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Unbrauchbare Spezialisten

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 13. November 2022

Pilot Pirx und der Fluch der Experten

Stanisław Lem 2005

Eine Kolumne von Thomas Fischer

Ein Hammer erkennt ausschließlich Nägel. Und wer die Welt als Ansammlung von Viren versteht, ist nicht zwingend der geeignetste Gesundheitsminister. Was eine Geschichte von Stanisław Lem über Spezialistentum lehrt.

Eine 1968 veröffentlichte Geschichte von Stanislaw Lem trägt den Titel »Ananke«, nachzulesen in »Pilot Pirx«, 2003, ab Seite 468. Ich will sie hier nicht rezensieren, muss aber kurz schildern, worum es geht: Pirx, Raketenkommandant, wird auf einer Marsbasis Zeuge der Landung des ersten von drei neuen Megatransportraketen. Das computergesteuerte Landungsmanöver verläuft bis in eine Höhe von 5000 Metern plangemäß. Doch plötzlich gibt die Steuerung sinnlos »Meteoritenalarm« und versucht automatisch, eine Rettungsaktion mittels »Alarmstart« auszuführen. Hierdurch gerät die Rakete in einen instabilen Zustand, der sich nicht mehr ausgleichen lässt. Sie stürzt aus fünf Kilometern ab; alle Besatzungsmitglieder kommen ums Leben.

Pirx wird als erfahrener Kommandant in eine Sonderkommission berufen, deren Aufgabe vor allem darin besteht, möglichst rasch die Ursache der Katastrophe zu finden, um eine Wiederholung zu verhindern. Die Kommission, besetzt mit Führungspersonal und Experten aus den zwei Marsbasen, erweist sich als Kopie entsprechender irdischer Gremien und befasst sich vorwiegend mit dem stillen Kampf um ein »Narrativ« der Verantwortung: Technikfehler, Steuerungsfehler, Landekontrollfehler, Zufall?

Die Lage verkompliziert sich noch, als die Zentrale auf Terra die Leitung übernimmt und in Videokonferenzen (mit jeweils acht Minuten entfernungsbedingter Sprachverzögerung) die Ursachen- und Verantwortungserforschung in ein endloses Theorieproblem aufzulösen beginnt, dessen Axiom jedenfalls ist, dass keinesfalls ein Fehler der neuesten, unübertrefflichen Steuerungscomputer vorgelegen haben kann.

Pirx, genervt wie häufig, sitzt zwischen den Stühlen und ahnt, dass das Rätsel woanders liegt. Biografische Erkundigungen, Assoziationen und Erinnerungen führen ihn auf die Spur: Das Anlernen der Rechner geschieht in einem aufwendigen Lern- und Simulationsprogramm, welches die Maschinen mit einem umfassenden Wissen über alle realen und hypothetischen Flugprobleme der Raumfahrtgeschichte ausstattet. Um letzte Sicherheit aus der »Analogie« zu gewinnen, wird jeder Rechner von einem besonders erfahrenen ehemaligen Kommandanten mittels individueller Aufgaben und Anforderungen getestet.

Als Pirx den Namen des für die abgestürzte Rakete zuständigen Experten erfährt, erinnert er sich daran, zufällig einmal gelesen zu haben, dass dieser wegen eines »anankastischen Syndroms« für fluguntauglich erklärt und in den Ruhestand versetzt wurde.

Ursache der Katastrophe war, dass dieser zwanghaft kontrollierende Instruktor, von der Behörde gerade wegen seiner Kleinlichkeit für besonders geeignet gehalten, den Computer zu einer selbstzerstörerischen, sich beschleunigenden Überlastung mit sinnlos angeforderten Massen von Kontrolldaten zwang, die zum tödlichen Panikbefehl »Alarmstart« führte. Pirx, in assoziativer Erkenntnis des Ablaufs, sendet dem alten Kollegen ein Telegramm mit dem dramatischen Poe-Zitat »Thou art the Man«. Der Empfänger erkennt sein Versagen, offenbart es der Raumfahrtbehörde und erschießt sich in derselben Nacht.

Experten

Aus der vorstehenden Einleitung mögen Sie erkennen, dass der Kolumnist sich erstens auf Urlaubsreise befindet und dabei zweitens einmal wieder alle »Pilot Pirx«-Geschichten von Lem liest. Ananke (römisch: »Necessitas«) ist, dies noch ergänzend, die griechisch-mythologische Schicksalsgöttin, symbolisierend den unausweichlichen, objektiven Zwang – sei er gut oder schlecht, günstig oder ungünstig. Die unwiderstehliche Gewalt blinder Notwendigkeit geht, umschlungen mit der Zeit (»Chronos«), dem Willen selbst der Götter vor.

Nun sollen hier nicht fachfremd Probleme der anankastischen Persönlichkeitsstörung bearbeitet werden, denn dazu fehlt dem Kolumnisten die Expertise. Interessant ist vielmehr ein anderer Aspekt des Textes: »Weil der Psychiater (der Werft) nichts von Computern verstand, hatte er angenommen, das sei genau das richtige Betätigungsfeld für so einen Kleinlichkeitskrämer.«

Das wirft die Frage auf, wie es sich mit dem Expertentum, der Erkenntnis und der Beurteilung von beidem im wirklichen Leben verhält, sagen wir: im Rechtsleben oder in der Politik. Viele Ältere werden sich daran erinnern, mit welch verachtendem Hohn einst Bundeskanzler Kohl verfolgt wurde, der sich unvorsichtig als »Generalist« bezeichnet hatte, derweil der Weltökonomie-Oberlehrer Schmidt ein 1945 bis 1949 absolviertes Expertenstudium in VWL und »Staatswissenschaft« vorweisen konnte. Dieserhalb galt Oberleutnant Schmidt, laut Personalakte »auf dem Boden der nat.soz. Weltanschauung« stehend, als deutsche Inkarnation ökonomischer Primärtugend.

Ja – die politischen Experten – sind sie die wahren Ungelernten? 

Generalisten haben es schwer, seit tatsächliche oder plausibel postulierte Universalgelehrte wie da Vinci, Humboldt, Marx oder Weber die Welt verlassen oder sich zu winzigen Quizfragen minimiert haben. Es triumphiert das Expertentum bis in die entlegensten Winkel der Lebensgestaltung. Es gibt, frei nach Habermas, hierzulande annähernd keinen Bereich des Lebens mehr, der dem Zugriff des Marktes und dem Expertentum der Verwertbarkeit entzogen ist.

Daran ist, banal betrachtet, zunächst einmal nichts Furchterregendes. Warum zum generalistisch »praktischen Arzt« gehen, wenn es sich mithilfe von siebzehn Facharztzentren vielleicht ein paar Jahre länger leben lässt?

Andererseits kennt der erfahrene Patient das Folgeproblem: Für die Kardiologen besteht die bekannte Welt aus Arterien, für Onkologen aus Frühtumoren, für Neurologen aus Hirnarealen. Alles sehr wichtig und gut, führt aber weder zur ewigen Jugend noch zum Glück des Aufgehobenseins. Hieraus zu schließen, die besten Ärzte seien Kinderbuchautoren oder hätten eine Ausbildung zum stellvertretenden Vorsitzenden einer Parteigliederung absolviert, wäre übertrieben, weist aber in eine interessante Richtung.

Quelle        :            Spiegel-online          >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     —      Stanisław Lem (1921–2006), Hier 2005 – polnischer Philosoph und SF-Schriftsteller

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2.) von Oben        —       Thomas Fischer auf der re:publica 2016
Ot – Eigenes Werk
Thomas Fischer (Jurist)
CC-BY-SA 4.0
File:Thomas Fischer-Jurist-rebuliva16.JPG
Erstellt: 4. Mai 2016

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Unten       —       Christian Lindner am Wahlabend der NRW Landtagswahl am 14. Mai 2017 in Düsseldorf

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