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Die Krisen + ihre Experten

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 28. November 2021

Die Corona Krise ist keine Klimakrise im Kleinen

File:Maskenpflicht Schild Hamburg Mönckebergstraße.png

Von  Caspar Hirschi

Die Klimabewegung propagiert ein Bild von wissenschaftlichen Experten, das an der Realität der Pandemie scheitert.

Alle glücklichen Zeiten gleichen einander. Jede Krise ist ein Unglück eigener Art. Wäre es anders, hätten moderne Gesellschaften schon längst Wege gefunden, um nicht mehr in Krisen hineinzugeraten. Stattdessen tun sie es immer wieder von Neuem. Eine Krisenerfahrung legt sich über die andere, und der Blick für ihre Besonderheiten wird eingetrübt.

Vergleiche mit vergangenen Krisen können durchaus hilfreich sein, um aktuelle Notlagen zu bewältigen. In der Finanzkrise diente die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre als Negativfolie für eine Interventionspolitik mit massiver Hebelwirkung, um die wirtschaftliche Abwärtsspirale frühzeitig aufzuhalten. Setzt man den Vergleich jedoch in der Gegenwart an und überträgt Kampfbegriffe einer chronischen Krise, deren Bewältigung noch in den Sternen steht, auf eine akute Krise völlig anderer Art, erweist man ihrer Analyse und Bekämpfung einen Bärendienst. Das ist uns in der Coronakrise passiert.

Die Klimakrise ist zum dominanten Deutungsrahmen für die Covid-19-Pandemie geworden. Es begann damit, dass die Gesellschaft bereits kurz nach dem Ausbruch der Seuche in Sehende und Geblendete aufgeteilt wurde. Man setzte den Klimaleugnern die „Coronaleugner“ oder „Covid-Idioten“ zur Seite. Die Vielfalt an Motiven, die Menschen zur Ablehnung der Eindämmungsmaßnahmen bewogen, reduzierte sich in vorauseilender Anwendung des schlimmstmöglichen Verdachts auf jenes der Realitätsverweigerung. Umso schwerer fiel es im Fortgang der Krise, Leute aus der Opposition gegen die Pandemiepolitik zurückzuholen. Wer sich zu Unrecht in eine Ecke gestellt fühlte, richtete es sich dort ein und radikalisierte sich weiter. Mit jeder Welle nahm die Polarisierung zu. Sah man in der Coronakrise eine Klimakrise im Kleinen, erschien die Polarisierung nicht als Folge der eigenen Parallelisierung, sondern bloß als weitere Parallele. Der Vergleich erhielt Züge einer Self-Fulfilling-Prophecy.

„Follow the Science“

Noch stärker schlug sich das Vorbild der Klimakrise in Erwartungen an eine politische Führungsrolle von Experten nieder. Die Klimawissenschaften sind ein Forschungsfeld, das seit mehr als einem halben Jahrhundert beackert wird und das vor mehr als drei Jahrzehnten eine institutionell gefestigte Form der wissenschaftlichen Politikberatung erhalten hat. Im Vergleich dazu wirkt die wissenschaftliche Forschung und Beratung zu Covid-19 wie ein behelfsmäßig aufgezogenes Feldlazarett. Es war denn auch kaum die institutionelle Organisation von Expertise in der Klimakrise, die in der Coronakrise als Vorbild diente, sondern vielmehr ihre mediale Inszenierung durch die Klimabewegung. Diese jedoch geht schon in der Klimapolitik an der Realität der wissenschaftlichen Politikberatung vorbei.

Der Weltklimarat (IPCC) verfasst seine Berichte nach dem Prinzip, „neutral, policy relevant, but not policy-prescriptive“ zu sein. Entsprechend stellt er keine Empfehlungen und schon gar keine Forderungen auf, was für konkrete Maßnahmen zu ergreifen sind. Allgemeine Ziele wie die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad werden in enger Zusammenarbeit und unter Federführung der internationalen Politik verabschiedet. Die Selbstbeschränkung des Weltklimarats hat ihr Fundament in den prognostischen Unsicherheiten und normativen Dilemmata, die mit den Zukunftsszenarien in seinen Berichten verbunden sind. Das Abwägen von Risiken, Setzen von Werteprioritäten und Fällen von Entscheiden ist Aufgabe der Politik, nicht der Wissenschaft.

Als nun aber die Klimabewegung den Klimanotstand ausrief und einen „System Change“ forderte, wies sie den Klimawissenschaften die weltweite Führungsrolle bei der politischen Bekämpfung der Erderwärmung zu. „Follow the Science“ und „Unite behind the Science“ avancierten zu Mobilisierungsparolen eines neuen Aktivismus, der ohne eigene Agenda auskam, in der Annahme, die Befunde und Modelle der Klimawissenschaften enthielten bereits das politische Programm. Da der Weltklimarat der Politik aber keine Vorschriften macht, läuft der Aufruf, der Wissenschaft zu folgen, ins Leere. Den offiziellen Klimaexperten wird eine Rolle zugedacht, die sie nicht einnehmen können. Anstatt auf den Widerspruch hinzuweisen, haben ihn manche Klimaforscher noch verschärft, indem sie in den Medien eine aktivistische Wende vollzogen, die mit ihrem institutionellen Auftrag kollidiert.

„Der“ Wissenschaft zu folgen, musste in der Coronakrise schon deshalb in die Irre führen, weil gar keine Instanz existiert, die den Erkenntnisstand der relevanten Forschungsgebiete aufbereitet und bekannt gibt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist nicht der IPCC, sie hätte wegen der akuten Zeitnot auch nie eine vergleichbare Rolle einnehmen können. Sobald die globale Dimension der Krise sichtbar wurde, entstand ein unkoordinierter Wettbewerb unter Forschenden um die Bereitstellung relevanter Expertise, ausgetragen auf Preprint-Servern und Twitter. Im Kampf um politische Aufmerksamkeit kamen dabei Mittel zum Einsatz, die der Weltklimarat systematisch ausschließt. Studienautoren machten sich zu Experten in eigener Sache, indem sie ihre provisorischen Forschungsbefunde gleich mit Empfehlungen oder Warnungen an die Politik versahen.

Hier Großbritannien …

So sorgten sie dafür, dass die politische Diskussion startete, bevor die wissenschaftliche Prüfung begonnen hatte. Für Regierungen und ihre Beratungsstäbe wurde die Situation noch unübersichtlicher und unsicherer, als sie ohnehin schon war. Medial sahen sie sich unter Druck gesetzt, „der“ Wissenschaft zu folgen, real waren sie mit einer Vielfalt an unbestätigten Expertenmeinungen konfrontiert. Die meisten Regierungen suchten ihre Rettung darin, jenen Expertenstimmen Gehör zu schenken, die zugleich wissenschaftliches Renommee ausstrahlten und ihren politischen Ansichten nahestanden, um diese dann in der Öffentlichkeit als „die“ Wissenschaft auszugeben.

Der britische Politologe Paul Cairney hat daher zu Recht betont: Wenn Politiker in der Coronakrise sagen, sie folgen der Wissenschaft, so meinen sie „unseren Wissenschaftlern“. Großbritannien ist dafür exemplarisch. Entgegen den Darstellungen in vielen Medien ließ sich die Tory-Regierung von Boris Johnson sehr wohl von wissenschaftlichem Rat leiten, als sie im März 2020 den ersten Lockdown hinauszögerte, bis es zu spät war, um das Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen. Die Regierung hörte auf die offizielle „Scientific Advisory Group for Emergencies“ (SAGE), in der anerkannte Spezialisten aus diversen Fachgebieten mitwirkten. Sie waren es, die dem Premierminister anfänglich, gestützt auf rationale Überlegungen und spärliche Befunde, empfahlen, keine harten Maßnahmen zu ergreifen.

… da Deutschland

Die Existenz eines offiziellen Expertengremiums für die Pandemiebekämpfung führte in England gerade nicht zur Fiktion einer Wissenschaft, die „mit einer Stimme spricht“, sondern zur Einsicht in den politisierten Charakter jeder Expertise. Schon im Mai 2020 erhielt SAGE mediale Konkurrenz in der Form von „Independent SAGE“. Präsidiert wurde die öffentlich beratende Expertenrunde vom ehemaligen Chief Scientific Adviser, Sir David Anthony King. Damit erhielt die Westminster-Demokratie mit ihrer Zweiteilung von Regierung und Opposition ein nahezu identisches Abbild in der Organisation von Expertise. Komplettiert wurde die politische Aufstellung der Wissenschaft durch eine kleine, aber feine Minderheit von „Corona Centrists“ wie François Balloux, der es wie kein anderer verstand, wissenschaftliche Kompetenz mit politischer Transparenz zu verbinden.

Quelle       :      Der Freitag-online          >>>>>           weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     — Es wurden in Hamburg zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie Bereiche mit einer Maskenpflicht erlassen. Dieses Schild weist auf die geltende Maskenpflicht in der Mönckebergstraße hin.

Author Kalle Schmitz     / Source    –    Own work
This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

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2.) von Oben       —           Waldbrand-Experiment

Ein Kommentar zu “Die Krisen + ihre Experten”

  1. Leo sagt:

    Wo sind sie geblieben, die 15 Milliarden?

    Professor Dr. med. Matthias Schrappe ist Internist und Gesundheitsökonom. Er war Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Zusammen mit einer Autorengruppe hat Schrappe in den letzten Monaten zahlreiche Stellungnahmen zur Corona-Pandemie veröffentlicht und unter anderem den sogenannten DIVIgate-Skandal ins Rollen gebracht. Im Cicero-Interview spricht er über die Lage auf den Intensivstationen – und stellt sich die Frage nach den fehlenden Intensivbetten. https://bit.ly/2ZYZrPW

    https://www.facebook.com/CiceroMagazin/photos/a.437656133002/10158742499443003/

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