz.

Die Bande, die diese beiden Gebilde zusammenhalten (oder nach Yehoshua „zusammenschweißen“), sind die Religion und die Tradition. In diesen Tagen, wenn Juden in der ganzen Welt und in Israel dieselben  „Hohem Feiertage“ feiern, ist dies offensichtlich. Die Bande, seit Jahrhunderten vorhanden, sind sie  wirklich viel stärker, fragt man sich heute. Viel stärker als jene zwischen den irländisch-Amerikanern und Irland oder zwischen den Singapurer Chinesen und   China? Wie würde dies In einem wirklichen Test aussehen?

Ironisch genug klingt es, dass der extremste Teil der religiösen Juden – in Jerusalem und in Brooklyn – den Zionismus als  Sünde gegen Gott von sich weist.

DER WIRKLICHE Schaden, den die zionistische Umklammerung Israels verursacht, ist  Israels Situation in der Welt.

Die offizielle Bestimmung Israels als „ein jüdischer und demokratischer Staat“ ist ein Oxymoron. Ein jüdischer Staat kann wirklich nicht demokratisch sein, da die Definition den Nicht-Juden – besonders den Arabern –  die Gleichheit verweigert. Aus demselben Grund kann ein demokratischer Staat nicht  jüdisch sein. Er muss für alle seine Bürger gleich vorhanden sein.

Aber das Problem liegt tiefer. Israels Bande mit den Juden der Welt sind unendlich viel enger, als die Bande mit seinen Nachbarn. Man kann seinen Blick  nicht auf New York fixieren und gleichzeitig sehr daran interessiert sein, was die Menschen in Bagdad, Damaskus und Teheran tun.

Bis Damaskus und Teheran  so nah kommen, dass man sie nicht mehr übersehen kann, vergeht  einige Zeit. Paradoxer Weise schreien einige Leute in Teheran „Tod der zionistischen Entität!“ Auf die Dauer ist das, was dort geschieht,  für unsere Zukunft, hundert Mal wichtiger als die Republikanische Partei in San Francisco.

Lasst es mich klar sagen: Ich predige keine Trennung wie es früher einmal eine kleine Gruppe mit dem Spitznamen „Kanaaniter“  gefordert hatte. Die natürlichen Bande, die real sind und die das vitale Interesse der andern Seite nicht verletzt, werden  Israel helfen, im Weltjudentum zu überleben.

Aber nur unter einer Bedingung: dass sie nicht die Zukunft Israels verletzen, eine Zukunft, die Frieden und Freundschaft zwischen ihren Bürgermit ihren Nachbarn verlangt oder die Zukunft  der Juden in aller Welt mit ihren eigenen Nationen.

Wie passt das in die zionistische Doktrin? Nun wenn es dies nicht tut, dann zur Hölle mit der Doktrin!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Texte von Uri Avnery

Erstellt von Gast-Autor am 27. September 2015

Die wirkliche Bedrohung

ICH  HABE Angst.Ich schäme mich nicht,  dies zuzugeben. Ich habe Angst.

Ich habe Angst vor der Islamischen Staat-Bewegung, auch ISIS  oder Daesh genannt.

Es ist die einzige wirkliche Gefahr, die Israel bedroht, die die Welt bedroht, die mich bedroht.

Diejenigen, die dies  heute mit Gleichgültigkeit oder mit Desinteresse behandeln, werden es bedauern.

IM JAHR, in dem ich geboren wurde –  1923  – inszenierte ein lächerlicher, kleiner Demagoge  mit einem komischen Schnauzbart, Adolf Hitler, in München einen versuchten Putsch. Er wurde von ein paar Polizisten niedergeschlagen und bald vergessen.

Die Welt hatte viel ernstere Gefahren, mit denen es sich beschäftigen musste. In Deutschland war Inflation.  In Russland entwickelte sich die junge Sowjet-Union. Es gab  den gefährlichen Wettbewerb zwischen den beiden mächtigen Kolonialmächten, Großbritannien und Frankreich. 1929  kam die schreckliche wirtschaftliche Krise, die die Weltwirtschaft  zu Grunde richtete.

Aber der kleine Münchner Demagoge hatte eine Waffe, die nicht von erfahrenen Staatsmännern  und schlauen Politikern wahr genommen wurde: eine mächtige Ideologie. Sie verwandelte die Demütigung einer großen Nation in eine Waffe, die effektiver war als Schlachtschiffe und Kampfflugzeuge. Innerhalb einer erstaunlich kurzen Zeit – nur ein paar Jahre –  eroberte er Deutschland, dann Europa und fast die ganze Welt.

Millionen Menschen kamen während des Prozesses zu Tode. Unsägliches Elend  suchte viele Länder heim. Ganz zu schweigen vom Holocaust, einem Verbrechen, das fast ohne Parallele in den Annalen der modernen Geschichte ist.

Wie machte er das? Zunächst nicht durch politische und militärische Macht, sondern  durch die Macht einer Idee, einen Geisteszustand, eine geistige Explosion.

Ich war im ersten Viertel meines Lebens Zeuge davon. Dies kommt mir ins Gedächtnis, wenn ich auf die Bewegung schaue, die sich selbst IS, der „Islamische Staat“ nennt.

IM FRÜHEN 7. Jahrhundert der christlichen Ära, hatte ein kleiner Kaufmann in der  gottverlassenen arabischen Wüste eine Idee. In einer erstaunlich kurzen Zeit eroberten er und seine  Kumpane  seine Heimatstadt Mekka, dann die ganze Arabische Halbinsel, dann den fruchtbaren Halbmond und schließlich einen großen Teil der zivilisierten Welt, vom atlantischen Ozean bis nach Nordindien und darüber hinaus. Seine Nachfolger erreichten das Herz Frankreichs  und belagerten Wien.

Wie konnte ein kleiner arabischer Stamm all dies erreichen? Nicht durch militärische Überlegenheit, sondern durch die Kraft einer neuen berauschenden Religion, einer Religion , die so progressiv und befreiend war, dass ihr irdische Macht nicht widerstehen konnte.

Gegen eine berauschende neue Idee sind materielle Waffen machtlos, Armeen und Flotten lassen mächtige Empires scheitern, wie Byzanz und Persien. Aber Ideen sind unsichtbar, Realisten können sie nicht sehen, erfahrene Staatsmänner und mächtige Generäle sind für sie wie blind.

„Wie viele Divisionen hat der Papst?“ antwortete Stalin geringschätzig, als er über die Macht der Kirche gefragt wurde. Doch das  Sowjetreich zerfiel und verschwand  und die katholische Kirche  ist noch hier.

AL-Daula al ISLAMIYA, der Islamische Staat ist eine „fundamentalistische“ Bewegung. Das Fundament ist der Islamische Staat, der vor 1400 Jahren  vom Propheten Muhammad in Medina und Mekka gegründet wurde. Diese zurückblickende Einstellung ist ein Propagandatrick. Wie kann jemand etwas wieder aufwecken, das vor so vielen  Jahrhunderten existierte?

In Realität ist IS  eine extrem moderne Bewegung, eine Bewegung von heute und wahrscheinlich von morgen. Sie benützt die neuesten Hilfsmittel wie das Internet. Sie ist eine revolutionäre Bewegung, wahrscheinlich die revolutionärste in der heutigen Welt.

Während sie  zur Macht kommt, benützt sie barbarische Methoden  aus längst vergangenen Zeiten, um sehr moderne Ziele zu erreichen. Sie verursacht Terror.  Nicht den propagandistischen Terminus „Terrorismus“, der heute von allen  Regierungen benützt wird, um ihre Feinde zu stigmatisieren. Sondern  aktuelle Grausamkeiten, entsetzliche Taten, wie das Köpfen,  das Zerstören von unschätzbaren  antiken Ruinen – alles, um lähmende Furcht  in die Herzen seiner beabsichtigten Feinde zu treiben .

Die IS-Bewegung kümmert sich nicht wirklich um Europa, die US und Israel. Nicht jetzt . Sie benützt sie als Propaganda-Treibstoff, um  ihr wirkliches Ziel zu erreichen: die ganze islamische Welt zu gewinnen.

Wenn ihr dies gelingt, dann kann man sich den nächsten Schritt vorstellen. Nachdem die Kreuzfahrer Palästina  und  seine Umgebung erobert hatten, kam ein kurdischer Abenteurer Salah-a-Din al Ayyubi  (Saladin für europäische Ohren), der die arabische Welt unter seiner Führung vereinigen wollte. Erst nachdem ihm dies gelang, wandte er sich den Kreuzfahrern zu und löschte sie aus.

Saladin war natürlich kein Kaufmann von Gräueltaten im IS-Stil. Er war ein zu tiefst menschlicher Herrscher und als solcher auch in der europäischen Literatur gefeiert (s. Walter Scott und Lessing). Aber seine Strategie ist jedem Muslim bekannt, einschließlich der Führer des heutigen islamischen „Kalifats“: vereinige erst die Araber, erst dann wende dich  den Ungläubigen zu.

WÄHREND DER letzten zweihundert Jahre ist die arabische Welt gedemütigt und unterdrückt worden. Die Demütigung hat noch mehr als die Unterdrückung  die Seele jedes arabischen Jungen und Mädchens versengt. Einmal bewunderte  die ganze Welt die arabische Zivilisation und die arabischen Wissenschaften (arabische Zahlen). Während des europäischen dunklen Mittelalters  waren die barbarischen  Europäer von den islamischen Ländern geblendet.

Kein junger Araber  kann darauf verzichten, den Glanz, des vergangenen Kalifats mit dem Elend der augenblicklichen arabischen Realität zu vergleichen; mit der Armut, der Rückständigkeit, der politischen Impotenz. Rückständige Völker wie Japan und China haben sich entwickelt und wurden Weltmächte, schlagen den Westen  mit ihren eigenen Schlichen, aber der arabische Riese bleibt ohnmächtig und verdient die Verachtung der Welt. Selbst  so ein winziges Land wie das  der Juden   (Juden um Allahs Willen) schlägt die arabischen Länder.

Ein riesiges Reservoir von Demütigung hat sich in der arabischen Welt zusammengebraut, unsichtbar und unbemerkt von den westlichen Mächten.

In solch einer Situation gibt es zwei Wege. Der eine ist der mühsame Weg:  sich von der Vergangenheit zu trennen und einen modernen Staat aufzubauen. Das war der Weg von Mustafa Kemal, dem türkischen General, der die Tradition (z. B. die arabische Schrift) verbannte und eine neue türkische Nation aufbaute(  und die lateinische Schrift einführte). Es war eine  tiefgründige Revolution, vielleicht die effektivste des 20. Jahrhundert. Er verdiente sich den Titel Atatürk, Vater der Türken.

In der arabischen Welt gab es einen Versuch, einen pan-arabischen Nationalismus zu schaffen, eine schwache Nachahmung des westlichen Originals. Gamal Abd-al-Nassar versuchte es und wurde problemlos  von Israel  geschlagen.

Der andere Weg ist, die Vergangenheit zu idealisieren und zu behaupten, sie neu zu beleben.  Das ist der Weg, den IS geht, und er ist  weithin erfolgreich. Mit wenig Aufwand  hat es große Teile Syriens und des Irak genommen, die offiziellen Grenzen gelöscht, die von westlichen Imperialisten (1919) gezogen wurden. Nachahmer schufen in der ganzen muslimischen Welt Ähnliches und haben viel Tausende  potentieller Kämpfer aus den muslimischen Ghettos aus dem Westen und  Osten angezogen.

Jetzt beginnt der IS seinen Marsch zum Sieg. Da scheint es keinen zu geben, der ihn anhält.

ALS ERSTES  weil keiner die Gefahr zu realisieren scheint. Eine Idee bekämpfen?  Zur Hölle mit Ideen. Ideen sind für Intellektuelle und dergleichen. Wirkliche Staatsmänner schauen auf die Fakten. Wie viele Divisionen hat der IS?

Zweitens gibt es rund herum noch andere Gefahren. Die iranische Bombe. Das syrische Chaos. Der Zusammenbruch von Libyien. Die Ölpreise. Und nun die Lawine von Flüchtlingen, meistens aus der muslimischen Welt.

Wie ein riesiges Kleinkind sind die USA hilflos. Sie unterstützen eine imaginäre, säkulare syrische Opposition, die nur an amerikanischen Universitäten existiert. Sie kämpft gegen den Hauptfeind des IS, das Assad-Regime. Sie unterstützen den türkischen Führer, der gegen die Kurden kämpft, die gegen den IS kämpft. Sie bombardieren den IS aus der Luft, riskieren nichts und erreichen auch nichts. Keine Stiefel auf den Boden. Um Himmels willen.

Regieren ist zu wählen, wie  Pierre Mendes-France  einmal sagte: In der gegenwärtigen arabischen Welt liegt die Wahl zwischen schlimm, schlimmer und am schlimmsten. Im Kampf gegen das Schlimmste, ist das Schlimme ein Verbündeter.

Sagen wir es unverblümt: Den IS zu stoppen versuchen, bedeutet, das Assad-Regime  zu unterstützen. Bashar al-Assad ist ein widerwärtiger Kerl, aber er hat Syrien zusammen gehalten, seine Minderheiten geschützt und die israelische Grenze ruhig gehalten. Verglichen mit dem IS ist er ein Verbündeter. So ist es auch mit dem Iran, ein stabiles Regime mit einer politischen Tradition, die Tausende von Jahren zurückreicht – im Gegensatz zu Saudi Arabien, Katar  und Genossen, die den  IS unterstützen.

Unser eigener Bibi ist so naiv  wie ein neugeborenes Kind. Er ist schlau,  oberflächlich und ignorant. Seine iranische Besessenheit macht ihn für die neuen Realitäten geradezu blind.

Fasziniert vom Wolf vor ihm, nimmt Bibi den  fürchterlichen Tiger nicht wahr  der hinter ihm naht.

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Texte von Uri Avnery

Erstellt von Gast-Autor am 20. September 2015

Jüdische Terroristen

Autor Uri Avnery

EINIGE MEINER besten Freunde baten mich, einen Artikel zu schreiben, der die  „Verwaltungshaft“ für jüdische Terroristen bedingungslos verurteilt.Drei verdächtige Terroristen sind schon nach dieser Methode verhaftet worden.Sie sind Mitglieder einer Gruppe, die den Lehren von Rabbi Meir Kahane folgen (der Anführer ist tatsächlich sein Enkel). Kahane war ein amerikanischer Rabbiner, der in dieses Land kam und eine Gruppe gründete, die vom Obersten Gericht als rassistisch und antidemokratisch bezeichnet wurde. Sie wurde gesetzlich verboten. Er wurde später in den USA von einem Araber ermordet. Eine Untergrundgruppe seiner Anhänger ist nun in Israel aktiv.

Dies ist eine der Gruppen, die zu einer geheimen Bewegung, die sich  „Preis Etikette“ oder „Hügeljugend“ nennt,  gehört. Sie hat schon verschiedene Terroraktionen ausgeführt: Brandanschläge auf christliche Kirchen und muslimische Moscheen, arabische Bauern angegriffen und ihre Olivenbäume zerstört. Keiner dieser Täter ist jemals festgenommen worden, weder von der Armee, die als Polizisten in den besetzten Gebieten agiert, noch von Polizisten im eigentlichen Israel. Viele Armeeoffiziere sind selbst Bewohner der – nach internationalem Gesetz illegalen –  Siedlungen in den besetzten Gebieten.

Die israelische Öffentlichkeit hat diesen Gräueltaten wenig Aufmerksamkeit geschenkt, aber die zuletzt geschehenen Dinge haben sogar selbstzufriedene Israelis geschockt. Das eine war der Brandanschlag  auf eine arabische Wohnung im kleinen Dorf Duma in der Westbank. Im Dunkel der Nacht wurde ein Brandsatz in die Wohnung einer armen arabischen Familie geworfen. Ein 16 Monate altes Kleinkind wurde zu Tode verbrannt, sein Vater, seine Mutter und der Bruder wurden schwer verletzt. Der Vater starb später im Krankenhaus.

Solche Akte von Brandanschlägen sind nichts Besonderes, doch bis jetzt gelang es den arabischen Familien, sich selbst zu retten

Eine andere Gräueltat wurde in Jerusalem – gegen Juden begangen. Ein ultra-orthodoxer Jude griff die jährliche  Love-Parade im Zentrum der Stadt an. Es gelang ihm,  mehrere Teilnehmer mit einem Messer anzugreifen, eine von ihnen – ein 16jähriges Mädchen  – starb später an seinen Verletzungen. Der Täter hatte genau dasselbe vor 10 Jahren getan. Er saß eine lange Gefängnisstrafe ab, war aber vor wenigen Wochen entlassen und tat dies nun noch einmal. Er ist ein ultra-orthodoxer Jude, der aber anscheinend keine Verbindung zur Kahane-Bande hat.

Dies war zu viel. Seit Jahren  war keiner für Taten von jüdischem Terrorismus verurteilt worden. Viele glauben, dass diese Akte in Zusammenhang mit der Besatzungsarmee und dem Shin Bet, dem internen Sicherheitsdienst begangen wurden. Jetzt jedoch gibt es einen öffentlichen Aufschrei, und die Behörden sind zu der Schlussfolgerung gekommen, dass sie etwas tun müssten.

Daher die Order über Verwaltungshaft.

ADMINISTRATIV- HAFT ist ein Vermächtnis des britischen Kolonialregimes, das Palästina bis Mai 1948 beherrschte. Der israelische Staat übernahm dieses und änderte nur einige kleine Aspekte.

Die Art der Haft erlaubt einem Militärkommandeur, eine Person ohne Gerichtsverhandlung ins Gefängnis zu stecken. Die Ermächtigung gilt für sechs Monate, kann aber unbegrenzt erneuert werden. Alle paar Monate muss der Gefangene vor einen regulären Richter gebracht werden, aber die Richter schreiten nur in seltenen Fällen ein. Die Richter nehmen stramme Haltung an , wenn ein Offizier des Militärs als Zeuge aussagt.

Der Gefangene hat kein Recht, das Beweismaterial gegen ihn einzusehen und seinen Anklägern gegenüber gestellt zu werden. Es ist ihm auch nicht erlaubt, von einem Anwalt vertreten zu werden. Der offizielle Grund ist, dass er nicht ohne Informanten oder Quellen von unschätzbarer Information, die lebensnotwendig sind, um wirksam den Terrorismus zu bekämpfen und Leben zu retten, vor Gericht gestellt werden kann.

DIESE METHODE  ist die ganze Zeit gegen palästinensische Verdächtige benutzt worden. Augenblicklich füllen viele Hunderte arabische Verwaltungsgefangene die Gefängnisse; einige von ihnen sind seit vielen Jahren in Haft. Seit Beginn der Besatzung 1967 sind hundert Tausende Palästinenser nach dieser Methode im Gefängnis gehalten worden. Für junge Palästinenser bedeutet dies fast eine Auszeichnung.

Kaum ein Jude ist jemals in Administrativhaft gehalten worden. Seit vielen Jahren ist diese Methode überhaupt nicht gegen Juden benützt worden. Die drei Kahanisten, die diese Woche ins Gefängnis gesteckt wurden, sind die ersten seit langer Zeit.

Militärische und zivile Funktionäre erklären diese Art der Haft als ein wesentliches und unersetzbares Mittel, um den jüdischen Terrorismus zu bekämpfen. Alle Kahane-Anhänger und andere faschistische Täter werden dahingehend trainiert, beim Verhör zu schweigen. Da sie sicher sind, dass sie nicht gefoltert werden, haben sie also keinen Grund zu reden. Sie lachen ins Gesicht ihrer Verhörenden.

Die arabischen Gefangenen haben natürlich kein solches Privileg. Sie wissen, wenn sie nicht reden, dass sie gefoltert werden können. Nach israelischem Gesetz ist Folter verboten, aber das Gericht erlaubt etwas, das sich „moderater physischer Druck“ nennt, der schnelle Erfolge erzielt.

Trotzdem darben viele Araber unter unbegrenzt langer Administrativhaft, weil es nicht genügend rechtlich akzeptable Beweise gibt, um sie vor Gericht anzuklagen, ohne „Quellen“ zu gefährden.

Gegenwärtig werden die drei Juden in Administrativhaft gehaltenen Juden in drei verschiedenen Gefängnissen gehalten, denen sich bald noch mehr anschließen werden, wie der Shin Bet verspricht.

VOR VIELEN Jahren, als ich der Herausgeber des Haolam Hazeh –Nachrichten-magazins war, veröffentlichten wir eine Zeit lang auch eine arabisch-sprachige Ausgabe. Eines Tages wurde einer meiner arabischen Mitarbeiter – nennen wir ihn Ahmed –  in Administrativhaft  geholt.

Als ich Krach schlug, erhielt ich einen überraschenden Anruf vom Shin Bet. Die Beziehungen zwischen dieser Organisation und mir waren  vom ersten Tag des Staates an angespannt. Das mag eine Unterreibung sein, da ihr Chef mich einmal offiziell  als der „Feind Nr.1 des Regimes“ bezeichnete.

Zu meiner größten Überraschung lud mich ein hochrangiger Shin-Bet-Offizier zu einem Gespräch ein: „Ich vertraue ihnen eine äußerst geheime Information an, weil ich möchte, dass sie unser Problem verstehen.“

Dann erzählte er mir, dass seine Leute einen Kurier gefangen hätten, der von einer größeren Terrororganisation nach Israel geschickt wurde, um lokale Kollaborateure  zu kontaktieren. Einer von diesen wäre unser Ahmed.

„Was  wollen Sie, dass wir mit ihm tun? Wir können ihn nicht zu einer Gerichts-verhandlung nehmen. Aber wenn wir ihn frei lassen, könnte ein tödlicher Terrorakt die Folge sein. Die Administrativhaft ist die einzig sichere Option.“

Ich war der Überzeugung, dass Ahmed kein Terrorist ist. Als ich noch darüber nachdachte, was zu tun wäre, wurde ich aus dem Dilemma gerettet: der Shin Bet stimmte unter der Bedingung zu einer Entlassung aus der Haft ein, wenn er das Land verlässt. Er ging in die US und erhielt eine „Grüne Karte“ (Arbeitsgenehmigung) vielleicht mit Hilfe des Shin Bet  Bei einem meiner Vorträge dort sah ich ihn in der 1. Reihe sitzen. Wir umarmten uns.

ICH ERZÄHLE diese Geschichte zum ersten Mal, um das Dilemma zu illustrieren. Indem man diese jüdischen Faschisten frei herumstreunen lässt, könnte dies noch mehr arabisches und jüdisches Leben kosten und vielleicht eine Katastrophe sein, zum Beispiel ein Brandanschlag  auf heilige muslimische Stätten. Es scheint keinen ernsten Beweis gegen sie zu geben. Falls es Shin Bet-Informanten in dieser Gruppe gibt, würde ihr Zeugnis vor Gericht sie entlarven.

Der Shin Bet und die Polizei werden von vielen von uns wegen völliger Inkompetenz angeklagt, wenn sie mit jüdischen Terroristen konfrontiert werden, während sie äußerst effizient sind, wenn sie mit palästinensischen konfrontiert werden. Schlimmer ist, dass wir den Shin Bet verdächtigen, von Siedlern durchsetzt zu sein und mit ihnen zu kollaborieren. Dem Shin Bet die Methoden der Administrativhaft zu nehmen, lähmt sie noch mehr oder liefert ihnen einen Vorwand für totalen Misserfolg.

In meiner späten Kindheit war ich Zeuge des Zusammenbruchs der deutschen demokratischen „Weimarer Republik“ in Deutschland. Die Nazi-SA-Leute  tummelten sich auf den Straßen, schlugen die Leute, die jüdisch aussahen, wechselten Schüsse mit den Kommunisten. Die Regierung war machtlos. Die Polizei und die Armee wurden von Adolf Hitlers Partei infiltriert. Die Richter straften die Kommunisten schwer, halfen den Nazi-SA-Leuten“ aber aus der Patsche.

Jahre später, als Deutschland in Trümmern lag wurde die Weimarer Republik der Feigheit angeklagt, weil sie nicht wagte, die ihr zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden – einschließlich nicht demokratischer Notstandsgesetzen, um die Nazis beizeiten zu bekämpfen. Will die israelische Republik dasselbe Schicksal riskieren?

Es ist ein wirkliches Dilemma. Es verlangt wirkliche Antworten. Nicht die leichten Antworten aus dem liberalen Handbuch. Verantwortliche Antworten. Antworten, relevant zur realen Welt.

Ich bin davon überzeugt, dass die Kahanisten und die anderen faschistischen Gruppen im heutigen Israel weit gefährlicher sind, als die meisten Leute glauben. Dies ist nicht nur eine Handvoll  wilden Unkrauts, wie man uns weis machen will. Dies ist ein nationaler Krebs, der sich schnell in unserm nationalen Körper ausbreiten kann.

Ich habe es schon  einmal gesehen.

ES IST ein schwieriges Dilemma. Auf jeden Fall für mich.

Stimmen wir der Verwaltungshaft zu, einer Haft ohne Gerichtsverfahren und ohne demokratische Sicherheitsmaßnahme, um vielleicht dadurch das Leben von Arabern und Juden zu retten, vielleicht schlimmere Katastrophen zu verhindern?

Oder halten wir uns streng an demokratische Prinzipien, entlassen alle, die in Administrativhaft gehalten werden, Araber wie Juden, auch wenn wir wissen, dass einige von ihnen  Taten wiederholen werden

Nach einer ernsten Gewissensprüfung stimme ich für die zweite Option. Aus moralischen und pragmatischen Gründen.

Moralisch glaube ich nicht, dass man eine Seuche mit Cholera bekämpfen kann. Die Administrativhaft ist eine faschistische Methode, auch wenn sie gegen Faschisten angewandt  wird.

Und weil es praktisch nicht helfen wird. Es ist so, als würde man Krebs mit Aspirin bekämpfen. Die Verhafteten werden durch andere ersetzt, vielleicht sogar durch Schlimmere.

Es besteht auch die Gefahr, dass die Verhaftung von wenigen als Entschuldigung dient, nichts gegen die Vielen zu tun.

Um diese Seuche zu bekämpfen benötigen wir bessere Ärzte. Der Shin Bet, die Polizei und Armee müssen von faschistischen Sympathisanten gesäubert werden. Offiziere, die der israelischen Republik loyal gegenüber sind, müssen ihren Platz einnehmen. Juden und Araber müssen in gleicher Weise behandelt werden.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Ich war die fünfte Enttäuschung

Erstellt von DL-Redaktion am 15. September 2015

Die Geschichte einer Frau in Palästina

von Sahar Khalifa

Wie wir alle wissen, gelten Frauen in der arabischen Kultur wie in vielen anderen Kulturen auch als das schwache Geschlecht, das andere Geschlecht, das ungleiche Geschlecht; das Geschlecht, das weder erbt noch den Namen der Familie weitergibt, das Geschlecht, das sowohl Kinder gebären als auch entsetzliche Schande über die Familie bringen kann.

Ich wurde von der Familie, in die ich hineingeboren wurde, mit einer Enttäuschung empfangen, die so groß war, dass alle in Schluchzen und Wehklagen ausbrachen. Sie hatten auf einen Knaben gehofft, aber zu ihrem Leidwesen war ich das fünfte Mädchen in Folge und daher die fünfte Enttäuschung oder, so empfand es meine Mutter, ihre fünfte Niederlage. Im Vergleich mit der Frau meines Onkels, die erfolgreich zehn kostbare Knaben zur Welt gebracht hatte, war meine Mutter eine Versagerin, eine Frau, der der göttliche Segen fehlte. Meine Mutter war schöner und intelligenter als meine Tante und alle anderen Frauen der Familie, dennoch galt sie bei allen als am wenigsten produktiv: Ihre Früchte hatten keinen Wert.

Ich habe diese Vorurteile und Vorstellungen geerbt. Seit meiner Kindheit musste ich mir immer wieder anhören, dass wir Mädchen ohnmächtig und hilflos seien, ein von der Natur verdammtes Geschlecht, auf ewig mit Schwäche geschlagen.

Vor ein paar Monaten erzählte mir meine jüngere Schwester, sie habe festgestellt, dass ich als einziges Mitglied der Familie Khalifa (die so weit verzweigt ist wie ein ganzer Volksstamm) in der palästinensischen Nationalenzyklopädie stehe. Mit einem erleichterten Seufzer fügte sie hinzu: „Nicht der Vater, nicht der Bruder, nicht der Onkel mit seinen zehn wunderbaren Söhnen, nicht ein einziges männliches Familienmitglied wurde in der Enzyklopädie erwähnt, nur du!“

Als arabische Frau habe ich verschiedene Epochen durchlebt, ich habe mich selbst mit dem Zeitgeist verändert und auch selbst zum Wandel beigetragen. Sogar unter sehr konservativen arabischen Familien ist es heute üblich, dass Mädchen zur Schule gehen. Sie werden Lehrerinnen, Ärztinnen, Ingenieurinnen, Pharmazeutinnen, Schriftstellerinnen, Journalistinnen, Musikerinnen und Künstlerinnen. Viele arabische Frauen gelten heutzutage als unentbehrlich, stärker, kreativer und bedeutender als Männer. Die Welt hat sich gewandelt.

Aber wenn ich das Bild sehe, das die westlichen Medien von uns zeichnen, sehe ich beklagenswerte, unterm Tschador verborgene Kreaturen, sogar mit Ledermasken, Haremsdamen hinter Schleiern, und ich frage mich verwundert, warum man uns auf diese eine starre Realität festlegt. Glaubt man etwa, dass wir anders geschaffen sind als andere Menschen weiblichen Geschlechts, unfähig zur Veränderung!?

Als Kind hatte ich einen Lehrer, der fortwährend das Wort „Veränderung“ im Mund führte, mit unterschiedlicher Betonung und Bedeutung, je nachdem, ob er über soziale Gerechtigkeit, über die Verteilung des arabischen Reichtums, über die Lage der arabischen Frau oder über archaische arabische Regime sprach. Alle, die ich kannte, achteten und bewunderten diesen Lehrer. Die Jungen wollten sein wie er, und die Alten waren stolz, wenn er von der Polizei gesucht wurde und sie ihn verstecken durften.

Als Teenager entdeckte ich, dass mein bewunderter Lehrer nicht der Einzige war, der von Veränderung und Gerechtigkeit sprach. Die meisten gebildeten Leute hatten ähnliche Überzeugungen und Gedanken und traten auch dafür ein. Ich entdeckte außerdem, dass Tausende aufgeklärter Menschen wie mein Lehrer verfolgt wurden oder in Gefängnissen dahinvegetierten – den Gefängnissen von Regimen, die von westlichen Mächten unterstützt, gestärkt und alimentiert wurden, von den Briten, den Franzosen und später den Amerikanern.

Wenn wir von Veränderung reden, erinnern wir Araber uns stets an den nationalistischen Führer, der dieser Stimmung wie kein anderer Nahrung gab: Gamal Abdul Nasser. Er hielt feurige und bewegende Reden, in denen er Gleichheit, Brüderlichkeit und soziale Gerechtigkeit beschwor. Der ägyptische Staatschef verstand es, den Massen eine neue Selbstachtung einzuflößen, indem er den beiden größten Kolonialmächten jener Zeit, Großbritannien und Frankreich, durch die Verstaatlichung des Suezkanals einen empfindlichen Schlag versetzte. Die Wut dieser beiden Mächte führte 1956 zu einem gemeinsamen Feldzug mit ihrem Verbündeten Israel, mit dem Ziel Nasser zu stürzen. Das Vorhaben scheiterte und Nasser ging aus dem Konflikt noch stärker und einflussreicher hervor.

Quelle: le monde diplomatique >>>>> weiterlesen

 

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber ISM Palestine

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Teile und herrsche

Erstellt von Gast-Autor am 13. September 2015

Divide et impera – Teile und herrsche

Autor Uri Avnery

BENJAMIN NETANJAHU  ist nicht als klassischer Gelehrter bekannt, doch übernahm er den römischen Leitspruch: Divide et impera, teile und herrsche.

Das Hauptziel – und vielleicht das einzige – seiner Politik ist, die Herrschaft Israels zu erweitern, als den „National-Staat des jüdischen Volkes“ über ganz  Erez Israel, das historische Land Palästina. Dies bedeutet, über die ganze Westbank zu herrschen und dieses mit jüdischen Siedlungen zu bedecken, seinen mehr als 2,5 Millionen arabischen Bewohnern aber die bürgerlichen Rechte zu verweigern.

Ost-Jerusalem mit seinen 300 000 arabischen Bewohnern ist offiziell von Israel schon annektiert worden, ohne ihnen jedoch die israelische Bürgerschaft zu gewähren oder das Recht, an den Knesset-Wahlen teilzunehmen.

Das lässt den Gazastreifen, eine winzige Enklave  mit mehr als 1,8 Millionen arabischen Bewohnern, allein; die meisten von ihnen sind Nachkommen der Flüchtlinge aus Israel. Es ist das letzte, das Netanjahu in das israelische Imperium auch einzuschließen wünscht.

Es gibt einen historischen Präzedenzfall. Nach dem Sinai-Krieg 1956, als Präsident Eisenhower verlangte, dass Israel sofort das ägyptische Territorium, das es erobert hat, zurückgibt, riefen viele Stimmen in Israel dazu auf, den Gazastreifen zu annektieren. David Ben-Gurion weigerte sich unnachgiebig. Er wollte keine Hundert Tausende mehr Araber in Israel. Also gab er auch den Streifen an Ägypten zurück.

Die Annexion von Gaza würde jetzt, während man die Westbank behält, eine arabische Mehrheit im jüdischen Staat schaffen. Stimmt, eine kleine Mehrheit, die aber schnell wächst.

DIE BEWOHNER der Westbank und des Gazastreifens gehören zum selben palästinensischen Volk. Sie sind eng durch nationale Identität und Familienbande verknüpft. Sie sind jetzt aber getrennte Entitäten, geographisch durch israelisches Gebiet getrennt, das an seiner schmalsten Stelle  nur etwa 45 km breit  ist.

Beide Gebiete wurden 1967 im Sechstagekrieg besetzt. Viele Jahre konnten sich Palästinenser frei von einem Gebiet zum andern bewegen. Palästinenser aus Gaza konnten in der Bir Zeit-Universität in der Westbank studieren, eine Frau aus Ramallah in der Westbank konnte einen Mann aus Beit Hanoun im Gazastreifen heiraten.

Ironischer Weise wurde die Bewegungsfreiheit 1994 mit dem Oslo-„Friedens“-Abkommen beendet, in dem Israel explizit die Westbank und den Gazastreifen als ein einziges Gebiet anerkannte und vier Passagen zwischen ihnen öffnen sollte. Doch wurde keine einzige je geöffnet.

Die Westbank wird jetzt dem Namen nach von der Palästinensischen Behörde verwaltet, die auch vom Oslo-Abkommen geschaffen wurde und die von der UN  und der Mehrheit der Nationen als Staat Palästina unter israelischer Militärbesatzung anerkannt wird. Sein Führer Mahmoud Abbas, ein enger Kollege des verstorbenen Yasser Arafat, hat sich dem arabischen Friedensplan verpflichtet, der von Saudi-Arabien initiiert wurde und der den Staat Israel in seinen Grenzen von 1967 anerkennt. Keiner zweifelt daran, dass er Frieden wünscht, der sich auf eine Zwei-Staaten-Lösung gründet.

1996 WURDEN die allgemeinen Wahlen in beiden Gebieten von der Hamas (arabische Initialen für „Bewegung des islamischen Widerstandes“) gewonnen. Auf israelischen Druck hin wurden die Ergebnisse annulliert. Gewalttätig übernahm die Hamas daraufhin die Kontrolle über den Gazastreifen. Da sind wir jetzt: zwei getrennte palästinensische Entitäten, deren Regierende sich gegenseitig hassen.

Oberflächliche Logik würde der israelischen Regierung diktieren, Mahmoud Abbas zu unterstützen, der sich für den Frieden engagiert, und ihm gegen die Hamas helfen, die wenigstens offiziell sich damit befasst, Israel zu zerstören. Nun das ist nicht unbedingt der Fall.

Es stimmt, dass Israel mehrere Kriege gegen die im Gazastreifen herrschende Hamas geführt hat. Es hat sich aber nicht darum bemüht, es wieder zu besetzen, nachdem es sich 2005  daraus zurück gezogen hat. Netanjahu will, genau so wenig wie Ben-Gurion vor ihm, all diese Araber. Er gibt sich mit einer Blockade zufrieden, die den Gazastreifen „zum größten Freiluft-Gefängnis der Welt“ macht.

Doch ein Jahr nach dem letzten Israel-Gaza-Krieg ist die Region voller Gerüchte über indirekte Verhandlungen, die im Geheimen zwischen Jerusalem und Gaza über einen langen Waffenstillstand („hudna“ auf Arabisch) geht, ja, der sogar an einen inoffiziellen Frieden grenzt.

Wie geht das? Frieden mit dem radikal feindlichen Regime in Gaza, während sie gegen die Friedens-orientierte Palästinensische Behörde in der Westbank opponiert?

Das klingt verrückt, ist es aber nicht. Für Netanjahu ist Mahmoud Abbas der größere Feind. Er zieht die internationale Sympathie an , die UN und die meisten  Regierungen der Welt erkennen seinen Staat Palästina an; er mag auf dem Weg sein, einen wirklich unabhängigen palästinensischen Staat zu errichten, einschließlich Gaza.

Solch eine Gefahr droht nicht vom Hamas-Ministaat in Gaza. Er wird  weltweit, selbst von den meisten arabischen Staaten, als „terroristischer“  Ministaat geächtet. Keiner will ihn anerkennen.

SIMPLE PRAGMATISCHE Logik könnte Israel in Richtung Hamas stoßen. Die winzige  Enklave stellt keine wirkliche Gefahr für die israelische Militärmaschine dar, höchstens eine kleine Irritation, der alle paar Jahre mit einer kleinen militärischen Operation begegnet werden kann – wie es während der letzten paar Jahre geschah.

Es würde für Netanjahu logisch sein, mit dem Regime in Gaza einen inoffiziellen Frieden zu machen und weiter gegen das Regime in Ramallah zu kämpfen. Warum die Seeblockade des Gazastreifens aufrecht halten? Warum nicht das Gegenteil tun? Lasst die Gazaner einen Tiefseehafen bauen und ihren wunderschönen internationalen Flughafen wieder aufbauen, (den Israel zerstört hat)? Es würde kein Problem sein, eine Inspektion einzurichten, um den Waffenschmuggel zu verhindern.

Einmal war die Rede davon, Gaza in ein arabisches Singapur zu verwandeln. Das ist eine große Übertreibung, doch der Gazastreifen könnte eine reiche Handelsoase werden, ein Hafen für die Westbank, Jordanien und drüber hinaus.

Dies würde das PLO-Regime in der Westbank in den Schatten stellen, sein internationales Ansehen entziehen und die Gefahr des Friedens abwenden. Die Annexion der Westbank  – die jetzt sogar von den israelischen Linken „Judäa und Samaria“ genannt wird – könnte langsam, zunächst inoffiziell, dann offiziell  fortschreiten. Jüdische Siedlungen würden sich im Land immer mehr verbreiten und am Ende würde nichts außer ein paar kleinen palästinensischen Enklaven bleiben. Die Palästinenser würden ermutigt sein, wegzugehen.

ZUM GLÜCK(für die Palästinenser) ist solch logisches Denken  für Netanjahu und seine Anhänger fremd. Nun zwei Alternativen gegenüberstehend, wählt er keine.

Während er eine inoffizielle Hudna mit der Hamas in Gaza sucht, hält er die totale Blockade über dem Gazastreifen aufrecht. Gleichzeitig verstärkt er die Unterdrückung in der Westbank, wo die Besatzungsarmee jetzt routinemäßig etwa sechs Palästinenser pro Woche tötet.

Hinter dieser Nicht-Logik lauert ein Traum: der Traum, dass am Ende alle Araber Palästina verlassen und uns alleine lassen.

War dies die verborgene Hoffnung des Zionismus von Anfang an? Wenn man seine Literatur beurteilt, ist die Antwort nein. In seiner futuristischen Novelle „Altneuland“ beschreibt Theodor Herzl ein jüdisches Gemeinwesen, in dem Araber glücklich als gleiche Bürger leben. Der junge Ben Gurion versuchte sogar zu beweisen, dass die palästinensischen Araber in Wahrheit Juden seien, die irgendwann keine andere Wahl hatten, als zum Islam überzutreten. Vladimir Jabotinsky, der extremste Zionist und Vorvater der heutigen Likudpartei, schrieb ein Gedicht, in dem er einen jüdischen Staat voraussah, in dem „Der Sohn Arabiens, der Sohn von Nazareth und mein Sohn/ zusammen im Überfluss und glücklich leben werden.“

Doch viele Leute glauben, dass dies leere Worte seien, auf die Realitäten ihrer Zeit eingestellt, dass aber dahinter der grundsätzliche Wille stand, ganz Palästina exklusiv in einen jüdischen Staat zu verwandeln. Dieser Wunsch, so glauben sie, hat unbewusst alle zionistischen Aktionen damals bis heute geleitet.

Diese Situation resultiert jedoch nicht von irgendwelchen diabolischen israelischen Plänen. Israelis planen die Dinge nicht, sie schieben sie vor sich her.

Indem es in zwei sich gegenseitig hassende Entitäten geteilt ist, kollaboriert das palästinensische Volk tatsächlich mit diesem zionistischen Traum. Statt sich gegen einen weit überlegeneren Besatzer zu vereinen, unterminieren sie einander. In beiden Mini-Hauptstädten, Ramallah und Gaza, herrscht nun eine lokale Herrscherklasse, die ein Interesses hat, die nationale Einheit zu sabotieren.

Statt sich gegen Israel zu vereinen, hassen sie sich und kämpfen gegen einander. Die kleine palästinensische Nation in zwei noch kleinere, einander feindliche Gebilde zu teilen, die gegenüber Israel hilflos sind, ist ein Akt  politischen Selbstmords.

Anscheinend hat der israelische Traum des rechten Flügels gewonnen. Das palästinensische Volk, aus einander gerissen und gespalten durch gegenseitigen Hass, ist weit davon entfernt, erfolgreich für Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen. Dies ist aber eine vorläufige Situation.

Am Ende wird diese Situation explodieren, die palästinensische Bevölkerung, die von Tag zu Tag (von Nacht zu Nacht) wächst, wird wieder zusammen kommen und den Kampf für Freiheit wieder aufnehmen. Wie jedes andere Volk auf Erden werden sie für ihre Freiheit kämpfen.

Deshalb kann das „Teile und herrsche“-Prinzip  sich in eine Katastrophe wandeln. Das wirkliche langfristige Interesse Israels ist, mit dem ganzen palästinensischen Volk Frieden zu machen, das friedlich in einem eigenen Staat und enger Kooperation mit Israel lebt.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Das Gesicht eines Jungen

Erstellt von Gast-Autor am 6. September 2015

Das Gesicht eines Jungen

DIE UNTATEN von Napoleons Besatzungsarmee in Spanien wurden nicht fotografiert. Die Fotografie war noch nicht erfunden worden. Die tapferen Kämpfer gegen die Besatzung mussten sich auf  Francisco Goya verlassen, dem unsterblichen Maler des Widerstandes.

Die Partisanen und Untergrundkämpfer gegen die deutsche Besatzung ihrer Länder im 2. Weltkrieg hatten keine Zeit, Fotos zu machen. Selbst der heroische Aufstand des jüdischen Ghettos in Warschau wurde nicht von den Partisanen  gefilmt. Die Deutschen filmten ihre Gräueltaten selbst. und da sie Deutsche waren, katalogisierten sie sie und bewahrten sie in ordentlicher Weise.

Währenddessen ist die Fotografie  allgemein geworden. Die israelische Besatzung in den palästinensischen besetzten Gebieten wird die ganze Zeit über gefilmt. Jeder hat sein  Zellulargerät und macht Bilder. Israelische Friedensgruppen  haben Kameras an viele arabische Bewohner verteilt.

Soldaten schießen mit Gewehren. Die Palästinenser schießen Bilder.

Es ist noch nicht klar, was auf die Dauer wirksamer ist, die Kugeln oder die Fotos.

EIN TESTFALL ist ein kurzer Clip, der vor kurzem in einem entfernten Westbank-Dorf mit Namen Al Nabi Saleh aufgenommen wurde. Jeder Israeli hat diese Aufnahmen jetzt viel Male aufgenommen. Sie wurden immer wieder von allen israelischen TV-Stationen gezeigt. Viele Millionen rund um die Welt haben sie auf ihrem lokalen TV gesehen. Sie machen die Runde in den sozialen Medien.

Der Clip zeigt einen Vorfall, der sich vor zwei Wochen am Freitag nahe des Dorfes zugetragen hat. Nichts Besonderes. Nichts Schreckliches. Nur ein Routineereignis. Das Bild aber ist unvergesslich.

Das Dorf Nabi Saleh liegt nicht weit von Ramallah  in der besetzten Westbank. Es wird zu Ehren eines Propheten  genannt (Nabi bedeutet auf Arabisch und Hebräisch Prophet), der vor Muhammad lebte und von dem gesagt wird, dass er dort beerdigt wurde. Sein aufwendiges Grab ist der Stolz der 550 Bewohner.

Al-Nabi Saleh ist auf den Resten eines Kreuzfahrer-Außenposten erbaut, der wieder auf den Resten eines byzantinischen Dorfes erbaut wurde. Seine Geschichte geht wahrscheinlich auf die alten kanaanitischen Zeiten zurück. Ich glaube, dass die Bevölkerung dieser Dörfer sich nie geändert hat – sie änderten ihre Religion und Kultur entsprechend den Herrschern. Sie waren abwechselnd Kanaaniter, Israeliten Assyrer, Griechen, Römer, Byzantiner und schließlich Araber.

Die letzte Besatzung (bis heute) ist die israelische. Die neuen Besatzer haben kein Interesse, dass die Einheimischen konvertieren. Sie wollen nur  ihr Land nehmen und wenn möglich, sie dahin bringen, dass sie gehen. Auf einem Teil des Landes von Nabi Saleh wurde eine israelische Siedlung  errichtet, mit Namen Halamisch („Flint“ Feuerstein).

Der Konflikt zwischen dem Dorf und den neuen „Nachbarn“ begann sofort. Zwischen ihnen liegt ein alter Brunnen, die die Siedler renovierten und  nun behaupten, es sei ihre eigene. Das Dorf ist nicht bereit, die Quelle aufzugeben.

Wie in vielen andern Dörfern des Gebietes, wie z.B. in Bilin, findet an jedem Freitag direkt nach dem Mittagsgebet in der Moschee eine Demonstration gegen die Besatzung, die Mauer und die Siedler statt. Einige israelische Friedensaktivisten und internationale Freiwillige nehmen daran teil. Die Demonstranten sind gewaltlos, aber von den Seiten werfen oft Jugendliche und Kinder Steine. Die Soldaten  antworten mit Gummi-ummantelten Stahlkugeln, Tränengas und Schock-Granaten  und manchmal schießen sie auch scharf.

Wie in vielen kleinen arabischen Dörfern, gehören die meisten Bewohner zu einer weitläufigen Familie, in diesem Fall die Taminis. Ein Tamini-Junge wurde  bei einer der Demos erschossen, ein Mädchen wurde in den Fuß geschossen. Es ist ein Tamini-Junge, der bei dem letzten Ereignis eine Hauptrolle spielt.

DER CLIP, der die Welt schockierte, begann mit einem einzigen Soldaten, der offensichtlich geschickt war, einen Jungen zu verhaften, der angeblich einen Stein geworfen hatte.

Der Soldat sprang über das felsige Gelände, sah nach dem Jungen, der sich hinter einem Felsen versteckte und packte ihn. Es ist der 12jährige Muhammad Tamini, mit einem Arm im Gipsverband.

Der Soldat legte seinen Arm um den Hals des Jungen, der vor Schreck schrie. Bald erschien seine 14jährige Schwester und bald danach seine Mutter und andere Frauen. Sie zerrten alle an dem Soldaten, der versuchte sie, mit dem andern Arm wegzustoßen. Während des wilden Kampfes biss die Schwester in den Arm des Soldaten, der das Gewehr hielt.

Der Soldat ist maskiert. Das ist etwas Neues. Warum sind sie maskiert? Was verbergen sie? Schließlich sind sie keine russischen Polizisten, die Rache vor Gangstern fürchten. Als ich vor langer Zeit Soldat war, waren Masken unbekannt.

Während des Durcheinanders gelang es einer der Frauen, die Maske des Soldaten abzureißen. Wir sehen sein Gesicht – es ist ein junger Mann, wohl erst kürzlich von der Oberschule gekommen. und offensichtlich weiß er nicht, was er tun soll. Rund herum standen Fotografen. Man sieht ihre Füße.

Würde der Soldat sein Gewehr benützt haben, wenn die Fotografen nicht dagewesen wären? Schwer zu sagen. Vorkurzem schoss ein Brigade-Kommandeur  und tötete einen Jungen, der einen Stein auf sein Auto geworfen hatte. Die Armee nahm dies  hin und lobte sogar solche Akte der „Selbstverteidigung“.

Einige Minuten ging dies weiter – der Junge schrie und flehte. Die Frauen stießen und schlugen. Der Soldat stieß zurück, jeder schrie. Dann näherte sich ein anderer Soldat und sagte dem ersten Soldaten, das Kind  loszulassen, den man wegrennen sieht.

WIR WISSEN nicht, wer der Soldat ist. Es ist schwer, seinen Hintergrund zu erraten. Es ist nur ein Soldat, einer von vielen, die die Besatzung aufrecht erhalten, die jede Woche der Demonstration gegenüberstehen.

Ein anderer Gesichtspunkt dieses Ereignisses  betrifft einer der Demonstranten, der einen Augenblick mit der Kamera gefangen wurde. Er wurde erkannt.

Er ist der Lehrer, der den Namen von zwei berühmten Personen trägt – den des Gründers des Zionismus: Theodor Herzl und des Komponisten Franz Schubert. Herzl Schubert ist ein alter linker Friedensaktivist, den ich bei vielen Demonstrationen traf.

Am Morgen, als dieser Film auf allen israelischen Kanälen gezeigt wurde, kam der Schrei auf, ihn zu entlassen. Was, ein linker Friedensdemonstrant im Klassenzimmer?

Schubert wurde nicht angeklagt, seine Meinung im Klassenzimmer zu predigen. Seine Friedensaktivitäten fanden nicht während seiner Arbeitszeit statt. Allein die Tatsache, dass er  in seiner freien Zeit an einer Demonstration teilnahm, war genug. Sein Fall wird jetzt von Erziehungsministerium „näher betrachtet“.

Dies ist übrigens kein Ausnahmefall. Eine geachtete Lehrerin, die als Schulleiterin einer Kunstschule ausgewählt war, wurde blockiert, als – vor vielen Jahren – ihre Unterschrift mit anderen auf  einer Petition entdeckt wurde, die die Armee aufrief, Soldaten zu erlauben, den Wehrdienst in den besetzten Gebieten zu verweigern. Die Petition rief nicht zur Wehrpflichtverweigerung auf; sie bat nur darum, die moralische Entscheidung der Verweigerer zu respektieren. Das  genügte. Das Ministerium  – jetzt von  einem nationalistisch-religiösen Demagogen geleitet –  versprachen „über die Sache nachzudenken“.

Diese Fälle eines neuen McCarthyismus  betreffen natürlich nur Linke. Keiner fordert den Rabbiner auf, seinen Posten aufzugeben, der das Verkaufen oder Vermieten von Wohnungen an Araber verbietet. Oder der Rabbi, der schrieb, dass unter gewissen Umständen es erlaubt sei, Nicht-Juden zu töten, einschließlich Kinder. Ihr Gehalt wird weiter vom Staat gezahlt.

VIELE MILLIONEN rund um die Welt haben jetzt den Nabi Saleh Film gesehen. Es ist unmöglich, den Schaden einzuschätzen.

Es ist nicht so, dass dieser Clip besonders abscheulich ist. Es geschah nichts Schreckliches. Es ist nur das Gesicht der Besatzung, das gegenwärtige Gesicht Israels, das sich den Köpfen der Zuschauer einprägt.

Fast alle Neuigkeiten, die seit vielen Jahren  aus Israel kommen, beziehen sich auf Taten und Untaten der Besatzung.

Vergangen und vergessen ist das Gesicht Israels, als der progressive Staat  von den Opfern des abscheulichsten Massenverbrechens in der modernen Geschichte geschaffen wurde. Der Staat der Pioniere, die die „Wüste zum Blühen brachten“. Die Bastion der Freiheit und der Demokratie  verwandelte sich in eine turbulente Region.

Das Bild ist seit langem ausgelöscht. Das Israel, das sich heute der Welt präsentiert, ist ein Staat von Besatzern, Unterdrückern und brutalen Kolonisten, von  bis zu den Zähnen bewaffneten Soldaten, die Leute mitten in der Nacht Leute – auch Kinder –  verhaften und sie während des Tages  verfolgen.

Dieses  Gesicht verändert die Vorstellung Israels in aller Welt. Jeder TV-Clip und Nachrichtenartikel bringt  unmerklich den Wandel zustande. Die Haltung einer gewöhnlichen Person in der Welt, ja sogar der Juden, hat sich geändert. Der Schaden dauert und ist wahrscheinlich unabänderlich.

Das verängstigte Gesicht des jungen Muhammed Tamimi mag uns noch lange Zeit verfolgen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Auf der Suche nach einem Held

Erstellt von Gast-Autor am 30. August 2015

Auf der Suche nach einem Held

Autor Uri Avnery

 VOR ETWA 60 Jahren schrieb der ägyptische Herrscher Gamal Abd-Al Nasser ein Buch über die „Philosophie der Revolution“. Indem er das Schauspiel  Luigi Pirandello („Sechs  Figuren auf der Suche nach einem Autor“)  nachahmte, behauptete er, dass die arabische Welt  „Auf der Suche nach einem Held war“, um sie zu vereinigen.

Zur Zeit schreit der Auftrag nach einem Held, um eine israelische Kraft zu schaffen, die in der Lage ist, Benjamin Netanjahu  und seine  Gang politischer Hooligans loszuwerden.

 Irgendwo  unter den Millionen israelischer Männer und Frauen muss der Held/ die Heldin  verborgen sein, der/die  Israel retten wird.

ZEHAVA GALON, die Führerin der Meretz-Partei, schockierte letzte Woche viele ihrer Anhänger, als sie laut darüber nachgrübelte, dass ihre Partei sich mit einer anderen Partei vereinigen muss, um zu überleben, und an den Bemühungen teil nimmt, die  rechte Regierung zu ersetzen.

Offensichtlich sprach sie  aus Furcht. Meretz, die linke zionistische Partei, war bei den letzten Wahlen fast ausgeschaltet worden. Auf der Höhe der Wahl-Kampagne zeigten Meinungsumfragen, dass die Partei die 4%-Minimum-hürde nicht passieren könnte. Eine der Folgen wäre der Verlust all ihrer Stimmen gewesen.

Die Berichte alarmierten viele Wähler, die in der letzten Minute zur Wahl eilten, um Meretz zu helfen. Statt für Labor (dieses Mal verschleiert als „das zionistische Lager“)  zu stimmen, stimmten sie für Meretz und retteten sie.  Sie kam mit fünf Sitzen in die Knesset, gerade noch vor der Minimumklausel.

Für Galon und ihre Kollegen war der Schock groß. Am Morgen der Wahl trat sie zurück, aber kurz danach, als sie mehr darüber nachdachte, verzichtete sie auf den Rückzug. Sie blieb die Führerin der Partei.

Jetzt fürchtet sie offensichtlich, dass Meretz bei den nächsten Wahlen verschwinden könnte. Sie möchte Meretz in irgendeiner Weise mit wenigstens einer anderen Partei verbinden.

Meretz liegt zwischen dem „Zionistischen Lager“ und der „Gemeinsamen Liste“, die alle arabischen Parteien vereint, die auch fürchten, dass sonst keiner ihrer Komponenten die 4%-Hürde überschreitet.

Die Sorge (für Galon) ist, dass keiner der beiden angrenzenden Parteien irgendwelche Bereitschaft zeigt, ihre Partei zu empfangen.

Das „Zionistische Lager“ (alias Arbeits-Partei)  fürchtet sich sehr, als Linke  bezeichnet zu werden.  Es wünscht  „Zentrum“ zu sein, im Glauben, dass dort die Stimmen gefunden werden können, die es verzweifelt benötigt, um wieder an die Macht zu kommen. Eine Union mit Meretz zu akzeptieren, würde es mit einer noch schlechteren linken Tönung versehen.

Andrerseits kann die arabische Liste auch Meretz nicht heiraten. Die Liste besteht aus drei voneinander abweichenden Kräften: den Kommunisten (die einige jüdische Mitglieder einschließt), die Islamisten und die arabischen Nationalisten. Wenigstens die zwei Letzteren werden keine zionistisch-jüdische Partei in ihrem Bündnis akzeptieren.

Galons sehnsüchtiger Plan hat deshalb sehr wenige Chancen, in Erfüllung zu gehen. Meretz, die auf ihrem Höhepunkt 12 Knesset-Mitglieder hatte, ist in existentieller Gefahr. Das würde bedeuten, dass die wenigen Chancen, um die Macht von der  extrem rechten Koalition zu erringen, noch geringer werden würden.

AN DER ganzen Auffassung ist etwas grundsätzlich falsch.

Politik ist kein Legospiel. Man kann Parteien nicht wie Bauklötze behandeln, zusammensetzen oder auseinandernehmen. Parteien bestehen aus Menschen, von denen jeder seine eigene Meinung hat.

Indem man zwei unrentable Parteien zusammenfügt, schafft man  notwendigerweise keine gewinnende Partei. In der Politik sind zwei plus zwei nicht immer vier. Wenn man Glück hat, können es fünf sein. Aber sie können leicht auch  nur drei sein.

Eine Vereinigung von Meretz mit dem Zionistischen Lager könnte eine Menge zentristischer Stimmen verlieren, die linke Einstellungen verachten, und gleichzeitig könnte die Vereinigung Linke verlieren, die ihre kostbaren Stimmen nicht dem zionistischen Lager  geben würden, das sie nicht ohne Grund als eine Art geminderter Likud ansehen.

Die Haltung des Zionistischen Lagers ist bestenfalls  wischiwaschi. Sein Führer Yitzhak Herzog ist freiwillig als Netanjahus Vertreter im stupiden Propagandakrieg gegen den US-Iran-Deal in die US gegangen.  Es  erhebt seine Stimme nicht gegen das fast tägliche Erschießen von Palästinensern in der besetzten Westbank. Es flüstert nur im Kampf gegen die Industriemagnaten, die Israels wenige natürlichen Ressourcen plündern. Es erhebt kaum seine Stimme gegen die Likud-Kampagne gegen den Obersten Gerichtshof. (Ein stellvertretender Likud-Minister verlangte die Disqualifikation der arabischen Richter, die die Nationalhymne nicht mitsingen, die die „jüdische Seele“ feiert.)

Meretz ist nicht viel mutiger. Sie spricht kaum das Wort „Frieden“ aus, sie spricht lieber über ein „politisches Abkommen“. Keiner stirbt für ein „politisches Abkommen“.

Viele Meretz-Wähler mit profunden zionistischen Überzeugungen werden nicht für eine Liste stimmen, die arabische Mitglieder wie das Knesset-Mitglied Hanin Zuabi einschließt, eine provokative Person, die durchschnittliche jüdische Israelis schockiert.

ABER DAS Hauptproblem betrifft die Führung.

Zehava Galon ist eine nette Person. Sie ist ehrenhaft und aufrichtig. Sie denkt und sagt all die richtigen Dinge. Man konnte sie mit gutem Gewissen wählen.

Das Problem ist, dass sie kein Charisma hat. Man kann für sie stimmen, sie unterstützen, sie gern haben. Aber man kann sich nicht für sie begeistern. Sie ist keine  mitreißende Rednerin. Sie zieht keine Hingabe auf sich.

Leider gilt dies auch für alle andern Führer der potentiellen Allianz. Yitzhak Herzog, Zipi Livni und Shelly Jachimovitch sind alles gute Leute. Ich würde, ohne zu zögern, von jedem von ihnen einen Gebrauchtwagen kaufen. Sie sprechen oft sensible Dinge aus. Aber keiner von ihnen kann Leute aufrütteln, sie anheizen, sie dazu bringen, ihnen in Massen nachzufolgen.

Noch schlimmer ist, dass keiner von ihnen etwas Neues zu sagen hat. Alle können ziemlich langweilig sein. Wenn man sie am TV beobachtet, reißt einen das nicht aus dem Sessel und auf die Straße, um  „weg mit Netanjahu!“ zu rufen..

WAS ISRAEL nötig hat, ist ein Held. Einen wahren Führer.

Eine Person (männlich oder weiblich)  die die Leute inspiriert, die ihre Liebe  und Hingabe anzieht, die sie wünschen lässt, die Dinge zu ändern.

Nicht nur am Wahltag, einmal alle paar Jahre, sondern jeden Tag, jetzt.

Es ist nicht nur eine Sache der Persönlichkeit, des Charisma, auch wenn dies wesentlich ist. Es ist vor allem eine Sache der Ideen, der Überzeugungen.

Die Menschen in Israel haben den Eindruck, dass die Linke ohne etwas Neues geblieben ist. Keine neuen Gesichter, keine neuen Ideen, seit langer, langer Zeit keine neuen Slogans. Die Linke – wie soll man es ausdrücken – regt nicht auf.

Keiner wird für etwas sterben, das sich „Mitte-Links“ nennt. Das ist ein amerikanischer Import, ohne Wurzeln in israelisch politischen Traditionen. Es drückt die Idee von etwas Kraftlosem, Unverbindlichen, Vagen aus, ein bisschen von diesem und ein bisschen von jenem.

Was wir brauchen, ist jemand, der eine neue Flagge hebt, der eine neue Überzeugung ausstrahlt, der in der Lage ist, die ewigen Wahrheiten in neue ideologische Gewänder zu kleiden –  Frieden, ja,  Gleichheit ja,  Gerechtigkeit und Patriotismus, ja – in einer Weise, dass  die Leute und besonders junge Leute sich dafür begeistern.

In der jüdischen Legende ist es der Makkabäer, der die Flagge hochhält und schreit: „Wer für Gott ist, der folge mir!“  Etwas in dieser Art brauchen wir jetzt.

NACH DEN letzten Wahlen hoffte ich, dass jetzt so etwas geschehen würde. Jeder war schockiert. Netanjahus Überraschungssieg und das Aufstellen einer sehr extremen Regierung sollte jeden richtig-Denkenden israelischen Patrioten aus seiner Gleichgültigkeit herausreißen.

Nun, es geschah nicht. Ein paar Tage lang gab es viel Aufregung; Politiker sprachen über „einen neuen Anfang“ und das war es denn auch. Alles kehrte gemütlich zu dem zurück, wie es vorher war.

Außer dass es eine von Leuten zusammengesetzte Regierung gibt, die  sich keiner von uns vor dreißig Jahren hätte vorstellen können. Wie ein Schwarm Moskitos haben sie sich auf das Land gesetzt, indem sie Gesetze vorschlagen und erlassen, dass einem die Haare zu Berge stehen. Zehn Jahre Gefängnis fürs Werfen eines Steins – doch nicht, wenn der Werfer ein jüdischer Siedler ist, der Soldaten gegenübersteht, wie es mehrfach in dieser Woche geschah. (Jemand machte den Witz: Goliath würde den jungen David ins Gefängnis geworfen haben – die Bibel würde dann ganz anders aussehen.)

Wie ist es möglich, dass dieser Haufen fanatischer Anti-Demokraten Minister  und stellvertretende Minister werden? Netanjahu bemühte sich darum, alle Moderaten aus seiner Partei hinauszuwerfen, sensible Anhänger von Vladimir Jabotinsky und Menachem Begin, die im Wettstreit mit ihm hätten siegen können. Stattdessen zog er eine Gruppe von ungebärdig begieriger, aber unbedeutender Personen ohne jede Qualifikation – außer einem gewalttätigen Charakterzug. Sie  sitzen jetzt in den Ministerien.

Es ist meine Überzeugung, dass man einen Führer nach dem beurteilen kann, mit wem es sich umgibt.  Ein selbstsicherer Führer wählt ernste und kompetente Mitarbeiter. Ein Führer, der selbst unsicher ist, umgibt sich mit unbedeutenden Personen, die seine Position nicht gefährden und im Vergleich mit ihnen  wie ein Genie aussieht. Kurz gesagt: Netanjahu.

ES GIBT einen Punkt in Zehava Galons Vorschlag, der besondere Aufmerksamkeit verdient. Sie schlug die Möglichkeit einer Union  zwischen Meretz und der Arabischen Liste nicht aus. Im heutigen Israel käme dies einer geistigen Revolution nahe.

Während der ersten Jahrzehnte Israels war die Verbindung zwischen dem israelischen Friedenslager und den arabischen Bürger eng und wurde enger. Ich selbst habe am Organisieren vieler gemeinsamer Demonstrationen für Frieden und Gleichheit teilgenommen.

Während der letzten paar Jahrzehnte, hat sich dieser Prozess umgekehrt, bis fast nichts mehr davon übrigblieb.  Die arabischen Bürger sind von der jüdischen Linken  tief enttäuscht; jüdische Linke befürchten als „Araber-Liebhaber“  und Anti-Zionisten gebrandmarkt  zu werden.

Dasselbe geschah zwischen der israelischen Friedensbewegung und den Palästinensern in den besetzten Gebieten. Israels Linke fürchteten, unpatriotisch auszusehen. Nach Yitzhak Rabins Ermordung, empfanden die Palästinenser, dass israelische Linke sich nicht sehr von israelischen Rechten unterscheiden. Auch nach Arafats Tod fürchten Palästinenser alles, das wie „Normalisierung“ aussieht, das so gedeutet werden könnte, als wäre man mit der Besatzung einverstanden.

Von keinem sensiblen Israeli kann erwartet werden, an den Frieden zu glauben, wenn nicht einmal israelische Linke mit arabisch politischen Kräften in Israel zusammen arbeiten können, noch weniger mit den Palästinensern in den besetzten Gebieten.

Solch eine Zusammenarbeit  zu schaffen, wäre deshalb das Erste jedes Neu-Erwachens von israelischen Friedenskräften und einer breiten neuen Bewegung, die die Koalition des rechten Flügels, die Israel weg vom Frieden, von der Demokratie, von der Gerechtigkeit zieht, stürzt.

Falls der Held zuhört, lasst ihn (oder sie) bitte, aufstehen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Sheldons Handlanger

Erstellt von Gast-Autor am 23. August 2015

Sheldons Handlanger

Autor Uri Avnery

 IM JAPAN der guten alten Zeiten würde Benjamin Netanjahu jetzt Harakiri begangen haben.

Im England jener Zeiten würde der König ihn als Gouverneur zur entferntesten Insel im Pazifischen Ozean  gesandt haben.

In Israel muss seine Popularität steigen.

Weil in unserm Land das alte Sprichwort eine neue Wendung erhält: Nichts hat so viel Erfolg wie Misserfolg.

UND WAS für einen Misserfolg! WAU!!!

Praktisch hat er dem Präsidenten der USA, dem Führer der freien Welt, dem obersten Beschützer des Jüdischen Staates, den Krieg erklärt.

Es ist noch nicht  so lange her, dass man gedacht hatte, dass dies unmöglich sei. Aber für Benjamin Netanjahu ist nichts unmöglich.

Für jemanden, der gerade vom Planeten Mars zu einem Besuch kommt, ist hier eine kurze Liste über Israels Abhängigkeit von den USA: es bekommt von ihnen den Hauptteil seiner schweren Waffen und muss sie nicht einmal bezahlen, es kann sich darauf verlassen, dass sie  alle UN-Sicherheits-Resolutionen, die Israels Taten und Untaten verurteilen,  mit einem Veto belegen; es erhält jedes Jahr von den US Milliarden Dollar, obwohl die israelische Wirtschaft blüht.

Da gibt es noch eine Unterstützung, die oft übersehen wird. Da die Welt glaubt, beide Häuser des US-Kongresses seien Israel unterwürfig, zahlen viele Länder Israel für den Zugang zum Kongress. Man muss den Türhüter bestechen, um hineinzugelangen.

Wenn ein israelischer Ministerpräsident mit dem Präsidenten der US einen Streit beginnt, sieht das wie reiner Wahnsinn aus – und tatsächlich ist es das auch.

Doch Netanjahu ist nicht unvernünftig, auch wenn seine Aktionen dies suggerieren. Er ist nicht einmal ein Tor.

Was also – zum Teufel – denkt er, was er tut?

DAFÜR GIBT es mehrere mögliche Erklärungen, die mir einfallen.

Die eine verwöhnt die israelische Öffentlichkeit. Weit davon entfernt, einen neuen Juden zu schaffen, wie es der Zionismus versprochen hat, dominiert der alte Jude in Israel. Der alte Jude glaubt, dass die ganze Welt antisemitisch sei, und jeder neue Beweis erfüllt ihn mit Genugtuung. Man sieht es,  die Gojim haben sich überhaupt nicht verändert.

Netanjahus Popularität wächst mit jeder neuen Manifestation ausländischer Feindseligkeit. Wenn selbst die Amerikaner, die so lange vorgaben, ein Freund Israels zu sein, uns an die antisemitischen Iraner verkaufen, dann brauchen wir einen starken und standhaften Führer. Kurz gesagt – Netanjahu.

Eine andere plausible Erklärung für Netanjahus Verhalten mag seine tatsächliche Überzeugung sein, dass es kein US-Senator oder Abgeordneter jemals wagen würde, AIPACS Befehle abzuschütteln, weil er weiß, dies würde das Ende seiner (oder ihrer) politischen Karriere sein. Wie die größten Antisemiten glaubt Netanjahu, dass die Juden die Welt oder wenigstens den US-Kongress beherrschen. Im entscheidenden Augenblick wird der Kongress für AIPAC und gegen den US-Präsidenten stimmen.

Eine andere Erklärung könnte sein – so paradox es klingt – ein blinder Glaube an die Integrität von Obama. Netanjahu denkt, dass er ihn auf den Kopf schlagen, ihm ins Gesicht spucken und in den Hintern stoßen kann– und Obama würde cool, ja, vernünftig reagieren und Israel weiter unterstützen – mit Ausnahme des Iran-Abkommens. Er wird weiter Waffen und Dollars senden, die Resolutionen des Sicherheitsrates mit einem Veto belegen, seine Anrufe aus Israel mitten in der Nacht empfangen.

Man weiß doch, wie diese Amerikaner sind. Unterwürfig. Besonders die Schwarzen.

ABER DA kann es noch eine andere Erklärung geben, die alle andern übertrumpft.

Den US-Präsidenten, seine Regierung und seine Partei beleidigen, bedeutet, dass Netanjahu mit unserer Zukunft spielt. Dies bringt uns zum Weltherrscher des Glücksspiels, dem König von Las Vegas, dem Fürst von Macao, zu Sheldom Adelson.

Adelson verbirgt nicht seine Unterstützung Netanjahus, dem Mann, der Familie und der Partei. Er gibt große Summen Geldes für eine hebräische Tageszeitung aus, die gratis an Israelis verteilt wird, ob sie es wollen oder nicht wollen. Es ist jetzt die größte Zeitung in Israel und  persönlich Netanjahu, dem Mann,  und seiner Frau gewidmet. Sie hat keinen anderen Zweck.

Doch Sheldon Adelson scheint kein wirkliches Interesse an Israel zu haben. Er lebt nicht hier, auch nicht zeitweilig. Was bekommt er also dafür?

Adelson hat Netanjahu aus einem einzigen Grund gekauft: um einen seiner Strohmänner im Weißen Haus zu platzieren. Es ist ein Ziel, von dem ein anderer Multi-Milliardär nicht einmal träumen kann.

Um dieses Ziel zu erreichen, benötigt Adelson die Republikanische Partei als Leiter. Er muss ihren Kandidaten für die Präsidentschaft auswählen, Hillary Clinton besiegen und die Wahlen gewinnen. Um bei all diesen Aufgaben Erfolg zu haben, muss er die gewaltige Macht der pro-Israel-Lobby über den US-Kongress mobilisieren und Präsident Obama fertig machen.

Der erste Schritt auf diesem langen Marsch ist es, das Iran-Abkommen zu vereiteln. Netanjahu ist nur gerade ein Zahnrädchen in diesem großen Entwurf. Aber ein sehr wichtiges Zahnrädchen.

Sieht dies wie eine Karikatur im „Stürmer“ aus, dem berüchtigten antisemitischen Nazi-Blatt, oder noch schlimmer, wie eine Seite aus den ‚Protokollen der Weisen von Zion‘, der bekannten antisemitischen Fälschung? Es ist das klassische antisemitische Bild: der hässliche Finanzjude, der um die Weltherrschaft kämpft.

Für einen Israeli steckt in diesem Bild etwas Ekelhaftes. Die zionistische Vision wurde aus der totalen Ablehnung dieser Karikatur geboren. Die Juden würden mit Effektengeschäften  und Geldverleih aufhören. Juden würden im Schweiß ihres Angesichtes das Land pflügen, produktive Handarbeit leisten, alle Arten  parasitärer Spekulationen zurückweisen. Dies wurde  als solch hohes Ideal angesehen, dass es sogar die Vertreibung der einheimischen arabischen Bevölkerung rechtfertigte.

Und hier sind wir nun: ein Staat, der den Befehlen eines internationalen Kasino-Moguls folgt, dessen Beschäftigung vielleicht die unproduktivste im Kosmos ist. Traurig.

GIBT ES eine tapfere Opposition gegen diesen Kurs in Israel? Nein, buchstäblich keine.

In meinem langen Leben in Israel habe ich niemals etwas gesehen, das einer totalen Abwesenheit von Opposition so nahe ist, wie wir sie jetzt haben.

Wenige Stimmen in Haaretz, einige einsame Äußerungen vom extremen linken Rand – und das war es dann schon.

Abgesehen von diesen (einschließlich Gush Shalom), nichts außer donnerndem Applaus für Netanjahu  oder schrecklicher Friedhofsstille.

Das Abkommen ist „schlecht“. Nein, nicht nur schlecht, sondern „katastrophal“.  Nicht nur katastrophal, sondern „eines  der schrecklichsten Desaster in der ganzen Geschichte des jüdischen Volkes“. Etwas das sich einem „Zweiten Holocaust“ nähert. (Ich hab dies nicht erfunden.)

Netanjahus oberflächliche Argumente werden als heilige Wahrheiten akzeptiert, wie die Äußerungen der anderen großen jüdischen Propheten. Keiner bemüht sich, die entsprechende Frage zu stellen: Warum?

Die Sonne geht am Morgen auf. Die Flüsse münden ins Meer. Der Iran wird eine Atombombe bauen und sie über uns abwerfen, auch wenn sie dadurch auf sich eine historische Katastrophe bringt. Die Mullahs sind Nazis. Das Abkommen ist ein weiteres Münchner Abkommen. Obama ist ein neuer Neville Chamberlain, nur schwarz.

Keiner macht sich die Mühe, diese Behauptungen nachzuprüfen. Die Dinge sind so selbstverständlich.  Der Tag ist Tag – die Nacht ist Nacht.

ICH HABE in meinem Leben viele Situationen von fast einmütiger öffentlicher Meinung erfahren, besonders in Kriegszeiten. Aber in meinem ganzen Leben habe ich nie die Erfahrung solch einer Situation totaler Einmütigkeit, totaler Abwesenheit von Zweifeln und Fragen, gemacht wie jetzt.

Diese Situation ist nicht ohne Absurditäten. Zum Beispiel: der iranische Oberste Führer ist offensichtlich mit seinen eigenen Extremisten konfrontiert, die ihn anklagen, sich dem amerikanischen Satan zu verkaufen. Um sie zu befrieden, muss er behaupten, dass der Vertrag ein gewaltiger Sieg für die Islamische Republik ist, dass er die US (und Israel) auf ihre Knie gebracht habe. Die riesige Propagandamaschine von Netanjahu nimmt dies auf, zitiert es und verkauft es als absolute Wahrheit. Jeder weiß, dass die Iraner immer lügen, aber dieses Mal sagen sie es, wie es ist.

Yair Lapid, der Führer einer zusammengeschrumpften „Zentrums“-Partei, jetzt in der Opposition (Die Orthodoxen erlaubten Netanjahu nicht, ihn in die Regierung zu nehmen) denunziert das Abkommen als historisches Desaster für das jüdische Volk. Er fragt laut, warum wird Netanjahu nicht gezwungen, nach seinem Versagen abzutreten, um dieses Desaster zu verhindern?  Umso mehr, als es fähigere Führer gibt, die bereit sind, seinen Platz zu übernehmen und den Kampf zu führen, ein Mann mit Namen Yair Lapid.

Da ist tatsächlich etwas Paradoxes in Netanjahus Situation, wenn das Abkommen solch ein historisches Desaster ist, „eines der schlimmsten in der jüdischen Geschichte“, warum macht er in seinem Job weiter?

UM EINEN Ministerpräsidenten von seinem Amt abzusetzen, braucht man eine Opposition, um seinen Platz zu nehmen. Tatsächlich ist dies die Hauptaufgabe der Opposition.

Nicht hier.

Der Führer der Opposition (ein offizieller Titel in Israel) verurteilt das Abkommen in genau so starken Ausdrücken wie Netanjahu selbst. Er hat angeboten, in die USA zu gehen, um beim Kampf dagegen mitzuhelfen. Sein Konkurrent Yair Lapid, der Sohn eines Super-Nationalisten, ist sogar noch extremer als er. Der Führer der dritten Oppositionspartei ist Avigdor Lieberman; verglichen mit ihm, ist Netanjahu  ein linker Weichling. Da gibt es natürlich noch eine vierte Oppositionspartei – die Vereinigte Arabische Partei  – aber wer hört auf sie?

Man könnte vermuten, dass Israel – konfrontiert mit solch einem historischen Desaster –  von Debatten wimmeln würde. Aber wie kann man eine Debatte führen, wenn alle einer Meinung sind? Ich habe nicht eine einzige Diskussion im TV gesehen, noch eine in den Zeitungen, noch im Internet. Hier und da ein kleines Flüstern über Zweifel, aber eine Debatte ? Nirgendwo!

Tatsächlich kann man in Israel tagelang glücklich leben und überhaupt keine Andeutung einer historischen Katastrophe hören. Der Preis des Hüttenkäses weckt mehr Emotionen.

Also bewegen wir uns  glücklich auf das Desaster zu – es sei denn, einer von Sheldons Handlangern betritt mit Hilfe von Bibi das Weiße Haus.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, von Verfasser autorisiert)

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Der Vertrag

Erstellt von Gast-Autor am 16. August 2015

Der Vertrag

Autor Uri Avnery

UND WAS, wenn das ganze Drama nur eine Übung der Täuschung gewesen wäre?

Was, wenn die  schlauen Perser nicht einmal davon träumen, eine Atombombe zu bauen, aber die Drohung  benutzten, um ihr wirkliches Ziel zu fördern?

Was, wenn Benjamin Netanjahu überlistet wurde, unabsichtlich der Haupt-Kollaborateur der iranischen Ambitionen zu werden?

Das klingt verrückt?  Nicht wirklich. Werfen wir einen Blick auf die Fakten!

DER IRAN ist einer der ältesten Mächte der Welt mit Tausenden von Jahren politischer Erfahrung. Einst besaßen er ein Empire, das sich über die ganze  zivilisierte Welt ausbreitete, einschließlich unseres kleinen Landes. Ihr Ruf für kluge Handelspraktiken ist beispiellos.

Sie sind viel zu klug, um eine Atombombe zu bauen. Wofür? Es würde eine riesige Menge an Geld verschlingen. Sie wissen, dass sie niemals in der Lage sein werden, sie anzuwenden. Dasselbe gilt für Israel mit seinem großen Arsenal.

Netanjahus Alptraum eines iranischen nuklearen Angriffs auf Israel ist eben nur gerade dies – ein Alptraum eines ignoranten Dilettanten. Israel ist eine Atommacht mit der Fähigkeit eines soliden Zweitschlages. Wie wir sehen, sind die iranischen Führer hart gesottene Realisten. Würden sie selbst von einer unvermeidlichen israelischen Rache träumen, die ihre dreitausend Jahre alte Kultur vom Gesicht der Erde auslöscht?

(Falls diese Fähigkeit nicht perfekt ist, sollte Netanjahu  angeklagt und wegen  krimineller Nachlässigkeit verurteilt werden.)

Selbst wenn die Iraner die ganze Welt täuschen würden und eine Atombombe bauen, würde nichts anderes  geschehen, als die Schaffung eines „Gleichgewichts des Schreckens“, so wie dies die Welt auf der Höhe des kalten Krieges zwischen Amerika und Russland rettete.

Die Leute rund um Netanjahu geben vor, zu glauben, dass im Gegensatz zu den damaligen Sowjets, die iranischen Mullahs ein verrücktes Volk seien. Dafür gibt es absolut keinen Beweis. Seit ihrer Revolution von 1979 hat die iranische Führung  nicht einen einzigen bedeutenden Schritt getan, der nicht absolut vernünftig war. Verglichen mit den amerikanischen Fehltritten in der Region (von den israelischen ganz zu schweigen) ist die iranische Führung völlig logisch gewesen.

Vielleicht tauschen sie ihre nicht existierenden nuklearen Pläne für ihre sehr realen politischen Pläne ein, um die Vormachtstellung der muslimischen Welt zu erringen.

Wenn es so ist, sind sie Netanjahu eine Menge schuldig.

WAS HAT die islamische Republik in ihren 45 Jahren Existenz getan, um Israel zu schaden?

Sicher, Teherans Pöbel kann im Fernsehen gesehen werden, wie er israelische Flaggen verbrennt und schreit: „Tod für Israel!“. Sie nennen uns  – nicht gerade schmeichelhaft – „der kleine Satan“,  verglichen mit dem amerikanischen „großen Satan“.

Schrecklich, und was sonst noch?

Nicht viel. Vielleicht einige Unterstützung für die Hisbollah und die Hamas, die nicht seine Schöpfung sind. Irans wirklicher Kampf ist gegen die Kräfte in der muslimischen Welt. Er will die Länder der Region zu Vasallen des Iran machen, wie es vor 2400 Jahren war.

Das hat sehr wenig mit dem Islam zu tun. Der Iran benützt den Islam wie Israel den Zionismus und die jüdische Diaspora benützt (und wie Russland in der Vergangenheit den Kommunismus benützte) als Werkzeug für seine imperialen Ambitionen.

Was jetzt in dieser Region geschieht, ähnelt den „Religionskriegen“ im 17. Jahrhundert in Europa. Ein Dutzend Länder kämpfte im Namen der Religion gegen einander,  unter Flaggen des Katholizismus und Protestantismus, benützen aber die Religion, um ihre sehr irdischen imperialen Pläne zu fördern.

Die US, von einem Haufen neo-konservativer Narren geführt, zerstörten den Irak, der viele Jahrhunderte lang als Bollwerk der arabischen Welt gegen iranische Ausdehnung gedient hat. Jetzt unter dem Banner der Schiiten erweitert  der Iran seine Macht in der ganzen Region.

Der schiitische Irak ist jetzt größtenteils ein iranischer Vasall (Wir werden  auf Daesh zurückkommen). Syriens Überleben, ein sunnitisches Land,  beherrscht von einer kleinen halb-schiitischen Sekte,  hängt  vom Iran ab. Im Libanon ist die schiitische  Hisbollah ein naher Verbündeter mit wachsender Macht und  Prestige.  So ist es auch mit der Hamas in Gaza, die ganz sunnitisch ist. Und die Huthi-Rebellen im Jemen sind Zaidis (eine Schule der Schiiten.)

Der status quo in der arabischen Welt wird von einem korrupten Haufen Diktatoren und mittelalterlicher Scheichs verteidigt, wie den Herrschern von Saudi-Arabien, Ägypten und den Golf-Öl-Potentaten.

Klar, der Iran und seine Verbündeten gehören  in die Zukunft, Saudi-Arabien und seine Verbündeten gehören in die Vergangenheit.

Da bleibt noch  Daesh, der sunnitische „islamische Staat“ in Syrien und im Irak. Das ist auch eine aufstrebende Macht. Im Gegensatz zum Iran, dessen revolutionärer Elan sich vor langem erschöpft hat, strahlt Daesh revolutionären Eifer aus und zieht Anhänger aus aller Welt an.

Daesh ist der wirkliche Feind des Iran und von Israel.

PRÄSIDENT OBAMA und seinen Beratern ist dies vor einiger Zeit klar geworden. Ein Teil ihrer neuen Verbindung mit dem Iran gründet sich auf diese Realität.

Mit der Ankunft von Daesh haben sich die Realitäten vor Ort von Grund auf verändert. Die Verlagerung bestätigt die alte britische Maxime, dass der Feind von jemandem in einem Krieg, ein Verbündeter im nächsten Krieg werden kann und umgekehrt. Weit davon entfernt naiv zu sein, baut Obama ein Bündnis gegen den neuen und sehr gefährlichen Feind. Diese Alliance sollte logischerweise Bashar Assads Syrien einschließen, aber Obama  hat noch Angst davor, dies laut zu sagen.

Obama und seine Berater glauben auch, dass mit dem Aufheben der lähmenden Sanktionen die Iraner sich darauf konzentrieren,  Geld zu machen, was ihren  nationalistischen und religiösen Eifer noch mehr abschwächt. Das klingt vernünftig genug.

(Netanjahu denkt, das amerikanische Volk sei „naiv“. Nun, für eine naive Nation haben die US sich ganz gut verhalten, um die einzige Supermacht der Welt zu werden.)

Ein Nebenprodukt der Situation ist, Israel wird wieder mit der ganzen  politischen Welt im Clinch liegen. Der Wiener Vertrag wird nicht nur von den USA unterzeichnet, sondern auch von allen führenden Weltmächten. Dies scheint eine Situation zu schaffen, die ein munteres israelisches Volkslied so ausdrückt: „Die ganze Welt ist gegen uns, uns aber ist es scheißegal…“

Im Gegensatz zu Obama, steckt Netanjahu leider in der Vergangenheit. Er dämonisiert weiter den Iran, statt sich dem Kampf gegen Daesh anzuschließen, der für Israel viel, viel gefährlicher ist.

Man muss nicht bis Cyrus dem Großen (6. Jahrhundert v.Chr.) zurückgehen, um zu realisieren, dass der Iran ein enger Verbündeter sein kann. In den Beziehungen zwischen den Nationen triumphiert die Geographie über die Religion. Es ist noch nicht so lange her, dass der Iran Israels engster Verbündeter in der Region war. Wir sandten Khomeini sogar Waffen, um gegen den Irak zu kämpfen. Die Mullahs hassten Israel nicht so sehr wegen ihrer Religion, sondern wegen unserer Verbindung mit dem Schah.

Das gegenwärtige iranische Regime hat seit langem seinen revolutionären religiösen Eifer verloren. Es handelt nach seinen nationalen Interessen. Was zählt, ist die Geographie. Eine weise israelische Regierung würde die nächsten zehn oder mehr Jahre eines garantiert nuklear-freien Iran nützen, um die Allianz – besonders gegen Daesh – zu erneuern.

Dies könnte zu neuen Beziehungen mit Assads Syrien, der Hisbollah und auch der Hamas führen.

ABER SOLCH weitreichende Überlegungen sind für Netanjahus Ansichten weit entfernt, für Netanjahu, den Sohn eines Historikers, dem es an jeder historischen Kenntnis und jedem Gespür dafür mangelt.

Der Kampf geht jetzt nach Washington DC, wo Netanjahu  voll als Söldner von Sheldon Adelson, dem Besitzer der republikanischen Partei, verpflichtet sein wird.

Es ist ein trauriger Anblick: der Staat Israel, der sich immer der vollen Unterstützung beider amerikanischer Parteien erfreute, ist ein Anhängsel der reaktionären  republikanischen Führung geworden.

Eine noch traurigerer Anblick ist Israels politische und Medien-Elite am Morgen  der Unterzeichnung des Wiener Vertrages. Es war fast unglaublich.

Fast alle politischen Parteien schlossen sich Netanjahus Politik an, wetteiferten mit einander mit ihren Bekundungen unterwürfiger Loyalität. Vom „Führer der Opposition“, dem bemitleidenswerten Yitzhak Herzog  bis zum redseligen Yair Lapid, jeder eilte, um den Ministerpräsidenten in seiner kritischen Stunde beizustehen.

Die Medien waren sogar noch schlimmer. Fast alle prominenten Kommentatoren, linke wie rechte, rannten gegen den  „katastrophalen“ Vertrag Amok  und  häuften ihre gleichartige Empörung und Verachtung auf den armen Obama, als ob sie von einer vorbereiteten Regierungs-„Liste von Argumenten“ ablesen würden ( wie es auch tatsächlich war).

Das war nicht die beste Stunde der israelischen Demokratie und der so sehr gelobten „jüdischen  Intelligenz“. Nur gerade ein jämmerliches Beispiel einer allzu gewöhnlichen  Gehirnwäsche.

Eine von Netanjahus Argumenten ist, dass die Iraner die naiven Amerikaner täuschen wollen und können und die Bombe bauen. Er ist sicher, dass eine Täuschung  möglich ist. Nun, er sollte es wissen. Wir haben es ja getan.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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„Ich bin eine Griechin.“

Erstellt von Gast-Autor am 9. August 2015

„Ich bin eine Griechin.“

 

Autor Uri Avnery

JEDER HAT schon seine (ihre) Meinung zur griechischen Krise geäußert, egal ob er  (oder sie) eine Meinung dazu hat. Ich fühle mich gezwungen, dasselbe zu tun.

Die Krise ist ungeheuer kompliziert. Doch mir scheint sie, ganz einfach zu sein.

Die Griechen haben mehr Geld ausgegeben, als sie verdienen. Die Gläubiger wollen  mit unglaublicher Unverschämtheit ihr Geld zurück haben. Die  Griechen haben kein Geld,  und sowieso erlaubt es ihr Stolz nicht, die Schulden zurückzuzahlen.

Also was tun? Jeder Kommentator, vom Wirtschaftsfachmann, der den Nobelpreis gewann, bis zu meinem Taxifahrer in Tel Aviv hat eine Lösung. Leider hört keiner auf sie.

Angela Merkel und Alexis Tsypras  kämpfen den 2. Weltkrieg weiter. Aber die Beziehungen zwischen den beiden Nationen spielten in meiner Familie schon lange vorher eine Rolle.

ALS JUNGE war mein Vater ein Schüler in einem deutschen „Humanistischen Gymnasium“. In diesen Schulen lernten die Schüler Latein und Altgriechisch, statt Englisch und Französisch.  So hörte ich lateinische und griechische Sprichwörter, bevor ich selbst zur Schule ging und lernte auch ein halbes Jahr Latein, bevor wir zum Glück Deutschland verließen und nach Palästina auswanderten.

Gebildete Deutsche bewunderten die Römer. Die Römer waren aufrecht gesinnte Menschen, die Gesetze machten und ihnen folgten, fast wie die Deutschen selbst.

Die Deutschen liebten die alten Griechen und verachteten sie. Ihr bedeutendster Dichter, Wolfgang von Goethe, sagte: „Das griechische Volk taugte nie recht viel“. .

Die Griechen erfanden die Freiheit, wovon die alten Hebräer nicht einmal träumten. Die Griechen erfanden die Demokratie. In Athen nahm jeder (außer den Sklaven, den Frauen, den Barbaren und anderes niedriges Volk)  an öffentlichen  Diskussionen und Entscheidungen teil. Dies ließ ihnen zum Arbeiten nicht viel Zeit.

In dieser Weise sah mein Vater sie an, und dies ist die Art und Weise, wie dezente Deutsche sie jetzt ansehen. Es sind nette Leute, die man während der Ferien gern um sich hat, aber keine ernsthaften Leute, mit denen man Geschäfte macht. Zu faul. Zu sehr das Leben liebend.

Ich habe den Verdacht, dass diese tief verwurzelte Haltung die Meinung der deutschen Regierung und Wähler beeinflusst. Sicherlich beeinflussen sie jetzt die Haltung der griechischen Führer und Wähler. Zum Teufel mit den Deutschen und ihrer Manie von Gesetz und Ordnung.

ICH BIN mehrfach in Griechenland gewesen und liebte immer die Leute dort.

Meine Frau Rachel liebte die Insel Hydra und nahm mich mit dorthin. Um ein Schiff zu finden, das von Piräus nach dort fährt, war eine Zerreißprobe. Das war natürlich, bevor es das Internet gab. Jede Schiffsagentur hat einen Zeitplan für ihre Schiffe, aber es gab keinen allgemeinen Fahrplan. Das würde zu ordentlich gewesen sein, zu deutsch. (Wenn Piräus Haifa gewesen wäre, dann hätte es an jedem Schaufenster einen vollständigen Fahrplan gegeben.)

Ich war zu mehreren internationalen Konferenzen nach Athen eingeladen. Den Vorsitz hatte bei einer Konferenz die wunderbare Melina Mercouri, eine so intelligente und so schöne Frau, die zu jener Zeit als Kabinettministerin diente. Die Konferenz befasste sich mit mediterraner Kultur und war vermischt mit einer Menge gutem Essen und Volkstänzen. Einmal half ich den Gastgebern von Mikis Theodorakis in Tel Aviv.

Ich habe also keine Vorurteile gegenüber Griechen. Im Gegenteil. Vor den letzten griechischen Wahlen empfing ich eine E-Mail-Botschaft von einer Person, die ich nicht kannte; sie bat mich darum, ein internationales Statement  für die Syriza-Partei zu unterstützen. Nachdem ich den Text gelesen hatte, unterschrieb ich. Ich sympathisiere jetzt mit ihrem heldenhaften Kampf.

Es erinnert mich an die „Matrosen-Revolte“ in Israel in den frühen 1950er-Jahren. Es war ein Aufstand gegen die Bürokratie der Regierung. Ich unterstützte diesen mit ganzem Herzen und war sogar ein paar Stunden verhaftet. Als dies alles  mit einer glorreichen Niederlage endete, traf ich einen berühmten linken General und erwartete, gelobt zu werden. Er sagte:  „Nur Toren beginnen einen Kampf, den sie nicht gewinnen können.“

Es läuft auf Folgendes hinaus: Die Griechen schulden eine Menge Geld, eine riesige Summe  Geld. Es ist jetzt unwesentlich, wie diese großen Schulden zusammenkamen und wer daran schuld ist. Europa (schon der Name ist griechisch) hat keine Chancen, die Milliarden zurückzubekommen. Aber die Griechen werden verdammt werden, wenn sie noch mehr Geld in dieses bodenlose Fass werfen. Wie kann Griechenland  ohne mehr Geld überleben?

Ich weiß es nicht. Ich habe stark den Verdacht, dass dies auch sonst niemand weiß, einschließlich der Nobelpreisträger.

FÜR MICH  ist der bedeutendste Teil der Katastrophe die Zukunft der zwei großen Experimente: die Europäische Union und die Euro-Währung.

Als die europäische Idee nach dem brudermörderischen 2. Weltkrieg  auf dem Kontinent an Boden gewann, gab es eine große Debatte über seinen zukünftigen Umfang. Einige schlugen so etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa vor,  eine föderale Union wie die der USA. Charles de Gaulle, damals eine sehr einflussreiche Stimme, lehnte dies streng ab und schlug das „Europa der Nationen“ vor, eine viel  lockerere Konföderation.

Genau dieselbe Debatte fand in Amerika vor der Entscheidung statt, die Vereinigten Staaten zu gründen, und noch einmal während der Zeit des Bürgerkrieges. Am Ende gewannen die Föderalisten und die Flaggen der Konföderalisten werden sogar noch heute verbrannt.

In Europa siegte de Gaulles Idee. Es gab keinen starken Willen, einen vereinigten europäischen Staat zu gründen. Nationale Regierungen waren nach einigen Jahren bereit, eine Union unabhängiger Staaten zu schaffen, die widerwillig einen Teil ihrer souveränen Macht der Super-Regierung in Brüssel übergaben.

(Warum Brüssel?  Weil Belgien ein kleines Land ist. Weder war Deutschland bereit, die Hauptstadt der Unionnach Paris zu legen, noch war Frankreich bereit, sie in Berlin zu quartieren. Es erinnert mich an den biblischen König David, der seine Hauptstadt nach Jerusalem verlegte, das keinem Stamm gehörte,  und so vermied er die Eifersucht zwischen den starken Stämmen Juda und Ephraim.)

Die Brüsseler Bürokratie scheint von allen tüchtig gehasst zu werden, aber ihre Macht  wächst unaufhaltsam. Moderne Realität bevorzugt immer größer werdende Einheiten. Kleine Staaten haben keine Zukunft.

Das bringt uns zum Euro zurück. Die europäische Idee führt zur Bildung eines großen Blockes, in dem eine gemeinsame Währung sich frei bewegen kann. Einem Laien, wie mir, scheint es eine wunderbare Idee zu sein. Ich erinnere mich nicht an einen einzigen bedeutenden Ökonom, der davor gewarnt hätte.

Heute ist es einfach zu sagen, dass der Euro-Block von Anfang an mangelhaft war. Sogar ich verstehe, dass man keine gemeinsame Währung haben kann, wenn jeder Mitgliedstaat sein eigenes nationales Budget nach seiner eigenen Laune und seinen eigenen politischen Interessen entwickelt.

Das ist der fundamentale Unterschied zwischen einer Föderation und einer Konföderation. Wie würden die USA operieren, wenn jedes ihrer 50 Mitglieder ihre eigene Wirtschaft hätte –  unabhängig von den 49 anderen?

Wie der Ökonom uns lehrt, kann so etwas wie die Euro-Krise in den US nicht geschehen. Wenn der Staat Alabama in einer schlechten finanziellen Lage ist, schalten sich die andern Staaten automatisch ein. Die Zentralbank (oder Föderale Reserve) wirft das Geld zusammen. Kein Problem.

Die griechische Krise ergab sich aus der Tatsache, dass sich der Euro nicht auf solch eine Föderation gründet. Der griechische wirtschaftliche Zusammenbruch wäre von der europäischen Zentralbank lange bevor es den augenblicklichen Punkt erreicht hatte, gestoppt worden. Geld wäre von Brüssel nach Athen geflossen, ohne dass es jemand gemerkt hätte. Tsipras könnte Merkel in ihrer Kanzlei umarmt haben und glücklich verkünden „Ich bin ein Berliner“.(Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass Merkel nach Athen geht und ausruft: „Ich bin eine Griechin“).

Die erste Lektion der Krise ist, dass die Schaffung einer Währungsunion die Bereitschaft aller Mitglieder-Staaten voraussetzt, ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit aufzugeben. Ein Land, das nicht bereit ist, dies zu tun, kann sich solch einer Union nicht anschließen. Jedes Land kann seine eigene heiß geliebte Fußballmannschaft haben und sogar seine  eigene heilige Flagge, aber sein nationales Budget muss der gemeinsamen wirtschaftlichen Super-Regierung unterworfen sein.

Heute ist das ganz klar. Leider war es den Gründern des Euro-Blocks nicht klar.

Insofern hat eine riesige Nation wie China einen sehr großen Vorteil. Es ist nicht einmal eine Föderation, aber praktisch ein einheitlicher Staat mit einer einheitlichen Währung.

Kleinen Staaten wie Israel fehlt die wirtschaftliche Sicherheit, zu einer großen Union zu gehören, sie erfreuen sich aber des Vorteils , in der Lage zu sein, frei zu manövrieren und unsere Währung, den Schekel, entsprechend unsern Interessen festzulegen. Wenn die Exportkosten zu hoch sind, wertet man ihn ab. So lang wie die Kredit-Bewertung hoch genug ist, kann man tun, was man will.

Zum Glück lud uns keiner ein, uns dem Euro-Block anzuschließen. Die Versuchung  wäre zu groß gewesen.

DA DIES so ist, können wir die griechische Krise mit einiger Gleichgültigkeit verfolgen.

Aber für die unter uns, die glauben, dass Israel nach einem Friedensabkommen mit den Palästinensern und der ganzen arabischen Welt, ein Teil einer Art regionaler Konföderation werden müsste, ist dies eine aufschlussreiche Lektion.

Ich schrieb darüber, noch bevor der Staat Israel geboren wurde, und  schlug eine „semitische Union“ vor. Es wird wahrscheinlich nicht geschehen, während ich noch hier bin, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es vor Ende des Jahrhunderts dazu kommen wird.

Es kann nicht geschehen, solange die wirtschaftliche Kluft zwischen Israel und den arabischen Ländern so immens ist wie jetzt – mit einem pro Kopf-Einkommen, das in Israel 25mal höher ist als in Palästina und in vielen arabischen Ländern. Aber wenn die arabische Welt einmal seine gegenwärtigen Unruhen überwunden hat, kann sie auf einen schnellen Fortschritt hoffen, so wie es in der Türkei und in den moslemischen Ländern in Ostasien geschehen ist.

Irgendwann in nicht zu ferner Zukunft, mit historischem Maßstab gemessen, wird die Welt aus großen wirtschaftlichen Einheiten bestehen, die danach streben, eine funktionierende wirtschaftliche Weltordnung mit einer gemeinsamen Währung zu schaffen.

Es scheint töricht zu sein, in der gegenwärtigen Situation darüber nachzudenken, aber es ist nie zu früh nachzudenken.

Aber man denke an das, was der Grieche Sokrates sagte: „Die einzige wahre Weisheit ist die, zu wissen, dass man nichts weiß.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Kriegsverbrechen? Wir ???

Erstellt von Gast-Autor am 2. August 2015

Kriegsverbrechen? Wir ???

Autor Uri Avnery

„KRIEG IST DIE HÖLLE!“ rief  der US-General George Patton  berühmtermaßen aus.Krieg ist das Geschäft des Tötens des „Feindes“, um ihnen unsern  Willen aufzuzwingen.

Darum ist  „der humane Krieg“ ein Oxymoron.

Der Krieg ist ein Verbrechen. Es gibt wenige Ausnahmen. Ich würde den Krieg gegen das Nazi-Deutschland als Ausnahme ansehen, da es gegen ein Regime von Massenmördern geführt wurde, geleitet von einem pathologischen Diktator, der nicht anders zur Strecke gebracht werden konnte.

Da dies so ist, ist das Konzept von „Kriegsverbrechen“  dubios.  Das größte Verbrechen ist, den Krieg als erster zu beginnen. Dies ist nicht das Geschäft der Soldaten, sondern der politischen Führer. Doch diese werden selten angeklagt.

DIESE PHILOSOPHISCHEN  Gedanken kamen mir im Zusammenhang mit dem kürzlichen UN-Bericht über den letzten Gaza-Krieg.

Das Untersuchungs-Komitee tat alles, um  „ausgewogen“ zu sein und verklagte beide – die israelische Armee und die Hamas – mit fast denselben Ausdrücken an. Allein dies ist in sich schon problematisch.

Das war kein Krieg zwischen gleichen. Auf der einen Seite der Staat Israel mit einer der mächtigsten Armeen der Welt. Auf der andern Seite eine staatenlose  Bevölkerung von 1,8 Mill. Menschen, geführt von einer Guerilla-Organisation ohne irgendwelche moderne Waffen.

Jede Gleichstellung zwischen zwei solchen Entitäten ist der Definition nach künstlich.  Selbst wenn beide  Seiten schwere Kriegsverbrechen begingen, so ist es nicht dasselbe. Jeder muss  nach seinen eigenen  (Un-)taten  beurteilt werden.

DIE IDEE von „Kriegsverbrechen“ ist relativ neu.  Sie kam während des 30jährigen Krieges auf, der große Teile Mitteleuropas verwüstete. Viele Armeen nahmen daran teil und alle zerstörten bedenkenlos Städte und Dörfer. Die Folge davon war, dass zwei Drittel von Deutschland verwüstet und ein Drittel des deutschen Volkes  getötet worden war.

Hugo de Groot, ein Holländer, behauptete, dass zivilisierte Nationen sogar im Krieg  an gewisse Einschränkungen gebunden seien. Er war kein naiver Idealist, von der Realität abgeschnitten. Sein Hauptprinzip – so wie ich es verstanden habe – war, dass es keinen Sinn hat, Aktionen zu verbieten, die einem kriegsführenden Land  helfen, den Krieg zu führen, aber dass Grausamkeit  – für eine wirksame Durchführung des Krieges nicht notwendig – verboten ist.

Die Idee setzte sich durch. Während des 18. Jahrhunderts wurden  von professionellen Armeen  endlose Kriege geführt, ohne die zivile Bevölkerung unnötig zu verletzen. Die Kriege wurden „human“.

Nicht lange. Mit der französischen Revolution wurde der Krieg eine Sache  von Massen-Armeen, der Schutz der Zivilisten wurde untergraben, bis er im 2. Weltkrieg völlig verschwand, als ganze Städte durch  unbegrenzte Luftangriffe (Dresden und Hamburg) und durch die Atombombe (Hiroshima und Nagasaki) zerstört wurden.

Jedoch Eine Anzahl  internationaler Konventionen verbieten  jedoch Kriegsverbrechen, die der zivilen Bevölkerung schaden oder die Bevölkerung in besetzten Gebieten verletzen.

Das war der Auftrag dieses Untersuchungs-Komitees.

DAS KOMITEE  beschuldigte  die Hamas, dass sie Kriegsverbrechen gegen die israelische Bevölkerung begangen hätte.

Die Israelis  brauchten das Komitee nicht, um dies zu erfahren. Ein großer Teil der israelischen Bürger verbrachte während des Gaza-Krieges  wegen der Bedrohung durch Hamas-Raketen Stunden im Luftschutzkeller.

Hamas warf Tausende von Raketen gen Städte und Dörfer in Israel. Es waren primitive Raketen, die nicht auf spezielle Ziele gelenkt werden konnten – wie z.B.  auf die Dimona –Nuklearinstallation oder das Verteidigungsministerium , das mitten  in Tel Aviv liegt. Sie waren vielmehr dafür gedacht, die zivile Bevölkerung zu terrorisieren, damit diese fordert, dass der Angriff auf den Gazastreifen aufhört.

Sie erreichten dieses Ziel nicht, weil Israel eine  Anzahl von  „Eisernen Kuppeln“- Batterien („Iron Domes“) gegen die Raketen installiert hatte. Sie fingen fast alle Raketen ab, die auf zivile Ziele gerichtet waren. Der Erfolg war fast vollkommen.

Wenn sie vor das Internationale Gericht in Den Haag gebracht werden, werden die Hamas-Führer behaupten, dass sie keine andere Wahl hatten: sie hätten keine andere Waffen, um sich gegen die israelische Invasion  zu wehren. Wie mir einmal ein palästinensischer Kommandeur sagte: „Gebt uns Kanonen und Kampfflugzeuge, dann werden wir keinen Terror anwenden“.

Der Internationale Gerichtshof wird dann entscheiden müssen, ob es einem Volk, das  praktisch unter endloser Besatzung lebt, erlaubt ist, wahllose Raketen zu benützen. Wenn man die Prinzipien, die von de Groot  festgelegt wurden, betrachtet, frage ich mich, zu welcher Entscheidung man kommen wird.

Das gilt für Terrorismus allgemein, falls er von einem unterdrückten Volk ausgeführt wird, das keine anderen Mittel zum Sich-wehren hat.  Die schwarzen Südafrikaner benützten Terrorismus in ihrem Kampf gegen das unterdrückerische Apartheidsystem und Nelson Mandela verbrachte 28 Jahre im Gefängnis, weil er an solchen Akten  beteiligt war,  und er weigerte sich, sie zu verurteilen.

DER FALL  gegen die israelische Regierung und Armee ist völlig anders. Sie haben eine Unmenge von Waffen: von Drohnen über Kampfflugzeuge, von Artillerie  bis zu Panzern.

Falls es ein Kardinal-Kriegsverbrechen in diesem Krieg gab, war es die Kabinettentscheidung, ihn zu beginnen. Weil ein israelischer Angriff auf den Gazastreifen Kriegsverbrechen unvermeidbar macht.

Jeder, der jemals ein kämpfender Soldat im Krieg war, weiß, dass Kriegsverbrechen – ob in der moralischsten oder gemeinsten Armee  der Welt, -geschehen. Keine Armee kann  vermeiden, dass psychisch kranke Leute in ihr sind. In jeder Kompanie gibt es wenigstens ein pathologisches Exemplar. Wenn es da nicht sehr strenge Regeln gibt, die von einem sehr strengen Kommandeur eingeübt werden, werden Verbrechen geschehen.

Ein Krieg bringt das Innerste des Mannes (oder heute auch der Frau) zum Vorschein. Ein wohl erzogener Mann wird sich plötzlich in ein wildes Biest verwandeln. Ein einfacher, bescheidener Arbeiter wird sich als dezentes, großzügiges menschliches Wesen zeigen. Selbst in der „moralischsten Armee der Welt“  – ein Oximoron, falls es jemals so etwas gab.

Ich war im 1948er-Krieg ein Soldat der Infanterie. Ich habe  eine Menge Verbrechen gesehen, und ich beschrieb sie in meinem Buch (1950)  „Die andere Seite der Münze“).

DIES GILT für jede Armee. Während des letzten Gaza-Krieges  war die Situation in unserer Armee sogar noch schlimmer.

Die Gründe für den Angriff auf den Gazastreifen waren undurchsichtig. Drei israelische Jugendliche wurden von arabischen Männern gefangen genommen, offensichtlich für einen Gefangenenaustausch. Die Araber gerieten in Panik und töteten die Jungs. Die Israelis reagierten, die Palästinenser reagierten und sieh – das Kabinett entschied sich für einen vollen Angriff.

Unser Kabinett besteht  auch aus Trotteln; die meisten von ihnen haben keine Idee davon, was ein Krieg ist. Sie entschieden sich, den Gazastreifen anzugreifen.

Diese Entscheidung war das wirkliche Kriegsverbrechen.

Der Gazastreifen ist ein winziges  Gebiet, völlig übervölkert  mit 1,8 Millionen Menschen; die Hälfte von ihnen Abkömmlinge von Flüchtlingen aus Gebieten, die  im 1948er-Krieg israelisch wurden.

Unter allen Umständen brachte solch ein Angriff  eine große Anzahl ziviler Todesfälle. Aber eine andere Sache macht dies sogar noch schlimmer.

ISRAEL IST ein demokratischer Staat. Die Führer müssen vom Volk gewählt werden. Die Wähler bestehen aus den Eltern und Großeltern der Soldaten, Mitglieder der regulären und der Reserveeinheiten.

Dies bedeutet, dass Israel außerordentlich sensibel auf Todesfälle reagiert. Wenn eine große Anzahl von Soldaten in Aktion getötet wird, wird die Regierung stürzen.

Deshalb ist es der Grundsatz der israelischen Armee, um jeden Preis Todesfälle zu vermeiden – auf Kosten des Feindes d.h. um einen  einzigen israelischen Soldaten zu retten, ist es erlaubt, zehn, zwanzig, hundert Zivilisten der andern Seite zu töten.

Diese ungeschriebene und selbstverständliche Regel wird durch die „Hannibal Prozedur“  symbolisiert – das Schlüsselwort für das  Verhindern von Gefangenschaft  eines israelischen Soldaten – um jeden Preis. Auch hier ist ein „demokratisches“ Prinzip am Werk: keine israelische Regierung kann dem öffentlichen Druck widerstehen, viele Dutzende palästinensischer Gefangener zu entlassen, um einen einzigen Israeli  frei zu bekommen. Also: verhindere, dass ein Soldat gefangen genommen wird, selbst wenn der Soldat während des Prozesses sich selbst getötet hat.

Hannibal erlaubt – tatsächlich befiehlt –  er unermessliche Zerstörung und Tötungen  zuzulassen, um zu verhindern, dass ein Soldat verschwindet. Dies allein ist schon ein Kriegsverbrechen.

Ein verantwortliches Kabinett mit einem Minimum von Kampferfahrung, würde  all dies  in dem Augenblick wissen, wo es dazu aufgerufen war, sich für eine Militäroperation zu entscheiden. Wenn sie es nicht wissen, ist es die Pflicht der Armeekommandeure, die bei solch einer Kabinett-Sitzung dabei sind, es ihnen zu erklären. Ich frage mich, ob sie dies taten.

ALL DIES bedeutet, dass wenn erst einmal angefangen ist, dass die Ergebnisse fast nicht zu vermeiden sind. Um einen Angriff  mit so wenig als möglichen Todesfällen zu machen, müssen ganze Stadtteile durch Drohnen, Kampfflugzeuge und Artillerie flach gemacht werden. Und das  geschah offensichtlich.

Die Bewohner wurden oft gewarnt zu fliehen, und viele taten es auch. Andere taten es nicht – unwillig alles, was ihnen teuer und lieb ist, zurückzulassen. Einige Menschen fliehen im Augenblick der Gefahr, andere hoffen gegen alle Hoffnung und bleiben.

Ich würde den Leser bitten, sich selbst für einen Moment  in diese Situation zu versetzen.

Füge diesem das  menschliche Element hinzu – die Mischung von humanen und sadistischen Männern, guten und bösen, die man in jeder Kampfeinheit in aller Welt  findet – dann bekommt man das Bild.

Wenn man erst einmal einen Krieg anfängt, „ dann passiert so etwas  eben einmal“,  wie man so sagt. Da mögen  mehr oder weniger Kriegsverbrechen sein, aber es wird eine Menge passieren.

ALL DIES  konnte bei der UN-Komitee-Untersuchung, die von einer amerikanischen Richterin geleitet wurde,  von  den Chefs der israelischen Armee gesagt werden, wäre ihnen die Aussage erlaubt worden. Die Regierung erlaubte es ihnen nicht.

Der einfachste Weg aus diesem Dilemma ist, zu behaupten, dass alle UN-Mitarbeiter von Natur aus antisemitisch und Israelhasser seien, so dass das Beantworten ihrer Fragen  kontraproduktiv sei.

Wir sind moralisch. Wir haben Recht. Von Natur aus. Wir können nicht anders. Diejenigen, die uns anklagen, müssen Antisemiten sein. Ganz logisch.

Zur Hölle mit ihnen allen!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Isratin oder Palestrael?

Erstellt von Gast-Autor am 26. Juli 2015

Isratin oder Palestrael?

Autor Uri Avnery

ES WAR einmal ein junger Mann, der eine welterschütternde Erfindung gemacht hat: ein Flugzeug, das mit Wasser flog.

Nicht mehr mit Benzin. Keine Verschmutzung. Keine astronomischen Preise. Fülle die Tanks nur mit Wasser und es fliegt bis ans Ende der Welt.

„Wunderbar!“  riefen die Leute aus. „Zeige uns die Pläne!“  „Pläne?“ sagte der Mann. Ich habe die tolle Idee gehabt. Ich überlasse es den Ingenieuren, dies  mit den technischen Details auszuarbeiten.“

Die Erfinder der Ein-Staat-Lösung erinnern mich an dieses Genie. Sie haben eine wunderbare Idee. Aber es bleiben einige Fragen offen.

DIE ERSTE FRAGE:  Wie kann dies erreicht werden?  Die offensichtliche Antwort heißt: durch Krieg.

Die arabische Welt wird ihre Armeen mobilisieren. Israel wird erobert werden. Die Sieger werden ihren Willen durchsetzen.

Dies könnte innerhalb weniger Generationen möglich sein. Ich bezweifle es. In einer  Welt von Nuklearwaffen enden Kriege mit gegenseitiger Vernichtung.

Und wenn nicht Krieg, dann „Druck von außen“.

Auch dies bezweifle ich. Die internationale Boykottbewegung wird auf ihre Weise ziemlich wirksam. Aber dies ist weit, weit davon entfernt, Israelis dazu zu bringen, etwas zu tun, das gegen jede Faser ihres Seins geht: ihren Staat aufzugeben. Dasselbe gilt für politischen Druck. Es kann Israel verletzen oder auch isolieren – obwohl ich nicht glaube, dass dies in dieser oder der nächsten Generation möglich sein würde – aber auch dies wird nicht genug sein, Israel auf seine Knie zu zwingen.

Die Mehrheit in Israel überzeugen? Man muss der israelischen Realität gegenüber  schon sehr fremd sein, um zu glauben, dass dies in voraussehbarer Zukunft geschehen kann. Seit mehr als 130 Jahren ist jetzt das Wesentliche der zionistischen und israelischen Raison d’etre israelische (oder „jüdische“) Staatlichkeit gewesen. Viele Menschen sind schon deswegen gestorben. Jedes Kind in Israel wird vom Kindergarten an indoktriniert, durch die Schule und die Armee, um den Staat als höchstes aller Ideale zu sehen. Dass es dies freiwillig aufgibt?  Unwahrscheinlich.

Aber um der Argumente willen lasst uns vermuten, dass auf die eine oder andere Weise die Ein-Staat-Lösung möglich wird. Vielleicht durch  göttliche Intervention.

Wie würde das funktionieren?

In Dutzenden meiner Debatten mit Anhängern des  einen-Staates aller Arten habe ich niemals, nicht ein einziges Mal auf diese simple Frage eine Antwort bekommen, Nicht eine. Wie der Erfinder des mit wasserbetriebenen Flugzeugs. Sie überlassen dies den Ingenieuren. Lasst uns versuchen!

WIE WIRD der Staat genannt werden? Auch keine leichte Frage.

Der selige Muammar Gaddafi schlug „Isratin“ vor (Warum nicht Palestrael“?) Ich könnte an „Heiliges Land“ denken, „ Der Staat von Jerusalem“ oder andere Namen. Vielleicht „Der Vereinigte Staat von Israel und Palästina“ (Nennen wir es VSIP).

Verschiedene Flaggen und Nationalhymnen sind schon vorgeschlagen worden – einige davon  wirklich originell. Wird irgendjemand für sie sein Leben opfern?

Aber auch dies ist nicht das wirkliche Problem. Wenn wir uns den Realitäten des Staates nähern, werden sich die Fragen vervielfachen.

Wie wird der Staat auf tag-täglicher Basis funktionieren?

Wie schwierig das sein mag, kann durch eine einfache  historische Tatsache  illustriert werden: seit dem 2. Weltkrieg gibt es kein einziges Beispiel von zwei Staaten oder zwei Völkern, die freiwillig zusammen einen Staat bilden. Aber es gibt  genügend Beispiele von multinationalen Staaten, die auseinander gefallen sind.

Beginnen wir mit der Sowjetunion, einer mächtigen Weltmacht. Dann Jugoslawien , dann Serbien, die Tschechoslowakei, der Sudan.

Andere Länder  drohen auseinander zu brechen. Wer hätte je gedacht, dass das  ehrwürdige Vereinigte britische Königreich einmal nicht vereinigt sein könnte? die Schotten, die Katalonier, die Basken, die Quebecker, die Ost-Ukrainer warten in einer Reihe. Nur die Schweiz, historisch seit Hunderten von Jahren vereinigt, scheint immun zu sein. Auch Bosnien und Herzegovina.

Sei es, wie es ist; schauen wir uns die Sache näher an!

DER STAAT  muss eine  vereinigte Armee haben. Wie wird sie funktionieren? Werden Juden und Araber in derselben Truppe dienen? Oder wird es getrennte Bataillone geben, getrennte Brigaden oder getrennte Divisionen?  Wenn es Unruhe in jüdischen  Nachbarschaften gibt, werden jüdische Einheiten Befehlen gegen ihre Brüder gehorchen? In einem Krieg gegen einen arabischen Staat – wie wird eine arabische Einheit agieren?

Wird der Stabschef ein Jude oder ein Araber sein? Vielleicht abwechselnd? Und der Generalstab – halbe-halbe?

Das ist noch einfach –  verglichen mit der Polizei. Werden Juden und Araber Seite an Seite dienen, wie sie es während des britischen Mandats taten, als praktisch alle lokalen Polizisten zu geheimen nationalistischen Organisationen gehörten?

Wie untersucht diese Polizeikraft nationalistische Verbrechen? Wer wird der Generalinspektor sein?

Dann gibt es da noch die Frage der Steuern. Wie es jetzt aussieht, ist das durchschnittliche Einkommen der Juden in Israel 25 mal höher als das der Araber im  besetzten Palästina. Nein, das ist kein Tippfehler. nicht 25% höher. 25 mal höher.

Werden sie dieselben Steuern zahlen? Sehr bald würden sich jüdische Bürger beschweren, dass sie für die ganze Fürsorge und Bildung der palästinensischen Bürger zahlen. Schwierigkeiten.

DANN GIBT es da noch die Probleme der politischen Strukturen.

Natürlich  wird es allgemeine und freie Wahlen geben. Wie werden die Bürger wählen – nach ihren Klasseninteressen oder  nach ethnischen Linien?

Die Erfahrung in vielen Ländern zeigen an, dass die nationale Identität den Vorrang nehmen wird. Im heutigen Israel ist dies die Regel. Während des britischen Mandats gab es nur eine einzige gemeinsame jüdisch-arabische Partei: die Moskau treue kommunistische.  Am Vorabend des Krieges von 1948 teilte sie sich  in Juden und Araber. Im neuen Staat Israel vereinigte sie sich wieder (wie von Moskau befohlen wurde), um sich dann wieder zu teilen. Nun ist es praktisch eine arabische Partei mit ein paar jüdischen Mitläufern.

1984 beteiligte ich mich an der Gründung einer neuen Partei, der Progressiven Liste für Frieden, die sich auf strenge Parität gründete: unsere Knesset Liste war arabisch, jüdisch, arabisch,  jüdisch   bis 120.

In zwei auf einander folgenden Wahlkampagnen  kamen wir in die Knesset. Es geschah eine seltsame Sache: all unsere Wähler waren Araber. Die Partei verschwand.

Ich habe den starken Verdacht, dass bei VSIP  das Gleiche geschehen wird. Im Parlament werden sich zwei Blöcke gegenüberstehen und ein Klima ständiger gegenseitiger Feindseligkeit schaffen. Es wird außerordentlich schwierig sein, eine arbeitende Regierungskoalition zu bilden, die aus Elementen beider Seiten zusammengesetzt ist. Man schaue sich nur Belgien an, ein anderer problematischer, bi-nationaler Staat.

Einige Anhänger des einen Staates geben zu, dass das  Projekt nur durchführbar ist, wenn beide Völker ihre Grundhaltung vollkommen ändern und ein Geist  gegenseitiger Sympathie und Respekt den gegenwärtigen nationalistischen Hass und Verachtung ersetzt.

Vor etwa 50 Jahren hatte ich ein Gespräch mit dem damaligen indischen  Botschafter in Paris Kavalam Madhava Panikkar, einem sehr geachteten Staatsmann und Gelehrten. Wir sprachen natürlich über den israelisch-palästinensischen Frieden, und er sagte: „Das wird  51 Jahre dauern!“

Warum genau 51 Jahre, fragte ich überrascht. „Weil wir  eine neue Generation von Lehrern brauchen“, sagte er. „Das wird 25 Jahre dauern. Diese neuen Lehrer  werden eine neue Generation von Schülern erziehen. Das dauert weitere 25 Jahre. Und um Frieden zu machen, braucht es ein weiteres Jahr.“

Nun, 51 Jahre sind vergangen,  und Frieden ist weiter weg als damals. Ehestifter pflegen zu sagen: Sie lieben sich noch nicht, aber wenn sie erst mal verheiratet sind und Kinder haben, werden sie einander lieben.

Vielleicht. Wie lange wird es dauern? Einhundert Jahre? Zweihundert Jahre. Lange vorher werden wir alle gestorben sein

Das Hauptargument gegen die Ein-Staat-Lösung ist, es wird bald ein Schlachtfeld eines ewigen Konfliktes sein wie der Libanon. Dort gibt es nicht einen Tag eines internen Friedens.

Die größte Gefahr ist: dass diesen Staat  -mit wachsender arabischer Mehrheit – wohl-habende und gebildete jüdische Bürger, langsam das Land verlassen werden  (wie es jetzt schon einige tun). Am Ende werden nur die Armen und Ungebildeten zurückbleiben – eine kleine jüdische Gemeinde, wie in andern arabischen Staaten.

Ich habe einen heimlichen Verdacht, dass einige der arabischen Anhänger des einen Staates die Idee allein aus diesem Grund begrüßen: um Israel ein Ende zu setzen.

Israelische Juden und palästinensische Araber sind zwei der nationalistischsten Nationen auf der Welt. Man muss ein extremer Optimist sein – noch extremer als ich – um zu glauben, dass dies funktionieren könnte.

Ehrliches Eingeständnis: Ich glaubte einst an die Ein-Staat-Lösung, lange bevor dieser Terminus erfunden war. Als  ich 1945 gerade 22 Jahre alt war, gründete ich eine Gruppe, die sich dem Gedanken widmete, dass die neue hebräische Nation in Palästina und die arabische Nation in Palästina beide durch gemeinsame Liebe ans Land gebunden, eine gemeinsame Nation werden und in einem gemeinsamen Staat leben könnten.

Unsere Ideologie verursachte einen Aufschrei in der zionistischen Gemeinschaft im Land. Wir wurden allgemein verurteilt. Aber während des Krieges von 1948, als ich in unmittelbaren Kontakt mit der palästinensischen Realität kam, gab ich diese wunderbare Idee für immer auf, und von 1949  war ich einer der  Schöpfer des Konzeptes der Zwei-Staaten-Lösung.

Ich habe einen großen Respekt vor den Anhängern der Ein-Staat-Lösung. Ihre Motive sind bewundernswert. Ihre Vision hochfliegend. Aber es hat keine Verbindung zur Realität.

ICH WÜRDE gerne für mich einen Punkt ganz klar machen:  die Zwei-Staaten-Lösung ist kein Rezept für  Trennung und Scheidung, sondern im Gegenteil, eine Art Hochzeit.

Vom ersten Tag  an  – vor 66 Jahren – als wir eine winzige Gruppe waren, hielten wir das Banner der Zwei-Staaten-Lösung hoch. Für uns war klar, dass die zwei Staaten, in einem so kleinen Land so eng bei einander in naher Kooperation leben müssen. Die Grenzen müssen für Menschen und Waren offen sein, die Wirtschaft eng mit einander verknüpft. Eine Art Föderation ist unvermeidbar. Die Haltung wird sich langsam auf beiden Seiten ändern.

Verbindungen werden geknüpft. Freundschaften werden  gegründet. Geschäfts-interessen werden die Leute überzeugen. Die Leute werden zusammen arbeiten und einander respektieren. Wie die Araber sagen: Inshallah!

Wenn ich gefragt werden würde, ob dies die beste Lösung sei, lautet meine Antwort: „Es ist die einzige Lösung.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, von Verfasser autorisiert)

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BDS – der neue Feind

Erstellt von Gast-Autor am 19. Juli 2015

BDS – der neue Feind

Autor Uri Avnery

BENJAMIN NETANJAHU kratzte sich am Kopf. Seine ganze Karriere gründet sich auf Panikmache. Da Juden seit Jahrtausenden  in Angst lebten, ist dies einfach, sich darauf zu berufen. Sie sind ( geradezu) süchtig.

Seit Jahren hat Netanjahu seine Karriere auf die Angst vor der iranischen Bombe  gebaut. Die Iraner sind ein verrücktes Volk. Wenn sie erst mal die Bombe erlangt haben, werden sie sie auf Israel fallen lassen, selbst, wenn Israels Atombombe bei einem zweiten Schlag den Iran mit seiner jahrtausendealten Kultur sicher vernichten wird.

Aber Netanjahu sah mit wachsender Sorge, dass die iranische Bedrohung ihre Schärfe verlor. Die US haben anscheinend ein Abkommen mit dem Iran erreicht, das den Bau einer Bombe verhindert. Sogar Sheldon der Große konnte das Abkommen nicht  verhindern. Was nun?

Er schaute sich um. Da tauchten drei Buchstaben auf: BDS. Sie bedeuten Boykott, Divestment und Sanktionen, eine weltweite Kampagne, um Israel  wegen seiner 48 Jahre langen Unterwerfung des palästinensischen Volkes zu boykottieren.

Ah, hier haben wir eine wirkliche Bedrohung, schlimmer als die Bombe. Ein zweiter Holocaust  droht. Das tapfere kleine Israel steht vor der kompletten üblen  antisemitischen Welt.

Stimmt, bis jetzt hat Israel keinem wirklichen Schaden gelitten. BDS  ist eher eine symbolische Geste als eine wirkliche wirtschaftliche Waffe. Aber wer zählt nach? Die Legionen von Antisemiten sind auf dem Vormarsch.

Wer wird uns retten?  Bibi, der Große, natürlich.

EHRLICHE OFFENLEGUNG:  meine Freunde und ich initiierten den ersten Boykott, der gegen die Produkte der Siedlungen gerichtet war.

Unsere Friedensbewegung Gush Shalom  überlegte, wie man die Ausbreitung der Siedlungen anhalten könne – von denen jede eine Landmine auf dem Weg zum Frieden ist. Der Hauptgrund für den Siedlungsbau ist, die Zwei-Staaten-Lösung zu verhindern – die einzige Friedenslösung, die es gibt.

Unsere Untersuchungen machten eine große Runde zu den Siedlungen und registrierten die Unternehmungen/Firmen, die von den Werbemaßnahmen der Regierung in eine Falle gelockt wurden, um  Einkaufsmöglichkeiten jenseits der grünen Linie zu eröffnen. Wir veröffentlichten die Liste und ermutigten die Kunden, diese Produkte nicht einzukaufen.

Ein Boykott ist ein demokratisches Mittel zu protestieren. Es geschieht ohne Gewalt. Jede Person kann dies privat ausprobieren, ohne sich einer Gruppe anzuschließen oder sich in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Unser Hauptziel war es, dass die israelische Öffentlichkeit klar zwischen israelischen Waren und denen aus den Siedlungen in den besetzten Gebieten unterscheiden könne. Im März 1997 hielten wir eine Pressekonferenz, um die Kampagne anzukündigen. Es war ein einmaliges Ereignis. Ich hatte  schon  Pressekonferenzen abgehalten, die voller Journalisten waren – z.B.  nach meinem ersten Treffen mit Yassir Arafat im belagerten West-Beirut. Ich hatte Pressekonferenzen mit wenigen Besuchern gehalten. Aber diese hier war wirklich besonders: kein einziger israelischer Journalist  zeigte sich.

Doch die Idee verbreitete sich. Ich weiß nicht, wie viele tausend Israelis die Produkte der Siedlungen im Augenblick boykottieren.

Doch waren wir von der Haltung der EU-Behörden aufgebracht , die  die Siedlungen anprangerten, während sie in der Praxis ihre Produkte  mit Zoll /Steuerfreibeträgen subventionierten wie reale Waren aus Israel. Meine Kollegen und ich gingen nach Brüssel, um zu protestieren. Von höflichen Bürokraten wurde uns gesagt, dass Deutschland und andere  jeden Schritt in Richtung Siedlungsboykott behinderten.

Schließlich bewegten sich die Europäer, doch sehr langsam.  Sie verlangen jetzt, dass die Produkte der Siedlungen klar gekennzeichnet werden.

DIE BDS-Bewegung hat eine sehr andere Agenda. Sie wollen den Staat Israel als solchen boykottieren.

Ich sehe dies immer als großen strategischen Irrtum an. Statt die Siedlungen zu isolieren und sie von den durchschnittlichen Israelis zu trennen, treibt ein allgemeiner Boykott alle Israelis in die Arme der Siedler. Es weckt wieder uralte Ängste. Vor einer allgemeinen Gefahr zu stehen, vereinigt die Juden.

Netanjahu könnte sich nichts Besseres wünschen. Er reitet jetzt auf der Welle jüdischer Reaktionen. Jeden Tag gibt es Schlagzeilen über einen anderen Erfolg  der Boykottbewegung und jeder  Erfolg ist ein Pluspunkt für Netanjahu.

Es ist auch ein Pluspunkt für seinen Gegner, Omar al-Barghouti, den palästinensischen Organisator von BDS.  In Palästina gibt es viele Barghoutis. Es ist eine große Familie, die in  mehreren Dörfern nördlich von Jerusalem prominent ist.

Der berühmteste ist Marwan al-Barghouti, der zu mehrmals lebenslänglich verurteilt worden ist, weil er die Fatah-Jugendbewegung  leitete. Er wurde  nicht dafür beschuldigt, an „terroristischen“ Akten teilgenommen zu haben, sondern für seine Führungsrolle als Verantwortlicher für die Organisation . Tatsächlich waren wir Partner beim Organisieren mehrerer gewaltfreier Protestdemos gegen die Besatzung.

Als er vor Gericht angeklagt wurde, protestierten wir im Gerichtsgebäude. Einer meiner Kollegen verlor bei dem sich ergebenden Kampf mit den gewalttätigen Gerichtswärtern dabei einen Zehennagel. Marwan ist noch immer im Gefängnis, und viele Palästinenser betrachten ihn (trotzdem) als potentiellen Erben von Mahmoud Abbas.

Ein anderer Barghouti ist Mustafa, der sehr liebenswürdige Führer  einer linken Partei, der gegen die Präsidentschaft der Palästinensischen Behörde von Abbas sich stark machte . Wir trafen einander (mehrfach)und standen bei verschiedenen Demonstrationen gegen die Mauer der Armee gegenüber.

Omar Barghouti , der Führer der BDS-Bewegung, war Student der Universität von Tel Aviv.  Er verlangt die freie Rückkehr aller palästinensischen Flüchtlinge, Gleichheit  für die palästinensischen Bürger Israels und natürlich ein Ende der Besatzung.

Doch BDS ist keine hoch organisierte weltweite Organisation.  Sie ist eher eine Handelsmarke. Gruppen von Studenten, Künstlern und andere  machen spontan mit  und schließen sich dem Kampf für die palästinensische Befreiung an.  Hier und da versuchen, ein paar wirkliche Antisemiten sich ihnen anzuschließen. Aber für Netanjahu sind sie alle Antisemiten.

VON ANFANG an fürchteten wir, der Boykott Israels habe – im Unterschied zum Boykott der Siedlungen  die durchschnittlich jüdische Bevölkerung  mit den Siedlern unter der Führung von Netanjahu vereinigt.

Das Vaterland ist in Gefahr. „Nationale Einheit!“ ist die Order des Tages. „Der Oppositionsführer“ Yitzhak Herzog  eilt voraus, um Netanjahu zu unterstützen, wie es fast alle andern Parteien taten

Israels Oberster Gerichtshof, ein  ängstlicher Schatten seines Vorgängers, hat schon darüber verfügt,  ein Aufruf zu einem Boykott  Israels, sei ein Verbrechen einschließlich der Aufrufe, die Siedlungen zu boykottieren.

Fast jeden Tag erreichen Boykotts Schlagzeilen. Der Biss von „Orange“, dem französischen Zeitungsriesen, hatte sich zuerst dem Boykott angeschlossen, hat sich dann aber schnell gedreht und trat zu einer Pilgerreise der Reue nach Israel an. Studentenorganisationen und professionelle Gruppen in Amerika und Europa nehmen den Boykott an. Die EU  verlangt jetzt energisch, dass die Siedlungsprodukte  gekennzeichnet werden.

Netanjahu ist glücklich. Er ruft die Weltjudenheit auf, den Kampf gegen diese antisemitische Schandtat aufzunehmen. Der Besitzer von Netanjahu, der Multi-Milliardär und Kasinomogul Sheldon Adelson hat einen Kriegsrat reicher Juden nach Las Vegas einberufen. Sein Gegenspieler Pro-Labor Multi-Milliardär Haim Saban hat sich ihm angeschlossen. Selbst die Täter der „Weisen von Zion“  hätten  das nicht für möglich gehalten-

ALS KOMISCHER Unterstützer wetteifert ein anderer Kasino-Besitzer  um die Schlagzeilen. Er ist ein viel, viel kleinerer Operator, der nicht mit Adelson verglichen werden kann. Er ist das neue Knesset-Mitglied Oren Chazan, die Nummer 30 auf der Likudwahlliste, der letzte, der noch dazukam. Eine TV-Denkschrift hat behauptet, er wäre der Besitzer eines Kasinos in Bulgarien, der seinen Kunden Prostituierte liefert und  harte Drogen benützt. Er ist schon  als stellvertretender Knessetsprecher gewählt worden. Der Sprecher ist jetzt vorübergehend  von den Knessetplenum-Sitzungen suspendiert worden.

Die beiden Kasinobesitzer, der große und der kleine, beherrschen die Nachrichten. Das ist ziemlich bizarr in einem Land, in dem Kasinos verboten sind, und wo heimliche Kasinobesucher  regelmäßig verhaftet werden.

Nun, das Leben ist wie ein Roulettespiel. Und das Leben in Israel ist es sogar noch mehr.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser ….

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Die wirkliche Nakba

Erstellt von Gast-Autor am 12. Juli 2015

Die wirkliche Nakba

VOR DREI Wochen  war Nakbatag – der Tag, an dem Palästinenser innerhalb und außerhalb Israels  an ihre „Katastrophe“ denken – den Exodus  von mehr als der Hälfte des palästinensischen Volkes aus den von Israel besetzten Gebieten im Krieg von 1948.

Jede Seite hat ihre eigene Version dieses folgenschweren Ereignisses.

Nach der arabisch-palästinensischen Version kamen die Juden von nirgendwoher, und ein friedliebendes Volk  wurde angegriffen und aus seinem Land vertrieben.

Nach der zionistischen Version akzeptierten die Juden  den Kompromiss-Teilungsplan der UN, aber die Araber  wiesen ihn zurück und begannen einen blutigen Krieg, währenddessen sie von den arabischen Staaten überredet wurden, ihre Häuser zu verlassen, um dann mit den siegreichen arabischen Armeen zurückzukehren.

Beide Versionen sind äußerster Unsinn – eine Mischung von Propaganda, Legende und verdrängten Schuldgefühlen.

Während des Krieges war ich Mitglied einer mobilen Kommando-Einheit, und diese war  auf der ganzen Südfront aktiv. Ich war ein Augenzeuge von dem, was dort geschah.

Ich schrieb während des Krieges ein Buch („In den Feldern der Philister“) und eines  direkt nach dem Krieg („Die andere Seite der Münze“). Sie erschienen zusammen 1948 auf Deutsch unter dem Titel „ Die andere Seite der Münze“. Ich schrieb auch in der ersten Hälfte  meiner Autobiographie („ Optimistisch“); das  im letzten Jahr auf Hebräisch erschien. Ich werde zu beschreiben  versuchen, was wirklich geschah. „1948 – eine Soldatengeschichte“.

ZU ALLERERST müssen wir uns  davor hüten, 1948 mit den Augen von 2015 zu sehen. So schwierig es auch sein mag, so müssen wir versuchen, uns in die Realität von damals zu versetzen. Anders sind wir nicht in der Lage, das zu verstehen, was tatsächlich geschah.

Der Krieg von 1948 war einmalig. Er war eine Folge historischer Ereignisse, die nirgendwo eine Parallele hat. Ohne seinen historischen, psychologischen, militärischen und politischen Hintergrund zu berücksichtigen, ist es unmöglich, zu verstehen, was damals geschah. Weder die Auslöschung der einheimischen Amerikaner durch die weißen Siedler noch die verschiedenen kolonialen Genozide ähneln dem.

Die unmittelbare Ursache war die UN-Resolution vom November 1947: die Teilung Palästinas.  Sie wurde von den Arabern sofort abgewiesen, die  die Juden als fremde  Eindringliche ansahen. Die jüdische Seite akzeptierte diese Teilung. Aber David Ben Gurion rühmte sich später damit, er hätte  nicht die Absicht gehabt, mit den Grenzen von 1947 zufrieden zu sein. Als der Krieg Ende 1947 begann, lebten im britisch beherrschten Palästina über 1,250 000 Araber und 635000 Juden. Sie lebten in getrennten Nachbarschaften in den Städten (Jerusalem, Tel Aviv. Jafa, Haifa) und in benachbarten Dörfern.

Der Krieg von 1948/49 bestand tatsächlich  aus zwei Kriegen, die ineinander über-gingen. Vom Dezember 47 bis Mai 48 war es ein Krieg zwischen den Arabern und der jüdischen Bevölkerung innerhalb Palästinas, von Mai bis zum Waffenstillstand anfangs 1949 war der 2. Krieg. Es war ein Krieg zwischen der neuen israelischen Armee und den Armeen der arabischen Länder – hauptsächlich der jordanischen, ägyptischen, syrischen und irakischen.

IN DER ersten und entscheidenden Phase war die palästinensische Seite in zahlreichen Dörfern  klar die überlegene Seite. Die arabischen Dörfer beherrschten fast alle Landstraßen; die Juden konnten sich  nur in eilig gepanzerten Bussen und mit bewaffneten Wächtern  bewegen.

Doch die jüdische Seite hatte eine vereinigte Führung unter Ben Gurion und schuf eine vereinigte, disziplinierte,  gut organisierte militärische Truppe, während die Palästinenser nicht in der Lage waren, eine vereinigte Führung und Armee aufzubauen.  Dies zeigte sich als entscheidend.

Auf beiden Seiten gab es keinen wirklichen Unterschied zwischen den Kämpfern und den Zivilisten. Die arabischen Dorfbewohner besaßen Gewehre und Pistolen und eilten zur Szene, wenn eine vorbeifahrende jüdische Fahrzeugkolonne angegriffen werden sollte. Die meisten Juden waren  in der Haganah organisiert, der bewaffneten  Untergrund-Verteidigungskraft. Die beiden „terroristischen“ Organisationen, der Irgun und  die  Stern-Gruppe, vereinigten sich mit der gemeinsamen Kraft, der Haganah.

Auf beiden Seiten wusste man, dass dies ein existentieller Kampf war.

Auf der jüdischen Seite war es die unmittelbare Aufgabe, die arabischen Dörfer an den Landstraßen zu vertreiben. Das war der Beginn der Nakba,

Von Anfang an  warfen Gräueltaten böse Schatten auf beide Seiten. Wir sahen Araber, die in Jerusalem  mit abgetrennten Köpfen unserer Kameraden marschierten. Es  gab auch  Gräueltaten, die von unserer Seite begangen wurden, die ihren Höhepunkt in dem berühmten Deir Yassin –Massaker fanden, einem Jerusalem benachbarten Ort. Es wurde von der  Irgun-Stern-Gruppe angegriffen. Viele seiner männlichen Bewohner  wurden massakriert, mit vielen Frauen marschierte man durch das jüdische Jerusalem. Vorfälle wie diese  schufen von Anfang an die  Atmosphäre des existentiellen Kampfes.

Durchweg war dies ein total ethnischer Kampf zwischen beiden Seiten, von denen jede Seite behauptete, das ganze Land  sei ausschließliche seine Heimat und leugnete die Behauptung der anderen Seite. Lange bevor der Ausdruck „Ethnische Säuberung“  aufkam, geschah dies während des ganzen Krieges. Nur wenige Araber blieben in den von  Juden eroberten Gebieten (im Etzion Block, in  der Altstadt von Jerusalem) Überhaupt keine  Juden blieben in den wenigen von arabischer Seite eroberten Stadtteilen.

Als der Mai näher kam und die Erwartung, dass sich arabische Armeen in den Konflikt  einmischen würden, versuchte die jüdische Seite, eine Zone zu schaffen, aus der alle nichtjüdischen Bewohner entfernt wurden.

Man muss verstehen, dass die arabischen Flüchtlinge nicht „das Land verließen“. Als ihre Dörfer beschossen wurden – gewöhnlich bei Nacht –  nahmen sie ihre Familien mit sich und flohen ins nächste Dorf, das dann unter Feuer kam und so weiter. Am Ende fanden sie zwischen sich und ihrem Heim eine Waffenstillstandslinie.

DER PALÄSTINENSISCHE Exodus war kein gerader Prozess: Er veränderte sich von Monat zu Monat, von Ort zu Ort und von Situation zu Situation.

Zum Beispiel: die Bevölkerung von Lod war gezwungen zu fliehen, da  wahllos  auf sie geschossen wurde. Als Safed erobert wurde – gemäß dem  Kommandeur: Wir trieben sie nicht aus –  öffneten wir nur einen Korridor für sie, damit sie fliehen konnten.

Bevor Nazareth besetzt wurde, signierten die örtlichen Führer ein Dokument der Übergabe, und der Stadtbevölkerung wurde Leben und Besitz garantiert. Der jüdische Kommandeur, ein kanadischer Offizier mit Namen Dunkelman wurde dann  mündlich der Befehl gegeben, sie zu vertreiben. Er weigerte sich und verlangte einen schriftlichen Befehl, der niemals ankam. Darum ist Nazareth noch heute eine arabische Stadt.

Als Jafa erobert wurde, flohen die meisten Einwohner übers Meer nach Gaza. Diejenigen die  nach  der Übergabe blieben, wurden auf Lastwagen geladen und in Richtung Gaza geschickt.

Während der große Teil der Vertreibung aus militärischer Notwendigkeit geschah, gab es  sicher einen unbewussten, halb bewussten oder bewussten Wunsch, die arabische Bevölkerung loszuwerden. Es lag „im Blut“ der zionistischen Bewegung.-  noch bevor Theodor Herzl überhaupt an Palästina dachte. Tatsächlich schlug Theodor Herzl  – als er den Entwurf seines  bahnbrechenden Buches   „Der Judenstaat“ schrieb  – den jüdischen Staat in Patagonien (Argentinien)zu gründen  und forderte auf, alle einheimischen Bewohner zu vertreiben.

Nachdem die arabischen Armeen sich im Mai den Krieg eingemischt hatten, wurden die Ägypter  nur 22km  vor Tel Aviv gestoppt. Mit der UN wurde eine ein-Monat langeFeuerpause  verabredet, und  von der israelischen Seite wurde diese dazu benützt,  sich selbst mit  schweren Waffen (Artillerie, Panzern, Militärflotte, Kampfflieger)  auszurüsten – ja, die von Stalin für sie in der Tschechei geliefert wurde( sie wurden im 2. Weltkrieg für die Wehrmacht  produziert und einige Gewehre hatten noch Hakenkreuze  eingeritzt. In der sehr schweren Schlacht vom Juli begann die israelische Seite zu gewinnen. Von da an wurde  die militärische  Entscheidung getroffen, die arabische Bevölkerung  zu  vertrieben. Die . Einheiten bekamen den Befehl, auf jeden Araber zu schießen, der versuchte, in sein Heimatdorf zurück-zukehren

Der entscheidende Moment kam zum Ende des Krieges, als  entschieden wurde, den Flüchtlingen die Rückkehr nicht zu erlauben. Es gab keine offizielle Entscheidung. Die Idee kam nicht einmal auf, als die jüdischen Flüchtlinge aus Europa, die Überlebenden des Holocaust, das Land überfluteten und die Orte füllten, die von den Arabern. verlassen worden waren.

Die zionistische Führung war sich sicher, dass innerhalb einer oder zweier Generationen die Flüchtlinge vergessen sein werden. Das war ein Irrtum

ES SOLLTE  daran erinnert werden, dass all dies  nur wenige Jahre  nach der Massenvertreibung  der Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und den baltischen Staaten geschah, was als normal akzeptiert wurde.

Wie eine griechische Tragödie wurde die Nakba  durch den Charakter  all seiner  Teilnehmer, Täter und Opfer aufbereitet. Jede Lösung des „Problems“ müsste mit einer bedingungslosen Entschuldigung von Israel  für seinen Teil der Schaffung der Nakba beginnen.

Die praktische Lösung muss wenigstens eine symbolische Rückkehr einer  Ansiedlung  der Mehrheit von Flüchtlingen auf israelischem Gebiet sein, eine Mehrheit von Flüchtlingen in den Staat Palästina, wenn er entsteht,  und eine großzügige  Kompensation an jene, die sich entscheiden , dort zu bleiben, wo sie sind  oder woandershin auszuwandern.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs vom Verfasser autorisiert)

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Die Karte an der Wand

Erstellt von Gast-Autor am 5. Juli 2015

Die Karte an der Wand

Autor Uri Avnery

EIN FRÜHERER Kabinettsminister, eine (trotz allem) intelligente Person, fragte mich  eines Tages: „Nehmen wir an, dass unser Plan verwirklicht werde: Ein palästinensischer Staat wird Seite an Seite mit Israel entstehen. Ja, sogar eine Art Föderation. Dann wird in ein paar Jahren eine gewalttätige anti-israelische Partei dort  an die Macht kommen und alle Verträge zu Nichte machen. Was dann?

Meine einfache Antwort war: „Israel wird immer mächtig genug sein, um jede Bedrohung zu verhindern“.

Das ist wahr, aber das ist nicht die richtige Antwort. Die reale Antwort liegt in den Lektionen der Geschichte.

DIE GESCHICHTE  zeigt uns, dass es (mindestens) zwei Arten von Friedensabkommen gibt. Die eine Art, die törichte, gründet sich auf Macht. Die andere, die intelligente, gründet sich auf gegenseitiges Interesse. Das-berüchtigste Beispiel für die erste Art: der Versailles Vertrag, der dem 1. Weltkrieg folgte.

Er wurde vier Jahre  vor meiner Geburt unterzeichnet – aber als Kind war ich ein Augenzeuge seiner Folgen.

Es war ein „diktierter“ Friede. Nach vier Jahren Kampf mit Millionen von Opfern wünschten die Sieger, den Besiegten ein Maximum an Schaden zuzufügen.

Große Teile Deutschlands wurden vom Vaterland abgetrennt und den Siegern im Osten und Westen zugesprochen. Riesige Entschädigungssummen wurden  Deutschland auferlegt, das schon vom Krieg total erschöpft war.

Am schlimmsten von allem war vielleicht der Absatz mit der „Kriegsschuld. Die Ursprünge des Krieges waren mannigfaltig und kompliziert. Ein serbischer Patriot tötete den österreichischen Thronfolger. Österreich antwortete mit einem harschen Ultimatum. Das russische Zarenreich, das sich selbst als der Protektor aller Slaven sah, erklärte eine allgemeine Mobilmachung, um die Österreicher abzuschrecken. Die Russen waren mit den Franzosen verbündet. Um eine gemeinsame Invasion von beiden Seiten zu verhindern, fielen die Deutschen mit den Österreichern, die mit den Franzosen verbündet waren, in Frankreich ein. Die Idee war, die Franzosen zu schlagen, bevor die schwerfällige russische Mobilisierung vollendet war. Großbritannien, das einen deutschen Sieg fürchtete, eilte den Franzosen zu Hilfe.

Kompliziert? Tatsächlich. Aber die Sieger zwangen die Deutschen, einen Vertrag zu unterzeichnen, der sie als das einzige Volk für den Ausbruch des Krieges verantwortlich machte.

ALS ICH in Deutschland zur Schule ging, hing vor meinen Augen eine Landkarte Deutschlands. Sie zeigte die gegenwärtigen Grenzen des Reichs, (wie es damals genannt wurde)  und drum herum eine rote Linie, die die Grenzen vor dem Krieg zeigte.

Diese Landkarte hing in jeder Klasse in jeder Schule in Deutschland. Von frühester Kindheit an wurde jeder deutsche Junge und jedes Mädel täglich an die große Ungerechtigkeit die dem Vaterland zugefügt wurde, erinnert, als große Stücke Land von ihm genommen wurden.

Noch schlimmer, jedes deutsche Kind wurde gelehrt, dass sein Vater vier ganze Jahre tapfer gegen einen weit überlegenen Feind gekämpft hatte und nur wegen reiner Erschöpfung aufgegeben hatte. Deutschland hatte nur eine kleinere Rolle bei den Ereignissen gespielt, die zum Krieg führten, doch die ganze Schande des Krieges wurde auf dieses gelegt. So waren es dann auch die „Reparationen“, die Deutschlands Wirtschaft ruinierten.

Die Demütigung der Unterzeichnung eines solch ungerechten Vertrages wurde ein permanenter Stachel und zum  Schlachtenruf von Adolf Hitlers neuer National-sozialistischen Partei. Die  deutschen Politiker, die das Dokument unterzeichneten, wurden ermordet.

Die Geschichte hat den Führern der siegreichen Verbündeten, die  diese Bedingungen diktierten, der Dummheit bezichtigt, besonders nachdem der weitsichtige amerikanische Präsident Woodrow Wilson davor gewarnt hatte.

Vielleicht hatten sie keine andere Wahl. Der schreckliche Krieg hatte so intensiven Hass ausgebrütet und die Menschen waren so rachedurstig. Sie zahlten teuer dafür, als Deutschland unter Hitlers Führung  den 2. Weltkrieg anfing.

DAS GEGENTEILIGE Beispiel wurde mit dem Frieden von Wien 1815( wie ihre Nachfolger), fast hundert Jahre früher gelegt.

Napoleons Truppen hatten große Teile Europas überrannt. Anders als  Hitlers Deutschland, brachte Napoleons Frankreich eine zivilisierte Botschaft mit sich, (seine Truppen begingen natürlich auch  Brutalitäten). Als Frankreich erschöpft war und zusammenbrach, hätten die siegreichen Verbündeten ihm leicht dieselben strafenden und demütigenden Verträge auferlegen können, wie seine Nachfolger ein Jahrhundert später. Sie taten es nicht.

Statt Frankreich wie einen besiegten Feind zu behandeln, luden sie es an den Tisch ein. Napoleons Ex-Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand war als einer der Führer, das zukünftige Europa mitzugestalten, willkommen.

Der führende Geist des Wiener Kongresses war Clemens von Metternich, kompetent der von dem  britischen Lord Castlereagh unterstützt wurde. Frankreich war es erlaubt, sich in kurzer Zeit zu erholen.

Einer der großen Bewunderer von Metternich und seinen Kollegen ist Henry Kissinger. Leider tat er das Gegenteil von dem, als er später selbst US-Außenminister wurde.

Das „Konzert der Nationen“, vom Wiener Frieden geschaffen, schuf ein solides System, das Europa – mit ein paar Ausnahmen (den französisch-preußischen Krieg von 1870) – –  fast hundert Jahre  in Frieden hielt. Der Geist seiner Gründer scheint heute wie ein Beispiel von Weisheit.

DER 2. WELTKRIEG, der schrecklichste von allen, hätte mit einem 2. Versailler Vertrag enden können; tat es aber nicht.

Nach Deutschlands bedingungsloser  Kapitulation, wurde überhaupt kein Friedensvertrag unterzeichnet. Deutschland wurde geteilt.  Nach all den schrecklichen Grausamkeiten der Nazis war kein großzügiger Friedensvertrag möglich. Deutschland wurde geteilt; aber anstelle von riesigen Entschädigungssummen – empfing es – unglaublich  große Summen Geldes von den Siegern; so konnte es sich in kurzer Zeit wieder aufbauen. Es verlor eine Menge Land, aber nur wenige Jahrzehnte später wurde Deutschland eine führende Macht in einem vereinten Europa. Ein größerer Krieg ist jetzt in Europa undenkbar.

Winston Churchill und seine Partner hatten offensichtlich die Lektion von Versailles gelernt. Sie widerlegten das populäre Sprichwort: keiner lernt aus der Geschichte.

Selbst der neue Staat Israel benahm sich sehr weise – soweit es Deutschland betrifft. Die Kamine von Auschwitz hatten kaum zu rauchen  aufgehört, als unter der Führung von David Ben Gurion mit Deutschland ein Vertrag geschlossen wurde. Schade, dass Ben Gurion mit der arabischen Welt nicht dieselbe Weisheit zeigte..

Dann kam es zum Moment von Oslo, als alles möglich gewesen wär. Martin Buber sagte einmal zu mir: „Es gibt einen richtigen Augenblick, einen historischen Akt zu tun – der Moment, bevor er falsch ist. In dem Moment danach ist er falsch Aber für  einen Moment  ist er richtig.“ Leider erkannte Yitzhak Rabin ihn nicht. Ich zweifle, dass er viel Weltgeschichte kannte.

WAS IST die Lektion?  Kissinger schrieb davon in seinen Büchern, bevor er ein Kriegsverbrecher ( in Vietnam und Südamerika)  wurde.

Die Lektion ist: Frieden wird nur dann halten, wenn alle Seiten davon profitieren. Frieden wird nicht halten, wenn eine wichtige Seite draußen  gelassen wird.

Im Moment des Sieges glaubt der Sieger, dass seine Macht ewig ist. Er kann seine Verträge dem Feind diktieren und ihn demütigen. Aber die Geschichte zeigt, dass  die Macht sich ändert, die starke von heute wird eines Tages schwach. Die Schwache wird stark und wird sich eines Tages rächen.

Das ist die Lektion, die Israel in sich aufnehmen sollte. Heute sind wir stark und die arabische Welt liegt im Chaos. Es wird nicht immer so bleiben.

Ein Friedensvertrag mit Palästina und der arabischen Welt  wird halten, falls er  weise und großzügig ist. Weise genug, dass das palästinensische Volk oder wenigstens ein großer Teil davon, zu der Schussfolgerung kommen wird, dass es sich lohnt und ehrenhaft ist, ihn zu halten.

Es ist immer gut, eine starke Armee zu haben. Für alle Fälle. Aber die Geschichte zeigt, dass es weder an starken Armeen noch an der Fülle von Waffen liegt, die den Frieden garantieren. Es ist der gute Wille auf beíden Seiten, der sich auf das Interesse beider Seiten gründet.

Und die Weisheit der Politiker  –  tatsächlich, eine seltene Gabe.

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Wer wird Israel erretten?

Erstellt von Gast-Autor am 28. Juni 2015

Wer wird Israel erretten?

DIE SCHLACHT  ist beendet. Der Staub hat sich gelegt. Eine neue Regierung – zum Teil lächerlich, zum Teil erschreckend – ist installiert worden.

Es ist Zeit, Inventur zu machen.

Das reine Ergebnis ist, dass Israel allen Anspruch auf Frieden,  aufgegeben hat und dass die israelische Demokratie einen Schlag erlitten hat, von dem sie sich vielleicht nicht erholen dürfte.

 DIE ISRAELISCHEN REGIERUNGEN – mit der möglichen Ausnahme  von Yitzhak Rabin –haben nie wirklich Frieden gewünscht. Den Frieden, der möglich ist.

Frieden bedeutet natürlich  festgelegte endgültige Grenzen. In der Gründungs-Erklärung des Staates, die  von David Ben Gurion am 14. Mai 1948 in Tel Aviv vorgelesen wurde, wurde  jede Erwähnung von Grenzen absichtlich weggelassen. Ben Gurion war nicht bereit, Grenzen zu akzeptieren, die von der UN-Teilungsresolution festgelegt worden waren     , weil sie nur für einen winzigen jüdischen Staat vorgesehen war. Ben Gurion sah voraus, dass die Araber einen Krieg beginnen würden, und er war entschlossen, diesen dazu zu benützen, um  das Staatgebiet zu vergrößern.

Dies geschah tatsächlich. Als der Krieg  von  1949 mit einem Abkommen und einer  Waffenstillstandslinie endete, die auf den endgültigen Linien des Endkampfes basierten, hätte Ben Gurion sie als Endgrenzen anerkennen können. Er weigerte sich aber Israel ist ein Staat ohne Grenzen  – vielleicht der einzige in der Welt.

Dies ist einer der Gründe für die Tatsache, dass Israel kein Friedensabkommen mit dem palästinensischen Nation hat. Es unterzeichnete offizielle Friedensabkommen mit Ägypten und Jordanien, die sich auf international anerkannte Grenzen zwischen dem früheren britischen Mandat von Palästina und seinen Nachbarn gründeten. Keine  Grenzen werden zwischen Israel und der undefinierten palästinensischen Entität akzeptiert. Alle israelischen Regierungen haben sich immer geweigert, anzuzeigen, wo solche Grenzen  verlaufen sollten. Das hoch gelobte Oslo-Abkommen war keine Ausnahme. Auch Rabin weigerte sich, eine endgültige Grenze zu ziehen.

Diese Weigerung bleibt Regierungspolitik. Am Vorabend der letzten Wahlen erklärte Benjamin Netanjahu eindeutig, dass während seiner Amtszeit – das bedeutet für ihn bis zu seinem Lebensende  – kein palästinensischer Staat entstehen würde. Deshalb würden die besetzten Gebiete unter israelischer Herrschaft bleiben.

Kein Friedensabkommen wird je unter dieser Regierung unterzeichnet werden.

KEIN FRIEDEN bedeutet, den territorialen Status quo einzufrieren, außer dass  Siedlungen weiter wachsen und sich vermehren.

Das ist nicht die Situation, die Demokratie betrifft. Sie ist nicht eingefroren.

Israel als die berühmte „einzige  Demokratie im Nahen Osten“.  Das ist praktisch ihr zweiter offizieller Name.

Es ist umstritten, wie ein Staat, der ein anderes Volk beherrscht, es all seiner Menschenrechte  beraubt – ganz zu schweigen von der Staatsbürgerschaft –eine Demokratie genannt werden kann. Aber die jüdischen Israelis haben sich an dies seit 1967  gewöhnt und ignorieren einfach diese Tatsache.

Nun  ist die Situation innerhalb Israels selbst dabei, sich drastisch zu verändern.

Zwei  Tatsachen bestätigen dies.

Als erstes ist Ayelet Schaked zur Justizministerin ernannt worden. Eine der extremsten  Israelis vom rechten Flügel. Sie hat kein Geheimnis von der Tatsache gemacht, dass sie die Unabhängigkeit des Obersten Gerichtshofes zerstören will, die letzte Bastion der Menschenrechte.

Dieses Gericht hat es die Jahre hindurch  fertiggebracht, eine große Kraft im israelischen Leben  zu werden. Da Israel keine geschriebene Verfassung hat, ist es dem Obersten Gerichtshof unter strenger  und entschlossener Führung  gelungen, die Rolle des Wächters der Menschen-und Zivilrechte anzunehmen, ja, selbst die demokratisch angenommenen Knesset-Gesetze zu annullieren, die der  eingebildeten Verfassung widersprachen.

Schaked hat angekündigt, dass sie dieser Unverschämtheit ein Ende setzen werde.

Das Gericht hat  viele Angriffe überlebt, weil seine Zusammensetzung  nicht leicht verändert werden kann. Im Gegensatz zur Praxis in den USA, die skandalös für uns aussieht, werden die Richter dort von einem Komitee  ernannt, in dem Politiker von amtierenden Richtern unter Kontrolle gehalten werden. Schaked möchte diese Praxis ändern, indem sie das Komitee mit Politikern vollstopft, die gegenüber der Regierung loyal sind.

Das Gericht ist  schon eingeschüchtert. In letzter Zeit hat es eine Anzahl von unwürdigen Entscheidungen getroffen, wie z.B. Aufrufe,  die  Siedlungen  boykottieren, zu ächten. Aber dies ist noch der Himmel, verglichen mit dem, was in nächster Zukunft geschehen soll.

VIELLEICHT  IST Netanjahus  Entscheidung noch schlimmer, für sich selbst das Ministerium der Kommunikation zu reservieren.

Dieses Ministerium ist immer als niedriges Amt angesehen worden, das für politische Leichtgewichtler reserviert wurde.  Netanjahus hartnäckige Beharrlichkeit, dies für sich zu halten, ist schon beunruhigend.

Das Kommunikations-Ministerium kontrolliert alle TV-Stationen und indirekt die Zeitung in Israel und anderen  Medien. Da alle israelischen Medien sich in einer sehr schlechten finanziellen Situation befinden, kann diese Kontrolle tödlich wirken.

Netanjahus Förderer  – einige sagen Besitzer – Sheldon Adelson, der Möchtegern-Diktator der US-republikanischen Partei, veröffentlicht in Israel schon eine Zeitung   die kostenlos verteilt, nur ein Ziel hat: Netanjahu gegen alle Feinde persönlich zu unterstützen, einschließlich seiner Konkurrenten in seiner eigenen Likud-Partei. Die Zeitung „Israel Hayom“  (Israel heute)  ist schon Israels am weitesten verbreitete Zeitung, in die der amerikanische Casino-König schon ungezählte Millionen steckte.

Netanyahu ist entschlossen, jede Opposition der elektronischen und geschriebenen Medien zu brechen. Die Oppositions-Kommentatoren sind gut beraten, wenn sie sich woanders nach einem Job umsehen. Kanal 10, der etwas kritischer auf Netanjahu blickt als seine zwei  Konkurrenten, wird deshalb wohl am Monatsende geschlossen werden.

Man kann eine abscheuliche Analogie nicht  vermeiden. Eines der Schlüsselwörter im Nazi-Lexikon war der scheußliche deutsche  Terminus „Gleichschaltung“- was bedeutete, dass alle Medien von derselben Energiequelle abhingen. Alle Zeitungen und Radiostationen (TV existierte noch nicht)  waren vollgestopft mit Nazis. Jeden Morgen versammelten sich um den Beamten des Propagandaministeriums – mit Namen Dr. Dietrich  – die Chefredakteure, und da erzählte er ihnen, wie die Schlagzeilen und Leitartikel usw. für den morgigen Tag heißen mussten.

Netanjahu hat den Chef der TV-Abteilung  schon entlassen. Wir kennen den Namen unseres eigenen Dr. Dietrich noch nicht

Als humorvolles Gegenstück ist Miri Regev zur Kultusministerin ernannt worden. Regev hat ein lautes Mundwerk, deren vulgärer Stil zu einem nationalen Symbol  geworden ist. Keiner kann erraten, wie sie früher zur Armeesprecherin  geworden ist. Ihr Stil- zum Beispiel  endete mit der Aufforderung „Applaus!“ ist ein Witz geworden.

DAS WIRKSAMSTE Instrument der De-Demokratisierung ist das Erziehungs-ministerium (das in keiner anderen Sache wirksam ist).

Israel hat mehrere Bildungssysteme, alle von ihnen vom Erziehungsministerium finanziert und dort kontrolliert.

Zwei Systeme unterstehen direkt der Regierung: das allgemeine „Staats“-System und das autonome „religiöse Staats-System.

Dann gibt es noch zwei orthodoxe Systeme: das eine aschkenasische und ein orientalisches. In einigen von diesen werden nur religiöse Themen unterrichtet  – keine Sprachen, keine Mathematik, keine  nicht-jüdische Geschichte. Dies macht die Schulabgänger für keinen Beruf geeignet. Sie bleiben für immer von den Almosen ihrer religiösen Gemeinschaft abhängig.

Bevor der Staat entstand, gab es auch ein linkes System mit sozialistischen Werten, besonders in den Kibbuzim. Dieses wurde von David Ben-Gurion der Staatlichkeit aufgelöst.

Die letzte Regierung versuchte auf vorsichtige Weise,  die Orthodoxen in die Einführung der Kernfächer in ihren Schulen zu zwingen wie z.B.  Arithmetik und Englisch. Das ist jetzt wieder gelöscht worden, seitdem die Orthodoxen Mitglieder der Regierungskoalition geworden sind.

Die wirkliche Schlacht, die jetzt beginnt, geht aber um die gewöhnlichen Staatsschulen, die bis zu einem gewissen Grad  frei waren. Meine verstorbene Frau Rachel war fast 30 Jahre lang Lehrerin an solch einer Schule und tat, was sie wollte, und versuchte, ihren Schülern humanistische und liberale Werte beizubringen.

Das geht nicht mehr. Israels extremster nationalistisch-religiöser Führer Naftali Bennett  ist jetzt als Erziehungsminister eingestellt worden. Er hat schon angekündigt, dass sein Hauptziel sei, die Schüler  in einem nationalistisch-zionistischen Geist zu erziehen und sie zu wahren israelischen Patrioten zu machen. Von Humanismus, Liberalismus, Menschenrechten, sozialen Werten  oder jedem weiteren Unsinn ist nicht die Rede.

Netanjahu hat auch das Außenministerium in seinen eigenen Händen gelassen. Viele seiner Funktionen hat er unter sechs andere Ministerien verteilt. Der Vorwand war, dass Netanjahu  das  wichtigste Ministerium für den Chef der Labor-Partei offen halte, von dem er vorgibt, ihn in die Regierung einzuladen. Herzog hat  sich schon laut geweigert (Ich vermute, dass der wirkliche Besitzer der Regierung Sheldon Adelson dies auf keinen Fall erlaubt.)

Netanjahus wirkliches Ziel ist es, jeden potentiellen Konkurrenten  davon auszuschließen, internationales und nationales Prestige in dieser Position zu gewinnen. Er führt sowieso die Außenpolitik alleine.

ALLES ZUSAMMEN ist es ein tief verstörendes Bild für jeden, der Israel liebt.

Es ist nicht so sehr, dass die Machtbalance in Israel sich geändert hat (Sie hat es nicht); sondern, dass die schlimmsten Elemente des rechten Flügels die Regierung übernommen haben und fast alle moderaten des rechten Flügels hinaus gestoßen haben. Bis jetzt waren diese extremen Rechten zwar laut, aber hatten wenig Macht. Dies hat sich nun geändert. Die extreme Rechte hat ihre Selbstsicherheit gefunden und ist entschlossen, ihre Macht zu gebrauchen.

Die israelische Linke (die sich  selbst schüchtern „Mitte links“ nennt) hat ihren Mut verloren. Ihre einzige Hoffnung ist „ausländischer Druck“. besonders vom Weißen Haus. Barack Obama hasst Netanjahu. Irgendwann wird amerikanischer Druck  angewendet werden, um Israel vor sich selbst zu retten. Das ist ein bequemer Gedanke. Wir müssen gar nichts tun. Die Rettung kommt von außen, deus ex machina. Halleluja!

Leider  bin ich ein Ungläubiger. Was ich sehe, ist, dass die US ihre Unterstützung des Netanjahu-Regimes erhöht, ihm riesige Menge neuer Waffen als „Kompensation“ liefert, für den  beginnenden  nuklearen Deal mit dem Iran. John Kerry, der von Netanjahu gedemütigt  und mit offener Verachtung behandelt wird, kriecht irgendwo unterwürfig zu unsern Füßen. Obama rühmt sich, dass er für Israel mehr getan hat (und meint die israelische Rechte) als jeder andere Präsident.

Rettung kommt nicht aus dieser Richtung. Gott wird in der Maschine bleiben.

ES GIBT  nur eine Art von Rettung: die wir in uns selbst tragen.

Manche hoffen auf eine Katastrophe, die den Leuten die Augen öffnen wird. Ich wünsche keine Katastrophen. Ich will nicht, dass Israel eine Wiederholung von al-Sisis Ägypten wird, von Erdogans Türkei oder Putins Russland.

Ich glaube, wir können Israel retten – aber nur wenn wir von der Couch aufstehen und unsere Rolle spielen.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Krieg der Toren

Erstellt von Gast-Autor am 21. Juni 2015

Der Krieg der Toren

Autor Uri Avnery

VOR EIN paar Tagen brachte der israelische TV-Kanal 10  eine investigative Reportage  über den israelischen Angriff von 2006 auf den Libanon, bekannt als der  „2.Libanon-Krieg. “

Auch wenn sie nicht gerade tiefschürfend war, gab sie ein gutes Bild ab von dem, was sich tatsächlich ereignete. Die drei israelischen Hauptprotagonisten redeten frei.

Das Bild war sehr beunruhigend, um wenigstens das zu sagen. Man könnte auch sagen, es war alarmierend.

Die Hauptschlussfolgerung ist, dass all unsere Führer in jener Zeit sich mit eklatanter Unverantwortlichkeit benahmen, die an Dummheit grenzte.

REKAPITULIEREN WIR: der2. Libanonkrieg dauerte 34 Tage vom 7. Juli bis 14. August, 2006.

Er wurde durch einen Grenzzwischenfall provoziert: Hisbollah-Kräfte  im südlichen Libanon überquerten die Grenze und griffen eine israelische Routine–Patrouille an. Das Ziel war, israelische Soldaten zu fangen, um sie gegen eigene Gefangene auszutauschen–die einzige Weise, die israelische Regierung dahin zu bringen, arabische Gefangene zu entlassen.

Bei diesem Angriff wurden zwei israelische  Soldaten auf libanesisches Gebiet gezogen. Alle anderen wurden getötet. Uns wurde erzählt, dass die Gefangenen vermutlich noch am Leben seien. Der Film zeigt, dass das Armeekommando sofort wusste, dass wenigstens einer der beiden Gefangenen tot, und der zweite vermutlich auch  gestorben war. In der Tat wurden beide während der Aktion getötet.

Die übliche Reaktion bei solch einem Vorfall ist ein Racheaktion, um die „Abschreckung wieder herzustellen“, wie das Bombardement oder der Beschuss einer Hisbollah-Basis oder eines libanesischen Dorfes. Doch diesmal nicht. Das israelische Kabinett begann einen Krieg.

Warum?

Die TV-Reportage  liefert keine überzeugende Antwort. Die Entscheidung wurde sofort getroffen – nach einem Minimum von Überlegungen. Man hat das Gefühl, dass Emotionen und persönliche Ambitionen eine große Rolle spielten.

DIE TV-Untersuchung bestand fast nur aus den Zeugenaussagen der drei Personen, die tatsächlich die Entscheidung trafen und den Krieg führten.

Der erste war der Ministerpräsident. Ehud Olmert hatte erst wenige Monate vorher sein Amt angetreten, fast durch Zufall. Er war der stellvertretende Ministerpräsident unter Ariel Scharon gewesen, der ihm diesen leeren Titel als Kompensation vermacht, hatte, weil er ihm kein ernsthaftes Ministerium gegeben hatte. Als Sharon plötzlich in ein Dauerkoma fiel, managte es Olmert geschickt, sein  Nachfolger zu werden.

Während seines  Erwachsenenlebens war Olmert ein politischer Funktionär gewesen, gegenüber niemandem loyal, er sprang von einer Partei zur anderen, von einem Förderer zum anderen, von der Knesset in die Jerusalemer Stadtverwaltung und zurück, bis er sein Lebensziel erreichte: das Amt des Ministerpräsidenten.

Währenddessen hatte er überhaupt keine militärischen Erfahrungen gesammelt. Um den wirklichen Militärdienst hat er sich gedrückt, und am Ende tat er verkürzten Dienst in der juristischen Abteilung der Armee.

Der Verteidigungsminister, Amir Peretz hatte sogar noch weniger Erfahrung.  Ein Laboraktivist von Beruf, der frühere Generalsekretär der riesigen Histadrut-Gewerkschaft wurde Führer der Labor-Partei. Als die Partei sich Olmerts neuer Regierung anschloss, konnte Peretz ein Ministerium wählen und nahm das prestigeträchtige Verteidigungsministerium.

Diese Verbindung von zwei Regierungsführern ohne jede militärische Qualifikation ist in Israel ungewöhnlich, in einem Land, das ständig im Krieg ist. Das ganze Land lachte, als Peretz bei einer Armeeübung von einem Fotografen mit einem Fernglas   gefangen wurde, von dem er die Schutzhülsen wegzunehmen vergessen hatte.

Die dritte Person des so schicksalhaften Trios, der Stabschef Dan Halutz, sollte vermutlich die militärische Unzulänglichkeit seiner beiden zivilen Vorgesetzten ersetzten. Er war Berufssoldat, ein Offizier in guter Verfassung. Aber leider war er ein Luftwaffengeneral, ein früherer Kampfpilot, der niemals mit Bodentruppen umgegangen war.

In Israel  sind alle früheren  Stabschefs von Bodentruppen gekommen und waren erfahrene Infanteristen. Die Armee hatte nie einen Stabschef, der kein erfahrener Infanterie- oder Panzeroffizier war. Die Ernennung von Halutz auf diesen Posten war äußerst ungewöhnlich. Böse Zungen spielten darauf an, dass der frühere Verteidigungsminister, eine Person mit jüdisch-iranischem Ursprung, Halutz bevorzugte, weil sein Vater auch ein Immigrant aus dem Iran war.

Wie dem auch sei: der Stabschef, der weniger als ein Jahr im Amt war, war völlig unerfahren  und hatte keine Qualifikation, um eine Bodentruppe zu führen.

So geschah es, dass die drei Führer des 2. Libanon-Krieges  neu im Amt waren und völlig unerfahren, einen Bodenkrieg zu führen. Zwei der drei  hatten keinerlei Erfahrung in militärischen Angelegenheiten.

Der Stabschef  hatte noch ein anderes Missgeschick: Es wurde später bekannt – ein paar Stunden, nachdem die Entscheidung, den Krieg zu beginnen,  getroffen  und bevor der erste Schuss abgeschossen war, hatte er seinen Börsenmakler beauftragt, seine Aktien zu verkaufen. In der TV-Reportage behauptete er, er habe gemeint, die Instruktion schon ein paar Tage vorher gegeben zu haben, als noch keiner von einem Krieg träumte, und dass  aus einigen technischen Gründen es eine Verzögerung  gegeben habe. Aber wie Peretz‘ Foto mit dem geschlossenen Fernglas, so hat die Halutz Affaire mit den Aktien einen Schatten auf beide geworfen.

Olmert wurde in der Zwischenzeit natürlich überführt, Bestechungsgelder und  verschiedene andere Verbrechen  begangen zu haben und  zu Gefängnisstrafe verurteilt wurde, mit einem schwebenden Berufungsverfahren.

DEM 2.  LIBANON-Krieg war 24 Jahre früher der 1. Libanonkrieg voraus gegangen, der von  Verteidigungsminister Ariel Scharon angeführt worden war und unter der Schirmherrschaft von Menachem Begin gestanden hatte.

Der Krieg hatte klar umrissene  Kriegsziele: die palästinensische Basis im Süden des Libanon zu zerstören. klar umrissene Kriegsziele, einen klaren operativer Plan und eine effiziente militärische und politische Führung. Es endete natürlich in einer Katastrophe, nachdem das Sabra-Shatila-Massaker  stattgefunden und die Welt schockierte hatte.

Als Folge der Brutalität dort wurde eine Untersuchung angesetzt, und Sharon wurde als Verteidigungsminister abgesetzt (aber nicht  aus der Regierung entlassen). Militärische Kommandeure wurden bestraft.

Trotzdem  wurde die Kampagne in Israel als brillanter militärischer Erfolg angesehen. Nur wenige realisierten, dass es an der östlichen Front gegenüber von Syrien ein militärisches Chaos gegeben hatte; keine israelische Einheit erreichte das angegebene  Ziel, während an der Westfront die israelischen Truppen  erst nach der vorgeschriebenen Zeit Beirut  erreichten und erst nach dem Bruch der von der UN festgesetzten Feuerpause. (Es war damals, als ich Yasser Arafat im belagerten westlichen Teil der Stadt traf.)

Der 1. Libanon-Krieg hatte eine unvorhergesehene und dauernde Wirkung. Die palästinensischen Truppen wurden tatsächlich aus dem Land abgezogen und nach Tunis befördert (Wo  Arafat  den Kampf bis zum Oslo-Abkommen fortführte) Aber anstelle der palästinensischen Bedrohung  wuchs im Libanon eine schlimmere Bedrohung. Die schiitische Bevölkerung, bis dahin ein Verbündeter Israels, wurde ein tödlicher und sehr effizienter Feind. Die Hisbollah (Partei von Allah) wurde zu einer kraftvollen politischen und militärischen Kraft, die schließlich zum 2. Libanonkrieg führte.

DOCH DER 1. Libanonkrieg war – verglichen mit dem 2. Libanonkrieg ein strategisches Meisterstück. Im 2. Libanonkrieg gab es überhaupt keinen operativen Plan. Noch gab es ein klares Kriegsziel – ein Muss für jede erfolgreiche militärische Operation.

Der Krieg begann mit einem massiven Bombenangriff auf zivile als auch auf militärische Ziele, Elektrizitätswerke, Straßen und Dörfer- die Erfüllung des Traumes eines jeden Luftwaffengenerals. Entscheidungen wurden getroffen und zurückgenommen, die Operation begonnen und gestrichen. Ziele wurden bombardiert und zerstört ohne irgendeinen Zweck, abgesehen von der Terrorisierung der zivilen Bevölkerung und des „Hineinbrennens der Lektion ins Bewusstsein“, dass es sich nicht lohnt, Israel zu provozieren.

Hisbollah reagierte durch  Terrorisierung israelischer Städte mit Raketen. Auf beiden Seiten  wuchs die Zahl der Todesfälle und der Zerstörung. Der Süden des Libanon und seine Mitte litten natürlich am meisten.

Als die Hisbollah nicht kapitulierte, wuchs der Druck in Israel, eine Bodenoffensive zu starten. Sie führte beinahe nirgendwohin. Nachdem die UN eine Feuerpause verordnet hatte, entschied die israelische Führung, nach der Fristlinie noch eine letzte Bodenoffensive zu beginnen. 34 israelische Soldaten wurden  für nichts (und wieder nichts) getötet.

Ein großer Teil der Operation wurde von Reservesoldaten durchgeführt, die eilig zusammen gerufen worden waren. Als die Reservisten an ihren Basen ankamen, fanden sie die Notlager leer  – viel wesentliches Material fehlte. Da sie uniformierte Zivilisten waren, beklagten sie sich laut. Klar war, dass das Armeekommando diese Lager jahrelang vernachlässigt hatte. Auch das Training. Viele Reservisten hatten jahrelang  ihre Trainingskurse nicht gemacht.

Als das Schießen schließlich aufhörte, waren die Errungenschaften der israelischen Armee gleich null. Ein paar libanesische Dörfer direkt neben der Grenze  waren  erobert worden und mussten wieder aufgegeben werden.

DIESES MAL konnten die Fehler nicht  zugedeckt werden. Eine zivile Untersuchungs-kommission  wurde gebildet. Sie verurteilte die Führung. Peretz und Halutz mussten zurücktreten, Olmert wurde bald danach der Korruption angeklagt und musste auch zurücktreten.

Vom Gesichtspunkt der israelischen Regierung aus hatte der 2.Libanonkrieg doch einige Errungenschaften gebracht.

Seitdem, bis heute ist die libanesisch-israelische Grenze verhältnismäßig ruhig gewesen. Falls es überhaupt ein erkennbares Kriegsziel gegeben haben sollte, wäre es das Terrorisieren der libanesischen zivilen Bevölkerung durch weitverbreitete Zerstörung und Tötung. Dies wurde tatsächlich erreicht. Hassan Nasrallah, der herausragende Hisbollah-Führer (der nach seinem viel weniger fähigen Vorgänger ernannt worden war, der von der israelischen Armee durch  „gezieltes  Töten“ „eliminiert“ worden war) gab mit  ungewöhnlicher Offenheit  zu , dass er nicht die Aktion der Gefangennahme befohlen hätte, hätte er vorausgesehen, dass  dies in einen Krieg ausarten würde.

Doch während man den drei israelischen Führern bei der TV Reportage zuhörte, war man geschockt von der Inkompetenz aller drei. Sie begannen ohne wirklichen Grund einen Krieg, in dem Hunderte von Israelis und Libanesen getötet und Häuser zerstört worden waren, einen Krieg ohne klaren Plan geführt, Entscheidungen ohne notwendiges Wissen getroffen. Als sie im TV sprachen, zeigten sie sehr wenig Respekt für einander.

Ein Israeli, der diesen Zeugen zuhörte, ist gezwungen, sich selbst zu fragen: ist das so mit all unseren Kriegen – in der Vergangenheit und Zukunft?  Ist das bis jetzt nur durch Zensur und stilles Übereinkommen verdeckt gewesen?

Und die viel größere Frage: Ist dies für die meisten Kriege in der Geschichte wahr gewesen  – vom alten Ägypten und Griechenland bis heute? Wir wissen schon, dass der 1. Weltkrieg mit seinen Millionen Opfern von politischen Dummköpfen entfacht und von militärisch inkompetenten Leuten  geführt wurde.

Ist die Menschheit  für immer zu solchem Leiden verurteilt? Müssen wir Israelis vorwärts auf ein paar andere Kriege schauen, die von derselben Art von Politikern und Generälen geführt werden?

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Ein Albtraum bei Tag und bei Nacht

Erstellt von Gast-Autor am 14. Juni 2015

Ein Albtraum bei Tag und bei Nacht

Autor Uri Avnery BENJAMIN NETANJAHU  scheint jetzt  von jedermann verachtet zu sein. Fast so sehr wie seine Ehefrau Sarah’le die sich  einmischt

Vor sechs Wochen war Netanjahu  der große Sieger. Im Gegensatz zu allen Volksbefragungen erlangte er im letzten Augenblick,  einen überraschenden Sieg 30  von 120 Knesset-Sitzen, und ließ die Laborpartei („Das Zionistische Lager“ genannt) weit hinter sich zurück.

Diese übrigen Sitze kamen nicht von der Linken. Sie kamen von den nächsten Konkurrenten, den Parteien der Rechten.

Trotzdem war es ein großer persönlicher Triumpf. Netanjahu ließ keinen Zweifel daran, dass netanjahu jetzt der Meister der Welt sei. Sarah‘le strahlte. Netanjahu ließ keinen Zweifel daran, dass er nun der Herrscher sei und dass er die Dinge nach seinen Wünschen  regeln würde

In dieser Woche hatte er seine wohl verdiente Strafe. Am allerletzten Tag der ihm zur Verfügung stehenden Zeit, die ihm das Gesetz für eine neue Regierung ließ, war er nahe dran zu verzweifeln.

EIN ALTES hebräische Sprichwort drückt es kurz und bündig so aus: „Wer ist ein Held? Der aus einem Feind einen Freund macht.“

In diesem Sinn ist Netanjahu ein Gegenheld. Er hat ein spezielles Talent, aus Freunden Feinde zu machen. Sarah’le ist darin für ihn eine große Hilfe. Winston Churchill gab einmal einen Rat, dass man in dem Augenblick des Sieges großmütig sein solle. Großmut ist aber keine von Netanjahus herausragenden Tugenden. Er machte klar, dass er, und allein er, jetzt der Herr sei.

Direkt nach der Wahl bestimmte Netanjahu, dass die nächste Regierung eine enge Koalition der Orthodoxen mit den rechtesten Parteien sei, die in der Lage seien, endlich all die Dinge zu tun, die er wirklich zu tun wünsche: diesem Zwei-Staaten-Unsinn ein Ende zu setzen, den Obersten Gerichtshof kastrieren, die Medien mundtot zu machen und vieles mehr.

Alles ging nun hervorragend. Netanjahu  war vom Staatspräsidenten instruiert worden, die nächste Regierung zu bilden, die Koalitionsgespräche gingen reibungslos voran und die Konturen der Koalition wurden klar: Likud, die Ashkenazi-Orthodoxe Torah-Partei, die orientalisch orthodoxe Shas-Partei, Moshe Kahlons neue wirtschaftliche Reformpartei, Naftali Bennetts nationalistisch-religiöse Partei und Avigdor Liebermans Ultrarechte Partei. Alle zusammen eine komfortable 67-zu 120 Sitze-Knesset.

Parteichefs müssen einander nicht lieben, um eine Koalition bilden. Sie müssen sich nicht  einmal mögen. Aber es ist wirklich nicht sehr gemütlich, in einer Regierung  zusammenzusitzen, wenn man einander hasst und sich gegenseitig verachtet.

DER ERSTE, der eine Bombe warf, war Avigdor Lieberman. Lieberman wird nicht für einen  „echten“ Israeli gehalten. Er sieht anders aus, spricht mit einem sehr dicken ausländischen Akzent, seine Gesinnung scheint auf andere Weise zu wirken. Obwohl er seit Jahrzehnten in Israel lebt, wird er noch immer für „einen Russen“ gehalten. Tatsächlich kam er aus Sowjet-Moldavien.

Es gibt eine Redensart, die Stalin zugesprochen wird: Rache serviert man am  besten kalt. An diesem Dienstag, 48 Stunden vor Ende der vom Gesetz festgelegten  Regierungsbildung, warf Lieberman seine Bombe.

Bei der Wahl verlor Lieberman mehr als die Hälfte seiner Sitze an den Likud. Seine Partei schrumpfte auf sechs Sitze zusammen. Trotzdem sicherte ihm Netanjahu zu, dass er seinen Posten als Außenminister behalten könne. Es war eine billige Konzession, da Netanjahu alle bedeutenden entscheidenden auswärtigen Angelegenheiten selbst trifft.

Auf einmal  – ohne Provokation – berief Lieberman  letzten Montag eine Pressekonferenz ein und macht eine plötzliche Ankündigung: Er würde sich der neuen Regierung nicht anschließen.

Warum? Liebermans persönliche Forderungen waren befriedigt worden. Die Vorwände waren offensichtlich künstlich. Z.B. wünscht er, dass „Terroristen “ exekutiert werden müssen, eine Forderung, die entschieden von  allen Sicherheitsdiensten klar widersprochen wird, die (ganz richtig) denken, dass das Verursachen von Märtyrern eine sehr schlechte Idee sei. Lieberman möchte auch junge Orthodoxe, die sich weigern, in der Armee  zu dienen, ins Gefängnis stecken – eine lächerliche Forderung  von einer Regierung erhoben   , in der die orthodoxen Parteien eine zentrale Rolle spielen, und so weiter.

Es war ein klarer und eklatanter Akt von Rache. Offensichtlich hatte Lieberman diese  von Anfang an getroffen, eine Entscheidung, die aber bis zum letzten Augenblick geheim gehalten wurde, bis es für Netanjahu keine Zeit mehr gab, die Zusammenstellung der Regierung zu ändern, z.B. durch das Einladen der Labor-Partei.

Es war tatsächlich wie eine kalt servierte Rache.

OHNE DIE sechs Mitglieder von Liebermans Partei, hat Netanjahu noch immer eine Mehrheit von 61, gerade genug, um die Regierung in der Knesset voranzustehen und  wenigstens ein Vertrauensvotum zu erhalten. Gerade so.

Eine 61 Stimmenregierung ist aber ein anhaltender Alptraum. Ich würde ihn nicht meinem eigenen schlimmsten Feinde wünschen.

In solch einer Situation kann keine Koalitionsmitglied ins Ausland reisen – aus Angst dass die Opposition plötzlich eine Vertrauensbildung fordert. Für  Israelis ist das schlimmer als der Tod. Der einzige Weg nach Paris für ein Koalitionsmitglied ist es, wenn dasjenige mit einem Mitglied der Opposition ein Abkommen trifft, das    sagen wir mal, nach Las Vegas fliegt. Eine Hand wäscht die andere, sagt das Sprichwort.

Aber es ist ein viel schlimmerer Tag-und Nachtalptraum für einen König wie Netanjahu: „in einer 61-Mitgliederkoalition ist „ jeder Bastard ein König“ sagt ein hebräisches Sprichwort. Jedes einzelne Mitglied kann jeden Gesetzentwurf, den die Regierung vorgelegt hat, vernichten und erlauben, viele Oppositionsvorschläge zu gewinnen, wenn es sich selbst von einer wichtigen Abstimmung fern hält.

Jeder Tag wäre  ein Kampftag mit vielen Erpressungen. Netanjahu wäre gezwungen  jeder Marotte jedes Mitgliedes nachzugeben. Selbst in der griechischen Mythologie war eine solche Folter  nie erfunden worden.

DAS  ERSTE Beispiel wurde schon gleich am ersten Tag nachdem  Lieberman seine  Bombe geworfen hatte, gegeben.

Bennett, der das Koalitions-Abkommen  noch nicht unterzeichnet hatte, fand sich selbst in einer Position, in der es keine Netanjahu Regierung ohne ihn gab. Er durchwühlte sein Gehirn, um  seine Situation herauszufinden, ob  nicht noch etwas gäbe, das ihm noch nicht versprochen wurde (und um in dem Prozess  Netanjahu zu demütigen) Er kam mit der Forderung, dass Ayelet Schaked Justizministerin werden solle.

Schaked ist die Schönheitskönigin der neuen Knesset. Trotz ihrer 38 Jahre hatte sie eine mädchenhafte Frische. Sie hat auch einen hübschen Namen: Ayelet bedeutet Gazelle, Schaked bedeutet Mandel.

Ihre Mutter war eine Lehrerein der Linken, aber ihr im Irak geborener Vater war ein rechtes Likud-Mitglied vom Zentral-Komitee. Sie folgt seinen Fußstapfen.

Die mandeläugige Gazelle übertrifft die politischen Aktivitäten, die sich auf Hass gründen, intensiven Hass auf Araber, Linke, Homosexuelle und ausländische Flüchtlinge. Sie ist die Urheberin eines ständigen Stroms extrem rechter Gesetzesentwürfen. Unter ihnen die scheußlichen Gesetzesvorlagen, die besagen, dass der „jüdische Charakter“ Israels vor der Demokratie komme und alle grundlegenden Gesetze ihr untergeordnet sind. Ihre Hetze gegen die hilflosen Flüchtlinge aus dem Sudan und Eriträa, von  wo es ihnen irgendwie gelang, Israel zu erreichen,  ist ein Teil ihrer unermüdlichen Bemühungen. Obgleich sie die Nummer zwei einer religiösen Partei ist, ist sie ganz und gar nicht religiös.

Die Beziehung zwischen ihr und Bennett begann, als beide Angestellte in Netanjahus politischem Amt waren, als er Führer der Opposition war. Irgendwie zogen sich beide den Zorn  von Sarah‘le zu, die nicht vergessen oder nicht vergeben kann. Übrigens  geschah dasselbe Lieberman und ebenso einem früheren Direktor, der ebenso in Netanjahus Amt war

So heute ist Zahltag. Netanjahu quälte Bennett während der Verhandlungen und ließ ihn tagelang schwitzen. Bennett benützte die Gelegenheit, nachdem Lieberman Abschied genommen hatte und eine neue Bedingung stellte, um sich der Koalition anzuschließen: Schaked muss Justizministerin werden.

Netanjahu, nun jeder praktischen Alternative  beraubt, gab der offenen Erpressung nach. Entweder dies anzunehmen oder -das war es dann schon – es war keine Regierung.

Nun hatte die „Gazelle“ die Herrschaft  den Obersten Gerichtshof, den sie verachtet. Sie wird den nächsten Staatsanwalt wählen(der hier in Israel als Juristischer Berater bezeichnet wird) und das Komitee füllen, das die Richter ernennt.  Sie wird auch die Verantwortung für das Komitee der Minister haben, das über die Gesetzesvorlagen entscheidet, die von der Regierung der Knesset vorgelegt werden  – und welche nicht.

Keine viel versprechende Situation für die „einzige Demokratie im Nahen Osten“.

NETANJAHU ist zu erfahren, um nicht zu wissen, dass er á la longue mit solch einer wackeligen Koalition nicht lange regieren kann. Er benötigt  in nächster Zukunft wenigstens noch einen weiteren Partner. Aber wo ihn finden?

Die arabische Partei ist offensichtlich draußen. Auch Merez. So auch Yair Lapids Partei und zwar aus dem einzigen Grund, weil  Orthodoxe  nicht neben ihm in der Regierung sitzen wollen. Also bleibt nur die Labor-Partei (oder das „Zionistische Lager“), übrig.

Offen gesagt, bin ich davon überzeugt, dass Yitzhak Herzog diese gute Gelegenheit ergreifen  wird. Er muss inzwischen wissen, dass er nicht der Volkstribun ist, der seine Partei zur Macht führen wird  Er hat nicht die Statur eines Apollo noch die Stimme eines Netanjahu. Er hat niemals eine originelle Idee vorgetragen, die zu einem erfolgreichen Protest führte.

Außerdem hat sich die Labor-Partei nie durch  Opposition ausgezeichnet. Es war die Partei, die die Partei 45 durch  gehende Jahren an der Macht geführt hat – vor und nach der Staatsgründung. Als Oppositionspartei ist sie pathetisch und so ist auch „Buji“  Herzog.

Sich Netanjahus Regierung in einigen Monaten anzuschließen, wäre  für Herzog ideal  Da gibt es ja nie einen Mangel an Vorwänden – wir haben wenigstens einmal im Monat eine nationale Notlage, die erwartete Nationale Einheit fordert. Ein kleiner Krieg, Probleme mit der UNA u.ä. (Obwohl John Kerry in dieser Woche dem israelischen Fernsehen ein Interview gab, das ein Meisterstück von Erbärmlichkeit, Bauchkraulen und Selbsterniedrigung war ).

Herzog zu bekommen, würde nicht leicht sein. Labor ist kein  monolithischer Block. Viele seiner Funktionäre bewundern Herzog nicht, betrachten Bennett als Faschisten und Netanjahu  als einen gewohnheitsmäßigen Lügner und BEtrüger. Aber die  Allüren einer Regierung sind stark; ein Ministersessel     ist so bequem.

Meine Wette: Netanjahu, der große Überlebende, wird überleben.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Ein Junge namens Bibi

Erstellt von Gast-Autor am 7. Juni 2015

Ein Junge namens Bibi

Autor Uri Avnery

ES GIBT zwei verschiedene Meinungen über Binjamin Netanyahu. Es ist schwer, zu glauben, dass sie die selbe Person betreffen.

Eine ist, dass Netanyahu ein oberflächlicher Politiker, ohne Ideen und ohne Überzeugungen ist, der einzig und allein von seiner Obzession geleitet wird, an der Macht zu bleiben. Dieser Netanyahu hat eine gute Stimme und ein Talent, geschwollene Reden im Fernsehen zu halten, Reden, die jeglichen intellektuellen Inhalts entbehren – und das ist alles.

Dieser Netanyahu ist äußerst erpressbar (ein hebräisches Wort, das fast nur für ihn erfunden wurde), ein Mann, der seine Ansichten ändert, je nach politischem Kalkül abends leugnet, was er morgens gesagt hat. Keinem seiner Worte sollte man vertrauen. Er wird jederzeit lügen und betrügen, um sein Überleben zu sichern.

Der andere Netanyahu ist fast das genaue Gegenteil. Ein prinzipiengetreuer Patriot, ein seriöser Denker, ein Staatsmann, der die Gefahr hinter dem Horizont sieht. Dieser Netanyahu ist ein begabter Redner, der den US-Kongress und das UN-Plenum bewegt, was von der größten Masse der Israelis bewundert wird.

So, welche der Beschreibungen ist nun wahr?

Keine von beiden.

WENN ES wahr ist, dass der Charakter einer Person von seiner frühen Kindheit geprägt wird, müssen wir Netanyahus Herkunft untersuchen, um ihn zu verstehen.

Er wuchs im Schatten eines strengen Vaters auf. Benzion Millikowsky, der seinen ausländischen Namen in den hebräischen Netanyahu geändert hat, war eine sehr dominante und sehr unglückliche Person. In Warschau geboren, damals eine Provinzstadt im russischen Reich, wanderte er als junger Mann nach Palästina aus, studierte Geschichte in der neuen hebräischen Universität in Jerusalem und erwartete, ein Professor dort zu werden. Er wurde nicht angenommen.

Benzion war der Sohn eines früheren Anhängers von Vladimir (Ze’ev) Jabotinsky, dem extrem rechten zionistischen Führer. Er erbte von seinem Vater eine sehr extremistische Einstellung und gab diese an seine drei Söhne weiter. Binyamin war der zweite. Sein älterer Bruder, selbst noch ein Kind, nannte ihn Bibi und die kindische Bezeichnung blieb haften.

Benzions Ablehnung durch die junge Prestige-Universität machte aus ihm einen verbitterten Menschen, eine Verbitterung, die bis zu seinem Tod im Jahr 2012, im Alter von 102, anhielt. Er war sicher, dass seine Ablehnung nichts mit seiner akademischen Qualifikation zu tun hatte und alles mit seiner ultra-nationalistischen Einstellung.

Sein extremer Zionismus hielt ihn nicht davon ab, Palästina zu verlassen und sein akademisches Glück in den Vereinigten Staaten zu suchen, wo eine zweitklassige Universität ihm eine Professur gab. Sein Lebenswerk als Historiker betraf das Schicksal der Juden im mittelalterlichen christlichen Spanien – die Vertreibung und die Inquisition. Das erzeugte in ihm ein sehr düsteres Weltbild: die Überzeugung, dass die Juden immer verfolgt werden, dass alle Goyim (Nicht-Juden) die Juden hassen, dass eine Gerade die Autodafé der spanischen Inquisition mit dem Nazi-Holocaust verbindet.

Während der Jahre pendelte die Netanyahu-Familie zwischen der USA und Israel hin und her. Binyamin wuchs in Amerika auf, lernte perfektes amerikanisches Englisch, was für seine zukünftige Karriere wesentlich war, studierte und wurde Kaufmann. Sein offensichtliches Talent für diesen Beruf zog einen Likud-Außenminister an, der ihn als israelischen Sprecher in die UN sandte.

BENZION NETANYAHU war nicht nur eine verbitterte Person, die das zionistische und israelische akademische Establishment beschuldigte, versagt zu haben, indem sie sein akademisches Format nicht anerkannt haben. Er war auch ein sehr autokratischer Familienmensch.

Die drei Netanyahu-Jungen lebten in ständiger Furcht vor dem Vater. Sie durften keinen Lärm machen zu Hause, während der Große Mann in seinem verschlossenen Arbeitszimmer arbeitete. Sie durften keine anderen Jungen mit nach Hause bringen. Ihre Mutter war ihrem Mann völlig treu ergeben und bediente ihn in jeder Weise, indem sie ihre eigene Persönlichkeit opferte.

In jeder Familie ist das zweite von drei Kindern in einer schwierigen Position. Es wird nicht bewundert, so wie das älteste, noch verhätschelt, wie das jüngste. Für Binyamin war das besonders hart, wegen der Stellung seines älteren Bruders.

Yonatan Netanyahu (beide Namen bedeuten: “Gott hat gegeben”) scheint ein besonders begnadeter Junge gewesen zu sein. Er sah gut aus, war begabt und sehr beliebt, wurde sogar bewundert. In der Armee wurde er Kommandeur der hoch angesehenen Sayeret Matkal (Generalstabs-Kommandoeinheit) – der Elite der Armee-Elite.

Als solcher war er der Kommandeur vor Ort bei dem gewagten Entebbe-Kommando-Einsatz im Jahre 1976 in Uganda, der die gefangenen Passagiere eines Flugzeugs, das von Palästinensern und deutschen Guerillas auf dem Weg nach Israel entführt worden war, befreit hat. Yonatan wurde dabei getötet und zum Nationalhelden. Er wurde von seinem Vater verehrt, der nie wirklich die Qualitäten seines zweiten Sohnes akzeptiert hat.

Zwischen seinem Vater, dem verbitterten Denker, und seinem älteren Bruder, dem legendären Held, wuchs Binyamin als ruhiger, aber sehr ehrgeiziger Junge, teils Israeli, teils Amerikaner, auf. Er arbeitete einige Zeit als Möbelverkäufer, bis er von dem extrem rechten Likud-Außenminister, Moshe Arens, entdeckt wurde.

Zwischen seinem obzessiven Bedürfnis, von seinem Vater anerkannt und als seinem glorreichen Bruder gleichwertig angesehen zu werden, wurde Netanyahus eigener Charakter geschmiedet. Sein Vater schätzte ihn nie. Einmal sagte er, er gäbe einen guten Außenminister, aber keinen Premierminister, ab.

Als Sohn seines Vaters hetzte Netanyahu nach dem Oslo-Abkommen die Menschen gegen Yitzhak Rabin auf und wurde auf dem Balkon des Sprechers bei der Demonstration fotografiert, wo ein symbolischer Sarg von Rabin herumgetragen wurde. Als bald darauf Rabin ermordet wurde, bestritt er jegliche Verantwortung.

Rabins Nachfolger, Shimon Peres, versagte kläglich, und Netanyahu wurde Premierminister. Das war eine totale Katastrophe. Am Abend nach den nächsten Wahlen, als deutlich wurde, dass er verloren hatte, strömten Menschenmassen in einer spontanen Demonstration der Freude, wie die bei der Befreiung von Paris, zu Tel Avivs zentralen Platz (jetzt nach Rabin benannt).

Sein Nachfolger aus der Arbeiterpartei, Ehud Barak, hatte kaum mehr Glück. Als ehemaliger Stabschef, von vielen bewundert, vor allem von sich selbst, zwang er Präsident Bill Clinton, eine israelisch-palästinensische Friedenskonferenz in Camp David einzuberufen. Barak, der palästinensische Standpunkte völlig ignorierte, kam, um seine Konditionen zu diktieren und war schockiert, als sie diese zurückwiesen. Nach Hause zurückgekehrt, erklärte er, die Palästinenser wollten uns ins Meer werfen. Als die Öffentlichkeit das hörte, servierte sie ihn ab und wählte den taffen, extrem-rechten General, Ariel Sharon, den Gründer des Likud.

Netanyahu wurde Finanzminister. Als solcher war er ziemlich erfolgreich. Indem er die neo-liberalen, ultra-kapitalistischen Lehren, die er in den USA absorbiert hatte, praktizierte, machte er den Armen ärmer und den Reichen reicher. Die Armen schienen es zu mögen.

Sharon war der Vater der Siedlungen in der Westbank. Um diese zu stärken, beschloss er, den Gaza-Streifen mit den wenigen Siedlungen aufzugeben, die ein unverhältnismäßiger Klotz am Bein für die Armee waren. Aber sein unilateraler Rückzug aus dem Gaza-Streifen schockierte das rechte Lager. Der ältere Netanyahu nannte diesen Schritt ein „Verbrechen gegen die Menschheit“.

Unduldsam Widerspruch gegenüber, spaltete Sharon den Likud und gründete seine eigene Kadima(“Vorwärts”)-Partei. Erneut wurde Netanyahu der Vorsitzende des Likud.

Wie üblich, hatte er Glück. Sharon erlitt einen Schlaganfall und fiel ins Koma, wovon er sich niemals erholte. Sein Nachfolger, Ehud Olmert, wurde der Korruption angeklagt und musste zurücktreten. Die nächste in der Reihe, Tzipi Livni, war inkompetent und unfähig, eine Regierung zu bilden, obwohl alle Inkredienzen vorhanden waren.

Netanyahu, der Mann, dem die jubelnden Massen nur ein paar Jahre zuvor den Laufpass gegeben hatten, kehrte zurück als Imperator. Wieder jubelten die Massen. Shakespeare hätte es geliebt.

SEITDEM wurde Netanyahu immer wieder gewählt. Die letzte Zeit war ein klarer persönlicher Sieg. Er besiegte all seine Konkurrenten der Rechten.

Also, wer ist dieser Netanyahu? Im Gegensatz zur populären Meinung ist er ein Mensch mit sehr starken Glaubensvorstellungen – den Glaubensvorstellungen seines extrem-rechten Vaters. Die ganze Welt trachtet danach, uns zu töten, jederzeit. Wir brauchen einen mächtigen Staat, um uns selbst zu verteidigen. Das gesamte Land zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan wurde uns von Gott gegeben (ob Er existiert oder nicht). Alle seine anderen Aussagen sind Lügen, Ausreden, Taktiken.

Als Netanyahu in einer berühmten Rede an der Bar-Ilan-Universität bei Tel Aviv, den Grundsatz der “Zwei-Staaten-Lösung” akzeptierte, konnten, diejenigen, die ihn kannten, nur schmunzeln. Es war so, als hätte er das Essen von Schweinefleisch an Jom Kippur empfohlen.

Er ließ diese Aussage vor den Augen der naiven Amerikaner baumeln und seine Justizministerin, Tzipi Livni, endlose Verhandlungen mit den Palästinensern führen, die er verachtet. Wenn immer es so aussah, als ob die Verhandlungen sich einem Ziel näherten, legte er schnell eine andere Kondition fest, wie zum Beispiel die lächerliche Forderung, dass die Palästinenser Israel als Nationalstaat des jüdischen Volkes anerkennen. Er dächte selbstverständlich nicht im Traum daran, die palästinensischen Gebiete als Nationalstaat des palästinensischen Volkes – ein Volk, dessen Existenz er gänzlich leugnet – anzuerkennen.

Gerade erst kürzlich, am Abend der letzten Wahl, verkündete Netanyahu, dass es keinen palästinensischen Staat geben werde, solange er an der Macht sei. Als die Amerikaner protestierten, verleugnete er sich selbst. Warum nicht? Wie sein Likud-Vorgänger, Yitzhak Shamir, bekanntermaßen sagte: „Für das Vaterland zu lügen, ist erlaubt.“

Netanyahu wird lügen, betrügen, sich selbst verleugnen, unter falscher Flagge agieren – all das, um das eine, sein einzig wahres Ziel zu erreichen, den Fels unserer Existenz (wie er es zu sagen beliebt), das Erbe seines Vaters – einen jüdischen Staat vom Meer bis zum Fluss.

DER ÄRGER ist, dass die Araber in diesem Gebiet bereits eine kleine Mehrheit ausmachen, aber eine, die ständig wächst.

Ein jüdischer und demokratischer Staat im ganzen Land ist unmöglich. Der populäre Witz sagt, dies sei sogar zu viel für Gott. Also ordnet er an, dass wir zwei von drei Attributen wählen müssen: einen jüdischen und demokratischen Staat in einem Teil des Landes, einen jüdischen Staat im ganzen Land, der nicht demokratisch ist, oder einen demokratischen Staat im ganzen Land, der nicht jüdisch ist.

Netanyahus Lösung für dieses Problem ist, es zu ignorieren, einfach weiterzumachen, Siedlungen auszudehnen und sich auf das unmittelbare Problem zu konzentrieren: seine vierte Regierung zu errichten und seine fünfte zu planen, in vier Jahren von heute an.

Und natürlich auch, seinem Vater, der aus dem Himmel auf ihn herabsieht, zu zeigen, dass der kleine Bibi, sein zweiter Sohn, letztlich doch seiner wert ist.

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Katzen im Sack

Erstellt von Gast-Autor am 31. Mai 2015

Katzen im Sack

Autor Uri Avnery

ES  IST ein ziemlich ekelhaftes Spektakel.

Die israelische Rechte hat einen riesigen Wahlsieg gewonnen (Bei näherer Prüfung war der Sieg nicht ganz so riesig. Tatsächlich war es überhaupt kein Sieg. Der riesige Sieg des Likud wurde nur auf Kosten anderer rechter Parteien errungen.)

Der Rechte-Block zusammen ist überhaupt nicht vorangekommen. Um eine Mehrheitskoalition zu bilden, ist die Partei von Moshe Kahlon nötig; die Mehrheit seiner Wähler sind mehr links als rechts. Kahlon hätte leicht überzeugt werden können, sich einer linken Koalition anzuschließen, wenn der Führer der Labor-Partei, JItzhak Herzog eine resolutere Persönlichkeit gewesen wäre.

Sei es, wie es sei, Benjamin Netanjahu ist jetzt eifrig dabei, seine Regierung zu bilden.

Hier ist es, wo der Ekel beginnt.

EIN KAMPF geht weiter. Ein Kampf aller gegen alle. Ein Kampf ohne Regeln oder Grenzen.

Jeder will Minister werden. Jeder in Likud und den anderen voraussichtlichen Koalitions-Parteien. Politiker in Hülle und Fülle.

Und nicht nur ein Minister. Die Ministerien sind nicht gleich. Einige sind angesehener andere weniger angesehene. Man kann das besonders wichtige Finanzministerium (das Kahlon schon für sich gesichert hat) nicht mit dem Umweltministerium vergleichen, das von allen und jedem verachtet wird. Noch das Bildungsministerium mit seinen Tausenden von Beschäftigten (Lehrern u.ä.) oder das Ministerium für Gesundheit (mit seinen vielen Ärzten, Krankenpflegern und anderen), mit dem Sportministerium (das kaum Angestellte hat).

Es gibt mehrere Klassen von Ministerien. An der Spitze stehen die drei Großen – das Verteidigungs-, das Finanz- und das Ministerium für Auswärtiges. Das Verteidigungsministerium wird gewöhnlich bewundert („unsere tapferen Soldaten“) und erhält einen riesigen Anteil des Staatsbudgets. Jedermann und seine Frau (wie wir im hebräischen Slang sagen)wünscht, Verteidigungsminister zu werden.

Die Beamten des Verteidigungsministeriums verachten die des Außenamtes – und so tut es das ganze Land. Die Cocktail-Schlürfenden sind keine wirklichen Männer (noch wirkliche Frauen). Doch der Posten des Außenministers ist heiß umworben. Er (oder sie) reist die ganze Zeit herum und vertritt den Staat, wird mit den Größen der Welt fotografiert. Und last not least:  ein Außenminister kann keine Fehler machen. Wenn Beziehungen mit dem Ausland falsch laufen, klagt keiner den Außenminister an. Wenn überhaupt, dann ist es der Ministerpräsident, der angeklagt wird.

AM MORGEN einer Wahl, wenn der Schlachtenstaub sich geklärt hat, werfen Dutzende von Politikern ihre Augen auf die paar Ministerien.

Jeder der führenden Kandidaten der voraussichtlichen Koalitionsparteien beginnt, sehnsuchtsvolle Blicke auf die noch leeren Ministersessel zu werfen. Auf einen der großen Drei? Wenn nicht auf einen der wünschenswerten mittleren Ministerien? Wenn nicht wenigstens auf einen der kleinen? Oder wenigstens vertretender Minister.  Das Wasser läuft ihm im Munde.

Das Problem ist: das israelische Gesetz bestimmt, dass die Regierung nur aus 18 Ministerien bestehen darf. Keine „Minister ohne Portefeuille“. Die Zahl der vertretenden Minister ist auch streng begrenzt.

Wer würde solch ein stupides Gesetz verabschieden? Ich denke, es war Yair Lapid, der in einem Moment der Anmaßung veranlasste, das Gesetz zu verabschieden. Es ist natürlich weitgehend populär. Es spart Geld. Jeder Minister, selbst ohne Portefeuille, ist berechtigt, eine geringe Anzahl von Mitarbeitern, ein Büro, einen Dienstwagen mit Chauffeur zu haben. Verglichen mit dem Preis eines einzelnen Kampfflugzeuges, ist das nichts. Aber für die Allgemeinheit ist es ein Symbol der Verschwendung. Also  haben wir dieses Gesetz.

Wie bringt man 40 ehrgeizige Politiker in 18 Ministerien unter?  Es geht nicht. Entweder man verändert das Gesetz – wie jetzt viele verlangen – oder man weist sehr viele verärgerte Politiker ab – auf eigenes Risiko.

Man kann einige von ihnen mit kleineren Posten beruhigen, als Vorsitzende/r eines Knesset-Komitees oder als Botschafter. Es ist allerdings nicht dasselbe.

ALL DIES ist menschlich, all zu menschlich. Politiker sind Menschen. Wenigstens die meisten.

Warum bin ich also so angewidert?

Vielleicht sollte ich dies erklären.

In mittelalterlichen Zeiten, als eine Armee,  hauptsächlich aus Söldnern bestehend, eine Stadt eroberte, plünderte sie diese. Die Bürger wurden getötet, Frauen vergewaltigt, aber vor allem wurde Besitz gestohlen. In einer modernen, demokratischen Gesellschaft sollten Politiker nicht dasselbe dem Land antun, das sie gewählt hat.

Ein Regierungsministerium ist keine Beute. Stimmt, in den US gab es eine Redensart: „Dem Sieger, die Beute“, und von der Siegerpartei wurde erwartet, dass sie alle Regierungsjobs im Land an ihre Strohmänner verteilt. Aber das war vor langer Zeit – im letzten Jahrhundert.

Ein Minister wird beauftragt, einen bestimmten Teil der Regierungsfunktionen zu übernehmen. Er  oder sie macht bedeutende Entscheidungen, die das Leben der Bürger beeinflusst. Die Öffentlichkeit hat das Recht, zu erwarten, dass alle Regierungsstellen und -Dienste auf die bestmögliche Weise von den qualifiziertesten Leuten durchgeführt werden.

Warum sollte also ein Ministerium – sagen wir das Umweltministerium – von einem politischen Dummkopf geführt werden, der keine Idee von dem hat, was  ihm oder ihr anvertraut wird?  Oder noch schlimmer, von einem politischen Schmock, dem alles schnuppe ist, der nur die Zeit ohne eklatantes Missgeschick verbringen will, bis ein besseres Ministerium in seine/ihre Hände fällt.

Aber die Umwelt ist eine sehr wichtige Sache. In ihr geht es um das Leben der Menschen. Gerade jetzt ist ganz Israel empört über den Verdacht, dass die großen chemischen Fabriken in der wunderschönen Bucht von Haifa für die vielen Krebsfälle unter den dort heimischen Kindern verantwortlich sind. Und der Minister? Ich weiß nicht einmal, wer dies ist.

ICH ERINNERE mich an ein krasses Beispiel.

Als 1990, Ehud Barak, der Führer der Labor-Partei, einen überwältigenden Wahlsieg über Benjamin Netanjahu errungen hatte, und er seine Ministerliste veröffentlichte, war es ein Schock.

Was wie ein sadistischer Streich aussah: Barack ernannte all die falschen Leute für die falschen Jobs. Der freundliche Professor für Geschichte Shlomo Ben Ami wurde Minister der Polizei, wo er elendiglich scheiterte. Yossi Beilin, der sich als bedeutender Staatsmann betrachtete, wurde ins Justizministerium geschickt, usw.

Nun mag etwas Ähnliches geschehen. Likuds Moshe Yaalon, gewöhnlich als „Bock“ angesehen wird im Amt bleiben. Keine regierende Partei wird jemals das Verteidigungsministerium aufgeben.

Die Wahl von Kahlon als Finanzminister könnte vernünftig sein – aber dies wird Netanjahu aufgenötigt, da er ohne Kahlon keine Regierung hat.

Avigdor Lieberman scheint ein „Kushan“ auf das Außenministerium zu haben, (ein Kusham war ein Zertifikat für Besitz in den guten alten Tagen des Ottomanischen Reiches) Nachdem er von seinen Wählern bei der Wahl vernichtend geschlagen wurde (seine Partei verlor die meisten ihrer Sitze) bestand Netanjahu darauf, dass er in seinem Job bleibt, in dem er eine Katastrophe war. Viele Außenminister in aller Welt weigern sich, ihn zu treffen, indem sie ihn als Beinah-Faschisten ansehen. Er war stolz auf seine Freundschaft mit Vladimir Putin, aber jetzt, wo Russland versprach, seine unübertroffenen Boden-Luft- Raketen an den Iran zu liefern, setzte dies Netanjahus Träumen, Irans nukleare Orte zu bombardieren, ein Ende.

Dies lässt für Naftali Bennet, den extrem-rechten „natürlichen Verbündeten“ von Netanjahu, nichts übrig, und in diesem Moment sind die Koalitions-Erbauer eifrig dabei, das Wirtschaftsministerium zu erweitern, um ihn damit zu trösten. Mehrere Funktionen müssen zusammengescharrt werden,  egal, ob dies nützlich ist oder nicht.

Ist das gut? Eine effiziente Regierung? Nun …

DIE WURZEL der Malaise ist die Verbindung von zwei sehr verschiedenen Talenten in unserm demokratischen  System – und nicht nur in unserem.

In diesem System werden Politiker Minister. Das scheint ganz natürlich. Tatsächlich ist es das nicht.

Politiker sind angeblich hoch motiviert, hoch intelligent, hoch begabte Verwalter. Tatsächlich sind sie es nicht.

Im Gegensatz zur landläufigen Weisheit ist Politik ein Beruf. Man sagt, es sei ein Beruf für jene, die keine Talente haben. Aber das stimmt nicht ganz. Politiker benötigen bestimmte Begabungen, aber diese haben nichts mit denen zu tun, die von einem Abteilungsleiter verlangt werden.

Ein Politiker muss in der Lage sein, jahrelang sich endlos leere Reden von Partei-Schreiberlingen anzuhören, an endlos langen Zusammenkünften teilzunehmen, Mitglied endloser Komitees zu sein. Er muss bereit sein, Leuten zu schmeicheln, die er verachtet, an Hochzeiten und Beerdigungen teilzunehmen und bei all diesen Ereignissen totlangweilige Reden zu halten.

Danach, wenn er die Spitze erreicht hat, wird er auf einmal aufgefordert, das Gesundheitsministerium zu leiten – ohne irgendwelche Qualifikation auf diesem Gebiet. Hier ist es, wo der sprichwörtliche Hund begraben liegt.

In Großbritannien hat man eine Lösung gefunden: Das Ministerium wird tatsächlich von  Berufsbeamten geführt. Der Minister, der oft ein Objekt  stiller Belustigung ist, hat nur mit dem Beschaffen der Geldmittel zu tun. Man sehe sich nur die lustige TV-Serie „Ja, Minister!“ an.

Ein ganz anderes System herrscht in den US. Die Menschen wählen einen Präsidenten, und er allein ernennt die Minister, die häufig überhaupt keine Politiker sind. So kann er Experten mit erwiesenen Fähigkeiten ernennen.

In Israel kombinieren wir das schlechteste aller Systeme. Alle Minister sind Partei-Politiker. Sie bringen ihre Strohmänner mit, die die Hauptpositionen in den Ministerien  besetzen.

Eine Folge dieses Systems ist, dass verschiedene Ministerien verschiedenen Parteien angehören. Das macht ein gemeinsames Planen fast unmöglich – abgesehen von der Tatsache, dass Israelis im Allgemeinen nicht in der Lage sind, etwas zu planen. Tatsächlich sind wir sehr stolz auf unsere Fähigkeit zu „improvisieren“.

Als er noch  Minister für Landwirtschaft war, erzählte mir Ariel Sharon einmal: „ Wenn ich wünsche, etwas zu tun, für das ich nur mein eigenes Ministerium benötige, kann ich es tun.  Wenn ich etwas tun will, das die Zusammenarbeit mehrerer Ministerien braucht, kann ich es nicht tun.“

WENN MAN einen Sack mit Katzen füllt, wird man wegen Tierquälerei angeklagt.

Aber was ist das, verglichen mit 18 Ministerien voller Politiker?

(dt. Ellen Rohlfs,   vom Verfasser autorisiert)

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„Es gibt noch Richter..“

Erstellt von Gast-Autor am 24. Mai 2015

„Es gibt noch Richter..“

Autor Uri Avnery

IN DIESER Woche erhielt ich eine zweifelhafte Auszeichnung: eine bahnbrechende Beurteilung des Obersten Gerichtshofes ist nach mir genannt worden.Es ist eine Ehre, auf die ich gern verzichtet hätte.

MEIN NAME erschien ganz oben, als erstes auf einer Liste von Antragstellern, Vereinigungen und Einzelpersonen, die das Gericht gebeten haben, ein Gesetz zu streichen, das von der Knesset erlassen worden war.

Israel hat keine schriftliche Verfassung. Diese ungewöhnliche Situation wurde von Beginn des Staates an geschaffen, weil  David Ben Gurion, ein leidenschaftlicher Säkularist, keinen Kompromiss mit den orthodoxen Parteien erreichen konnte, die darauf bestanden, dass die Torah schon eine Verfassung sei.

Anstelle einer Verfassung haben wir also eine Anzahl von Grundgesetzen, die nur einen Teil der Grundlage decken, und eine Menge von Präzedenzfällen des Obersten Gerichtes. Dieses Gericht masste sich langsam das Recht an, Gesetze, die der nicht existenten Verfassung widersprechen, aber von der Knesset verabschiedet wurden, aufzuheben.

BEGINNEN WIR mit der letzten Knesset: rechts extreme Likud-Mitglieder wetteifern in ihren Bemühungen darum, in der einen oder anderen Weise den Obersten Gerichtshof zu kastrieren. Einige würden das Gericht mit Richtern vom rechten Flügel füllen; andere würden seine Gerichtsbarkeit radikal  begrenzen. Dies ist eine Schlacht, die  schon seit Jahren läuft.

Die Dinge spitzten sich zu, als eine Gruppe von  extrem rechten Likud-Mitgliedern damit begann, eine wahre Lawine von Gesetzesentwürfen vom Stapel zu lassen, die ganz klar nicht verfassungsmäßig waren. Eines von ihnen – und das gefährlichste – war ein Gesetz, das Leuten verbot, zu einem Boykott des Staates Israel aufzurufen – und in einer bösen Weise die Worte hinzufügte „ und der Gebiete, die von ihm besetzt sind“.

Dies enthüllte das wirkliche Ziel der Operation. Einige Jahre zuvor hatte unsere  Gush Shalom -Friedensorganisation die Öffentlichkeit dazu aufgerufen, die Waren aus den Siedlungen in den besetzten Gebieten zu boykottieren. Wir veröffentlichten auch auf unsrer Website eine Liste von Produkten. Mehrere andere Friedens-Organisationen schlossen sich der Kampagne an.

Gleichzeitig versuchten wir, die Europäische Union zu überzeugen, Ähnliches zu tun. Israels Abkommen mit der EU, die Israels Waren von Steuern befreit, schließt die Siedlungen nicht ein. Aber die EU pflegte die Augen zu schließen. Wir benötigten eine Menge Zeit und Mühe, um sie wieder zu öffnen. In den letzten Jahren hat die EU diese Waren ausgeschlossen. Sie forderten, dass auf allen Waren „Made in Israel“, der wirkliche Ursprungsort, klar angegeben wird.

Das von der Knesset verabschiedete Gesetz hat nicht nur kriminelle, sondern auch zivile Aspekte. Personen, die zu einem Boykott aufrufen, könnten nicht nur ins Gefängnis gebracht werden. Sie könnten auch dazu verurteilt werden, eine Riesensumme Schadenersatz zu zahlen, ohne dass der Kläger beweisen muss, dass ein tatsächlicher Schaden für ihn durch den Aufruf entstanden worden war.

Auch Vereinigungen, die Regierungs-Hilfsgelder oder andere Regierungshilfen nach dem bestehenden Gesetz erhielten, würden von jetzt an davon benachteiligt sein, was ihre Arbeit für Frieden und soziale Gerechtigkeit noch schwieriger machen würde.

INNERHALB VON Minuten nach der Verabschiedung dieses Gesetzes reichten wir unsere Anträge beim Obersten Gerichtshof ein. Sie waren im Voraus  gut durch die Anwältin Gabi Lasky, einer talentierten jungen Rechtsanwältin und engagierten Friedensaktivistin, vorbereitet worden. Mein Name war der erste auf der Liste der Antragsteller – und so wird der Fall  „Avnery versus. den Staat Israel“ genannt.

Der von Lasky vorbereitete Fall war logisch und vernünftig. Das Recht der Redefreiheit wird in Israel durch ein spezielles Gesetz nicht garantiert, wird  aber von mehreren Grundgesetzen abgeleitet. Ein Boykott ist eine legitime demokratische Aktion. Jeder kann sich entscheiden, ob er etwas kauft oder nicht kauft. Tatsächlich ist Israel voller Boykotts, Geschäfte die z.B. nicht-koschere  Lebensmittel verkaufen, werden routinemäßig von den Religiösen boykottiert, und Poster, die zum Boykott  eines speziellen Ladens aufrufen, sind in religiösen Stadtteilen weit verbreitet.

Das neue Gesetz verbietet Boykotts im Allgemeinen nicht. Es sondert politische Boykotts einer gewissen Art aus. Doch politische Boykotts sind in jeder Demokratie Gemeinplatz. Sie sind ein Teil der Ausübung der Redefreiheit.

Der berühmteste moderne Boykott wurde 1933 von der jüdischen Gemeinde in den USA begonnen, nachdem die Nazis in Deutschland an die Macht kamen. Als Antwort darauf riefen die Nazis zu einem Boykott aller jüdischen Unternehmen in Deutschland auf. Ich entsinne mich noch an das Datum: der 1. April, weil mein Vater mir an diesem Tag nicht erlaubte, zur Schule zu gehen. (Ich war 9 Jahre alt und der einzige jüdische Schüler in meiner Schule.)

Später schlossen sich alle progressiven Länder zu einem Boykott des rassistischen Regimes in Südafrika an. Dieser Boykott spielte eine große (wenn auch nicht entscheidende Rolle) beim Sturz desselben.

Ein Gesetz kann eine Person gewöhnlich nicht zwingen,  eine normale Ware zu kaufen, noch kann es verbieten, sie zu kaufen. Selbst die Gestalter dieses neuen israelischen Gesetzes verstanden dies. Deshalb strafen diese Gesetze niemanden fürs Kaufen oder Nicht-kaufen. Es bestraft jene, die andere dazu aufrufen, vom Kauf Abstand zu nehmen.

So ist das Gesetz ein Angriff auf die Redefreiheit und auf gewaltfreie demokratische Aktionen. Kurz gesagt, es ist grundsätzlich ein anti-demokratisches Gesetz voller Fehler.

DER GERICHTSHOF, der unsern Fall  beurteilte, besteht aus neun Richtern, fast das ganze Oberste Gericht. Solch eine Zusammenstellung ist sehr selten und wird nur dann zusammengerufen, wenn eine schicksalhafte Entscheidung getroffen werden muss.

An der Spitze des Gerichtes stand sein Präsident, Richter Asher Gronis. Das war an sich schon bezeichnend, da Gronis schon das Gericht verlassen hatte und im Januar in den gesetzlichen Ruhestand ging, als er das Alter von 70 Jahren erreichte. Als der Platz leer wurde, war Gronis schon zu alt, um noch Gerichtspräsident zu werden. Nach dem bestehenden israelischen Gesetz, kann ein Richter des Obersten Gerichtes nicht Präsident des Gerichts werden, wenn die Zeit seines Ruhestandes zu nahe ist. Aber der Likud war so eifrig/ dienstbeflissen, ihn als Präsidenten zu haben, dass ein spezielles Gesetz verabschiedet wurde, um ihm zu erlauben,  Präsident zu werden.

Außerdem werden einem Richter, der mit einem Fall beschäftigt gewesen ist, den er vor seiner Pensionierung nicht abgeschlossen hat, weitere drei Monate zugestanden, um seinen Job zu beenden. Es scheint, dass sogar Gronis, der Protégé von Likud, bei dieser besonderen Entscheidung  Bedenken hatte. Er unterzeichnete es buchstäblich im allerletzen Augenblick – um 17 Uhr 30 am letzten Tag, gerade kurz bevor Israel am Holocausttag zu trauern begann.

Seine Unterschrift war entscheidend. Das Gericht war gespalten – 4 zu 4 – zwischen denen, die das Gesetz annullieren und denen, die es aufrecht erhalten wollten. Gronis schloss sich  der pro-Gesetz-Gruppe an, und das Gesetz wurde verabschiedet.  Es ist nun das „Gesetz des Landes“.??

Ein Paragraph des originalen Gesetzes wurde einstimmig gestrichen. Der originale Text sagte, dass jede Person –  d.h. Siedler – die behaupten, dass sie durch den Boykott tatsächlich geschädigt worden seien, unbegrenzten Schadenersatz von jedem beanspruchen können, der zu diesem Boykott aufgerufen hat, ohne beweisen zu müssen, dass sie tatsächlich geschädigt wurden.

Bei der öffentlichen Anhörung in unserm Fall wurden wir von den Richtern gefragt, ob wir damit einverstanden wären, wenn sie die Wörter „die von Israel gehaltenen Gebiete“ streichen würden, das würde den Boykott der Siedlungen unberührt lassen. Wir antworteten, dass wir im Prinzip  darauf bestanden, das ganze Gesetz zu annullieren, würden aber das Streichen dieser Worte begrüßen. Aber beim letzten Urteil wurde dies zuletzt nicht getan.

Dies schafft übrigens eine absurde Situation. Wenn ein Professor der Universität in Ariel – tief in den besetzten Gebieten – behauptet, dass ich dazu aufgerufen hätte, ihn zu boykottieren, kann er mich verklagen. Dann wird mein Anwalt versuchen, zu beweisen, dass mein Aufruf ganz unbeachtet blieb und deshalb auch keinen Schaden verursachte, während der Professor beweisen muss, dass meine Stimme so einflussreich war, dass viele Leute vom Boykott ihm gegenüber veranlasst wurden.

VOR JAHREN, als ich noch  Chefherausgeber von Haolam Hazeh , dem Nachrichtenmagazin, war, entschied ich mich, Aharon Barak als unsern Mann des Jahres zu wählen.

Als ich ihn interviewte, erzählte  er mir, wie sein Leben während des Holocaust gerettet wurde. Er war ein Kind im Kovna- Ghetto, als ein litauischer Bauer sich entschied, ihn heraus-zu schmuggeln. Dieser einfache Mann riskierte sein Leben und das seiner Familie, als er ihn unter einer Ladung Kartoffeln versteckte, um sein Leben zu retten.

In Israel brachte er es als Jurist zu einer hohen Stellung und wurde schließlich der Präsident des Obersten Gerichtshofes. Er führte eine Revolution an, genannt „juristische Aktivität“, indem er u.a. behauptete, dass das Oberste Gericht berechtigt sei, jedes Gesetz zu streichen, das der (ungeschriebenen) israelischen Verfassung widerspricht.

Es ist unmöglich, die Bedeutung dieser Doktrin zu überschätzen. Barak tat für die israelische Demokratie vielleicht mehr als irgendeine andere Person. Seine unmittelbaren Nachfolger – zwei Frauen – befolgten diese Regel. Deshalb war der Likud so eifrig, Gronis  an seine Stelle zu setzen. Gronis’ Doktrin könnte  „juristische Passivität“ genannt werden.

Während meines Interviews mit ihm sagte Barak zu mir: „Sieh, der Oberste Gerichtshof hat keine Legionen, die seine Entscheidungen durchsetzen. Er ist vollkommen abhängig von der Haltung des Volkes. Er kann nicht weiter gehen, als das Volk bereit ist, dies zu akzeptieren!“

Ich erinnere mich ständig an diese Worte. Deshalb war ich nicht sonderlich über das Urteil des Obersten Gerichts in der Boykottsache überrascht.

Das Gericht hatte Angst. Es ist nichts einfacher als das. Und so verständlich.

Der Kampf zwischen dem Obersten Gericht und Likuds extremer Rechten nähert sich einem Scheitelpunkt. Der Likud hat gerade einen entscheidenden Wahlsieg errungen. Seine Führer verstecken ihre Absicht nicht, um endlich ihre finsteren Pläne bezüglich der Unabhängigkeit des Gerichtes in Kraft zu setzen.

Sie wollen den Politikern  ermöglichen, das Ernennungskomitee für die Richter des Obersten Gerichtshofes zu beherrschen und so das Recht des Gerichtes nicht verfassungsmäßige Gesetze, die von der Knesset verabschiedet wurden, zu annullieren.

MENACHEM BEGIN pflegte den Müller von Potsdam zu zitieren, der mit dem König in einen privaten Streit verwickelt war und der ausrief: „Es gibt noch Richter in Berlin!“

Begin sagte: „Es gibt noch Richter in Jerusalem!“

Fragt sich nur, wie lange noch?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Nationale Einheit

Erstellt von Gast-Autor am 17. Mai 2015

Nationale Einheit

Autor Uri Avnery

MEINE ERSTE Reaktion nach den Wahlen war: „Nur keine Einheitsregierung!“

Meinen ersten Artikel nach den Wahlen widmete ich zum großen Teil der Gefahr einer „Nationalen Einheits-Regierung, obwohl die Möglichkeit solch einer Regierung, die sich auf Likud und Labor gründet,  zu dieser Zeit tatsächlich sehr weit weg erschien.

Aber als ich auf die Zahlen schaute, hatte ich einen quälenden Verdacht:  Dies sieht wie etwas aus, das mit einer Likud-Labor-Verbindung enden wird.

Jetzt hat diese Möglichkeit plötzlich ihren Kopf erhoben. Jeder spricht davon.

All meine Gefühle rebellieren gegen diese Möglichkeit. Aber ich schulde es mir selbst und meinen Lesern, diese Option leidenschaftslos zu prüfen. Auch wenn Logik ein seltenes Erzeugnis in der Politik ist, versuchen wir, es auszuprobieren.

IST  EINE „Nationale Einheitsregierung“ für Israel gut oder schlecht?

Schauen wir uns als erstes die Zahlen an.

Um in Israel eine Regierung zu bilden, sind wenigstens 61 Sitze in der 120-Sitze–Knesset nötig. Likud (30) und Labor (24) sind jetzt zusammen 54. Es kann mit großer Sicherheit vermutet werden, dass Benjamin Netanjahu beinahe sicher die historische Verbindung mit den zwei orthodoxen Fraktionen, der ashkenasishen Torah-Partei (6) und der orientalischen Schas-Partei (7) – zusammen  67 – erneuern will.  Das ist genug für eine stabile Regierung.

Netanjahu scheint entschlossen zu sein, auch Moshe Kahlons neue Partei (10) dazu zu nehmen, als eine Art Subunternehmer für die Wirtschaft. Zusammen sind es eindrucksvolle 77 Sitze.

Wer würde außerhalb bleiben? Zunächst die Gemeinsame Arabische Partei (13), dessen neuer Führer Eyman Odeh automatisch den Titel „Leiter der Opposition“ erhält – mit all seinem Prestige und seinen Privilegien – ein erstes Mal für Israel. Kein Araber hat jemals diesen Titel erhalten.

Dann ist da Merez (5), reduziert auf eine kleine linke Stimme.

Und dann sind da noch die zwei extremen rechten Parteien. Die eine von Naftali Bennett (reduziert auf 8) und die noch kleinere von Avigdor Liebermann (jetzt nur noch 6)

Irgendwo dazwischen ist der Star der vorhergehenden Wahlen, Yair Lapid (jetzt reduziert auf 11).

Die anfängliche Aussicht schien, eine sehr rechte Koalition zu werden, die aus Likud, den zwei orthodoxen Parteien, den beiden extrem-rechten Parteien und Kahlon  – zusammen 67 Stimmen – bestehen. (Die Orthodoxen weigern sich, mit Lapid in derselben Regierung zu sitzen).

Dies sind vielleicht mit kleineren Veränderungen – dann die zwei Optionen.

WARUM  ZIEHT Netanjahu  – wie es jetzt scheint – die Nationale Einheitsoption vor?

Zunächst verachtet er seine beiden mit ihm verbundenen Rechten – Bennett und Lieberman. Aber man muss nicht jemanden lieben, um ihn in seine Regierung aufzunehmen.

Ein viel wichtigerer Grund ist die wachsende Furcht vor Israels Isolierung in der Welt.

Netanjahu ist im Augenblick in einen grimmigen Kampf mit Präsident Obama verwickelt. Er ist mit allem, was er hat, gegen den iranischen Deal.  Aber dieser Deal wird auch von der EU, Deutschland, Frankreich, Russland und China unterschrieben. Netanjahu gegen die ganze Welt.

Netanjahu hat keine Illusionen. Da gibt es hunderte von Möglichkeiten für Obama und die EU, Rache an Netanjahu zu nehmen. Israel ist beinahe total abhängig von den US, soweit es die Waffen betrifft. Es benötigt das US-Veto in den UN und US-Subventionen kommen auch gelegen. Die israelische Wirtschaft ist auch sehr vom europäischen Markt abhängig.

In dieser Situation wäre es schön, Isaak Herzog an Bord zu haben. Er ist das letzte Feigenblatt, ein netter liberaler Linker als Außenminister, Sohn eines Präsidenten, Enkel eines irischen Oberrabbiners, manierlich, europäisch aussehend, englisch sprechend. Er würde die Ängste der Außenminister in aller Welt beschwichtigen, die scharfen Ecken Netanjahus entschärfen, diplomatische Krisen verhindern.

Die Labor-Partei in der Regierung würde auch die Flut antidemokratischer Gesetze blockieren, die sich in der letzten Knessetperiode angesammelt hat. Sie würde auch den geplanten Ansturm auf das Oberste Gericht, Israels letzte Bastion gegen die Barbaren, verhindern. Die führende Gruppe der Likud-Extremisten machen aus ihrer Absicht, das Gericht zu kastrieren und die Gesetzesvorlagen, die sie auf Lager haben, zu erlassen, kein Hehl.

Labor könnte auch die Wirtschaftspolitik des Likud – allgemein als „schweinischer Kapitalismus“ bekannt, der die Armen ärmer und die Ultra-Reichen  sogar noch ultra-reicher gemacht hat, mildern. Die Wohnungsbeschaffung könnte wieder erschwinglich werden, der Verfall des Gesundheits- und Bildungssystems könnte angehalten werden.

Die Aussicht, wieder Minister zu werden, lässt bei manchen Labor-Funktionären das Wasser im Munde zusammenlaufen. Einer von ihnen, Eytan Kabel, ein enger Verbündeter von Herzog, hat schon eine Erklärung veröffentlicht, in der er Netanjahus Iranpolitik voll und ganz  unterstützt und  die viele die  Augenbrauen hochziehen ließ.

Die Labor-Partei hat noch keine kritische Stellungnahme zu Netanjahus Standpunkt zum Iran geäußert. Sie kritisiert nur – halb-, wenn nicht gar viertelherzig – die Angriffe  des Ministerpräsidenten gegenüber Obama.

ANDRERSEITS, was ist so falsch an einer Nationalen Einheitsregierung?

Nun, zunächst lässt sie das Land ohne wirksame Opposition.

Um zu funktionieren, benötigt die Demokratie eine Opposition, die eine alternative Politik entwickelt und für die nächsten Wahlen eine Auswahl ermöglicht. Wenn alle größeren Parteien in der Regierung sind, welche alternativen Kräfte und Ideen könnten dann eine notwendige Auswahl anbieten?

Ein Zyniker mag hier bemerken, dass die Laborpartei  eigentlich keine  große Opposition war. Sie hat im letzten Jahr den überflüssigen Gaza-Krieg mit all seinen Grausamkeiten unterstützt. Ihre Verbündete, Zipi Livni, hat die palästinensischen Verhandlungen immer weiter hinausgezögert, ohne dass der Frieden eine Elle näher gekommen ist. Labors Opposition gegenüber der rechten Wirtschaftspolitik war schwach.

Die Wahrheit ist, dass sich die LaborPartei nicht als Opposition eignet. Sie war 44 aufeinander folgende Jahre an der Macht gewesen (von 1933 – !977) zunächst in der zionistischen Organisation und dann im neuen Staat). „Regierend“ zu sein, hat sich  tief ihrer Natur eingeprägt. Selbst unter Likud-Regierungen, war Labor nie eine entschlossene und wirksame Opposition.

Aber für die Linken ist die Hauptopposition gegenüber einer Einheitsregierung genau das, was Netanjahu veranlassen kann, sie einzusetzen: weil sie das große Feigenblatt liefert.

Die Labor-Partei in der Regierung wird jede ausländische Kritik von Netanjahus Politik und Aktionen dämpfen. Israels Linke, die – aus Verzweiflung –  um ausländischen Druck auf Israel bittet, wie einen allumfassenden Boykott (BDS) und pro-palästinensische UN-Resolutionen, wird enttäuscht sein. Um solch eine Kampagne in Bewegung zu bringen, braucht man eine rechts-extreme Regierung in Jerusalem.

Unter dem Nationale-Einheit-Schirm kann Netanjahu fortfahren, die Siedlungen zu erweitern, die palästinensische Autonomie zu sabotieren, endlose Verhandlungen durchzuführen, die aber nirgendwohin führen, ja sogar von Zeit zu Zeit einen  kleinen Krieg führen.

Nach vier solchen Jahren mag die Laborpartei aufhören, eine wirksame Kraft in der israelischen Politik zu sein. Einige könnten denken, dass dies eine gute Sache sei. Mit dieser degenerierten Kraft aus dem Weg, kann eine neue Generation politischer Aktivisten eine Chance haben, die schließlich eine reale Oppositionspartei  schafft.

VIELLEICHT wird die Entscheidung  dazu nicht in Jerusalem oder Tel Aviv  getroffen, sondern in Las Vegas.

Ich habe einen heimlichen Verdacht, dass in Wirklichkeit Netanjahu seine Befehle von Sheldon Adelson erhält.

Adelson besitzt Netanjahu so sehr wie sein Casino in Macao und die US-republikanische Partei. Falls er einen republikanischen Präsidenten installieren will, um das Weiße Haus zu seinem Bestand von anderen Aktiva hinzuzufügen, muss er die Spaltung zwischen der Obama-Regierung und der israelischen Regierung vertiefen. Dies könnte die US-amerikanischen-Juden veranlassen, in Scharen zum republikanischen Banner zu strömen.

Wenn dieser Verdacht wahr wird, wird Netanyahu die Labor-Partei nicht wirklich umwerben, sondern sie nur als Trick benützen, um den Preis seiner voraussichtlich extrem rechten Partner zu drücken.

ZWEI JUDEN sind auf einer Kreuzfahrt.

Mitten in der Nacht weckt einer den anderen. „Schnell, steh auf! Das Schiff sinkt.“

Der andere gähnt nur. „Was kümmerst du dich darum?  Ist es dein Schiff?“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Wer fürchtet sich vor der bösen-Bombe?

Erstellt von Gast-Autor am 10. Mai 2015

Wer fürchtet sich vor der bösen-Bombe?

Autor Uri Avnery

ICH MUSS mit einem schockierenden Bekenntnis beginnen: ich habe keine Angst vor der iranischen Atombombe.

Ich weiß, das macht mich zu einem anormalen Menschen, fast zu einem Monster.

Aber was kann ich tun? Ich bin nicht in der Lage, Furcht aufzubringen wie ein echter Israeli. Würde ich es noch so sehr versuchen, so würde mich die iranische Atombombe doch nicht hysterisch machen.

MEIN VATER  lehrte mich einst, Erpressungen zu widerstehen: Stell dir vor, die schreckliche Bedrohung des Erpressers ist schon geschehen. Dann kannst du ihm sagen: Zur Hölle mit dir!

Ich habe viele Male versucht, diesem Rat zu folgen und  fand ihn gut. Also wende ich ihn jetzt gegen die iranische Bombe an: ich bilde mir ein, dass das Schlimmste schon geschehen ist: die schrecklichen Ayatollahs haben die Bombe, die das kleine Israel in einer Minute auslöschen kann.

Na und?

Nach ausländischen Experten hat Israel zwischen 80 und 400 Atombomben. Wenn der Iran seine Bomben schickt und den größten Teil Israels (auch mich) vernichtet, werden Israels Atombomben den Iran zerstören. Was auch immer ich über Benjamin Netanjahu denke, ich verlasse mich auf ihn und auf unsere Sicherheitschefs, dass sie unser  „Zweitschlag“-Vermögen intakt halten. Erst letzte Woche wurden wir informiert, dass Deutschland unserer Marine noch ein U-Boot nach dem neuesten Stand der Technik für unsern Zweck geliefert hat.

Israels Idioten – und da gibt es einige – antworten: „Ja, aber die iranischen Führer sind keine normalen Leute. Sie sind verrückt. Religiöse Fanatiker. Sie riskieren die totale Zerstörung des Iran, nur, um den zionistischen Staat zu zerstören. So wie man beim Schachspiel die Königinnen austauscht“.

Solche Überzeugungen sind die Folge von jahrzehntelanger Dämonisierung. Die Iraner – oder mindestens ihre Führer werden als unmenschliche Schurken angesehen.

Die Wirklichkeit zeigt uns, dass die Führer des Iran sehr nüchtern denkende Politiker sind. Vorsichtige Kaufleute im Stil des iranischen Basar. Sie nehmen keine unnötigen Risiken auf sich. Der revolutionäre Eifer der frühen Khomeini-Tage ist seit langer Zeit  vorbei, und selbst Khomeini hätte nicht geträumt, so etwas wie einen nationalen Suizid zu begehen.

NACH DER Bibel erlaubte der große persische König Cyrus den gefangenen Juden in Babylon nach Jerusalem zurück zu kehren und ihren Tempel wieder aufzubauen. In jener Zeit war Persien schon eine alte Zivilisation – kulturell und politisch.

Nach der „Rückkehr von Babylon“ lebte das jüdische Reich um Jerusalem 200 Jahre unter persischer Herrschaft. In der  Schule wurde uns beigebracht, dass diese Zeit für die Juden eine glückliche Zeit war.

Seitdem ist die persische Kultur und Geschichte weitere  2500  Jahre älter geworden. Die persische Zivilisation ist eine der ältesten in der Welt. Sie hat eine großartige Religion (Zarathustra) geschaffen und viele andere beeinflusst, auch das Judentum. Die Iraner sind sehr stolz auf diese Zivilisation.

Kann man sich vorstellen, dass die gegenwärtigen Führer des Iran nur daran denken, die Existenz von Persien aufs Spiel zu setzen, allein aus purem Hass auf Israel, ist lächerlich und größenwahnsinng.

Außerdem sind während der ganzen Geschichte die Beziehungen zwischen Juden und Persern fast immer ausgezeichnet gewesen. Als Israel gegründet wurde, wurde der Iran als natürlicher Verbündeter betrachtet, als ein Teil von David Ben Gurions „Strategie der Peripherie“ – eine Verbindung aller Länder, die die arabische Welt umgaben.

Der Schah, der von den Amerikanern und dem britischen Geheimdienst wieder eingesetzt wurde, war ein sehr enger Verbündeter. Teheran war voll israelischer Geschäftsleute und Militärberater. Es diente als Basis für israelische Agenten, die mit den rebellischen Kurden im nördlichen Irak arbeiteten, die gegen das Regime von Saddam Hussein kämpften.

Nach der islamischen Revolution unterstützte Israel den Iran noch einmal in seinem grausamen acht Jahre andauernden Krieg. Die berüchtigte Iran-Gate-Affäre, in der mein Freund Amiram Nir und Oliver North so eine bedeutende Rolle spielten, wäre  ohne die alten iranisch-israelischen Beziehungen nicht möglich gewesen.

Selbst jetzt führen der Iran und Israel freundliche Schiedsverfahren über ein altes Unternehmen durch: die Eilat-Ashkelon-Öl-Pipeline, die gemeinsam von beiden Ländern gebaut wurde.

Falls das Schlimmste zum Schlimmsten eintreten würde, werden das nukleare Israel und der nukleare Iran in einem Gleichgewicht des Schreckens leben.

In der Tat, sehr unerfreulich.  Aber keine existentielle Bedrohung.

DOCH FÜR jene, die vor den iranischen nuklearen Fähigkeiten in Schrecken leben,  habe ich einen Rat: nützt die Zeit, die wir noch haben!

Nach den amerikanisch-Iranischen Verhandlungen, die gerade im Gang sind, haben wir wenigstens noch 10 Jahre, bis der Iran in die Endphase treten könnte, um die Atombombe zu produzieren.

Bitte, nutzt die Zeit, (carpe diem !) um Frieden zu schließen.

Der iranische Hass gegen das „zionistische Regime“ – den Staat Israel – hängt mit dem Schicksal des palästinensischen Volkes zusammen. Das Gefühl der Solidarität für die hilflosen Palästinenser ist in allen islamischen Völkern tief verwurzelt. Es ist ein Teil der populären Kultur in ihnen allen. Sie ist ganz real, auch wenn die politischen Regime diese missbrauchen, manipulieren oder auch ignorieren.

Da es keinen Grund für einen spezifischen iranischen Hass gegen Israel gibt, gründet sich dieser nur auf dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Kein Konflikt -keine Feindschaft .

Die Logik sagt uns, wenn wir mehrere Jahre haben, bevor wir im Schatten einer iranischen Bombe leben müssen, lasst uns die übrige Zeit nutzen, um den Konflikt zu eliminieren. Wenn die Palästinenser selbst einmal erklären, dass sie den historischen Konflikt mit Israel als erledigt ansehen, wird keine iranische Führung in der Lage sein, ihr Volk gegen uns zu erheben.

SEIT MEHREREN Wochen rühmt sich Netanjahu tatsächlich einer riesigen historischen Errungenschaft.

Es ist das erste Mal, dass Israel praktisch Teil einer arabischen Allianz ist.

In der ganzen Region wütet der Konflikt zwischen muslimischen Sunniten und muslimischen Schiiten. Das schiitische Lager, vom Iran angeführt, schließt die Schiiten im Irak, die Hisbollah im Libanon und die Huthis im Jemen ein (Netanjahu schließt aus Ignoranz oder Propagandagründen die Hamas, die Sunniten sind, in seinem Lager mit ein.)

Das entgegengesetzte sunnitische Lager schließt Saudi-Arabien, Ägypten und die Golfstaaten ein. Netanjahu deutet darauf hin, dass Israel jetzt im Geheimen von ihnen als Mitglied akzeptiert worden ist.

Es ist ein sehr verworrenes Bild. Der Iran kämpft gegen den „Islamischen Staat“ in Syrien und im Irak, der ein Todfeind Israels ist. Der Iran unterstützt das Assad Regime in Damaskus, das auch von der Hisbollah unterstützt wird, die gegen den „Islamischen Staat“ kämpft, während die Saudis andere extreme sunnitische Syrer unterstützen, die gegen Assad und den „Islamischen Staat“ kämpfen. Die Türkei unterstützt den Iran und die Saudis, während die Saudis gegen Assad kämpfen und so weiter…

Ich bin von arabischen militärischen Diktatoren und korrupten Monarchien nicht entzückt. Ehrlich gesagt, verachte ich sie; aber wenn es Israel gelingt, ein offizieller Teil der arabischen Koalition zu werden, wäre es ein historischer Durchbruch, der erste in 130 Jahren des zionistisch-arabischen Konfliktes.

Doch alle israelischen Beziehungen mit arabischen Ländern sind geheim, außer jenen mit Ägypten und Jordanien, und selbst diese beiden sind  nur kalte und  distanzierte Beziehungen –  eher zwischen den Regimen -doch nicht zwischen den Völkern.

Befassen wir uns mit den Fakten: kein arabischer Staat will mit Israel eine offene und enge Kooperation eingehen, bevor nicht der israelisch-palästinensische Konflikt beendet ist. Selbst Könige und Diktatoren können sich das nicht leisten. Die Solidarität ihrer Völker mit den unterdrückten Palästinensern ist zu tief.

Wirklicher Friede mit den arabischen Ländern ist unmöglich ohne Frieden mit dem palästinensischen Volk, wie Frieden mit dem palästinensischen Volk unmöglich ohne Frieden mit den arabischen Ländern ist.

Wenn es jetzt eine Chance gibt, einen offiziellen Frieden mit Saudi-Arabien und den Golfstaaten zu schließen und den kalten Frieden mit Ägypten in einen wirklichen zu verwandeln, dann sollte Netanjahu  sich darauf stürzen. Die Bedingungen für ein Abkommen liegen bereits (seit 2002) auf dem Tisch: der Saudi-Friedensplan, auch der Arabische Friedensplan genannt, der vor vielen Jahren von der Arabischen Liga adoptiert wurde. Er gründet sich auf die Zwei-Staatenlösung des israelisch-arabischen Konfliktes.

Netanjahu könnte sich vor der ganzen Welt rühmen, dass er es wie „De Gaulle mit Algerien macht – Frieden  mit der sunnitisch-arabischen Welt, was die Schiiten zwingen würde, es den andern gleich zu tun.

Glaube ich das? Nein. Aber wenn Gott es will, kann sogar ein Besenstiel schießen.

Und am Tag des jüdischen Passah-Festes, an dem  Juden an den Auszug aus Ägypten denken, erinnern wir uns selbst daran, dass Wunder tatsächlich geschehen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die israelische Rettungsfront

Erstellt von Gast-Autor am 3. Mai 2015

Die israelische Rettungsfront

DIE WAHL von 2015 war ein riesiger Schritt in Richtung der Selbstzerstörung Israels.Die entscheidende Mehrheit hat für einen Apartheid-Staat zwischen dem Mittelmeer und dem Jordanfluss gestimmt, in dem die Demokratie langsam verschwinden wird.

Die Entscheidung ist noch nicht endgültig. Die israelische Demokratie hat eine Schlacht verloren, den Krieg  hat sie noch nicht verloren.

Wenn sie nicht die Lehre daraus zieht, wird sie auch den Krieg verlieren.

Alle Rechtfertigungen und Alibis der israelischen Linken sind nutzlos.  Es ist das Endresultat, das zählt.

Das Land ist in existentieller Gefahr. Nicht von außen, sondern von innen.

Eine Rettungsfront ist jetzt nötig.

Wir haben kein anderes Land.

ALS ERSTES muss das ganze Mass  der Katastrophe anerkannt und die volle Verantwortung übernommen werden.

Die Führer, die verloren haben, müssen gehen. Im Kampf um das Leben des Staates gibt es keine zweite Chance.

Der Kampf zwischen Isaak Herzog und Benjamin Netanjahu war ein Wettkampf zwischen einem Leichtgewichtler und einem Schwergewichtler.

Die Idee einer National Union-Regierung muss zurückgewiesen und entschieden verurteilt werden. In solch einer Regierung würde die Labor-Partei wieder die elende Rolle als Feigenblatt für die Besatzungs- und Unterdrückungspolitik spielen.

Jetzt ist eine neue Generation von Führern nötig, jung, energisch und originell.

DIE WAHL deckte ohne Mitleid die tiefe Kluft zwischen den verschiedenen Sektoren der israelischen Gesellschaft auf: Den Orientalen, den Ashkenazim, den Arabern, den„Russen“, den Orthodoxen, den Religiösen u.a.

Die Rettungsfront muss alle Sektoren umfassen.

Jeder Sektor hat seine eigene Kultur, seine eigenen Traditionen, seinen eigenen Glauben. Alle müssen gegenseitig respektiert werden. Gegenseitiger Respekt ist die Grundlage der israelischen Partnerschaft.

Die Gründung der Rettungsfront braucht eine neue authentische Führung, die aus allen Sektoren kommt.

Der Staat Israel gehört allen seinen Bürgern. Kein Sektor hat ein exklusives Besitzrecht auf den Staat.

Die riesige und wachsende Kluft zwischen den  Superreichen und den Bettelarmen, die  weithin der großen Ausdehnung der Kluft zwischen ethnischen Gemeinschaften entspricht, ist eine Katatastrophe für sie alle.

Die Rettung des Staates muss sich auf die Rückkehr zur Gleichheit gründen als einem grundlegenden Wert. Eine Realität, in der hunderttausende Kinder unter der Armutsgrenze leben, ist unerträglich.

Das Einkommen der oberen 0.01%, das  bis in den Himmel reicht, muss auf ein vernünftiges Maß gebracht werden. Das Einkommen der untersten 10% muss auf ein menschliches Maß gehoben werden.

DIE FAST totale Trennung zwischen den jüdischen und den arabischen Teilen der israelischen Gesellschaft ist für die israelische Gesellschaft und für den Staat eine Katastrophe.

Die Rettungsfront muss sich auf beide Völker gründen. Die Trennung zwischen ihnen muss eliminiert werden, um beider Seiten willen.

Leere Phrasen über die Gleichheit und Brüderlichkeit sind nicht genug. Es fehlt ihnen die Glaubwürdigkeit.

Es muss zu einer ernsthaften Verbindung zwischen den demokratischen Kräften beider Seiten kommen, nicht nur in Worten, sondern in aktuell täglicher Kooperation auf allen Gebieten.

Diese Kooperation muss ihren Ausdruck im Rahmen politischer Partnerschaft, im gemeinsamen Kampf und bei regelmäßigen gemeinsamen Treffen auf allen Gebieten finden, die sich auf der Achtung vor der Einzigartigkeit jedes Partners gründet.

Nur ein permanenter gemeinsamer Kampf kann die israelische Demokratie und den Staat selbst retten.

DER HISTORISCHE Konflikt zwischen der zionistischen Bewegung und der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung bedroht jetzt beide Völker.

Das Land zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan ist die Heimat von zwei Völkern. Kein Krieg, keine Unterdrückung und kein Aufstand wird diese Grundtatsache ändern.

Falls dieser Konflikt sich ohne Ende fortsetzt, wird er die Existenz beider Völker gefährden.

Die einzige Lösung war und ist die Koexistenz zweier souveräner Staaten: ein freier und unabhängiger Staat Palästina Seite an Seite mit dem Staat Israel.

Die Zwei-Staatenlösung ist kein Rezept für Trennung und  Scheidung. Im Gegenteil, es ist ein Rezept der engen Ko-Existenz.

Die Grenzen von 1967 mit Landaustausch im gegenseitigen Einverständnis sind die Grundlage für Frieden.

Die Ko-Existenz der beiden Staaten in der gemeinsamen Heimat benötigt einen Rahmen für Partnerschaft auf höchster Ebene als auch offene Grenzen für die Bewegung von Menschen und Waren. Es sind  auch solide Sicherheitsmaßnahmen um beider Völker willen notwendig.

Jerusalem – offen und vereinigt – muss die Hauptstadt beider Staaten werden.

Die schmerzliche Tragödie der palästinensischen Flüchtlinge muss eine gerechte Lösung im gegenseitigen Einverständnis finden. Die Lösung wird die Rückkehr in den palästinensischen Staat einschließen, eine begrenzte symbolische Rückkehr nach Israel und die Zahlung von großzügigen Kompensationen durch internationale Fonds an alle.

Israel und Palästina sollen zusammenarbeiten, um eine Rückgabe von jüdischem Eigentum in arabischen Ländern oder die Zahlung großzügiger Entschädigung zu erreichen.

Der Staat Palästina wird seine Verbundenheit mit der arabischen Welt behalten. Der Staat Israel wird seine Verbundenheit mit dem jüdischen Volk in aller Welt behalten. Jeder der beiden Staaten wird die alleinige Verantwortung für seine Einwanderungspolitik haben.

Das Problem der jüdischen Siedler in Palästina wird seine Lösung im Rahmen der miteinander abgestimmten Grenzveränderungen finden; die Einbeziehung einiger Siedlungen in den palästinensischen Staat mit dem Einverständnis der palästinensischen Regierung und der Umsiedlung vom Rest der Siedler in Israel.

Beide Staaten sollen bei der Schaffung einer demokratisch regionalen Partnerschaft zusammen arbeiten, und zwar im Geiste des Arabischen Frühlings, während sie der Anarchie, dem Terrorismus und religiösem und nationalistischem Fanatismus in der Region widerstehen.

Die Massen der Israelis und Palästinenser werden nicht an die Chancen des Friedens und der Ko-Existenz glauben, wenn es nicht schon jetzt zu einer realen und  offenen Partnerschaft zwischen dem Friedenslager beider Völker kommt.

Um solch eine Partnerschaft zwischen Organisationen und  Individuen  auf beiden Seiten zu schaffen, muss jetzt damit begonnen werden, gemeinsame politische Aktionen durchzuführen, wie regelmäßige Konsultationen und gemeinsames Planen auf allen Ebenen und auf allen Gebieten.

DER JÜDISCHE Charakter des Staates Israel findet seinen Ausdruck in seiner Kultur und seiner Verbundenheit mit den Juden in aller Welt, aber nicht in seinem inneren Regierungssystem. Alle Bürger und alle Sektoren müssen gleich sein.

Die demokratischen Kräfte innerhalb der jüdischen und der arabischen Öffentlichkeit müssen sich die Hände reichen und bei ihren täglichen Aktionen zusammen arbeiten.

Internationaler Druck wird Israel nicht vor sich selbst retten. Die Rettungskräfte müssen von innen kommen.

Weltweiter Druck auf Israel kann und muss den demokratischen Kräften in Israel beistehen, kann sie aber nicht ersetzen.

DIE GRUNDSÄTZLICHEN Werte ändern sich nicht. Jedoch muss die Art und Weise des Redens über sie, um von der Öffentlichkeit akzeptiert zu werden, geändert werden.

Die alten Slogans wirken nicht mehr. Die Werte müssen neu definiert und in der heutigen Sprache formuliert werden, sie müssen im Einklang mit den Konzepten und der Sprache einer neuen Generation sein.

Die Zwei-Staaten-Lösung wurde nach dem Krieg 1948 von einer kleinen Gruppe von  Pionieren definiert. Seit damals haben sich in der Welt, in der Region und innerhalb der israelischen Gesellschaft große Veränderungen ereignet. Während die Vision selbst als einzige praktische Lösung des historischen Konfliktes bleibt, muss sie in neue Gefäße gegossen werden.

Es gibt keine soziale Botschaft ohne eine politische Botschaft, und es gibt keine politische Botschaft ohne soziale Botschaft.

Politische Einheit ist notwendig und eine einigende Rettungsfront, die alle Kräfte des Friedens, der Demokratie und  der sozialen Gerechtigkeit zusammen bringt.

Wenn die Laborpartei in der Lage ist, sich selbst von Grund auf neu zu erfinden, könnte sie die Basis dieses Lagers begründen. Wenn nicht, muss eine neue politische Partei gebildet werden, deren Kern  die Rettungsfront ist.

Innerhalb dieser Front müssen verschiedene ideologische Kräfte ihren Platz finden und eine fruchtbare interne Debatte führen, während sie einen vereinten politischen Kampf für die Rettung des Staates führt.

Das Regime innerhalb Israels muss sich der vollen Gleichheit zwischen allen jüdischen ethnischen Gemeinschaften und zwischen den beiden Völkern versichern, während die Verbundenheit mit der israelisch-jüdischen Öffentlichkeit mit den Juden in aller Welt und die Verbundenheit der israelisch-arabischen Öffentlichkeit mit der arabischen Welt sicher gestellt wird.

Die Situation, in der die Ressourcen sich in den Händen von nur 1% der Bevölkerung auf Kosten  der andern 99% befinden, muss beendet werden. Eine vernünftige Gleichheit zwischen allen Bürgern, ohne Verbindung zu ihrer ethnischen Herkunft muss überholt werden.

Die orientalisch-jüdische Öffentlichkeit muss zu vollen Partnern im Staat werden, Seite an Seite mit andern Sektoren. Ihre Würde, ihre Kultur, ihr sozialer Status und ihre wirtschaftliche Situation müssen den ihnen gebührenden Platz einnehmen.

Die religiös-säkulare Konfrontation muss bis nach dem Frieden zurückgestellt werden. Der Glaube und die Zeremonien aller Religionen muss respektiert werden, genauso wie die säkulare Weltanschauung.

Die Trennung von Staat und Religion – wie eine zivile Heirat, Massentransporte am Schabbat – kann warten, bis der Existenzkampf entschieden ist.

Der Schutz des juristischen Systems und vor allem des Obersten Gerichtshofes ist eine absolute Pflicht.

Die verschiedenen Assoziationen für Frieden, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit – jede davon führt ihren lobenswerten, unabhängigen Kampf in ihrem gewählten Gebiet – muss die politische Arena betreten und  zusammen eine zentrale Rolle in der  vereinigten Rettungsfront spielen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Messias ist nicht gekommen

Erstellt von Gast-Autor am 26. April 2015

Der Messias ist nicht gekommen

Autor Uri Avnery

DER MESSIAS ist nicht gekommen, und Bibi ist nicht gegangen.

Das ist das traurige Ergebnis.

Traurig, aber nicht das Ende der Welt.

Wie eine amerikanische Redewendung es ausdrückt: „Heute ist der erste Tag vom Rest unseres Lebens.“

Ich würde sagen: „Heute ist der erste Tag der Schlacht für die nächsten Wahlen.“

Die Schlacht für die Rettung Israels muss genau jetzt beginnen.

EINIGE LEUTE sagen, dass jetzt die beste Möglichkeit für eine sogenannte Nationale Einheitsregierung sei.

Das sieht wie eine nette Idee aus. Einheit klingt immer gut.

Ich kann ein paar triftige Argumente dafür geben. Die Kombination der beiden großen Parteien schaffen einen Block mit 54 (von 120) Sitzen. Solch eine Koalition benötigt nur eine andere Partei, um eine Mehrheit zu bilden. Da gibt es mehrere Möglichkeiten, angeführt von Moshe Kachlons 10 Sitzen.

Die Befürworter dieser Wahl haben ein gutes Argument: es ist das kleinere Übel. Die einzige andere Möglichkeit ist, eine extreme Regierung der Religiösen  und Extremisten vom rechten Flügel, die nicht nur jeden Schritt in Richtung Frieden verhindert, sondern auch die Siedlungen erweitert, mehr Gesetze erlässt, die die Demokratie abwürgen, und reaktionäre religiöse Gesetze einführen wird.

Es ist ein gutes Argument, aber es sollte sofort zurückgewiesen werden.

Die Einheitsregierung würde von der Rechten beherrscht werden. Bestenfalls würde sie eine Regierung von totaler Unbeweglichkeit sein. Sie würde unfähig und unwillig sein, selbst die geringste Bewegung zu tun, um den historischen Konflikt und die Besatzung zu beenden und Palästina anzuerkennen. Die Siedlungen würden sich in rasender Geschwindigkeit ausdehnen. Die Chancen für einen eventuellen Frieden würden weit in die Zukunft geschoben werden.

Sie würde eine Menge Leid verursachen. Die Labor-Partei würde verpflichtet sein, diesen verheerenden Kurs zu rechtfertigen und zu verbrämen, die Obama-Regierung und progressiv jüdische Kräfte in aller Welt entwaffnen. Sie würde ein ungeheuer großes Feigenblatt für Unheil sein.

Sie würde Israel auch ohne eine effektive Opposition lassen. Wenn die Regierungs-Koalition irgendwann auseinanderbricht, würde die Labor-Partei besudelt sein, um eine glaubwürdige Alternative zu bilden. Der anfängliche Erfolg von Itzhak Herzog, die alte Partei aus ihrem Komazustand  herauszuholen, kann kein zweites Mal wiederholt werden. Labor würde eine erschöpfte Kraft sein, würde nur noch dahin vegetieren.

Glücklicherweise starb für die Laborpartei diese Möglichkeit fast sofort nach den Wahlen. Netanjahu erschlug sie mit einem Streich.

ÜBRIGENS  ein seltsamer Nebeneffekt einer Nationalen Einheitsregierung würde sein, dass der Führer der (arabischen) Gemeinsamen Liste, Ayman Odeh, der Führer der Opposition, werden würde.

Nach dem Gesetz wird  dieser Titel automatisch dem Führer der größten Oppositionspartei verliehen. Er gewährt seinem Inhaber viele der Privilegien eines Kabinett-Ministers. Der Ministerpräsident ist verpflichtet, sich mit ihm regelmäßig zu beraten und Regierungsgeheimnisse mit ihm zu teilen.

Aber selbst, wenn es keine Einheitsregierung geben sollte und Herzog  der Führer der Opposition würde, ist die veränderte Situation der Araber in der Knesset ein außerordentliches Ergebnis der Wahl.

Es liegt eine gewisse Komik darin: es war Avigdor Lieberman, der fast pathologische Araberhasser, der die Knesset dazu verleitete die Prozenthürde  auf 3,25%  zu erhöhen. Die Absicht war, die drei kleinen arabischen Parteien(einschließlich der kommunistischen, die auch ein paar jüdische Wähler hatte) zu eliminieren. Diese reagierten so, indem sie ihre gegenseitigen Unstimmigkeiten und Feindseligkeiten überwandten und die Gemeinsame Liste bildeten. Liebermann hatte große Schwierigkeiten, seine eigene Minoritätsklausel zu überwinden, und Ely Yishais Partei, die die Erben des faschistischen Meir Kahane einschließt, wurde – Gott sei Dank –  außerhalb der Knesset gelassen.

Man muss hoffen, dass die Gemeinsame Liste nicht auseinanderbricht. Odeh repräsentiert eine neue Generation der arabischen Bürger, die sehr viel bereiter ist, sich in die israelische Gesellschaft zu integrieren. Vielleicht werden das nächste Mal die alten Tabus endlich verschwinden und die arabischen Bürger ein wirklicher Teil des israelischen politischen Lebens werden. Dieses Mal wagte die Labor-Partei noch nicht, sie als vollwertiges Mitglied einer linken Koalition anzuerkennen.

ICH MAG nicht sagen „ich sagte es euch ja“. Es macht einen nicht populärer. Dieses Mal kann ich es aber nicht vermeiden, weil hier eine Lektion gelernt werden muss.

Zu Beginn des Wahlkampfes schrieb ich zwei Artikel in Haaretz, in denen ich vorschlug, dass  der anfängliche Schwung, der durch die Herzog-Livni-Vereinigung entstanden war, durch eine viel größere Einheitsliste, die auch das „Zionistische Lager“ (Labor), Meretz, Lapids Yesh Atid (‚Es gibt eine Zukunft‘) und, wenn möglich, sogar Moshe Kachlons neue Partei einschloss, fortgesetzt und intensiviert werden sollte .

Die Antwort? Nichts dergleichen. Keine der Parteien nahmen offiziell davon Kenntnis.

Die Idee war, dass solch eine vereinigte Front  eine unaufhaltsame Eigendynamik  entwickeln und Wähler anziehen würde , die sonst für keine  dieser Parteien  stimmen (oder gar nicht wählen) würden. Zusammen mit der „Gemeinsamen arabischen Liste“, würden sie eine blockierende Kraft  geschaffen haben, die ein Comeback des Likud unmöglich gemacht hätte.

Ich fügte hinzu, dass, wenn der Vorschlag nicht akzeptiert würde, alle beteiligten Parteien es bereuen würden. Es tut mir sehr leid, dass ich anscheinend recht hatte.

AM MORGEN nach der Wahl trat die Meretz-Führerin Sehava Galon zurück. Es war ehrenhaft, dies zu tun.

Meretz überwand kaum die Schwellen-Klausel und schrumpfte auf vier Sitze zusammen, obwohl viele Wähler (einschließlich meiner selbst) sich an der Rallye im letzten Augenblick beteiligten.

Die Partei hat an einer langen Reihe von glanzlosen Führern gelitten. Doch ihr Unbehagen geht viel tiefer. Es ist existentiell.

Von Anfang an war Meretz  eine Partei der ashkenasishen intellektuellen Elite. Sie sagt das Richtige. Aber sie reagierte gegenüber den Massen der orientalischen Gemeinschaft mit Ressentiments, von den Religiösen gehasst, von den russischen Immigranten weggestoßen. Sie lebt auf einer einsamen Insel, und ihre Mitglieder machen den Eindruck, unter sich selbst ganz glücklich zu sein, ohne all den Pöbel.

Sehava Galon ist eine gute Person, ehrlich und wohlmeinend, und ihr Verzicht nach den ersten Wahlergebnissen ehrt sie. Es scheint, dass Meretz auf 4 Sitze geschrumpft ist.  Aber die Partei ist langweilig geworden. Nichts Neues seit langer, langer Zeit. Ihre Botschaft ist richtig, aber uninteressant.

Meretz braucht einen Führer – eine inspirierende Persönlichkeit, die Begeisterung weckt. Aber vor allem benötigt sie eine neue Einstellung – eine, die erlaubt, aus ihrem Panzer herauszukommen und die ihre Wähler aktiv anzieht, die ihr jetzt aus dem Weg gehen. Sie muss hart arbeiten, um die Orientalen, Russen, Araber und selbst die moderaten Religiösen  anzusprechen.

ABER  IST es fair, dies nur von Meretz zu verlangen? Es gilt für den ganzen sozialen und liberalen Teil Israels, für das Friedenslager und das Lager für soziale Gerechtigkeit.

Die Wahlergebnisse haben gezeigt, dass die düsteren Prophezeiungen über eine entscheidende, unumkehrbare Hinneigung Israels zur Rechten unbegründet sind. Die Trennlinie geht durch die Mitte und kann verschoben werden.

Das allgemeine Bild hat sich nicht verändert. Der rechte Flügel (Likud, Bennet, Lieberman) hat nur einen einzigen Sitz gewonnen: von 43  auf 44. Das Mitte-Links-Lager (Zionist, Meretz, Lapid)  hat 8 Sitze verloren: von 48 auf 40, aber die meisten von ihnen gingen zu Kachlon, der 10 Sitze gewann. Die Orthodoxen kamen von 17 auf 14 Sitze. Die arabische Liste gewann 2 – von 11 auf 13. Der falsche Eindruck eines riesigen Wandels wurde durch die Meinungsumfragen mit ihrem künstlichen Drama geschaffen.

Aber um dies zu bewirken, muss es eine Bereitschaft geben, wieder von vorne  anzufangen.

Der gegenwärtige Aufbau der israelischen Linken kann das nicht schaffen. Das ist die simple Wahrheit.

Die auffallende Tatsache dieser Wahl ist, dass das Ergebnis genau die demografische Zusammensetzung der israelischen Gesellschaft wiederspiegelt. Der Likud gewann entscheidend innerhalb der orientalisch jüdischen Gemeinschaft, die die  niedrigere soziologisch-wirtschaftliche Bevölkerungsschicht einschließt. Der Likud behält auch seine partielle Stütze in der Ashkenazi-Gemeinschaft.

Das zionistische Lager und Meretz gewann entscheidend innerhalb des wohl situierten Ashkenazi Publikum – dort und nirgendwo sonst.

Die Einstellung der Likudleute gegenüber ihrer Partei ähnelt der Einstellung von Fußballfans zu ihrem Team. Es ist sehr emotional.

Ich war immer davon überzeugt, dass Wahlpropaganda und der ganze Medienklamauk des Wahlkarnevals wenig, wenn überhaupt etwas mit dem Ergebnis zu tun hat. Die demographischen Fakten sind entscheidend.

Die Linke muss sich entsprechend der Realität selbst neu erfinden. Sonst hat sie keine Zukunft.

Falls eine der bestehenden Parteien dies tun kann, wäre es schön. Falls nicht, muss eine neue politische Kraft  gebildet werden. Und zwar jetzt.

Nicht-parteigebundene Organisationen, mit denen Israel überreich ausgestattet ist, können diesen Job nicht tun. Sie können – und tun es –versuchen, viele bestehenden Fehler zu beseitigen. Ihre Aktivisten kämpfen für die Menschenrechte, propagieren gute Ideen, verhindern Missbrauch der Gewalt. Aber sie können nicht die Hauptarbeit tun: die Politik des Staates verändern. Dafür brauchen wir eine politische Partei, eine die die Wahlen gewinnen und eine Regierung bilden kann. Das ist die wichtigste Aufgabe. Ohne dies steuern wir in eine Katastrophe.

Als Erstes müssen unsre Misserfolge klar analysiert und zugegeben werden. Dazu gehört der verhängnisvolle Misserfolg, einen großen Teil der orientalisch-jüdischen Gemeinde zu überzeugen, sogar die zweite und dritte Generation. Dies ist keine gottgewollte Tatsache. Sie muss anerkannt, analysiert und studiert werden. Das kann getan werden.

Dasselbe gilt sogar noch mehr für die Immigranten aus der früheren Sowjetunion. Sie sind der Linken weitgehend entfremdet. Es gibt im heutigen Israel keinen Grund dafür.

Das Tabu, das die jüdische Linke daran hindert, sich mit arabischen politischen Kräften zu vereinigen, muss gebrochen werden. Es ist ein Akt der Selbst-Kastration (auf beiden Seiten) und verurteilt die Linke zur Impotenz.

Es gibt keinen Grund für einen völligen Bruch zwischen der säkularen Linken und  selbst nicht der moderaten religiösen Kräfte. Die provokative anti-religiöse Haltung, die für einige Teile der Mitte und der Linken gilt, ist einfach dumm.

WAS IST also zu tun?

Vor allem muss eine neue Führung ermutigt werden, aufzutauchen. Sehava Galons erstes lobenswertes Beispiel sollte von anderen und von ihr selbst befolgt werden. Wirklich neue Führer müssen kommen, solche, die nicht eine Kopie der alten sind.

Die größte Gefahr ist, dass nach dem ersten Schock, sich alles in alter Weise einpendelt, als ob nichts geschehen wäre.

Ein entschiedener Versuch muss gemacht werden, um genau die Reibungspunkte zwischen der Linken und den entfremdeten Teilen festzustellen. Testgruppen müssen aufgebaut werden, um an die Wurzeln der Entfremdung – bewusst und unbewusst, konkret und emotional –  zu gelangen.

Anmaßende Haltungen müssen abgebaut werden. Kein Sektor hat ein exklusives Recht auf den Staat. Jeder hat ein Recht, gehört zu werden und seine tieferen Gefühle und Hoffnungen auszudrücken. Exklusivität, oft unbewusst, muss durch Einbeziehung ersetzt werden.

Meiner Meinung nach ist es ein Fehler, zu versuchen, unsere Überzeugungen zu verstecken. Im Gegenteil, die Tatsache, dass die Wörter „Frieden“ und „Palästina“ im Wahlkampf überhaupt nicht erwähnt wurden, half der Linken nicht. Ehrlichkeit ist die erste Voraussetzung, um Leute zu überzeugen.

Kurz gesagt, falls die Linke das nächste Mal gewinnen möchte – was viel früher, als erwartet, kommen kann – muss sie damit beginnen, sich selbst zu reformieren und  die Gründe für ihren Misserfolg von diesem Mal überwinden.  Es kann getan werden.  Die Zeit, damit zu beginnen, ist genau jetzt.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die Rede

Erstellt von Gast-Autor am 12. April 2015

Die Rede

Autor Uri Avnery
PLÖTZLICH ERINNERTE ich mich an etwas.

Ich hörte der REDE von Benjamin Netanjahu vor dem Kongress der Vereinigten Staaten zu.  Reihe um Reihe von Männern in Anzügen ( und die singuläre Frau)  springt auf und ab, applaudiert wild und schreit Beifall.

Das Schreien machte es aus  – wo hatte ich dies schon vorher einmal gehört?

Dann fiel es mir ein: Es war ein anderes Parlament Mitte der dreißiger Jahre.  Der Führer sprach. Reihe um Reihe der Reichstagsmitglieder hörte begeistert zu. Alle paar Minuten sprangen sie auf und schrien Beifall.

Natürlich ist der Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika nicht der Reichstag. Die Männer tragen dunkle Anzüge, keine braunen Hemden. Sie schreien nicht  „Heil“, sondern etwas Unverständliches. Doch der Klang des Schreiens war derselbe.  Ziemlich schockierend.

Doch dann kehrte ich zurück in die Gegenwart. Der Anblick war nicht beängstigend, sondern irgendwie lächerlich. Hier waren die Mitglieder des mächtigsten Parlamentes der Welt. Sie benahmen sich wie ein Haufen  Trottel.

In der Knesset hätte nichts dergleichen geschehen können. Ich habe keine sehr gute Meinung über unser Parlament, dessen Mitglied ich einmal war, aber verglichen mit dieser Versammlung, ist die Knesset die Erfüllung von Platons Traum.

Abba Eban verglich einmal eine Rede von Menachem Begin mit einem französischen Souflé-Kuchen: eine Menge Luft und sehr wenig Teig.

Dasselbe kann von dieser REDE gesagt werden.

Was enthielt sie? Natürlich den Holocaust mit jenem moralischen Imponiergehabe, dargeboten von Elie Wiesel, der auf der Empore rechts direkt neben der freudestrahlenden  Sarah’le saß, die den Triumph ihres Gatten  sichtbar genoss. (Ein paar Tage zuvor hatte sie die Frau eines Bürgermeisters in Israel angeschrien: „Dein Mann erreicht nicht die Fußknöchel   meines Mannes!“)

Die Rede erwähnte das Buch Esther. In ihm geht es um die Rettung der persischen Juden vor dem persischen Minister Haman, der vorhatte, sie auszulöschen. Keiner weiß, wie diese dubiose Geschichte in die Bibel kam. Gott wird darin nicht erwähnt, mit dem Heiligen Land hat sie nichts zu tun, und Esther selbst ist eher eine Hure als eine Heldin. Das Buch endet mit dem Massenmord, den Juden an den Persern begingen.

Die REDE enthielt, wie alle Reden Netanjahus, viel über das Leiden der Juden während aller Epochen und die Absichten der bösen Iraner, der neuen NAZIS, uns zu vernichten. Aber dies wird nicht geschehen, weil wir diesmal Benjamin Netanjahu haben, der uns beschützt. Und die US-Republikaner natürlich.

Es war eine gute Rede. Man kann keine schlechte Rede halten, wenn Hunderte  von Bewunderern an jedem Wort hängen und alle paar Minuten applaudieren. Doch wird sie in  keiner Anthologie der größten Reden der Welt erscheinen.

Netanjahu betrachtet sich selbst als zweiten Churchill. Und, tatsächlich war Churchill   vor Netanjahu der einzige ausländische Führer, der vor beiden Häusern des Kongresses ein drittes Mal redete. Doch Churchill kam, um seine Verbindung  mit dem Präsidenten der US zu festigen, mit Franklin Roosevelt, ohne den er nicht den 2. Weltkrieg gewonnen hätte, während Netanjahu gekommen ist, um in des Präsidenten Gesicht zu spucken.

WAS HAT die Rede nicht enthalten?

Nicht ein Wort über Palästina und die Palästinenser. Kein Wort über Frieden, die Zwei-Staatenlösung, die Westbank, den Gazastreifen, Jerusalem. Nicht ein Wort über Apartheid, die Besatzung, die Siedlungen. Kein Wort über Israels eigene Atom- Technologien.

Natürlich auch kein Wort über die Idee einer nuklearwaffenfreien Region mit gegenseitiger Inspektion.

In der Tat, gab es überhaupt keinen konkreten Vorschlag. Nachdem er den schlechten Handel, der gerade im Gange ist, denunziert hat und darauf anspielte, dass Barack Obama und John Kerry  Tölpel und Idioten seien, bot er keine Alternative an.

Warum? Ich vermute, dass der ursprüngliche Text der REDE eine Menge enthielt.

Verheerende neue Sanktionen gegen den Iran. Eine Forderung der totalen Zerstörung der iranischen Atomanlagen. Und zuletzt  unvermeidbar einen US-Israelischen Militärschlag.

All dies wurde ausgelassen. Er war von Obamas Leuten klipp und klar gewarnt worden, dass die Offenlegung von Details der Verhandlungen als Vertrauensbruch betrachtet würde. Er war von seinen republikanischen Gastgebern gewarnt worden,  die amerikanische Öffentlichkeit wolle nichts von einem neuen Krieg hören.

Was blieb übrig? Eine trockene Aufzählung der bekannten Fakten über die Verhandlungen. Es war der einzige langweilige Teil der Rede. Minutenlang sprang keiner auf, keiner schrie Beifall. Elie Wiesel wurde schlafend gezeigt. Die einzige wirklich bedeutende Person  in der Halle, Sheldon Adelson, der Besitzer der Kongress-Republikaner und Netanjahus, wurde überhaupt nicht gezeigt. Aber er ist da  und beobachtet seinen Diener genau.

ÜBRIGENS, WAS geschah mit Netanjahus Krieg?

Erinnert man sich noch daran, als die israelischen Verteidigungskräfte dabei waren, den Iran in tausend Stücke zu bomben? Als die US-Militärmacht dabei war, alle iranischen Atomanlagen zu zerstören?

Die Leser dieser Kolumne mögen sich auch daran erinnern, dass  ich vor Jahren versicherte, dass es keinen Krieg geben würde. Kein Wenn und kein Aber.  Keine halb offene Hintertür für einen Rückzug. Ich versicherte, dass es keinen Krieg geben würde. Punkt.

Viel später sprachen sich alle früheren israelischen Militär-und Nachrichten-dienstchefs gegen den Krieg aus.  Generalstabschef Benny Gantz, der in dieser Woche seine Amtszeit beendete, hat enthüllt, dass es  nicht einmal einen Entwurf für einen Operationsbefehl gibt, um Irans  Nukleareinrichtungen anzugreifen.

Warum? Weil solch eine Operation zu einer weltweiten Katastrophe führen würde. Der Iran würde sofort die Straße von Hormus schließen, die nur wenige Meilen breit ist und  durch die etwa 35% des Erdöls der Welt verschifft werden. Es würde einen unmittelbaren, weltweiten wirtschaftlichen Zusammenbruch geben.

Um die Straße  von Hormus zu öffnen und offen zu halten, müsste ein großer Teil des Iran in einem Landkrieg besetzt werden. Sogar die Republikaner schaudern bei diesem Gedanken.

Die israelischen militärischen Fähigkeiten wären für solch ein Abenteuer völlig unzureichend. Und Israel kann natürlich vom Beginn eines Krieges nicht ohne ausdrückliches amerikanisches Einverständnis träumen.

Das ist die Realität. Man kann darüber nicht viele Worte machen. Selbst amerikanische Senatoren sind in der Lage, den Unterschied zu sehen.

DAS HERZSTÜCK der Rede war die Dämonisierung des Iran. Der Iran ist das verkörperte Böse. Seine Führer sind unmenschliche Monster. In der ganzen Welt sind iranische Terroristen am Werk und planen monströse Terroranschläge. Sie bauen  interkontinentale Raketen mit nuklearen Sprengköpfen, um die USA  zu zerstören. Unmittelbar nachdem sie Atombomben haben  – jetzt oder in zehn Jahren – werden sie Israel auslöschen.

In Wirklichkeit würde Israel seine Fähigkeit des zweiten Schlages, der sich auf die von Deutschland gelieferten U-Boote gründet, ausnützen, um den Iran innerhalb von Minuten zu vernichten. Eine der ältesten Zivilisationen der Weltgeschichte  würde zu einem  abrupten Ende kommen. Die Ayatollas würden  objektiv  geisteskrank sein, wenn sie so etwas täten.

Netanjahu tut so, als ob er dies glaube. Doch seit Jahren hat Israel eine freundliche, geheime Verhandlung mit der iranischen Regierung über die durch Israel führende Eilat-Ashkalon-Ölleitung, die von einem iranisch-israelischen Konsortium gebaut wurde. Vor der islamischen Revolution war  der Iran sogar Israels stärkster Verbündeter in der Region. Nach der Revolution lieferte Israel dem Iran Waffen, um gegen Saddam Husseins Irak  zu kämpfen (die berüchtigte Iran-Gate-Affäre). Und wenn man bis zu Esther und ihrer sexuellen Bemühung zurückgeht, um die Juden zu retten, warum sollte man nicht Cyrus den Großen erwähnen, der den jüdischen Gefangenen erlaubte, nach Jerusalem zurückzukehren?

Wenn man die Haltung der gegenwärtigen iranischen Führung beurteilt, so hat sie einiges von ihrem religiösen Eifer verloren. Sie verhält sich (ohne dies immer auszusprechen) sehr vernünftig, führt zähe Verhandlungen durch, wie man das von Persern erwartet, die sich ihres  immensen kulturellen Erbes, das älter ist als das Judentum, bewusst sind.  Netanjahu hat recht, wenn er sagt, man solle ihnen  nicht blindlings vertrauen, aber seine Dämonisierung ist lächerlich.

Innerhalb des weiteren Kontextes sind Israel und der Iran schon indirekt Verbündete. Für beide ist der Islamische Staat (ISIS) der Todfeind. Meiner Meinung nach ist ISIS  weit gefährlicher für Israel als – auf Dauer gesehen – der Iran. Ich bilde mir ein, dass ISIS für Teheran ein weit gefährlicher Feind ist als Israel.

(Der einzig denkwürdige Satz in der REDE war „ der Feind meines Feindes ist mein Feind“)

Wenn das Schlimmste zum Schlimmsten kommt, wird der Iran am Ende seine Bombe haben. Na und?

Ich mag ein arroganter Israeli sein, aber ich weigere mich, Angst zu haben. Ich lebe eine Meile vom israelischen Armeekommando mitten in Tel Aviv entfernt, und bei einem nuklearen Austausch würde ich evaporieren. Doch  fühle ich mich ganz sicher.

Die US war Jahrzehnte lang  (und immer noch) den Tausenden russischer Atombomben ausgesetzt, die Millionen innerhalb Minuten auslöschen könnten. Sie fühlen sich unter dem Schirm des „Terror-Gleichgewichts“ sicher. Zwischen uns und dem Iran würde in der schlimmsten Situation dasselbe Gleichgewicht herrschen.

WAS IST Netanjahus Alternative zu Obamas Politik? Wie Obama schnell betonte, er bot keine an.

Das bestmögliche Verhandlungsergebnis wird erreicht werden. Die Gefahr wird um  weitere zehn Jahre hinausgeschoben. Und wie Chaim Weizman einmal sagte: „Die Zukunft wird kommen und sich um die Zukunft kümmern.“

Innerhalb von zehn Jahren werden sich viele Dinge ereignen. Regime werden sich verändern, Feinde werden zu Verbündeten und umgekehrt.  Alles ist möglich.

Sogar Frieden wird – nach Gottes und der Wähler Willen – zwischen Israel und Palästina  möglich sein und den Stachel aus den israelisch-muslimischen Beziehungen nehmen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert)

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Anti – Was ?

Erstellt von Gast-Autor am 29. März 2015

Anti – Was ?

Autor Uri Avnery

ANTISEMITISMUS nimmt zu. In ganz Europa erhebt er seinen hässlichen Kopf. Juden sind überall in Gefahr. Sie müssen sich schnell aufmachen und nach Hause nach Israel kommen, bevor es zu spät ist.

Stimmt das? Oder stimmt es nicht?

Unsinn.

PRAKTISCH HATTEN  alle alarmierenden Ereignisse, die kürzlich in Europa stattfanden – besonders in Paris und Kopenhagen – und bei denen Juden getötet oder angegriffen wurden, nichts mit Antisemitismus zu tun.

All diese Gewalttaten wurden von jungen Muslimen begangen, die meistens von arabischer Abstammung sind. Sie waren ein Teil des fortwährenden Krieges zwischen Israelis und Arabern; das hat nichts mit Antisemitismus zu tun. Sie haben nichts mit dem Pogrom in Kishinew und  nichts mit den Protokollen der Weisen von Zion zu tun.

Theoretisch ist arabischer Antisemitismus ein Widerspruch , da Araber Semiten sind. Tatsächlich mögen die Araber semitischer sein als Juden, weil Juden sich seit vielen Jahrhunderten mit der einheimischen Bevölkerung des Landes, in dem sie lebten vermischt haben.

Aber der deutsche Publizist Wilhelm Marr, der wahrscheinlich den Terminus Antisemitismus 1880 erfunden hat (nachdem er den Terminus Semitismus sieben Jahre vorher erfunden hatte) ist natürlich in seinem Leben keinem Araber begegnet. Für ihn waren nur die Juden Semiten, und sein Feldzug war nur gegen sie gerichtet.

(Adolf Hitler, der seinen Rassismus ernst nahm, wandte ihn gegen alle Semiten an. Er konnte auch Araber nicht ausstehen. Im Gegensatz zur Legende lehnte er den nach Deutschland geflohenen Großmufti von Jerusalem, Hadj Amin al-Husseini, ab. Nach einem Treffen mit ihm zu einem Fototermin, der von der Nazi-Propagandamaschine arrangiert worden war, war er nie damit einverstanden, ihn wieder zu treffen.)

1

WARUM ALSO  schießen junge Muslime in Europa auf Juden, nachdem sie Karikaturisten töten, die den Propheten beleidigt hatten?

Experten sagen, dass der Hauptgrund ihr tiefer Hass  gegen ihr Gastland sei, in dem sie sich – wohl zu Recht – verachtet, gedemütigt und diskriminiert fühlen. In Ländern wie Frankreich, Belgien, Dänemark und vielen andern braucht ihre gewalttätige Wut ein Ventil.

Aber warum gegenüber den Juden?

Da gibt es mindestens zwei Hauptgründe.

Der erste ist lokal. Französische Muslime sind meistens Immigranten aus Nordafrika. Während des verzweifelten Kampfes für algerische Unabhängigkeit sympathisierten fast alle algerischen Juden mit dem Kolonialregime gegen die lokalen Freiheitskämpfer. Als alle Juden und viele Araber aus Algerien nach Frankreich  auswanderten, brachten sie ihren Kampf mit sich. Da sie jetzt in den übervölkerten Ghettos rund um Paris  und anderswo nebeneinander wohnen, lebt ihr gegenseitiger Hass weiter, und führt oft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Der zweite Grund ist der fortwährende arabisch-zionistische Konflikt, der mit  der Masseneinwanderung der Juden ins arabische Palästina begann und sich mit der langen Liste von Kriegen fortsetzte und jetzt in voller Blüte steht. Praktisch  ist jeder Araber in der Welt und die meisten Muslime gefühlsmäßig mit dem Konflikt verbunden.

Aber was haben französische Juden mit dem weit entfernten Konflikt zu tun? Alles.

Da  Benjamin Netanjahu keine Gelegenheit versäumt, zu erklären, dass er alle Juden auf der Welt vertritt, macht er alle Juden der Welt für die israelische Politik und ihre Aktionen mit verantwortlich.

Wenn jüdische Institutionen sich in Frankreich, den US und anderswo  total und unkritisch mit der Politik und den Operationen Israels, wie den letzten Gazakrieg identifizieren, machen sie sich freiwillig selbst zu potentiellen Opfern von Rache-akten. Die französisch-jüdische Führung, CRIF, tat es gerade jetzt.

Keine dieser Gründe hat etwas mit Antisemitismus zu tun.

2

ANTISEMITISMUS ist ein integraler Teil der europäischen Kultur.

Viele Theorien sind vorgebracht worden, um dieses total unlogische Phänomen zu erklären, das an eine kollektive psychische Erkrankung grenzt.

Meine eigene bevorzugte Theorie ist religiöser Art. In ganz Europa und jetzt auch in beiden Amerikas hören christliche Kinder in ihren prägenden Jahren die Geschichten des Neuen Testamentes. Sie lernen, dass ein jüdischer Mob nach dem Blut Jesu (Math. 27,26), dem sanften und milden Prediger, schrie, während der römische Präfekt Pontius Pilatus verzweifelt versuchte, sein Leben zu retten. Der Römer wird als menschliche, liebenswürdige Person dargestellt, während die Juden als ein gemeiner, verachtenswerter Mob angesehen werden.

Diese Geschichte kann nicht wahr sein. Die römischen Herrscher pflegten im ganzen römischen Reich potentielle Unruhestifter zu kreuzigen. Das Verhalten der jüdischen Behörden in der Geschichte entspricht nicht dem jüdischen Gesetz. Aber die Geschichte im Neuen Testament wurde lang nach dem Tode Jesu (sein Name auf Hebräisch lautet Jeshua) geschrieben und war für eine römische Zuhörerschaft gedacht, die die Christen zu missionieren versuchte – im heißen Wettbewerb mit jüdischen Missionaren.

Auch das: die frühen Christen waren eine kleine verfolgte Sekte im jüdischen Jerusalem  und ihr Groll lebt (bei Evangelikalen und anderen Fundamentalisten) bis zum heutigen Tage fort.

Das Bild der bösen Juden, die für den Tod Jesu schrien, hat sich unbewusst in das Gedächtnis der christlichen Menge eingeprägt und Judenhass in jeder neuen Generation geweckt. Die Folgen waren Morde, Massenvertreibungen, Inquisition, Verfolgung in jeder Form, Pogrome und schließlich der Holocaust.

SO ETWAS hat es niemals in der muslimischen Geschichte gegeben.

Der Prophet hatte einige kleine Kriege mit den benachbarten jüdischen Stämmen, aber der Koran enthält strikte Anweisung, wie man mit Juden und Christen, den „Völkern des Buches“ umgehen soll. Sie sollten fair behandelt werden und waren vom Militärdienst befreit, sollten dafür aber eine Kopfsteuer zahlen. Während der Jahrhunderte gab es selten hier und da anti-jüdische (und anti-christliche) kriegerische Ausbrüche, aber Juden lebten in muslimischen Ländern unvergleichlich 3

besser als in christlichen.

Wenn es nicht so gewesen wäre, hätte es nie ein „Goldenes Zeitalter“, eine muslimisch-jüdisch kulturelle Symbiose im mittelalterlichen Spanien gegeben. Es wäre  für das muslimisch-ottomanische Reich unmöglich gewesen, die Hundert-Tausenden jüdischer Flüchtlinge aus dem mittelalterlichen Spanien aufzunehmen, die von ihrer katholischen Majestät Ferdinand und Isabella vertrieben worden waren. Der herausragende jüdisch religiöse Denker Moses Maimonides (der „Rambam“) hätte nicht der persönliche Arzt und Berater des  hervorragenden muslimischen Sultan Salah-al-Din al-Ayubi (Saladin) werden können.

Der gegenwärtige Konflikt begann als Zusammenstoß zwischen zwei großen nationalen Bewegungen, dem jüdischen Zionismus und dem säkularen arabischen Nationalismus, und hatte nur schwache religiöse Obertöne. Wie meine Freunde und ich viele Male gewarnt haben, ist es jetzt zu einem religiösen Konflikt geworden – eine Katastrophe mit möglichen ernsten Konsequenzen.

Das hat nichts mit Antisemitismus zu tun.

WARUM  ALSO besteht die ganze israelische Propagandamaschinerie, einschließlich aller israelischen Medien darauf, dass  Europa einen katastrophalen Anstieg von Antisemitismus erlebt? Um die europäischen Juden nach Israel zu rufen (In der zionistischen Terminologie: „Aliya machen“)

Für einen wahren zionistisch Gläubigen ist die Ankunft jedes Juden ein ideologischer Sieg. Es ist egal, dass einmal in Israel neue Immigranten – besonders aus Ländern wie Äthiopien und der Ukraine  – vernachlässigt werden.  Wie ich oft zitiert habe: „Die Israelis lieben die Immigration- aber nicht die Immigranten“.

Als Folge der letzten Ereignisse in Paris und Kopenhagen hat Benjamin Netanjahu öffentlich die französischen und dänischen Juden aufgerufen, einzupacken und  um ihrer eigenen Sicherheit willen sofort nach Israel zu kommen. Die Ministerpräsidenten beider Länder haben wütend gegen diese Aufrufe protestiert, die den Anschein wecken, dass sie nicht bereit oder nicht willens seien, ihre eigenen Bürger zu schützen. Ich vermute, dass kein Führer einen ausländischen Politiker liebt, der seine Bürger auffordert, das Land zu verlassen.

In diesem Aufruf liegt etwas Groteskes: Wie der verstorbene Professor Yeshayahu Leibowitz bemerkte, ist Israel der einzige Ort in der Welt, wo jüdisches Leben ständig in Gefahr ist. Mit einem Krieg alle zwei Jahre und gewalttätigen Vorfällen fast jeden Tag, hatte er Recht.

Aber als Folge der dramatischen Ereignisse mögen viele „französische“ Juden – ursprünglich aus Nordafrika – verleitet werden, Frankreich zu verlassen. Sie werden nicht alle nach Israel kommen. Die US, Französisch -Kanada und Australien bieten verführerische Alternativen.

Es gibt viele gute Gründe für einen Juden, nach Israel zu kommen: ein mildes Klima, die hebräische Sprache, das Leben unter Juden und anderes mehr. Aber kein Weglaufen vor dem Antisemitismus.

GIBT ES in Europa wirklichen Antisemitismus? Ich vermute, dass es ihn gibt.

In vielen europäischen Ländern sind alte und neue supernationalistische Gruppen, die die Massen durch Hass auf den anderen anzuziehen versuchen. Juden sind (mit Sinti und Roma) die Anderen par Excellence. Eine ethnisch-religiöse Gruppe, die über viele Länder verteilt ist, die zu ihren Gastländern gehört und nicht gehört, mit fremden – und deshalb unheimlichen Glauben und Ritualen. Alle europäischen nationalistischen Bewegungen, die im 19. Und 20. Jahrhundert entstanden, waren mehr oder weniger antisemitisch.

Juden sind immer – und sind es noch – die idealen Sündenböcke für die  europäischen Armen gewesen. Es war der deutsche (nicht jüdische) sozialistische August Bebel, der sagte: „der Antisemitismus ist der Sozialismus der Ignoranten.“

Mit häufigen wirtschaftlichen Krisen und einer größer werdenden Diskrepanz zwischen den lokalen Armen und den multinationalen Superreichen wächst die Notwendigkeit eines Sündenbockes. Aber ich glaube nicht, dass diese Randgruppen,  obgleich einige nicht mehr so marginal sind, eine wirkliche antisemitische Welle darstellen.

Egal wie es ist, die Gewalttaten in Paris und Kopenhagen haben nichts mit Antisemitismus zu tun.

(Aus dem Engl. Ellen Rohlfs. vom Verfasser autorisiert)

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Die Casino-Republik

Erstellt von Gast-Autor am 22. März 2015

WER HERRSCHT in Israel?

Autor Uri Avnery

Natürlich der Ministerpräsident Benjamin Netanjahu

Falsch.

Der wirkliche Herrscher Israels ist ein Sheldon Adelson, 81, amerikanischer Jude, König der Casinos, der als einer der zehn reichsten Personen klassifiziert wurde, der 37,2 Milliarden Dollar bei der letzten Zählung wert war. Doch wer zählt?

Außerdem besitzt er außer seinen Spielcasinos in Las Vegas, Pennsylvania, Macao und Singapur die US-Republikanische Partei und seit kurzem auch beide Häuser des US-Kongresses.

Ihm gehört auch Benjamin Netanjahu.

ADELSONS VERBINDUNG mit Israel ist persönlich. In eine zufällig getroffene israelische Frau verliebte er sich.

Miriam Farbstein wurde in Haifa geboren, besuchte ein angesehenes Gymnasium, leistete ihren Armeedienst im israelischen Institut, das sich mit bakteriologischer Kriegsführung befasst und ist eine vielseitige Wissenschaftlerin. Nachdem einer ihrer Söhne (aus erster Ehe) an einer Überdosis gestorben war, widmete sie ihr Leben dem Kampf gegen Drogen, besonders gegen Cannabis.

Beide Adelsons sind fanatische Unterstützer Israels. Nicht irgendeines Israels, sondern eines rechten, supermacistischen, arroganten, gewalttätigen, expansionistischen, auf Annexion bedachtes, nicht kompromissbereiten, kolonialistischen Israels.

In „Bibi“ Netanjahu fanden sie ihren Mann. Durch Netanjahu hoffen sie, Israel als ihr privates Lehnsgut zu beherrschen.

Um dies abzusichern, taten sie etwas Außerordentliches: sie gründeten eine israelische Zeitung, die nur dazu dient, die Interessen Benjamin Netanjahus zu fördern. Nicht den Likud, nicht eine spezielle Politik, nur Netanjahu persönlich.

Vor Jahren erfand ich ein hebräisches Wort für Zeitungen, die umsonst verteilt werden. „Hinamon“ , das  grob als „Gratiszeitung“ übersetzt werden kann und das zu verunglimpfen beabsichtigt. Aber nicht im Traum dachte ich an ein Monster wie „Israel Hayom“ („Israel heute“) – eine Zeitung mit unbegrenzten Finanzmitteln, die täglich umsonst auf den Straßen und in Einkaufszentren überall im ganzen Land von Hunderten, vielleicht von Tausenden bezahlter junger Leute verteilt wird.

Israelis mögen gern etwas umsonst bekommen. „Israel heute“ („Hayom“) ist jetzt die Tageszeitung, die die weiteste Verbreitung in Israel hat. Sie gräbt  den Lesern und die Reklameeinkommen von seinem einzigen Konkurrenten – Yedioth Aharanot („Letzte Nachrichten“)  die  diesen Titel bis jetzt inne hatte, das Wasser ab.

Yedioth reagierte wütend. Sie wurde ein grimmiger Feind von Netanjahu. Jossi Werter, ein Kommentator der Mitte-Links Haaretz-Zeitung (die eine weit geringere Verbreitung hat, glaubt sogar, dass die jetzige Wahl darauf hinausläuft, dass nichts weiter als ein Wettstreit  zwischen den beiden Zeitungen entsteht.

Dies ist weit übertrieben. Nach dem politischen und sozialen Inhalt zu urteilen, gibt es wenig, das die beiden von einander unterscheidet. Beide sind superpatriotisch, kriegstreibend und vom rechten Flügel. Das ist das journalistische Rezept,das die Massen in aller Welt anzieht.

Yedioth gehört der Familie Moses, einem geschäftstüchtigen Clan. Der gegenwärtige Verleger in der dritten Generation ist Arnon („Noni“) Moses, der die Öffentlichkeit meidende Boss eines großen wirtschaftlichen Empires  auf dem die Zeitung basiert. Die Zeitung dient seinen Geschäftsinteressen, aber er hat keine speziellen politischen Interessen.

Adelson ist einzigartig.

IN ISRAEL ist das Wettgeschäft verboten. und in  geheimen Spielhöllen führt die Polizei Razzien durch. In unserer Jugend wurde uns beigebracht, Casino-Herrscher seien schlechte Menschen, fast wie Waffenhändler. Sie nehmen das Geld von armen  Abhängigen, treiben sie in Verzweiflung und manchmal auch in den Selbstmord siehe Dostojewsky.

Israelis lesen „Israel Hayom“ (etwas, das es  umsonst gibt), aber sie lieben den Mann und seine Methoden durchaus nicht. Einige Mitglieder der Knesset waren deshalb ermutigt, einen Gesetzesentwurf vorzulegen, in dem kostenlose Zeitungen verboten werden sollten.

Netanjahu und der Likud taten alles, um diesen Gesetzesentwurf zu blockieren. Aber bei der Vorabstimmung (notwendig für Gesetzesentwürfe von  privaten Mitgliedern) wurden sie in bewundernswerter Weise geschlagen. Sogar Mitglieder von Netanjahus regierender Koalition stimmten dafür. Die Kameras fingen Netanjahu ein, als er in die Halle des Knesset-Plenums rannte, um  auf seinen Platz zu kommen, bevor das Abstimmen begann.

Das Abstimmungsergebnis war 43 zu 23. Fast die Hälfte der Likud-Mitglieder war abwesend. Der Außenminister Avigdor Liebermann und seine Partei stimmten für die Gesetzesvorlage. Auch die Minister Ja‘ir Lapid und Zipi Livni.

Von der Vorabstimmung bis zur endgültigen Annahme muss solch ein Gesetzesentwurf mehrere Stadien durchlaufen. Eine Menge Zeit bleibt, um ihn in einem der Komitees zu begraben. Aber Netanjahu war wütend. Ein paar Tage nach der Abstimmung entließ er Lapid und Livni aus der Regierung und verursachte so den Bruch der Regierungs-Koalition, und die Knesset löste sich auf.

Warum machte Netanjahu mitten in seiner dritten Amtsperiode solch eine Dummheit. Da gibt es nur eine logische Erklärung: Ihm wurde von Adelson befohlen, dies zu tun, um die Annahme des Gesetzes zu verhindern.

Wenn dem so ist, dann ist Adelson jetzt unser Gesetzgeber. Vielleicht ist er auch unser Haupt-Regierungsmacher.

GELD SPIELT eine zunehmende Rolle in der Politik. Wahlpropaganda wird im Fernsehen gemacht, das sehr teuer ist. In Israel wie in den USA fließen legale und illegale Fonds in den Wahlkampf, direkt oder indirekt. Korruption wird von den Gerichten begünstigt oder geduldet. Die sehr Reichen (euphemistisch sind sie in Amerika als die „Wealthies“, die sehr Reichen bekannt) üben ungebührlichen Einfluss aus.

Bei den letzten US-Präsidentenwahlen schüttete Adelson Unmengen von Dollars in den Wettkampf. Er unterstützte Newt Gingrich und dann Mitt Romney mit großen Geldsummen. Vergeblich. Vielleicht mögen die Amerikaner es nicht, von Casino-Kapitänen regiert werden.

Was die nächste US-Präsidenten-Wahl betrifft, hat Adelson früh angefangen. Er hat zu seinem Las Vegas-Spiel-Casino-Hauptquartier alle führenden republikanischen Kandidaten eingeladen, um sie in ihrer Loyalität zu ihm – und zu Netanjahu streng zu verhören. Keiner wagte es, die Einladung abzulehnen. Würde ein römischer Senator die Vorladung eines Cäsar ablehnen?

In Israel sind solche Rituale überflüssig. Die Adelsons – Miri und Sheldon – wissen, wer ihr Mann ist.

Die Israel Hayom-Zeitung ist natürlich eine große Propagandamaschine, total der Wieder-Wahl von Netanjahu gewidmet. Alles ist ganz legal. Wer kann in einer Demokratie einer Zeitung sagen, wen sie unterstützen soll? Wir sind eine Demokratie – um Himmels Willen!

ES SCHEINT, für ein Land ungewöhnlich zu sein, einem Ausländer, der nie im Lande lebte, zu erlauben, solch enorme Macht über seine Zukunft, ja über seine Existenz zu haben.

Dazu ist der Zionismus nötig  Dem zionistischen Glauben nach, ist Israel der Staat der Juden, und zwar aller Juden. Jeder Jude in der Welt gehört zu Israel, selbst dann, wenn er vorübergehend irgendwo anders lebt. Vor ein paar Tagen behauptete Netanjahu öffentlich, nicht nur den Staat Israel zu vertreten, sondern das ganze „jüdische Volk“. Es ist nicht nötig, die Juden zu fragen.

Dem entsprechend ist Adelson nicht wirklich Ausländer. Er ist einer von uns. Er kann zwar nicht in Israel wählen, obwohl seine Frau es wahrscheinlich könnte. Aber viele Leute, einschließlich seiner selbst, glauben, dass er, da er Jude ist, ein absolutes Recht hat, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen und unser Leben zu beherrschen.

Zum Beispiel: die Ernennung unseres Botschafters in den US.  Ron Dermer ist Amerikaner, geboren in Miami, aktiv in republikanischer Politik. Um einen amerikanischen Funktionär der republikanischen Partei als Botschafter Israels in Washington, wo  ein Präsident der demokratischen Partei herrscht, zu ernennen, mag seltsam erscheinen. Nicht so seltsam falls Netanjahu nach den  Befehlen von Sheldon Adelson handelt.

Es war Adelson, der das Hexengebräu, bereitete, das jetzt Israels Lebensrettungsseil nach Washington gefährdet. Sein Handlanger Dermer überredete die Republikaner im Kongress – alle abhängig von Adelsons Großzügigkeit oder es hoffentlich zu werden – Netanjahu einzuladen, um vor beiden Häusern eine Rede gegen Obama zu halten.

Während diese Intrige in Vorbereitung war, traf Dermer John Kerry, aber sagte ihm nichts von Netanjahus Kommen. Netanjahu informierte auch Präsident Obama nicht, der wutschnaubend verkündete, er werde den Ministerpräsidenten nicht treffen.

Vom Standpunkt wirklicher israelischer Interessen ist es reiner Wahnsinn, den Präsidenten der Vereinigten Staaten Amerikas zu provozieren, der Amerikas Waffenlieferungen nach Israel und das amerikanische Veto in den UN kontrolliert. Aber vom Standpunkt Adelsons, der 2016  einen republikanischen Präsidenten wünscht, macht es Sinn. Er hat schon damit gedroht, unbegrenzte Summen Geldes zu investieren, um die Wiederwahl eines Demokraten zu verhindern, und jeden Senator oder Vertreter abzusetzen, der nicht zu Netanjahus Rede kommt.

Wir sind nahe dran, einen Krieg zwischen der Regierung Israels und dem Präsidenten der US zu eröffnen.

Ist da jemand, der mit unsrer Zukunft Roulette spielt?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Over bottled

Erstellt von Gast-Autor am 15. März 2015

Over bottled

 Autor Uri Avnery

JEDER WEISS, worum es in den israelischen Wahlen geht.

Die Wahl ist heftig: auf der einen Seite gibt es den Traum von Groß-Israel „vom Meer zum Fluss“, was in der Praxis ein Apartheidstaat werden würde; auf der andern Seite, ein Ende der Besatzung und Frieden.

Einige würden eine soziale Wahl hinzufügen: auf der einen Seite den bestehenden neo-liberalen Staat mit der größten Rate von Ungleichheit in der industriellen Welt; auf der andern Seite, ein sozial-demokratischer Staat mit sozialer Solidarität.

Ist das Land also voller Plakate über Krieg und Frieden, Besatzung und Siedlungen, Arbeitslohn und Lebenshaltungskosten? Sind die Fernsehprogramme auch voll von diesen? Beschäftigen sich die Titelseiten der Zeitungen damit?

Überhaupt nicht. Noch fünf Wochen sind es bis zum Wahltag –und all diese Themen sind praktisch verschwunden.

Krieg, Frieden, soziale Gerechtigkeit  – sie verursachen nur ein kollektives Gähnen.  Es gibt viel interessantere Sachen, die die öffentliche Meinung mitreißen.

Zum Beispiel Flaschen.

FLASCHEN, UM Himmels willen? Wahlen um Flaschen?

Das ganze Land ist überbeschäftigt mit dem, was Sherlock Holmes das Rätsel der Flaschen nennen würde.

Israel ist eine ökologisch denkende Gesellschaft. Sie fühlt sich von weggeworfenen Plastik- und Glasflaschen bedroht. Es wurde also ein Gesetz erlassen, das Supermärkte und andere Einzelhandelsläden verpflichtet, ein Pfand  zu verlangen  – ein paar Cents – etwa 13 Cents für eine Plastikflasche, etwa 30  Cents für ein Weinflasche. Das wird zurück gezahlt, wenn die leere Flasche zurückgegeben wird. Viele Leute, wie ich, kümmern sich nicht darum.

Aber kleine Summen können zu großen Summen werden. Viele arme ältere Leute verdienen eine Art Lebensunterhalt, wenn sie leere Flaschen aus Abfallbehältern auf den Straßen sammeln, meistens für organisierte Verbrecherfamilien.

Alle zurückgegebenen Flaschen werden wieder verwendet. Die Umwelt ist gerettet. Jeder ist damit einverstanden. Wie kommt es, dass dies ein heißes Wahlproblem wird und alles andere von der nationalen Agenda beiseiteschiebt?

BEFASSEN WIR uns mit der obersten Familie: mit Benjamin Netanjahu, seiner Frau Sarah und den beiden erwachsenen Söhnen.

Die Familie wird vom Staat in der offiziellen Residenz des Ministerpräsidenten im Zentrum Jerusalems untergebracht. Sie besitzt noch zwei private Wohnsitze – eine Wohnung in einem guten Jerusalemer Stadtteil und eine prächtige Villa in Cäsarea, in einer Wohngegend der sehr Reichen.

Nach dem Gesetz werden all diese Wohnungen vom Staat unterhalten. Aus öffentlichen Mitteln werden alle Lebenshaltungskosten, wie Lebensmittel und Getränke bezahlt, auch das Personal, Männer oder Frauen.

Seit Beginn der Amtszeit von Netanjahu gibt es Gerüchte und Gemunkel über die Dinge, die sich in den drei Wohnungen abspielen. Es scheint, dass Sarah Netanjahu, die Möchte-gern Königin, eine schwierige Person ist, besonders für die Hausangestellten. Einige von ihnen haben sie wegen Misshandlung verklagt.  Häufig findet ein Wechsel bei den Hausangestellten statt. Das entlassene Personal  beklagt sich.

Eine Enthüllung war, dass Sarah’le (wie sie jeder nennt –nicht immer aus Liebe), Gartenmöbel vom Regierungssitz zur privaten Villa bringen ließ. Eine andere war, dass der Chef des Personals mitten in der Nacht in seiner Wohnung  aufgeweckt  und ihm befohlen wurde, sofort eine heiße Suppe ins Schlafzimmer der Herrin zu bringen. Es scheint, dass sie das Personal wegen kleiner Versäumnisse häufig anschreit. All dies wurde bei diversen Rechtsfällen vorgebracht  – zum großen Vergnügen der Massen.

Zum Beispiel wurde so bekannt, dass die Residenz des Ministerpräsidenten während des Jahres für hunderttausend Dollar Eiskrem bestellt hat. Immer Pistazieneis.

Klagen über des Ministerpräsidenten Vorliebe für Luxus sind nicht neu. Seit Jahren  hat der Staatsanwalt Ermittlungen über die „Bibi-Reisen“ gemacht: die Gewohnheit von Netanjahu und seiner Familie erster Klasse zu fliegen und in aller Welt in Luxushotels abzusteigen, ohne einen Schekel zu bezahlen – alle Ausgaben zahlten ausländische Milliardäre. Seit er Finanzminister war, war dies gegen das Gesetz.

Und nun kommen die Flaschen.

EINE ENTLASSENE Angestellte verriet den Medien, dass Sarah’le gewöhnlich zwei Regierungsangestellte in einem offiziellen Wagen zur Flaschensammelstelle schickt, um leere Flaschen zurückzugeben und das Pfandgeld zurück zu bekommen. Statt das Geld der Regierung zurückzugeben, wie es das Gesetz verlangt, steckt sie es für privaten Gebrauch in die eigene Tasche.

Ein großes Geschäft? Es scheint so. Als sie das erste Mal deswegen erwischt wurde, zahlte die Familie 4000 Schekel an die Regierung – fast 1000Euros -. zurück. Jetzt scheint es, dass die Summen  viel größer sind und  Sarah’le dies seitdem weiter praktiziert.

Dies mag eine kriminelle Straftat sein. Der Justizminister und der Staatsanwalt -beide von Netanjahu ernannt – warfen einander die Akte zu. Jetzt können sie verpflichtet werden, vor den Wahlen diesbezüglich etwas zu tun.

Wie viele Flaschen? Es wurde bekannt, dass die Familie im Durchschnitt eine Flasche teuren Weines pro Tag konsumiert. In einem Land wie Israel, in dem viele Leute überhaupt keinen Alkohol trinken, ist das eine ganze Menge. Als man sich danach erkundigte, brachte der Familienanwalt das Land ins Staunen, denn er behauptete im TV, dass Wein kein „Alkohol“ sei.

Der Gedanke, dass unser Ministerpräsident betrunken sein könnte, wenn  für das Land schicksalshafte Entscheidungen schnell gemacht werden müssen – eine Militäraktion z.B. – ist nicht gerade angenehm.

Ein jiddischer Ausdruck fällt mir ein. Lange bevor Alois Alzheimer, der deutsche Arzt, der vor 100 Jahren diese nach ihm benannte Krankheit entdeckte, wurden die von ihm beschriebenen Symptome auf Jiddisch „over-bottles“ genannt. Dies ist vom Hebräischen „Over battel“ (Faulenzer) abgeleitet –, ein nutzloser alter Kerl.

Auf Englisch heißen Flaschen „bottles“ Über die Netanjahus könnte man jetzt  im buchstäblichen Sinn sagen, dass sie over-bottled, nutzlos sind.

SEIT WOCHEN  ist dies das heißeste Thema in Israel.

Bibi-Hasser, von denen das Land eine Menge hat, sind glücklich. Dies wird sicher Netanjahu und den Likud ernsthaft verletzen. Geschieht dies?

Wie wir wissen, überhaupt nicht. Im Gegenteil – nach mehreren Tagen, in denen das „Zionistische Lager“ (auch als Labor-Partei bekannt) den Likud bei Umfragen um ein oder zwei Sitze überholte, hat der Likud sich erholt und den Vorsprung von zwei oder drei Sitzen übernommen. Kein Djinn ist aus den Flaschen aufgetaucht.

Das Land hat sich amüsiert. Die Flaschen lieferten den Stoff für grenzenloses Geschwätz, für Karikaturen und Satire, veränderte jedoch nicht die politische Einstellung der Wähler.

Und mit dem „Zionistischen Lager“ ist natürlich etwas falsch gelaufen.

IN MILITÄRSPRACHE: wenn es einem Feldherrn gelingt, die feindliche Linie zu durchbrechen, wäre es das Letzte, das er tun sollte, anzuhalten und sich selbst zu gratulieren. Er sollte alle seine Kräfte sofort in die Bresche werfen und das Hinterland des Gegners erobern.

Jitzhak Herzog ist kein Feldherr und hat diese Lektion nicht gelernt.

Er begann seine Wahlkampagne gut genug. Seine politische „Heirat“ mit Zipi Livni  war ein Meisterstück. Livni  bringt zwar keine Mitgift mit – ihre Partei war eher virtuell als real. Aber die Vereinigung hatte den Reiz des Neuen, an Bewegung und an Schwung. Zumal Herzog – falls er Ministerpräsident würde-  mit einer Rotation von ihm selbst und Livni einverstanden wäre.  Das wäre eine Geste, die als großzügiger Akt von Bescheidenheit und Selbstlosigkeit wahrgenommen würde – ungewöhnlich für einen Politiker in Israel (oder anderswo, vermute ich). Gewöhnlich sind Politiker Egomanen.

Unmittelbar kam es zu Erfolgen. Die Labor-Partei, die bis dahin als beinahe erstarrt angesehen wurde, wurde bei den Meinungsumfragen lebendig. Sie überholte den Likud. Auf einmal konnten sich die Leute vorstellen, die Rechte nieder zu stimmen. Herzog, eine anspruchslose Person von kleiner Statur, erschien plötzlich als plausibler Kandidat für die Führung.

Und da hielt es an. Im neuen  „zionistischen Lager“ geschah nichts. Bei den internen Vorwahlen tauchte eine eindrucksvolle Kandidatenliste auf, eine Liste von neuen, jungen und kompetenten Leuten, die bei weitem attraktiver sind als die Listen aller anderen Parteien.

Aber das war es dann auch. Die Partei wurde still. Sie reagierte überhaupt nicht auf all die himmelschreienden Provokationen Netanjahus an der Nordgrenze. Sie brachte keine neuen und revolutionären Ideen, sie begann keine wirkliche Propagandakampagne. Bis jetzt ist die Parteikampagne wie Herzog selbst, anspruchslos, anständig und still, sehr still.

Der Likud andrerseits ist zügellos. Seine Anhänger werfen jede Menge Dreck, den sie erwischen können. Sie sind schrill, skrupellos und vulgär.

Aber die Hauptsache ist, dass es keinen Schwung mehr gab. Vergeblich schlug ich in zwei Artikeln in Haaretz  eine gemeinsame Wahlliste vor: den Zusammenschluss aller Mitte-Links-Parteien. Das würde den Eindruck erwecken, dass alle anti-Netanjahu-Kräfte sich vereinigen, um der Likud-Herrschaft ein Ende zu bereiten und eine neue Regierungsmehrheit mit neuer Agenda aufzubauen.

Die Idee rief keine Reaktion hervor. Herzog will Meretz nicht, aus Angst, dass seine Liste von Linken kontaminiert  würde. Er war auch nicht bereit, Yair Lapids Zentrumspartei abzuwerben. (Mein Vorschlag war, beide Parteien einzuschließen, sodass sie in der Öffentlichkeit einander ausbalancieren).

Herzog fühlte anscheinend nicht wie ich, dass eine große neue Verbindung Enthusiasmus schaffen und die linke Öffentlichkeit aus ihrer fatalen Apathie reißen würde.

Lapids Egomanie hinderte ihn daran, solch eine Union einzugehen, in der er nicht die Nummer eins sein würde, obwohl die Meinungsumfragen voraussagten, dass seine Partei schrumpfen würde und zwar bis zur Hälfte ihrer jetzigen Stärke. Meretz war nicht bereit, ihre behagliche Isolation aufzugeben, sie war eher ein Club als eine politische Kraft. Die gelehrten Professoren, denen es an politischer Einsicht fehlt, wovon die Linke im Überfluss hat, rieten unerbittlich ab.

Als der letzte Tag der Angebotsabgabe der Wahllisten kam und vorbeiging, war ich traurig. Nicht ärgerlich, nur traurig. Ich fühlte in meinen Knochen, dass eine einzigartige Gelegenheit, die Herrschaft des rechten Flügels zu beseitigen, verpasst war – mit allem, was sie für Israels Zukunft zur Folge hat.

Es könnte noch geschehen. Die Öffentlichkeit kann sich noch entscheiden, dass es genug ist. Aber die Chancen dafür sind sehr gering.

EINER MEINER Freunde, der zu verschwörerischen Theorien neigt, hat darauf hingewiesen, dass die ganze Flaschenangelegenheit vielleicht von Netanjahu selbst als Trick vorgebracht wurde , um die Öffentlichkeit von den schicksalshaften Problemen, mit denen Israel fertig werden muss und für die er keine Lösung hat, abzulenken.

Was auch immer geschieht, so haben die Flaschen die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt. Seine Bilder füllen die TV-Mattscheibe, sein Name spielt in den Nachrichten die Hauptrolle. Herzog bleibt ohne Flaschen und Pistazieneis  diskret im Hintergrund. Selbst Zipi kann nicht mit Sarah’les  bunter Persönlichkeit konkurrieren.

Diejenigen von uns, die fürchten, dass Netanjahu  am Vorabend der Wahl einen Krieg provoziert, könnten sagen: better bottles than battles– Flaschen sind besser als Schlachten.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Alle sind Zionisten

Erstellt von Gast-Autor am 8. März 2015

Alle sind Zionisten

Autor Uri Avnery

 VIELE MALE fragen mich Leute: „ Sind Sie ein Zionist?“

Meine übliche Antwort ist: „ Das hängt davon ab, was Sie unter Zionismus verstehen“.

Dies ist ganz ernst gemeint. Der Terminus „Zionismus“ kann sehr Verschiedenes bedeuten. Wie z.B. der Begriff Sozialismus. Francois Hollande ist ein Sozialist. Auch Joseph Stalin war einer.

Gibt es da eine Ähnlichkeit?

ALS ICH jung war, gab es einen Scherz, der in Deutschland die Runde machte: „Ein Zionist ist ein Jude, der einen zweiten Juden um Geld bittet, damit ein dritter Jude in Palästina siedeln kann.“ Mein Vater war so ein Zionist. Das war natürlich vor der Nazi-Machtergreifung. Ich habe den Verdacht, dass diese Definition heute für viele amerikanische Juden zutrifft.

Theodor Herzl, der Gründer der zionistischen Bewegung, wollte nicht wirklich  nach Zion, einem Hügel in Jerusalem, gehen. Er liebte Palästina überhaupt nicht. Im ersten Entwurf der zionistischen Bibel, „Der Judenstaat“, schlug er wegen seines milden Klimas Patagonien als bevorzugte Gegend für den jüdischen Staat vor. Auch weil diese nach einem genozidalen Kampf mit Argentinien wenig bevölkert war.

Auch als die Bewegung sich nach Zion wandte, bedeutete es für verschiedene Leute Verschiedenes. Einige wünschten, dass das Land nur ein geistliches Zentrum für die Juden werde. Andere wünschten, es würde eine sozialistische Utopie. Wieder andere wünschten, es werde eine nationalistische Bastion mit militärischer Macht.

Die Erneuerung der hebräischen Sprache, die ein so integraler Teil unseres Lebens wurde, war überhaupt kein Teil des zionistischen Projektes. Herzl, dessen anfänglicher Ehrgeiz es war, ein großer deutscher Schriftsteller zu werden, dachte, dass wir in Zion Deutsch sprechen würden. Andere wollten lieber Jiddisch sprechen. Der fanatische Wunsch, das Hebräische wieder zu beleben, kam von unten.

Selbst der Wunsch, einen jüdischen Staat zu gründen, war nicht einstimmig. Einige begeisterte Zionisten, wie Martin Buber träumten von einem bi-nationalen Staat: halb arabisch, halb jüdisch.  „Praktische“  Zionisten wünschten den zionistischen Traum durch beharrliche Besiedlung des Landes zu erfüllen; „Revisionistische Zionisten wollten sofort eine internationale „Charter“

Religiöse Zionisten wünschen einen Staat, der sich auf die jüdische Religion gründet und von ihr beherrscht wird. National-religiöse Zionisten glauben, dass Gott die Juden wegen ihrer Sünden ins „Exil“ge schickt hatte. Sie wollten Gott durch ihre Taten zwingen, den Messias jetzt zu schicken. Atheistische Zionisten erklären, die Juden seien eine Nation, keine Religion und wollten nichts mit dem jüdischen Glauben zu tun haben. Und so weiter.

WAS BEDEUTET Zionismus heute? Das Wort ist in Israel weit verbreitet, ohne dass man viel darüber nachdenkt. Fast jede Partei wünscht, zionistisch zu sein, und brandmarkt ihre Gegner als Anti-Zionisten – eine schwere Anklage in der israelischen Politik. Nur kleine Minderheiten an den Rändern lehnen die Ehre ab. Die Kommunisten auf der einen Seite, die Ultra-Orthodoxen auf der andern Seite. (Diese glauben, es sei eine große Sünde, in das Land Israel in großer Anzahl ohne Gottes ausdrückliche Erlaubnis zurückzukehren.)

Für viele Israelis bedeutet Zionismus nichts weiter als israelischer Patriotismus. Wenn man wünscht, dass Israel als „Jüdischer Staat“ (was auch immer dies bedeutet) besteht, dann ist man ein Zionist. Man muss auch glauben, dass Israel ein Teil des  „jüdischen Volkes“ weltweit ist und seine Führung als eine Art Kommando-Zentrum fungiert. In der heutigen Terminologie  „Der nationale Staat des jüdischen Volkes“.

In einem weiteren Sinn kann Zionismus den tiefen Glauben bedeuten, dass alle Juden auf der Welt schließlich nach Israel kommen, entweder freiwillig oder durch den Antisemitismus vertrieben. Der unvermeidliche Sieg des Antisemitismus‘ in jedem Land wird vorausgesetzt. Deshalb wird jede reale oder eingebildete antisemische Welle mit geheimer Genugtuung begrüßt  („Wir sagten es doch!“)  – wie die gegenwärtige in Frankreich.

WO STEHE ich?

Ein paar Jahre vor der Gründung des Staates Israel erklärte eine Gruppe junger Leute dieses Landes, meistens Künstler und Schriftsteller, sie seien keine Juden, sondern Hebräer. Sie erhielten den Spitznamen „Die Kanaaniter“.

Ihr Grundsatz war, dass die hebräisch sprechenden jungen Leute in diesem Land nicht ein Teil der weltweit jüdischen Gemeinschaft sind, sondern eine separate neue hebräische Nation. Sie wollten nichts mit den Juden zu tun haben. Einige ihrer Veröffentlichungen. klingen geradezu antisemitisch. Sie verstanden die hebräische Nation — nach einer kleinen Zeitspanne von ein paar tausend Jahren – als eine Fortsetzung des ursprünglich biblisch kanaanitischen Volkes. Daher der Spitzname.

Vier Jahre später gründete ich eine andere Gruppe mit dem Spitznamen  „Kampf-Gruppe“. Wir proklamierten auch, wir seien eine neue hebräische Nation.  Aber im Gegensatz zu den Kanaanitern gaben wir zu, dass diese neue Nation ein Teil des jüdischen Volkes sei, so wie die Australier z.B. ein Teil der angelsächsischen Kultur sind.

Wir widersprachen auch den Kanaanitern bei einem anderen entscheidenden Element der Doktrin. Die Kanaaniter leugneten die Existenz einer arabischen Nation oder arabischen Nationen. Wir erkannten den arabischen Nationalismus an, und erklärten, dass die arabische Nation bei der Schaffung einer neuen semitischen Region der natürliche Verbündete der hebräischen Nation sei.

Bald danach wurde Israel gegründet. Vor 40 Jahren  wurde ich in einem Verleumdungsfall von einem Richter gebeten, meine Haltung gegenüber dem Zionismus zu definieren.

Mit meiner Antwort erfand ich den Terminus „Post-Zionismus“. Ich bezeugte, dass die zionistische Bewegung eine historische Bewegung mit unglaublichen Erfolgen sei: eine total neue Gesellschaft, eine alt-neue Sprache, eine neue Kultur, eine neue Wirtschaft, neue soziale Modelle wie den Kibbuz und den Moshav. Aber der Zionismus habe auch große Fehler gemacht, besonders gegenüber dem arabisch-palästinensischen Volk.

Doch dies ist Geschichte, sagte ich. Mit der Schaffung des Staates Israel hat der Zionismus seine Aufgabe erfüllt. Israelischer Patriotismus muss ihn nun ersetzen. So wie man das Baugerüst wegnimmt, wenn das Gebäude fertig ist, so hat der Zionismus seine Nützlichkeit überlebt und sollte ausrangiert werden.

Das ist auch heute meine Überzeugung.

DIE GANZE Frage ist nun wieder hoch gekommen: wegen der Entscheidung der neuen gemeinsamen Wahlliste der Labor-Partei und Zipi Livnis Gruppe, die sich offiziell  selbst „das zionistische Lager“ nennen.

Auf der pragmatischen Ebene ist dies ein kluger Schritt. Die Parteien des rechten Flügels klagen die des linken Flügels immer an, sie seien unpatriotisch, ja sogar verräterisch, ein fünfte Kolonne. In unserm Fall wird die Linke angeklagt, anti-zionistisch zu sein. So ist es sinnvoll, eine neue vereinigte Liste „Zionisten“  zu nennen. Nicht „eine“  zionistische Partei, sondern „die“ zionistische Partei.

(Mit derselben Logik nannte sich eine sehr moderate französische Partei einmal  „Radikale Partei. Das Wort „demokratisch“ ist in offiziellen Namen mehrerer kommunistischer Länder erschienen und die deutschen Faschisten nannten sich „Nationalsozialisten“) Indem sie sich ihrer beständigen Anhänger sicher sind, hoffen sie durch die falsche Benennung Stimmen vom Rande anzuziehen.)

Ein negativer praktischer Aspekt des Namens der Labor-Liste ist, dass sie so die arabischen Bürger automatisch ausschließt. Für Araber, egal wo, ist Zionismus ein Synonym für Bosheit. Der Zionismus nahm ihnen ihr Land weg, der Zionismus vertrieb die arabischen Palästinenser und führte die Nakba durch, der Zionismus diskriminiert die arabischen Bürger Israels in allen Lebensbereichen.

Sehr wenige arabische Bürger stimmten  immerhin in der Vergangenheit für die Labor-Partei, und  diese kümmern sich nicht um den Zionismus als  Namen. Alle arabisch politischen Kräfte im Land, einschließlich der kommunistischen Hadash-Partei, die auch eine Anzahl jüdischer Mitglieder hat, vereinigten sich in dieser Woche zu einer allgemein arabischen Liste. Es wird erwartet, dass diese fast alle arabischen Stimmen ernten wird.

(Dies ist übrigens eine der Ironien israelischer Politik. Die „Israel-Unser-Heim“-Partei von Avigdor Lieberman, die von manchen als faschistisch angesehen wird, wünschte, dass die Araber aus der Knesset vertrieben werden. Da man zur Kenntnis nahm, dass keine der drei arabischen Listen  3,25% der Stimmen erreicht, gaben sie ein Gesetz heraus, das die Schwelle erhöht, um in die Knesset zu kommen. Als Folge davon vereinigten sich alle arabischen Parteien, die sich sonst gegenseitig verachten, in einer allgemeinen Liste, die 10% oder mehr erreichen kann.)

Abgesehen von den Orthodoxen wird dies die einzige selbst ernannte anti-zionistische Partei sein. Jeder von der sehr rechten national-religiösen Jüdische Heim-Partei bis zur sehr linken Merez-Partei erklären sich zu überzeugten Zionisten.

So ist es geradezu ein Staatsstreich, dass Herzog und Livni mit dem begehrten Etikett wegrennen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Galants „galanter“ Akt

Erstellt von Gast-Autor am 1. März 2015

Galants „galanter“ Akt

Autor Uri Avnery


ES GAB da einen Witz über einen Sadisten und einen Masochisten.
„Hau mich! Schlag mich! Stoß mich!“ bittet der Masochist inständig den Sadisten.

Der Sadist lächelt grausam und antwortet langsam: „Nein!“

DAS REFLEKTIERT mehr oder weniger im Augenblick die Situation an unserer Nordgrenze.

Eine israelische Drohne hat einen kleinen Hisbollah-Konvoi wenige Meilen jenseits der Grenze mit Syrien auf den Golanhöhen bombardiert. 12 Menschen wurden getötet. Einer von ihnen war ein iranischer General. Ein anderer war der sehr junge Hisbollah-Offizier, der Sohn von Imad Mughniyeh, einem sehr hochrangigen Hisbollah-Offizier, der vor etwa sieben Jahren auch von Israel getötet worden war, und zwar durch eine Auto-Explosion in Damaskus.

Das Töten des iranischen Generals war (jetzt) nicht beabsichtigt.  Es sieht aus, als ob der israelische Nachrichtendienst nicht wusste, dass er und vielleicht  fünf andere iranische Offiziere der Revolutionsgarde im Konvoi waren. Ein israelischer Armee-Offizier gab dies indirekt zu. Ein zweiter anderer widersprach dem ersten.

Er entschuldigte sich natürlich nicht. Man kann sich nicht entschuldigen, wenn man nicht offiziell zugibt, der Täter gewesen zu sein. Und Israelis entschuldigen sich natürlich nicht. Niemals. Eine  weithin sehr rechts gerichtete Partei bei der gegenwärtigen Wahl  hat dies in einen  Wahlslogan verwandelt: „Keine Entschuldigungen!“

Das gewünschte Opfer des Angriffs war der 25jährige Jihad Mughniyeh, ein niedriger Hisbollah -Offizier, dessen einziger Anspruch auf Ruhm  sein berühmter Familienname war.

UNMITTELBAR NACH dem gezielten Töten fragte man sich: Warum? Warum jetzt? Warum überhaupt?

Die israelisch-syrische Grenze (oder besser die Waffenstillstandslinie) ist seit Jahrzehnten die ruhigste Grenze Israels gewesen. Keine Schießerei. Keine Vorfälle. Nichts.

Assad, der Vater, und Assad, der Sohn, achteten darauf. Sie waren nicht daran interessiert, Israel zu provozieren. Nach dem Yom Kippur-Krieg (1973), der mit einem sehr großen syrischen Überraschungserfolg begann und mit einer vollständigen syrischen  Niederlage endete, wünschten die Assads kein neues Abenteuer mehr.

Selbst als Ariel Sharon 1982 den Libanon angriff, intervenierten die syrischen Truppen, die im Libanon stationiert waren, nicht. Aber da eine von Sharons Kriegszielen die Vertreibung der Syrer aus dem Libanon war, hat er selbst das Feuer eröffnen müssen, um sie am Kampf zu beteiligen. Dieses Abenteuer endete aber mit einem syrischen Erfolg.

Jede Absicht Bashar al-Assads, die er sogar gehabt hätte, um Israel zu provozieren (und es sieht so aus, als hätte er nie eine gehabt), verschwand, als der syrische Bürgerkrieg vor mehr als vier Jahren begann. Bashar al-Assad und die verschiedenen rebellischen Fraktionen waren vollauf mit ihrem blutigen Geschäft befasst. Israel konnte sie kaum interessieren.

WARUM ALSO griff Israel einen kleinen Konvoi von Assads Verbündeten an – die Hisbollah und den Iran?  Es ist unwahrscheinlich, dass sie keine aggressive Absicht gegen Israel vorhatten. Wahrscheinlich waren sie dabei, das Gebiet für den Kampfgegen die syrischen Rebellen auszukundschaften.

Die israelische Regierung und die Armee gaben keine Erklärung ab. Wie konnten sie, nachdem sie offiziell diese Aktion nicht zugegeben hatten, dies tun? Selbst inoffiziell gab es keinen Hinweis.

Aber da gibt es einen Elefanten im Raum: die israelischen Wahlen.

Wir sind jetzt mitten im Wahlkampf. Könnte es sein, dass es irgendeine Verbindung zwischen dem Wahlkampf und dem Angriff gibt?

Und ob!

ZU BEHAUPTEN, unsere Führer könnten eine Militäraktion befehlen, um ihre Chance beim Wahlkampf zu erhöhen, grenzt an Verrat.

Doch geschah dies schon vorher. Tatsächlich geschah es bis jetzt bei vielen unserer 19 Wahlkämpfen.

Die erste Wahl fand statt, als wir (1948) noch im Krieg waren. David Ben Gurion, der Kriegsführer, gewann natürlich einen großen Wahlsieg.

Die zweite Wahl fand während des Kampfes gegen die arabischen „Infiltranten“ statt mit fast täglichen Vorfällen entlang der neuen Grenze. Wer gewann? Ben Gurion.

Und so ging es weiter. Als 1981 Menachem Begin die Bombardierung des irakischen  Atommeilers  befahl, wagte jemand, ihm zu unterstellen, die Aktion hänge mit der kommenden Knesset-Wahl zusammen. Diese gab Begin die Gelegenheit für eine seiner größten Reden. Begin war ein hervorragender Redner  nach europäischer (und sehr un-israelischer) Tradition.

Mit „Juden!“ wandte er sich an seine Zuhörer. „Ihr kennt mich seit vielen Jahren.  Glaubt ihr, dass ich unsere tapferen Jungs auf eine gefährliche Mission schicken würde, wo sie getötet werden oder noch schlimmer – in Gefangenschaft dieser menschlichen Tiere geraten könnten, nur um Stimmen zu gewinnen?“ Die Menge brüllte zurück: „Nein!“

Selbst die andere Seite machte mit. Die Ägypter und Syrer machten 1973 ihren  Überraschungsangriff an Yom Kippur – mitten im israelischen Wahlkampf.

Nach dem Mord an Yitzhak Rabin 1995 stand sein Erbe, Shimon Peres, auch vor einem Wahlkampf. Während seiner kurzen Regierungszeit brachte er es fertig, einen Krieg zu beginnen und zu verlieren. Er fiel in den Libanon ein und bombardierte während des Kampfes versehentlich ein UN-Flüchtlingslager. Das war das Ende des Krieges und von Peres‘ Herrschaft. Benjamin Netanjahu siegte.

ALS LETZTE Woche der Drohnenangriff bekannt wurde, waren das Land und die Armee aufgefordert, sich für einen Krieg vorzubereiten.

Entlang der Grenze verbreitete sich Spannung. Massiver Truppenaufmarsch fand statt. Panzer- Brigaden bewegten sich nach Norden. Der „Eiserne Dom“, Anti-Raketen-Batterien wurden nahe der Grenze positioniert. Alle Medien bereiteten die Öffentlichkeit auf eine sofortige Racheaktion der Hisbollah und des Iran vor.

Hier ist es, wo der Scherz aktuell wird. Netanjahu erwartete direkt, dass Hassan Nasrallah, der Hisbollah-Chef, als Vergeltungsmaßnahme Galiläa bombardieren würde. Nasrallah reagierte nur mit einem hintergründigen Lächeln.

Rache? Sicherlich. Aber nicht jetzt. Ein andermal vielleicht. Und an einem andern Ort. Vielleicht in Bulgarien, wo seinerzeit israelische Touristen aus Rache für Imad Mughniyehs Ermordung, getötet wurden. Oder gar in Argentinien, wo der Staatsanwalt, der die Zerstörung der zwei israelisch-jüdischen Zentren, die vor 20 Jahren stattfand, untersuchte, erschossen aufgefunden wurde. Die blutigen Attacken vor 20 Jahren in Buenos Aires wurden nach einer anderen israelischen Aktion im Libanon der Hisbollah und dem Iran zugeschrieben.

Warum ahndet Nasrallah die Drohnenaktion nicht jetzt? Wenn man mit einer feindlichen Rache-Aktion rechnet, ist es sehr frustrierend, wenn sie nicht termingemäß eintrifft.

UM DIES zu verstehen, muss man sich den Wahlkampf genauer ansehen.

Er wird von zwei großen Blöcken durchgeführt – der rechte Flügel wird vom Likud angeführt und  die Mitte-links Partei von der Labor-Partei. Die Linke hat unerwartet Triebkraft gesammelt, indem sich Labor mit Zipi Livnis kleiner Fraktion vereinigt hat und jetzt unglaublicher Weise den Likud bei den Meinungsumfragen überholt hat. Neben diesen beiden Blöcken gibt es noch die Orthodoxen und die arabischen Bürger, die ihre eigenen Agenden haben.

Die zwei Hauptblöcke segeln unter verschiedenen Flaggen. Likud und Co segeln unter der Flagge der Sicherheit. Die Öffentlichkeit glaubt, dass Netanjahu und seine Verbündeten zuverlässiger seien, wenn  es zum Krieg kommt und dass sie unsere Armee groß und mächtig halten. Die Öffentlichkeit glaubt auch, dass die Labor-Partei und ihre Verbündeten effektiver sind, wenn es um die Wirtschaft geht, um Mieten und Ähnliches.

Dies bedeutet, dass das Ergebnis von der Seite entschieden wird, der es gelingt, ihre Agenda auf die Kampagne zu legen. Wenn der Wahlkampf von Problemen des Krieges und der Angst beherrscht wird, dann wird wahrscheinlich die Rechte gewinnen. Wenn andernfalls das Hauptproblem die Wohnung und der unverschämte Preis von Hüttenkäse ist, hat die Linke eine Chance.

Dies ist keine Sache von besonders akuter Auffassung, sondern von allgemeiner öffentlicher Erkenntnis. Jede Rakete, die von Hisbollah oder Hamas abgeschossen wird, ist eine Rakete für Likud. Jeder Tag mit ruhiger Grenze wird ein Tag für Labor sein.

ES WAR deshalb für viele Israelis ganz naheliegend, dass das plötzliche Aufflackern an der Nordgrenze, das durch einen nicht provozierten israelischen Angriff ausgelöst wurde, keinen Sinn macht, ein Wahltrick von Netanjahu und Co ist.

Viele wussten es. Aber keiner wagte es auszusprechen. Die politischen Parteien fürchteten, dass sie als diejenigen angesehen würden, die der Armee das Messer in den Rücken stoße. Wenn man Netanjahu anklagt, einen größeren Krieg zu riskieren, um eine Wahl zu gewinnen, ist das eine sehr ernste Angelegenheit.

Die Labor-Partei veröffentlichte eine lahme Erklärung, die die Armee unterstützt. Merez verhielt sich ruhig. Die arabischen Parteien waren eifrig damit beschäftigt, eine vereinigte arabische Liste zu schaffen. Die Orthodoxen konnten sich nicht weniger darum kümmern.

Gush Shalom, dessen Mitglied ich bin, bereitete eine eindeutige Anklage zur Veröffentlichung vor.

Und dann wurde die Ruhe von einer total unerwarteten Seite unterbrochen.

General Galant gab ein Interview, in dem er die Regierung direkt anklagte, die nördliche Grenze für Wahlzwecke aufzuheizen.

Galant? Unglaublich.

Joaw Galant war während der grausamen Molten Leads-(„geschmolzenes Blei“) Kampagne der Chef des südlichen Kommandos. Danach wurde er von Netanjahu zum neuen Armee-Stabschef ernannt. Aber bevor die Ernennung vollzogen werden konnte, wurde Galant angeklagt, er hätte  ein dem Dorf gehörendes Land für sein palastartiges Haus enteignet. Er musste sich daraufhin, von seiner Ernennung zurückziehen. Ich betrachtete ihn immer als einen durch und durch engagierten Militaristen.

Vor zwei Wochen erschien Galant plötzlich wieder auf der Bühne als Kandidat Nummer 2 und zwar auf der Liste von Moshe Kachalons neuer Partei der Mitte ohne Ideologie außer niedrigeren Preisen.

Galants Behauptung über die Drohnenaktion verursachte einen Aufschrei  – er zog sie still zurück. Aber die Tat war getan. Galant hatte das Tor geöffnet. Eine Horde von Kommentatoren stürmte hindurch, um die Anklage zu verbreiten.

Galants „galante“ Tat könnte den Wahlkampf ändern. Auf Englisch heißt „galant“ tapfer.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs. vom Verfasser autorisiert)

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In der ersten Reihe winkend

Erstellt von Gast-Autor am 22. Februar 2015

In der ersten Reihe winkend

DIE DREI islamischen Terroristen hätten stolz auf sich sein können, wenn sie es erlebt und gesehen hätten.Indem sie zwei Angriffe (nach israelischem Standard ganz gewöhnliche Angriffe) begangen hatten, verursachten sie in ganz Frankreich Panik, ja, schickten Millionen von Menschen auf die Straße, versammelten mehr als 40 Staatsoberhäupter in Paris. Sie veränderten die Landschaft der französischen Hauptstadt und anderer französischer Städte, während Tausende von Soldaten und Polizisten mobilisiert wurden, um jüdische und andere mögliche Ziele zu schützen. Mehrere Tage beherrschten sie die Nachrichten in aller Welt.

Drei Terroristen, die wahrscheinlich allein handelten. Drei !!!

FÜR ANDERE potentielle islamische Terroristen in Europa und Amerika muss dies wie ein riesiger Erfolg aussehen. Es ist eine Einladung für Individuen und winzige Gruppen, dasselbe überall zu tun.

Terrorismus heißt Angst schüren. Den drei in Paris gelang dies gewiss. Sie terrorisierten die französische Bevölkerung. Und wenn drei Jugendliche ohne jede Qualifikation dies tun können, dann stelle man sich vor, was 30 oder gar 300 machen können!

Offen gesagt, liebe ich diese riesige Demonstration nicht. Ich habe in meinem Leben an vielen Demonstrationen teilgenommen, vielleicht an mehr als 500, aber immer gegen die gerade Mächtigen. Ich habe nie an einer Demonstration teilgenommen, zu der die Regierung aufrief, selbst wenn sie für einen guten Zweck war. Sie erinnert mich zu sehr an die frühere Sowjetunion, an das faschistische Italien und Schlimmeres. Nein, danke, nicht für mich.

Aber diese besondere Demonstration war auch kontraproduktiv. Sie bewies nicht nur, dass Terrorismus wirksam ist, sie lud auch Trittbrettfahrer zu Angriffen ein. Sie berührt auch den wirklichen Kampf gegen Fanatiker nicht.

Um einen wirksamen Kampf zu führen, muss man zunächst selbst in die Schuhe der Fanatiker schlüpfen und versuchen, die Beweggründe zu verstehen, die junge vor Ort geborene Muslime dahin bringt, solche Taten zu tun. Wer sind sie? Was denken sie? Was fühlen sie? Unter welchen Umständen sind sie aufgewachsen? Was kann getan werden, um sie zu verändern?

Nach Jahrzehnten von Vernachlässigung ist dies harte Arbeit. Es braucht Zeit und Mühe und bringt unsichere Ergebnisse. Viel einfacher ist es für Politiker, vor Kameras auf die Straße zu gehen.

UND WER marschierte in der ersten Reihe, freudestrahlend wie ein Sieger?

Unser eigener und einziger Bibi.

Wie kam er dahin? Die Tatsachen kamen innerhalb Rekordzeit ans Licht.  Es scheint, als wäre er gar nicht eingeladen gewesen. Im Gegenteil. Präsident Hollande flehte ihn an, bitte, bitte nicht kommen. Die Demo würde sonst zu einer Solidaritäts-Schau mit den Juden, anstelle eines öffentlichen Aufschreis für die Pressefreiheit und andere „republikanische Werte“.  Netanjahu kam trotzdem mit zwei andern extrem rechten Ministern im Schlepptau.

In der zweiten Reihe platziert, tat er, was Israelis tun: er schob einen schwarz-afrikanischen Präsidenten  vor ihm zur Seite und platzierte sich in die vorderste Reihe.

Als er dort war, winkte er den Leuten auf den Balkonen der Straße entlang zu. Er strahlte wie ein römischer General bei einer triumphalen Parade. Man kann die Gefühle von Hollande und den andern Staatoberhäuptern nur erraten, die – bei dieser Darstellung von Chutzpeh –  entsprechend feierlich und trauernd auszusehen versuchten.

Netanjahu ging als Teil seiner Wahl-Kampagne nach Paris. Als Veteran solcher Kampagnen wusste er, dass drei Tage in Paris mit Synagogen-Besuchen und stolze jüdische Reden haltend, mehr wert waren, als drei Wochen zu Hause schmutzige Wahlpropaganda führen.

DAS BLUT der vier ermordeten Juden im koscheren Supermarkt war noch nicht trocken, als israelische Führer die Juden Frankreichs aufriefen, die Koffer zu packen und nach Israel zu kommen. Israel ist ja – wie jeder weiß – der sicherste Platz auf der Erde.

Dies war fast eine automatisch zionistische Reaktion. Juden sind überall in Gefahr. Ihr einziger sicherer Hafen ist Israel. Sputet euch und kommt! Am nächsten Tag berichteten israelische Zeitungen voller Freude, dass 2015 mehr als 10 000 französische Juden dabei seien, hierher zu kommen, um hier zu leben, vom zunehmenden Antisemitismus getrieben.

Anscheinend gibt es in Frankreich und andern europäischen Ländern eine Menge Antisemitismus, wenn auch wahrscheinlich weit weniger als Islamophobie. Aber der Kampf zwischen Juden und Arabern auf französischem Boden hat wenig mit Antisemitismus zu tun. Es ist ein aus Nordafrika importierter Kampf.

Als 1954 der algerische Befreiungskrieg ausbrach, mussten die Juden die Seiten wählen. Fast alle entschieden sich, die Kolonialmacht zu unterstützen, Frankreich gegen das algerische Volk.

Das hat einen historischen Hintergrund. 1870 verlieh der französische Justizminister Adolphe Cremieux, zufällig ein Jude, allen algerischen Juden die französische Staatsbürgerschaft und trennte sie so von ihren muslimischen Nachbarn.

Die algerische Befreiungsfront (FLN) versuchte sehr, die lokalen Juden auf ihre Seite zu ziehen. Ich weiß es, weil ich irgendwie darin mit verwickelt war. Ihre Untergrundorganisation in Frankreich bat mich, eine israelische Unterstützungsgruppe zu bilden, um unsere algerischen Glaubensgenossen zu überzeugen. Ich gründete das „Israelische Komitee für ein freies Algerien“ und veröffentlichte Material, das von FLN  bei ihren Bemühungen, die Juden zu gewinnen, benutzt wurde.

Vergeblich. Die lokalen Juden, stolz auf ihre französische Staatsbürgerschaft, unterstützten überzeugt die Kolonialherren. Am Ende waren die Juden prominent in der OAS, dem extremen französischen Untergrund, der einen blutigen Kampf gegen die Freiheitskämpfer ausführte. Das Ergebnis war, dass praktisch alle Juden mit 1Million Franzosen aus Algerien flohen, als der Tag der Abrechnung kam. Sie gingen nicht nach Israel. Fast alle gingen nach Frankreich (nicht wie die marokkanischen und tunesischen Juden, von denen viele nach Israel kamen. Im Allgemeinen wählten die ärmeren und weniger gebildeten Israel, während die französisch-gebildete Elite nach Frankreich und Kanada ging.)

Was wir jetzt sehen, ist die Fortsetzung dieses Krieges zwischen algerischen Muslimen und Juden auf französischem Boden. Alle vier „französischen“ Juden, die bei dem Angriff getötet wurden, hatten nordafrikanische Namen und wurden in Israel beerdigt.

Nicht ohne Probleme. Die israelische Regierung setzte  die vier Familien unter großen Druck, ihre Söhne hier zu begraben. Siewollten sie in Frankreich, in ihrer Nähe beerdigen. Nach einigem Hin und Her über den Preis der Gräber stimmten die Familien zu.

Man sagt, dass Israelis die Einwanderung lieben, aber nicht die Einwanderer. Das gilt sicher auch für die neuen „französischen“ Immigranten. Während der letzten Jahre sind „französische“ Touristen in großen Scharen hierhergekommen. Sie waren oft nicht beliebt. Besonders wenn sie anfingen, Wohnungen an Tel Avivs Küstenstraße zu kaufen und diese als eine Art Versicherung leer stehen ließen, während junge lokale Leute weder eine Wohnung im Gebiet der Großstadt finden noch sie sich leisten können. Praktisch sind all diese „französischen“ Touristen und Immigranten nordafrikanischen Ursprungs.

WENN SIE gefragt werden, was sie nach Israel treibt, ist ihre einmütige Antwort: Antisemitismus. Das ist kein neues Phänomen. Die Tatsache ist, dass die Mehrheit der Israelis, sie, ihre Eltern oder Großeltern durch Antisemitismus hierher getrieben wurden.

Die beiden Termini – Antisemitismus und Zionismus – entstanden fast zur selben Zeit, gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Theodor Herzl, der Gründer der zionistischen Bewegung, hatte seine Idee, als er in Frankreich als ausländischer Korrespondent einer Wiener Zeitung während der Dreyfus-Affäre arbeitete und bösartiger Antisemitismus in Frankreich neue Höhen erreichte. Antisemitismus ist natürlich ein falscher Begriff. Araber sind auch Semiten) Aber der Terminus wird allgemein gebraucht, und meint nur Judenhasser.)

Später drängte Herzl ausgesprochen antisemitische Führer in Russland und anderswo mit der Bitte um ihre Hilfe und versprach ihnen, sie von den Juden zu  befreien. Dies taten auch seine Nachfolger. 1939 plante der Irgun, eine bewaffnete Invasion Palästinas – mit Hilfe der hochgradig antisemitischen Generäle der polnischen Armee. Man mag sich fragen, ob der Staat Israel 1948 entstanden wäre, wenn es nicht den Holocaust gegeben hätte. Vor kurzer Zeit waren anderthalb Millionen russische Juden vom Antisemitismus nach Israel getrieben worden.

ZIONISMUS ENTSTAND Ende des 19. Jahrhunderts als direkte Antwort auf die Herausforderung des Antisemitismus‘. Nach der Französischen Revolution nahmen alle europäischen Völker die neue nationale Idee auf, ob sie nun groß oder klein waren  – und alle nationalen Bewegungen waren mehr oder weniger antisemitisch.

Der grundlegende Glaube des Zionismus ist der, dass Juden nirgendwo außer im jüdischen Staat leben können, weil der Sieg des Antisemitismus‘ überall unvermeidlich ist. Lassen wir die Juden in Amerika sich ihrer Freiheit und ihres Wohlstandes erfreuen – früher oder später wird dies zu einem Ende kommen. Sie sind zum Scheitern verurteilt wie Juden überall außerhalb Israels.

Die neue antisemitische Gräueltat in Paris bestätigt nur diesen grundsätzlichen Glauben. Es gab  sehr wenig wirkliches Mitgefühl in Israel. Eher ein unterdrücktes Gefühl von Sieg. Die  Reaktion gewöhnlicher Israelis ist: „Wir sagten es euch ja!“ und „Kommt schnell, bevor es zu spät ist!“

ICH HABE meinen arabischen Freunden oft zu erklären versucht: die Antisemiten seien die größten Feinde des palästinensischen Volkes. Die Antisemiten haben die Juden immer nach Palästina getrieben und jetzt tun sie es wieder. Und einige der neuen Immigranten werden sicherlich jenseits der Grünen Linie in den besetzten palästinensischen Gebieten auf gestohlenem Land  siedeln.

Die Tatsache, dass Israel von der Pariser Attacke profitiert, hat einige arabische Medien dahin gebracht, dass sie glauben, die ganze Affäre sei wirklich eine Operation unter „falscher Flagge“. Ergo, in diesem Fall wären die arabischen Täter wirklich vom israelischen Mossad manipuliert worden.

Nach einem Verbrechen fragt man: „Cui bono?“ (Wem nützt es?) Offensichtlich ist der einzige Gewinner dieser Gräueltat Israel. Nun aber den Schluss daraus zu ziehen, dass sich Israel hinter den Jihadisten verbirgt, ist blanker Quatsch.

Die einfache Tatsache ist, dass der ganze islamische Jihadismus auf europäischem Boden nur die Muslime verletzt. Fanatiker aller Richtungen helfen allgemein ihren schlimmsten Feinden. Die drei muslimischen Männer, die in Paris die Gräueltat begingen, haben sicherlich Benjamin Netanjahu einen großen Gefallen getan.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der vergessene Konflikt

Erstellt von DL-Redaktion am 20. Februar 2015

Debatte Israel und Palästina

Von René Wildangel

ISRAEL/PALÄSTINA Der Krieg in Syrien und die wiedererstarkte Diktatur in Ägypten werfen den Friedensprozess auf den Haufen der Geschichte

Erinnern Sie sich noch an den „Nahostkonflikt“? So hieß früher der zentrale Konflikt in einer Region des Stillstands und der Autokratien. Wenn der alles beeinflussende israelisch-palästinensische Konflikt gelöst ist, so lautete einst die These, werde endlich auch die Starre einer ganzen Region aufbrechen.

Dann kam das, was hoffnungsvoll Arabellion genannt wurde und mittlerweile zu einem arabischen Albtraum geworden ist. Diktatoren sind zurückgekehrt oder noch an der Macht, Baschar al-Assad agiert als Massenmörder, den manche schon wieder als salonfähig betrachten wollen. Der ägyptische Präsident al-Sisi, unter dessen Regentschaft nach Angaben von Human Rights Watch über 41.000 politisch motivierte Festnahmen durchgeführt wurden, radiert ganze Städte im Sinai aus, wird aber dennoch weiterhin mit Waffen und Hilfsgeldern versorgt wie einst Husni Mubarak. Sie präsentieren sich als Antiterrorkämpfer, obwohl sie dem für sie nützlichen Phänomen IS den Boden bereitet haben – gestärkt von einer westlichen Interessenpolitik in Nahost, die seit Jahrzehnten entweder Diktatoren unterstützt oder mit Gewalt entfernt, ohne etwaige Langzeitfolgen zu berücksichtigen.

Sie präsentieren sich als Antiterrorkämpfer, obwohl sie dem für sie nützlichen Phänomen IS den Boden bereitet haben – gestärkt von einer westlichen Interessenpolitik in Nahost, die seit Jahrzehnten entweder Diktatoren unterstützt oder mit Gewalt entfernt, ohne etwaige Langzeitfolgen zu berücksichtigen.

Angesichts dieser düsteren Entwicklungen ist der eigentliche „Nahostkonflikt“ mittlerweile in den Hintergrund gerückt und kaum noch Gegenstand wirkungsvoller internationaler Anstrengungen. Nur wenn die Waffen sprechen, wie im Gazakrieg 2014 mit über 2.200 Toten, ist kurzfristig die weltweite Aufmerksamkeit gesichert. Ein halbes Jahr nach dem Krieg hat dort der Wiederaufbau nicht einmal ansatzweise begonnen.

Hilfsgelder kommen nicht an

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Der Felsen unserer Existenz

Erstellt von Gast-Autor am 15. Februar 2015

Der Felsen unserer Existenz

Autor Uri Avnery

(Programmatische Rede bei der Kinneret-Konferenz  über „Den Felsen unserer Existenz – die Verbindung zwischen Archäologie und Ideologie“).ZUNÄCHST LASSEN Sie mich meinen Dank aussprechen, dass Sie mich zu dieser bedeutenden Konferenz eingeladen haben. Ich bin weder Professor noch habe ich promoviert.  Der höchste „akademische“ Titel, den ich jemals erreichte war  SEC (7. Elementarklasse).

Aber wie viele meiner Generation hatte ich von früher Jugend an großes Interesse an Archäologie.

Warum, das werde ich versuchen zu erklären.

Wenn Sie sich fragen, welche Verbindung ich zur Archäologie habe, werden einige von ihnen an Moshe Dayan denken.

Nach dem Juni-Krieg 1967 war Dayan ein nationales – oder gar ein internationales – Idol. Er war auch für seine Archäologie-Besessenheit bekannt. Meine Wochenzeitschrift „Haolam Hazeh  untersuchte seine Aktivitäten und fand heraus, dass sie höchst zerstörerisch waren. Er begann, allein zu graben und sammelte einfach archäologische Gegenstände aus dem ganzen Land. Da das primäre Ziel der Archäologie nicht nur das Entdecken derselben war, sondern auch das Datieren, um so ein Bild der auf einander folgenden Geschichte der Gegend zu erhalten, hat Dayans unsachgemäßes, unkontrolliertes Graben nur Chaos angerichtet. Die Tatsache, dass er Armeebestände benützte, machte die Sache nur noch schlimmer.

Dann entdeckten wir nicht nur dies: Dayan eignete sich die Artefakte, die er fand  (und die dem Staat gehören), an und bewahrte sie bei sich zu Hause auf. Er wurde aber auch ein internationaler Händler, indem er die Artikel verkaufte  und wurde  durch dieselben reich: „Aus der persönlichen Sammlung von Moshe Dayan“.

Dass ich diese Tatsachen veröffentlichte und darüber in der Knesset sprach, bescherte mir eine einzigartige Auszeichnung.  In jener Zeit identifizierten Meinungsumfragen jedes Jahr „die am meisten gehasste Person“ in Israel. In jenem Jahr wurde mir diese „Ehre“  zu teil.

DOCH DIE wichtige Frage  betrifft nicht Dayans Moral, sondern eine viel tiefere Angelegenheit: Warum waren Dayan und so viele von uns so sehr an der Archäologie interessiert, einer Wissenschaft, die von vielen Leuten als ziemlich langweiliges Geschäft angesehen wird.

Für uns war es von profunder Faszination.

Jene zionistische Generation war die erste, die im Land geboren wurde  (Ich selbst wurde in Deutschland geboren). Für ihre Eltern war Palästina eine abstrakte Heimstätte, ein Land, über das sie in den Synagogen Polens und der Ukraine träumten. Für ihre im Lande geborenen Söhne und Töchter wurde sie eine natürliche Heimat.

Sie sehnten sich nach den Wurzeln. Sie zogen in jede Ecke, verbrachten Nächte am Lagerfeuer, lernten jeden Hügel und jedes Tal kennen.

Für sie waren der Talmud und alle religiösen Texte langweilig. Der Talmud und andere Schriften  hatten die Juden in der Diaspora jahrhundertelang aufrecht erhalten, weckte hier aber kein Interesse. Die neue Generation behandelte die hebräische Bibel mit großer Begeisterung, nicht als religiöses Buch (fast alle von uns waren Atheisten), sondern als ein beispielloses Meisterwerk der hebräischen Literatur. Da sie auch die erste Generation waren, für die das zu neuem Leben erweckte Hebräisch zu ihrer Muttersprache wurde. Sie verliebten sich in die konkrete biblisch hebräische Sprache. Die differenziertere, abstrakte Sprache des Talmud und anderer späterer Bücher hat sie abgestoßen.

Sie wussten, wo die biblischen Ereignisse im Land stattfanden. Die biblischen Schlachten wurden in den Tälern ausgefochten, die sie besuchten; die Könige sind an Orten gekrönt und beerdigt worden, die sie genauestens kannten.

Sie hatten nachts zu den Sternen von Megiddo geschaut, wo die Ägypter die erste in der Geschichte berichtete Schlacht  geschlagen hatten (und wo nach dem christlichen Neuen Testament auch die letzte Schlacht – die Schlacht von Armageddon – stattfinden wird). Sie standen auf dem Berg  Karmel, wo der Prophet Elias die Baalspriester mordete. Sie hatten Hebron besucht, wo Abraham  von seinen beiden Söhnen Ismael und Isaak, den Urvätern der Araber und Juden, beerdigt worden war.

DIESE LEIDENSCHAFTLICHE Verbindung  zu dem Land war keineswegs vorherbestimmt.  Tatsächlich spielte bei der Geburt des modernen  politischen Zionismus Palästina keine Rolle.

Wie ich schon früher erwähnte, dachte der Gründungsvater Theodor Herzl nicht an Palästina, als er das erfand, was als Zionismus bekannt wurde. Er hasste Palästina und sein Klima. Besonders hasste er Jerusalem, das für ihn eine übelriechende und schmutzige Stadt war.

Im ersten Entwurf seiner Idee, die er an die Rothshild-Familie adressierte, war sein Traumland Patagonien in Argentinien. Dort hatte vor kurzem ein Völkermord stattgefunden, und das Land war fast leer.

Es waren nur die Gefühle der jüdischen Massen in Osteuropa, die Herzl zwangen, seine Bemühungen auf Palästina zu richten. In seinem Gründungsbuch „Der Judenstaat“ ist das entsprechende Kapitel kürzer als eine Seite und steht unter dem Titel „Palästina oder Argentinien“. Die arabische Bevölkerung wird überhaupt nicht erwähnt.

SOBALD DIE zionistische Bewegung ihre Gedanken nach Palästina lenkte, wurde die alte Geschichte dieses Landes ein aktuelles Thema.

Der zionistische Anspruch auf Palästina wurde bald auf die biblische Geschichte des Exodus gegründet, auf die Eroberung von Kanaan, die Königreiche von Saul, David und Salomo und das Geschehen der damaligen Zeiten. Da fast alle zionistischen Gründungsväter bekennende Atheisten waren, konnten sie sich kaum auf die Tatsache gründen, Gott hätte Abrahams Nachfahren persönlich das Land  versprochen.

Mit der Ankunft der Zionisten in Palästina begann ein wildes archäologisches Suchen. Das Land wurde nach wirklichen, wissenschaftlichen Beweisen durchkämmt, dass die biblische Geschichte nicht nur ein Haufen von Mythen ist, sondern eine reale Geschichte über Gott. Christliche Zionisten waren noch früher davon überzeugt.

Es begann ein wirklicher Angriff auf archäologische Orte. Die oberen Schichten der Ottomanen und Mamelucken, der Araber und Kreuzfahrer, Römer und Griechen und Perser wurden aufgedeckt und beseitigt, um die Schicht der alten Israeliten, der Kinder Israels, offen zu legen und zu beweisen, dass die Bibel recht hat.

Man hat sich sehr angestrengt. David Ben-Gurion, ein selbst ernannter  Bibelwissenschaftler führte die Bemühungen an. Der Stabschef der Armee Yigael Yadin, Sohn eines Archäologen und selbst ein professioneller Archäologe suchten an alten Gegenden, um zu beweisen, dass die Eroberung von Kanaan wirklich geschah. Leider ohne Erfolg.

Die Knochenreste von Bar Kochbas Kämpfern wurden in den Höhlen der Wüste Juda entdeckt. Sie wurden auf Ben-Gurions Befehl mit einer großen militärischen Feier beerdigt. Die unangefochtene Tatsache, dass Bar Kochba vielleicht die größte Katastrophe in der jüdischen Geschichte bis zum Holocaust verursacht hatte, wurde  vertuscht.

UND DAS Ergebnis?

So unglaublich es klingt. vier Generationen hingebungsvoller Archäologen haben mit glühender Überzeugung und großer finanzieller Unterstützung sehr genau gesucht.

Nichts.

Seit Beginn der Ausgrabungen bis heute wurde kein einziger Beweis der alten Geschichte gefunden. Kein einziger Hinweis, dass der Exodus aus Ägypten, die Grundlage der jüdischen Geschichte, je geschehen ist. Nichts von den 40 Jahren Wanderung durch die Wüste. Kein einziger Beweis für die Eroberung von Kanaan, wie sie ausführlich im Buch Josua beschrieben wird. Der mächtige König David, dessen Königreich nach der Bibel sich von der Sinai-Halbinsel bis Nordsyrien erstreckte, hinterließ keine Spur. (Vor kurzer Zeit wurde eine Inschrift mit dem Namen David entdeckt, aber mit keinem Hinweis darauf, dass dieser David  König war.)

Israel erscheint zum ersten Mal bei korrekten archäologischen Funden in assyrischen Inschriften, die eine Koalition von lokalen Königreichen beschreibt, die den assyrischen Vormarsch nach Syrien anzuhalten versucht. Unter anderen wird König Ahab von Israel erwähnt, als Chef eines ansehnlichen militärischen Kontingentes. Ahab, der von 871 BC bis 852 BC das heutige Samaria beherrschte (nördliche Westbank) war von Gott nicht geliebt, obwohl die Bibel ihn als Kriegsheld beschreibt. Er markiert den Beginn von Israels bewiesener Geschichte.

DIES SIND alles negative Teile von Beweisen, die suggerieren, dass die frühe biblische Geschichte erfunden ist. Da praktisch zu keiner Zeit Spuren der frühen biblischen Geschichte gefunden worden ist, ist das ein Beleg dafür, dass alles Fiktion ist?

Vielleicht auch nicht. Aber es gibt einen realen Beweis.

Ägyptologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, getrennt von palästinensischer Archäologie. Die Zwei treffen sich nicht. Die Ägyptologie beweist unwiderlegbar, dass die biblische Geschichte bis König Ahab tatsächlich eine Fiktion ist.

Bis jetzt sind viele zig Tausende ägyptischer Dokumente entziffert worden und die Arbeit geht noch weiter. Nachdem die Hyksos aus Asien  1730 BC Ägypten überfallen haben, gaben sich die Pharaonen Ägyptens große Mühe, um das Geschehen in Palästina und Syrien zu beobachten. Jahr um Jahr berichteten Spione, Kaufleute und Soldaten ausführlich über die Ereignisse in jeder Stadt Kanaans. Kein einziger Bericht erzählt etwas, das vage biblischen Ereignissen nahe kommt. (Eine einzige Erwähnung  von „Israel“ findet man auf einer ägyptischen Stele, womit ein kleines Gebiet im Süden Palästinas gemeint sein könnte.)

Selbst wenn man gern glauben würde, dass die Bibel wirkliche Ereignisse nur übertreibt, so ist tatsächlich nicht die geringste Erwähnung des Exodus, der Eroberung Kanaans oder über König David gefunden worden.

Dies ist einfach nicht geschehen.

IST DIES von Bedeutung? Ja und nein.

Die Bibel ist kein Geschichtsbuch. Sie ist ein monumentales religiöses und literarisches Dokument, das unzählige Millionen durch die Jahrhunderte inspiriert hat. Sie hat die Gesinnung vieler Generationen geprägt, von Juden, Christen und Muslimen.

Aber Geschichte ist etwas ganz anderes. Die Geschichte erzählt uns, was wirklich geschehen ist. Archäologie ist ein Hilfsmittel der Geschichte, ein außerordentliches Hilfsmittel für das Verständnis für das, was stattfand.

Es sind zwei verschiedene Disziplinen und die beiden werden sich nicht überschneiden. Für die Religiösen wird die Bibel eine Sache des Glaubens sein. Für die Nicht-Glaubenden ist die hebräische Bibel ein großes Kunstwerk, vielleicht das Größte. Archäologie ist etwas völlig anderes, eine Sache nüchterner, bewiesener Tatsachen.

In israelischen Schulen wird die Bibel als wahre Geschichte gelehrt. Das bedeutet, dass israelische Kinder nur ihre wahren oder fiktiven Kapitel lernen. Als ich mich einmal in einer Knessetrede darüber beklagte und verlangte, dass die vollständige Geschichte des Landes während der Jahrhunderte gelehrt werden solle, einschließlich der Kapitel der Kreuzfahrer und der Mameluken, begann der damalige Bildungsminister mich „den Mameluken“ zu nennen.

Ich bin davon überzeugt, dass jedes Kind dieses Landes, das israelische wie das palästinensische, die ganze Geschichte des Landes lernen sollte, von der frühesten Zeit bis heute mit all seinen Schichten. Es ist die Grundlage für Frieden, der wirkliche Felsen unserer Existenz.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Vgl. auch das Buch von Finkelstein und Silberman: „Keine Trompeten vor Jericho“

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Meine ruhmreichen Brüder

Erstellt von Gast-Autor am 8. Februar 2015

Meine ruhmreichen Brüder

 Autor Uri Avnery

ALS ICH 15 war und ein Mitglied des Irgun-Untergrundes (nach den Kriterien von heute eine ehrenhafte terroristische Organisation) sangen wir (in der Vergangenheit) „ wir hatten die Helden  Bar Kochba und die Makkabäer/ jetzt haben wir die neue:/ die nationale Jugend …“ Die Melodie war ein deutsches militärisches Marschlied.

Warum schauten wir nach Helden in ferner Vergangenheit aus?

Wir benötigten verzweifelt nationale Helden, um sie nachzuahmen. 18 Jahrhunderte lang hatten Juden nicht gekämpft. Antisemiten sagten, dass sie eine Rasse von Feiglingen seien. Verstreut in aller Welt sahen sie keinen Grund für Kaiser oder Könige zu kämpfen, die sie meistens verfolgten. (Obgleich einige von ihnen es taten. Der erste authentische Held der neuen zionistischen Entität in Palästina war Josef Trumpeldor, einer der wenigen jüdischen Offiziere in der Armee des Zaren. Er verlor einen Arm im russisch-japanischen Krieg 1905 und wurde bei einem Scharmützel mit Arabern in Palästina getötet)

Also fanden wir die Makkabäer, die Zeloten und Bar Kochba.

DIE MAKKABÄER, zu deren Ehre wir in dieser Woche Chanukka feierten, revoltierten gegen „die Griechen“ 167 v. Chr.  Howard Fast nannte sie in seiner berühmten Novelle „Meine ruhmreichen Brüder“.

Tatsächlich waren „die Griechen“ Syrer. Als das Reich Alexanders des Großen zwischen seinen Generälen aufgeteilt wurde, übernahm Seleucus Syrien und das Land im Osten. Es war dieses Mini-Reich, gegen das die Makkabäer sich erhoben.

Es war nicht nur ein national-religiöser Kampf gegen das Regime, das die hellenische Kultur den Juden aufzwingen wollte, sondern auch ein grausamer Bürgerkrieg. Der Hauptkampf der Makkabäer war gegen die „Hellenisten“, die kulturelle, moderne jüdische Elite, die griechisch  sprach und ein Teil der zivilisierten Welt sein wollte. Die Makkabäer waren fundamentalistische Anhänger der alten Religion.

Mit Ausdrücken der heutigen Zeit waren sie die ISIS ihrer Zeit. Aber das ist nicht das, was wir  lernten (Und was heute in der Schule gelehrt wird.)

Die Makkabäer (oder nach ihrem Dynastie-Namen Hasmonäer) errichteten einen jüdischen Staat, den letzten in Palästina, der 200 Jahre bestand. Im Gegensatz zu Nachfolgern und Imitatoren hatten sie viel politische Weisheit. Schon während ihrer Rebellion kontaktierten sie die aufkommende römische Republik und sicherten sich ihre Hilfe.

Doch die Makkabäer gewannen mit Hilfe eines Zufalls. Ihre Revolte war ein riskantes Abenteuer. Sie verdankten letztendlich ihren Sieg den inneren Problemen, die das Seleukidenreich bedrängte.

Die Ironie dieser Geschichte ist, dass die hasmonäischen Könige selbst durch und durch hellenisiert wurden und griechische Namen trugen.

DIE NÄCHSTE große Rebellion begann im Jahr  66 AD. Anders als die makkabäische Revolte, war es eine total verrückte Affäre.

Die Zeloten gehörten zu verschiedenen einander konkurrierenden Gruppen, die sich bis zum Ende nicht einigen konnten. Ihre Rebellion, die „Große Rebellion“ genannt, war auch eine fanatisch national-religiöse Angelegenheit.

Zu jener Zeit füllten messianische Ideen die Luft in Palästina. Das Land absorbierte religiöse Ideen aus allen Richtungen – hellenische, persische, ägyptische – und  vermischte sie mit den jüdischen Traditionen. Es war in dieser fieberhaften Atmosphäre, als das Christentum geboren wurde und das Buch des Hiob und andere spätere Bücher der hebräischen Bibel  geschrieben wurden.

Während der Messias jeden Moment erwartet wurde, taten jüdische Fanatiker etwas, das unglaublich aussieht: sie erklärten dem römischen Reich, das  damals auf der Höhe seiner Macht stand, den Krieg.  Es ist so, als würde Israel heute den US, China oder Russland gleichzeitig den Krieg erklären – etwas worüber sogar Binjamin Netanjahu  zweimal nachdenken würde, bevor er es in die Tat umsetzen würde.

Es brauchte einige Zeit, bevor die Römer ihre Legionen gesammelt hatten – und das Ende konnte vorausgesehen werden: Die jüdische Gemeinde im Land wurde zerquetscht, der Tempel wurde zerstört (vielleicht durch Zufall) und die Juden wurden aus Jerusalem und vielen anderen Orten in Palästina vertrieben.

Die Zeloten glaubten aber ganz und gar an ihren Gott. Im belagerten Jerusalem, verbrannten sie – obwohl schon fast vor Hunger sterbend – einander den Weizen, sicher, dass Gott sie versorgen würde. Aber Gott scheint anderweitig beschäftigt gewesen zu sein.

Auf der Höhe der Belagerung Jerusalems wurde der hochverehrte Rabbi Jochanan Ben-Zakkai von seinen Schülern in einem Sarg aus der Stadt geschmuggelt und begann mit Wissen und Erlaubnis der Römer mit einer religiösen Schule in Javneh, die der Mittelpunkt einer neuen Art von anti-heroischem Judentum wurde.

DOCH  WURDE die Lektion der Katastrophe der Zeloten nicht gelernt. Weniger als 70 Jahre später begann ein Abenteurer mit Namen Bar Kochba („Sohn eines Sterns“) noch einen Krieg mit dem römischen Reich, noch verrückter als der letzte.

Anfangs siegte Bar Kochba – wie die Zeloten – einige Male, bevor die Römer ihre Militärkräfte versammeln konnten .Zu jener Zeit unterstützten ihn die Rabbiner. Aber sein Größenwahn veranlasste die Rabbiner, ihre Unterstützung aufzugeben. Man sagt von ihm, er hätte Gott gesagt: „Du musst mich nicht unterstützen, aber störe mich wenigstens nicht!“

Die unvermeidbare Niederlage Bar Kochbas war sogar eine noch größere Katastrophe als die vorherige. Massen von Juden wurden in die Sklaverei verkauft, einige  wurden in die römische Arena den Löwen  vorgeworfen. Eine Legende erzählt, dass Bar Kochba mit bloßen Händen mit einem Löwen kämpfte und ihn tötete.

Doch die zionistische Lehre war, dass die Juden mit Gewalt aus Palästina vertrieben wurden, und dass dies der Beginn der Diaspora („das Exil“) wurde, was eine Legende ist. Die jüdische Bauernbevölkerung blieb im Land, und die meisten wurden Christen und später Muslime. Die heutigen Palästinenser sind wahrscheinlich die Abkommen dieser jüdischen Bevölkerung, die an ihrem Boden festhielt. Schon David Ben-Gurion hat diese Theorie einmal vermutet.

Die jüdische Religion wurde tatsächlich im babylonischen Exil geboren, etwa 500 Jahre vor Christus und von Anfang an lebte die Mehrheit der Juden außerhalb Palästinas, in Babylon, Ägypten, auf Zypern und in vielen anderen Ländern rund ums Mittelmeer. Palästina blieb ein bedeutendes religiöses Zentrum, das eine wichtige Rolle in der Übergangszeit des Judentums zu einer Diaspora-Religion wurde, die sich vor allem auf den Talmud gründete.

DAS CHANUKKA-Fest symbolisiert den Wandel des Judentums nach der Zerstörung des Tempels   – und dem Gegenwandel, der durch die Zionisten in moderner Zeit bewirkt wurde.

Die Rabbiner waren gegen den Heldenkult, ob sie nun gottesfürchtig waren oder nicht. Sie machten die Schlachten der Makkabäer unbedeutend und fanden einen anderen Grund, um  Chanukka zu feiern. Es schien so, als ob ein großes Wunder geschehen sei, das viel bedeutender war als die militärischen Siege: als der Tempel wieder eingeweiht wurde, nachdem er von den „Griechen“  entweiht worden war, reichte das Öl im Leuchter nur noch für einen Tag. Durch göttliche Einmischung reichte die kleine Menge Öl eine ganze Woche lang. Chanukka  ist diesem großen Wunder gewidmet.(Chanukka bedeutet buchstäblich Einweihung).

Das Buch der Makkabäer, das vom Kampf und dem Sieg erzählt, wurde in die hebräische Bibel nicht aufgenommen. Das hebräische Original ist verloren gegangen.

(Chanukka war, wie Weihnachten, ursprünglich ein heidnisches Fest, das zur Wintersonnenwende  gefeiert wurde, so wie das Passahfest und Ostern sich auf heidnische Feiern –  die Frühlings-Tag-und Nachtgleiche – gründen.

Die jüdischen Weisen waren entschlossen, ein für allemal die Sucht nach Revolten und militärischen Abenteuern auszumerzen. Chanukka wurde nicht nur in ein harmloses Fest des heiligen Öls verwandelt, die Zeloten und Bar Kochba wurden ignoriert oder in rabbinischen Schriften verharmlost. Dies gestaltete das Judentum und das jüdische Leben bis zum heutigen Tag.  Die Juden sollen Gott anbeten und nicht menschliche Helden.

So war es, bis der Zionismus auf der Bühne erschien. Die alten Helden wurden wieder erweckt, und man verwandelte sie nachträglich in Zionisten. Die Makkabäer, die Zeloten und Bar Kochba wurden unsere Vorbilder. Der Massen-Selbstmord der Zeloten auf dem Massadaberg nach der großen Revolte wurde als Ruhmestat gefeiert; Generationen von Kindern wurden und wird es gelehrt und sie bewundern sie.

Heute haben wir nationale Helden in Hülle und Fülle und brauchen all diese alten Mythen nicht mehr. Aber Mythen sterben langsam, wenn überhaupt. Immer mehr Stimmen von Historikern und ähnlichen Leuten zweifeln vorsichtig an ihrer Rolle in der jüdischen Geschichte. (Ich könnte der erste gewesen sein, der in einem Aufsatz vor Jahrzehnten darüber schrieb).

ALL DIES  mag das Sprichwort bestätigen: „Nichts ändert sich so sehr wie die Vergangenheit. Oder mit Goethes Worten: „Was ich den Geist der Zeiten nenne/ das ist der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln“.

Der Zionismus war eine große spirituelle Revolution. Er nahm eine alte ethnisch-religiöse Diaspora und schuf eine moderne Nation nach europäischer Art. Um dies zu bewirken, muss er als erstes die Geschichte neu schaffen.

Er konnte sich auf die Arbeiten einer neuen Generation jüdischer Historiker gründen, die von Heinrich Graetz angeführt wurde, der ein neues Bild der jüdischen Vergangenheit malte, die von deutschen nationalistischen Historikern ihrer Zeit  beeinflusst war. Graetz selbst starb ein paar Jahre vor dem ersten zionistischen Kongress, aber  sein Einfluss war und bleibt sehr groß.

Während die Deutschen Herman, den Cherusker, wieder erweckten und eine riesiges Denkmal für ihn dort errichteten, wo sein großer Sieg über die Römer im Teutoburger Wald  stattfand – kurz vor der jüdischen Großen Revolte –  erweckten die frühen Zionisten die jüdischen Helden, ignorierten aber die Katastrophe, die sie verursachten. Viele europäische Völker, große und kleine taten dasselbe. Es war der Zeitgeist.

Drei Generationen israelischer Kinder wuchsen vom Kindergarten an mit diesen Mythen auf. Sie werden so fast völlig von der Weltgeschichte abgeschnitten. Sie lernen, dass die Griechen das Volk waren, deren Joch von den Makkabäern abgeschüttelt wurde, aber sie lernen fast nichts über die griechische Philosophie, Literatur und Geschichte. So wird eine sehr enge, egozentrische Einstellung geschaffen – gut für Soldaten, aber gar nicht  gut für  Menschen, die Frieden machen wollen.

Diese Kinder lernen nichts  über die Geschichte der Araber, über den Islam und den Koran. Für sie ist der Islam eine primitive, mörderische Religion, die darauf erpicht ist, Juden zu töten.

Die Ausnahme ist das autonome orthodoxe Schulsystem, das nichts anderes als den Talmud lehrt und deshalb gegenüber dem Heldenkult immun ist, aber auch gegenüber der Weltgeschichte (natürlich mit Ausnahme der Pogrome).

Die große politische Veränderung, die wir dringend benötigen, muss von einem großen Wandel unserer historischen Anschauung begleitet werden.

Die Helden der Antike benötigen vielleicht eine Revision ihres Ranges.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert)

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Brillante Isolation

Erstellt von Gast-Autor am 1. Februar 2015

Brillante Isolation

Autor Uri Avnery

FAST  EINTAUSEND israelische Persönlichkeiten haben schon einen  Aufruf an das Europäische Parlament unterschrieben, sie sollten ihre Regierungen bitten, den Staat Palästina anzuerkennen.

Ich  habe die Ehre, unter den Unterzeichnern zu sein, zu denen  frühere Minister und Knesset-Mitglieder, Diplomaten und Generäle, Künstler und Geschäftsleute, Schriftsteller und Dichter gehören, einschließlich der drei  herausragenden Schriftsteller Amos Oz, David Grossman und A.B. Jehoshua.

Wir sind davon überzeugt, dass die Unabhängigkeit des palästinensischen Volkes in ihrem eigenen Staat neben  dem Staat Israel die Basis für Frieden ist und deshalb  für Israel genauso wichtig ist wie für die Palästinenser.  Dies ist übrigens schon seit dem 1948er-Krieg meine feste Überzeugung.

Die extreme Rechte, die Israel während der letzten Jahre beherrscht, ist vom Gegenteil überzeugt. Da sie das ganze Gebiet zwischen  Mittelmeer und  Jordan in den „Nationalstaat des jüdischen Volkes“ verwandeln will, lehnt sie das Errichten eines palästinensischen Staates total ab.

Dies sind dann die Fragen die zur Debatte stehen:

Ein palästinensischer Staat in der Westbank und im Gazastreifen mit Ost-Jerusalem als seiner Hauptstadt, ein israelisch-palästinensischer Friedensvertrag, das Ende der Besatzung, Frieden zwischen Israel und der ganzen arabischen und muslimischen Welt  oder ein Groß-Israel, eine andauernde Besatzung oder Annexion, noch mehr Siedlungen, ethnische Säuberung und  immer wieder Krieg.

Israel muss wählen.

Ebenso  die  Welt.

IN LETZTER Zeit haben mehrere europäische Parlamente  ihre Regierungen aufgerufen, den Staat Palästina anzuerkennen. Wir wollen  zu diesem Prozess ermutigen.

Das portugiesische Parlament tat es am letzten Freitag  und folgte  damit den Parlamenten Großbritanniens, Irlands, Frankreichs und Spaniens. Das  EU-Parlament,  eine Institution mit wachsendem Einfluss und wachsender Macht, hat es auch getan.

Das sind nur Empfehlungen. Aber die Regierung von Schweden hat offiziell den Staat Palästina anerkannt.  Einige irre geführte Geister haben festgestellt, dass dies die erste Anerkennung Palästinas durch ein Land der EU wäre. Das ist völlig falsch: Palästina ist  von folgenden EU-Staaten schon anerkannt worden: Bulgarien, Zypern, die tschechische Republik, Ungarn, Malta, Polen, Rumänien und die Slowakei, sowie  von den europäischen nicht EU-Staaten Albanien, Aserbaijan, Weißrussland, Bosnien & Herzegowina, Georgien, Island, Montenegro, Russland, Serbien, die Türkei und die Ukraine.

Eine ziemlich eindrucksvolle Liste.  Doch ist sie wichtig?

DIE AMERIKANISCHE  Unabhängigkeitserklärung betont die Bedeutung   eines „ordentlichen Respektes für die Meinung der Menschheit“.

Die israelische Unabhängigkeitserklärung enthält diesen Satz nicht, aber ihre ganze Komposition zeigt, dass es ein Versuch ist, der Welt ihre Ziele zu erklären, um die weltweite diplomatische Anerkennung zu bekommen.

Doch David Ben-Gurion, der beim Gründungstreffen  die Erklärung  laut vorgelesen hatte, verkündigte bald danach seine Doktrin: „Es ist nicht wichtig, was die Gojim (Nichtjuden) sagen, wichtig ist, was die Juden tun!“

Stimmt das wirklich?  Zählt die Meinung der Menschheit nicht?

Das war vielleicht vor 150 Jahren wahr, als Benjamin Disraeli kund tat, dass die britische Politik  in „brillanter Isolation“ sei. Ich bezweifle es. Selbst damals war Groß-Britannien tief in europäische Affären  verwickelt, ja auch in die  Affären der Welt.

Seit damals hat sich die Welt zutiefst verändert. Die Regierungen sind  viel demokratischer geworden, die Bildung der Massen hat die Grundlage der öffentlichen Meinung erweitert,  die Mittel der Massenkommunikation, von denen man nicht einmal träumte,  haben Transparenz geschaffen, einige sprechen vom „Weltdorf“.

Die öffentliche Meinung hat einen sehr großen Einfluss auf Politiker in demokratischen Ländern. Ja, selbst in Diktaturen. Wo die öffentliche Meinung den Ton angibt, folgen früher oder später auch die Regierungen. Die öffentlichen  Gefühle werden Regierungspolitik. Dies hat diplomatische, wirtschaftliche und sogar militärische Konsequenzen.

DIE  VEREINTEN NATIONEN sind das ausgewählte Gefäß, um die „Meinung der Menschheit“  zu äußern.

Nach seiner Gründung  kämpfte Israel eine schwere Schlacht der Akzeptanz in der  Weltorganisation. Die Unabhängigkeitserklärung, die Demokratie und Gleichheit für alle Einwohner versprach, spielte eine bedeutende Rolle in diesem Kampf.

Doch Ben Gurion pflegte die UN als UM-Shmum zu bezeichnen (UM ist die hebräische Abkürzung für die Vereinten Nationen, und wenn man noch die Buchstaben Shm hinzufügt, ist es die jiddische Form, die Verachtung ausdrückt.)

Jetzt sind es mehr als 40 Jahre, dass dieser Verachtung vollkommen gerechtfertigt war. Die  israelischen  Führer  verließen sich auf die USA, um jede Resolution des Sicherheitsrates zu blockieren, die die israelische Regierung missbilligte, unabhängig von ihrem Inhalt. Wenn die UN gefragt worden wäre, im Widerspruch zu Israels Wünschen, man solle die zehn Gebote  noch mal  bestätigen, dann hätten die USA ihr Veto ausgesprochen.

Zum ersten Mal in der Geschichte der UN könnte jetzt das Damoklesschwert verschwinden. Die US hat angedeutet, dass sie, falls die israelische  Regierung sich  einem Entwurf des Sicherheitsrates  streng widersetzt, keinen Einspruch erheben werde.

Unglaublich! Kein US-Veto? Das ist, als ob man sagen würde, morgen wird die Sonne nicht aufgehen!

WAS IST  geschehen?

Die einfachste Antwort ist, dass Barack Obama – wie viele andere  – von Benjamin Netanjahu genug hat. Unser Ministerpräsident hat eine Brücke zu viel  abgebrannt.

Er hat den US-Präsidenten immer wieder  gedemütigt. Er hat die Hunde von AIPAC auf ihn losgelassen. Und er hat das Schlimmste getan, was man einem Politiker antun kann: er hat öffentlich dessen Gegner bei den letzten beiden Wahlkampagnen unterstützt.

Die Unterstützung des Minister-Präsidenten für Mitt Romney war einfach skandalös. Netanjahu  folgte den Befehlen seines Besitzers,  des primitiven, aber enorm mächtigen Kasino-Moguls Sheldon Adelson, er half Romney offen und ungeniert. Dafür kreierte und finanzierte Adelson die Jisrael Hayom („Israel Heute“)Tageszeitung, die gratis verteilt wird und nun die am weitesten verbreitete Zeitung im Land ist. Ihre einzige editorische Politik ist, Netanjahu durch Dick und Dünn zu  unterstützen.

Während der letzten US- midterm –Wahlen, unterstützte AIPAC die Republikaner wieder und half ihnen,  den Senat in eine Anti-Obama-Bastion zu verwandeln.

Obama hat sich still verhalten. Aber es würde  übermenschlich gewesen sein, wenn er nicht an Rache gedacht hätte. Er hat  es getan, indem er die Europäer im Geheimen ermutigte, mit ihren pro-palästinensischen Bemühungen fortzufahren. Nun ist er damit in die Öffentlichkeit gekommen. Die US haben verkündigt, dass sie ihr Veto villeicht nicht anwenden werden.

Ein palästinensischer  Entwurf steht auf dem Spiel, für den der Sicherheitsrat einen Ein-Jahres-Termin  gesetzt hat, und zwar für das Ende der Besatzung und die Errichtung eines palästinensischen Staates innerhalb der Grenzen von 1967.

Für  Israelis vom rechten Flügel wäre das nah am  Weltende.

Ein französischer Entwurf steht auch auf dem Spiel; der geht zwar nicht so weit, setzt aber auch eine  Zwei- Jahresgrenze für Friedensverhandlungen.

Diese Entwürfe wären vor einem Jahr  undenkbar gewesen. Sie zeigen Israels  zunehmende Isolation..
KEIN POLITIKER liebt radikale Brüche. Nach 41 Jahren ungebrochener Erfahrung mit amerikanischem Gebrauch des Vetos zu Gunsten Israels (und sonst fast niemand anderem), wäre kein Veto ein revolutionärer Schritt  gewesen. Es könnte eine große Wirkung auf die  US- Innenpolitik haben, einschließlich der nächsten Präsidentenwahlen. Es könnte Hillary Clintons Chancen verletzen (Vielleicht eine zusätzliche Versuchung für Obama.)

Auch  wichtige US-Strategien sind  damit verbunden. Die arabische Welt mag im Chaos stecken, aber sie unterstützt auf diplomatischer Ebene noch immer einmütig die palästinensische Sache. Amerika ist  von der arabischen Teilnahme in der Koalition abhängig, die gegen den „Islamischen Staat“ (ex-ISIS) kämpft. Ein antipalästinensisches Veto in diesem kritischen Augenblick  würde alle arabischen Regierungen verletzen, die sich anschließen wollen. Jordanien zum Beispiel. Saudi Arabien, Ägypten.

John Kerry, armer John Kerry, eilt von einem Treffen zum anderen, um eine Lösung zu finden. Er droht Mahmoud Abbas, seine Finanzmittel zu kürzen. Aber Abbas  sagt ganz richtig, dass er nichts zu verlieren habe – falls er nicht sehr bald Erfolge vorzeigen könne, könnte die Westbank explodieren, und die palästinensische Behörde sich auflösen.

Aus Verzweiflung  flog Netanjahu nach Rom, um dort Kerry persönlich zu treffen. Dort hatte er mit ihm eine stürmische Sitzung. Es scheint so, als ob Kerry nichts versprochen habe. Saeb Erekat  hatte sogar eine noch stürmischere Sitzung mit Kerry mit Schreien und  wütenden Schlägen auf den Tisch.

Ex-Präsident Shimon Peres, zwar nicht mehr im Amt, aber noch immer ein unverbesserlicher Speichellecker kam  Netanjahu zu Hilfe. Er appellierte an den (konvertierten jüdischen)  Außenminister, Laurent Fabius. und bat ihn sehr,  Netanjahu nicht kurz vor den Wahlen zu verletzen.

Zipi Livni, die  vergessen hat, dass sie aus der Regierung  entlassen wurde und jetzt eine Führerin der Opposition ist, telefonierte mit Kerry, um Netanjahu zu unterstützen.  Kerry nahm die Idee auf. Er bat jeden, alles zu tun, um die Sache bis nach Israels Wahlen hinauszuschieben.

Sich in die internen Wahlen eines anderen Landes mischen? Gott bewahre!  Wer würde von solch einem heimtückischen Ding nur träumen?!

DOCH WAS  immer die US  auch tun oder lassen würden, sie werden sich in unsere Wahlen einmischen.

Wenn sie ihr Veto  anwenden, dann ist das eine direkte und offensichtliche Unterstützung des extremen rechten Flügels in Israel. Es würde zeigen, dass Netanjahu  immer recht hatte, dass Amerika  in unserer Tasche steckt, dass Israels Isolierung ein Mythos ist, dass wir weiter tun können, was wir bis jetzt taten: die Besatzung aufrecht erhalten, Siedlungen bauen und alles andere.

Falls die US ihr Veto nicht anwenden und eine propalästinensische Pro-Friedens-Resolution  annehmen,  so würde dies beweisen, dass der linke Flügel recht hat, wenn er behauptet, dass die „Meinung der Welt“ zählt, dass die nicht so brillante Isolation Israels sich zu gefährlichen Proportionen auswächst, dass  ein Regierungs- und Politikwandel dringend nötig ist.

Diese Woche hat Obama eine internationale Bombe geworfen. Nach einer glühenden Feindschaft von 56 Jahren hat er verkündet, dass die Beziehungen zwischen den USA und Kuba wieder aufgenommen werden.

Das zeigt, dass er die ihm verbleibenden zwei Jahre an der Macht, nachdem er nicht wieder gewählt werden kann, ausnützen will, um das zu tun, was er immer wollte, aber Angst hatte, es zu tun. Jetzt kann er den Kongress provozieren und tun was er will.

Er kann jetzt Frieden zwischen Israel und Palästina stiften.

Hoffentlich.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

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Kann der Herzog König werden?

Erstellt von Gast-Autor am 25. Januar 2015

Kann der Herzog König werden?

 Autor Uri Avnery

AM MONTAG stimmte die Knesset zu, sich selbst aufzulösen, weniger als zwei Jahre nach ihrer letzten Wahl.  Für viele  ihrer Mitglieder war es ein trauriger Tag, eine Art politischer Hara-kiri. Sie haben nicht die Chance, wieder gewählt zu werden.  Einige von ihnen sind so, dass man sie getrost vergessen kann: ich kann mir ihre Namen und ihre Gesichter nicht ins Gedächtnis zurückrufen.

Am Tag danach  explodierte in den TV-Nachrichten eine Bombe. Kanal 10 – etwas  liberaler als die beiden andern Kanäle — veröffentlichte die Ergebnisse  einer  schnellen öffentlichen Meinungsumfrage durch einen geachteten Meinungsforscher.

Sie waren  erstaunlich.

DAS ERSTE Ergebnis war, dass die Labor-Partei nach ihrer erwarteten Vereinigung mit Zipi Livnis „Bewegungs-Partei“ in der nächsten Knesset die größte Partei sein wird.

Die Israelis schnappten nach Luft. Was? Labor? Eine Partei, die  viele für klinisch tot hielten?

Natürlich ist dies nur die erste von Hunderten von Meinungsumfragen vor dem Wahltag am 17. März 2015. (Seitdem haben andere Umfragen ihre Ergebnisse bestätigt.)

Ein zweites Ergebnis war, dass der Likud an zweiter Stelle genau dieselbe Anzahl von Sitzen bekäme, ob er nun von Benjamin Netanjahu geleitet würde oder von seinem   Herausforderer Gideon Sa’ar, einem glanzlosen Parteifunktionär  (und einem früheren Angestellten von mir). Als Innenminister tat er sich  hauptsächlich dadurch hervor, dass er afrikanische Asylsuchende verfolgte. (Er hat sich seitdem zurückgezogen.)

Ist es möglich?   Dass Netanjahu der Große, der „freundliche Bibi“ des  Time-Magazins, nicht länger ein Stimmenmagnet ist?

Die Partei von Yair Lapid, der Held der letzten Wahlen, schrumpft auf die Hälfte der Sitze. Wie die Staude  im Buch Jonah, „die in einer Nacht hochwuchs (und Schatten spendete) und in einer Nacht verdorrte“).

Aber die wirkliche Sensation der Meinungsumfrage war etwas anderes: obwohl Netanjahu noch immer die Liste bevorzugter Kandidaten für den Minister-präsidenten anführte, kam Jitzhak Herzog, der Führer von Labor so nah an ihn heran, um praktisch  keinen Unterschied zu machen.

Nur einen Monat zuvor wäre solch ein Ergebnis wie ein lustiger Witz  erschienen. Zu jener Zeit hatte Netanjahu die unanfechtbare  Führung, der über allen anderen emporragte. Nach  konventioneller Weisheit  hieß es: „da gibt es keinen anderen“.

Doch jetzt gibt es einen. Herzog! Herzog?

HERZOG IST ein deutsches Wort. Jitzhak, allgemein Buji genannt (seine Mutter nannte ihn als Kind so), ist tatsächlich „aristokratischen“ Ursprungs.

Sein Großvater, Jitzhak Herzog (nach dem er- nach jüdischer Tradition genannt wurde)  war der Oberrabbiner von  Irland. Er hatte einen solch guten Ruf, dass er in den 30erJahren berufen wurde, der Aschkenazi-Oberrabbiner von Palästina zu werden. Er wurde  (vergleichsweise) für liberal gehalten.

Sein Sohn Chaim studierte in England und zeichnete sich als Boxer aus und schloss sich der britischen Armee im 2. Weltkrieg an. Er diente als Nachrichtenoffizier in Ägypten, als er dort Susan Ambash, die Tochter einer reichen lokalen jüdischen Familie traf.

Die beiden Ambash-Mädchen wurden   samstags in die Synagoge geschickt. An einem Schabbat trafen sie zwei jüdische  Offiziere, die sie zum Schabbat-Mahl nach Hause einladen durften. Der eine war Chaim Herzog und der andere Aubey (Abba) Eban. Sie heirateten sie.

Im 1948er-Krieg schloss sich Chaim Herzog der neuen israelischen Armee als Offizier des Nachrichtendienstes an; schließlich wurde er General und Chef des Armee-Nachrichtendienstes. Nach Verlassen der Armee gründete er das, was die größte und reichste israelische Firma  der Rechtsanwälte wurde.

Aber seine wirklichen Ruhmestage kamen vor dem des Sechs-Tage-Krieg.  Drei Wochen lang wurde Israel Opfer akuter Ängste. Einige sprachen davon, dass ein zweiter Holocaust komme. Während dieser Zeit hatte General Herzog ein tägliches Programm im Radio. Es gelang ihm, die öffentliche Stimmung mit seiner  nüchternen, sensiblen Analyse zu beruhigen. Weder verkleinerte noch übertrieb er die bevorstehende Gefahr.

Die Menschen belohnten ihn mit der Präsidentschaft des Staates. Auf diesem Posten war er mehr Brite als Israeli. Ein Beispiel: in einer Zeit, als ich von allen leitenden Persönlichkeiten des Establishments  boykottiert wurde, wurde ich von einer Einladung  überrascht:  zu einem privaten Essen  mit ihm in die Präsidentenresidenz.

Wir hatten ein freundliches Gespräch ohne besondere Themen. Er wollte mich nur kennen lernen.

Ich benützte die Gelegenheit und bat ihn inständig um seine Einmischung bei den Sicherheitsarrangements am Ben-Gurion-Flughafen, wo arabische  Bürger  routinemäßig aus der anstehenden Reihe herausgeholt wurden (und noch werden) und in demütigender Weise  durchsucht werden. (Er versprach es, aber nichts änderte sich.)

Ich hatte ein ähnliches Mahl  mit seinem Bruder Jakob, der damals Generaldirektor des  Minister-Präsidentenamts war. Von den beiden Brüdern  wurde Jakob als der mit herausragendem Verstand angesehen.  Ich predigte damals wie heute die Zwei-Staaten-Lösung, die zu jener Zeit in Israel und in aller Welt total zurück gewiesen  wurde. Während des Essens sagte Jakob, er würde gerne meine Argumente für diese Lösung  hören und nahm mich ins Kreuzverhör –   das war wieder eine britische und keine israelische Haltung.

JITZHAK HERZOG diente in der Armee auch im Nachrichtendienst, bevor er zum Kabinettsekretär ernannt wurde. Als er sich wie sein Vater der Labor-Partei anschloss, wurde er Mitglied der Knesset und Minister von verschiedenen kleineren Ministerien.

Zart gebaut, mit blauen Augen und heller Hautfarbe sieht Herzog (54)  eher wie ein Engländer aus denn als Israeli. Er spricht sanft und drückt sich in moderater Weise aus und hat keine Feinde. Er ist das Gegenteil eines typisch israelischen Politikers.

Er überraschte jeden, als er jemand von diesen  besiegte. Sheli Jachimovitch ist  schroff, offen und streitlustig, eine resolute Sozialistin, die nicht zögert, den Leuten auf die Füße zu treten. Sie brachte zu viele Kollegen gegen sich auf und wurde  abgewählt. Buji wurde Führer der Partei und automatisch „Führer der Opposition“, ein Titel und Status, entsprechend dem Gesetz für den Führer der größten Oppositionspartei.

(Einer der kleinen politischen Scherze: Herzog war dabei, diesen Titel und die Sozialleistungen, die damit verbunden sind, zu verlieren, als Netanjahu Lapid entließ, dessen Knesset-Fraktion größer als Labor ist. Da die Knesset sich auflöst, erbte Lapid den Titel nicht.)

ALS HERZOG die Parteiführung übernahm, verlor er keine Zeit, sich jetzt selbst zum Kandidaten als Ministerpräsident zu erklären. Dies wurde allgemein mit einem toleranten Lächeln entgegen genommen.

Jetzt scheint dies, zum ersten Mal  möglich zu sein. Wahrscheinlich, aber das Unmögliche ist  möglich geworden. Das Undenkbare denkbar. Dies ist an sich schon eine Revolution.

Während der letzten Jahre sind die israelischen Medien von der Idee besessen gewesen, „Israel  bewege sich zur Rechten hin“. Dass Netanjahu – so schlecht er ist – jenen vorzuziehen ist, die  ihm unweigerlich folgen würden  – Faschisten, Kriegstreiber, Araberfresser.

Es war fast Mode, zu erklären, dass die Linke erledigt sei, tot, verstorben. Unter den Kommentatoren – besonders unter den Linken-  ist es unerlässlich,  die restlichen Linken zu verhöhnen.  Arme  Kerle (und natürlich arme Mädels) Sie können nicht sehen, was vor sich geht. Sie hegen  Illusionen,  pfeifen in der zunehmenden Dunkelheit.

Und plötzlich gibt es eine Chance – zwar eine entfernte, aber eine Chance,  dass die Linke wieder an die Macht kommt.

WARUM? WAS ist  geschehen?

Die einfachste Erklärung ist, dass die Leute von „Bibi“ genug hatten. Netanjahu ist eine Person, von der man schnell die Nase voll hatte. Tatsächlich  ist ihm dies vorher geschehen.  Sarahle, seine Frau, die allgemein unbeliebt ist, hilft auch nicht.

Aber ich glaube, es hat noch einen tieferen Grund. Die Meinungsumfrage zeigt, der Likud würde mit einem anderen Hauptkandidaten nicht besser fahren. Hat der Likud seinen Kontakt verloren?

Zwei Faktoren haben dazu beigetragen:

Zunächst  Moshe Kachlon, ein vormaliger typischer Likud-Anhänger, unter seinen Parteigenossen sehr populär, verlässt,  ohne einen Grund anzugeben, seine Partei.

Als Minister für das Kommunikationswesen, einem sehr kleinen Ministerium, war Kachlon  sehr beliebt geworden. Er nahm sich der Großindustriellen der Mobil-Telefone an, brach ihr Monopol, führte einen Wettbewerb ein  und halbierte die Preise. Es ist schwer, sich einen jungen Israeli – männlich oder weiblich – ohne ein Mobiltelefon am  Ohr vorzustellen. So wurde er ein Held.

Jetzt hat Kachlon, der nur zwei Monate jünger als Herzog ist, verkündet, dass er dabei ist,  eine neue Partei zu gründen.  Sie wird  „Kulanu“ (Wir alle) genannt. Obwohl sie noch keine Kandidaten hat, tauchte sie in der Meinungsumfrage schon mit zehn Sitzen auf – meistens frühere Likudwähler.

Dies ist aus mehreren Gründen unglaublich bedeutsam. Erstens besteht die Grundwählerschaft des Likud aus orientalischen Juden, auch wenn Menachem Begin, Netanjahu und die meisten ihrer Kollegen Aschkenazim waren bzw.  sind. Kachlon  ist so orientalisch wie man sich nur denken kann: seine Eltern kommen aus Tripoli (Libyen). Sie  haben sieben Kinder und Moshe wuchs  mit ihnen in einem armen Immigrantenviertel auf.

Den Einfluss des Likud  auf die orientalische Gemeinschaft, ist äußerst bedeutsam.  Speziell wenn Kachlon Begin als den Führer zitiert, der die ganze Sinai-Halbinsel für Frieden mit Ägypten aufgab. Sein „moderater Likud“  könnte in der nächsten Knesset das ganze Gleichgewicht zwischen  dem rechten Flügel und Mitte-Links verändern. Und genau dies zählt.

Der zweite Faktor:  Bennetts extrem rechte Partei,  die religiös-nationalistische „Jüdisches Heim“ -Partei( manche sagen Faschisten) gewinnt an Stärke – auch sie gewinnen  Stimmen  vom Likud. Naftali Bennet,  glatt, liebenswürdig, mit der kleinsten Kippa der Welt auf seinem Kopf findet auch bei säkularen Wählern Anklang.

Er ist 12 Jahre jünger als Herzog und Kachlon.

Gewöhnlich halten die orthodoxen Parteien den Schlüssel. Da sie sich weder um den linken noch den rechten Flügel kümmern und nur sich selbst verbunden sind, können sie wählen.

Lange Zeit waren sie die Verbündeten von Labor. Während der letzten paar  Jahrzehnte waren sie automatisch Verbündete der Rechten. Nach den letzten Wahlen ließ Netanjahu  sie wegen des ultra-säkularen Lapid fallen. Nun sind sie dabei, sich zu rächen. Da Herzog der Enkel eines Oberrabbiners ist, ist er wählbar.

HERZOG HATTE seinen ersten Erfolg bei der  augenblicklichen Kampagne, als er mit Zipi Livni, eine  gemeinsame Liste aufstellte. Nun ist es an ihm, den Moment fest zu halten und    – möglicherweise – Bündnisse mit Lapid, Kachlon und Meretz zu knüpfen.  Falls er  bei den Wahlen erfolgreich ist, muss er seine Hände  nur noch nach den Orthodoxen und den Arabern ausstrecken.

In der letzten Woche  skizzierte ich diese Vision. In dieser Woche hat sie sich einen kleinen, aber bedeutsamen Schritt  der Realisierung genähert.

Kann der Herzog König werden?  Das ist es, was uns die Geschichtsbücher erzählen. Aus dem Herzogsgeschlecht der Hohenzollern  kamen Könige und Kaiser.

(Aus dem Englischen übersetzt: Ellen Rohlfs, vom Verfasserautorisiert)

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Das Plebiszit – die Volksabstimmung

Erstellt von Gast-Autor am 18. Januar 2015

Das Plebiszit – die Volksabstimmung

 Autor Uri Avnery

DIE ISRAELIS  haben genug von Benjamin Netanjahu. Sie haben genug von dieser Regierung. Sie haben  genug von diesen politischen Parteien. Sie haben von sich selbst genug. Sie haben einfach genug.

Das ist der Grund für die Auflösung der Regierung in dieser Woche. Sie fiel nicht wegen eines besonderen Grundes. Sicherlich nicht wegen belangloser Angelegenheiten  wie Frieden oder Krieg, Besatzung, Rassismus, Demokratie und ähnlichem Unsinn.

Seltsam genug; denn dies geschah Netanjahu schon früher einmal. Seine erste Regierungszeit löste sich im Jahr 2000 auf, und das ganze Land  atmete hörbar erleichtert auf. Tatsächlich war das allgemeine Gefühl eines der Befreiung, als ob ein fremder Eroberer endlich  vertrieben  worden wäre. Wie im Paris 1944.

Als im Jahr 2000 am Abend nach der Wahl verkündet wurde, Netanjahu sei besiegt worden,  brach Begeisterung aus. Zehntausende Bürger waren außer sich und strömten spontan auf den  Hauptplatz von Tel Aviv, den Rabinplatz, und jubelten dem Retter zu: Ehud Barak, dem Führer der Labor-Partei. Er verkündete das Morgenrot eines neuen Tages.

Leider stellte sich heraus, dass Barak ein Soziopath  und ein Egomane, wenn nicht gar ein Größenwahnsinniger war. Er verpasste bei der Camp-David-Konferenz die Chance des Friedens, und während des Prozesses zerstörte er die israelische Friedensbewegung fast vollkommen. Die Rechte kam zurück – diesmal unter Ariel Sharon. Dann unter Ehud Olmert. Schließlich dann  noch einmal.

Und jetzt wieder?  Gott bewahre!

WARUM  BRACH die Regierung in dieser Woche  zusammen?

Es gab keinen besonderen Grund. Die Minister hatten einfach von einander genug,  und  alle hatten von „Bibi“ die Nase voll.

Die Minister begannen einander und Netanjahu  schlecht zu machen. Der Ministerpräsident selbst beschuldigte seine Minister – einen nach dem anderen – der Inkompetenz und böser Verschwörungstheorien  gegen ihn. In seiner Schlussrede klagte er seinen Finanzminister Yair Lapid des Versagens  an – als ob er, der Ministerpräsident nichts damit zu tun hätte.

Die Öffentlichkeit schaute wie amüsierte oder irritierte Zuschauer zu, als ob sie dieses ganze Durcheinander nichts anginge.

Nun stehen uns neue Wahlen bevor.

In diesem Augenblick sieht es so aus, als wären wir verurteilt, danach eine vierte Netanjahu-Regierung zu haben, noch schlimmer als die dritte, noch rassistischer, noch anti-demokratischer, noch friedensfeindlicher.  Außer dass ….

VOR DREI WOCHEN, als noch keiner  den drohenden Zusammenbruch erwartete, schrieb ich in Ha‘aretz einen Artikel: „Eine nationale Notregierung.“

Mein Argument war, dass die Netanjahu-Regierung das Land in die Katastrophe führen würde. Sie zerstört systematisch alle Chancen für einen Frieden, vergrößert die Siedlungen in der Westbank und besonders in Ost-Jerusalem, schürt das Feuer eines Religionskrieges auf dem Tempelberg,  klagte gleichzeitig Mahmoud Abbas und Hamas an. All dies nach dem überflüssigen Gaza-Krieg, der militärisch unentschieden  und in einer menschlichen Katastrophe endete, die unvermindert bis heute weitergeht.

Gleichzeitig  bombardiert die Regierung die Knesset mit einem nicht endenden Strom rassistischer und anti-demokratischer Gesetzesentwürfe, der eine schlimmer als der vorherige, der in der Gesetzesvorlage gipfelte: „Israel: der Nationalstaat des jüdischen Volkes“. Ausgelöscht wurde der Terminus: „Jüdischer und demokratischer Staat“ wie auch das Wort „Gleichheit“.

Zur selben Zeit streitet sich Netanjahu mit der US-Regierung und beschädigt ernsthaft eine Beziehung, die die Rettungsleine Israels in allen Angelegenheiten ist, während  sich Europa langsam,  aber sicher,  sich Israel gegenüber  mit Sanktionen nähert.

Gleichzeitig vergrößert sich in Israel die soziale Ungleichheit, die schon  enorm ist und sich immer mehr verbreitet; die Preise sind höher als in Europa, das Wohnen fast  unbezahlbar.

Mit dieser Regierung galoppieren wir auf einen  rassistischen Apartheidstaat zu, in Israel selbst und in den besetzten Gebieten  und eilen  in Richtung einer Katastrophe.

IN DIESER Notlage  – schrieb ich –  können wir  uns die übliche Kabbelei der kleinen linken  Parteien und den Parteien der Mitte  nicht leisten; keine  gefährdet die rechte Koalition, die an der Macht ist.

In einer nationalen Notlage benötigen wir Notmaßnahmen.

Wir müssen einen vereinigten Wahlblock aller Parteien der Mitte und des linken Flügels schaffen und keinen außerhalb lassen, ja wenn möglich, die arabischen Parteien einschließen.

ICH WEISS, dies ist eine Herkules-Aufgabe. Es gibt sehr große ideologische Unterschiede zwischen diesen Parteien, ganz zu schweigen von Partei-Interessen und dem Egoismus der Führer, die in gewöhnlichen Zeiten schon eine sehr große Rolle spielen. Aber wir leben in außergewöhnlichen Zeiten.

Ich schlug nicht vor, dass sich die Parteien auflösen  und  sich in einer großen Partei vereinigen sollten. Ich fürchte, dies ist zu diesem Zeitpunkt unmöglich. Es ist mindestens zu früh. Was vorgeschlagen wird, wäre ein vorübergehender  Wahlblock, die sich auf eine generelle Plattform  des Friedens, der Demokratie, Gleichheit und  sozialen Gerechtigkeit gründet.

Wenn die arabischen, politischen Kräfte sich dieser Verbindung anschließen könnten, wäre das wunderbar. Wenn die Zeit noch nicht reif dazu ist, sollten die arabischen Bürger einen parallelen  vereinigten Block schaffen, der mit dem jüdischen verbunden wird.

Der erklärte Zweck des  Blocks sollte dem katastrophalen Treiben des Landes  in den Abgrund  ein Ende setzen und nicht nur Netanjahu   vertreiben, sondern die ganze Bande von Siedlern, nationalistischen und rassistischen Demagogen, Kriegstreibern und religiösen Zeloten.  Es sollte alle Sektoren der israelischen Gesellschaft, Frauen und Männer, Juden und Araber, Orientalen und Aschkenasim, Säkulare und Religiöse, russische und äthiopische Immigranten ansprechen. Al jene, die  um die Zukunft Israels   Sorge tragen und entschlossen sind, sie zu retten.

Der Aufruf sollte zuerst  allen existierenden Parteien zukommen – der Labor-Partei und der Meretz. Yair Lapids „Es gibt eine Zukunft“-Partei und Zipi Livnis „Die Bewegung“, als auch der neuen werdenden Partei von Moshe Kalton, der kommunistischen Hadash und den arabischen Parteien. Es sollte auch  um Unterstützung aller Friedens- und Menschenrechtsorganisationen gebeten werden.

In den politischen Annalen Israels gibt es ein Beispiel. Als Ariel Sharon  1973 die Armee verließ (nachdem seine Kollegen beschlossen hatten, ihm nie zu erlauben, Stabschef zu werden), schuf er den Likud, indem er sich mit Menachem Begins Freiheitspartei, mit den Liberalen und zwei Splitterparteien vereinigte.

Ich fragte ihn, welchen Sinn dies hat. Die Freiheitspartei und die Liberalen waren schon  in einer Knessetfraktion verbunden, und die zwei winzigen Parteien  waren    zum Scheitern verurteilt.

„Du verstehst nichts“, antwortete  er. „Das Wichtige ist, die  Wähler zu überzeugen, dass der ganze rechte Flügel jetzt vereinigt ist und keiner außerhalb ist“.

Begin war keineswegs begeistert. Aber starker öffentlicher Druck war auf ihn ausgeübt worden, und so wurde er der Führer. Nach acht  Wahlniederlagen wurde er 1977 Ministerpräsident.

HAT  JETZT ein Mitte-Links-Bündnis eine Chance für Erfolg? Ich bin sehr davon überzeugt, dass es diese hat.

Eine große Anzahl von Israelis, jüdische und arabische, sind wegen der politischen Situation  verzweifelt. Sie verachten alle Politiker und Parteien; sie sehen nur noch Korruption, Zynismus und Eigeninteressen. Andere sind davon überzeugt, der Sieg des rechten Flügels sei unvermeidbar. Das herrschende Gefühl ist Fatalismus, Apathie  und Können-wir-noch- etwas-tun?

Eine große neue Verbindung  trägt die Botschaft: Ja, wir können. Alle zusammen können wir den Karren anhalten und umdrehen, bevor er den Abgrund erreicht. Wir können die Danebenstehenden in Aktivisten  verwandeln. Wir können  Nichtwähler  zu Wählern machen. Massen von ihnen.

ES BLEIBT nun noch die Frage, wer wird die Nummer 1 auf der vereinten Wählerliste sein? Dies ist ein riesiges Problem. Politiker haben ein starkes Ichgefühl. Keiner/keine von ihnen wird seine oder ihre Ambitionen aufgeben. Ich weiß es. Ich bin dreimal in meinem Leben da durch gegangen und musste mit meinem eigenen Ego kämpfen.

Die Persönlichkeit der Nummer 1 hat einen unverhältnismäßigen Einfluss auf die wählende  Öffentlichkeit.

Lasst uns gestehen: im Augenblick gibt es keine hervorragende Persönlichkeit, die die natürliche Wahl sein könnte.

Eine einfache und demokratische Art und Weise wäre,  einer offiziellen Meinungs-umfrage den Vorrang zu geben. Lasst den Populärsten gewinnen.

Eine andere Methode wäre, eine allgemeine Vorwahl abzuhalten. Jeder der erklärt, dass er für die Liste stimmt, wird einen Stimmzettel  abgeben. Es gibt auch andere Möglichkeiten. Es würde eine Tragödie von historischen Ausmaßen  sein, falls kleinkarierter Ehrgeiz zum Misslingen führen würde.

IN DEN letzten paar Tagen sind gleichlautende und ähnliche Aufrufe veröffentlicht worden. Es gibt ein wachsendes Verlangen nach einer vereinigten Nationalen Rettungsfront.

Damit diese Vision wahr wird, ist öffentlicher Druck nötig. Wir müssen das Zögern und Zaudern der Politiker überwinden.  Wir  brauchen einen ständigen Strom öffentlicher Forderungen, Petitionen von  wohl bekannten und respektierten kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Persönlichkeiten als auch  von Bürgern aus allen Schichten.  Hunderte, Tausende .

Diese  kommenden Wahlen müssen in eine nationale Volksabstimmung  verwandelt werden,  eine  klare Wahl  zwischen zwei sehr verschiedenen israelischen Staaten:

Ein rassistisches Israel  der Ungleichheit, in einen endlosen Krieg verwickelt  und ein weiter zunehmendes Subjekt unter der Herrschaft der orthodoxen Rabbiner.

Oder ein demokratisches Israel, das Frieden mit Palästina und der ganzen arabischen und muslimischen Welt und Gleichheit zwischen allen Bürgern  sucht, unabhängig von Geschlecht, Nation, Sprache  und Gemeinschaft.

Bei solch einem Wettbewerb – davon bin ich überzeugt – werden wir gewinnen.

(Aus dem Englischen:  Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Sohn meiner Augen

Erstellt von Gast-Autor am 11. Januar 2015

Der Sohn meiner Augen

Autor Uri Avnery

DER PRÄSIDENT Israels war  entsetzt.

 Rubi Rivlin, der vor kurzem auf den hohen, aber  vor allem zeremoniellen Posten gewählt worden war,  ist weit entfernt, ein Linker zu sein. Im Gegenteil. Dieser Abkömmling einer Familie, die schon seit sieben Generationen in Jerusalem lebt, glaubt an einen jüdischen Staat im ganzen Land vom Mittelmeer bis zum Jordan.

Aber Rivlin ist ein wirklich Liberaler. Als er das Gedicht las, war er zutiefst schockiert. Dann erinnerte er sich, dass der Verfasser dieses „Meisterstücks“ in die Residenz des Präsidenten eingeladen war, um dort aus seinen Werken vorzulesen. Er wurde prompt ausgeladen.

Dafür  wurde der Präsident von vielen Seiten angegriffen.  Wie konnte er es wagen? Wie ist es mit der künstlerischen Freiheit?

DER „POET“, um den es hier geht, ist einer namens Amir Benayoun, ein populärer  „orientalischer“ Volksliedsänger. „Orientalische“ Musik bedeutet in diesem Kontext Melodien, die von orientalischen Juden bevorzugt werden, sich aber auf arabische Musik aus ihren früheren Heimatländern gründet – mit primitiver Lyrik über Liebe und Ähnliches.  Das berufliche Los von Benayoun nahm ab, aber „Das Gedicht“ baute ihn wieder auf  – und wie! Er wurde  zum Mittelpunkt einer  stürmischen nationalen Debatte: alle Medien diskutierten ihn lang und breit, sogar Haaretz druckte es  wortwörtlich. Politiker, Kommentatoren und jeder, der oder die sich selbst respektiert,  pries oder verurteilte es.

Der imaginäre Sprecher des  Gedichtes ist ein Araber mit Namen Ahmed, der davon träumt, Juden zu töten, besonders jüdische Babies.

Meine eigene Übersetzung:

„Salam Aleikum – Friede sei mit euch. Ich werde Ahmed genannt/ und ich lebe in Jerusalem/Ich studiere an der Universität  ein oder zwei Fächer/ Wer erfreut sich aller Welten so wie ich/ heute bin ich moderat und lächle/ Morgen werde ich in den Himmel steigen/ Und werde einen oder zwei Juden in die Hölle schicken/  Es ist wahr

Ich bin nur undankbarer Abschaum/ Es stimmt, aber ich bin nicht schuld daran, Ich wuchs ohne Liebe auf. Der Augenblick wird kommen,/ wenn du mir den Rücken zukehrst/ dann werde ich  die  geschliffene Axt in dich hauen.

Ich bin Ahmed, der in der Zentralregion lebt/ ich arbeite neben einem Kindergarten/ und bin verantwortlich für die Gas-Container/. Wer wie ich  sich an zwei Welten erfreut/: heute bin ich hier und morgen werde ich nicht hier sein/ viele von ihnen, ja sehr viele von ihnen/ werden nicht hier sein/ Es stimmt, dass ich außer Abschaum nichts bin/. Es stimmt, dass ich unschuldig bin/ ich wuchs ohne Liebe auf. Es ist wahr, dass der Moment kommen wird/ dass du deinen Rücken zu mir kehrst/ und dann werde ich  die geschärfte Axt in dich schlagen. / Es stimmt, dass ich nichts bin außer undankbarer Abschaum/ Es ist wahr, aber ich bin nicht schuldig/ ich wuchs ohne Liebe auf. Es ist wahr, der Moment wird kommen/, wenn du deinen Rücken zu mir kehrst/, dann werde ich dich geradewegs in den Rücken schießen.

ERSETZE DAVID durch Ahmed und Berlin oder Paris durch Jerusalem und du hast ein perfektes anti-semitisches Gedicht. Es ist  ganz sicher, dass der Bundespräsident den Autor nicht zum Tee in seine Residenz einladen würde.

Aber der Präsident von Israel wurde von allen Seiten angegriffen, weil er die Einladung  gestrichen hat. Die vom rechten Flügel griffen ihn an, weil er einen wahren Patrioten zurückgewiesen hat, viele linke  Gutmenschen lehnten ihn im Namen der Gestaltungsfreiheit und universaler Toleranz ab.

Als ich ein neunjähriger Junge in Deutschland war, hörte ich den Ohrwurm: „Wenn Judenblut vom Messer spritzt, dann geht alles noch mal so gut.“ Falls der Autor noch leben sollte, würden deutsche Liberale fordern, dass ihm künstlerische Freiheit gewährt wird?

Benayoun (39) trägt einen arabischen Namen. Benayoun kommt vom arabischen Ausdruck  für Zärtlichkeit „Sohn meiner Augen“.  Sein erster Name klingt wie der arabische  Titel „Amir“ (Prinz), obwohl es anders geschrieben  wird. Er wurde in  einem Slum von  Beersheba geboren; seine Eltern sind Immigranten aus Marokko. Sie könnten arabische Juden genannt werden, wie meine Eltern deutsche Juden genannt wurden.

Benayoun war zu Beginn kein Fanatiker; aber als sein Bruder eine extremere Form der jüdischen Religion annahm, folgte er seinem Beispiel. Dieser Vorgang, den man „Rückkehr zum Glauben“ nannte, wird fast immer von fanatischem  Rassismus begleitet.

Der Dichter behauptet, dass sein geistlicher Meister der Messias sei. Er trägt keine Amulette, nur eine Dollargeldnote, die ihm vom verstorbenen  Rabbi von Lubawitz gegeben wurde, der, wie seine US-Jünger behaupten, der Messias sei und der nicht verstorben sei. Benayoun’s  poetisches „Meisterstück“ von schierem, reinem Hass reflektiert die Gesinnung eines großen Teils der israelischen Juden im Augenblick. Die letzten Ereignisse in Jerusalem haben ein Klima geschaffen, in dem ohne Schamgefühl rassistischer Hass seinen hässlichen Kopf hebt.

DAS ZENTRUM des Rassismus ist die Regierung selbst. Sie wird vollkommen von der extremsten Rechten beherrscht – tatsächlich gibt es nichts Rechteres.

Seit ihrer Einsetzung  scheint diese Regierung (abgesehen vom Gaza-Krieg)  nichts getan zu haben, außer rassistische Gesetze zu  erlassen. Fast jede Woche hören wir von einer  Initiative, doch noch ein Gesetz  zu machen, das noch schlimmer ist, als das letzte.

Vor nur drei Tagen initiierte der Minister für Innere Sicherheit, ein Lakai von Avigdor Lieberman, ein Gesetz, das die arabische Tempelwache als „ungesetzliche Organisation“ definiert – das Äquivalent einer Terroristengruppe. Diese Wache wird  vom Waqf (eine muslimisch gemeinnützige Verbindung) beschäftigt, die den Auftrag hat, den Tempelberg nach internationalem  Abkommen mit Jordanien zu bewachen.

Diese Wache kann die  Heiligen Stätten nicht vor der israelischen Polizei verteidigen, aber sie kann Muslime  vor sich nähernden Juden warnen, die zum Beten kommen, was verboten ist. Die Wache zu beseitigen, würde bedeuten, dass  die jüdischen Fanatiker und zynischen Politiker den Tempelberg  noch mehr beherrschen.

Diese Maßnahme  zu genau diesem Zeitpunkt ist eine direkte Provokation. Sie bestätigt die dunkelsten muslimischen Befürchtungen, dass Israel  dabei sei, den Status Quo zu verändern und den Tempelberg in eine jüdische Gebetsstätte zu verwandeln.

Warum sollte ein Polizeiminister dies genau jetzt tun, während Jerusalem  in Flammen steht und die ganze muslimische Welt sich geschlossen sammelt, um die Heilige Stätte zu verteidigen? Ist er verrückt?

Überhaupt nicht.  Es ist genau dies, womit er mit den andern Politikern in Konkurrenz tritt: in die  Schlagzeilen zu kommen. Und wie Benayoun   gerade jetzt  den Hass der „ Araber“ zeigt,  ist es der Hass gegen „die Araber“, der auf dem Markt der heißeste Artikel ist.

Dann gibt es noch das vorgeschlagene Gesetz, das der Knesset-Mehrheit erlauben würde, die Knesset-Mitgliedschaft eines jeden Delegierten zu entziehen, der „den  bewaffneten Kampf gegen Israel gut heißt!“ Wer entscheidet?  Die Knesset-Mehrheit natürlich. Sie würde als Ankläger, Richter und Henker gleichzeitig handeln.

Diese Gesetzesvorlage  ist klar gegen Hanin Zuabi gedacht, ein provozierendes, weibliches,  arabisches Mitglied, das von der Knesset  schon  für ein halbes Jahr verbannt wurde (außer bei Abstimmungen).

Eine andere Maßnahme ist für Terroristen und ihre Familien die Annullierung des Wohnrechts in Jerusalem. (Arabern wurde im annektierten Ost-Jerusalem  nicht das Bürgerwohnrecht zugestanden, sondern nur ein „Vorübergehendes Bürgerrecht“. Dies kann jederzeit widerrufen werden.

In der vergangenen Woche wurde tatsächlich einem lokalen Araber das Wohnrecht entzogen. Er wurde angeklagt, einen anderen Araber nach Tel Aviv gefahren zu haben, wo der Passagier in einem Pub einen Selbstmordanschlag verübte. Dies geschah vor etwa 13 Jahren. Der Fahrer protestierte, dass er keine Ahnung gehabt hätte, was sein Passagier vorhatte.  Er wurde trotzdem ins Gefängnis gesteckt. Jetzt wird er aus Jerusalem ausgewiesen.

SOLCHE GESETZESVORLAGEN, Gesetze und Aktionen füllten jeden Tag die Nachrichten.

Seit ihrer Amtseinführung schließt die augenblickliche Knesset eine Gruppe von etwa  20 Mitgliedern ein, die man in andern Ländern Neo-Faschisten  genannt haben würde. Die meisten von ihnen sind führende Likud-Mitglieder, die andern gehören  rivalisierenden Koalitionsfraktionen an. Sie konkurrieren wild mit einander. Sie sind wie 20 Katzen in einem Sack.

Anscheinend verbringen diese Mitglieder ihre Tage damit, über  noch grausamere anti-arabische Maßnahmen  nachzudenken.  Diese erzeugen Schlagzeilen und   heischen öffentliche  Aufmerksamkeit. Je  grausamer, desto größer die Schlagzeilen und  desto länger die TV-Interviews. Diese  sorgen für allgemeine Aufmerksamkeit innerhalb ihrer Parteien und garantieren Wiederwahl.

Wenn man keine anderen Qualitäten hat, so wird dies allein für eine erfolgreiche politische Karriere sorgen.

SEIT MEHREREN Wochen ist jetzt das Zentrum der Aktivitäten eine Gesetzesvorlage gewesen, die „Gesetzesvorlage: Israel, der Nationalstaat für das jüdische Volk“ genannt wird. Israel hat keine Verfassung. Von  Anfang an hat die religiös-säkulare Kontroverse dies verhindert.

Doch die Unabhängigkeitserklärung vom Mai 1948, die keinen legalen Status besitzt, definiert Israel als einen „Jüdischen Staat“ und versprach nicht-jüdischen Bürgern vollkommene  Gleichheit. Später definierten Grundgesetze Israel als einen „Jüdischen und demokratischen Staat“,  dem sie den beiden Komponenten, die oft gegensätzlich schienen, den gleichen Wert  gaben.

Die verschiedenen Versionen der neuen  Gesetzesvorlagen definieren Israel nur als einen „jüdischen Staat“, setzen den „demokratischen“ Aspekt zu einem Status zweiter Klasse herab. Sie löschten das Wort „Gleichheit“ vollkommen. Arabisch, das bis jetzt die zweite offizielle Sprache  war, wird ihren Status verlieren. Diskriminierung,  bis jetzt  heimlich praktiziert, wird nun legal und öffentlich.

Diese Version wurde letzten Sonntag offiziell  von der Regierung  angenommen. Doch Benjamin Netanjahu versprach, eine moderatere Version zu liefern, bevor die Maßnahmen zur letzten Abstimmung vor die Knesset kommen.

Netanjahu fürchtet zu Recht, dass die augenblickliche Version eine weltweite  Reaktion hervorrufen würde. Die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ würde weit weniger demokratisch werden. Tunis könnte dieser Titel zukommen.

So weit, wie augenblicklich bekannt ist, wird Netanjahus Version – die wahrscheinlich am Ende angenommen wird – die Bezeichnung „jüdisch und demokratisch“ wieder herstellen, aber den Terminus „Gleichheit“ weglassen. Die Rechte der individuellen nicht-jüdischen Bürger werden aufrecht erhalten, aber irgendwelche kollektiven Rechte für nicht-jüdische Gemeinschaften, was Sprache, Religion und Bildung betreffen, abgeschafft.

Präsident Rivlin hat die Gesetzesvorlage  kaum denunziert, was man ihm zugute- halten muss. Führende Juristen haben sie für „überflüssig“  gehalten, da sie zweifeln, dass sie irgendeinen realen Wandel bringen. Liberale Kommentatoren sprachen sich gegen sie aus  „moderate“ Koalitions-Mitglieder  haben damit gedroht, gegen sie zu stimmen oder sich wenigstens der Stimme zu enthalten. Wahrscheinlich  wird am Ende aus der ganzen  Plänkelei sehr wenig herauskommen.

Aber die Tatsache, dass man auf der Attacke gegen Demokratie eine Karriere aufbauen kann,  und  den Hass  gegen Israels 1,7 Millionen arabische Bürger – mehr als 20% der Bevölkerung –  schürt,  ist beängstigend.

ÜBRIGENS HAT keiner die sieben Millionen Juden außerhalb Israels über  die Sache nachgefragt.

Was denken sie über die Idee, dass Israel der „Nationalstaat des jüdischen Volkes“ ist? Glauben sie, dass es überhaupt  ein „jüdisches Volk“ gibt? Wollen sie  gezwungen sein, Israel gegenüber Loyalität ausüben zu müssen? Fürchten sie,  wegen doppelter Loyalität angeklagt zu werden?

Wollen sie nicht wenigstens befragt werden?

Doch  zum Teufel noch mal – wer  sind sie schon? Warum soll man sie fragen?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die unheilige Stadt

Erstellt von Gast-Autor am 4. Januar 2015

Die unheilige Stadt

Autor Uri Avnery

IN SEINER langen und kontroversen  Geschichte ist Jerusalem von vielen Eroberern besetzt worden.

Von   Babyloniern  und Persern, Griechen und Römern, Mameluken und Türken, Briten und Jordaniern – um nur ein paar zu erwähnen.

Der letzte Besatzer ist Israel,  das Jerusalem 1967 eroberte und annektierte.

(Ich könnte  „Ost-Jerusalem“ geschrieben haben – aber das historische Jerusalem ist im heutigen Ost-Jerusalem. Alle andern Teile wurden  erst in den letzten 200 Jahren  von  jüdischen Siedlern gebaut oder  arabische Dörfer  der Umgebung sind  willkürlich dem  riesigen Areal angeschlossen worden, das jetzt  nach der Besetzung Jerusalem genannt wird. )

In dieser Woche stand Jerusalem wieder in Flammen. Zwei Jugendliche aus Dschebel Mukaber, einem der annektierten  arabischen Dörfer, betraten während des Morgengebets eine Synagoge im Westen der Stadt und töteten vier fromme Juden, bevor sie selbst von der Polizei getötet wurden.

Jerusalem wird „Die Stadt des Friedens“ genannt. Das ist ein linguistischer Fehler. In der Antike wurde sie zwar Salem genannt, das wie  Frieden klingt, aber Salem war tatsächlich der Name der lokalen kanaanäischen Gottheit.

Es ist auch ein historischer Fehler. Keine Stadt der Welt hat so viele Kriege, Massaker und Blutvergießen erlebt wie diese.

Alles im Namen irgendeines Gottes.

JERUSALEM WURDE  unmittelbar  nach dem Sechs-Tage-Krieg, 1967,  annektiert  (oder „befreit“ oder „vereinigt“).

Dieser Krieg wurde Israels größter militärischer Triumph. Er war auch Israels größtes Unglück.  Der göttliche Segen des unglaublichen Sieges verwandelte sich in göttliche Strafe. Jerusalem war ein Teil davon.

Die Annexion wurde uns – ich war damals Knesset-Mitglied- als eine Wiedervereinigung der Stadt dargestellt, die  im israelisch-palästinensischen Krieg von 1948 grausam auseinander gerissen worden war. Jeder zitierte den biblischen Satz: „Jerusalem  ist  eine Stadt, in der man zusammenkommt.“ Diese Übersetzung von Psalm 122 ist ziemlich merkwürdig. Das hebräische Original sagt einfach: „eine Stadt, die fest vereinigt ist“.

Was 1967 tatsächlich geschah, war alles andere als Vereinigung.

Wenn wirklich die Absicht  bestanden hätte, es zu vereingen,  hätte dies sehr anders ausgesehen.

Die volle israelische Staatsbürgerschaft wäre automatisch allen Bewohnern   gegeben worden. Alle verlorenen arabischen Besitztümer in Westjerusalem, die 1948 enteignet wurden, wären ihren rechtmäßigen  Besitzern, die nach Ostjerusalem geflohen waren, zurückgegeben worden.

Der Jerusalemer Stadtrat wäre erweitert worden, um die Araber aus dem Ostteil zu integrieren, auch ohne spezielle Bitte. Und so weiter.

Das Gegenteil geschah. Kein Besitz wurde  zurückgegeben, noch eine Kompensation gezahlt. Der Stadtrat blieb ausschließlich jüdisch.

Die arabischen Bewohner bekamen keine israelische Staatsbürgerschaft, sondern nur  „ein permanentes Wohnrecht“. Dies ist ein Status, der  jeden Moment willkürlich zurückgezogen werden kann –  und in vielen Fällen widerrufen wurde; wobei man die  Opfer zwang, aus der Stadt auszuziehen.  Um den Anschein zu wahren  wurde es Arabern erlaubt, die israelische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Die Behörden wussten natürlich, dass dies nur ein paar  tun würden; denn wenn sie das getan hätten, hätten sie die Besatzung anerkannt. Für die Palästinenser hätte dies Hochverrat bedeutet. (den wenigen, die den Antrag stellten, wurde  er gewöhnlich verweigert.)

Das Gemeindeamt wurde nicht erweitert. Theoretisch sind Araber berechtigt, bei den Gemeindewahlen ihre Stimme abzugeben, aber nur wenige taten dies – aus denselben Gründen.  Praktisch blieb Ost-Jerusalem ein besetztes Gebiet.

Der Bürgermeister Teddy Kollek wurde zwei Jahre vor der Annexion gewählt.  Eine seiner ersten Aktionen danach war, dass er das ganze marokkanische Viertel neben der Klagemauer abreißen ließ und so einen großen leeren Platz schuf, der einem Parkplatz ähnlich sah; die Bewohner, alles arme Leute, wurden innerhalb weniger Stunden vertrieben.

ABER KOLLEK  war ein Genie, was public relations betraf. Er knüpfte anscheinend freundliche Beziehungen mit arabischen  bekannten Notablen, führte sie mit ausländischen Besuchern zusammen und schuf so den allgemeinen Eindruck von Frieden und Zufriedenheit. Kollek baute mehr neue israelische  Stadtteile auf arabischem Land als jede andere Person im Land. Doch dieser Meister des Siedlungswesens  sammelte fast alle Friedenspreise der Welt außer dem Friedens-Nobelpreis. Ost-Jerusalem blieb ruhig.

Nur wenige kannten eine geheime Direktive von Kollek: er instruierte alle Gemeinde-Behörden, darauf zu achten, dass die arabische Bevölkerung – damals 27%  — nicht diese Grenze überschritt.

KOLLEK WURDE  geschickt von Moshe Dajan, dem damaligen Verteidigungsminister, unterstützt.  Dajan glaubte,  dass, wenn er den Palästinensern alle möglichen Vergünstigungen gäbe,  außer der Freiheit,  sie sich ruhig verhalten würden.

Ein paar Tage nach der Besetzung Ost-Jerusalems nahm er die israelische Flagge, die von Soldaten  vor dem Felsendom auf dem Tempelplatz gehisst  worden war, weg.  Dajan gab auch  die de facto Autorität des Tempelberges den muslimisch religiösen Behörden.

Juden  war es erlaubt, nur  in kleinen Gruppen und nur als ruhige Besucher auf dem Tempelplatz zu sein. Es war ihnen verboten, dort zu beten; sie  wurden  zwangsweise entfernt, wenn sie ihre Lippen bewegten. Sie konnten schließlich  an der anschließenden Westmauer, die ein Teil der antiken Stützmauer des Tempelplatzes war, nach Herzenslust beten.

Die Regierung war  wegen einer kuriosen religiösen Tatsache in der Lage, diesen Erlass zu geben: Orthodoxen Juden war es von den Rabbinern verboten, den Tempelplatz  als Ganzes  zu betreten. Nach einer biblischen Vorschrift ist es gewöhnlichen Juden nicht erlaubt, das  Allerheiligste zu betreten. Da heute keiner weiß, wo genau dieser Ort war, betreten fromme Juden den ganzen Platz nicht.

ALS FOLGE davon waren die ersten paar Jahre der Besatzung für Ost-Jerusalem eine glückliche Zeit. Juden und Araber  bewegten sich frei. Es war für Juden üblich, im bunten  arabischen Markt einzukaufen und in den orientalischen Restaurants zu speisen. Ich blieb oft in arabischen Hotels und freundete mich mit einer Anzahl Arabern an.

Ganz langsam veränderte sich die  Atmosphäre. Die Regierung und das Gemeindeamt gaben viel Geld aus, um Westjerusalem zu verbessern, aber die arabischen Stadtteile in Ost-Jerusalem wurden vernachlässigt und wurden so zu Slums.  Die lokale Infrastruktur und städtischen Dienste verfiel. Arabern wurde fast keine Baugenehmigung gegeben, um die junge Generation zu zwingen, sich außerhalb der Stadtgrenzen anzusiedeln. Als die Trennungsmauer gebaut wurde,  wurde diesen sogar verboten, die Stadt zu betreten und schnitt sie so von ihren Schulen und Arbeitsstellen ab. Doch trotz allem wuchs die arabische Bevölkerung  und überschritt die 40%.

Die politische Unterdrückung wurde immer stärker. Nach dem Oslo-Abkommen wurde den Jerusalemer Arabern erlaubt, für die palästinensische Behörde ihre Stimme abzugeben. Aber dann wurden sie  daran gehindert, dies zu tun; ihre Vertreter wurden verhaftet und aus der Stadt vertrieben. Alle palästinensischen Institutionen wurden zwangsweise geschlossen, einschließlich des berühmten Orienthauses, wo der viel bewunderte und geliebte Führer der Jerusalemer Araber, der verstorbene Faisal al-Husseini, seinen Amtssitz hatte.

Kollek wurde von Ehud Olmert und einem orthodoxen Bürgermeister abgelöst, der sich einen Teufel um Ost-Jerusalem kümmerte, abgesehen vom Tempelberg.

Und dann geschah ein zusätzliches Disaster. Säkulare Israelis  verlassen die Stadt, die sehr schnell zu einer orthodoxen Bastion wird. Aus Verzweiflung entschieden sie sich, den orthodoxen Bürgermeister  abzusetzen und einen säkularen Geschäftsmann  zu wählen. Leider ist er ein fanatischer Ultra-Nationalist.

NIR BARKAT  benimmt sich wie der Bürgermeister von West-Jerusalem und der militärische Gouverneur  von Ost-Jerusalem. Er behandelt seine palästinensischen Untertanen wie Feinde, die toleriert werden, solange sie sich ruhig verhalten und unterdrückt sie brutal, wenn sie das nicht tun.

Zusammen mit den seit Jahrzehnten vernachlässigten arabischen Stadtteilen, dem beschleunigten Tempo des Bauens von neuen jüdischen Stadtteilen, der maßlosen  Polizei-Brutalität ( offen vom Bürgermeister ermutigt)  – alles zusammen schafft eine explosive Situation.

Die totale Trennung Jerusalems von der Westbank, seinem natürlichen Hinterland, verschlimmert die Situation noch mehr.

Dem kann noch die Beendigung des sog. Friedensprozesses hinzugefügt werden, zumal  alle Palästinenser davon überzeugt sind, dass Ost-Jerusalem die Hauptstadt des zukünftigen Staates Palästina werden muss.

DIESE SITUATION brauchte nur noch einen Funken, um die Stadt zu entzünden. Er   wurde rechtzeitig von den Demagogen des rechten Flügels in der Knesset geliefert. Um Aufmerksamkeit und  Popularität wetteifernd, begannen sie, den Tempelberg zu besuchen, einer nach dem andern, und jedes Mal lösten sie einen Sturm aus. Dem  muss noch der offensichtliche Wunsch von gewissen religiösen Fanatikern des rechten Flügels hinzugefügt werden: den dritten Tempel anstelle der heiligen Al-Aqsa -Moschee und des Felsendoms zu bauen. Dies war genug, um den Glauben zu schaffen, dass die Heiligen Schreine in Gefahr seien.

Dann kam der  grauenhafte Rachemord an einem arabischen Jugendlichen, der von Juden entführt und lebendig verbrannt wurde, indem ihm Benzin in den Mund geschüttet wurde.

Einzelne moslemische Einwohner der Stadt begannen zu handeln; sie verachteten Organisationen, fast ohne Waffen begannen sie eine Reihe von Angriffen, die nun die „Intifada der Individuen“ genannt wird. Sie handelten allein oder mit einem Bruder oder  Cousin, dem sie vertrauten. Ein Araber nimmt ein Messer oder einen Revolver (falls er einen erhält) oder seinen Wagen oder Traktor und tötet die nächsten Israelis. Er weiß, dass er sterben wird.

Die beiden Cousins, die in dieser Woche in einer Synagoge vier Juden – und einen arabisch-drusischen Polizisten töteten – wussten dies. Sie wussten auch, dass ihre  Familien würden leiden müssen, dass ihr Haus zerstört werden wird, ihre Verwandten verhaftet.  Das hielt sie nicht von der Tat ab. Die Moscheen  waren wichtiger.

Überdies wurde  ein Tag zuvor  ein arabischer Busfahrer in seinem Bus aufgehängt vorgefunden. Gemäß der Polizei bewies die Autopsie,  er habe Selbstmord begangen. Ein arabischer Pathologe  folgerte, er sei ermordet worden. Kein Araber glaubt der Polizei – die Araber sind davon überzeugt, dass die Polizei immer lügt.

Unmittelbar nach dem Mord in der Synagoge machte sich der israelische Chor der Politiker und Kommentatoren auf, zu handeln. Sie taten dies mit einer erstaunlichen Einmütigkeit – Minister, Knesset-Mitglieder, Ex-Generäle, Journalisten wiederholten mit leichter Variation dieselbe Botschaft. Der Grund dafür ist einfach: das Büro des Ministerpräsidenten schickt jeden Tag eine „Seite mit Botschaften“ hinaus und unterrichtet so alle Teile der Propagandamaschinerie, was zu sagen ist.

Dieses Mal lautete die Botschaft, Mahmoud Abbas sei an allem schuld, „ein Terrorist im Anzug“, der Führer, dessen Hetze die neue Intifada verursacht.  Es macht nichts, dass der Chef des Shin Bet noch am selben Tag sagte, Abbas  habe weder offen noch verdeckt  Verbindungen zu der Gewalt.

Benjamin Netanjahu stand den Kameras  mit einem feierlichen Gesicht und gefasster Stimme gegenüber – er ist ein wirklich guter Schauspieler  – und wiederholte , was er schon viele Male vorher gesagt hatte, jedes Mal gab er vor,  dies sei ein neues Rezept: mehr Polizei, härtere Strafen, Zerstörung der Häuser, Verhaftungen  und hohe Geldstrafen  für Eltern von 13-Jährigen, die Steine werfen  und so weiter.

Jeder Experte weiß, dass die Folge solcher Maßnahmen genau das Gegenteil erreichen  wird. Mehr Araber werden in Wut gebracht und  greifen israelische Männer und Frauen an. Israelis werden natürlich „Rache nehmen“ und „das Gesetz in ihre eigenen Hände nehmen.“

Für Bewohner wie Touristen ist das Gehen durch Jerusalems Straßen – in der Stadt, in der man „zusammen kommt“  – zu einem riskanten Abenteuer  geworden. Viele bleiben zu Hause.

Die unheilige Stadt ist geteilter als je zuvor.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Kommt ISIS

Erstellt von Gast-Autor am 28. Dezember 2014

Kommt ISIS

Autor Uri Avnery

FALLS ISIS sich in dieser  Woche Israels Grenzen genähert hätte, niemand hätte es bemerkt. Israel war  von einem Justizdrama gefesselt.

Im Jerusalemer Distrikt-Gericht stand der frühere Ministerpräsident Ehud Olmert seiner  ehemaligen Sekretärin, Schula Saken, gegenüber. Keiner konnte  seine Augen von ihnen abwenden. Es war der Stoff, aus dem die Fernseh-Seifenopern gemacht sind.

SCHULA WAR ein 17jähriges  Jerusalemer Mädchen, als sie Ehud das erste Mal traf. Er war ein  junger Advokat, sie war eine neue Sekretärin im selben Büro.

Seitdem, seit mehr als 40 Jahren, war Schula Ehuds Schatten, eine sehr treue Sekretärin, die ihrem ehrgeizigen  Chef von Station zu Station folgte – Bürgermeister von Jerusalem,  dann israelischer  Handelsminister und schließlich Ministerpräsident. Sie war seine engste Mitarbeiterin, seine Vertraute, alles.

Und dann ging alles in die Luft. Olmert wurde verschiedener großer Korruptionsaffären angeklagt und wurde gezwungen, zurückzutreten. Seit Jahren  ist er jetzt wie ein festes Inventar in den Gerichtsräumen und  beim TV  Justizberichte geworden. Schula Saken, jetzt 57 Jahre alt. eher eine  beleibte, beherzte Matrone, ist seine Mit-Angeklagte. Sie unterstützte ihn durch dick und dünn, bis er in seiner Zeugenaussage alle Schuld auf sie legte. Schula wurde für 11 Monate ins Gefängnis gesteckt. Ehud wurde (wieder)  entlassen.

Dies war der Wendepunkt. Es stellte sich heraus, dass die treue Sekretärin jahrelang die privaten Gespräche ihres Chefs mit ihr aufgenommen hatte.  Sie behauptet, dass sie nicht leben könne, ohne jederzeit seine Stimme zu hören. Andere  sahen darin eine Art Lebensversicherung.

Und tatsächlich nachdem Schula in dieser Woche ein  Abkommen mit der Anklagevertretung  gemacht hatte, hörte sich das Gericht eine ganze Menge von Aufnahmen an, die Olmert für Jahre ins Gefängnis bringen können.

Das Drama zwischen den beiden Personen war unwiderstehlich. Es   stand vor allen anderen Nachrichten und wischte fast alles andere vom Tisch. Aber wenige beschäftigten sich mit der realen Bedeutung der Affäre.

Die Berichte zeigten auf der höchsten Ebene der Regierung  eine völlig von Korruption durchzogene Atmosphäre.  Große  Bestechungssummen kursierten  als Selbstverständlichkeit. Die Beziehung zwischen den Magnaten und dem Ministerpräsident war so intim, dass Olmert  jeden Magnat per Telefon bitten konnte, Zehntausende Dollar an seine Sekretärin zu zahlen  für sein persönliches Luxusleben  und dann für ihr Schweigen.

Die Berichte zeigen nicht, was die Ultrareichen dafür bekamen. Man kann nur raten.

Es sieht so aus, als ob dieselbe Symbiose zwischen den Spitzenpolitikern und den  „Wealthies“, (das amerikanische Synonym für „stinkreich“) in den USA herrscht. Auch in dieser Hinsicht wächst die Ähnlichkeit der beiden Länder. Wir haben tatsächlich gemeinsame Werte – die Werte der winzigen Gruppe von Plutokraten, die die Spitzenpolitiker in beiden Ländern beschäftigen.

WÄHREND JEDER  auf die Gerichts-Szenen starrte,  wer beobachtete, was sich jenseits unserer Grenzen ereignete?

Vor etwa 2400 Jahren  waren die Gallier dabei, einen nächtlichen  Überraschungsangriff  auf Rom zu starten. Die Stadt wurde von den Gänsen  des Tempels auf dem Kapitolhügel gerettet; sie machten einen solchen Lärm mit ihrem Geschnatter, dass die Bevölkerung bei Zeiten aufwachte.

Wir haben keinen Tempel und keine Gänse, die uns warnen könnten, nur einige Nachrichtendienste mit einer gleichbleibenden  Höchstleistung von Misserfolgen.

ISIS  ist weit weg. Laut Netanjahu haben wir  Feinde in Hülle und Fülle, die viel näher sind: Hamas, Mamoud Abbas, „die Palästinenser“, „die Araber“, Hisbollah und  irgendwo  in der Ferne „die Bombe“ (d.h. im Iran).

Meiner Meinung nach, ist keiner davon eine existentielle Gefahr für uns. ISIS ist es.

WIE ICH schon früher sagte, soll ISIS („der islamische Staat“)  keine militärische Gefahr darstellen. Die gegenwärtigen und vorherigen Generäle, die Israels Politik gestalten, können nur lachen, wenn diese Gefahr erwähnt wird. Ein paar zehntausend leicht bewaffnete Kämpfer gegen das riesige israelische  militärische Establishment Israels?  Lächeln, wenn diese Gefahr  erwähnt wird.

In der Tat, so ist es. In militärischer Sprache.

Die Israelis sind wie die Amerikaner praktische Leute. Sie erkennen die Macht der Ideen nicht an. Sie denken wie Stalin, der,  als er vor dem Papst gewarnt wurde, fragte: „Wie viele Divisionen  hat er?“

Es sind Ideen, die die Welt verändern. Wie jene des legendären Moses. Oder Jesus von Nazareth. Oder Mohammed. Oder Karl Marx. Wie viele Divisionen hatte Lenin, als er durch Deutschland in einem versiegelten Zug fuhr?

ISIS hat eine Idee, die über die Region hinweg sausen kann:  das tun, was Mohammed tat, das Kalifat wieder herzustellen, das von Spanien bis Indien herrschte, die künstlichen Grenzen wegzufegen, die die islamische Welt teilen, die erbärmlichen und korrupten arabischen Herrscher zu vertreiben, die Ungläubigen (einschließlich uns) zu  vernichten.

Für Millionen und Aber-millionen junger Muslime in ihren kraftlosen und verarmten erfolglosen  Staaten ist dies eine Idee, die ihren Rücken aufrichtet und ihre Brust schwellen lässt.

Ideen können nicht von Spionage-Drohnen  geknackt werden. Sie können nicht aus schweren Bombern vernichtet werden. Die amerikanische Überzeugung, dass man historische Probleme  durch Bombenangriffe lösen könne, ist eine primitive Illusion.

ES IST eine alte israelische Beschwerde, dass,  wann immer irgendetwas in unserer Region falsch läuft, Israel die Schuld gegeben wird. Denke an Sabra und Shatila.  Wie unser damaliger Stabschef erklärte: „Goyim töten Goyim, und den Juden wird die Schuld gegeben“.

Noch einmal. ISIS hat nichts mit uns zu tun. Es ist eine rein islamische Angelegenheit.  Aber viele Leute geben Israel die Schuld.

Doch dieses Mal ist die Vorwurf  nicht ohne Grund. Israel betrachtet  sich selbst als eine Insel in der Region, die berühmte „Villa im Dschungel“.  Doch das ist Wunschdenken. Israel liegt mitten in der Region – und ob wir es akzeptieren oder nicht: alles, was wir tun oder nicht tun, hat einen riesigen Einfluss auf  alle Länder rings um uns.

ISIS‘ erstaunliche Erfolge sind eine direkte Folge der allgemeinen Frustration und Demütigung, der sich eine neue arabische Generation  durch unsere militärische Überlegenheit gegenüber sieht. Die Unterdrückung der Palästinenser wird von jedem in der arabischen Welt gefühlt.

(Gestern sah ich zufällig im Fernsehen einen alten Saudi-Film über eine  Schülerin , die von ihrer Lehrerin dafür bestraft wurde, weil sie Fahrrad gefahren ist. Die Strafe war eine Geldstrafe „für unsere palästinensischen Brüder“.  Der Film hatte absolut nichts mit Palästina zu tun).

FALLS ISRAEL nicht existieren würde,  müsste ISIS  es erfinden.

In der Tat könnte jemand mit einer Wahnvostellung für  Verschwörungstheorien zu der Überzeugung gelangen, dass Benjamin Netanjahu und seine Lakaien geheime ISIS-Agenten seien. Gibt es eine andere vernünftige Erklärung für ihr Tun?

Es ist eine der Hauptgrundsätze von ISIS, dass der Kampf gegen Israel ein Religionskrieg sei, in dessen Zentrum  die Heiligen Stätten in Jerusalem sind.

Seit Monaten  hat eine Gruppe  jüdischer Zeloten in Jerusalem einen Sturm entfacht, in dem sie sich für den Bau eines dritten Tempels an Stelle der beiden islamischen heiligen  Bauten einsetzen, den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee. Diese Gruppe wird toleriert und sogar von der Polizei und der Regierung gefördert – und schafft tägliche Nachrichten.

Die heiligen Stätten (oder der „Tempelberg“) ist eine der sensibelsten Orte auf der Welt. Welcher vernünftige Mensch würde den Status Quo umstürzen und Juden erlauben, dort zu beten, und den politischen Konflikt in einen religiösen verwandeln, gerade wie es ISIS wünscht?

In diesen Tagen sind im annektierten Ost-Jerusalem täglich gewalttätige  Proteste. Die Regierung  hat gerade ein Gesetz verabschiedet, das erlaubt, Steine werfende palästinensische Teenagers müssen für neun Jahre ins Gefängnis. Das ist kein Tipfehler: Jahre, nicht Monate.

Der letzte  Gaza-Krieg hat die Gefühle in der ganzen arabischen Welt erregt. Die menschlichen und materiellen Verluste, an denen die palästinensische Bevölkerung litt, bleibt immens, wie auch die Wut in der ganzen Region. Wer gewinnt? ISIS.

Und so weiter. Ein ständiger Strom von Taten und Untaten bestimmt, dass die Palästinenser, alle Araber und die ganze muslimische Welt  sich aufregen. Nahrung für ISIS-Propaganda.

WARUM, UM Gottes willen, tun unsere Politiker dies? Weil sie  nur Politiker sind. Ihr einziges Interesse liegt  darin, die nächsten Wahlen zu gewinnen, die früher kommen könnten, als es das Gesetz fordert. Die Araber unten zu halten, ist  gängig. Und die traditionelle Verachtung für alles Arabische macht sie blind  für die ernsten Gefahren, die vor uns liegen.

ISIS mag der Beginn einer neuen Ära in unserer Region sein. Eine neue Ära macht eine neue Bewertung der Realität nötig. Die gestrigen Feinde werden die Freunde von heute und die Verbündeten von Morgen werden. Oder umgekehrt.

FALLS ISIS  jetzt  die vorrangig existentielle Gefahr für uns ist, müssen wir unsere Politik umfassend neu  beurteilen.

Nehmen wir die arabische Friedensinitiative. Seit Jahren  hat sie herumgelegen, wie ein weggeworfenes  Butterbrot-Papier.  Sie sagt, dass die ganze arabische Welt bereit sei, Israel anzuerkennen und normale Beziehungen mit ihm knüpfe, als Gegenleistung  für das Ende der Besatzung und  ein umfassendes israelisch-palästinensisches Friedensabkommen. Unsere Regierung hat nicht einmal darauf  geantwortet. Die Besatzung und die Siedlungen sind wichtiger.

Hat das Sinn?  Frieden mit Palästina auf der Basis einer panarabischen Initiative würde viel Wind aus den ISIS-Segeln nehmen.

Wenn ISIS jetzt unser Hauptfeind ist, werden die vorgestrigen Feinde  mögliche Verbündete. Selbst der widerwärtige Bashar al Assad. Zweifellos der Iran, Hisbollah und die Hamas. Israel muss seine Einstellung gegenüber all diesen neu überdenken.

Als die mongolische Invasion  1258 den Irak zerstörte und drohte, die ganze Region zu erobern, öffnete der Kreuzfahrerstaat seine Tore   und ließ die muslimische Armee passieren und nach  Ein Jalud im Jesreeltal marschieren, wo sie die Mongolen  in einer Schlacht vernichteten, was die Geschichte veränderte.

NUR EIN Israel, das mit Palästina Frieden schließt, kann sich einer neuen regionalen Ausrichtung anschließen, um ISIS gegenüber zu treten, bevor es die ganze Region verschlingt. Dies ist eine Sache des Überlebens.

Ein großer israelischer Staatsmann würde die historische Herausforderung  und die historische Gelegenheit wahrnehmen – und sie ergreifen. Leider ist kein großer israelischer Staatsmann in Sicht. Nur die kleinen Netanjahus, die nun mit der Geschichte von Ehud und Schula vernietet sind.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Schottland am Euphrat

Erstellt von Gast-Autor am 12. Oktober 2014

Schottland am Euphrat

ZWEI LÄNDER  wetteiferten in dieser Woche um den ersten Platz in den Nachrichten der Welt: Schottland und der islamische Staat   im Irak und in Syrien.Es könnte keinen größeren Unterschied  als zwischen diesen beiden Ländern geben. Schottland ist feucht und warm. Der Irak ist trocken und heiß. Schottland wird nach seinem Whisky genannt (oder umgekehrt), während für die ISIS-Kämpfer, Alkohol zu trinken, ein Kennzeichen der Ungläubigen ist, die (buchstäblich) ihren Kopf verlieren sollen.

Doch gibt es einen  gemeinsamen Nenner  beider Krisen:  sie markieren das nahende Ableben des Nationalstaates.

MODERNER NATIONALISMUS wurde wie jede große Idee in der Geschichte aus einer neuen Art von Umständen geboren: wirtschaftlich, militärisch, geistig u.a., die ältere Formen  überholen ließen.

Ende des 17.Jahrhunderts konnten bestehende Staaten nicht länger  mit Forderungen zurechtkommen. Kleine Staaten waren zum Scheitern verurteilt. Die Wirtschaft verlangte einen sicheren inländischen Markt, der groß genug für die Entwicklung moderner Industrien ist. Neue Massenarmeen benötigten eine Basis, die stark genug war, um Soldaten zu versorgen und  moderne Waffen  zu bezahlen. Neue Ideologien  schufen neue Identitäten.

Die Bretagne und Korsika könnten nicht  unabhängig existieren. Sie müssten viel von ihrer getrennten Identität aufgeben müssen und sich dem großen und mächtigen französischen Staat anschließen, um zu überleben. Das Vereinigte Königreich, die Vereinigung der britischen Inseln unter einem schottischen König wurde zu einer Weltmacht. Andere folgten. Jeder nach seinem eigenen Tempo. Zionismus war ein später Versuch, dies nachzuahmen.

Der Prozess erreichte  Ende des 1.Weltkrieges seinen Höhepunkt, als Reiche wie das Ottomanische Kalifat und Österreich-Ungarn aus einander brachen. Kemal Atatürk, der das islamische Kalifat in einen türkischen Nationalstaat umwandelte, war vielleicht der letzte große Ideologe der nationalen Idee.

Aber zu dieser Zeit war diese Idee schon alt geworden. Die Realitäten, die sie geschaffen hat, änderten sich schnell. Wenn ich mich nicht irre, war es Gustave Le Bon, der französische Psychologe, der behauptete, dass vor hundert Jahren jede neue Idee, die von den Massen angenommen werde,  zu dieser  Zeit schon wieder überholt sei. Der Prozess verläuft folgendermaßen: Jemand hat eine neue Idee. Es braucht eine Generation, bis sie  von den Intellektuellen angenommen wird. Es ist eine weitere Generation nötig, damit die Intellektuellen die Massen lehren. Mit der Zeit bekommt sie Macht, doch die Umstände haben sich  schon wieder verändert, und eine neue Idee ist erforderlich.

Die Realitäten ändern sich viel schneller als der menschliche  Geist.

Nehmen wir den europäischen Nationalstaat. Als er seinen Endsieg nach dem  1.Weltkrieg erreichte, hatte sich die Welt schon wieder verändert. Die europäischen Armeen, die einander mit  Maschinengewehren niedermähten, standen jetzt Panzern und Kampfflugzeugen gegenüber. Die Wirtschaft verbreitete sich weltweit .Die Luftfahrt verkürzte  große Entfernungen. Die moderne Kommunikation machte aus der Welt ein „Weltdorf“.

1926 lud ein österreichischer Edelmann, Richard Coudenhove-Kalergy zu einem pan-europäischen Kongress ein. Während Adolf Hitler, ein hoffnungslos altmodischer Denker, versuchte, dem Kontinent den deutschen Nationalstaat aufzuzwingen, propagierte eine kleine Gruppe von Idealisten die Idee einer europäischen Union, die sich nach einem weiteren  fürchterlichen (2.) Weltkrieg verbreitete.

Diese Idee, jetzt noch in ihren Anfängen, wird allgemein akzeptiert, aber sie ist schon überholt. Die multinationale Wirtschaft, die sozialen Medien, der Kampf gegen tödliche Epidemien, die Bürgerkriege und Genozide, die Umweltgefahren bedrohen den ganzen Planeten – all dies macht eine Weltregierung dringend nötig – doch dies ist eine Idee, deren Verwirklichung noch sehr, sehr weit entfernt ist.

DIE ÜBERALTERUNG des Nationalstaates hat ein paradoxes Nebenprodukt geschaffen: den Aufbruch des Staates in immer kleinere Einheiten.

Während die Welt zu immer größeren politischen und wirtschaftlichen Einheiten tendiert, um Stärke zu gewinnen, fallen Nationalstaaten auseinander. In der ganzen Welt verlangen kleine Völker Unabhängigkeit.

Dies ist nicht so lächerlich, wie es aussieht. Der Nationalstaat entstand, weil die Realitäten Gesellschaften von wenigstens einer gewissen Größe und Stärke brauchten. Aber  jetzt  bewegen sich alle bedeutenden Funktionen der Staaten zu viel größeren Vereinigungen. Warum braucht Korsika da noch Frankreich? Warum die Basken Spanien? Warum  benötigt Quebec Kanada? Warum nicht in einem kleineren Staat leben mit Menschen wie du, der die gleiche natürliche Sprache spricht?

Die Tschechoslowakei ist friedlich auseinander gebrochen.  So auch Jugoslawien- allerdings nicht so friedlich. So geschah es mit Zypern, Serbien, dem Sudan – und natürlich der Sowjetunion.

(Nebenbei bemerkt, betrifft dies auch die Idee der sogenannten Ein-Staaten-Lösung für unser kleines (? Ü) Problem in Israel/Palästina. Während der letzten drei Generationen hat die Welt nicht ein einziges Beispiel von zwei verschiedenen Völkern gesehen, die freiwillig zusammen in einem Staat leben wollen.)

Das schottische Referendum ist  eines der Eröffnungsszenen dieser neuen Epoche. Die Befürworter der Unabhängigkeit versprachen, dass Schottland sich der europäischen Union und der NATO anschließen könnte und vielleicht auch den Euro adoptieren würde. Warum sollte Schottland in der britischen Zwangsjacke bleiben?  Schließlich beherrscht Britannien die Meere nicht mehr?

Die knappe Niederlage der schottischen Patrioten ändert nicht die Richtung der Entwicklung. Sie hält sie nur etwas auf.

NATIONALISMUS WAR eine europäische Idee.

Diese Idee streckte ihre Wurzeln nie  tief in die trocknen Felder der arabischen Welt. Selbst in den Hochzeiten des arabischen Nationalismus‘ war nie ganz klar, ob z.B. ein Damaszener sich selbst zuerst als Syrer oder als Muslim betrachtete, ob ein Beiruter sich zuerst als maronitischer Christ oder als Libanese ansah oder ob ein Kairoer sich zuerst als Ägypter, Araber oder als  Muslim fühlte.

Während des algerischen Unabhängigkeitskampfes beklagte sich einmal mir gegenüber ein zorniger Franzose vom politisch rechten Flügel: „ Bevor wir Nordafrika eroberten, war Algerien nie vereinigt! Wir schufen die algerische Nation!“ Er hatte ganz Recht, nur zog er die falschen Schlüsse. Genau dasselbe hörte ich viele Male von engagierten Zionisten über die palästinensische Nation.

Die modernen arabischen Nationen wurden von europäischen Kolonialherren erfunden. In letzter Zeit ist es Mode geworden, Mark Sykes und Georges Picot zu erwähnen, zwei mittelmäßige Bürokraten, der eine ein Engländer, der andere ein Franzose, die ein geheimes Abkommen zur Teilung des Ottomanischen Reiches beschlossen. Sie und ihre Nachfolger schufen die Staaten Syrien, den Irak, (Trans)Jordanien, Palästina etc.

Diese „Nationalstaaten“ waren  ausgesprochen künstlich. Die europäischen Planer hatten  gewöhnlich sehr wenige  Kenntnisse  der lokalen Umstände, Traditionen, Identitäten und der Kultur. Sie kümmerten sich auch nicht sehr darum. Der Irak mit seinen verschiedenen Komponenten wurde geschaffen,  britischen Interessen  zu dienen. Die seltsame östliche Grenze  des Jordan wurde für eine britische  Ölleitung von Mossul nach Haifa  gezogen. Der Libanon, als Heimat für die Christen gedacht, wurde angeschlossen und sollte auch  muslimisch sunnitische und schiitische Gebiete einschließen,  nur um es größer zu machen. Al-Sham (Syrien) wurde   Jordanien weg genommen, Palästina und der Libanon wurden zu Syrien.(Später verlor es auch Alexandria/Askenderun an die Türkei).

ALL DIESE imperialistischen Manipulationen widersprachen der muslimischen Geschichte und Tradition.

Jedes muslimische Kind lernt in der Schule von den großen muslimischen Reichen, die sich vom Norden Spaniens bis an die Grenze von Burma erstreckten, von den Toren Wiens bis  zum Süden von Jemen; es sollte dann einen Blick auf die Landkarte werfen, um dort die Mini-Länder wie Jordanien und den Libanon entdecken. Das ist demütigend.

Zuerst gab es Bemühungen, die Araber unter den Schirm des Nationalismus‘ zu vereinigen. Die Ba’ath-Partei  kämpfte (wenigstens theoretisch), um einen einzigen pan-arabischen Staat zu schaffen , und der Glaube wurde von dem Helden der Massen, dem ägyptischen Gamal Abd-al-Nasser, einem säkularen Militärdiktator, aufgenommen. Ein pan-arabischer Staat  hätte auch etwas mehr Gleichheit zwischen den reichen Ölstaaten wie Saudi-Arabien und den armen Ländern wie Ägypten  schaffen können. Nasserismus schuf eine neue Ideologie. Pan-arabischer Nationalismus wurde „Kaumi“, lokaler Patriotismus wurde „Wotani“ genannt. Die Gemeinschaft aller Muslime war die „Umma“.

(Dasselbe Wort „umma“ bedeutet im Hebräischen das Gegenteil: einer modernen Nation. Die Israelis  sind so verwirrt wie ihre Nachbarn. Wir müssen unsere Priorität wählen. Sind wir in erster Linie Juden, Hebräer oder Israelis? Was genau bedeutet „der Nationalstaat des jüdischen Volkes“, wie er von Benjamin Netanjahu propagiert wird?)

DIE RIESIGE Attraktion der  Bewegung, die sich jetzt „Islamischer Staat“ nennt,  ist es das, dass sie eine einfache Idee vorschlägt: weg mit all diesen verrückten Grenzen, die von westlichen Imperialisten für ihre eigenen Zwecke  gezogen wurden, und schaffen wir den klassischen  pan-muslimischen Staat: das Kalifat.

Dies scheint wie das Gegenteil des Aufbruchs der europäischen Staaten – aber es bedeutet dasselbe:  die totale Zurückweisung des Nationalstaates.

Als solches gehört er zur Vergangenheit und zur Zukunft.

Er  glorifiziert die Vergangenheit. Muhammed und seine  direkten Nachfolger („Kalif“ bedeutet Nachfolger)  sind als makellose Personen idealisiert worden, die Verkörperung aller Tugenden, die Besitzer göttlicher Weisheit.

Dies ist sehr weit von der historischen Wahrheit entfernt. Alle drei unmittelbaren Nachfolger des Propheten wurden ermordet. Wegen des Streites über die Nachfolge teilte sich der Islam in Sunniten und Schiiten und  blieb so bis zum heutigen Tag (und jetzt mehr denn je). Aber Mythen sind stärker als die Wahrheit.

Doch während sich diese an die Vergangenheit klammert, ist die Islamische Staatsbewegung (vorher ISIS, der islamische Staat des Irak und al-Sham) sehr modern. Mit einem Schlag reinigt sie den Tisch vom Nationalstaat und seinen Abkömmlingen. Sie hat eine klare und einfache Idee, die von Muslimen überall leicht verstanden wird.  Sie scheint weithin überzeugend zu sein.

DIE WESTLICHE Antwort ist  komischerweise  unangemessen.

Leute wie Barack Obama und John Kerry und ihre  entsprechenden Gegenstücke in ganz Europa sind fast unfähig, zu verstehen, worum es hier geht. Mit der traditionellen europäischen Verachtung für die „Eingeborenen“ sehen sie außer den köpfenden Terroristen nichts anderes. Sie scheinen wirklich zu glauben, eine revolutionäre neue Idee löschen zu können, indem sie mit arabischen Diktatoren und korrupten Politikern eine Koalition bilden, Rebellen bombardieren  und den Job beenden, indem sie lokale Kapitalisten beschäftigen.

Das ist ein lächerliches Missverständnis der neuen Realität. Bis jetzt hat  IS mit nur einer Handvoll fanatischer und grausamer Militanten riesige Gebiete erobert.

WAS IST die Antwort?

Offen gesagt: ich weiß es nicht. Aber der erste Schritt für den Westen als auch für die Israelis wäre, ihre Arroganz abzuwerfen und zu versuchen, das neue Phänomen, dem sie sich gegenüber sehen, zu verstehen.

Wir stehen nicht „Terroristen“ gegenüber – das magische Wort, das alle Probleme zu lösen scheint, ohne das Gehirn zu strapazieren. Sie stehen einem neuen Phänomen gegenüber.

Die Geschichte befindet sich im Prozess

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs. vom Verfasser  autorisiert)

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Hannibal ad Portas

Erstellt von Gast-Autor am 5. Oktober 2014

Hannibal ad Portas

DER LETZTE Krieg ist  beendet worden, der nächste hat noch nicht angefangen, nützen wir also die Zeit, um über andere Dinge zu sprechen.

 Von Hannibal zum Beispiel.  Hannibal? Der Mann mit den Elefanten?

Ja , genau der.

HANNIBAL, DER karthagensische Kommandeur, der als einer der militärischen Genies aller Zeiten angesehen wird, war ein Held in meiner Jugend.

Damals brauchten wir dringend  Nationalhelden. Antisemiten in der ganzen westlichen Welt  behaupteten, die Juden seien  von Natur aus Feiglinge  und Drückeberger, unfähig und unwillig wie Männer zu kämpfen.  Sie zählten ihren Profit, während andere für sie starben.

Als wir nach Helden suchten, fanden wir Hannibal. Karthago wurde von Flüchtlingen aus Tyros im Südlibanon gegründet, dessen Bewohner Kanaaniter waren und die einen Dialekt sprachen, der dem Hebräischen sehr nahe ist. Der Name Karthago kommt vom  hebräischen Keret Hadasha (Neue Stadt) und der Name Hani-Baal bedeutet Ba’al, der kanaanitische Gott hat ihn gegeben – das ist mehr oder weniger derselbe Name wie Netanjahu – Jahu, kurz für Jahwe . so wie auf Griechisch  Theodor, der Vorname von Herzl.

Wer könnte unserm Herzen näher sein, als dieser große Kämpfer, der seine Armee mit seinen  Dutzenden  Elefanten über die Alpen nach Norditalien führte, der seine Befehle auf Hebräisch gab?  Sogar die mächtigen Römer  wurden blass, als sie den Ruf hörten „Hannibal ad portas!“ (Hannibal nahe den Stadttoren; oft wird dies falsch zitiert „ante portas“).

Einer der größten zionistischen Dichter, Shaul Tschernichovsky, der Übersetzer von Homers Odyssee, bestätigte  unsere ethnische Nähe zu den Karthagern und erzählte uns, sie wären die größte maritime Macht im Mittelmeerraum noch vor den Griechen  gewesen. Wir waren stolz auf sie.

IN EINER seltsamen Weise kam Hannibal  im letzten Gaza-Krieg vor. Nicht, dass einer unserer Kommandeure ein modernes Genie wäre. Weit  entfernt davon. Aber irgendetwas, das die „Hannibal-Prozedur“ genannt wurde, war eines seiner schrecklichsten Phänomene.

Wer prägte den Terminus? Irgendein Offizier, mit einer Neigung für alte Geschichte? Oder nur ein gefühlloser Computer, derselbe, der diesen Krieg  „ festen Felsen“ nannte – während ein menschlicher Roboter ihm den englischen Namen   „Protective Edge“  „Fels in der Brandung“ gab?

Auf dem Höhepunkt des Kampfes in der Nähe der Stadt Rafah (Rafiah auf Hebräisch) an der ägyptischen Grenze stieß ein Trupp israelischer Soldaten auf Hamas-Soldaten  und die meisten von ihnen wurden getötet. Ein Israeli wurde von den Palästinensern in einen Tunnel gezogen. Der erste Eindruck war, dass er lebend gefangen wurde, vielleicht verletzt.

Die Prozedur Hannibal  ging in Aktion.

DIE PROZEDUR HANNIBAL ist  genau für solch eine Eventualität entworfen worden. Von all den Alpträumen  der israelischen Armee ist dieser einer der schlimmsten.

Hier ist eine Erklärung nötig. Im Krieg  kommen Soldaten in Gefangenschaft. Oft kann dies nicht vermieden werden. In Kampf-Situationen, in denen weiterer Widerstand sinnloser Selbstmord  wäre, heben Soldaten ihre Hände.

Im Mittelalter wurden Gefangene oft für Lösegeld frei gegeben. Für Offiziere und politische Führer war das eine willkommene Einkommensquelle, ein guter Grund, um lebende und intakte Gefangene zu machen.  In moderneren Zeiten, nachdem die Kriegsgesetze in Kraft traten, werden Gefangene nach dem Krieg ausgetauscht.

Während des 2. Weltkrieges fielen viele jüdische Soldaten aus Palästina, die sich freiwillig für die britische Armee gemeldet hatten, in deutsche Gefangenschaft. Überraschenderweise wurden sie wie alle anderen britischen Kriegsgefangenen behandelt, und als alles vorbei war, sicher nach Hause entlassen.

Es gibt nichts Unehrenhaftes, gefangen genommen zu werden.  Es stimmt, dass Stalin eine  Menge von zurückkehrenden Sowjetsoldaten in Straflager nach Sibirien steckte, aber nicht, weil sie unehrenhaft waren, sondern weil er Angst hatte, sie  seien  von kapitalistischen Ideen angesteckt worden.

WARUM  ALSO sind wir anders?

Das jüdische Ethos ist ganz  eindeutig in dieser Sache. Die „Erlösung Gefangener“ ist ein Hauptgebot der jüdischen Religion.

An der Wurzel  dieser moralischen Order steht die alte Phrase „(die Leute von) Israel  sind füreinander verantwortlich.“ Jeder Jude ist für das Überleben jedes anderen Juden verantwortlich.

Das musste  buchstäblich genommen werden. Wenn ein Jude aus Alexandria  von türkischen Piraten gefangen genommen wurde, dann waren jüdische Kaufleute – sagen wir mal – aus Amsterdam – verpflichtet, das Lösegeld zu zahlen, damit er entlassen werde. Dies ist tief im jüdischen Bewusstsein verwurzelt, sogar im Israel unserer Zeit.

Während der Kriege von 1948, 1956, 1967 und 1973, als die israelische Armee  gegen reguläre arabische Armeen kämpften, die von Europäern trainiert waren, wurden auf beiden Seiten Gefangene gemacht,  vernünftig und gut behandelt und nach dem  Krieg ausgetauscht. Aber als der israelisch-palästinensische Konflikt  „asymmetrisch“  wurde, wurden die Dinge komplizierter. Auf  der einen Seite eine reguläre Armee, auf der andern Seite bewaffnete Militante (alias Freiheitskämpfer  bzw. Terroristen).

Israel hält eine große Zahl palästinensischer Gefangener, einige  verurteilt,  andere in „Administrativhaft“ (d.h. nur unter Verdacht). Ihre Zahl variiert zwischen 5000 und 12 000. Einige sind politische Gefangene, einige aktive Mitglieder kämpfender Organisationen („Terroristen“). Einige  haben „Blut an ihren Händen“, was bedeutet, dass sie entweder selbst getötet haben oder den Tätern beim Verstecken geholfen oder sie mit Geld oder Waffen versorgt haben.

Für viele Palästinenser ist es eine heilige Pflicht, für sie die Entlassung zu bekommen. Für viele Israelis ist dies ein Verbrechen. Das Ergebnis: ständige Bemühungen der Palästinenser, einen lebenden Israeli zu fangen, um sie für diese Gefangenen auszutauschen.

Der Tarif geht ständig nach oben. Wenn Palästinenser ein Tausend ihrer Gefangenen für  einen Israeli zurück haben wollen, sind die Israelis wütend, aber auch geschmeichelt. Viele glauben, dass dieser Tarif fair ist, aber sie sind trotzdem  wütend. 1985 wurden drei israelische Soldaten von einer pro-syrisch-palästinensischen Organisation festgehalten und gegen 1150 palästinensische Gefangene ausgetauscht.

Bei  jedem solchen Vorfall sind Israelis zerrissen zwischen der Verpflichtung, „die Gefangenen zu „erlösen“, und der Entschlossenheit, „nicht mit Terroristen“ zu  verhandeln, und sich nicht erpressen zu lassen, besonders was Gefangene  „mit Blut an ihren Händen“ betrifft.

Die erste Wahl ist immer, israelische Gefangene mit Gewalt zu befreien. Dies ist ein sehr riskantes Unternehmen. Bei der folgenden Schießerei ist das Leben des Gefangenen in  Gefahr. Oft ist es unsicher, ob er vom Fänger oder den Befreiern getötet wurde.

Die israelischen Sportler, die 1973 während der Münchner Olympiade getötet wurden, wurden wahrscheinlich von der untrainierten bayrischen Polizei getötet.  Die Autopsie-Ergebnisse sind noch immer geheim. Dasselbe geschah einer israelischen Schulklasse in Ma’alot in Nordgaliläa, die von einer palästinensischen Guerillagrupe gefangen genommen wurde und bei einem Schusswechsel umkamen.

Bei der berühmten Entebbe-Operation war Ministerpräsident Jitzhak Rabin für einen Gefangenenaustausch, bis er von der Armee überzeugt wurde,  die Rettungsoperation habe eine sehr große Erfolgschance.

Das Dilemma erreichte seinen Höhepunkt mit der Gil‘ad Shalit-Affäre. Der Soldat wurde von Palästinensern gefangen genommen (gekidnapped in hebräischer Umgangssprache), die aus einem Grenztunnel auftauchten. (Unsere Armee zog aus dem Vorfall keine Schlüsse – bis zum letzten Krieg).

Shalit wurde fünf Jahre in Gefangenschaft gehalten. Die Armee, die verzweifelte Anstrengungen machte, sein  Gefangenenversteck zu entdecken, kam zu keinem Ergebnis, (glücklicherweise für Gilad, muss ich hinzufügen). Von Woche zu Woche wuchs der öffentliche Druck für einen Austausch, bis es politisch unerträglich wurde und Shalit gegen 2011 palästinensische Gefangene ausgetauscht wurde. Die Armee war wütend und verhaftete bei der erstbesten Gelegenheit all jene wieder, die entlassen worden waren.

Die letzte Runde von Verhandlungen, von John Kerry geleitet, brach zusammen, weil Netanjahu sich weigerte, die Palästinenser, die er vorher sich verpflichtet hat, zu entlassen.

Irgendwo auf dem Weg wurde die „Hannibal Prozedur“  eingerichtet.

DIESE ORDER gründet sich auf der Überzeugung, dass Gefangenenaustausch  – buchstäblich –  mit allen Mitteln verhindert werden muss.

In solchen Fällen sind die ersten paar Minuten entscheidend. Deshalb  legt „Hannibal“ die ganze Verantwortung auf den  Kommandeur vor Ort, auch wenn er nur ein Leutnant ist und keine Zeit hat, um nach Befehlen zu fragen.

Wenn Soldaten sehen, wie einer ihrer Kameraden weggezogen wird, müssen sie schießen und töten – selbst dann, wenn es fast sicher ist, dass ihr Kamerad auch getroffen wird. Der Befehl sagt nicht klar: „ Besser ein toter Soldat als ein gefangener Soldat“ – aber dies wird auf diese Weise  angedeutet und weithin so verstanden.

Falls die feindlichen Kämpfer  mit dem Gefangenen verschwinden, soll der ganze  Stadtteil  flach  gemacht werden, in der Hoffnung, dass diejenigen, die gefangen nahmen, sich in einem der Gebäude versteckt halten.

Auf dem Höhepunkt des Gazakrieges geschah genau dies. Eine israelische  Mannschaft fiel in einen Hinterhalt der Hamas. Alle Soldaten wurden getötet außer einem, der  wie  gesehen wurde, in einen Tunnel gezogen wurde. Mit der Annahme   er wäre gefangen worden, wurde die Armee wild, riss  eine Menge  Gebäude in Rafah  ohne Warnung zu Boden und schoss auf alles, was sich bewegte.

Am Ende war alles umsonst. Die Armee entschied, dass der Soldat schon tot war, als sein Körper gefangen genommen wurde. Jetzt verlangte man die Rückgabe  des Leichnams, um eine andere jüdische Pflicht zu erfüllen: den jüdischen Toten in ein jüdisches Grab zu legen.

WÄHREND UND nach dem Krieg hat dieser Vorfall zu einer wilden Debatte geführt. Warum – um Himmels willen – soll ein Soldat nicht in Gefangenschaft geraten? Ist ein lebendiger gefangener Soldat nicht besser als ein toter? Wenn für seine Rückkehr eine Anzahl von palästinensischen Gefangenen frei gelassen werden müssen? Na, und?

Dies ist eine ernste moralische Debatte, die an die Wurzeln des israelischen Ethos reicht.

David Ben Gurion schrieb einmal: „Lasst jede hebräische Mutter  wissen“, dass  sie ihren Sohn verantwortlichen Offizieren  übergibt.

Dank  Hannibal, mögen jetzt einige hebräische Mütter ernste Zweifel haben.

Was Hannibal selbst betrifft, frage ich mich, was er wohl darüber gedacht haben würde.

(Dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Gott will es!

Erstellt von Gast-Autor am 28. September 2014

Gott will es!

Autor Uri Avnery

SEIT SECHS  Jahrzehnten haben meine Freunde und ich unser Volk gewarnt:  wenn wir keinen Frieden mit  nationalistisch arabischen Kräften machen, werden wir uns mit den islamisch-arabischen Kräften auseinander setzen müssen.

Der israelisch-palästinensische Konflikt wird zu einem jüdisch –muslimischen Konflikt. Der nationale Krieg wird zu einem religiösen Krieg.

Nationale Konflikte sind grundsätzlich rational. Sie betreffen Land. Sie können gewöhnlich durch Kompromisse gelöst werden.

Religiöse Konflikte sind irrational. Jede Seite glaubt an die absolute Wahrheit und betrachtet automatisch  alle anderen als Ungläubige, als Feinde des einzig wahren Gottes.

Es kann keinen Kompromiss zwischen wahren Gläubigen geben, die glauben, dass sie für Gott kämpfen und ihre Befehle direkt vom Himmel erhalten: „Gott will es!“ schrien die Kreuzfahrer und schlachteten Muslime und Juden ab. „Allah ist der Größte!“ schreien   fanatische Muslime und köpfen ihre Feinde. „Wer ist wie DU unter den Göttern?“ schrien die Makkabäer und  vernichteten alle Mitjuden, die griechische Sitten angenommen hatten.

DIE ZIONISTISCHE Bewegung wurde nach dem Sieg der europäischen Aufklärung  von säkularisierten Juden geschaffen. Fast alle Gründer waren überzeugte Atheisten. Wir waren meistens bereit, religiöse Symbole zur Dekoration zu benützen, wurden aber klar von allen großen religiösen Weisen ihrer Zeit angeprangert.

Vor der Schaffung Israels war das zionistische Unternehmen in der Tat frei von religiösen Dogmen. Sogar heute reden extreme Zionisten noch über den „Nationalstaat des jüdischen Volkes“, nicht vom „religiösen Staat des jüdischen Glaubens“. Sogar für das „national-religiöse“ Lager, die Vorläufer der heutigen Siedler und Halb-Faschisten, war Religion dem nationalen Ziel untergeordnet – die Schaffung eines nationalen jüdischen Staates im ganzen Land zwischen Mittelmeer und dem Jordanfluss.

Diese nationale Offensive traf natürlich auf den resoluten Widerstand der arabischen Nationalbewegung. Nach einigem anfänglichen  Zögern wandten sich die arabischen Führer dagegen. Dieser Widerstand hatte sehr wenig mit Religion zu tun. Es stimmt, dass einige Zeit der palästinensische Widerstand vom Groß-Mufti von Jerusalem. Hadj Amin al- Husseini, geführt wurde, aber nicht wegen seiner religiösen Position, sondern weil er der Führer von Jerusalems aristokratischster Familie war.

Die arabische Nationalbewegung war immer entschieden säkular. Einige ihrer hervorragendsten Führer waren Christen. Die pan-arabische Ba’ath (Auferstehung)- Partei, die in Syrien wie im Irak dominierte, war von Christen gegründet worden.

Der große Held der arabischen Massen in jener Zeit war Gamal Abd-al-Nassar, obwohl formal gesehen Muslim, war er ganz areligiös. Yasser Arafat, der Führer der PLO, war privat ein frommer Muslim, aber unter seiner Führung blieb die PLO eine säkulare Körperschaft mit vielen christlichen Bestandteilen. Er sprach über die Befreiung von Ost-Jerusalems „Moscheen und Kirchen“. Eine Zeitlang war das offizielle Ziel der PLO in Palästina, einen „demokratischen und nicht-konfessionellen“ Staat zu gründen.

WAS IST geschehen? Wie verwandelte sich eine nationalistische Bewegung in eine gewalttätige, fanatisch- religiöse?

Karen Armstrong, eine Nonne, die Historikerin wurde, machte darauf aufmerksam, dass dasselbe praktisch gleichzeitig in allen drei Religionen geschah. In den US spielen evangelikale Christen  jetzt eine große Rolle in der Politik, in enger Zusammenarbeit mit dem jüdischen Establishment vom rechten Flügel . In der ganzen muslimischen Welt gewinnen die fundamentalistischen Bewegungen an Stärke. Und in Israel spielt ein jüdischer Fundamentalismus eine immer größere Rolle.

Wenn dieselbe Sache in so verschiedenen Ländern und Religionen geschieht, muss es doch eine gemeinsame Ursache geben. Was ist das?

Es ist einfach, über etwas Nebulöses zu reden, das auf Deutsch der  „Zeitgeist“ genannt wird, den Geist der Zeit, aber das erklärt sehr wenig.

In der muslimischen Welt hat der Bankrott des liberalen, säkularen Nationalismus‘ eine spirituelle Leere geschaffen, einen wirtschaftlichen Zusammenbruch und nationale Demütigung. Das glänzende Versprechen des Nasserismus‘ endete in der erbärmlichen Stagnation unter Hosny Mubarak. Die Baath-Diktatoren in Bagdad und Damaskus  versäumten, einen modernen Staat zu gründen. Die Militärs in Algerien und in der Türkei haben es nicht viel besser gemacht. Nach dem Sturz des gewählten demokratischen Führers Mohammed Mossadeq durch die westlichen Mächte, die hinter dem Öl her sind, konnte der glücklose Shah nicht die Leere füllen.

Und die ganze Zeit über war  der demütigende Anblick  Israels vorhanden, das von einer verachteten, kleinen, ausländischen Implantation zu einer großen Militär- und Wirtschaftsmacht wurde und  den Arabern immer leicht wieder Prügel verpasst.

Nach jeder neuen Niederlage fragen sich die Muslime selbst: Was ist falsch? Wenn der Nationalismus bei beidem versagt, im Frieden und im Krieg, wenn es beiden, dem Kapitalismus und dem Sozialismus, nicht gelingt, eine gesunde Wirtschaft zu schaffen; wenn es weder europäischem Humanismus noch sowjetischem Kommunismus gelungen war, die spirituelle Lücke zu füllen, wo ist dann die Lösung?

Die  donnernde Antwort kommt aus der Tiefe der Massen: „Der Islam ist die Antwort!“

DER LOGIK nach müsste es heißen: die israelische Antwort müsste das genaue Gegenteil sein.

Israel ist eine Erfolgsgeschichte.  Es  hat nicht nur eine mächtige Militärmaschinerie und  glaubwürdige nukleare Fähigkeiten, sondern ist eine technologische Macht und hat eine vergleichsweise gesunde wirtschaftliche Basis.

Aber messianischer Fundamentalismus, eng verbunden mit einem extremen Nationalismus, diktiert jetzt unsern Kurs.

Am Vorabend des letzten Krieges veröffentlichte der Kommandeur der Givati-Brigade eine Tagesorder  für seine Offiziere. Diese schockierte viele.

Die Givati-Brigade war im 1948er-Krieg  eine hervorragende Kampftruppe  (Ich war einer ihrer ursprünglichen Kämpfer und schrieb zwei Bücher darüber). Wir waren sehr stolz auf ihre Zusammensetzung. Die Kämpfer waren eine Mischung von Söhnen  der Tel-Aviv-Elite und der ärmsten umgebenden Slums – eine Mischung, die besonders erfolgreich war und dies in der Schlacht bewies.

Der Brigadekommandeur war ein früherer deutscher kommunistischer Untergrund –kämpfer unter den Nazis, der zum Zionismus konvertierte und  Mitglied eines Kibbuzes des linken Flügels wurde. Das waren die meisten seiner Stabsoffiziere. Ich kann mich nicht an ein einziges Mitglied der Brigade erinnern, das eine Kippa trug.

Man stelle sich unsern Schock vor, als der jetzige Brigadekommandeur zu einem heiligen Kampf aufrief, um Gottes Willen zu erfüllen.  Oberst Ofer Winter, der in  seiner Jugend eine religiös-militärische Schule besucht hatte, musste  seinen Soldaten am Abend vor der Schlacht folgendes sagen:

„Die Geschichte hat uns zur Speerspitze im Kampf gegen den Gaza-Terroristenfeind ausgewählt, der den Gott von Israels Schlachten  verschmäht und  verflucht …Ich hebe meine Augen auf zum Himmel und rufe mit euch: Höre, Israel, der Herr unser Gott, der Herr ist Einer! O Herr, der Gott Israels, lass uns auf unserm Weg Erfolg haben, da wir zum Kampf für Israel gegen einen Feind gehen, der deinen Namen verschmäht!“

Das offizielle Ziel der israelischen Armee bei dieser Kampagne war, die Grenze zu schützen und  die auf israelische Städte und Dörfer geworfenen Raketen zu stoppen. Aber das ist nicht das Ziel des Obersten. Er sandte seine Soldaten in die tödliche Schlacht (drei von ihnen starben) für den Gott Israels, gegen diejenigen, die seinen Namen verfluchen.

Wenn dieser Offizier der einzige religiöse Fanatiker in der Armee gewesen wäre, wäre das schon schlimm genug. Aber die Armee ist jetzt voll von Kippa tragenden Offizieren, die mit religiösem Eifer indoktriniert worden sind und nun ihre Soldaten im selben Geist indoktrinieren.

Die zionistisch-religiöse Partei und ihre fanatischen Rabbiner – viele von ihnen ausgesprochene Faschisten – sind seit Jahren bemüht, ihre Leute systematisch  in das Armee-Offizierskorps zu infiltrieren. Es ist ein Prozess der natürlichen Auswahl: Offiziere, die nicht gern in den besetzten Gebieten als Kolonialherren agieren, verlassen die Armee und werden hochtechnisierte Unternehmer, während messianische Fanatiker dorthin gesandt werden,  um ihren Platz auszufüllen .

Der Oberst  ist übrigens nicht getadelt  oder in irgendeiner Weise  zurecht gewiesen worden. Im Gegenteil. Er ist während des Krieges als  Vorbild eines Kampf-kommandeurs gelobt worden.

ALL DIES führt mich zu ISIS – dem islamischen Staat Irak und  al-Sham (Groß-Syrien), der  seinen Namen in „Islamischer Staat“ verändert hat. Die Veränderung bedeutet, dass die früheren Staaten, die von den westlichen Kolonisatoren nach dem 1. Weltkrieg geschaffen wurde, aufgehoben werden. Es wird einen islamischen Staat geben, der alle früheren und gegenwärtigen islamischen Gebiete einschließt, einschließlich Palästinas (und Israels).

Dies ist ein neues und erschreckendes Phänomen. Es gibt natürlich eine Menge islamistischer Parteien und Organisationen in der muslimischen Welt – von der türkischen Regierungspartei zur ägyptischen  Muslim-Bruderschaft bis zur palästinensischen Hamas. Aber fast alle beschränken  ihren Kampf auf ihre nationalen Länder  Türkei, Syrien, Palästina, Jemen. Sie wollen die Macht übernehmen und ihre Länder beherrschen. Sogar Osama bin Laden wollte vor allem sein Saudi-Heimatland übernehmen.

ISIS ist etwas ganz anderes. Es will alle Staaten zerstören, besonders die muslimischen Staaten, die von den westlichen Imperialisten auf dem islamischen Land aufgestellt wurden. Mit schrecklicher Grausamkeit,  das zum religiösen Symbol erhoben wird, hat sie sich auf den Weg gemacht, die muslimische Welt  und dann den Globus zu erobern.

Es mag lächerlich sein, wo doch das ganze Unternehmen nur aus ein paar Tausend Kämpfern besteht. Aber diese winzige Militärkraft hat schon einen riesigen Teil von Syrien und dem Irak erobert. Dies drückt das muslimische Verlangen der Wiederherstellung des alten Ruhmes, seines Hasses gegenüber all jenen (einschließlich uns), die den Islam gedemütigt haben,  also einen Durst nach geistigen Werten aus. Ich kann mir nicht helfen: es erinnert mich an den Beginn der Nazibewegung – ihre Wut, ihren Durst nach Rache, ihre Anziehungskraft auf all die Armen und Gedemütigten.

Es mag nur wenige Jahre dauern, um eine große Macht zu werden und all die Länder der Region zu bedrohen.

BEDROHT ES  Israel? Natürlich tut es das. Wenn seine Dynamik  anhält, wird es das Assad-Regime überwältigen und die israelische Grenze erreichen, wo andere islamische Rebellen in dieser Woche  schon die ersten paar Runden geschossen haben..

Mit solch einer Gefahr, die vom Norden droht, scheint es lächerlich gegen eine  winzig kleine islamische patriotische Bewegung in Gaza zu kämpfen – selbst wenn sie den Namen des Herrn verflucht.

Es mag sehr wenig Zeit übrigbleiben, um Frieden mit der arabischen  Nationalbewegung zu schließen, besonders mit dem palästinensischen Volk – einschließlich der PLO und der Hamas – und sich dem Kampf gegen den islamischen Staat anschließen.

Die Alternative ist furchterregend.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Krieg für nichts

Erstellt von Gast-Autor am 21. September 2014

Der Krieg für nichts

Autor Uri Avnery

NACH 50 TAGEN ist der Krieg  vorbei. Halleluja!

Auf der palästinensischen Seite: 2145 Tote, etwa 577 von ihnen Kinder, 263 Frauen, 102 alte Leute, 11 230 Verletzte, 3374 Kinder; 10 800 Gebäude zerstört, 7600 teilweise zerstört. ungefähr 40 000  Wohnungen beschädigt, 8000 teilweise  beschädigt. Unter den beschädigten Gebäuden : 277 Schulen, 10 Krankenhäuser, 70 Moscheen, 2 Kirchen. 4750 Kriegsvertriebene Auch  12 Westbankdemonstranten, meistens Kinder, die erschossen wurden.

Auf der israelischen Seite 70 Tote, unter ihnen 64 Soldaten, ein Kind.

Wozu also dieser Krieg? Die ehrliche Antwort ist:  für nichts.

Keine Seite wünschte ihn. Keine Seite begann ihn. Er geschah einfach so.

LASST UNS  die Ereignisse rekapitulieren, bevor sie vergessen sind:

Zwei junge Araber kidnappten drei junge israelische religiöse Studenten  nahe der Westbank-Stadt Hebron. Die Entführer gehörten zur Hamas-Bewegung, handelten aber aus eigenem Entschluss. Der Zweck war:  ihre Gefangenen  gegen palästinensische Gefangene auszutauschen. Gefangene befreien, ist jetzt der  größte Ehrgeiz eines jeden palästinensischen Militanten.

Die Entführer waren Amateure, und ihr Plan misslang von Anfang an. Sie gerieten in Panik, als ein Student sein Mobiltelefon benützte, und erschossen die Geiseln. Ganz Israel geriet in Aufruhr. Die Entführer sind noch nicht gefunden worden.

Die israelischen Sicherheitsdienste  nützten die Gelegenheit, einen vorbereiteten Plan zu erfüllen. Alle bekannten Hamas-Militanten der Westbank wurden wie auch all die früheren Gefangenen, die im Zusammenhang mit der Freilassung der israelischen Geisel Gilad Shalit, frei kamen, verhaftet. Für Hamas war dies die Verletzung eines Abkommens.

Die Hamas-Führung im Gazastreifen konnte nicht ruhig bleiben, während ihre Kameraden in der Westbank  ins Gefängnis kamen. Sie reagierten mit dem Abfeuern von Raketen auf israelische Städte und Dörfer.

Die israelische Regierung konnte sich nicht ruhig verhalten, während ihre Städte und Dörfer bombardiert wurden. Sie antwortete mit einem schweren Bombenangriff au den Gazastreifens aus der Luft.

Von da an war es nur ein endloser Blutrausch  von Tod und Zerstörung. Der Krieg schrie nach einem Zweck.

Hamas tat dann etwas, das meiner Meinung nach, ein großer Fehler war. Sie benützte einige der geheimen Tunnels, die sie unter dem Grenzzaun gebaut hatte, um israelische Ziele anzugreifen. Den Israelis wurde plötzlich diese Gefahr bewusst, die die Armee als unbedeutend angesehen hatte.

Der sinnlose Krieg bekam einen Sinn. Es wurde der Krieg gegen die Tunnels. Die Infanterie wurde in den Gazastreifen geschickt, um sie zu suchen und zu zerstören.

80 000 Soldaten  drangen in den Streifen ein.  Nachdem sie alle bekannten Tunnels zerstört hatten, hatten sie nichts mehr zu tun, außer herumzustehen und als Zielscheibe für den Tod zu dienen.

Der nächste logische Schritt wäre der gewesen sein, sich vorwärts zu bewegen       und den ganzen Gazastreifen  zu erobern: 45km lang und im Durchschnitt 6km breit mit 1,8 Millionen Einwohnern.  Vier- mal größer als Manhattan-Insel mit etwa derselben Anzahl von Bewohnern.

Aber die israelische Armee verabscheute die Idee, den Streifen zum dritten Mal zu erobern (nach 1956 und 1967). Als die Soldaten das letzte Mal den Streifen verließen, sangen sie („Goodbye Gaza auf Nimmerwiedersehen!“). Voraussagende Schätzungen  von Verlusten  waren hoch,  viel mehr als die israelische Gesellschaft zu erleiden bereit war, trotz all der patriotischen Übertreibung.

Der Krieg verkam zu einer Orgie von Töten und Zerstören, auf beiden Seiten „ein Tanz auf  Blut“, jede Bombe  und Rakete segnend, völlig apathisch gegenüber dem Leiden, das sie den Menschen auf der andern Seite  verursachten. Und immer noch ohne ein realisierbares Ziel.

WENN CLAUSEWITZ  Recht hatte, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln, dann müsste jeder Krieg ein klares politisches Ziel haben. Für Hamas war das Ziel klar und einfach: Aufhebung der Blockade von Gaza.

Für Israel gab es keines. Benjamin Netanjahu definierte sein Ziel:  „ Ruhe für  Ruhe“. Aber wir hatten sie, bevor alles anfing.

Einige seiner Kabinett-Kollegen verlangten, bis zum Ende zu gehen und den ganzen Gazastreifen zu besetzen. Das Armeekommando war dagegen, und man kann  keinen Krieg gegen die Wünsche des Armee-Kommandos führen. So stand also jeder herum und wartete auf Godot.

Was brachte nun das End- Abkommen der Feuerpause?

Beide Seiten waren erschöpft. Auf der israelischen Seite war es „der Strohhalm, der den Rücken des Kamels brach“, die schwierige Lage der Siedlungen rund um Gaza,  was man den „Gaza-Umschlag“ nannte. Unter dem unaufhörlichen  Sperrfeuer von Raketen aus kurzer Entfernung und – noch schlimmer – die Mörser- Granaten, die fast nichts kosten, ließen die Bewohner, meistens Kibbuz-Mitglieder, anfangen,  still sicherere Regionen aufzusuchen.

Das war  schon fast ein Sakrileg. Einer der Gründungsmythen Israels war im 1948erKrieg, in dem der Staat geboren wurde: die arabischen Dörfler und Städter rannten weg, wenn sie beschossen wurden,  während unsere Siedlungen  festblieben, selbst in der Mitte der Hölle.

Es war nicht ganz so. Mehrere Kibbuzim wurden auf Armee -Order hin evakuiert, wenn ihre Verteidigung unmöglich wurde. In mehreren andern wurden Frauen und Kinder weggeschickt, während Männern der Befehl gegeben wurde, zu bleiben und mit den Soldaten zu kämpfen. Aber im großen Ganzen standen israelische Siedlungen fest und kämpften.

Aber 1948 war ein ethnischer Krieg um Land. Evakuiertes Land war auf immer  (oder bis zum nächsten Krieg) verloren. Dieses Mal war die ganze Begründung anders.

LEBEN IM „Umschlag“ wurde unmöglich. Die Sirenen tönten mehrere Male innerhalb einer Stunde, und jeder hatte 15 Sekunden Zeit, einen Schutzraum aufzusuchen. Der Lärm um die Evakuierung wurde offen und laut. Hunderte von Familien zogen weg. Der Mythos wurde außer Acht gelassen, und die Regierung wurde gezwungen, eine Massenbewegung zu organisieren. Das sah nicht nach Sieg aus.

Die palästinensische Seite erlebte eine schreckliche Tortur. Über 400 000 Leute mussten ihre Wohnungen verlassen. Ganze Familien fanden Unterkunft in UN-Gebäuden, mehrere Familien in einem Raum oder in einer Ecke des Hofes, ohne Strom und mit sehr wenig Wasser, Mütter mit 6,7,8 Kindern. Und viele obdachlose Waisenkinder streunen nun  ziellos durch die Gegend. In unserm Kindergarten in Gaza sind 120 Flüchtlinge.

( Man stelle sich vor, was das bedeutet: eine Familie, arm oder reich, muss ihre Wohnung innerhalb von Minuten verlassen, sie ist nicht in der Lage, etwas mitzunehmen, keine Kleidung, kein Geld, keine Familienalben, sie können gerade die Kinder sammeln und rennen, während hinter ihnen das Haus in sich zusammenbricht. Die Arbeit eines ganzen Lebens und Erinnerungen sind in Sekunden zerstört. Die jungen Männer waren längst gegangen, sie lebten in geheimen Untergrundtunnels, die für den wichtigen Kampf vorbereitet waren.)

Es ist fast ein Wunder, dass unter diesen Bedingungen die Hamas-Regierung und die Kommandostruktur funktionierten.  Befehle kamen von  versteckten Führern zu versteckten Zellen; Kontakte wurden mit Führern im Ausland und zwischen verschiedenen Organisationen geknüpft, während Spion-Drohnen über ihnen flogen und jeden zivilen Führer oder Kommandeur, der sein Gesicht zeigte, tötete.

Nach der Aktion, bei der der  militärische Oberkommandeur Mohammad Daif getötet wurde (was nicht ganz sicher ist), fing Hamas an, die pal. Informanten zu erschießen, ohne die solche Aktionen unmöglich wären. (In meiner Zeit als Junior-Terroristen  taten wir dasselbe.)

Aber mit all ihrem bemerkenswerten Einfallsreichtum konnte die Hamas nicht auf immer gehen. Ihre großen Lager mit Raketen und Mörser-Granaten entleerten sich. Auch sie benötigten ein Ende.

Das Ergebnis? Klar ein Unentschieden. Aber, wie ich schon vorhersagte, wenn eine kleine Widerstandsorganisation  gegenüber einer der mächtigsten Militärmaschinerien der Welt ein Unentschieden erreicht, war es ein Grund zu feiern, wie sie es auch taten: am 50.Tag des Krieges für Nichts.

WAS VERLOREN beide Seiten?

Die Palästinenser haben riesige materielle Verluste. Tausende von Wohnungen wurden zerstört, um ihren Geist zu brechen. Einige mit magerem Vorwand, andere ohne irgendeinen. In den letzten Tagen zerstörte die Luftwaffe systematisch die luxuriösen Hochhäuser im Zentrum von Gaza.

Die palästinensischen menschlichen Verluste waren ebenfalls enorm. Die Israelis weinten keine Träne.

Auf der israelischen Seite waren die menschlichen und materiellen Verluste vergleichsweise klein.  Wirtschaftliche Verluste waren  bedeutsam, aber erträglich. Es sind die unsichtbaren Verluste, die zählen.

Die Delegitimation Israels in aller Welt nimmt zu. Millionen Menschen haben die täglichen Bilder aus Gaza gesehen, und bewusst oder unbewusst hat sich ihr Bild von Israel verändert. Für viele ist das „ tapfere kleine Land“ zu einem brutalen Monster geworden.

Antisemitismus nimmt in gefährlicher Weise zu, wird uns erzählt. Israel behauptet, der National-Staat des jüdischen Volkes zu sein, und die meisten Juden verteidigen Israel und identifizieren sich mit ihm.  Die neue Wut gegen Israel sieht manchmal wie der Antisemitismus  in alten Zeiten aus, und manchmal ist er es auch.

Wir wissen nicht, wie viele Juden  vom Antisemitismus nach Israel getrieben werden. Wir wissen auch nicht, wie viele Israelis von dem ewigen Krieg nach Deutschland, den USA oder Kanada getrieben werden

Man neigt dazu, den gefährlichsten Aspekt zu übersehen. Ein riesiger Hass ist in Gaza geschaffen worden. Wie viele der Kinder, die  wir mit ihren Müttern von ihren  Wohnungen wegrennen sahen, werden  „Terroristen“ von morgen  werden?

Millionen Kinder  in der ganzen arabischen Welt haben die Bilder gesehen, die täglich durch Aljazeera in die Wohnungen strahlten; und werden so bittere Hasser Israels. Aljazeera ist eine Weltmacht. Während seine  englischsprachige Version versuchte, moderat zu sein, hatte die arabische Version hatte keine  Bremsen – Stunde um Stunde brachte sie ihre Berichte und zeigte  die herzerbrechenden Bilder aus Gaza, die getöteten Kinder, die zerstörten Häuser.

Auf der andern Seite ist die generationenalte Feindschaft der arabischen Regierungen  gegen Israel gebrochen: Ägypten, Saudi-Arabien und alle Golfstaaten (außer Qatar) arbeiten jetzt offen mit Israel zusammen.

Kann dies politische Früchte in der Zukunft bringen? Es könnte, wenn unsere Regierung wirklich an Frieden interessiert wäre.

In Israel selbst hat der Faschismus seinen hässlichen und unverkennbaren Kopf emporgehoben. „Tod den Arabern“ und „Tod den Linken“ ist zu einem legitimen Schlachtruf geworden. Einige dieser widerlichen Wellen werden hoffentlich schwinden, aber einige werden wohl bleiben und zu einem regulären Charakterzug werden.

Netanjahus persönliches Schicksal ist  hinter Wolken verborgen. Während des Krieges stieg seine Popularität sehr. Jetzt ist sie im  freien Fall. Es genügt nicht, Reden über den Sieg zu halten. Der Sieg muss gesehen werden, wenn möglich ohne Mikroskop.

Krieg ist eine Sache der Macht. Die Fakten, die auf dem Schlachtfeld geschaffen  werden, spiegeln sich in den politischen Folgen wider. Wenn die Schlacht mit einem unentschieden endet, werden die politischen Folgen auch unentschieden sein. Über die Illusion des Sieges hat schon König Pyrrhus von Epirus gesagt: „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Metro Gaza

Erstellt von Gast-Autor am 8. September 2014

Metro Gaza

TEL AVIV hat keine Metro. Jahrzehntelang wurde darüber diskutiert. Auf einander folgende Bürgermeister haben sie versprochen. Leider , keine Metro.

Als die israelische Armee den Gazastreifen betrat und ein erstaunliches System von Untergrund-Tunnels vorfand, machte eine Idee die Runde: Warum nicht die Hamas einladen, um für Tel Aviv die Metro zu bauen. Sie haben  Übung, sind Experten,  kennen die Technologie, die Pläne und haben die Menschenkraft.

Aber dieser Krieg war kein Scherz. Er ist eine schreckliche Tragödie.

WER HAT nach 29 Tagen Kampf gesiegt?

Natürlich ist es viel zu früh  endgültige Schlüsse zu ziehen.  Die Feuerpause mag zusammenbrechen. Es wird Monate, ja, Jahre dauern, um alle Konsequenzen  zu erkennen. Aber die israelische  allgemeine Weisheit hat schon ihre eigenen  Schlussfolgerungen gezogen: es  ist ein Unentschieden.

Diese Schlussfolgerung ist an sich eine Art Wunder. Einen ganzen Monat lang sind die israelischen Bürger mit einem Wortschwall von Propaganda bombardiert worden. Täglich, stündlich wurden sie einem endlosen Strom von Gehirnwäsche ausgesetzt.

Die politischen und militärischen Führer diktierten ein Bild des Sieges. Panzern und Truppentransportern, die aus dem Gazastreifen kamen, ist befohlen worden, große Flaggen flattern zu lassen. Alle Fotos von  Truppen, die den Streifen verließen, zeigten  lächelnde Soldaten. (In meiner Phantasie sehe ich die Soldaten, wie sie für den Ausgang übten; der Oberfeldwebel  rief: „Du dort gemeiner Cohen, dein Lächeln ist nicht breit genug!“

Nach der offiziellen Linie hat unsere Armee alle ihre Ziele erreicht.  Mission erfüllt. Die Hamas ist geschlagen worden, wie es einer der treuen „Militär-Korrespondenten“ sagte: „Die Hamas krabbelt auf allen vieren zur Feuerpause!“

Es ist deshalb eine große Überraschung, dass bei der ersten Volksbefragung nach dem Kampf 51% der israelisch-jüdischen Öffentlichkeit antwortete, der Krieg endete mit einem Unentschieden. Nur 36% antworteten, wir haben gewonnen, während 6% glauben, die Hamas habe gesiegt.

WENN EINE Guerilla-Organisation mit höchstens 10 000 Kämpfern ein Unentschieden erreicht, und zwar mit einer der mächtigsten Armeen der Welt, die mit den allermodernsten Waffen  der Welt ausgerüstet ist, dann ist das eine Art Sieg.

Hamas hat nicht nur  während des Kampfes eine Menge Mut gezeigt, sondern auch überraschenden Einfallsreichtum beim Vorbereiten dieser Kampagne. Am allerletzten Tag stand sie noch aufrecht. Um das zu zeigen, warfen sie noch  fünf Minuten bevor die Feuerpause begann, Dutzende Raketen nach Israel hinein.

Die israelische Armee hat andrerseits  sehr wenig Phantasie gezeigt. Sie war ganz unvorbereitet für das Gewirr von Tunnels. Der überaus erfolgreiche „Eiserne Dom“  zur Verteidigung von Raketen wurde von Zivilisten erfunden und vor acht Jahren von einem zivilen Verteidigungsminister installiert – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Armee. Ohne diese Verteidigung würde der Krieg ganz anders ausgesehen haben.

Tatsächlich ist die Armee eine schwere, unhandliche, konservative Maschine geworden, wie ein Kommentator zu schreiben wagte. Sie folgte ihrer   bestehenden Routine, ohne spezielle Kräfte zu benützen. Ihre Routine war im Wesentlichen, die zivile Bevölkerung unter Beschuss zu haben und zu unterwerfen und so viele Tote  und so viel Zerstörung wie möglich zu verursachen und den Widerstand  so weit und so lang  wie möglich zu verhindern. In Israel weckten die Bilder des Todes und der Zerstörung kein Mitleid. Im Gegenteil. Die Leute waren stolz darauf.

Aber an Ende waren beide Seiten völlig erschöpft. Beide benötigten dringend die Feuerpause,

Für die israelische Führung war die einzige Alternative zum Rückzug die Eroberung des ganzen Gazastreifens. Dies hätte ihr ermöglicht, die Hamas physisch auszulöschen und ihre Infrastruktur aufzulösen. Aber die Armee  war streng dagegen und überzeugte auch die politische Führung.  Geschätzte 1000 israelische Soldaten wären getötet worden und der ganze Streifen wäre  in Ruinen verwandelt worden.

Vor 32 Jahren sah sich das  Begin-Sharon-Duo demselben Dilemma gegenüber. Die Eroberung von West-Beirut würde geschätzte 800 israelische Soldatenleben gekostet haben. Wie das  Netanjahu-Ya’alon-Duo jetzt entschieden sie dagegen.

Die israelische Gesellschaft wollte nicht so viele Todesfälle. Und der internationale Aufschrei gegen das zivile Gemetzel in Gaza würde zu viel gewesen sein.

Netanjahu tut also jetzt, was er niemals zu tun geschworen hat: er führt Verhandlungen mit der „verabscheuungswürdigen Terroristen-Organisation“ – Hamas.

ES GIBT eine psychische Erkrankung, die Paranoia vera genannt wird. Ihr Hauptsymptom: Der Patient har eine verrückte Annahme  (Die Erde ist flach; Kennedy  wurde von Außerirdischen getötet; die Juden regieren die Welt) und bauen ein ganzes logisches System darauf auf. Je logischer das System darum herum ist, umso kränker ist der Patient.

Israels augenblickliche Paranoia betrifft die Hamas. Die Annahme ist,  Hamas sei eine üble jihadistisch-terroristische Organisation, die darauf aus ist, Israel zu vernichten. .Wie ein Journalist es diese Woche ausdrückte: „Eine Bande von Psychopathen.“

Die ganze Politik Israels gründet sich auf diese Annahme. So war auch dieser Krieg.

Man kann  mit der Hamas nicht reden. Man kann  mit ihr keinen Frieden schließen. Man muss sie auslöschen.

Dieses dämonische Bild hat keine Verbindung mit der Realität.

Ich liebe die Hamas nicht. Im Allgemeinen  liebe ich  keine religiösen Parteien – nicht in Israel, nicht in der arabischen Welt, nirgendwo.  Ich würde nie für so eine Partei stimmen.

Aber die Hamas ist ein integraler Teil der palästinensischen Gesellschaft. Bei der letzten international überwachten palästinensischen Wahl hat sie die Mehrheit gewonnen.  Stimmt, sie hat im Gazastreifen  die Macht  mit Gewalt an sich gerissen, aber nur, nachdem sie eine klare Mehrheit bei der Wahl auch im Streifen gewonnen hatte.

Die Hamas ist nicht „Jihadistisch“ im Sinne der al-Qaida oder ISIS. Sie kämpft nicht für ein weltweites Kalifat. Sie ist eine palästinensische Partei, total der palästinensischen Sache verschrieben. Sie nennt sich selbst „der Widerstand“.  Sie legt der Bevölkerung keine religiösen Gesetze („Die Sharia“) auf.

Aber was ist mit der Charta der Hamas, die die Zerstörung des Staates Israels fordert und bösartige antisemitische Statements enthält?

Für mich ist dies frustrierend dejá vue. Die PLO hatte eine Charta, die auch die Zerstörung Israels enthielt. Dies tauchte endlos in der israelischen Propaganda auf.  Ein respektierter Professor und früherer militärischer Nachrichtendienstchef, Yehoshafat Harkavi, sprach jahrelang über nichts anderes. Erst nach dem Unterzeichnen des Oslo-Abkommens zwischen Israel und der PLO waren die relevanten Sätze dieses Dokumentes  offiziell gestrichen – und zwar in Gegenwart des Präsidenten Bill Clinton.

Wegen religiöser Einschränkungen kann die Hamas selbst kein Friedensabkommen unterschreiben. Aber wie religiöse Leute überall (besonders die Juden und Christen) hat sie Wege gefunden, um Gottes Gebote zu umgehen. Der Gründer von Hamas, der gelähmte Scheich Achmad Yassin (der die Charta  geschrieben hatte und von Israel ermordet wurde) schlug eine 30 Jahre dauernde  „Hudna“ vor. Eine Hudna ist eine  Waffenpause, die von Allah gesegnet ist und die bis zum Jüngsten Gericht verlängert werden kann.

Gush Shalom, die israelische Friedensorganisation, zu der ich gehöre, verlangte  als erste schon vor acht Jahren, dass unsere Regierung anfangen solle, mit der Hamas zu reden. Wir selbst hatten eine Reihe freundlicher Diskussionen mit mehreren Hamas-Führern.  Die augenblickliche Linie der Hamas ist  die, dass wenn Mahmoud Abbas  es gelänge, ein Friedensabkommen mit Israel zu unterzeichnen, würde Hamas dies akzeptieren – vorausgesetzt, es ist von einem Referendum ratifiziert worden.

Leider gibt es da wenig Hoffnung, dass Israel von dieser Paranoia bald geheilt wird.

NEHMEN WIR an, dass dieser Krieg wirklich vorüber ist, was wird bleiben?

Die Kriegshysterie, in die Israel während dieses Krieges versunken war, brachte eine ekelhafte Welle von Faschismus mit sich. Lynchmobs haben Araber in Jerusalem gejagt, Journalisten wie Gideon Levy benötigen Leibwächter, Universitätsprofessoren, die wagten, für den Frieden zu sprechen, wurden zensiert ( das könnte einen  weiteren  Boykott rechtfertigten, einen weltweiten akademischen Boykott, Künstler, die  vorsichtig Kritik übten, wurden entlassen).

Einige Leute glauben, dass dies ein Meilenstein im Verfall der israelischen Demokratie ist .Ich hoffe noch, dass die üble Welle sich zurückziehen wird. Aber etwas wird sicher bleiben. Faschismus ist vom Mainstream-Diskurs sanktioniert worden.

Ein Symptom des Faschismus‘ ist die Legende vom  „Messer im Rücken“ – Adolf Hitler verwendete sie auf dem Weg zur Macht. Unsere glorreiche Armee war kurz vor dem Sieg, als ein Kabale,  ein (jüdischer) Politiker,  ein Messer in ihren Rücken stieß. Man kann dies  schon jetzt in Israel hören. Die tapferen Soldaten hätten den ganzen Gazastreifen erobern können, wenn Netanjahu und seine Handlanger – der Verteidigungsminister und der  Stabschef – nicht den Befehl für einen schmachvollen Rückzug gegeben hätten.

Im Augenblick ist Netanjahu auf der Höhe seiner Volkstümlichkeit. Überwältigende 77% der jüdischen Bürger stimmten seiner Kriegsführung  zu. Aber dies kann sich über Nacht  ändern. Die Kritik, die jetzt flüsternd ausgedrückt wird – sogar in seiner eigenen Regierung –  mag nach draußen brechen/ nach außen dringen.

Am Ende mag Netanjahu  von denselben Superpatrioten verschlungen werden, die  er angeführt hat.

Die schrecklichen Bilder der Zerstörung und des Todes, die aus Gaza kommen, haben im Ausland einen tiefen, (bestürzenden) Eindruck gemacht. Sie können nicht einfach ausgelöscht werden. Ein anti-israelisches Gefühl wird bleiben, einiges davon  mit direktem Antisemitismus getönt. Israels (falsche) Behauptung, „ der Nationalstaat des jüdischen Volkes“ zu sein und die beinahe totale Identifizierung der Diasporajuden mit Israel wird unvermeidbar zur Anklage aller Juden für Israels Untaten führen.

Die Auswirkung auf die Araber ist bei weitem schlimmer. Für jedes getötete Kind, für jedes zerstörte Haus, werden sicher neue „Terroristen“ heranwachsen.

ES GIBT auch ein paar positive Folgen.

Dieser Krieg  hat vorübergehend eine unwahrscheinliche Koalition zwischen Israel, Ägypten, Saudi-Arabien und der Palästinensischen Behörde geschaffen.

Vor zwei Monaten war Abbas  noch der Prügelknabe von Netanjahu. Jetzt ist er der Liebling von Netanjahu und der israelischen öffentlichen Meinung. Gleichzeitig sind sich paradoxerweise  Abbas und Hamas  einander näher gekommen.

Dies könnte eine einzigartige Gelegenheit sein, einen ernsthaften Friedensprozess zu beginnen, und zwar als Folge der Lösung der Probleme des Gazastreifens.

Falls ….

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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80 Thesen für den Frieden

Erstellt von Gast-Autor am 24. August 2014

80 Thesen für ein neues Friedenslager,

Autor Uri Avnery

ein Entwurf von Gush Shalom

1. Der Friedensprozess ist zusammengebrochen – und hat einen großen Teil des israelischen Friedenslager mit sich gerissen.

2. Vorübergehende zufällige Umstände wie persönliche oder parteipolitische Querelen, Versäumnisse der Führung, politischer Egoismus, interne und globale politische Entwicklungen sind nur wie Schaum auf den Wellen. So wichtig sie sein mögen, so können sie den totalen Zusammenbruch nicht hinreichend erklären.

3. Die wahre Erklärung kann nur unter der Oberfläche gefunden werden, an den Wurzeln des historischen Konflikts zwischen den beiden Völkern.

4. Der Madrid-Oslo-Prozess scheiterte, weil beide Seiten versuchten, Ziele zu erreichen, die nicht mit einander in Einklang gebracht werden konnten.

5. Die Ziele jeder der beiden Seiten werden von ihren nationalen Grundinteressen her bestimmt, die von ihrer historischen Geschichtsauffassung, von ihren verschiedenen Ansichten über den 120 Jahre andauernden Konflikt geformt werden. Die national-israelische Geschichtsversion und die national-palästinensische Version derselben Geschichte ist im Ganzen als auch im Details gesehen völlig gegensätzlich.

6. Die Unterhändler und die Führung auf israelischer Seite verhandelten in völliger Unkenntnis der national-palästinensischen Geschichtsschreibung. Selbst wenn sie ernsthaft guten Willens waren, eine Lösung zu erreichen, waren ihre Bemühungen zum Scheitern verurteilt, da sie die nationalen Wünsche, Traumata, Befürchtungen und Hoffnungen des palästinensischen Volkes nicht verstehen konnten. Und obwohl es keine Symmetrie zwischen beiden Seiten gibt, war die palästinensische Haltung ähnlich.

7. Die Lösung eines so lange währenden historischen Konfliktes ist nur dann möglich, wenn jede Seite in der Lage ist, die nationale geistige Welt der andern Seite zu verstehen und wenn sie bereit ist, ihr gleichberechtigt zu begegnen. Eine gefühllose, herablassende, anmaßende Haltung schließt jede Möglichkeit einer einvernehmlichen Lösung aus.

8. Die Regierung von Barak, in die so viele Hoffnungen gesetzt worden war, war genau von dieser Haltung geprägt. Daher kam es zu der enormen Kluft zwischen anfänglichen Versprechen und den verhängnisvollen Ergebnissen.

9. Ein wichtiger Teil des alten Friedenslagers (auch die „Zionistische Linke“ genannt oder die „vernünftige Öffentlichkeit“) ist ähnlich geprägt und ist darum mit der Regierung, die sie unterstützte, zusammengebrochen.

10. Deshalb wäre die wichtigste Aufgabe eines neuen Friedenslagers, die falschen Mythen und die einseitige Sicht des Konfliktes aufzugeben. Das bedeutet nicht, dass die israelische Geschichtsauffassung automatisch zu verwerfen und die palästinensische, ohne sie zu hinterfragen, zu akzeptieren. Doch es erfordert, die Position des anderen im historischen Konflikt mit offenem Sinn anzuhören und zu verstehen, um die Kluft zwischen beiden nationalen Geschichtsauffassungen zu überbrücken.

11. Jeder andere Weg würde zu einer endlosen Fortsetzung des Konfliktes mit Perioden scheinbarer Ruhe und scheinbarer Versöhnung führen , doch häufig unterbrochen von Ausbrüchen gewaltätiger, feindseliger Aktionen zwischen den beiden Völkern und zwischen Israel und der arabischen Welt. Wenn man das Tempo der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen in Betracht zieht, können weitere Runden der Auseinandersetzungen zur Zerstörung aller Konfliktparteien führen.

Die Wurzel des Konflikts

12. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist die Fortsetzung des historischen Zusammenpralles zwischen der zionistischen Bewegung und dem palästinensisch-arabischen Volke, ein Zusammenprall, der am Ende des 19. Jahrhundert begann und nun beendet werden muss.

13. Die zionistische Bewegung war im wesentlichen eine jüdische Reaktion auf die nationalen Bewegungen in Europa, die alle den Juden gegenüber feindlich gesinnt waren. Nachdem sie von den europäischen Nationen abgelehnt worden waren, entschieden einige Juden, nach dem neuen europäischen Modell, sich selbst als eine eigene Nation zu statuieren und ihren eigenen Nationalstaat zu gründen, in dem sie Herr über ihr eigenes Schicksal sein könnten. Das Prinzip der Trennung, das die Basis der zionistischen Idee bildet, hatte später weitreichende Folgen. Das grundlegende zionistische Dogma, wonach eine Minorität , nach europäischem Modell, nicht in einem national homogenen Staat existieren könne, führte später zum praktischen Ausgrenzung der nationalen Minderheit im zionistischen Staat, der 50 Jahre später Wirklichkeit wurde..

14. Traditionelle und religiöse Gründe brachten die zionistische Bewegung nach Palästina (Hebräisch: Erez Israel ) und es wurde entschieden, in diesem Land einen jüdischen Staat zu gründen. Die Losung lautete: „ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“. Diese Losung wurde nicht nur aus Unkenntnis geprägt, sondern auch auf Grund der allgemeinen Arroganz gegenüber nicht-europäischen Völkern, die zu jener Zeit in Europa vorherrschte.

15. Palästina war nicht leer – weder zum Ende des 19. Jahrhunderts und noch zu irgend einer anderen Zeit. Zu jener Zeit lebte eine halbe Million Menschen in Palästina, 90% davon waren Araber. Diese Bevölkerung war natürlich gegen das Eindringen eines anderen Volkes in ihr Land.

16. Die arabische Nationalbewegung entstand fast gleichzeitig wie die zionistische Bewegung, anfänglich um gegen das türkisch-osmanische Reich und nach dessen Zerstörung am Ende des 1. Weltkrieges gegen die Kolonialmächte zu kämpfen. Eine eigene arabisch-palästinensische Nationalbewegung entwickelte sich im Land, nachdem die Briten einen eigenen Staat gegründet hatten, den sie Palästina nannten, und infolge des Kampfes gegen das Eindringen der Zionisten.

17. Seit Ende des 1. Weltkrieges gab es eine zunehmende Auseinandersetzung zwischen den beiden Nationalbewegungen, der jüdisch- zionistischen und der palästinensisch-arabischen, und beide trachteten danach, im selben Land ihr Ziel zu verfolgen – das den andern völlig außer acht ließ. Diese Situation blieb unverändert bis zum heutigen Tag.

18. Als in Europa sich die Verfolgung der Juden intensivierte und die Länder der Welt ihre Tore für jüdische Einwanderer, die dem Inferno zu entkommen versuchten, schlossen, gewann die zionistische Bewegung an Stärke. Der Holocaust, dem 6 Millionen Juden zum Opfer fielen, verlieh der zionistischen Forderung, nämlich die Errichtung des Staates Israel, moralische und politische Macht.

19. Das palästinensische Volk, das die Zunahme der jüdischen Bevölkerung in seinem Land beobachtete, konnte nicht einsehen, warum von ihm der Preis für die von Europäern an Juden begangenen Verbrechen gefordert wurde. Heftig wehrte es sich gegen weitere jüdische Einwanderung und gegen weiteren Landerwerb durch Juden.

20. Die totale Leugnung der nationalen Existenz des anderen durch beide Völker führte unvermeidlich zu einer falschen und verzerrten Wahrnehmung, die im kollektiven Bewußtsein beider tiefe Wurzeln schlug. Diese Wahrnehmung beeinflusst ihre Haltung zueinander bis auf den heutigen Tag.

21. Die Araber glaubten, dass die Juden vom westlichen Imperialismus in dies Land verpflanzt worden seien, um die arabische Welt zu unterwerfen und seine Bodenschätze zu kontrollieren. Diese Überzeugung wurde durch die Tatsache bestärkt, dass die zionistische Bewegung von Anfang an für eine Allianz mit wenigstens einer westlichen Macht anstrebte (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, die USA), um den Widerstand der Araber zu brechen. Das Ergebnis war eine praktische Zusammenarbeit und Interessengemeinschaft zwischen dem zionistischen Projekt und den imperialistischen und kolonialen Kräften, die sich gegen die arabische Nationalbewegung richteten.

22. Die Juden dagegen waren davon überzeugt, der arabische Widerstand gegenüber dem zionistischen Unternehmen – um die Juden aus den Flammen Europas zu retten – wäre die Folge der mörderischen Natur der Araber und des Islam. In ihren Augen waren die arabischen Kämpfer „Banditen“ und die Aufstände jener Zeit wurden Ausschreitungen genannt. (Tatsächlich war der extremste zionistische Führer Vladimir Zeev Jabotinsky in den 20er Jahren mit seiner Erkenntnis fast allein, dass der arabische Widerstand gegen das zionistische Vorhaben unvermeidbar war und normal. Von seinem Standpunkt aus war es sogar eine rechtmäßige Reaktion der „Eingeborenen“, die ihr Land gegen fremde Eindringlinge verteidigten. Jabotinsky erkannte auch die Tatsache an, dass die Araber im Land eine eigene nationale Entität waren und verspottete Versuche, die Führer anderer arabischer Länder zu bestechen, um dem palästinensisch-arabischen Widerstand ein Ende zu setzen. Jabotinskys Schlußfolgerung war dann aber, eine „Eiserne Wand“ gegen die Araber zu errichten und ihren Widerstand mit aller Gewalt zu brechen.)

23. Dieser totale Widerspruch in der Auffassung der Tatsachen hatte seine Wirkung auf alle Aspekte dieses Konfliktes. Zum Beispiel interpretierten die Juden ihren Kampf für „Jüdische Arbeit“ als einen fortschrittlichen sozialen Versuch, um aus einem Volk von Händlern und Spekulanten eines von Arbeitern und Bauern zumachen. Die Araber andrerseits sahen dies als einen verbrecherischen Versuch der Zionisten, sie zu enteignen, sie vom Arbeitsmarkt zu verdrängen und auf ihrem Land eine araberfreie eigene jüdische Wirtschaft zu schaffen.

24. Die Zionisten waren stolz auf „die Erlösung des Landes“. Sie hatten es zum vollen Wert erworben mit dem Geld, das Juden aus aller Welt gesammelt hatten. Die „Olim“ (die neuen Einwanderer, wörtlich Pilger), die in ihrem früheren Leben Intellektuelle und Kaufleute waren, verdienten jetzt ihren Lebensunterhalt im „Schweiße ihres Angesichtes“. Sie glaubten, dass sie all das mit friedlichen Mitteln erreicht hätten und ohne einen einzigen Araber zu enteignen. Für die Araber jedoch war es eine grausame Geschichte von Enteignung und Vertreibung. Die Juden erwarben Land von abwesenden arabischen Großgrundbesitzern und vertrieben gewaltsam dann die Fellachen, die seit Generationen auf und von diesem Land lebten. Zunächst ließen sich die Zionisten bei diesem Tun von der türkischen, dann von der britischen Polizei unterstützen. Die Araber mußten verzweifelt zusehen, wie ihnen ihr Land weggenommen wurde.

25. Gegen die zionistische Behauptung, erfolgreich „die Wüste in einen Garten verwandelt“ zu haben, zitierten die Araber Zeugnisse europäischer Reisender aus mehreren Jahrhunderten. Sie berichteten von einem Palästina, das besiedelt war und ein blühendes Land wie seine Nachbarländer.

Unabhängigkeit und Katastrophe

26. Der Kontrast der beiden nationalen Geschichtsauffassungen gipfelte im Krieg von 1948. Von den Juden wurde dieser „Unabhängigkeitskrieg“ oder gar „Befreiungskrieg“ genannt, von den Arabern „Nakba“, Katasrophe.

27. Mit der Zunahme des Konflikts in der Region, und unter der Nachwirkung des Holocaust entschieden die Vereinten Nationen, das Land in zwei Staaten zu teilen, einen jüdischen und einen arabischen. Jerusalem und seine Umgebung sollte einen Sonderstatus erhalten unter internationaler Aufsicht. Den Juden waren 55% des Landes einschließlich des dünn besiedelten Negev zugeteilt.

28. Die zionistische Bewegung akzeptierte den Teilungsplan, davon überzeugt, dass es das Wichtigste war, eine feste Basis für jüdische Souveränität zu schaffen. In geschlossenen Sitzungen hat David Ben Gurion nie seine Absicht verhehlt, bei der nächsten Gelegenheit, das den Juden gegebene Land zu erweitern. Deshalb definiert Israels Unabhängigkeitserklärung nicht Israels Grenzen und der Staat hat bis heute keine festgelegten Grenzen.

29. Die arabische Welt akzeptierte den Teilungsplan nicht und betrachtete ihn als einen nichtswürdigen Versuch der Vereinten Nationen, (die damals ein Klub von westlichen und kommunistischen Staaten war), ein Land zu teilen, das ihnen nicht gehörte. Da man den größten Teil des Landes der jüdischen Minderheit übergab, die nur ein Drittel der Bevölkerung ausmachte, war es in ihren Augen noch weniger entschuldbar.

30. Der Krieg, der nach dem Teilungsplan von den Arabern begonnen wurde, war zwangsläufig ein „ethnischer“ Krieg, eine Art von Krieg, in dem jede Seite versucht, so viel Land als möglich zu erobern und die Bevölkerung der Gegenseite zu vertreiben. Solch eine Kampagne, (die später „ethnische Reinigung“ genannt wurde) ist immer mit Vertreibung und Gräueltaten verbunden.

31. Der Krieg von 1948 war ein unmittelbarer Ausdruck des zionistisch-arabischen Konfliktes, in dem jede Seite versuchte, ihre Ziele zu erreichen. Die Juden wollten einen homogenen Nationalstaat errichten, der so groß wie möglich sein sollte. Die Araber wollten die zionistisch- jüdische Gemeinschaft vernichten, die sich in Palästina festgesetzt hatte.

32. Beide Seiten praktizierten ethnische Säuberung als integralen Bestandteil ihres Kampfes. Da blieben nicht viele Araber in den von Juden eroberten Gebieten und keine Jude blieb in den von Arabern eroberten Gebieten. Da jedoch die von Juden eroberten Gebiete bei weitem größer waren als die von Arabern, war das Ergebnis keineswegs ausgeglichen. (die Idee eines Bevölkerungsaustausches und „Transfer“ entstand in den zionistischen Organisationen schon in den 30er Jahren . Tatsächlich bedeuten sie die Vertreibung der arabischen Bevölkerung aus dem Land. Auf der andern Seite waren viele Araber der Meinung, dass die Zionisten dorthin zurückgehen sollten, wo sie hergekommen waren.)

33. Der Mythos von „den Wenigen gegen die Vielen“ wurde von den Juden gepflegt, um die Lage der jüdischen Gemeinschaft mit 650 000 Menschen gegen die gesamte arabische Welt von über Hundert Millionen zu beschreiben. Die jüdische Gemeinschaft verlor im Krieg 1% ihrer Mitglieder.

Die Araber malten ein völlig anderes Bild: eine gespaltene arabische Bevölkerung ohne nationale Führung, ohne einheitliches Kommando über schwache Streitkräfte, mit wenigen armseligen, meistens veralteten Waffen stand einer außerordentlich gut organisierten jüdischen Gemeinschaft gegenüber, die im Gebrauch ihrer Waffen bestens ausgebildet war. Die benachbarten arabischen Staaten verrieten die Palästinenser und als diese schließlich ihre Armeen entsandten, operierten sie in Konkurrenz miteinander, ohne Koordination und einen gemeinsamen Plan. Vom gesellschaftlichen und militärischen Standpunkt aus war die Kampfkraft der Israelis der der arabischen Staaten, die sich gerade erst von der kolonialen Epoche erholten, weit überlegen.

34. Entsprechend dem Plan der Vereinigten Nationen sollte der Anteil der arabischen Bevölkerung im jüdischen Staat mehr als 40% betragen. Während des Krieges dehnte der jüdische Staat seine Grenzen aus bis er 78% des Landes umfaßte. Dieses Gebiet war von fast allen Arabern verlassen worden. Die arabische Bevölkerung von Nazareth und ein paar Dörfern in Galiläa blieben fast zufällig zurück. Die Dörfer im sog. Dreieck waren von König Abdullah Israel als Teil eines Deals vermacht worden und konnte deshalb nicht evakuiert werden.

35. Im Krieg wurden etwa 750 000 Palästinenser entwurzelt. Einige flohen aus Angst vor der Kämpfen, so wie es Zivilbevölkerung in jedem Krieg tut. Einige wurden durch Terrorakte vertrieben wie dem Massaker von Deir Yassin. Andere wurden im Laufe der ethnischen Reinigung systematisch vertrieben.

36. Nicht weniger bedeutsam ist die Tatsache, dass es den Flüchtlingen nach den Kämpfen nicht erlaubt war, in ihre Häuser zurückzukehren, wie es nach jedem konventionellen Krieg üblich ist. Im Gegenteil, das neue Israel sah das Verschwinden der Araber als einen großen Segen an und beeilte sich die ca. 450 Dörfer völlig zu zerstören. Auf den Ruinen wurden neue jüdische Ortschaften gebaut, denen neue hebräische Namen gegeben wurden. Die verlassenen Häuser in den Städten wurden den neuen Immigranten überlassen.

„Ein jüdischer Staat“

37. Die Unterzeichnung der Waffenstillstandsvereinbarungen am Ende des 1948er-Krieges brachte kein Ende des historischen Konfliktes. Im Gegenteil sie brachte diesen auf eine neue und intensivere Ebene.

38. Der neue Staat Israel widmete seine frühen Jahre der Konsolidierung seines homogenen nationalen Charakters als „jüdischer Staat“. Große Teile des Bodens wurden enteignet und zwar von den „Abwesenden“ (den Flüchtlingen) und von denen, die offiziell als „abwesend Anwesende“ bezeichnet wurden. (Es waren die, die zwar physisch in Israel geblieben waren, die aber nicht Bürger des Landes werden durften). Enteignet wurde sogar auch der größte Teil des Bodens der arabischen Bürger Israels. Auf diesen Ländereien wurde ein dichtes Netzwerk jüdischer Siedlungen geschaffen. Jüdische „Immigranten“ wurden eingeladen oder sogar veranlasst, in Massen zu kommen. Dieser große Aufwand vergrößerte die Macht des Staates in nur wenigen Jahren um ein Mehrfaches.

39. Zur selben Zeit führte der Staat nachdrücklich eine Politik zur Auslöschung der palästinensischen Gemeinschaft als nationale Gemeinschaft. Mit israelischer Hilfe übernahm der transjordanische König Abdullah die Kontrolle über das Westjordanland und seitdem gibt es praktisch eine israelische militärische Garantie für die Existenz des Königreichs Jordanien.

40. Der Hauptgrund für die Zusammenarbeit zwischen Israel und dem Hashemitischen Königreich, die über drei Generationen andauert, war die Verhinderung des Entstehens eines unabhängigen arabisch-palästinensischen Staates, der – damals wie heute – als ein wesentliches Hindernis für die Realisierung der zionistischen Ziele betrachtet wurde.

41. Gegen Ende der fünfziger Jahre ereignete sich auf palästinensischer Seite ein historischer Wandel, als Yasser Arafat und seine Mitstreiter die Fatah-Bewegung gründeten, die die palästinensische Befreiungsbewegung aus der Vormundschaft der arabischen Regierungen führen sollte. Es war kein Zufall, dass diese Bewegung nach dem Scheitern des großen panarabischen Konzepts entstand, dessen bekanntester Vertreter Gamal Abd-el-Nasser war. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten viele Palästinenser gehofft, in eine vereinigte all-arabische Nation aufgenommen zu werden. Als diese Hoffnung dahinschwand, erwachte die eigene palästinensische Nationalidentität aufs neue.

42. Die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) wurde von Gamal Abd-el Nasser geschaffen, um selbständige palästinensische Aktionen zu verhindern, die ihn in einen unerwünschten Krieg mit Israel hätte hineinziehen können. Die Organisation war gedacht, die ägyptische Herrschaft über die Palästinenser zu sichern. Doch nach der arabischen Niederlage im 1967er-Krieg, übernahm die von Yasser Arafat geführte Fatah die Kontrolle über die PLO und wurde seitdem zur einzigen Vertreterin des palästinensischen Volkes.

„Der Sechs-Tage-Krieg“

43. Der Juni-Krieg 1967 wird – wie jedes Ereignis der vergangenen 120 Jahre – von beiden Seiten in sehr verschiedener Weise gesehen. Nach israelischem Mythos war es ein verzweifelter Verteidigungskrieg, der dem Staat Israel wunderbarerweise eine Menge Land bescherte. Nach palästinensischem Mythos tappten die Ägypter, Syrer und Jordanier in eine von Israel gestellte Falle, um all das zu erbeuten, was von Palästina noch übrig war.

44. Viele Israelis glauben, dass der „Sechs-Tage-Krieg“ die Wurzel allen Übels ist und dass erst zu diesem Zeitpunkt das friedliebende und fortschrittliche Israel sich in einen Eroberer und Besatzer verwandelte. Diese Überzeugung erlaubt den Israelis, die Idee der absoluten Unschuld des Zionimus und des Staates Israel bis zu diesem Zeitpunkt aufrecht zu erhalten und ihre alten Mythen zu bewahren. Diese Legende entspricht aber nicht den Tatsachen.

45. Der Krieg von 1967 war eine neue Phase des alten Kampfes zwischen zwei Nationalbewegungen. Er änderte nichts am Wesentlichen. Er änderte nur die Umstände. Die wesentlichen Ziele der zionistischen Bewegung, ein jüdischer Staat, Expansion und Besiedelung machten große Fortschritte. Die besonderen Umstände dieses Krieges machten eine umfassende „ethnische Reinigung“ unmöglich. Aber mehrere Hunderttausende von Palästinensern wurden trotzdem vertrieben.

46. Israel war bei der Teilung von 1947 55% des Landes (Palästina) zugesprochen worden; zusätzliche 23 % wurden im 1948er-Krieg erobert und nun noch die verbliebenen 22% – jenseits der „Grünen Linie“ (der Waffenstillstandslinie von vor 1967). So wurde 1967 – unbeabsichtigt – das palästinensische Volk unter Israels Herrschaft wieder vereinigt – einschließlich eines Teils der Flüchtlinge.

47. Kaum war der Krieg beendet, als die Siedlungsbewegung begann. Fast jede politische Gruppe des Staates beteiligte sich daran – von der messianisch-nationalistischen „Gush Emunin“ bis zu den „Linken“ der Vereinigten Kibbuz-Bewegung. Die ersten Siedler erhielten breite Unterstützung von seiten der meisten Politiker, von linken und rechten, von Yigal Alon (jüdische Siedlung in Hebron) bis Shimon Peres (Kdumin Siedlung).

48. Die Tatsache, dass alle Regierungen Israels – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – die Siedlungen hegten und pflegten, beweist, dass das Siedeln auf kein besonderes ideologisches Lager beschränkt ist und zur gesamten zionistischen Bewegung gehört. Der Eindruck, die Siedlungsbewegung sei von einer kleinen Minderheit geschaffen worden, ist illusorisch. Nur die ständige Unterstützung seitens aller Regierungsämter von 1967 bis heute konnte die gesetzgeberischen, die strategischen und die Haushalts-Infrastrukturen schaffen, die für so ein lange dauerndes und ausgedehntes Unternehmen erforderlich sind.

49. Die gesetzgeberische Infrastruktur enthält die irreführende Unterstellung, dass die Besatzungsmacht der Eigentümer des „regierungseigenen Bodens“ ist, obwohl es um die lebenswichtigen Landreserven der palästinensischen Bevölkerung geht. Es versteht sich von selbst, dass die Siedlungsbewegung gegen internationales Recht verstößt.

50. Der Streit zwischen den Anhängern des „Groß-Israel“ und denen des „Territorialen Kompromisses“ ist in seinem Wesen nach ein Streit über den Weg, auf dem das grundsätzliche zionistische Anliegen zu erreichen ist: als homogener jüdischer Staat auf einem Territorium, das so groß wie möglich ist. Die Anhänger des „Kompromisses“ betonen den demographischen Aspekt und wollen die Einbeziehung der palästinensischen Bevölkerung in den Staat verhindern. Die Anhänger eines „Groß-Israel“ betonen den geographischen Aspekt und meinen (öffentlich oder privat), dass es möglich sei, die nicht-jüdische Bevölkerung aus dem Lande zu vertreiben (das Schlüsselwort: „Transfer“).

51. Der Generalstab der israelischen Armee spielte bei der Planung und beim Bau der Siedlungen eine bedeutende Rolle. Er zeichnete die Karte der Siedlungen (Ariel Sharon): die Blöcke der Siedlungen und Umgehungs-Straßen, der Länge und der Breite nach, so dass das Westjordanland und der Gaza-Streifen zerstückelt sind und die Palästinenser in isolierten Enklaven eingesperrt werden, von denen jede von Siedlungen und der Besatzungsarmee umzingelt ist.

52. Die Palästinenser nutzten verschiedene Methoden des Widerstandes, hauptsächlich Angriffe über die jordanische und libanesische Grenzen und Angriffe innerhalb Israels und überall in der Welt. Diese Aktionen werden von den Israelis als „terroristisch“ bezeichnet, während die Palästinenser in ihnen den legitimen Widerstand einer Nation unter Besatzung sehen. Die Führung der PLO, geleitet von Yasser Arafat, wurde von den Israelis lange Zeit als eine terroristische Führung angesehen, aber nach und nach wurde sie international als die „einzig legitime Vertretung“ des palästinensischen Volkes anerkannt.

53. Als den Palästinensern klar wurde, dass diese Aktionen die Siedlungsbewegung nicht beenden konnten, die ihnen allmählich das Land unter den Füßen wegzog, begannen sie Ende 1987 die Intifada – einen Volksaufstand aller Bevölkerungsgruppen. In dieser Intifada wurden 1500 Palästinenser getötet, unter ihnen Hunderte von Kindern, das Mehrfache der israelischen Verluste.

Der Friedensprozeß

54. Der Oktoberkrieg 1973 begann mit dem Überraschungssieg der ägyptischen und syrischen Truppen und endete in ihrer Niederlage. Er überzeugte Yasser Arafat und seine engsten Mitarbeiter, dass es keinen militärischen Weg gibt, um die palästinensischen Ziele zu erreichen. Er beschloss, einen politischen Weg zu beschreiten und ein Abkommen mit Israel zu erreichen, um wenigstens einen Teil der nationalen Ziele durch Verhandlungen zu verwirklichen.

55. Um dafür eine Grundlage zu schaffen, stellte Arafat zunächst Verbindungen mit israelischen Persönlichkeiten her, die Einfluss auf die öffentliche Meinung und auf die Regierungspolitik in Israel hatten. Seine Vertreter (Said Hamami und Issam Sartawi) trafen sich mit öffentlichen Persönlichkeiten Israels, jenen Pionieren des Friedens, die 1975 den „Israelischen Rat für einen israelisch-palästinensischen Frieden“ gründeten.

56. Diese Verbindungen und die wachsende Erschöpfung der Israelis durch die Intifada, der Rückzug Jordaniens aus dem Westjordanland, die Veränderung der internationalen Bedingungen (der Zusammenbruch des kommunistischen Blocks, der Golfkrieg) führten zur Madrider Konferenz und später zum Oslo-Abkommen.

Das Oslo-Abkommen

57. Das Oslo-Abkommen hat positive und negative Eigenschaften.

58. Auf der positiven Seite führte das Abkommen Israel zu seiner ersten offiziellen Anerkennung des palästinensischen Volkes und seiner nationalen Führung und führte die palästinensiche Nationalbewegung zur Anerkennung der Existenz Israels. Im Hinblick darauf war das Abkommen (und der Briefwechsel, der ihm vorrausging) von größter historischer Bedeutung.

59. Das Abkommen gab der palästinensischen Nationalbewegung eine territoriale Basis auf palästinensischem Boden, die Struktur eines „Staates im Werden“ und bewaffnete Kräfte – Tatsachen, die später eine bedeutende Rolle in dem fortgehenden palästinensischen Kampfe spielten. Für die Israelis öffnete das Abkommen die Tore zur arabischen Welt und beendete die palästinensischen Angriffe – solange das Abkommen wirksam war.

60. Der hauptsächliche Mangel des Abkommens war, dass beide Seiten hofften, ihre vollkommen gegensätzlichen Ziele zu erreichen. Die Palästinenser sahen es als ein zeitweiliges Abkommen an, das den Weg zur Beendigung der Besatzung und zur Gründung eines Palästina-Staates in allen besetzten Gebieten bereitete. Auf der andern Seite sahen die jeweiligen israelischen Regierungen in ihm den Weg, die Besatzung in großen Teilen des Westjordanlandes und des Gaza-Streifens aufrecht zu erhalten mit einer palästinensischen Selbstregierung (self-government), die die Rolle einer Hilfsagentur für die Sicherheit Israels und der Siedlungen spielen sollte.

61. Darum stellt Oslo nicht den Beginn eines Prozesses zur Beendigung des Konfliktes dar, sondern eher eine neue Phase des Konfliktes.

62. Während die Erwartungen auf beiden Seiten so sehr von einander abwichen und jede völlig an das eigene nationale Geschichtsverständnis gebunden blieb, wurde jeder Teil des Abkommens verschieden interpretiert. Letzten Endes wurden viele Teile des Abkommens vor allem von seiten Israels nicht umgesetzt. (Der 3. Rückzug, die vier sicheren Passagen zwischen dem Gaza-Streifen und dem Westjordanland, u.a.)

63. Während der ganzen Periode des Oslo-Prozesses fuhr Israel mit der Ausdehnung der Siedlungen fort, indem es hauptsächlich unter verschiedenen Vorwänden neue gründete, die bestehenden vergrößerte, ein sorgfältig ausgearbeitetes Netz von Umgehungsstraßen baute, Land enteignete, Häuser zerstörte und Plantagen verwüstete. Die Palästinenser andrerseits nutzten die Zeit, ihre Kräfte auszubauen innerhalb und außerhalb des Rahmens des Abkommens. Tatsächlich setzte sich der historische Konflikt unter dem Vorwand der Verhandlungen und des „Friedensprozesses“ unvermindert weiter, der stellvertretend für tatsächlichen Frieden stand.

64. Im Gegensatz zu seinem Image, das sich nach seiner Ermordung noch verstärkte, hielt Yitzak Rabin den Konflikt „auf dem Boden“ am Leben, während er gleichzeitig den politischen Prozess, Frieden unter israelischen Bedingungen zu erlangen managte. Da er ein Anhänger der zionistischen Geschichtsdeutung war und ihre Mythologie akzeptierte, litt er an einer kognitiven Dissonanz, als seine Hoffnungen für Frieden mit seiner Vorstellungswelt zusammenprallten. Es schien als ob er begonnen hatte, einige Teile der palästinensischen Geschichtsdeutung zu verinnerlichen – aber das war erst kurz vor seinem Lebensende.

65. Der Fall Shimon Peres ist viel ernster. Er schuf sich selbst ein internationales Image als Friedensmacher und richtete seine Redeweise derart aus, dass sie dieses Image reflektiert („Der Neue Nahe Osten“), während er im wesentlichen ein traditioneller zionistischer Falke blieb. Dies wurde während der kurzen und gewalttätigen Periode deutlich, als er nach der Ermordung Rabins als Premier Minister fungierte und noch einmal, als er kürzlich die Rolle des Sprechers und Verteidigers von Sharon annahm.

66. Am deutlichsten wurde das israelische Dilemma, als Ehud Barak zur Macht kam und vollkommen von seiner Fähigkeit überzeugt war, dass er den Gordischen Knoten des historischen Konfliktes mit einem dramatischen Schlag beenden könne – in der Art wie Alexander der Große. Barak näherte sich dem Problem mit völliger Ignoranz der palästinensischen Geschichtsdeutung und ohne Achtung vor seiner Bedeutung. Er stellte seine Vorschläge als Diktate vor und war erschrocken und wütend, dass sie zurückgewiesen wurden.

67. In seinen Augen und in weiten Teilen auch bei den Israelis, „hatte Barak jeden Stein umgedreht“ und hatte den Palästinensern die großzügigsten Angebote gemacht wie kein vorausgegangener Premier Minister. Als Gegenleistung wollte er, dass die Paläsinenser „das Ende des Konfliktes“ unterzeichneten. Die Palästinenser betrachteten dies als groteske Anmaßung, da Barak sie wirklich aufgefordert hatte, ihre nationale Grundvorstellung aufzugeben, wie das Recht zur Rückkehr und die Souveränität über Ost-Jerusalem und den Tempelberg. Mehr noch, während Barak die Ansprüche auf Annektion von Land als eine Angelegenheit von kaum erwähnenswerten Prozenten („Siedlungsblöcke“) darstellte, war es nach Berechnungen der Palästinenser eine tatsächliche Annektion von 20% Land jenseits der „Grünen Linie“.

68. Nach palästinensischer Ansicht hatten sie schon den entscheidenden Kompromiß gemacht, in dem sie bereit waren, ihren Staat jenseits der Grünen Linie aufzubauen – in nur 22% ihrer historischen Heimat. Deshalb konnten sie nur kleinen Grenzkorrekturen mit Land-Austausch zustimmen. Die traditionelle israelische Position ist, dass die Errungenschaften des 1948er–Krieges festgesetzte Fakten sind, an denen nicht gerüttelt werden darf und der Kompromiß sich nur auf die verbleibenden 22% konzentrieren kann.

69. So wie es sich mit den meisten Begriffen und Vorstellungen verhält, so hat auch das Wort „Konzession“ für beide Seiten verschiedene Bedeutungen.. Die Palästinenser sind davon überzeugt, dass sie bereits auf 78% ihres Landes verzichtet hätten, wenn sie sich mit nur 22% davon begnügen. Die Israelis glauben, dass sie nachgeben, wenn sie damit einverstanden sind, wenn sie den Palästinensern Teile von diesen 22% (des Westjordanlands und des Gaza-Streifen) zugestehen.

70. Der Camp David Gipfel im Sommer 2000, der gegen Arafats Willen ihm also aufgedrängt wurde, war vorzeitig und brachte die Dinge zu einem Höhepunkt. Baraks Forderungen, die auf dem Gipfel als Clintons presentiert wurden, bestanden darin, dass die Palästinenser mit dem Ende des Konfliktes einverstanden sein und auf das Rückkehrrecht und die Rückkehr selbst verzichten sollen; komplizierte Regelungen für Ost-Jerusalem und den Tempelberg, ohne Souveränität über sie, zu akzeptieren; mit großen territerorialen Annektionen im Westjordanland und im Gaza-Streifen einverstanden zu sein, auch mit der militärischen Präsenz in andern großen Gebieten und mit der israelischen Kontrolle über die Grenzen, die den palästinensischen Staat vom Rest der Welt trennen. Kein palästinensischer Führer würde jemals solch ein Abkommen unterzeichnen. Und so endete der Gipfel mit einem toten Punkt und die Karrieren von Clinton und Barak waren auch am Ende.

Die Al-Aksa-Intifada

71. Der Zusammenbruch des Gipfels, das Verschwinden jeglicher Hoffnung für ein Abkommen zwischen den beiden Seiten und die bedingungslose Pro-Israel-Haltung der Amerikaner, führte unvermeidlich zu einer neuen Runde von gewalttätigen Konfrontationen, die den Namen Al-Aksa-Intifada bekamen. Für die Palästinenser ist dies ein gerechtfertigter nationaler Aufstand gegen die fortdauernde Besatzung, deren Ende nicht in Sicht ist und die es sich erlaubt, ständig und täglich Land unter den Füßen der Palästinenser wegzuziehen. Für die Israelis ist dieser Ausbruch mörderischer Terror. Den Palästinensern erscheinen die Ausführenden dieser Akte wie Nationalhelden – für die Israelis gnadenlose Verbrecher, die liquidiert werden müssen.

72. Die offiziellen Medien in Israel erwähnen die Siedler nicht mehr als solche, sondern nennen sie „Einwohner“, auf die ein Angriff jetzt ein Verbrechen gegen Zivilisten ist. Die Palästinenser betrachten die Siedler als die vorderste Reihe eines gefährlichen Feindes, dessen Absicht es ist, sie ihres Land zu berauben, und der besiegt werden muss.

73. Ein großer Teil des israelischen „Friedenslagers“ brach während der Al-Aksa Intifada zusammen und es stellt sich heraus, dass die Überzeugung vieler auf tönernen Füßen stand. Besonders nachdem Barak „jeden Stein umgedreht“ und „großzügigere Angebote als jeder frühere Premier Minister“ gemacht hätte, war die Reaktion der Palästinenser für diesen Teil des „Friedenslagers“ unbegreiflich. Dieses hatte nämlich nie eine Revision der zionistischen Geschichtsdeutung vollzogen und die Tatsache nicht zur Kenntnis genommen, dass es auch eine palästinensische Geschichtsdeutung gibt. Die einzige verbliebene Erklärung war, dass die Palästinenser das israelische Friedenslager betrogen hätten, dass sie nie beabsichtigten, Frieden zu machen und dass es ihre wahre Absicht sei, die Juden ins Meer zu werfen, wie die zionistische Rechte immer behauptet hatte.

74. Das Ergebnis war, dass die trennende Linie zwischen der zionistischen „Rechten“ und „Linken“ verschwand. Die Führer der Arbeiterpartei vereinigten sich mit der Sharon-Regierung und wurden ihre wirksamsten Vertreter (Shimon Peres) und sogar die formelle linke Opposition (Yossi Sarid) nahm am Konsens teil. Dies beweist wieder, dass die Zionistische Geschichtsdeutung der entscheidende Faktor ist, alle Facetten des politischen Systems in Israel zu vereinigen. Der Unterschied zwischen Rehavam Zeevi und Avraham Burg, Yitzak Levi und Yossi Sarid sind unbedeutend.

75. Es gibt eine spürbare Veränderung in der palästinensischen Bereitschaft, den Dialog mit den israelischen Friedenskräften wieder aufzunehmen; es ist eine Folge der großen Enttäuschung über die „linke Regierung“, die so viele Hoffnungen nach den Netanyahu-Jahren geweckt hatte, wie auch eine Folge der Tatsache, dass außer den kleinen radikalen Friedensgruppen von keiner israelischen Empörung über die brutalen Reaktionen der Besatzungskräfte zu hören war. Die Tendenz, die Reihen zu schließen, die für jede Nation in einem Befreiungskrieg typisch ist, ermöglicht es den extremen nationalistischen und religiösen Kräften auf der palästinensischen Seite, jede israelisch-palästinensische Zusammenarbeit zu erschweren.

Ein neues Friedenslager

76. Der Zusammenbruch des alten Friedenslagers erfordert die Schaffung eines neuen israelischen Friedenslagers, die realistisch, modern, wirksam und stark sein wird, die die israelische Öffentlichkeit beeinflussen und zu einer umfassenden Neubewertung der alten Grundsätze führen kann, um einen Wechsel im israelischen politischen System zu bewirken.

77. Um das zu tun, muss die neue Friedensbewegung die öffentliche Meinung zu einer mutigen Neubewertung der nationalen „Geschichtsdeutung“ und zu ihrer Befreiung von falschen Mythen führen. Sie muss danach streben, die Geschichtsauffassungen der beiden Völker in einer gemeinsamen „Geschichte“ zu vereinen, die frei von Geschichtsfälschungen ist und von beiden Seiten akzeptiert werden kann.

78. Während dies getan wird, muss die israelische Öffentlichkeit auch darüber informiert werden, dass bei all den schönen und positiven Seiten des zionistischen Unternehmens dem palästinensischen Volk ein furchtbares Unglück angetan wurde. Dieses Unrecht, das seinen Höhepunkt während der „Nakba“ erreichte, verpflichtet uns, Verantwortung zu übernehmen und den Schaden wiedergutzumachen, so gut dies nur möglich ist.

79. Mit einem neuen Verständnis der Vergangenheit und der Gegenwart muss das neue Friedenslager einen Plan erarbeiten, der auf folgender Grundlage beruht:

a) Neben Israel wird ein unabhängiger und freier Palästinastaat gegründet.

b) Die „Grüne Linie“ wird die Grenze zwischen den beiden Staaten. Mit Zustimmung der beiden Seiten ist ein begrenzter Gebietsaustausch möglich.

c) Die israelischen Siedlungen auf dem Territorium des Palästinastaates werden geräumt.

d) Die Grenze zwischen den beiden Staaten wird nach einer zwischen beiden Seiten vereinbarten Regelung für die Bewegung von Personen und Gütern offen sein.

e) Jerusalem wird die Hauptstadt beider Staaten – West-Jerusalem die Hauptstadt Israels und Ost-Jerusalem die Hauptstadt Palästinas. Der Staat Palästina wird die vollständige Souveränität in Ost-Jerusalem besitzen, einschließlich des Haram al Sharif (Tempelberg). Der Staat Israel wird die volle Souveränität in West-Jerusalem besitzen, einschließlich der West-Mauer („Klagemauer“) und des jüdischen Viertels. Beide Staaten werden ein Abkommen über die physische Einheit der Stadt auf Verwaltungsebene schließen.

f) Israel wird prinzipiell das Recht auf Rückkehr der Palästinenser als ein unveräußerliches Menschenrecht anerkennen. Die praktische Lösung wird durch ein Abkommen erreicht, das auf gerechten, fairen und praktischen Erwägungen beruht und die Rückkehr auf das Gebiet des Staates Palästina, auf das Gebiet des Staates Israel und Entschädigungen einschließt.

g) Die Wasservorkommen werden gemeinsam kontrolliert und in einem gleichberechtigten und ehrlichen Abkommen zugewiesen.

h) Die Sicherheit beider Staaten wird in einem Sicherheitsabkommen zwischen ihnen garantiert, das die spezifischen Sicherheitsinteressen sowohl Israels als Palästinas berücksichtigt.

i) Israel und Palästina werden mit andern Staaten der Region zusammenarbeiten, um eine Nahost-Gemeinschaft nach dem Modell der Europäischen Union zu errichten.

80) Die Unterzeichnung eines Friedensabkommens und eine ehrliche Verwirklichung wird zu einer historischen Versöhnung zwischen den beiden Nationen führen, die auf Gleichheit, Zusammenarbeit und gegenseitiger Achtung beruht.

(Aus dem Englischen übersetzt: Ernst Herbst und Ellen Rohlfs und vom Autor Uri Avnery autorisiert)

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Begegnung im Tunnel

Erstellt von Gast-Autor am 10. August 2014

Begegnung im Tunnel

Autor Uri Avnery

ES WAR einmal ein Dorf in England, das sehr stolz  auf sein Bogenschießen war. Vor jedem  Haus stand eine Zielscheibe  und zeigte das Können seines Besitzers. Auf einem dieser Zielscheiben hat jeder einzelne Pfeil  mitten ins Ziel getroffen.

Ein neugieriger Besucher  fragte den Besitzer: wie ist dies möglich? Die Antwort: „Einfach, zuerst schoss ich die Pfeile, und dann zeichnete ich Kreise rund um sie.“

In diesem Krieg  tut unsere Regierung dasselbe. Wir erreichen alle unsere Ziele – aber wir verändern die ganze Zeit unsere Ziele.  Am Ende wird der Sieg vollkommen sein.

 

ALS DER Krieg begann, wollten wir nur „die  Infrastruktur der Terroristen zerstören.“ Dann, als die Raketen der Hamas praktisch  ganz Israel erreichten (weithin dank der wunderbaren Anti-Raketen-Verteidigung („Iron Dome“) ohne viel Schaden anzurichten) war das Kriegsziel, die Raketen zu zerstören. Als die Armee  für diesen Zweck die Grenze in den Gazastreifen überquerte, wurde ein riesiges Netzwerk von Tunneln entdeckt. Sie wurden ab jetzt das Hauptziel des Krieges. Die Tunnel mussten zerstört werden.

Tunnel sind seit der Antike  für Kriegszwecke  benützt worden. Armeen, die nicht in der Lage waren, befestigte  Städte zu erobern, versuchten unter ihren Mauern  Tunnel zu graben. Gefangene  entkamen durch Tunnel. Als die Briten die Führer des hebräischen Untergrunds inhaftiert hatten, flohen mehrere ihrer Führer durch einen Tunnel.

Hamas benützte Tunnel, um unter den Grenzmauern und -zäunen die israelische Armee und  Siedlungen auf der andern Seite anzugreifen. Die Existenz dieser Tunnel war bekannt, aber ihre große Zahl und Wirksamkeit war eine Überraschung. Wie vietnamesische Kämpfer zu ihrer Zeit Tunnel benützten, benützt Hamas die Tunnel für Angriffe, Kommandoposten, Operationszentren  und Waffenlager. Viele von ihnen sind mit einander verbunden.

Für die Bevölkerung auf der israelischen Seite sind die Tunnel eine Quelle der Angst. Die Idee, dass zu irgendeiner Zeit der Kopf eines Hamas-Kämpfers in der Mitte eines Kibbuz-Esssaals auftauchen könnte  ist nicht gerade  amüsant.

Jetzt ist also das Kriegsziel, so viele Tunnel wie möglich zu entdecken und  zu zerstören. Keiner träumte von diesem Ziel, bevor der Krieg anfing.

Wenn politische Ratsamkeit es verlangt, so kann es morgen  schon ein anderes Kriegsziel geben. Es wird in Israel einmütig anerkannt werden.

DIE ISRAELISCHEN Medien sind jetzt total unterwürfig. Es gibt keine unabhängige Berichterstattung. „Militär-Korrespondenten“  ist es nicht erlaubt, den Gazastreifen zu betreten, um eigene Erfahrungen zu machen; sie sind bereit,  wie Papageien die Armeeberichte  nachzuplappern und stellen sie so dar, als wären es ihre persönlichen Beobachtungen.  Eine Menge Ex-Generäle warten auf, um die Situation zu kommentieren –  alle sagen genau dasselbe, ja benützen dieselben Worte. Die Öffentlichkeit schluckt all diese Propaganda und nimmt sie als bare Münze.

Die kleine Stimme von Haaretz mit ein paar Kommentatoren,  wie die von Gideon Levy und  von Amira Hass, gehen in der  ohrenbetäubenden Kakophonie unter.

Ich fliehe vor dieser Gehirnwäsche und höre  beiden Seiten zu, wechsle ständig zwischen israelischen TV-Stationen und Aljazeera (auf Arabisch und Englisch). Was ich sehe, sind zwei verschiedene Kriege, die gleichzeitig geschehen, aber auf zwei  verschiedenen Planeten.

Für Zuschauer der israelischen Medien ist Hamas die Inkarnation des Bösen. Wir bekämpfen „terroristische Ziele“. Wir bombardieren „terroristische“ Ziele (wie das Haus der Familie des Hamasführers Ismail Haniye). Hamaskämpfer  ziehen sich nie zurück, sie fliehen. Ihre Führer  kommandieren nicht aus  Untergrund-Kommando-posten, sie verstecken sich. Sie  verbergen ihre Waffen in Moscheen, Schulen und Krankenhäusern (Wie wir es während des britischen Mandats taten). Tunnel sind „Terroristentunnels“. Hamas verwendet  zynischer Weise die zivile Bevölkerung als „menschliche Schutzschilde“ (wie Churchill die Londoner Bevölkerung) Gaza- Schulen und Krankenhäuser werden nicht von israelischen Bomben getroffen, Gott bewahre!, sondern von Hamas Granaten (die auf mysteriöse Weise ihren Weg verlieren) und so weiter.

Mit arabischen Augen gesehen, sehen die Dinge irgendwie anders aus.  Hamas ist eine patriotische Gruppe, die mit unglaublichem Mut gegen  immense Widrigkeiten kämpft. Sie sind keine ausländischen Kräfte, die das Leiden der Bevölkerung ausnützen; sie sind die Söhne  genau dieser Bevölkerung, Mitglieder der Familien, die jetzt en masse  getötet werden, die in den Häusern aufwuchsen, die jetzt zerstört werden. Es sind ihre Mütter und Geschwister, die nun in den UN –Unterkünften zusammengedrängt leben –ohne Wasser und Strom,  nur mit ihrer Kleidung am Leib,  sonst nichts.

Ich habe die Logik in der Dämonisierung des Feindes nie eingesehen. Als ich ein Soldat im 48er-Krieg war, hatten wir mit unsern Kameraden an anderen Fronten  hitzige Diskussionen. Jeder bestand darauf, dass sein besonderer Feind – Ägypter, Jordanier, Syrer – der tapferste und  wirksamste wäre –  bei einem Kampf  gegen eine verkommene  Bande von „abscheulichen Terroristen“  gibt es keinen Ruhm.

Geben wir doch zu, dass unser gegenwärtiger Feind  mit großem Mut und Erfindungsgeist kämpft. Fast auf wunderbare Weise  funktioniert ihre zivile und militärische Kommandostruktur  noch gut. Die zivile Bevölkerung  unterstützt sie trotz ihres immensen Leids. Dass nach fast vier Wochen Kampf gegen eine der stärksten Ameen der Welt  der Feind  immer noch aufrechtsteht.

Wenn wir dies zugeben, mag uns das helfen, die andere Seite zu verstehen,  etwas, das wesentlich für beides ist: Krieg zu führen und Frieden zu machen oder eben eine Waffenpause.

OHNE VERSTÄNDNIS für den Feind oder ein klares Konzept von dem, was wir wirklich wollen,  ist selbst eine Waffenpause  eine mühsame Aufgabe.

Zum Beispiel: Was wollen wir von Mahmoud Abbas?

Viele Jahre lang hat die israelische Führung ihn offen verachtet. Ariel Sharon nannte ihn bekanntermaßen ein „gerupftes Huhn“. Israels Rechte glauben, dass er „gefährlicher sei als Hamas“, da die naiven Amerikaner  wahrscheinlich  bereit sind  ihm zuzuhören. Benjamin Netanjahu tat alles Mögliche, um seine  Haltung zu zerstören und alle Friedensverhandlungen mit ihm zu sabotieren. Sie diffamieren ihn dafür, dass er mit Hamas Versöhnung sucht.   Netanjahu mit seinem  üblichen Talent für Soundclips sagte es so: „ Entweder Frieden mit uns oder mit Hamas“.

Aber  in dieser Woche waren unsere Führer fieberhaft darum bemüht, Abbas zu erreichen, um ihn als den einzigen Führer des palästinensischen Volkes zu krönen, um von ihm zu verlangen, dass er die führende Rolle bei den Verhandlungen zur Waffenpause spiele. Alle israelischen Kommentatoren erklärten, dass eine der großen  Erfolge des Krieges die Schaffung eines politischen Blocks sei, der aus Israel, Ägypten, Saudi-Arabien, den Golfemiraten und Abbas besteht. Der gestrige  „Nicht-Partner“ besteht jetzt als unerschütterlicher Verbündeter.

Das Problem ist, dass  viele Palästinenser Abbas jetzt herabsetzen, während sie mit Bewunderung auf Hamas blicken, das leuchtende Beispiel für die arabische Ehre. (In der arabischen Kultur spielt die Ehre eine weit größere Rolle als in Europa.)

Im Augenblick schauen die israelischen Sicherheitsexperten mit wachsender Sorge auf die Situation in der Westbank. Die Jungen  – und nicht nur die Jungen – scheinen für eine dritte Intifada bereit zu sein. Die Armee  schießt schon mit scharfer Munition auf Demonstranten in Kalandia, Jerusalem, Bethlehem und andere Orte. Die Zahl der Toten und Verletzten in der Westbank steigt. Für unsere Generäle  ist dies  noch ein Grund für eine frühe Waffenpause in Gaza.

WAFFENPAUSEN werden zwischen Leuten  gemacht, die aufeinander  schießen. In diesem Fall Israel und Hamas. Leider gibt es keinen  anderen Weg .

Was will Hamas? Im Gegensatz zu unserer Seite hat Hamas  sein Ziel nicht geändert: Die Blockade des Gazastreifens aufheben.

Dies kann vielerlei bedeuten. Das Maximum:  Die Übergänge von Israel zu öffnen, die Reparatur und Wiedereröffnung des zerstörten Flughafens Dehaniah im südlichen Gazastreifen, den Ausbau eines Seehafens in Gazastadt (anstelle des bestehenden kleinen Fischerhafens), Fischern aus Gaza  erlauben, dass sie weiter draußen vor der Küste fischen dürfen.

(Nach Oslo phantasierte Shimon Peres von einen großen Hafen in Gaza, der dem ganzen Nahen Osten dienen und Gaza in ein zweites Singapur verwandeln solle.)

Das Minimum würde das Öffnen der israelischen  Übergänge  sein für freien Im- und Export von Waren, um sich selbst zu ernähren (ein selten erwähnter Aspekt) und  die Genehmigung für die Gazaer, in die Westbank und weiter zu gehen.

Dafür würde Israel sicherlich internationale Inspektion verlangen, damit keine neuen

Tunnel gebaut werden und das Arsenal von Granaten nicht  aufgestockt wird. Israel würde auch einige Aufgaben von Abbas  und seinen Sicherheitskräften verlangen, die von Hamas  (und nicht nur von ihnen) als israelische Kollaborateure angesehen werden.

Die  israelische Armee verlangt auch, dass  selbst, nachdem eine Feuerpause in Kraft getreten ist, noch vor dem Rückzug die vollkommene  Zerstörung  aller schon bekannten Tunnels stattgefunden hat.

(Hamas fordert auch die Öffnung des Übergangs nach Ägypten – aber  das ist kein Punkt für die Verhandlungen mit Israel.)

FALLS ES  direkte Verhandlungen gebe, dann wäre dies verhältnismäßig leicht. Aber mit so vielen  konkurrierenden Vermittlern ist es schwierig.

Am letzten Mittwoch brachte Haaretz erstaunliche Nachrichten: der israelische Außenminister – ja,  das Gut von Avigdor Lieberman – schlägt vor, das Problem über die UN laufen zu lassen. Lasst sie die Bedingung für die Feuerpause vorschlagen.

Die UN? Die Institution, die fast allgemein in Israel verachtet wird? Auf jiddisch sagt man, „Wenn Gott will, dann kann man auch mit einem Besenstiel schießen“.

Nehmen wir an, dass eine Feuerpause  eingerichtet wird, was dann?

Werden dann Friedensverhandlungen  möglich werden? Wird Abbas sich als Vertreter aller Palästinenser fühlen, einschließlich Hamas? Wird dieser Krieg der letzte sein oder  bleibt er nur eine weitere Episode in der endlosen Kette von Kriegen?

ICH HABE eine verrückte Phantasie.

Frieden wird kommen, und Filmemacher werden Filme auch über diesen Krieg drehen.

Eine Szene: israelische Soldaten entdecken einen Tunnel und betreten ihn, um ihn von Feinden frei zu machen. Zur selben Zeit betreten Hamaskämpfer den Tunnel von der andern Seite – auf ihrem Weg, einen Kibbuz anzugreifen.

Die Kämpfer treffen sich in der Mitte unterhalb des Zaunes. Sie sehen einander bei schwachem Licht. Und dann geben sie sich die Hände, anstelle zu schießen.

Eine verrückte Idee? Tatsächlich. Leider.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Ein für alle Mal !

Erstellt von Gast-Autor am 3. August 2014

Ein für alle Mal !

IN DIESEM Krieg haben beide Seiten dasselbe Ziel: der Situation, die vor dem Krieg bestand, ein Ende zu machen.    EIN FÜR ALLE MAL!

Dem Raketenbeschuss nach Israel vom Gazastreifen her, ein Ende zu machen. Ein für alle Mal.

Der Blockade des Gazastreifens durch Israel und Ägypten ein Ende machen – ein für alle Mal.

Warum kommen die beiden Seiten nicht ohne ausländische Einmischung zu einander und  stimmen in dem „wie du mir- so ich dir“ überein?

Sie können nicht, weil sie nicht mit einander reden. Sie können einander töten, aber sie können nicht mit einander reden. Um Himmels willen nicht!

DAS IST kein  Krieg gegen Terror. Der Krieg als solcher ist ein Terrorakt.

Keine Seite hat eine  andere Strategie, als die zivile Bevölkerung der andern Seite zu terrorisieren.

Die palästinensischen Kampftruppen  in Gaza versuchen, durch das Raketenwerfen auf israelische Städte und Dörfer ihren Willen aufzuerlegen und zu hoffen, dass dies die Moral der Bevölkerung bricht,  und sie zwingt, die Blockade, die den Gazastreifen in ein Open-Air-Gefängnis verwandelt, aufzuheben.

Die israelische Armee bombardiert die Bevölkerung des  Gazastreifens und zerstört ganze Stadtteile in der Hoffnung, dass die Bewohner (die, die überleben) die Hamas-Führung  abschütteln.

Beide Hoffnungen sind natürlich töricht.  Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass die Terrorisierung einer Bevölkerung sie dahin bringt, sich hinter ihren Führern zu einigen und den Feind noch mehr zu hassen. Dies geschieht jetzt auf beiden Seiten.

WENN MAN  in einem Krieg über beide Seiten spricht, kann man kaum den Eindruck  der Symmetrie vermeiden. Aber dieser Krieg  ist von Symmetrie weit entfernt.

Israel hat eine der größten und wirksamsten Militärmaschinerien der Welt. Hamas und seine lokalen Verbündeten kommen auf etwa ein paar Tausend Kämpfer. Wenn überhaupt.

Am besten kann man es mit der mythologischen Geschichte von David und Goliath vergleichen. Aber diesmal sind wir Goliath, und sie sind David.

Die Geschichte wird im Allgemeinen missverstanden.  Es stimmt, Goliath war von riesiger Gestalt, und David war ein kleiner Hirte. Aber Goliath war bewaffnet mit altmodischen Waffen – mit schwerer Rüstung, Schwert und Schild – und konnte sich kaum bewegen, während David eine moderne Überraschungswaffe hatte:  die Schleuder, mit der er aus der Entfernung töten konnte.

Hamas hoffte, dasselbe mit seinen Raketen zu erreichen, deren Reichweite eine Überraschung war. Auch die Zahl und die Wirksamkeit ihrer Tunnel, die unter die israelische Grenze reichen. Doch  dieses Mal war auch Goliath erfinderisch, und die „Eiserne Kuppel“-Raketenbatterien  fingen praktisch alle Raketen aus Gaza ab. Sie hätten sonst die Bevölkerungszentren, einschließlich meines Tel Aviver  Stadtviertels  schädigen können.

Jetzt wissen wir, dass keine Seite  die andere Seite zur Kapitulation zwingen kann. Es ist  ein Unentschieden. Warum also weiter töten und zerstören?

Da liegt der Hase im Pfeffer. Wir können nicht mit einander reden. Wir benötigen einen Vermittler.

EINE KARIKATUR in Haaretz  zeigte in dieser Woche, wie Israel und Hamas mit einander kämpfen und eine Schar  Vermittler in einem Kreis um sie herumtanzen.

Sie wollen alle  vermitteln. Sie kämpfen mit einander, weil jeder von ihnen vermitteln will, wenn möglich alleine. Ägypten, Katar, die US, die UN, die Türkei, Mahmoud Abbas, Tony Blair und  andere mehr. Vermittler in Hülle und Fülle.  Jeder will etwas von dem Elend des Krieges gewinnen.

 

Eine  traurige Bande. Beinahe alle von ihnen sind bemitleidenswert, einige von ihnen rundweg abstoßend.

Sehen wir uns Ägypten an: beherrscht von einem blutbefleckten militärischen Diktator. Er ist ein fulltime Kollaborateur von Israel, wie es Hosni Mubarrak vor ihm war, nur wirkungsvoller. Da Israel alle Land- und Meergrenzen des Gazastreifens beherrscht, ist Ägyptens Grenze Gazas einzige Verbindung mit der Welt – falls sie geöffnet ist.

Aber Ägypten, der frühere Führer der arabischen Welt, ist jetzt ein Subunternehmer Israels, noch entschiedener als Israel selbst, den Gazastreifen auszuhungern und die Hamas auszurotten.  Das ägyptische Fernsehen ist voller „Journalisten“, die die Palästinenser in vulgärsten Tönen verfluchen und die vor ihrem neuen Pharao kriechen. Aber Ägypten  besteht jetzt darauf, der einzige Makler der Feuerpause zu sein.

Der UN-Generalsekretär  eilt durch die Welt. Er wurde für diesen Job von den US gewählt, weil er nicht außergewöhnlich klug ist. Jetzt sieht er bemitleidenswert aus.

Aber nicht bemitleidenswerter als John Kerry, eine pathetische Figur, die hier und dorthin fliegt, um jeden davon zu überzeugen, dass die US noch immer Weltmacht ist. Vergangen sind die Tage, in denen Henry Kissinger die Führer Israels  und der arabischen Länder kommandierte, was sie tun oder lassen sollten (Besonders sagte er ihnen, nicht mit einander, sondern nur mit ihm zu reden.)

Welches ist die genaue Rolle von Mahmoud Abbas? Offiziell ist er auch der Präsident des Gazastreifens. Aber er macht den Eindruck, als versuche er, zwischen der de facto Gaza-Regierung und der Welt zu vermitteln. Er ist viel näher an Tel Aviv denn an Gaza.

Und so geht die Liste weiter. Die lächerliche Figur Tony Blair. Die europäischen Außenminister versuchen eine Fotogelegenheit  mit ihrem neo-faschistischen israelischen Kollegen zu bekommen. Alle zusammen eine widerliche Ansicht.

Ich möchte meiner Regierung und den Hamas-Führern  zuschreien: Um Gottes willen, vergesst die ganze traurige Bande, redet mit einander!

DIE PALÄSTINENSISCHEN Kampffähigkeiten überraschen jeden, besonders die israelische Armee. Statt jetzt um eine Waffenpause zu bitten, weigert sich Hamas, bis alle seine Forderungen erfüllt sind, während Benjamin Netanjahu eifrig zu sein scheint, den Krieg zu stoppen, bevor er noch tiefer im Gazaer Morast  versinkt – ein Alptraum für die Armee.

Der letzte Krieg begann mit der Ermordung des Hamas-Militärkommandeurs Ahmad al-Jaabari. Sein Nachfolger ist ein alter Bekannter Mohammed Deif, den Israel schon mehrfach versuchte, umzubringen, ihm aber nur schwere Verletzungen zufügte. Es scheint jetzt, dass er weit fähiger ist als sein Vorgänger – das Tunnelgewebe , die Produktion von viel wirksameren Raketen, die besser trainierten Kämpfer – all dies zeigt einen kompetenteren Führer.

(Dies geschah schon vorher. Wir ermordeten einen Hisbollah-Führer, Abbas al-Mussawi und bekamen einen weit talentierteren:  Hassan Nasrallah)

Am Ende wird  eine Art Feuerpause kommen.  Es wird nicht „das Ende ein für alle Mal“ sein. Das ist niemals so.

DER HASS zwischen  beiden Seiten ist gewachsen. Er wird bleiben.

Der Hass vieler Israelis auf Israels arabische Bürger ist beträchtlich gewachsen, und das kann  lange Zeit nicht  verbessert werden. Israels Demokratie hat einen harten Schlag bekommen. Neo-faschistische Gruppen, einmal am Rande, sind nun vom Mainstream akzeptiert worden. Einige Kabinettminister und Knesset-Mitglieder sind vollständige Faschisten geworden.

Sie werden jetzt von fast allen Weltführern anerkannt und wiederholen wie ein Papagei Netanyahus  abgedroschene Propagandaslogans. Aber Millionen in aller Welt haben Tag für Tag die schrecklichen Bilder der Zerstörung  und des Todes im Gazastreifen gesehen. Das wird nicht durch eine Feuerpause aus ihrem Gedächtnis verschwinden.  Israels bereits unsichere Position in der Welt wird sogar noch tiefer sinken.

Innerhalb Israels selbst fühlen sich anständige Leute immer ungemütlicher. Ich habe viele Äußerungen von einfachen Leuten gehört, die plötzlich an Auswanderung denken.

Die schockierende Atmosphäre innerhalb des Landes, der schreckliche Konformismus all unserer Medien (mit Haaretz einer leuchtenden Ausnahme) die Sicherheit, dass ein Krieg  ständig auf den andern folgt – all dies führt junge Leute dazu, von einem ruhigen Leben mit ihren Familien in Los Angeles oder Berlin zu träumen.

In der arabischen Welt werden die Konsequenzen noch schlimmer sein.

Zum ersten Mal waren fast alle arabischen Regierungen im Kampf gegen die Hamas auf Israels Seite. Für junge Araber überall  ist dies ein Akt beschämender Demütigung.

Der arabische Frühling war ein Aufstand gegen die korrupte, unterdrückerische und schamlose arabische Elite. Die Identifizierung mit  dem Elend des verlassenen palästinensischen Volkes war ein Teil davon.

Was jetzt geschehen ist, ist vom Standpunkt der heutigen jungen Araber noch schlimmer, viel schlimmer. Die ägyptischen Generäle, die Saudi-Prinzen, Kuweits Emire und ihre Kollegen in der ganzen Region stehen nackt vor der jungen Generation und verachtenswert, während die Hamas-Kämpfer wie leuchtende Beispiele aussehen. Leider kann diese Reaktion zu einem noch radikaleren Islamismus führen.

WÄHREND ICH in einer Anti-Kriegs-Demonstration in Tel Aviv stand, wurde ich von einem netten jungen Mann gefragt:  „OK, nehmen wir an, dass dieser Krieg schlecht ist, was würden Sie um 6 Uhr nach diesem Krieg tun? (Das war der Name eines berühmten sowjetischen Films währen des 2. Weltkriegs?)

Nun, ich würde damit beginnen, alle  Vermittler zu vertreiben, um direkt mit den Kämpfern auf beiden Seiten zu sprechen.

Ich wäre damit einverstanden, der Blockade des Gazastreifens zu Lande und zu Wasser sofort ein Ende zu  bereiten und den Gazaern erlauben, einen bescheidenen Hafen und Flughafen zu bauen. Auf allen Straßen müssten  wirksame Kontrollen   dafür sorgen, dass keine Waffen hereinkommen.

Ich würde verlangen, dass die Hamas , nachdem sie internationale Garantien erhalten hat, in vernünftigen Zeitabschnitten alle Raketen entfernt und alle Tunnel unter der Grenze zerstört.

Ich würde sicher sofort alle Shalit-Austauschgefangenen freilassen, die zu Beginn dieser Krise wieder verhaftet worden waren. Eine  übernommene Verpflichtung unter Druck bleibt eine Verpflichtung  –  von  einer Regierung  betrogen zu werden ist nicht schön.

Ich würde  die palästinensische Einheitsregierung anerkennen und  die Welt dazu aufrufen, sie anzuerkennen und   nichts zu tun, sie daran zu hindern,  palästinensische Präsidenten und ein Parlament frei zu wählen – unter internationaler Aufsicht. Ich würde  die Ergebnisse respektieren, egal wie sie ausfallen.

Ich würde sofort  mit  ehrenhaften Friedensverhandlungen mit der vereinten Palästinensischen Führung anfangen, und zwar auf der Grundlage der All-arabischen Friedensinitiative. Jetzt, wo so viele arabische Regierungen Israel zustimmen,  scheint es eine einmalige Chance für eine Friedensinitiative zu geben.

Kurz gesagt: macht ein Ende mit dem Krieg.

EIN FÜR ALLE MAL.                                 Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert.

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Wer gewinnt ?

Erstellt von Gast-Autor am 27. Juli 2014

Wer gewinnt ?

Autor Uri Avnery

ERST JETZT verstehe ich ganz, was für ein Bösewicht Winston Churchill wirklich war.

Fünf Jahre lang hielt er die Bevölkerung Londons unter  den  nicht aufhörenden Bombenangriffen der deutschen Luftwaffe fest. Er benützte die Bewohner Londons als menschliches Schutzschild in seinem (??) wahnsinnigen Krieg. Während die zivile Bevölkerung den Bomben und Raketen ausgesetzt war, ohne den Schutz eines „Iron Domes“ versteckte er sich in seinem Bunker unter Downing Street 10.

Er hielt alle Bewohner Londons als Geiseln. Als die deutschen Führer einen  großzügigen Friedensvorschlag machten, wies er sie aus verrückten ideologischen Gründen zurück.  So verurteilte er sein Volk zu einem unvorstellbaren Leiden.

Von Zeit zu Zeit  tauchte er aus seinem unterirdischen Versteck auf, um sich ein Bild vor den Ruinen zu machen, und dann kehrte er in die Sicherheit seines Rattenlochs zurück. Aber zu den Londonern sagte er: „Zukünftige Generationen werden sagen, dass dies eure beste Stunde war!“

Die deutsche Luftwaffe hatte keine Alternative, als die Stadt zu bombardieren. Ihre Kommandeure verkündeten, sie würden nur militärische Ziele angreifen, wie die Häuser der britischen Soldaten, wo militärische Beratungen stattfanden.

Die deutsche Luftwaffe rief die Londoner Bevölkerung auf, die Stadt zu verlassen, und viele Kinder wurden tatschlich evakuiert. Aber die meisten Londoner beachteten den Aufruf Churchills, zu bleiben – so wurden sie zu „Kollateralschäden“.

Die Hoffnungen des deutschen Oberkommandos, dass das Zerstören ihrer Wohnungen und das Töten ihrer Familien  die Leute  von London dahin verführen würde, einen Aufstand zu machen, Churchill und seine kriegstreibende Bande hinauszuwerfen, nützte nichts. Die primitiven Londoner, deren Hass auf die Deutschen stärker war als ihre Logik, folgten in  perverser Weise den Instruktionen des feigen Churchill. Ihre Bewunderung für ihn wuch