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Ukraine nähert sich der Nato

Erstellt von Gast-Autor am Dienstag 25. Februar 2014

Die EU hat ein neues Entwicklungsprojekt

File:New Russia on territory of Ukraine.PNG

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 25. Februar 2014

Unmittelbar nach dem Machtwechsel in der Ukraine gab es zwei wesentliche Weichenstellungen: Die eine liegt in jener Äußerung des deutschen Außenministers, der das Auftauchen von Julia Timoschenko auf dem Maidan damit kommentierte, dass sie eine „große Verantwortung für die Zukunft ihres Landes“ trage. Timoschenko, die sich nicht in das Rennen zur Wahl des Ministerpräsidenten begab sondern sich für die ukrainischen Präsidentschaftswahlen aufspart, hat so den offiziellen Segen der EU bekommen: Mach mal, Julia. Eine zweite Weiche stellte das Parlament. Es schaffte die Zweisprachigkeit – Ukrainisch und Russisch – in jenen Gegenden ab, in denen bisher die alte Janukowitsch-Regelung galt, wonach in einer Region, in der mindestens zehn Prozent der Bevölkerung eine andere Muttersprache habe, diese den Status einer regionalen offiziellen Sprache bekommt. Also weg mit Russisch als zweiter Amtssprache.

Es gibt viele Zahlen darüber, wie viele Ukrainer primär Russisch oder Ukrainisch sprechen, sie alle pendeln so um die 50 Prozent für die jeweilige Sprache. Ein zarter Hinweis auf die wirkliche Wirklichkeit gibt die Lage auf dem Zeitungsmarkt: Die auflagestärkste Zeitung „Fakty i kommentarii“ (1,1 Millionen) erscheint in Russisch. Die beiden nächstgrösseren (700.000 und 500.000 Auflage) erscheinen ebenfalls in Russisch. Mit der Entscheidung des Parlamentes ist der Sprachenkonflikt, der natürlich ein politischer Streit und ein Moment der Unterdrückung ist, vorprogrammiert. Angenehm unideologisch verhält sich bisher die große Mehrheit der Ukrainer, die im Alltag einfach „Surschyk“ sprechen, eine Mischung aus Ukrainisch und Russisch.

Unangenehm ideologisch sind die neuen Kandidaturen für das Amt des Ministerpräsidenten zu werten. Mit Petro Poroschenko ist einer der alten Oligarchen auf den Stimmzettel zurückgekehrt. Er ist nicht nur einer der reichsten Männer der Ukraine sondern auch ein braver Besucher der „Münchner Sicherheitskonferenz“, jenem privaten NATO-Gremium, das Jahr für Jahr das atlantische Bündnis preist. Dass Poroschenko seine politische Basis im Westen der Ukraine hat, dort wo die Statuen des ukrainischen Nazi-Kollaborateurs Stepan Bandera viele Plätze zieren, versteht sich. Auch der zweite Kandidat, Arsenij Jazenjuk, kommt aus dem Westen des Landes, ist aber eine junge, postsowjetische Figur des ukrainischen Neoliberalismus. Jazenjuk, der zeitweilig stellvertretender Vorstandsvorsitzender der zweitgrössten ukrainischen Bank (in österreichischem Besitz) war, wurde landesweit so richtig bekannt, als er 2008 gemeinsam mit Julia Timoschenko einen Brief an die NATO unterschrieben hatte, in dem um den Beitritt der Ukraine gebettelt wurde. Die wirkliche Wahl heißt also: Timoschenko oder Timoschenko. Die Spaltung des Landes in einen eher russisch orientierten Osten und einen eher Ukrainisch sprechenden Westen ist vorbereitet.

Keine Spaltung des Landes will zum Beispiel die Obama-Beraterin Susan Rice. Ihr Statement steht für viele Politiker-Stellungnahmen aus dem Westen. So freundlich sich das anhört, so sicher ist es, dass der Westen, wenn er schon die Ukraine übernehmen möchte, den industriellen Osten, dort wo Kohle- und Stahlarbeiter das bisschen Reichtum erwirtschaften, mitschlucken möchte. Denn irgendwie muss der IWF seine Kredite an die Ukraine doch zurückbekommen. Der Währungsfonds hatte mit seiner Schocktherapie von 1992 bis 1995 einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von 60 % ausgelöst, von dem sich das Land bis heute nicht erholt hat. Gefährdet sind auch jene 6,4 Milliarden Dollar ukrainischer Staatsanleihen, die von der US-Fondsgesellschaft Franklin Templeton gehalten werden. Wer sich vor Augen hält, dass Templeton 707 Milliarden US-Dollar schwer ist – zum Vergleich der ukrainische Staatshaushalt, der mal gerade 41 Milliarden Dollar ausmacht – der kann sich vorstellen wo die Loyalitäten von Frau Rice liegen. Man will die industriellen Pfänder im Osten nicht in einer Spaltung verlieren.

„Die EU hat auf dem Maidan ein gewaltiges Entwicklungsprojekt geerbt“, schreibt der Mentor der Münchner Sicherheitskonferenz, Stefan Kornelius, in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG und gibt so den Kurs an: Zwar ist der ukrainische Bär noch nicht so ganz erlegt, aber sein Fell wird schon mal in ein Entwicklungsprojekt der EU überführt. Für jene Kiewer, die sich mit ihrem Protest auf dem Maidan einfach nur eine andere, bessere Ukraine versprochen haben, wird die Rolle als Beute ein schmerzhaftes Erwachen bedeuten. Wer EU-Erbstücke wie Rumänien oder Bulgarien kennt, der weiß das.


Grafikquelle :

Description
English: Map of what was called New Russia during the Russian Empire (now southern Ukraine).
Date
Source Self-made map, based off of Image:Map of Ukraine political simple blank.png.
Author Dmytro S.
Public domain This work has been released into the public domain by its author, DDima. This applies worldwide.

4 Kommentare zu “Ukraine nähert sich der Nato”

  1. commandante owl sagt:

    Der Nazikollaborateur Bandera wurde, Überraschung, durch die gemeinsame Besetzung Polens durch die roten und braunen Faschisten im September 1939 aus einem polnischen Gefängnis „befreit“. Erst nach dem der „Freundschaftsvertrag“ der rotbraunen Faschistenallianz vom September 39 zur immerwährenden Auflösung des polnischen Staates durch den Überfall NS-Deutschlands auf den ehemaligen Bündnispartner obsolet wurde, avancierte er zum politischen Akteur im Kampf der ehemaligen Partner. In erster Linie war er ukrainischer Nationalist, der gute Gründe hatte, gegen die Unterdrückung der Ukraine durch Polen und Russen zu kämpfen. Es ist immer ein wenig peinlich, wenn man dem einem, Bandera, vorwirft, was man beim anderen, der SU, verschweigt. Die Ukraine ist unter sowjetischer Herrschaft mindestens so schlecht gefahren wie unter der der Nazis. Auch das spielt bei der Betrachtung der heutigen Situation eine Rolle. Genauso wie die Tatsache, dass die Ukraine nicht vom Westen wirtschaftlich an die Wand gefahren wurde, sondern durch die Kommunisten in Moskau.

  2. commandante owl sagt:

    Wenn ich lese, dass in der Ukraine wieder der Antisemitismus blüht, wie zu Zeiten des Zarismus, dann frag ich mich nicht zum ersten Mal: Was zum Teufel haben die in 70 Jahren Kommunismus den Menschen beigebracht? Wie erinnern uns doch noch an Schirinowski, oder wie dieser Faschist nach dem Ende der SU geheißen hat. Oder daran, dass noch vor dem offiziellen Ende der SU sich die Völker im Kaukasus ziemlich unschön an die jeweiligen Kehlen gegangen sind. In der Heimat des Internationalismus. Wenn man sich dann aber mit der Geschichte der Bolschewisierung beschäftigt, wird eines klar. Sie war schon vor Stalin blutig und gewalttätig. Und sie war unterdrückend nach Stalin. Das erklärt wohl auch das Aufkommen rechtester und gewalttätiger Gruppierungen in vielen Gebieten des ehemaligen Ostblocks. Auch von daher ist es naiv, jetzt erst über diese Entwicklung zu klagen und dem Westen die Alleinschuld für die Entwicklung in der Ukraine zuzuschieben.
    Gewaltlosigkeit und das Erlernen und Einüben demokratischer Umgangsformen stand nicht im Lehrplan. Und ob ein regierungskritischer Blog wie DEMOKRATISCH-LINKS im heutigen Russland möglich wäre? Wohl eher nicht. Und in der bisherigen und zukünftigen Ukraine?

  3. Katjuschka sagt:

    „Commandante Owl“

    Nu sto?

    Habe den Eindruck, dass er schon immer in Rußland gelebt hat 🙂

    Die „Russische Seele“ wirst Du nie verstehen, „Commandante“ und die Geschichte schon gleich gar nicht.

    Doswidanja!

  4. commandante owl sagt:

    #3
    ich empfehle mal als kleines Beispiel M.Sostchenko zu lesen, u.a. Schlaf schneller Genosse. Es ist selbst in diesen kleinen Geschichtchen ziemlich viel von täglicher Gewalt die Rede. Sehr viel unverblümter beklagen z.B. Dostojewski und Maxim Gorki Dummheit und Brutalität der russischen Bevölkerung, insbesondere die der Bauern. Herr Lenin ebenso, wenn er sagt, dass die Bildung und Zivilisation der zaristischen Mittelschicht erbärmlich gewesen sei, so doch aber immer noch besser als die der verantwortlichen Kommunisten im Lande.Wenn man denen nicht glauben kann, wem dann?
    Und für Herrn Dserschinski war „eine Kugel immer noch das beste Argument im politischen Meinungsstreit“. Ausführlich wird Maxim Gorki zu Lenins und dessen Genossen Grausamkeit in Orlando Figes „Die Tragödie eines Volkes“ zitiert. Recht neu zum Kaukasuskonflikt ist „der Feind ist überall“ in dem Lenin u.a. damit zitiert wird, dass die Bevölkerung von Baku und Maikop ohne Ausnahme zu massakrieren sei, wenn sie Ölanlagen zerstöre, sie nur überleben dürfen, wenn sie sich den Anordnungen der Bolchewisten fügen.
    Sehr aufschlussreich zur Gewalttätigkeit der Sowjetbehörden sind die zahllosen Bücher von Gulagüberlebenden, seien es nun Russen, Deutsche oder anderer Nationalität. Vom großen Terror, in dem sogar die Todesstrafe für 12jährige eingeführt wurde, als Väter, Mütter, Söhne, Töchter, Geschwister erschossen wurden oder im Gulag verschwanden, weil sie Verwandte von „Volksfeinden“ waren, mal abgesehen. Und abgesehen davon, dass es sich bei den „Volksfeinden“ in der Regel um Unschuldige handelte. Dennoch forderten Millionen von Russen die Hinrichtung des „Abschaums“, der „tollwütigen Hunde,der Bestien in Menschengestalt“ forderten

    Ich bin gerne bereit ihnen eine entsprechende Literaturliste zukommen zu lassen.

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