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Wenn das die Regierung wüsste

Erstellt von DL-Redaktion am 10. Februar 2016

– würden es die Trolle ignorieren

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4f/Nordk%C3%BCste_von_Lesbos.JPG

von Bartholomäus von Laffert

Auf der Insel Lesbos haben die Bewohner gelernt, sich selbst zu helfen, indem sie den Flüchtlingen helfen.

 

„Oh, Mann! Was ist denn mit euch passiert? Komm her, Onkelchen, setz dich!“ Paris pfeift durch die Lücke zwischen seinen Vorderzähnen und grinst übers ganze Gesicht, als er den alten Herrn auf den Beifahrersitz seines weißen Lieferwagens hievt. „Bäckerei Dodopoulos“ steht darauf in großen griechischen Lettern. Normalerweise fährt der stämmige Grieche damit morgens Brote aus, die er in seiner staubigen Bäckerei in Klio bäckt, einem schläfrigen 300-Seelen-Ort, irgendwo zwischen Olivenbäumen über der ägäischen See auf Lesbos.

Heute jagt er mit seinem Transporter wie ein Irrer die schlammige Dirt-Road hinauf. Im Rücken das Meer. Zwischen Olivenbäumen hindurch tritt er immer wieder krachend auf die Bremse, wenn eine Ziege den Weg kreuzt. Keine Brote, dafür zehn klatschnasse Menschen hat er zu befördern, die sich im Laderaum zusammenkauern. Der ältere Herr bekam den Beifahrersitz.

Seit neun Wochen macht Paris das jetzt: Taxi spielen. Menschen abholen vom Strand, die es bis nach Lesbos geschafft haben – nach zweistündiger Überfahrt im überfüllten Schlauchboot. 15 Euro bekommt Paris pro Fahrt. Ein Zubrot zum Bäckerlohn. Die Leute, die hinter ihm durchgeschüttelt werden, danken es ihm.

Sie können es nicht wissen, aber bis vor kurzem wäre es ihnen noch viel schlechter ergangen – im Sommer, als täglich über 5.000 Menschen pro Tag auf der Insel eintrafen. Als es noch keine Helfer gab, um die Ankömmlinge am kleinen Leuchtturm zu empfangen, und die großen NGOs sich sträubten, Autos die halsbrecherische Straße hinabzuschicken.

Herz und Geld

Die Einheimischen hatten es da schon aufgegeben, die sich am Strand auftürmenden orange-schwarzen Hügel aus Gummibooten und Rettungswesten abzutragen. „Menschen, überall Menschen“, erzählen die Dorfbewohner. „Die sind wie die Ziegen die Olivenhaine hinaufgeklettert, ohne Orientierung.“ Oben habe sie „die Mafia empfangen“, sagt Paris. Kleinkriminelle, die wie Geier darauf gewartet hätten, die Flüchtlinge in ihre „Taxis“ zu locken – 200, manchmal 300 Euro pro Fahrt. Und dann seien die Menschen oft im nächsten Kaff einfach abgesetzt worden.

„Das waren Leute, die waren nicht von hier. Viele Albaner und Bulgaren“, schimpft Giannis hinter der Theke seines Tante-Emma-Ladens, gleich gegenüber von Paris’ Bäckerei. Giannis ist so etwas wie der Chef im Dorf. Jeder kennt ihn, jeder mag ihn. „Wir haben den Leuten, die mitten in der Nacht bei uns ausgesetzt wurden, Wasser gegeben oder – wenn nötig – einen Krankenwagen gerufen. Man kann uns ja viel vorwerfen, aber nicht, dass wir kein Herz haben.“ Giannis ist wütend. Wütend auf die ausländische Presse, von der die Insel-Bewohner diffamiert werden, wie er findet, wütend auf die Regierung. „Keine staatliche Hilfe, Geld gibt’s hier sowieso keins, die meisten leben von der eigenen Landwirtschaft – und dann noch Tausende Flüchtlinge und die Mafia. Wir mussten was tun.“ Und Giannis hatte einen Plan. Das war im Oktober.

Da waren schon die Freiwilligen aufgetaucht aus aller Herren Länder, sie wollten die Insel vor einer humanitären Katastrophe bewahren. Nach Klio kam keiner. Keiner bis auf Matt Llewelline, einen designierten Schuldirektor aus Großbritannien. Ein Mann mit Visionen, Herz und Geld, der Tag und Nacht am Leuchtturm Ausschau hielt nach neuen Booten und angesichts der Zustände gar nicht wusste, wo er anfangen sollte. „Ich machte den Vorschlag: 15 Euro pro Fahrt, und meine Leute holen die Flüchtlinge mit ihren Pick-ups, bringen sie direkt ins Dorf, wo sie dann der Bus abholt“, erzählt Giannis. Matt zuckt mit den Schultern: „Ich hatte keine Wahl: die Dorfbewohner oder die Abzocker.“ Heute sagt er, es sei absolut richtig gewesen, sich für die Einheimischen zu entscheiden.

Ununterbrochen sind die Fahrer erreichbar. Leftie, der eigentlich Fischer ist. Stratos, der Oliven anbaut, Paris, der Bäcker. „Hier“, sagt Giannis und zieht einen kleinen weißen Block hervor. „Paris, Korakas, 04:30, 2x“ steht darauf gekritzelt. „Der Junge hat gleich zwei Fahrten in einer Nacht gemacht“, sagt Giannis und ist stolz auf seine Fahrer, denen er für jede Tour kleine Gutscheine ausstellt, die sie später bei Matt Llewelline in Bargeld wechseln können. „So ist allen geholfen: Es gibt keine Mafia mehr, die Flüchtlinge brauchen keine Angst zu haben, die lokale Ökonomie wird angekurbelt“, rechnet Giannis vor.

Bis das Boot kentert

Quelle: Der Freitag >>>>> weiterlesen

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Grafikquelle    :     : Blick auf die Nordküste von Lesbos zwischen den Ortschaften Molivos und Sykaminia. Der Küstenstreifen ist voll von Schwimmwesten und Flüchtlingsbooten. Die Aufnahme stammt vom September 2015.

Source Own work
Author Rosa-Maria Rinkl

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