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Unser Herr Philipp

Erstellt von DL-Redaktion am Donnerstag 22. Oktober 2015

Student leitet Flüchtlingsheim mit
Unser Herr Philipp

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/36/Siemensstadt_Motardstra%C3%9Fe_Asylbewerberheim.JPG

von Johanna Roth

In der Erstaufnahmeeinrichtung in Berlin-Wilmersdorf leben rund 800 Flüchtlinge. Das funktioniert gut, weil ein Student von Empathie nicht nur redet.

Die kleine Gruppe kommt aus Syrien. In Bayern hat man sie nach Berlin durchgewunken, nachts, ohne Papiere. Deshalb müssten sie sich eigentlich sofort vor dem zuständigen Amt anstellen, bis jeder Einzelne registriert ist. Aber es sind nur wenige Grad über null, sie haben kaum warme Kleidung dabei. Der Großvater braucht eine Dialyse. Sie sind so müde, dass sie kaum noch sprechen können. „Let me explain what I would like to offer you“, sagt Philipp Bertram, als wäre sein Schreibtisch der Tresen eines Reisebüros. Eine der Frauen greift nach der Hand der anderen, Bertram nach dem Telefon. Einige Minuten später ist klar: Die fünf dürfen vorerst hier bleiben, der alte Mann wird medizinisch versorgt.

Diese Szene wiederholt sich in diesem Büro täglich unzählige Male. In der Notunterkunft im Alten Rathaus Berlin-Wilmersdorf wohnen um die 800 Flüchtlinge. Manche bleiben nur wenige Tage, andere Monate. Die Hälfte sind Syrer, dazu kommen Afghanen, Iraker, Tschetschenen. Jeden Tag arbeiten hier Hunderte Freiwillige. Noch vor einigen Wochen war Philipp Bertram einer von ihnen. Als ehrenamtlicher Aktivist konnte er sich öffentlich aufregen, der Bundespräsident halte mit seinem Besuch den Betrieb auf. Heute wird er dafür bezahlt, solche Besuche zu koordinieren.

Mit 24 Jahren ist er stellvertretender Leiter der Unterkunft, die vom Arbeiter-Samariter-Bund betrieben wird. Seinem Chef, Thomas de Vachroi, war er gleich aufgefallen. Er sagt: „Philipp hatte sofort einen besonderen Draht zu den Leuten. Jetzt muss er lernen, mit den Strukturen klarzukommen.“ Das heißt: Er muss es allen recht machen. Den Flüchtlingen, den Freiwilligen, seinem Arbeitgeber, dem Amt.

Philipp Bertram ist ein schlaksiger Typ, eleganter gekleidet als die meisten hier – gut sitzender Mantel, den er auch im Büro fast nie auszieht, Nerdbrille, adretter Pullover. Er ärgert sich über seine Haare, die lieber schräg hochstehen, als ordentlich anzuliegen. Vor ein paar Monaten noch studierte er VWL und Politikwissenschaft. Nebenher kellnerte er und jobbte als Eventmanager, engagierte sich für queere Themen. Was man eben so macht mit Anfang zwanzig.

Dann, 2015, kommt die Flüchtlingskrise. Bertram engagiert sich ehrenamtlich. Sein Studium: plötzlich nicht mehr wichtig. Warum? „Ich ertrage es nicht, dass all diese Menschen nur als Krise behandelt werden. Man muss ihnen doch Würde geben in diesem beschissenen System.“ Er hilft in Unterkünften in ganz Berlin, irgendwann auch in Dresden, wenn er dort am Wochenende seine Familie besucht. Merkt sich, was gebraucht wird, was gut funktioniert. Und steht an einem Augustmittag im Hof des leer stehenden Rathauses Wilmersdorf, kurz nachdem die Nachricht herumging, dass hier noch am selben Abend 250 Flüchtlinge einziehen sollen.

Seine Chance

Quelle : TAZ >>>>> weiterlesen

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Grafikquelle     :

Asylbewerberheim in Berlin-Siemensstadt (2013)

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