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Urlaub einmal ungeplant

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 26. Juli 2022

Lasst die Spontaneität im Koffer!

Von Johannes Runge

Unser Autor nimmt sich für seinen Urlaub nach Split vor, spontan zu sein. Das Vorhaben scheitert. Über ein Konzept, das mehr verspricht, als es hält.

Urlaub soll das Gegenteil von Alltag sein. Bloß weit weg von der Tretmühle aus Terminen, Verpflichtungen, Kompromissen, Monotonie. Um 6.30 Uhr weckt einen seit Jahren derselbe Coldplay-Song, die Haferflocken landen in der immer selben Müslischale, arbeiten, einkaufen, Abendbrot, Wäsche machen, putzen, schlafen – im Hamsterrad des Lebens gibt es kaum Raum für Spontanes, fast alles läuft nach einem bekannten Muster. Ich liebe das.

Auch im Urlaub möchte ich ungern etwas dem Zufall überlassen. Ich mag es, weit im Voraus zu planen, wo es hingeht, was ich an den jeweiligen Tagen unternehme, wo ich morgens und abends esse. Meine Freun­d:in­nen sehen das allerdings anders. Entspannung, sagen sie, bedeute, eben keinen Plan zu haben, keine festen Termine – einfach alles auf sich zukommen zu lassen und in den Tag hinein zu leben. Also habe ich mich dieses Jahr vom Gegenteil überzeugen lassen: Ich will spontan sein!

Der Plan lautet: Ich mache einen Kurzurlaub, habe aber keine Ahnung, wo es hingeht – und kann deshalb auch keine Aktivitäten im Voraus planen. Eine Freundin bucht ein Surprise-Flug­ticket für mich, am Flughafen erfahre ich: Es geht nach Split. Ich google kurz, und mit den ersten Such­ergebnissen steigt Vorfreude in mir auf: eine Stadt an Kroatiens Adriaküste, das Meer hat 19 Grad, die Luft in den kommenden Tagen nie mehr als 24 Grad. Traumhaft.

Während ich im Flugzeug am Orangensaft nippe, nehme ich mir fest vor, erst mal alles auf mich wirken zu lassen und jeden Tag aufs Neue zu entscheiden, was ich mache. Diese Spontaneität, das wohl meist ausgerufene Ziel aller Reisenden in ihren Zwanzigern bei der Vorbereitung auf den Urlaub – ich will lernen, sie zu lieben!

Am Zielflughafen angekommen die erste Irritation: Nach Split fliegen heißt nicht in Split landen. Ich suche einen Shuttlebus in die Stadt. Nach einer Weile finde ich die Abfahrtsstelle, stelle mich geduldig in die Warteschlange vor den Bus, nur um einige Minuten später festzustellen, dass die Busfirma nur die landeseigene Währung in bar akzeptiert. Die Suche nach einem Geldautomaten beginnt, der zügige Fund ist erfreulich, die miserablen Umtauschkonditionen und das Gefühl, vom Busunternehmen abgezogen zu werden, sind es sehr viel weniger. Meine gute Laune fängt an zu bröckeln. Hätte ich diesen Urlaub im Voraus geplant, wäre so etwas nicht passiert.

In Split finde ich immerhin schnell – und ganz spontan – ein Hostel, das ein freies Bett hat. Dort knüpfe ich auch erste Kontakte zu drei Mit­ur­lau­be­r:in­nen, mit denen ich die nächsten Tage verbringen werde. Als ich später am Abend ins Doppelstockbett steige, glaube ich noch an die Möglichkeit, dass ich die Spontaneität im Urlaub zu schätzen lernen werde.

Das Versprechen magischer Momente

Am nächsten Morgen googeln wir mit leeren Mägen nach Frühstückscafés. Wo stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis? Wo gibt es irgendwas ohne Fleisch? Und welches Café ist überhaupt fußläufig erreichbar? Es zeigt sich, dass spontane Entscheidungen in Gruppen noch schwieriger sind, als wenn man allein ohne Plan drauflos stolpert.

Nach einer Stunde finden wir endlich einen Konsens und eilen durch die Altstadt Splits. Als wir vor dem Café ankommen, herrscht ausgelassene Stimmung: Die Essenstafeln vor dem Lokal gleichen dem Online-Auftritt, hier findet ganz sicher je­de:r etwas. Doch als wir freudig unsere Bestellung aufgeben, erklärt die Kellnerin: „Sorry guys, our breakfast menu ist just till 10 a.m.“ Kein Frühstück nach 10. Ich denke wehmütig an Rührei mit Tomaten, ein knuspriges Croissant und frischgepressten Orangensaft – und verfluche die vielgerühmte Spontaneität.

Denn je mehr Erfahrungen ich mit ihr sammle, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass es dabei vor allem darum geht, sich selbst zu versichern, dass man überhaupt noch aus dem Alltagstrott ausbrechen kann. Spontaneität an sich ist gar nicht so erstrebenswert, sie ist nur die Negation des Alltags und die Abwesenheit von Terminzwängen.

Dazu kommt die Fülle an Kompromissen, die Ur­lau­be­r:in­nen bei spontanen Entscheidungen für ein Reiseziel eingehen müssen: Ja, eine Abendkarte im Restaurant mit nur einer vegetarischen Option geht schon klar, aber mehr wäre natürlich schön. Die gut gemeinten Kompromisse katapultieren mich sofort zurück in den Berufsalltag.

Im Urlaub will ich so wenige Kompromisse wie möglich eingehen. Nur das machen, was ich will, was ich mag und was mir gut tut. Und das geht eben am besten, wenn ich Zeit habe, mich darauf vorzubereiten; mal ganz abgesehen von der Vorfreude, die nun mal nicht neben der Spontaneität existieren kann.

Die Gesellschaft hält trotzdem an dem positiven Framing von Spontaneität fest. Spontaneität ist attraktiv. Gerade Menschen in ihren Zwanzigern, Millennials und Generation Z, fühlen sich von Menschen angezogen, denen es leicht fällt, spontan zu sein, und suchen diese Eigenschaft oft explizit bei potenziellen Date-Partner: innen.

Quelle         :        TAZ-online          >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen     :

Oben       —      Marjan hill aus der Sicht der Riva Promenade, 2013.

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Unten       —       Dieses Bild wurde von Jorn Bjorn Augestad während seines Besuchs im Tigernest in Bhutan aufgenommen.

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