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Wut-Grüße vom Krankenbett

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 20. Februar 2022

Zwischen Erschöpfung, Ignoranz und Fatalismus

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Unter welch einer Maske versteckt sich heute der Deppen-Minister?

Eine Kolumne von Margarete Stokowski

In Berlin ist das Projekt Durchseuchung super organisiert, findet unsere Kolumnistin. Sie war gerade krank – und ist jetzt sauer. Weil die Regierung den Karren desaströs gegen die Omikron-Wand fährt.

In der Hoffnung, dass Sie gesund sind und mich in den letzten beiden Wochen so vermisst haben wie ich Sie, schreibe ich Ihnen heute vom Krankenbett, wo ich meinen »milden Verlauf« einer Coronainfektion auskuriere. Neben einem diffusen Unwohlsein und Kopfschmerzen gehörte zu meinen ersten Symptomen eine richtig große Wut.

Gar nicht mal Wut darauf, dass ich mich trotz dreifacher Impfung und vorsichtigen Verhaltens infiziert hatte. Ich habe lange genug den Drosten-Ciesek-Podcast gehört, um zu wissen, dass die meisten von uns sich irgendwann infizieren werden. Nö, darauf habe ich keine Wut. Aber auf die Gesamtsituation, in der wir alle uns befinden. Weil so wahnsinnig viel falsch läuft und so viele das in einer Mischung aus Erschöpfung, Ignoranz und Fatalismus hinnehmen. Sogenannte Alternativlosigkeit, in ihrer tödlichen Variante.

Wobei man natürlich dazusagen muss, dass ich schon vor meiner Infektion wütend war, eigentlich wollte ich das hier schon vor zwei Wochen schreiben, und seitdem ist die Situation nicht besser geworden. Erinnert sich noch jemand, wie es irgendwann noch hieß, man müsse besonders vulnerable Gruppen schützen, also zum Beispiel: alte oder kranke Menschen, oder solche, die sich nicht impfen lassen können oder trotz Impfung kaum einen Schutz aufbauen? Erinnert sich jemand an die Solidarität ganz am Anfang, als Leute für ihre Nachbarn einkaufen gingen und es Spendenzäune für Obdachlose gab? Als die Inzidenzen noch winzig waren? Lange her! Inzwischen sind wir bei »wir kriegen jetzt eh alle Omikron und wenn man geimpft ist, ist es ja nicht so schlimm«.

Kopfschmerzen, Müdigkeit, Appetitlosigkeit

Ein Kollege schrieb mir, als er von meiner Infektion erfuhr, nicht »gute Besserung«, sondern nur, dass das ja in drei oder vier Tagen durchgestanden sei, halb so wild. Na ja, sagen wir so: Es ist für mich jetzt der 16. Tag seit Symptombeginn, es ging mir zwischendurch richtig dreckig, rund zehn Tage. Meine Tests sind seit dem 12. Tag wieder negativ, aber ich habe weiterhin täglich Kopfschmerzen, null Appetit, enorme Müdigkeit und zwischendurch erschöpfen mich die banalsten Tätigkeiten (z. B. duschen) so sehr, dass ich mich hinsetzen oder hinlegen muss, ich habe Wortfindungsstörungen und kann mich schlecht konzentrieren.

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Ich konnte zwei Wochen nicht arbeiten und habe einen dementsprechenden Honorarausfall und kann außerdem für die nächste Zeit keine Aufträge zusagen, weil ich nicht weiß, wann ich wieder gesund bin. Und das ist noch nicht mal das, was mich wütend macht; das nur zur Einordnung, wie »mild« mein Verlauf ist.

»Milder Verlauf« ist für mich jetzt schon das Unwort des Jahres. Manche Leute denken, die Tatsache, dass Omikron weniger schwere Verläufe auslöst, bedeutet, dass man dann einfach mal fünf Tage auf dem Sofa abhängt und endlich mal in Ruhe ein paar schöne Schmöker wegliest. Kann natürlich passieren, wenn man Glück im Unglück hat. Kann aber auch sein, dass man noch in der dritten Woche oder wesentlich später völlig kaputt ist. Gestern ist mir der Name der Straße nicht eingefallen, die 50 Meter von meinem Haus beginnt, ich musste googeln. Wenn Sie jetzt sagen, na ja, Stokowski war ja vorher schon dumm, okay, aber die Omikron-Dussligkeit kommt halt noch obendrauf!

Dramatische Spaltungen

Was mich wütend macht, ist, dass wir jetzt sehr lange über eine »Spaltung der Gesellschaft« zwischen Coronaleugnern/-verharmlosern und allen anderen geredet haben, während die anderen Spaltungen, die wesentlich dramatischer sind, unter den Tisch fallen: die Spaltung zwischen denjenigen, die eine Infektion gut wegstecken können und denen, die das nicht können. Oder die Spaltung zwischen denen, die sich locker zu Hause isolieren können und denen, die alte oder kranke oder behinderte Menschen pflegen und nicht so leicht ersetzt werden können. Oder die Spaltung zwischen denen, die auf die aktuellen Infektionszahlen mit einem zynischen »jetzt ist auch egal« reagieren und denen, die längst völlig jenseits der Grenze ihrer Kräfte sind, zum Beispiel Eltern oder Risikopatient*innen oder Pflegekräfte oder Angehörige von Schwerkranken. Oder die Spaltung zwischen denen, denen die Pandemie finanziell kaum schadet und denen, die längst ihre Ersparnisse aufgebraucht haben, weil sie nicht so arbeiten können wie vorher.

Erinnern Sie sich, wie in Potsdam im vergangenen Jahr vier behinderte Menschen ermordet wurden? Das Entsetzen und die Anteilnahme waren völlig zu Recht riesig. Aber wie gehen wir heute mit Menschen um, die besonderen Schutz bräuchten und darauf angewiesen sind, dass andere sich um sie kümmern? Richtig schlecht, wenn Sie mich fragen. Die können gucken, wo sie bleiben.

Eine Pandemie ist eine Naturkatastrophe

Heute sind wir leider in einer Situation, in der Leute, die sich nicht mit Corona infizieren wollen, als naive, ängstliche Deppen hingestellt werden, die nicht kapiert haben, dass wir es mit einem hochansteckenden Virus zu tun haben und die von der Regierung beschützt werden wollen wie ein Baby. Aber was, wenn Leute sich zum Beispiel nicht anstecken wollen, weil sie chronisch krank sind oder vorerkrankte Angehörige haben und Angst haben, das Virus an diese weiterzugeben oder in der Betreuung wochenlang auszufallen? Marina Weisband schrieb dazu auf Twitter: »Wer aufgrund von Vorerkrankungen Ansteckung vermeiden möchte, ist einfach gefickt. Aufgegeben.«

Eine Pandemie ist eine Naturkatastrophe, aber eine schlecht gemanagte Pandemie ist eine doppelte. Ob die Durchseuchung gewollt ist oder hingenommen wird, ist im Endeffekt egal.

Wobei es mir inzwischen fast schon lieber wär, die zuständigen Politiker*innen wären wenigstens ehrlich. Sagt es doch, dass es euch hauptsächlich darum geht, die Wirtschaft am Laufen zu halten, und dass es euch vergleichsweise egal ist, wenn alte Menschen sich nicht mehr hinaustrauen, Kinder und Erwachsene Long Covid kriegen, wichtige Operationen verschoben werden müssen, Frauenhäuser überfüllt sind, mehr Leute an Krebs sterben und euer Ziel definitiv nicht ist, dass möglichst wenig Leute krank werden oder sterben oder arm werden oder verzweifeln. Sagt es doch wenigstens, dass euch der faschistische Gedanke, dass man auf die Schwächsten gut und gern auch verzichten kann, vielleicht doch ganz gut gefällt. Übertrieben? Dann beweist das Gegenteil.

In Berlin ist das Projekt Durchseuchung super organisiert, so viel kann man sagen. Als ich in einem Zentrum, das zuvor auch PCR-Tests anbot, meinen positiven Schnelltest erhielt, durfte ich mir auf einer Liste eines von elf (!!) landeseigenen Testzentren für einen kostenlosen PCR-Test aussuchen. Elf Stellen für ganz Berlin. Die nächste war gut zwei Kilometer entfernt, ich konnte mir aussuchen, ob ich durch den kalten Regen laufe oder hochinfektiös die öffentlichen Verkehrsmittel benutze. Oder doch lieber einen Taxifahrer gefährden? Zwei Kilometer kann man laufen. Aber man kann Leuten auch nicht wirklich vorwerfen, dass sie dann die U-Bahn nehmen zu einem dieser Zentren, wo theoretisch nur Leute ohne Symptome hinsollen, wo man aber faktisch natürlich in einer schniefenden Schlange steht. Und wartet. Und wartet. 40 Minuten draußen im Regen, bevor man überhaupt ins Gebäude kommt. Wenn man bis dahin keine Symptome hatte, hat man hinterher sicher welche. Wie gesagt: Durchseuchung leicht gemacht.

Omikron-Welle gut unter Kontrolle?

Quelle      :     Spiegel-online        >>>>>      weiterlesen

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Grafikquellen        :

Oben      —     If incidence gets too high in times of corona, a politician could be tempted to re-define it.

2,) von Oben       —     Cartoon: Vielleicht sollten bei der Durchsetzung der allgemeinen Impfpflicht Tierärzte mit entsprechender Ausrüstung eingesetzt werden.

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Unten         —        Margarete Stokowski (2018)

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