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Der Narco von Rivas

Erstellt von DL-Redaktion am 16. Januar 2016

Der Narco von Rivas

Managua – Nicaragua

von Óscar Martínez

Ein freischaffender Drogenhändler in Nicaragua erzählt aus seinem Arbeitsleben

Heute wird es kein Treffen mit dem Narco geben. Wir hatten uns für fünf Uhr nachmittags in San Jorge, Provinz Rivas, Nicaragua, verabredet. Dort, in unmittelbarer Nähe an der Grenze zu Costa Rica, wollten wir uns treffen. Jetzt ist es fünf Uhr, und es gibt kein Treffen. Nicht, weil ich mich im Tag oder in der Uhrzeit geirrt oder die kryptischen Nachrichten falsch verstanden hätte. Auch hat der Narco keine frischen Informationen über einen Kokaintransport erhalten, den er sich gern unter den Nagel reißen möchte. Nein, der Grund ist viel banaler: Der Drogenhändler hat eine Flasche Whisky intus und ist nicht in der Verfassung, auch nur ein vernünftiges Wort hervorzubringen.

Zur vereinbarten Uhrzeit bekomme ich am Telefon nur ein unverständliches Lallen  zu hören. Zehn Minuten später ruft die Frau des Narcos von Rivas an. Sie sagt, Entschuldigung, der Señor kann heute nicht, und er ruft später an, wenn er kann.

Solche Verabredungen hängen immer am seidenen Faden. Warum soll ein Drogenhändler mit einem Journalisten sprechen wollen? Die Antwort ist immer dieselbe: aus eigenem Interesse. Er hat ein Interesse daran, irgendetwas zu verraten. Ja, Verbrecher haben viel zu verraten. Sie haben immer ein Interesse daran, jemanden zu beschuldigen.

Um 11 Uhr abends ruft mich der Narco auf dem Handy an. Ich sitze in einem Restaurant am Landungssteg, am Ufer des Nicaraguasees.

Der Narco von Rivas entschuldigt sich, sagt, so ist das eben, die Hitze an der Pazifikküste von Nicaragua verlangt nach einem ordentlich Schluck. Er sagt, er sei schon wieder ganz erholt aufgestanden, aber ein paar gute Freunde seien jetzt zu Besuch und haben ein paar Flaschen Whisky dabei. Heute gehe es also nicht, aber ich solle morgen früh Punkt sieben anrufen, dann können wir um halb acht frühstücken.

Ich beschließe, es um neun zu versuchen.

San Jorge ist eine Gemeinde in der Provinz Rivas, ein Dorf mit 8000 Einwohnern. Die einzige Straße endet am Landungssteg für die Fähren hinüber zur Insel Ometepe, einem Touristenziel mitten im Nicaraguasee. Der See ist riesig, fast ein Meer, und San Jorge atmet den maritimen Flair der gesamten Provinz: Es gibt ein Restaurant El Navegante (Der Seefahrer), eine Pension El Pelícano (Der Pelikan), ein Hotel Las Hamacas (Die Hängematten), ein Restaurant El Timón (Das Steuerruder) … Es ist ein träges, heißes Dorf, nur Staub und Holz, Sandalen und kurze Hosen.

Rivas ist die einzige Provinz Nicaraguas mit einem offiziellen Grenzübergang nach Costa Rica, in Peñas Blancas. Daneben gibt es 80 Wege über die grüne Grenze. Über Rivas kommen die kolumbianischen Drogen nach Nicaragua. Laut Policía Nacional ist Rivas die Route, über die die mexikanischen Kartelle aus Sinaloa, Juárez und der Golfregion oder die Familie Michoacán ihr Kokain in die Vereinigten Staaten schleusen. An der Atlantikküste dagegen sind es immer noch die Kolumbianer, die den Transport nach Norden kontrollieren – nach Honduras oder Guatemala –, und die Ware dort gegen einen Anteil für den Transport an die Mexikaner liefern.

Im Unterschied zum Pazifik ist der Atlantik eine maritime Autobahn, über die Boote mit 800 PS rasen und nur zum Auftanken anhalten. Dagegen wird in Rivas ein Gutteil der Drogen auf dem Landweg transportiert und gelangt im lebhaften Verkehr um den Nicaraguasee problemlos nach Granada oder in die Hauptstadt Managua.

Es ist 9 Uhr morgens, und der Narco von Rivas hat sich, wie mir seine Frau am Telefon sagt, in seinem Zimmer eingeschlossen, um in Ruhe seinen Rausch auszuschlafen. Doch sie verspricht mir, ihn so bald wie möglich zu wecken.

Um 10 ruft mich der Narco von Rivas an.

„Du kannst jetzt kommen, wir trinken einen Kaffee, den kann ich wirklich gebrauchen. Wo bist du? Ich schick dir jemanden vorbei, der holt dich ab.“

Er scheint aus demselben Holz geschnitzt wie die anderen Narcos, mit denen ich gesprochen habe. Dicklich, dunkelhäutig, schwitzend, mit riesigen Händen, auf den ersten Blick liebenswürdig, jovial, wortreich und ungezwungen, dabei mit vertraulichen Anreden um sich werfend: Bruder, mein Freund, Chef, Alter.

 In Rivas gibt es mindestens vier Drogenbosse. Er ist einer von ihnen. Die zentralamerikanischen Bosse sind nicht so geheimnistuerisch wie die mexikanischen, nicht so protzig, nicht so reich und leichter zu kontaktieren. Sie beginnen ihre Karriere gewöhnlich mit einem Netz von Kontakten, das sie aus irgendeinem Grund geknüpft haben – weil sie illegale Geldwechsler an irgendeiner Grenze waren, weil sie zu einer Jugendbande gehörten, die Käse schmuggelte oder Lieferwagen klaute, weil sie ein öffentliches Amt in der Gemeinde innehatten –, um sich einem internationalen Boss anzudienen, der seine Drogen nach Norden bringen will; oder sie nutzen ihre Kontakte, um das Rauschgift, das durch ihre Region transportiert wird, für sich abzuzweigen. So war das bei dem Narco von Rivas: Er handelte mit Rauschgift, das er anderen Händlern stahl.

Als wir uns schließlich begrüßen, scheint er in guter Verfassung: keine roten Augen, keine langsamen Bewegungen, keine schlechte Laune. Er schwitzt, das ja, aber er ist fröhlich. Und laut. Er empfängt mich zu Hause in seinem kleinen Wohnzimmer. Vor der Tür stehen zwei junge Männer Wache. Fröhlich und laut fordert er mich auf, mich auszuweisen. Er sieht sich meinen Ausweis an, dreht und wendet ihn, liest. Er gibt ihn zurück. Schreibt meinen Namen in ein Notizbuch.

 Nicaragua ist das ideale Land für Drogenklau

Quelle : le monde diplomatique >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wipkipedia – Autor Dieter Jungblut  –/– Bild-frei

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