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RENTENANGST

Die Russen kamen

Erstellt von Gast-Autor am 2. Juni 2013

Die Russen kamen

Autor Uri Avnery

ALS UNS die große Einwanderungswelle um 1990 aus der Sowjetunion erreichte, waren wir froh.

Zunächst, weil wir glauben, dass jede Einwanderung für das Land gut sei. Ich bin davon überzeugt, dass dies für alle Länder der Fall ist.

Zweitens, weil wir überzeugt waren, dass diese spezielle Gruppe von Immigranten unser Land in die richtige Richtung stoßen würde.

Diese Leute – so sagten wir uns – sind 70 Jahre lang in einem international eingestellten Geist erzogen worden. Sie haben gerade eine grausame Diktatur gestürzt. Sie müssen begeisterte Demokraten sein. Viele von ihnen sind keine Juden, sondern nur Verwandte (manchmal entfernte Verwandte) von Juden. Also haben wir hundert Tausende säkulare, internationalistische und nicht nationalistische neue Bürger, genau das, was wir brauchen. Sie würden ein positives Element dem demographischen Cocktail, das Israel ist, hinzufügen.

Außerdem: da die vorstaatliche jüdische Gemeinschaft im Land (dem sog. „Yishuv“) zum großen Teil aus Immigranten des zaristischen und früh revolutionären Russland bestand, würden sich die neuen Immigranten sicher leicht mit der allgemeinen Bevölkerung mischen.

So dachten wir wenigstens.

DIE GEGENWÄRTIGE Situation ist genau das Gegenteil.

Die Immigranten aus der früheren Sowjetunion – im Jargon zusammengefasst als „die Russen“ – haben sich überhaupt nicht mit den anderen vermischt. Sie sind eine gesonderte Gemeinde, die in einem selbstgemachten Ghetto lebt.

Sie sprechen weiter russisch. Sie lesen ihre eigenen russischen Zeitungen, alle fanatisch nationalistisch und rassistisch. Sie wählen ihre eigene Partei, die von dem in Moldawien geborenen Evet (jetzt Avigdor) Lieberman angeführt wird. Sie haben praktisch keinen Kontakt mit andern Israelis.

In ihrem ersten beiden Jahren im Lande wählten sie hauptsächlich Yitzhak Rabin von der Labor-Partei, aber nicht, weil er Frieden versprochen hat, sondern weil er ein General und für sie ein hervorragender Mann des Militärs war. Von da ab haben sie die extreme Rechte gewählt.

Die sehr große Mehrheit von ihnen hasst Araber, weist den Frieden zurück, unterstützt die Siedler und wählt rechtsgerichtete Regierungen.

Da sie jetzt fast 20% der israelischen Bevölkerung ausmachen, ist dies ein wichtiger Faktor, der Israel nach rechts stößt.

WARUM UM Himmelswillen?

Da gibt es mehrere Theorien, wahrscheinlich sind alle von ihnen richtig.

Einmal hörte ich von einem hochrangigen russischen Funktionär: „Während des Sowjetregimes waren Juden sowjetische Bürger wie alle anderen auch. Als die Union aus einander brach, zog sich jeder in seine eigene Nation zurück. Die Juden wurden in einem Vakuum gelassen. Also gingen sie nach Israel und wurden dort israelischer als all die anderen Israelis. Selbst die Nicht-Juden unter ihnen wurden israelische Super-Patrioten“.

Eine andere Theorie lautet: „Als der Kommunismus in Russland zusammenbrach, trat der Nationalismus (oder die Religion) an seine Stelle. Die Bevölkerung blieb bei ihrer totalitären Haltung, mit Verachtung für Demokratie und Liberalismus und dem Verlangen nach einem starken Führer. Es gab auch einen weit verbreiteten Rassismus der „weißen“ Bevölkerung der nördlichen Sowjetunion gegenüber den „dunklen“ Völkern des Südens. Als die russischen Juden (und Nichtjuden) nach Israel kamen, brachten sie diese Haltung mit sich. Sie ersetzten die verachteten Armenier, Tschetschenen und all die anderen durch Araber. Diese Einstellung wird täglich von den russischen Zeitungen und TV-Stationen in Israel genährt.

Ich bemerkte diese Haltung, als ich 1990 das erste Mal die Sowjetunion während der Ära von Mikhail Gorbachows Glasnost besuchte. Ich konnte es vorher nicht besuchen, weil mein Name regelmäßig von jeder Liste von Leuten gestrichen wurde, die häufig eingeladen wurden, um den Ruhm des sowjetischen Vaterlandes zu sehen. Ich weiß nicht, warum. (Seltsam genug ist, dass ich auch von der Liste der in die US-Botschaft am 4. Juli eingeladenen Würdenträger gestrichen wurde; und einige Jahre hatte ich große Schwierigkeiten, ein amerikanisches Visum zu erhalten. Vielleicht weil ich gegen den Vietnamkrieg demonstriert hatte. Ich muss einer der wenigen Leute in der Welt sein, die darauf stolz sein können, dass er auf der schwarzen Liste von beiden stand, von der CIA und dem KGB.)

Ich flog nach Russland, um ein Buch über das Ende des kommunistischen Regimes in Ost-Europa zu schreiben. (Es wurde auf Hebräisch unter dem Titel „Lenin lebt nicht mehr hier “ veröffentlicht). Rachel und ich liebten Moskau sehr, aber wir brauchten nur wenige Tage, um den ungezügelten Rassismus rund um uns staunend zur Kenntnis zu nehmen. Dunkelhäutige Bürger wurden mit nicht verhüllter Verachtung behandelt. Wenn wir auf den Markt gingen und mit den Verkäufern scherzten, alles Leute aus dem Süden, mit denen wir sofort Kontakt hatten, dann distanzierte sich der nette, ernst dreinschauende russische Übersetzer ganz offen.

MEINE FREUNDE und ich haben uns jeden Freitagabend seit etwa 50 Jahren getroffen. Als die Russen begannen zu kommen, traf sich unsere Runde in Tel Avivs Cafe Kassit, dem Treffpunkt von Schriftstellern, Künstlern und ähnlichen Leuten.

Eines Tages bemerkten wir, dass sich eine Gruppe junger russischer Immigranten ihre eigene Tafelrunde geschaffen hatte. Voller Sympathie – aber auch Neugierde- schlossen wir uns zuweilen ihnen an.

Am Anfang funktionierte dies ganz gut. Einige Freundschaften wurden geschlossen. Aber dann geschah etwas Seltsames. Sie distanzierten sich von uns, indem sie uns klar machten, dass wir für sie nur unkultivierte nahöstliche Barbaren seien, nicht wert, mit ihnen, die mit Tolstoi und Dostojewskij aufgewachsen seien, zu kommunizieren. Dann verschwanden sie überhaupt aus unserm Blickfeld.

Ich wurde letzten Freitag daran erinnert, als eine ungewöhnlich hitzige Diskussion an unserm Tisch ausbrach. Wir hatten einen Gast, eine junge „russische“ Naturwissenschaftlerin, die die Linke anklagte, dass ihre Gleichgültigkeit und ihre gönnerhafte Haltung gegenüber der russischen Gemeinde diese veranlasst habe, sich den Rechten zuzuwenden. Eine renommierte Friedensaktivistin reagierte wütend: sie behauptete, dass die Russen schon mit einer fast faschistischen Haltung hierhergekommen seien.

Ich stimmte mit beiden überein.

ISRAELS EINSTELLUNG gegenüber neuen Immigranten ist immer etwas seltsam gewesen.

Führer wie David Ben-Gurion hat die zionistische Einwanderung behandelt, als wäre es nur ein Transportproblem. Sie gaben sich außerordentlich viel Mühe, um Juden aus aller Welt nach Israel zu bringen, aber als sie dann hier waren, ließen sie sie sich selbst versorgen. Materielle Hilfe wurde gegeben, eine Wohnung wurde bereit gestellt, aber fast nichts wurde getan, um sie in die Gesellschaft zu integrieren.

Dies traf auch für die Masseneinwanderung der deutschen Juden zu, die in den 30erJahren kamen, die orientalischen Juden in den 50erJahren und die russischen in den 90ern. Als die Masse der russischen Juden die USA bevorzugten, setzte unsere Regierung die amerikanische unter Druck, ihre Tore ihnen vor der Nase zu schließen, so waren sie praktisch gezwungen, hierher zu kommen. Als sie kamen, ließ man sie sich in Ghettos versammeln, statt sie dahin zu bringen, sich unter uns zu verteilen und zu leben.

Die israelische Linke war keine Ausnahme. Als einige schwache Bemühungen, sie ins Friedenslager zu ziehen, erfolglos blieben, wurden sie alleine gelassen. Die Organisation Gush Shalom, zu der ich gehöre, verteilte einmal 100 000 Kopien unserer Vorzeigeveröffentlichung („Wahrheit gegen Wahrheit “, die Geschichte unseres Konfliktes auf Russisch) Als wir nur eine einzige Antwort erhielten, waren wir entmutigt. Offensichtlich interessierten sie sich einen Dreck für die Geschichte dieses Landes, von der sie nicht die geringste Ahnung haben.

UM DIE Bedeutung dieses Problems zu verstehen, muss man sich die Zusammensetzung der israelischen Gesellschaft wie sie tatsächlich ist, vor Augen halten. (Ich habe mehrere Male darüber in der Vergangenheit geschrieben). Sie besteht aus fünf Gruppierungen von fast gleicher Größe:

a.) Juden europäischen Ursprungs, genannt Ashkenasim, zu denen die meisten der kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und militärischen Elite gehören. Die Linke ist fast vollkommen dort konzentriert.

b.) Juden orientalischen Ursprungs, oft (fälschlicherweise) Sephardim genannt, aus arabischen und muslimischen Ländern. Diese „Misrahim“ sind die Basis des Likud.

c.) Die religiösen Juden, die die ultra-orthodoxen Haredim einschließen, sowohl Ashkenazim als auch Orientale, sowie auch national-religiöse Zionisten, die die Führung der Siedler einschließt

d.) Die arabisch-palästinensischen Bürger, die vor allem in drei großen geographischen Gruppen leben.

e.) Die „Russen“

Einige dieser Gruppen überschneiden sich am Rande, aber das Bild ist eindeutig. Die Araber und viele der Ashkenasim gehören zum Friedenslager, alle anderen gehören geschlossen zum rechten Flügel.

Deswegen ist es absolut dringend, wenigstens Teile der orientalischen Juden, die religiösen und – ja – die „Russen“ zu gewinnen, um eine Mehrheit für Frieden zu gewinnen. Meiner Meinung nach ist das im Augenblick die bedeutendste Aufgabe des Friedenslagers.

AM ENDE der wütenden Debatte an unserm Tisch versuchte ich beide Seiten zu beruhigen.

Es ist nicht nötig, sich darüber zu zanken, wie die Schuld zu verteilen sei. Es gibt genug Schuld für alle.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Ein Lob auf die Emotionen

Erstellt von Gast-Autor am 26. Mai 2013

Ein Lob auf die Emotionen

Autor Uri Avnery

ES WAR eine bewegende Erfahrung. Momente, die nicht nur den Verstand berührten, sondern auch – und vor allem – das Herz.

Am letzten Sonntag, am Vorabend von Israels Gedenktag für die Gefallenen unserer Kriege, war ich zu einer Veranstaltung eingeladen, die von der Aktivistengruppe „Kämpfer für den Frieden“ und dem „Forum israelischer und palästinensischer trauernder Eltern“ organisiert wurde.

Die erste Überraschung war, dass sie überhaupt stattfand. In der allgemeinen Atmosphäre der Entmutigung des israelischen Friedenslagers nach den letzten Wahlen, als fast niemand wagte, das Wort „Frieden“ in den Mund zu nehmen, ist solch eine Veranstaltung ermutigend.

Die zweite Überraschung war ihre Größe. Sie fand statt in einem der größten Hallen des Landes, in Halle 10 von Tel Avivs Messegelände. Sie hat mehr als 2000 Sitze. Eine Viertelstunde vor Beginn war die Teilnehmerzahl deprimierend dürftig. Eine halbe Stunde später war sie propenvoll. (Wie viele Tugenden das Friedenslager auch haben mag, Pünktlichkeit gehört nicht zu ihnen)

Die dritte Überraschung war die Zusammensetzung der Zuhörer. Da waren ziemlich viele Weißhaarige, einschließlich meiner selbst, aber die große Mehrheit war aus jungen Leuten zusammen gesetzt, mindestens die Hälfte von ihnen junge Frauen, energisch, sachlich, sehr israelisch.

Ich hatte das Gefühl, ich sei bei einem Staffellauf. Meine Generation gibt den Stab an die nächste Generation weiter. Das Rennen, der Staffellauf geht weiter.

ABER DAS Außerordentliche der Veranstaltung war natürlich ihr Inhalt. Israelis und Palästinenser trauerten gemeinsam um ihre toten Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern, Opfer des Konfliktes und der Kriege, der Besatzung und des Widerstandes (bzw. des Terrors).

Ein Araber aus einem Dorf sprach ruhig von seiner Tochter, die auf ihrem Schulweg von einem Soldaten getötet wurde. Eine jüdische Mutter sprach von ihrem Sohn, einem Soldaten, der in einem der Kriege getötet wurde. Alle in gedämpften, ruhigen Ton. Ohne Pathos. Einige sprachen Hebräisch, einige Arabisch.

Sie sprachen von ihrer ersten Reaktion nach dem Verlust, von Hassgefühlen, von Rachedurst – und dann von dem langsamen Wandel des Herzens. Die Erkenntnis, dass die Eltern auf der andern Seite, dem Feind, genau so fühlten wie sie, dass der Verlust, ihre Trauer, ihr Schmerz genau so waren wie die eigenen Gefühle.

Seit Jahren treffen sich die trauernden Eltern von beiden Seiten regelmäßig, um Trost in der Gemeinschaft zu finden. Unter allen Friedensgruppen, die im israelisch-palästinensischen Konflikt handeln, ist dies vielleicht die das Herz bewegendste Gruppe.

ES WAR für die arabischen Teilnehmer gar nicht leicht, zu diesem Treffen zu kommen. Zuerst wurde ihnen von der Armee das Betreten Israels verweigert. Gabi Lasky, der unbeugsame Anwalt vieler Friedensgruppen (einschließlich von Gush Shalom) musste mit einem Antrag vor dem Obersten Gericht drohen, nur um eine begrenzte Konzession zu bekommen: 45 Palästinensern aus der Westbank wurde erlaubt, daran teilzunehmen.

(Es ist eine Routinemaßnahme der Besatzung: vor jedem jüdischen Feiertag ist die Westbank komplett von Israel abgeschnitten – außer für die Siedler natürlich. So werden die meisten Palästinenser mit den jüdischen Feiertagen bekannt.)

Was bei dieser Veranstaltung so besonders war, bestand darin, dass die israelisch-arabische Verbrüderung auf rein menschlicher Ebene stattfand – ohne politische Reden, ohne die Slogans, die – ehrlich gesagt – ein bisschen abgedroschen klingen.

Zwei Stunden lang waren wir alle von menschlichen Emotionen übermannt, von einem tiefen Gefühl für einander. Und das war ein gutes Gefühl.

ICH SCHREIBE dies mit besonderem Nachdruck, weil ich die Bedeutung der Emotionen im Kampf für Frieden stark empfinde.

Ich selbst bin keine sehr emotionale Person. Aber mir ist äußerst bewusst, dass im politischen Kampf Emotionen einen Platz haben. Ich bin stolz darauf, dass ich folgenden Satz geprägt habe „ In der Politik ist es irrational, das Irrationale zu ignorieren“ oder „In der Politik ist es rational, das Irrationale zu akzeptieren.“

Es ist eine große Schwäche der israelischen Friedensbewegung. Sie ist äußerst rational – in der Tat vielleicht zu rational. Wir können leicht beweisen, dass Israel Frieden braucht, dass wir ohne Frieden ein Apartheidstaat werden, wenn nicht gar etwas Schlimmeres.

In der ganzen Welt sind die Linken nüchterner als die Rechten. Wenn die Linken mit einem logischen Argument für Frieden, für Versöhnung mit den früheren Feinden, für soziale Gleichheit und Hilfe für die Benachteiligten darlegen, antworten die Rechten mit einer Salve emotionaler und irrationaler Slogans.

Doch Volksmassen werden nicht durch Logik bewegt. Sie werden durch Gefühle angesprochen.

Ein Ausdruck von Gefühlen – und ein Generator von Gefühlen ist die Sprache der Lieder. Man kann die Intensität einer Bewegung an ihren Melodien abschätzen. Kann sich jemand die Märsche von Martin-Luther-King ohne das Lied: „We shall overcome“ vorstellen? Wer kann sich den irischen Kampf ohne seine vielen schönen Lieder vorstellen? Oder die Oktober Revolution ohne seine Massen stürmischer Melodien?

Die israelische Friedensbewegung hat ein einziges Lied hervorgebracht: einen traurigen Appell der Toten an die Lebenden. Yitzhak Rabin wurde innerhalb von Minuten nach dem er es gesungen hatte ermordet; sein blutbeschmierter Text wurde in seinem Anzug gefunden. Aber all die vielen Dichter und Komponisten der Friedensbewegung haben nicht ein einziges aufrüttelndes Lied hervorgebracht – während die Aufhetzer aus einem Reichtum religiöser und nationalistischer Hymnen schöpfen können.

ES IST gesagt worden, dass man seinen Feind nicht mögen muss, um mit ihm Frieden zu schließen. Man macht mit dem Feind Frieden, wie wir das hunderte Male gesagt haben. Der Feind ist die Person, die man hasst.

Ich habe niemals ganz daran geglaubt, und je älter ich werde, umso weniger tue ich es.

Nun stimmt es, man kann nicht von Millionen Menschen auf beiden Seiten erwarten, dass sie einander lieben. Aber der Kern der Friedensmacher, der Pioniere, kann seine Aufgabe nicht erfüllen, wenn es nicht eine Spur gegenseitiger Sympathie zwischen ihnen gibt.

Ein gewisser Typ israelischer Friedenaktivisten akzeptiert diese Binsenwahrheit nicht. Manchmal hat man das Gefühl, dass sie wirklich Frieden wollen – aber nicht wirklich mit den Arabern. Sie lieben den Frieden, weil sie sich selbst lieben. Sie stehen vor dem Spiegel und sagen zu sich selbst: Sieh, wie wunderbar ich bin! Wie menschlich! Wie moralisch!

Ich erinnere mich, wie viel Feindseligkeit in gewissen fortschrittlichen Kreisen ich verursachte, als ich unser Friedens-Symbol entwickelte: die gekreuzten Fahnen Israels und Palästinas. Als einer von uns dieses Emblem bei einer Peace-Now-Demonstration in den späten Achzigerjahren zeigte, verursachte es einen Skandal. Er wurde unhöflich gebeten, wegzugehen, und die Bewegung entschuldigte sich öffentlich.

Um einer wirklichen Friedensbewegung Schwung zu verleihen, muss man sie mit dem Geist der Empathie für die andere Seite erfüllen. Man muss ein Gefühl für ihre Menschlichkeit, ihre Kultur, ihr Narrativ, ihre Ziele, ihre Ängste und Hoffnungen haben. Und dies gilt natürlich für beide Seiten.

Nichts kann schädlicher für Friedenschancen sein, als die Aktivitäten fanatischer pro-Israelis und pro-Palästinenser im Ausland, die denken, dass sie ihrer bevorzugten Seite helfen, wenn sie die andere Seite dämonisieren. Mit Dämonen macht man keinen Frieden.

VERBRÜDERUNG ZWISCHEN Palästinensern und Israelis ist ein Muss. Keine Friedensbewegung kann ohne dies Erfolg haben.

Und hier sind wir zu einem schmerzlichen Paradox gekommen: Je mehr diese Verbrüderung nötig wäre, desto weniger ist sie vorhanden.

Während der letzten paar Jahre wuchs die Entfremdung zwischen beiden Seiten. Yasser Arafat war sich der Notwendigkeit des Kontaktes sehr bewusst und tat viel, um sie zu fördern. (Ich drängte ihn ständig, hier mehr zu tun.) Seit seinem Tod schwand diese Bemühung.

Auf der israelischen Seite sind Friedensbemühungen immer weniger populär geworden. Verbrüderung findet jede Woche in Bilin und auf andern Schlachtfeldern statt, aber die großen Friedensorganisationen sind nicht allzu eifrig daran beteiligt.

Auf der palästinensischen Seite gibt es eine Menge Groll, ein (gerechtfertigtes) Gefühl, dass die israelische Friedensbewegung nicht erreicht hat, was sie versprochen hat. Ja, noch schlimmer, gemeinsame öffentliche Begegnungen könnten von der palästinensischen Seite als eine Form von „Normalisierung“ mit Israel angesehen werden, so etwas wie Kollaboration mit dem Feind.

Dies muss sich ändern. Nur eine allgemeine Kooperation großen Umfangs zwischen den Friedensbewegungen beider Seiten kann die Öffentlichkeit – beider Seiten – überzeugen, dass Frieden möglich ist.

DIESE GEDANKEN gingen mir durch den Kopf, als ich den einfachen Worten der Palästinenser und Israelis bei dieser großen Gedenkveranstaltung lauschte.

Es war alles da: der Geist, die Emotion, die gegenseitige Empathie, die Zusammenarbeit.

Es war ein menschlicher Augenblick – so sollte alles anfangen.

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs.

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„Rund um uns wütet der Sturm..“

Erstellt von Gast-Autor am 19. Mai 2013

„Rund um uns wütet der Sturm..“

Autor Uri Avnery

„RUND UM uns wütet der Sturm/ Aber unser Haupt wird sich nicht beugen…“ sangen wir, als wir jung waren, bevor der Staat Israel geboren wurde.

Am Vorabend von Israels 65.Geburtstag am kommenden Dienstag könnten wir dieses erhebende Lied wieder singen. Und nicht nur aus nostalgischen Gründen.

Rund um uns toben viele Stürme. In Syrien reißt ein schrecklicher Bürgerkrieg das Land auseinander. In Ägypten ist das Land nach dem Sieg des Arabischen Frühlings noch immer im Aufruhr. Der libanesische Staat ist immer noch unfähig, seine Autorität bei bewaffneten Gruppierungen durchzusetzen, und dasselbe gilt für den Irak. Der Iran ist eifrig damit beschäftigt, seine Atombombe zu bauen, während er finstere Drohungen ausstößt.

Israel sieht sich selbst als Insel im stürmischen Meer, von allen Seiten bedroht, jede Minute bereit, einem Tsunami ausgesetzt zu sein.

ÜBER ALL diesem liegt etwas Ironisches.

Das zionistische Abenteuer begann mit dem Versprechen, für die Juden nach Jahrhunderten der Hilflosigkeit eine sichere Zufluchtsstätte zu schaffen.

Tatsächlich war dies – von aller ideologischen Dekoration befreit – das zentrale Thema des Bemühens. Überall waren Juden wehrlos und von der Gnade anderer abhängig. Hier im eigenen Staat wären wir in der Lage – mit erhobenem Haupt. – uns selbst zu verteidigen.

Mit andern Worten: eine Ewigkeit lang waren wir das Objekt der Geschichte; jetzt haben wir unser Schicksal in die eigenen Hände genommen, ein Schauspieler auf der Bühne der Geschichte, eine Nation unter anderen Nationen.

Davor waren wir Juden eine Art ethnisch-religiöse Entität. Mit dem Zionismus stellten sich die Juden – oder ein Teil von ihnen – als eine moderne Nation dar, die sich gegen jeden Feind selbst verteidigen kann.

In diesem Sinn war der Zionismus tatsächlich ein voller Erfolg. Seine Schöpfung, der Staat Israel, ist jetzt stark und sicher.

ODER ? WENN man vielen unserer Führer zuhört, scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Vor Jahren behauptete Professor Jeshajahu Leibowitz, der bissige Kritiker des zionistischen Establishments, Israel sei der einzige Ort in der Welt, wo das Leben der Juden in tödlicher Gefahr sei. Wie sich herausstellte, hatte er nicht ganz recht.

Vor ein paar Tagen – am Holocausttag – erklärte unser Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, wir würden von einem zweiten Holocaust bedroht, der von einem nuklear bewaffneten Iran ausgeführt werden könnte.

Am nächsten Tag erklärte eine Gruppe internationaler Hacker, von pro-palästinensischen Gefühlen angeregt, einen Cyber-Krieg gegen Israel. Sie versprachen, die Hauptinstitutionen des Landes, die militärischen und die zivilen, die privaten und die der Regierung, lahm zu legen. Wie sich herausstellte, ist der Angriff elendiglich fehlgeschlagen. Es wurde kein bedeutsamer Schaden angerichtet. Aber bevor dieses klar wurde, antwortete der frühere Außenminister Avigdor Lieberman und verglich die Kampagne mit dem Nazi-Holocaust.

Was ist das? Verfolgungswahn? Manipulationen? Ein politischer Trick? All dies oder mehr?

IM ZEITRAUM von neun Tagen erlebt Israel drei nationale Ereignisse. Jedes Mal heulen die Sirenen, offizielle Feierlichkeiten und endlose Reden werden gehalten. Alle Fernseh-Kanäle, das Radio und die gedruckten Medien widmen sich vollkommen dem Thema des Tages.

Der letzte Montag war Holocausttag. Das ganze Land gedachte des entsetzlichsten Kapitels der Geschichte. Um 10 Uhr, beim Heulen der Sirenen, kam das ganze Land zum Stillstand. Die Autos hielten mitten auf der Straße, Männer, Frauen und Kinder stiegen aus und standen in Hab-acht-Stellung. Noch lebende Überlebende – meistens über 80 – erzählten ihre schrecklichen Geschichten, Zuhörer weinten.

In Yad Vashem hielt Netanjahu seine Standardrede – Nie wieder … Wir werden nicht … die iranische Bombe … zweiter Holocaust …

Morgen Abend wird der Gedenktag für die gefallenen Soldaten sein. Das Land wird der vielen Tausende gedenken, die in Israels zahlreichen Kriegen gefallen sind. Trauernde Eltern werden Blumen auf die Gräber ihrer Lieben legen. Politiker werden Reden halten über das Leben, das in heldenhafterweise für die Nation gegeben wurde, damit ein zweiter Holocaust verhindert würde.

Der nächste Tag wird ein Tag der Freude sein. Ohne Unterbrechung werden die Sirenen das Ende des Gedenktages ankündigen und den Beginn des Unabhängigkeitstages. Reden über die Opfer der Gefallenen werden abgelöst von Reden über den Ruhm und die Errungenschaften des Staates, der sich wie ein Wunder aus der Asche des Holocaust erhob. Im Mittelpunkt der Festlichkeiten steht die israelische Armee, eine der stärksten und leistungsfähigsten in der Welt.

Die Nähe dieser drei Daten ist nicht zufällig. Es ist ein bewusster Versuch, Generationen von Israelis mit der Idee zu durchdringen, dass Israel unter ständiger Bedrohung ist, wie die jüdischen Gemeinden in Europa während Jahrhunderten und dass unsere Armee der einzige Garant für unsere nationale und selbst die individuelle Sicherheit ist.

Viele Leute sehen dies als Manipulation an – die es tatsächlich ist. Unter Netanjahu erreicht dies neue Höhen bzw. Tiefen. Die jüdische Opferrolle wird wie eine Flagge geschwenkt, die unsere ganze Politik rechtfertigt: die Besatzung, die Siedlungen, die Unterdrückung der Palästinenser, die Zurückweisung eines Friedens, der sich praktisch auf die Zwei-Staatenlösung gründet.

Es ist auch ein politischer Trick. Die ständige Erinnerung an die existentiellen Gefahren – im Iran, in Syrien, in Ägypten und sonst wo – sind dafür bestimmt, die Bevölkerung um die Führung zu scharen. Bei der letzten Wahlkampagne präsentierte sich Netanjahu selbst als ein „starker Führer für einen starken Staat“. Macht nichts, dass er tatsächlich ein Schwächling ist, dafür bekannt, sich unter ausländischem und internem Druck zu unterwerfen. Panikmache ist seine wirksamste Waffe.

DOCH WÄRE es ein großer Fehler, israelische Ängste als unecht abzutun, als wären sie künstlich erzeugt. Sie sind ganz real.

Ausländer sind oft verwundert, wie Israelis im selben Satz – buchstäblich im selben Atemzug -behaupten, „Israel ist eine regionale Macht“, und wir werden nicht „wie Lämmer zur Schlachtbank gehen“, wie Juden (von Israelis behauptet)im Holocaust gegangen seien. Beides ist real. Beides lebt nebeneiander im Geist der meisten Israelis.

Keiner, der während des Holocausttages in Israel gewesen ist, kann den leichtesten Zweifel über den riesigen Einfluss haben, den der Holocaust weiterhin auf uns ausübt. Die meisten von uns (mich eingeschlossen) haben Verwandte, die in der Shoa umgekommen sind. Das tiefe Gefühl für die Opferrolle, die Ängste und Befürchtungen liegen tief in uns. Es ist fast unmöglich, sie in wenigen Jahren zu überwinden.

DOCH MÜSSEN wir sie überwinden, weil sie keine Beziehung zur jetzigen Realität haben und uns daran hindern, uns rational zu verhalten.

Tatsache ist, dass Israel ein starker Staat ist und dies so noch lange Zeit bleiben wird.

Wir haben ein sehr starkes und effizientes Militär, mehr als ausreichend, um jeder voraussehbaren Bedrohung entgegenzutreten. Der arabische Frühling hat wenigstens vorübergehend mehrere militärische Bedrohungen beiseitegeschoben. Das stimmt auch für die reale oder eingebildete nukleare Bedrohung aus dem Iran. Kein iranischer Führer wird je die totale Zerstörung seines Landes mit seiner Jahrtausende alten Zivilisation riskieren, um uns Ärmste zu zerstören.

Aber ein starkes Militär ist nur eine Komponente von Sicherheit. Es gibt noch viele andere.

In 65 Jahren haben wir eine solide und starke Wirtschaft aufgebaut, die viel stabiler ist als viele größere und stärkere ökonomische Mächte in aller Welt. Auf verschiedenen Gebieten wie der High-Tech, den Naturwissenschaften, in der Medizin, der Landwirtschaft und den Künsten gehören wir zu der ersten Weltliga. Israels intime Beziehungen mit der Nummer-Eins-Weltmacht scheinen für lange Zeit sicher zu sein und uns auf vielen Gebieten riesige Vorteile zu bringen, selbst bei langsamem Rückgang der US-Macht.

Die wiederbelebte hebräische Sprache ist dynamisch und fest etabliert. Die israelische Demokratie, wenn auch unter ständiger Bedrohung, scheint in der Lage zu sein, dem Angriff widerstehen zu können. Wir können sicher stolz sein auf das, was unsere Gesellschaft erreicht hat – praktisch aus dem Nichts.

Die einzigen wirklichen Gefahren, denen Israel gegenübersteht, kommen von innen. Wahnsinnige Politik, die fortgesetzte Besatzung, der ständige Krieg, das Vordringen der fundamentalistischen Religion – dies sind die realen Ursachen, über die man sich Sorgen machen muss.

ICH MACHE darauf aufmerksam, nicht um Triumphgefühle zu schüren, sondern im Gegenteil.

In Israel ist es die Rechte, die bei Ängsten und ständigen Erfindungen neuer Bedrohungen prächtig gedeiht, um sich dem Frieden zu verweigern und das Gefühl „ die ganze Welt ist gegen uns“ hochkommen zu lassen. Sie stellen unsern Staat wie ein noch belagertes Ghetto dar, das einer ewigen Gefahr der Vernichtung entgegensieht.

Das israelische Friedenslager muss entschlossen gegen dieses Weltbild aufstehen. Israel ist stark und, weil es stark ist, kann es auch Risiken auf sich nehmen und Frieden mit dem palästinensischen Volk und der ganzen arabischen und muslimischen Welt schließen.

Vor 65 Jahren, als wir eine Bevölkerung von kaum 650 000 waren, hatte meine Generation dieses Selbstvertrauen. Unsere Häupter waren erhoben. Wir müssen dieses Selbstvertrauen jetzt wieder entdecken.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Geht in den Schuhen der Anderen

Erstellt von Gast-Autor am 12. Mai 2013

Geht in den Schuhen der Anderen

Autor Uri Avnery

OBAMA IN ISRAEL. Jedes Wort richtig. Jede Geste echt. Jedes Detail an seinem richtigen Platz. Perfekt.

Obama in Palästina. Jedes Wort falsch. Jede Geste unpassend. Jedes einzelne Detail am falschen Ort. Perfekt.

ES BEGANN mit dem ersten Augenblick. Der Präsident der US kam nach Ramallah. Er besuchte die Mukata’a, das Gebäude, das als Amtssitz des Präsidenten der Palästinensischen Behörde Mahmud Abbas dient

Man kann die Mukata’a nicht betreten, ohne das Grab von Yasser Arafat, das wenige Schritte vom Eingang liegt, zu bemerken.

Es ist einfach unmöglich, dieses Wahrzeichen zu ignorieren, während man vorbeigeht. Obama gelang genau dieses.

Das war, als ob er dem ganzen palästinensischen Volk ins Gesicht spuckt. Man stelle sich einen ausländischen Würdenträger vor, der nach Frankreich kommt und keinen Kranz auf das Grab des unbekannten Soldaten legte. Oder, dass jemand nach Israel kommt und nicht Yad Vashem besucht. Es ist mehr als eine Beleidigung. Es ist dumm.

Yasser Arafat ist für die Palästinenser das, was George Washington für die Amerikaner ist, Mahatma Gandhi für die Inder, David Ben Gurion für die Israelis. Der Vater der Nation. Selbst seine internen Opponenten auf der Linken und auf der Rechten ehren sein Gedächtnis. Er ist das größte Symbol der modernen palästinensischen Nationalbewegung. Sein Bild hängt in jedem palästinensischen Büro und in jeder Schule.

Warum ihn also nicht ehren? Warum nicht einen Kranz auf sein Grab legen, wie es andere Führer vor ihm getan haben.

Weil Arafat in Israel dämonisiert und verleumdet worden war – wie kein anderes menschliches Wesen seit Hitler. Und so ist es noch heute.

Obama fürchtete einfach die israelische Reaktion. Nach seinem riesigen Erfolg in Israel fürchtete er, dass solch eine Geste der Wirkung seiner Rede vor dem israelischen Volk schaden würde.

DIESE ÜBERLEGUNG bestimmte Obama bei seinem kurzen Besuch auf der Westbank. Seine Füße waren in Palästina, sein Kopf war in Israel.

Er schritt durch Palästina. Er redete zu Palästina. Aber seine Gedanken waren bei den Israelis.

Selbst wenn er gute Dinge sagte, war sein Ton falsch, er konnte einfach nicht den richtigen Ton finden. Irgendwie verfehlte er das Stichwort.

Warum? Weil ihm vollkommen die Empathie fehlte.

Empathie ist etwas, das schwer zu definieren ist. Ich bin in dieser Hinsicht verwöhnt worden, weil ich das Glück hatte, viele Jahre lang neben einem Menschen zu leben, der dies im Überfluss hatte. Rachel, meine Frau, traf mit jedem, ob hoch oder niedrig, lokal oder ausländisch, ob alt oder sehr jung, den richtigen Ton.

Obamas tat dies in Israel. Es war wirklich zu bewundern. Er muss uns gründlich studiert haben. Er kannte unsere Stärken und unsere Schwächen, unsere Wahnvorstellungen und Überempfindlichkeiten, unsere historischen Erinnerungen und Träume der Zukunft.

Und kein Wunder. Er ist von zionistischen Juden umgeben. Sie sind seine engsten Berater, seine Freunde und seine Experten bez. des Nahen Ostens. Allein durch den Kontakt mit ihnen, nimmt er offensichtlich viel von unserer Sensibilität auf.

Soweit ich weiß, gibt es im Weißen Haus und seiner Umgebung keinen einzigen Araber, geschweige denn einen Palästinenser.

Ich vermute, dass er gelegentlich Memoranda über arabische Angelegenheiten vom Außenministerium bekommt. Aber solch trockene Mitteilungen wecken keine Empathie. Umso mehr als kluge Diplomaten jetzt gelernt haben müssen, keine Texte zu schreiben, die die Israelis kränken könnten.

Wie sollte also der arme Mann sich etwaige Empathie gegenüber den Palästinensern erworben haben?

DER KONFLIKT zwischen Israel und Palästina hat sehr solide auf Tatsachen beruhende Gründe. Aber er ist auch schon zu Recht als ein „Zusammenstoß zwischen Traumata“ beschrieben worden: das Holocaust-Trauma der Juden und das Nakba-Trauma der Palästinenser ( Ohne die beiden Kalamitäten zu vergleichen.)

Vor vielen Jahren traf ich in New York einen guten Freund von mir. Er war ein arabischer Bürger Israels, ein junger Poet, der Israel verlassen und sich der PLO angeschlossen hat. Er lud mich ein, in einem Vorort von New York in seinem Haus einige Palästinenser zu treffen. Sein Familienname war übrigens derselbe wie Obamas mittlerer Name.

Als ich die Wohnung betrat, war sie vollgestopft mit Palästinensern aus allen Arten, aus Israel, dem Gazastreifen, der Westbank, den Flüchtlingslagern und aus der Diaspora. Wir hatten eine sehr emotional geladene Debatte, voll hitziger Argumente und Gegenargumente. Als wir gingen, fragte ich Rachel, was ihrer Meinung nach das überragendste allgemeine Gefühl all dieser Leute war. „Das Gefühl von Ungerechtigkeit!“ antwortete sie ohne zu zögern.

Das war genau das, was ich auch empfand. „Wenn Israel sich für das entschuldigen könnte, was wir dem palästinensischen Volk angetan haben, dann würde ein Riesenhindernis aus dem Weg des Friedens weggeräumt worden sein,“ sagte ich ihr.

Es würde ein guter Anfang für Obama in Ramallah gewesen sein, wenn er diesen Punkt angesprochen hätte. Es waren nicht die Palästinenser, die sechs Millionen Juden getötet hatten. Es waren die europäischen Länder und -ja,auch – die USA, die herzlos ihre Tore für die Juden schlossen, die verzweifelt z dem Schicksal zu entfliehen versuchten, das ihnen bevorstand. Und es war die muslimische Welt, die hundert Tausende Juden aufnahm, die aus dem katholischen Spanien und vor der Inquisition vor etwa 500 Jahren flohen.

UNSER KONFLIKT ist tragisch, schlimmer als die meisten anderen. Eine seiner Tragödien ist, dass keine der beiden Seiten allein angeklagt werden kann. Es gibt nicht ein Narrativ, sondern zwei. Jede Seite ist von seiner absoluten Richtigkeit überzeugt. Jede Seite nährt ihr überwältigendes Gefühl des Opferseins. Obgleich es keine Symmetrie zwischen Siedlern und Einheimischen, zwischen Besatzern und Besetzten gibt. in dieser Hinsicht sind sie gleich.

Das Problem mit Obama ist, dass er vollkommen und total das eine Narrative aufgenommen hatte, während er das andere fast völlig vergaß. Jedes Wort, das er in Israel äußerte, gab Zeugnis seiner tief verwurzelten zionistischen Überzeugung. Nicht nur die Worte die er sagte, sondern auch der Ton, die Körpersprache, alles trug die Anzeichen von Ehrlichkeit. Offensichtlich hatte er die zionistische Version jedes einzelnen Details des Konflikts in sich aufgenommen.

Nichts davon war in Ramallah zu sehen. Einige trockene Formeln. Einige ehrliche Bemühungen, um tatsächlich das Eis zu brechen. Aber nichts, das die Herzen der Palästinenser berührt.

Er riet seiner israelischen Zuhörerschaft, „ sie sollten in den Schuhen der Palästinenser gehen“. Aber tat er es selbst? Kann er sich vorstellen, was es bedeutet, jede Nacht auf das brutale Klopfen an die Tür zu warten? Vom Lärm der sich nähernden Bulldozer geweckt zu werden und sich zu fragen, ob sie zum Zerstören seines Hauses kommen, zu sehen, wie die Siedlung auf seinem Land wächst und auf die Siedler warten, die ein Pogrom in seinem Dorf ausführen? Oder sich nicht auf seinen Landstraßen bewegen dürfen? Oder zu sehen, wie sein Vater an den Checkpoints gedemütigt wird? Steine auf bewaffnete Soldaten zu werfen und dann dem Tränengas, Gummi ummantelten Stahlkugeln und zuweilen scharfen Geschossen ausgeliefert zu sein?

Kann er sich gar vorstellen, viele, viele Jahre einen Bruder, einen Cousin, einen geliebten Menschen im Gefängnis zu haben, wegen seiner patriotischen Aktionen oder seiner Überzeugung, nachdem er die Willkür eines „Militärgerichts“ oder gar kein Gerichtsprozess durchlaufen hatte?

In dieser Woche starb ein Gefangener, Maisara Abu-Hamidiyeh, im Gefängnis und die Westbank explodierte vor Wut und Zorn. Israels Journalisten machten den Protest lächerlich, indem sie feststellten, dass der Mann an Krebs gestorben war und daher man Israel nicht die Schuld geben kann.

Hätte sich einer von ihnen einen Moment lang vorstellen können, was es für einen Menschen bedeutet, Krebs zu haben und sich die Krankheit langsam in seinen Körper ausbreitet, von jeder wirklichen Behandlung ausgeschlossen, von der Familie und Freunden abgeschnitten zu sein, wenn man sich dem Tode nähert? Wenn es ihr Vater gewesen wäre?

Die Besatzung ist keine abstrakte Angelegenheit. Es ist die tägliche Realität für zwei ein halb Millionen Palästinenser in der Westbank und Ostjerusalem, ganz zu schweigen von den Beschränkungen in Gaza.

Es betrifft nicht nur die Einzelnen, denen tatsächlich die Menschenrechte verweigert werden. Es betrifft hautsächlich die Palästinenser als Nation.

Wir Israelis fühlen vielleicht mehr als andere, was es heißt, zu einer Nation im eigenen Land mit einer eigenen Fahne zu gehören und dass dies ein Grundrecht jedes menschlichen Wesens ist. In der gegenwärtigen Epoche ist es ein Teil der menschlichen Würde. Kein Volk wird sich mit weniger begnügen

Die israelische Regierung besteht darauf, dass die Palästinenser Israel als den „Nationalstaat des jüdischen Volkes“ anerkennen müssen. Es weigert sich Palästina als „Nationalstaat des palästinensischen Volkes“ anzuerkennen. Welche Position bezieht Obama zu diesem Punkt?

NACH DEM Besuch arbeitet nun John Kerry hart daran, die „Grundlage“ für eine „Wiederaufnahme“ der „Friedensgespräche“ zwischen Israel und der PLO vorzubereiten. (Viele Gänsefüßchen für so etwas Fadenscheiniges.)

Diplomaten können hohle Phrasen an einander reihen, um die Illusion des Fortschrittes zu beschwören. Das ist einer ihrer Haupttalente. Aber nach einem 130 Jahre dauernden Konflikt kann kein Fortschritt in Richtung Frieden zwischen den beiden Völkern real sein, wenn es keinen gleichen Respekt vor ihrer nationalen Geschichte, ihrer Rechte, Gefühle und Hoffnungen gibt.

So lange wie die US-Führung sich nicht selbst zu diesem Punkt bringt, bleibt die Chance, in diesem gequälten Land zum Frieden beizutragen, nahezu bei null.

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die Rede, die nicht gehalten wurde

Erstellt von Gast-Autor am 28. April 2013

Die Rede, die nicht gehalten wurde

Autor Uri Avnery

Vorbemerkung: Ich schrieb diesen Text am Mittwoch, einen Tag vor Obamas Rede in Jerusalem.  Wie sich herausstellte, kam ich näher an seine aktuelle Rede, als ich hoffte. Diese Passagen sind fast identisch. Einige Leser  wollen vielleicht die Texte vergleichen, um zu sehen, was er ausgelassen hat.

 LIEBE BÜRGER Israels,

Ich habe das Gefühl, ich muss direkt zu euch sprechen, und besonders zu den jungen jüdischen Leuten unter euch, um euren Verstand zu erreichen und eure Herzen zu berühren.

Um dies zu tun, verzichtete ich auf die große Ehre, in eurer Knesset zu sprechen, wie meine Vorgänger es getan haben. Die Knesset ist – wie alle Parlamente – aus Politikern zusammengesetzt, aber dieses Mal möchte ich direkt zu euch sprechen.

ICH KOMME als wahrer Freund. Ein wahrer Freund ist verpflichtet, die Wahrheit zu sagen, wie er sie sieht. Ein wahrer Freund schmeichelt euch nicht. Er verdreht nicht die Wahrheit, um euch ein gutes Gefühl zu geben.

Ich weiß, wenn ausländische Präsidenten oder Präsidentinnen euer Land besuchen, fühlen sie sich verpflichtet, Euch zu sagen, wie wunderbar ihr seid, wie brillant eure Führer, wie großartig eure Leistungen. Ich denke nicht, dass ein wahrhafter Freund dies tun muss.

Wenn du betrunken bist, sagt ein wahrer Freund nicht, nimm das Auto. Ein wahrer Freund bittet um die Schlüssel für den Wagen.

Wenn du vor Macht und Erfolg trunken bist, wird ein wahrhafter Freund dich nicht anstacheln, unverantwortlich zu handeln. Ein wahrer Freund bittet  dich, dich zu beruhigen, nachzudenken, deine nächsten Schritte sorgfältig abzuwägen.

Das ist heute mein Ziel.

ICH KANN euch ehrlich sagen, dass ich den Staat Israel immer bewundert habe, der nur 13 Jahre vor mir geboren wurde.

Ihr habt einen lebendigen Staat aus dem Nichts geschaffen. Nur wenige Jahre nach dem schrecklichen Holocaust, einem der größten Verbrechen in den Annalen der Menschheit, hat sich dieses Volk aus der Asche erhoben und sich selbst eine mächtige Präsenz unter den Nationen geschaffen. Ihr habt eine blühende Demokratie geschaffen. Eure Wissenschaft, Landwirtschaft, High-Tech-Industrie und all die anderen Errungenschaften auf vielen Feldern haben den Neid vieler geweckt. Eure militärischen Fähigkeiten werden von allen anerkannt.

Keiner mit Augen im Kopf kann die großen Ähnlichkeiten der Geschichte unserer beiden Nationen leugnen. Als kleine Gruppe von Pionieren, von religiöser Verfolgung getrieben, haben wir uns zu mächtigen Nationen entwickelt. Wider Erwarten haben wir neue Zivilisationen aufgebaut. Jeder von uns hat eine „leuchtende Stadt auf dem Berge“ erbaut Wir haben beide Freiheit und Unabhängigkeit in der Mitte eines schrecklichen Krieges erreicht, der unsere bloße Existenz bedrohte. Wir beide mussten früher und noch vor kurzem viele andere Kriege kämpfen. Wir beide können auf unsere Vergangenheit mit Stolz und Genugtuung zurückschauen.

Aber wir beide wissen genau so, dass diese Geschichte auch dunkle Schatten einschließt. Wir sind mit dem Volk, das vor uns in unsern Ländern lebte, hart umgegangen. Wir müssen uns für vieles entschuldigen. Wir sollten das Böse nicht unterdrücken, während wir das Gute feiern.

OBWOHL VON Feinden bedroht – wie alle von uns – kann Israel nach vorne in eine glänzende Zukunft schauen. Doch dunkle Wolken bedrohen diese Aussicht. Einige davon – es tut mir leid, dies sagen zu müssen – sind Folgen eures eigenen Handelns.

Genau darüber möchte ich zu euch sprechen.

Während der letzten vier Jahre habe ich die Ereignisse in diesem Land mit wachsender Besorgnis verfolgt, in der Tat sogar mit großen Ängsten für eure Zukunft.

Keine Nation – ob sie groß oder klein ist – kann ohne Frieden gedeihen. Krieg ist der Fluch der Menschheit. Er vergröbert unsern Geist, konsumiert unsere Ressourcen, verbreitet Tod und Zerstörung. In unserer Zeit, in der immer mehr tödliche Massenvernichtungswaffen entwickelt werden, bedroht der Krieg unsere bloße Existenz.

Dennoch scheint es unter euch eine seltsame Aversion gegenüber dem Frieden zu geben. Friedenstifter werden als Feinde angeprangert. Selbst ich bin als „Zerstörer Israels“ bezeichnet worden, weil ich zu Beginn meiner ersten Amtszeit versuchte, zwischen euch und euren Nachbarn Frieden zu bringen.

Mir wird erzählt, dass in eurer letzten Wahlkampagne alle Parteien das Wort „Frieden“ gezielt vermieden haben. Das klingt für mich unglaublich. Ihr braucht Frieden, vielleicht mehr als jedes andere Volk auf Erden.

Mir wurde auch erzählt, dass die meisten Israelis, während sie sich nach Frieden sehnen, fest glauben, dass „Frieden unmöglich sei“. Frieden ist nie unmöglich, wenn bereitwillige Männer und Frauen ernsthaft um ihn kämpfen.

Die Geschichte ist voll unerbittlicher Feinde, die nach jahrhundertelangen Konflikten Frieden machten. Seht  euch den Frieden an, den mein Land mit Deutschland und Japan nach dem schrecklichen Krieg machte, der vor noch nicht langer Zeit tobte. Seht auf den Frieden zwischen Frankreich und Deutschland nach vielen Generationen Krieg. Und Israel selbst hat tatsächlich Frieden mit Deutschland gemacht und lebt mit ihm in Freundschaft – so bald schon nach der Shoa.

Angenommen, der Konflikt zwischen euch und dem palästinensischen Volk sei komplexer als andere – ich sage euch, der Frieden zwischen euch ist nicht nur notwendig – er ist auch möglich.

FRIEDEN BEGINNT damit, dass man den Feind als menschliches Wesen ansieht, dass man ihm in die Augen schaut.

Das sollte eigentlich für Juden leicht sein. Steht nicht in unsern Heiligen Schriften, unserm gemeinsamen Erbe, Gott habe alle Menschen nach seinem Bild geschaffen? Hat nicht euer großer spiritueller Lehrer Hillel euch gesagt, dass die Grundlage jedes moralischen Verhaltens das ist, dass man dem anderen nicht das antut, was einem selbst verhasst ist?

Mir wurde auch gesagt, in letzter Zeit sei eine wachsende Welle von Rassismus unter euch offensichtlich geworden, es  habe sogar  schon Lynchfälle gegeben, viele Jungen und Mädchen verkünden stolz, sie seien Rassisten.

Ich finde das unglaublich. Juden? Rassisten? Nach Jahrhunderten als Opfer langer rassistischer Verfolgung? Kaum ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust?

Ich bin eine dunkelhäutige Person. Zum Glück haben meine Vorfahren nie das schreckliche Übel der Sklaverei erlebt. Anders als Millionen Afrikaner wurde meines Vaters Familie nicht aus dem Dorf ihrer Vorfahren in Kenia gekidnappt. Aber das Üble der Sklaverei hat sich tief in meine Seele geprägt. Der entsetzliche Anblick des Lynchens ist noch vor meinen inneren Augen lebendig.

So auch die Freiheitsmärsche, bei denen entschlossene tapfere, schwarze Leute rassistischem Mob, Gewehren und scharfen Hunden trotzten. Wir werden auf immer den weißen jungen Männern und Frauen dankbar sein, die sich diesen Märschen anschlossen, viele von ihnen waren Juden. Ich kann einfach nicht verstehen, wie ein Jude in Israel ein Rassist sein und darauf auch noch stolz sein kann. Was  – ums Himmels willen – lernt ihr in euren Schulen?

ICH BIN nicht hierhergekommen, um  euch einen Frieden aufzuzwingen.

Frieden sollte nicht aufgezwungen werden. Er sollte aus dem Herzen kommen und  mit dem Verstand gebilligt werden.
Lasst mich ein paar Dinge mit euch teilen, die mir selbstverständlich scheinen:
Frieden muss sich hier auf das gründen, was man allgemein als „Zwei-Staaten-Lösung“ bezeichnet. Zwei Staaten für zwei Völker, für die Israelis und  für die Palästinenser.

Es ist nicht nur die beste Lösung – es ist die einzige Lösung.

Diejenigen, die andere Lösungen vorschlagen, täuschen sich selbst. Es gibt keine andere Lösung.

Es muss einen palästinensischen Staat geben, Seite an Seite mit Israel. Eure Väter und Mütter wären mit nichts weniger als einem eigenen Staat zufrieden, und die Palästinenser wollen nichts weniger als genau auch dies. Freiheit und Unabhängigkeit unter ihrer eigenen Flagge ist das Recht aller Menschen. Ihr solltet die ersten sein, die das verstehen.

Der Staat Palästina muss alle palästinensischen Gebiete, die 1967 besetzt wurden, einschließen. Veränderungen der Grenzen müssen zwischen den beiden Regierungen abgestimmt werden und die ausgetauschten Gebiete müssen gleich groß sein.

Jerusalem, diese wunderbare Stadt, in der wir uns jetzt treffen und die mich begeistert, muss zwischen beiden Völkern geteilt werden. Was arabisch ist, sollte die Hauptstadt Palästinas, was jüdisch ist, sollte die Hauptstadt Israels werden, die dann endlich von allen Staaten anerkannt wird.

Die Sicherheit Israels muss von der Welt abgesichert und garantiert werden, besonders von den USA. Aber ebenso die Sicherheit Palästinas.

Offensichtlich können die Millionen palästinensischer Flüchtlinge nicht nach Israel zurückkehren. Gerechtigkeit kann nicht mit Ungerechtigkeit gegenüber den gegenwärtigen Bewohnern wieder hergestellt werden. Aber wir müssen eine große internationale Anstrengung machen, um die Flüchtlinge großzügig zu entschädigen; und wenigstens einer symbolischen Anzahl sollte erlaubt werden, ihr Rückkehrrecht in Anspruch zu nehmen.

Diese Friedensbedingungen liegen seit langer Zeit auf dem Tisch. Die Zeit ist gekommen – ja längst überfällig – um sie in einen dauerhaften Friedensvertrag umzuwandeln. Die anderen arabischen Nationen, deren lobenswerter Friedensplan auch seit vielen Jahren auf dem Tisch liegt, sollten Partner bei dieser Anstrengung sein.

Meine Regierung wird die Unterzeichnung einer feierlichen Sicherheitsgarantie als ihre Pflicht für beide Seiten betrachten.

EIN WORT zu den Siedlungen.

Die US  haben immer betont, dass sie nach dem internationalen Gesetz illegal sind. Das ist auch jetzt und immer der Fall.

Diejenigen Israelis, die nach dem gegenseitig anerkannten Austausch  noch auf palästinensischem Gebiet bleiben wollen, müssen nach Israel repatriiert werden. So sanft wie möglich. Mit so viel Mitleid wie möglich. Mit so großzügiger Entschädigung wie möglich. Aber sie können nicht ohne Erlaubnis der Regierung Palästinas bleiben.

Viele von ihnen haben sich in den besetzten Gebieten extra deshalb dort angesiedelt, um den Frieden unmöglich zu machen. Es sollte ihnen nicht erlaubt werden, dieses Ziel zu erreichen.

ICH BIN heute – so bald nach der Vereidigung eurer neuen Minister – hergekommen, bevor sich eure neue Regierung an die Arbeit macht, weil ich eine große Dringlichkeit empfinde.

Die Zeit vergeht, die Siedlungen breiten sich aus, die Chancen für Frieden werden weniger. Deshalb müssen wir jetzt handeln.

Wenn ihr auf eurem jetzigen Kurs weitergeht, wird eine Katastrophe über Euch kommen. Ihr seid schon eine Minderheit im Land zwischen Mittelmeer und dem Jordan, und diese Minderheit wird noch kleiner. Sehr bald werdet ihr vor der Wahl stehen zwischen einem ruhmreichen Israel, das zu einem ekelhaften Apartheidstaat, einem Pariastaat unter den Nationen wird – oder einem Staat, der von einer arabischen Mehrheit regiert wird. Auf jeden Fall wird es das Ende des zionistischen Traumes sein.

Sagt mir nicht und sagt auch nicht zu euch selbst, dass ihr da nichts tun könnt.

Ihr seid die Menschen der Zukunft. Die Zukunft ist euer Leben. Es liegt an euch, euch ein Leben in Frieden zu sichern.

Ja, ihr könnt es!!!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Hungerstreikende Häftlinge

Erstellt von DL-Redaktion am 17. April 2013

Bericht über Haftbedingungen in israelischen Gefängnissen

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Der Hungerstreik des palästinensischen Häftlings Samer Issawi dauert weiter an. Nachrichten über den Tod mehrerer palästinensischer Häftlinge erreichen die Öffentlichkeit. Angesichts dieser Ereignisse veröffentlichen die Ärzte für Menschenrechte – Israel einen neuen, von medico mitfinanzierten Bericht über die Situation palästinensischer Häftlinge in israelischen Gefängnissen, insbesondere der hungerstreikenden Gefangenen. Der Bericht enthüllt, wie der israelische Gefängnisdienst und die Gefängnisärzteschaft gravierend gegen die Medizinethik und die Menschenrechte der Gefangenen verstoßen. Gesundheit und Leben der hungerstreikenden Häftlinge sind in Gefahr.

Protest gegen willkürliche Inhaftierungen

Der Kampf der palästinensischen Häftlinge sorgt für Schlagzeilen, seit im letzten Jahr fünf Häftlinge in den Hungerstreik traten, um gegen die sogenannte Administrativhaft zu protestieren. Dieses altbewährte Mittel aus der britischen kolonialen Werkzeugkiste nutzen die israelischen Behörden, um unliebsamen organisierten Widerstand zu unterbinden: Unter dem Vorwand, es lägen für die Verhaftung sicherheitsrelevante Gründe vor, werden Universitätsdozenten, Studenten, Journalisten, Intellektuelle, Gewerkschafter und Mitarbeiter von bäuerlichen Organisationen oder auch Aktivisten festgesetzt. Mitunter jahrelang – ohne Prozess und ohne Gerichtsurteil, ja ohne dass die Häftlinge (oder ihre Anwälte) überhaupt wissen, wessen sie beschuldigt werden.

Im Verlauf der Auseinandersetzungen schlossen sich 1.600 Häftlinge den fünf Streikenden als Zeichen der Solidarität und als Protest gegen die Haftbedingungen in einem Massenhungerstreik an. Erst die Hungerstreiks machten die israelische und die internationale Öffentlichkeit auf die willkürliche Politik der israelischen Behörden gegenüber palästinensischen Häftlingen aufmerksam. In Israel versuchten Medien und Politik die Hungerstreiks der palästinensischen Gefangenen als bloße Taktik von Terroristen herunterzuspielen. Die Ärzte für Menschenrechte betonen dagegen das politische und emanzipatorische Potential von Hungerstreiks. Sie verweisen auf die historischen Beispiele in Indien, wo Mahatma Gandhi für indische Einheit und Unabhängigkeit hungerte, und in Irland, wo der Tod von zehn Hungerstreikenden IRA-Mitgliedern das Bewusstsein über die britische Unterdrückung weltweit schärfte.

Das Recht auf Gesundheit – verweigert

Schon zu Beginn der Hungerstreiks betreuten die Ärzte für Menschenrechte – Israel viele der Häftlinge. Freiwillige Ärzte besuchten die Hungerstreikenden und überwachten ihren Gesundheitszustand. Sie ließen sich nicht durch das oft beleidigende oder geradezu feindsinnige Verhalten des Gefängnis-Gesundheitspersonals einschüchtern. Da der Israelische Gefängnisdienst sich weigerte, unabhängige Ärzte zu den Hungerstreikenden zuzulassen, mussten sie sich vor Gericht Zugang zu ihren Patienten verschaffen. Die israelischen Gerichte ihrerseits machten sich zu Komplizen der Gefängnisdienste. Sie weigerten sich, den Besuch unabhängiger Ärzte grundsätzlich zu erlauben, sodass jeder Besuch neu vor Gericht verhandelt werden musste.

Die Gefängnisbehörde und die ihr unterstehenden Ärzte haben jedoch nicht nur alles unternommen, um unabhängige Ärzte daran zu hindern, die Gesundheitssituation der Streikenden zu untersuchen. Sie weigerten sich auch, den unabhängigen Ärzten die Patientenakte der Streikenden auszuhändigen, obwohl dies im Israelischen Patientenrechtgesetz vorgesehen ist. Auch die Gefängnisärzte versuchten zu verhindern, dass unabhängige Ärzte hinzugezogen würden und bewiesen damit, dass sie sich mehr um Konformität mit den Vorgaben des Israelischen Gefängnisdienstes als um die Einhaltung ihres hippokratischen Eids sorgen. Sie beteiligten sich an Zwangsernährungen und weigerten sich, Patienten an zivile Krankenhäuser zu überweisen, obwohl der Zustand der Patienten dies dringend erforderlich machte. Wenn Hungerstreikende doch an zivile Krankenhäuser überwiesen wurden, erlaubten sie es, diese an ihre Betten zu fesseln. Sie behandelten Patienten gegen ihren Willen und mitunter gewaltsam. Auch dokumentierten sie Fälle von körperlichen und seelischen Misshandlungen nicht, über die Patienten wiederholt geklagt hatten.

Sicherheit vor Patientenwohl

Damit machte sich die Gefängnisärzteschaft schwerer Verstöße gegen die Medizinethik schuldig, so die Ärzte für Menschenrechte. Grund hierfür sei die Tatsache, dass die Ärzteschaft in den Gefängnissen sich nicht in erster Linie den Patienten, in diesem Fall den Hungerstreikenden, verpflichtet fühle. Sie sehen sich vielmehr auch oder vor allem in der Pflicht, den Interessen des israelischen Gefängnisdienstes nachzukommen, der vor allem nach Sicherheitserwägungen handelt.

Auf der Basis des Berichts fordern die Ärzte für Menschenrechte – Israel konkrete institutionelle Veränderungen. Diese sollen sicherstellen, dass das für palästinensische Häftlinge zuständige Gesundheitspersonal medizinethische Standards einhält und nur noch der Gesundheit seiner Patienten verpflichtet ist. Den Ärzten für Menschenrechte ist aber gleichzeitig klar, dass das Verhalten des Gesundheitspersonals tief in der politischen Kultur und der allgemeinen israelischen Einstellung zu palästinensischen Häftlingen wurzelt. Um dem Problem wirklich wirksam begegnen zu können, müsste Israel aufhören, mithilfe von Administrativhaft und der Unterdrückung von Häftlingen politischen Druck auszuüben.

Spendenstichwort:

medico unterstützt seit vielen Jahren die Arbeit der Ärzte für Menschenrechte – Israel. Dazu gehören Besuche bei hungerstreikenden Häftlingen, juristische Auseinandersetzungen und Fallstudien, die wöchentlichen Fahrten der mobilen Klinik in die Westbank oder die laufenden Kosten der Offenen Klinik für Migranten. Weil alle BewohnerInnen in Israel/Palästina ein Recht auf Gesundheit haben – ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft oder ihres Aufenthaltstatus. Spenden Sie bitte unter dem Stichwort Israel/Palästina.

Quelle: medico

Tsafrir Cohen

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„Ich bin ein Bi’liner“!

Erstellt von Gast-Autor am 14. April 2013

„Ich bin ein Bi’liner“!

Autor Uri Avnery

DIES GESCHIEHT nicht alle Tage: ein Kulturminister freut sich öffentlich, weil ein Film seines Landes NICHT mit dem Oscar ausgezeichnet wird. Und nicht nur ein Film, sondern zwei.

Es geschah in dieser Woche. Limor Livnat, noch Kulturministerin der letzten Regierung, sagte zum israelischen Fernsehen, sie sei glücklich darüber, dass Israels zwei Einsteiger für Oskars in der Kategorie Dokumentarfilme es nicht bis zum Ende schafften.

Livnat, eines der extremsten Likud-Mitglieder, hat wenige Chancen, in die geringer werdende Anzahl von Likudministern der nächsten Regierung zu gelangen. Vielleicht war ihr Ausbruch –die Filme betreffend – dafür gedacht, ihre Aussichten zu verbessern.

Sie griff nicht nur die beiden Filme an, sondern empfahl den halb-offiziellen Stiftungen, die israelische Filme finanzieren, freiwillig Selbst-Zensur auszuüben, und solchen unpatriotischen Filmen die Unterstützung zu verweigern. Das würde sicher stellen, dass sie erst gar nicht produziert würden.

Die beiden Dokumentarfilme sind in ihrer Art sehr unterschiedlich.

Der eine „Töte zuerst!“ ist eine Sammlung von Zeugnissen von sechs auf einander folgenden Chefs des Allgemeinen Sicherheitsdienstes, Israels interner Nachrichtendienst, verschiedentlich bekannter unter seinen Initialen Shin Bet oder Shabak. In den US werden seine Funktionen vom FBI durchgeführt. (Der Mossad ist das Äquivalent zum CIA.)

Alle sechs Chefs üben scharfe Kritik an den israelischen Ministerpräsidenten und Kabinettsminister der letzten Jahrzehnte. Sie klagen sie der Inkompetenz, der Dummheit und Schlimmeren an.

Der andere Film „Fünf zerbrochene Kameras“ erzählt die Geschichte der wöchentlichen Protestdemonstrationen gegen den Trennungszaun im Dorf Bil‘in, wie sie durch die Kamera von einem der Dorfbewohner gesehen wird.

Man mag sich wundern, wie zwei solcher Filme es fertig brachten, an die Spitze der akademischen Preise ja, bis zum ersten Preis zu kommen. Meine eigene (vollkommen unbewiesene) Vermutung ist, dass die jüdischen Akademiemitglieder für ihre Auswahl stimmten, ohne sie tatsächlich gesehen zu haben, indem sie vermuteten, dass ein israelischer Film auf jeden Fall koscher ist. Aber als die Pro-Israel-Lobby einen Krawall begann, sahen sich die Mitglieder die Filme an, schauderten und gaben den Spitzenpreis an den Film „Suche nach dem Zuckermann“.

ICH HATTE noch keine Gelegenheit, den Film „Töte zuerst!“ anzusehen. Ich werde deshalb nicht über ihn schreiben.

Aber ich habe die „5 zerbrochenen Kameras“ mehrfach gesehen – zum einen im Film und die anderen Male vor Ort.

Limor Livnat behandelt ihn als „israelischen“ Film. Aber diese Kennzeichnung ist ziemlich problematisch.

Zunächst werden Dokumentarfilme nicht wie bei anderen Kategorien nach ihrer Nationalität aufgelistet. Also war er nicht offiziell „israelisch“.

Zweitens: einer seiner beiden Ko-Produzenten protestierte vehement gegen diese Bezeichnung. Für ihn ist es ein palästinensischer Film.

Sachlich gesehen, ist jede nationale Bezeichnung problematisch. Alles Material wurde von einem Palästinenser, Emad Burnat, gefilmt. Aber der Ko-Editor Guy Davidi, der das gefilmte Material in die Endfassung brachte, ist ein Israeli. Die Finanzierung kam von israelischen Stiftungen. Also wäre es fair, wenn man sagen würde, es sei eine palästinensisch-israelische Koproduktion.

Dies stimmt auch für die „Schauspieler“: die Demonstranten sind Palästinenser und Israelis. Die Soldaten sind natürlich Israelis. Einige Mitglieder der Grenzpolizei sind Drusen. (Araber, die einer islamischen Randgruppe angehören).

Als der letzte von Emad Burnats Söhnen geboren wurde, entschied er sich, einen einfachen Fotoapparat zu kaufen, um die Wachstumsstadien des Jungen fest zu halten. Er träumte nicht davon, Geschichte zu dokumentieren. Aber er nahm seinen Fotoapparat mit sich, wenn er sich der wöchentlichen Demonstration seines Dorfes anschloss. Und von da an in jeder Woche.

BIL’IN IST ein kleines Dorf westlich von Ramallah, nahe der Grünen Linie. Nur wenige Leute hatten jemals vor dem Kampf davon gehört.

Ich hörte zum ersten Mal vor etwa acht Jahren davon, als Gush Shalom, die Friedensorganisation, zu der ich gehöre, gebeten wurde, an einer Demo gegen die Enteignung eines Teils seines Landes teilzunehmen. Auf diesem Land sollte eine neue Siedlung, Kiryat Sefer („Stadt des Buches“), gebaut werden.

Als wir dort ankamen, standen erst wenige neue Häuser dort. Auf dem größten Teil des Landes wuchsen Olivenbäume. Bei den folgenden Protestdemos sahen wir, wie die Siedlung zu einer großen Stadt heranwuchs, vollkommen belegt von ultra-orthodoxen Juden, Haredim genannt, „diejenigen, die (Gott)fürchten“. Ich ging mehrfach durch diese Siedlung, als es keinen andern Weg gab, um Bil‘in zu erreichen, und ich sah dort keine einzige Person, die nicht die schwarze Kleidung und den schwarzen Hut dieser Gemeinschaft trug.

Die Haredim sind an sich keine Siedler. Sie gehen nicht aus ideologischen Gründen dort hin, sondern nur, weil sie für ihre große Familie mit vielen Kindern mehr Platz benötigen. Also siedelt die Regierung sie dort an.

Was die erste Demonstration für mich so erinnerungswürdig machte, war, dass die Dorfältesten in ihrem Resümee die Bedeutung der Gewaltlosigkeit betonten. In jener Zeit wurde von Seiten der Palästinenser noch nicht viel über Gewaltlosigkeit gesprochen.

Gewaltlosigkeit war und blieb eine der außerordentlichen Qualitäten des Bil‘iner Kampfes. Von der ersten Demonstration an von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr ist Gewaltlosigkeit das Markenzeichen der Proteste geworden.

Ein anderes Markenzeichen war die unglaubliche Erfindungsgabe. Die Älteren haben diese Aufgabe längst der jüngeren Generation übergeben. Seit Jahren bemühen sich die jungen Dorfbewohner darum, jeder einzelnen Demo einen besonderen symbolischen Inhalt zu geben. Bei einer Gelegenheit wurden Demonstranten in Käfigen mit Eisenstangen getragen. Ein andermal trugen wir alle Mahatma-Gandhi-Masken. Einmal brachten wir einen berühmten holländischen Pianisten mit, der auf einem LKW mitten im Gedränge Schubert spielte. Bei noch einem Protest ketteten die Demonstranten sich selbst an den Zaun. Und bei einer weiteren Demonstration fand ein Fußballmatch mit Blick auf die Siedlung statt. Einmal im Jahr werden Gäste aus aller Welt zu einem Symposium über den palästinensischen Kampf eingeladen.

DER KAMPF ist hauptsächlich gegen den Trennungszaun gerichtet, der dafür gedacht ist, Israel von den besetzten palästinensischen Gebieten zu trennen. In bebauten Gebieten ist es eine Mauer, in offenen Räumen ein Zaun, der auf beiden Seiten von einem breiten Streifen Land für Patrouillenwege und Stacheldraht geschützt wird. Der offizielle Zweck ist es, Terroristen daran zu hindern, nach Israel zu gelangen und dort sich in die Luft zu jagen.

Wenn dies der wirkliche Grund wäre und die Mauer auf der Grenze –also der Grünen Linie – gebaut wäre, könnte keiner etwas dagegen sagen. Jeder Staat hat das Recht, sich selbst zu schützen. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. In vielen Teilen des Landes schneidet die Mauer/ der Zaun tief in palästinensisches Gebiet, angeblich, um die Siedlungen zu schützen, in Wirklichkeit aber um Land zu annektieren. Dies ist auch in Bil‘in der Fall.

Der Originalzaun schneidet das Dorf vom größten Teil seines Landes ab, das zur Vergrößerung der Siedlung bestimmt ist, die jetzt Modiin Illit (Ober-Modiin) genannt wird. Das wirkliche Modiin ist ein angrenzendes Stadtgebiet innerhalb der Grünen Linie.

Im Lauf des Kampfes wandten sich die Dorfbewohner auch an das israelische Oberste Gericht, das schließlich einen Teil ihrer Klage akzeptierte. Die Regierung bekam eine Order, den Zaun etwas näher zur Grünen Linie zu verlegen. Dies ließ noch immer viel Land für die Siedlung.

Praktisch annektiert die Mauer/ der Zaun fast 10% der Westbank an Israel. (Im Ganzen besteht die Westbank aus nur 22% des Landes Palästina, wie es vor 1948 war.)

NACHDEM EMAD Burnat mit dem Fotografieren angefangen hatte, konnte er nicht mehr damit aufhören; Woche um Woche „schoss“ er Fotos der Proteste, während die Soldaten auf die Demonstranten schossen (ohne Anführungszeichen).

Tränengas, mit Gummi-ummantelte Stahlkugeln werden jede Woche vom Militär benützt und manchmal sogar scharfe Munition. Doch bei allen Demonstrationen, bei denen ich Zeuge war, gab es keinen einzigen Gewaltakt von Seiten der Demonstranten selbst – von den Palästinensern, den Israelis oder den internationalen Aktivisten. Die Demonstration startet gewöhnlich in der Mitte des Dorfes, nahe der Moschee. Wenn das Freitagsgebet endet, (Freitag ist der muslimische Feiertag), schließen sich einige der Frommen den Jugendlichen an, die draußen warten, und der Marsch zum Zaun, der ein paar Kilometer entfernt liegt, beginnt.

Am Zaun geschieht der Zusammenstoß. Die Demonstranten drängeln nach vorne und schreien, die Soldaten werfen Tränengas, Lärmgranaten und Gummikugeln. Die Gaskanister treffen auch Leute. Rachel, meine Frau z.B., hatte Monate lang einen großen blauen Fleck an ihrem Oberschenkel, wo ein Kanister sie getroffen hatte. (Rachel hatte schon lange eine schwere Lebererkrankung und wurde von ihrem Arzt streng gewarnt, nicht in die Nähe von Tränengas zu kommen. Aber sie konnte nicht widerstehen, Fotos aus der Nähe aufzunehmen. Sie starb vor zwei Jahren)

Wenn es erst mal zum Handgemenge kam, begannen gewöhnlich Jungs und Jugendliche vom Rand her mit dem Steine-werfen gegen die Soldaten. Es ist eine Art Ritual, ein Test für Mut und Männlichkeit. Für die Soldaten ist es ein Vorwand, die Gewalt zu verstärken, Menschen zu treffen und sie mit Gas zu vertreiben.

Emad zeigt dies alles. Der Film zeigt, wie sein Sohn zwischen den Demonstrationen vom Baby zum Schuljungen heranwächst. Er zeigt auch Emads Frau, die ihn bittet, aufzuhören. Emad wurde verhaftet und ernsthaft verletzt. Einer seiner Verwandten wurde getötet. Alle Organisatoren des Dorfes wurden immer wieder verhaftet – auch ihre israelischen Kameraden. Ich gab bei mehreren Verhandlungen vor dem Militärgericht, das in einem großen Militär-Gefangenenlager war, Zeugnis ab.

Die israelischen Demonstranten sieht man kaum im Film. Aber von Anfang an spielten Israelis eine bedeutende Rolle bei den Protesten. Die israelischen Hauptteilnehmer sind die „Anarchisten gegen die Mauer“, eine sehr mutige und kreative Gruppe (Der Gush Shalom-Aktivist Adam Keller wird bei einer Nahaufnahme gezeigt, wie er versuchte, eine in Deutschland gelernte Methode von passivem Widerstand anzuwenden.)

Wenn der Film den israelischen und internationalen Demonstranten nicht ganz gerecht wird, so ist es nur verständlich. Der Zweck war es, den palästinensischen gewaltfreien Widerstand zu zeigen.

Im Lauf des Kampfes wurden Emads Fotoapparate einer nach dem anderen zerbrochen. Er benützt jetzt den Fotoapparat Nr. 6.

DIES IST eine Geschichte von Heldentum, der heldenhafte Kampf eines einfachen Dorfes um seine Ländereien und seine Heimat. Lange nachdem Limor Livnat vergessen ist, wird man sich an die Schlacht von Bil’in erinnern.

Präsident Barak Obama wäre gut beraten, sich diesen Film anzusehen, bevor er nächstens Israel und Palästina besucht.

Vor einigen Jahren wurde ich gebeten, in Berlin die Laudatio bei einer Feier zu halten, bei der dieses Dorf Bil‘in und die „Anarchisten gegen die Mauer“ für ihren Mut ausgezeichnet wurden.

Indem ich Präsident John Kennedys berühmte Rede in Berlin ein wenig veränderte, sagte ich, jeder anständige Mensch auf der Welt sollte stolz erklären: „Ich bin ein Bil‘iner!“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Wehe dem Sieger !

Erstellt von Gast-Autor am 10. März 2013

Wehe dem Sieger !

Autor Uri Avnery

„VAE VICTIS!“ sagten die Römer – Wehe dem Besiegten.

Ich würde das Sprichwort leicht verändern: Wehe dem Sieger – „Vae Victori!“

Das bemerkenswerte Beispiel ist der erstaunliche Sieg, den Israel im Juni 1967 gewann. Nach Wochen eines sich nähernden Verhängnisses besiegte die israelische Armee in sechs Tagen drei arabische Armeen und eroberte große Teile Ägyptens, Syriens und die palästinensischen Gebiete.

Wie sich (später ) herausstellte, war dies das größte Unglück in unserer Geschichte. Berauscht von der Größe des Sieges, begann Israel auf einer Straße politischen Größenwahns weiter zu gehen, was zu den verheerenden Konsequenzen führte, von denen wir uns bis zum heutigen Tage nicht selbst befreien konnten. Die Geschichte ist voll solcher Beispiele.

Nun sind wir Zeugen des völlig unerwarteten großen Wahlerfolgs von Yair Lapid geworden. Es könnte sich herausstellen, dass es dieselbe Geschichte en miniature ist.

LAPID GEWANN 19 Sitze. Seine Fraktion ist die zweitgrößte in der Knesset mit 120 Sitzen, nach Likud-Beitenu, die 31 Sitze hat. Die Zusammensetzung des Parlamentes ist so, dass es für Binjamin Netanjahu fast unmöglich ist, eine Koalition ohne ihn zu bilden.

Der frühere Fernsehstar befindet sich in der Situation eines Kindes in einem Süßwarenladen, das sich nehmen kann, was immer es sich wünscht. Er kann sich jeden Regierungsposten auswählen, der ihm und seinen Untergebenen gefällt. Er kann dem Ministerpräsidenten fast jede Politik aufzwingen.

Genau hier beginnen seine Probleme.

Setzen Sie sich an seine Stelle und erfahre, was dies bedeuten muss..

ALS ERSTES: welchen Job sollten Sie wählen?

Als hochrangiger Partner der Koalition hat man das Recht, eines der drei wichtigsten Ministerien auszusuchen: das Verteidigungsministerium, das Außenministerium und das Finanzministerium.

Das scheint einfach zu sein? Doch denken Sie noch einmal darüber nach.

Man kann das Verteidigungsministerium übernehmen. Aber wenn Sie keinerlei Verteidigungserfahrungen haben, wenn sie nicht einmal in einer Kampfeinheit gedient haben, da der Vater Ihnen einen Job bei der wöchentlichen Armeezeitung verschafft hat (übrigens eine miese Zeitung.)

Als Verteidigungsminister würden Sie praktisch der Vorgesetzte des Stabschefs sein, fast ein Oberbefehlshaber. (Nach israelischem Gesetz ist die ganze Regierung Oberbefehlshaber des Stabschefs, aber der Verteidigungsminister vertritt die Regierung gegenüber den bewaffneten Militärs).

Also das Amt des Verteidigungsministers kommt nicht in Frage.

SIE KÖNNEN das Außenministerium übernehmen. Das wäre wirklich der ideale Job.

Da Sie ja das nächste Mal den Posten des Ministerpräsidenten übernehmen wollen, brauchen Sie Öffentlichkeit und der Außenminister bekommt viel Publicity. Sie werden auf Fotos neben Präsident Obama, Angela Merkel, Vladimir Putin erscheinen und ein Gast bei andern weltberühmten Persönlichkeiten sein. Die Öffentlichkeit wird sich daran gewöhnen, Sie in diesen angesehenen internationalen Kreisen zu sehen. Ihr telegen gutes Aussehen wird diesen Vorteil erhöhen. Die Israelis werden stolz auf Sie sein.

Außerdem ist dies der einzige Job, bei dem Sie nicht versagen können. Da die Außenpolitik heutzutage vom Ministerpräsidenten bestimmt und weithin durchgeführt wird, kann der Außenminister für nichts angeklagt werden, wenn er nicht ein vollkommener Dummkopf ist – und das sind Sie ja nicht.

Nach vier Jahren wird jeder davon überzeugt sein, dass Sie das Zeug zum Ministerpräsidenten haben.

Noch besser: Sie könnten die unmittelbare Eröffnung der Friedensverhandlungen mit den Palästinensern diktieren. Netanjahu ist nicht in der Position, dies zu verweigern, besonders da Barack Obama dasselbe fordern wird. Die Eröffnungszeremonie der Verhandlungen wird ein riesiger Triumpf für Sie sein. Ein aktueller Fortschritt wird weder verlangt noch erwartet.

ALSO, WARUM diesen Posten nicht annehmen?

Weil Sie ein großes Warnlicht sehen.

Die 543,289 Bürger, die für Sie stimmten, stimmten nicht für Sie als Außenminister. Sie stimmten dafür, dass die Orthodoxen in der Armee dienen, dass Wohnungsptrise erschwinglicher werden, dass Lebensmittelpreise runtergehen und für niedrigere Steuern der Mittelklasse. Die ausländischen Beziehungen sind ihnen völlig Wurscht, auch die Besatzung, der Frieden und ähnliche Nebensachen.

Wenn Sie sich dieser innerpolitischen Probleme nicht annehmen und ins Außenministerium gehen, wird es einen großen Aufschrei geben: Verräter! Deserteur! Betrüger!

Die Hälfte Ihrer Anhänger wird Sie sofort verlassen. Für sie wird Ihr Name unten durch sein.

Außerdem, um einer Friedensagenda zu folgen – und wenn es nur formell ist – müssen Sie die Idee verwerfen, Naftali Bennetts ultra-rechte Partei in die Koalition aufzunehmen und stattdessen die orthodoxen Parteien vorziehen. Falls es so ist, wie zwingt man die Orthodoxen, in der Armee Dienst zu tun, das wäre so, als ob man sie dahin bringen würde, Schweinefleisch zu essen?

DIE LOGISCHE Schlussfolgerung: Sie müssen das Finanzministerium wählen.

Gott bewahre!!!

Ich würde nicht dem schlimmsten meiner Feinde dieses Schicksal wünschen – und ich fühle keine Feindschaft gegenüber dem Sohn von Tommy Lapid.

Der nächste Finanzminister wird gezwungen sein, genau das Gegenteil von Lapids Wahlversprechen zu tun.

Seine erste Aufgabe würde sein, den schon längst überfälligen Staatshaushalt für 2013 zu verabschieden. Nach offiziellen Zahlen gibt es ein Minus von 39 Milliarden Shekel, was etwa 8 Milliarden Euro entspricht. Woher sollen die kommen?

Es gibt nur wenige realistische Alternativen, und alle sind schmerzlich. Es muss höhere Steuern geben, besonders für die Mittelklasse und die Armen. Lapid, ein Neoliberaler wie Netanjhu, wird von den Reichen keine Steuern verlangen.

Dann wird es drastische Kürzungen bei den Regierungsdiensten geben, wie bei Bildung, Gesundheit und dem Wohlfahrtsstaat. Im Augenblick arbeiten viele Krankenhäuser mit einer Kapazität von 140% und gefährden das Leben der Patienten. Viele Schulen gehen vor die Hunde. Niedrigere Renten werden den Alten, den Behinderten und Arbeitslosen ein erbärmliches Leben bescheren. Jeder wird den Finanzminister verfluchen. Würden Sie so Ihre politische Karriere beginnen wollen?

Da ist natürlich noch das riesige Militärbudget, aber wagen Sie dies anzugreifen? Wenn die iranische Nuklearbombe (wenigstens in unserer Phantasie) über unsern Köpfen lauert? Wenn Netanjahu nur seinen neeuesten Schreck verkündet – die syrischen Chemiewaffen, die in die Hände der radikalen Islamisten fallen könnten?

Man kann natürlich die Pensionen der Armeeoffiziere kürzen, die im Alter von 45 in Pension gehen – wie es in Israel üblich ist. Wer wagt dies?

Man könnte die immensen Summen, die in die Siedlungen investiert werden, drastisch zusammenstreichen. Wären Sie so ein Held ?

Als ob dies noch nicht genug wäre, so ist der hohe Rang der Wirtschaftsfachleute in Auflösung begriffen. Der hoch geachtete Direktor der Bank Israel, Stanley Fischer, der aus den US importiert wurde, hat gerade mitten im Semester abgedankt. Die höchsten Beamten in der Budget-Abteilung haben sich gerade in der Wolle und klagen einander an.

Sie wären sehr tapfer oder sehr töricht (oder beides), wenn Sie den Posten annehmen würden .

SIE KÖNNTEN natürlich mit etwas weniger Erhabenen zufrieden sein.

Zum Beispiel: Bildung, das Erziehungsministerium wird als eine Ministeriumstelle 2. Klasse angesehen. Aber es hat viele tausend Angestellte und das zweitgrößte Budget, nach dem Verteidigungsministerium. Aber es hat einen großen Nachteil. Jeder Erfolg würde sich erst nach Jahren zeigen.

Der abgehende Minister Gideon Sa’ar, ein Likud-Mitglied (und ein früherer Angestellter von mir) hat ein Talent, die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wenigstens einmal pro Woche hatte er ein neues Projekt, das viel Publicity im Fernsehen anzog. Aber ernste Errungenschaften waren selten.

Aus den Erfahrungen meiner Frau als frühere Lehrerin weiß ich, dass die häufigen vom Ministerium befohlenen „Reformen“ kaum jemals die Klassenräume erreichten. Um etwas Wirkliches zu erreichen, würde man enorme neue Summen Geldes benötigen und woher würden Sie sie bekommen?

Und würde Ihr Ego nach so einem Wahltriumph mit einem zweitklassigen Ministerium zufrieden sein? Sie könnten natürlich das Ministerium vergrößern und verlangen, dass Kultur und Sport zurückkommen, die abgetrennt wurden, um einen Job für einen anderen Minister zu schaffen. Da eines Ihrer grundsätzlichen Wahlversprechen war, die Zahl der Minister von 30 auf 18 zu reduzieren, könnte dies möglich sein.

Aber werden Ihre Wähler zufrieden sein wenn Sie sich auf Bildung konzentrieren, statt für wirtschaftliche Reformen zu arbeiten, wie Sie versprochen haben?

ALL DIESE wenig beneidenswerten Dilemmata laufen auf ein wesentliches hinaus: wen ziehen Sie als Hauptkoalitionspartner vor.

Die erste Wahl ist zwischen Bennetts 12 Sitzen und den 11 von Shas (falls sie sich mit der Torah-Judentum-Fraktion verbinden, würden dies 18 Sitze werden).

Lapid bevorzugt Bennett, sein sehr ,sehr rechtes Spiegelbild, mit dem er hofft, sein „Gleichheits-Programm“ im Militärdienst durchzusetzen – und die Streichung der Befreiung von Tausenden Torah-Studenten vom Militärdienst. Aber Sarah Netanjahu, die das Büro des Ministerpräsidenten beherrscht, hat ein Veto auf Bennett gelegt. Keiner weiß warum, aber sie kann ihn auf den Tod nicht ausstehen.

Mit Bennett als Koalitionsmitglied wird jeder reale Schritt in Richtung Frieden natürlich undenkbar.

Mit den Religiösen andrerseits würde eine Bewegung in Richtung Frieden möglich sein, aber kein wirklicher Fortschritt dahin, dass die Orthodoxen in der Armee dienen. Die Rabbiner fürchten, falls sie mit gewöhnlichen Israelis zusammenkommen, besonders mit Soldatinnen, dann würden ihre Seelen auf immer verloren sein.

(Was mich betrifft, so wäre ich bereit, mich einer Bewegung gegen Gleichheit beim Militärdienst anzuschließen. Es wär das letzte, was wir brauchen: eine Kippa-tragende Armee. Wir haben dort schon genug Kippas .)

DIES SIND einige der Fragen, denen sich der arme Lapid auf Grund seines Wahlerfolges gegenüber sieht. Seine Wähler erwarten das Unmögliche.

Er muss seine Entscheidungen sofort treffen, und seine ganze Zukunft hängt davon ab, ob er die richtigen trifft – falls es eine richtige gibt.

George Bernard Shaw drückte es so aus: „Es gibt zwei Tragödien im Leben. Die eine ist, seine Herzenswünsche nicht erfüllt zu bekommen – die andere, sie erfüllt zu bekommen.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Ein Schritt zur Mitte hin

Erstellt von Gast-Autor am 3. März 2013

Ein Schritt zur Mitte hin

Autor Uri Avnery

ES WAR die Nacht für die Optimisten.

Dienstag um 22 Uhr eins, eine Minute nachdem die Wahllokale geschlossen wurden, verkündeten die drei  Fernsehprogramme das Ergebnis ihrer  Hochrechnungen, die unmittelbar nach dem Verlassen der Wahllokale durchgeführt  wurden.

Die verheerenden Voraussagen der Pessimisten wurden total widerlegt.

Israel ist nicht verrückt geworden.

Es hat sich nicht nach rechts  bewegt. Die Faschisten  haben die Knesset nicht übernommen. Benjamin Netanjahu ist nicht gestärkt worden, im Gegenteil..

Israel hat sich zur Mitte hin bewegt.

Es war kein historischer  Wendepunkt, wie1977 die Übernahme von Menachem Begin nach Generationen der Laborpartei-Regierung. Aber es war ein bedeutender Wandel.

All dies nach einer Wahlkampagne ohne Inhalt, ohne Aufregung, ohne irgendwelche wahrnehmbare Emotionen.

Am Wahltag, der ein offizieller Feiertag ist, schaute ich wiederholt aus meinem Fenster in einer von Tel Avivs Hauptstraßen. Es gab nicht das leiseste Anzeichen dafür, dass  irgendetwas Besonderes  war. Bei den letzten Wahlen waren die Straßen voll mit Taxis und Privatwagen, die mit Parteiposter  bedeckt waren und die Wähler zu den Wahllokalen brachten. Dieses Mal sah ich  keinen einzigen.

Im Wahllokal war ich allein. Aber der Strand war überfüllt. Die Leute hatten ihre Hunde und Kinder mitgenommen, damit sie unter der strahlenden Wintersonne im Sand spielen könnten, Segelboote schwammen im blauen Meer. Hundert Tausende fuhren nach Galiläa oder in den Negev. Viele hatten ein „Zimmer“  gemietet (seltsamerweise benützen wir dies deutsche Wort, was so viel bedeutet, wie „ein Bett mit Frühstück“)

Aber am Ende des Tages hatten 66,6 % der Israelis gewählt – mehr als beim letzten Mal. Sogar die arabischen Bürger, von denen die meisten nicht während des Tages wählten, wachten plötzlich auf und drängten während der letzten zwei Stunden scharenweise zu den Wahllokalen – nachdem die arabischen Parteien in einer massiven Aktion zusammen arbeiteten, um die Wähler noch auf die Beine zu bringen.

ALS DIE Hochrechnungen, die unmittelbar nach den Verlassen der Wahllokale ausgeführt, veröffentlicht wurden, eilten die Führer von einem halben Dutzend Parteien, einschließlich Netanjahu, um Siegesreden zu halten. Ein paar Stunden später sahen die meisten von ihnen, einschließlich Netanjahu, dämlich  drein.
Die wirklichen Ergebnisse veränderten das Bild nur ein wenig, aber für einige genug, um einen sicheren Sieg in eine Niederlage zu verwandeln.

Der große Verlierer der Wahl ist Benjamin Netanjahu. Im letzten Augenblick vor Beginn der Wahlkampagne vereinigte er seine Wahlliste mit der von Avigdor Lieberman. Das machte ihn  scheinbar unbesiegbar. Keiner zweifelte daran, dass er gewinnen würde, und zwar  haushoch. Experten gaben ihm 45 Sitze, von 42 der beiden Listen aufwärts, die sie in der  zu Ende gehenden Knesset hatten.

Das würde ihn in eine Position gebracht haben, in der er die Koalitionspartner  (oder besser  die Koalitionsdiener ) nach Wunsch hätte auswählen können.

Er endete mit nur 31 Sitzen – verlor ein   Viertel seiner Stärke. Es war ein Schlag ins Gesicht. Sein Hauptwahlslogan war „Ein starker Führer, ein starkes Israel“. Nun nicht mehr stark. Er wird zwar noch mal Ministerpräsident werden, doch als ein Schatten  seiner selbst. Politisch ist er fast am  Ende.

Was  von seiner Fraktion bleibt, ist ein Viertel der nächsten Knesset. Das bedeutet, dass er in jeder Koalition, (die mindestens 61 Mitglieder benötigt), die er zusammenbringen kann, eine Minderheit sein wird.  Wenn Liebermanns Leute von dieser Zahl noch abgezogen werden, hat der eigentliche Likud nur noch 20 Sitze – nur eine mehr als der wirkliche Sieger dieser Wahlen.

DER WIRKLICHE Sieger ist Yair Lapid, was jeden – besonders ihn selbst  -außerordentlich verwunderte, mit erstaunlichen 19 Sitzen. Das macht  seine Partei zur zweitgrößten Fraktion in der Knesset – nach Likud-Beitenu.

Wie hat er dies gemacht? Nun, er hat das gute, jugendliche Aussehen und die Körpersprache eines TV-Moderators, der er  tatsächlich jahrelang war. Jeder kennt sein Gesicht. Seine Botschaft bestand aus Platituden, die niemanden aufregten. Obwohl  jetzt fast  50 Jahre alt, war er der Kandidat der jungen Leute.

Sein Sieg ist  Teil eines Generationswechsels. Wie Naftali Bennet auf der Rechten zog er die jungen Leute an, die die Nase voll hatten vom  alten System,  von den alten Parteien, den alten abgedroschenen Slogans. Sie schauten nicht nach einer neuen Ideologie, sondern nach einem neuen Gesicht. Lapids Gesicht war das am besten aussehende in dieser Runde.

Aber es kann nicht übersehen werden, dass Lapid im Zentrum  seinen nächsten Konkurrenten um  junge Stimmen schlug – nämlich  Bennet auf der Rechten. Während Lapid   keinerlei  Ideologie propagierte, tat Bennett alles nur Mögliche, um  seine zu vertuschen. Er ging in die Lokale Tel Avivs, stellte sich dort selbst als jedermanns als  guten Kerl dar und  versuchte die säkularen, liberalen jungen Leute zu gewinnen.

Während der Wahlkampagne schien Bennett der  aufgehende Stern am politischen Firmament zu sein, die große Überraschung dieser Wahl, das Symbol von Israels fataler Bewegung zur Rechten hin.

Es gibt noch eine andere Ähnlichkeit zwischen den beiden: beide arbeiteten hart. Während die anderen Parteien  sich  meistens auf das Fernsehen verließen, das ihre Botschaft hinaustrug, „bearbeitete“ Lapid das ganze Jahr über das Land, baute eine Organisation auf, redete mit den Leuten und zog Gruppen von treuen Nachfolgern an. Dasselbe machte Bennett.

Aber am Ende wenn   junge Leute zwischen den beiden wählen mussten, konnte er oder sie nicht die Tatsache übersehen, dass Lapid zu einem demokratischen, liberalen Israel gehört und für eine Zwei-Staaten-Friedenslösung eintritt, während Bennett ein extremer Anwalt für die Siedler und für Großisrael war, ein Feind der Araber und des Obersten Gerichts.

Das Urteil der jungen Leute war  eindeutig: 19 für Lapid – nur 11 für Bennett.

DIE GRÖSSTE Enttäuschung wartete auf Shelly Yachimovich. Sie war absolut sicher, dass ihre  verjüngte Arbeitspartei die zweigrößte Fraktion in der Knesset werden würde. Sie stellte sich sogar selbst als möglichen Ersatz für   Netanjahus  dar.

Sie und Lapid profitierten beide von dem riesigen sozialen Protest vom Sommer 2011, der  Krieg und Besatzung von der Agenda löschte. Sogar Netanjahu wagte nicht, den Angriff auf den Iran   und die Erweiterung  der Siedlungen auszusprechen. Aber am Ende profitierte Lapid mehr als Shelly.

Es scheint,  dass Shellys Programm, das sich zielstrebig  auf soziale Gerechtigkeit  konzentrierte, ein Fehler war. Wenn sie sich mit ihrer sozialen Plattform mit  Zipi Livni’s Partei verbunden  und deren  Agenda  für Friedensverhandlung der ihren hinzugefügt hätte, hätte sich ein  ehrgeiziger  Plan erfüllt  und  sie wäre die  Führerin der zweitgrößten Fraktion geworden.

ZIpis Niederlage – nur 6 Sitze – war bedauernswert. Sie hat sich erst vor zwei Monaten dem Wahlkampf angeschlossen, nach  langem Zögern, das  anscheinend ihr  Markenzeichen ist. Ihre  ehrgeizigen Pläne  für  die „politische  Vereinbarung“ mit den Palästinensern – nicht „Frieden“,  Gott bewahre – liefen gegen den Trend.

Diejenigen, die wirklich Frieden wünschen, wählten  (wie ich)  Meretz, die sich  einer  überwältigenden Errungenschaft rühmen konnte; sie verdoppelte ihre Stärke von 3 auf 6. Das ist auch ein großes Merkmal  dieser Wahlen.

Es scheint auch so, als hätte eine Anzahl von Juden ihre Stimme  der hauptsächlich arabisch-kommunistischen Hadash-Partei gegeben, die so auch gestärkt wurde.

DIE GANZE Sache  läuft auf zwei Zahlen hinaus: 60 für den rechten-religiösen Block,  59 für den Mitte-Links-arabischen Block. Ein einziges Mitglied hätte einen großen Unterschied gemacht.  Die arabischen Bürger hätten  leicht dieses Mitglied  liefern können.

Ich merkte, dass alle drei Fernsehstationen ihre Teams in die Hauptquartiere jeder einzelnen jüdischen Partei geschickt hatten, einschließlich jener, die es nicht einmal auf 2% gebracht hatten  (wie –Gott sei Dank – die religiöse-faschistische Kahane-Liste), aber zu keiner der drei arabischen Parteien.

Durch schweigendes Übereinkommen wurden die Araber so behandelt, als gehörten sie nicht dazu. DieLinke (oder Mitte-Links  wie sie lieber genannt werden will)  degradierten sie zur Mitgliedschaft im  „Blocking Block“, zu jenen,, die Netanjahus Fähigkeit,  eine Koalition zu bilden, blockieren könnten. Die Araber selbst wurden nicht gefragt.

Lapid, der schnell  den “blocking Bloc“  los werden wollte,  fertigte den Gedanken  kurz ab, dass er mit Hanin Zoabi  (oder überhaupt mit einer arabischen Partei) im selben Block  sein könnte. Er  verscheuchte auch den Gedanken, dass er dafür kämpft, Ministerpräsident zu werden.  Er war nicht auf solch einen Schritt  vorbereitet, da er überhaupt keine politischen Erfahrungen hatte.

SELBST OHNE den „blockierendem  Bloc“ , wird es für Netanjahu sehr schwierig, eine Koalition zu bilden.

Die Aussicht auf eine reine rechte Koalition ist verschwunden. Es ist unmöglich, mit einer Mehrheit von 61 Sitzen zu regieren. (Auch wenn Netanjahu anfangs solch eine kleine Koalition  zu bilden versuchen wird und darauf hofft, dass sich ihm später noch andere Fraktionen anschließen. Er braucht Lapid, der eine zentrale Figur in der Regierung werden würde. Tatsächlich rief ihn Netanjahu eine Stunde, nachdem die Wahllokale schlossen, an.

Auf jeden Fall wird  Netanjahu eine oder mehrere Zentrumsparteien nötig haben, und das wird die nächste Regierung weniger gefährlich  machen.

WELCHE  LEKTION lernt man aus dieser Wahl?

Der rechts-religiöse Block hat diese Wahlen verloren, aber die „Mitte-Links“ hat  nicht gewonnen, weil sie keinen glaubwürdigen Kandidaten  für das Amt des Ministerpräsidenten  aufweisen konnte, noch eine glaubwürdige alternative Regierungspartei mit einem soliden, umfassenden Entwurf für die Lösung von Israels grundlegenden Problemen.

Um solch eine neue Kraft zu schaffen, ist es absolut unerlässlich, die arabischen Bürger in den politischen Prozess als gleichwertige Partner zu integrieren. Solange man die Araber draußen hält, kastriert sich die Linke selbst. Eine neue jüdisch-arabische Linke, eine Gemeinschaft  mit einer neuen Einstellung, politischen Sprache und Interessen muss geschaffen werden – und diese Neuschaffung muss jetzt gleich beginnen.

Die Schlacht für Israel ist noch nicht verloren. Israels „Bewegung nach rechts“ ist  blockiert und nicht unvermeidbar. Wir Israelis sind viel weniger  verrückt, als wir aussehen.

Diese Schlacht hat mit einem Unentschieden geendet. Die nächste Runde muss gewonnen werden. Es hängt von uns ab.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Willkommen, Chuck!

Erstellt von Gast-Autor am 17. Februar 2013

Willkommen, Chuck!

Autor Uri Avnery

CHUCK HAGEL gefällt mir sehr. Ich bin nicht ganz sicher, warum.

Vielleicht ist es sein Kriegserlebnis. Er wurde für seine Tapferkeit im Vietnam-Krieg (den ich verabscheute) ausgezeichnet. Er war nur ein Sergeant. Da ich nur ein Korporal in unserm Krieg von 1948 war, sehe ich mit Begeisterung, dass ein Unteroffizier Verteidigungsminister werden soll.

Wie so viele Veteranen, die den Krieg aus nächster Nähe erlebt haben (wie ich auch), ist er ein Kriegsfeind geworden. Großartig!

JETZT WIRD Hagel von allen Neo-Con-Kriegstreibern wild angegriffen – fast keiner von ihnen hat jemals in Kriegen, in die sie andere schickten, eine Kugel an sich vorbei pfeifen gehört. Auch die vereinigten politischen Regimenter des amerikanisch jüdischen Establishments greifen ihn an.

Seine größte Sünde scheint die zu sein, dass er sich dem Krieg gegen den Iran widersetzt. Gegen einen Angriff auf den Iran zu sein, bedeutet antiisraelisch, antisemitisch zu sein und tatsächlich die Zerstörung Israels, wenn nicht gar aller Juden zu wollen. Es ist egal, dass fast alle gegenwärtigen und früheren israelischen Militär- und Nachrichtendienstchefs auch gegen einen Angriff auf den Iran sind.

Aber Benjamin Netanjahu weiß es besser.

In der letzten Woche malte der frühere hoch gelobte Chef des Shin Bet ein erschreckendes Bild von Benjamin Netanjahu und Ehud Barak bei einem Sicherheitstreffen, bei dem vor einiger Zeit über die Bombardierung des Iran diskutiert wurde. Die beiden waren in Hochstimmung, rauchten Zigarren und tranken Whisky – sehr zum Missfallen der versammelten Sicherheitschefs. In Israel werden Zigarren als protziger Luxus angesehen, und während der Arbeit Alkohol zu trinken, ist ein Tabu.

Tatsächlich, denke ich, ist die Ernennung von Hagel für Netanjahu eine Erleichterung. Nach all den Jahren, als die die iranischen Atombombe als das Ende der Welt, oder wenigstens Israels dargestellt wurde, ist die Bombe auf geheimnisvolle Weise aus Netanjahus Wahlkampagne verschwunden. Hagels Ernennung kann Netanjahu erlauben, von diesem Baum ganz und gar herunter zu klettern.

Aber der Katalog von Hagels Verbrechen ist viel umfangreicher.

Vor vielen Jahren nannte er die pro-Israel-Lobby in Washington die „Jüdische Lobby. (Unerhört!) Bis dahin glaubte man wohl, die AIPAC -Mitglieder ——- Buddhisten seien, die hauptsächlich von arabischen Milliardären finanziert würden, wie Abu Sheldon und Abel al-Adelson.

DOCH HAGELS abscheulichste Sünde wird nicht oft erwähnt. Während er als republikanischer Senator von Nebraska wirkte, äußerte er einmal die unaussprechlichen Worte: „Ich bin ein amerikanischer Senator und kein israelischer Senator!“

Hier liegt der Hase im Pfeffer.

US-Senatoren sind fast alle israelische Senatoren, und dasselbe gilt auch für die US-Kongressmänner. Kaum ein einziger von ihnen würde es wagen, die israelische Regierung bei irgendeinem Problem zu kritisieren, auch wenn es noch so klein wäre. Israel zu kritisieren, ist politischer Selbstmord. Die jüdische Lobby verwendet ihre riesigen Ressourcen nicht nur dafür, dass loyale pro-Israel-Leute gewählt und wiedergewählt werden, sondern nützt diese Ressourcen offen dafür, dass die paar Gewählten, die es wagen, Israel zu kritisieren, abgewählt werden. Sie haben fast immer Erfolg.

In seiner gegenwärtigen Wahlkampagne zeigt der Likud immer, immer wieder die Szene, als Netanjahu vor dem US-Kongress eine Rede hielt. Man sieht wie die die Senatoren und Kongressleute nach jedem einzelnen Satz applaudieren, auf und abspringen wie Kinder im Turnunterricht. Der Text des Ausschnitts besagt: „ Wenn Netanjahu spricht, hört die Welt zu!“

(Etwas Komisches: direkt nach dieser schimpflichen Szene zeigt der TV- Ausschnitt, wie sich Netanjahu an die UN-Vollversammlung wendet. Da der Applaus dort gering war – kaum einer außer Avigdor Lieberman und die andern Mitglieder der israelischen Delegation applaudierten in der halb leeren Halle – verwendeten die Editoren des Ausschnitts einen kleinen Trick: sie nahmen den Applaus aus dem US-Kongress und verlegten ihn in die UN-Versammlungshalle.)

Irgendjemand sandte mir eine Satire: wenn Hagels Ernennung vom US-Senat nicht abgewiesen werden sollte, wird Israel sein Veto-Recht anwenden müssen, um dies zu blockieren. In solch einem Fall würde der Senat eine 90%ige Mehrheit aufbringen müssen, um das Veto zu überwinden. Falls dies fehlschlagen sollte, müsste Präsident Obama einen anderen Verteidigungsminister aus der Liste von drei durch Netanjahu zusammenstellte drei Namen wählen.

Spaß beiseite, das israelische Verteidigungsestablishment macht sich über die Ernennung Hagels keine Sorgen. Es scheint ihn als jemanden zu kennen, der israelischen Forderungen gerne nachgibt. Mehrere israelische Generäle haben ihn schon verteidigt.

DIESE GANZE Episode könnte als Belanglosigkeit angesehen werden oder sogar als Spaß, wäre da nicht die Frage: warum ernannte Präsident Obama diese kontroverse Person an erster Stelle?

Eine eindeutige Antwort ist: es ist ein Racheakt. Obama hat seine Emotionen unter Kontrolle. Während all der Monate, in denen Netanjahu Mitt Romney unterstützte, reagierte Obama nicht. Aber seine Wut muss sich in ihm aufgestaut haben.

Nun ist die Zeit gekommen. Hagel zu ernennen und die pro-Israel-Lobby zu demütigen, kam auf eines heraus. In Zukunft kann noch mehr dergleichen erwartet werden. Jeder kleine Stoß aus Amerika wird in Israel als schwerer Schlag empfunden.

Übrigens könnte dieser Schlag von den oppositionellen Parteien hier benützt werden, um Netanjahu ausgesprochene Inkompetenz vorzuwerfen. Romney zu unterstützen, war einfach dumm. Um so mehr als Netanjahu, der in den USA aufgewachsen ist, sich selbst als Experte von US-Angelegenheiten sieht. Aber keine Partei wagt es, dieses Thema in unserer Wahlkampagne anzusprechen, aus Furcht nicht als Super-Patriot angesehen zu werden.

Ich erwarte nicht, dass Präsident Obama in nächster Zeit seine Haltung gegenüber Israel verändert, außer einigen kleinen Strafen wie diese hier. Aber wenn wir unsere Augen zum Horizont erheben, sähe das Bild anders aus.

Es gibt schon einen merklichen Unterschied zwischen Obama I und Obama II. Als er zum ersten Mal gewählt wurde, wählte er Chas Freemann, einen hoch geachteten Diplomaten, zum Chef des Nationalen Sicherheitsrates. Die pro-Israel-Lobby wandte sich stürmisch dagegen, und die Ernennung wurde zurückgenommen. Obama zog damals eine öffentliche Demütigung einer Konfrontation mit der Lobby vor. Wie anders ist es diesmal!

Dieser Wandel dürfte in Obamas zweiter Amtszeit sehr viel markanter ausfallen. Der Griff der Lobby auf Washington DC lockert sich ein leicht, langsam, aber deutlich.

WARUM?

Ich glaube, dass einer der Gründe der ist, dass die Wahrnehmung der amerikanisch jüdischen Öffentlichkeit sich verändert. Amerikanische Politiker beginnen zu realisieren, dass die jüdischen Wähler weit davon entfernt sind, einmütig hinter der Lobby zu stehen. Die amerikanisch jüdischen „Führer“, fast alle selbst ernannt und niemand vertretend, aber eine kleine Clique von professionellen Vertretern, wie auch die israelische Botschaft und einigen rechten Milliardären beherrschen die jüdischen Wähler nicht.

Dies wurde klar, als Netanjahu Romney unterstützte. Die Mehrheit der jüdischen Wähler unterstützte weiter Obama und die demokratische Partei.

Das ist keine plötzliche Entwicklung. Seit Jahren haben sich amerikamische Juden, besonders die jungen Juden, vom jüdischen Establishment distanziert. Sie wurden von der offiziellen israelischen Politik immer mehr desillusioniert: von der Besatzung befremdet, angewidert von den Bildern israelischer Soldaten, die hilflose Palästinenser zusammenschlagen; sie haben sich leise davon gemacht. Leise, weil sie eine antisemitische Reaktion befürchten. Juden werden von früher Kindheit an indoktriniert, dass „wir Juden zusammenhalten müssen“ angesichts der Antisemiten.

Nur ein paar tapfere amerikanische Juden sind bereit, offen – wenn auch zaghaft – Israel zu kritisieren. Aber die US-Politiker sind langsam dabei, sich der Tatsache zu stellen, dass ein großer Teil der Lobbystärke auf Bluff beruht und dass die meisten amerikanischen Juden ihr Wahlverhalten nicht von Israel bestimmen lassen.

DIE AMERIKANER müssen fast wie Engel sein – wie sollte man sonst ihre unglaubliche Geduld erklären, mit der sie die Tatsache hinnehmen, dass auf einem lebenswichtigen Sektor der US-Interessen die amerikanische Politik von einem fremden Land diktiert wird?

Mindesten seit fünf Jahrzehnten ist die Nahostpolitik der USA in Jerusalem entschieden worden. Fast alle amerikanischen Offiziellen, die sich mit diesem Gebiet befassen sind jüdisch. Der hebräisch sprechende amerikanische Botschafter in Tel Aviv konnte leicht durch den Botschafter in Washington ausgetauscht werden. Manchmal frage ich mich, ob sie bei Treffen amerikanischer und israelischer Diplomaten nicht manchmal ins Jiddische geraten.

Ich habe viele Male davor gewarnt, dass dies nicht auf immer so gehen kann. Früher oder später werden echte Antisemiten – eine widerliche Brut – diese Situation ausnützen, um Legitimität zu erlangen. Die Hybris von AIPAC könnte giftige Früchte tragen.

Seit Israel auf jedem Gebiet von US-Unterstützung abhängig ist – vom UN-Sicherheitsrat bis zu den Schachtfeldern zukünftiger Kriege – ist dies eine reale existentielle Gefahr.

Vielleicht ist die Lobby von dieser Gefahr alarmiert worden. In der augenblicklichen Affäre ist ihre Stimme bemerkenswert gedämpft. Sie wollen nicht auffallen.

DER TRAURIGSTE Teil der Geschichte ist, dass alle diese falschen „Freunde Israels“ im US-Kongress und in den amerikanischen Medien „Israel“ nicht wirklich umarmen. Sie umarmen Israels rechten Flügel, einschließlich des extremen und sogar des faschistischen rechten Flügels. Dadurch helfen sie dem rechten Flügel, ihre Macht über unser Land zu verstärken.

Die amerikanische Politik spielt eine große Rolle in der Agonie des israelischen Friedenslagers, die in der gegenwärtigen Wahlkampagne so offenkundig wird. Nur ein Beispiel: die riesigen Siedlungsbemühungen, die jetzt im Gange sind und die die Zwei-Staaten-Lösung mit Frieden immer schwieriger machen, werden von amerikanischen Juden bezahlt, die ihre Spenden über steuerfreie Organisationen schleusen. Auf diese Weise finanziert praktisch die US-Regierung die Siedlungen, die sie offiziell als illegal verurteilt.

Seit dem 19. Jahrhundert haben Zeitungen sich daran gewöhnt, ihre Berichte mit der Redensart „Frankreich protestiert“ und „Deutschland erklärt“ abzukürzen, wenn sie „die französische Regierung protestiert“ und „die deutsche Regierung erklärt“ meinen. So schreiben die Medien heute, dass „Israel“ die Siedlungen fördert, wenn es tatsächlich die israelische Regierung ist, die das tut. Mehrere geachtete Meinungsumfragen der letzten Zeit beweisen, dass die meisten Israelis Frieden auf der Basis einer Zwei-Staaten-Lösung wünschen, die aber von unserer Regierung täglich unterlaufen wird.

ZURÜCK ZU Senator Hagel: die israelische Regierung und die „Freunde Israels“ werden alles tun, um seine Ernennung zu unterminieren.

Was mich selbst betrifft, so hoffe ich, dass diese Ernennung eine neue amerikanische Politik ankündigt – eine Politik der Unterstützung für ein vernünftiges, rationales, liberales, säkulares, demokratisches Israel, das sich um Frieden mit den Palästinensern bemüht.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Eine Person, die man Niemand nennt

Erstellt von Gast-Autor am 3. Februar 2013

Eine Person, die man Niemand nennt

Autor Uri Avnery

PLÖTZLICH wird mir bewusst, dass ein neuer Stern am politischen Firmament Israels erschienen ist. Bis gestern wusste ich nicht einmal etwas von seiner Existenz.

Eine geachtete öffentliche Meinungsumfrage stellte eine nixoneske ??? Frage: Von welchem Politiker würden Sie einen Gebrauchtwagen kaufen? Die Antwort war überwältigend. Kein einziger Politiker erreichte 10%. Außer einem, dem beachtliche 34% der möglichen Stimmberechtigten vertrauen würden: ein gewisser „Niemand“.

Dies war nicht die einzige Frage, dem die Wähler eine merkliche Vorliebe zeigten: einem mysteriösen Kandidaten. Als sie gefragt wurden, mit welchem Kandidaten sie gerne einen Abend verbringen würden, waren es nur 5%, die Shelly Yachmovitch bevorzugten, und sogar den glatten//sanften Benjamin Netanjahu zogen nur 20 % an, während „Niemand“ die Liste leicht mit 27% anführte.

Wem vertrauen Sie am meisten? Wieder gewann „Niemand“ mit 22%, ihm folgte Netanjahu mit 18%. Wer sorgt sich am meisten für Sie und Ihre Probleme? 33% stimmten für Niemand, weit danach folgte Shelly mit 17% und Netanjahu mit nur 9%.

Ich bin diesem Niemand nie begegnet. Ich weiß nicht einmal, ob er männlich oder weiblich ist, jung oder alt. Warum hatte er/sie nicht eine neue Partei gegründet, damit man sieht, dass dies ein todsicherer Tipp ist?

Da es zu spät ist, sich in den Kampf einzulassen, ist es absolut sicher, dass Netanjahu der große Sieger sein wird. Er wird der nächste Ministerpräsident. Er hat einfach keinen Konkurrenten.

IN VIELEN Sprachen, einschließlich Hebräisch, spricht man von einem „politischen Spiel“.

Doch so viel ich weiß, hat sich keiner bis jetzt ein richtiges Spiel ausgedacht, nicht einmal für Kinder.

Ich habe mir die Mühe gemacht, dies zu tun. Ich hoffe, dass es einigen meiner Leser helfen wird, sich an einem langweiligen Abend, wenn im Fernsehen keine „Realität“ gezeigt wird, die Zeit zu vertreiben.

Das Spiel geht nach Art von Lego. Jeder Block vertritt eine der Parteien. Das Ziel ist eine Regierungskoalition aufzustellen.

Da die Knesset 120 Mitglieder hat, benötigt man 61, um eine Regierung zu bilden. Man fühlt sich natürlich mit 65 sicherer, da eine große Anzahl von Mitgliedern immer in der Welt herumreist und für entscheidende Abstimmungen verzweifelt nach Hause gerufen werden muss. Israelis reisen gerne durch die Welt, besonders dann, wenn jemand anders (z.B. die Knesset) die Reisekosten übernimmt.

Um eine Koalition zusammen zu stellen, sollte man die folgenden Prinzipien befolgen:

Als erstes muss die eigene Partei stark genug sein, um jede mögliche Opposition innerhalb der Regierung selbst zu überwinden.

Die Koalition muss ausgeglichen sein, so dass man immer in der Mitte eines Problems ist.

Sie muss genug Mitglieder einschließen, so dass keine einzelne Partei groß genug ist, um die eigene durch Drohung zu erpressen, sie würde die Regierung am Vorabend einer entscheidenden Abstimmung verlassen.

Einige unglückliche Kandidaten für das Ministerpräsidentenamt haben diesen Job in der Vergangenheit so hart gefunden, dass sie den Staatspräsidenten um eine Verlängerung der Zeit ersuchen mussten, die ihnen gesetzlich zustand.

Tatsächlich ist dies die wichtigste aller Entscheidungen, die man bis zu den nächsten Wahlen machen muss, einschließlich der Entscheidung über Kriege und Ähnliches. Wenn man hier etwas verkehrt macht, wird die Regierung irgendwann in einer Katastrophe enden.

DIE MEINUNGSUMFRAGEN zeigen, dass man dieses Mal einen verhältnismäßig leichten Job haben wird. Es wird von eurer/der Fähigkeit abhängen, wie erfolgreich das Ergebnis sein wird.

Zunächst das Aufbauen der Blöcke, die man auswählen muss.

Von der eigenen Liste, von Likud Beitenu, die man mit Avigdor Liebermans zusammen gelegt hat, wird erwartet, dass sie zwischen 35 und 40 Sitzen gewinnt. Alle andern Parteien werden bedeutend kleiner sein. Es gibt keine Partei, die zwischen 20 und 35 Sitzen rangiert.

Shellys Labor-Partei liegt zwischen 15 und 20 Sitzen und steht in Konkurrenz mit vier Parteien zwischen 9 und 15. Diese sind Zipi Livnis „Bewegungs-Partei ( die wirklich so heißt); Yair Lapids „Es gibt eine Zukunft“ (im Gegensatz zu jenen, die glaubten am 21.Dezember geht die Welt unter); die orientalisch-orthodoxe Chas-Partei und Naftali Bennetts „ Jüdisches-Heim“-Partei.

Naftali Bennett– Wer ist das? Er ist die große Überraschung dieser Wahlen. Er erschien von nirgend woher, ein erfolgreicher Hightech-Unternehmer mit einer winzigen Kippa, dem eine feindselige Übernahme der zum Scheitern verurteilten religiös-nationalen Partei gelungen ist. Es ist ihm gelungen, all ihre ehrwürdigen Führer hinauszuwerfen und der einzige Führer zu werden. Innerhalb weniger Wochen hat er bei der Umfrage die Anzahl der Parteiensitze verdoppelt, indem er Netanjahu von der rechten Flanke her angegriffen und Meinungen geäußert hat, die einige für ausgesprochen faschistisch halten.

Woher hat Bennett seine Sitze bekommen? Vom Likud natürlich. Bennett war einmal der Stabschef im Büro von Netanjahu; er machte aber einen fatalen Fehler, indem er mit Sarah’le, der Frau des Bosses in Konflikt geriet (manche sagen: mit dem wirklichen Boss). Nun wütet eine wilde Schlacht. Bennett klagt Netanjahu an , er würde die Zwei-Staaten-Lösung unterstützen, (an die keiner in Israel und in der Welt glaubt) und Netanjahu greift Bennett an , er habe als Soldat – Major der Reserve – einem Befehl nicht gehorcht, nachdem er „ einen Juden nicht aus seinem Haus entfernt hätte. Das in Frage kommende Haus ist natürlich in einer Siedlung auf palästinensischem Land.

Seit der Likud seit den letzten Vorwahlen selbst extremer und durch die Zusammenlegung mit Liebermans Kohorten sogar noch extremer wurde, wird die drohende Konfrontation mit Bennett ein spannender Kampf zwischen der Extremen Rechten und der noch Extremeren Rechten sein. Es gibt auch noch die Extremste Rechte: Die Anhänger des verstorbenen, unbeweinten Rabbi Meir Kahane, die wahrscheinlich doch nicht die zwei Prozenthürde nehmen.

Zurück zur Parteienliste: abgesehen von der Likud und den fünf „mittelgroßen“ Parteien gibt es sechs kleine Parteien. Der bei weitem bedeutendste von ihnen ist der Ashkenasi-Orthodoxe Block, „Tora Judentum“; dann ist da noch die Meretz, die einzig jüdische Partei, die zugibt, dass sie zum linken Flügel gehört. Gleichgroß sind die drei arabischen Parteien (einschließlich der Kommunisten, die hauptsächlich arabisch sind, aber auch einen jüdischen Kandidaten hat).

Und dann gibt es noch die arme Kadima, die größte Partei in der auslaufenden Knesset, die nun darum kämpft, die 2% Hürde zu nehmen. Sic transit gloria mundi (So vergeht der Ruhm der Welt).

SO NUN kann man sich an die Arbeit machen. Man denke daran: das Ziel sind mindestens 61 Mitglieder.

Die natürlichste Koalition würde eine Allianz auf der Rechten sein. Likud-Beitenu, das Jüdische Heim, Shas und die Orthodoxen werden wahrscheinlich zusammen rund 67 Sitze haben. Sie könnten die Politik der schnellen Erweiterung (der Siedlungen) erfüllen und die Errichtung eines palästinensischen Staates verhindern, die Besatzung auf ewig halten und sich um die Meinung der Welt den Teufel scheren.

Der Nachteil: diese Zusammensetzung würde jeden Vorwand am Festhalten einer Zweistaatenlösung und einem Wunsch nach Frieden ein Ende setzen. Man würde nackt und bloß vor der Welt stehen. Israels internationaler Status würde stark angeschlagen sein – mit möglichen verheerenden Konsequenzen.

Man wäre auch ständiger Erpressung von Seiten des zusammengelegten Shas-Orthodoxen Blockes ausgesetzt, der riesige Summen für die Ghettos verlangen würde, wie zum Beispiel höhere Zuschüsse für ihre Kinder (8-10Kinder), Befreiung von der Arbeit und dem Militärdienst und vieles andere mehr. Auch würde man nicht in der Mitte unserer Regierung sein, sondern links.

Zwei Dinge verhindern dies: man könnte sich wünschen , dass etwas Zentrum-Gewürz in das Gebräu hinzugefügt würde. Wenigstens drei Parteien sollten sich vor eurer Tür am Tag nach der Wahl anstellen: Sheli, Zipi und Yair.

Das nächste Regierungsprogramm aufzustellen, sollte kein Problem sein. Keiner der drei hat etwas gesagt, was einen stören sollte. Tatsächlich haben sie nicht viel gesagt. Also suche man etwas aus.

WARUM NICHT alle nehmen? Es würde eine Nationale Union – immer volkstümlich sein, wobei nur „die Araber“ und Meretz außen vor blieben. Eine Koalition von 100 Mitgliedern.

Aber da liegt der Hase im Pfeffer, tatsächlich sind es sogar zwei Hasen.

Zunächst wirst man in solch einer Koalition in der Minderheit sein. Man könnte nicht in der Lage sein, alle seine Marotten ins Gesetz zu bringen und den Zig-zag-weg glücklich entlanggehen.

Zweitens, wie würde man die Ministerien verteilen? Schließlich wird das die Hauptforderung – wenn nicht gar die einzige – Forderung all dieser Führer sein und auch die der eigenen Parteifunktionäre?

Da sind zum mindesten drei Kandidaten für die Verteidigung, vier für die Finanzen, zwei für das Außenministerium (wenn die Gerichte Lieberman nicht ins Gefängnis stecken.)

Hier beginnt das reale Spiel. Welche Partei soll man einschließen, welche ausschließen? Nimmt man Shelly und lässt Bennett außerhalb? Oder vielleicht Yair einschließen und Shas ausschließen (Erteile ihnen eine Lektion!) Oder nimm Zipi hinein, als Alibi für jene lästigen Amerikaner und Europäer und verhindere die „Delegitimation“ Israels und vergiss Shelly, die sagt, sie liebe die Siedler?

Wie man sieht, sind die Möglichkeiten fast unendlich. Man hat noch 25 Tage Zeit.

Nun habt Spaß am Spiel! – und viel Glück!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Das Meer und der Fluss

Erstellt von Gast-Autor am 27. Januar 2013

Das Meer und der Fluss

Autor Uri Avnery

„PALÄSTINA VOM Jordan bis zum Meer gehört uns!“ erklärte Hamasführer Khaled Meshal letzte Woche bei der großen Siegesrallye in Gaza.

„Eretz Israel vom Meer bis zum Jordan gehört uns!“ erklären israelische Politiker bei jeder Gelegenheit.

Die beiden Statements scheinen dieselben zu sein, nur dass der Name des Landes sich verändert.

Aber wenn man sie sehr aufmerksam liest, gibt es einen geringfügigen Unterschied. Die Richtung.

VOM MEER bis zum Fluss – vom Fluss bis zum Meer.

Darin liegt viel mehr Bedeutung, als man auf den ersten Blick denkt. Es zeigt, wie der Sprecher sich selbst sieht – ob er vom Osten oder vom Westen kommt.

Wenn man sagt „vom Fluss bis zum Meer“ sieht man sich selbst zur weiten Region gehörig, die der Westen „Naher (bzw. Mittlerer) Osten“ nennt und der ein vitaler Teil des asiatischen Kontinents ist. Der Terminus „Mittlerer Osten“ ist schon für sich ein herablassender Ausdruck mit kolonialem Unterton – er bedeutet, dass das Gebiet keine unabhängige Stellung hat. Es besteht nur in Beziehung zu einem weit entfernten Weltzentrum – Berlin? London? Washington?

Wenn einer aber sagt „Vom Meer bis zum Fluss“, sieht er sich selbst als jemand, der vom Westen kommt und der als Brückenkopf des Westens hier lebt und einem fremden, wahrscheinlich feindseligen Kontinent gegenübersteht.

In seiner langen aufgezeichneten Geschichte – die einige Tausend Jahre zurückgeht, hat dieses Land – ob Kanaan, Palästina oder Eretz Israel – viele Wellen von Invasoren gesehen, die sich hier ansiedelten.

Die meisten dieser Wellen kamen vom Hinterland: die Kanaaniter, die Aramäer, die Hebräer, die Araber und viele andere kamen vom Osten. Sie siedelten hier, vermischten sich mit der vorhandenen Bevölkerung und waren bald absorbiert und schufen so neue Mischungen und gingen natürliche Beziehungen mit den benachbarten Ländern ein. Sie kämpften Kriege, machten Frieden, prosperierten und litten in Zeiten der Trockenheit.

Die alten israelitischen Königreiche (nicht die mythischen von Saul, David und Salomo, sondern das wirkliche von Ahab und seinen Nachfolgern) wurden ein natürlicher Teil seiner Umgebung, wie es von zeitgenössischen assyrischen und andern Dokumenten bezeugt/ bestätigt wird.

So waren die arabischen Eindringlinge im 7. Jahrhundert. Sie siedelten sich unter den Einheimischen an. Diese konvertierten sehr langsam vom Judentum und Christentum zum Islam, nahmen die arabische Sprache an und wurden „Araber“, so wie die Kanaaniter vor ihnen „Israeliten“ wurden.

GANZ ANDERS war der Weg jener Invasoren, die aus dem Westen kamen.

Das waren vor allem drei Wellen: Die Philister in der Antike, die Kreuzfahrer im Mittelalter und die Zionisten in der modernen Zeit.

Indem sie vom Westen kommen (oder sogar übers Land wie die ersten Kreuzfahrer), sehen die Invasoren einen weiten feindlichen Kontinent vor sich. Sie bleiben im Küstengebiet hängen , errichten dort einen Brückenkopf und schreiten landeinwärts, um ihn zu vergrößern. Bezeichnenderweise setzt keiner der westlichen Invasoren jemals Grenzen fest – sie marschierten landeinwärts oder zogen sich zurück, wie es ihre Kräfte und die Umstände erlaubten.

Dieses historische Bild passt natürlich nur für jene Invasoren, die kamen und im Lande siedelten. Es betrifft nicht die Imperien, die einfielen, um nur das Gebiet zu kontrollieren. Diese kamen aus allen Richtungen und bewegten sich weiter – Hetiter, Ägypter und Babylonier, Perser und Griechen, Römer und Byzantiner, Araber und Mongolen, Türken und Engländer. (Die Mongolen kamen hierher, nachdem sie den Irak zerstört hatten, und wurden vom muslimischen General Bybars (dem Nachkommen Saladins in einer der entscheidendsten Schlachten der Geschichte geschlagen.)

Östliche Mächte zogen gewöhnlich weiter durch Ägypten in den Westen und machten Nordafrika zu einer semitischen Zone. Westliche Reiche wanderten weiter gen Osten nach Indien.

Tutmosis, Cyros, Alexander, Caesar, Napoleon und viele andere kamen vorbei und hinterließen – außer ein paar Ruinen – keine dauerhaften Spuren zurück.

WIE IHRE Vorgänger, die aus dem Westen kamen, hatten die Zionisten von Anfang an eine Brückenbau-Mentalität und haben dies bis heute.

Tatsächlich hatten sie diese sogar schon, bevor die zionistische Bewegung offiziell gegründet wurde. In seinem kanonischen Buch „Der Judenstaat“ schrieb Theodor Herzl, der Visionär – sein Foto hängt im Knesset-Plenum – dass der zukünftige jüdische Staat ein Stück des „Walles gegen Asien“ bilden werde. Er würde den „Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei“ besorgen.

Nicht nur Kultur, sondern DIE KULTUR. Und nicht nur Barbarei, sondern Die BARBAREI. Ein Leser der Zeit um 1890 brauchte keine Erklärung. Kultur war weiß und europäisch – Barbarei war alles andere, ob braun, rot, schwarz oder gelb.

Im heutigen Israel, fünf Generationen später, hat sich die Mentalität nicht verändert. Ehud Barak prägte den Satz, der diese Mentalität mehr als jeder andere Satz reflektiert: „ Wir sind eine Villa im Dschungel.“

Die Villa: die Kultur, die Zivilisation, die Ordnung, der Westen, Europa. Der Dschungel: Barbarei, die arabisch-muslimische Welt, die uns umgibt, ein Ort voll wilder Tiere, wo jeden Augenblick etwas passieren kann.

Diese Phrase wird endlos wiederholt und praktisch von jedem akzeptiert. Politiker und Armeeoffiziere ersetzen dies mit „Nachbarschaft“ („Shehuna“). Tägliche Beispiele: „In der Nachbarschaft, in der wir leben, können wir uns nicht einen Augenblick entspannen“. Oder: „In der Nachbarschaft, in der wir leben, benötigen wir die Atombombe“.

Moshe Dayan, der eine poetische Ader hatte, sagte vor zwei Generationen in der wichtigsten Rede seines Lebens: „Wir sind eine Generation von Siedlern, und ohne Stahlhelm und Kanone können wir keinen Baum pflanzen noch ein Haus bauen … dies ist das Schicksal unserer Generation, die Entscheidung unseres Lebens – vorbereitet und bewaffnet zu sein und stark und zäh oder anders ausgedrückt: denn sonst fällt uns das Schwert aus unserer Faust und unser Leben wird ausgelöscht“. In einer anderem Rede – ein paar Jahre später – sagte Dayan es deutlicher, dass er nicht nur eine Generation meint – sondern alle, die noch kommen – die typische Brückenkopfmentalität, die keine Grenzen kennt, weder räumlich noch zeitlich.

( Nur gerade eine persönliche Bemerkung: vor 65 Jahren , ein Jahr vor der Gründung Israels, veröffentlichte ich ein Broschüre, die mit folgenden Worten begann: „Als unsere zionistischen Väter entschieden, ein nationales Heim in diesem Lande aufzubauen, hatten sie die Wahl zwischen zwei Richtungen: Sie konnten als Brückenkopf der „weißen Rasse“ kommen und die Herren der „Eingeborenen“ werden oder Erben der semitischen, politischen und kulturellen Tradition sein und den Befreiungskrieg der semitischen Völker gegen die europäische Ausbeutung führen…“)

Der Unterschied zwischen „ Meer bis zum Fluss“ und „Fluss bis zum Meer“ ist nicht nur politisch und schon gar nicht oberflächlich. Er geht direkt an die Wurzeln des Konflikts.

ZURÜCK ZU Meshal. Seine Rede war eine Wiederholung der extremsten palästinensischen Linie. Dieselben Worte hätten vor 70 Jahren vom damaligen Führer Haj Amin Al-Husseini, dem Großmufti von Jerusalem, ausgesprochen werden können. Es ist die Linie, die in die Hände der Zionisten spielte und das palästinensische Volk in die Katastrophe führte, in unseliges Leiden und in seine gegenwärtige Situation.

Zum Teil muss der arabischen Sprache die Schuld gegeben werden. Es ist eine wunderschöne Sprache, die ihren Redner leicht berauschen kann. Die moderne arabische Geschichte ist voll wunderbarer Redner, die von ihren eigenen Worten so berauscht waren, dass sie leicht den Kontakt zur Realität verloren.

Ich erinnere mich an eine Gelegenheit, als der ägyptische Präsident Gamal Abdel-Nasser, ein hervorragender Redner und Idol der arabischen Massen, eine sensible Rede über ägyptische Angelegenheiten hielt, als jemand aus der Menge schrie :“Palästina, oh Gamal!“

Nasser vergaß, worüber er redete, und begann eine leidenschaftliche Darlegung über die palästinensische Sache, steigerte sich immer mehr hinein, bis er offensichtlich in einem trance-artigen Zustand war. Es war die Geistesverfassung, die ihn 1967 in die israelische Falle führte. (Die israelischen Politiker sind seit Menachem Begin zum Glück sehr schlechte Redner, da sie schlechtes Hebräisch reden.)

Man könnte natürlich sagen, dass Meshals Rede vor den Massen in Gaza nur gerade der Versuch eines Politikers war, Popularität zu gewinnen und die nicht wirklich zählte – was zählt, ist, was er hinter den Kulissen in Ägypten und Gaza adoptierte. Das könnte vernünftig klingen – ist es aber nicht.

Als erstes, weil Reden den Sprecher beeinflussen. Es ist sehr schwierig für ihn, sich selbst aus der verbalen Falle zu ziehen, die er sich selbst gestellt hat, auch wenn arabische Zuhörer gelernt haben, solche Reden nicht für bare Münze zu nehmen.

Zweitens, weil extreme arabische Reden in den Händen israelischer Extremisten sofort zu Munition werden . Sie verstärken die allgemeine Behauptung, wie z.B. Ehud Baraks Wort, dass „wir keine Partner für Frieden haben.“ Meshals Spiegelbild Avigdor Lieberman hat diese Rede als Hauptwaffe benützt, um die europäische Verurteilung von Netanyahus neuem destruktivem Siedlungsprojekt zurückzuschlagen.

IN WIRKLICHKEIT ist Meshal jetzt mehr denn je für Kompromisse bereit (wie auch Nasser, als er die erwähnte Rede hielt). Er hat erklärt, dass er, wenn auch noch nicht selbst zum Frieden machen mit Israel bereit, er einen Frieden akzeptieren würde, der von Mahmoud Abbas unterzeichnet und in einem palästinensischen Referendum ratifiziert würde. Er deutete auch an, dass solch ein Frieden sich auf die Grenzen von 1967 gründen solle, Er sagte auch, dass Abbas für eine „vereinbarte“ Lösung für das Flüchtlingsproblem bereit ist – im Einverständnis mit Israel. Dies bedeutet, dass nur einer symbolischen Anzahl erlaubt wird, auf israelisches Territorium zurückzukehren.

Beunruhigend ist, dass Meshal in seiner aufregenden Rede das Gegenteil sagte und noch Schlimmeres. Das tat auch Nasser – das brachte ihm den Tod. Am Anfang tat dies auch Yasser Arafat, bis er die Torheit dieser Methode einsah. Ich denke, Khaled Meshal wird dies zu gegebener Zeit auch einsehen.

Es gibt keine Flucht vor der einfachen Wahrheit, dass es zwei Staaten zwischen dem Fluss und dem Meer geben wird – als auch zwischen dem Meer und dem Fluss.

Es sei denn, dass wir das ganze Land wünschen – vom Meer bis zum Fluss, vom Fluss bis zum Meer – das dann zu einem großen Friedhof würde.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Starke und das Süße

Erstellt von Gast-Autor am 13. Januar 2013

Der Starke und das Süße

Autor Uri Avnery

ES WAR ein Tag der Freude.

Freude für das palästinensische Volk.

Freude für all die, die auf Frieden zwischen Israel und der arabischen Welt hoffen.

Und – auf bescheidene Weise – auch für mich persönlich.

Die UN-Vollversammlung, das höchste Forum der Welt, hat mit überwältigender Mehrheit für die Anerkennung des Staates Palästina gestimmt, wenn auch in begrenzter Weise.

Die Resolution, die auf den Tag genau vom selben Forum vor 65 Jahren angenommen wurde, die historische Teilung Palästinas zwischen einem jüdischen und einem arabischen Staat, ist endlich bestätigt worden.

ICH HOFFE, ich werde für ein paar Augenblicke einer persönlichen Feier entschuldigt.

Während des Krieges von 1948, der der ersten Resolution folgte, kam ich zu der Schlussfolgerung, dass ein palästinensisches Volk existiert und dass die Errichtung eines palästinensischen Staates neben dem neuen Staat Israel eine Vorbedingung für Frieden ist.

Als einfacher Soldat kämpfte ich in Dutzenden Gefechten gegen die arabischen Einwohner Palästinas. Ich sah wie Dutzende arabischer Städte und Dörfer zerstört und unbewohnt zurück gelassen wurden. Lange bevor ich den ersten ägyptischen Soldaten sah, sah ich, wie das palästinensische Volk, für seine Heimat kämpfte.

Vor dem Krieg hoffte ich, die Einheit des Landes, das beiden Völkern so teuer war, könnte bewahrt werden. Der Krieg überzeugte mich, dass dieser Traum für alle Zeiten zerstört ist.

Ich war noch in Uniform, als ich anfangs 1949 versuchte, eine Initiative für die Realisierung dessen zu gründen, was jetzt die Zweistaaten-Lösung genannt wird. Ich traf mich zu diesem Zweck in Haifa mit zwei jungen Arabern. Der eine war ein Muslim, der andere ein drusischer Scheich. (Beide wurden vor mir Knessetmitglieder.)

In jener Zeit sah dies wie eine unmögliche Mission aus, „Palästina“ war von der Karte gewischt. 78% des Landes war Israel geworden, die restlichen 22% zwischen Jordanien und Ägypten aufgeteilt. Die reine Existenz eines palästinensischen Volkes wurde vehement vom israelischen Establishment geleugnet, tatsächlich wurde die Leugnung ein Glaubensartikel. Viel später erklärte Golda Meir berüchtigter Weise: „So etwas wie ein palästinensisches Volk gibt es nicht“. Geachtete Scharlatane schrieben volkstümliche Bücher, die „bewiesen“, dass die Palästinenser Prätendenten sind, die erst vor kurzen angekommen seien. Die israelische Führung war überzeugt, das „palästinensische Problem“ sei verschwunden – ein für alle Mal.

1949 gab es keine hundert Personen in der ganzen Welt, die an diese Lösung dachten. Kein einziges Land unterstützte diese Lösung. Die arabischen Länder glaubten noch immer, Israel werde verschwinden. Groß-Britannien unterstützte seinen Klientel-Staat, das haschemitische Königreich Jordanien. Die USA hatte ihre eigenen lokalen starken Diktatoren. Stalins Sowjetunion unterstütze Israel.

Mein Kampf war ein einsamer Kampf. Während der nächsten 40 Jahre brachte ich als Herausgeber eines Wochenmagazins dieses Thema fast jede Woche zur Sprache. Als ich in die Knesset gewählt wurde, tat ich dort dasselbe.

1968 flog ich nach Washington DC, um dort für diese Idee Propaganda zu machen. Ich wurde höflich von den zuständigen Offiziellen im Außenministerium ( Joseph Sisko) empfangen, im Weißen Haus (Harold Saunders), der amerikanischen Vertretung der UN (Charles Yost), von führenden Senatoren und Kongressleuten wie auch vom britischen Verfasser der Resolution 242 (Lord Caradon). Die gleichbleibende Antwort aller ohne Ausnahme war: ein palästinensischer Staat kommt nicht in Frage.

Als ich ein Buch veröffentlichte, das sich der Lösung widmete, griff mich die PLO in Beirut 1979 mit einem Buch an, das den Titel trägt „Uri Avnery und der Neo-Zionismus“.

Heute besteht ein Weltkonsens, dass eine Lösung des Konfliktes ohne einen palästinensischen Staat nicht in Frage kommt.

Warum sollte ich jetzt nicht feiern?

WARUM JETZT? Warum geschah es nicht vorher oder später?

Wegen der Operation Wolkensäule, dem historischen Meisterstück von Binjamin Netanjahu, Ehud Barak und Avigdor Lieberman.

Die Bibel erzählt uns von Simson, dem Helden, der mit bloßen Händen einen Löwen zerriss.

Als er zu diesem nach einiger Zeit zurück kam, hatte ein Bienenschwarm den Kadaver des Löwen zu einem Bienenkorb gemacht, in dem sie Honig produzierten. So stellte Samson den Philistern ein Rätsel: „Aus dem Starken kommt Süßes“. Dies ist ein hebräisches Sprichwort.

Nun kam aus der „starken“ israelischen Operation gegen den Gazastreifen Süßes . Es ist eine weitere Bestätigung der Regel, dass man bei Beginn eines Krieges oder einer Revolution nie weiß, was dabei herauskommt.

Eine der Resultate der Operation war, dass das Prestige und die Popularität von Hamas himmelhoch wuchs, während die palästinensische Behörde von Mahmoud Abbas in neue Tiefen sank. Das war ein Ergebnis, das der Westen unmöglich dulden konnte. Eine Niederlage der „Moderaten“ und ein Sieg der islamistischen „Extremisten“ war eine Katastrophe für Präsident Barack Obama und das ganze westliche Lager. Es musste etwas gefunden werden – und zwar dringend – um Abbas zu einem haushohen Erfolg zu verhelfen.

Zum Glück war Abbas schon auf dem Weg, eine UN-Zustimmung für die Anerkennung Palästinas als einem „Staat“ (doch noch nicht als volles Mitglied der Weltorganisation) zu bekommen. Für Abbas war es ein Schritt der Verzweiflung, Plötzlich wurde er eine Siegesfackel.

DER WETTBEWERB zwischen der Hamas- und der Fatah-Bewegung wird als Katastrophe für die palästinensische Sache gesehen. Aber es gibt auch eine andere Weise, dies zu sehen.

Gehen wir in unsere eigene Geschichte zurück. Während der 30er und 40er-Jahre war unser Befreiungskampf (wie wir ihn nannten) in zwei Lager gespalten, die einander mit wachsender Intensität hassten.

Auf der einen Seite war die „offizielle“ Führung, von David Ben Gurion geleitet, vertreten durch die „Jüdische Agentur“, die mit der britischen Verwaltung kooperierte. Ihr militärischer Arm war die Haganah, eine sehr große halb-offizielle Miliz, die von den Briten toleriert wurde.

Auf der andern Seite war die Irgun ( „Nationale militärische Organisation) , der bei weitem radikalere bewaffnete Flügel der nationalistischen „revisionistischen“ Partei von Vladimir Jabotinsky. Und diese teilte sich und eine noch radikalere Organisation entstand. Die Britten nannten sie „Sternbande“.

Die Feindseligkeit zwischen diesen Organisationen war intensiv. Eine Zeit lang kidnappten Haganah-Mitglieder Irgunkämpfer und lieferten sie der britischen Polizei aus, die sie folterte und in Lager nach Afrika schickte. Ein blutiger Bruderkrieg wurde nur durch den Irgun-Führer Menachem Begin vermieden, der alle Racheakte verbot. Im Gegensatz dazu sagten die Sternleute zur Haganah gerade heraus, sie würden jeden erschießen, der ihre Mitglieder anzugreifen versucht.

In der Rückschau können die beiden Seiten gesehen werden, als wären sie die beiden Arme desselben Körpers. Der „Terrorismus“ des Irgun und Stern unterstützte die Diplomatie der zionistischen Führung. Die Diplomaten nützten die Errungenschaften der Kämpfer aus. Um die wachsende Popularität der „Terroristen“ auszubalancieren , machten die Briten gegenüber Ben Gurion Konzessionen. Einer meine Freunde nannte den Irgun „Die Schießagentur der jüdischen Agentur“.

In gewisser Weise ist dies heute die Situation im palästinensischen Lager.

SEIT JAHREN hat die israelische Regierung Abbas mit den schlimmsten Konsequenzen gedroht, wenn er es wagen würde, zur UN zu gehen: Das Oslo-Abkommen ungültig zu erklären und die palästinensische Behörde zu zerstören, wäre das Minimum. Lieberman nannte den Schritt „diplomatischen Terrorismus“.

Und nun? Nichts. Kein Paukenschlag und kaum ein Zwinkern. Sogar Netanjahu versteht, dass die Operation Wolkensäule eine Situation geschaffen hat, in der die Unterstützung der Welt für Abbas unvermeidbar geworden ist.

Was tun? Nichts. Vorgeben, dass die ganze Sache ein Scherz sei. Wer kümmert sich schon darum? Was ist die UN eigentlich? Welchen Unterschied macht es?

Netanjahu ist mit etwas ganz anderem, das ihm in dieser Woche widerfuhr, beschäftigt. Bei den Likud-Vorwahlen wurden alle „Moderaten“ seiner Partei ohne Umstände hinausgeworfen. Kein liberales demokratisches Alibi wurde zurückgelassen. Die Likud-Beitenu-Fraktion wird in der nächsten Knesset ganz von Extremisten des rechten Flügels zusammen gesetzt sein, unter ihnen mehrere komplette Faschisten, Leute, die die Unabhängigkeit des Obersten Gerichtshofes zerstören, die Westbank dicht mit Siedlungen bedecken und den Frieden und einen palästinensischen Staat mit allen nur möglichen Mitteln verhindern wollen.

Während Netanjahu sicher ist, die bevorstehenden Wahlen zu gewinnen und weiter als Ministerpräsident zu dienen, ist er klug genug , um nicht zu realisieren, wo er sich jetzt befindet: als Geisel der Extremisten, die ihn wahrscheinlich aus seiner eigenen Knessetfraktion hinauswerfen, wenn er nur etwas in Richtung Frieden erwähnt, und ihn zu jeder Zeit durch Lieberman ersetzen.

AUF DEN ersten Blick hat sich nicht viel verändert. Aber nur auf den ersten Blick.

Was ist geschehen: die Gründung des Staates Palästina ist nun offiziell als Ziel der Weltgemeinschaft anerkannt worden. Die „Zwei-Staatenlösung“ ist jetzt die einzig mögliche Lösung. Die Ein-Staaten-Lösung, falls es sie je gegeben hat, ist mausetot.

Natürlich ist der Apartheid-Staat Realität. Falls sich von Grund auf nichts ändert, wird er tiefer und stärker werden. Fast jeden Tag gibt es neue Nachrichten, dass er sich immer weiter etabliert ( Das Bus-Monopol hat gerade angekündigt, von jetzt an gebe es in Israel getrennte Busse für Westbank-Palästinenser.)

Aber das Streben nach Frieden, das sich auf die Ko-Existenz Israels und Palästinas gründet, hat einen großen Schritt gemacht. Einigkeit zwischen den Palästinensern sollte das Nächste sein. Die US-Unterstützung für die aktuelle Errichtung des Staates Palästina sollte bald danach kommen.

Das Starke muss zum Süßen führen.

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Ein überflüssiger Krieg

Erstellt von Gast-Autor am 30. Dezember 2012

Ein überflüssiger Krieg

Autor Uri Avnery

WIE HAT er angefangen? Eine dumme Frage!

Auseinandersetzungen entlang des Gazastreifens beginnen nicht. Sie sind nur eine anhaltende Kette von Vorfällen, von denen behauptet wird, sie seien nur „Vergeltungen“ für den letzten Vorfall. Einer Aktion folgt eine Re-Aktion, der wieder eine Vergeltung folgt usw. usw.

Dieser besondere Vorfall „begann“ mit dem erfolgreichen Abfeuern einer Antipanzerrakete aus Gaza auf ein gepanzertes Militärpatrouillenfahrzeug auf der israelischen Seite des Grenzzauns. Es wurde behauptet, es sei die Vergeltung für das Töten eines Fußball spielenden Jungs ein paar Tage zuvor. Aber wahrscheinlich war das Timing der Aktion zufällig – die Gelegenheit hat sich so ergeben.

Der Erfolg führte in Gaza zu Demonstrationen der Freude und des Stolzes. Wieder einmal haben Palästinenser ihre Fähigkeit, den gehassten Feind zu schlagen, gezeigt.

DOCH SIND die Palästinenser tatsächlich in eine sorgfältig gelegte Falle geraten. Ob der Befehl von der Hamas gegeben worden war oder von einer kleineren extremeren Organisation – es war nicht klug, dies zu tun.

Über die Grenze auf ein Armeefahrzeug zu schießen, war wie das Überschreiten einer roten Linie. (Der Nahe Osten ist voll roter Linien.) Eine größere israelische Reaktion folgte bestimmt.

Es war eher Routine. Israelische Panzer schossen wie gewöhnlich Granaten in den Gazastreifen. Hamas feuerte Raketen auf israelische Städte und Dörfer. Hundert Tausende Israelis eilten in ihre Schutzkeller. Schulen wurden geschlossen.

Wie üblich traten Ägypter und andere Vermittler in Aktion. Hinter den Kulissen wurde eine neue Feuerpause arrangiert. Sie schien vorbei zu sein. Noch so eine Runde.

Die israelische Seite tat alles, um zur Normalität zurückzukehren – so schien es wenigstens. Der Ministerpräsident und der Verteidigungsminister gingen ihren Weg (zur syrischen Grenze), um zu zeigen, dass sie nicht an Gaza dachten.

Auch im Gazastreifen atmete man auf. Menschen verließen ihren Schutzraum. Ihr oberster militärischer Kommandeur Ahmad Ja’abari stieg in seinen Wagen und fuhr die Hauptstraße entlang.

Und dann schnappte die Falle zu. Der Wagen des Kommandeurs wurde von einer Rakete aus der Luft getroffen.

SOLCH EIN Anschlag geschieht nicht spontan. Er ist der Höhepunkt von monatelangen Vorbereitungen, während denen man Informationen sammelt und auf den rechten Augenblick wartet, wann er ausgeführt werden kann, ohne viele Umstehende zu töten und einen internationalen Skandal auszulösen.

Eigentlich sollte er einen Tag früher stattfinden, wurde dann wegen schlechten Wetters verschoben.

Ja’abari war der führende Kopf hinter allen militärischen Aktivitäten der Hamas in Gaza, einschließlich der Gefangennahme von Gilat Shalit und dem fünf Jahre langen Geheimnis seines Verstecks. Er wurde bei der Entlassung Shalits an die Ägypter fotografiert.

Dieses Mal waren es die Israelis, die jubilierten. So wie die Amerikaner nach dem Anschlag an Osama bin-Laden.

DAS TÖTEN von Ja’abari war der Startschuss für die geplante Operation.

Der Gazastreifen ist voller Raketen aller Arten, einige von ihnen sind in der Lage, Tel Aviv zu erreichen, das etwa 40km weit weg liegt. Das israelische Militär hat seit längerem eine größere Operation geplant, um aus der Luft so viele Raketen wie möglich zu zerstören. Der Nachrichtendienst hat geduldig Informationen über ihre Bleibe gesammelt. Dies ist der Zweck der „Wolkensäule-Operation („Und der Herr ging vor ihnen her am Tage in einer Wolkesäule, um sie den rechten Weg zu führen“ – Exodus 13,21).

Ich weiß noch nicht, während ich dies schreibe, wie die ganze Sache enden wird. Doch können einige Schlüsse schon gezogen werden.

ZUNÄCHST: dies ist keine „Cast-Lead“ II Operation. Weit davon entfernt.

Die israelische Armee hat aus ihren Misserfolgen gelernt. Cast Lead wurde als großer Erfolg gefeiert; in Wirklichkeit war es eine Katastrophe.

Soldaten in ein dicht bevölkertes Gebiet zu schicken, bedeutet große Verluste unter der Zivilbevölkerung zu verursachen. Kriegsverbrechen sind kaum zu vermeiden. Die Reaktion der Welt war katastrophal. Der politische Schaden immens. Der damalige Generalstabschef Gabi Ashkenazi wurde weithin gelobt, doch in Wirklichkeit war er ein ziemlich primitiver Militärtyp. Sein jetziger Nachfolger ist von anderem Kaliber.

Es sind dieses Mal auch grandiose Statements vermieden worden: man wolle die Hamas zerstören und den Gazastreifen der Führung in Ramallah überlassen u.a.

Das israelische Ziel sei – so wurde diesmal gesagt – der Hamas einen Maximalschaden zuzufügen mit einem Minimum an zivilen Opfern. Man hoffte, dies könnte erreicht werden, indem fast nur die Luftwaffe benutzt wurde. In der ersten Phase der Operation schien dies zu gelingen. Nun ist die Frage, ob dies durchgehalten werden kann, wenn der Krieg weitergeht.

WIE WIRD er enden? Es wäre kühn, dies zu erraten. Kriege haben ihre eigene Logik. „Sachen passieren“ – wie der Amerikaner sagt.

Benjamin Netanjahu und Ehud Barak, die beiden Männer, die den Oberbefehl haben, hoffen, der Krieg wird auslaufen, wenn die Hauptziele erreicht sind. Es wird also keinen Grund geben, die Armee vor Ort zu bringen und den Gazastreifen zu betreten, Leute zu töten und Soldaten zu verlieren.

Die Abschreckung wird wieder hergestellt sein. Eine weitere Waffenruhe wird in Kraft treten. Die israelische Bevölkerung rund um den Gazastreifen wird nachts wieder einige Monate in Ruhe schlafen können. Die Hamas wird wieder auf ihren Platz verwiesen.

Aber wird diese ganze Operation die Grundsituation verändern? Das ist unwahrscheinlich.

Ja’abari wird ersetzt werden. Israel hat Dutzende von arabischen politischen und militärischen Führern umgebracht. Tatsächlich ist es Weltmeister solcher Anschläge, höflich spricht man von „gezielten Vorbeugungen“ oder „gezielten Eliminierungen“. Falls dies ein olympischer Sport wäre, würden die Wände des Verteidigungsministeriums, des Mossad und Shin Bet mit Goldmedaillen dekoriert werden.

Manchmal hat man den Eindruck, die Anschläge seien ein Ziel für sich, und was danach geschieht, sei Nebensache. Künstler sind nun mal stolz auf ihre Arbeit.

Was waren die Folgen der Anschläge? Im Ganzen gesehen, keine. Israel tötete den Hisbollahführer Abbas al-Moussawi und erhielt an seiner Stelle den weit intelligenteren Hassan Nasrallah. Sie töteten den Hamasgründer Sheik Ahmad Yassin, und er wurde von fähigeren Männern ersetzt. Ja’abris Nachfolger wird mehr oder weniger fähig sein. Es wird keinen großen Unterschied machen.

Wird er den stetigen Fortschritt der Hamas stoppen? Ich bezweifle es. Vielleicht das Gegenteil. Erst vor kurzem hat Hamas einen bedeutenden Durchbruch erreicht, als der Emir von Qatar (Besitzer von Aljazeera) ihr einen Besuch abstattete, er war das erste Staatsoberhaupt, der dies tat. Andere werden folgen. Jetzt hat der ägyptische Ministerpräsident mitten im Krieg Gaza besucht .

Die Operation „Wolkensäule“ wird alle arabischen Länder zwingen, sich mit Hamas zu identifizieren oder wenigstens so zu tun, als ob. Sie wird die Behauptung der extremeren Organisationen im Gazastreifen diskreditieren, dass Hamas gemäßigt und faul geworden sei und sich an den Früchten des Regierens erfreut. In der Schlacht um die palästinensische Meinungsbildung hat die Hamas einen weiteren Sieg über Mahmoud Abbas errungen, dessen Sicherheits-Kooperation mit Israel sogar widerwärtiger aussieht.

Alles in Allem: es wird sich nichts Grundlegendes ändern. Nur ein weiterer überflüssiger Krieg.

ER IST natürlich ein hoch politisches Ereignis.

Wie Cast Lead findet er am Vorabend der israelischen Wahlen statt. ( So auch der Yom Kippur-Krieg – doch der wurde von der anderen Seite begonnen).

Einer der erbärmlicheren Anblicke der letzten paar Tage ist die TV-Show mit Shelly Yachimovich und Yair Lapid gewesen. Die beiden neu aufgehenden Sterne an Israels politischem Firmament sahen wie unbedeutende Politiker aus, die Netanyahus Propaganda nachplappern ….

Beide hatten auf den sozialen Protest gesetzt und erwarteten, dass die sozialen Probleme Krieg, Besatzung und Siedlungen von der Agenda wegwischen würden. Wenn die Öffentlichkeit mit dem Preis des Hüttenkäses beschäftigt ist, wer wird sich dann um die nationale Politik kümmern?

Ich sagte damals, dass ein Hauch militärischer Aktion in der Luft genüge, um alle wirtschaftlichen und sozialen Probleme als frivol und irrelevant wegzublasen.

Netanjahu und Barak sieht man täglich unzählige Male auf dem Fernsehschirm. Sie erscheinen verantwortlich, ernst, entschieden, erfahren. Wie Männer, die Soldaten kommandieren und Ereignisse gestalten, die Nation retten, die Feinde Israels und des ganzen jüdischen Volkes in die Flucht schlagen. Wie Lapid live im TV sagte: „Die Hamas ist eine antisemitische Terrororganisation, die vernichtet werden muss.“

Netanjahu tut es. Adieu Lapid. Adieu Shely. Adieu Olmert, Adieu Zipi – es war nett, euch zu sehen.

GAB ES eine Alternative? Offensichtlich, die Situation im Süden Israels war immer unerträglicher geworden. Man kann doch keine ganze Bevölkerung alle zwei, drei Wochen in die Schutzkeller schicken. Außer Hamas auf den Kopf zu schlagen, was könnte man sonst noch tun?

Eine Menge.

Zunächst kann man sich vom „Re-agieren“ zurückhalten. Nur diese Kette durchschneiden. Dann kann man mit der Hamas reden, als der de facto-Regierung des Gazastreifens. Man tat es, als man wegen der Entlassung von Shalit verhandelte. Warum nicht – zusammen mit Ägypten – nach einem permanenten Modus vivendi suchen.

Eine Hudna (Waffenstand) kann erreicht werden. In der arabischen Kultur ist die Hudna ein verbindlicher, von Allah geheiligter Waffenstillstand, der viele Jahre halten kann. Eine Hudna kann nicht verletzt werden. Sogar die Kreuzfahrer schlossen mehrmals Hudnas mit ihren muslimischen Feinden.

Ein Tag nach dem Anschlag berichtete der israelische Friedensaktivist Gershon Baskin, der an den Verhandlungen zur Befreiung Shalits beteiligt war, dass er bis zum letzten Tag in Kontakt mit Ja’abari war. Ja’abari war an einem langfristigen Waffenstillstand interessiert. Die israelischen Behörden waren darüber informiert.

Aber die wirkliche Medizin ist Frieden. Frieden mit dem palästinensischen Volk. Die Hamas hat schon offiziell erklärt, sie würde ein mit der PLO – d.h. mit Mahmoud Abbas – abgeschlossenes Friedensabkommen respektieren, das einen palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967 errichten würde, vorausgesetzt, dieses Abkommen würde in einem palästinensischen Referendum bestätigt.

Ohne dies wird das Blutvergießen weitergehen, eine Runde nach der anderen – immer wieder.

Frieden ist die Antwort. Aber wenn die Augen von einer Wolkensäule verdeckt sind, wer kann da noch sehen?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Das schwarze Loch füllen

Erstellt von DL-Redaktion am 21. Oktober 2012

Das schwarze Loch füllen

Autor Uri Avnery

WIR HABEN also zwei Wahlkampagnen in den nächsten drei Monaten – eine in den USA und eine in Israel. Ich weiß nicht, welche von ihnen für unser Leben bedeutender ist.

In vielerlei Hinsicht sind die beiden Wahlen sehr verschieden. Aber andererseits gleichen sie sich plakativ.

Es könnte interessant sein, einige Vergleiche anzustellen.

DIE US-WAHLEN sind bei Weitem korrupter als die unsrigen. Unvermeidlich so.

Seit dem Aufkommen des Fernsehens sind sie enorm kostspielig geworden. TV-Spots kosten eine Menge Geld. Genügend Geld kann nur von Großunternehmen kommen und von Milliardären. Beide Kandidaten sind an Lobbys und Handelsinteressen hoch verpfändet, denen sie von ihrem ersten Tag im Amt an dienen müssen.

Der außerordentliche Druck durch die Pro-Israel-Lobby in den USA rührt daher. Dabei geht es nicht so sehr um jüdische Stimmen. Es geht um jüdisches Geld.

Der einzige Weg, dies zu ändern, ist, beiden Seiten freie TV-Zeiten zu verschaffen und die politische Werbung zu limitieren. Aber das ist höchst unwahrscheinlich, weil die Milliardäre beider Seiten ihren Würgegriff auf das System nicht aufgeben werden. Warum sollten sie?

In Israel erhalten alle Parteien freie TV- und Radiozeiten, entsprechend ihrem Sitz in der letzten Knesset (mit einer garantierten Mindestzeit für Neulinge). Die Kosten werden streng kontrolliert. Das verhindert jedoch nicht die gleiche Korruptionsart. Der selbe Sheldon Adelson finanziert sowohl Mitt Romney, als auch Binyamin Netanyahu. Aber der Betrag des korrupten Geldes, der in Israel aufgebracht und ausgegeben wird, ist viel niedriger.

Andererseits haben wir keine Präsidentschaftsdebatten. Kein israelischer Premierminister wäre so naiv, diesen zuzustimmen. Bei den US-Debatten erwirbt der Herausforderer, wenn er den Amtsinhaber konfrontiert, schon zu Beginn der ersten Debatte einen großen Gewinn. Bis zu diesem Augenblick ist er bloß ein Politiker, weit entfernt vom Weißen Haus. Plötzlich wird er in den Status eines möglichen Präsidenten erhoben, der wie ein Präsident aussieht und auch klingt. Netanyahu würde dem niemals zustimmen.

(Übrigens, Barack Obamas ungeschickte Performance (das Ganze ist letztendlich eine Performance) war bei der ersten Debatte am eklatantesten, als Romney sich über Obamas „grüne“ Geldgeber lustig machte. Das hätte für Obama das Zeichen sein sollen, darauf zu springen und Romneys Geldgeber zu attackieren. Ich glaube, Obama hat seinem Gegner einfach nicht zugehört, sondern bereits an seine nächste Textzeile gedacht – bei einer öffentlichen Debatte stets ein fataler Fehler.(

DER HAUPTUNTERSCHIED bei den beiden Wahlen liegt in dem Unterschied beider politischer Systeme.

Die US-Präsidentschaftswahlen sind ein Wettbewerb zwischen zwei Personen, der Gewinner bekommt alles. Das bedeutet in der Praxis, dass die gesamte Auseinandersetzung für die Stimmen einer kleinen Minderheit von „Unabhängigen“ oder „swing voters“ (unentschlossene Stimmen, die hin- und herschwanken) in einer kleinen Anzahl von Staaten ist. Alle anderen haben bereits eine feste Meinung, bevor der erste Wahldollar ausgegeben ist.

Wer sind diese „swing voters“? Es wäre schön, zu glauben, dass es souveräne Staatsbürger sind, die die Argumente sorgfältig abwägen und am Ende zu einer verantwortungsbewussten Entscheidung kommen. Nonsense! Es sind Menschen, die weder Zeitungen lesen, noch einen Pfifferling darum geben, und die zu der Wahlurne geschleppt werden müssen. Nach den politischen Werbespots zu urteilen, die an sie gerichtet sind, müssen viele von ihnen Trottel sein.

Aber diese Menschen entscheiden, wer der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird.

Und nicht nur das. Man sollte auch nicht vergessen, dass die Wahl auch über die Zusammensetzung des allmächtigen Obersten Gerichtshofes entscheidet, da neue Richter vom Präsidenten ernannt werden, und über viele andere Machtzentren auch.

In Israel sind die Wahlen streng proportional. Bei den letzten Wahlen standen 33 Parteien auf den Wahllisten, 12 davon überschritten die Mindestgrenze von 2%.

Der nächste Premierminister wird nicht zwangsläufig auch der Führer der Partei mit der größten Stimmenanzahl sein, sondern der Kandidat, der eine Koalition mit mindestens 61 (von 120) Knessetmitgliedern zusammenstellen kann.

Der richtige Wahlkampf in Israel findet nicht zwischen Parteien, sondern zwischen Blocks statt. Kann die Linke (oder Mitte-Links, wie sie sich neuerdings selbst bezeichnet) die magische Zahl von 61 erreichen?

In der Praxis hat Netanyahu keinen ernstzunehmenden Mitbewerber zur Zeit. Nicht nur, weil kein anderer Führer vorhanden ist, der im Entferntesten wählbar erscheint, sondern weil die derzeitige Regierungskoalition aus Kräften zusammengesetzt ist, die höchstwahrscheinlich weiterhin das Kommando in absehbarer Zeit über eine Mehrheit führen wird. Diese besteht aus dem Likud, allen Orthodoxen und anderen religiösen Parteien, den Siedlern und verschiedenen zusammengewürfelten Faschisten.

Mit der starken Geburtsrate der orthodoxen Juden wird diese Mehrheit unweigerlich wachsen. Sicher, die muslimische arabische Geburtenrate könnte das demographische Gleichgewicht bewahren, doch zählen die arabischen Stimmen kaum. Sie werden in den Umfragen kaum erwähnt und keinesfalls bei irgendeiner Mutmaßung über zukünftige Koalitionen. Ihre chronische Unfähigkeit, sich zu vereinen und eine lebensfähige politische Kraft zu schaffen, ist ein Teil dieses entmutigenden Bildes.

Dennoch können die arabischen Mitglieder eine bedeutende Rolle spielen, indem sie, falls das beinah Unmögliche geschieht und die Kräfte ausgeglichen sind, Netanyahu die Mehrheit versagen.

SO, WAS ist mit dem Block der Linken?

Zur Zeit bieten sie einen jämmerlichen Anblick. Bis jetzt kamen sie zumindest einmal pro Jahr zusammen, wenn die große Gedächtniskundgebung zu Ehren von Yitzak Rabin an der Stelle, wo er ermordet wurde, stattfindet, heutzutage „Rabin Platz“ genannt.

Dieses Jahr finden zwei getrennte Gedenkdemonstrationen an dieser Stelle statt, mit einer Woche Unterschied.

Eine davon ist die traditionelle Kundgebung. Im Allgemeinen kommen Hunderttausend Menschen zusammen, um über Rabin und den Frieden zu trauern. Dieses Treffen ist strikt unpolitisch und unparteiisch, die Reden sind lauwarm, „Extremisten“-Sprache ist verpönt, die Mörder und ihre Helfershelfer werden vorsichtig erwähnt, es wird viel über Frieden geredet (und gesungen), aber ohne viel Substanz. Soziale Angelegenheiten werden überhaupt nicht erwähnt.

Die andere geplante Kundgebung wird von inoffiziellen Unterstützern der Arbeiterpartei abgehalten, die jetzt von Shelly Yachimovich angeführt wird. Man wird viel über soziale Ungerechtigkeit und „schweinischen Kapitalismus“ sprechen – aber über die Besatzung und die Siedler zu sprechen, wird untersagt. Frieden wird, wenn überhaupt, als nichtssagender Slogan erwähnt.

Yachimovich, eine 53 Jahre alte ehemalige Radiojournalistin hat, ihre Partei unter ihrer Verantwortung von einem bedauernswerten Rest auf ansehnliche 20 Sitze in den Umfragen wachsen sehen. Sie hat dies erreicht, indem sie geflissentlich jegliches Gespräch über Frieden vermieden hat. Sie drückte ihre Sympathie für die Siedler und die Orthodoxen aus und sieht die Besatzung als Gegebenheit des Lebens. Unter Druck hat sie ein Lippenbekenntnis zur Zwei-Staaten-Lösung abgegeben, machte aber deutlich, dass utopische Dinge wie diese sie nicht wirklich interessieren.

Ihr einziges Ziel ist es, für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Ihre Feinde sind die Milliardäre, ihre Flagge ist sozialdemokratisch. Sie erwähnt nicht die Tatsache, dass die außergewöhnlichen Summen, die für einen wirkungsvollen sozialen Wandel erforderlich sind, durch das extrem hohe Militärbudget, die Siedlungen und die orthodoxen Parasiten, die nicht arbeiten, verschleudert werden.

In der Vergangenheit pflegte die israelische Linke sich zu rühmen, zwei Flaggen zu tragen: Frieden und soziale Gerechtigkeit. Nun bleiben uns zwei Linke: eine, die die Friedensfahne ohne soziale Gerechtigkeit trägt, und eine, die die Fahne sozialer Gerechtigkeit ohne Frieden trägt.

Ich mag Yachimovichs Strategie nicht, aber zumindest hat sie eine. Man kann diese aus rein pragmatischen Gründen befürworten. Falls sie Stimmen aus dem Block der Rechten sammeln – und den der Linken vergrößern kann, wenn sie sich nur auf die sozialen Angelegenheiten konzentriert und die Besatzung ignoriert, könnte dies eine berechtigte Taktik sein.

Aber, ist es eine Taktik? Oder spiegelt es ihre wahren Überzeugungen wider? Es kann keinen Zweifel daran geben, dass ihr Streben nach sozialer Gerechtigkeit echt ist. Ihre Aktivitäten in der Knesset zeugen dafür. Aber kann man dasselbe auch im Hinblick auf ihr Streben nach Frieden sagen?

YACHIMOVICH IST nicht der einzige Anwärter auf den Thron der Linken. Jeder kann sehen, dass es ein riesiges schwarzes Loch auf der linken Seite der politischen Karte gibt, und viele sind darauf erpicht, dieses zu füllen.

Ehud Olmert, der gerade wegen eines kleineren Vergehens verurteilt wurde und noch unter mehreren Anklagen wegen Korruption steht, deutet an, dass es ihn reizt, zurückzukommen. So auch Arieh Deri, der bereits seine Gefängniszeit aufgrund von Korruption abgesessen hat und der den Rassisten, Eli Yishai, verdrängen will. Zipi Livni, die ungeschickte frühere Kadimaführerin, will ebenfalls zurück. Ya’ir Lapid, der attraktive TV-Star, der die beneidenswerte Fertigkeit hat, ohne etwas zu sagen, überzeugend zu sprechen, hat eine neue Partei, die „Es gibt eine Zukunft“ genannt wird, und sieht darin eine rosige Zukunft – für sich selbst. Daphni Leef, die Heldin der sozialen Rebellion von letztem Jahr, spricht von einem neuen außerparlamentarischen Aufbegehren, dürfte vielleicht eventuell überzeugt werden, nach alledem Parlamentarierin zu werden. Und so weiter.

Ein entschlossener Träumer könnte hoffen, dass all diese Kräfte sich vereinen und Netanyahu im Sinne der berühmten Militärmaxime von Helmut von Moltke entmachten: „Getrennt marschieren, vereint schlagen“. Doch ich würde nicht darauf wetten. Die Chancen in Sheldon Adelsons Macao-Casino sehen besser aus.

WAS WIRD also im nächsten Frühling auf uns zukommen? Obama mit Netanyahu, Romney mit Netanyahu, einer von beiden mit jemand anderem?

Wie man so sagt: „Die Zeit wird es zeigen.“

Aus dem Englischen.: Inga Gelsdorf, vom Verfasser autorisiert.

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Über Bomben und Comics

Erstellt von Gast-Autor am 14. Oktober 2012

Über Bomben und Comics

Autor Uri Avnery

MEINE ERSTE Reaktion auf Benjamin Netanjahus Vorstellung von Comics bei der UN-Vollversammlung war Scham.

Scham darüber, dass der oberste Vertreter meines Landes sich zu so einem primitiven rhetorischen Kunstgriff  herablässt, den man fast kindisch nennen

(Ein israelischer Kommentator schlug vor, ihn mit einer Menge Papier und Tusche auf einen Teppich zu setzen, wo er nach Herzenslust malen könne.)

Er sprach vor einer halbleeren Halle (das israelische Fernsehen zeigte während seiner Rede vorsichtshalber nicht die ganze Halle), und die Zuhörerschaft bestand aus zweitklassigen Diplomaten, aber diese waren noch gut erzogene Leute. Selbst Netanjahu muss es klar gewesen sein, dass sie diese Schaustellung verachteten. Aber Netanjahu sprach gar nicht zu ihnen. Er redete mit der jüdischen Zuhörerschaft zu Hause in Israel und in den USA.

DIESE ZUHÖRERSCHAFT war stolz auf ihn. Es gelang ihm, ihre tiefsten Gefühle anzusprechen.

Um dies zu verstehen, muss man auf historische Erinnerungen zurückgreifen. Juden waren überall eine kleine, hilflose Gemeinschaft. Sie waren vollkommen vom nicht-jüdischen Herrscher abhängig.

Wann immer ihre Lage in Gefahr war, wählten die Juden die prominenteste Person aus ihren Reihen, um ihr Problem vor den Herrscher, den König oder Fürsten, zu bringen. Wenn dieser „Fürsprecher“ ( auf hebräisch Shetadlan) erfolgreich und die Gefahr abgewendet war, gewann er die Bewunderung der ganzen Gemeinde. In einigen Fällen erinnerte man sich noch Generationen lang an ihn wie an den mythischen Mordechai im biblischen Buch „Esther“.

Netanjahu erfüllte diese Funktion. Er ging direkt ins Zentrum der nicht-jüdischen Macht, das heutige Äquivalent des persischen Kaisers, und vertrat die Sache der Juden, die mit Vernichtung durch den gegenwärtigen Erben Hamans des Bösen, bedroht werden . (s. auch Buch „Esther“)

Und was für eine geniale Idee, die Zeichnung mit der Bombe vorzuzeigen! Sie wurde auf den ersten Seiten von Hunderten von Zeitungen und Nachrichtenprogrammen im Fernsehen rund um die Welt gezeigt, einschließlich der New York Times!

Für Netanjahu war dies „die Rede seines Lebens“. Um genau zu sein, wie ein TV-Kommentator trocken hinwies: es war die 8.Rede seines Lebens vor der UN-Vollversammlung.

Seine Popularität sprang in neue Höhen. Moses selbst, der höchste Fürsprecher am Hof des Pharao, hätte es nicht besser machen können.

DIE CRUX der Sache lag aber irgendwo verborgen zwischen dem Schwall von Worten.

Der „unvermeidliche“ Angriff auf Irans nukleare Einrichtungen, um einen zweiten Holocaust zu verhindern, wurde auf das nächste Frühjahr oder den Sommer verschoben. Nach der monatelangen Drohung, dass der tödliche Angriff kurz bevorstehe, jede Minute gar – es war keine Minute zu versäumen – verschwand im Nebel der Zukunft.

Warum? Was war geschehen?

Nun ja, ein Grund war die Umfrage, die anzeigte, dass Barack Obama wieder gewählt werden könnte. Netanjahu hatte beharrlich alle seine Karten auf Mitt Romney, seinen ideologischen Klon, gesetzt. Aber Netanjahu glaubt auch bedingungslos an Umfragen. Es scheint, dass seine Berater ihn davon überzeugt haben, auf Nummer sicher zu gehen. Der üble Obama mag trotz Sheldon Adelsons Millionen gewinnen. Besonders jetzt, nachdem der Milliardär George Sorros sein Geld auf den amtierenden Präsidenten gesetzt hat.

Netanjahu hatte die brillante Idee, den Iran direkt vor den US-Wahlen anzugreifen. Er hoffte, dass die Hände aller amerikanischen Politiker gebunden sein würden. Wer würde es wagen, zu diesem Zeitpunkt Israel zurück zu halten? Wer würde sich weigern, Israel zu helfen, wenn die Iraner zurückschlagen?

Aber wie so viele von Netanjahus brillanten Ideen, so ist auch diese ein Flop. Obama hat Netanjahu in klaren Worten gesagt: Kein Angriff vor den Wahlen – oder …

DER NÄCHSTE Präsident der USA – wer immer es sein mag – wird Netanjahu genau dasselbe auch nach den Wahlen sagen.

Wie ich schon früher gesagt habe (man möge mich entschuldigen, dass ich mich wieder selbst zitiere), ein militärischer Angriff auf den Iran kommt nicht in Frage. Der Preis ist unerträglich hoch. Die geographischen, wirtschaftlichen und militärischen Fakten wirken zusammen, um dies zu verhindern. Die Meerenge von Hormuz würde geschlossen werden, die Weltwirtschaft würde zusammenbrechen, ein langer und verheerender Krieg wäre die Folge.

Selbst wenn Mitt Romney an der Macht wäre, umgeben von einer Menge von Neo-Cons würde es kein bisschen diese Fakten ändern.

Obamas Sache wird durch die aus dem Iran kommenden wirtschaftlichen Nachrichten sehr gestärkt. Die internationalen Sanktionen haben erstaunliche Ergebnisse. Die Skeptiker – von Netanjahu angeführt – werden widerlegt.

Im Gegensatz zu den anti-islamischen Karikaturen ist der Iran ein normales Land mit einer normalen Mittelklasse und Bürgern mit hohem politischem Bewusstsein. Sie wissen, dass Mahmoud Achmadinejad ein Tor ist. ( Falls er tatsächlich eine Atombombe produzieren wollte, hätte er dann wirklich all diese idiotischen Reden über Israel und/oder den Holocaust gehalten? Hätte er dann nicht eher seinen Mund gehalten und im Stillen hart gearbeitet ?) Aber da er sowieso weggeht, braucht man gerade jetzt keine Revolution machen.

Das praktische Ergebnis: Tut mir leid: kein Krieg.

DIE GANZE Affäre bringt uns wieder auf die Walt-Mearsheimer-Kontroverse. Kontrolliert Israel die US-Politik? Wedelt der Schwanz mit dem Hund?

Zu einem sehr großen Teil ist dies zweifellos der Fall. Es genügt, der gegenwärtigen Wahlkampagne zu folgen und wahrzunehmen, wie beide Kandidaten mit der israelische Regierung in unterwürfiger Weise umgehen, mit einander konkurrieren, wer den andern mit schmeichelnden Worten und Unterstützung übertrifft.

Jüdische Stimmen spielen eine bedeutende Rolle in Pendelstaaten, und jüdisches Geld spielt eine große Rolle bei der Finanzierung beider Kandidaten (O tempora- o mores! Es gab einmal einen jüdischen Witz: Ein polnischer Edelmann bedrohte seinen benachbarten Edelmann: „Wenn du meinen Juden schlägst, werde ich deinen Juden schlagen!“ Jetzt bedroht ein jüdischer Milliardär einen andern jüdischen Milliardär: Wenn du deinem Goi eine Million schenkst, gebe ich meinem Goi eine Million!“)

Die Nahost-Politik des Obama-Regierungsstabes ist von zionistischen Juden besetzt bis zum US-Botschafter in Tel Aviv, der ausgezeichnet Hebräisch spricht. Dennis Ross, der den Nahost-Friedens begrub, scheint überall zu sein. Romney’s Neo-Cons sind auch meistens Juden.

Juden haben einen sehr großen Einfluss – bis zu einem gewissen Punkt. Dieser Punkt ist extrem wichtig.

Ein kleines Beispiel: Jonathan Pollard, der amerikanisch-jüdische Spion, bekam eine lebenslängliche Gefängnisstrafe. Viele Leute (einschließlich meiner selbst) halten diese Strafe für ungebührlich hart. Doch kein Amerikaner wagte zu protestieren, auch AIPAC verhielt sich ruhig, und kein amerikanischer Präsident wurde von israelischem Ersuchen zur Milde umgestimmt. Das für die Sicherheit zuständige US-Establishment sagte nein, und dabei blieb es.

Der Krieg gegen den Iran ist eine Million mal bedeutender. Er betrifft lebenswichtige amerikanische Interessen. Das amerikanische Militär ist dagegen (wie auch das israelische Militär). Jeder in Washington DC weiß, dass dies keine Nebensache ist. Es berührt die eigentliche Basis der amerikanischen Macht in der Welt.

Und wer hätte das gedacht: die USA sagen gegenüber Israel „Nein“. Der Präsident sagt kühl, in Sachen lebenswichtiger Sicherheitsinteressen kann kein fremdes Land den US-Chef-Kommandeur zwingen, rote Linien ziehen und ihn selbst in einen Krieg ziehen . Nicht einmal mit Hilfe von Zeichnungen aus einem Comicbuch.

Die Israelis sind entsetzt. Was? Wir, das von Gott erwählte Volk, sind Fremde? Genau wie andere Ausländer?

Dies ist eine sehr wichtige Lektion. Wenn sich die Dinge zuspitzen, dann ist der Hund ein Hund und der Schwanz noch immer ein Schwanz.

WAS IST es also mit Netanjahus Iran- Engagement?

Vor kurzem wurde ich von einem ausländischen Journalisten gefragt, ob Netanjahu die Beendigung der militärischen Option gegen den Iran überleben wird, nachdem er monatelang über nichts anderes geredet hat. Wie ist es mit dem iranischen Hitler? Was ist mit dem bevorstehenden Holocaust?

Ich sagte zu ihm, er solle sich darüber keine Sorgen machen. Netanjahu kann leicht damit fertig werden, indem er erklärt, die ganze Sache sei eine List gewesen, damit die Welt strengere Sanktionen gegen den Iran verhänge.

Aber war es das?

Einflussreiche Leute in Israel sind in zwei Gruppen geteilt, die zwei Meinungen vertreten.

Das erste Lager macht sich Sorgen, dass unser Ministerpräsident wirklich übergeschnappt sei. Dass er von der Idee Iran besessen sei, vielleicht krankhaft unausgewogen, dass der Iran für ihn zu einer fixen Idee wurde.

Das andere Lager ist davon überzeugt, dass die ganze Sache von Anfang an ein Trick war, um unsere Aufmerksamkeit von dem einen Problem abzulenken, mit dem wir uns wirklich befassen sollten: Frieden mit den Palästinensern.

Darin war er sehr erfolgreich. Seit Monaten stand Palästina weder auf Israels Agenda noch auf der der Welt. Palästina? Frieden? Was für ein Palästina? Was für ein Frieden? Und während die Welt auf den Iran wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf die Schlange starrt, werden Siedlungen vergrößert und die Besatzung verstärkt – und wir segeln stolz auf eine Katastrophe zu.

Und das ist keineswegs eine Geschichte aus einem Comicbuch.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die große Unterlassung

Erstellt von Gast-Autor am 7. Oktober 2012

Die große Unterlassung

Autor Uri Avnery

ICH SITZE hier, um diesen Artikel auf die Minute genau zu schreiben , als vor 39 Jahren die Sirenen zu heulen anfingen.

Eine Minute vorher herrschte totale Ruhe so wie jetzt. Kein Verkehr, keine Aktivitäten auf der Straße, wenn man von ein paar radelnden Kindern absieht. Yom Kippur, der heiligste Tag für Juden, herrschte absolut. Und dann ….

Unvermeidlich beginnt die Erinnerung zu arbeiten.

IN DIESEM Jahr wurden viele alte Dokumente für die Veröffentlichung frei gegeben. Kritische Bücher und Artikel folgten.

Alle beschuldigten die Ministerpräsidentin Golda Meir und den Verteidigungsminister Moshe Dayan.

Sie sind schon direkt nach dem Krieg getadelt worden, aber nur für oberflächliche militärische Versäumnisse, die man „die große Unterlassung“ nannte. Die Unterlassung war, die Reservisten nicht mobilisiert und die Panzer nicht rechtzeitig an die Front gebracht zu haben, trotz der vielen Anzeichen, Ägypten und Syrien seien im Begriff, uns anzugreifen.

Jetzt wird zum ersten Mal die wirklich „große Unterlassung“ untersucht: der politische Hintergrund des Krieges. Die Ergebnisse haben einen direkten Bezug zu dem, was jetzt geschieht.

ES STELLT sich heraus, dass im Februar 1973, also acht Monate vor dem Krieg, Anwar Sadat seinen Vertrauensmann Hafez Ismail zum allmächtigen US-Außenminister Henry Kissinger sandte. Er bot ihm an, sofort Friedensverhandlungen mit Israel zu beginnen.

Es gab eine Bedingung und ein Datum: der ganze Sinai bis zur internationalen Grenze sollte ohne irgend eine israelische Siedlung an Ägypten zurückgegeben werden, und das Abkommen sollte spätestens bis Ende September abgeschlossen sein.

Kissinger mochte den Vorschlag und gab ihn gleich an den israelischen Botschafter Yitzhak Rabin weiter, der im Begriff war, seine Amtszeit zu beenden. Rabin informierte natürlich gleich die Ministerpräsidentin Golda Meir.

Golda schlug das Angebot sofort ab. Es folgte eine hitzige Konversion zwischen dem Botschafter und der Ministerpräsidentin. Rabin, der Kissinger sehr nahe stand, hätte das Angebot gerne angenommen.

Golda behandelte die ganze Initiative als einen weiteren arabischen Trick, sie zu veranlassen, die Sinai-Halbinsel aufzugeben und die Siedlungen, die auf ägyptischem Territorium gebaut worden waren, zu entfernen.

Schließlich war der wirkliche Zweck dieser Siedlungen – einschließlich der neuen in hellem Weiß leuchtenden Stadt Yamit – genau die Rückgabe der ganzen Halbinsel an Ägypten zu verhindern. Weder Golda noch Dayan dachten daran, den Sinai zurückzugeben. Dayan hatte schon den berüchtigten Ausspruch gemacht, er zöge „Sharm al-Sheik ohne Frieden dem Frieden ohne Sharm al-Sheik“ vor. (Sharm al-Sheik, dem schon der hebräische Namen Ophira gegeben worden war, liegt nahe der südlichen Spitze der Halbinsel, nicht weit von den Ölquellen, die Dayan auch nicht aufgeben wollte.)

Selbst vor den neuen Enthüllungen, war die Tatsache, dass Sadat mehrere Friedens-annäherungen gemacht hatte, kein Geheimnis gewesen. Sadat hatte seine Bereitschaft, ein Abkommen zu erreichen, bei seinen Gesprächen mit UN-Vermittler Dr. Gunnar Jarring zu verstehen gegeben. Dessen Bemühungen waren in Israel schon zu einem Witz geworden.

Zuvor hatte der vorherige ägyptische Präsident Gamal Abd-al-Nasser Nahum Goldman, den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses (und eine Zeit lang der Präsident der Zionistischen Weltorganisation) eingeladen, ihn in Kairo zu treffen. Golda hat dieses Treffen verhindert, und als dies bekannt wurde, gab es in Israel einen Sturm von Protesten, einschließlich des berühmten Briefes einer Gruppe von Zwölft-Klässlern, die zu verstehen gaben, dass es für sie hart werden würde, in der Armee zu dienen.

All diese ägyptischen Initiativen konnten als politische Manöver beiseite gewischt werden. Aber eine offizielle Botschaft von Sadat an den amerikanischen Außenminister konnte nicht ignoriert werden.

Golda entschied sich, auf Grund der Lektion des Goldman-Vorfalles die ganze Sache einfach geheim zu halten.

AUF DIESE Weise wurde eine unglaubliche Situation geschaffen. Diese schicksalhafte Initiative, die einen historischen Wendepunkt hätte bewirken können, wurde nur zwei Leuten zur Kenntnisnahme gebracht: Moshe Dayan und Israel Galili.

Die Rolle des letzteren muss erklärt werden: Galili war die „graue Eminenz“ Goldas, als auch ihres Vorgängers Levy Eshkol. Ich kannte Galili gut und verstand nie, wo sein Ansehen als brillanter Stratege herkam. Vor der Gründung des Staates, war er die Lichtgestalt der illegalen Hagana-Militärorganisation. Als Mitglied eines Kibbuzes war er offiziell ein Sozialist, aber in Wirklichkeit war er ein nationalistischer Hardliner. Er war es, der die brillante Idee hatte, Siedlungen auf ägyptischem Territorium zu bauen, um die Rückgabe des nördlichen Sinai unmöglich zu machen.

Die Sadat-Initiative war also nur fünf Personen bekannt: Golda, Dayan, Galili, Rabin und Rabins Nachfolger in Washington Simcha Dinitz, einem Niemand, Goldas Lakai.

So unglaublich es klingen mag: der Außenminister Abba Ebban, Rabins direkter Boss war nicht informiert. Noch waren es all die anderen Minister, der Stabschef und die anderen Führer der bewaffneten Kräfte, einschließlich der Chefs der Armee-Nachrichtendienste, wie auch die Chefs des Shin Bet und des Mossad. Es war ein Staatsgeheimnis.

Keine Debatte gab es darüber – weder öffentlich noch geheim . Der September kam und ging vorüber, und am 6. Oktober überquerten Sadats Soldaten den Suez-Kanal und erlangten einen welterschütternden Überraschungserfolg (wie die Syrer auf den Golan-Höhen).

Als direkte Folge von Goldas „großer Unterlassung“ starben 2693 israelische Soldaten, 7251 wurden verletzt und 314 wurden gefangen genommen (wobei die Zehntausende ägyptischer und syrischer Verluste noch nicht erwähnt wurden.)

IN DIESER Woche beklagten israelische Kommentatoren das totale Schweigen der Medien und Politiker zu jener Zeit.

Na ja, nicht völlig. Mehrere Monate vor dem Krieg warnte ich Golda Meir bei einer Rede in der Knesset, wenn der Sinai nicht bald zurückgegeben werde, würde Sadat mit einem Krieg beginnen, um den toten Punkt zu überwinden.

Ich wusste, worüber ich sprach. Ich hatte natürlich keine Ahnung von der Ismail-Mission. Aber im Mai 1973 nahm ich an einer Friedenskonferenz in Bologna teil. Die ägyptische Delegation wurde von Khalid Muhyi-al-Din geleitet, einem Mitglied der ursprünglichen Gruppe Freier Offiziere, von denen die 1952er-Revolution ausging. Während der Konferenz nahm er mich zur Seite und sagte mir im Vertrauen, wenn der Sinai nicht bis September zurückgegeben sei, würde Sadat einen Krieg beginnen. Sadat mache sich keine Illusionen darüber, wer siegen würde, sagte er, er hoffe aber, dass ein Krieg die USA und Israel zwingen würden, mit Verhandlungen über die Rückgabe des Sinai zu beginnen.

Meine Warnung wurde von den Medien vollkommen ignoriert. Sie behandelten wie Golda die ägyptische Armee mit abgrundtiefer Verachtung und betrachteten Sadat als Troddel. Der Gedanke, dass die Ägypter die unbesiegbare israelische Armee anzugreifen wagen würden, erschien lächerlich.

Die Medien beteten Golda an. Auch die ganze Welt, besonders Feministinnen. (Ein berühmtes Poster zeigt ihr Gesicht mit der Aufschrift: „Aber kann sie tippen?“) In Wirklichkeit war Golda eine sehr primitive Person, ignorant und starrsinnig. Mein Magazin Haolam Hazeh griff sie praktisch jede Woche an wie auch ich in der Knesset. ( Sie gab mir das einzigartige Kompliment einer öffentlichen Erklärung, sie sei bereit, „ auf die Barrikaden zu gehen“, um mich aus der Knesset zu jagen.)

Unsere Stimme war wie „eine Stimme in der Wüste“, aber sie erfüllte eine Funktion: in ihrem Buch „Marsch der Torheiten“ ) verlangte Barbara Tuchman , dass eine Politik nur dann als töricht gebrandmarkt werden könne, wenn wenigstens eine Stimme zur richtigen Zeit gewarnt hätte.

Vielleicht hätte sogar Golda nachgedacht , wenn sie nicht von so sehr sie preisenden Journalisten und Politikern umgeben gewesen wäre, die ihre Weisheit und ihren Mut zelebrierten und jedem ihrer dummen Aussprüche applaudierten.

DER GLEICHE Typ von Leuten, ja, sogar einige genau derselben, tun jetzt gegenüber Benjamin Netanjahu dasselbe.

Wieder starren wir derselben „großen Unterlassung“ ins Gesicht.

Wieder entscheidet eine Gruppe von zwei oder drei Personen über das Schicksal der Nation. Allein Netanjahu und Ehud Barak (wahrscheinlich mit Hilfe Netanjahus Frau Sara’le ) treffen alle Entscheidungen und halten „ihre Karten nah an ihrer Brust“. Den Iran angreifen oder nicht angreifen? Die Politiker und Generäle werden im Dunklen gelassen. Bibi und Ehud wissen es am besten. Ein Beitrag von anderer Seite ist nicht nötig.

Aber bedeutender als die blutigen Drohungen gegen den Iran ist das totale Schweigen zu Palästina. Die palästinensischen Friedensangebote werden einfach ignoriert wie diejenigen von Sadat in der damaligen Zeit. Die zehn Jahre alte arabische Friedensinitiative, die von allen arabischen und muslimischen Staaten unterstützt wird, existiert nicht.

Wieder werden Siedlungen aufgebaut und erweitert, um die Rückgabe der besetzten Gebiete unmöglich zu machen. (erinnern wir uns an jene, die damals behaupteten , die Besetzung des Sinai sei „irreversibel“. Wer würde es wagen, Yamit zu zerstören?)

Wieder sind es Mengen von Schmeichlern, Medienstars und Politikern, die miteinander in der Lobhudelei des „Bibi, König von Israel“ wetteifern. Wie flüssig und sanft er auf amerikanisch reden kann! Wie überzeugend seine Reden in der UN und im US-Senat seien!

Nun, Golda war mit ihren etwa 200 Wörtern schlechtem Hebräisch und primitivem Amerikanisch viel überzeugender, und sie erfreute sich der Lobhudelei der ganzen westlichen Welt. Doch wenigstens hatte sie das rechte Gefühl, den amtierenden amerikanischen Präsidenten (Richard Nixon) während einer Wahlkampagne nicht herauszufordern.

IN JENEN Tagen nannte ich unsere Regierung „Das Narrenschiff“. Unsere jetzige Regierung ist schlimmer, viel schlimmer.

Golda und Dayan führten in eine Katastrophe. Nach dem Krieg, ihrem Krieg, wurden sie hinausgeworfen – nicht durch Wahlen, nicht durch irgendein Untersuchungskomitee , sondern durch einen Volksmassenprotest, der das Land erschütterte.

Bibi und Ehud führen uns in eine andere, viel schlimmere Katastrophe. Eines Tages werden sie von den selben Leuten hinausgeworfen, die sie jetzt anhimmeln – falls sie überleben.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Botschaft von Romneyahu

Erstellt von Gast-Autor am 30. September 2012

Botschaft von Romneyahu

Autor Uri Avnery

ES WAR einmal, dass Präsident Richard Nixon einen gewissen Juristen für das Oberste US-Gericht ernennen wollte.

„Aber dieser Mann ist ein kompletter Troddel!“ rief ein Senator aus.

„Ja und?“ antwortete ein anderer, „Es gibt eine Menge Troddel in den USA, und sie haben ein Recht, im Gericht vertreten zu sein, genau wie jeder andere Sektor der Gesellschaft.“

Vielleicht haben die vereinten Troddel von Amerika ein Recht, Mitt Romney als Präsidenten zu wählen. Aber um der USA und um Israels willen hoffe ich, dass dies nicht geschieht.

Einige Leute sagen, Israel sei der 51. Staat der Union. Einige sagen, es sei der 1. unter den 51. Was auch immer, unser Leben – vielleicht auch unser Tod – hängt zum großen Teil vom Mann im Weißen Haus ab.

Mit all meinen Bedenken ( und ich hab eine Menge) betreffs Barack Obama, so hoffe ich doch sehr, dass er wieder gewählt wird.

BEI SEINEM letzten Anfall von Weisheit hat Romney nicht nur bekannt gegeben, dass 47% der Amerikaner Parasiten seien, sondern auch, dass „die Palästinenser“ Israel zerstören wollen. Nach ihm gebe es in dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern keine Lösung, er werde auf ewig so weitergehen.

Ich frage mich, woher er diese letzte Weisheit hat.

In Nazi-Deutschland gab es einen gewissen Herrn Dr. Otto Dietrich, einen Funktionär des Propagandaministeriums. Jeden Tag versammelte er die Herausgeber der wichtigsten Tageszeitungen in Berlin und sagte ihnen, was ihre Schlagzeile und Kommentarseite am nächsten Tag beinhalten sollte.

Das war, bevor es Fax und Internet gab. Heutzutage faxt das Büro des Ministerpräsidenten eine tägliche „Seite der Botschaften“ an Netanyahus Minister und andere Handlanger, die ihnen sagen, welche Botschaften verbreitet werden sollen.

Ich habe stark den Verdacht, dass Romney diese Seite der Botschaften direkt vor dem Treffen mit seinem Auditorium, das aus Milliardären ( oder nur Millionären) zusammengesetzt war, gelesen hat. Schließlich konnte er diese erstaunlichen Einsichten nicht von sich selbst haben, oder ?

„DIE PALÄSTINENSER“ bedeutet „alle Palästinenser“. Alle neun Millionen von ihnen in der Westbank, Ost-Jerusalem, im Gazastreifen, in Israel und – nicht zu vergessen – die Flüchtlinge in aller Welt.

Ich vermute, dass, wenn durch göttliche Intervention Israel von der Weltkarte verschwinden sollte, nur sehr wenige Palästinenser eine Träne vergießen würden. Und nicht viele Israelis würden eine Träne vergießen, wenn wieder durch göttliche Intervention alle Palästinenser aus dem Lande verschwinden würden. Wer weiß, wenn Romneys evangelikale Freunde genug beten, lässt Gott alle Russen, Chinesen, Nordkoreaner, Iraner und andere sortierte Bösewichte entmaterialisieren.

Leider gehören solche Fantasien ins Reich der Träume und Alpträume. In der wirklichen Welt verschwinden keine Völker, nicht einmal nach grausigen Völkermorden, noch können Staaten, die Atombomben besitzen, von ausländischen Feinden ausradiert werden .

Ich kenne eine ganze Anzahl von Palästinensern, und keiner von ihnen glaubt, dass Israel vernichtet werden kann. Seitdem Yasser Arafat Ende 1973 sich entschlossen hat, er müsse sich mit Israel einigen, wünscht die große Mehrheit der Palästinenser ein Abkommen, das ihnen ermöglicht, ihren eigenen Staat in einem Teil des historischen Palästinas aufzubauen. Dies wird die „Zwei-Staaten-Lösung“ genannt.

Die gegenwärtige Regierung Israels wünscht dies nicht, weil sie nicht bereit ist, 22% des historischen Palästinas, das der Staat Palästina werden würde, aufzugeben. Da sie keine lebensfähige Alternative haben, behaupten Regierungssprecher, dass „dieser Konflikt keine Lösung hat.“

Einer der Väter dieses Schlagwortes ist Ehud Barak. Nach dem gescheiterten Camp-David-Treffen erklärte Barak, damaliger Ministerpräsident, „wir haben keinen Partner für den Frieden.“ Da Barak die Hauptursache für das Scheitern des Treffens war, nannte ich ihn einen „ Friedenskriminellen“.

Netanyahu nahm dankbar Baraks Slogan auf, und jetzt glaubt die Mehrheit in Israel diese Botschaft. (Vor kurzem wurde ich hier von einer dänischen Journalistin interviewt. Ich sagte zu ihr: Wenn wir hier fertig sind, halten sie das nächstbeste Taxi an und fragen Sie den Fahrer nach dem Frieden. Er wird Ihnen sagen: “Frieden wäre wunderbar. Ich bin bereit, alle (besetzten) Gebiete zurückzugeben. Aber leider wollen die Araber keinen Frieden mit uns machen.“ Eine Stunde später rief mich die Journalistin aufgeregt an: „Ich machte genau das, was Sie sagten, und der Fahrer wiederholte Ihre Worte Wort für Wort.“)

„Keine Lösung“ gibt den Eindruck von „es wird alles so bleiben, wie es ist.“ Das ist ein Irrtum. Nichts bleibt, wie es ist. Die Dinge bewegen sich ständig, die Siedlungen wachsen, die Palästinenser werden sich erheben, die Welt ist im Fluss, die arabische Welt verändert sich, China wird eine Weltmacht, eines Tages wird ein amerikanischer Präsident die Interessen der US denen Israels voranstellen. Wo werden wir dann sein?

DAS WESENTLICHE von Romneys Aussage ist, dass die Zwei-Staaten-Lösung tot ist. Dies erinnert mich an Marc Twains berühmtes Wort: „Der Bericht von meinem Tod war eine Übertreibung.“

Es ist jetzt Mode, so zu reden. Ein Trend. Doch, verschiedene Leute haben verschiedene Gründe, dies zu glauben, dass die Zwei-Staaten-Lösung tot ist.

Eltern, Lehrer, Pädophile und Kannibalen sagen alle, sie liebten die Kinder – aber ihre Motive sind nicht dieselben. Das gilt auch hier für die Möchtegern-Bestatter der Zwei-Staaten-Lösung. Sie beschließen:

Erstens: Idealisten, die wünschen, dass Menschen verschiedener Nationen in Harmonie und Gleichheit in einem Staat zusammenleben. (Ich würde ihnen raten, die Geschichte der Sowjetunion, Jugoslawiens, Zyperns, der Tschechoslowakei, des Sudan und die augenblicklichen Situation der Franzosen in Kanada, der Schotten in Großbritannien, der Flamen in Belgien und der Basken und Katalanen in Spanien zu studieren.)

Zweitens : Araber, die glauben, dass dies ein friedlicher Weg wäre, Israel loszuwerden.

Drittens: Die Siedler, die das ganze historische Palästina unter ihre Herrschaft bringen und, wenn möglich, das Land von Nicht-Juden „säubern“ wollen.

Viertens: Israelis, die glauben, dass die Siedlungen eine Situation geschaffen haben, die „irreversibel“ ist (Meron Benvenisti, ein früherer stellvertretender Bürgermeister von Jerusalem, prägte diesen Satz schon in den 80ern, als es dort weniger als 100 000 Siedler gab. Ich sagte damals zu ihm, dass nichts außer dem Tod irreversibel sei. Die von Menschen geschaffenen Situationen können durch Menschen wieder verändert werden.)

Fünftens: Antizionisten, einschließlich jüdischer Antizionisten, die den Zionismus willkürlich mit allen seinen guten und schlechten Seiten hassen und für die allein die Existenz eines „jüdischen Staates“ schon grässlich ist.

Sechstens: die muslimischen Fanatiker, die glauben, dass Palästina ein muslimischer WAQF (Religiöse Stiftung) sei, so dass es eine Todsünde sei, einen Teil nicht-muslimischen Ungläubigen zu überlassen.

Siebtens: Jüdische Fanatiker, die glauben, dass ganz Erez Israel vom Nil bis zum Euphrat den Juden von Gott versprochen worden sei, sodass es eine tödliche Sünde sei, einen Teil Nicht-Juden abzutreten.

Achtens: Christliche Fanatiker, die glauben, dass die Wiederkunft Jesu Christi nur möglich sein wird, nachdem alle Juden der Welt sich in diesem Land versammelt hätten (ohne Platz für irgend jemand anderen).

Entschuldigt, wenn ich jemanden vergessen haben sollte.

EINIGE DIESER Leute haben etwas erfunden, das sich „Ein-Staat-Lösung“ nennt. Das ist ein Oxymoron. Es gibt ein Ein-Staat-Problem, doch es gibt keine „Ein-Staat-Lösung“

Von Zeit zu Zeit lohnt es sich, auf die grundlegenden Faktoren unseres Lebens zurück zu kommen.

In diesem Lande hier leben zwei Völker.

Keines der beiden will weggehen. Sie werden bleiben.

Während die arabischen Palästinenser, die im Lande leben , nur eine Minderheit sind, werden sie ziemlich bald die Mehrheit sein.

Beide Völker sind sehr nationalistisch.

Die beiden Völker haben verschiedene Kulturen, Sprachen, Religionen, historische Narrative, soziale Strukturen und verschiedenen Lebensstandard. Gegenwärtig – nach etwa 130 Jahren eines anhaltenden Konflikts – hat sich zwischen ihnen ein intensiver Hass aufgebaut.

Die Aussicht, dass diese beiden Völker friedlich in einem Staat zusammenleben, in derselben Armee und Polizei dienen, dieselben Steuern zahlen und dieselben Gesetze einhalten könnten, die vom gemeinsamen Parlament erlassen werden, ist gleich null.

Die Möglichkeit, dass diese beiden Völker friedlich Seite an Seite leben können, jedes mit seiner eigenen Flagge und seiner eigenen gewählten Regierung (und seinem eigenen Fußballteam) existiert bereits.

Solche Koexistenz kann verschiedene Formen annehmen: von einer losen Konföderation mit offenen Grenzen und freier Bewegung zu engeren Formen von sich entwickelnden Strukturen, wie die Europäische Union.

Ich hoffe, dass dies nicht zu kompliziert für Mitt Romney ist, um es zu verstehen. Aber dies mag irrelevant werden, wenn er – wie ich inbrünstig hoffe – nicht gewählt wird.

Ich würde es sehr ungern sehen, wenn einem Ignoranten die Gelegenheit gegeben würde, die Angelegenheiten der Welt auf unserm Rücken zu lernen .

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Protest in Ramallah

Erstellt von Gast-Autor am 23. September 2012

Protest in Ramallah

Autor Uri Avnery

ALS ICH kürzlich nach mehreren Monaten Abwesenheit Ramallah besuchte, war ich  von der anhaltenden Bautätigkeit sehr beeindruckt. Überall neue Hochhäuser, und viele sind sehr schön.  (Araber scheinen ein angeborenes Talent für Architektur zu haben, wie jede Weltanthologie von wichtigen Gebäuden bestätigt.)

Der Bauboom scheint ein gutes Zeichen zu sein, insofern als er die israelischen Behauptungen bestätigt, die Wirtschaft blühe in den besetzten Gebieten. Aber auf den 2. Blick schwindet meine Begeisterung. Schließlich wird das Geld in Gebäude investiert und nicht in Fabriken oder andere Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen und wirkliches Wirtschaftswachstum liefern. Es zeigt nur, dass einige Leute reich werden  – sogar unter der Besatzung.

Mein Ziel war ein diplomatischer Empfang. Einige hohe Funktionäre der palästinensischen Autorität und andere Palästinenser der Oberschicht waren da.

Ich tauschte einige Höflichkeiten mit dem palästinensischen Ministerpräsidenten Salam Fayyad  und mit einigen gut gekleideten Gästen aus und erfreute mich an  den angebotenen Köstlichkeiten. Ich bemerkte keinerlei Aufregung.

Keiner hätte vermutet, dass in eben diesem Augenblick im Zentrum der Stadt eine stürmische Demonstration stattfand. Es war der Beginn eines  massiven Protestes, der noch  immer weitergeht.

DIE DEMONSTRANTEN in  Ramallah und in andern Städten und Dörfern der Westbank protestieren gegen die hohen Lebenskosten und  allgemein gegen die wirtschaftliche Not.

Palästinensische Journalisten sagten mir, dass der Preis für Benzin in der Westbank fast so hoch wie in Israel sei: ungefähr 8 Schekel pro Liter; das wären 8 $ pro  Gallon in der USA oder 1,7 Euro pro Liter in Europa. Da der Mindestlohn in der Westbank etwa 200 Euro im Monat beträgt – ein Viertel des israelischen Mindestlohns – ist dies grauenhaft. (In dieser Woche hat die palästinensische Behörde schnell den Preis verringert.)

Vor kurzem, als der muslimische Feiertag Eid al-Fitr den Ramadan-Fastenmonat beendete, haben die Besatzungsbehörden überraschend 150 000 Palästinensern erlaubt, Israel zu betreten. Einige fuhren direkt zur Meeresküste, die viele von ihnen nie zuvor gesehen hatten, obwohl sie  weniger als eine Fahrstunde entfernt  davon leben. Einige besuchten die Häuser ihrer Vorfahren. Aber viele andere gingen auf einen Einkaufsbummel. Es scheint, als seien viele Waren in Israel tatsächlich billiger als in den verarmten  besetzten Gebieten!

(Übrigens wurde von keinem einzigen Vorfall an diesem Tag berichtet.)

DIE DEMONSTRATIONEN  waren gegen die palästinensische Autorität gerichtet. Es ist ein bisschen, wie wenn  ein Hund den Stock beißt, statt den Mann, der ihn damit schlägt.

Tatsächlich ist die Palästinensische Autorität ganz hilflos. Sie ist an das Pariser Protokoll gebunden, den wirtschaftlichen Anhang des Oslo-Abkommens. Nach diesem Protokoll sind die besetzten Gebiete ein Teil des israelischen „Zollumschlages“: die Palästinenser können ihre eigenen Zölle nicht selbst festlegen.

Amira Hass von Haaretz nennt folgende  Bedingungen: Den Bewohnern des Gazastreifens  wird es nicht ermöglicht, ihre landwirtschaftlichen Produkte auszuführen; Israel beutet das Wasser, Mineralien und andere Werte der Westbank aus; die palästinensischen Dorfbewohner müssen viel mehr für Wasser zahlen als israelische Siedler;  die Gaza-Fischer  können nicht jenseits der drei Meilenzone von der Küste aus fischen; den palästinensischen Bewohnern ist es verboten, auf den Hauptschnellstraßen zu fahren, sie müssen  kostspielige Umwege  fahren.

Aber mehr als diese Einschränkungen ist es die Besatzung selbst, die keine wirklichen Verbesserungen zulässt. Welcher ernsthafte Investor würde in ein Land gehen, in dem alles von der Lust und Laune einer Militärregierung abhängt, die jede Ausrede hat, um die Untertanen zu unterdrücken? Ein Gebiet, in dem jeder Akt des Widerstandes eine brutale Rache provoziert, wie z.B. die Zerstörung von palästinensischen Ministerien 2002 bei der „Operation Verteidigungsschild“? Wo Waren für den Export monatelang vor sich hin faulen, wenn ein israelischer Konkurrent einen Beamten besticht?

Geberstaaten können der palästinensischen Autorität etwas Geld geben, um sie am Leben zu erhalten, aber sie können die Situation nicht ändern. Noch würde die Aufhebung des Pariser Protokolls, wie von den Demonstranten verlangt wird, nicht viel ändern. So lange wie die Besatzung besteht, wird jeder Fortschritt – falls es überhaupt einen gibt – mit Vorbehalt sein und vorübergehend.

NOCH IST die Situation auf der Westbank weit besser als die Situation im Gazastreifen.

Es stimmt, eine Folge der „Türkischen Flotille“ (Marva Marmara)  war, dass die Blockade des Gazastreifens  teilweise aufgehoben wurde. Fast alles kann jetzt  aus Israel eingeführt werden, obwohl fast nichts exportiert werden kann. Auch ist die Blockade vom Meer her noch in voller Kraft.

Doch in letzter Zeit hat sich die Situation  dort schnell verbessert.  Die Hunderte  Tunnels unter der ägyptischen Grenze nach Gaza  erlauben praktisch, alles hineinzubringen, von Autos bis Benzin und Baumaterial. Und jetzt, mit der Muslim-Bruderschaft an der Macht in Ägypten mag die Grenze vollkommen geöffnet werden, ein Schritt, der radikal die wirtschaftliche Situation des Gazastreifens verändern würde.

Nabeel Shaath, der palästinensische Spitzendiplomat, sagte mir beim Empfang, dass dies tatsächlich ein großes Hindernis für eine PLO-Hamas-Versöhnung sein könne. Hamas möchte warten, bis die wirtschaftliche Situation des Gazastreifens die der Westbank übertrifft und so ihre Chancen wachsen, die palästinensischen Wahlen wieder zu gewinnen. Mahmoud Abbas hofft seinerseits, dass der neue ägyptische Präsident die Amerikaner überzeugen würde, er müsse die Westbank unterstützen und seine Behörde stärken.

(Als ich Shaath daran erinnerte, dass ich vor Jahren an seiner Hochzeit  in Jerusalem im  jetzt desolaten Orienthaus teilnahm, erklärte er: „Wir dachten damals, der Frieden sei nur einen Schritt entfernt! Seit damals sind wir ein großes Stück zurückgeworfen worden!“)

TROTZ DER  wirtschaftlichen  Probleme ist das Bild der Palästinenser als hilflose, bemitleidenswerte Opfer weit entfernt von der Realität.  Die Israelis mögen so denken, wie auch die pro-palästinensischen Sympathisanten in aller Welt. Aber der palästinensische Geist ist ungebrochen. Die palästinensische Gesellschaft ist voller Leben und selbständig. Die meisten Palästinenser sind entschlossen, ihren eigenen Staat zu erlangen.

Abbas mag die UN-Vollversammlung darum bitten, Palästina als „nicht staatliches Mitglied“ aufzunehmen.  Er kann das nach den US-Wahlen tun. Ich frage mich laut, ob dies die Situation wirklich ändern würde. „Gewiss!“ versichert mir ein prominenter Palästinenser am Empfang. „Dies würde klar machen, dass die Zwei-Staaten-Lösung noch lebt und dem Unsinn eines bi-nationalen Staates ein Ende bereitet.“

Auf dem Weg zum Empfang sah ich auf den Straßen keine einzige Frau, die ihre Haare nicht bedeckt hatte. Der Hijab (Kopftuch) war überall. Ich bemerkte dies gegenüber einem palästinensischen Freund, der   nicht religiös ist. „Der Islam holt auf,“ sagte er, „aber das mag eine gute Sache sein, weil es eine moderate Form des Islam ist, der die Radikalen blockiert. Es ist dasselbe wie in vielen anderen arabischen Ländern.“

Er empfand keine Sympathie für die Ayatollahs des Iran. Keiner wünscht einen israelischen Angriff. „Wenn der Iran als Rache Israel bombardiert,“ bemerkte Shaat, „dann werden die Raketen nicht zwischen Juden und Arabern unterscheiden. Wir leben so nah beieinander, dass die Palästinenser genau wie die Israelis getroffen werden.“

SEIT MEINEM Besuch sind die Demonstrationen in Ramallah  intensiver geworden. Es scheint, als ob Fayyad  als eine Art Blitzableiter für Abbas diene.

Ich denke nicht, dass dies gerecht ist. Fayyad scheint ein anständiger Mensch zu sein. Er ist ein professioneller Ökonom, ein früherer Beamter des Internationalen Währungsfonds. Er ist kein Politiker, nicht einmal ein Fatahmitglied. Seine ökonomischen Gesichtspunkte mögen konservativ sein, aber ich denke nicht, dass dies einen großen Unterschied macht, wenn man die Situation in Palästina betrachtet.

Früher oder später und wahrscheinlich eher früher als später, wird der Zorn der palästinensischen Armen die Richtung ändern. Statt die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) anzuklagen, werden sie sich gegen ihren wirklichen Unterdrücker wenden: die Besatzung.

Die israelische Regierung ist sich dieser Möglichkeit bewusst, und deshalb beeilt sie sich, der PA im voraus die Zölle zu zahlen, die Israel der PA schuldet. Ansonsten wäre die PA – der größte Arbeitgeber der Westbank – nicht in der Lage, zum Ende des Monats die Gehälter auszuzahlen. Aber das ist nur eine Notlösung.

Benjamin Netanjahu mag der Illusion anhängen, alles sei ruhig an der palästinensischen Front, so dass er sich auf seine Bemühungen konzentrieren kann, dass Mitt Romney gewählt wird und er dem Iran Angst einjagen kann. Wenn schließlich die Palästinensern gegen einander protestieren, dann ist das OK. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist eingefroren. Kein Problem.

Aber diese Illusion ist und bleibt eine Illusion. In unserm Konflikt ist nichts eingefroren.

Nicht nur dass die Siedlungsaktivitäten in einem ständigen – wenn auch ruhigen – Tempo weitergehen, auf der palästinensischen Seite bewegen sich auch die Dinge.  Der Druck baut sich auf. Irgendwann wird er explodieren.

Wenn der Arabische Frühling schließlich Palästina erreicht, wird nicht Abbas oder Fayyad das Ziel sein. Abbas ist nicht Mubarak. Fayyad ist das ganze Gegenteil eines Qaddafi. Das Ziel wird die Besatzung sein.

Einige Palästinenser träumen von einer neuen Intifada mit Massen von Menschen, die gegen die Symbole der Besatzung marschieren. Das mag eine zu große Hoffnung sein – Martin Luther King war kein Araber. Aber die Demonstrationen in Ramallah und Hebron mögen Zeichen von  zukünftigen Dingen sein.

Die  alte Redensart sagt noch immer die Wahrheit: der Konflikt hier ist ein Zusammenstoß zwischen einer unwiderstehlichen Macht und einem unbeweglichen Objekt.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs; vom Verfasser  autorisiert)

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Der Marsch der Torheit

Erstellt von Gast-Autor am 16. September 2012

Der Marsch der Torheit

Autor Uri Avnery

NICHTS KÖNNTE beängstigender sein, als der Gedanke, dass dieses Duo – Benjamin Netanjahu und Ehud Barak – in einer Position ist, den Beginn eines Krieges zu entscheiden, dessen Dimensionen und Folgen unberechenbar sind.

Es ist nicht nur beängstigend wegen ihrer ideologischen Fixierungen und psychischen Eigenschaften, sondern auch wegen ihres Intelligenzgrades.

Der letzte Monat gab uns ein kleines Beispiel. Dies allein wäre nur eine flüchtige Episode. Aber als Illustration für ihre Entscheidungsfähigkeit war es erschreckend genug.

DIE ROUTINE-Konferenz der Bewegung der blockfreien Staaten sollte in Teheran stattfinden. 120 Staaten versprachen zu kommen, viele von ihnen durch ihren Präsidenten oder ihre Ministerpräsidenten vertreten.

Das waren für die israelische Regierung schlimme Nachrichten. Sie hatte während der letzten drei Jahre viele ihrer Energien den hartnäckigen Bemühungen gewidmet, den Iran zu isolieren – während der Iran sich nicht weniger hartnäckig darum bemühte, Israel zu isolieren.

Als ob der Konferenzort nicht schon schlimm genug wäre, verkündete der UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon, er werde auch daran teilnehmen. Und als ob dies noch nicht schlimm genug wäre, versprach der neue Präsident Ägyptens Mohammed Mursi, auch er werde kommen.

Netanjahu sah sich einem Problem gegenüber: wie sollte er reagieren?

WENN EIN weiser Experte gefragt worden wäre, hätte der zurückgefragt: Warum überhaupt reagieren?

Die Blockfreien- Bewegung ist eine leere Nussschale. Sie wurde vor 51 Jahren gegründet, auf der Höhe des Kalten Krieges, von Nehru von Indien, Tito von Jugoslawien, Sukarno von Indonesien und Abd-al-Nasser von Ägypten. 120 Nationen verbündeten sich. Sie wollten einen Kurs zwischen dem amerikanischen und dem Sowjet-Block nehmen.

Seit damals haben sich die Umstände vollständig verändert. Die Sowjets sind verschwunden, und die USA sind auch nicht mehr, was sie waren. Tito, Nasser und Sukarno sind alle tot. Die Blockfreien haben keine richtige Funktion mehr. Aber es ist viel leichter, eine internationale Organisation aufzubauen, als sie wieder aufzulösen. Ihr Sekretariat liefert Jobs, ihre Konferenzen liefern Foto-Gelegenheiten, die Weltführer reisen und reden gern.

Wenn Netanjahu still gewesen wäre, hätten die Weltmedien das Nicht-Ereignis einfach ignoriert. CNN und Aljazeera mochten ihm aus Höflichkeit volle drei Minuten gewidmet haben, und das wär’s dann gewesen.

Aber für Netanjahu ist, still zu sein, keine Option. Also tat er etwas ausgesprochen Törichtes:

Er sagte zu Ban Ki-Moon, er solle nicht nach Teheran gehen. Genauer gesagt, er befahl ihm, nicht hinzugehen.

Der vorhin erwähnte weise Experte – falls er existiert – hätte Netanjahu gesagt: Tu es nicht! Die Blockfreien sind mehr als 60% der UN-Mitglieder. Ban möchte zu gegebener Zeit wieder gewählt werden, und er wird 120 Wähler auch nicht beleidigen, genau so, wie du nicht 80 Mitglieder der Knesset beleidigen würdest. Seine Vorgänger haben an allen früheren Konferenzen teilgenommen. Er kann sich jetzt nicht weigern – besonders nicht, nachdem du öffentlich einen Befehl gegeben hast.

Dann war Mursi dort. Was soll mit ihm geschehen?

Wenn ein anderer weiser Experte – dieses Mal für Ägypten – gefragt worden wäre, so hätte er denselben Rat gegeben: Lass es sein!

Ägypten will seine Rolle als Führer der arabischen Welt wieder gewinnen und zwar als Akteur auf der internationalen Bühne. Der neue Präsident, ein Mitglied der Muslimischen Bruderschaft will sicher nicht als jemand angesehen werden, der israelischem Druck nachgibt.

Also ist es besser, einen Frosch zu verschlingen – oder sogar zwei – als töricht zu handeln, wie es eine hebräische Redensart ausdrückt.

ABER NETANJAHU könnte solchem Ratschlag nicht folgen. Es wäre gegen seine Natur. Also proklamieren er und sein Assistent laut – sehr laut – dass die 120 anwesenden Länder Irans Bemühungen, Israel zu vernichten, unterstützen und dass Ban und Mursi für einen zweiten Holocaust werben.

Statt den Iran zu isolieren, hilft Netanjahu dem Iran, Israel zu isolieren.

Um so mehr als Ban und Mursi die Teheranbühne benützen, um die iranische Führung und deren syrische Verbündeten zu geißeln. Ban verurteilte Ahmadinejads Leugnung des Holocaust als auch seine erklärten Hoffnungen für das Verschwinden der „zionistischen Entität“. Mursi ging sogar noch weiter und geißelte das mörderische syrische Regime, Irans Hauptverbündeten.

(Diese Rede wurde live im iranischen Fernsehen übertragen. Der Übersetzer rief allgemeine Bewunderung für seine Geistesgegenwärtigkeit hervor. Wann immer Mursi auf arabisch von „Syrien“ sprach, sagte der Übersetzter auf persisch „Bahrain“.)

DIESE GANZE Episode ist nur insoweit wichtig, als es die unglaubliche Torheit von Netanjahu und seiner nahen Berater illustriert (alle sind von seiner Frau Sarah, der unbeliebtesten Person im Land, sorgfältig ausgewählt worden). Sie scheinen von der realen Welt abgeschnitten zu sein und in einer phantasierten eigenen Welt zu leben.

In dieser Fantasiewelt ist Israel das Zentrum des Universums, und Netanjahu kann den Staatsführern von Barak Obama und Angela Merkel bis Mohammed Mursi und Ban Ki-Moon Befehle erteilen.

Nun, wir sind nicht das Zentrum der Welt. Wir haben eine Menge Einfluss dank unserer Geschichte. Wir sind eine Regionalmacht, weit über unsere tatsächliche Größe hinaus. Aber um wirklich effektiv zu sein, benötigen wir Verbündete, einen guten Ruf und die Unterstützung der internationalen öffentlichen Meinung wie jeder andere auch. Ohne dies kann Netanjahus Lieblingsprojekt, den Iran anzugreifen, um sich einen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern, nicht ausgeführt werden.

Ich weiß, dass viele Augenbrauen hochgegangen sind, als ich kategorisch feststellte, dass weder Israel noch die USA den Iran angreifen würden. Es schien, dass ich meinen Ruf riskiert habe – so wie er ist – während Netanjahu und Barak sich auf die unvermeidliche Bombardierung vorbereiteten. Als das Gerede über den bevorstehenden Angriff lauter wurde, waren meine wenigen Sympathisanten ernsthaft besorgt.

Doch während der letzten paar Tage hat es hier einen kaum wahrnehmbaren Wandel im Ton gegeben. Netanjahu erklärte, die „Familie der Nationen“ müsse sich eine „rote Linie“ und einen Zeitplan zurechtlegen, um Irans Bemühungen, Nuklearwaffen zu entwickeln, zu stoppen.

In einfaches Hebräisch bzw. Deutsch übersetzt: es wird keinen israelischen Angriff geben, wenn er nicht von den USA gebilligt wird. Solch eine Zustimmung ist vor den bevorstehenden US-Wahlen unmöglich. Es ist auch danach höchst unwahrscheinlich aus den Gründen, die ich darzustellen versuchte. Geographische, militärische, politische und wirtschaftliche Umstände machen dies unmöglich. Diplomatie ist hier gefragt. Ein Kompromiss, der sich auf gemeinsame Interessen und gegenseitigen Respekt gründet, kann das beste Resultat bringen.

Ein israelischer Kommentator hat den interessanten Vorschlag gemacht, der Präsident der USA solle – nach den Wahlen – persönlich nach Teheran reisen und sich an das iranische Volk wenden. Das ist nicht unwahrscheinlicher als Richard Nixons historischer Besuch in China. Ich würde dem Vorschlag hinzufügen, wenn er schon hier ist, solle er auch nach Jerusalem kommen, um den Kompromiss zu besiegeln.

VOR ANDERTHALB Jahren wagte ich auch, anzudeuten, der Arabische Frühling wäre gut für Israel.

In jener Zeit war es in Israel und im ganzen Westen eine allgemeine Vermutung, die arabische Demokratie würde zu einem Anschwellen des politischen Islam führen, und dies würde eine tödliche Gefahr für Israel bedeuten. Der erste Teil der Vermutung war richtig, der zweite Teil falsch.

Die obskure Dämonisierung des Islam kann gefährlich in die Irre führen. Die Beschreibung des Islam als eine mörderische, von Natur aus antisemitische Religion, kann zu zerstörenden Konsequenzen führen. Zum Glück werden die verheerenden Vorhersagen täglich widerlegt.

In der Heimat des Arabischen Frühlings, in Tunesien, hat ein moderates islamisches Regime Wurzeln gefasst. In Libyen, wo Kommentatoren Chaos voraussahen und einen anhaltenden Bürgerkrieg zwischen den Stämmen, wachsen die Chancen für eine wachsende Stabilität. So sind auch die Chancen , dass die Islamisten in Syrien eine positive Rolle im Nach-Assad-Syrien spielen werden.

Und am wichtigsten – die Muslimische Bruderschaft in Ägypten benimmt sich mit beispielhafter Vorsicht. Sechstausend Jahre ägyptischer Weisheit hat mäßigenden Einfluss auf die Brüder, einschließlich Bruder Morsi. In den wenigen Wochen seines Regimes hat er schon eine bemerkenswerte Fähigkeit zum Kompromiss mit unterschiedlichen Interessen gezeigt – mit den säkularen Liberalen und dem Armeekommando in seinem eigenen Land, mit den USA, sogar mit Israel. Er ist jetzt mit Bemühungen beschäftigt, die Dinge mit den Sinai-Beduinen in Ordnung zu bringen, indem er ihren (gerechtfertigten) Groll anspricht und die militärische Aktionen gestoppt hat.

Es ist natürlich viel zu früh, darüber zu reden, aber ich glaube, dass eine erneuerte arabische Welt, in der moderate islamische Kräfte eine bedeutende Rolle spielen (wie in der Türkei) eine Umgebung für israelisch-arabischen Frieden schaffen. Falls wir Frieden wollen.

Damit dies geschieht, müssen wir aus Netanjahus Fantasiewelt ausbrechen und in die reale Welt zurückkehren, in die aufregende, sich verändernde, herausfordernde Welt des 21. Jahrhunderts.

Andernfalls werden wir dem brillanten Buch der verstorbenen Barbara Tuchman ein weiteres trauriges Kapitel hinzufügen: dem Buch „ Der Marsch der Toren“.

 (Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Meister des Unfugs

Erstellt von Gast-Autor am 9. September 2012

Meister des Unfugs

Autor Uri Avnery

AVIGDOR LIEBERMAN hat ein unruhiges Wesen. Von Zeit zu Zeit muss er etwas tun, irgendetwas.

Als Minister für auswärtige Angelegenheiten sollte er in den auswärtigen Angelegenheiten wirklich etwas tun. Das Problem ist, dass die auswärtigen Angelegenheiten von andern geregelt werden.

Der wichtigste Sektor unserer ausländischen Angelegenheiten betrifft die Beziehung mit den USA. Dies ist tatsächlich so wichtig, dass Benjamin Netanjahu diesen Sektor ganz für sich behält. Unser Botschafter in Washington berichtet ihm persönlich, nachdem dieser von Sheldon Adelson, dem Casino-Milliardär, ausgewählt wurde.

Die Beziehungen mit den Palästinensern werden meistens von Ehud Barak (miss-)gemanagt, der als Verteidigungsminister offiziell die Verantwortung für die besetzten Gebiete hat. Der Haupthandelnde dort ist der Shin Bet, der unter der Amtsgewalt des Ministerpräsidenten steht.

Die Beziehungen zur arabischen Welt, so wie sie sind, werden vom Mossad aufrecht erhalten, also auch unter der Jurisdiktion des Ministerpräsidenten. Praktisch treffen Netanjahu und Barak gemeinsam die Entscheidungen, natürlich einschließlich der Entscheidung, die den Iran betrifft.

Was bleibt also für Lieberman übrig? Er kann sich, so viel er will, mit Sambia und den Fidschi-Inseln beschäftigen. Er kann Botschafter für Guatemala und Uganda ernennen. Und das ist es dann schon.

Abgesehen davon, hat er ein persönliches Monopol für die Beziehungen mit den Ländern der früheren Sowjetunion. Wie kommt das? Nun, er wurde im sowjetischen Moldawien geboren und spricht fließend russisch. Obwohl er schon vor 34 Jahren, nur wenige Tage nach seinem 20. Geburtstag, nach Israel kam, wird er von den meisten Israelis für einen „Russen“ gehalten, der mit einem schweren russischen Akzent hebräisch spricht und so fremd wie möglich aussieht. Aber seine Verbindungen mit jenem Teil der Welt geht weit über kulturelle Faktoren hinaus – er ist ein leidenschaftlicher Bewunderer von Vladimir Putin und seiner Doppelgänger Alexander Lukaschenko in Minsk und Victor Yanukovych in Kiew. Er würde am liebsten dieselbe Art von Regime in Israel einführen – mit sich selbst als Doppelgänger von Putin.

Die meisten seiner Kollegen in Europa und in aller Welt meiden ihn wegen seiner Ansichten, die viele von ihnen als halb-faschistisch, wenn nicht als etwas Schlimmeres ansehen.

WIE KAM Netanjahu dazu, unter allen möglichen Jobs ihm den Job des Außenministers zu geben ? Nun, als der Führer einer Partei, die wesentlich zur Bildung einer rechten Koalition beiträgt, hatte er ein Recht auf eines der drei großen Ministerien: Verteidigung, Finanzen und auswärtige Beziehungen. Wer würde zu leugnen wagen, dass die Verteidigung ein von Gott gegebenes Lehen für Barak sei? Da Netanjahu sich selbst für ein ökonomisches Genie hält, entschied er, das Finanzministerium praktisch auch selbst zu übernehmen. Er fand einen Doktor der Philosophie, der den Vorteil hat, auf dem Gebiet der Wirtschaft unwissend zu sein; er ernannte ihn zu seinem Finanzminister. Da blieben nur noch die auswärtigen Angelegenheiten, ein sehr ungeliebtes Ministerium, für Liebermann.

Da dieses Ministerium nicht viel Aktivitäten erzeugt und so auch weniger Schlagzeilen macht, ist Lieberman gezwungen, etwa alle paar Monate etwas zu schaffen, das Aufmerksamkeit erzeugt. Er hat schon viele seiner Kollegen im Ausland beleidigt, von seinem Vertreter Danny Ayalon gut unterstützt. Dieser rühmte sich gegenüber Journalisten, er hätte den türkischen Botschafter gedemütigt, indem er ihn auf einem niedrigen Sitz Platz nehmen ließ. Da zu jener Zeit die türkische Armee noch der engste Partner der israelischen Armee in der Region war, war Barak wütend.

Lieberman benötigt auch etwas, um die Aufmerksamkeit von seiner berüchtigten Korruptions-affäre abzulenken. Seit 14 Jahren wird er über den Empfang von Millionen Dollar aus mysteriösen Quellen im Ausland gerichtlich untersucht. Einiges von diesem Geld ging über seine Tochter, die gerade über 20 war, zu Strohgesellschaften im Ausland. Der Staatsanwalt muss noch entscheiden, ob er unter öffentliche Anklage gestellt werden soll, was ihn zwingen würde, sein Amt aufzugeben.

Jetzt hat Lieberman wieder Unfug gestiftet.

VOR ZWEI Wochen wunderten sich Netanjahu und Barak, in den Zeitungen zu lesen, dass Lieberman Briefe an die Außenminister des sog. Quartetts geschrieben habe – die USA, die EU, die UN und Russland – die den nicht-existierenden „Friedensprozess“ überwachen.

In dieser Botschaft verlangte Lieberman, dass die vier den Präsidenten der Palästinensischen Autorität Mahmoud Abbas entlassen und zu sofortigen Wahlen in der Westbank aufrufen sollten.

Der Schwachsinn dieser Botschaft ist verrückt, selbst nach Liebermans Standard.

Zunächst mal hat das Quartett absolut keine Autorität, irgend jemanden in Palästina zu entlassen, auch Israel nicht. Noch kann es irgendwo zu Wahlen aufrufen.

Es stimmt, die palästinensischen Wahlen sind längst fällig. Sie hätten im Januar 2010 stattfinden sollen. Hamas hatte schon verkündet, dass sie nicht daran teilnehmen werde, also würden sie nur in der Westbank gehalten. Das würde die Spaltung zwischen der PLO und der Hamas endgültig gemacht haben – eine Spaltung, die kein Palästinenser auf beiden Seiten zu verschlimmern wünscht.

Zweitens: wenn die Hamas teilnehmen würde, wäre es denkbar, dass der nächste palästinensische Präsident Khalid Meshal wäre, der Mann, den Israel in Amman zu ermorden versuchte. Mit der Muslimischen Bruderschaft, Hamas’ Mutterorganisation, jetzt in Ägypten sicher an der Macht, wären die Chancen von Hamas bei demokratischen Wahlen wahrscheinlich sogar noch größer als das letzte Mal, als sie mit Leichtigkeit gewannen.

Drittens und am wichtigsten: Mahmoud Abbas ist bei weitem der friedensorientierteste palästinensische Führer. Und das ist der springende Punkt.

LIEBERMANN GRÜNDET seine Forderungen auf die Behauptung, Abbas sei das Haupthindernis für den Frieden – eine Behauptung, die nur wenige Experten auf der Welt teilen. Liebermans wirklicher Grund für seine Initiative mag genau das Gegenteil sein: Abbas Haltung bringt Israel in die unbequeme Lage, der Friedenszerstörer zu sein.

Abbas Bedingungen für den Anfang von Friedensverhandlungen sind wohl bekannt. Israel muss alle Siedlungsaktivitäten stoppen. Die Welt ist im Großen und Ganzen damit einverstanden.

Abbas Bedingungen für Frieden sind auch bestens bekannt. Sie wurden vor langer Zeit von Yasser Arafat formuliert: ein Staat Palästina neben Israel, mit Ostjerusalem als seiner Hauptstadt und die Rückkehr zur Grünen Grenzlinie (mit unwesentlichen und einander abgestimmtem Austausch von Land); für das Flüchtlingsproblem eine „vereinbarte“ Lösung, was die symbolische Rückkehr einer kleinen Anzahl Flüchtlinge bedeutet. Die Welt ist auch damit im Großen und Ganzen einverstanden.

Wenn Israel Frieden mit den Palästinensern wollte, könnte es nächste Woche Frieden haben, dem in der übernächsten Woche Frieden mit der ganzen arabischen Welt folgen würde – unter den Bedingungen, die die Arabische Friedensinitiative festgesetzt hatte, die praktisch identisch mit den palästinensischen Bedingungen sind.

Dies ist natürlich die Quelle von Liebermans Hass auf Abbas. Wie Netanjahu denkt er nicht im Traum daran, „Großisrael“ aufzugeben. Deshalb bevorzugt er sehr eine palästinensische Führung, die aus Hamasleuten zusammengesetzt ist – das heißt so lange, wie Hamas den Frieden zurückweist.

IN DER Praxis arbeitet die von Präsident Abbas geführte palästinensische Behörde aktiv mit Israelis auf dem einen Gebiet zusammen, das für Israelis wirklich wichtig ist: die Sicherheit.

Die meisten Israelis glauben, dass palästinensische Gewalt (anderweitig als „Terrorismus“ bekannt) durch das „Sicherheitshindernis“ gestoppt wurde: durch die Kombination von Mauern und Zäunen, die tief in die besetzten palästinensischen Gebiete hineinreichen. Doch eine Mauer kann überklettert, Tunnel können unten durchgegraben werden und Militante können durch die Checkpoints geschmuggelt werden. Wie eine amerikanische Politikerin über die Mauer zwischen den USA und Mexiko sagte: „Zeige mir eine 15 m hohe Mauer, und ich zeige dir eine 16m hohe Leiter.“ Ich habe palästinensische Jungen sogar ohne Leiter an der Mauer hochklettern gesehen.

Der wirkliche Grund für das Ende der Gewaltakte, die Israel von der Westbank bedrohten, ist die intime tägliche Zusammenarbeit der palästinensischen Sicherheitskräfte mit den israelischen Sicherheitskräften. Auf Befehl von Abbas verfolgt die palästinensische Polizei, die tatsächlich eine Militärkraft ist und von US-Offizieren ausgebildet wurde, gnadenlos die Militanten von Hamas und anderen palästinensischen Fraktionen, die den „bewaffneten Kampf“ vorziehen.

Indem Abbas diesem Kurs folgt, nimmt er sehr große Risiken in Kauf. Hamas und andere klagen ihn der Kollaboration mit der Besatzungsmacht an und vergleichen die Palästinensische Autorität mit dem Vichy-Regime in Frankreich, das mit der Nazi-Besatzung zusammenarbeitete. (Die Polizei des Marschalls Henri Pétain, eines Helden des 1.Weltkrieges, arbeitete im 2. Weltkrieg eng mit den Deutschen zusammen, u.a. half sie ihnen, die Juden zusammenzutreiben und sie nach Auschwitz zu schicken.)

Abbas ist zu der Schlussfolgerung gekommen, dass der von den Palästinensern geführte „bewaffnete Kampf“ nirgendwohin führt. Er hoffte, dass die Abwesenheit von Gewaltakten der Bevölkerung der Westbank erlauben würde, ihre eigene zivile Gesellschaft aufzubauen, die palästinensischen Institutionen zu stärken, den erbarmungswürdigen Lebensstandard zu verbessern (weit weniger als ein Zehntel des israelischen) und die Palästinensische Autorität mit ausländischer Hilfe und Legitimität abzusichern. Unter der Verwaltung seines fähigen Ministerpräsidenten Salam Fayyad funktioniert dies auch – vorläufig.

Das Risiko ist tatsächlich groß. Die Wirtschaft der Westbank – so wie sie ist – mag jederzeit ins Schwimmen geraten. Die schleichende Vergrößerung der Siedlungen erreicht einen Punkt, an dem jedes palästinensische Dorf von ihnen umgeben ist und das Leben der Palästinenser unerträglich macht – besonders seit junge Siedler fast täglich terroristische Handlungen ausführen (s o von israelischen Sicherheitsleuten benannt), physisch die Dorfbewohner angreifen, Moscheen, Häuser und Autos anzünden und Olivenbäume fällen.

Eines Tages wird der Geist des arabischen Frühlings die Westbank erreichen, und nicht einmal die PLO-Führung wird in der Lage sein, die Welle aufzuhalten.

Nahe der Verzweiflung sucht Abbas nach einer Frist, indem er die UN um Anerkennung aufruft. Der Antrag auf Anerkennung Palästinas als ein Mitgliedstaat wird vom US-Veto im Sicherheitsrat blockiert. Jetzt erwägt Abbas die Vollversammlung, in der es kein Veto gibt, zu bitten, Palästina als Mitglied, „das kein Staat ist“, aufzunehmen. Lieberman nannte dies „politischen Terrorismus“.

Die israelische Regierung hat die palästinensische Anerkennung als „einseitig“ verdammt. (Als ob die Anerkennung Israels 1948 als Mitgliedstaat in der UN „vielseitig“ gewesen wäre.) Doch sei es wie es sei, angesichts der verheerenden israelischen und amerikanischen Drohungen muss Abbas vielleicht diese Bemühung auch fallen lassen, dass seine Position nicht noch mehr gefährdet wird.

In dieser Woche ist Abbas vom iranischen Regime eingeladen worden, bei der großen Versammlung der sog. Blockfreien Staaten in Teheran teilzunehmen. Der palästinensische Führer musste abwägen, ob er die Einladung annehmen und so einen internationalen Status gewinnen oder ob er sie aus Angst vor amerikanischen Repressalien zurückweisen solle. Er entschied teilzunehmen.

INZWISCHEN HAT Liebermann schon sein Ziel erreicht: ein paar Tage lang war er in den Nachrichten und sein Gesicht mit seinen bekannten verschlagenen Augen und seinem unheimlichen Lächeln war auf allen Fernsehschirmen zu sehen.

Jetzt wird er wieder für ein paar Wochen oder Monate von der Bildfläche verschwinden, bis er eine neue Art und Weise gefunden hat, wie man Unfug anstiften könne.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Blutiger Frühling

Erstellt von Gast-Autor am 26. August 2012

Blutiger Frühling

Autor Uri Avnery

AUF EINEM Flug nach London hatte ich 1961 ein einzigartiges Erlebnis.

Unterwegs machte das Flugzeug einen Zwischenstop in Athen und eine Gruppe Araber stieg zu. Dies war als solches schon ein Erlebnis. In jenen Tagen trafen Israelis kaum jemals auf Menschen aus arabischen Ländern.

Diese drei jungen Araber saßen in der Reihe hinter mir, und irgendwie gelang es mir, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ich erfuhr, sie seien Syrer. Ich erwähnte die vor kurzem geschehene Auflösung der Vereinten Arabischen Republik, die Union von Ägypten und Syrien unter der panarabischen Führung von Gamal Abd-al-Nassar.

Meine drei Nachbarn waren sehr glücklich über die Trennung. Einer von ihnen zog einen Pass aus seiner Tasche und reichte ihn mir. Es war ein völlig neues Dokument von der Arabisch-Syrischen Republik herausgegeben.

Man konnte sich über den enormen Stolz nicht irren, mit dem dieser junge Syrer mir – einem israelischen Feind – diesen Beweis von Syriens neu gegründeter Unabhängigkeit zeigte. Hier war ein syrischer Patriot – ganz einfach.

EINES DER Bücher, das in meiner Jugend einen sehr großen Einfluss auf mich ausübte, war Philip Hittis „Eine Geschichte Syriens“.

Hitti, ein maronitischer Christ, aus dem, was heute der Libanon ist, hat die Schule im ottomanischen Beirut besucht und wanderte in die USA aus, wo er der Vater der modernen arabischen Studien (Sprachen und Kultur) wurde.

Sein bahnbrechendes Buch gründete sich auf die Behauptung, dass Syrien ein Land von der Sinaiwüste bis zu den türkischen Bergen, vom Mittelmeer bis zu den Grenzen des Irak sei. Dieses Land, das auf arabisch Sham heißt, schließt die gegenwärtigen Staaten Libanon, Israel, Palästina und Jordanien ein.

Hitti erzählte die Geschichte dieses Landes aus der früh-historischen Zeit bis zur (damalig) gegenwärtigen Zeit, Schicht um Schicht, einschließlich jeder Periode und jeder Region, wie das biblische Israel und das Petra der Nabatäer. Alles war Teil der großartigen, reichen Geschichte von Sham.

Das Buch änderte meine eigene geographische und kulturelle Ansicht unseres Platzes in der Welt. Noch bevor der Staat Israel geschaffen wurde, sprach ich mich dafür aus, dass in unseren Schulen die vielseitige Geschichte Palästinas durch die Jahrhunderte (und nicht nur die jüdische Geschichte) gelehrt würde.

(Das hätte Hitti wütend gemacht. Er leugnete, dass es ein Land mit Namen Palästina gab. In einer langen öffentlichen Debatte mit Albert Einstein, einem engagierten Zionisten, behauptete Hitti, dass die Entität, die Palästina genannt wurde, von den Briten erfunden worden sei, um das Gedächtnis der Leute dafür dingfest zu machen, dass Juden einen Anspruch darauf hätten.)

VON HITTI erfuhr ich zum ersten Mal von den vielen ethnisch-religiösen Gruppen im heutigen Syrien und Libanon. Muslimische Sunniten und Schiiten, Drusen, Maroniten, Melkiten und viele andere alte und moderne christliche Konfessionen im Libanon; Sunniten, Alawiten, Drusen, Kurden, Assyrer und ein Dutzend christlicher Konfessionen in Syrien.

Die europäisch-imperialistischen Mächte, die das Ottomanische Empire nach dem 1. Welt-krieg aufbrachen, hatten kaum Respekt für die Vielfalt ihres neuen Erwerbs. Doch beide übernahmen das Prinzip des „divide et impera“ (Teile und herrsche). Die Franzosen übertrafen damit sich selbst.

In Syrien mit einer heftigen nationalistischen Opposition und einem bewaffneten Aufstand durch die Drusen konfrontiert, teilten sie das Land in kleine religiös-ethnisch-geographische Splitterstaaten. Sie spielten mit den Feindseligkeiten zwischen Damaskus und Aleppo, zwischen den Muslimen und Christen, Sunniten und Alawiten, Kurden und Arabern, Drusen und Sunniten, indem sie jedem einen eigenen „Staat“ gaben.

Ihr weitreichendstes Unternehmen, die Teilung zwischen einem von Christen dominierten „Groß-Libanon“ und dem Rest von Syrien, hatte einen dauerhaften Effekt. (Es wurde Groß-Libanon genannt, weil die Franzosen in dieses nicht nur rein christliche Regionen einschlossen, sondern auch muslimische – die Schiiten im Süden und die Sunniten in den Hafenstädten.)

ALS DIE Franzosen schließlich zum Ende des 2. Weltkrieges aus der Region verjagt wurden, blieb die Frage, ob und wie Syrien und der Libanon als Nationalstaaten überleben könnten.

In beiden gab es einen integrierten Widerspruch zwischen dem einigenden Nationalismus und der teilenden ethnisch/religiösen Tendenz . Sie adoptierten zwei verschiedene Lösungen.

Die Antwort des Libanon war die delikate Struktur eines Staates, der sich auf eine Balance zwischen den Gemeinschaften gründete. Jede Person „gehört“ zu einer Gemeinschaft. Praktisch ist jeder ein Bürger seiner Gemeinschaft, und der Staat ist nur eine Föderation der Gemeinschaften.

(Dies ist teilweise ein Erbe des byzantinischen und ottomanischen Empires, aber ohne Kaiser oder Sultan. Dies existiert auch in Israel – Juden, Sunniten, Drusen und Christen haben ihre eigenen Gerichte für Personenstandsangelegenheiten, und Mischehen können nicht geschlossen werden.)

Das libanesische System ist eine Negation der „eine-Person – eine-Stimme“-Demokratie, aber es hat einen brutalen Bürgerkrieg überlebt, mehrere Massaker, eine Anzahl israelischer Invasionen und einen Wandel der Schiiten vom letzten zum ersten Platz. Es ist robuster, als man hätte vermuten können.

Die syrische Lösung war sehr anders – eine Diktatur. Eine Reihe von starken Männern folgten einander, bis die al-Assad-Dynastie sie übernahm. Ihre überraschende Langlebigkeit hängt von der Tatsache ab, dass viele Syrer aller Gemeinschaften anscheinend einen brutalen Tyrannen einem Auseinanderbrechen des Staates in Chaos und Bürgerkrieg vorzogen.

JETZT, WIE es scheint, nicht mehr. Der syrische Frühling ist ein Spross des Arabischen Frühlings, aber unter anderen Bedingungen.

Ägypten ist viel anders als Syrien, als dass man einen Vergleich ziehen könnte. Die Einheit Ägyptens ist seit Tausenden von Jahren unbestritten gewesen. Ägyptischer Nationalstolz ist fast greifbar. Die von israelischen Kommentatoren erhobene Frage, ob der neue Präsident zuerst ein Muslim-Bruder ist oder zuerst ein Ägypter, klingt für einen Ägypter irrelevant. Die ägyptische Muslimbruderschaft ist natürlich zuerst ägyptisch. So auch die ägyptischen Kopten, die ziemlich große christliche Minderheit. (Ihr Name wie das Wort „Ägypten“ selbst kommt vom alten Namen des Landes.)

Die Einheit Ägyptens wie die Tunesiens und sogar Libyens nach dem Sturz der Diktatoren hängt offensichtlich mit dem nationalen Bewusstsein dieser Völker zusammen. Dies ist in Syrien keine gegebene Tatsache.

Wird Syrien, wenn das Monster von Damaskus schließlich gestürzt wird, überleben?

Im allen westlichen Ländern und auch in Israel sagen alle Experten hämisch voraus, das Land werde auseinanderfallen, mehr oder weniger nach dem Vorbild des kolonialen französischen Vorgängers.

Das ist gut möglich. Eine der wenigen Optionen, die Bashar al-Assad geblieben sind, ist, die Alawiten in seiner Armee zu sammeln und sich in die alawitische Festung im Nordwesten des Landes zurückzuziehen und diesen vom Rest Syriens abzutrennen.

Dies würde zu viel Blutvergießen führen. Die Alawiten würden sicher alle Sunniten ihrer Region vertreiben, und die Sunniten würden alle Alawiten aus allen anderen Regionen vertreiben. Es würde den schrecklichen Ereignissen in Indien während der Teilung des Subkontinents und der Schaffung Pakistans gleichen, wenn auch in einem viel kleineren Maßstab.

Die Drusen im Süden Syriens würden ihren eigenen Staat gründen (ein alter Traum in Israel). Die Kurden im Nordosten des Landes würden dasselbe tun, vielleicht sich dem benachbarten kurdischen Halbstaat im Irak anschließen (ein türkischer Alptraum). Was von Syrien übrig bleiben würde, würden sich die ewig mit einander konkurrierenden Städte Damaskus und Aleppo teilen.

Das ist möglich, aber nicht unvermeidlich. Es würde der bedeutendste Test für den syrischen Nationalismus sein. Besteht er überhaupt? Wie stark ist er? Stark genug, um die Trennung der Gemeinschaften zu überwinden?

Ich wage nicht zu prophezeien . Ich kann nur hoffen. Ich hoffe, dass die verschiedenen Elemente der syrischen Opposition sich einigen, um den gegenwärtigen brutalen Bürgerkrieg zu gewinnen und ein neues Syrien zu gründen.

Anders als die israelischen Kommentatoren fürchte ich mich nicht vor einer „Islamisierung“ Syriens. Es stimmt, dass die syrische Muslim-Bruderschaft immer gewalttätiger war als die ursprünglich ägyptische Organisation. Durch ihre Aktionen damals halfen sie mit, das schreckliche Massaker in Hama zu provozieren, das Hafez al-Assad ausführen ließ. Aber wie man in Kairo sieht, hat die politische Macht eine mäßigende Wirkung.

FÜR MICH bleibt ein Rätsel. Ich sehe im Internet, dass viele wohlmeinende Leute in aller Welt, besonders auf Seiten der Linken, Bashar unterstützen.

Dies ist ein Phänomen, das sich wiederholt. Da scheint es eine Art von linken Monsterfreunden zu geben. Dieselben Leute, die Slobodan Milosevic, Hosni Mubarak und Moammar Qaddafi umarmten, umarmen nun Bashar al-Assad und protestieren laut gegen amerikanisch imperialistische Pläne gegen diesen „allgemeinen Wohltäter“.

Offen gesagt, dies scheint mir ein bisschen verrückt zu sein. Es stimmt, Großmachtpolitik beeinflusst, was in Syrien geschieht, so wie sie es überall in der Welt tut. Aber der Charakter und die Aktionen von Bashar, die denen seines Vaters folgen, lassen keinen Zweifel aufkommen. Er ist ein Monster, der sein Volk abschlachtet, und der so schnell wie möglich entfernt werden muss, am besten unter UN-Führung. Wenn dies auf Grund des russischen und chinesischen Vetos unmöglich ist – warum, um Gottes Willen?! – dann müssen die syrischen Freiheitskämpfer so viel wie möglich unterstützt werden.

ICH HOFFE aus tiefstem Herzen, dass ein freies, vereinigtes, demokratisches Syrien

aus diesem Chaos auftauchen wird: noch ein Spross des arabischen Frühlings.

In sha Allah, wenn Gott will, wie unsere Nachbarn sagen würden.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die größte Schau auf Erden

Erstellt von Gast-Autor am 19. August 2012

Die größte Schau auf Erden

Autor Uri Avnery

UM DIE Eröffnungszeremonie der olympischen Spiele mit einem Wort zusammenzufassen: Kitsch.

Um die Eröffnungszeremonie der olympischen Spiele mit zwei Wörtern zusammenzufassen:

Ein wunderbarer Kitsch.

EHRLICHES EINGESTÄNDNIS: Ich bin anglophil, einer der alles Englische mag.

Im Alter von 15 Jahren begann ich, für einen Anwalt zu arbeiten, der die Oxforduniversität besucht hatte. Im Büro wurde nur Englisch gesprochen. Also musste ich die englische Sprache erlernen und verliebte mich hoffnungslos in die englische Sprache und allgemein in die britische Kultur.

Mancher mag sich darüber wundern, da ich mich zur selben Zeit einer terroristischen Organisation anschloss, deren Ziel es war, die Briten zu bekämpfen, um sie aus Palästina zu vertreiben.

Bald nach meinem 15. Geburtstag trat ich vor das Zulassungsgremium des Irgun. Ich wurde gefragt, ob ich die Engländer hasse. Geblendet von einem mächtigen Projektor, antwortete ich mit „nein“. Da ich die Bestürzung auf der anderen Seite des blendenden Lichts spürte, fügte ich hinzu, ich wolle unser Land befreien, dazu müsse man doch die Briten nicht hassen.

Tatsächlich fühlten die meisten Irgunkämpfer so, denke ich. Der nominelle Chef-Kommandeur Vladimir (Ze’ev) Jabotinsky war ausgesprochen anglophil. Er schrieb einmal, der Engländer sei in den Kolonien ein brutaler Unterdrücker, aber zu Hause sei der Engländer ein anständiger und liebenswürdiger Kerl. Als Großbritannien Nazi-Deutschland den Krieg erklärte, ordnete Jabotinsky ein sofortiges Ende aller Irgun-Aktionen an. Irguns Militärkommandeur David Raziel wurde von einer Nazibombe getötet, während er den Briten im Irak beistand, als Pro-Nazis dort die Macht ergriffen hatten,

Sein Nachfolger Menachem Begin kam nach Palästina mit der polnischen Exilarmee, in der er als polnisch-englischer Übersetzer diente. In dieser Funktion hatte er oft Kontakt mit den britischen Behörden. Er erzählte mir einmal, wie er britischen Offizieren Dokumente ins King-David-Hotel brachte, in das Gebäude, das er später – als Irgun-Kommandeur – zu sprengen befahl. Jahre später empfing ihn die Königin gnädig als Ministerpräsident von Israel.

Insgesamt hatten wir im Großen und Ganzen das Gefühl, dass wir Glück hatten, gegen das britische und nicht gegen ein französisches oder amerikanisches (geschweige denn ein israelisches) Besatzungsregime zu kämpfen.

NACH DIESEM Bekenntnis noch ein zweites: Ich bin kein Sportbegeisterter.

Tatsächlich habe ich an Sport kein Interesse.

Sogar als Kind war ich der Schlechteste im Turnunterricht. Ein gutes Buch zog mich mehr an, als ein aufregendes Fußballspiel. Mein Vater nannte den Sport „Goyim-Naches“ -Vergnügen für Nicht-Juden. (Naches auf Jiddisch kommt vom hebräischen Wort Nachat = Vergnügen, Zufriedenheit).

DOCH ZURÜCK zur Olympiade – im Sommer der Finanzkrise produzierten die Briten etwas Einzigartiges: originell, aufregend, überraschend, bewegend, humorvoll. Ich lachte, als ihre Majestät aus dem Helikopter sprang; ich vergoss beinahe eine Träne, als die behinderten Kinder „God save the Queen“ sangen.

Doch schauen wir hinter den Pomp. Haben die olympischen Spiele eine tiefere Bedeutung? Ich denke ja.

Konrad Lorenz, der österreichische Professor, der das Verhalten der Tiere erforschte, um das menschliche Verhalten von Grund auf zu verstehen, behauptete, dass der Sport ein Ersatz für Krieg sei.

Die Natur hat den Menschen mit aggressiven Instinkten ausgerüstet. Als die Ressourcen auf der Erde knapp wurden, mussten Menschen – wie andere Lebewesen – gegen Eindringlinge kämpfen, um am Leben zu bleiben.

Diese Aggressivität ist so tief in unserm biologischen Erbe verwurzelt, dass es ganz sinnlos ist, zu versuchen, sie zu eliminieren. Lorenz dachte: wir müssten stattdessen ein Ventil dafür finden. Sport ist eine Antwort.

Und tatsächlich, wenn man auf die verschiedenen Manifestationen dieses menschlichen Zeitvertreibs sieht, bemerkt man Ähnlichkeiten zum Krieg. Nationale Flaggen werden von sieges-besessenen Mengen herumgetragen. Die Besiegten empfinden und benehmen sich wie Armeen nach einer verlorenen Schlacht.

In alten Zeiten wurden Kriege oft durch Duelle ausgetragen. Jede Armee pflegte einen Kämpfer zu schicken, und der Kampf auf Leben und Tod zwischen den Beiden pflegte, das Problem zu entscheiden. Dies war so bei dem legendären Kampf zwischen David und Goliath. In den heutigen Sportarten kämpft oft ein einzelner Champion für seine Nation auf dem Tennisplatz, im Judoring oder im Olympiapool.

Ein Nationalfußballteam wird auf den Wellen des Patriotismus für die Ehre seines Landes in die Schlacht getragen. Jeder Spieler ist sich zutiefst der großen Verantwortung bewusst, die auf seinen Schultern (oder in seinen Füßen) ruht. Ein geschlagenes Team sieht oft wie der bemitleidenswerte Rest aus Napoleons großer Armee aus, als sie aus Russland zurückkehrte.

In Europa, wo die nationale Souveränität nach und nach ihre Bedeutung verliert, hat der Fußball ihren Platz eingenommen. Wenn man eine Volksmenge schreiend und die Nationalfahne schwenkend durch die Straßen irgend einer europäischen Stadt ziehen sieht, berauscht vom Nationalstolz (und vom Alkohol), dann weiß man, dass ein „bedeutender“ Wettkampf stattfindet.

Die weithin verurteilten englischen Fußball-Hooligans (nach einer wilden irischen Familie in London benannt ) passen in dieses Bild. Patriotismus, Krieg und Gewalt wachsen auf demselben Baum.

Was das israelische Team betrifft, ist das Bewusstsein der nationalen Pflicht noch ausgeprägter. Israels Sportler und Sportlerinnen siegen nicht für sich selbst, sie siegen für das jüdische Volk. Jeder Sieg (einer der wenigen) ist ein nationaler Sieg, jede (leider so häufige) Niederlage ist eine Niederlage für Israel. So wird es in unsern Medien dargestellt, so sehen es die Sieger und Verlierer selbst.

IN GEWISSER Hinsicht ist Sport nicht nur ein Ersatz für Krieg, sondern auch für Religion.

Beim Sport gibt es religiösen Eifer. Es genügt, vor Beginn des Spiels in die Gesichter der Fußballspieler zu sehen, wenn sie fast hingebungsvoll die Nationalhymne singen, damit uns die Heiligkeit der Gelegenheit bewusst wird – auch wenn ein britischer Spieler aus Jamaika kommen mag und ein französischer aus Algerien.

Selbst in der untertriebenen britischen Eröffnungszeremonie wurden religiöse Untertöne deutlich. Die Fackel, die Fahne, die Hohen Priester; wie es eine englische Hymne ausdrückt „Vorwärts christliche Soldaten“, als ob sie in den Krieg ziehen wollten. So auch die muslimischen Soldaten, auch die jüdischen und wer auch immer.

In Israel rufen jüdische Sportler und Sportlerinnen oft den Allmächtigen bei ihren Kämpfen an . Sie umklammern von kabbalistischen Rabbinern gesegnete Amulette, beten und bitten um göttliche Gunst. ( Wenn zwei jüdische Teams beteiligt sind, ist nicht klar, wie die göttliche Vorsehung entscheidet, wem sie ihre Gunst schenkt. Es muss dem göttlichen Schiedsrichter einige Kopfschmerzen bereiten, wenn Juden gegen Juden spielen. )

Ich vermute, dass im alten Griechenland, wo die Olympiade begann, die Spieler verschiedene Götter und Göttinnen anriefen und hofften, den besten Gott für sich zu gewinnen. Im ausgedehnten byzantinischen Weltreich kämpften generationenlang die Sportler zweier Farben gegen einander.

Sport ist, wie er sich bei den olympischen Spielen darstellt, jetzt ein weltweiter Kult, (weniger schädlich als die meisten, ohne den Mumpitz von einigen,) ein Kult, der vereinigt, statt zu trennen. Alles zusammen: eine gute Sache.

DER VEREINIGENDE Faktor ist vielleicht das herausragende Charakteristikum dieses Ereignisses.

Hundert Millionen, vielleicht eine Milliarde Menschen rund um den Globus beobachteten dies, jeder vertreten durch seinen Champion.

Das ist mehr als eine Kuriosität. Hoffentlich ist es ein Bild der Zukunft.

Als man die Delegationen hereinkommen sah, war das ein erhebendes Erlebnis. Fast alle Nationen der Erde waren vertreten, folgten einander in schneller Folge und schwenkten ihre bunten Fahnen. Während der folgenden Tage standen sie im Wettbewerb mit einander, trafen sich, achteten einander, alles in einem Geist der Kameradschaft. Sportler und Sportlerinnen der einen Nation bewunderten die Leistungen derjenigen aus anderen Rassen; die Vorurteile verschwanden.

Es ist interessant, dieses internationale Treffen mit einem anderen Ort zu vergleichen, wo sich alle Nationen treffen: die Organisation der Vereinten Nationen. In einem Match zwischen beiden würden die Olympiade leichtes Spiel haben.

Kann sich einer ein olympisches Treffen vorstellen, bei dem einige Nationen ein offizielles Veto besitzen, um es gegen eine andere Nation anzuwenden? Kann man die integrierte Untätigkeit der UN mit der Hyperaktivität der Spiele vergleichen?

Für mich ist dies die Hauptattraktion des Ereignisses. Ich glaube stark an die Weltregierung. Ich bin überzeugt, dass sie eine absolute Notwendigkeit für das Überleben der Menschheit und des Planeten ist. Klimawandel, die Verbreitung von nuklearen Waffen, die globale Wirtschaft, weltweite Kommunikationen – all dies macht eine globale Zusammenarbeit nötig und möglich.

Ich bin ziemlich sicher, dass zum Ende des 21. Jahrhunderts es eine Art globaler Regierung geben wird, die sich auf eine globale Demokratie gründet. Die Olympischen Spiele sind ein gutes Beispiel für solch eine Realität. Alle Nationen sind vertreten, alle haben die gleichen Rechte und – am wichtigsten – alle halten dieselben Regeln ein. Im Prinzip hat jeder Kämpfer dieselbe Chance, eine Goldmedaille zu gewinnen, wie jeder andere – egal, ob er zu dieser oder jener großen oder kleinen Nation gehört.

Wäre es nicht großartig , wenn die ganze Welt nach denselben Richtlinien organisiert wäre?

FÜR EINEN Israeli war der Einzug der Delegation eine ernüchternde Erfahrung.

Wir neigen dazu, uns selbst als Mittelpunkt der Welt zu sehen, eine Macht jenseits unserer bescheidenen Größe. Doch hier würde unsere Delegation als eine unter vielen, eine der kleineren ohne den Glamour marschieren, den einige andere besitzen, ohne einen einzigen Sportler, den die ganze Menschheit kennt.

Ein guter Grund für Bescheidenheit – eine Tugend, deren wir uns gewöhnlich nicht rühmen können.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Zionismus reden

Erstellt von Gast-Autor am 12. August 2012

Zionismus reden

Autor Uri Avnery

„ER REDET Zionismus“ war während meiner Jugendzeit üblicherweise ein sehr abfälliger Kommentar. Es bedeutete, dass ein älterer Funktionär gekommen war, um mit einer langweiligen Rede, die weithin aus leeren Phrasen bestand, unsere Zeit zu verschwenden.

Das war vor der Gründung des Staates Israel. Seit damals ist der Terminus in den Status einer Staatsideologie, wenn nicht gar zur Staatsreligion erhoben worden. Alles, was der Staat macht, wird durch die Verwendung dieses Wortes gerechtfertigt. Einige würden sagen, dass Zionismus das letzte Refugium eines Schurken ist.

Als ich das erste Mal Prag besuchte – direkt nach dem Fall des kommunistischen Regimes – wurde mir ein Hotel mit unglaublichem Luxus gezeigt: Kronleuchter aus Frankreich, Marmor aus Italien, Teppiche aus Persien und anderes mehr. Ich habe so etwas noch nie vorher gesehen. Mir wurde gesagt, dass das Hotel für die kommunistische Elite reserviert worden war.

Damals und dort verstand ich das Wesen einer Staatsideologie. Kommunistische Regime wurden von Idealisten gegründet, die von humanistischen Werten durchdrungen waren. Sie endeten als Mafiastaaten, in denen eine korrupte Clique von Zynikern die Ideologie zur Rechtfertigung für Privilege, Unterdrückung und Ausbeutung missbrauchten.

Ich liebe keine Staatsideologien. Staaten sollten keine Ideologien pflegen.

DIE EINZIGEN, die eine offizielle Bestätigung haben, dass sie psychisch gesund sind, sind jene Leute, die aus einer psychiatrischen Klinik entlassen worden sind. Auf ähnliche Weise könnte ich die einzige Person in Israel sein, die eine offizielle Bestätigung hat, ich sei kein Anti-Zionist.

Folgendermaßen hat es sich zugetragen: als meine Freunde und ich 1975 den „Israelischen Rat für israelisch-palästinensischen Frieden“ gründeten, nannte uns ein Sprachrohr des rechten Flügels „Anti-Zionisten“. Ich hab mich nicht darum gekümmert, aber meine Mitgründer bestanden darauf, sie wegen Verleumdung zu verklagen.

Da ich ein paar Jahre vorher ein Buch mit dem Titel „Israel ohne Zionisten“ veröffentlicht hatte, wurde ich von den Angeklagten zu ihrem Star-Zeugen ernannt. Sie nahmen mich im Zeugenstand stundenlang in die Zange, was ich denn mit diesem Titel meine. Am Ende sagte mir die Richterin, ich solle meine Haltung gegenüber dem Zionismus in einfachen Worten definieren. Ganz spontan prägte ich einen neuen Terminus: „Post-Zionismus“.

Seit damals ist dieser Terminus als Synonym für Anti-Zionismus „enteignet“ worden.

Doch ich benütze ihn buchstäblich. Wie ich der Richterin erklärte, sei meine Stellung die, dass der Zionismus eine historische Bewegung mit ruhmreichen Leistungen war, aber auch mit dunkleren Seiten. Man kann ihn bewundern oder verdammen, aber so oder so, hat der Zionismus sein logisches Ende mit der Schaffung des Staates Israel erreicht. Zionismus war das Gerüst, das den Bau des Staates möglich machte, aber wenn das Haus fertig gebaut ist, wird das Gerüst ein Hindernis und muss abgebaut werden.

So entschied die Richterin, dass ich kein Anti-Zionist bin. Sie ordnete an, dass die Ankläger uns hohe Entschädigungen zu zahlen hatten, die uns halfen, unsere Aktivitäten zu finanzieren.

Ich halte noch immer an dieser Definition fest.

WENN HEUTZUTAGE der Terminus „Zionismus“ in Israel Anwendung findet, kann er viele verschiedene Dinge bedeuten.

Für gewöhnliche jüdische Israelis bedeutet er nicht mehr als israelischer Patriotismus, verbunden mit dem Dogma, dass Israel ein „jüdischer Staat“ oder ein „Staat für das jüdische Volk“ sei. Diese Definitionen allein erlauben viele verschiedene Interpretationen. Für den legendären „Mann (oder die Frau) auf der Straße“ bedeutet es, dass die Juden in aller Welt ein „Volk“ seien und dass Israel diesem Volk „gehöre“, obgleich Juden kein Recht in Israel haben, es sei denn, sie kommen hierher und erhalten die Staatsbürgerschaft.

Von diesem Punkt aus gehen die Definitionen in viele verschiedene Richtungen.

Zu Beginn war die dominante zionistische Farbe rot ( oder mindestens rosa). Der zionistische Traum war verbunden mit Sozialismus (nicht unbedingt die marxistische Art), eine Bewegung, die eine vorstaatliche jüdische Gesellschaft in Palästina aufbaute, den allmächtigen Gewerkschaftsbund , den Kibbutz und vieles mehr.

Für die religiösen Zionisten ( anders als die anti-zionistischen Orthodoxen) war der Zionismus Vorläufer des Messias, der sicherlich kommen wird, wenn nur alle von uns den Schabbat halten. Religiöse Zionisten wollen, dass Israel ein Staat wird, der von der Halacha regiert wird, so wie Islamisten wollen, dass ihre Staaten von der Sharia regiert werden.

Zionisten vom rechten Flügel wollen, dass der Zionismus einen jüdischen Staat im ganzen historischen Palästina meint, der nach ihrer Redensweise „das ganze Erez Israel“ genannt wird und so wenig wie möglich nicht-jüdische Bewohner hat. Dies kann leicht mit religiösen, ja, mit messianischen Visionen verbunden werden. GOTT WILL ES, so wie ER persönlich es ihnen gesagt hat.

Theodor Herzl, der Gründer, wollte einen liberalen, säkularen Staat. Martin Buber, der herausragende Humanist, war ein engagierter Zionist. Auch Albert Einstein. Vladimir Jabotinsky, das Idol der rechten Zionisten, glaubte an eine Mischung von extremem Nationalismus, Liberalismus, Kapitalismus und Humanismus. Rabbi Meir Kahane, ein absoluter Faschist, war ein Zionist. So natürlich auch die Siedler.

Fanatische Anti-Zionisten in aller Welt, einschließlich den jüdischen, würden den Zionismus als einen Monolith sehen, um ihn leichter zu hassen. Um der Liebe willen tun dies auch Liebhaber von Zion, von denen die meisten von ihnen nicht davon träumen, hierher zu kommen und hier zu leben.

Alles zusammen ein ziemlich bizarres Bild.

HEUTE IST der Zionismus in den Händen der extremen Rechten, einer Mischung von Nationalisten, religiösen Fanatikern und den Siedlern, unterstützt von sehr reichen Juden innerhalb und außerhalb Israels.

Sie beherrschen die Nachrichten, direkt (ihnen gehören die TV-Netzwerke und die Zeitungen) und metaphorisch. Jeden Tag enthalten die Nachrichten viele Themen, die den „Zionismus“ betreffen.

Um des Zionismus’ willen werden Beduinen innerhalb des eigentlichen Israels zwangsweise aus großen Teilen Landes, den sie Jahrhunderte lang bewohnten, vertrieben. Um des Zionismus’ willen erhält ein Siedlerkolleg tief in den besetzten Gebieten ( durch den Militärgouverneur !) den Status einer „Universität“, und geben damit den Organisatoren eines internationalen, akademischen Boykotts gegen Israel neuen Schwung. Hunderte neuer Gebäude werden in den Siedlungen auf privatem palästinensischen Land im Namen des Zionismus’ gebaut. In Ramallah, der Hauptstadt der palästinensischen Behörde, jagen israelische Soldaten Afrikaner, die das Land illegal betreten haben und keine israelische Einwanderungsgenehmigung haben. In der Tat verwendet unser Innenminister, dessen einzige Passion die Jagd auf afrikanische Jobsucher zu sein scheint, das Wort Zionismus in fast jedem Satz.

Im Namen des Zionismus’ sendet unser fanatisch rechter Bildungsminister alle israelischen Schulkinder auf Indoktrinierungsausflüge zu den heiligen Stätten in die besetzten Gebiete, um ihrem Bewusstsein von früh an einzuflößen, dass das Land ihnen gehört. Um ihre zionistischen Überzeugungen zu stärken, werden sie auch– wenn sie älter sind – nach Auschwitz geschickt.

Die Siedler behaupten – nicht ganz unberechtigt – dass sie die einzigen wirklichen Zionisten sind, die rechtmäßigen Erben von 130 Jahren zionistischer Siedlung und Ausdehnung. Dies gibt ihnen das Recht für ihre Aktivitäten, riesige Summen aus der Staatskasse zu erhalten, während neue Steuern selbst von den Ärmsten der Armen in Israel erhoben werden, wie die um weitere ein Prozent aufgestockte Mehrwertsteuer.

Die Jüdische Agentur, ein Ableger der Zionistischen Weltorganisation, gibt fast all seine Ressourcen an die Siedlungen.

Es gibt in der Knesset keine Fraktion (außer den Orthodoxen, den zwei kleinen arabischen und die vor allem arabisch kommunistische Fraktion) die ihre totale Ergebenheit gegenüber dem Zionismus nicht laut erklären. Tatsächlich behauptet die zionistische Linke, wahrere Zionisten zu sein als die Rechte.

WOHIN FÜHRT dies alles? Ah, da liegt der Hase im Pfeffer.

Die augenblicklich entschiedene zionistische Politik des Staates Israel umfasst ein inhärentes Paradox, das zur Selbstzerstörung führt.

Die Politik unserer Regierung gründet sich auf die Erhaltung des Status quo: das ganze historische Erez Israel/Palästina unter die israelische Herrschaft, die Westbank in einem Status der Besatzung, seine palästinensischen Bewohner ohne nationale oder zivile Rechte.

Falls zu einem gewissen Zeitpunkt in der Zukunft eine rechte Regierung entscheidet, die Westbank und den Gazastreifen „offiziell“ zu annektieren , wie Ost-Jerusalem und die syrischen Golanhöhen schon vor langen annektiert, vom Rest der Welt aber nicht anerkannt wurde, wird es kaum einen wirklichen Unterschied ausmachen . Die meisten Palästinenser sind schon auf Enklaven begrenzt, die denen der südafrikanischen Bantustans vergangener Tage ähneln.

In diesem Groß-Israel werden die Araber immer weniger überzeugend eine Minderheit von mindestens 40% darstellen, die rasch auf 50% und mehr anwächst und es immer schwieriger macht, dies einen „jüdischen Staat“ zu nennen. Der „jüdische und demokratische Staat“ wird eine Sache der Vergangenheit sein.

Natürlich würde praktisch keiner in Israel davon träumen, den arabischen Bewohnern von Groß-Israel die Staatsbürgerschaft und demokratischen Rechte zu gewähren. Falls vielleicht durch göttliche Intervention dies passiert, würde es nicht länger ein „jüdischer Staat“, Ees würde ein „arabisch palästinensischer Staat“ sein.

Der einzige Ausweg würde eine ethnische Säuberung in großem Ausmaß sein. Langsam geschieht das schon in Randgebieten. Seit einiger Zeit versuchen die Besatzungsbehörden an den Rändern der Westbank, am Rande der Wüste südlich von Hebron die ganze arabische Bevölkerung zu entfernen. In dieser Woche hat der Verteidigungsminister Ehud Barak das Gebiet zu einer Schuss- Zone erklärt, die sofort evakuiert werden müsse. Diejenigen, die dort bleiben, nehmen das Risiko auf sich, erschossen zu werden. Bauern könnten auf ihr Land zurückkehren, um dort zu arbeiten, aber nur am Schabbat und an jüdischen Feiertagen, wenn die Armee nicht dort ist. Zionismus in Aktion.

Zur Zeit leben zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan fünf Millionen Palästinenser und sechs Millionen Juden. Die ethnische Säuberung des Landes ist – gelinde gesagt – höchst unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist die Realität eines Apartheidstaates, in dem Juden bald in der Minderheit sein werden. Es ist nicht die Vision, die die zionistischen Gründungsväter hatten.

Die einzige Alternative ist der Frieden – Israel und Palästina Seite an Seite – aber das nennt man jetzt Post-Zionismus. Gott bewahre!

Unsere Führer weichen dieser Realität durch einen einfachen Kunstgriff aus: sie denken nicht darüber nach. Sie reden nicht darüber. Sie reden lieber Zionismus – eine Reihe leerer Phrasen.

Aber irgendwann in der Zukunft muss man sich den Widersprüchen des Zionismus’ stellen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die Vergiftung Arafats

Erstellt von Gast-Autor am 15. Juli 2012

Die Vergiftung Arafats

Autor Uri Avnery

FÜR MICH war es keine Überraschung. Vom aller ersten Tag an war ich davon überzeugt, dass Yasser Arafat von Ariel Sharon vergiftet worden ist. Ich schrieb sogar einige Male darüber.

Es war eine einfache, logische Schlussfolgerung.

Erstens fand eine gründliche medizinische Untersuchung im französischen Militärkrankenhaus statt, wo er starb, und man fand keine Ursache für seinen plötzlichen Kollaps und Tod. Keine Spuren irgend einer lebensbedrohenden Krankheit wurden gefunden.

Die von der israelischen Propagandamaschine verbreiteten Gerüchte, Arafat habe AIDS , waren glatte Lügen. Sie waren eine Fortsetzung der von derselben Maschine verbreiteten Gerüchte, dass er schwul sei – alle waren ein Teil der unerbittlichen Dämonisierung des palästinensischen Führers. Das lief seit Jahrzehnten täglich so.

Wenn es keine offensichtliche Todesursache gibt, dann muss es eine weniger offensichtliche geben.

Zweitens wissen wir jetzt, dass verschiedene Geheimdienste Gifte besitzen, die keine Spuren hinterlassen. Dazu gehören die CIA, der russische FSB (Nachfolger des KGB) und der Mossad.

Drittens: es gab viele Gelegenheiten. Arafats Sicherheitsvorkehrungen waren entschieden zu lasch. Er pflegte jeden perfekten Ausländer zu umarmen, der sich selbst als Sympathisant der palästinensischen Sache vorstellte und setzte ihn oft bei Mahlzeiten direkt neben sich selbst.

Viertens: gab es eine Menge Leute, die ihn töten wollten und die Mittel dafür hatten, es zu tun. Der offenkundigste war unser Ministerpräsident Ariel Sharon. Er hat sogar 2004 darüber gesprochen, dass Arafat keine „Lebensversicherung“ habe.

WAS BIS vor kurzem eine logische Wahrscheinlichkeit war, ist nun Sicherheit geworden.

Eine Untersuchung seiner Sachen, die von Al-Jazeera TV in Auftrag gegeben und von einem hoch geachteten wissenschaftlichen Schweizer Institut durchgeführt und bestätigt wurde, Arafat sei mit Polonium vergiftet worden, einer tödlich wirkenden radioaktiven Substanz, die nicht aufgedeckt werden kann, wenn man nicht speziell nach ihr sucht.

Zwei Jahre nach Arafats Tod wurde der russische Dissident und frühere KGB/FSB-Offizier Alexander Litvinenko in London von russischen Agenten ermordet, die dieses Gift verwendeten. Die Ursache wurde durch Zufall von seinen Ärzten entdeckt. Er brauchte drei Wochen zum Sterben.

Näher an Israel, in Amman, wurde der Hamasführer Khaled Mash’al 1997 auf Befehl von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vom Mossad beinahe getötet. Die Mittel waren ein Gift, das innerhalb von Tagen tötet, wenn es mit der Haut in Kontakt kommt. Der Anschlag misslang, und das Leben des Opfers gerettet, als der Mossad durch ein Ultimatum von König Hussein gezwungen wurde, rechtzeitig das Gegengift zu liefern.

Wenn es Arafats Witwe Suha gelingt, seine Leiche aus dem Mausoleum in der Mukata in Ramallah, wo es zu einem nationalen Symbol wurde, exhumieren zu lassen, dann wird man zweifellos das Gift in seinem Körper finden.

ARAFATS MANGEL an angemessenen Sicherheitsregelungen hat mich immer erstaunt. Die israelischen Ministerpräsidenten sind zehnmal besser geschützt.

Ich machte ihm mehrfach Vorhaltungen. Er tat es mit einem Achselzucken ab. In dieser Hinsicht war er ein Fatalist. Nachdem sein Leben wunderbarerweise bei einer Flugzeugnotlandung in der Libyschen Wüste gerettet worden war und das aller anderen um ihn getötet, war er fest davon überzeugt, dass Allah ihn geschützt habe.

( Auch wenn er der Kopf einer säkularen Bewegung mit einem klaren säkularen Programm war, so war er doch ein praktizierender sunnitischer Muslim, der zu den Gebetszeiten sein Gebet verrichtete und keinen Alkohol trank. Doch hat er seinen Mitarbeitern seine Frömmigkeit nicht aufgezwungen.)

 Einmal wurde er in Ramallah in meiner Gegenwart interviewt; der Journalist fragte ihn, ob er die Errichtung des palästinensischen Staates noch zu seinen Lebzeiten erwarten würde. Seine Antwort war: „ Wir beide, Uri Avnery und ich, werden dies noch erleben.“ Er war so sicher darin.

ARIEL SHARONS Entschlossenheit, Arafat zu töten, war wohl bekannt. Schon während der Belagerung von Beirut im 1. Libanonkrieg war es kein Geheimnis, dass seine christlichen Agenten Westbeirut nach seinem Aufenthaltsort durchkämmten. Zu Sharons großer Enttäuschung fanden sie ihn nicht.

Sogar nach Oslo, als Arafat nach Palästina zurückkam, hatte Sharon nicht aufgegeben. Als er Ministerpräsident wurde, wurde meine Angst um Arafats Leben wieder akut. Als unsere Armee während der „Operation Defensive Shield“ Ramallah angriff, brachen sie auch in Arafats Compound, die Mukata’a, ein und kamen bis 10m vor seine Räume. Ich hatte sie mit eigenen Augen gesehen.

Zweimal gingen meine Freunde und ich während der monatelangen Belagerung mehrere Tage zur Mukata’a, um als menschlicher Schutzschild zu dienen. Als Sharon gefragt wurde, warum er Arafat nicht töten würde, antwortete er, dass die Gegenwart von Israelis dort, dies unmöglich mache.

Doch vermute ich, dass dies nur ein Vorwand war. Es war die USA, die es ihm verboten hat. Die Amerikaner fürchteten zu Recht, dass eine offensichtliche Ermordung in der ganzen arabischen und muslimischen Welt einen anti-amerikanischen Wutausbruch verursachen würde. Ich kann es nicht beweisen, aber ich bin sicher, dass Sharon in Washington folgendes gesagt wurde: „Unter keinen Umständen ist es dir erlaubt, ihn in einer Weise zu töten, dass die Spur zu dir hinführt. Wenn du es machen kannst, ohne eine Spur zu hinterlassen, dann mach es.“

(Genau wie der US-Außenminister 1982 in ähnlicher Weise Sharon sagte, dass es ihm unter keinen Umständen erlaubt sei, den Libanon anzugreifen, wenn es nicht eine klare und international anerkannte Provokation gebe. Sie wurde prompt geliefert.

Durch einen unheimlichen Zufall hatte Sharon bald nach Arafats Tod selbst einen Schlaganfall und lebt seitdem im Koma.)

DER TAG, an dem Al-Jazeeras Schlussfolgerung in dieser Woche veröffentlicht wurde, ist zufällig der 30. Jahrestag meines ersten Treffens mit Arafat, das für ihn das erste Treffen mit einem Israeli war.

Es war auf dem Höhepunkt der Schlacht um Beirut. Um zu ihm zu gelangen, musste ich die Linien von vier Kriegsführenden überqueren – die der israelischen Armee, die der christlich-libanesischen Phalangemiliz, die der libanesischen Armee und die der PLO-Streitkräfte.

Ich sprach zwei Stunden lang mit Arafat. Dort, inmitten eines Krieges, in dem er jeden Moment seinen Tod erwarteten konnte, sprachen wir über einen israelisch-palästinensischen Frieden und sogar über eine Föderation von Israel und Palästina, der sich Jordanien vielleicht noch anschließen könnte.

Das Treffen, das von Arafats Büro verkündet wurde, war eine weltweite Sensation. Mein Bericht über dieses Gespräch wurde in mehreren führenden Zeitungen veröffentlicht.

Auf meinem Weg nach Hause hörte ich im Radio, dass vier Kabinettsmitglieder verlangten, mich wegen Verrats vor Gericht zu bringen. Die Regierung von Menachem Begin instruierte den Staatsanwalt , eine strafrechtliche Untersuchung zu eröffnen. Doch nach mehreren Wochen entschied der Staatsanwalt, ich hätte kein Gesetz gebrochen. (Das Gesetz wurde kurz danach selbstverständlich verändert.)

BEI DEN vielen Treffen, die ich seitdem mit Arafat hatte, wurde ich vollkommen davon überzeugt, dass er ein wirklicher und vertrauenswürdiger Partner für den Frieden sei.

Langsam begriff ich, wie dieser Vater der modernen palästinensischen Befreiungsbewegung, von Israel und den USA als Erz-Terrorist betrachtet, der Führer der palästinensischen Friedensbemühungen wurde. Wenige Persönlichkeiten hatten in ihrer Lebenszeit das Privileg, zwei auf einander folgende Revolutionen anzuführen.

Als Arafat seine Arbeit begann, war Palästina von der Landkarte und aus dem Weltbewusstsein verschwunden. Indem er den „bewaffneten Kampf“ ( alias „Terrorismus“) benützte, gelang es ihm, Palästina zurück auf die Weltagenda zu setzen.

Sein Orientierungswandel geschah direkt nach dem Krieg von 1973. Man erinnere sich: dieser Krieg begann mit überwältigenden arabischen Überraschungserfolgen und endete mit einer

Schlappe der ägyptischen und syrischen Armeen. Arafat, von Beruf Ingenieur, zog die logische Konsequenz: wenn die Araber eine bewaffnete Konfrontation selbst unter solch idealen Umständen nicht gewinnen konnten, müssten andere Mittel und Wege gefunden werden.

Seine Entscheidung, mit Friedensverhandlungen mit Israel zu beginnen, ging vollkommen gegen den Strich der palästinensischen Nationalbewegung, die Israel als fremden Eindringling betrachtete. Arafat brauchte volle 15 Jahre, um sein eigenes Volk zu überzeugen, diese Linie zu akzeptieren, indem er all seine List, taktische Geschicklichkeit und Überzeugungskraft gebrauchte. Bei dem Treffen des palästinensischen Exilparlaments, des Nationalrates 1988, wurde sein Konzept angenommen: einen palästinensischen Staat Seite an Seite mit Israel in einem Teil des Landes zu gründen. Dieser Staat mit seiner Hauptstadt Ostjerusalem und seinen Grenzen, die sich seitdem auf die Grüne Linie gründen, sind das feste und unveränderliche Ziel, das Vermächtnis Arafats an seine Nachfolger.

Nicht durch Zufall begannen meine Kontakte mit Arafat zur selben Zeit: 1974. Zunächst waren sie indirekt über seine Assistenten und dann direkt mit ihm. Ich half ihm den Weg vorzubereiten, um Kontakt mit der israelischen Führung und besonders mit Yitzhak Rabin aufzunehmen. Dies führte 1993 zum Oslo-Abkommen – das durch den Mord an Rabin vernichtet wurde.

Als er gefragt wurde, ob er einen israelischen Freund habe, nannte Arafat mich. Dies gründete sich auf seine Überzeugung, dass ich mein Leben riskiert hatte, als ich ihn in Beirut aufsuchte. Was mich betraf, so war ich dankbar für sein Vertrauen in mich, als er mich dort traf – zu einem Zeitpunkt, als Hunderte von Sharons Agenten ihn suchten.

Aber abgesehen von persönlichen Beziehungen, war Arafat der Mann, der in der Lage und Willens gewesen wäre, mit Israel Frieden zu machen – und was noch wichtiger ist: sein Volk – einschließlich der Islamisten – dahin zu bringen, dies zu akzeptieren. Dies hätte dem Siedlungsunternehmen ein Ende gesetzt.

Genau deshalb wurde er vergiftet.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Unsere muslemischen Brüder

Erstellt von Gast-Autor am 8. Juli 2012

Unsere muslimischen Brüder

Autor Uri Avnery

JEDER WEISS jetzt, warum wir in Palästina stecken.

Als Gott Moses den Auftrag gab, Pharao zu bitten, sein Volk ziehen zu lassen, sagte Moses zu ihm, dass er für den Job nicht geeignet sei: „Ach Herr, ich bin von jeher nicht beredt gewesen; denn ich habe eine langsame Sprache, eine langsame Zunge .“ (Exodus 4, 10).

Tatsächlich steht im hebräischen Original, er habe „ einen schweren Mund und eine schwere Zunge.“ Er hätte IHM noch sagen sollen, dass er auch schwerhörig sei. Als Gott ihm also sagte, sein Volk nach Kanada zu nehmen, führte er sein Volk nach Kanaan, und verbrachte die beschriebenen 40 Jahre – lange genug, um Vancouver zu erreichen – und wanderte kreuz und quer durch die Sinai-Wüste.

Also sind wir hier, umgeben von Muslimen.

SEIT JAHRZEHNTEN haben meine Freunde und ich davor gewarnt, mit dem Frieden- machen zu zaudern, denn die Art des Konfliktes wird sich ändern. Ich selbst habe zig mal geschrieben, wenn unser Konflikt sich von einem nationalen in einen religiösen Kampf wandelt, wird sich alles zum Schlimmeren verändern.

Der zionistisch-arabische Konflikt begann als Zusammenstoß zwischen zwei großen nationalen Bewegungen, die mehr oder weniger zur selben Zeit als Sprösslinge der neuen europäischen Nationalismen entstanden.

Fast alle frühen Zionisten waren überzeugte Atheisten, inspiriert von den europäischen nationalen Bewegungen. Sie benützten ganz zynisch religiöse Symbole – um die Juden zu mobilisieren und als Propagandamittel für die anderen.

Der arabische Widerstand gegen die zionistische Besiedlung war ursprünglich auch säkular und nationalistisch. Es war ein Teil der aufkommenden Welle des Nationalismus’ in der ganzen arabischen Welt. Es stimmt, der Führer des palästinensischen Widerstands war Hadj Amin al Husseini, der Großmufti von Jerusalem, aber er war beides, ein nationaler und religiöser Führer, der religiöse Motive anwandte, um die nationalen zu verstärken.

Von nationalen Führern nimmt man an, sie seien rational. Sie beginnen einen Krieg und sie schließen Frieden. Wenn es ihnen passt, machen sie einen Kompromiss. Sie reden mit einander.

Religiöse Konflikte sind ganz anders. Wenn Gott in die Sache hineingezogen wird, wird alles extremer. Gott mag ein gnädiger und liebender Gott sein, aber Seine Anhänger sind es normalerweise nicht. Gott und Kompromisse gehen nicht gut zusammen, besonders nicht im heiligen Land Kanaan.

DIE RELIGIONISIERUNG ( falls es einem hebräisch sprechenden Israeli erlaubt wird, ein neues deutsches Wort zu prägen) des israelisch-palästinensischen Konfliktes begann auf beiden Seiten.

Vor Jahren schrieb die Historikerin Karen Armstrong, eine frühere Nonne, ein nachdenkenswertes Buch („The Battle for God“) über religiösen Fundamentalismus. Sie legte ihren Finger auf eine erstaunliche Tatsache: der christliche, der jüdische und der islamische Fundamentalismus wären sich sehr ähnlich.

Während sie sich eingehend mit der Geschichte der fundamentalistischen Bewegungen in den USA, in Israel, Ägypten und dem Iran befasste, entdeckte sie, dass sie sich alle in derselben Zeit entwickelten und dieselben Stadien durchmachten. Da es sehr wenig Ähnlichkeiten zwischen den vier Ländern und Gesellschaften gibt, ganz zu schweigen zwischen den drei Religionen, ist dies eine bemerkenswerte Tatsache.

Die zwangsläufige Schlussfolgerung ist, dass es da einiges im Zeitgeist unserer Zeit gibt, der zu solchen Ideen ermuntert, etwas, das nicht weit zurück in der Vergangenheit liegt, die von den Fundamentalisten so hochgerühmt wird, sondern in der Gegenwart.

IN ISRAEL begann es am Tag nach dem 1967er-Krieg, als der Oberste Rabbiner der Armee Shlomo Goren zu der neu „befreiten“ Klagemauer ging und das Shofarhorn (religiöses Rinderhorn) blies. Yeshayahu Leibowitz nannte ihn den „Clown mit dem Shofar“, aber im ganzen Land rief es ein weit klingendes Echo hervor.

Vor dem Sechs-Tagekrieg war der religiöse Zweig des Zionismus ein Stiefkind der Bewegung. Für viele von uns war Religion ein geduldeter Aberglaube, den wir mit Mitleid betrachteten und der von den Politikern ausgenützt wurde.

Der überwältigende Sieg der israelischen Armee in jenem Krieg sah wie ein Wunder aus, und die religiöse Jugend wurde lebendig. Es war wie die Erfüllung des Psalms 118 (22): „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“ Die aufgestaute Energie des religiösen Sektors – jahrelang in ihren separaten ultra-nationalen Schulen gepflegt – brach auf.

Das Ergebnis war die Siedlerbewegung. Sie liefen um die Wette, jede Hügelkuppe in den besetzten Gebieten zu besetzen. Viele Siedler gehen zwar dorthin, um ihre Traumvilla auf gestohlenem arabischen Land zu bauen und sich der besten „Lebensqualität“ zu erfreuen. Aber im Kern des Unternehmens sind fundamentalistische Fanatiker, die bereit sind, ein hartes und gefährliches Leben zu führen, weil „Gott es will!“ (Wie die Kreuzfahrer zu rufen pflegten).

Die ganze Daseinsberechtigung der Siedlungen ist, die Araber aus dem Land zu jagen und das ganze Land Kanaan in einen jüdischen Staat zu verwandeln. Inzwischen führen ihre Stoßtrupps Pogrome gegen die arabischen „Nachbarn“ durch und zünden ihre Moscheen an.

Diese Fundamentalisten haben jetzt einen sehr großen Einfluss auf unsere Regierungspolitik und ihr Einfluss wächst. Zum Beispiel: seit Monaten steht das Land in Flammen, nachdem der Oberste Gerichtshof entschieden hat, dass 5 (fünf) Häuser in der Beth-El-Siedlung abgerissen werden müssen, weil sie auf privatem arabischen Land gebaut wurden. Mit verzweifelter Bemühung, um Aufstände zu vermeiden, hat Binjamin Netanjahu versprochen, an ihrer Stelle 850 (achthundertfünfzig) neue Häuser in den besetzten Gebieten zu bauen. Solche Dinge passieren immer wieder.

Aber machen wir keinen Fehler: wenn sie das Land von Nicht-Juden gesäubert haben, wird der nächste Schritt der sein, Israel in einen „halachischen Staat“ zu verwandeln – in ein Land, das nach dem religiösen Gesetz regiert wird, und alle demokratisch erlassenen säkularen Gesetze, die nicht mit dem Wort Gottes und seiner Rabbiner konform gehen, werden aufgehoben.

ERSETZT MAN das Wort Halacha durch „Sharia“– beide bedeuten religiöses Gesetz – hat man den Traum muslimischer Fundamentalisten. Beide Gesetze sind übrigens bemerkenswert ähnlich. Und beide bestimmen alle Lebensbereiche, das des einzelnen wie auch des Kollektivs.

Seit Beginn des Arabischen Frühlings, hat die junge arabische Demokratie muslimische Fundamentalisten ins Blickfeld gebracht. Tatsächlich hat dies aber schon vorher begonnen, als Hamas (ein Ableger der Muslimbruderschaft) die demokratische, international überwachten Wahlen in Palästina gewannen. Doch die daraus resultierende palästinensische Regierung wurde von der israelischen Führung und ihren unterwürfigen US- und europäischen Subunternehmern zerstört.

Der scheinbare Sieg der Muslim-Bruderschaft bei den ägyptischen Präsidentenwahlen letzte Woche war ein Meilenstein. Nach ähnlichen Siegen in Tunis und den Ereignissen in Libyen, Jemen und Syrien ist es klar, dass arabische Bürger überall die Muslim-Bruderschaft und ähnliche Parteien favorisieren.

Die ägyptische Muslim-Bruderschaft , 1928 gegründet, ist eine alte etablierte Partei, die durch ihre Standhaftigkeit angesichts der häufigen Verfolgungen, Folter, Massenverhaftungen und gelegentlichen Hinrichtungen viel Achtung verdient hat. Ihre Führer sind nicht korrupt, und sie werden für ihre soziales Engagement bewundert.

Der Westen wird noch immer von mittelalterlichen Gedanken über die schrecklichen Sarazenen heimgesucht. Die muslimische Bruderschaft inspiriert Terror. Sie wird als eine furchterregende, mörderische, geheime Sekte angesehen, die darauf aus ist, Israel und den Westen zu zerstören. Natürlich hat sich praktisch noch keiner die Mühe gemacht, die Geschichte dieser Bewegung in Ägypten und anderswo zu studieren. Tatsächlich könnte sie nicht weiter von dieser Parodie entfernt sein.

Die Bruderschaft ist eigentlich immer eine moderate Partei gewesen, auch wenn sie fast immer einen extremeren Flügel hatte. Wenn immer es möglich war, versuchten sie den auf einander folgenden ägyptischen Diktatoren – Abd-al-Nassar, Sadat und Mubarak – entgegenzukommen, obwohl alle diese drei versuchten, sie auszurotten.

Die Bruderschaft ist vor allem eine arabische und ägyptische Partei, die tief in der ägyptischen Geschichte verwurzelt ist. Auch wenn sie dies wahrscheinlich leugnen würde, würde ich – nach ihrer Geschichte – urteilen, dass sie eher arabisch und ägyptisch ist als fundamentalistisch. Sie sind sicher nie fanatisch gewesen.

Während ihrer 84 Jahre ging es mit ihr vielmals auf und ab. Aber meistens ist ihre hervorragendste Eigenschaft Pragmatismus gewesen, verbunden mit dem Festhalten an den Prinzipien ihrer Religion. Es ist dieser Pragmatismus, der auch ihr Verhalten während der letzten anderthalb Jahre charakterisiert, die – so scheint es – eine ziemlich hohe Stimmenzahl verursachte, deren Wähler gar nicht besonders religiös sind, aber bewog, für ihren Kandidaten zu stimmen und nicht für den säkularen, der eine Verbindung zu dem korrupten und unterdrückerischen früheren Regime hatte.

Dies bestimmt auch ihre Haltung gegenüber Israel. Palästina ist ständig in ihrem Bewusstsein – aber das trifft auf alle Ägypter zu. Ihr Bewusstsein ist von dem Gefühl getrübt, dass Anwar Sadat die Palästinenser in Camp David betrogen hat. Oder noch schlimmer, dass der hinterhältige Jude Menachem Begin Sadat beim Unterzeichnen eines Dokumentes verraten hat, das nicht das besagte, was Sadat dachte. Es war nicht die Bruderschaft, die die Ägypter veranlasste, sich gegen uns zu wenden – nachdem sie uns, die ersten Israelis, die ihr Land besuchten, mit überschwänglicher Begeisterung begrüßten.

Während der hitzigen Wahlkampagnen (vier in einem Jahr) hat die Bruderschaft nicht die Außerkraftsetzung des Friedensabkommens mit Israel verlangt. Ihre Haltung scheint so pragmatisch wie immer zu sein.

ALLE UNSERE Nachbarn werden langsam aber sicher islamistisch.

Das ist nicht das Ende der Weltgeschichte. Aber es zwingt uns zum ersten Mal zu versuchen, den Islam und die Muslime zu verstehen.

Jahrhunderte lang hatte der Islam und das Judentum enge und gegenseitig sich befruchtende Beziehungen. Die jüdischen Weisen im muslimischen Spanien, der große Maimonides und viele andere wichtige Juden waren vertraut mit der islamischen Kultur und schrieben viele ihrer Werke auf Arabisch. Da gibt es sicherlich nichts in den beiden Religionen, das die Zusammenarbeit beider ausschließt. (Was leider nicht für das Christentum zutrifft, das die Juden nicht tolerieren könnten).

Wenn wir wollen, dass Israel in einer Region existiert, die lange Zeit von demokratisch gewählten islamischen Parteien regiert werden wird, würden wir gut daran tun, sie jetzt als unsere Brüder zu empfangen, wir sollten ihnen zu ihren Siegen gratulieren und für Frieden und Versöhnung mit gewählten Islamisten in Ägypten und in den andern arabischen Staaten, einschließlich Palästina, arbeiten. Wir müssten sicherlich der Versuchung widerstehen, die Amerikaner dahin zu bringen, eine andere militärische Diktatur in Ägypten, Syrien und anderswo zu unterstützen . Lasst uns die Zukunft wählen, nicht die Vergangenheit!

Wenn wir nicht vorziehen, uns schließlich doch auf den Weg nach Kanada zu machen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Menschenjagd

Erstellt von Gast-Autor am 1. Juli 2012

     Menschenjagd

Autor Uri Avnery

“WIR WERDEN kein normales Volk sein, bevor wir hier nicht jüdische Huren und jüdische Diebe haben,“ sagte unser Nationaldichter Chaim Nachman Bialik vor etwa 80 Jahren.

Dieser Traum hat sich erfüllt. Wir haben jüdische Mörder, jüdische Räuber und jüdische Huren (obwohl die meisten Prostituierten in Israel von Sklavenhändlern aus Osteuropa über die Sinaigrenze importiert werden.)

Aber Bialik war auch anspruchslos. Er hätte noch hinzufügen sollen: Wir werden kein normales Volk werden, bis wir jüdische Neo-Nazis haben.

DAS ZENTRALE Thema in den Nachrichten all unserer elektronischen und gedruckten Medien ist heute die schreckliche Gefahr der „illegalen“ afrikanischen Einwanderer.

Afrikanische Flüchtlinge und Arbeitsuchende werden aus verschiedenen Gründen von Israel angezogen, keiner der Gründe ist der glühende Glauben an den Zionismus.

Der erste Grund ist geographisch. Israel ist das einzige Land mit einem europäischen Lebensstandard, das von Afrika aus ohne Überquerung eines Meeres erricht werden kann. Afrikaner können leicht Ägypten erreichen, und dann müssen sie nur noch die Sinaiwüste durchqueren, um an die israelische Grenze zu kommen.

Die Wüste ist die Heimat der Beduinenstämme, für die das Schmuggeln eine uralte Beschäftigung ist. Ob das libysche Waffen für die Hamas im Gazastreifen sind, ukrainische Frauen für die Bordelle in Tel Aviv oder Jobsuchende aus dem Sudan – für gutes Geld werden die Beduinen sie alle an ihr Ziel bringen.

Die Afrikaner – hauptsächlich von Nord- und Südsudan und Eritrea – werden vom israelischen Arbeitsmarkt angezogen. Israelis haben schon seit langem aufgehört, niedrige Arbeiten zu machen. Sie brauchen Leute, die in vornehmen Restaurants das Geschirr abwaschen, die Wohnungen reinigen und die schweren Behälter auf den Märkten tragen.

Jahrelang wurden diese Arbeiten von Palästinensern aus der Westbank und dem Gazastreifen gemacht. Nach den Intifadas hat unsere Regierung dem ein Ende gesetzt. Die Afrikaner besetzen jetzt deren Plätze.

Natürlich werden sie – nach israelischer Sichtweise – mit Hungerlöhnen bezahlt, aber genug, dass die Migranten noch Geld an ihre Familien zurückschicken können. Kleine Dollar-Summen werden dort wie ein Vermögen angesehen.

Um es möglich zu machen, Geld zu überweisen, führen die Migranten ein Hundeleben. Fast alle sind Singles, eingepfercht in alte, schmutzige Häuser in den Slums von Tel Aviv und anderen Städten, sie schielen nach den lokalen Mädchen, zur Erholung betrinken sie sich.

Die israelischen Bewohner dieser Slums, die Ärmsten der Armen, hassen sie. Sie beschuldigen sie aller möglichen Verbrechen, einschließlich Vergewaltigung, gewalttätigen Streits und Mordes. Sie glauben auch, dass sie gefährliche Krankheiten, die in Israel fast unbekannt sind, einschleppen, wie Malaria und Tuberkulose. Sie sind nicht wie die Israelis nach der Geburt geimpft worden.

Alle diese Anklagen sind natürlich weit übertrieben. Aber man kann die israelischen Slumbewohner verstehen, die mit den armen Ausländern, mit denen sie keine Verbindung haben, zusammen leben müssen.

Unter solchen Umständen blüht Rassismus. Die Afrikaner werden leicht an ihrer Hautfarbe erkannt.

Die üblichen rassistischen Slogans – „sie vergewaltigen unsere Frauen,“ „sie verbreiten unheilbare Krankheiten“, „sie sind wie Tiere“ sind zahlreich, in Israel kommt noch einer hinzu: „Sie gefährden unsern jüdischen Staat“.

Alles in allem gibt es jetzt 60 000 Afrikaner in Israel, denen noch 3000 Neuankömmlinge in jedem Monat hinzugefügt werden müssen. Dann gibt es in Israel auch eine große Anzahl von (legalen)Thais, die in der Landwirtschaft arbeiten, Chinesen und Rumänen, die in der Bauindustrie arbeiten, Philippinen, die Kranken und Alten beistehen.

(Ein im Umlauf befindlicher Witz: ein alter Palmachnik – Mitglied einer vorstaatlichen illegalen militärischen Organisation – besucht ein Veteranentreffen und ruft aus: „Wow, ich wusste gar nicht, dass so viele Philippinen in der Palmach waren!“)

Mit Israels jüdischer Bevölkerung, die sich auf 6,5 Millionen beläuft und der arabischen Bürger von 1,5 Millionen, ist es leicht, die Migranten als eine schreckliche Gefahr für die Jüdischkeit des Staates darzustellen.

WIE EIN Sumpf, der Moskitos anzieht, so zieht eine solche Situation Volksverhetzer und Aufhetzer an. Wir haben genug davon.

Vor zwei Wochen brachen Unruhen im Tel Aviver Hatikva-Viertel aus, einem der betroffenen Slums. Afrikaner wurden angegriffen, Läden, die Afrikanern gehören, wurden geplündert.

Wie durch Zauber angezogen erschienen in kürzester Zeit alle wohlbekannten faschistischen Agitatoren auf der Szene, stachelten die Menge gegen die Afrikaner und die linken „Sensibelchen“ an.

Die meiste Medienbeachtung wurde einem Likud-Mitglied des Parlamentes, Miri Regev, gegeben. Ihr genügten die üblichen Schimpfnamen nicht, sie schrie, dass die Afrikaner „ ein Krebsgeschwür“ seien.

Dieser Ausdruck aus dem Goebbelschen Lexikon schockierte viele im ganzen Land. Regev ist nicht nur eine hübsche Frau, sondern auch eine frühere Chefsprecherin der israelischen Armee (vom früheren Stabschef des verheerenden Libanonkrieges Dan Halutz ernannt, an dessen Bemerkung man sich gut erinnert: wenn ich eine Bombe über einem Wohnviertel fallen lasse, „spüre ich nur ein leichtes Rütteln am Flügel“)

Regev erreichte mit ihrer Rede die Schlagzeilen und wurde mit zahlreichen TV-Interviews belohnt, in denen man sie kennen lernen konnte. Sie sprach wie einst die Fischerfrauen. (Hier ist keine Beleidigung von Fischerfrauen beabsichtigt). Sie war, um es unverblümt zu sagen, ekelhaft.

WAS DEN Ekel betrifft: ich habe ein persönliches Hobby. Jede Woche wähle ich – streng für mich – die ekelhafteste Person im israelischen öffentlichen Leben aus. Während der letzten Wochen war mein Auserwählter Eli Yishai von der orientalisch-orthodoxen Shaspartei.

Shas wird vollkommen von einer Person dominiert: Rabbi Ovadia Josef. Er stellt ein und entlässt die politische Führung der Partei. Sein Wort ist Gesetz. Als der letzte Führer wegen Diebstahl ins Gefängnis kam, brachte Rabbi Ovadia Eli Yishai von nirgendwo her.

Als Innenminister diente Yishai vor allem als Kanal für Regierungsgelder zu den Institutionen seiner Partei. In allen anderen Funktionen hat er kläglich versagt. Es geht das starke Gerücht um, dass bei seinem in Kürze herauskommenden Bericht über den Brand im Carmelwald der staatliche Rechnungsprüfer empfehlen wird, ihn wegen krasser Inkompetenz zu entlassen.

Für Yishai ist die anti-afrikanische Hysterie ein Geschenk seines Gottes. Nachdem er der Öffentlichkeit sagte hatte, dass die Migranten Kriminelle seien, die Krankheiten mit sich bringen und den jüdischen Staat gefährden, erklärte er ihnen den Krieg.

Nun ist das ganze Land mobilisiert. Jeden Tag steht die Zahl der deportierten Afrikaner über allen Nachrichten. Yishais spezielle „Immigrantenpolizei“ wird fotografiert, wie sie Afrikaner in die Polizeiwagen stößt. Yishai erscheint täglich im TV und rühmt sich seiner Leistungen.

Auf sein Drängen hin diskutiert die Knesset eine Gesetzesvorlage, die Gefängnisstrafen (fünf Jahre) plus Geldstrafe von einer halben Million Schekel ( etwa 100 000 Euro!!) für jeden, der einen „illegalen“ Arbeiter beschäftigt, vorsieht. Zum Glück wird dieses Gesetz noch bearbeitet und wird nicht bei den Frauen des Verteidigungsministers (Ehud Barak) und des Generalstaatsanwalts (Yehuda Weinstein) angewandt, die ertappt wurden, illegale Migranten in ihren Häusern zu beschäftigen. (Ihre Ehemänner wussten natürlich nichts davon.)

Am allermeisten gibt Yishai mit der riesigen Menschenjagd an, die jetzt in Gang kommt. Afrikaner ducken sich nun in ihren miserablen Wohnungen und wagen nicht, auf die Straßen hinaus zu gehen. Nachts sind sie bei jedem Geräusch hellwach, weil sie fürchten, die Immigrationspolizei könne an ihre Türe klopfen.

Problematisch ist, dass die meisten der 60 000 Afrikaner aus Eritrea und dem Nordsudan kommen, wohin die Migranten nicht zurückgeschickt werden können, weil der Oberste Gerichtshof es verboten hat. Die Rückkehr in ihr Land würde ihr Leben in Gefahr bringen. Das lässt nur die Bürger des neuen Staates Südsudan übrig, der mit der Hilfe israelischer Militärberater und -waffen befreit worden ist. Sie werden jetzt vor den Augen der Öffentlichkeit zusammen getrieben, um deportiert zu werden.

Und was ist mit den anderen? Die Regierung ist nun fieberhaft an der Arbeit, große Zeltlager in der trockenen Negevwüste, in der Mitte von nirgendwo, aufzubauen, in denen Zehntausende von Migranten drei Jahre lang festgehalten werden sollen. Das können nur unmenschliche Bedingungen sein. Da kein anderes Land bereit ist, sie aufzunehmen, werden sie dort wahrscheinlich viel länger bleiben.

Bis jetzt gibt es dort weder Wasser noch sanitäre Anlagen; Frauen und Kinder (die in Israel geboren wurden und hebräisch sprechen) werden wohl getrennt untergebracht werden. Im Sommer mit Temperaturen, die leicht 40 Grad Celsius erreichen. Das Leben in den Zelten wird die Hölle sein.

Yishai und seine Kollegen haben ein Gespür für „gewaschene Sprache“: die Migranten werden „Infiltranten“ genannt, Deportation wird „Rückkehr“ genannt, die Gefängnislager werden „Wohnlager“ genannt. Nicht Konzentrationslager, Gott bewahre.

MIR IST bewusst, dass in verschiedenen anderen „zivilisierten“ Ländern die Migranten genau so schlecht behandelt werden oder noch schlechter. Das beruhigt mich keineswegs.

Mir ist auch bewusst, dass es ein wirkliches Problem gibt, das gelöst werden muss. Aber nicht auf diese Weise.

Als Bürger eines Staates, der sich selbst „jüdisch“ nennt oder gar der „Staat der Holocaustüberlebenden“, ekelt mich das an.

Ich habe unzählige Male über Nazi-Judenjagden gehört, als auch von amerikanischem Lynchpöbel und russischen Pogromen. Das ist natürlich kein Vergleich, aber die Bilder stecken in meinem Kopf. Ich kann mir nicht helfen.

Unsere Behandlung der afrikanischen Flüchtlinge und Migranten haben nichts mit dem alten Konflikt mit den Arabern zu tun. Sie kann nicht mit Argumenten gerechtfertigt werden, die mit Krieg und nationale Sicherheit zu tun haben.

Dies ist schlicht und einfach Rassismus.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Israelischer Senf

Erstellt von Gast-Autor am 24. Juni 2012

Israelischer Senf

Autor Uri Avnery

ES IST eine wahre Geschichte. Ich hab sie schon einmal erzählt und werde sie noch einmal erzählen.

Einer meiner Freunde in Warschau, dessen einer Elternteil jüdisch war, riet einem wohl bekannten polnischen Journalisten, Israel zu besuchen, um es selbst zu erleben.

Als der Journalist zurückkam, rief er meinen Freund an und berichtete atemlos: „Weißt du, was ich entdeckt habe? In Israel gibt es auch Juden!“

Er meinte natürlich die Orthodoxen mit ihrer schwarzen Kleidung und mit ihren schwarzen Hüten, die wie die Juden aussehen, die sich ins polnische Gedächtnis eingeprägt hatten. Sie können in jedem polnischen Souvenirladen neben andern Figuren polnischer Folklore: König, Edelmann, Soldaten etc. gesehen werden.

Wie jener Ausländer sofort bemerkte, haben diese Juden keinerlei Ähnlichkeit mit normalen Israelis, normalen Franzosen, Deutschen und eben Polen.

DIE ORTHODOXEN (auf Hebräisch „Haredim“, die gottesfürchtig sind) sind kein Teil des israelischen Staates. Sie wollen es nicht sein.

Die meisten von ihnen leben in isolierten Ghettos, die große Teile Jerusalems ausmachen, die Stadt Bnei Brak und mehrere sehr große Siedlungen in den besetzten Gebieten.

Wenn man an ein Ghetto (ursprünglich der Name eines Stadtteils von Venedig) denkt, denkt man an die demütigende Isolierung, die den Juden von etlichen christlichen Herrschern auferlegt wurde. Aber ursprünglich war es eine selbst gewählte Isolierung. Orthodoxe Juden wollten zusammenleben, getrennt von der allgemeinen Bevölkerung, nicht nur, weil es ihnen ein Gefühl der Sicherheit gab, sondern auch – und hauptsächlich – wegen ihres Glaubens. Sie brauchten eine Synagoge, die sie am Shabbat zu Fuß erreichen konnten, ein rituelles Bad, koschere Lebensmittel und viele andere religiöse Requisiten. Sie brauchen dies heutzutage in Israel und anderswo.

Aber vor allem wollen sie den Kontakt mit anderen meiden. In modernen Zeiten mit all den gefährlichen Versuchungen benötigen sie dies – weit mehr – als sonst. In den Straßen voll großer Reklameplakate unbekleideter Frauen, mit TV, das oft einen endlosen Strom sanfter (und manchmal nicht so sanfter) Pornographie bringt, und das Internet voll gefährlicher Informationen und persönlicher Kontakte – die Orthodoxen müssen ihre Kinder beschützen und sie von der sündigen israelischen Lebensweise fernhalten.

Es ist eine Sache des reinen Überlebens für eine Gemeinschaft, die seit 2500 Jahren existiert und die bis vor 250 Jahren praktisch alle Juden einschloss.

ZIONISMUS WAR, wie ich oft betonte, u.a. eine Rebellion gegen das Judentum, etwa wie Martin-Luthers Rebellion gegen den Katholizismus.

Als Theodor Herzl seine Flagge hisste, lebten fast alle osteuropäischen Juden in einer ghettoartigen Atmosphäre, von großen Rabbinern beherrscht. Alle diese Rabbiner sahen fast ohne Ausnahme den Zionismus als den großen Feind an, mehr als die Christen den Antichristen.

Und nicht ohne Grund. Die Zionisten waren Nationalisten, Anhänger der neuen europäischen Doktrin, nach der sich menschliche Kollektive zuerst auf ethnische Ursprünge, Sprache und Land, nicht auf Religion gründete. Sie war das Gegenteil zum jüdischen Glauben, dass Juden das Volk Gottes seien, vereint im Gehorsam gegenüber seinen Geboten.

Wie jeder weiß, hat Gott sein auserwähltes Volk wegen seiner Sünden aus ihrem Land vertrieben und ins Exil gebracht. Eines Tages wird Gott ihnen vergeben und ihnen den Messias senden, der die Juden, einschließlich den Toten, dann nach Jerusalem führen wird. Die Zionisten mit ihrem verrückten Wunsch, dies selbst zu tun, begingen nicht nur eine tödliche Sünde, sondern rebellierten gegen den Allmächtigen, der ausdrücklich seinem Volk verboten hat, das Heilige Land en masse zu betreten.

Herzl und fast all die anderen zionistischen Gründungsväter waren überzeugte Atheisten. Ihre Haltung gegenüber den Rabbinern war herablassend. Herzl schrieb, dass der zukünftige jüdische Staat die Rabbiner in ihren Synagogen halten würde (und die Armeeoffiziere in ihren Kasernen). Alle bedeutenden Rabbiner jener Zeit verfluchten ihn mit derben Ausdrücken.

Doch hatten Herzl und seine Kollegen ein Problem. Wie kann man Millionen von Juden, die mit ihrer alten Religion verbunden sind, für den neumodischen Nationalismus gewinnen? Er löste das Problem, indem er die Fiktion erfand, dass die neue zionistische Nation nur eine Fortsetzung des alten jüdischen „Volkes“ in einer neuen Form sei. Für diesen Zweck „stahl“ er die Symbole der jüdischen Religion und verwandelte sie in nationale um: der jüdische Gebetsschal wurde zur zionistischen (und jetzt zur israelischen) Flagge, die jüdische Menora (der Kerzenleuchter im Tempel) wurde zum Staatsemblem, der Davidstern wurde das oberste nationale Symbol. Fast alle religiösen Feiertage wurden ein Teil der neuen nationalen Geschichte.

Diese Umwandlung wurde enorm erfolgreich. Praktisch alle „jüdischen“ Israelis akzeptieren dies heute als selbstverständliche Wahrheit. Außer den Orthodoxen.

DIE ORTHODOXEN behaupten, sie und nur sie seien die wahren Juden und die rechten Erben der Jahrtausende langen Geschichte.

Sie haben damit vollkommen recht.

Die Gründungsväter erklärten, sie wollten einen „neuen Juden“ schaffen. Tatsächlich schufen sie eine neue Nation, die israelische.

David Ben Gurion, ein begeisterter Zionist, sagte, die zionistische Organisation sei das Gerüst für den Aufbau des Staates Israel gewesen und sollte abgebaut werden. Ich gehe noch weiter : Zionismus als solcher war das Gerüst und sollte jetzt abgebaut werden . Die Fiktion, dies sei ein „jüdischer“ Staat, ist die Fortsetzung einer am Anfang notwendigen Fiktion, die überflüssig und jetzt sogar schädlich geworden sein kann.

Diese Fiktion schafft die gegenwärtige Situation: die Orthodoxen werden von den Israelis wie ein Teil der jüdisch-israelischen Gemeinschaft angesehen, während sie sich wie ein fremdes Volk verhalten. Es ist nicht nur richtig, dass sie die israelische Flagge nicht grüßen (wie erwähnt, der Gebetsschal mit dem Davidstern) und sich weigern, den Unabhängigkeitstag zu feiern (übrigens wie die arabischen Bürger) – aber sie weigern sich auch, in der Armee zu dienen oder anderen nationalen Dienst zu tun.

Dies ist jetzt der Hauptzankapfel in Israel. Offiziell behaupten die Orthodoxen, alle ihre jungen Leute, die verpflichtet seien, Militärdienst zu machen – etwa 15 000 jedes Jahr – seien fleißig dabei, den Talmud zu studieren und könnten nicht einen Tag damit aufhören, geschweige denn drei Jahre wie gewöhnliche Studenten. Ein Rabbiner erklärte letzte Woche, sie dienten tatsächlich mehr dem Land als gewöhnliche Kampfsoldaten, weil sie den Schutz Gottes für den Staat sichern helfen.

Der Oberste Gerichtshof – so scheint es – ist nicht so sehr von dem göttlichen Schutz beeindruckt und annullierte kürzlich ein Gesetz, das die Orthodoxen vom Militärdienst befreit, was ein politisches Gerangel von Alternativen verursachte. Ein neues Gesetz, das den Gerichtshof umgeht, wird gerade erarbeitet.

Tatsächlich werden die Orthodoxen ihren Kindern nie erlauben, in der Armee zu dienen wegen der berechtigten Angst, sie würden von den gewöhnlichen Israelis verunreinigt – sie erfahren von Nachtclubs, TV und – Gott bewahre – von Haschisch und am schlimmsten, das Hören weiblicher Singstimmen – was nach dem jüdisch religiösen Gesetz eine totale Scheußlichkeit sei.

Die Trennung zwischen den Orthodoxen und anderen – manche sagen zwischen Juden und Israelis – ist fast vollkommen. Die Orthodoxen sprechen eine andere Sprache (Jiddisch), haben eine andere Körpersprache, kleiden sich anders, haben ein anderes Weltbild. In ihren getrennten Schulen lernen die Kinder völlig andere Fächer ( kein Englisch, keine Mathematik, keine weltliche Literatur, keine Geschichte anderer Völker).

Israels Schüler von Staatsschulen haben keine gemeinsame Sprache mit den Schülern der orthodoxen Schulen, weil sie völlig verschiedene Geschichten lernen. Ein extremes Beispiel:

Vor ein paar Jahren veröffentlichten zwei Rabbiner ein Buch „Der Königsweg“, das feststellt, dass das Töten von Kindern von Nicht-Juden gerechtfertigt sei, falls befürchtet wird, dass diese – wenn erwachsen – Juden verfolgen würden. Mehrere bedeutende Rabbiner unterstützten das Buch. Unter Druck der öffentlichen Meinung, begann die Polizei eine strafrechtliche Untersuchung wegen Hetze. In dieser Woche entschied der Generalstaatsanwalt endlich, diese Sache nicht weiter zu verfolgen, weil die Rabbiner nur religiöse Texte zitierten.

Ein orthodoxer Jude kann nicht in einem gewöhnlichen israelischen Haus essen (nicht koscher, oder nicht koscher genug). Sicherlich würde er auch seine Tochter nicht mit einem säkularen israelischen jungen Mann verheiraten lassen.

Das Verhalten gegenüber Frauen ist vielleicht der bemerkenswerteste Unterschied. In der jüdischen Religion gibt es absolut keine Gleichheit unter den Geschlechtern. Die Orthodoxen sehen ihre Frauen – und die Frauen sich selbst – hauptsächlich als Mittel zur Vermehrung an. Der Status der orthodoxen Frauen wird von der Anzahl ihrer Kinder bestimmt. In bestimmten Stadtteilen Jerusalems ist es ganz normal eine schwangere Frau in den 30ern zu sehen, die von einer Schar Kinder umgeben ist und ein Baby im Arm hält. Familien mit 10 bis 12 Kindern sind keine Ausnahme.

EIN WOHLBEKANNTER israelischer Kommentator und eine TV-Persönlichkeit schrieb vor kurzem, die Orthodoxen sollten „zusammengeschrumpft“ werden. Als Erwiderung goss ein orthodoxer Schreiber seinen Zorn über „säkulare“ Personen, die nicht gegen den Artikel protestierten, unter anderen: „den unermüdlichen Ideologen Uri Avnery“. So sollte ich meinen Standpunkt klar machen.

Als ein atheistischer Israeli respektiere ich die Orthodoxen für das, was sie sind – eine andere Entität. Man könnte auch sagen: ein anderes Volk. Sie leben in Israel, sind aber keine wirklichen Israelis. Für sie ist der israelische Staat wie jeder andere nicht-jüdische Staat, die Israelis sind wie jedes andere nicht-jüdische Volk. Der Unterschied liegt nur darin: sie haben die israelische Staatbürgerschaft. Sie können den Staat schamlos melken.

Wir finanzieren praktisch ihre ganze Existenz – ihre Kinder, ihre Schulen, ihr Leben ohne Arbeit.

Mein Vorschlag für einen aufrecht zu erhaltenden Modus vivendi wäre:

Als erstes eine vollkommene Trennung von Staat und Religion. Alle Gesetze, die sich auf Religion stützen, annullieren.

Zweitens den Orthodoxen vollkommene Autonomie gewähren. Sie sollen ihre repräsentativen Institutionen selbst wählen und in allen religiösen, kulturellen und Bildungsfragen sich selbst regieren. Sie sollten vom Militärdienst befreit werden.

Drittens sollten die Orthodoxen ihre religiösen Dienste selbst bezahlen mit Hilfe ihrer Brüder im Ausland. Vielleicht könnte es für diesen Zweck eine freiwillige Steuer geben, die der Staat dann zu der autonomen Behörde weiterleitet.

Viertens würde es kein „Oberrabbinat“ geben oder andere vom Staat ernannte Rabbiner. Diese werden ja sowieso von den Orthodoxen zurückgewiesen. (Der einmalige Yeshayahu Leibowitz, ein praktizierender Jude, nannte einmal den Oberrabbiner Shlomo Goren „den Clown mit dem Shofarhorn“)

Ich würde übrigens eine ähnliche Autonomie für die arabischen Bürger vorschlagen, falls sie es wünschen.

DA BLEIBT NOCH die Frage der sog. „National-Religiösen“. Sie sind die Nachkommen der winzigen Minderheit religiöser Juden, die sich von Anfang an der zionistischen Bewegung angeschlossen haben. Sie sind jetzt eine große Gemeinde. Nicht nur, dass sie begeisterte Zionisten sind, sie sind die ultra-ultra-Rechten, die das Siedlungsunternehmen und den gewalttätigen rechten Zionismus anführen. Sie akzeptieren nicht nur den Staat und die Armee – sie hoffen, beide anzuführen und haben schon beträchtliche Fortschritte in dieser Richtung gemacht.

Doch auch in religiösen Angelegenheiten werden sie immer extremer und nähern sich den Orthodoxen. Einige Israelis nennen beide Gruppen schon „Chardal“ ( das mit „Nareor“ übersetzt werden kann – National-Religiös-Orthodoxe) Chardal bedeutet übrigens Senf.

Was soll man mit diesem Senf bei einem autonomen Essen tun? Lasst mich einen Augenblick nachdenken.

ÜBRIGENS,WENN ein Israeli von einem Ausländer irgendwo auf der Welt gefragt wird: „Was sind Sie?“ Wird er immer antworten: „Ich bin ein Israeli.“ Er wird garantiert niemals sagen: „Ich bin ein Jude“. Außer den Orthodoxen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Aus der Vogelperspektive

Erstellt von Gast-Autor am 3. Juni 2012

Aus der Vogelperspektive

Autor Uri Avnery

AM 15.MAI, dem Jahrestag der Gründung des Staates Israel begehen die arabischen Bürger einen Tag der Trauer für die Opfer der Nakba („Katastrophe“) – den Massenauszug des halben palästinensischen Volkes aus dem Gebiet, das Israel wurde.

Wie jedes Jahr hat dies viel Wut erzeugt. Die Tel Aviver Universität erlaubte den arabischen Studenten eine Versammlung abzuhalten, die von ultra-rechten jüdischen Studenten angegriffen wurde. Die Haifaer Universität verbot solch eine Versammlung. Vor einigen Jahren wurde in der Knesset über ein Nakba-Gesetz debattiert, nach dem Teilnehmer an solchen Gedenkfeiern drei Jahre Gefängnisstrafe bekommen sollten. Dies wurde später modifiziert: Unterstützungsgelder von Seiten der Regierung soll von d e n Instituten zurückgezogen werden, die die Nakba erwähnen.

Die „Einzige Demokratie im Nahen Osten“ mag wohl die einzige Demokratie der Welt sein, die seinen Bürgern verbietet, an ein historisches Ereignis zu erinnern. Vergessen ist eine nationale Pflicht.

Es ist schwierig, die Geschichte des „palästinensischen Problems“ zu vergessen, weil es unser Leben 65 Jahre nach der Gründung des Staates Israels beherrscht; die Hälfte der Nachrichten in unseren Medien befasst sich – direkt oder indirekt – mit diesem einen Problem.

Eben erst hat die südafrikanische Regierung beschlossen, alle Produkte aus den Westbank-siedlungen müssten eindeutig bezeichnet werden. Diese Maßnahme, die in Europa schon besteht, wurde – ausgerechnet – von unserm Außenminister Avigdor Lieberman rundweg als „rassistisch“ verurteilt, obwohl sich Südafrika nur einem Boykott anschließt, der vor 15 Jahren von meinen Freunden und mir initiiert wurde.

Die neue Regierungskoalition hat erklärt, sie wolle die Verhandlungen mit den Palästinensern wieder aufnehmen (jeder weiß, dass dies ein hohles Versprechen ist) Eine Welle von Morden und Vergewaltigungen wurde den Arabern ( und afrikanischen Asylsuchenden) untergeschoben. Alle Kandidaten für die ägyptische Präsidentschaft versprechen, den Kampf für die Palästinenser aufzunehmen. Ranghohe israelische Armeeoffiziere haben bekannt gemacht, dass 3500 syrische und iranische Raketen, als auch Zehntausende Hisbollahraketen aus dem Südlibanon bereit liegen, um wegen Palästina auf uns abgefeuert zu werden. Und so weiter – eine tägliche Liste.

115 Jahre nach der Gründung der zionistischen Bewegung beherrscht der israelisch-palästinensische Konflikt unsere Nachrichten.

DIE GRÜNDUNGSVÄTER des Zionismus übernahmen den Slogan „ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ ( geprägt wurde dieser Slogan schon 1854 von Earl Shaftesbury, einem britischen christlichen Zionisten) . Sie glaubten das „verheißene Land“ sei leer. Sie wussten natürlich, dass es in dem Land ein paar Leute gibt, aber die Zionisten waren Europäer, und für Europäer am Ende des 19. Jahrhundert, der Blütezeit des Imperialismus und Kolonialismus, zählten die Farbigen – braun, schwarz, gelb, rot oder was auch immer – nicht als wirkliche Menschen.

Als Theodor Herzl die Idee eines jüdischen Staates erfand, dachte er nicht an Palästina, sondern an ein Gebiet in Argentinien. Er beabsichtigte, dieses Gebiet von der ganzen einheimischen Bevölkerung frei zu machen – aber erst, wenn sie alle Schlangen und gefährlichen wilden Tiere getötet hätten.

In seinem Buch „Der Judenstaat“ wurden die Araber nicht erwähnt – und das ist kein Zufall.

Als Herzl es schrieb, dachte er nicht einmal an dieses Land. Das Land erscheint im Buch nur in einem winzigen Kapitel, das im letzten Augenblick hinzugefügt wurde: „Palästina oder Argentinien?“

Deshalb sprach Herzl nicht über die Vertreibung des palästinensischen Volkes. Dies wäre auf jeden Fall unmöglich gewesen, da Herzl den ottomanischen Sultan um eine Charta für Palästina gebeten hatte. Der Sultan war ein Kalif, das geistliche Oberhaupt der Muslime der Welt. Herzl war zu vorsichtig, um dieses Thema anzuschneiden.

Dies erklärt die ansonsten seltsame Tatsache: die zionistische Bewegung hat niemals eine klare Antwort auf diese allerfundamentalste Frage gegeben: wie kann ein jüdischer Staat in einem Land geschaffen werden, das schon von einem anderen Volk bewohnt wird? Diese

Frage ist bis zum heutigen Tage unbeantwortet geblieben.

Aber nur scheinbar. Irgendwo unter allem verborgen, an den Rändern des kollektiven Bewusstseins, hat der Zionismus immer eine Antwort. Sie ist so selbstverständlich, dass es nicht nötig ist, darüber nachzudenken. Nur wenige haben den Mut, es offen auszusprechen. Es liegt sozusagen im „genetischen Code“ der zionistischen Bewegung und seiner Tochter des Staates Israel.

Dieser Code sagt: ein jüdischer Staat im ganzen Land Israel. Und deshalb totale Opposition gegenüber der Errichtung eines palästinensischen Staates – zu allen Zeiten, irgendwo im Land, egal, was es kostet.

WENN EIN Stratege einen Krieg plant, bestimmt er als erstes dessen Ziel. Das ist das Hauptbestreben. Jedes andere Bestreben muss sich dementsprechend danach ausrichten. Wenn es das Hauptbestreben unterstützt, ist es akzeptabel. Wenn es dieses Hauptbestreben verletzt, muss es zurückgewiesen werden.

Das Hauptbestreben der zionistisch/israelischen Bewegung ist es, einen jüdischen Staat im ganzen Land Israel zu errichten – das Land zwischen Mittelmeer und dem Jordanfluss. Mit anderen Worten: die Verhinderung eines arabisch- palästinensischen Staates.

Wenn man dies begreift, machen alle Ereignisse der letzten 115 Jahre Sinn. All die Biegungen und Windungen, alle scheinbaren Widersprüche und Umwege, all die seltsam aussehenden Entscheidungen machen einen perfekten Sinn.

Aus der Vogelperspektive sieht die zionistisch-israelische Politik aus wie ein Fluss, der in Richtung Meer fließt. Wenn er auf ein Hindernis stößt, umfließt er es. Der Fluss fließt einmal nach rechts, einmal nach links, manchmal sogar zurück. Aber er strebt mit einer wundersamen Entschlossenheit zu seinem Ziel.

Das leitende Prinzip war, jeden Kompromiss anzunehmen, der uns gibt, was wir in jedem Stadium bekommen können, doch nie das Endziel aus den Augen zu verlieren.

Diese Taktik erlaubt uns jeden Kompromiss, außer einem: einen arabisch-palästinensischen Staat, der die Existenz eines arabisch-palästinensischen Volkes bestätigt.

Alle israelischen Regierungen haben gegen diese Idee mit allen erreichbaren Mitteln gekämpft. In dieser Hinsicht gab es keinen Unterschied zwischen David Ben Gurion, der ein geheimes Abkommen mit König Abdullah von Jordanien machte, um die Gründung eines palästinensischen Staates zu verhindern, wie die Resolution der UN-Vollversammlung 1947 verfügt hatte, und Menachem Begin, der einen Sonderfrieden mit Anwar Sadat machte, um Ägypten aus dem israelisch-palästinensischen Krieg fern zu halten. Geschweige denn Golda Meirs berüchtigter Ausspruch: „So etwas wie ein palästinensisches Volk gibt es nicht.“ Tausende anderer Entscheidungen von verschiedenen israelischen sich folgenden Regierungen sind derselben Logik gefolgt.

Die einzige Ausnahme mochte das Oslo-Abkommen sein – das auch nicht einen palästinensischen Staat erwähnt. Nach der Unterzeichnung eilte Yitzhak Rabin nicht weiter, um solch einen Staat zu gründen. Er blieb stehen, als ob er vor seiner eigenen Kühnheit erschrak. Er zögerte, zauderte, bis der unvermeidliche zionistische Gegenangriff in Fahrt kam und seinen Bemühungen – und seinem Leben – ein Ende setzte.

DER GEGENWÄRTIGE Kampf um die Siedlungen ist ein integraler Teil dieses Prozesses.

Das Hauptziel der Siedler ist es, einen palästinensischen Staat unmöglich zu machen. Alle israelischen Regierungen haben sie – offen oder geheim – unterstützt. Sie sind natürlich nach dem Internationalem Recht illegal, viele von ihnen sind sogar nach israelischem Gesetz illegal: Man nennt sie verschieden: „illegal“ , „unrechtmäßig“, „unerlaubt“ usw.

Israels erhabener Oberster Gerichtshof hat angeordnet, mehrere von ihnen zu entfernen, und er erlebt, dass seine Entscheidungen von der Regierung ignoriert werden.

Die Siedler behaupten, dass nicht eine einzige Siedlung ohne geheimes Einverständnis der Regierung errichtet wurde. Und tatsächlich sind die unrechtmäßigen Siedlungen sofort mit Wasserleitungen, dem Stromnetz und speziellen neuen Straßen verbunden worden, und die Armee eilte hin, um sie zu verteidigen – tatsächlich sind die Israelischen Verteidigungskräfte (IDF) schon seit langem die Siedlungsverteidigungskräfte (SDF) geworden. Anwälte und Rechtsverdreher sind massenweise damit beschäftigt , riesige Flächen palästinensisches Land zu enteignen. Eine berühmte Anwältin entdeckte ein vergessenes ottomanisches Gesetz, das besagt, wenn man vom Rande eines Dorfes schreit, dann gehört all das Land dem Sultan, wo man dieses Schreien nicht mehr hört. Da der israelische Staat der Erbe der jordanischen Regierung sei, die der Erbe es Sultan sei, gehöre dieses Land der israelischen Regierung, die es den Siedlern weitergibt.(Das ist kein Witz.)

Während der israelisch-palästinensische Konflikt zu ruhen scheint und „nichts geschieht“, ist er mit aller Kraft auf dem einzigen Schlachtfeld , das wichtig ist, im Gange: im Siedlungsunternehmen. Alles andere ist marginal, wie die erschreckende Aussicht eines israelischen Angriffs auf den Iran. Wie ich schon oft gesagt habe, wird dieser nicht geschehen. Er ist ein Teil der Bemühungen, die Aufmerksamkeit von der Zwei-Staaten-Lösung abzulenken, der einzigen friedlichen Lösung, die es gibt.

WOHIN FÜHRT die Negation des palästinensischen Staates?

Logischerweise kann sie nur zu einem Apartheidstaat im ganzen Land zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan führen. Auf die Dauer wird dies unhaltbar sein und zu einem „bi-nationalen“ Staat mit arabischer Mehrheit führen, der völlig inakzeptabel für fast alle israelischen Juden sein würde. Was bleibt also?

Die einzig denkbare Lösung würde ein Transfer aller Araber auf die andere Seite des Jordan sein. In einigen ultrarechten Kreisen wird darüber offen geredet. Der jordanische König hat schon eine Heidenangst davor.

Ein Bevölkerungstransfer geschah schon 1948. Es gibt noch immer ein Streitgespräch, ob dieser absichtlich geschah. Im ersten Teil des Krieges war er eindeutig eine militärische Notwendigkeit ( und wurde von beiden Seiten praktiziert) . Später wurde er absichtlich durchgeführt. Aber der Hauptpunkt ist, dass es den Flüchtlingen aus über 400 Dörfern nicht erlaubt wurde, zurückzukehren, als die Feindseligkeiten vorüber waren. Im Gegenteil: die Bevölkerung einiger Dörfer wurde sogar noch später vertrieben und auch diese Dörfer zerstört. Jeder handelte nach der unsichtbaren Direktive der Hauptbestrebung, eine Anweisung, die so tief ins kollektive Bewusstsein gedrungen war, dass keine speziellen Order mehr nötig waren.

Aber 1948 ist schon lange vorbei. Die Welt hat sich verändert. Was vom tapferen und kleinen nach-Holocaust Israel toleriert wurde, wird morgen vom mächtigen, arroganten Israel nicht toleriert werden. Heute ist es ein Hirngespinst – ähnlich Träumen der anderen Seite, in denen Israel irgendwie von der Landkarte verschwinden würde.

Dies bedeutet, dass ethnische Säuberung – die einzige Alternative zur Zwei-Staaten-Lösung – unmöglich ist. Das Hauptbestreben ist in eine Sackgasse geraten.

ES IST oft gesagt worden, der israelisch-palästinensische Konflikt sei ein Zusammenprall zwischen einer unaufhaltbaren Kraft und einem unbeweglichen Objekt. Dies wird unser Leben und das der nächsten Generationen dominieren.

Wenn wir nicht etwas tun, das fast unmöglich aussieht: das Hauptbestreben ändern d.h. die historische Richtung unseres Staates. Ein Ersatz dafür wäre ein neues nationales Ziel: Friede und Koexistenz, Versöhnung zwischen dem Staat Israel und dem Staat Palästina.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der neue Protest

Erstellt von Gast-Autor am 27. Mai 2012

Der neue Protest

Autor Uri Avnery

DER RABIN-PLATZ in Tel Aviv hat viele Demonstrationen gesehen, aber keine war wie die am letzten Samstag.

Sie hat nichts mit dem Ereignis zu tun, das ihm den Namen gab: Die riesige Rallye für Frieden , an deren Ende die Ermordung Yitzhak Rabins war. Diese Rallye war in jeder Hinsicht anders.

Es war ein fröhliches Ereignis. Dutzende von NGOs, viele von ihnen klein, einige von ihnen etwas größer, jede mit einer anderen Agenda, kamen zusammen, um den sozialen Protest des letzten Jahres wieder aufzunehmen. Aber es war keineswegs eine Fortsetzung des „israelischen Frühlings“ des letzten Jahres.

Der Aufstand des letzten Jahres war ganz ungeplant. Eine junge Frau, Daphni Leef, konnte ihre Miete nicht zahlen und stellte ein kleines Zelt auf den Rothshild-Boulevard, ein fünf- Minuten-Spaziergang vom Rabin-Platz entfernt. Sie hatte offensichtlich den richtigen Ton getroffen, weil innerhalb von Tagen Hunderte von Zelten auf dem Boulevard und überall im Land aufgebaut wurden. Er endete in einer sehr großen Demonstration, die „der Marsch der halben Million“ genannt wurde, der zur Bildung einer Regierungskommission führte, die eine Liste von Anregungen erstellte, um die soziale Ungerechtigkeit zu mildern. Nur ein kleiner Teil von ihnen wurde realisiert.

Das ganze Unternehmen nannte sich „unpolitisch“; es wies Politiker jeder Art zurück und weigerte sich resolut, sich mit einem nationalen Problem, wie z.B. Frieden ( was ist das denn?), Besatzung, Siedlungen und Ähnlichem zu befassen.

Alle Entscheidungen wurden von einer anonymen Führung, die sich um Daphni gruppierte, getroffen. Einige Namen wurden bekannt, andere nicht. Die Massen, die sich ihnen anschlossen, waren mit ihren Vorschlägen einverstanden.

NUN NICHT MEHR. Die neue Initiative dieses Jahres hat offensichtlich keine Führung. Es gab keine zentrale Tribüne, keinen Hauptsprecher. Sie ähnelt dem Londoner Hyde Park Corner, wo jeder auf einen Stuhl klettern und sein oder ihr Evangelium predigen kann. Jede Gruppe hat ihren eigenen Stand, wo ihre Flugblätter ausgehängt waren, jede hatte ihren eigenen Namen, ihre eigene Agenda, ihre eigenen Redner und ihre eigenen „Guides“ (da wir sie nicht Führer nennen sollten).

Da der Platz groß ist und die Zuhörerschaft auf einige Tausend kam, funktionierte es. Viele verschiedene – und einige widersprüchliche – Versionen sozialer Gerechtigkeit wurden befürwortet: von einer Gruppe, die sich „Revolution der Liebe“ nannte (jeder sollte jeden lieben) bis zu einer Gruppe von Anarchisten (alle Regierungen sind schlecht, auch Wahlen sind schlecht).

Sie stimmten nur in einem Punkt überein: sie waren alle „unpolitisch“, alle schraken vor den Tabuthemen (s. oben) zurück.

Gideon Levy nannte die Szene „chaotisch“ und wurde unmittelbar von den Protestierenden

angegriffen, die ihm vorwarfen, dass ihm das Verständnis fehlt, (wahrscheinlich sei er zu alt, um dies zu verstehen). Chaos sei wunderbar. Chaos sei wirkliche Demokratie. Es gebe dem Volk seine Stimme zurück. Es gibt dort keine Führer, die den Protest stehlen und ihn für eigene Zwecke und Egos ausnützen würden. Es ist die Art und Weise, wie sich die neue Generation selbst ausdrückt.

ALL DIES erinnert mich an eine glückliche Periode – an die 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts, als noch fast niemand dieser Demonstranten geboren war oder gar „in der Planungsphase“ war (wie Israelis es gerne ausdrücken).

Zu jener Zeit war Paris von einer Leidenschaft für soziale und politische Demonstrationen ergriffen. Es gab keine gemeinsame Ideologie, keine einigende Vision einer neuen Sozialordnung. Im Odeon-Theater ging Tag für Tag eine endlose und ununterbrochene Debatte weiter , während außerhalb Demonstranten Pflastersteine auf die Polizisten warfen, die sie mit bleiernen Säumen ihrer Mäntel schlugen. Jeder war begeistert; es war klar, eine neue Epoche der menschlichen Geschichte hatte begonnen.

Claude Lanzmann, der Sekretär von Jean-Paul Sartre und Liebhaber von Simone de Beauvoir und der später bei dem Monumentalfilm „Shoa“ Regie führte, beschrieb mir die Atmosphäre so: „Die Studenten verbrannten die Autos auf den Straßen. An den Abenden parkte ich meinen Wagen an entfernten Plätzen. Aber eines Tages sagte ich zu mir: Was zum Teufel brauch ich einen Wagen? Lasst sie ihn verbrennen!“

Aber während die Linke redete, sammelte die Rechte ihre Kräfte unter Charles de Gaulle, eine Million Rechte marschierte auf den Champs Elisées. Der Protest verlief im Sande und ließ nur ein vages Verlangen nach einer besseren Welt zurück.

Der Protest war nicht auf Paris beschränkt. Sein Geist infizierte viele andere Städte und Länder. Im unteren Manhattan herrschte die Jugend unangefochten. Provokative Poster wurden in den Straßen des „Village“ verkauft, junge Männer und Frauen trugen humorvolle Abzeichen an ihrer Brust.

Im Großen und Ganzen hatte die vage Bewegung vage Ergebnisse. Ohne eine konkrete Agenda gibt es auch keine konkreten Ergebnisse. De Gaulle stürzte einige Zeit später aus anderen Gründen. In den USA wählte das Volk Richard Nixon. Im öffentlichen Bewusstsein änderte sich manches, aber nach all dem revolutionären Gerede gab es keine Revolution.

BEI DER Samstagsrallye ging die junge Daphni Leef und ihre Kameraden kaum bemerkt durch die Menge wie ein Relikt aus der Vergangenheit. Nach nur einem Jahr schien es, als ob eine neue Generation die neue Generation vom Vorjahr übernehmen würde.

Es ging nicht darum, dass sie nicht in der Lage waren, sich um eine gemeinsame Agende zu einigen – es ging eher darum, dass sie nicht den Vorteil sahen oder gar die Notwendigkeit, eine gemeinsame Agenda, eine gemeinsame Organisation, eine gemeinsame Führung zu haben. All dies sind in ihren Augen schlechte Dinge, Attribute des alten, korrupten, diskreditierten Regimes. Weg mit ihnen!

Ich bin nicht ganz sicher, was ich darüber denken soll.

Einerseits mag ich es sehr. Neue Energien werden frei. Eine junge Generation, die egoistisch, apathisch und keineswegs gleichgültig schien, zeigt plötzlich, dass sie sich Sorgen macht.

Seit Jahren habe ich meine Hoffnung ausgedrückt, dass die jungem Leute etwas Neues schaffen – mit einem neuen Wortschatz, neuen Definitionen, neuen Slogans, neuen Führern, die sich total von den heutigen Parteistrukturen und Regierungskoalitionen trennten – einem Neubeginn. Der Beginn der zweiten israelischen Republik.

Also sollte ich glücklich sein, während ich auf einen wahr werdenden Traum schaue.

Und tatsächlich bin ich glücklich über diese neue Entwicklung. Israel benötigt notwendige soziale Reformen. Die Kluft zwischen sehr Reichen und sehr Armen ist unerträglich. Eine breite neue Sozialbewegung, auch mit großen Verschiedenheiten ist eine gute Sache.

Soziale Gerechtigkeit ist eine linke Forderung und ist es immer gewesen. Eine Demonstration, die schreit: „Das Volk verlangt soziale Gerechtigkeit“ ist links, auch wenn sie dieses Stigma meidet.

Aber die hartnäckige Weigerung, die politische Arena zu betreten und keine politische Agenda zu erklären, ist schlecht. Das könnte bedeuten, dass alles im Sande verläuft, genau wie die Bemühungen des letzten Jahres.

Wenn die Demonstranten darauf bestehen, sie seien unpolitisch – was verstehen sie darunter ? Wenn das bedeutet, sie identifizieren sich selbst nicht mit einer bestehenden politischen Partei, dann kann ich nur applaudieren. Wenn es nur ein taktischer Trick ist, um Leute aus allen bestehenden Lagern anzuziehen, applaudiere ich auch. Aber wenn es eine ernsthafte Entscheidung ist, die politische Schlacht den anderen zu überlassen, muss ich es verurteilen.

Soziale Gerechtigkeit ist ein klares politisches Ziel. Es bedeutet u.a. das Geld von einer Sache wegzunehmen und es sozialen Zwecken zukommen zu lassen. In Israel bedeutet es unvermeidlich, das Geld sowohl vom riesigen Militärbudget zu nehmen, als auch von den Siedlungen, von der Unterstützung, die als Bestechung an die Orthodoxen gezahlt wird und von den parasitären Magnaten.

Wo kann dies geschehen? Nur in der Knesset. Um dorthin zu kommen, ist eine politische Partei nötig. Also muss man politisch sein. Punkt.

Ein unpolitischer Protest, der die brennenden Fragen unserer nationalen Existenz vermeidet, ist etwas, das nichts mit der Realität zu tun hat.

Letztes Jahr verglich ich den sozialen Protest mit einer Meuterei an Bord der Titanic. Man könnte dies noch erweitern. Man stelle sich das wunderbare Schiff auf seiner Jungfernfahrt mit all den lebendigen Aktivitäten an Bord vor. Die Band bittet darum, alle altmodische Musik von Mozart und Schubert wegzulassen und durch harte Rockmusik zu ersetzen. Anarchisten verlangen, dass der Kapitän entlassen wird und wählen jeden Tag einen neuen Kapitän. Andere verlangen, die Schiffsübungen zu streichen – eine lächerliche Übung auf einem „unsinkbaren“ Schiff – und stattdessen sportliche Übungen anzubieten. Auch sollte der skandalöse Unterschied zwischen der ersten Klasse und den andern Passagieren gestrichen werden etc.

Alles gute Forderungen.

Aber irgendwo auf dem Weg lauert ein Eisberg.

Israel steuert auf einen Eisberg zu, auf einen größeren als einer von denen, die auf dem Weg der Titanic schwammen. Er ist nicht verborgen. Alle seine Teile sind von weitem sichtbar. Und wir segeln geradewegs mit Volldampf auf ihn zu. Wenn wir den Kurs nicht ändern, wird sich der Staat Israel selbst zerstören – er wird sich erst in ein Apartheidstaats-Monster vom Mittelmeer bis zum Jordan verwandeln und später vielleicht in einen binationalen Staat mit arabischer Mehrheit vom Jordan bis zum Mittelmeer. Bedeutet das, dass wir unsern Kampf für soziale Gerechtigkeit aufgeben müssen? Gewiss nicht. Der Kampf für soziale Solidarität, für bessere Erziehung, für verbesserte medizinische Dienste, für die Armen und Behinderten muss jeden Tag, jede Stunde, weitergehen .

Bedeutet das auch, dass dieser Kampf ein Teil des weiteren Kampfes sein muss – politisch und ideologisch – für die Zukunft Israels, für das Ende der Besatzung, für Frieden.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Operette in fünf Akten

Erstellt von Gast-Autor am 20. Mai 2012

Operette in fünf Akten

Autor Uri Avnery

DER ZAUBERMEISTER hat noch ein Kaninchen aus dem Zylinder gezogen. Ein sehr lebendiges Kaninchen.

Er hat jeden verblüfft, einschließlich den Führer aller Parteien, die politischen Topexperten und seine eigenen Kabinettsminister.

Er hat auch gezeigt, dass sich in der Politik – buchstäblich – alles über Nacht ändern kann.

Um 2 Uhr nachts war die Knesset sehr damit beschäftigt, die letzten Korrekturen an einem Gesetz zu machen, um sich selbst aufzulösen – and damit die Hälfte ihrer Mitglieder in die politische Vergesslichkeit zu schicken..

Um 3 Uhr nachts gab es eine riesige neue Regierungskoalition. Keine Wahlen. Vielen Dank.

Eine Operette in 5 Akten.

ERSTER AKT: alles ist still. Allgemeine Meinungsumfragen zeigen, dass Binjamin Netanjahu die absolute Kontrolle hat. Seine Popularität nähert sich 50%, kein anderer nähert sich auch nur den 20% .

Die größte Partei in der Knesset, Kadima, sinkt bei den Umfragen von 28 Sitzen auf elf; alle Anzeichen deuten daraufhin, dass sie weiter sinken wird. Ihr neuer Führer, der frühere Stabschef Shaul Mofaz hat sogar noch weniger Chancen als Kandidat für den Ministerpräsidentenposten..

Netanjahu konnte sich auf dem Dach seiner Luxusvilla sonnen und gelassen in die Zukunft schauen.

ZWEITER AKT: Plötzlich verdunkeln Wolken den Himmel.

Der Oberste Gerichtshof, der von einem neuen Präsidenten– von den Siedlern und der extremen Rechten bevorzugt – geleitet wird, trifft eine Entscheidung: ein neuer Ortsteil der Bet- El-Siedlung muss innerhalb von zwei Wochen demoliert werden. Kein Wenn und Aber, dies ist eine entgültige Entscheidung. Auch eine andere Siedlung, Migron, muss innerhalb von zwei Monaten geräumt werden.

Netanjahu sieht sich verschiedenen verheerenden Möglichkeiten gegenüber: den Gerichtsbeschluss auszuführen, was seine Koalition auseinander brechen lassen würde; ein neues Gesetz zu erlassen, das das Gericht umgehen würde und nicht verfassungsgemäß wäre; oder das Gericht einfach zu ignorieren, was das Ende der Demokratie markieren würde – der „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ .

Wie im Buch Hiob folgt eine Katastrophe der anderen. Die Frist des zeitlich begrenzten Gesetzes, das orthodoxe Yeshiva-Studenten vom Militärdienst befreit – etwa 7000 in diesem Jahr – ist abgelaufen, und eine überwältigende Mehrheit im Lande verlangt seine Aufhebung vollständig. Das würde unvermeidbar die Koalition zerbrechen

Und dann geschieht etwas Erstaunliches. Netanjahu kommt zur Eröffnungsversammlung der neuen Likud-Konferenz. Diese Konferenz ist traditionell eine stürmische und chaotische Szene, die der in der römischen Arena in alten Zeiten ähnelt. Netanjahu ist ein Meister dieser Versammlungen. Auch dieses Mal wird er herzlich empfangen und erzählt dem Volk live im Fernsehen von den fabelhaften Errungenschaften seiner dreijährigen Regierungszeit. Dann stellt er den Antrag zum Vorsitzenden der Konferenz gewählt zu werden, was ihm die Kontrolle über die Kandidatenliste der nächsten Wahlen geben würde.

Dann geschieht das wirklich Unglaubliche. Die Hälfte der Mitglieder springt auf und beginnt gegen ihn zu schreien. Wie Nicolae Ceausescu bei einer denkwürdigen Gelegenheit, starrt Netanjahu seine Untergebenen verständnislos an.

Es scheint, als ob bei der letzten Registrierungsaktion des Likud die Siedler sich gemeinsam darum bemüht hätten, die Partei mit den eigenen Leuten aufzufüllen. Diese haben nicht die Absicht jemals den Likud zu wählen ( sie stimmen für die noch extremere Rechte), sondern sie wollten Netanjahu erpressen. Da sie früh gekommen sind, füllen sie die viel zu kleine Halle, in der die Konferenz stattfindet. Da sie alle eine Kippa tragen, sind sie leicht zu erkennen.

Sie schreien und verlangen die Wahl des Vorsitzenden durch eine geheime Abstimmung. Netanjahu gibt auf und die Konferenz wird verschoben.

Nach dieser öffentlichen Demütigung, schwört Netanjahu Rache.

DRITTER AKT: Aus heiterem Himmel verkündet Netanjahu seine Entscheidung, die Knesset aufzulösen und ruft zu einer schnellen allgemeinen Wahl auf.

Alle sind platt. Es sind noch anderthalb Jahre vor dem Ende der legislativen Amtszeit. In einem Umschwung voller Komik sind es die Oppositionsführer, die gegen die Wahl sind, aber Netanjahu ist entschieden.

Die Aussichten sind trostlos: ein Sieg Netanjahus, der einem Erdrutsch gleich kommt, ist unvermeidlich. Es gibt keinen anerkennenswerten Kandidaten, der für das Amt des Ministerpräsidenten in Frage kommt. Kadima ist dabei, fast ganz zu verschwinden. Kleine erwartete Gewinne für Labour sind unbedeutend. Bei den Umfragen bewegt sich Yair Lapids neue Partei – mit Namen „Es gibt eine Zukunft“ – bei etwa 10 %. In der nächsten Knesset wird es keine effektive Opposition geben.

Was die Linke betrifft, so sieht es wie eine vollkommene Katastrophe aus – weitere vier Jahre mit der rechts-orthodoxen-Siedler-Koalition.

VIERTER AKT: beneidet von allen, eines Erdrutschsieges sicher, ist Netanjahu in düsterer Stimmung.

Er ist verpflichtet, mitten in der Wahlkampagne Siedlungen aufzulösen. In seiner eigenen Partei gewinnt die extreme, von Siedlern angeführte Rechte an Stärke und gefährdet so seine Ambitionen, die Partei in die Mitte zu führen. Die Zeitbombe der orthodoxen Drückeberger, die in der Armee Dienst tun sollen, kann jeden Moment explodieren.

Und dann kommt wie ein Blitz die fantastische Idee, die allen den Teppich unter den Füßen wegziehen wird und eine ganz neue politische Landschaft entstehen lässt.

Irgendwo liegen da 28 ungenutzte Kadima-Knessetmitglieder herum, die von einem gierigen Exgeneral angeführt werden. Alle sehen sich politischer Vergessenheit gegenüber. Die können für fast nichts gekauft werden – man gibt ihnen noch anderthalb Jahre politisches Leben; das genügt.

Und siehe da, während eine Gruppe Likudnicks noch in einem Knesset-Komitee daran arbeiten, einem Gesetz zur Auflösung der Knesset den letzten Schliff zu geben, unterzeichnet eine andere Gruppe von Likudnicks ein Abkommen mit Kadima. Die vergrößerte Koalition umfasst 75% der Knesset. Keiner aus der bestehenden Koalition geht und 28 neue Mitglieder schließen sich ihr an, das lässt die Opposition mit nur 26 Mitgliedern zurück ( 8 Labour, 3 Meretz, 7 aus arabischen Parteien, 4 Kommunisten, 4 Nationale Front).

FÜNFTER AKT: Dies verändert das Bild vollkommen. Der extrem rechte Flügel außerhalb und innerhalb des Likud haben ihre Vetomacht verloren, ebenso die religiösen Parteien. Yair Lapid, die viel versprechende leuchtende Fackel (das ist die Bedeutung seines Namens) ist dabei, ausgelöscht zu werden, bevor sie wirklich gebrannt hat.

Während der nächsten anderthalb Jahre kann Netanjahu tun, was immer er will: den einen gegen den anderen ausspielen, also nach Wunsch manövrieren . Die linke Opposition ist sogar ohnmächtiger als zuvor, falls das möglich ist. König Bibi herrscht absolut.

(Vorläufiges) Ende.

IM ERSTEN AUGENBLICK fürchteten einige, dass die ganze Übung gegen den Iran gerichtet sei.

Regierungen der nationalen Einheit werden im allgemeinen in Kriegszeiten aufgestellt. Großbritannien tat dies 1939, Israel 1967. Aber wie fast alle Generäle und Exgeneräle hat Mofaz den Angriff auf den Iran eindeutig zurückgewiesen. Nun, er wechselt ja seine Meinungen häufiger als seine Socken.

Die Gelegenheit ist da. Eine überwältigende Knessetmehrheit wird jede Entscheidung Netanjahus unterstützen. Barak Obama wird in der Mitte seiner entscheidenden Kampagne für eine Wiederwahl nicht wagen, zu protestieren. Die Republikaner werden Netanjahu durch dick und dünn folgen.

(Dies ist eine etablierte strategische Voraussetzung in Israel. Viele waghalsige israelische Initiativen sind auf den Vorabend von US-Wahlen gelegt. Der Staat ist 1948 gegründet worden, als Harry Truman um sein politisches Leben kämpfte. Der Sinaikrieg fand 1956 statt, als Dwight D. Eisenhower in der Mitte seiner Wiederwahlkampagne steckte. Dieser Trick schlug übrigens fehl – Eisenhower war wütend und benötigte keine jüdischen Stimmen und Geld. Er trieb Israel aus seinen neu erworbenen Gebieten.)

Doch kann mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden, dass Netanjahus Schritt nichts mit dem Iran zu tun hat – obwohl sein Antiheld im Iran geboren ist. Mofaz mag nicht wie ein General aussehen, sondern eher wie ein Händler im Bazar und verhält sich wie so einer.

Amerikanische Parteipolitiker – jeder Seite – mögen unverantwortlich klingen, aber wenn vitale US-Sicherheitsinteressen auf dem Spiel stehen, dann wirkt sich ihr Reden nicht in Aktionen aus. Selbst auf der Höhe einer Wahlkampagne wird Amerika Israel nicht erlauben, es in eine weltweite Katastrophe zu stürzen.

Netanjahu hört sich in diesen Tagen immer mehr wie ein Mann an, der sich mit dieser Realität abfindet. Kein Krieg in Sicht. Während der ganzen Operette wird der Iran kaum erwähnt. Keine rauchende Waffe im ersten Akt.

DIE MEISTEN Experten und Politiker auf der Linken verurteilten den Netanjahu-Mofaz-Pakt als etwas Verabscheuungswürdiges. „Ein stinkender Trick“ war einer der moderateren Ausdrücke.

Ich bin kein Partner dieses Aufschreis. Stinkende Tricks bestimmen das übliche Handeln der Politiker, und dieser ist nicht schmutziger als viele andere.

Im Großen und Ganzen ist die erweiterte Regierung moderater und weniger der Erpressung durch Siedler und Orthodoxe ausgesetzt als die kleinere war. Faschistische Gesetze haben weniger Chancen, verabschiedet zu werden. Die Position des Obersten Gerichtshofes ist weniger gefährdet. Was den November betrifft, kann ein wiedergewählter Obama wirklichen Druck für Frieden ausüben.

Aber die Hauptsache ist, dass die Wahlen verschoben wurden. Es hängt jetzt von den Friedenspartisanen und denen, die um soziale Gerechtigkeit kämpfen, ab, die gewonnene Zeit zu nützen, um eine wirkliche politische Kraft aufzubauen, die für ein Test bereit ist. Nachdem man einer fast sicheren Wahlkatastrophe in die Augen gesehen hat, müssen sie jetzt zusammen stehen und sich selbst für den Kampf vorbereiten. Es gibt eine Chance – sie sollte nicht vergeudet werden.

UND FALLS es jemanden gibt, der das Libretto zur Operette komponiert – kann er oder sie es gerne tun.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Dumm, gemein und brutal!

Erstellt von Gast-Autor am 6. Mai 2012

Dumm, gemein und brutal!

Autor Uri Avnery

“MIT BLUT und Schweiß / wird sich eine Rasse für uns erheben / stolz, großzügig und brutal…“ So schrieb Vladimir (Ze’ev) Jabotinsky, der Gründer des extremen rechten Zionismus, der auch ein Schriftsteller und Dichter war. Die heutigen Likudführer sehen ihn als ihren Gründungsvater an, so wie Stalin Karl Marx als den seinen ansah.

Das Wort „brutal“ fällt auf, weil es unglaubwürdig erscheint, dass Jabotinsky wirklich dieses Wort meinte. Sein Hebräisch war nicht sehr gut, und er meinte wahrscheinlich etwas wie „hart“.

Falls Jabotinsky den heutigen Likud sähe, würde er schaudern. Er war eine Mischung von extremem Nationalismus, Liberalismus und Humanismus des 19.Jahrhunderts.

Paradoxerweise ist Brutalität der einzige der drei Wesenszüge, der in unserm Leben heute auffällig ist, besonders in den besetzten palästinensischen Gebieten. Es gibt dort nichts, auf das man stolz sein könnte – und Großzügigkeit ist etwas, das zu den verachteten Linken gehört.

DIE TÄGLICHE Routinebrutalität, die in den besetzten Gebieten herrscht, wurde in dieser Woche auf Video aufgenommen. Ein scharfer Blitz in der Dunkelheit.

Es geschah auf der Straße 90, einer Schnellstraße, die am Jordan entlang Jericho mit Beth Shean verbindet. Es ist die Hauptstraße im Jordantal, das unsere Regierung in irgend einer Weise annektieren will. Diese Straße ist allein dem israelischen Verkehr vorbehalten und für Palästinenser gesperrt.

(Es gibt dazu einen palästinensischen Witz. Während der Nach-Oslo-Verhandlungen bestand das israelische Team darauf, diese Straße zu behalten. Der palästinensische Chefunterhändler, der gerade aus Tunis zurückgekommen war, wandte sich an seine Kollegen und rief aus: „Was – zum Teufel – wenn wir 89 andere Straßen bekommen haben, warum sollten wir auf dieser einen bestehen?“)

Eine Gruppe junger internationaler pro-palästinensischer Aktivisten entschied, gegen die Schließung dieser Straße zu demonstrieren. Sie luden ihre palästinensischen Freunde zu einer fröhlichen Fahrradtour auf dieser Straße ein . Sie wurden von einer israelischen Armee-Einheit angehalten. Einige Minuten standen sie sich gegenüber, die Fahrradfahrer, einige mit der arabischen Keffije über den Schultern und die Soldaten mit ihren Waffen.

In solchen Situationen ist die Armee dahingehend gedrillt, dass sie die Polizei rufen soll, die für solche Fälle trainiert ist und die die Mittel hat, um eine Menge mit nicht-tödlichen Mitteln aus einander zu treiben. Aber der Kommandeur der Armeee-Einheit entschied anders.

Was dann geschah, wurde auf einem Videoclip von einem der Demonstranten aufgenommen. Es ist total klar, eindeutig und unmissverständlich.

Der Offizier, ein Oberstleutnant, steht einem blonden jungen Mann, einem Dänen, gegenüber, der nur zusieht, nichts sagt und nichts tut. Um die beiden stehen Demonstranten und Soldaten. Kein Anzeichen von irgendwelcher Gewalt .

Plötzlich hob der Offizier sein Gewehr, hielt es horizontal, mit einer Hand am Kolben mit der andern am Lauf und schlug mit dem vorspringenden Stahlmagazin mit voller Kraft den jungen Dänen direkt ins Gesicht . Das Opfer fiel rückwärts auf den Boden. Der Offizier grinste befriedigt.

AM ABEND zeigte das israelische Fernsehen den Filmausschnitt. Bis jetzt hat fast jeder Israeli dies hundert Male gesehen. Und je öfter man dies sieht, um so mehr ist man geschockt. Die schiere Brutalität des völlig unprovozierten Aktes lässt einen zurückschrecken.

Für Veteranen von Demonstrationen in den besetzten Gebieten war dieser Vorfall nichts Neues. Viele haben unter solcher Brutalität in verschiedenen Formen gelitten.

Was bei diesem Fall ungewöhnlich war, war, dass er photographiert wurde. Und nicht einmal durch eine versteckte Kamera. Es gab eine Menge Kameras rund herum. Nicht nur die der Demonstranten, sondern auch die der Armeephotographen.

Der Offizier muss sich dessen bewusst gewesen sein. Es war ihm aber völlig egal.

Die unerwünschte Veröffentlichung verursachte einen nationalen Aufschrei. Offensichtlich war es nicht die Tat als solche, die das Militär und die politische Führung aufregte, sondern die Publicity, die damit verbunden war. Gerade nach der ruhmreichen Verteidigung des Tel Aviver Flughafens durch 700 Polizisten und Polizistinnen gegen die schreckliche Invasion von etwa 60 internationalen Menschenrechtsaktivisten war solch eine zusätzliche Veröffentlichung auf keinen Fall erwünscht.

Der Armeestabschef verurteilte den Offizier und suspendierte ihn sofort. Alle ranghohen Offiziere folgten seinem Beispiel, der Ministerpräsident äußerte sich auch dazu. Wie ja bekannt ist, ist unsere Armee „die moralischste auf der Welt“, was also hier geschah, war die unverzeihliche Tat eines einzelnen Schurkenoffiziers. Es wird eine gründliche Untersuchung geben etc. etc.

DER HELD dieser Affäre ist der Oberstleutnant Shalom Eisner (ein deutscher Name der wie „eiserner Mann“ klingt.)

Weit davon entfernt, eine Ausnahme zu sein, scheint er der Inbegriff des Armeeoffiziers zu sein, ja, tatsächlich der Inbegriff eines Israeli.

Das erste, was ein Fernsehzuschauer bemerkte, war die Kippa auf seinem Kopf. „ Ach natürlich“, murmelten viele zu sich selbst. Seit Jahrzehnten infiltriert die national-religiöse Bewegung systematisch das Offiziers-Corps der bewaffneten Kräfte, indem sie mit Offizierskursen beginnt und langsam mit dem Ziel hochklettert, einer von ihnen möge Stabschef werden. Jetzt sind schon Kippa tragende Oberstleutnants normal – wie es Kibbuzniks am Anfang unserer Armee waren. Zu dem Zeitpunkt des Vorfalls war Eisner ein stellvertretender Brigadekommandeur.

Die national-religiöse Bewegung, zu der der Kern der Siedler gehört, war auch die Heimat von Yigal Amir, dem Mörder von Yitzhak Rabin, und von Baruch Goldstein, dem Massenmörder in der Moschee in Hebron (1994).

Eine der Stützen dieser Bewegung ist die Jeshiva Merkaz Harav („Zentrum des Rabbi“), wo Eisners Vater ein prominenter Rabbiner war. Während Ariel Sharons Evakuierung der Siedler aus dem Gazastreifens war Eisner jr. unter den Protestierenden. Im letzten Jahr wurde Eisner an genau derselben Stelle auf der Straße 90 photographiert, wie er sich mit extrem rechten Demonstranten verbrüdert, die auch dort auf Fahrrädern protestierten.

Er nahm den offiziellen Tadel nicht an. Mit beispielloser Unverschämtheit griff er den Stabschef, den Kommandeur der Zentralfront und seinen Divisionskommandeur an. Er winkte mit seiner verbundenen Hand, um zu beweisen, dass er zuerst angegriffen worden sei und in Selbstverteidigung gehandelt habe. Er zeigte sogar die Bestätigung eines Arztes, dass einer seiner Finger gebrochen sei.

Das ist ziemlich unwahrscheinlich. Zunächst wäre die Art und Weise, wie er auf dem Video sein Gewehr hielt, mit einem gebrochenen Finger unmöglich gewesen. Zweitens zeigt das Video, dass sein Handeln nicht die Reaktion auf irgend eine Gewalt war. Drittens gab es mehrere Armeephotographen rund herum, die jedes Detail aufnahmen (um als Beweis zu dienen, wenn die Demonstranten zur Anklage vor ein Militärgericht gebracht werden.) Wenn irgend ein Gewaltakt stattgefunden hätte, wäre er von der Armee noch am selben Tag vorgeführt worden. Viertens, schlug Eisner in ähnlicher Weise zwei Demonstrantinnen ins Gesicht und einem Demonstranten auf den Rücken – leider ohne Kamera.

Er bestand hartnäckig darauf, dass er genau das Richtige getan habe. Schließlich habe er die Demo abgebrochen, nicht wahr?

Aber er war nicht ganz ohne Reue. Er gab öffentlich zu, dass er einen Fehler gemacht haben könnte, als er in Gegenwart der Kameras so handelte. Darin stimmten die Armee und viele Kommentatoren aus vollem Herzen überein: sie kritisierten nicht seine Brutalität, sondern seine Dummheit.

ALS INDIVIDUUM ist Eisner nicht sehr interessant. Wenn dumme Leute erst gar nicht vom Militär einberufen würden, wohin würden wir dann kommen?

Das Problem ist, dass Eisner keine Ausnahme ist, sondern ein Vertreter einer Norm. Es gibt ein paar ausgezeichnete Leute in der Armee, aber Eisner verkörpert viele Offiziere, die aus dem militärischen Schmelztopf kommen.

Und nicht nur in der Armee. Um Jabotinsky zu paraphrasieren: unser Bildungssystem produziert „ eine Rasse / dumm und gemein und brutal“. Wie könnte dies nach 60 Jahren nicht nachlassender Indoktrination und 45 Jahren Besatzung anders sein? Jede Besatzung, jede Unterdrückung eines anderen Volkes, korrumpiert den Besatzer und macht den Unterdrücker dumm.

Während ich noch ein Teenager war, arbeitete ich als Angestellter bei einem an der Oxforduniversität studierten jüdisch-britischen Anwalt; viele seiner Klienten waren Mitglieder der britischen Kolonialverwaltung. Ich fand sie meistens freundlich, intelligent und höflich, mit einem angenehmen Sinn für Humor. Doch die britische Verwaltung handelte mit einem erstaunlichen Mangel an Intelligenz.

In jener Zeit war ich Mitglied des Irgun, deren Ziel es war, die Briten aus dem Land zu vertreiben. In meiner Wohnung war ein kleines Lager von Pistolen, die dazu dienten, sie umzubringen.

Das war ein Leben zwischen zwei Welten. Ich fragte mich ständig: wie können diese netten Engländer sich so dumm verhalten?

Meine Schlussfolgerung ist die, dass keine Kolonialherren sich intelligent verhalten können. Die koloniale Situation selbst zwingt sie, gegen ihre eigene bessere Natur und ihr besseres Urteil zu handeln.

Während der ersten Jahre der israelischen Besatzung wurde sie weithin als „fortschrittlich“ und „liberal“ gepriesen. Der damalige Verteidigungsminister Moshe Dayan gab die Order, die Palästinenser so großzügig wie möglich zu behandeln. Er ließ sie mit dem Feind Handel treiben und nach Belieben die feindlichen Radiosender hören. In einer Geste ohne Präzedenzfall hielt er die Brücken zwischen der besetzten Westbank und Jordanien, einem Feindesland, offen. (Ich scherzte damals, Dayan habe nie ein Buch gelesen und wisse deshalb nicht, dass dies unmöglich sei).

Hinter seiner Politik steckte kein Wohlwollen – nur die Überzeugung, dass, falls den Arabern erlaubt würde, ihr tägliches Leben in Frieden zu führen, sie keinen Aufstand machen würden, sondern sich mit einer ewigen Besatzung abfinden. Dies funktionierte tatsächlich mehr oder weniger 20 Jahre lang. Bis eine neue Generation die erste Intifada anfing und die Besatzung – nun, dumm und gemein und brutal wurde – zusammen mit den verantwortlichen Offizieren.

VOR ZWEI Tagen beging Israel den jährlichen Holocaust-Gedenktag. Dazu würde ich gern Albert Einstein, einen Juden und Zionisten zitieren:

„Sollten wir unfähig sein, einen Weg zu ehrenhafter Zusammenarbeit zu finden und einen ehrlichen Pakt mit den Arabern zu schließen, dann haben wir absolut nichts während der zwei tausend Jahre Leiden gelernt und verdienen all das, was auf uns zukommen wird“.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Günter der Schreckliche

Erstellt von Gast-Autor am 29. April 2012

Günter der Schreckliche

Autor Uri Avnery

Stoppt mich, wenn ich diesen Witz schon einmal erzählt habe:

Irgendwo fand in den USA eine Demonstration statt. Die Polizei kam und schlug gnadenlos auf die Demonstranten ein.

„Schlag mich nicht,“ schrie einer, „ich bin ein Anti-Kommunist!“

Das ist mir völlig egal, zu welcher Art von Kommunisten du gehörst,“ antwortete ein Polizist und hob seinen Schlagstock.

ALS ICH das erste Mal diesen Witz erzählte, war es vor einer deutschen Gruppe, die die Knesset besuchte und sich mit in Deutschland Geborenen traf, also auch mit mir.

Sie strengten sich besonders an, Israel zu loben, sie lobten alles, was wir getan hatten, verurteilten die geringste Kritik, so harmlos sie auch gewesen sein mochte. Es wurde geradezu peinlich, da einige von uns in der Knesset sehr kritisch gegenüber der Regierungspolitik in den besetzten Gebieten standen.

Für mich ist diese extreme Art von Philosemitismus nur eine verborgene Art von Antisemitismus: beide haben im Wesentlichen einen Glauben gemeinsam: Juden – und deshalb auch Israel – sind etwas Besonderes, die nicht mit denselben Standards gemessen werden dürfen wie andere.

Was ist ein Antisemit ? Jemand der einen Juden hasst, nur weil er Jude ist. Er hasst ihn nicht für das, was er als Mensch ist, sondern für seinen Ursprung. Ein Jude mag er gut oder böse sein, freundlich oder widerwärtig, reich oder arm – allein dafür, dass er jüdisch ist, muss er gehasst werden.

Das stimmt natürlich für jede Art von Vorurteilen, einschließlich Sexismus, Islamophobie, Chauvinismus und was es sonst noch gibt.

Die Deutschen pflegen ein bisschen gründlicher zu sein als andere . Der Terminus „Antisemitismus“ wurde von einem Deutschen (ein paar Jahre vor dem Terminus „Zionismus“ und „Feminismus“) erfunden, und Antisemitismus war die offizielle Ideologie der Deutschen während der Nazijahre. Jetzt ist die offizielle deutsche Ideologie Philosemitismus, der ins andere Extrem geht.

Ein anderes Naziwort war „Sonderbehandlung“. Es war ein Euphemismus für etwas Entsetzliches: das Töten von Gefangenen. Aber „Sonderbehandlung“ kann auch das Gegenteil bedeuten: indem man Leute und Länder besonders freundlich behandelt, nicht weil sie das und das tun, sondern weil sie – sagen wir mal – jüdisch sind.

Das mag ich nicht, selbst wenn ich auf der Empfängerseite stehe. Ich möchte gelobt werden, wenn ich etwas Gutes getan habe. Ich bin aber auch bereit, beschimpft zu werden, wenn ich etwas Schlechtes getan habe. Ich möchte nicht gelobt (oder beschimpft) werden, nur weil ich zufällig als Jude geboren wurde.

DAS BRINGT uns natürlich zu Günter Grass.

Ich traf ihn nur einmal, als wir beide zu einer Konferenz des Deutschen Penclubs in Berlin eingeladen waren. Während einer Pause trafen wir uns in einem guten Restaurant. Ich sagte ihm ganz ehrlich, dass ich seine Bücher sehr liebe, besonders den Anti-Nazi-Roman „Die Blechtrommel“ und dass ich seine spätere politische Aktivität sehr schätze. Das war alles.

Ich traf ihn nicht während einer seiner vielen Besuche in Israel. Bei wenigstens einem befreundete er sich mit einer bekannten Schriftstellerin.

Jetzt hat Grass das Undenkbare gemacht: er hat offen den Staat Israel angegriffen – und er, ein Deutscher !!!

Die Reaktion kam automatisch: Er wurde sofort als Antisemit gebrandmarkt, nicht als gewöhnlicher, sondern als verkappter Nazi, der leicht als Kumpan von Adolf Eichmann gedient haben könnte! Dies wurde durch die Tatsache erhärtet, dass er mit 17, nahe dem Ende des 2. Weltkrieges noch zur Waffen-SS rekrutiert wurde wie zig Tausende andere und dann – merkwürdig genug – es jahrelang verschwiegen hat. So ist es also.

Israelische und deutsche Politiker und Kommentatoren konkurrierten mit einander, den Schriftsteller zu verfluchen, wobei die Deutschen die Israelis leicht übertrumpfen. Obgleich unser Innenminister Eli Yishai hier die Meisterschaft errungen hat, indem er Grass zur persona non grata erklärt und ihm verboten hat, Israel (mindestens) für alle Ewigkeit nicht mehr zu betreten.

Yishai ist ein mittelmäßiger Politiker, der niemals eine Zeile geschrieben hat, die es wert war, sich zu merken. Er ist der Führer der orthodoxen Shas-Partei der nie zu diesem Amt gewählt wurde, sondern als Handlanger des Parteidiktators Rabbi Ovadia Yossef fungiert. Der mächtige Staatskontrolleur hat ihn vor kurzem totale Inkompetenz im Zusammenhang mit dem riesigen Brand auf dem Carmel vorgeworfen, so dass seine Karriere in Gefahr war. Günter Grass kam also genau zur rechten Zeit, um Yishais Haut zu retten.

WAS HAT Grass tatsächlich gesagt? In einem 69 Zeilen langen Prosagedicht – tatsächlich Polemik in Gestalt eines Gedichts – mit dem Titel „Was gesagt werden muss“ greift Grass Israels Politik an, die sich mit der (noch nicht vorhandenen iranischen) Atombombe befasst.

Der heftige Gegenangriff zielte fast vollständig darauf ab, dass ein Deutscher kein Recht habe, Israel zu kritisieren – unter keinen Umständen.

Ignorieren wir dieses Argument und schauen uns das Gedicht selbst an, nicht unbedingt als literarisches Meisterwerk.

Grass’ Grundthema ist, dass Israel schon ein „nukleares Potential“ hat, und es deshalb Heuchelei sei, den Iran anzuklagen, dass er vielleicht auch eine Bombe erlangen wolle. Insbesondere klagt er die deutsche Regierung an, Israel mit noch einem U-Boot zu versorgen.

Betrachten wir das rational: machen seine Argumente denn Sinn?

Grass nimmt an, dass Israel einen präventiven „Erstschlag“ gegen den Iran plant, bei dem das iranische Volk „ausgelöscht“ werden kann. Diese Möglichkeit macht nur Sinn, falls Grass annimmt, dass der israelische „Erstschlag“ ein Angriff mit Atombomben sei. Denn tatsächlich gehört der Terminus „Erstschlag“ allein ins Lexikon des Atomkrieges.

Es ist in diesem Kontext, dass er die deutsche Regierung verurteilt, Israel noch ein (das 6.) U-Boot zu geben, das die Fähigkeit hat, Atombomben abzufeuern. Solche Unterseeboote sind dafür bestimmt, einen „Zweitschlag“ durchzuführen, falls die Nation von einem „Erstschlag“ getroffen würde. Es ist eine Waffe der Abschreckung.

Er beklagt die Tatsache, dass keiner in Deutschland (und in der westlichen Welt überhaupt) Israels Besitz von nuklearen Waffen zu erwähnen wagt und dass es praktisch verboten ist, in diesem Kontext „jenes andere Land mit Namen zu nennen“.

Er behauptet dann, dass die „Atommacht“ Israel den „ohnehin brüchigen Weltfrieden gefährdet“.

Um diese Gefahr abzuwenden, schlägt er vor, das „israelische atomare Potential und Irans Atomanlagen “ unter unbehinderter und permanenter internationaler Kontrolle zu stellen – mit dem Einverständnis beider Regierungen.

Am Ende erwähnt er auch die Palästinenser. Nur auf diese Weise könnten den Israelis und Palästinensern und allen andern Bewohnern, der „vom Wahn okkupierten Region“, geholfen werden.

NUN, ICH fiel nicht vom Stuhl, als ich dies las. Das Gedicht kann und muss kritisiert werden, aber es gibt nichts, das ernste Verurteilung verlangt.

Wie ich schon vorher sagte, ich denke nicht, dass sich die Deutschen der Kritik Israels enthalten sollten. Es gibt nichts, das den Staat Israel de-legitimiert, im Gegenteil: er erklärt seine Solidarität mit Israel. Er erwähnt ausdrücklich den Holocaust als ein ureigenes Verbrechen, das ohne Vergleich ist. Er benennt auch die Iraner als „ein Volk, das von einem Großmaul unterdrückt wird.“

Aber Grass sagte, er vermutet , dass Israel bei einem „Präventivschlag das iranische Volk auslöschen könnte“; das ist weit übertrieben.

Ich habe schon mehrfach erwähnt, dass das israelische und amerikanische Geschwätz über einen israelischen Angriff bestenfalls Teil eines von den US geführten psychologischen Krieges sei, um die iranischen Führer zum Aufgeben ihrer (vermuteten) Nuklearambitionen zu bringen. Es ist für Israel total unmöglich, den Iran ohne ausdrückliches, vorheriges amerikanisches Einverständnis anzugreifen und es ist für Amerika total unmöglich, anzugreifen, – oder Israel zu erlauben, den Iran anzugreifen wegen der katastrophalen Konsequenzen: ein Kollaps der Weltwirtschaft und ein langer und teurer Krieg.

Nehmen wir um der Argumente willen an, dass die israelische Regierung tatsächlich entscheidet, Irans nukleare Installationen anzugreifen: dies würde nicht das iranische Volk oder einen Teil davon „auslöschen“. Nur Wahnsinnige würden nukleare Bomben für diesen Zweck benützen. Die israelischen Führer sind – was immer man von ihnen denken mag – nicht wahnsinnig.

Selbst wenn Israel taktische nukleare Bomben mit begrenzter Kraft und begrenztem Radius hätte (oder von den USA erhalten würde, wäre die Reaktion der Welt auf ihre Anwendung katastrophal. )

Übrigens ist es nicht ihre eigene Wahl, dass die israelischen Regierungen eine Politik nuklearer Nicht-Transparenz hat. Wenn sie könnten, würden unsere Führer über unsere nukleare Macht von den Dächern posaunen . Es sind die USA, die auf Unklarheit bestanden, um nicht gezwungen zu sein, etwas zu tun.

Grass’ Behauptung, dass Israel den „Weltfrieden“ gefährde, ist deshalb auch etwas übertrieben.

Was Grass’ praktischen Vorschlag betrifft, beide, die israelischen und iranischen Nuklearinstallationen unter internationale Kontrolle zu setzen – das verdient, meiner Meinung nach, ernsthafte Überlegung. Wenn unsere beiden Länder den nuklearen Status Quo einfrieren würden, wäre das gar keine schlechte Idee.

Doch am Ende bräuchten wir eine nuklearfreie Region als Teil eines allgemeinen regionalen Friedens, der Israel, Palästina, die arabische Länder, die Türkei und den Iran einschließt.

Was Günter Grass persönlich betrifft, würde ich froh sein, ihn wieder zu treffen, dieses Mal zu einem guten Essen in Tel Aviv.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

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„Eine jüdische Seele“

Erstellt von Gast-Autor am 1. April 2012

Eine jüdische Seele

Autor Uri Avnery

WENN MAN es oberflächlich betrachtet, ist es ein belangloser Vorfall. In Gegenwart des ganzen politischen und juristischen Establishments wurde die liberale Präsidentin des Obersten Gerichtshofes Dorit Beinish, die das Rentenalter von 70 erreicht hat, durch einen konservativen Richter Asher Dan Grunis ersetzt.

Am Ende der Feier wurde die Nationalhymne gesungen. Die Kamera schwenkte langsam von Gesicht zu Gesicht. Einen Moment lang ruhte sie auf dem Gesicht des Richters Salim Jubran. Er stand respektvoll wie alle anderen da, aber seine Lippen bewegten sich nicht.

Ein landesweiter Tumult entstand. Der Richter Jubran ist der erste arabische Bürger, der jemals als regulärer Richter am Obersten Gerichtshof amtiert.

Die Parteien vom rechten Flügel waren wütend. Wie konnte er es wagen! Es ist eine Beleidigung der Staatssymbole. Er muss sofort entlassen werden. Noch besser wäre, ihn in ein Land zu deportieren, dessen Nationalhymne er zu singen bereit wäre.

Andere behandelten den Richter mit Respekt. Er hat sein Gewissen nicht vergewaltigt! Wenn er die Nationalhymne gesungen hätte, wäre es reine Heuchelei, wenn nicht Verlogenheit gewesen. Also tat er genau das Richtige.

DER NAME der Nationalhymne Hatikva, bedeutet auf hebräisch „die Hoffnung“.

Sie wurde 1878 geschrieben, fast ein Jahrzehnt vor der Gründung der zionistischen Bewegung von einem unbekannten Poeten als Hymne für eine der neuen jüdischen Kolonien in Palästina. Sie wurde später als offizielle Hymne der zionistischen Bewegung angenommen, dann von der neuen jüdischen Gemeinschaft in Palästina und schließlich vom Staat Israel. Die Melodie war die eines rumänischen Volksliedes , die vielleicht wiederum von einem alten italienischen Lied stammt …….

Der Text reflektiert den Geist der Zeit:

So lange sich im Herzen/ eine jüdische Seele noch sehnt/ und weiter in den Osten/

Ein Auge gen Zion blickt ….

Unsere Hoffnung ist noch nicht verloren/ die Hoffnung von zwei Tausend Jahren/ um ein freies Volk im eigenen Land zu sein/ im Lande von Zion und Jerusalem. …

Für einen jüdischen Israeli sind die Worte hoffnungslos überholt. Für uns liegt Israel nicht im „Osten“, unsere Hoffnung, ein freies Volk im „eigenen Land“ zu sein, hat sich längst erfüllt.

Aber für einen arabischen Israeli sind diese Worte eine Zumutung. Er hat keine „jüdische Seele“, seine Augen blicken nicht gen Osten, seine Heimat ist nicht „Zion“ (Einer der Hügel Jerusalems). Die einzigen Worte, die er für sich anwenden könnte, sind „die Hoffnung, ein freies Volk zu sein“ im eigenen Land.

Wie kann ein arabischer Bürger, egal wie loyal er gegenüber dem Staat ist, diese Worte singen, ohne vor sich selbst in Scham zu versinken ? Der Richter Jubran mag in allen anderen Beziehungen ein perfekter Mensch sein, aber eine „jüdische Seele“ hat er nicht.

FÜR MICH persönlich weckt der Vorfall eine sehr alte Erinnerung. Er lässt mich tiefe Sympathien für diesen mutigen Richter empfinden.

Ich war neun Jahre alt, als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen. Ich war ein Schüler in der 1. Klasse des Gymnasiums, der einzige Jude in der ganzen Schule. Eines der Kennzeichen des neuen Regimes war die Häufigkeit nationaler Gedenktage – wie z.B. der Sieg deutscher Waffen im Laufe von Jahrhunderten – die in der Aula der Schule von allen Schülern feierlich begangen wurden und bei denen patriotische Reden gehalten wurden.

Am Ende von einem dieser Ereignisse – ich denke, es war der Gedenktag der Eroberung Belgrads durch Prinz Eugen, 1717 – stand die ganze Schülerschaft auf und begann die beiden offiziellen Nationalhymnen zu singen, die Deutschlands und die der Nazipartei. Alle Schüler hoben den rechten Arm, zum Hitlergruss.

Und ich musste innerhalb des Bruchteils einer Sekunde eine Entscheidung treffen. Ich war wahrscheinlich der kleinste Junge, da ich ein Jahr früher als meine Klassenkameraden zur Schule gekommen war. Ich stand in Hab-Acht-Stellung, aber hob meinen Arm nicht und sang die Nazihymne nicht mit. Ich denke, ich zitterte vor Aufregung.

Als dies vorbei war, bedrohten mich einige Jungen, wenn ich das nächste Mal nicht meinen Arm heben würde, dann würden sie mir die Knochen brechen. Glücklicherweise verließen wir Deutschland einige Tage später.

Ich weiß nicht, ob der Richter während des Singens zitterte, aber ich weiß genau, wie er sich gefühlt hat.

NACH MEHR als einer Woche schlägt der Vorfall in den Medien wegen seiner tiefen Bedeutung noch immer hohe Wellen, selbst neben dem endlosen Geschwätz über die existentielle Gefahr, die vom Iran ausgehen soll.

Wenn der ranghöchste arabische Richter die Nationalhymne nicht mitsingen kann, wie ist es dann mit der Einstellung der restlichen 1,5 Millionen arabischer Bürger Israels gegenüber den „Staatssymbolen“, oder tatsächlich gegenüber dem „Jüdischen Staat“ selbst? Bedeutet dies, dass sie ein Trojanisches Pferd sind?

Dies ist eine alte Frage, so alt wie der Staat selbst. Der Widerspruch ist durch die offizielle Formel des „Jüdischen und demokratischen Staates“ überspielt worden. ( Die Araber verspotten ihn als „ einen demokratischen Staat für die Juden und einen jüdischen Staat für die Araber“) Der Vorfall mit Richter Jubran bringt wie nie zuvor das Problem ans Tageslicht. Hier ist ein loyaler Bürger, der das Gesetz auf höchster Ebene verwaltet, der aber die Nationalhymne nicht mitsingen kann. Was soll man da tun?

Die einfachste Antwort wäre, die Nationalhymne verändern. Zum ersten Mal wird dies jetzt offen von einigen Kommentatoren diskutiert.

Ich muss ehrlich sagen: Ich liebte die „Hatikwa“ nie. Die gestohlene Melodie ist nicht schlecht, aber sie passt nicht zu einer Nationalhymne. Eine Nationalhymne sollte mitreißend, begeisternd sein, während diese so traurig ist wie Verdis Lied der hebräischen Sklaven in Nabucco (Nebukadnezar). Was die Worte betrifft, so passen diese überhaupt nicht.

Viele Nationen haben alberne Nationalhymnen. Was tun die blutigen Hände der deutschen Tyrannen in der französischen Nationalhymne? Was die ruhmreiche und siegende Königin in der britischen? (Der letzte berichtete, ruhmreiche Sieg Ihrer Majestät der Königin war der gegen 15 000 Argentinier bei den Falklandinseln) . Oder die total irre holländische Nationalhymne. Ganz zu schweigen von der deutschen, in der jetzt der dritte Vers, den jetzt verpönten Vers ersetzt, den meine Schulkameraden 1933 bei jener Feier sangen.

Aber die Tatsache, dass die Hatikva irgendwie total veraltet ist, war nicht der Hauptgrund, sie durch eine andere zu ersetzen. Es ist die Tatsache, dass ein Fünftel von Israels Bürgern Araber sind, die sie nicht singen können. (Ein anderes Zehntel – die orthodoxen Juden – weisen sie auch zurück.)

Es ist eine sehr ungesunde Situation für einen Staat, wenn 20% seiner Bürger seine nationalen Symbole verabscheut. Genau aus diesem Grund hat Kanada seine Nationalhymne vor noch nicht so langer Zeit verändert. Es änderte die britische Nationalhymne in eine, die die französischen Kanadier mit gutem Gewissen mitsingen können, ohne ihre eigene Identität zu leugnen. „Oh Kanada“, verbessert die Einheit all seiner Bürger.

Die Nationalhymne zu verändern, ist gar nicht so einmalig. Während des 2. Weltkrieges, als Stalin den Westen benötigte, hat er plötzlich die „Internationale“ verworfen und eine neue Nationalhymne durch einen Wettbewerb ausgewählt. Die Worte, dieser neuen Hymne wurden durch die „Russische Föderation“ verändert, als die Sowjetunion aufgelöst wurde, aber die Melodie wurde beibehalten.

Also ergriff ich die erstbeste Gelegenheit, eine neue Hymne zu empfehlen. Es war bald nach dem 67er-Krieg. Naomi Shemer, eine populäre Dichterin und Komponistin, hatte kurz vor dem Krieg ein Lied über „Jerusalem in Gold“ geschrieben, die die Hymne des Krieges wurde. Ich liebe diese Zeilen nicht, aber hier gab es eine goldene Gelegenheit, die Hatikva loszuwerden. Also legte ich einen Gesetzesentwurf vor, dieses Lied als neue Nationalhymne zu übernehmen.

Der Knessetpräsident war wohlwollend, aber sagte mir, dass er die Gesetzesvorlage nicht ohne Einverständnis der Autorin annehmen könne. Ich arrangierte ein Treffen mit Naomi. Sie war eine nette Person, doch gehörte sie durch Heirat zum rechten Flügel. ( sie war in einem linken Kibbuz aufgewachsen, aber ihr Mann war sehr rechts.)

Zu meiner Überraschung war ihre Reaktion weit davon entfernt, begeistert zu sein. Da gab es etwas Geheimnisvolles, dachte ich. Aber sie war damit einverstanden, mir zu erlauben, den Gesetzentwurf vorzulegen, der dann einstimmig abgelehnt wurde. Zu dieser Zeit war die Hatikva heilig. (Später verstand ich Naomis seltsame Haltung bei unserm Treffen: vor ihrem Tod gab sie zu, dass die schöne Melodie dieses Liedes gar nicht ihre war, sondern die eines baskischen Liedes. Jahrelang fürchtete sie diese Enthüllung.) Aber da die Melodie von Hatikva auch „gestohlen“ war, würde das keinen großen Unterschied machen.

Die Hatikva kann die Hymne der Juden in aller Welt bleiben, wenn sie es wünschen. Ein neues Lied wird die Nationalhymne des Staates Israel und all seiner Bürger werden.

DIE TATSÄCHLICHE Geschichte hinter dem Vorfall ist natürlich das ungelöste Problem von Israels arabischer Minderheit. Sie wird praktisch in allen Lebensgebieten diskriminiert, eine Tatsache, die von israelischen Offiziellen bereitwillig zugegeben wird. Es gibt keine Vorschläge, wie diese zu verbessern wäre.

Die Araber fühlen sich zu Recht zurückgewiesen und antworten mit wachsender Befremdung gegenüber dem Staat. Ihre Führer, die mit einander im Konkurrenzkampf stehen, werden immer extremer, während der israelische rechte Flügel immer anti-arabischer wird. Paradoxer Weise werden die israelischen Araber immer israelischer und gleichzeitig immer anti-israelischer.

Dies ist eine tickende Bombe, und eines Tages wird sie explodieren, wenn nicht wirkliche Anstrengungen gemacht werden, es ehrlichen Arabern möglich zu machen, sich wie wirkliche Bürger des israelischen Staates zu fühlen und eine neue Nationalhymne mitzusingen.

So lange die arabischen Bürger wie Trojanische Pferde behandelt werden, warum sollten sie mitsingen? Soweit ich weiß, zeichnen sich Pferde nicht durch Singen aus.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Das lachende Biest

Erstellt von Gast-Autor am 25. März 2012

Das lachende Biest

Autor Uri Avnery

WENN ICH dem Ruf meines Herzens folgte, würde ich an unsere Regierung appellieren, die israelische Armee nach Syrien zu senden, die Assad-Gang aus Damaskus zu vertreiben, das Land der syrischen Opposition oder der UN zu übergeben und nach Hause zurückzukehren.

Das wäre noch nicht einmal schwer.

Damaskus ist nur einige Dutzend Kilometer von den Stellungen der israelischen Armee auf den Golanhöhen entfernt.

Die syrische Armee ist damit beschäftigt, gegen ihr eigenes Volk zu kämpfen. Wenn sie dies ändern und statt dessen gegen uns kämpfte, würden die Rebellen in Damaskus hineinrauschen und den Job selbst beenden.

So oder so, das Monster wäre verschwunden.

Wäre das nicht wunderbar?

Ja, das wäre es, aber leider ist es alles in allem eine verrückte Idee.

Weil der Hass des syrischen Volkes, einschließlich der Rebellen, auf uns sogar noch größer ist als der Hass auf Bashar.

Wenn israelische Soldaten die Grenze überquerten, würden die Syrier sich geschlossen hinter ihre Armee stellen und die Revolte beenden.

Für die gesamte arabische Welt ist Israel ein Anhänger des Teufels. Sogar die arabischen Länder, die wie Saudi Arabien die Freie Syrische Armee unterstützen, müssten es sich zweimal überlegen. Israels Unterstützung ist für jede arabische Gruppe, mag sie progressiv oder patriotisch sein, ein Todeskuss.

Aus diesem Grund wäre sogar eine verbale Unterstützung fatal. Einige Menschen sähen gerne, dass die israelische Regierung an den Präsidenten, Barack Obama, und/oder die UN appellieren würde, sich einzumischen. Dies würde (jedoch) falsch aufgefasst werden. Es würde Bashar und seinen Spießgesellen dazu verhelfen, die Rebellen als amerikanische Agenten und zionistische Handlanger zu brandmarken.

Was also kann Israel tun, um dem leidenden Volk nebenan zu helfen?

Nichts! Absolut gar nichts!

Weder eine militärische Intervention, noch diplomatische Bemühungen, noch nicht einmal eine Geste der Solidarität.

STATTDESSEN sollten wir über die Gründe nachdenken, weshalb wir uns in dieser bedauerlichen Situation befinden.

Es gab eine Zeit, in der die Menschen der arabischen Welt Israel zwar nicht mochten, doch trotzdem das, was Israel sagte, glaubten. Selbst, wenn ihnen die Äußerungen der israelischen Armee zuwider waren, glaubten sie diese. Diese Tage sind längst vorbei.

Wenn die israelische Armee verkünden würde, dass sie in Syrien einmarschierte, um es von seinem Diktator zu befreien, und sie sich danach sofort wieder zurückzöge, würde das Volk (nur) lachen. Israel? Rückzug? Israel drang im Jahre 1982 in den Libanon ein, um „bis zu 40 Kilometer von der Grenze ein Gebiet von palästinensischen Terroristen zu befreien“, und brauchte 18 Jahre, um es wieder zu verlassen – und das (auch) nur, nachdem es einen heftigen Guerilla-Krieg verloren hat. Israel besetzte im Jahre 1967 die Golanhöhen und hat seitdem keinerlei Absicht gezeigt, diese jemals wieder zu verlassen.

Wenn Israel irgendetwas bezüglich der syrischen Lage unternähme – gleichgültig was – würde sich die gesamte Welt fragen: „ Was waren diese Israelis bis heute? Was sind ihre Hintergedanken?“

Wer wäre so naiv, zu erwarten, dass ein Land, das einen Avigdor Lieberman als Außen- und einen Ehud Barak als Verteidigungsminister hat – ganz zu schweigen von Binyamin Netanyahu – irgendetwas Selbstloses täte.

Also, vergessen wir das Ganze.

Doch, wie kann ich hier untätig dasitzen, während sich weniger als 300 Kilometer von meinem Haus entfernt – näher als Eilat – schreckliche Dinge ereignen?

Dies ist nicht nur eine Frage für einen Israeli. Es ist eine Frage, die sich jeder Mensch in der ganzen Welt stellen sollte.

Ob Israeli oder Norweger, Brasilianer oder Pakistani, wir – die Bürger dieser Welt – sitzen vor den Fernsehbildschirmen und sehen voller Schrecken die Bilder, die aus Homs kommen, und fragen uns mit wachsender Verzweiflung: „Sind wir vollkommen ohnmächtig? Ist die Welt gänzlich ohnmächtig?“

Vor 70 Jahren beschuldigten wir die Welt, keinen Finger gekrümmt zu haben, als Millionen Juden, Roma und andere von Einsatzgruppen und in Gaskammern ermordet wurden. Aber das war inmitten eines schrecklichen Weltkrieges, als der Westen und die Sowjetunion der unbarmherzigen Nazi-Militärmaschinerie, die von einem der größten Tyrannen der Geschichte angeführt wurde, ausgesetzt war.

Und dennoch – auch heute werden wir mit einem Westentaschen-Diktator eines kleinen Landes konfrontiert, der sein eigenes Volk massakriert. Sind wir wieder einmal unfähig, dies zu unterbinden?

Das übersteigt noch die schrecklichen Ereignisse in Syrien.

Die Hilflosigkeit der Weltgemeinschaft, euphemistisch „die Familie der Nationen“ genannt – dass sie in solch einer Situation nichts unternehmen kann, schreit bis zum Himmel.

Die schlichte Wahrheit ist, dass das internationale politische System, zu Beginn des dritten Millenniums, im Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung und des weltweiten Netzes der direkten Kommunikation, immer noch Jahrhunderte hinterherhinkt.

Nach dem schrecklichen Ersten Weltkrieg wurde die Liga der Nationen geschaffen. Aber die Anmaßung der Sieger und ihre Rachsucht gegenüber den Besiegten ließen sie eine falsche Struktur schaffen, die bereits bei der ersten Bewährungsprobe scheiterte.

Nach dem noch schrecklicheren Zweiten Weltkrieg versuchten die Sieger bedeutend realistischer zu sein. Aber die Struktur, die sie schufen – die UNO (Organisation der Vereinigten Staaten) – enthält andere Fehler. Die syrische Krise zeigt sie im grellsten Licht.

Das schlimmste Charakteristikum der UNO ist das Veto. Regelmäßig verdammt es die Organisation zu völliger Ohnmacht.

Es ist umsonst, Russland und China des unverfrorenen Zynismus zu beschuldigen. Sie unterscheiden sich nicht von anderen Großmächten. Die USA haben das Veto viel öfter eingesetzt, vor allem, um Israel zu schützen. Russland und China dienen ihren vermeintlichen kurzfristigen Interessen, zur Hölle mit den Opfern. Schrecklich, verabscheuungswürdig, aber alltäglich. Die Geschichte ist voller Beispiele. Das Münchner Abkommen und der Hitler-Stalin-Pakt kommen einem sofort ins Gedächtnis.

Aber dient das schreckliche russische Veto gegen eine zahnlose Resolution im Sicherheitsrat tatsächlich irgendwelchen realen russischen Interessen? Ich meine, dass es Moskau besser wissen sollte. Seine Waffenverkäufe an Syrien sind nur ein geringer Faktor, ebenso die russische Marinebasis in Tarsis. Es erscheint mir eher wie ein bedingter Reflex. Wenn etwas von den USA unterstützt wird, dann muss es schlecht sein. Letzten Endes war Ivan Petrovich Pavlov ein Russe.

Bedeutender ist vielleicht die russische oder chinesische Furcht vor einem neuen Präzedenzfall einer ausländischen Einmischung in innere Angelegenheiten, wie Gemetzel, Tyrannei und Mini-Genozid.

Aber auf lange Sicht kann es nicht im Interesse von Russland liegen, sich hinter einer Mauer von Zynismus zu verbarrikadieren. Ein „ehrbarer Respekt vor der Menschheit“, wie es Thomas Jefferson formuliert hat, scheint viel moderner zu sein als Stalins „Wie viele Divisionen hat der Papst?“

Übrigens, es wäre auch für Israel gut, sich an Jeffersons Regel zu halten.

Bashar Al-Assad lehrt uns, dass eine völlige Überarbeitung der UN-Charta (dringend) erforderlich ist. Mit dem Veto muss begonnen werden.

Die Teilung der Macht, die es darstellt, ist lächerlich veraltet. Warum China und nicht Indien? Warum Frankreich und nicht Deutschland?

Aber das ist nur ein unwesentlicher Punkt. Der wesentliche Punkt ist, dass es für eine Macht – oder sogar für sieben Mächte –unerträglich ist, den Willen der Menschheit zu blockieren. Heutzutage ist die UNO ein wahrhaftes „Vetostan“.

Wenn das Veto nicht völlig abgeschafft werden kann – was es (eigentlich) sollte – muss ein Mechanismus gefunden werden, um es auf eine vernünftige Art einzuschränken. Zum Beispiel sollte eine 75%-ige Mehrheit in der Generalversammlung oder ein einstimmiger Beschluss aller an dem Veto nicht beteiligten Sicherheitsratsmitglieder, das Veto überstimmen können.

In einem solchen Fall sollte die UNO unter einer neuen Art des Generalsekretärs, fähig sein, das Militär der Mitgliedsstaaten aufzufordern, den Verbrechen gegen die Menschheit überall ein Ende zu bereiten und somit das Eingreifen von Organisationen wie der NATO überflüssig zu machen.

In Syrien sind keine großen Streitkräfte erforderlich. Ägyptische und türkische Truppen sollten zusammen mit der Freien Syrischen Armee ausreichend sein.

HAFEZ AL-ASSAD, der langjährige syrische Diktator, bestimmte seinen Sohn Bashar zum Erben, nachdem sein älterer Sohn bei einem Absturz ums Leben gekommen war.

Der gütig erscheinende Augenarzt wurde mit Erleichterung aufgenommen. Er schien der geeignete Modernisierer zu sein, mit progressiven, vielleicht sogar demokratischen Ideen. Nun beweist er uns, dass in allen Diktatoren ein verstecktes Monster lauert.

„Assad“ bedeutet „Löwe“. Aber Bashar ist kein Löwe. Er gleicht eher einer Hyäne – einem Tier, das auf Jiddisch „das lachende Biest“ genannt wird.

Nichts ist hier geblieben, worüber man lachen könnte.

Seine Zeit ist um“ …

(dt. Inga Gelsdort, vom Verfasser autorisiert)

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Der widerwillige Prophet

Erstellt von Gast-Autor am 26. Februar 2012

Der widerwillige Prophet

Autor Uri Avnery

Am letzten Montag wurde ich für mein „Lebenswerk“ mit dem Leibowitz-Preis ausgezeichnet.

Der Preis war von der Yesh Gvul-Friedenssoldaten-Organisation initiiert. Ich war nicht in der Lage, eine Rede vorzubereiten. Also sprach ich frei und muss nun meine Bemerkungen aus dem Stegreif rekonstruieren. (die Laudatio der Nobelpreisträgerin Prof. Ada Yonat war viel zu viel des Lobs, um sie zu verbreiten).

Zuerst möchte ich Yesh Gvul danken, dass es diesen Preis geschaffen hat. Dann möchte ich der angesehenen Jury danken, die so liebenswürdig war, mir und Hagith Ofran, der Enkelin von Prof. Leibowitz, den Preis zuzuerkennen. Ich bewunderte seit Jahren Hagits Werk ( innerhalb Peace Now ) gegen den Siedlungsbau. Und dann möchte ich all jenen danken, die heute zu dieser Feier gekommen sind.

Doch in diesem Augenblick denke ich an eine, die nicht hier ist und deren Abwesenheit so ungerecht ist: meine Frau Rachel. Sie war eine vollkommene Partnerin in allem, was ich während der letzten 58 Jahre tat . Sie hätte – allermindestens – mit der Hälfte des Preises ausgezeichnet werden sollen. Sie wäre glücklich gewesen, wenn sie hätte hier sein können.

Als ich dieses Gebäude betrat, wurde ich stürmisch von einer rechten Demonstration begrüßt. Ich war schwer beleidigt, als mir gesagt wurde, dass sie nicht gegen mich gerichtet sei, sondern gegen meinen Freund Muhammad Bakri, den arabischen Schauspieler, der die Faschisten durch seinen Film „Jenin, Jenin“ zornig gemacht hatte. In diesem Augenblick spielte er auf der benachbarten Theaterbühne in Frederico Garcia Lorcas „Das Haus von Bernarda Alba“ mit. Wahrscheinlich verdient er diese Demonstration, aber ich fühlte mich trotzdem tief beleidigt.

ICH BEWUNDERTE und liebte Yeshayahu Leibowitz.

Ich bewunderte ihn für seine scharfsinnige Logik. Wann immer er sie bei einem Problem anwandte, war es eine Wonne, dies mit zu erleben. Nichts konnte dem widerstehen. Oft fragte ich mich neidisch, wenn ich ihm zuhörte: „Warum habe ich nicht auch daran gedacht?“

Ich liebte ihn wegen seiner unerschütterlichen moralischen Haltung. Für ihn stand die moralische Verpflichtung des einzelnen Menschen über allem.

Kurz nach dem 67er-Krieg und dem Beginn der Besatzung prophezeite er, dass wir eine Nation von Managern und Geheimdienstagenten werden würden.

Tatsächlich war er für mich wie ein 2.Yeshayahu , dem Erben des biblischen Yeshayahu. (Yeshayahu ist die hebräische Form von Jesaja). Als ich ihm das sagte, wurde er ärgerlich. „Die Leute verstehen die Bedeutung des Wortes nicht,“ beschwerte er sich, „in den europäischen Sprachen ist ein Prophet eine Person, die die Zukunft voraussagen kann. Aber die hebräischen Propheten waren Leute, die Gottes Wort weitergaben!“ Obwohl Leibowitz orthodox war und ein Kippaträger, dachte er nicht in dieser Weise von sich.

Wie alle großen Männer und Frauen war er eine Persönlichkeit voller Widersprüche. Ich versuchte herauszufinden, wie ein so rationaler Denker religiös sein konnte. Er erklärte mir, dass eine Person, die strikt alle 613 Gebote der jüdischen Religion einhält, sehr rational sein kann – weil die Religion auf einer ganz anderen Ebene liegt. Als Professor verschiedener recht divergierender Disziplinen (Philosophie, Chemie, Biochemie, Medizin) sorgte er dafür, dass Wissenschaften und Religion einander nicht beeinträchtigten.

Als ihm einmal jemand erzählte, er habe während des Holocaust aufgehört, an Gott zu glauben, erwiderte er, „Dann hast du auch vorher nicht an Gott geglaubt.“

WÄHREND ICH hier in dieser Halle stehe, bereue ich meinen Anteil an der Tatsache , dass er nie den Israelpreis, die höchste Auszeichnung erhalten hat, die das Establishment vergeben kann. Es geschah 1993, als Yitzhak Rabin Ministerpräsident war. Ein frischer Wind wehte (so schien es wenigstens) und die offizielle Jury entschied – endlich – Leibowitz den hohen Preis zu verleihen.

Zufällig organisierte ich gerade zu dieser Zeit eine öffentliche Konferenz des „Israelischen Rates für israelisch-palästinensischen Frieden“. Ich rief Leibowitz an und fragte ihn, ob er kommen und sprechen würde.

Ich muss hier hinzufügen, dass ich immer stark daran interessiert war, ihn bei unsern Versammlungen dabei zu haben, und zwar aus zwei Gründen. Erstens war er ein äußerst faszinierender Redner. Zweitens, wenn Leibowitz kommen sollte, war die Halle – egal, wie groß sie war –immer bis auf den letzten Platz besetzt, sogar auf den Treppen und den Fenstersimsen. Allerdings arrangierte ich das Programm immer derart, dass ich nach ihm sprach. Aus guten Gründen: Wenn er anfing, verriss er alle Reden seiner Vorredner in Stücke, indem er seine unglaubliche Macht der Analyse anwandte und bewies, dass alles, was sie sagten, absoluter Unsinn sei.

Als ich ihn diesmal fragte, war er bereit zu reden, unter einer Bedingung: er wolle nur über ein einziges Thema sprechen: dass die Soldaten ihren Dienst in den besetzten Gebieten verweigern sollten.

„Bitte sprechen Sie über alles, was Sie wollen,“ erwiderte ich, „schließlich ist dies ein freies Land – bis zu einem gewissen Punkt .“

Also kam er und hielt eine Rede, in der er unsere Soldaten mit der Hamas verglich, die damals (wie heute) als die brutalsten Terroristen angesehen wurden. Dies führte zu einem schrecklichen öffentlichen Aufschrei. Rabin drohte, die Preisverleihungsfeier zu boykottieren. Die Jury überlegte, ob es möglich sei, den Preis zurückzunehmen und Leibowitz verkündete, er würde den Preis nicht annehmen. Also wurde er niemals mit dem Israel-Preis ausgezeichnet, wie einige andere Leute, die ich kenne.

ES MACHTE mir immer Freude, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er lebte in einer bescheidenen, mit Büchern vollgestopften Wohnung , die man über einen Hinterhof erreichte. Sie lag im Jerusalems Rehavia-Viertel. Greta, seine Frau und Mutter seiner sechs Kinder, hatte er an einer deutschen Universität getroffen, an der er studierte. Sie hielt die Ordnung. Rachel und ich liebten ihre bescheidene Art sehr.

Wann immer er über irgend ein Thema sprach, wurden die kleinen Rädchen in meinem Gehirn lebendig. Er ließ kleine Brocken von Einsichten fallen. (Nur ein Beispiel: „Die Deutschen und die Juden schufen all ihre kulturellen Güter, als sie keinen Staat hatten“)

Unsere Beziehungen beruhten auf der Tatsache, dass wir entgegen gesetzte Typen waren. So wie ich ein überzeugter Atheist bin, so war er ein überzeugter orthodoxer Jude – eine Tatsache, die ihn nicht im Geringsten störte. Ich bin von Natur aus ein Optimist (wie es mein Vater und auch mein Großvater waren) . Er war eher ein Pessimist. Er war 20 Jahre älter als ich und ein mehrfacher Doktor und Professor, während ich nicht einmal die Grundschule beendet hatte. Er kam als Teenager aus Riga nach Deutschland, während ich dort geboren wurde.

Als wir beide am Tag nach dem 6-Tagekrieg verlangten, die besetzten Gebiete aufzugeben, hatten wir verschiedene Gründe. Er sagte voraus, dass die Besetzung Israel zu einen faschistischen Staat mache. Ich war davon überzeugt, dass die Übergabe der Gebiete an das palästinensische Volk dieses in die Lage versetzen würde, seinen eigenen Staat zu errichten, und dies den historischen Konflikt beenden würde.

AUCH WENN wir aus entgegen gesetzten Richtungen kamen, waren wir uns in der kompromisslosen Forderung einig, dass Staat und Religion getrennt werden müssten . Dies führte mich zu einem parlamentarischen Streich. Als das Ministerium für religiöse Angelegenheiten auf der Agenda stand, bat ich Leibowitz um ein paar Kommentare zu diesem Thema. Er diktierte meinem Assistenten ein Statement, und als ich an der Reihe zu reden war, sagte ich, dass ich anstelle meiner Meinung, die wohlbekannt war, ich die Ansicht eines orthodoxen Denkers, die von Prof. Leibowitz, lesen würde.

Ich las dann seine Worte: „Unter dieser klerikal-atheistischen Regierung, ist Israel ein säkularer Staat, öffentlich bekannt als religiöser (In Israel ist die Wendung „öffentlich bekannt“, ein Ausdruck für ‚ohne Hochzeit zusammen leben’ ) … Das Oberrabbinat ist eine säkulare Institution, die von den säkularen Behörden entsprechend den säkularen Gesetzen ernannt wurde. Deshalb haben sie keine religiöse Legitimität. … Das Ministerium für religiöse Angelegenheiten ist eine Abscheu … es macht Religion zu einer Hure der säkularen Behörde. Es ist die Prostitution der Religion …“

Hier explodierte die Knesset. Die Vorsitzende der Sitzung war so aufgeregt, dass sie verkündete, sie werde die Worte im Protokoll streichen. Ich erhob später Einspruch, und die Worte wurden wieder in den Bericht aufgenommen – deshalb konnte ich sie jetzt vom offiziellen Protokoll lesen.

Als Sprecher war Leibowitz absichtlich provokativ. Er war es, der den Ausdruck „Judäonazi“ erfand – das war zu einer Zeit, als der Vergleich mit den Nazis noch ein striktes Tabu war. Er verglich gewisse Einheiten der israelischen Armee mit der Nazi-SS, und die Jugend der Siedlungen erinnerten ihn an die Hitlerjugend. Er nannte das Heiligste vom Heiligen, die Klagemauer, „eine religiöse Diskothek“ oder kurz Discotel“ (Kotel bedeutet im Hebräischen Mauer). Er glaubte, solche provokative Sprache würde ihm helfen , die Kruste der etablierten Mythen zu durchbrechen.

IN DEN LETZTEN Jahren vor seinem Tod 1994 widmete alle seine Kräfte der Bemühung, Soldaten davon zu überzeugen, den Wehrdienst in den Besetzten Gebieten zu verweigern. Wir hatten darüber mehrere Debatten, da ich nicht ganz davon überzeugt war.

Während meines Militärdienstes wurde ich Zeuge von Situationen, wenn ein aufrechter Soldat im richtigen Augenblick am richtigen Platz steht, kann er Brutalitäten verhindern. Ein leuchtendes Beispiel: als Nazareth 1948 besetzt wurde, war der kommandierende Offizier ein kanadischer Jude mit Namen Ben Dunkelman. Er erhielt eine mündliche Order von David Ben Gurion, alle Bewohner zu vertreiben. Dunkelman weigerte sich, dies ohne schriftlichen Befehl zu tun. Als Offizier und Gentleman hatte er dem Bürgermeister beim Kapitulationstreffen versprochen, dass kein Einwohner zu Schaden komme solle. Er wurde sofort von seinem Posten als Kommandeur entlassen. Doch als sein Nachfolger seinen Posten übernahm, war es zu spät, die Vertreibung so darzustellen, als wäre sie in der Schlacht geschehen. Natürlich wurde kein schriftlicher Befehl jemals veröffentlicht.

Jahre später erhielt ich eine Beschreibung der Episode von Dunkelman, der nach Kanada zurückgekehrt war, und mein Nachrichtenmagazin Haolam Hazeh veröffentlichte sie.

Gegen dieses Argument behauptete Leibowitz, dass es das Wichtigste für einen einzelnen Soldaten wäre, aufzustehen und sich zu weigern, an der Besatzung teilzunehmen, egal welche Folgen es für ihn persönlich hat – Gefängnis, Ächtung, Einsamkeit. Wenn dies genügend Soldaten tun würden, So würde die Besatzung zusammenbrechen, glaubte er. (mit diesem Ziel wurde Yesh Gvul gegründet).

EIN PAAR Jahre vor seinem Tod hatte ich die Ehre, neben ihm in einem Buch mit Interviews der deutschen Schriftstellerfotografin Herlinde Kölbl zu erscheinen. Da definierte er seine politische Einstellung auf die kürzeste und einfachste Weise. Ich übersetze aus dem Deutschen.

„Es gibt nur zwei Möglichkeiten: das eine ist Krieg auf Leben und Tod im vollsten Sinn des Wortes, wobei Israel ein faschistischer Staat werden wird. Die andere Möglichkeit, die einzige, die diesen Krieg vermeiden helfen kann, ist die Teilung des Landes. Eine solche Teilung des Landes wird sehr schmerzhaft für beide Parteien. Beide Völker würden ihren Staat haben und ihre nationale Unabhängigkeit. Aber keines von beiden im Rahmen des ganzen Landes.

„Ich glaube, dass eine Teilung kommen wird, wenn nicht durch ein Übereinkommen zwischen dem Staat Israel und der PLO, dann als eine aufgezwungene Ordnung, aufgezwungen von den Amerikanern und den Sowjets .

Wenn weder das eine noch das andere geschieht, dann steuern wir auf eine Katastrophe zu.

Ich wiederhole: eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.

Seit dem 6-Tage-Krieg ist Israel ein Machtapparat, ein jüdischer Machtapparat zur Beherrschung eines anderen Volkes.

Deswegen sage ich es in schärfster Form: Dieser glorreiche Sieg war das historische Unglück des Staates Israel. Im Jahr des „Völkerfrühlings“, 1848, warnte (der österreichische Dramatiker) Franz Grillparzer vor dem Weg, der „von der Humanität durch die Nationalität zur Brutalität führt“. Im 20. Jahrhundert ist das deutsche Volk tatsächlich diesen Weg bis zum Ende gegangen. Wir haben diesen Weg nach dem 6-Tage-Krieg betreten. Es kommt darauf an, diesen Gang zu beenden.“

ICH BIN glücklich, diesen Preis zusammen mit seiner Enkelin zu erhalten. Das erinnert mich an einen andern Teil desselben Interviews. „Für die kurze Zeit, die ich noch habe, bleibe ich hier, hier in Jerusalem sind meine Kinder und meine Enkelkinder, und alle werden hier bleiben.“

Das ist wirklicher Patriotismus. Der britische Philosoph Dr. Samuel Johnson bezeichnete bekanntlich „Patriotismus als letztes Refugium eines Schurken“. Wir sehen die patriotischen Schurken rund um uns. Aber wir sind die wirklichen Patrioten – Patrioten wie Yeshayahu Leibowitz.

Es wird keinen zweiten Yeshayahu Leibowitz geben. Wie Shakespeare in Hamlet sagte: „Er war ein Mann, nehmt ihn für alles in Allem. Ich werde nie wieder jemandem wie ihn sehen.“

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Hurra für Ägypten

Erstellt von Gast-Autor am 19. Februar 2012

Hurra für Ägypten

Autor Uri Avnery

DAS UNMÖGLICHE ist geschehen. Das ägyptische Parlament, demokratisch von einem freien Volk gewählt, hat sich zu seiner 1. Sitzung zusammen gefunden.

Für mich war das ein wunderbares, freudiges Ereignis.

Für viele Israelis war dies ein beunruhigender, ein bedrohlicher Anblick.

ICH KANN nicht anders, als mich darüber freuen, wenn ein unterdrücktes Volk sich erhebt und seine Freiheit und seine menschliche Würde gewinnt. Und zwar nicht durch die Intervention ausländischer Kräfte, sondern durch seine eigene Standhaftigkeit und seinen Mut. Und nicht durch Schießen und Blutvergießen, sondern durch die pure Macht der Gewaltlosigkeit.

Wann und wo immer dies geschieht, muss dies das Herz jeder anständigen Person rund um den Globus erfreuen.

Verglichen mit den meisten anderen Revolutionen verlief der augenblickliche ägyptische Aufstand ohne Blutvergießen. Die Zahl der Opfer beläuft sich auf Dutzende , nicht auf Tausende. Der gegenwärtige Kampf in Syrien fordert alle zwei oder drei Tage diese Zahl der Opfer, so auch der erfolgreiche Aufstand im Libyien, dem sehr durch ausländische Militärintervention geholfen wurde.

Eine Revolution reflektiert den Charakter ihres Volkes. Ich hatte immer eine besondere Liebe für die Ägypter, weil sie – im Allgemeinen – nicht aggressiv und gewalttätig sind. Sie sind außerordentlich geduldig und humorvoll. Man kann dies in Tausenden von Jahren in seiner aufgezeichneten Geschichte nachlesen und im täglichen Leben auf der Straße sehen.

Deshalb war diese Revolution so überraschend. Von allen Völkern dieses Planeten sind die Ägypter unter denen, von denen man am wenigsten eine Revolution erwartete. Doch sie kam.

DAS PARLAMENT kam nach 60 Jahren Militärherrschaft zusammen, die auch nach einer unblutigen Revolution begann. Selbst der verachtete König Faruk, der an jenem Tag im Juli 1952 gestürzt wurde, wurde nicht verletzt. Er wurde in seine luxuriöse Jacht verfrachtet und nach Monte Carlo geschickt, um dort den Rest seines Lebens mit Glückspiel zu verbringen.

Der wirkliche Führer der Revolution war Gamal Abd-al-Nasser. Ich traf ihn mehrere Male während des 48er-Krieges – auch wenn wir nicht richtig einander vorgestellt wurden. Dies war alles während nächtlicher Gefechte. Erst nach dem Krieg konnte ich die Ereignisse rekonstruieren. Er wurde in einer Schlacht verwundet, für die meine Kompanie mit dem Ehrennamen „Simsons Füchse“ ausgezeichnet wurde, während ich fünf Monate später von Soldaten unter seinem Kommando verletzt wurde.

Ich traf ihn natürlich nie persönlich, aber ein guter Freund von mir traf ihn tatsächlich. Während der Schlacht im umzingelten Faluja-Gebiet einigte man sich auf eine Feuerpause, um die Toten und Verletzten zwischen den Linien herauszuholen. Die Ägypter sandten Major Abd-al-Nasser, unsere Seite sandte den im Jemen geborenen Offizier, den wir Rotkopf nannten, weil er fast ganz schwarz war. Die beiden feindlichen Offiziere liebten einander sehr, und als die ägyptische Revolution ausbrach, sagte Rotkopf zu mir – lange vor anderen – dass Abd-al-Nassar der Mann sei, den man beobachten müsse.

(Ich kann mich nicht zurückhalten und muss etwas ausdrücken, was mich ärgert. In westlichen Filmen und Büchern haben Araber oft als ersten Namen Abdul. Solch einen Namen gibt es gar nicht. „Abdul“ heißt eigentlich Abd-al- , was „Diener von“ bedeutet, und dem folgt unweigerlich einer von Allahs 99 Attributen. Abd-al-Nasser z.B. bedeutet “Diener von (Allah) dem Siegreichen”.

„Nasser“, wie ihn die meisten Leute abgekürzt nannten, war kein geborener Diktator. Später erzählte er, dass er, nachdem er die Revolution in Gang gebracht hatte, nicht wusste, was er als nächstes tun sollte. Er begann damit, eine zivile Regierung zu ernennen, war aber entsetzt von der Inkompetenz und Korruption der Politiker. Deshalb nahm die Armee die Dinge in die eigenen Hände und wurde bald zu einer Militärdiktatur, die bis letztes Jahr andauerte und immer mehr entartete.

Man muss Nassers Bericht nicht wörtlich nehmen, aber es ist klar: jetzt wie damals tendiert eine „zeitweilige“ Militärherrschaft, zu einer dauernden Diktatur zu werden. Die Ägypter wissen das aus bitterer Erfahrung, und deshalb werden sie jetzt sehr ungeduldig.

Ich erinnere mich an ein spannendes Gespräch zwischen zwei führenden arabischen Intellektuellen vor etwa 45 Jahren. Wir waren in London auf dem Wege zu einer Konferenz zusammen in einem Taxi. Der eine war der bewundernswerte Mohamed Sid Ahmad, ein aristokratischer ägyptischer Marxist, der andere war Alawi, ein mutiger, linker, marokkanischer Oppositionsführer. Der Ägypter sagte, in der augenblicklichen arabischen Welt könne kein nationales Ziel ohne eine starke autokratische Führung erreicht werden. Alawi erwiderte scharf, nichts Lohnendes könne erreicht werden, bevor nicht eine Demokratie errichtet wird. Ich denke, diese Diskussion ist jetzt beendet.

ALS WINSTON Churchill bekanntermaßen sagte: „Die Demokratie ist die schlimmste Regierungsform, außer all den anderen Formen, die versucht worden sind.“ Das Üble bei der Demokratie ist, dass freie Wahlen nicht immer in der Weise enden, wie man sie gern hätte.

Die vor kurzem durchgeführte ägyptische Wahl wurde von den „Islamisten“ gewonnen. Die tumultartige erste Sitzung, die vom Hauch der Freiheit gefördert wurde, wurde von Vertretern mit „religiösen“ Bärten beherrscht. Gewählte Mitglieder der Muslimbruderschaft und den noch extremeren Salafisten (Anhänger der Salafiyeh, einer sunnitischen Sekte, die behauptet, den Lehren der ersten drei muslimischen Generationen zu folgen) bildeten die Mehrheit. Die Israelis und die Islamophoben im Westen, für die alle Muslime gleich sind, sind entsetzt.

Offen gesagt, liebe ich keine religiösen Parteien, egal welcher Färbung – jüdisch, muslimisch, christlich oder was es sonst noch gibt. Eine echte Demokratie verlangt die völlige Trennung von Staat und Religion – in der Praxis wie in der Theorie.

Ich würde nicht für Politiker stimmen, die religiösen Fundamentalismus als Leiter für ihre Karriere benützen – ob es amerikanische Präsidentschaftskandidaten sind, israelische Siedler oder arabische Demagogen. Selbst wenn sie ehrlich wären, würde ich gegen sie stimmen. Aber wenn solche Leute frei gewählt werden, muss man sie akzeptieren. Ich würde mir sicherlich nicht durch den Erfolg der Islamisten die Freude über den historischen Sieg des arabischen Frühlings nehmen lassen.

So wie es jetzt aussieht, werden Islamisten verschiedener Schattierungen in allen neuen arabischen Parlamenten einflussreich sein; das wird die Frucht arabischer Demokratie sein- von Marokko bis zum Irak, von Syrien bis Oman. Israel wird keine „Villa im Dschungel“ sein, sondern eine jüdische Insel in einem muslimischen Meer.

Die Insel und das Meer sind keine natürlichen Feinde. Im Gegenteil – sie ergänzen einander.

Die Inselbewohner fischen im Meer, die Insel schützt die jungen Fische.

ES GIBT keinen Grund für Juden und Muslime, nicht friedlich zusammen zu leben und zu kooperieren. Sie haben es so viele Male im Laufe der Geschichte getan, und dies waren für beide gute Zeiten.

In jeder Religion gibt es Widersprüche. In der hebräischen Bibel gibt es z.B. die inspirierenden Kapitel der Propheten und die abscheulichen Aufrufe zum Genozid im Buch Josua. Im neuen Testament ist die wunderbare Bergpredigt und die widerliche ( und offensichtlich falsche und später eingefügte) Beschreibung der nach der Kreuzigung Jesu schreienden Juden, die den Antisemitismus und unzähliges Leiden verursacht hat. Im Koran sind verschiedene anstößige Passagen über die Juden, aber viel wichtiger ist das bewundernswerte Gebot, die „Völker des Buches“, Juden und Christen, zu schützen.

Es ist jetzt Sache der Gläubigen jeder Religion, aus ihren heiligen Texten die Passagen herauszupicken, nach denen sie leben wollen. Einmal sah ich ein Nazibuch aus Hunderten von Zitaten aus dem Talmud zusammengesetzt. Ich war sicher, dass sie alle falsch waren und war zutiefst erschrocken, als mir ein freundlicher Rabbiner versicherte, dass sie alle authentisch seien, nur aus dem Zusammenhang gerissen.

JUDEN UND Muslime können friedlich zusammen leben und taten es , auch die Israelis und die Ägypter.

Nur ein Kapitel: im November 1944 ermordeten zwei Mitglieder der vorstaatlichen Untergrundorganisation Lehi ( auch als „Sternbande“ bekannt) Lord Moyne, den britischen Staatsminister für den Nahen Osten in Kairo. Sie wurden gefangen genommen, und ihre Gerichtsverhandlung vor einem ägyptischen Gericht wurde zu einer antibritischen Demonstration. Junge ägyptische Patrioten füllten den Raum und bemühten sich nicht, ihre Bewunderung für die Angeklagten zu verbergen. Einer der beiden (der mir bekannt war) revanchierte sich mit einer stürmischen Rede, in der er den Zionismus verwarf und sich selbst als einen Freiheitskämpfer definierte, um die ganze Region vom britischen Imperialismus zu befreien.

Als Israel nicht lange danach gegründet wurde, schlugen einige von uns vor, der neue Staat möge diese und andere Taten dazu benützen, um uns als den ersten semitischen Staat darzustellen, der sich selbst von fremder Herrschaft befreit hat. In diesem Sinne hießen wir 1952 die Abd-al-Nasser-Revolution willkommen. Aber 1956 griff Israel in geheimer Absprache mit Frankreich und Großbritannien Ägypten an und wurde deshalb als ein Außenposten der westlichen Kolonisation gebrandmarkt.

NACH ANWAR SADATS historischem Besuch in Jerusalem war ich einer der ersten vier Israelis, die in Kairo ankamen. Wochenlang waren wir die Helden der Stadt, die von allen gefeiert wurden. Begeisterung für Frieden mit Israel schuf eine Karnevalsstimmung. Erst später, als den Ägyptern klar wurde, dass Israel keineswegs die Absicht habe, den Palästinensern ihre Freiheit zuzugestehen, verschwand diese.

Jetzt ist es an der Zeit, diese Stimmung wieder zu beleben. Es könnte getan werden, wenn wir entschlossen unser Gesicht dem Arabischen Frühling und dem zuwenden würden, was jetzt im Winter geschieht.

Dies lässt wieder eine der grundsätzlichsten Fragen Israels stellen: Wollen wir ein Teil dieser Region sein oder ein Außenposten des Westens? Sind die Araber unsere natürlichen Verbündeten oder unsere Feinde? Wird die neue arabische Demokratie unsere Sympathie und Bewunderung wecken, oder wird sie uns erschrecken?

Dies führt zur tiefsten Frage: Ist Israel nur ein Ableger des Weltjudentums, oder ist es eine neue Nation, die in dieser Region entstanden ist und einen integralen Teil davon darstellt?

Für mich ist die Antwort klar; und deshalb grüße ich das ägyptische Volk und sein neues Parlament : meine Gratulation!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

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Die Blockbrecher

Erstellt von Gast-Autor am 12. Februar 2012

Die Blockbrecher

Autor Uri Avnery

“ISRAEL HAT keine Außenpolitik, es hat nur eine Innenpolitik,” bemerkte Henry Kissinger einmal.

Dies hat vielleicht für jedes Land mehr oder weniger gegolten– seitdem es die Demokratie gibt. Doch in Israel scheint dies noch mehr zuzutreffen. (Ironischerweise könnte fast gesagt werden, dass die US keine Außenpolitik hat, nur eine israelische Innenpolitik .)

Um unsere Außenpolitik zu verstehen, müssen wir in den Spiegel schauen. Wer sind wir?

Wie sieht unsere Gesellschaft aus?

IN EINEM klassischen Sketch, der jedem Israeli bekannt ist, standen zwei Araber am Ufer des Mittelmeers und sahen ein Boot voll russisch-jüdischer Pioniere auf sie zu rudern. „Mag euer Haus zerstört werden!“ fluchten sie.

Als Nächstes standen wieder zwei Gestalten, dieses Mal russisch-jüdische Pioniere, an derselben Stelle und verfluchten auf russisch ein Boot voll jemenitischer Immigranten.

Als Nächstes standen zwei Jemeniten dort und verfluchten die deutsch-jüdischen Flüchtlinge, die vor den Nazis geflohen waren. Dann verfluchten die deutschen Juden die Ankunft der Marokkaner. Das war dann nach dem ersten Erscheinen die letzte Szene. Heute kann man noch zwei Marokkaner hinzufügen, die die Immigranten aus der Sowjetrussland verfluchten, dann verfluchten die Russen die letzten Ankömmlinge: die äthiopischen Juden.

Dies mag auch für jedes andere Einwandererland gelten, für die USA bis Australien. Jede Einwanderungswelle wird mit Verachtung, ja, sogar mit offener Feindseligkeit von denen, die früher kamen, begrüßt. Als ich in den frühen 30er-Jahren noch ein Kind war, hörte ich häufig, wie Leute meinen Eltern nachriefen: „Geht zurück zu Hitler!“

Doch immer herrschte der Mythos vom „Schmelztiegel“. Alle Immigranten würden in den selben Topf geworfen und von ihren „fremden“ Zügen gereinigt und tauchten als einheitliche neue Nation wieder auf – ohne die Spuren fremden Ursprungs.

DIESER MYTHOS starb vor einigen Jahrzehnten. Israel ist jetzt eine Art Föderation verschieden großer demographisch-kultureller Blöcke, die unser soziales und politisches Leben bestimmen.

Wer sind sie? Es gibt (1.) die alten Ashkenasim (Juden europäischen Ursprungs); (2.) die orientalischen (oder sephardischen) Juden; (3.) die religiösen ( teils ashkenasischen, teils sephardischen) Juden; (4.) die russischen Emigranten aus all den Ländern der früheren Sowjetunion; und (5.) die palästinensischen arabischen Bürger, die schon immer hier waren..

Dies ist natürlich eine schematische Darstellung. Keiner der Blöcke ist völlig homogen. Jeder Block besteht aus mehreren Unterblöcken, einige Blöcke überlappen sich. Dann gibt es Mischehen. Aber im Großen und Ganzen stimmt das Bild. Das Geschlecht spielt bei dieser Teilung keine Rolle.

Die politische Szene reflektiert fast genau diese Einteilung. Die Laborpartei war auf ihrem Höhepunkt das Hauptinstrument der ashkenasischen Macht. Ihre Reste zusammen mit Kadima und Meretz sind noch immer Ashkenasim. Avigdor Liebermans Israel-Beitenu-Partei besteht hauptsächlich aus Russen. Es gibt drei oder vier religiöse Parteien. Dann gibt es zwei exklusiv arabische Parteien und die kommunistische Partei, die auch hauptsächlich arabisch ist. Die Likudvertreter vertreten den Hauptteil der Orientalen, auch wenn fast alle seine Führer Ashkenasim sind.

Die Beziehungen zwischen den Blöcken sind oft strapaziös. Gerade jetzt ist das Land in einem Aufruhr, weil in Kiryat Malachi eine südliche Stadt mit hauptsächlich orientalischen Einwohnern, die Hausbesitzer eine Verpflichtung unterschrieben haben, nach der sie keine Wohnung an Äthiopier verkaufen dürfen, während der Rabbiner von Safed, einer nördlichen Stadt von hauptsächlich orthodoxen Juden, seiner Gemeinde verboten hat, Wohnungen an Araber zu vermieten.

Aber abgesehen von der Kluft zwischen Juden und Arabern, besteht das Hauptproblem aus dem Groll zwischen den Orientalen, den Russen und den Religiösen gegen das, was sie die „ashkenasische-Elite“ nennen.

DA SIE die ersten waren, die ankamen, lange vor der Errichtung des Staates, kontrollierten die Ashkenasim den größten Teil des Machtzentrums – den sozialen, den wirtschaftlichen und den kulturellen Teil. Im Allgemeinen gehören sie zu dem wohlhabenderen Teil der Gesellschaft, während die Orientalen, die Orthodoxen, die Russen und die Araber gewöhnlich zur unteren Schicht gehören.

Die Orientalen hegen einen tiefen Groll gegen die Ashkenazim. Sie glauben – nicht ganz zu Unrecht – dass sie vom ersten Tag an in diesem Land gedemütigt und diskriminiert worden seien und noch werden, obwohl schon eine ganze Anzahl von ihnen die Spitze wirtschaftlicher und politischer Positionen erreicht hat.

Neulich verursachte ein Topmanager von einem der führendsten Finanzinstitute einen Skandal, als er die „Weißen“ (d.h. die Ashkenazim) anklagte, alle Banken, Gerichte und die Medien zu beherrschen. Er wurde prompt entlassen, was einen neuen Skandal auslöste.

Der Likud kam 1977 an die Macht, indem er die Laborpartei entthronte. Mit kurzen Unterbrechungen ist er seitdem an der Macht. Doch glauben die meisten Likudmitglieder noch immer, dass die Ashkenasim Israel beherrschen und sie weit hinter sich ließen. Jetzt, 34 Jahre später, wird die dunkle Woge der antidemokratischen neuen Gesetze von Likud- Vertretern durch den Slogan gerechtfertigt: „Wir müssen anfangen zu regieren!“

Die Szene erinnert mich an ein Baugelände, das von einem Holzzaun umgeben ist. Der schlaue Bauherr ließ ein paar Lücken im Zaun, so dass neugierige Passanten durchschauen können. In unserer Gesellschaft fühlen sich alle anderen Blöcke wie Passanten, die voller Neid durch die Lücken auf die ashkenasische„Elite“ schauen: den Obersten Gerichtshof, die Medien, die Menschenrechtsorganisationen und besonders das Friedenslager. Diese werden alle „Linke“ genannt, ein Wort, das seltsamer Weise mit der „Elite“ identifiziert wird.

WIE IST das Wort „Frieden“ zu einem Synonym der herrschenden und vorherrschenden Ashkenasim geworden?

Das ist eine der größten Tragödien in unserem Land geworden.

Juden haben viele Jahrhunderte in der muslimischen Welt gelebt. Sie machten dort nicht die schrecklichen Erfahrungen des christlichen Antisemitismus’ in Europa durch. Muslimisch-jüdische Feindseligkeit begann erst vor einem Jahrhundert mit der Ankunft des Zionismus – aus offensichtlichen Gründen.

Als die Juden aus muslimischen Ländern begannen, en masse in Israel einzuwandern, waren sie durchdrungen von der arabischen Kultur. Aber hier wurden sie von einer Gesellschaft empfangen, die alles Arabische total verachtete. Ihre arabische Kultur war angeblich „primitiv“, während wirkliche Kultur europäisch war. Außerdem wurden sie mit den „mörderischen“ Muslimen identifiziert. Deshalb wurden die Immigranten gezwungen, ihre eigene Kultur und ihre eigenen Traditionen, ihren Akzent, ihre Erinnerungen, ihre Musik über Bord zu werfen. Um zu zeigen, dass sie durch und durch israelisch geworden waren, mussten sie auch die Araber hassen.

Es ist natürlich ein weltweites Phänomen, dass in multinationalen Länden die unterdrückteste Klasse der dominanten Nation auch der radikalste nationalistischste Feind der Minderheiten ist. Zur oberen Bevölkerungsschicht zu gehören, ist oft die einzige Quelle des Stolzes, die ihnen gelassen wurde. Die Folge davon ist oft der unversöhnliche Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit.

Dies ist einer der Gründe, warum die Orientalen vom Likud angezogen wurden, für den die Ablehnung des Friedens und der Hass auf die Araber oberste Tugenden sind. Nachdem er auch Jahre lang in der Opposition gewesen war, wurde der Likud als der angesehen, der die „Außenstehenden“ vertrat und die bekämpfte, die „drinnen“ waren. Dies ist noch immer der Fall.

Der Fall der „Russen“ ist anders. Sie wuchsen in einer Gesellschaft auf, die die Demokratie verachtete und starke Führer bewunderte. Die „Weißen“, Russen und Ukrainer, verachteten und hassten die „dunklen“ Völker des Südens – die Armenier, Georgier, Tataren, Usbeken und ähnliche. ( Ich erfand einmal die Formel: Bolschewismus – Marxismus = Faschismus.)

Als die russischen Juden sich uns anschlossen, brachten sie einen starken Nationalismus mit sich, ein völliges Desinteresse für Demokratie und einen automatischen Hass gegen die Araber. Sie können nicht verstehen, warum wir ihnen überhaupt zu bleiben erlauben. Als in dieser Woche ein weibliches Mitglied der Knesset aus Petersburg ein Glas Wasser auf den Kopf eines arabischen Mitglieds von der Laborpartei schüttete, war niemand sehr überrascht. (Irgend jemand witzelte: „Ein guter Araber ist ein nasser Araber“) Für Liebermans Anhänger ist „Frieden“ ein schmutziges Wort, ebenso das Wort „Demokratie“.

Für religiöse Leute aller Schattierungen – von den Ultra-Orthodoxen bis zu den national-religiösen Siedlern gibt es da überhaupt kein Problem. Von der Wiege an lernen sie, dass Juden das auserwählte Volk sind; dass der Allmächtige uns persönlich dieses Land versprochen hat; dass die Gojim – einschließlich den Arabern – nur minderwertige Menschen seien.

Es mag ganz zu Recht gesagt werden, dass ich hier verallgemeinere. Das tue ich, um die Sache zu vereinfachen. Es gibt tatsächlich Orientalen, besonders in der jungen Generation, die von dem Ultra-Nationalismus des Likud abgestoßen werden und noch mehr vom Neo-Liberalismus des Binjamin Netanjahu (Shimon Peres nannte ihn mal „schweinischen Kapitalismus“), da dieser im direkten Widerspruch zu den Grundinteressen ihrer Gemeinschaft steht. Es gibt auch eine Menge anständiger, liberaler, friedliebender religiöser Leute (Yeshayahu Leibowitz kommt mir in den Sinn). Viele Russen verlassen nach und nach ihr selbst geschaffenes Ghetto. Aber dies sind kleine Minderheiten in ihren Gemeinden. Der Großteil dieser drei Blöcke – orientalisch, russisch und religiös – sind in ihrer Gegnerschaft zum Frieden vereinigt und bestenfalls gleichgültig gegenüber der Demokratie.

All diese zusammen bilden den rechten Flügel, eine Anti-Friedens-Koalition, die jetzt Israel regiert. Das Problem ist nicht nur eine Frage der Politik. Es liegt viel tiefer und ist entmutigender.

EINIGE LEUTE klagen uns, die demokratische Friedenskoalition, an, das Problem nicht früh genug erkannt und nicht genug getan zu haben, um Mitglieder der verschiedenen Blöcke zu den Idealen von Frieden und Demokratie herangezogen zu haben.

Ich muss zugeben, dass dem so ist und dass ich Anteil an der Schuld habe, obwohl ich darauf hinweisen möchte, dass ich von Anfang an versuchte, die Verbindung herzustellen. Ich bat meine Freunde, wir müssten uns besonders um die orientalische Gemeinschaft bemühen und sie an das ruhmreiche muslimisch-jüdische „goldene Zeitalter“ in Spanien erinnern und auch an den sehr großen gegenseitigen Einfluss der jüdischen und muslimischen Wissenschaftler, Dichter und religiösen Denker in allen Jahrhunderten.

Vor ein paar Tagen wurde ich eingeladen, vor dem Lehrkörper und den Studenten der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva einen Vortrag zu halten. Ich beschrieb die Situation mehr oder weniger in derselben Weise. Die erste Frage aus der großen Zuhörerschaft, die aus Juden – Orientalen und Ashkenasim – und Arabern, besonders aus Beduinen, bestand: „Welche Hoffnung gibt es noch? Wie können die Friedenskräfte gewinnen?“

Ich sagte ihnen, ich setze mein Vertrauen in die neue Generation. Die große soziale Protestbewegung im letzten Sommer, die ganz plötzlich ausbrach und Hunderttausende erfasste, zeigte, dass hier so etwas geschehen kann. Die Bewegung vereinte Ashkenasim und Orientalen. Überall im Lande wuchsen Zeltstädte auf, in Tel Aviv und in Beer Sheva.

Unser erster Job wäre, die Barrieren zwischen den Blöcken zu brechen, die Realität zu ändern, eine neue israelische Gesellschaft zu schaffen. Wir benötigen Blockbrecher.

Es stimmt, dies ist ein sehr, sehr schwerer Job. Aber ich bin davon überzeugt, er könnte getan werden.
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

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Leuchtende Fackel

Erstellt von Gast-Autor am 5. Februar 2012

“LEUCHTENDE FACKEL”

 

Autor Uri Avnery

“LEUCHTENDE FACKEL” klingt wie der Name eines Indianerhäuptling ( oder sollte man sagen eines eingeborenen amerikanischen Häuptlings ?) Im Hebräischen ist dies der Name unserer letzten politischen Sensation: Ja’ir Lapid.

In dieser Woche verkündete er seine Absicht, in die Politik zu gehen und eine neue politische Partei zu gründen.

Kaum eine Überraschung. Seit vielen Monaten sind jetzt die Spekulationen reif geworden. Lapid hat mehr als einmal seine Absicht angedeutet und den Eindruck gemacht, er würde aber erst kurz vor den Wahlen handeln. Das war klug, weil Lapid der populärste Nachrichten-Moderator im beliebtesten Fernsehkanal ist. Warum sollte er einen Posten aufgeben, der ihm einzigartige Öffentlichkeitswirkung verleiht (und ein stattliches Gehalt obendrein) ?

Jetzt ist ihm – vielleicht unter politischem Druck – von seinem Arbeitgeber gesagt worden, er müsse wählen: entweder TV oder Politik.

Vor etwa 2061 Jahren überquerte Julius Caesar den kleinen Fluss Rubikon, um nach Rom zu marschieren, und rief aus „Alea iacta est!“ (Der Würfel ist gefallen). Lapid ist kein Caesar und spricht nicht Lateinisch, aber sein Gefühl muss in etwa dasselbe gewesen sein.

Einen Tag später warf eine andere wohl bekannte Persönlichkeit, Noam Shalit, einen zweiten Würfel. Der Vater von Gilad, dem gefangenen Soldaten, der gegen 1027 palästinensische Gefangene ausgetauscht wurde, verkündete, dass er auf der Laborparteiliste für die Knesset kandidieren will. Nachdem er fünf Jahre lang die immens erfolgreiche Kampagne für die Befreiung seines Sohnes angeführt hat, hat er entschieden, seinen Aufstieg aus der Anonymität zu einer Berühmtheit politisch auszunützen.

Eine ganze Reihe von Ausgeschiedenen – von Ex-Generälen, Ex-Mossadchefs, Ex-Generaldirektoren warten, dass sie hier an die Reihe kommen.

Was bedeutet das? Das bedeutet, dass der Geruch der Wahlen in der Luft liegt, obwohl die Wahlen offiziell erst nach anderthalb Jahren stattfinden. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass Binjamin Netanjahu und seine Partner von weit außen-rechts sie vorverlegen würden.

DIE ATTRAKTION eines Knessetsitzes ist schwer zu erklären. Die meisten Israelis verachten die Knesset, aber fast jeder wäre bereit, seine Großmutter zu verkaufen, um Mitglied zu werden.

(Ein jüdischer Witz erzählt von einem Fremden, der ins Schtetl kommt und nach dem Weg zum Synagogenvorsteher fragt. „Was, dieser Schurke!?“ ruft ein Passant aus. „Dieser Bastard!“ „Dieser Sohn einer Hure!“ „Dieser Geizkragen!“ antworten andere. Als er schließlich den Mann trifft und ihn fragt, warum er so an diesem Amt festhalte, antwortet er: „Wegen der Ehre!“)

Aber das nur nebenbei. Die Frage lautet: warum glauben so viele Leute, dass eine neue Partei eine gute Chance habe, Sitze zu gewinnen? Warum glaubt Ja’ir Lapid, dass eine neue, von ihm angeführte Partei in der Knesset eine große Fraktion werden und sie ihn vielleicht ins Amt des Ministerpräsidenten treiben würde?

Im Augenblick herrscht ein gähnendes schwarzes Loch im israelischen politischen System, eine so riesige Lücke, dass keiner sie übersehen kann.

Auf der Rechten ist die gegenwärtige Regierungskoalition, die aus dem Likud, der Lieberman-Partei, und mehreren ultranationalistischen, pro-Siedlungs- und religiösen Fraktionen besteht .

Was ist auf der Linken und im Zentrum? Nun, fast nichts.

Die Hauptoppositionspartei, Kadima , befindet sich in einem Chaos. Sie hat elendiglich versagt, für sich selbst eine Aufgabe zu finden. Zipi Livni ist inkompetent, und es scheint, dass das einzige Verdienst ihres innerparteilichen Rivalen Shaul Mofas, eines früheren Armeestabschefs, sein orientalischer Ursprung war. (Er ist aus dem Iran gebürtig ). Die letzten Umfragen ergaben für Kadima die halbe Anzahl von Sitzen, die sie jetzt inne hat.

Die Labor-Partei, die zu wachsen schien, als Shelly Jachimovitsch zur Vorsitzenden gewählt wurde, ist bei den Umfragen bis zu dem Punkt zurückgefallen, wo sie vorher war. Auch der Bestand von Meretz stieg nicht an. Dasselbe gilt für die kommunistische und die arabische Fraktion, die am Rande des Systems – wenn nicht gar außerhalb – dahinvegetieren. Alle zusammen können die Rechte nicht ihres Amtes entheben.

Die Lücke ist eklatant. Sie schreit nach einer neuen Kraft, die die Leere füllt. Kein Wunder , dass einige Möchte-gern-Messiasse darauf warten, eine innere Stimme zu hören, ihre Zeit sei jetzt gekommen.
Das Problem ist, dass keiner dieser Prätendenten mit einer Botschaft kommt. Sie erscheinen mit einer Kochbuchmentalität auf der Bühne: nimm ein paar volkstümliche Phrasen, füge 3 Berühmtheiten hinzu, 2 Generäle, 4 Frauen, 1 Russen und mit Hilfe eines klugen PR-Experten und 2 „strategischen Beratern“ bist du auf dem Weg.

Für Lapid gelten nun die drei populären Phrasen: Nimm das Geld von den unverantwortlichen Magnaten ( Wer sind sie? Gibt es auch verantwortliche Magnaten?) Nimm Geld von aufgeblasenen Regierungsabteilungen (von welchen? Schließen sie auch das Verteidigungsministerium ein?) Nimm Geld von entfernten Siedlungen (wie weit entfernt? Und wie ist es mit den anderen Siedlungen?)

Es scheint keiner da zu sein, der mit einer tiefen Überzeugung kommt, einer Botschaft, die „in seinen Knochen brennt“, wie wir im Hebräischen sagen. Shelly von der Laborpartei hat eine ernst zu nehmende soziale Botschaft, aber sie weigert sich hartnäckig, über etwas anderes zu sprechen, besonders über solch unerfreuliche Themen wie Frieden und die Besatzung. Kadima redet Wischiwaschi über alles und jedes. Und Lapid?

NUN – DAS hängt von den Umfragen ab. Lapid ist ein produktiver Schreiber von vielen Büchern und einer wöchentlichen Kolumne in der Zeitung mit der größten Auflagenziffer, nämlich Yediot Aharonot. Aber nicht einmal mit einem Mikroskop kann man Spuren von ernsthaften Antworten auf die brennenden nationalen oder sozialen Fragen des Landes finden.

Das mag klug sein. Wenn man etwas sagt, das außerhalb des Konsens liegt, schafft man sich Feinde. Je weniger du sagst, um so weniger hast du Probleme. Das ist eine grundsätzliche politische Binsenwahrheit. Die großen Führer sind aus anderem Stoff gemacht.

Von Lapid ist oft gesagt worden, er sei der Mann, von dem jede jüdische Mutter als Schwiegersohn träume. Er ist groß, sehr hübsch, sieht viel jünger aus als seine 49 Jahre, mit der Qualität eines Filmstars. Er hat auch einen berühmten Vater.

„Tommy“ Lapid war ein Holocaustüberlebender. Er wurde in der ungarisch sprechenden Enklave des früheren Jugoslawien geboren und verbrachte den 2. Weltkrieg in Adolf Eichmanns Budapest. Er wurde in Israel ein Feuilletonschreiber (wenn auch weniger erfolgreich als sein Landsmann und Kollege Ephraim Kishon), aber machte sich einen Namen als TV-Diskussionsteilnehmer, der einen völlig neuen Stil von Aggressivität – manche sagten Geschmacklosigkeit – einführte. Ein Beispiel: als eine von Armut betroffene Frau sich über ihre erbärmliche Situation beklagte, schoss er zurück: „Wie hast du deinen Friseur bezahlt?“
Lapid sen. ist eine gespaltene Persönlichkeit: seine persönlichen Beziehungen waren problemlos, sogar charmant, in der Öffentlichkeit aber streitlustig und rau.

So war auch seine politische Botschaft. Er war bekannt für seinen großen Hass gegenüber den orthodoxen Juden. Er war auch ein fanatischer Ultranationalist, der sogar Slobodan Milosevitch verteidigte. Aber in internen Angelegenheiten war er ein wahrer Liberaler.

Fast durch Zufall wurde er der Führer einer moribunden Partei, führte sie zu einem erstaunlichen Wahlsieg mit 15 Knessetabgeordneten und wurde ein guter Justizminister. Die Partei löste sich so schnell auf, wie sie erschienen war.

All dies sagt uns wenig über Lapid jun. Welches politische Programm wird er präsentieren, wenn er erst mal gezwungen ist, Antworten zu geben? Im Gegensatz zur Aggressivität seines Vaters redet er von Versöhnung, Zusammengehörigkeit, Mäßigung. Er stellt sich selbst genau ins Zentrum und hält an einem möglichst weiten Konsens fest. Seine Chancen scheinen ausgezeichnet zu sein.

Doch von jetzt bis zu den Wahlen – wann immer sie auch gehalten werden – kann noch eine lange Zeit dauern. Israel ist ein grausames Land, die Popularität kann schnell dahinschwinden. Der erste politische Test für Lapid wird der sein, ob er das öffentliche Interesse ohne seine TV-Kanzel wird halten können.

Ich bin davon überzeugt, dass sein Eintritt auf die politische Bühne eine gute Sache ist. Unser politisches System benötigt dringend frisches Blut. Und ich kann kaum mit denen übereinstimmen, die sagen, Journalisten sollten nicht in die Politik gehen.

WELCHES SIND die Chancen? Das ist unmöglich vorauszusagen. Es hängt von vielen Faktoren ab: Wann werden die Wahlen abgehalten, was wird bis dahin geschehen, wird es einen Krieg geben? (Lapid war kein Soldat im Einsatz, ein echter Mangel in den Augen vieler Israelis). Und vor allem wer wird noch in die Arena treten?

Ich hoffe inbrünstig, dass eine andere Art neuer politischer Kräfte auftauchen wird – eine Mitte-Links-Partei mit einer klaren und umfassenden Botschaft: soziale Reformen, Verringerung der Kluft zwischen Armen und Reichen, die Zwei-Staaten-Lösung, Frieden mit den Palästinensern und das Ende der Besatzung, Gleichheit zwischen allen Bürgern ( unabhängig von Geschlecht, Ethnie und Religion)

Totale Trennung zwischen Staat und Religion, die Menschenrechte durch ein starkes und unabhängiges Gericht gesichert – all dies in einer unverbrüchlich schriftlichen Verfassung bewahrt.

Dafür benötigt man Führer mit starkem Rückgrat, die bereit sind, für ihre Überzeugungen zu kämpfen.

Vielleicht will Lapid dieses Programm am Ende wenigstens zum Teil ausfüllen. Vielleicht will er auch Stimmen von Likudmitgliedern abziehen, die über den neofaschistischen Wandel einiger Likudführer empört sind – genug Stimmen, um das Gleichgewicht in der Knesset zu erschüttern und dem ultra-rechten Wahnsinn ein Ende zu setzen .

Die nächsten paar Monate werden zeigen, ob die „leuchtende Fackel“ weiter leuchten wird – und was sie genau beleuchten wird.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der gestohlene Krieg

Erstellt von Gast-Autor am 29. Januar 2012

Der gestohlene Krieg

Autor Uri Avnery

GIBT ES keine Grenze für die Niederträchtigkeit der Hamas ? Anscheinend nicht.

In dieser Woche tat sie etwas nahezu Unverzeihliches.

Sie stahl einen Krieg.

SEIT EINIGEN Wochen hat unser fast neuer Generalstabschef Benny Gantz bei fast jeder möglichen Gelegenheit verkündet, ein neuer Krieg gegen den Gazastreifen sei unvermeidbar. Mehrere Kommandeure der Truppen rund um den Gazastreifen haben diese schlimme Voraussage wiederholt wie auch ihre Anhänger, die sogenannten Militärkommentatoren.

Einer von diesen tröstet uns. Es stimmt, Hamas kann jetzt mit ihren Raketen auch Tel Aviv erreichen, aber das wird nicht so schrecklich sein, weil es ein kurzer Krieg sein wird. Nur drei oder vier Tage. Wie einer der Generäle sagte, wird er nur „härter und schmerzlicher“ (für die Araber) werden, als die Operation Geschmolzenes Blei I.( 2008/09). So wird er keine drei Wochen dauern wie diese. Wir werden alle in unsern Luftschutzkellern bleiben – auf jeden Fall diejenigen von uns, die einen haben. Auf jeden Fall nur ein paar Tage.

Warum ist der Krieg unvermeidlich? Wegen des Terrorismus’ – eine dumme Frage. Hamas ist doch eine terroristische Organisation – nicht wahr?

Aber jetzt kommt der oberste Hamasführer Khaled Mash’al und erklärt, die Hamas habe jede gewalttätige Aktion aufgegeben. Ab jetzt will man sich auf gewaltlose Massendemonstrationen konzentrieren, im Geist des arabischen Frühlings.

Wenn die Hamas dem Terrorismus abschwört, gibt es für einen Angriff auf den Gazastreifen keinen Vorwand.

Aber ist denn ein Vorwand nötig? Unsere Armee wird sich doch von dergleichen wie Mash’al nicht einen Strich durch die Rechnung machen lassen. Wenn die Armee einen Krieg wünscht, wird sie einen Krieg haben. Dies wurde 1982 bewiesen, als Ariel Sharon den Libanon angriff, trotz der Tatsache, dass die libanesische Grenze seit elf Monaten absolut ruhig war. (Nach dem Krieg wurde der Mythos geboren, ihm wären täglich Schießereien voraus gegangen. Heute kann sich fast jeder Israeli an die Schießerei „erinnern“ – ein erstaunliches Beispiel für die Macht der Vorstellung.)
WARUM WILL der Stabschef angreifen?

Ein Zyniker könnte sagen, dass jeder neue Stabschef einen Krieg benötigt, den er als den seinigen ausgeben kann. Aber das ist doch kein Zynismus?

Alle paar Tage wird eine einzelne Rakete aus dem Gazastreifen nach Israel abgeschossen. Sie trifft selten mehr als ein leeres Feld. Seit Monaten ist niemand verletzt worden.

Die übliche Reihenfolge ist die folgende: unsere Luftwaffe führt eine „gezielte Tötung“ von palästinensischen Militanten im Gazastreifen durch. Die Armee behauptet unweigerlich, dass diese speziellen „Terroristen“ beabsichtigt hätten, Israelis anzugreifen. Woher kennt die Armee ihre Absichten? Nun, unsere Armee ist ein Meister im Gedankenlesen.

Nachdem die Personen getötet worden sind, sieht ihre Organisation es als ihre Pflicht an, ihr Blut zu rächen, indem sie eine Rakete abfeuert oder eine Granate abschießt oder sogar zwei oder drei. Dies „kann von der Armee nicht toleriert werden“ – und so geht es weiter.

Nach jeder solchen Episode beginnt wieder das Gerede von einem Krieg. Amerikanische Politiker sagen in ihren Reden auf AIPAC-Konferenzen: „Kein Land kann es tolerieren, dass seine Bürger Raketen ausgesetzt sind.“

Aber die Gründe für „Cast Lead“II sind natürlich viel ernster. Hamas wird jetzt von der internationalen Gemeinschaft akzeptiert. Ihr Ministerpräsident Isma’il Haniyeh reist jetzt durch die arabische Welt, nachdem er vier Jahre lang im Gazastreifen eingesperrt war – eine Art Streifenarrest. Nun kann er nach Ägypten, weil die muslimische Bruderschaft, die Mutterorganisation der Hamas, dort ein Hauptakteur geworden ist.

Um noch schlimmer: die Hamas ist dabei, sich der PLO anzuschließen und an der palästinensischen Regierung teil zu nehmen. Es ist höchste Zeit, dass etwas getan wird. Zum Beispiel den Gazastreifen angreifen und so die Hamas zwingen, wieder ein Extremist zu werden.

MASH’AL – DAMIT nicht zufrieden, uns einen Krieg zu stehlen, ist dabei, eine Reihe unheilvollere Aktionen auszuführen.

Indem er sich der PLO angeschlossen hat, verpflichtet sich die Hamas, die Oslo-Abkommen und alle anderen Abmachungen zwischen Israel und der PLO anzuerkennen . Er hat angekündigt, Hamas akzeptiere einen Palästinastaat innerhalb der 1967er-Grenzen. Er hat wissen lassen, dass die Hamas in diesem Jahr nicht für die palästinensische Präsidentschaft kämpfen werde, so dass der Fatahkandidat – wer immer es auch sein mag – ohne Widerspruch gewählt werden und in der Lage sein könne, mit Israel zu verhandeln.
All dies wird die gegenwärtige israelische Regierung in eine schwierige Position bringen.

Mash’al hat einige Erfahrungen, Israel Probleme zu verursachen. 1997 entschied die erste Netanjahu-Regierung, ihn in Amman loszuwerden. Ein Team von Mossadagenten wurde gesandt, um ihn auf der Straße zu ermorden, indem man in sein Ohr ein unbekanntes Gift spritzte. Doch statt eine dezente Sache zu tun und schnell durch eine mysteriöse Ursache zu sterben, wie Yasser Arafat, ließ er seinen Leibwächter hinter den Angreifern herjagen und sie fangen.

König Hussein, Israels langjähriger Freund und Verbündeter, wurde fuchsteufelswild. Er ließ Netanjahu wählen: entweder werden die Agenten in Jordanien verurteilt und möglicherweise gehängt, oder der Mossad sendet sofort das geheime Gegengift, um Mash’al zu retten. Netanjahu kapitulierte. Und nun haben wir Mash’al sehr lebendig hier.

Dieses Missgeschick hatte noch ein seltsames Resultat: der König verlangte, dass der Hamasgründer und Führer, der gelähmte Sheich Ahmad Yassin, aus dem israelischen Gefängnis entlassen werde. Netanjahu verpflichtete sich: Yassin wurde entlassen und sieben Jahre später von Israel ermordet. Als sein Nachfolger Abd al-Aziz Rantisi bald danach auch ermordet wurde, war der Weg für Mash’al frei, der Führer der Hamas zu werden.

Und anstatt uns seine Dankbarkeit zu zeigen , konfrontiert er uns mit einer verheerenden Herausforderung: gewaltfreie Aktione, indirekte Friedensannäherungen, die Zwei- Staaten-Lösung.

EINE FRAGE: warum sehnt sich unser Stabschef nach einem kleinen Krieg im Gazastreifen, wenn er den Krieg, den er wünscht, im Iran haben könnte? Nicht nur eine kleine Operation, sondern einen großen Krieg,einen sehr, sehr großen Krieg.

Nun, er weiß, dass er ihn nicht haben kann.

Vor einiger Zeit tat ich etwas, das nicht einmal ein erfahrener Kommentator macht. Ich versprach, dass es keinen israelischen Angriff auf den Iran geben werde ( und eigentlich auch keinen amerikanischen).

Ein erfahrener Journalist oder Politiker gibt nie solch ein Versprechen, ohne für sich ein Hintertürchen offen zu halten. Er setzt noch ein unauffälliges „wenn nicht“ dazwischen. Wenn seine Voraussage schief geht, dann weist er auf dieses Hintertürchen.

Ich habe einige Erfahrungen – etwa 60 Jahre lang – aber ich ließ mir kein Hintertürchen offen. Ich sagte Keinen Krieg und jetzt sagt General Gantz dasselbe mit anderen Worten. Kein Teheran, nur das arme kleine Gaza.

Warum? Wegen eines einzigen Wortes: Hormuz.

Nicht wegen des alten persischen Gottes Hormuzd, sondern wegen der Meeresenge, die der Ein- und Ausgang des Persischen Golfes ist, durch den 20% des Ölbedarfs der Welt ( und 35% des über das Meer beförderte Öl) transportiert werden. Meine Behauptung war, dass kein vernünftiger ( oder fast verrückter) Führer die Sperrung der Meeresenge veranlassen würde, weil die wirtschaftlichen Konsequenzen katastrophal, ja sogar apokalyptisch sein würden.

ES SCHEINT, dass die Führer des Iran sich nicht sicher waren, ob alle Verantwortlichen der Welt diese Kolumne lesen, also machten sie den Fall selbst klar. In der vergangenen Woche führten sie ein auffälliges Militärmanöver rund um die Meerenge von Hormuz durch, begleitet von der eindeutigen Drohgebärde, sie zu schließen.

Die US antwortete mit prahlerischen Gegendrohgebärden. Die unbesiegbare US-Flotte war bereit – wenn nötig – die Meeresenge mit Gewalt zu öffnen.

Wie bitte? Der mächtigste vielfache Milliarden kostende Flugzeugträger kann leicht durch eine Batterie von billigen Land-See-Raketen versenkt werden, aber auch von kleinen Raketenbooten.

Nehmen wir an, der Iran beginnt, seine Drohungen wahr zu machen. Die ganze Macht der US-Luft- und Seeflotte würde reagieren. Iranische Schiffe würden versenkt, Raketen- und andere Militäreinrichtungen würden bombardiert. Aber weitere iranische Raketen würden abgeschossen und würden die Meerenge unpassierbar machen.

Was kommt als Nächstes? Es wird keine Alternative geben, als das Heer einzusetzen. Die US-Armee wird an Land gehen und das ganze Gebiet besetzen müssen, von dem Raketen wirksam abgeschossen werden können. Das würde eine große Operation sein. Mit heftigem iranischem Widerstand muss gerechnet werden, wenn man von den Erfahrungen des acht Jahre dauernden Irak-Iran-Krieges her urteilt. Die Ölquellen im benachbarten Saudi-Arabien und der anderen Golfstaaten werden auch betroffen sein.

Solch ein Krieg geht weit über die Dimensionen hinaus, die die amerikanische Invasion von Afghanistan oder dem Irak, vielleicht sogar von Vietnam ausmachte.

Ist die bankrotte USA dazu in der Lage? Wirtschaftlich, politisch und was die Moral betrifft?

Die Schließung der Meerenge ist die letzte Waffe. Ich glaube nicht, dass die Iraner sie gegen die Auferlegung von Sanktionen anwenden werden, so schwerwiegend sie auch sein mögen, wie sie gedroht haben. Nur ein militärischer Angriff würde solch eine Antwort rechtfertigen.

Wenn Israel alleine angreift – „die dümmste Idee, die ich je hörte“ wie unser früherer Mossadchef es ausdrückte – wird das keinen Unterschied machen. Der Iran wird dies als eine amerikanische Aktion ansehen und die Meerenge schließen. Deshalb hat die Obama-Regierung ein Machtwort gesprochen und Netanyahu und Ehud Barak eine eindeutige Order ausgehändigt, von einer Militäraktion abzusehen.

An dem Punkt stehen wir jetzt. Kein Krieg im Iran. Nur die Aussicht auf einen Krieg im Gazastreifen.

Und nun kommt dieser üble Mash’al daher und versucht, die Chancen für diesen auch noch zu verderben.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Danke Israel !

Erstellt von Gast-Autor am 22. Januar 2012

Danke Israel

Autor Uri Avnery

WENN ISLAMISTISCHE Bewegungen in der Region zur Macht kommen, sollten sie ihre Dankesschuld dem gegenüber abtragen, der ihnen ein Gräuel ist, Israel.

Ohne die aktive oder passive Hilfe von auf einander folgenden israelischen Regierungen wären sie nicht fähig gewesen, ihre Träume zu verwirklichen.

Das gilt für Gaza, Beirut, Kairo und sogar für Teheran.

NEHMEN WIR als 1.Beispiel die Hamas.

In allen arabischen Ländern sahen sich die Diktatoren einem Dilemma gegenüber. Sie konnten alle politischen und zivilen Aktivitäten verbieten, aber sie konnten die Moscheen nicht schließen. In den Moscheen konnten sich die Leute zum Beten versammeln, Hilfsdienste organisieren und – im Geheimen – politische Organisationen aufbauen. Vor den Twitter- und Facebook-Zeiten war dies der einzige Weg, um Massen von Menschen zu erreichen.

Einer der Diktatoren, der sich diesem Dilemma gegenübersah, war der israelische Gouverneur in den besetzten palästinensischen Gebieten. Von Anfang an verbot er jegliche politische Aktivitäten. Sogar Friedensaktivisten landeten im Gefängnis. Befürworter von gewaltfreiem Widerstand wurden deportiert. Zivile Zentren wurden geschlossen. Nur die Moscheen blieben offen. Dort konnten sich die Leute treffen.

Aber diese Toleranz war nicht nur passiv. Der Allgemeine Sicherheitsdienst (als Shin Bet oder Shabak bekannt) hatte ein aktives Interesse daran, dass das, was in den Moscheen geschah, sich gut entwickelte. Leute, die fünfmal am Tag beten – so dachten sie – haben keine Zeit, um Bomben zu bauen.

Der Hauptfeind war, wie der Shabak dachte, die fürchterliche PLO, angeführt von dem Monster Yassir Arafat. Die PLO war eine säkulare Organisation mit vielen prominenten christlichen Mitgliedern, denen es um einen „nicht konfessionellen“ palästinensischen Staat ging. Sie waren die Feinde der Islamisten, die von einem pan-islamischen Kalifat sprachen.

Wenn sich die Palästinenser dem Islam zuwenden – dachte man sich – würden die PLO und ihre Hauptfraktion, die Fatah, geschwächt werden. Also wurde alles insgeheim getan, um der islamistischen Bewegung zu helfen.

Es war eine sehr erfolgreiche Politik, und der Nachrichtendienst gratulierte sich selbst zu seiner Klugheit. Aber dann geschah ein Unglück. Im Dezember 1987 brach die 1. Intifada aus. Die Mainstream-Islamisten mussten mit den radikaleren Gruppen konkurrieren. Innerhalb von Tagen verwandelten sie sich in die islamistische Widerstandsbewegung (Acronym: Hamas) und wurden der gefährlichste Feind Israels. Doch dauerte es für den Shabak noch länger als ein Jahr, bevor er Scheich Ahmad Yassin, den Hamasanführer, verhaftete. Um diese neue Bedrohung zu bekämpfen, erreichte Israel mit der PLO in Oslo ein Abkommen.

Und jetzt, eine Ironie der Ironien, ist Hamas dabei, in die PLO einzutreten und an einer palästinensischen Einheitsregierung teilzunehmen. Sie sollten uns wirklich eine Botschaft mit Schukran („Danke“) schicken.

UNSER ANTEIL am Aufstieg der Hisbollah ist weniger direkt, aber nicht weniger effektiv.

Als Ariel Sharon 1982 den Libanon überfiel, mussten seine Soldaten die hauptsächlich schiitischen Gebiete des Südlibanon durchqueren. Die israelischen Soldaten wurden wie Befreier empfangen. Befreier von der PLO, die dieses Gebiet in einen Staat innerhalb eines Staates verwandelt hatten.

Während ich den Soldaten in meinem privaten Wagen folgte, um die Front zu erreichen, musste ich ein Dutzend schiitischer Dörfer durchqueren. In jedem wurde ich von Dorfbewohnern angehalten, die darauf bestanden, dass ich in ihrem Haus eine Tasse Kaffee trinke.

Weder Sharon noch irgendjemand anders schenkte den Schiiten viel Aufmerksamkeit. In dem Bund autonomer ethnisch-religiöser Gemeinschaften, wie der Libanon genannt wird, waren die Schiiten die unterdrückteste und machtloseste Minderheit.

Doch die Israelis verzögerten ihren Weggang. Die Schiiten brauchten nur ein paar Wochen, bis ihnen klar wurde, dass die Israelis nicht die Absicht hatten, schnell wieder zu gehen. Deshalb rebellierten sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Die wichtigste politische Gruppe, AMAL („Hoffnung“), begann mit kleinen bewaffneten Aktionen. Als die Israelis den Wink nicht verstanden, wurden die Operationen häufiger und zu einem richtig gehenden Guerillakrieg.

Um Amal zu überlisten, ermutigte Israel einen kleinen, doch radikaleren Rivalen: die Partei Gottes, die Hisbollah.

Wenn Israel damals gegangen wäre ( wie Haolam Hazeh forderte), wäre nicht viel Schaden angerichtet worden. Aber es blieb volle 18 Jahre, eine lange Zeit, um die Hisbollah in eine wirksame Kampfmaschine zu verwandeln, die überall die Bewunderung der arabischen Massen erhielt, die Führung der schiitischen Gemeinschaft übernahm und so zur mächtigsten Kraft in der libanesischen Politik wurde.

Auch sie schulden uns ein großes Schukran.

DER FALL der Muslim-Bruderschaft in Ägypten ist sogar noch komplexer.

Die Organisation wurde 1928 gegründet, 20 Jahre vor dem Staat Israel. Seine Mitglieder kämpften freiwillig 1948 gegen uns. Sie waren leidenschaftliche Pan-Islamisten, und doch ging ihnen der palästinensische Kampf nahe.

Als der israelisch-palästinensische Konflikt schlimmer wurde, wuchs die Popularität der Bruderschaft. Seit dem Krieg von 1967, in dem Ägypten den Sinai verlor, und nach dem separaten Friedens-abkommen mit Ägypten sogar noch mehr heizte die Bruderschaft den tief sitzenden Groll der ägyptischen und arabischen Massen an. Sie hatte keinen Anteil an dem Mord an Anwar al-Sadat, aber sie freute sich darüber.

Ihre Opposition gegen das Friedensabkommen mit Israel war nicht nur eine islamische, sondern auch eine authentisch ägyptische Reaktion. Die meisten Ägypter fühlten sich von Israel getäuscht und betrogen. Das Camp-David-Abkommen hat eine bedeutende palästinensische Komponente, ohne die das Abkommen für Ägypten unmöglich gewesen wäre. Sadat, ein Visionär, schaute auf das große Bild und glaubte, dass das Abkommen schnell zu einem palästinensischen Staat führen würde. Menachem Begin, ein Jurist, sah sich das Kleingedruckte an. Generationen von Juden sind mit dem Talmud aufgewachsen, der hauptsächlich eine Abfassung von rechtlichen Vorfällen ist, und ihr Geist ist durch juristische Argumente geschult worden. Nicht umsonst sind eine Reihe jüdischer Juristen in aller Welt berühmt.

Tatsächlich erwähnte das Abkommen keinen palästinensischen Staat, nur eine Autonomie, in einer Weise formuliert, die Israel erlaubte, die Besatzung fortzuführen. Das war nicht das, was man den Ägyptern gesagt hatte, zu glauben, und ihr Groll war eindeutig. Die Ägypter sind davon überzeugt, ihr Land sei der Anführer der arabischen Welt, und es habe deshalb eine besondere Verantwortung für alle arabischen Länder. Sie können es nicht ertragen, als die Verräter der armen, hilflosen palästinensischen Cousins angesehen zu werden.

Lang bevor Hosni Mubarak gestürzt wurde, war er als israelischer Lakai verachtet, der von den USA bezahlt wurde. Für die Ägypter war seine widerwärtige Rolle bei der israelischen Blockade von anderthalb Millionen Palästinensern im Gazastreifen besonders schändlich.

Seit Beginn der Bruderschaft in den 20er-Jahren wurden Mitglieder und Aktivisten gehenkt, in Gefängnisse gesteckt, gefoltert und auf andere Weisen verfolgt. Ihre Anti-Regime-Reverenzen sind untadelig. Ihre Haltung gegenüber den Palästinensern hat zu diesem Image beigetragen.

Hätte Israel mit dem palästinensischen Volk irgendwann Frieden geschlossen, hätte die Bruderschaft eine Menge ihres Ruhmes verloren. Sie tauchen jetzt bei den gegenwärtigen demokratischen Wahlen als die zentrale Kraft in Ägypten auf.

Schukran, Israel!

VERGESSEN WIR nicht die islamische Republik des Iran.

Auch sie hat uns einiges zu verdanken – sogar eine ganze Menge.

1951 bei den ersten demokratischen Wahlen in einem islamischen Land der Region wurde Muhammad Mossadek zum Ministerpräsidenten gewählt. Der Schah Muhammad Reza Pahlevi, der von den Briten während des 2. Weltkrieges eingesetzt worden war, wurde hinausgeschmissen, und Mossadek verstaatlichte die lebenswichtige Ölindustrie. Bis dahin hatten die Briten dem iranischen Volk für eine lächerliche Summe das schwarze Gold abgekauft.

Zwei Jahre später wurde bei einem Staatsstreich vom britischen MI6 und dem amerikanischen CIA der Schah zurückgebracht und das Öl den verhassten Briten und ihren Partnern zurückgegeben. Israel hatte wahrscheinlich nicht an dem Streich teilgenommen, aber unter dem wieder hergestellten Regime des Schah blühte Israel auf. Die Israelis machten ihr Glück durch den Verkauf von Waffen an die iranische Armee. Die Shin Bet-Agenten trainierten die gefürchtete Geheimpolizei des Schah, die Savak. Man ist auch weithin davon überzeugt, dass sie Foltertechniken weitergaben. Der Schah half eine Pipeline bauen und bezahlte sie, die iranisches Öl von Eilat nach Ashkalon brachte. Israels Generäle reisten durch den Iran ins irakische Kurdistan, wo sie der Rebellion gegen Bagdad halfen.

In der Zeit arbeitete Israels Führung mit dem südafrikanischen Apartheidsystem an der Entwicklung nuklearer Waffen zusammen. Die beiden boten dem Schah an, Partner bei diesen Bemühungen zu sein, damit auch der Iran eine Nuklearmacht werden könne.

Bevor diese Partnerschaft wirksam wurde, wurde der verachtete Herrscher von der islamischen Revolution im Februar 1979 gestürzt. Seit damals hat der Hass gegen den großen Satan (die US) und den kleinen Satan (wir) eine große Rolle in der Propaganda der islamischen Regime gespielt. Er hat geholfen, die Loyalität der Massen zu halten, und jetzt nützt Mahmoud Ahmadinejad ihn, um seine Herrschaft zu untermauern.

Es scheint, dass alle iranischen Parteien – einschließlich der Opposition – jetzt die iranischen Anstrengungen unterstützen, um eine eigene Atombombe zu erlangen, offensichtlich um Israel von einem Angriff abzuschrecken.

In dieser Woche verkündete der Chef des Mossad, dass eine iranische Nuklearbombe keine „existentielle Gefahr“ für Israel darstellen würde.

Wo würde die islamische Republik ohne Israel sein? Also schuldet sie uns auch ein großes Schukran.

DOCH SEIEN wir nicht zu größenwahnsinnig. Israel hat eine Menge zum islamischen Erwachen beigetragen. Aber es ist nicht dies allein – oder nicht einmal die Hauptursache.

So seltsam es auch scheinen mag, obskurer religiöser Fundamentalismus scheint den Zeitgeist auszudrücken. Eine britische Historikerin – ursprünglich eine Nonne – Karen Armstrong, hat ein interessantes Buch über die drei fundamentalistischen Bewegungen – in der muslimischen Welt, in den USA und in Israel – geschrieben. Es zeigt ein klares Muster: all diese unterschiedlichen Bewegungen – die muslimische, christliche und jüdische – haben fast identisch und gleichzeitig dieselben Stadien durchgemacht.

Gegenwärtig ist ganz Israel im Aufruhr, weil die mächtige orthodoxe Gemeinde die Frauen in vielen Teilen des Landes zwingt, in den Bussen getrennt – nämlich hinten – zu sitzen, (wie die Schwarzen in den guten alten Tagen von Alabama, USA) und dass sie getrennte Fußgängerwege, also auf der andern Seite der Straße gehen müssen. Religiösen Soldaten wird von ihren Rabbinern verboten, singenden Soldatinnen zuzuhören. In orthodoxen Stadtteilen werden Frauen gezwungen, sich in Gewänder zu hüllen, die nur das Gesicht und die Hände freilassen – selbst bei Temperaturen von 30Grad Celsius und mehr. Ein 8jähriges Mädchen aus einer religiösen Familie wurde auf der Straße angespuckt, weil es nicht züchtig genug gekleidet war. Bei Gegendemonstrationen schwenkten säkulare Frauen Poster mit den Worten: „Teheran ist hier!“

Vielleicht wird eines Tages ein fundamentalistisches Israel unter der Schirmherrschaft eines fundamentalistischen amerikanischen Präsidenten mit einer fundamentalistisch muslimischen Welt Frieden machen.

Es sei denn, wir tun noch rechtzeitig etwas, um diesen Prozess anzuhalten.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Der Herzog von Nablus

Erstellt von Gast-Autor am 15. Januar 2012

Der Herzog von Nablus

Autor Uri Avnery

DER NAME von Munib al-Masri ist vor kurzem als möglicher Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten einer palästinensischen nationalen Einheitsregierung aufgetaucht. Da er weder ein Mitglied von Fatah noch von Hamas ist, ist er für beide annehmbar.

Al-Masri selbst verneint solche Ambitionen. Er sagt, er sei zu alt (77) und dass eine jüngere Generation Palästinenser nun an der Reihe sei.

Er sagte auch, er sei ganz zufrieden mit seiner augenblicklichen Situation.

Kein Wunder!

DIE WESTBANK-Stadt Nablus liegt eingebettet im Tal zwischen zwei hohen Bergen, dem Ebal und dem Garizim. Der Garizim ist der berühmtere, weil er für das samaritanische Volk heilig ist, da es glaubt, Gott habe den Israeliten befohlen, seinen Tempel dort zu bauen. Für sie ist Jerusalem nur eine Anmaßung.

Der Berg Garizim, 881 m über dem Meeresspiegel, überragt das Zentrum von Nablus um 330 Meter. Er wird viele Male in der Bibel erwähnt. Dort hielt Jotham, der Sohn des Richters Gideon, seine berühmte Rede, in der er Politiker mit dem Dornstrauch vergleicht, der zu nichts nütze sei, der keine Früchte trage, nicht dufte, keinen Schatten spende, der darin übereinstimmt, der König der Bäume zu sein, nachdem sich alle anderen Bäume weigerten. Vielleicht stimmt Munib al-Masri mit der Moral dieser Fabel überein, die in vielen Ländern heute seltsam relevant erscheint.

Wenn man auf der Hauptstraße von Nablus entlang geht und seine Augen gen Himmel wendet, sieht man auf der Spitze des Berges ein imponierendes Gebäude mit einer Kuppel. Dies ist das Haus von Al-Masri.

Nun „Haus“ mag leicht untertrieben sein. Tatsächlich ist es die imponierendste Privatresidenz in Palästina und Israel, wenn nicht gar – wie behauptet wurde – von Marokko bis an die Grenze Indiens.

Die Al-Masri-Villa ist ein genauer Nachbau der Villa Capra, auch als Rotunda bekannt, ein einzigartiges architektonisches Meisterwerk, etwa 60km von Venedig entfernt. Wenn man vor dem Gebäude steht, glaubt man, seinen Augen nicht zu trauen. Tatsächlich weiß man gar nicht, wo die Vorderseite ist – weil es vier Vorderseiten hat, mit genau denselben Eingängen, Säulen und Stufen. Wenn man durch einen der Eingänge eintritt, kommt man in einen großen runden Empfangsraum, von dem alle Räume ausgehen. In der Mitte steht eine alte griechische Statue von Herkules. Über dieser dreistöckigen Halle wölbt sich die Kuppel.

Der marmorne Fußboden und das ganze Baumaterial kam aus dem Ausland. Ein italienischer Experte machte den Witz, der palästinensische Palast sehe viel besser aus als das Original, und der italienische Palazzo sei wie eine gelungene Kopie.

Das wäre schon mehr als genug – aber ist es nicht.

Alle Räume des Palastes sind voller Kunstwerke, die al-Masri während 40 Jahren gesammelt hat. Sie könnten ein eindrucksvolles Museum füllen. Gemälde von Renaissancemalern bis zur Moderne, Kaminfeuerstellen aus Versailles, klassische Tische und Stühle aus Spanien, Wandteppiche aus Flandern, Kerzenhalter aus Italien und noch vieles, vieles mehr. So ist es Raum um Raum.

Das sollte nun mehr als genug sein. Ist es aber nicht.

Als die Grabungen für die Grundmauern begannen, wurden drei kleine alte Töpferscherben entdeckt. Man hörte mit der Arbeit auf, und die archäologische Grabung begann. Das Ergebnis war atemberaubend: ein komplettes byzantinisches Kloster aus dem 4. Jahrhundert wurde entdeckt. Es steht dort mit all seinen Räumen, Kapellen und Ställen, umgeben von kräftigen Säulen, auf denen der ganze moderne Bau ruht. Ein Gebäude auf dem anderen.

Genug? Nicht ganz. Der Palast ist umgeben von einem riesigen Gut, Gewächshäusern, Olivenhainen, einem Teich und was noch …Aber nun genug davon.

ICH TRAF al-Masri, einen schlanken großen Gentleman vor etwa zwanzig Jahren bei einem meiner Besuche bei Yasser Arafat in Tunis. Al-Masri gehörte zum inneren Kreis des PLO-Führers und kehrte mit ihm nach Palästina zurück.

Zuvor hatte er als jordanischer Kabinettminister gewirkt und war angeklagt worden, Arafat und anderen Fatahführern während des blutigen „Schwarzen September“ 1970 zur Flucht aus Jordanien geholfen zu haben.

Zwischen all den Kunstwerken sind die Wände voll mit Hunderten von Fotos des Besitzers mit seiner amerikanischen Frau, seinen Söhnen und Töchtern und in Gesellschaft mit weltbekannten Persönlichkeiten. Unter ihnen fällt Arafat besonders auf. Al-Masri bewundert ihn.

Seit jenem flüchtigen Treffen in Tunis achtete ich auf seine seltenen Äußerungen. Jedes Wort, das er über den israelisch-palästinensischen Konflikt sagte, hätte auch von mir sein können und umgekehrt. Unsere Ideen über die Lösung sind sehr ähnlich.

Bemerkenswert ist, dass er – trotz einer Tragödie in der Familie – ein Mann des Friedens blieb. Am Nakba-Tag vor einigen Monaten schloss sich sein Enkel, der an der amerikanischen Universität in Beirut studierte, den Demonstranten an, die zum nördlichen Grenzzaun Israels kamen. Israelische Soldaten eröffneten das Feuer, und der Enkel wurde von einer Kugel – einem verbotenen Dum-dum-Geschoss – getroffen. Es verletzte die Wirbelsäule, die Leber und die Nieren. Der junge Mann wird nun in den US medizinisch behandelt.

Seit sein Palazzo fertig ist, beschäftigt sich al-Masri mit seinen weitläufigen Geschäften und vielen philantropischen Tätigkeiten. Er investiert besonders in die Universitäten von Nablus, Ost-Jerusalem und Beirut. Trotzdem bleibt er eine leidenschaftlich politische Person.

Er nannte den Palast „Palästina-Haus“ und behauptet, es sei der Hauptzweck des Hausbaus an dieser Stelle, das Gebiet für das palästinensische Volk zu bewahren. Indem er auf der Spitze des Berges baute, hat er die Errichtung einer israelischen Siedlung dort verhindert. Nablus ist sowieso schon von einer Reihe jüdischer Siedlungen umgeben – und einige neigen zu den extremsten neo-faschistischen Tendenzen. In einem von ihnen wohnt der Rabbiner, dessen Buch unter gewissen Umständen das Töten von nicht-jüdischen Kindern befürwortet. Von diesen Siedlungen kommen die jüdischen Anstifter von Pogromen, die regelmäßig die umgebenden Moscheen anzünden. Hier kann man wirklich von einer Villa im Dschungel reden.

DIE AL-MASRI-Familie ist eine der angesehensten Familien im Land. Auch wenn der Name „der Ägypter“ bedeutet, kommt sie ursprünglich aus dem Hedjas, der heute in Saudi-Arabien liegt. Jahrhunderte lang lebte die Familie in Hebron und Jerusalem und die letzten zwei Jahrhunderte in Nablus (Nablus ist die arabische Form für Neapolis, die Stadt, die von Kaiser Vespasian vor etwa 1940 Jahren gegründet wurde, nachdem er die jüdische Stadt Sichem oder Shechem zerstört hatte ).

Wenn dies England wäre, dann wäre Munib al-Masri ein Lord, wenn nicht gar der Herzog von Nablus.

Meinen ersten Kontakt mit der Familie hatte ich wenige Tage nach dem 1967er-Krieg. In jener Zeit glaubten nur wenige Leute, dass Israel die neu besetzten Gebiete länger als ein paar Wochen halten könne. Die Haupttendenz war, die Westbank an den jordanischen König zurückzugeben. In der Knesset versuchte ich, die Regierung zu überzeugen, die Palästinenser stattdessen in die Lage zu versetzen, einen eigenen Staat aufzubauen.

Zu diesem Zweck machte ich die Runde bei den lokalen palästinensischen Führern, meistens den Oberhäuptern von Großfamilien. Einer von ihnen war Hikmet al-Masri, Munibs Onkel. Ich stellte ihnen allen vertraulich dieselbe Frage: wenn Sie die Wahl hätten, nach Jordanien zurückzukehren oder einen eigenen palästinensischen Staat zu gründen, was würden Sie vorziehen? Ihre einstimmige Antwort lautete: natürlich Palästina.

Während einer Knesset-Debatte machte ich diese Tatsache bekannt, die vom Verteidigungsminister, Moshe Dayan zornig geleugnet wurde. In einer der folgenden Debatten, dieses Mal mit dem Ministerpräsidenten Levy Eshkol, sagte ich, Dayan lüge bewusst.

Eshkol verteidigte seinen Minister heftig. Aber da er nun mal so eine Person war wie er war, sandte er mir am nächsten Tag einen seiner Chefberater und ließ mich fragen, welchen Beweis ich hätte. Das vom Berater gemachte Protokoll dieses Gespräches belegt: „Es gibt keinen Unterschied zwischen der Information des Abgeordneten Avnery und meiner eigenen. Er stimmt mit mir aber auch darin überein, dass ein palästinensischer Staat ohne Ost-Jerusalem nicht möglich ist. Da die Regierung Israels entschieden hat, Ost-Jerusalem zu annektieren, ist der Vorschlag des Abgeordneten Avnery unmöglich zu realisieren.“

Als ich dies Munib al-Masri letzte Woche erzählte, schüttelte er traurig den Kopf.

WIE IST es möglich, fragte er mich später, dass die Israelis nichts über die Palästinenser wissen, während die Palästinenser so viel über die Israelis wissen?

Dies kann nicht geleugnet werden. Die israelischen Schulkinder lernen praktisch nichts über den Islam, nichts über den Koran, nichts über die ruhmreiche arabische Geschichte.

Vor vielen Jahren brachte ich bei einer Knesset-Debatte über Bildung die Idee vor, dass jeder Schüler in Israel nicht nur die Geschichte seines Volkes – die jüdische bzw. die arabische – lernen sollte, sondern auch die Geschichte des Landes von der Antike bis heute, über die Kanaaniter, Phönizier, Israeliten, Samaritaner, Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Philister, Kreuzfahrer, Mamelucken, Türken, Palästinenser, Briten, Israelis als eine Möglichkeit, um zu sehen, was uns eint. Dies amüsierte den Bildungsminister so sehr, dass er mich seitdem „Mameluck“ nannte.

Wenn ein junger Israeli mit 18 Jahren zur Armee kommt, „weiß“ er nur, dass der Islam eine barbarische, anti-semitische Religion ist, und dass die Araber ihn ohne einen Grund töten wollen.

Vielleicht ist das natürlich. Ein unterdrücktes Volk will über seinen Unterdrücker mehr wissen, aber der Besatzer hat nicht den Wunsch, über die Besetzten mehr zu wissen als den Bereich des militärischen Geheimdienstes. Um so mehr als ein Besatzer dazu tendiert, die besetzte Bevölkerung als minderwertige Rasse anzusehen, um die Besatzung gegenüber der Welt und sich selbst zu rechtfertigen.

Jeder Konflikt schafft Mistrauen, Vorurteile, Hass und Dämonisierung. Wenn dieser über Generationen hinweg geht wie dieser hier, muss all dies multipliziert werden. Um Frieden zu machen, muss dies überwunden werden. Deshalb sind Menschen wie Munib al-Masri so wichtig. Ich wünschte, dass jeder Israeli in der Lage wäre, Palästinenser wie ihn zu treffen.

Ich wünsche mir auch, dass er der palästinensische Ministerpräsident wird, der einem Kabinett der Volksversöhnung zwischen den palästinensischen Fraktionen vorsitzt, die am Ende zu einer Versöhnung zwischen unsern beiden Völkern führen wird.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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„Mit Freunden wie diesen“

Erstellt von Gast-Autor am 1. Januar 2012

„Mit Freunden wie diesen“

Autor Uri Avnery

MEIN GOTT, was für seltsame Typen sind doch diese republikanischen Anwärter für die US-Präsidentschaft!

Was für ein jämmerlicher Haufen von Dummköpfen und ausgesprochen Verrückten! Oder bestenfalls was für ein Haufen von Betrügern und Zynikern!

Ist dies das Beste, was eine große und stolze Nation hervorbringen kann? Wie erschreckend der Gedanke, dass einer von ihnen tatsächlich die mächtigste Person der Welt werden könnte – mit dem Finger am Abzug einer Atombombe!

DOCH LASSEN Sie mich auf den gegenwärtigen Läufer an der Spitze konzentrieren. (Die Republikaner scheinen die Läufer an der Spitze wie die Socken zu wechseln)

Es ist Newt Gingrich. Erinnert man sich an ihn? Der Präsiden des Abgeordnetenhauses, der eine außereheliche Affäre mit einer Praktikantin hatte, während er zur selben Zeit die Campagne anführte, die versuchte, gegen Präsident Bill Clinton ein Amtsenthebungsverfahren einzuleiten, weil er eine Affäre mit einer Praktikantin hatte.

Aber darum geht es mir heute nicht. Worum es jetzt geht, ist, dass dieser intellektuelle Gigant – nach Isaak Newton, dem vielleicht größten Wissenschaftler, benannt – eine große historische Wahrheit entdeckt hat.

Der ursprüngliche Newton entdeckte das Gesetz der Schwerkraft. Newt hat etwas nicht weniger Welterschütterndes entdeckt: Dass die Palästinenser ein „erfundenes“ Volk sind.

Dem möchte ein bescheidener Israeli wie ich im besten hebräischen Slang antworten: „Guten Morgen, Eliyahu!“ So ehren wir (nämlich) die Leute, die eine große Entdeckung gemacht haben, die leider schon vor langem von anderen gemacht wurde.

VON IHREM aller ersten Anfang an stritt die zionistische Bewegung die Existenz des palästinensischen Volkes ab. Es ist wie ein Glaubensartikel.

Der Grund ist eindeutig: wenn da ein palästinensisches Volk bestünde, dann wäre das Land, das die Zionisten zu übernehmen im Begriff sind, nicht leer. Der Zionismus würde dann eine Ungerechtigkeit historischen Ausmaßes begehen. Da sie sehr idealistische Personen waren, fanden die ursprünglichen Zionisten einen Weg aus diesem Dilemma: sie leugneten einfach ihre Existenz. Der entscheidende Slogan hieß: „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land.“

Wer waren denn diese seltsamen Menschen, denen sie begegneten, als sie in das Land kamen? Oh, das waren eben Leute, die zufällig gerade dort waren, aber kein Volk. Sozusagen Vorübergehende. Später erzählte man sich die Geschichte: Nachdem wir die Wüste zum Blühen gebracht und ein wüstes und vernachlässigtes Land in ein Paradies verwandelt hatten, kamen Araber aus der ganzen Region in Scharen ins Land. Und jetzt haben sie die Unverschämtheit – ja, die Chuzpeh – zu behaupten, dass sie ein palästinensisches Volk seien!

Viele Jahre nach der Gründung Israels war dies noch die offizielle Linie, der zufolge Golda Meir in erstklassiger Manier ausrief: „So etwas wie ein palästinensisches Volk gibt es nicht!“

( In der Knesset erwiderte ich darauf: „Frau Ministerpräsidentin, vielleicht haben Sie recht. Vielleicht gibt es wirklich kein palästinensisches Volk. Aber wenn Millionen Menschen fälschlicher Weise glauben, dass sie ein Volk sind und sich wie ein Volk verhalten, dann sind sie ein Volk.“)

Eine riesige Propagandamaschine wurde – in Israel und im Ausland – in Gang gesetzt, um zu beweisen, dass es kein palästinensisches Volk gebe. Eine Dame mit Namen Joan Peters schrieb ein Buch („From Time Immemorial“ („Aus undenklicher Zeit“), das bewies, dass das Gesindel, das sich selbst „Palästinenser“ nennt, nichts mit Palästina zu tun hat. Sie sind nichts als Eindringlinge und Gesindel. Das Buch war unglaublich erfolgreich – bis es einige Experten beiseite nahmen und bewiesen, dass das ganze Gebäude überzeugender Beweise vollkommener Unsinn war.

Ich selbst habe viele hundert Stunden meines Lebens versucht, israelische und ausländische Zuhörer davon zu überzeugen, dass es ein palästinensisches Volk gibt, mit dem wir Frieden machen müssen. Bis eines Tages der Staat Israel die PLO als einzige Vertreterin des „palästinensischen Volkes“ anerkannte, und das Argument wurde beiseite gelegt.

Bis Newt daherkam und wie ein verspäteter Jesus die Toten auferweckte.

OFFENSICHTLICH ist er viel zu beschäftigt, um Bücher zu lesen. Er war zwar einmal ein Lehrer für Geschichte. Aber seit vielen Jahren ist er sehr beschäftigt, der Sprecher des US-Kongresses zu sein, und macht sein Glück als Berater großer Gesellschaften, und nun versucht er, Präsident zu werden.

Andernfalls würde er wahrscheinlich auf ein brillantes historisches Buch von Benedict Anderson gekommen sein: „Imagined Communities“ das behauptet, dass alle modernen Nationen erfunden worden sind.

Der Nationalismus ist ein relativ neues Phänomen. Wenn eine Gemeinschaft sich entscheidet, eine Nation zu werden, muss sie sich neu erfinden. Das bedeutet auch, eine nationale Vergangenheit zu erfinden, indem historische Fakten (und Nicht-Fakten) neu gemischt werden müssen, um ein zusammenhängendes historisches Bild einer Nation zu schaffen, die es seit der Antike gibt. Armin, der Cherusker, Mitglied eines germanischen Stammes, der seine römischen Dienstherren betrog, wurde ein „Nationalheld“. Religiöse Flüchtlinge, die in Amerika landeten und die einheimische Bevölkerung zerstörten, wurden eine Nation. Mitglieder einer ethnisch-religiösen Diaspora verwandelten sich in eine „jüdische Nation.“ Viele andere taten mehr oder weniger dasselbe.

Newt würde tatsächlich auch vom Lesen des Buches vom Tel Aviver Universitätsprofessor Shlomo Sand, einem koscheren Juden, profitieren. Der Titel seines Buches spricht für sich selbst: „Wann und wie wurde das jüdische Volk erfunden?“

Wer sind also die Palästinenser? Vor über hundert Jahren schrieben zwei junge Studenten in Istanbul, David Ben Gurion und Yitzhak Ben Zvi (Zukünftiger Ministerpräsident und Präsident von Israel ) , eine Abhandlung über die Palästinenser. Die Bevölkerung dieses Landes hat sich nie verändert, sagten sie. Eine kleine Elite wurde manchmal deportiert. Die Städte und Dörfer sind geblieben, wie ihre Namen belegen. Die Kanaaniter wurden Israeliten , dann Juden und Samaritaner, dann christliche Byzantiner. Mit der arabischen Eroberung nahmen sie langsam die Religion des Islam und die arabische Sprache an. Dies sind die Palästinenser von heute. Ich neige dazu, ihnen zuzustimmen.

INDEM ER die glatte zionistische Propaganda nachplappert – die jetzt von den meisten Zionisten verworfen wird – behauptet Gingrich, dass es kein palästinensisches Volk geben kann, weil es nie einen palästinensischen Staat gab. Die Menschen dieses Landes sind nur „Araber“ unter ottomanischer Herrschaft gewesen.

Na, und? Ich hörte einmal von französischen Kolonialherren, es gebe kein algerisches Volk, weil es nie einen algerischen Staat gegeben habe, es habe nie ein vereintes Land, das Algerien hieß, gegeben. Gibt es irgendeinen, der jetzt an dieser Theorie interessiert ist?

Der Name „Palästina“ wurde von einem griechischen Historiker vor 2500 Jahren erwähnt. Ein „Fürst von Palästina“ wird im Talmud erwähnt. Als die Araber das Land eroberten, nannten sie es „Filastin“ wie heute noch. Die arabische Nationalbewegung ging über die ganze arabische Welt, einschließlich Palästina – zur selben Zeit wie die zionistische Bewegung – und kämpfte um Unabhängigkeit vom ottomanischen Sultan.

Jahrhunderte lang wurde Palästina als ein Teil von Groß-Syrien angesehen. Die Region war im Arabischen als „Sham“ bekannt . Es gab keine formelle Unterscheidung zwischen Syrern, Libanesen, Palästinensern und Jordaniern. Aber als nach dem Zusammenbruch des Ottomanischen Empire die europäischen Mächte die arabische Welt unter sich aufteilten, wurde ein Staat mit Namen Palästina unter britischem Mandat eine Tatsache und die arabischen Palästinenser sich eine separate Nation mit einer eigenen Nationalflagge aufbauten. Die meisten Menschen in Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika taten dasselbe – ohne Herrn Gingrich um eine Bestätigung zu bitten.

Es wäre sicher paradox , wenn Mitglieder der „erfundenen“ palästinensischen Nation von Mitgliedern der „erfundenen“ jüdisch/israelischen Nation, geschweige denn von einem Mitglied der „erfundenen“ amerikanischen Nation anerkannt oder bestätigt werden müsste, nebenbei von einer Person, deren Vorfahren deutschen, englischen, schottischen und irischen Ursprungs waren.

Vor Jahren gab es eine kurzlebige Kontroverse über palästinensische Schulbücher. Es wurde behauptet, sie seien antisemitisch und hetzen zum Mord auf. Dies wurde beiseite gelegt, als klar wurde, dass alle palästinensischen Schulbücher von israelischen Besatzungsbehörden bereinigt worden waren und die meisten von der früheren jordanischen Regierung übernommen wurden. Aber Gingrich schreckt nicht davor zurück, auch diese Leiche wieder auferstehen zu lassen.

Alle Palästinenser – Männer, Frauen und Kinder – seien Terroristen, behauptet er, und die palästinensischen Schüler lernten in der Schule, wie man uns arme und hilflose Israelis umbringe. Was würden wir ohne solch einen beherzten Verteidiger wie Newt tun? Leider wurde in dieser Woche ein Foto von ihm veröffentlicht, auf dem er Yassir Arafat die Hand schüttelt.

Und, bitte, zeigt ihm nicht die Schulbücher, die in einigen unserer Schulen benützt werden, besonders in den religiösen!

IST ES nicht Zeitverschwendung, über diesen Unsinn zu schreiben?

Es mag so scheinen. Man kann aber die Tatsache nicht ignorieren, dass der Verbreiter dieser Dummheiten, morgen der Präsident der USA sein könnte. Bei dieser wirtschaftlichen Situation wäre es nicht unwahrscheinlich.

Was den Augenblick betrifft, fügt Gingrich den nationalen Interessen der USA großen Schaden zu. An diesem historischen Zeitpunkt wundern sich die Massen an allen Tahrir-Plätzen der arabischen Welt über die Haltung Amerikas. Newts Antwort trägt zu einem neuen tiefer gehenden Anti-Amerikanismus bei.

Leider ist er nicht der einzige extreme Rechte, der versucht, Israel zu umarmen. Israel ist in letzter Zeit das Mekka für alle Rassisten der Welt geworden. In dieser Woche wurden wir durch den Besuch von dem Ehemann von Marine Le Penn beehrt, dem Führer der französischen Nationalfront. Eine Pilgerreise zum jüdischen Staat ist jetzt ein Muss für jeden aufstrebenden Faschisten.

Einer unsrer alten Weisen prägte den Satz: „ Ein Star geht nicht wegen nichts zu einem Raben – sie sind nicht meiner Art“.

Danke – tut mir leid – sie sind nicht mein Typ.

Und um ein anderes Sprichwort zu zitieren: Mit Freunden wie diesen – brauchen wir dann noch Feinde?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die Panikmacher

Erstellt von Gast-Autor am 25. Dezember 2011

Die Panikmacher

Autor Uri Avnery

AM JAHRESTAG von Ben Gurions Todestag wurde ein Gedenkfeier an seinem Grab in Sde Boker abgehalten, in dem Dorf in der Negevwüste, wo er in seinem Ruhestand lebte. Es gibt dort keinen Friedhof – nur sein Grab und das seiner Frau Paula.

Die Zeitungen veröffentlichten ein Bild von Binjamin Netanjahu, wie er unter einem großen Foto des verstorbenen Führers eine Rede hält und der gedankenvoll in die Ferne schaut.

Ein kleines Detail auf diesem Bild zog meine Aufmerksamkeit auf sich: Netanjahu trug eine Kippa.

Warum? Ben Gurion war ein überzeugter Atheist. Er weigerte sich, eine Kippa zu tragen, nicht einmal bei Beerdigungen. ( Obwohl ich selbst ein überzeugter Atheist bin, trage ich zuweilen bei Beerdigungen aus Rücksicht auf die Gefühle anderer eine Kippa.)

Dieser Ort war aber weder eine Synagoge noch ein Friedhof. Weshalb – um Himmels willen – trägt dieser Mann eine schwarze Kippe auf seinem Kopf?

Für mich ist dies ein Zeichen dafür, was ich die Re-Judaisierung Israels nenne.

ZIONIMUS war u.a. eine Revolte gegen die orthodoxe jüdische Religion, die mit der Diaspora verbunden war und die Zionisten verächtlich „Galut“ (Exil) nannten. All die Gründerväter des Zionismus – Theodor Herzl, Max Nordau, Chaim Weizmann, Ze’ev Jabotinky und der Rest – waren überzeugte Atheisten.

Weshalb gab Ben Gurion den Religiösen aber doch zwei autonome Bildungssysteme, die vom Staat finanziert werden?

Warum stellte er Schüler aus religiösen Seminaren („Yeshivot“) vom Militärdienst frei?

Leute in meinem Alter können sich an die Situation damals erinnern. Ben Gurion, wie alle von uns, glaubte, dass die jüdische Religion dabei sei, auszusterben. Einige alte Leute, die Jiddisch sprachen, beteten noch in den Synagogen, aber mit der Zeit würden sie verschwinden. Wir die jungen, neuen Israelis waren säkular, modern, frei von diesem alten Aberglauben.

Nicht in seinen dunkelsten Alpträumen ( oder Tagträumen) hätte sich Ben-Gurion eine Zeit vorstellen können, in der religiöse Schüler, von denen einige in ihren Schulen nicht die grundlegendsten, modernen Fähigkeiten erlernen, etwa die Hälfte der israelisch-jüdischen Schüler darstellen. Oder dass die Anzahl religiöser Drückeberger der Armee mehrere Divisionen vorenthält.

Nach und nach übernimmt die religiöse Gemeinde den Staat. Die religiösen Siedler, die religiösen, anti-arabischen Pogromisten, ihre Verbündeten und ultra-rechten Kollaborateure gewinnen täglich mehr Positionen. Die Armee hat gerade jetzt veröffentlicht, dass 40% in den Kursen für Offiziers-Kandidaten eine Kippa tragen. Als 1948 unsere Armee entstand, sah ich keinen einzigen Kippa tragenden Soldaten, geschweige denn einen solchen Offizier.

Aber die Gefahr der Re-Judaisierung geht weit über die politische Sphäre hinaus.

LASSEN SIE mich eine Metapher aus der Natur übernehmen.

Das Wichtigste in der Natur ist das Überleben. Es gib da viele verschiedene Strategien des Überlebens, und die Natur duldet sie alle – so weit sie erfolgreich sind.

Die Gazelle überlebt durch Wegspringen. Wenn sie in Gefahr ist, flieht sie. Sie ist sehr erfolgreich. Tatsache: Die Gazellen haben überlebt.

Der Löwe hat durch Kämpfen überlebt. Wenn er in Gefahr ist, greift er an. Dies hängt von seinen Zähnen und Krallen ab. Tatsache: die Löwen haben überlebt.

Juden haben durch Fliehen überlebt. Sie waren darin sehr erfolgreich. Nach Tausenden von Jahren grausamster Verfolgungen, Pogrome und des Holocaust sind sie noch da. Ihre Zerstreuung in der Welt förderte diese Überlebenstaktik. Bei der kleinsten Gefahr flohen sie von einem Land ins andere.

Juden haben keine Taj Mahals oder majestätische Kathedralen gebaut. Ihre Schätze sind heilige Texte, Literatur und Musik – Dinge, die man im Kopf behalten und mitnehmen kann, wenn man auf der Flucht ist.

Wie einige Tiere in der Natur spüren Juden die geringste Gefahr von weitem. Es ist wie ein rotes Licht, das in ihrem Kopf aufleuchtet. Es geht an, wenn noch niemand anderes die Bedrohung spürt. (Tatsächlich würde ich heute nicht mehr leben, wenn mein Vater nicht vom ersten Tag des Naziregimes die Gefahr gespürt hätte und sich mit seiner Familie auf die Flucht begeben hätte, während er von fast allen um uns herum gescholten wurde.)

Der Zionismus wollte die Gazelle in einen Löwen verwandeln. Er sagte: nicht mehr fortlaufen. Wenn wir in Gefahr sind, werden wir kämpfen.

Es ist nicht mehr der feige Jude der antisemitischen Karikatur. Ab jetzt ist es der heldenhafte Israeli, aufrecht und stolz.

Und es scheint menschlich zu sein: wir überkompensieren die Vergangenheit. Wir sind aggressiv, militaristisch, ja, sogar brutal geworden. Die Unterdrückten wurden die Unterdrücker. Juden pflegten zu sagen: „Wenn es nicht mit Gewalt geht, dann versuch es mit dem Gehirn.“ Israelis sagen: „Wenn es nicht mit Gewalt geht, versuche es mit mehr Gewalt.“ (Ich muss gestehen, dass ich diesen Satz vor vielen Jahren als Scherz geprägt habe. Leider ist es kein Scherz mehr.)

DOCH IN letzter Zeit scheint es mir, als ob der alte Jude nicht verschwunden sei. Er hat sich nur innerhalb des Israeli versteckt. Er ist mit seinem kleinen roten Licht noch immer da.

Wie fand ich das heraus? Indem ich nur Binjamin Netanjahu mit oder ohne Kippa zuhöre.

Netanjahu hat einen besonderen Regierungsstil erfunden (oder angenommen): Er spielt mit der Angst der Leute.

Seitdem er an die Macht zurückkam, behandelt er uns mit einer endlosen Reihe von Ängsten. Panikmache ist die Regel des Tages – eines jeden Tages.

Zu Beginn war es Barack Hussein Obama, der uns zu bestrafen drohte, wenn wir nicht unser heiliges Recht aufgäben, Siedlungen überall im Land zu bauen, das uns Gott persönlich verheißen hat. Leider kapitulierte Obama sehr schnell, also wurde eine neue Bedrohung benötigt.

Kein Problem. Mahmoud Abbas, gestern noch ein „gerupftes Hühnchen“, verwandelte sich in einen brüllenden Tiger und bat die UN, den Staat Palästina als Mitglied aufzunehmen. Wie jeder weiß, ist das eine tödliche Bedrohung für Israel. Sie wurde nur durch Obamas (ja, desselben Hussein Obamas) Versprechen, sein Veto zu Gunsten Israels einzusetzen, abgewandt. Aber die Palästinenser sind trotzdem von der UNESCO akzeptiert worden – also ist die schreckliche Gefahr noch nicht gebannt.

Dann kam der Arabische Frühling. Netanjahu war es vom ersten Moment an klar – sogar noch bevor der große und ruhmreiche Freund Mubarak in den Glaskäfig gesteckt wurde – dass dies eine tödliche Gefahr darstellt. Nun ist es unheimlicher Weise bestätigt worden: der Islam, der gefährliche Islam wird Ägypten übernehmen.

Wie uns Netanjahu bei jeder Gelegenheit erzählt, ist der Islam eine mörderische, antijüdische Religion. Es gibt keine moderaten Islamisten – sie sind alle darauf aus, uns ins Meer zu werfen. Sogar unsere frühere Verbündete, die Türkei.

Und sie gewinnen nicht nur in Ägypten. Diese schrecklichen Islamisten haben schon in Marokko und Tunis gewonnen und sind dabei, auch in Libyen, Jordanien, Jemen, Syrien zu gewinnen. Unsere „Villa“ ist nicht mehr nur von einem Dschungel umgeben, sondern von einem Dschungel voll gefährlicher islamistischer Raubtiere. Wie entsetzlich!.

Dann wurde gerade zur rechten Zeit eine andere schreckliche Gefahr aufgedeckt: die Menschenrechtsorganisationen bedrohen die bloße Existenz Israels. Sie sind Teil einer weltweiten antisemitischen Verschwörung. Fakt: sie werden von ausländischen Regierungen finanziert. Ein neues Gesetz musste in Eile gegen sie verabschiedet werden. Zum Glück wurden vor kurzem solche Gesetze in einigen früheren sowjetischen Ländern verabschiedet. So erhielt unser moldawischer Außenminister ( oder eher unser Außenminister aus Moldawien) Avigdor Lieberman den Text von seinem großen Freund Alexander Lukaschenko, dem vorbildlichen Demokraten aus Weißrussland, und dem andern bekannten Demokraten Vladimir Putin.

All diese großen Gefahren reichten aus, um das plötzliche Auftauchen des sozialen Protestes auszulöschen, aber sie sind nichts, verglichen mit der schrecklichen, überwältigenden Gefahr: die iranische Bombe.

Die iranische Atombombe bedeutet einen zweiten Holocaust, nichts weniger. Nur die starke Führung von Binjamin Netanjahu kann uns gerade noch rechtzeitig davor retten.

Gegenüber solch einer schrecklichen Gefahr stellt keiner die relevante Frage: warum sollte ein iranischer Führer ein Land angreifen, das selbst eine Menge Atombomben besitzt und die Fähigkeit hat, bei einem „zweiten Schlag“ den ganzen Iran zu zerstören. Die deutsche Regierung liefert uns gerade ein sechstes U-Boot genau für diesen Zweck.

Die iranischen Führer mögen ja religiöse Fanatiker sein. Aber auch wir haben ein Menge von diesen, und sie sind ein Teil unserer Regierungskoalition. Gerade jetzt ist das Land in einem Aufruhr, weil die Rabbiner verlangen, dass religiöse Soldaten jede militärische Feier verlassen sollen, wenn es weiblichen Soldaten erlaubt wird, dort zu singen. „Die Stimme einer Frau ist ihr sexueller Teil“, behauptet ein heiliger Text. Und ein prominenter Rabbiner hat gerade verkündet, dass ein religiöser Soldat eher einem Exekutionskommando gegenüberstehen sollte, als einer singenden Frau zuhören. ( Ich habe das nicht erfunden.)

Aber der Iran beherrscht unsern öffentlichen Diskurs. All die roten Lichter blinken wie verrückt. Der Jude in uns ist tödlich erschrocken. Die Gazelle sagt: Lauf weg!. Der Löwe sagt: greife an!

DIE BIBEL sagt uns im hebräischen Original: „Wohl dem, der sich immer fürchtet!“ (Spr.28,14) Aber ständige Angst ist ein schlechter Ratgeber, um deine Angelegenheiten zu richten, um so mehr, wenn es sich um die Politik eines Staates handelt. Aber es mag gute Politik sein, wenn man sein eigenes Volk in Schach hält, während man die Demokratie, die Gleichheit und die Menschenrechte unterminiert.

Also lasst uns den Ghettojuden in uns befreien und wegschicken. Und wenn wir schon dabei sind, lasst uns die Panikmacher auch hinauswerfen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Ein Tag im November

Erstellt von Gast-Autor am 11. Dezember 2011

Ein Tag im November

Autor Uri Avnery

DIESER DIENSTAG wird der 64. Jahrestag eines schicksalhaften Tages für unser Leben sein. Ein Tag im November. Ein Tag zum Erinnern.

Am 29. November 1947 nahm die Vollversammlung der Vereinten Nation mit 33 gegen 13 Stimmen (und 10 Enthaltungen) den Palästina-Teilungsplan an. (UN-Resolution 181)

Dieses Ereignis ist ein Subjekt endloser Debatten, von Missverständnissen und von direkten Fälschungen geworden. Es lohnt sich, die Mythen abzustreifen und zu sehen, wie es wirklich war.

GEGEN ENDE 1947 lebten im Land – offiziell Palästina genannt – etwa 1,2 Millionen Araber und 635 000 Juden. Die Kluft zwischen beiden Bevölkerungsgruppen wurde zu einem Abgrund. Obwohl geographisch vermischt, lebten sie auf zwei verschiedenen Planeten. Abgesehen von wenigen Ausnahmen, sahen sie sich gegenseitig als Todfeinde an.

Dies war die Wirklichkeit, die die UN-Kommission, die den Auftrag hatte, eine Lösung zu finden, vor Ort vorfand, als sie das Land besuchte.

Einer der großen Augenblicke meines Lebens ist verbunden mit diesem UNSCOP („UN-Sonderkomitee Palästina“) Auf der Karmelbergkette nahe dem Kibbuz Daliah besuchte ich das jährliche Volkstanzfestival. Volkstänze spielten in der neuen hebräischen Kultur, die wir bewusst schufen, eine große Rolle. Die meisten dieser Tänze waren irgendwie gekünstelt, oder gar künstlich wie viele unserer Bemühungen; aber sie reflektierten den Willen, etwas Neues, Frisches zu schaffen, das im Lande wurzelte und völlig anders als die jüdische Kultur unserer Eltern war. Einige von uns sprachen über eine neue „hebräische Nation“.

In einem riesigen natürlichen Amphitheater unter dem Baldachin blinkender Sommersterne waren zehn Tausende junger Leute, Jungen und Mädchen, versammelt und applaudierten den vielen Amateurgruppen, die auf der Bühne tanzten. Es war eine fröhliche Sache, durchdrungen von Kameradschaft, die Stärke und Selbstvertrauen ausstrahlte.

Keiner von uns hätte davon träumen können, dass wir uns in ein paar Monaten auf dem Feld eines tödlichen Krieges wieder treffen würden.

Mitten während der Vorstellungen kündigte eine aufgeregte Stimme im Lautsprecher an, dass mehrere Mitglieder der UNSCOP gekommen seien, um uns zu besuchen. Die riesengroße Menge stand wie ein Mann auf und begann, die Nationalhymne Hatikwa („die Hoffnung“) zu singen. Ich habe dieses Lied nie besonders gemocht, aber in diesem Moment klang es wie ein inbrünstiges Gebet, das den Raum füllte und von den Hügeln des Karmel als Echo zurückklang. Ich nehme an, dass fast alle der 6000 jungen jüdischen Leute, die ihr Leben im Krieg gaben, an diesem Abend das letzte Mal versammelt waren und tief bewegt sangen.

ES WAR in dieser Atmosphäre, dass die Mitglieder der UNSCOP, die viele verschiedene Nationen vertraten, eine Lösung finden mussten.

Wie jeder weiß, nahm die Kommission einen Plan zur Teilung Palästinas zwischen einem unabhängigen „arabischen“ und einem unabhängigen „jüdischen“ Staat an. Aber das ist nicht die ganze Geschichte.

Wenn man auf die Karte der Resolution der 1947er-Teilung schaut, muss man sich über die Grenzen wundern. Sie ähneln einem Puzzle, bei dem arabische und jüdische Stücke in unmöglicher Ordnung nebeneinander gesetzt wurden – mit Jerusalem und Bethlehem als eine getrennte Einheit. Die Grenzen sehen verrückt aus. Beide Staaten sind ganz und gar nicht zu verteidigen gewesen.

Die Erklärung ist, dass das Komitee sich nicht zwei völlig unabhängige und getrennte Staaten vorstellte. Der Plan schloss ausschließlich eine Wirtschaftsunion ein. Das würde nahe Beziehungen zwischen den beiden politischen Entitäten voraussetzen, etwas , das einer Föderation ähnlich sieht – mit offenen Grenzen und freier Bewegung für Menschen und Waren. Ohne dies wären die Grenzen unmöglich gewesen sein.

Das war ein sehr optimistisches Szenarium. Unmittelbar nachdem die UN-Vollversammlung den Plan des Komitees angenommen hatte, nach viel Schikanen durch die zionistische Führung, brach der Krieg mit sporadischen Angriffen der Araber auf den jüdischen Verkehr auf lebenswichtigen Straßen aus.

Nachdem der erste Schuss abgefeuert worden war, war der Teilungsplan schon tot. Das Fundament, auf dem das ganze Gebäude ruhte, brach auseinander: keine offenen Grenzen, keine Wirtschaftsunion, keine Chance für eine Union irgendwelcher Art. Nur eine abgrundtiefe, tödliche Feindschaft.

DER TEILUNGSPLAN wäre niemals angenommen worden, wenn nicht ein historisches Ereignis vorausgegangen wäre, das damals unglaublich schien.

Der sowjetische Delegierte der UN Andrej Gromiko hielt plötzlich eine Rede, die nur als eine glühende zionistische Rede beschrieben werden kann. Er behauptete, nach dem schrecklichen Leiden im Holocaust verdienten die Juden einen eigenen Staat.

Um das große Staunen zu verstehen, mit dem diese Rede aufgenommen wurde, muss man daran denken, dass bis zu diesem Augenblick Kommunisten und Zionisten unversöhnliche Feinde waren. Es war nicht nur ein Zusammenstoß von Ideologien, sondern auch eine Familienangelegenheit. Im zaristischen Russland wurden Juden von einer antisemitischen Regierung verfolgt, und junge Juden, männliche und weibliche, waren die Vorhut all der revolutionären Bewegungen.

Ein idealistischer junger Jude hatte die Wahl, sich entweder den Bolschewiken, dem sozial-demokratischen jüdischen Bund oder den Zionisten anzuschließen. Die Konkurrenz war aggressiv und erzeugte intensiven gegenseitigen Hass. Später wurden Zionisten in der Sowjetunion gnadenlos verfolgt. In Palästina wurden lokale jüdische und arabische Kommunisten angeklagt, sie würden mit den arabischen Militanten kollaborieren, die jüdische Stadtteile angriffen.

Was hatte diese plötzliche Veränderung in der sowjetischen Politik zuwege gebracht? Stalin hat sich nicht vom Antisemiten in einen Philosemiten verwandelt. Weit davon entfernt. Aber er war ein Pragmatiker. Es war die Ära der Mittelstreckenraketen, die die Sowjetunion von allen Seiten bedrohte. Palästina war praktisch eine britische Kolonie und konnte leicht eine westliche Raketenbasis werden, die Odessa und Gegenden darüber hinaus bedrohten. Also besser ein jüdischer und ein arabischer Staat als so etwas.

Im folgenden Krieg kamen – als ich Soldat war – alle meine Waffen aus dem Sowjetblock, hauptsächlich aus der Tschechoslowakei. Die Sowjetunion erkannte Israel de jure lange vor den USA an.

Das Ende dieser unnatürlichen Flitterwochen kam anfangs der Fünfzigerjahre, als David Ben Gurion entschied, Israel zu einem untrennbaren Teil des westlichen Blocks zu machen. In der selben Zeit erkannte Stalin die Bedeutung des neuen panarabischen Nationalismus’ eines Gamal Abd-al-Nasser und entschied, auf dieser Welle zu reiten. Sein paranoider Antisemitismus geriet wieder ins Blickfeld. In ganz Osteuropa wurden jüdische kommunistische Veteranen als zionistisch-imperialistisch-trotzkistische Spione umgebracht und seine jüdischen Ärzte wurden wegen Versuchs, ihn zu vergiften, angeklagt. (Glücklicherweise starb Stalin gerade zur richtigen Zeit – so wurden sie gerettet).

HEUTE ERINNERT man sich an die Resolution hauptsächlich wegen zweier Worte: „jüdischer Staat“.

Keiner in Israel möchte an die Grenzen von 1947 erinnert werden, die der jüdischen Minderheit in Palästina „nur“ 55% des Landes gab (Auch wenn die Hälfte davon aus der Wüste Negev bestand, von der der größte Teil noch immer fast leer ist). Noch wollen die jüdischen Israelis gern daran erinnert werden, dass fast die Hälfte der Bevölkerung des Gebietes, das ihnen zugesprochen worden war, arabisch war.

Damals wurde die UN –Resolution von der jüdischen Bevölkerung mit großer Begeisterung akzeptiert. Die Fotos der tanzenden Leute auf den Straßen Tel Avivs gehören zu diesem Tag und nicht, wie oft fälschlicherweise behauptet wird, zu dem Tag, an dem der Staat offiziell gegründet wurde. (Zu jener Zeit waren wir mitten in einem blutigen Krieg, und keiner war in der Stimmung zu tanzen).

Wir wissen jetzt, dass Ben-Gurion nicht davon träumte, die Grenzen des Teilungsplanes anzunehmen und noch weniger die arabische Bevölkerung innerhalb dieser Grenzen. Der berühmte militärische „Plan Dalet“ am Anfang des Krieges war eine strategische Notwendigkeit, aber es war auch eine Lösung für die beiden Probleme. Er fügte Israel weitere 22% des Landes hinzu und trieb die arabische Bevölkerung hinaus. Nur ein kleiner Rest der arabischen Bevölkerung blieb – und bis jetzt ist sie auf 1,5 Millionen angewachsen.

Aber all dies ist Geschichte. Was die Zukunft bewegt, sind die Worte „jüdischer Staat“. Die israelischen Rechten, die die Teilungsresolution in jedem anderen Zusammenhang verabscheuen, bestehen darauf, dass er die legale Basis für israelisches Recht ist, als „jüdischer Staat“ anerkannt zu werden. Das bedeutet praktisch, dass der Staat allen Juden in aller Welt gehört, aber nicht seinen arabischen Bürgern, deren Familien mindestens schon seit dreizehn Jahrhunderten, wenn nicht länger dort leben. (Das hängt davon ab, wer zählt.)

Doch die UN gebrauchte das Wort „jüdisch“ nur, weil ihr eine andere Definition fehlte. Während des britischen Mandats wurden die beiden Völker im Land auf Englisch „Juden“ und „Araber“ genannt. Aber wir selbst sprachen über einen „hebräischen“ Staat (Medina auf hebräisch). In Zeitungsausschnitten jener Zeit kann nur dieser Ausdruck gefunden werden. Leute in meinem Alter erinnern sich an Dutzende von Demonstrationen, bei denen wir unverändert sangen „Freie Einwanderung – Hebräischer Staat“. Das klingt noch immer in unsern Ohren nach.

Die UN befasste sich nicht mit dem ideologischen Make-up der zukünftigen Staaten. Sicherlich nahmen sie an, sie würden demokratisch sein und allen seinen Bewohnern gehören. Sonst würden sie kaum Grenzen gezogen haben, die einen wesentlichen Teil der arabischen Bevölkerung im „jüdischen“ Staat ließ.

Israels Unabhängigkeitserklärung basiert auf der UN-Resolution 181. Der relevante Satz heißt:

„…UND AUF GRUND DER RESOLUTION DER GENERALVERSAMMLUNG DER VEREINTEN NATIONEN ERKLÄREN (WIR) HIERMIT DIE ERRICHTUNG EINES JÜDISCHEN STAATES IN EREZ ISRAEL, DER STAAT ISRAEL.“

Die Ultrarechten, die jetzt die Knesset dominieren, wollen unter dem Vorwand, die Demokratie mit einer Doktrin jüdisch-nationalistisch-religiöser Vormacht zu ersetzen, diese Worte verwenden. Ein früherer Shin Beth-Chef und gegenwärtiges Mitglied der Knesset der Kadimapartei hat eine Gesetzesvorlage unterbreitet, die die Gleichheit der beiden Ausdrücke „jüdisch“ und „demokratisch“ aus der offiziellen Rechtsdoktrin löschen soll. Die „Jüdischkeit“ des Staates soll Vorrang über seinen „demokratischen“ Charakter haben. Dies würde die arabischen Bürger von jedem Rest an Gleichheit berauben. (Im letzten Augenblick angesichts der allgemeinen Reaktion zwang ihn die Kadima-Partei, diese Gesetzes-Vorlage zurückzuziehen.)

DER 1947er-Teilungsplan war ein ungewöhnlich intelligentes Dokument. Seine Details sind heute überholt, aber seine Grundidee ist heute so relevant wie vor 64 Jahren: Zwei Völker leben in diesem Land, sie können nicht in einem Staat zusammen leben ohne einen ständigen Bürgerkrieg, sie können in zwei Staaten zusammen leben; die beiden Staaten müssen enge Verbindungen zwischen sich schaffen.

Ben Gurion war entschlossen, die Gründung eines arabisch-palästinensischen Staates zu verhindern. Und mit der Hilfe König Abdullahs von Transjordanien gelang es ihm. Alle seine Nachfolger mit der möglichen Ausnahme von Yitzhak Rabin, sind dieser Linie gefolgt – jetzt mehr als zuvor. Wir haben gezahlt – und zahlen noch immer – einen schweren Preis für diese Torheit.

Am 64. Jahrestag dieses historischen Geschehens müssen wir zurück zu diesen Grundprinzipien gehen: Israel und Palästina, zwei Staaten für zwei Völker.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser

 

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Weimar wiederholt sich

Erstellt von Gast-Autor am 4. Dezember 2011

Weimar wiederholt sich

Autor Uri Avnery

„DU UND dein Weimar!“ rief einmal einer meiner Freunde ärgerlich aus, „nur weil du selbst den Zusammenbruch der Weimarer Republik als Kind miterlebt hast, siehst du hinter jeder Ecke Weimar.“

Die Anklage war nicht ganz unberechtigt. 1960, während des Eichmann-Prozesses schrieb ich ein Buch über den Zusammenbruch der deutschen Republik. Sein letztes Kapitel hieß: „Es kann auch hier geschehen.“ Seit damals komme ich immer wieder einmal auf diese Warnung zurück.

Aber jetzt bin ich nicht mehr allein damit. Während der letzten paar Wochen tauchte der Name Weimar in den Artikeln vieler Kommentare auf.

Er sollte in riesigen Buchstaben an die Wände gesprüht werden.

ISRAELS DEMOKRATIE steht unter Belagerung. Keiner kann dies ignorieren. Es ist das Hauptthema in der Knesset, die den Angriff anführt, und in den Medien, die sich unter den Opfern befinden.

Dies geschieht nicht in den besetzten Gebieten. Dort hat es nie eine Demokratie gegeben. Besatzung ist das direkte Gegenteil von Demokratie: eine Verweigerung aller Menschenrechte, des Rechts auf Leben, Freiheit, Bewegung, fairen Prozess und freie Meinungsäußerung, geschweige denn nationale Rechte.

Nein, ich meine das eigentliche Israel, das Israel innerhalb der Grünen Linie, die „einzige Demokratie im Nahen Osten“.

Die Angreifer sind Mitglieder von Binjamin Netanjahus Regierungskoalition, die halbfaschistische und offen faschistische Elemente einschließt. Netanjahu selbst versucht, diskret im Hintergrund zu bleiben, aber es kann keinen Zweifel geben, dass jedes einzelne Detail mit ihm abgesprochen wurde.

In den ersten zwei Jahren dieser Koalition waren die Angriffe sporadisch. Doch jetzt sind sie bestimmt, systematisch und koordiniert.

Im Augenblick greifen die antidemokratischen Kräfte auf breiter Front an. Die drei Hauptpfeiler der Demokratie – die Gerichte, die Medien und die Menschenrechtsorganisationen – sind unter gleichzeitigem, tödlichem Angriff. (Denk an Weimar!)

DER OBERSTE GERICHTSHOF ist die Bastion der Demokratie. Israel hat keine Verfassung, die Knessetmehrheit ist total hemmungslos, nur das Gericht kann (wenn auch zögerlich) die Annahme antidemokratischer Gesetze verhindern.

Ich bin kein blinder Bewunderer des Gerichtes. In den besetzten Gebieten ist er ein Arm der Besatzung, konzentriert auf die „nationale Sicherheit“, die die schlimmsten Ereignisse billigt.

Nur in seltenen Fällen hat es sich gegen die schlimmsten Praktiken ausgesprochen. Aber im eigentlichen Israel ist es ein hartnäckiger Verteidiger der Bürgerrechte.

Die extremen Rechten in der Knesset sind entschlossen, dem ein Ende zu setzen. Ihr Mann an der Spitze ist der Justizminister, der von Avigdor Lieberman ernannt wurde. Er ist dabei, eine Reihe von skandalösen Gesetzesvorlagen ad hominem durchzuboxen. Eine von ihnen ist dafür bestimmt, die Zusammensetzung des öffentlichen Komitees, das die Richter wählt, zu verändern – und zwar mit der unverschleierten Absicht, die Ernennung eines besonderen Richters vom rechten Flügel ins Oberste Gericht zu bringen.

Eine andere Gesetzesvorlage hat den unverhüllten Zweck, die bestehenden Gerichtsregeln zu verändern, um einen gewissen „konservativen“ Richter auf den Stuhl des Gerichtspräsidenten zu bringen. Der erklärte Zweck ist, die Herrschaft eines unabhängigen Gerichtes aufzuheben, das wagt, wenn auch nur in seltenen Fällen, die „verfassungswidrigen“ Gesetze, die von der Knessetmehrheit erlassen wurden, zu blockieren. Sie wollen, dass das Gericht „den Willen des Volkes vertritt“ (Man erinnere sich an Weimar!).

Bis jetzt – seit den ersten Tagen des Staates – wurden die Richter praktisch von einer Kooptation gewählt. Das hat 63 Jahre lang perfekt funktioniert. Um Israels Oberstes Gericht beneiden uns viele Länder. Jetzt ist dieses System in tödlicher Gefahr.

Eine andere Gesetzesvorlage hätte die Kandidaten für das Oberste Gericht gezwungen, sich vor einem Knesset-Komitee einem Verhör auszusetzen, um seine Zustimmung zu erhalten. Dem Komitee sitzt ein anderer Politiker, der von Liebermann ernannt worden war, vor. Im letzten Augenblick wurde diese Vorlage von Netanjahu selbst zurückgehalten. Er hatte schon seine Billigung gegeben, schrak dann aber vor der allgemeinen Verurteilung zurück – und steht nun als Verteidiger der Demokratie da.

Der Vorstand des juristischen Komitees der Knesset, der wie gesagt von Liebermann ernannt wurde, ist dabei, diese Gesetze übereilt durch sein Komitee zu bringen – im Widerspruch zu den üblichen Prozeduren. In einer stürmischen Sitzung in dieser Woche hat ihn ein weibliches Mitglied einen „groben Rowdy“ genannt. Er erwiderte: „Du bist nicht einmal eine Kuh.“

Ein minimaler Zweck dieser Gesetzesvorlagen ist, die Richter einzuschüchtern, damit sie die anderen erlassenen antidemokratischen Gesetzesvorlagen, nicht mit einem Veto belegen. Man sagt, dass die Auswirkungen schon zu spüren sind.

In mehreren berühmten Fällen missachtet die Regierung offen die Order des Obersten Gerichthofes, besonders was die Evakuierung von Siedlungsaußenposten betrifft, die auf Land gebaut wurden, das palästinensischen Bauern gehört.

Wer wird das Gericht verteidigen? Der frühere Gerichtspräsident Aharon Barak, der von den Rechten wegen seines bahnbrechenden „juristischen Aktivismus’“ gehasst wurde, sagte mir einmal: „Das Gericht hat keine Divisionen. Seine Macht beruht allein auf der Unterstützung der Öffentlichkeit.“

DER ANGRIFF auf die Medien begann schon früher, als der amerikanische Kasinobaron Sheldon Adelson, ein naher Freund von Netanjahu, begann, ein tägliches Boulevardblatt herauszugeben zu dem ausdrücklichen Zweck, Netanjahu zu helfen. Es wird kostenlos verteilt und ist jetzt die am weitesten verbreitete Zeitung im Land, die nun die Existenz aller anderen bedroht (sie aber auch besticht, indem er ihnen riesige Druckaufträge gibt.) Geld ist kein Problem. Riesige Summen werden ausgegeben.

Und das war nur der Anfang.

1965 hat die Laborpartei-Regierung ein neues Verleumdungsgesetz herausgegeben (das buchstäblich das „Gesetz der bösen Zunge“ genannt wurde), das klar dafür bestimmt war, dem Massennachrichten Magazin „Haolam Hazeh“, das ich herausgab, einen Maulkorb anzulegen. Es hatte in Israel den Enthüllungsjournalismus eingeführt. Ich wandte mich an die Öffentlichkeit, damit sie mich aus Protest in die Knesset schicken solle, und 1,5% der Wähler waren wütend genug, um dies zu tun.

Nun will die Bande vom rechten Flügel in der Knesset dieses Anti-Mediengesetz noch verschärfen.

Die neue Änderung gewährt jedem bis zu 100 000 Euro Schadenersatz, der behauptet, durch die Medien geschädigt worden zu sein, ohne dass er überhaupt Schaden nachweisen muss. Für Zeitungen und TV-Kanäle, die sich schon jetzt in einer prekären finanziellen Situation befinden, bedeutet dies, dass sie besser alle investigativen Berichte und jede Kritik an einflussreichen Politikern und Magnaten aufgeben.

Die neuen Winde werden schon gespürt. Journalisten und TV-Editoren werden eingeschüchtert. In dieser Woche gab ein Programm im Kanal 10, der als der liberalste angesehen wird, fünf Minuten lang ein Lied zum Besten, das den verstorbenen „Rabbi“ Meir Kahane glorifizierte Er war vom Obersten Gericht als Faschist bezeichnet worden, und seine Organisation wurde verboten, weil sie befürwortete, was das Gericht „Nürnberger Gesetze“ nannte. Ein bekennendes Mitglied dieser Organisation, das noch lebt und unter einem anderen Namen läuft, ist heute ein lautstarkes Mitglied in der Knesset. (Man denke an Weimar!)

Eine Säuberung unter TV-Journalisten ist schon im Gange. Ein Direktor nach dem anderen von TV-Kanälen wird von bekannten Rechten ersetzt. Es wird von der Regierung offen zugegeben, dass die Regierung die Schließung von Kanal 10 erzwingen würde (durch Abrufung ausstehender Schulden) wenn nicht ein bestimmter Journalist gefeuert würde. Obwohl er sonst ein Typ des Establishments ist, hat er Netanjahu geärgert, als er seinen und seiner Frau luxuriösen Reisestil auf Regierungskosten öffentlich gemacht hatte.

ZUR SELBEN Zeit werden Menschenrechts- und Friedensgruppen schwer angegriffen. Die Knessetbande liefert eine Gesetzesvorlage nach der anderen, um sie zum Schweigen zu bringen.

Eine Gesetzesvorlage ist schon unterwegs; sie verbietet Menschenrechtorganisationen, Spenden von ausländischen Regierungen und „staatsähnlichen Organisationen“ wie die UN und die EU anzunehmen. Rechte Organisationen empfangen natürlich riesige Summen Geld von jüdisch-amerikanischen Milliardären, die die Siedlungen sponsern (die auch indirekt vom US- Finanzministerium finanziert werden, da sog. „Wohltätigkeitsorganisationen“ der Siedlungen von Steuern befreit sind).

Das Gesetz, das auf Organisationen und Individuen riesige Entschädigungssummen legt, die einen Boykott auf Siedlungsprodukte befürworten, ist schon in Kraft. Die Anhörung eines Gesuches wegen Unterdrückung politischen Protestes, das von Gush Shalom dem Obersten Gericht vorgelegt wurde, ist vom Gericht immer und immer wieder vertagt worden.

Der parlamentarische Terrorismus wird von zunehmender Gewalt der faschistischen Banden aus den Siedlungen begleitet. Diese SA-ähnlichen Banden nennen ihre Aktionen „Preisschild“. Gewöhnlich reagieren sie auf Einzelfälle der Armee, die ein paar „illegale“ Gebäude in einer Siedlung demolieren, indem sie ein benachbartes palästinensisches Dorf angreifen, in einer Moschee Feuer legen oder das ausführen, was man nur als Pogrom bezeichnen kann. (Man denke an Weimar!)

MARTIN NIEMÖLLER, ein deutscher U-Boot-Kapitän und später pazifistischer Pastor, der von den Nazis in ein KZ geworfen wurde, prägte die berühmte Klage: „Als die Nazis die Kommunisten abholten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich bin ja kein Jude. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich nicht protestiert. Ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestierte.“

Wovon wir jetzt Zeugen werden, ist kein isolierter Angriff auf das eine oder andere Menschenrecht – was wir sehen, ist ein allgemeiner Angriff auf die Demokratie als solche. Vielleicht können nur Leute, die eine faschistische Diktatur erlebten, voll und ganz realisieren, was das bedeutet.

Natürlich bedeuten Ähnlichkeiten zwischen dem Zusammenbruch der deutschen Republik und dem Prozess im heutigen Israel nicht, dass der weitere Verlauf derselbe sein muss. Der Nationalsozialismus war auf viele Weisen einzigartig. Das Ende der wirklichen Demokratie kann durch verschiedene Systeme erfolgen. Es gibt viele Modelle: Ceaucescu, Franco, Putin.

Sicherlich gibt es keine Ähnlichkeiten zwischen der kleinen deutschen Stadt Weimar und Tel Aviv. Außer vielleicht der Tatsache, dass viele Häuser in Tel Aviv zur Bauhaus-Architekturschule gehören – die aus Weimar kam.

Weimar war einmal ein kulturelles Zentrum, wo Genies wie Goethe und Schiller ihre Meisterwerke schrieben. Die Deutsche Republik, die 1919 nach dem 1. Weltkrieg gegründet wurde, bekam diesen Namen, weil die Nationalversammlung, die ihre sehr progressive/fortschrittliche Verfassung verkündete, hier stattfand.

Nach diesem Vorbild könnte der gefährdete demokratische Staat Israel, dessen Unabhängigkeitserklärung 1948 hier in Tel Aviv unterzeichnet wurde, Tel Aviver Republik genannt werden.

Wir sind noch nicht im Jahr 1932. Die Sturmsoldaten ziehen noch nicht durch unsere Straßen. Wir haben noch etwas Zeit, die Öffentlichkeit gegen die lauernde Gefahr zu mobilisieren. Die Demonstration, die in dieser Woche in Tel Aviv gegen die Entdemokratisierung Israels stattfinden wird, mag ein Wendepunkt sein.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Ein Blick aus der Villa

Erstellt von Gast-Autor am 13. November 2011

Ein Blick aus der Villa

Autor Uri Avnery

DAS TÖTEN von Muammar Gaddafi und seinem Sohn Muatasim war kein schöner Anblick. Nachdem ich sie einmal gesehen hatte, schaute ich weg, wenn sie wieder und wieder im TV gezeigt wurden – buchstäblich ekelerregend.

Das kommerzielle Fernsehen existiert natürlich, um für die Magnaten Geld zu machen, indem es die niedrigsten Instinkte und Geschmäcker der Massen anspricht. Dort scheint es einen unersättlichen Appetit auf grausame Bilder zu geben.

Aber in Israel gab es noch ein anderes Motiv, um diese Lynchszenen wiederholt zu zeigen, wie die Kommentatoren mehr als deutlich zu verstehen geben. Diese Szenen beweisen – ihrer Meinung nach – die primitive, barbarische, mörderische Natur der arabischen Völker und auch des Islam als solchen.

Ehud Barak beschreibt gerne, Israel liege wie eine „Villa mitten im Dschungel“. Jetzt wird dies von der großen Mehrheit unserer Medienleute akzeptiert. Sie lassen keine Gelegenheit aus, um darauf hinzuweisen, dass wir in einer „gefährlichen Nachbarschaft“ leben – indem sie klar machen, dass Israel eigentlich nicht in diese Nachbarschaft gehört. Wir sind ein zivilisiertes, westliches Volk, leider von diesen primitiven Wilden umgeben.

(Wie ich viele Male erwähnte, geht dies zurück auf den Gründer des Zionismus Theodor Herzl, der schrieb, dass der zukünftige zionistische Staat „ein Stück des Walles der Zivilisation gegen Asien bildet“ und „ den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen würde)

Da diese Haltung weitreichende geistige und politische Auswirkungen hat, wollen wir einen näheren Blick darauf werfen.

ICH BIN gegen die Todesstrafe in jeder Form. Exekutionen, ob in Texas oder China, verabscheue ich. Ich hätte bei weitem vorgezogen, dass Gaddafi von einem richtigen Gericht verurteilt worden wäre.

Aber meine erste Reaktion auf den Anblick war: Mein Gott, wie sehr muss ein Volk seinen Herrscher gehasst haben, wenn es ihn so behandelt! Offensichtlich haben die Jahrzehnte abscheulichen Terrors, die dem libyschen Volk von diesem halb verrückten Despoten auferlegt waren, jeden Rest von Barmherzigkeit zerstört. (Seine bis zuletzt fanatischen Verteidiger, Mitglieder seines Stammes, scheinen eine winzige Minderheit zu sein.)

Seine clownhafte Erscheinung und seltsamen Abenteuer lenkten die Aufmerksamkeit der Weltmeinung von dem mörderischen Aspekt seiner Herrschaft ab. Von Zeit zu Zeit ließ er eine Schreckenswelle los, folterte und tötete irgendjemand, der nur eine Andeutung von Kritik von sich gab, verurteilte sie in Fußballstadien, wo das Gebrüll der verrückt gemachten Menge das Um-Gnade-bitten des Verurteilten übertönte. Bei einer Gelegenheit erschossen seine Leute alle 1200 Insassen des Abu Salim-Gefängnisses in Tripoli.

Es stimmt, dass er einige Staatseinkünfte in den Bau von Schulen und Krankenhäusern steckte, aber das war nur ein winziger Teil des riesigen Betrages vom Ölgeld, das er bei seinen bizarren Abenteuern verschwendet hat oder das von seiner Familie gestohlen wurde. Sein ungeheuer reiches Land hat eine arme Bevölkerung, eine einzige schmale Straße von Ägypten nach Tunis und einen Lebensstandard, der ein Drittel des unsrigen ist.

Man muss kein arabischer Barbar oder muslimischer Erzterrorist sein, um ihm das anzutun, was man ihm antat. Tatsächlich taten die hochzivilisierten Italiener (Libyens frühere Kolonialherren) 1945 genau dasselbe. Als die Partisanen den fliehenden Benito Mussolini fingen, bat er mitleiderregend um sein Leben, aber sie töteten ihn zusammen mit seiner Geliebten an Ort und Stelle. Ihre Leichen wurden auf die Straße geworfen, von der Menge getreten und bespuckt und dann an ihren Füßen am Fleischerhaken am Dach einer Tankstelle aufgehängt, wo sie noch tagelang mit Steinen beworfen wurden. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand im zivilisierten Europa protestiert hat.

Im Gegensatz zu Mussolini und Gaddafi hat Hitler nicht schmachvoll zu fliehen versucht. Er wählte ein würdigeres Ende. Aber während seiner letzten Wochen ähnelte Gaddafi Hitler, der am Ende in einer Welt voller Wahnvorstellungen lebte und nicht existierende Divisionen auf der Karte hin und herschob, sicher, dass sein Volk ihn grenzenlos liebte.

Nicolae Ceausescu, ein anderer blutiger Tyrann, hatte seinen Tag – oder Stunde – vor Gericht. Es war eine Affentheater – wie solch eine Gerichtsverhandlung eben immer ist. Das Femegericht verurteilte ihn zum Tode, und er wurde umgehend – zusammen mit seiner Frau – erschossen.

GADDAFIS ENDE machte auch der Debatte ein Ende, die vor Monaten begann.

Es kann keinen Zweifel mehr darüber geben, dass die große Mehrheit des libyschen Volkes Gaddafi verachtete und die NATO-Kampagne willkommen hieß, die mithalf, ihn zu beseitigen. Es war ein bedeutender Beitrag; aber der aktuelle schwere Kampf wurde von der zerlumpten Armee des Volkes ausgeführt. Libyen befreite sich selbst. Selbst in Tripoli war es das Volk, das dem Tyrannen ein Ende setzte.

Ich wurde scharf von einigen wohlmeinenden europäischen Linken angegriffen, weil ich über das schreckliche Monster mit Namen NATO Gutes sagte. Jetzt im Rückblick ist es offensichtlich, dass die überwältigende – wenn nicht einmütige – Meinung der Libyer selbst die Intervention willkommen hieß.

Wo unterscheide ich mich von diesen Linken? Ich denke, dass sie für sich selbst eine Art ideologische Zwangsjacke geschaffen hatten. Während des Vietnamkrieges kamen sie mit einem Weltbild, das für genau diese besondere Situation passte: da gab es gute Kerle und schlechte Kerle. Die Guten waren die vietnamesischen Kommunisten und ihre Verbündeten. Die Bösen waren die USA und ihre Marionetten. Seitdem wenden sie dieses Schema bei jeder Situation rund um die Welt an: Südafrika, Jugoslawien, Palästina.

Aber jede Situation ist anders. Vietnam ist nicht Libyen, das südafrikanische Problem war viel einfacher als das unsrige. Großmachtpolitik mag konstant bleiben und sehr unschön. Aber da gibt es riesige Unterschiede zwischen den verschiedenen Situationen. Ich war sehr gegen die US-Kriege in Vietnam, Afghanistan und Irak und für die Nato-Kampagnen in Kosovo und Libyen.

Für mich ist der Ausgangspunkt jeder Analyse, was das betreffende Volk wünscht und benötigt, und erst danach frage ich mich, wie das internationale Schema auf sie anzuwenden ist. Ich arbeite von innen nach außen und nicht von außen nach innen.

Ich habe auch nie ganz das Dogma verstanden, das alle Fragen beantwortet: „es geht vor allem um das Öl“. Gaddafi verkaufte sein Öl auf dem Weltmarkt, und so werden es auch seine Nachfolger tun – zu den selben Bedingungen. Die internationalen Öl-Gesellschaften sind für mich alle dieselben. Gibt es einen großen Unterschied zwischen dem russischen Gasprom und dem amerikanischen Esso?

Einige frühere Kommunisten scheinen eine Art Zuneigung zu Russland zu haben und unterstützen fast automatisch seine internationalen Positionen: von Afghanistan bis Serbien und Syrien. Warum? Welche Ähnlichkeit gibt es zwischen Vladimir Putin und den Sowjets? Putin heißt nicht die Diktatur des Proletariats gut, er ist mit einer Diktatur von sich selbst ganz zufrieden.

WENN GADDAFIS grausames Ende alle islamophoben Obsessionen im Westen bestätigt haben, so haben die Wahlen in Tunis alles noch schlimmer gemacht.

Hilfe!! Die Islamisten haben die Wahlen gewonnen! Die Muslimbruderschaft wird die Wahlen in Ägypten gewinnen. Der arabische Frühling wird die ganze Region in eine weite Brutstätte für den Jihad verwandeln. Israel und der Westen sind in tödlicher Gefahr!

Dies ist alles Unsinn. Und zwar gefährlicher Unsinn, weil er jede sensible amerikanische und europäische Politik gegenüber der arabischen Welt scheitern lässt.

Gewiss, der Islam ist im Begriff aufzusteigen. Islamische Parteien haben den arabischen Diktaturen widerstanden, wurden von ihnen verfolgt und sind darum im Nachhinein ihres Sturzes populär – so wie europäische Kommunisten in Frankreich und Italien nach der Niederlage der Faschisten sehr populär wurden. Von da an wurde die Unterstützung für die Parteien weniger.

Der Islam ist ein bedeutender Teil der arabischen Zivilisation. Viele Araber sind ernste Gläubige. Ihre islamischen Parteien werden sicher eine bedeutende Rolle in jeder demokratisch arabischen Ordnung spielen, so wie jüdisch religiöse Parteien – leider – eine bedeutende Rolle in der israelischen Politik spielen. Die meisten dieser arabischen Parteien sind moderat, wie die regierende islamische Partei in der Türkei.

Es ist sicher wünschenswert, dass diese Parteien ein Teil der demokratischen Ordnung werden statt zu ihrem Feind. Sie müssen innerhalb des Zeltes sein, sonst stürzt das Zelt ein. Ich bin davon überzeugt, dass dies auch im besten Interesse Israels ist. Deshalb sind meine Freunde und ich für eine Fatah-Hamas-Versöhnung und befürworte direkte Verhandlungen zwischen Israel und Hamas – und nicht nur beim Gefangenenaustausch.

Unsere Medien sind empört: der einstweilige Ministerpräsident von Libyen hat angekündigt, dass das islamische Recht – die Scharia – die Einführung neuer Gesetze in seinem Land bestimmen wird. Es scheint, unsere Journalisten wissen nichts von der Existenz eines israelischen Gesetzes, das besagt, wenn es rechtliche Fragen gibt, für die es keine fertigen Antworten gibt, dann wird das jüdische Gesetz – die Halacha – diese Lücke ausfüllen. Außerdem gibt es in der Knesset einen neuen Gesetzentwurf, der feststellt, dass die Halacha bei rechtlichen Disputen entscheiden wird.

Das Ergebnis der tunesischen Wahlen war meiner Meinung nach sehr positiv. Wie erwartet, gewann die moderate islamische Partei viele Stimmen, aber nicht die absolute Mehrheit. Sie muss eine Koalition mit säkularen Parteien eingehen und ist bereit, dies zu tun. Diese total neuen und praktisch unbekannten Parteien benötigen Zeit, um ihre Identität und Strukturen aufzubauen.

Hier möchte ich eine persönliche Bemerkung hinzufügen: Rachel und ich sind mehrmals in Tunis gewesen, um Yassir Arafat zu treffen, und mochten die Leute. Besonders waren wir von vielen Männern beeindruckt, die wir in den Straßen sahen, die eine Jasminblüte hinter dem Ohr trugen. Kein Wunder, dass solche Leute fast eine unblutige „Jasmin-Revolution“ ausführen konnten.

Wenn die Wahlen in andern arabischen Ländern diesem Muster folgen, wie es möglich erscheint, wird es für alle das Beste sein.

DIE OBAMA-Regierung war klug genug, auf den Wagen der arabischen Revolution zu springen, wenn auch im allerletzten Augenblick. Wir Israelis hatten nicht dieses Verständnis. Unsere Islamophobie ließ uns eine goldene Gelegenheit verpassen, unser Image unter jungen arabischen Revolutionären zu verändern.

Stattdessen vergleichen wir unsere Tugend mit der Barbarei der Libyer, die uns noch einmal die wahre Natur des Dschungels gezeigt haben, der unsere Villa umgibt.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Jedermanns Sohn

Erstellt von Gast-Autor am 6. November 2011

Jedermanns Sohn

Autor Uri Avnery

DER VERNÜNFTIGSTE – ich hätte fast geschrieben „der einzig vernünftige“ Satz – der in dieser Woche geäußert wurde, kam von den Lippen eines Fünfjährigen.

Nach dem Gefangenenaustausch fragte ihn einer jener superschlauen TV-Reporter: „Warum haben wir 1027 Araber für einen israelischen Soldaten aus dem Gefängnis entlassen? Er erwartete natürlich die übliche Antwort: weil ein Israeli so viel wert ist wie eintausend Araber.

Der Junge antwortete: „Weil wir viele von ihnen gefangen nahmen und sie nur einen.“

LÄNGER ALS eine Woche war ganz Israel wie in einem Rausch. Gilad Shalit beherrschte das Land (Shalit bedeutet „Herrscher“) Seine Fotos klebten an allen Wänden im Lande, wie die des Genossen Kim in Nord-Korea.

Es war einer jener seltenen Momente, in denen Israelis auf sich selbst stolz sein können. Wenige Länder – wenn überhaupt eines – würden bereit gewesen sein 1027 Gefangene gegen einen auszutauschen. In den meisten Ländern, einschließlich der USA, würde es politisch für einen Führer unmöglich gewesen sein, solch eine Entscheidung zu treffen.

In einer Hinsicht ist es eine Fortsetzung der jüdischen Ghettotradition. Die „Erlösung eines Gefangenen“ ist eine heilige religiöse Pflicht, die mit den Umständen einer verfolgten und zerstreuten Gemeinschaft zusammenhängt. Wenn ein Jude aus Marseille von muslimischen Korsaren gefangen wurde, um auf dem Markt von Alexandria verkauft zu werden, war es die Pflicht der Juden in Kairo, das Lösegeld zu zahlen und ihn zu „erlösen“.

Wie das alte Sprichwort lautet: „Ganz Israel garantiert für einander.“

Die Israelis konnten in den Spiegel schauen und zu sich sagen: „Sind wir nicht wunderbar?“

UNMITTELBAR NACH dem Oslo-Abkommen schlug Gush Shalom, die Friedensbewegung, zu der ich gehöre, vor, sofort alle palästinensischen Gefangenen frei zu lassen. Sie sind Kriegsgefangene, sagten wir, und wenn der Kampf zu Ende ist, sollen Kriegsgefangene nach Hause gelassen werden. Dies würde eine mächtige humane Botschaft des Friedens in jede palästinensische Stadt und in jedes Dorf übermitteln. Wir organisierten eine gemeinsame Demonstration mit dem verstorbenen arabischen Jerusalemer Führer Feisal Husseini vor dem Jeneid-Gefängnis nahe Nablus. Mehr als zehntausend Palästinenser und Israelis nahmen daran teil.

Aber Israel hat diese palästinensischen Gefangenen nie als Kriegsgefangene anerkannt. Sie wurden als gemeine Kriminelle, nur noch schlimmer angesehen.

Die in dieser Woche entlassenen Gefangenen wurden nie als „palästinensische Kämpfer“ erwähnt oder als „Militante“ oder nur als „Palästinenser“. Jede einzelne Zeitung und jedes Fernsehprogramm, von der elitären Haaretz bis zur primitivsten Boulevardpresse erwähnten sie ausschließlich als „Mörder“ und sicherheitshalber als „gemeine Mörder“

Einer der schlimmsten Tyrannen auf Erden ist die Tyrannei der Wörter. Wenn einmal ein Wort sich festsetzt, lenkt es Gedanken und Taten. In der Bibel heißt es : „Tod und Leben stehen in der Zunge Gewalt.“ (Spr. 18,21). Eintausend feindliche Kämpfer entlassen, ist eine Sache, ein Tausend gemeine Mörder entlassen, ist etwas anderes.

Einige dieser Gefangenen haben Selbstmordattentätern geholfen, eine Menge Leute zu töten. Einige haben wirklich brutale Taten begangen – wie die hübsche junge palästinensische Frau, die das Internet benützte, um einen liebeskranken israelischen Jungen in die Falle zu locken, wo er mit Kugeln durchsiebt wurde. Aber andere wurden zu lebenslang verurteilt, weil sie zu einer „illegalen“ Organisation gehörten und Waffen besaßen oder eine selbst gebastelte Granate auf einen Bus warfen, ohne jemanden zu verletzen.

Fast alle von ihnen sind von Militärgerichten verurteilt worden. Wie schon gesagt wurde: Militärgerichte haben ähnlichen Bezug zum wirklichen Gerichten, wie Militärmusik zu wirklicher Musik.

Alle diese Gefangenen haben nach israelischer Redensart „Blut an ihren Händen“. Aber wer von uns Israelis hat kein Blut an seinen Händen? Gewiss, eine junge Soldatin, die von weitem eine Drohne dirigiert, die einen palästinensischen Verdächtigen und seine ganze Familie tötet, hat kein klebriges Blut an ihren Händen. Auch ein Pilot nicht, der eine Bombe in ein Wohngebiet fallen lässt und „nur ein leichtes Zittern des Flügels spürt“, wie ein früherer Stabschef es ausdrückte. (Ein Palästinenser sagte einmal zu mir: „Gib mir einen Panzer oder ein Kampfflugzeug, und ich werde den Terrorismus sofort aufgeben.“)

Das Hauptargument gegen den Austausch war der, dass nach Statistiken des Nachrichtendienstes 15% der bei solchem Austausch entlassenen Gefangenen wieder aktive Terroristen werden. Vielleicht. Aber die Mehrheit von ihnen werden aktive Unterstützer des Friedens. Praktisch alle meine palästinensischen Freunde sind frühere Gefangene, einige von ihnen waren 12 Jahre oder länger im Gefängnis. Sie haben hebräisch im Gefängnis gelernt und haben durch das Fernsehen israelisches Leben kennen gelernt und sogar einige Aspekte des israelischen Lebens bewundert, wie z.B. unsere parlamentarische Demokratie. Die meisten Gefangenen wollten nur nach Hause gehen, sich niederlassen und eine Familie gründen.

Aber während der endlosen Stunden des Wartens auf Gilads Rückkehr zeigten alle TV-Stationen blutige Szenen, in denen die Gefangenen, die entlassen werden, involviert waren, wie die der jungen Frau, die einen Selbstmordattentäter zu seinem Bestimmungsort fuhr. Es war eine unendliche Hasstirade. Unsere warme Bewunderung für unsere eigene Tugend wurde mit dem kalten Gefühl vermischt, dass wir wieder die Opfer sind, die gezwungen werden, gemeine Mörder zu entlassen, die wieder versuchen werden, uns zu töten.

Doch all diese Gefangenen sind leidenschaftlich davon überzeugt, dass sie ihrem Volk in seinem Freiheitskampf gedient haben. Wie das berühmte Lied: „Erschieß mich als irischen Soldaten,/ erhäng mich nicht wie einen Hund,/ denn ich kämpfte für Irlands Freiheit …“ Es sollte auch an Nelson Mandela erinnert werden, der ein aktiver Terrorist war, der 28 Jahre im Gefängnis schmachtete, weil er sich weigerte, ein Statement zu unterzeichnen, das den Terrorismus verurteilt.

Die Israelis, (wahrscheinlich wie die meisten Völker) sind ziemlich unfähig, in die Schuhe ihrer Feinde zu schlüpfen. Das macht es praktisch unmöglich, eine intelligente Politik zu führen – besonders, was dieses Problem betrifft.

WIE WURDE Binjamin Netanjahu dazu gebracht, nachzugeben?

Der Held der Kampagne ist Noam Shalit, der Vater. Eine introvertierte Person, die zurückgezogen lebt und die Öffentlichkeit scheut. Er kam heraus und kämpfte jeden einzelnen Tag während dieser fünf Jahre und vier Monate. Dasselbe tat auch seine Mutter. Sie retteten so buchstäblich sein Leben. Es gelang ihnen, eine Massenbewegung auf die Beine zu bringen, wie es sie vorher in den Annalen des Staates nie gegeben hat.

Dazu beigetragen hat, dass Gilad wie jedermanns Sohn aussieht. Er ist ein scheuer junger Mann mit einem gewinnenden Lächeln, das auf jedem der Fotos und Videos von vor der Gefangennahme gesehen werden kann. Er sieht ziemlich jung aus, schmal und bescheiden. Fünf Jahre später – in dieser Woche – sieht er genau so aus, nur sehr blass.

Wenn unser Nachrichtendienst ihn hätte ausfindig machen können, hätten sie sicherlich versucht, ihn mit Gewalt zu befreien. Das hätte gut sein Todesurteil sein können, wie es so oft in der Vergangenheit war. Die Tatsache, dass sie ihn nicht finden konnten, trotz der Hunderten von Agenten im Gazastreifen ist eine bemerkenswerte Errungenschaft von Hamas. Dies erklärt, warum er in strikter Isolierung gehalten und es niemandem erlaubt wurde, ihn zu treffen.

Die Israelis waren erleichtert, zu entdecken, dass er bei seiner Entlassung in guter Verfassung war, gesund und munter. Nach den wenigen Sätzen, die er unterwegs in Ägypten von sich gab, wurde er im Gefängnis mit Radio und Fernseher versorgt und wusste so von den Bemühungen seiner Eltern.

Von dem Augenblick an, an dem er seinen Fuß auf israelischen Boden setzte, hörte man kein einziges Wort mehr von ihm, wie er behandelt wurde. Anscheinend war es ihm nicht erlaubt. Wo wurde er gehalten? Wie war seine Ernährung? Haben die Gefängniswärter mit ihm gesprochen? Was dachte er über sie? Lernte er Arabisch? Bis jetzt kam kein einziges Wort darüber, wahrscheinlich, weil dies so einiges positive Licht auf die Hamas werfen könnte. Er wird sicher genauestens Instruktionen erhalten, bevor ihm zu sprechen erlaubt wird.

AUSLÄNDISCHE KORRESPONDENTEN fragten mich in dieser Woche wiederholt, ob der Handel den Weg zu einem neunen Friedensprozess geöffnet hat. So weit es die öffentliche Stimmung betrifft, ist eher das Gegenteil der Fall.

Dieselben Journalisten fragten mich, ob nicht Binjamin Netanjahu von der Tatsache beunruhigt ist, dass der Austausch die Hamas stärkt und für Mahmoud Abbas ein schmerzlicher Schlag ist. Sie waren über meine Antwort verblüfft: das war eine seiner Hauptgründe, wenn nicht gar der Hauptgrund.

Der Hauptschlag war ein Schlag gegen Abbas.

Abbas Schritte in der UN haben unsere rechte Regierung beängstigt. Selbst wenn das einzige praktische Ergebnis sein würde, dass die Vollversammlung den Staat Palästina als ein Beobachter anerkennt, würde dies ein großer Schritt in Richtung palästinensischer Staat sein.

Diese Regierung wie all unsere Regierungen seit der Gründung Israels – nur noch mehr – ist auf Biegen und Brechen gegen einen palästinensischen Staat. Er würde dem Traum von Groß-Israel bis zum Jordan ein Ende setzen und uns zwingen, einen großen Teil des Landes, das uns Gott versprochen hat, zurückzugeben und uns zwingen, eine Menge Siedlungen zu evakuieren.

Für Netanjahu und Co. ist das eine wirkliche Gefahr. Hamas stellt keine Gefahr dar. Was kann sie tun? Ein paar Raketen abfeuern, ein paar Leute töten – na und? .In keinem Jahr hat Terrorismus halb so viel getötet, wie in unserm Straßenverkehr umkamen. Damit kann Israel umgehen. Das Hamasregime würde wahrscheinlich nicht über den Gazastreifen herrschen, wenn Israel ihn nicht von der West Bank abgeschnitten hätte, im Gegensatz zu Israels feierlicher Zusicherung in Oslo, vier sichere Passagen zu schaffen. Keine wurde jemals eröffnet.

Dies erklärt übrigens auch den Zeitpunkt. Warum stimmte Netanjahu jetzt in etwas überein, das er sein ganzes Leben lang bekämpfte? Wegen Abbas, des „gerupften Hähnchens“, das sich plötzlich in einen Adler verwandelt hat.

Am Tag des Austausches hielt Abbas eine Rede. Sie klang ziemlich platt. Für den durchschnittlichen Palästinenser war der Fall ziemlich einfach. Abbas hat in letzter Zeit mit all seinen israelischen und amerikanischen Freunden keinen einzigen Gefangenen frei bekommen. Hamas, die Gewalt benützte, hat mehr als ein Tausend frei bekommen, einschließlich Fatahmitglieder. Also: „Israel versteht nur die Sprache der Gewalt.“

DIE GROSSE Mehrheit der Israelis unterstützt den Handel, auch wenn sie davon überzeugt ist, dass die gemeinen Mörder uns wieder zu töten versuchen werden.

Nie waren die Trennungslinien so klar wie dieses Mal. Etwa 25 % waren dagegen. Dies schließt all die extremen Rechten ein, alle Siedler und fast alle National-religiösen. All die anderen – das große Lager des Zentrums und der Linken, der Säkularen, Liberalen und moderat Religiösen unterstützten es.

Dies ist der israelische Mainstream, auf dem die Hoffnung der Zukunft ruht. Wenn Netanjahu den Palästinensern in dieser Woche ein Friedensabkommen vorgeschlagen hätte, und wenn er von den Chefs der Armee, des Mossad und den Shin Bet unterstützt worden wäre, ( wie in dieser Woche), würde ihn dieselbe Mehrheit unterstützt haben.

Was die Gefangenen betrifft – weitere 4000 werden noch in Israels Gefängnissen fest gehalten – und diese Zahl wird wieder wachsen. Die Gegner des Handels haben ziemlich recht, wenn sie sagen, dass er den palästinensischen Organisationen einen starken Anreiz gibt, ihre Bemühungen anzuspornen, wieder einen israelischen Soldaten zu fangen, damit mehr Gefangene entlassen werden.

Wenn ganz Israel voller Emotionen ist, weil ein Junge wieder zu seiner Familie zurückgekehrt ist – was würde das für 4000 Familien auf der andern Seite bedeuten?. Leider stellen gewöhnliche Israelis diese Frage nicht. Sie haben sich daran gewöhnt, die palästinensischen Gefangenen nur als Tausch- objekt zu sehen.

Wie vereitelt man die Bemühungen, mehr Soldaten zu fangen? Da gibt es nur eine Alternative: den glaubwürdigen Weg zu öffnen, sie durch ein Abkommen zu entlassen.

Wie zum Beispiel durch Frieden, falls man mir den Ausdruck entschuldigt.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

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Der zweite Herzl

Erstellt von Gast-Autor am 29. Oktober 2011

Der zweite Herzl

Autor Uri Avnery

AM YOM KIPPUR-Abend letzte Woche, wenn wirkliche Juden in der Synagoge für ihr Leben beten, saß ich am Tel Aviver Strand und dachte nach.

Es war mein erster Yom Kippur ohne Rachel, und die dunklen Wellen gaben meine Stimmung wieder.

Ich dachte über unsern Staat nach, den Staat Israel, in dem ich sozusagen eine Gründeraktie habe.

Wird er überdauern? Wird es ihn hier nach 100 Jahren noch geben? Oder war es eine vorüber gehende Episode, ein historischer Glückszufall.

Als Tschu Enlai nach seiner Einschätzung der Französischen Revolution gefragt wurde, ob sie positiv oder negativ sei, gab er die berühmte Antwort: „Es ist noch zu früh, dies zu beurteilen.“

Die zionistische Revolution – und das ist es, was sie war – begann nach mehr als hundert Jahren nach der französischen. Es ist also sicher viel zu früh, auch diese richtig einzuschätzen.

EINMAL – IN einer heitereren Stimmung – sagte ich zu meinen Freunden: „Vielleicht haben wir alle Unrecht. Vielleicht ist Israel nicht wirklich die letzte Gestalt des zionistischen Unternehmens. Wie die Planer jedes großen Projektes entschieden die Zionisten zuerst ein „Pilotprojekt“, einen Prototyp, zu bauen, um ihren Plan zu testen. Tatsächlich sind wir nur Versuchskaninchen. Bald wird ein anderer Herzl kommen, und nachdem er die Fehler und Irrtümer dieses Experimentes analysiert hat, wird er den Entwurf des wirklichen Staates aufzeichnen, der viel besser sein wird.

Herzl 2 wird zu fragen beginnen: wo hat Herzl 1 etwas falsch gemacht?

Herzl 1 besuchte Palästina nur ein einziges Mal und das nur für den ausdrücklichen Zweck, den deutschen Kaiser zu treffen, den er für sein Unternehmen gewinnen wollte. Der Kaiser bestand darauf, ihn in Jerusalem am Jaffator zu treffen, um geduldig zuzuhören, was er zu sagen hatte. Es wird behauptet, er hätte seinen Begleitern erklärt: „Das ist eine große Idee, aber mit Juden kann man das nicht machen!“

Er meinte die Juden, die er kannte – die Mitglieder der weltweiten religiös-ethnischen Gemeinschaft. Herzl beabsichtigte, diese in eine moderne Nation zu verwandeln, so wie andere moderne Nationen Europas.

Herzl war kein tiefsinniger Denker. Er war Journalist und Dramatiker. Er – und seine Nachfolger – sahen die notwendige Umwandlung grundsätzlich nur als ein Problem der Logistik. Bringt die Juden nach Palästina, und alles wird automatisch Gestalt annehmen. Die Juden werden ein normales Volk, ein Volk wie andere Völker. Eine Nation unter Nationen.

ABER DIE Juden seiner Zeit waren weder ein Volk noch eine Nation. Sie waren etwas ganz anderes.

Während die jüdische Diaspora im Europa des 19. Jahrhunderts anomal war, war sie 2000 Jahre vorher völlig normal. Die groß angelegte Struktur jener Zeit war ein Netzwerk von Diasporas – autonome religiös-ethnische Entitäten, zerstreut in der „zivilisierten“ (mediterranen) Welt. Die herrschenden Großreiche – persisch, griechisch/hellenisch, römisch, byzantinisch, ottomanisch – erkannten sie als natürliche Struktur der Gesellschaft an.

Nationen im modernen territorialen Sinn waren damals unvorstellbar. Ein Jude in Jerusalem gehörte nicht zur selben Gesellschaft wie ein Hellenist in Cäsarea, nur wenige hundert Kilometer entfernt. Ein Christ in Alexandria konnte ein jüdisches Mädchen aus dem Nachbarhaus nicht heiraten, aber sie hätte einen Juden aus dem fernen Antiochien heiraten können.

Seit damals hat sich Europa viele Male verändert, bis die modernen Nationen auftauchten. Die Juden haben sich nicht verändert. Als Herzl nach einer Lösung der „Judenfrage“ suchte, waren sie noch immer dieselbe ethnisch-religiöse Diaspora.

Kein Problem, dachte er, wenn ich sie erst einmal nach Palästina bringe, werden sie sich ändern.

ABER EINE ethnisch-religiöse Gemeinschaft, die ein Jahrtausend als verfolgte Minderheit in feindseliger Umgebung lebt, nimmt eine eigene Mentalität an. Sie fürchtet die „goyische“ (nicht jüdische) Regierung, die Quelle unendlicher schlimmer Edikte. Sie sieht jeden außerhalb der Gemeinschaft als potentiellen Feind, wenn nicht das Gegenteil bewiesen wurde ( und selbst dann). Sie entwickelt ein intensives Gefühl von Solidarität mit Mitgliedern ihrer eigenen Gemeinschaft, selbst wenn sie tausend Meilen entfernt liegt und unterstützt sie durch dick und dünn, was immer sie auch tut. In ihrer hilflosen Situation träumten die Verfolgten von einem Tag der Rache, wenn sie in die Lage kommt, das anderen anzutun, was ihr angetan wurde.

All dies erfüllt ihr Weltbild, ihre Religion, ihre Traditionen, die von einer Generation zur anderen weitergegeben wurde. Wie Juden seit Jahrhunderten am Pessach-Abend Jahr um Jahr zu Gott gebetet haben: „Gieße aus deinen Zorn über die Goyim..“

Als die Zionisten anfingen, in Palästina anzukommen und eine neue Gemeinschaft gründeten, „Yishuv“ (Siedlung) genannt, schien es so , als hätte Herzl Recht gehabt. Sie begannen, sich so zu verhalten wie die Keimzelle einer wirklichen Nation. Sie verwarfen die Religion und verachteten die Diaspora. „Exiljude“ genannt zu werden, war die schlimmste Beleidigung. Sie nannten sich selbst lieber „hebräisch“, als „jüdisch“. Sie begannen, eine neue Gesellschaft und eine neue Kultur zu gründen.

Und dann geschah das Entsetzliche: der Holocaust.

Er brachte all die alten jüdischen Überzeugungen zurück. Nicht nur die Deutschen waren schuldig, sondern alle Nationen, die zusahen und keinen Finger rührten, um die Opfer zu retten. So wurde schließlich der alte Glaube wahr: die ganze Welt ist gegen die Juden, wir müssen uns verteidigen, egal was es kostet. Wir können uns nur auf uns selbst verlassen. Die Haltung des Yishuv gegenüber dem Judentum und der Diaspora war ein schrecklicher Fehler; wir müssen bereuen und alles annehmen, was wir erst gestern verachteten: die jüdische Religion, jüdische Traditionen, das jüdische Shtetl.

Der verstorbene Professor Yeshayahu Leibowitz, ein praktizierender Jude, sagte, dass die jüdische Religion vor 200 Jahren gestorben sei und dass das einzige, was die Juden noch in aller Welt verbindet, der Holocaust sei.

Gleich nach seiner Gründung wurde der Staat Israel der Holocaust-Staat. Aber wir sind nicht mehr ein hilfloses Ghetto – wir haben mächtige bewaffnete Kräfte, wir können tatsächlich andern antun, was andere uns antaten.

All die alten existentiellen Ängste, das Misstrauen, der Hass, die Vorurteile, die Stereotypen, die Opfermentalität, die Racheträume, die aus der Diaspora stammen, haben den Staat überlagert und schufen eine sehr gefährliche Mischung von Macht und Opfermentalität, Brutalität und Masochismus, Militarismus und die Überzeugung, dass die ganze Welt gegen uns sei. Ein Ghetto mit Atomwaffen.

KANN SOLCH ein Staat überleben und in der modernen Welt sich positiv entwickeln?

Europäische Nationalstaaten haben viele Kriege ausgefochten. Aber sie vergaßen nie, dass nach einem Krieg Frieden kommt, dass der Feind von heute sehr wohl der Verbündete von morgen sein kann. Nationalstaaten bleiben, aber sie werden wechselseitig immer abhängiger von einander, verbinden sich zu regionalen Strukturen und geben enorme Teile ihrer Souveränität ab.

Israel kann dies nicht tun. Öffentliche Meinungsumfragen zeigen , dass die große Mehrheit der Israelis glaubt, es gebe niemals Frieden. Weder morgen noch in hundert Jahren. Sie sind davon überzeugt, dass „die Araber“ darauf aus sind, uns ins Meer zu werfen. Sie sehen das mächtige Israel als Opfer, das von Feinden umgeben ist, während unsere „Freunde“ bereit sind, uns jederzeit einen Dolch in den Rücken zu stoßen. Sie sehen die ewige Besatzung der palästinensischen Gebiete und die Errichtung der Siedlungen überall in Palästina als eine Folge der arabischen Unnachgiebigkeit, nicht als seinen Grund. Sie werden mit blinder Solidarität von den meisten Juden in aller Welt unterstützt.

Fast alle israelischen Parteien, einschließlich der Hauptopposition, bestehen darauf, dass Israel als der „Nationalstaat des jüdischen Volkes“ anerkannt wird. Das bedeutet, dass Israel nicht den Israelis gehört (das bloße Konzept einer „israelischen Nation“ wird offiziell von unserer Regierung abgelehnt), sondern der weltweiten ethnisch-religiös-jüdischen Diaspora, die nicht gefragt worden ist, ob sie damit einverstanden ist, von Israel vertreten zu werden. Es ist die reine Negation eines realen Nationalstaates, der mit seinen Nachbarn in Frieden leben und sich einer regionalen Union anschließen kann.

ICH HABE mir nie Illusionen über die Größe der Aufgabe gemacht, die meine Freunde und ich uns vor Jahrzehnten auferlegt haben. Es geht nicht darum, diesen oder jenen Aspekt Israels, sondern des Staates selbst zu verändern.

Es ist weit mehr als eine politische Sache, die eine Partei durch eine andere zu ersetzen. Es ist sogar weit mehr, als Frieden mit dem palästinensischen Volk zu machen, die Besatzung zu beenden, die Siedlungen zu räumen. Man muss einen grundsätzlichen Wandel des nationalen Bewusstseins herbeiführen, das Bewusstsein eines jeden israelischen Mannes und einer jeden Frau.

Es ist gesagt worden: „man kann die Juden aus den Ghettos holen, aber nicht das Ghetto aus den Juden.“ Genau das ist es, was getan werden muss.

Kann es getan werden? Ich denke ja. Und sicher ich hoffe es.

Vielleicht benötigen wir einen Schock – einen positiven oder einen negativen. Der Besuch hier von Anwar Sadat 1977 kann als Beispiel für einen positiven Schock dienen, indem er noch während des Kriegszustandes nach Jerusalem kam. Er veränderte übernacht das Bewusstsein der Israelis. Auch das Händeschütteln von Rabin und Arafat auf dem Rasen des Weißen Hauses 1993 bewirkte dies. In negativer Weise bewirkte dies der Yom-Kippur-Krieg genau vor 38 Jahren, der Israel zu tiefst erschütterte. Aber dies waren kleine, kurzzeitige Schocks im Vergleich zu dem, den wir nötig haben.

Ein zweiter Herzl könnte vielleicht solch ein Wunder bewirken – gegen alle Chancen. Mit Worten des ersten Herzl: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen.“

Uri Avnery

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Viel Feind, viel Ehr

Erstellt von Gast-Autor am 26. Oktober 2011

„Viel Feind, viel Ehr“

Autor Uri Avnery

EIN ALTES Foto aus dem 1. Weltkrieg zeigt eine Kompanie deutscher Soldaten, die in einen Zug einsteigen, der sie zur Front bringt. An die Wagenwand hatte jemand gekritzelt: „Viel Feind, viel Ehr“.

In jenen Tagen, ganz am Anfang des Krieges, erklärte ein Land nach dem anderen Deutschland den Krieg. Der Geist des Graffito reflektiert die Hybris des obersten Befehlshabers, Kaiser Wilhelm, der sich auf den Kriegsplan des legendären deutschen Generalstabs verließ. Es war tatsächlich ein ausgezeichneter Kriegsplan, und wie bei vielen ausgezeichneten Kriegsplänen, ging von Anfang an alles schief.

Der törichte Kaiser hat jetzt die Erben gefunden, die er verdient. Israels Stellvertreter des Ministerpräsidenten Moshe Yaalon, ein früherer Armeestabschef, dessen Intelligenz unter dem Durchschnitt dieses Ranges liegt, hat angekündigt, dass Israel sich unmöglich bei der Türkei entschuldigen könne, selbst wenn es im nationalen Interesse läge, weil es unser „Prestige“ verletze.

Viel Feind, viel Prestige.

Es scheint, dass wir bald keine Freunde mehr haben, die wir in Feinde verwandeln können, um noch mehr Prestige zu sammeln.

LETZTE WOCHE kam eine schwarze Katze zwischen Israel und seinem zweitbesten Freund: Deutschland.

Hochrangige deutsche Vertreter vertrauten ihren israelischen Kollegen an, dass ihre Kanzlerin Angela Merkel „wütend“ war, als sie hörte, dass die israelische Regierung den Bau von 1100 Wohneinheiten in Gilo, einem Stadtteil des besetzten Ost-Jerusalem, genehmigt habe. Nur ein paar Tage früher hatte das Quartett Israel und die palästinensische Behörde eingeladen, die Verhandlungen wieder aufzunehmen und von „Provokationen“ abzusehen. Wenn dies keine Provokation ist, was ist es dann?

Merkel, gewöhnlich eine Frau von stiller Gelassenheit, behielt ihre Wut nicht bei sich. Sie rief Benjamin Netanjahu an und hielt ihm eine ernste Standpauke, etwas, das vorher nie geschehen war.

Bis jetzt hat sich Deutschland strikt an einen Verhaltenskodex gegenüber Israel gehalten: nachdem die Nazis unaussprechliche Verbrechen gegen Juden begangen hatten, konnte es keine Kritik gegen irgendeine israelische Handlung geben; Deutschland zahlt für einen wichtigen Teil von Israels Ausrüstung; Deutschland hält sich mit jedem moralischen Kriterium zurück, soweit es den israelisch-palästinensischen Konflikt betrifft.

Nun nicht mehr, so scheint es. Wir sind dabei, unsern einzigen zweitbesten Freund zu verlieren.

DAS KLASSISCHE Beispiel für „Wie man Freunde verliert und Leute gegen sich aufbringt“, ist natürlich unsere Affäre mit der Türkei.

David Ben-Gurion, der Erz-Architekt Israels, glaubte, dass Frieden mit den Arabern weder möglich noch wünschenswert sei. Er dachte sich eine Alternative aus: ein Ring umzingelt die arabische Welt – ein Bündnis mit nicht-arabischen Verbündeten. Dies schloss den Iran (unter dem Schah) ein, Äthiopien (unter Haile Selassie), mehrere andere afrikanische Länder und natürlich die Türkei (unter dem Erbe von Kemal Atatürk).

Unsere Beziehungen mit der Türkei entwickelten sich über die Jahre zu einer sehr engen Verbindung, besonders intim zwischen den militärischen Kräften. Gemeinsame Übungen, Verkauf vieler Waffen, Nachrichtenaustausch. Während Israel den irakischen Kurden gegen Saddam Hussein half, half es Ankara, die türkischen Kurden zu unterdrücken. Jerusalem dachte ernsthaft daran, eine Pipeline unter dem Meeresspiegel zwischen der Türkei und Israel zu legen, um Wasser zu bringen, wovon die Türkei eine Menge hat, was Israel aber dringend benötigt.

Plötzlich hat sich alles verändert. Die türkisch-israelischen Beziehungen wurden wie ein Schiff, das direkt von einem Torpedo getroffen wurde.

Es begann, als der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in Davos plötzlich aufstand und einen öffentlichen Dialog mit Shimon Peres verließ. Israelis konnten dies verstehen: nicht jeder kann Peres ertragen.

Aber Avigdor Liebermans Außenministerium entschied sich, sich zu rächen. Sein Vertreter, ein Genie mit Namen Danny Ayalon, zitierte den türkischen Botschafter wegen eines Verweises in sein Büro und ließ ihn auf einem niedrigen Sofa Platz nehmen, während er auf einem hohen Stuhl über ihm thronte. Der Botschafter nahm davon keine Notiz, aber der kleine Danny erklärte den versammelten israelischen Journalisten stolz seinen Trick. Der Botschafter nahm Urlaub und flog nach Hause.

Die Türkei reagierte inoffiziell mit der Mavi Marmara, um die Gaza-Blockade zu brechen. Neun Türken wurden getötet. Die Türkei war in Aufruhr. Erdogan verlangte eine Entschuldigung. Hier kam das Prestige dazu.

Man kann sich natürlich darüber streiten, ob die ganze Sache nicht eine vorsätzlich geplante Taktik von Erdogan war, um den Kurs zu ändern, mit Israel Schluss zu machen und sich nach anderen Verbündeten umzusehen. Wenn es so ist, ist es von unserer Regierung noch dümmer, in seine Hände zu spielen.

ALS DER Arabische Frühling ausbrach, sprang die Türkei auf den fahrenden Wagen auf und schlug eine türkisch-ägyptische Achse vor, was an die guten alten Zeiten des ottomanischen Empire erinnert. Israel andrerseits blieb bei seiner üblichen Linie.

Statt sich darüber klar zu sein, was geschehen war, hielt sich unsere Regierung an die zerbrochene Diktatur von Husni Mubarak. Wenn sie sich unmittelbar und voll und ganz zu Gunsten der Revolution ausgesprochen hätte, hätte sie vielleicht in der ägyptischen öffentlichen Meinung, die Mubarak als einen gut bezahlten amerikanischen Lakaien verachtete (der Israel half, 1,5 Millionen arabische Brüder im Gazastreifen auszuhungern), eine sichere Position gewonnen.

Der israelische Nachrichtendienst realisierte nicht, dass wir einem historischen Erdbeben gegenüber stehen, das die Region verändern wird. Tatsächlich sieht er nie voraus oder versteht die Ereignisse in der arabischen Welt nie– geblendet von seiner Verachtung gegenüber den Arabern.

Die Folge davon war, dass ägyptische Menschenmengen die israelische Botschaft angriffen, und den Botschafter und seinen Stab aus dem Land zu fliehen zwangen, und dass Saboteure wiederholt die Pipeline sprengten, die ägyptisches Gas zu sehr niedrigen Preisen (wahrscheinlich dank Bestechung entsprechender Leute) nach Israel transportiert.

Es wird jetzt gesagt, die ägyptische Öffentlichkeit sei immer gegen den Frieden mit Israel gewesen, ohne dass dies unser Fehler gewesen wäre. Das stimmt nicht. Ich war ein paar Tage nach Anwar Sadats historischem Besuch in Jerusalem in Kairo und fand die ägyptische Hauptstadt in einem Freudentaumel vor. Unzählige Israelis haben seitdem Ägypten besucht und wurden immer und überall mit größter Freundlichkeit empfangen. Erst als Israels Besatzung der palästinensischen Gebiete immer schlimmer wurde, fühlten sich die Ägypter betrogen.

Liebermann und Co. haben die Türkei verloren und sind dabei, auch Ägypten zu verlieren, unsere wichtigsten Verbündeten in der Region – und haben ein Dutzend andere Nationen beleidigt, gedemütigt und sind ihnen auf die Zehen getreten. Aber sie haben zweifellos viel Prestige gewonnen.

LEUTE, DIE in der Politik nach Logik suchen, kommen oft zu Verschwörungstheorien.

Als die gegenwärtige Regierungskoalition aufgestellt wurde, ersuchte Lieberman das Ministerium für Aufnahme von Immigranten, das Justizministerium, das für Innere Sicherheit (Polizei) und das Außenministerium.

Immigranten – das war natürlich. Seine Wähler waren vor allem Immigranten aus der früheren Sowjetunion. Justizministerium und Polizei – auch natürlich. Die Polizei ist dabei, eine endlose Untersuchung gegen ihn durchzuführen, die mysteriöses Kapital betreffen, die er und seine junge Tochter aus osteuropäischen Quellen empfangen haben. Es wäre also gut, etwas Kontrolle über die Justiz und Polizei zu haben.

Aber das Außenministerium? Wozu? Warum nicht das Verteidigungsministerium, das weit mehr Prestigewert hat, oder das ungeheuer mächtige Finanzministerium?

Einer meiner Bekannten kam mit einer Theorie: was wäre , wenn die Russen ….

Lieberman verbringt eine Menge Zeit in Russland, Weißrussland, in der Ukraine und in seinem Herkunftsland Moldavien. Wer außer Russland hat Interesse daran, die internationale Position Israels zu zerstören, den engsten Verbündeten der USA? Wäre es nicht für Vladimir Putin vernünftig gewesen ….

Aber das ist natürlich ein Witz. Nicht nur, dass Lieberman als aufrechter israelischer Patriot bekannt ist, so patriotisch, dass keiner neben ihm besteht, aber kein Agentenchef in Moskau würde einen Mann mit unsteten Augen als seinen Agenten akzeptieren, der auch noch mit einem starken russischen Akzent redet.

Nein, da muss es einen anderen Grund geben. Aber welchen?

EIN AUSLÄNDISCHER Journalist fragte mich neulich: „Aber was denken sie?“

„Sie“ – Netanjahu, Lieberman und die anderen – sind dabei, alle unsere noch verbliebenen Freunde zu verlieren, während sie Barack Obama demütigen. Sie sabotieren die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen. Sie bauen überall Siedlungen.

Wenn die Zwei-Staaten-Lösung schließlich unmöglich gemacht wird, was bleibt dann noch?

Ein vereinigter Staat vom Mittelmeer bis zum Jordan? Welche Art von Staat würde das sein? Sie sind absolut gegen einen bi-nationalen Staat, der eine totale Negation des Zionismus sein würde. Ein Apartheid-Staat? Wie lange könnte der dauern?

Die einzige „rationale“ Alternative wäre eine totale ethnische Säuberung , die Vertreibung von 5,5 Millionen Palästinensern aus der Westbank, dem Gazastreifen und aus Israel selbst. Ist das möglich? Würde die Welt dies tolerieren, wenn sie nicht gerade durch eine Invasion vom Mars abgelenkt würde?

Die Antwort ist: „Sie“ denken nicht darüber nach. Die Israelis haben sich daran gewöhnt, sehr kurzfristig zu denken. Die Amerikaner sagen: „Ein Staatsmann denkt an die nächste Generation, ein Politiker denkt an die nächste Wahl.“ Oder wie der zionistische Führer Chaim Weizmann zu sagen pflegte: „Die Zukunft wird kommen und für die Zukunft sorgen.“

Es gibt keine nationale Debatte, nur ein vager Wunsch, das alles so bleiben möge. Rechte Zionisten wollen am ganzen historischen Palästina festhalten, linke Zionisten wollen so viel wie möglich festhalten. So weit geht das Denken.

Die alten hebräischen Weisen sagten: „Wer ist ein Held? Der seinen Feind in einen Freund verwandelt“. Die modernen Weisen, die uns regieren, haben dies umgedreht: „Wer hat das größte Prestige? Der seine Freunde zu Feinden macht.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Wir, die Verräter

Erstellt von Gast-Autor am 15. Oktober 2011

Wir, die Verräter

Autor Uri Avnery

„ES GIBT Situationen, in der ein wirklicher Patriot keine Alternative hat, als ein Verräter zu sein,“ schrieb Rudolf Augstein in einer Rezension von einem meiner Bücher in den späten 80er-Jahren. Das Buch „Mein Freund, der Feind“ beschrieb u.a. meine Begegnung mit Yassir Arafat. Es war die erste Begegnung zwischen einem Israeli und dem Führer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Sie fand während der Schlacht um Beirut 1982 statt; um dies durchzuführen, musste ich die feindlichen Linien überqueren.

Während ich noch auf dem Rückweg war – auf der Straße von Beirut nach Rosh Hanikra hörte ich im Radio, dass vier Regierungsmitglieder verlangt hätten, mich wegen Verrats anzuklagen. Tatsächlich ordnete Menachem Begins Regierung mit Ariel Sharon als Verteidigungsminister offiziell an, dass der Staatsanwalt ein Strafrechtsverfahren gegen mich beginnt. Nach der Untersuchung kam der Staatsanwalt Yitzhak Zamir zu der Schlussfolgerung, dass ich nicht das Gesetz gebrochen hätte, einesteils, weil ich in Beirut ein Gast der IDF war und andernteils, weil es keine rechtliche Unterscheidung zwischen dem östlichen Teil der Stadt gab ( den die IDF kontrollierte) und dem westlichen Teil (der in Händen der PLO war).

In den 14 Jahren, die diesem 1.Treffen vorausgegangen waren, hielt ich regelmäßig Kontakte mit der PLO-Führung, obwohl sie offiziell als Terror-Organisation definiert wurde und Arafat als Erz-Terrorist. Ich berichtete Rabin, während er Ministerpräsident war (1974-77) über diese Kontakte. Es waren nur 11 Jahre später, dass Israel einen Vertrag mit der PLO schloss, unser Ministerpräsident Arafat umarmte und die Minister, die mich als Verräter vor Gericht bringen wollten , selbst Pilgerreisen zu ihm machten.

ALS AUGSTEIN seinen Kommentar über Verrat schrieb, dachte er besonders an Nazideutschlands berühmtesten Fall von Verrat: den 1944 von Klaus von Stauffenberg ausgeführten Komplott, als er versuchte, Adolf Hitler zu ermorden. Von Stauffenberg, ein Kriegsheld, der im 2.Weltkrieg ein Auge und mehrere Finger verloren hatte, überlegte lange, bis er sich für den Schlag entschied. Als wirklicher Patriot kam er zu dem Schluss, dass nur das Töten Hitlers Deutschland vor der Katastrophe der Niederlage retten und den unnötigen Tod Hunderttausender Menschen in einem verlorenen Krieg verhindern kann. Aber er hatte dem Führer Treue geschworen und als gläubiger Katholik sah er den Treuebruch als eine sehr ernste Angelegenheit an. Ein Aufstand mitten in einem Krieg war natürlich Verrat.

Fast alle Deutschen wären heute damit einverstanden, dass ein solcher Akt von Verrat moralisch und gerecht wäre. Daher wurde die Straße, in der das Hauptquartier des deutschen Generalsstabs lag und in dessen Hof Stauffenberg erschossen wurde, nach ihm benannt. Hier liegen Verrat und Patriotismus dicht neben einander.

Klaus von Stauffenberg war kein Linker. Im Gegenteil. Er war ein Mann der Rechten, sehr konservativ, ein Nachkomme vieler Generationen einer Adelsfamilie. Viel öfter sind es Leute vom linken Flügel, die wegen Verrat angeklagt werden. Diese Anklage mag der gewöhnlichste Fluch jener Rechten sein – weltweit und besonders in Israel – der den Linken verpasst wird: dass sie ihr Volk und ihr Land verraten.

Gemäß der Ansicht des rechten Flügels untergraben die Linken die nationale Stabilität und helfen dem Feind, der uns vernichten will. Die Linken sind fast immer gegen ein großes Militärbudget und behaupten, dass Geld sei nötiger für soziale Dienste wie Erziehung, Gesundheit und Wohlfahrt. Für sie hat das Individuum einen höheren Wert als die Nation und der Staat. Sie sucht Frieden und ist dafür bereit, gegenüber dem Feind Konzessionen zu machen. In der israelisch-palästinensischen Arena, ist sie bereit, Teile des Landes abzutreten, die der Allmächtige selbst dem jüdischen Volk versprochen hat. Kurz gesagt: die Linken sind widerwärtige Verräter.

Die Linken in Israel und in aller Welt kontern, dass sie die wirklichen Patrioten sind; denn sie sind es, die eine gesunde Gesellschaft suchen, die die wirklich Grundlage der nationalen Sicherheit ist. Schließlich sind es nur die Bürger, die sich als Teil des Landes und des Staates fühlen, die bereit sind voll und ganz für diesen zu kämpfen. Außerdem kann kein Staat endlos Krieg führen. Der Staat und das Individuum benötigen Frieden, und nur im Frieden kann ein Staat all seine geistigen und materiellen Ressourcen entwickeln.

Nach den Linken kultiviert die Rechte Hassgefühle, Furcht und Vorurteile gegen andere, in fremden Ländern und gegen Minderheiten innerhalb des eigenen Staates. Um die Unterstützung der Massen zu gewinnen, versucht die Rechte, ständig Spannungen zu schüren und Kriegsabenteuer zu verursachen, ein Phänomen, das ihre eigene verzerrte Weltansicht rechtfertigen kann. Deshalb ist der rechte Flügel eine Bedrohung für den Staat und seine Bürger und führt letzten Endes in eine nationale Katastrophe, die in unserm Fall die Zerstörung des „Dritten Tempels“ bedeuten würde, das erneuerte jüdische Gemeinwesen. Kurz gesagt: widerwärtige Rassisten.

UNSERE EIGENE Geschichte schließt Beispiele von Verrat ein, die dem des Deutschen von Stauffenberg vor langer Zeit vorausgingen. Vor vielen Jahren habe ich einmal mit jemanden zusammen zu Mittag gegessen, der damals eine Schlüsselfigur in der israelischen Wirtschaft war. Während des Gespräches deutete ich auf Shimon Bar Kochba, der den misslungenen jüdischen Aufstand 132-135 n. Chr. gegen Rom anführte; er war ein verrückter Abenteurer. Dass die Zeloten der großen Revolution, die ihm vorausgegangen waren, Verbrecher waren und dass auch die Makkabäer vor ihnen einen mörderischen Bürgerkrieg führten.

Der Bankier starrte mich mit seinen blauen Augen mit einem Blick riesigen Erstaunens an. Er hatte nie solch seltsame Ansichten gehört. In dem Augenblick entschied ich mich, eine Artikelserie über dieses Thema zu schreiben. Sie wurden in einer Serie in Haolam Hazeh veröffentlicht und verursachten keine Aufregung.

Einige Zeit später jedoch schrieb Yehoshafat Harkabi, ein früherer Chef des militärischen Nachrichtendienstes und zur Zeit ein Historiker an der Hebräischen Universität ein Buch in derselben Art, und der Damm brach. Er schrieb: die Rebellion der Zeloten gegen Rom war ein Akt des Wahnsinns. In der Sprache von heute könnten sie extreme Rechte genannt werden. Sensible Leute wie König Herodes Agrippa II. warnte vor dem sinnlosen Abenteuer gegen die riesige Militärmacht der römischen Supermacht. Aber die Zeloten brachten diese Stimmen zum Schweigen, ermordeten jeden, der gegen die Rebellen sprach und übernahmen die Macht in der jüdischen Gemeinde. Als die Römer 70 n.Chr. Jerusalem belagerten, verbrannten zelotische Gruppen sich gegenseitig die Getreidelager, mit der Gewissheit, dass sie diese nicht benötigen, weil der Allmächtige selbst seine Heilige Stadt erlösen wird.

Einer der vernünftigen Leute, der in der verrückt gewordenen Stadt blieb, Rabbi Yochanan Ben Sakkai; sagte die Zukunft richtig voraus. Ben Sakkai tat so, als wäre er tot, und ließ sich in einem Sarg aus der Stadt tragen; er traf sich mit dem römischen Kommandeur und bat um Erlaubnis, in Yavne zu wohnen und dort ein geistliches Zentrum zu eröffnen.

Das war ein totaler Verrat an seinem Volk: die Front zu wechseln, Feigheit, Kontaktaufnahme mit dem Feind, Kollaboration. Als ich ein Jugendlicher war, war ich Mitglied der Irgun, eine vorstaatliche Gruppe im Untergrund; wir organisierten eine Scheingerichtsverhandlung gegen ihn. Er wurde des Verrates für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Die Zeloten waren unsere Helden.

Aber die kollektive Weisheit des jüdischen Volkes pries Ben Sakkais Verrat und stellte fest, dass dieser Schritt die Bewahrung des Judentums während 2000 Jahre Diaspora gewährte. Mit anderen Worten: sein Verrat rettete das Volk. Sein Handeln war ein patriotisches Handeln. Die jüdische Gemeinde war in der Lage, auf ihrem Land zu bleiben und blühte, bis zum Kommen des nächsten Verrückten, Bar Kochba, noch ein Mitglied der extremen Rechten, um die heutige Terminologie anzuwenden.

Das Schicksal der Makkabäer war in der Geschichte besser. Sie haben sich positiv ins jüdische Bewusstsein eingegraben, während an andere zelotischen Aktivitäten an Tisha B’Av trauernd gedacht wird, werden die makkabäischen Taten andrerseits an den Feiertagen gefeiert, und die zionistische Bewegung hat sie als Freiheitskämpfer bejubelt, die die Juden von fremden Unterdrückern befreiten.

Und tatsächlich hatten die Makkabäer im Gegensatz zu den Zeloten und zu Bar Kochba eine realistische Ansicht der politischen Situation ihrer Zeit. Sie schlossen Bündnisse und bereiteten die Rebellion weise vor. Doch die Makkabäerkriege im zweiten Jahrhundert v.Chr. war vor allem ein Bürgerkrieg. Wir sagen, die Makkabäer führten einen mörderischen Feldzug gegen die Hellenisten – aber wer waren die Hellenisten? Es waren diejenigen, die die aufgeklärteste und fortgeschrittenste Kultur ihrer Zeit akzeptierten, etwa dem Status heute, der im allgemeinen der amerikanischen oder westlichen Kultur entspricht.

Das „national-religiöse“ Lager jener Tage und was heute als Hügeljugend bezeichnet wird, sahen die Hellenisten als Verräter an, genau die Art und Weise, wie die Linken heute gebrandmarkt werden. (Dies hielt die Hasmonäerkönige, die den Makkabäern folgten, nicht davon ab, selbst die griechische Kultur anzunehmen, wie einige ihrer Namen andeuten).

VIELE JAHRHUNDERTE später wurde die Krone des verrückten Messianismus an Shabbetai Zvi weitergegeben. Seine Lehre faszinierte im 17. Jahrhundert die jüdischen Massen rund um die Welt – und zwar mit unglaublicher Geschwindigkeit. Nur eine kleine Anzahl von Juden wagte es, diesem Wahnsinn zu widerstehen – sie wurden die „Verräter“ jener Zeit. Als die Seifenblase sich auflöste und der sog. Messias zum Islam konvertierte, wurde klar, dass die Opponenten Recht hatten. Dies brachte aber die Massen nicht dazu, sie beliebt zu machen. Im Gegenteil, wie Gershom Scholem uns erzählt: nach Shabbetai Zwis Schande wurden seine Opponenten sogar noch mehr gehasst.

Und bis jetzt erwähnten wir noch nicht den Erz-Verräter, den Propheten Jeremia, der die Kapitulation predigte. Er war ein wirklicher Defätist. Dafür wurde er von der rechten Regierung des 6. und 7. Jahrhunderts v. Chr. in einen Schlammgraben geworfen. Doch seine Worte wurden in die Bibel aufgenommen, während die seiner Feinde vergessen wurden.

Man könnte noch unzählige Beispiele aus der Geschichte anderer Völker zitieren. In Krisenzeiten werden die wirklichen Patrioten diejenigen sein, die zum Frieden und zum Kompromiss aufrufen, kurz „die Linken“, als Verräter angesehen, wogegen die Nationalisten aller Arten, die Kriegstreiber und die zum Hass aufwiegeln als Patrioten wahrgenommen werden.

Es trifft auf sie zu, was der britische Philosoph Samuel Johnsohn sagte: „Patriotismus ist die letzte Zuflucht eines Schurken.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Veröffentlicht in Haaretz am Vorabend von Yom Kippur, am 7.10.2011

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Meuterei auf der Titanic

Erstellt von Gast-Autor am 6. Oktober 2011

Meuterei auf der Titanic

HIER IST eine Geschichte, die niemals vorher erzählt wurde.

Autor Uri Avnery

Als die Titanic auf ihrem Weg über den Atlantik war, meuterte ihre Mannschaft.

Sie verlangte höhere Löhne, weniger beengte Unterkünfte, bessere Ernährung. Sie versammelte sich auf dem unteren Deck und weigerte sich, von dort wegzugehen.

Ein paar alte Mannschaftsmitglieder aus dem Maschinenraum schlugen vor, den Protest in seinem Kern zu erweitern. Sie behaupteten, der Kapitän sei äußerst inkompetent, die Offiziere seien Trottel und dass die Reise in einer Katastrophe enden würde.

Aber die Führer des Protestes wiesen sie zurück. „Gehen wir nicht über unsere praktischen Forderungen hinaus,“ sagten sie, „der Kurs des Schiffes ist nicht unser Problem. Was auch immer einige von uns über den Kapitän und die Offiziere auf der Brücke denken mögen, wir sollten die Dinge nicht miteinander vermischen. Das würde den Protest nur aufsplittern.“

Die Passagiere mischten sich nicht ein. Viele sympathisierten mit dem Protest, wollten aber nicht darin verwickelt werden.

Es wird gesagt, dass eine betrunkene englische Lady mit einem Glas Whisky in der Hand an Deck stand, als sie einen riesigen Eisberg sich drohend nähern sah. „Ich hatte um etwas Eis gebeten,“ murmelte sie,“ aber dies ist lächerlich!“

SEIT ETWA einer Woche waren alle israelischen Medien auf die Vorgänge der UN gerichtet.

Ehud Barak hatte vor einem „Tsunami“ gewarnt. Avigdor Lieberman sah ein „Blutbad“ voraus. Die Armee war auf riesige Demonstrationen vorbereitet, die sicher in nie gesehener Gewalt enden würden. Keiner konnte an irgendetwas anderes denken.

Und dann verschwand über Nacht der blutige Tsunami wie eine Fata Morgana, und der soziale Protest kam wieder zurück. Raus aus dem Kriegszustand, rein in den Wohlfahrtsstaat.

Warum? Die von Binjamin Netanjahu ernannte Kommission, die die Wurzeln des Protestes untersuchen und Reformen vorschlagen sollte, hat ihre Arbeit in Rekordzeit beendet und legte einen dicken Band von Vorschlägen auf den Tisch. Alle waren sehr gut. Kostenlose Erziehung ab dem 3.Lebensjahr, höhere Steuern für die sehr Reichen, mehr Geld für Häuser usw.

Alles sehr schön, aber bei weitem nicht das, was die Demonstranten gefordert hatten. Fast eine halbe Million Demonstranten ging vor Wochen nicht deshalb auf die Straße. Professoren der Ökonomie griffen die Vorschläge an, andere Professoren der Ökonomie verteidigten sie. Eine lebhafte Debatte folgte.

Dies geht ein paar Tage so. Aber dann muss etwas passieren – vielleicht ein Grenzzwischen- fall oder ein Pogrom in einem palästinensischen Dorf durch Siedler oder eine pro-palästinensische Resolution in der UNO – und die ganze Medienmeute schwenkt um, vergisst die Reformen und wendet sich den guten alten Schrecken zu..

In der Zwischenzeit dient das Militärbudget als Zankapfel. Die Regierungskommission hat vorgeschlagen, das Budget um drei Milliarden zu kürzen – weniger als eine Milliarde Dollar – um die bescheidenen Reformen zu finanzieren. Netanjahu hat seine Zustimmung gegeben.

Keiner nimmt dies sehr ernst. Der kleinste Vorfall wird die Armee in die Lage versetzen, ein Sonderbudget zu fordern, und anstelle von abgesprochenen winzigen Abzügen wird es noch einen großen Zuschuss geben.

Aber die Armee hat schon – buchstäblich – ein Höllenspektakel gemacht und die Katastrophe beschrieben, die über uns kommen wird, wenn die teuflische Kürzung nicht in seinen Anfängen erstickt wird. Wir werden im nächsten Krieg eine Niederlage erleben, viele Soldaten werden getötet werden, das zukünftige Untersuchungskomitee wird die jetzigen Minister anklagen. Sie kriegen schon jetzt das große Zittern.

ALL DIES zeigt, wie leicht nationale Aufmerksamkeit vom „Protest-Modus“ zum „Sicherheits-Modus“ umkippen kann. An einem Tag heben wir auf der Straße die Fäuste, am nächsten besetzen wir die nationalen Wälle, entschlossen, unser Leben teuer zu verkaufen.

Dies kann zu der Schlussfolgerung führen, dass die beiden Probleme in Wirklichkeit ein Problem sind und zusammen gelöst werden müssen. Aber diese Schlussfolgerung trifft auf entschiedenen Widerstand.

Die jungen Führer und Führerinnen des Protestes bestehen darauf, dass die Forderung nach Reformen alle Israelis vereint – Männer und Frauen, Junge und Alte, Linke und Rechte, Religiöse und Säkulare, Juden und Araber, Aschkenasi und Orientalen. Darin liegt ihre Macht. In dem Augenblick, wo Fragen der nationalen Politik hochkommen, wird die Bewegung auseinander brechen. Ende des Protestes.

Mit dem ist es schwierig, zu argumentieren.

Das stimmt. Die Rechten klagen die Protestierenden sowieso an, sie seien verkappte Linke. Sehr wenig Nationalreligiöse erscheinen auf den Demonstrationen und überhaupt keine Orthodoxen. Orientalische Juden – traditionelle Wähler des Likud sind unterrepräsentiert, wenn auch nicht völlig abwesend. Man spricht von einer Bewegung des „weißen Stammes“ – Juden aus Europa.

Noch ist es der Bewegung gelungen, eine offene Trennung zu vermeiden. Die Hunderttausende Demonstranten waren nicht dazu aufgerufen, sich mit einer besonderen Partei oder einem besonderen Glauben zu identifizieren. Die Führer können zurecht behaupten, dass ihre Taktik – falls es eine Taktik ist – bis jetzt Erfolg hatte.

DIESE ÜBERZEUGUNG ist durch Vorfälle vor kurzem in der Laborpartei bestätigt worden.

Diese schon halbtote Partei – in den Umfragen nur noch 7% der Wähler – ist plötzlich zu neuem Leben erwacht. Eine lebhafte Vorwahl der Parteiführung hat etwas Farbe auf ihre Wangen zurückgebracht. Bei einem Überraschungssieg ist Shelly Yacimovich als Parteivorsitzende gewählt worden.

Shelly ( Ich mag diese langen fremden Nachnamen nicht) war in der Vergangenheit eine scharfzüngige Radio-Journalistin mit ausgesprochen feministischen und sozialdemokratischen Ansichten. Vor sechs Jahren trat sie in die Labourpartei ein und wurde unter Amir Peretz, dem damaligen Parteiführer, in die Knesset gewählt, den sie nun vernichtend geschlagen hat.

In der Knesset hat sich Shelly als eine fleißige und unnachgiebige, kämpferische Aktivistin, was soziale Probleme betrifft, ausgezeichnet. Sie ist eine jung aussehende 51erin, eine Einzelgängerin, bei ihren Kollegen nicht beliebt, ohne Charisma, eine Solistin. Doch die einfachen Parteimitglieder zogen sie den Mitgliedern der korrupten alten Garde vor, vielleicht aus purer Verzweiflung. Die Atmosphäre im Land – durch die soziale Protestbewegung hervorgerufen – hat sicher zu ihrem Erfolg beigetragen.

In all den Jahren, in denen sie Mitglied in der Knesset war, hat sie keine der nationalen Probleme erwähnt – Krieg und Frieden, Besatzung, Siedlungen. Sie hat sich ausschließlich auf soziale Probleme konzentriert. Am Abend der Vorwahlen, schockierte sie viele Mitglieder ihrer Partei, indem sie öffentlich die Siedler rhetorisch umarmte. „Die Siedlungen sind weder eine Sünde noch ein Verbrechen,“ behauptete sie, „sie wurden von den Labourpartei-Regierungen dorthin gesetzt und sind ein Teil des nationalen Konsenses“.

Shelly mag dies wirklich glauben oder dies als gute Taktik ansehen – Tatsache ist, dass sie dieselbe Linie annahm wie die Protestbewegung: die sozialen Probleme sollten von nationalen Angelegenheiten getrennt werden. Es scheint, als könne man Rechter sein, was die Besatzung betrifft, und Linker, wenn es um die Steuer der Reichen geht.

ABER IST DAS MÖGLICH?

Am Morgen der Labour-Vorwahlen geschah etwas Erstaunliches. In einer geachteten Meinungsumfrage kam die Labourpartei von 8 auf 22 Knessetsitze und überholte Zipi Livnis Kadima, die von 28 Sitzen auf 18 sank.

Eine Revolution? Nicht ganz. All die neuen Labourstimmen kamen von Kadima. Aber ein Schritt von Kadima zur Labour, an sich interessant, ist nicht bedeutsam. Die Knesset ist in zwei Blöcke gespalten – einen national-religiösen und den Mitte-Links-Arabischen. So lange wie der rechte Block einen 5% Rand hat, wird es keine Veränderung geben. Um eine Veränderung zu bewirken, müssen genügend Wähler von der einen Schale der Waage auf die andere springen.

Shelly glaubt, wenn man nationale Probleme außer Acht lässt und sich auf soziale Fragen konzentriert, können die Wähler dahin gebracht werden, den Sprung zu machen. Einige sagen: das ist es, was zählt. Welchen Nutzen hat es, ein Friedensprogramm vorzulegen, wenn man die Regierung nicht ändern kann? Lasst uns erst mal an die Macht kommen – egal durch welche Mittel – und dann in Richtung Frieden sehen.

Gegen dieses logische Argument gibt es die entgegengesetzte Behauptung: wenn man anfängt, die Siedler anzunehmen und die Besatzung ignoriert, wird man als kleiner unbedeutender Partner in einer rechten Regierung enden, wie es vorher schon geschehen ist. Frage Shimon Peres! Frage Ehud Barak!

Und dann gibt es die moralische Frage: kann man wirklich singen „das Volk verlangt soziale Gerechtigkeit“ und die tägliche Unterdrückung der vier Millionen Palästinenser in den besetzten Gebieten ignorieren? Wenn man seine Prinzipien auf dem Weg zur Macht verlässt – was wird man dann mit jener Macht tun?

DIE JÜDISCHEN hohen Feiertage, die vorgestern begonnen haben, schenken eine Pause zum Nachdenken. Politik bleibt stehen. Die Protestführer versprechen, in einem Monat eine weitere riesige Demonstration abzuhalten, die sich auf soziale Forderungen beschränkt.

In der Zwischenzeit schwimmt die Titanic, dieses wunderschöne Meisterwerk der See-Architektur weiter durch die Meereswogen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Abu Mazens Risiko

Erstellt von Gast-Autor am 2. Oktober 2011

Abu Mazens Riiko // Glückspiel

EINE WUNDERBARE REDE. Eine schöne Rede.

 Autor Uri Avnery

Die Sprache geschliffen und elegant. Die Argumente klar und überzeugend. Der Vortrag tadellos.

Ein Kunstwerk. Die Kunst der Heuchelei. Fast jedes Statement in der Passage, in der die israelisch-palästinensischen Probleme angesprochen wurden, war eine Lüge. Eine offensichtliche Lüge, weil der Redner wusste, dass es eine Lüge war – und auch die Zuhörer wussten dies.

Es war Obama in Hochform. Obama in seiner schlechtesten/ schlimmsten Form.

Als moralische Person müsste er den Drang empfunden haben, sich zu übergeben. Als pragmatische Person wusste er, dass er es tun musste, wenn er wieder gewählt werden wollte.

Im Wesentlichen verkaufte er die fundamentalen nationalen Interessen der USA für die Chance einer zweiten Amtsdauer.

Gar nicht schön – aber das ist Politik, OK?

ES MAG überflüssig sein – den Leser beinahe beleidigend – auf die verlogene Natur dieses rhetorischen Gefüges hinzuweisen.

Obama behandelt die beiden Seiten, als wären sie gleich an Stärke und Macht – die Israelis und die Palästinenser, die Palästinenser und Israelis.

Aber von den beiden sind es die Israelis – und nur sie – leiden und gelitten haben. Verfolgung. Exil. Holocaust. Ein israelisches Kind von Steinen bedroht. Umgeben vom Hass der arabischen Kinder. Traurig.

Keine Besatzung. Keine Siedlungen. Keine Grenzen vom Juni 1967. Keine Nakba. Keine getöteten oder angsterfüllten palästinensischen Kinder. Es ist die gerade israelische Propagandalinie des rechten Flügels, sauber und einfach – die Terminologie, das historische Bild, die Argumentation. Die Musik.

Die Palästinenser sollten natürlich einen eigenen Staat haben. Ganz sicher. Aber sie dürfen nicht penetrant sein. Sie dürfen die USA nicht in Verlegenheit bringen. Sie dürfen nicht zur UN kommen. Sie müssen sich mit den Israelis zusammensetzen – wie vernünftige Leute – und ihr Problem mit ihnen ausarbeiten. Das vernünftige Schaf muss sich mit dem vernünftigen Wolf zusammensetzen und entscheiden, was sie zum Mittagessen haben werden. Ausländer sollen sich da nicht einmischen.

Obama machte vollen Dienst. Eine Frau, die solche Art Dienst liefert, wird gewöhnlich im voraus bezahlt. Obama wurde direkt danach bezahlt, innerhalb einer Stunde. Netanjahu setzte sich mit ihm vor den Kameras zusammen und gab ihm genügend brauchbare zitierbare Liebeserklärungen und der Dankbarkeit, die für mehrere Wahlkampagnen reichen.

DER TRAGISCHE Held dieser Affäre ist Mahmoud Abbas. Ein tragischer Held, aber dennoch ein Held.

Viele Leute mögen von diesem plötzlichen Auftauchen Abbas’ als waghalsigem Spieler mit hohem Einsatz überrascht sein, der es wagt der mächtigen USA gegenüber zu treten.

Wenn Ariel Sharon einen Moment lang aus seinem jahrelangen Koma aufwachen würde, würde er vor Verwunderung schwach werden. Er war es, der Mahmoud Abbas ein „gerupftes Hühnchen“ nannte.

Doch während der letzen paar Tage, war Abbas das Zentrum globaler Aufmerksamkeit. Weltführer berieten mit einander, wie man mit ihm umgehen solle, ranghohe Diplomaten waren eifrig darum bemüht, von diesem oder jenem Verhandlungskurs zu überzeugen. Kommentatoren überlegten, was er wohl als Nächstes tun würde. Seine Rede vor der UN-Vollversammlung wurde wie ein Ereignis dem Konsequenz anhaftet.

Nicht schlecht für ein Hühnchen, selbst für eines mit allern Federn.

Sein Auftauchen als ein Führer auf der Weltbühne erinnert irgendwie an Anwar Sadat.

Als Gamal Abd-al-Nassar plötzlich unerwartet im Alter von 52 Jahren 1970 starb und sein offizieller Vertreter Sadat seinen Mantel übernahm, haben alle politischen Experten mit den Schultern gezuckt.

Sadat? Wer – zum Teufel – ist das? Er wurde als unbedeutende Figur angesehen, eine ewige Nummer zwei, eines der am wenigsten bedeutenden Mitglieder der Gruppe „freier Offiziere“, die Ägypten regierte.

In Ägypten, einem Land voller Witze und Witzbolde, gab es in Fülle geistreiche Bemerkungen über ihn. Im einen ging es um den braunen Fleck auf seiner Stirn. Die offizielle Version war, dass es die Folge vom vielen Beten sei, da er mit der Stirn den Boden berühre. Aber der wahre Grund war – so wurde erzählt – dass bei den Konferenzen, nachdem jeder andere gesprochen hatte, Sadat aufstand und etwas zu sagen versuchte. Da tippte Nasser gutmütig mit seinem Finger auf seine Stirn und drückte ihn sanft nach unten und sagte: „Setz dich Anwar!“)

Zur äußersten Verwunderung der Experten – und besonders der israelischen – ging dieser Nobody ein sehr großes Risiko ein als er 1973 den Oktoberkrieg begann und weiter ging, um etwas in der Geschichte Einmaliges zu tun: er ging in die Hauptstadt eines feindlichen Landes, während noch Krieg herrschte, und machte Frieden.

Abbas’ Status unter Yasser Arafat war dem von Sadats Status unter Nasser ähnlich. Doch Arafat hat nie einen Vertreter bestimmt. Abbas gehörte zu einer Gruppe von vier oder fünf möglichen Nachfolgern. Der Erbe würde sicher Abu-Jihad gewesen sein, wäre er nicht vorher von einem israelischen Kommando vor seiner Frau und den Kindern getötet worden. Ein anderer wahrscheinlicher Kandidat, Abu-Ijad, wurde von palästinensischen Terroristen getötet. Abu-Mazen (Abbas) war dann eine Art Ersatz // 2. Wahl.

Solche Politiker, die so plötzlich aus dem Schatten eines großen Führers treten, gehören im allgemeinen in zwei Kategorien: die ewig frustrierte Nummer zwei und der überraschende neue Führer.

Die Bibel gibt uns Beispiele beider Arten. Der erste war Rehabeam, der Sohn und Erbe des großen Salomo, der seinem Volk sagte: Mein Vater schalt/strafte euch mit der Peitsche, ich will euch mit Skorpionen schelten/strafen.“ Die andere Art wurde von Josua, dem Nachfolger von Moses dargestellt. er war kein zweiter Moses, aber ein großer Eroberer nach seinem eigenen Recht ???

Die moderne Geschichte erzählt die traurige Story von Anthony Eden, die lang leidende Nummer zwei von Winston Churchill, die wenig Respekt abnötigte. (Mussolini nannte ihn nach ihrem ersten Treffen einen „gut geschneiderten Idioten“). Nachdem er an die Macht gekommen war, versuchte er verzweifelt, Churchill gleich zu sein und führte 1956 Britannien bald in die Suez-Katastrophe. Zur zweiten Kategorie gehörte Harry Truman, der Nobody, der dem großen Delano Roosevelt folgte und jeden als resoluten Führer überraschte.

Abbas sieht so aus, als würde er zur ersten Kategorie gehören. Jetzt plötzlich zeigt er sich, als ob er zur zweiten gehöre. Die Welt behandelt ihn mit neuem ??Respekt. Fast am Ende seiner Karriere nimmt er am großen Glücksspiel teil.

ABER WAR es weise? Mutig, ja . Wagemutig, ja. Aber weise?

Meine Antwort ist: ja, es war weise.

Abbas hat die Frage der palästinensischen Freiheit direkt auf den internationalen Tisch gelegt.

Länger als eine Woche ist Palästina im Mittelpunkt internationaler Aufmerksamkeit gestanden. Viele internationale Staatsmänner und -frauen, einschließlich des Führers der einzigen Supermacht der Welt, sind sie mit Palästina beschäftigt gewesen.

Für eine nationale Bewegung ist dies von größter Bedeutung. Zyniker mögen fragen: „Was haben sie davon gehabt/ gewonnen? Doch Zyniker sind Toren. Eine Befreiungsbewegung gewinnt allein durch die Tatsache, dass die Welt aufmerksam wird, dass sich die Medien mit dem Problem herumschlagen, die Menschen mit Gewissen in aller Welt aufstehen. Es stärkt zu Hause die Moral und bringt den Kampf einen Schritt näher am Ziel.

Unterdrückung scheut das Rampenlicht. Besatzung, Siedlungen, ethnische Säuberungen gedeihen am besten im Schatten. Es sind die Unterdrückten, die das Tageslicht brauchen. Abbas’ Schritt lieferte es wenigstens für den Augenblick.

BARACK OBAMAs miserables Auftreten war ein Nagel für den Sarg von Amerikas Status als Supermacht. Es war ein Verbrechen gegen die USA.

Der arabische Frühling mag die letzte Chance für die USA gewesen sein, ihre Position im Nahen Osten wieder zu gewinnen. Nach einigem Zögern wurde dies Obama auch klar. Er rief Mubarak dazu auf, zu gehen, half den Libyern gegen ihren Tyrannen, machte einigen Lärm um Bashar al-Assad. Er weiß, dass er den Respekt der arabischen Massen wieder gewinnen muss, wenn er sein Format in der Region wieder finden will.

Nun hat er dies verraten, vielleicht für immer. Kein sich selbst achtender Araber wird ihm vergeben, dass er den hilflosen Arabern das Messer in den Rücken stieß. Alle Glaubwürdigkeit, die die USA in den letzten Monaten in der arabischen und weiteren muslimischen Welt zu gewinnen versuchte, ist mit einem Windzug weggeblasen worden.

All dies für die Wiederwahl.

ES WAR auch ein Verbrechen gegen Israel.

Israel benötigt Frieden. Israel muss Seite an Seite mit dem palästinensischen Volk innerhalb der arabischen Welt leben. Israel kann sich nicht auf Dauer auf die bedingungslose Unterstützung der niedergehenden USA verlassen.

Obama weiß das sehr genau. Er weiß, was für Israel gut ist, selbst wenn Netanjahu es nicht weiß.

Doch hat er dem betrunkenen Fahrer die Autoschlüssel ausgehändigt.

Der palästinensische Staat wird entstehen. In dieser Woche war es schon klar, dass dies unvermeidlich ist.. Obama wird vergessen werden wie auch Netanjahu, Lieberman und der ganze Haufen.

Mahmoud Abbas – Abu Mazen, wie ihn die Palästinenser nennen – wird in Erinnerung bleiben. Das „gerupfte Hühnchen“, das plötzlich in den Himmel aufsteigt/auffliegt..

(Aus dem Englischen Ellen Rohlfs)

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Daphne und Itzik

Erstellt von Gast-Autor am 15. September 2011

Daphne und Itzik

 

Autor Uri Avnery

ES KLINGT wie der Titel eines romantischen Films. „Daphne, Itzig und all die anderen.“

Er beginnt mit einer Freundschaft zwischen zwei jungen Menschen, er ist Anfang dreißig, sie Mitte zwanzig. Dann streiten sie sich. Er geht. Sie bleibt.

Die Zuschauer wissen genau, was sie wünschen: sie wollen, dass die beiden sich wieder versöhnen, sich küssen, heiraten und Arm in Arm in den Sonnenaufgang gehen, begleitet von einer sanften Melodie.

Was die Schauspieler angeht, so sind sie perfekt. Die beiden spielen sich selbst. Hollywoods Zentrale Rollenverteilung könnte es nicht besser gemacht haben.

Sie ist eine attraktive junge Frau, trägt einen Männerhut, damit man sie leicht erkennt. Er ist der israelische junge Mann, ziemlich hübsch, an seiner Nase leicht zu erkennen.

DIE GESCHICHTE beginnt mit Daphne Leef, Cutterin von Kurzfilmen, Tochter eines Komponisten, und nicht in der Lage, in Tel Aviv eine Wohnung zu mieten. Jetzt reicht es ihr. Sie verkündet über Facebook, dass sie ab jetzt in einem Zelt auf dem Rothschild-Boulevard leben werde und fragt, ob sich ihr noch andere anschließen wollen.

Einige tun dies. Dann kommen mehr. Dann noch mehr. Im Nu sind es mehr als hundert Zelte in der Allee, einer der ältesten der Stadt, eine ruhige Wohngegend. Andere Zeltstädte entstehen im ganzen Land. Eine riesige Massenbewegung ist entstanden. Am letzten Samstag demonstrierten 350 000 Menschen in Tel Aviv, 450 000 im ganzen Land. Das wäre so, als würden in den USA 18 Millionen und in Deutschland drei Millionen auf die Straße gehen.

Einige Zeit nachdem die ganze Sache angefangen hatte, schloss sich die „Israelische Gesellschaft von Universitätsstudenten“, von seinem Vorsitzenden Itzig Shmuli angeführt, der Protestbewegung an. Daphne und Itzig wurden mit einigen anderen als ihre Führer angesehen. Auffallend unter ihnen war Stav Shaffir, leicht zu erkennen an ihrem leuchtend roten Haar (Stav bedeutet Herbst).

Die Medien liebten sie. Sie nahmen sie mit einer vorher nie gesehenen Inbrunst an. In einer Weise, die bemerkenswert war, da alle Medien im Besitz der selben Magnaten waren, die die Demonstranten beschimpften. Die Erklärung könnte die sein, dass der durchschnittliche arbeitende Journalist derselben sozialen Gruppe angehört wie Daphne und die anderen Demonstranten – junge Mittelklassemänner und –Frauen, die hart arbeiten und nicht genug erhalten, damit das Geld bis zum Ende des Monats reicht.

Aber auch die Medien benötigen die Einschaltquote: die Öffentlichkeit möchte die Protestdemos sehen und hören. Keiner kann es sich leisten, sie zu ignorieren, auch nicht ein Magnat, dem es um den Profit geht.

VOR DREI Wochen begannen die ersten Anzeichen für eine Entzweiung. Nachdem Benjamin Netanjahu die Proteste zunächst mit Verachtung behandelt hatte, sah er die Gefahr und tat, was er (und Politiker wie er) immer tun: er ernannte eine Kommission, die „Reformen“ vorschlagen sollte. Weder versprach er, die Empfehlungen zu erfüllen noch erlaubte er der Kommission, die Grenzen des Zwei-Jahres-Staatsbudgets, das schon von der Knesset abgesegnet war, zu durchbrechen.

Für einige war das nur ein Manöver, um Zeit zu gewinnen und die Protestbewegung ihren Schwung verlieren zu lassen. Andere wiesen auf die Tatsache hin, dass die Kommission von einem unabhängigen 61 jährigen Professor mit einem guten Renommée geführt wird, von Manuel Trajtenberg, von dem erwartet werden kann, dass er innerhalb der ihm gesetzten Grenzen sein Bestes tun wird.

Netanjahu selbst – etwa zwischen einem frommen Reaganiten und einem ergebenen Thatcheriten (Vertreter ungezügelten Kapitalismus’) versprach, all seine wirtschaftlichen Ansichten zu verändern.

So begann der Streit. Daphne, Stav und die meisten anderen weigerten sich, mit der Kommission zusammen zu arbeiten. Itzig nahm sie an und traf sich mit ihren Mitgliedern. Daphne war nicht mit der begrenzten Reform zufrieden, die wahrscheinlich von der Kommission zu erwarten war; Itzig war bereit, zu akzeptieren, was zu erreichen war.

Tatsächlich war die Kontroverse vermeidbar. Daphne und ihre Kollegen konnten das tun, was Zionisten immer mit viel Erfolg getan haben: in jedem Stadium das nehmen, was man bekommen kann. Und dann weitergehen, um mehr zu bekommen.

Aber der Streit war mehr als eine Meinungsverschiedenheit über Taktiken. Er reflektiert eine grundsätzliche Differenz des Weltbildes, der Strategie und des Stils.

DAPHNE IST gegen das Establishment. Es geht ihr nicht nur um kleine Veränderungen innerhalb des bestehenden Systems. Obwohl sie mitten im Establishment geboren wurde, in Jerusalems ruhigem Stadtteil Rehavia, möchte sie es umstürzen und etwas völlig Neues schaffen.

Itzik möchte innerhalb des Establishments arbeiten. Er spricht über den „neuen Israeli“, aber es ist nicht klar, was so neu an ihm ist.

Kurz vor der ungewöhnlich großen Demonstration wurde eine schreckliche Sache bekannt: Daphne hat nicht in der Armee gedient. Als der Grund dafür herauskam, dass sie an Epilepsie leidet, wurde noch etwas Schlimmeres bekannt: mit 17 Jahren unterzeichnete sie eine Petition von Gymnasiasten, die die Besatzung verurteilten und sich weigerten, in den besetzten Gebieten Militärdienst zu machen oder überhaupt Militärdienst abzuleisten . (Offensichtlich müssen diese Enthüllungen aus den Aktenordnern des Shin Bet-Sicherheitsdienstes gekommen sein oder von einem der neo-faschistischen „Forschungs“-Zentren, die von extrem rechten jüdischen Milliardären in den US bezahlt werden.) Itzik hat natürlich seinen Militärdienst gemacht.

Die Tatsache, dass die Massen sich dem Protest trotz dieser Enthüllungen anschlossen, zeigt, dass die alte militaristische Sprache ihren Glanz verloren hat. Daphne und ihre Anhänger wollen einen anderen Diskurs.

Einige glauben, dass es grundsätzlich ein Streit zwischen den Geschlechtern sei: männlich gegen weiblich. Daphnes Stil ist sanft und inklusiv, positiv, sie versucht, alle Teile der Gesellschaft zu erreichen. Itziks Stil ist exklusiver. Daphne und Stav sagen nie „ich“, sondern immer „wir“. Itzik benützt frei das „Ich“. Er ließ einige die Stirne runzeln , als er bei einer Demonstration sagte: „Ihr seid im Kampf alle MEINE Partner …“

Die Protestbewegung wird stark von Frauen beeinflusst. Frauen gründeten sie, Frauen sind die Hauptsprecher. Ändert dies ihre Struktur?

(Ich hatte darüber ein Streitgespräch mit einer feministischen Freundin. Sie bestand darauf, dass es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern gebe, dass der bestehende Unterschied von der Kultur geschaffen werde. Jungen und Mädchen werden von Anfang an auf verschiedene Rollen hin erzogen. Ich glaube, dass es da einen grundsätzlich biologischen Unterschied gibt, der auf die Primaten und noch früher zurückgeht. Von Natur aus haben Frauen die Kinder zu gebären und aufzuziehen, während der Mann sie verteidigen muss und für Nahrung zu jagen hat. Aber am Ende kommt es aufs selbe hinaus: der moderne Mensch hat die Fähigkeit, sich zu entwickeln; wir können also unsere Kultur nach unserm Willen bestimmen.)

DAPHNE SCHEINT kein Ego zu haben, keine politischen Ambitionen. Fast jeder glaubt, dass Itzik anderseits seine Augen auf einen Knessetsitz geworfen hat – indem er sein neu gegründetes öffentliches Format benützt, um sich der Labor- (oder einer anderen) Partei anzuschließen, falls er nicht die Führung der Protestbewegung gewinnen und diese in eine Partei nach seiner Vorstellung verwandeln kann.

Das wirkt unwahrscheinlich. Bei der großen Demonstration kam seine Rede gut an. Aber es war Daphne, die wirklich die Herzen der Massen erreichte. Itzik sprach den Verstand an. Daphne sprach das Herz an.

Etwas sehr Seltsames – oder vielleicht auch nicht Seltsames- geschah bei dieser Gelegenheit mit den Medien. Alle drei großen Fernsehstationen brachten die Ereignisse live und ausführlich. Itzigs Rede wurde vollständig von allen drei Stationen gebracht. Aber in der Mitte von Daphnes Rede wurde – wie auf einen Befehl von oben – ihre Stimme abgeschnitten und stattdessen wurden „Kommentare von derselben müden alten Bande von Regierungs-sprechern, „Analytikern“ und „Experten“ gebracht.

Von dem Augenblick an stellten fast alle Medien Itzik übertrieben positiv dar und spielten Daphne herunter. Die Magnaten haben anscheinend wieder die Leitung übernommen.

VON ANFANG an bestanden die Führer der Protestbewegung darauf, dass diese nicht „politisch“, weder „links“ noch „rechts“, sei. Sie sei nur an sozialer Gerechtigkeit, Solidarität und an einem Wohlfahrtsstaat interessiert, nicht an Angelegenheiten des Staates, wie Frieden, Besatzung und Ähnlichem.

Wie lange kann diese Einstellung aufrecht erhalten werden?

In der letzten Woche hielt General Eyal Eisenberg, Kommandeur der Heimatfront (eine von vier geographischen Befehlsbereichen der Armee), eine Rede, in der er einen „allgemeinen Krieg, einen totalen Krieg“ zwischen Israel und einer „islamisierten“ arabischen Welt voraussagte. In diesem Krieg würden auch Massenzerstörungswaffen angewandt werden.

Militärische und politische Führer spielten diese Rede sofort herunter und sagten, dass solch eine Gefahr in nächster Zukunft nicht bestehe. Aber die Auswirkungen waren klar: die Notwendigkeit großer Summen, um ganz Israel mit einer „Eisernen Kuppel“, einer Anti-Raketen Batterie, auszurüsten; riesige Summen auszugeben, um U-Boote für unsere Nuklearwaffen zu kaufen (die nur zum Teil von den Deutschen gezahlt wurden) und sogar noch riesigere Summen um die letzten amerikanischen Tarnkappenbomber zu kaufen. Milliarden und Milliarden von Dollars zu dem schon bestehenden riesigen Militärbudget.

Israel wird immer mehr isoliert. Kurz vor seinem Rücktritt warnte der US-Verteidigungsminister Robert Gate, dass Netanjahu dabei sei, „Israel zu gefährden“. Der palästinensische Antrag bei der UN um Anerkennung des Staates Palästina mag zu einer ernsten Krise führen; der Konflikt mit der Türkei wird von Tag zu Tag gefährlicher; in Ägypten und anderen aufwachenden arabischen Ländern, erreichen anti-israelische Gefühle neue Höhen.

Kann man wirklich vorgeben, dass all dies sich nicht auf die Chancen auswirkt, einen Wohlfahrtsstaat zu schaffen? Dass der Schwung der Protestbewegung aufrecht erhalten werden kann und zunimmt unter diesen dunklen Wolken?

DAS NÄCHSTE Stadium wird mit den Empfehlungen der Trajtenberg-Kommission in ein paar Wochen kommen.

Werden sie es Itzig möglich machen, zu feiern und die ganze Sache rückgängig machen? Werden sie Daphnes Voraussage bestätigen, dass ihnen nur die Krümel bleiben, die von dem Tische fallen, um den die Politiker und Magnaten ihr Festmahl halten? Werden sie diese historische Bewegung auslöschen oder ihr neues Leben einhauchen?

Wie wird dieser Film weitergehen? Ach, da werden wir warten müssen. Wir werden das Ende nicht enthüllen oder? Angenommen, dass wir’s wüssten.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Kriegshunde

Erstellt von Gast-Autor am 12. September 2011

Kriegshunde

Autor Uri Avnery

SO GRAUEN erregende Hunde sind seit Sherlock Holms Hund von Baskerville* nicht mehr gesehen worden.

Sie sind von einem leidenschaftlichen Bewunderer, dem verstorbenen „Rabbi“ Meir Kahane herangezogen worden, der vom israelischen Obersten Gerichtshof als Faschist gebrandmarkt wurde. Ihre Aufgabe ist es, die Siedlungen zu schützen und die Palästinenser anzugreifen. Es sind Siedlerhunde oder besser Hundesiedler.

Alle unsere Fernsehstationen haben lang und breit über sie berichtet und ihre Wirksamkeit und Aggressivität gelobt.

Und dies alles zur Vorbereitung für den „September“.

SEPTEMBER ist nicht nur der Name eines Monats, der siebte nach dem alten römischen Kalender. Er ist ein Symbol einer schrecklichen Gefahr, einer unaussprechlich existentiellen Bedrohung.

In den nächsten paar Wochen werden die Palästinenser die UN ersuchen, den Staat Palästina anzuerkennen. Sie haben schon eine große Mehrheit in der UN-Vollversammlung zusammenbekommen. Danach wird nach der offiziellen Beurteilung unserer Armee die Hölle losbrechen. Massen von Palästinensern werden sich erheben, die Trennungsmauer angreifen, die Siedlungen stürmen, Front gegen die Armee machen, Chaos schaffen.

„Die Palästinensische Behörde ist dabei, ein Blutbad zu planen,“ behauptet Avigdor Lieberman vergnügt. Und wenn Lieberman Gewalt voraussieht, wäre es unklug, ihn zu ignorieren.

Seit Monaten bereitet sich unsere Armee für genau solch eine Eventualität vor. In dieser Woche verkündete sie, dass sie auch die Siedler trainiert und ihnen genau sagt, wann es ihnen erlaubt sei, zu schießen, um zu töten. So bestätigt sie, was wir alle wissen: dass es keinen klaren Unterschied zwischen Armee und Siedlern gibt – viele Siedler sind Offiziere in der Armee, und viele Offiziere leben in Siedlungen. „Die Armee verteidigt alle Israelis, egal, wo sie sind,“ ist die offizielle Linie.

Eines der Szenarien, für die sich die Armee vorbereitet, ist, wenn Palästinenser auf Soldaten und Siedler „mitten aus großen Demonstrationen herausschießen“ würden, wurde erklärt. Das ist eine ominöse Erklärung. Ich bin bei Hunderten von Demonstrationen gewesen und niemals Zeuge irgendeiner Schießerei „von innerhalb der Demonstration“ geworden. Solch eine Person müsste geisteskrank sein, da sie alle Leute um sich herum einer tödlichen Vergeltung aussetzen würde. Aber es ist ein nützlicher Vorwand, um auf gewaltfreie Demonstranten zu schießen.

Es klingt so ominös, weil es an die Vergangenheit erinnert. Nach der ersten Intifada, die als palästinensische Erfolgsgeschichte angesehen wird (und das Oslo-Abkommen verursachte), bereitete sich unsere Armee sorgfältig auf die zweite vor. Die auserwählten Instrumente waren die Scharfschützen.

Die zweite („al-Aqsa-“) Intifada begann nach der gescheiterten Camp David-Konferenz 2000 und Sharons absichtlich provokativem„Besuch“ auf dem Tempelberg. Die Palästinenser hielten gewaltfreie Massendemonstrationen. Die Armee reagierte mit selektivem Töten. Ein Scharfschütze, von einem Offizier begleitet, nahm seine Position auf dem Weg des Protestes, und der Offizier wies auf ausgewählte Ziele hin – auf Demonstranten, die wie „Anführer“ aussahen. Diese wurden getötet.

Dies war sehr wirksam. Bald hörten die gewaltfreien Demonstrationen auf und wurden durch sehr gewalttätige („terroristische“) Aktionen ersetzt. Mit diesen wusste die Armee umzugehen.

Während der zweiten Intifada wurden 4546 Palästinenser getötet, von denen 882 Kinder waren; von Israelis hingegen 1044, davon waren 716 Zivilisten, einschließlich 124 Kinder.

Ich fürchte, dass die Vorbereitungen für die dritte Intifada, von der man annimmt, dass sie im nächsten Monat beginnt, in derselben Richtung läuft. Aber die Umstände werden ganz andere sein. Nach den Ereignissen in Ägypten und Syrien könnten die palästinensischen Demonstranten dieses Mal anders reagieren, und das „Blutbad“ könnte viel schlimmer werden. So werden auch die internationalen und arabischen Reaktionen anders sein. Ich stelle mir Poster vor, die Binyamin al-Assad und Bashar Netanyahu verurteilen.

Aber die meisten Israelis sind nicht beunruhigt. Sie glauben, dass das ganze Szenario von Netanyahu als Trick erfunden wurde, um die riesige Protestbewegung, die Israel zur Zeit erschüttert, zu beenden. „Die jungen Demonstranten verlangen soziale Gerechtigkeit und einen Wohlfahrtsstaat, so wie Kinder ein Eis wünschen, während die Katastrophe hinter der Ecke lauert“, wie ein Oberst (i.R.) sich ausdrückte.

DIE SIEDLER und ihre Hunde werden in den kommenden Szenarien bedrohlich näher rücken.

Das ist selbstverständlich, da die Siedler jetzt eine zentrale Rolle im Konflikt spielen. Sie sind es, die jedes Friedensabkommen oder sogar bedeutsame Friedensverhandlungen verhindern.

Das ist ganz einfach: jeder Frieden zwischen Israel und dem palästinensischen Volk gründet sich notwendigerweise auf das Abtreten der Westbank, Ost-Jerusalems und des Gazastreifens an den zukünftigen Staat Palästina. Ein weltweiter Konsens darüber gilt bereits. Die einzige Frage ist, wo genau wird die Grenze verlaufen, da es auch einen Konsens über einen kleinen Landtausch gibt .

Dies bedeutet, dass Frieden notwendigerweise mit dem Abbau einer großen Anzahl von Siedlungen und der Evakuierung der Siedler aus der Westbank verbunden ist

Die Siedler und ihre Verbündeten dominieren die gegenwärtige Regierungskoalition. Sie lehnen es ab, auch nur einen Quadratmeter des besetzten Gebietes von dem Land abzugeben, das Gott uns verheißen hat. (sogar Siedler, die nicht an Gott glauben, glauben, dass Gott uns das Land verheißen hat). Deswegen gibt es keine Friedensverhandlungen, kein Einfrieren der Bautätigkeit in den Siedlungen, keinen Schritt irgend einer Art in Richtung Frieden.

Die Siedler gingen speziell zu diesem Zweck in die Westbank: um „Fakten vor Ort zu schaffen“, was jede Möglichkeit, einen lebensfähigen Staat zu errichten, verhindert. Deshalb ist es ganz unwesentlich, ob es die Siedler sind, die die Rückkehr der besetzten Gebiete für Frieden verhindern, oder ob die Regierung die Siedler für diesen Zweck benützt. Es kommt aufs selbe heraus: die Siedler blockieren jede Friedensbemühung.

Wie die Amerikaner es ausdrücken: Es sind die Siedler, du Dummkopf!

EINIGE NETTE Israelis spielen tatsächlich dumm oder sind es wirklich.

Es ist jetzt in gewissen Kreisen Mode, die Siedler im Namen der nationalen Einheit zu „umarmen“. Juden sollten sich nicht streiten, sagen sie und beziehen sich auf eine alte Gettoweisheit. Siedler sind Menschen wie wir.

Unter diesen, die so reden, ist die prominente Shelli Yachimovitch, ein Knessetmitglied und eine von sechs Kandidaten für den Vorsitz der moribunden Laborpartei. Jahrelang hat sie eine gute Arbeit als Fürsprecherin für soziale Gerechtigkeit gemacht, doch niemals ein Wort über Frieden, Besatzung, Siedlungen, Palästina und solche Lappalien verloren. Jetzt ist sie – als Teil ihrer Kampagne – darauf gekommen, die Siedler zu lieben. Sie sagt selbst: „Sicher sehe ich das Siedlungsunternehmen nicht als Sünde oder Verbrechen an. Damals beruhte es vollkommen auf Übereinkunft. Es war die Laborpartei, die die Siedlungen in den Gebieten förderte. Das ist eine Tatsache, eine historische Tatsache.“

Einige glauben, dass Yachimovitch nur vorgibt, so zu denken, um die Stimmen des Mainstream für die Partei zu gewinnen, und dass sie beabsichtigt, das, was von der Partei übriggeblieben ist, mit Kadima zu vereinigen, wobei sie versuchen würde, Zipi Livni zu ersetzen und vielleicht sogar Minister-präsidentin zu werden.

Vielleicht. Ich habe aber einen heimlichen Verdacht, dass sie wirklich an das glaubt, was sie sagt – und das ist eine schreckliche Sache, dies über einen Politiker oder eine Politikerin zu sagen.

ABER IM Ernst, man kann die Siedler nicht umarmen und gleichzeitig für soziale Gerechtigkeit kämpfen. Dies geht einfach nicht, auch wenn einige der Führer der sozialen Protestbewegung dies aus taktischen Gründen befürworten.

Es kann keinen israelischen Wohlfahrtsstaat geben, während der Krieg weitergeht. Die Grenzvorfälle der letzten beiden Wochen zeigen, wie leicht es ist, die öffentliche Meinung abzulenken und die Proteste zum Schweigen zu bringen, wenn das Banner der Sicherheit entfaltet wird. Und wie leicht es für die Regierung ist, irgendeinen Vorfall zu verlängern.

Die Erzeugung der Angst vor dem „September“ ist nur ein weiteres Beispiel..

Aber die Gründe für die Unmöglichkeit, die soziale Gerechtigkeit von der Sicherheit zu trennen, geht noch tiefer. Ernsthafte soziale Reformen brauchen Geld, eine Menge Geld. Selbst nach der Reform des Steuersystems – mehr „progressive“ direkte Steuern, weniger „rückläufige“ indirekte Steuern – und ein Durchbrechen des Kartells der Magnaten, werden viele Milliarden Dollar nötig sein, um unsere Schulen, unsere Krankenhäuser und unsere sozialen Dienste zu retten.

Diese Milliarden können nur aus dem Militärbudget und den Siedlungen kommen. Riesige Summen werden in die Siedlungen investiert – nicht nur in hoch subventionierte Wohnungen für die Siedler, Regierungsgehälter für viele Siedler (ein weit höherer Prozentsatz als in der normalen Bevölkerung), auch für die Infrastruktur (Straßen, Strom- und Wasserleitungen etc.) und für die große Anzahl von Soldaten, um sie zu verteidigen. Die Vorbereitungen für „September“ zeigen wieder, wie viel dies kostet.

ABER SELBST dies ist noch nicht die ganze Geschichte. Hinter all diesen Tatsachen gibt es noch einen Hauptgrund für die Verunstaltung Israels: der Konflikt selbst.

Wegen des Konfliktes sind wir verpflichtet, ein riesiges militärisches Establishment aufrecht zu erhalten. Wir zahlen pro Kopf für die bewaffneten Kräfte weit mehr als die Bürger in irgend einem westlichen Land. Israel, ein Land mit nur 7,5 Millionen, unterhält die viert- oder fünftgrößte Armee der Welt. Die US-Militärhilfe zahlt nur einen kleinen Teil davon.

Deshalb wäre die Beendigung des Krieges eine notwendige Vorbedingung für jede reale Anstrengung, Israel in einen „skandinavischen“ Wohlfahrtsstaat zu verwandeln mit einem Maximum von sozialer Gerechtigkeit. Der Konflikt ist nicht nur ein Punkt unter vielen, der betrachtet werden muss. Er ist der wichtigste Punkt.

Man kann die Siedler lieben oder hassen, gegen sie sein oder sie umarmen, soviel man will – es bleibt die Tatsache, dass die Siedlungen bei weitem das Haupthindernis für Frieden und den Wohlfahrtstaat sind. Nicht nur wegen ihrer Kosten, nicht nur wegen der von ihren Bewohnern von Zeit zu Zeit ausgeführten Pogrome, nicht nur weil sie das politische System dominieren. Sondern allein wegen ihrer Existenz.

Im Gegensatz zu dem Hund von Baskervilles bellen die Hunde der Siedlungen laut. Es ist der Klang des Krieges.

*„Der Hund von Baskerville“ ist ein Detektivroman von Conan Doyle (Uri las ihn als Kind ER)

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Vom Rothschild-Boulevard

Erstellt von DL-Redaktion am 9. September 2011

Soziale Unruhen und Proteste in Israel

Israel Housing Protests Tel Aviv August 6 2011b.jpg

Ein sehr gutes Beispiel für Globalisation sehen wir bei einen Vergleich der Länder Israel und Deutschland. Lesen wir den folgenden Artikel werden wir die herrschenden Verhältnisse aus Israel so ziemlich eins zu eins in unseren Land wiederfinden. Der gleiche Sozialabbau, die gleiche Einigkeit über desselben quer durch alle Parteien sowie das gleiche Ansinnen immer mehr Gelder in die Taschen derjenigen zu schaufeln deren  Bankkonten ehe schon überquellen.

Nur in einem Thema scheiden sich die Geister. In Israel gibt es eine Gruppe welcher es immer mehr gelingt die Massen zu mobilisieren und damit zu Protesten auf die Straßen zu bringen. In Israel zogen am letzten Wochenende rund eine halbe Millionen Menschen durch die Straßen der großen Städte. Auf die Einwohnerzahl des Landes umgerechnet beteiligten sich rund 7 % der Bevölkerung an diesen Aufmärschen. Wir berichteten am Sonntag bereits darüber. Auf unser Land umgerechnet würde dieser Prozentsatz  rund 5,5 Millionen Menschen ergeben. Eine Anzahl welche die gesamte Politik dieses Landes über Nacht aus dem Dauerschlaf erwecken und ins wanken bringen würde. Aber wie gesagt so ist es in Israel.

Über die Entstehung dieser Protestbewegung welche auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv begann berichtet Yael Lerer. Erleben wir bald gleiches auf dem Kurfürstendamm auch ?

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Tel Aviv, Rothschild-Boulevard

Israels Protestbewegung hat viel nachzuholen

Aus nur einem Grund, nämlich der Wohnungsnot, gründete die 25-jährige Daphné Leef eine Facebook-Gruppe und rief dazu auf, in Tel Aviv ein Protestcamp zu errichten. Innerhalb eines Jahres sind hier die Mieten um 11 Prozent gestiegen – von durchschnittlich 742 Euro für eine Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnung auf 827 Euro. Daphné Leef erging es wie vielen ihrer Freunde: Sie musste ihre Wohnung im Stadtzentrum aufgeben.

Am vereinbarten Tag, dem 14. Juli, schlugen etwa hundert junge Leute, meist aus der oberen Mittelschicht, ihre Zelte auf dem Rothschild-Boulevard auf. Bereits nach einer Woche standen mehrere hundert Zelte auf Tel Avivs Hauptverkehrsstraße, und zur ersten Demonstration kamen 20 000 Menschen. In anderen Städten fanden sich schnell Nachahmer, auch aus ärmeren Schichten, die auf öffentlichen Plätzen kampierten. Und am 6. August zogen bereits 300 000 Menschen durch Tel Aviv und forderten soziale Gerechtigkeit. Anfang September gingen in ganz Israel fast eine halbe Million auf die Straße.

In den letzten Jahren ist der Lebensstandard in Israel immer weiter gesunken. Es gibt weniger Jobs, die Sozialleistungen werden gekürzt und öffentliche Dienstleistungen abgebaut. Während der Wirtschaftskrise zu Beginn der 1980er Jahre betrug die Inflationsrate in Israel fast 450 Prozent. 1985 legte die Regierung der Nationalen Einheit unter Ministerpräsident Schimon Peres einen „Stabilitätsplan“ vor, der die Wirtschaftspolitik unter dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan kopierte. Das Konzept umfasste damals nicht nur finanzpolitische Maßnahmen wie die Abwertung des Schekel und die Einführung eines festen Wechselkurses, sondern auch die Reduzierung öffentlicher Ausgaben, einen fast vollständigen Lohnstopp und den Abbau von Arbeitnehmerrechten. Der mächtige israelische Gewerkschaftsverband Histadrut assistierte bei der Verabreichung dieser bitteren Pille.

Fast alle politischen Gruppierungen akzeptierten den Stabilitätsplan – von der extremen Rechten über den linken Flügel der Arbeitspartei bis zur Meretz, ausgenommen die Vertreter der arabischen Minderheit, die bisher an keiner Regierung beteiligt waren. Seit mehr als zwanzig Jahren dominiert das liberale Dogma die Wirtschaftspolitik des Landes, unabhängig davon, welches Bündnis regiert. Die Debatten zwischen Linken und Rechten gehen meistens um die Palästinenserfrage, doch selbst hier ist man sich weitgehend einig.

Quelle: Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

IE

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Grafikquellen   :   Israeli housing protests in Tel Aviv August 6, 2011

 

 

 

 

 

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Zu den Küsten von Tripolis

Erstellt von Gast-Autor am 1. September 2011

Zu den Küsten von Tripolis

Autor Uri Avnery

OBWOHL UNS die Bibel sagt „Freue dich nicht über den Fall deines Feindes“ (Sprüche 24), konnte ich nicht anders, als mich freuen.

Muammar al-Gaddafi war der Feind jeder anständigen Person in der Welt. Er war einer der schlimmsten Tyrannen in jüngster Vergangenheit.

Diese Tatsache war verborgen hinter einer Fassade von Clownerie. Er liebte es, sich selbst als Philosoph darzustellen (s. das „Grüne Buch“), als visionärem Staatsmann (Israelis und Palästinenser müssen sich zum Staat Isratin vereinen), selbst als unreifem Teenager (seine unzähligen Uniformen und Kostüme). Aber hauptsächlich war er ein erbarmungsloser Diktator, umgeben von korrupten Verwandten und Freunden, die den großen Reichtum Libyens verschwendeten.

Das war für jeden offensichtlich, der sehen wollte. Leider gab es nicht wenige, die ihre Augen verschlossen hielten.

ALS ICH meine Unterstützung für die internationale Intervention zum Ausdruck brachte, erwartete ich, von wohlmeinenden Leuten angegriffen zu werden. Ich wurde nicht enttäuscht.

Wie konnte ich nur? Wie konnte ich die amerikanischen Imperialisten und die grässliche NATO unterstützen? War mir denn nicht klar, dass es nur ums Öl ging?

Ich war nicht überrascht. Ich habe dies schon einmal erlebt. Als die Nato begann, das serbische Gebiet zu bombardieren, um den Verbrechen des Slobodan Milosevic im Kosovo ein Ende zu bereiten, wandten sich viele meiner politischen Freunde gegen mich.

War mir denn nicht klar, dass dies alles nur eine imperialistische Verschwörung war? Dass die hinterhältigen Amerikaner Jugoslawien (oder Serbien) nur auseinander reißen wollten? Dass die Nato eine böse Organisation war? Dass Milosevic, auch wenn er ein paar Fehler haben mag, eine progressive Menschlichkeit vertrat?

Dies wurde gesagt, als die grausamen Akte des Massenmordes in Bosnien für jeden offensichtlich waren, als Milosevic schon als kaltblütiges Monster bloßgestellt war. Ariel Sharon bewunderte ihn.

Wie können also anständige, wohlmeinende Linke, Menschen mit makelloser humanistischer Vorgeschichte, solch eine Person umarmen? Meine einzige Erklärung war, dass ihr Hass auf die USA und die NATO so stark, so leidenschaftlich war, dass jeder, der von ihnen angegriffen wurde, gewiss ein Wohltäter der Menschheit sein muss und alle Anklagen gegen sie reine Erfindungen waren. Sogar Pol-Pot.

Nun geschah es noch einmal. Ich wurde bombardiert mit Mails von wohlmeinenden Leuten, die Gaddafi für alle seine guten Taten lobten. Man hat den Eindruck bekommen können, dass er ein zweiter Nelson Mandela, wenn nicht gar ein zweiter Mahatma Gandhi war.

Während die Rebellen sich schon durch seine große ummauerte Anlage kämpfen, lobte ihn der sozialistische Führer Venezuelas Hugo Chavez als wahres Modell aufrichtiger Menschlichkeit, ein Mann, der es wagt, sich gegen die amerikanischen Aggressoren zu stellen.

Nun, tut mir leid, da mache ich nicht mit. Ich habe diese irrationale Abscheu vor blutigen Diktatoren, vor völkermörderischen Massenmördern, vor Führern , die gegen ihr eigenes Volk Krieg führen. Und bei meinem fortgeschrittenen Alter ist es schwierig, sich zu ändern.

Ich bin bereit, sogar den Teufel zu unterstützen, wenn es nötig ist, diese Art Grausamkeit zu beenden. Ich würde nicht einmal nach seinen genauen Motiven fragen. Was immer man auch über die USA und/oder die NATO denken mag – wenn sie einen Milosevic oder einen Gaddafi entwaffnen, dann haben sie meinen Segen.

WIE GROSS ist die Rolle der NATO bei der Niederlage des libyschen Diktators?

Die Rebellen hätten Tripolis nicht erreicht, gewiss nicht bis heute, wenn sie nicht die NATO-Unterstützung aus der Luft gehabt hätten. Libyen ist eine große Wüste. Die Offensive war auf eine lange Straße angewiesen. Ohne die technische Beherrschung der Luft, würden die Rebellen massakriert worden sein. Jeder, der während des 2.Weltkrieges lebte und den Feldzügen Rommels und Montgomery folgte, weiß dies.

Ich vermute, dass die Rebellen auch Waffen und Rat erhalten haben, der ihre Offensive erleichterte.

Aber ich bin gegen die gönnerhafte Behauptung, dass dies alles ein Sieg der NATO war. Es ist die alte kolonialistische Haltung in neuer Gestalt. Natürlich konnten diese armen, primitiven Araber nicht alles ohne den Weißen Mann machen.

Aber Kriege werden nicht mit Waffen gewonnen, sie werden von Menschen gewonnen. „Mit Stiefeln auf dem Boden“, wie die Amerikaner dies nennen. Selbst mit all der Hilfe, die die libyschen Rebellen erhielten, so unorganisiert und schlecht bewaffnet sie waren, so haben sie doch einen erstaunlichen Sieg errungen. Dies wäre so nicht ohne wirkliche revolutionäre Leidenschaft, ohne Tapferkeit und Entschlossenheit geschehen. Es ist ein libyscher Sieg, kein englischer oder französischer.

Dies ist von den internationalen Medien heruntergespielt worden. Ich habe keine einzige echte Kampf-Reportage gesehen (und ich weiß, wie das aussieht). Journalisten haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Sie zeigten exemplarische Feigheit, blieben in sicherem Abstand von der Front, sogar während des Falles von Tripolis. Im Fernsehen sahen sie mit ihren großen Helmen lächerlich aus, als sie von barhäuptigen Kämpfern umgeben waren.

Was herüber kam, war endloser Jubel über den Sieg, der scheinbar vom Himmel gefallen war. Aber das waren Heldentaten, die vom Volk begangen worden waren – ja von einem arabischen Volk.

Dies ist für unsere israelischen „Militärkorrespondenten“ und unsere „Experten von arabischen Angelegenheiten“ besonders ärgerlich. Daran gewöhnt, „die Araber“ zu verachten oder zu hassen, schrieben sie dem Sieg der Nato zu. Es scheint, dass das Volk von Libyen eine kleinere Rolle gespielt hat, wenn überhaupt eine.

Nun plappern sie endlos über die „Stämme“, die Demokratie und eine ordentliche Regierung in Libyen unmöglich machen werden. Libyen sei kein wirkliches Land. Es war ,bevor es eine italienische Kolonie wurde, nie ein geeintes Volk. So etwas wie ein libysches Volk gibt es gar nicht. (Man erinnere sich, was die Franzosen über die Algerier und Golda Meir über die Palästinenser sagten).

Nun, dafür, dass ein Volk nicht existiert, kämpften die Libyer sehr gut. Und was die „Stämme“ angeht – wie kommt es, dass es nur in Afrika und Asien Stämme gibt, niemals unter Europäern? Warum nicht ein walisischer Stamm oder ein bayrischer Stamm?

(Als ich 1986 vor dem Friedensvertrag Jordanien besuchte, wurde ich von einem sehr zivilisierten, hochrangigen jordanischen Beamten eingeladen. Nach einer interessanten Unterhaltung beim Mittagessen überraschte er mich, als er erwähnte, er würde zu einem bestimmten Stamm gehören. Am nächsten Tag, als ich mit einem Pferd nach Petra ritt, fragte mich der Reiter neben mir mit leiser Stimme, ob ich „zum Stamm“ gehören würde. Ich brauchte eine Zeitlang, bis ich verstand, dass er mich fragte, ob ich Jude sei. Es scheint, dass amerikanische Juden über sich selbst in dieser Weise sprechen.)

Die „Stämme“ von Libyen würden in Europa „ethnische Gruppen“ genannt und in Israel „Kommunen“. Der Terminus „Stamm“ hat eine herablassende Assoziation. Wir sollten diesen Ausdruck nicht mehr benützen.

ALL JENE, die die Intervention der NATO verdammen, sollten auf eine einfache Frage antworten: Wer hätte denn sonst diesen Job getan?

Die Menschheit des 21. Jahrhunderts kann keine Akte von Genoziden und Massenmorden tolerieren, egal, wo sie geschehen. Sie können nicht zusehen, wenn Diktatoren ihr eigenes Volk abschlachten. Die Doktrin des „Nicht-Eingreifens“ in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten“ gehört in die Vergangenheit. Wir Juden, die wir die Menschheit angeklagt haben, untätig abseits gestanden zu haben, während Millionen Juden, einschließlich deutscher Bürger, von der legitimen deutschen Regierung vernichtet wurden, schulden der Welt gewiss eine Antwort.

Ich habe einige Male erwähnt, dass ich für eine Art effektiver Weltregierung sei und erwarte, dass es sie am Ende dieses Jahrhunderts gibt. Dies würde eine demokratisch gewählte Welt-Exekutive einschließen, die auch militärische Kräfte zu ihrer Verfügung hat, die eingreifen können, wenn ein Weltparlament dies entscheidet.

Damit dies geschieht, müssen die Vereinigten Nationen vollkommen umorganisiert werden. Die Veto-Macht muss verschwinden. Es ist unerträglich, dass die US mit einem Veto die Aufnahme Palästinas als Mitgliedstaat verhindern oder dass Russland und China mit einem Veto eine Intervention in Syrien verhindern kann.

Gewiss sollten die Stimmen der Großmächte wie die der USA und Chinas gewichtiger sein als – sagen wir mal – Luxemburg oder die Fidschi-Inseln, aber eine Zwei-Drittel-Mehrheit in der Vollversammlung sollte die Macht haben, Washington, Moskau und Peking zu überstimmen.

Das mag Zukunftsmusik sein oder, wie andere sagen, ein Hirngespinst. Was die Gegenwart betrifft, so leben wir in einer sehr unvollkommenen Welt und müssen mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln auskommen. Die NATO ist leider eines davon. Die EU ist ein anderes, obwohl in diesem Fall das arme, ewig von schlechtem Gewissen geschlagene Deutschland sie gelähmt hat. Wenn Russland oder China sich ihr anschließen würden, wäre dies gut.

Dies ist kein fernes Problem. Gaddafi ist am Ende, aber Bashar al-Assad ist es nicht. Er schlachtet sein Volk ab, während Sie dies lesen, und die Welt sieht hilflos zu.

Gibt es Freiwillige, die bereit sind zu intervenieren?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Quelle: Mit ausdrücklicher Freigabe durch Uri Avnery an DL

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Sozialproteste in Israel

Erstellt von DL-Redaktion am 29. August 2011

Schwere Sozialproteste in Israel

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/25/Israel_Tel_Aviv_Egged_buses.jpg

Sie lassen sich nicht unterkriegen, die Protestierenden in Tel Aviv und riefen: „Die Antwort auf Privatisierung? – Regierungswechsel“. Zwar hatten sich nur 15.000 zusammengefunden um am Samstagabend in einen Protestzug durch die Straßen zu marschieren. Betrachtet wurde dieser Marsch auch nur zur Vorbereitung auf den für den nächsten Samstag geplanten „Marsch der Millionen“.

In Folge der Anschläge und dem Raketenbeschuss im Süden des des Landes waren die Demonstrationen in den letzten zwei Wochen zurückgeblieben und eine Vielzahl der Zeltstadtbewohner ist in ihren Wohnungen zurückgekehrt. Trotzdem lehnt man es ab, die Bewegung einfach aufzugeben ohne bleibende Spuren zu hinterlassen. Spätestens bei den nächsten Wahlen werden die Parteien merken das sich die Räder nicht mehr zurückdrehen lassen. Die Leute haben scheinbar verstanden was eine Zivilgesellschaft ausmacht sagt eine bekannte Politikdozentin.“Es werde neben Erfolge auch zu Misserfolgen kommen, aber es wird weitergehen.“

Hier ein Interview mit dem Autor Etgar Keret über Proteste und Terror

„Israels Linke wird sich erneuern“

taz: Herr Keret, die Massenproteste der letzten Wochen waren die größten, die Israel je gesehen hat. Bis zu 300.000 Menschen haben sich daran beteiligt, am Mittwoch kam die Knesset deshalb zu einer Sondersitzung zusammen. Wie geht es jetzt weiter?

Etgar Keret: Schwer zu sagen. Tatsache ist, dass diese Bewegung unsere Erwartungen mehrfach übertroffen hat. Aber wir leben in einer sehr fragilen und unsicheren Region. Ein Ereignis wie die Anschläge in Eilat und die Reaktion Israels, das daraufhin Kampfbomber in den Gazastreifen losgeschickt hat, reicht da oft schon aus, um die Tagesordnung von einer Minute auf die andere zu verändern. Dann heißt es, wir können jetzt nicht über solche Sachen sprechen, sonst stehst du schnell als eine Art Vaterlandsverräter da.

Sie meinen, jede politische Eskalation spielt Netanjahu in die Hände?

Ich möchte nicht wie ein Verschwörungstheoretiker klingen. Aber Netanjahu kann nichts Besseres passieren, um von diesen Protesten abzulenken. Ich glaube auch, dass es diese Regierung kaum erwarten kann, dass die Palästinenser im September ihren Wunsch nach Staatengründung vor die UNO bringen, um die Furcht vor einer dritten Intifada anzustacheln. Auch Assad in Syrien käme es sicher sehr gelegen, wenn der Nahostkonflikt wieder angeheizt würde. Wir sind ja nicht die Einzigen in der Region, die paranoide Führer besitzen.

Woran liegt es, dass diese Protestbewegung so rapide anwuchs?

Es gab in Israel schon früher große Demonstrationen. Aber je nachdem, wer dazu aufrief, wusste man, wer kommen würde. Das war jetzt anders, hier kommen die unterschiedlichsten Leute auf der Straße zusammen.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

IE

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Grafikquelle   :

Тель-Авив.Автобусы кооператива Эггед.

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Dichters Gesetz

Erstellt von Gast-Autor am 18. August 2011

Dichters Gesetz

Autor  Uri Avnery

„DAS VOLK verlangt soziale Gerechtigkeit!“ riefen 250 000 Demonstranten am Samstag unisono in Tel Aviv. Aber was sie brauchen, ist „mehr arbeitslose Politiker“ – um einen amerikanischen Künstler zu zitieren.

Glücklicherweise ist die Knesset für drei Monate in verlängerte Ferien gegangen. Denn wie Mark Twain witzelte: „Niemandes Leben und Besitz ist sicher, solange die Legislatur tagt.“

Als wollte er dies belegen, hat Knessetmitglied Avi Dichter noch am letzten Sitzungstag einen so haarsträubenden Gesetzesvorschlag eingereicht, dass dieser leicht die vielen anderen rassistischen Gesetze, die in letzter Zeit von dieser Knesset angenommen wurden, übertrumpft.

„DICHTER IST (wie uns Deutschen bekannt ist) ein deutscher Name, und seine Bedeutung ist uns natürlich bekannt. Aber er ist kein Dichter. Er ist der frühere Chef der Nachrichtendienste, die hier unter „Geheimpolizei“ (Shin Bet oder Shabak) läuft.

Stolz verkündete er, dass er anderthalb Jahre gebraucht habe, um dieses besondere Projekt zu „feilen“ und dies zu einem juristischen Meisterwerk zu machen.

Und es ist ein Meisterstück. Kein Kollege im damaligen Deutschland und im gegenwärtigen Iran hätte ein glanzvolleres Stück produziert. Die anderen Knessetmitglieder schienen genau so zu empfinden – nicht weniger als 20 der 28 Kadima-Fraktion wie auch alle anderen durch und durch rassistischen Mitglieder dieser illustren Körperschaft haben ihren Namen unter diese Gesetzesvorlage als Koautoren gesetzt.

Der eigentliche Name –„Das Grundgesetz: Israel der Nationalstaat des jüdischen Volkes“ – zeigt, dass dieser Dichter weder ein Poet noch ein Intellektueller ist. Unter Geheimpolizeichefs ist das ja sehr selten.

Den Begriffen „Nation“ und „Volk“ liegen zwei verschiedene Vorstellungen zu Grunde. Es wird gewöhnlich akzeptiert, dass ein Volk eine ethnische Entität ist, eine Nation eine politische Gemeinschaft. Sie existieren auf zwei verschiedenen Ebenen. Aber das ist hier egal.

Es ist der Inhalt der Gesetzvorlage, der zählt.

WAS DICHTER vorschlägt, ist, der offiziellen Definition von Israel als „einem jüdischen und demokratischen Staat“ ein Ende zu setzen.

Stattdessen schlägt er vor, klare Prioritäten zu setzen: Israel ist vor allem der Nationalstaat des jüdischen Volkes und erst danach ein demokratischer Staat. Wo auch immer die Demokratie mit der Jüdischkeit des Staates kollidiert, siegt die Jüdischkeit und verliert die Demokratie.

Dies macht ihn übrigens zum ersten rechten Zionist (außer Meir Kahane), der offen zugibt, dass es einen grundsätzlichen Gegensatz zwischen einem „jüdischen“ Staat und einem „demokratischen“ Staat gibt. Seit 1948 ist dies von allen zionistischen Fraktionen, ihrer Phalanx von Intellektuellen und dem Obersten Gericht, entrüstet geleugnet worden.

Die neue Definition bedeutet, dass der Staat Israel allen Juden in der Welt gehört – einschließlich den Senatoren in Washington, den Drogenhändlern in Mexiko, den Oligarchen in Moskau und den Casinobesitzern in Macao, aber nicht den arabischen Bürgern Israels, die seit mindestens 1300 Jahren hier gewesen sind, als die Muslime Jerusalem betraten. Die christlichen Araber verfolgen ihre Herkunft zurück bis zur Kreuzigung Jesu vor 1980 Jahren, die Samaritaner waren seit 2500 Jahren hier und viele Dorfbewohner sind wahrscheinlich Nachkommen der Kanaaniter, die schon vor 5000 Jahren hier lebten.

All diese werden, sobald die Gesetzesvorlage zum Gesetz wird, Bürger zweiter Klasse werden, nicht nur in der Praxis wie jetzt, sondern auch nach der offiziellen Doktrin. Wenn ihre Rechte mit dem zusammenprallen, was die jüdische Mehrheit für die Erhaltung der Interessen des „Nationalstaates des jüdischen Volkes“ für notwendig erachtet – was alles einschließt von Landbesitz bis zu den strafrechtlichen Gesetzen – ihre Rechte werden ignoriert werden.

DIE GESETZESVORLAGE selbst lässt nicht viel Raum für Spekulationen. Sie spricht die Dinge klar und deutlich aus.

Die arabische Sprache wird ihren Status als zweite offizielle Sprache verlieren – einen Status, den sie im Ottomanischen Reich, auch unter britischem Mandat und in Israel bis heute besaß. Die einzige offizielle Sprache im Nationalstaat etc. wird Hebräisch sein.

Nicht weniger typisch ist der Paragraph, der besagt, dass wann immer es im israelischen Gesetz eine Lücke gibt, das jüdische Gesetz angewandt werde.

„Das jüdische Gesetz“ ist der Talmud und die Halacha, das jüdische Äquivalent zur muslimischen Sharia. Praktisch bedeutet dies, dass rechtliche Normen, die vor 1500 Jahren oder länger angenommen wurden, über die rechtlichen Normen triumphieren, die sich während der letzten Jahrhunderte in England und anderen europäischen Ländern entwickelten. Ähnliche Klauseln gibt es in den Gesetzen von Pakistan und Ägypten. Die Ähnlichkeit zwischen jüdischem und islamischem Gesetz ist nicht zufällig. Der arabisch sprechende jüdische Weise wie Moses Maimonides („der Rambam“) und ihre zeitgenössischen muslimischen Rechtsexperten beeinflussten einander.

Die Halacha und die Sharia haben viel gemeinsam. Sie verbieten Schweinefleisch, praktizieren die Beschneidung, halten Frauen in Knechtschaft, verurteilen Homosexuelle und Ehebrecher zum Tode und verweigern die den Ungläubigen die Gleichheit. (Praktisch haben beide Religionen viele ihrer harten Strafen modifiziert. In der jüdischen Religion z.B. bedeutet „Auge um Auge“ heute Kompensation. Sonst würden wir heute alle blind sein, wie Gandhi einmal treffend sagte.

Nach Inkraftsetzung dieses Gesetzes wird Israel viel näher am Iran sein als an den USA. Die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ wird aufhören, eine Demokratie zu sein, aber in ihrem Wesen sehr nahe an einigen der schlimmsten Regime in dieser Region. „Schließlich und endlich wird sich Israel selbst in diese Region integrieren,“ spottete ein arabischer Schriftsteller, der auf einen Slogan anspielt, den ich vor 65 Jahren prägte: „Integration in die semitische Region“.

DIE MEISTEN Knessetmitglieder, die diese Gesetzesvorlage unterzeichneten, glauben inbrünstig an das „ganze Erez Israel“ und meinen damit die offizielle Annexion der Westbank und des Gazastreifens und Ost-Jerusalems.

Sie meinen nicht die „Einstaatenlösung“, von der so viele wohlmeinende Idealisten träumen.

Praktisch ist der einzige „eine Staat“ der machbar wäre, derjenige, der von Dichters Gesetz regiert wird: der „Nationialstaat des jüdischen Volkes“ mit den Arabern, die zu den biblischen „Holzfällern und Wasserträgern“ degradiert werden.

Sicher werden die Araber in diesem Staat die Mehrheit darstellen – aber wen kümmert’s? Da die Jüdischkeit des Staates die Demokratie außer Kraft setzt, wird ihre Anzahl irrelevant sein. Genau wie die Anzahl der Schwarzen in der Apartheid Südafrika.

WERFEN WIR einen Blick auf die Partei, zu der dieser „Poet“ des Rassismus gehört: Kadima.

Als ich in der Armee war, amüsierte ich mich immer über den Befehl : „Die Truppe wird sich nach hinten bewegen – vorwärts marsch!“

Dies mag absurd klingen, aber es ist wirklich logisch. Der erste Teil des Befehls bezieht sich auf die Richtung und der zweite Teil auf die Ausführung.

„Kadima“ bedeutet „vorwärts“, aber seine Richtung ist rückwärts gewandt.

Dichter ist ein prominenter Führer von Kadima. Da sein einziger Anspruch auf einen Rang seine frühere Rolle als Chef der Geheimpolizei war, muss es dies sein, dass er gewählt wurde. Aber es haben sich ihm in diesem rassistischen Projekt mehr als 80% der Kadima-Knesset-Fraktion angeschlossen – der größten im gegenwärtigen Parlament.

Was sagt das über Kadima?

Kadima ist ein trostloser Fehlschlag – praktisch in jeder Hinsicht. Als Oppositionsfraktion im Parlament ist sie tatsächlich ein trauriger Witz. Ich wage zu sagen: als ich eine Ein-Mann-Fraktion in der Knesset war, produzierte ich mehr Oppositionsaktivitäten als dieser 28köpfige Koloss. Sie hat noch keinen bedeutenden Standpunkt über Frieden und die Besatzung formuliert, geschweige denn über soziale Gerechtigkeit.

Ihre Führerin Zipi Livni hat sich auch als totaler Fehlschlag erwiesen. Ihre einzige Leistung bis jetzt ist ihre Fähigkeit gewesen, die Partei zusammenzuhalten – allerdings keine geringe Meisterleistung, wenn man bedenkt, dass sie aus Flüchtlingen aus anderen Parteien besteht (einige würden Verräter sagen), die ihren Karren an Ariel Sharons rasende Pferde anhängten, als er den Likud verließ. Die meisten Kadima-Führer verließen den Likud mit ihm, und wie Livni selbst, stecken sie tief in der Likud-Ideologie. Einige andere kamen von der Labor-Partei und folgten Arm in Arm dem politisch Prostituierten Shimon Peres.

Diese zufällige Sammlung frustrierter Politiker hat mehrmals versucht, Benjamin Netanyahus Flanke zu überholen. Ihre Mitglieder haben fast alle rassistischen Gesetzesentwürfe während der letzten Monate unterzeichnet, einschließlich des berüchtigten „Boykott-Gesetzes“. (Als die öffentliche Meinung rebellierte, zogen sie ihre Unterschrift zurück, und einige stimmten sogar dagegen.)

Wie ist diese Partei zur größten in der Knesset geworden – mit einem Sitz mehr als der Likud. Für linke Wähler, die von Ehud Baraks Labor-Partei angeekelt waren und die winzige Meretz ignorierten, schien es die einzige Chance zu sein, Netanyahu und Lieberman zu stoppen. Aber das mag sich bald ändern.

DIE RIESIGE Protest-Demonstration vom letzten Samstag war die größte in Israels Geschichte (einschließlich der legendären 400 000-Demo nach dem Sabra- und Shatila-Massaker, deren wirkliche Zahl wohl etwas weniger war). Es mag der Beginn einer neuen Ära sein.

Es ist unmöglich, die reine Energie, die von dieser Menge ausging, zu beschreiben, die vor allem aus 20 bis30-Jährigen bestand. Wie das Flügelschlagen eines riesigen Adlers über uns konnte man die Geschichte spüren. Es war eine jubelnde Masse, die sich ihrer Macht bewusst war.

Die Demonstranten waren eifrig dabei, „Politik“ zu meiden – was mich an Perikles’ Worte von vor 2500 Jahren erinnerte, dass „gerade weil du kein Interesse an Politik hast, dies nicht bedeutet, dass die Politik kein Interesse an dir hat.“

Die Demonstration war natürlich hoch politisch – direkt gegen Netanyahu, die Regierung und die ganze unsoziale Ordnung gerichtet. Während ich in der dichten Menge ging, schaute ich mich um, um nach Kippa-tragenden Demonstranten zu schauen und fand keinen einzigen. Der ganze religiöse Sektor, der rechte Flügel, der die Gruppe der Siedler und Dichters Gesetz unterstützt, war offenkundig abwesend, während der orientalisch-jüdische Sektor, die traditionelle Basis des Likud, reichlich vertreten war.

Der Massenprotest verändert die Agenda Israels. Ich hoffe, dass die Folge davon das Auftauchen einer neuen Partei sein wird, die die Zusammensetzung der Knesset so verändern wird, dass man sie nicht wiedererkennt. Selbst ein neuer Krieg oder eine andere „Sicherheitsmaßnahme“ kann dies nicht verhindern.

Es wird sicher das Ende von Kadima sein, und wenige werden ihr nachtrauern. Es würde auch bye-bye für Dichter bedeuten, den Geheimpolizei-Poeten.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Pressemitteilung 11.8.11

Uri Avnery über Jerusalemer Baupläne – Die Regierung heizt die politische Atmosphäre auf, statt sich mit dem sozialen Protest zu befassen.

Nachdem das Bauprogramm im Ramat Shlomo-Stadtteil in Ost-Jerusalem genehmigt wurde, sagt der frühere Knessetabgeordnete Uri Avnery, Gush Shalom-Aktivist:

„Die Regierung heizt die politische Atmosphäre auf, statt sich mit der Welle des sozialen Protestes und den Zeltlagern zu befassen, die überall im Lande auftauchen.

Wirtschaftliche Not brachte die Jugend hinaus auf die Straßen und offenbarte das wahre Gesicht der Netanyahu-Regierung, die nicht ihren Wählern dient, sondern nur den Magnaten.

Wohnungsbau in Ost-Jerusalem wird nur der bevorzugten Ultra-Orthodoxen Gemeinde zugute kommen, in krassem Kontrast zur Forderung universaler sozialer Gerechtigkeit: Einem erschwinglichen Wohnen für alle. Diese Handlungsweise wird nicht nur die Wiederaufnahme des politischen Prozesses schwieriger machen, sie wird auch bei den Palästinensern eine Reaktion provozieren. Im augenblicklichen politischen Klima, wird dies genau das sein, was sich die Regierung verzweifelt erhofft – die Bürger von ihren wirklichen Sorgen ablenken und dass sie sich wieder mit ursprünglichen Ängsten beschäftigen. Netanyahu fährt fort, weiter wirkliche Friedenslösungen zu vermeiden – weder innenpolitisch noch mit den Palästinensern. Seine wirkliche Sorge ist, seinen Sitz zu behalten – auf Kosten von uns allen.

Ush/Shalom – Adam Keller

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Die jüdischen Ayatollas

Erstellt von Gast-Autor am 9. Juli 2011

Die jüdischen Ayatollas

von Uri Avnery,

DER ERZBISCHOF von New York verkündet, dass jeder Katholik, der eine Wohnung an einen Juden vermietet, eine tödliche Sünde begeht und die Exkommunikation riskiert.

Ein protestantischer Pastor in Berlin erklärt, dass ein Christ, der einen Juden anstellt, aus seiner Gemeinde verbannt wird.

Unmöglich? Tatsächlich. Außer in Israel – natürlich umgekehrt.

Der Rabbiner von Safed, ein Regierungsangestellter, hat angeordnet, es sei streng verboten, Wohnungen an Araber zu vermieten – einschließlich an arabische Studenten, deren medizinische Fachschule im Ort liegt. Zwanzig andere Stadtrabbiner – deren Gehalt von (meistens säkularen) Steuerzahlern , einschließlich der arabischen Bürger, bezahlt werden, haben öffentlich diese Anordnung unterstützt.

Eine Gruppe israelischer Intellektueller reichte eine Klage beim Staatsanwalt ein, mit der sie behaupten, dass dies ein Fall krimineller Hetze sei. Der Staatsanwalt hat versprochen, die Sache mit gebührender Eile zu untersuchen. Das war vor einem halben Jahr. Die gebührende Eile hat noch nicht zu einer Entscheidung geführt.

Dasselbe gilt für eine andere Gruppe von Rabbinern, die die Anstellung von Goyim verbietet.

(Im alten Hebräisch bedeutete Goy Volk, irgendein Volk. In der Bibel wurden die Israeliten ein „holy Goy“ „ ein religiöses Goy“ genannt. Aber in den letzten Jahrhunderten bedeutet dieser Terminus Nicht-Juden mit einem entschieden verächtlichen Unterton).

IN DIESER Woche war Israel in Aufruhr. Das Durcheinander wurde durch die Verhaftung des Rabbiners Dov Lior verursacht.

Die Affäre geht auf ein Buch zurück, das vor mehr als einem Jahr von Rabbiner Yitzhak Shapira geschrieben wurde. Shapira ist vielleicht der extremste Bewohner von Yitzhar, das vielleicht die extremste Siedlung in der Westbank ist. Seine Bewohner werden häufig beschuldigt, Pogrome in den nahen palästinensischen Dörfern durchführen, gewöhnlich als „Racheakte“ für Armeeaktionen gegen Bauten, die ohne offizielle Genehmigung von Siedlern gebaut worden waren.

Das Buch mit dem Titel „Torat ha Melekh“ („Die Lehre des Königs“) befasst sich mit dem Töten von Goyim. Es besagt, dass in Friedenszeiten Goyim gewöhnlich nicht getötet werden sollten – nicht wegen des Gebotes: „Du sollst nicht töten“, das nach dem Buch nur Juden betreffe, sondern weil Gottes Gebot nach der Sintflut (Genesis 9,6) besage: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen.“ Dies gilt für alle Goyim, die einige grundlegende Gebote halten. (die sog. noahitischen Gebote).

Doch in Kriegszeiten ist die Situation völlig anders. Und nach den Rabbinern ist Israel seit seiner Gründung im Kriegszustand gewesen und wird es wahrscheinlich in alle Ewigkeit sein.

Im Krieg, wo die Gegenwart eines Nichtjuden einen Juden gefährdet, ist es erlaubt, ihn zu töten, sogar dann, wenn es ein gerechter Goy ist, der keine Verantwortung für die Situation trägt. Es ist erlaubt – tatsächlich wird es sogar empfohlen – nicht nur die feindlichen Kämpfer zu töten, sondern auch jene, die sie „unterstützen“ oder „ermutigen“. Es ist erlaubt, feindliche Zivilisten zu töten, wenn dies für die Fortführung des Krieges nützlich ist.

(Zufällig oder nicht zufällig stimmt dies mit den Taktiken überein, die unsere Armee bei der „Cast Lead-Operation“ anwandten; um das Leben eines einzelnen israelischen Soldaten zu retten, ist es erlaubt, so viele Palästinenser wie nötig zu töten. Das Ergebnis war 1400 tote Palästinenser, die Hälfte von ihnen Zivilisten – und fünf getötete Soldaten durch feindliche Aktion. Sechs weitere wurden versehentlich durch die eigenen Leute getötet).

Was wirklich einen Sturm erregte, war eine Passage in dem Buch, die besagt, dass es erlaubt sei, Kinder zu töten, wenn klar ist, dass wenn sie erwachsen sind, sie „schädlich“ sein können.

Es ist üblich, dass das Buch eines Rabbiners, das das jüdische Gesetz interpretiert, die Haskama- (Übereinkunft) von anderen prominenten Rabbinern aufweist. Dieses besondere Meisterwerk weist die „Übereinkunft“ von vier prominenten Rabbinern auf. Einer von ihnen ist Dov Lior.

RABBINER LIOR (der Name kann mit „ich habe das Licht“ übersetzt werden oder „Das Licht ist mir gegeben worden“) ist als einer der extremsten Rabbiner der Westbank-Siedlungen berühmt – keine kleine Leistung in einem Gebiet, das einen üppigen Bestand extremer Rabbiner hat, von denen die meisten in anderen Ländern „Faschisten“ genannt würden. Er ist der Rabbiner von Kiryat Arba, der Siedlung , die an Hebron grenzt und den Lehren von Meir Kahane folgt und die den Massenmörder Baruch Goldstone hervorbrachte.

Lior ist auch der Rektor einer Hesder Yeshiva, einer religiösen Schule, die eng mit der Armee verbunden ist. Ihre Schüler verbinden ihre Studien (nur religiöse Themen) mit privilegiertem Militärdienst.

Als das Buch – jetzt in der dritten Auflage – zuerst erschien, gab es einen Aufschrei. Kein Rabbiner protestierte, obwohl eine Anzahl nicht mit seiner religiösen Argumentation einverstanden war. Die Orthodoxen distanzierten sich, weil es die religiösen Regeln verletzt, die verbieten, dass man „die Goyim provoziert“.

Nach der allgemeinen Forderung begann der Staatsanwalt eine strafrechtliche Untersuchung gegen den Autor und die vier Unterzeichner der Haskama. Sie wurden zur Untersuchung zitiert und die meisten kamen und protestierten, dass sie keine Zeit gehabt hätten, das Buch zu lesen.

Lior, dessen Text der „Übereinkunft“ Zeugnis davon gab, dass er das Buch gründlich gelesen hatte, schenkte wiederholten Vorladungen, bei der Polizei zu erscheinen, keine Beachtung. Er ignorierte sie offen und verächtlich. In dieser Woche reagierte die Polizei auf die Beleidigung: sie lauerte ihm auf der „Tunnelstraße“ auf – eine Straße (nur für Juden) mit mehreren Tunneln zwischen Jerusalem und Hebron – und verhafteten ihn. Sie haben ihm keine Handschellen angelegt und setzten ihn nicht in ein Polizeifahrzeug, wie sie es normalerweise tun, sondern ersetzten den Fahrer mit einem Polizisten, der ihn direkt zu einer Polizeistation fuhr. Dort wurde er höflich eine Stunde lang ausgefragt und wieder freigelassen.

Die Nachricht von seiner Verhaftung verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Siedlungen. Hunderte der „Hügeljugend“ – Gruppen junger Siedler, die Pogrome ausführen und auf das Gesetz spucken – versammelten sich am Eingang Jerusalems, lieferten sich eine Schlacht mit der Polizei und sperrten die Hauptstraße in die Hauptstadt ab.

(Ich darf eigentlich nichts dagegen sagen, weil ich der erste war, der dies tat. 1965 wurde ich in die Knesset gewählt, und Teddy Kollek wurde Bürgermeister von Jerusalem. Eines der ersten Dinge, die er tat, war, dass er sich den Orthodoxen anbiederte und ganze Stadtteile am Schabbat absperrte. Eines der ersten Dinge, die ich tat, war, dass ich meine Unterstützer zusammenrief, um zu protestieren. Wir sperrten den Zugang nach Jerusalem für ein paar Stunden ab, bis wir mit Gewalt entfernt wurden).

Aber die Straßen absperren und mit dem entlassenen Lior triumphierend auf ihren Schultern demonstrieren, war nicht das einzige, was die jungen Fanatiker taten. Sie versuchten auch, den Obersten Gerichtshof zu stürmen. Warum gerade dieses Gebäude? Das bedarf einiger Erklärung.

DER ISRAELISCHE rechte Flügel und besonders die Siedler und ihre Rabbiner haben lange Listen mit Hassobjekten. Einige von diesen sind veröffentlicht worden. Ich habe die Ehre, auf den meisten zu erscheinen. Aber der Oberste Gerichtshof nimmt einen Platz fast an der Spitze der Liste ein.

Warum? Das Gericht hat sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert, während es sich mit den besetzten Gebieten befasst. Es erlaubte die Zerstörung vieler palästinensischer Häuser als Rache für „terroristische“ Akte, ließ „moderate“ Folter zu, stimmte dem „Trennungszaun“ zu (der vom Internationalen Gericht in Den Haag verurteilt wurde) und positioniert sich selbst als verlängerter Arm der Besatzung.

Aber in einigen Fällen hat das Gesetz den Gerichtshof nicht in die Lage versetzt, sich aus seiner Verantwortung zu ziehen. Er hat zur Auflösung von „Außenposten“ aufgerufen, die auf privatem palästinensischem Land errichtet worden waren. Er hat „gezieltes Töten“ verboten, wenn die Person ohne Risiko verhaftet werden konnte; es hat bestimmt, dass es ungesetzlich ist, einen arabischen Bürger Israels daran zu hindern, in einem Dorf zu leben, das auf Staatsland liegt usw.

Jede dieser Entscheidungen erzeugte ein Wutgeheul bei den Rechten. Aber es gibt noch einen tieferen Grund für diese extreme Feindseligkeit.

ANDERS ALS im modernen Christentum, aber sehr ähnlich wie im Islam, ist die jüdische Religion nicht nur eine Sache zwischen Mensch und Gott, sondern eine Sache zwischen Mensch und Mensch. Sie lebt nicht in einem Winkel des öffentlichen Lebens. Religiöse Gesetze umfassen alle Teile des öffentlichen und privaten Lebens. Deshalb ist für einen frommen Juden – oder Muslim – die europäische Idee der Trennung zwischen Staat und Religion unverständlich.

Die jüdische Halacha – wie die islamische Sharia – regulieren jeden einzelnen Aspekt des Lebens. Immer, wenn das jüdische Gesetz mit dem israelischen Gesetz in Konflikt kommt, stellt sich die Frage: welches Gesetz soll dann die Oberhand gewinnen? Das eine, das von der demokratisch gewählten Knesset angenommen wurde, das jeden Moment verändert werden kann, wenn das Volk es will, oder das von Gott am Sinai für alle Zeiten gegebene, das nie verändert werden kann (höchstens neu interpretiert werden darf).

Religiöse Fanatiker in Israel bestehen darauf, dass das religiöse Gesetz über dem säkularen Gesetz steht (wie in einigen arabischen Ländern) und dass die staatlichen Gerichte keine Jurisdiktion über die Kleriker in Angelegenheiten der Religion haben (wie im Iran). Wenn der Oberste Gerichtshof anders entschied, mobilisierte der geachtetste orthodoxe Rabbiner leicht 100 000 Demonstranten in Jerusalem. Seit Jahren sind religiöse Kabinettminister, Rechtsgelehrte und Politiker, wie auch ihre politischen Unterstützer, eifrig dabei, die Integrität, die Unabhängigkeit und Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofes zu beschneiden.

Dies ist die Crux der Sache. Der Staatsanwalt betrachtet ein Buch, das zum Töten von unschuldigen Kindern aufruft, als einen Akt krimineller Aufhetzung. Die Rabbiner und ihre Unterstützer betrachten dies als eine unverschämte Einmischung in eine gelehrte religiöse Debatte. Zwischen diesen beiden Ansichten kann es keinen realen Kompromiss geben.

Für Israelis ist das keine abstrakte Angelegenheit. Die ganze religiöse Gemeinschaft mit all ihren verschiedenen Fraktionen, gehört jetzt zum rechten, ultra-nationalen Lager (außer der bedauernswerten kleinen Gruppe des Reform- und konservativen Judentum, zu dem die Mehrheit der amerikanischen Juden gehört). Israel in einen Halacha-Staat zu verwandeln bedeutet, den demokratischen Staat zu zerstören und Israel in ein zweites Iran zu verwandeln, das von jüdischen Ayatollas regiert wird.

Dies würde auch Frieden für alle Zeiten unmöglich machen, da nach den Rabbinern das ganze Heilige Land zwischen Mittelmeer und dem Jordanfluss allein den Juden gehört. Den Goyim nur einen Fußbreit des Landes zu geben, ist eine tödliche Sünde, die mit dem Tod bestraft wird. Für diese Sünde wurde Yitzhak Rabin von dem Studenten einer religiösen Universität – einem früheren Siedler – hingerichtet.

Nicht das ganze religiöse Lager heißt den unerbittlichen Extremismus des Rabbiners Lior und seiner Anhänger gut. Es gibt noch viele andere Trends. Aber diese schweigen. Es ist Lior, der Rabbiner, der „das Licht besitzt“ und seine gleichgesinnten Kollegen, die die Richtung bestimmen.

Quelle: Uri Avnery

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Rachel

Erstellt von Gast-Autor am 9. Juni 2011

Rachel

Rachel Avnery

von Uri Avnery. Uris Frau Rachel ist verstorben.

ICH HATTE das unverdiente Glück, 58 Jahre lang mit Rachel Avnery zusammen zu leben. Am Samstag, den 21. Mai nahm ich Abschied von ihr. Sie war im Tode genau so wunderbar, wie sie es im Leben war. Ich konnte meine Augen nicht von ihr wenden.

Ich schreibe dies, um mir zu helfen, das Unannehmbare anzunehmen. Ich bitte um Nachsicht.

WENN EIN Mensch mit einem Wort gekennzeichnet werden könnte, dann war es bei ihr: Empathie.

Sie hatte eine unheimliche Fähigkeit, die Gefühle anderer nachzuempfinden. Ein Segen und ein Fluch. Wenn jemand unglücklich war, so war sie es auch. Keiner konnte seine innersten Gefühle vor ihr verbergen.

Ihre Empathie berührte jeden, den sie traf. Sogar noch in den letzten Monaten. Ihre Pflegerinnen erzählten ihr bald ihre Lebensgeschichten.

Einmal gingen wir uns einen Film ansehen, der in einer kleinen slowakischen Stadt während des Holocaust spielte. Eine einsame, alte Frau verstand nicht, was geschah, als Juden zusammengetrieben wurden, um in die Todeslager deportiert zu werden, Nachbarn mussten ihr helfen, zum Sammelpunkt zu kommen.

Wir kamen spät und fanden im Dunkeln noch Plätze. Als das Licht am Ende anging, stand Menachem Begin direkt vor uns auf. Seine rot geweinten Augen trafen sich mit Rachels Augen. Seine Umgebung vergessend, ging Begin direkt auf sie zu, nahm ihren Kopf in seine Hände und küsste sie auf die Stirn.

IN VIELERLEI Hinsicht ergänzten wir einander. Ich neige zu abstraktem Denken, sie zu emotionaler Intelligenz. Ihre Weisheit schöpfte sie aus dem Leben. Ich bin introvertiert; sie ging auf die Menschen zu, obwohl sie ihre Privatsphäre schätzte. Ich bin ein Optimist; sie war eine Pessimistin. In jeder Situation sah ich positive Chancen; sie sah die Gefahren. Ich stand jeden Morgen fröhlich auf, bereit für die Abenteuer eines neuen Tages; sie stand spät auf mit dem Gefühl, dass der Tag nicht gut sein würde.

Unser persönlicher Hintergrund war sehr ähnlich: in Deutschland in jüdisch-bürgerliche, intellektuelle Familien geboren, die an Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit glaubten, verbunden mit einem tiefen Pflichtbewusstsein. Rachel hatte all dies in Hülle und Fülle. Sie hatte einen fast fanatischen Gerechtigkeitssinn.

Die ersten Wörter die Rachel je sprach, nachdem ihre Familie vor der Gestapo nach Capri geflohen war, waren „Mare schön“ italienisch für Meer, schön auf deutsch.

Sie hat niemals Deutsch lesen oder schreiben gelernt, hat die Sprache aber perfekt von ihren Eltern sprechen gelernt – sie korrigierte sogar meine grammatikalischen Fehler im Deutschen.

Rachel fehlte – leider – die preußische Pünktlichkeit. Das war eine ständige Quelle für Auseinandersetzungen zwischen uns. Ich fühle mich physisch unwohl, wenn ich nicht pünktlich bin. Rachel war immer, aber auch immer, zu spät.

DREIMAL TRAF ich sie zum ersten Mal.

1945 gründete ich eine Gruppe, um die Idee einer neuen hebräischen Nation zu propagieren, die ein Bestandteil der semitischen Region ist, wie die arabische Nation. Da wir zu arm waren, um ein Büro zu mieten, trafen wir uns in den Wohnungen von Mitgliedern.

Bei solch einem Treffen kam ein 14jähriges Mädchen herein, um zuzuhören. Sie war die Tochter des Vermieters. Ich bemerkte nebenbei, dass sie sehr hübsch ist.

Fünf Jahre später traf ich sie wieder, als ich eine bekannte Zeitschrift herausgab, mit der ich alles verändern wollte, einschließlich Werbung: Mädchen anstelle des damals gewöhnlich langweiligen Textes.

Wir brauchten für eine Anzeige ein hübsches Mädchen. Aber es gab keine professionellen Models im neuen Staat. Einer meiner Mitarbeiter hatte eine Theatergruppe. Er stellte mich einem Mitglied dieser Gruppe mit Namen „Rachel“ vor.

Wir machten ein paar Fotos am Strand, und ich nahm sie auf meinem Motorrad mit nach Hause. Wir fielen in den Sand und lachten nur.

Beim dritten Mal war es im selben experimentellen Theater. Dort erschien sie wieder, und irgendwann versuchte sie, mein Alter zu erraten und versprach für jedes falsch geschätzte Jahr einen Kuss. Sie tippte auf fünf Jahre zu jung und wir machten einen Termin aus, um das Versprechen zu erfüllen.

Wir verabredeten uns von Zeit zu Zeit. Einmal sollte ich sie um Mitternacht in einem Cafe treffen. Als ich nicht ankam, ging sie, um mich zu suchen. Sie fand eine Menge Leute vor meinem Büro. Es wurde ihr gesagt, ich sei im Krankenhaus. Einige Soldaten hätten mich angegriffen und mir alle Finger gebrochen.

Ich war hilflos. Rachel bot sich an, mir für einige Tage zu helfen. Sie dauerten 58 Jahre.

Wir fanden, dass wir zusammenleben könnten. Da wir religiöse Hochzeiten verachteten (zivile Hochzeiten gibt es in Israel nicht), lebten wir fünf Jahre in „wilder Ehe“. Dann wurde ihr Vater schwerkrank. Um ihn zu beruhigen, heirateten wir in Eile in der privaten Wohnung eines Rabbiners. Wir liehen uns die Zeugen einer andern Hochzeit aus und den Ring von der Frau des Rabbiners.

Es war das erste und letzte Mal, dass wir einen Ring trugen.

58 JAHRE LANG las sie vor der Veröffentlichung jedes Wort, das ich schrieb. Das war nicht einfach. Rachel hatte strenge Prinzipien und hielt sich an sie. Einige meiner Seiten waren voll roter Korrekturen. Zuweilen hatten wir ernste Diskussionen, aber am Ende gab einer nach – gewöhnlich ich. Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen wir uns nicht einig werden konnten, schrieb ich, was ich wollte (und bedauerte es mehr als einmal).

Sie strich alle persönlichen Angriffe aus, die sie als ungerecht empfand. Auch Übertreibungen.

Jede logische Schwäche – sie fand jeden Widerspruch, der mir entgangen war. Sie verbesserte mein Hebräisch. Aber meistens fügte sie das Zauberwort „fast“ hinzu.

Ich neigte zum Verallgemeinern. „Alle Israelis wissen…“, „Politiker sind zynisch…“ – Sie veränderte dies in „Fast alle Israelis …“,“ die meisten Politiker sind …“ Wir scherzten, dass sie meine Artikel mit „fast“ bestreute, wie ein Koch Salz über die Suppe streut.

Sie schrieb nie selbst einen Artikel. Noch gab sie Interviews. Auf solche Fragen hin antwortete sie: „Wofür habe ich denn einen Sprecher geheiratet?“

IHR WIRKLICHES Talent lag wo anders. Sie war die perfekte Lehrerin, eine Berufung, die sie 28 Jahre lang ausübte.

Dazu kam es fast durch Zufall: als sie in der Armee diente und einen Lehrkurs absolvierte.

Bevor der Kurs zu Ende war, wurde sie praktisch von einem Grundschulleiter gekidnappt. Lange, bevor sie ihre Lehrprüfung abgeschlossen hatte, war sie eine Legende. Eltern mit Verbindungen ließen ihre Beziehungen spielen, um ihre Kinder in ihre Klasse zu bekommen. Es gab einen Witz, dass Mütter ihre Schwangerschaft so planten, dass das Kind dann sechs Jahre alt sein würde, wenn Rachel wieder in der ersten Klasse unterrichtete. (Sie war nur einverstanden, die erste und zweite Klasse zu unterrichten – als letzte Chance, den Charakter eines Kindes zu formen.)

Ihre Schüler schlossen Kinder von berühmten Künstlern und Literaten ein. Vor kurzem rief uns ein Mann mittleren Alters auf der Straße zu: „Lehrerin Rachel, ich war ihr Schüler in der ersten Klasse, ich verdanke Ihnen alles!“

Wie machte sie das? Indem sie die Kinder wie Menschen behandelte und bei ihnen die Selbstachtung entwickelte. Wenn ein Junge nicht lesen konnte, gab sie ihm den Auftrag, für Ordnung im Klassenzimmer zu sorgen. Wenn ein Mädchen von hübscheren Klassenkameradinnen zurückgewiesen wurde, war sie in einem Spiel die gute Fee. Sie war glücklich, wenn sie sah, dass die Kinder wie Blumen in der Sonne aufblühten. Sie verbrachte Stunden damit, rückständigen Eltern zu erklären, was ihre Kinder benötigten.

Während der Schulferien sehnten sich ihre Kinder in die Schule zurück.

ES WAR ihr Ziel, ihren Schülern menschliche Werte einzuflößen.

Da gab es die Geschichte von Abraham und dem Begräbnisplatz für Sarah. Ephron, der Hittiter weigerte sich, Geld anzunehmen. Abraham aber bestand darauf zu bezahlen. Nach einem langen und wunderbaren Wortwechsel bringt Ephron dies zu Ende und sagt: „Dieses Land ist 400 Silberschekel wert. Was ist das aber zwischen mir und dir?“ (Genesis 23) Rachel erzählte den Kindern, dass dies heute noch so bei den Beduinen sei, wenn sie Geschäfte abschließen; es führt zu einem Handel auf zivilisierte Weise.

Nach dem Unterricht fragte Rachel die Lehrerin der Parallelklasse, wie sie diese Episode ihren Schülern erklärte. „Ich sagte ihnen, dass dies eine typisch arabische Heuchelei sei. Sie werden alle als Lügner geboren. Wenn er Geld wollte, warum sagte er es dann nicht gleich?“

Ich möchte denken, dass alle Kinder in Rachels Klassen – oder fast alle – bessere Menschen geworden sind.

Ich verfolgte ihre pädagogischen Experimente, und sie meine journalistischen und politischen Abenteuer. Grundsätzlich versuchten wir dasselbe: sie erzog Individuen, ich die Allgemeinheit.

NACH 28 JAHREN hatte Rachel das Gefühl, dass sie nicht mehr so wirken konnte, wie sie wollte. Sie glaubte, ein Lehrer solle nicht weitermachen, wenn sein Eifer nachgelassen habe.

Der letzte Anstoß kam, als ich 1982 die Frontlinie im belagerten Beirut überquert hatte und mich mit Yasser Arafat traf. Es war eine Weltsensation. Mit mir waren zwei junge Frauen meines Redaktionsstabes, eine Korrespondentin und eine Fotografin. Rachel fühlte sich bei einem der aufregendsten Ereignisse meines Lebens ausgeschlossen und entschied sich, die Richtung zu ändern.

Ohne es mir zu sagen, nahm sie an einem Fotokurs teil. Wochen später legte man mir Fotos für eine Reportage vor. Ich wählte die besten aus – und es stellte sich heraus, dass das die Ihrigen waren. Das Geheimnis war gelüftet. Sie wurde eine begeisterte Fotografin mit einem bemerkenswerten kreativen Talent – immer auf die Menschen konzentriert.

ALS ANFANG 1993 Yitzhak Rabin 215 islamische Aktivisten über die Libanongrenze deportierte, wurden gegenüber seinem Büro Protestzelte aufgestellt. Wir zelteten dort 45 Wintertage und -nächte. Rachel, die einzige Frau, war die ganze Zeit dabei. Es entstand eine wunderbare Freundschaft zwischen ihr und dem extremsten islamischen Sheikh Raed Salah. Er hatte große Achtung vor ihr. Sie scherzten miteinander.

In diesen Zelten gründeten wir Gush Shalom. Für sie war die Ungerechtigkeit, die man den Palästinensern antat, unerträglich.

Sie war die Fotografin all unserer Veranstaltungen. Sie machte Bilder von Hunderten unserer Demonstrationen, lief rund herum, machte Schnappschüsse von vorne und hinten, manchmal in Wolken von Tränengas – obwohl ihr Arzt sie davor warnte. Zweimal brach sie in der brennenden Sonne zusammen, während wir schwieriges Terrain überquerten, um gegen die Mauer zu protestieren.

Als Gush Shalom einen Finanzmanager benötigte, meldete sie sich freiwillig. Obwohl es ganz gegen ihre Natur war, wurde sie eine peinlich genaue Verwalterin mit preußischem Pflichtbewusstsein und arbeitete am Küchentisch bis spät in die Nacht. Sie bevorzugte aber ihre inoffizielle Funktion – den menschlichen Kontakt mit den Aktivisten zu halten, ihren Problemen zuzuhören. Sie war die Seele der Bewegung.

SIE KONNTE auch sehr aggressiv sein. Sie war weit davon entfernt, ein blauäugiger Weltverbesserer zu sein, so verabscheute sie Lügner, Heuchler und Leute, die Übles taten.

Sie mochte Ariel Sharon nicht, auch nicht während der Jahre, als wir einander besuchten und über den 1973er Krieg sprachen.

Lili Sharon liebte sie und Arik auch. Es gibt ein Foto von ihm, wo er sie mit seiner Lieblingsspeise fütterte ( Essen war für sie unwichtig) Rachel ließ mich nie jemanden dies Foto zeigen. Nach dem Libanonkrieg brachen wir die Verbindung ab.

Einmal bemerkte mich Dov Weissglas, Sharons Vertrauter, in einem Restaurant, kam zu mir, um mir die Hand zu reichen. Rachel mochte ihn gar nicht, wegen seiner gehässigen Bemerkungen über die Palästinenser. Rachel ließ seine Hand in der Luft. Peinlich.

Wenn sie Menschen liebte, zeigte sie es. Sie mochte Yassir Arafat,und er liebte sie. Wir besuchten ihn mehrmals in Tunis und später in Palästina. Und er behandelte sie mit äußerster Höflichkeit, erlaubte ihr, ihn nach Belieben zu fotografieren, überschüttete sie mit Geschenken. Einmal schenkte er ihr eine Halskette und bestand darauf, sie ihr selbst umzulegen. Doch mit seinen schlechten Augen fummelte er lange Zeit herum. Es war ein wunderbarer Anblick. Aber sein offizieller Fotograf reagierte nicht. Rachel war wütend.

Als wir als menschliches Schutzschild für den in seinem Ramallahsitz belagerten Arafat dienten, küsste er sie auf die Stirn und führte sie an der Hand zum Ausgang.

NUR WENIGE Leute wussten, dass sie eine unheilbare Krankheit – Hepatits C – hatte. Diese lag wie ein schlafender Leopard an ihrer Türschwelle. Sie wusste, dass er jede Minute aufwachen und sie verschlingen konnte.

Die ungeklärte Infektion wurde vor mehr als 20 Jahren entdeckt. Jeder Arzttermin hätte ein Todesurteil sein können. Vor fünf Monaten brach sie zusammen. Es gab vorher viele Anzeichen, die ich ignorierte, die sie aber klar sah.

Während dieser fünf Monate verbrachte ich jede Minute mit ihr. Jeder einzelne Tag war ein Geschenk für mich, obwohl sie immer tiefer sank. Wir wussten es beide, gaben aber vor, es sei alles in Ordnung.

Sie hatte keine Schmerzen, aber immer größere Schwierigkeiten zu essen, sich zu erinnern und gegen das Ende auch zu sprechen. Es war herzzerreißend, zu sehen, wie sie um Worte kämpfte. Zwei Tage lang lag sie im Koma und dann schlief sie, ohne das Bewusstsein wieder zu erlangen, ohne Schmerzen ein.

Sie bestand darauf, dass nichts getan wird, um ihr Leben künstlich zu verlängern. Es war ein schrecklicher Augenblick, als ich die Ärzte bat, mit allen Bemühungen aufzuhören und sie sterben zu lassen.

Auf ihren Wunsch hin wurde ihr Körper – gegen die jüdische Tradition – eingeäschert. Ihre Asche wurde an Tel Avivs Küste im Meer verstreut – gegenüber dem Fenster, wo sie so oft zum Meer hinausgeschaut hatte. So die Worte von William Wordsworth, den sie liebte und oft zitierte:

But she is in her grave,

and ohthe difference to me.”

EINMAL, in einem Moment der Schwäche, der von einem Filmemacher ausgenützt wurde, beklagte sie sich, dass ich nie gesagt hätte, „Ich liebe dich“. Das stimmt. Ich finde diese drei Wörter unverbesserlich banal, vom Hollywood-Kitsch entwertet. Sicher entsprechen sie nicht meinen Gefühlen ihr gegenüber – sie war ein Teil von mir geworden.

Als sie das Bewusstsein verlor, flüsterte ich: „Ich liebe dich“. Ich weiß nicht, ob sie es noch hörte.

Nachdem sie gestorben war, saß ich noch eine Stunde lang und betrachtete ihr Gesicht. Sie war wunderschön.

Ein deutscher Freund sandte mir ein deutsches Sprichwort, das ich merkwürdig tröstlich finde:

„Seid nicht traurig, dass sie von uns ging,

 freut euch, dass wir so lange mit ihr zusammenleben durften.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs., vom Verfasser autorisiert)

Übernommen mit der Genehmigung von Uri Avnery

IE

Im Namen von DL und allen Lesern sprechen wir unsere Anteilnahme aus.

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Bibi und die Jojos

Erstellt von DL-Redaktion am 31. Mai 2011

Bibi und die Jojos

Autor Uri Avnery

ES WAR  alles ziemlich ekelhaft.

Sie waren dort, die Mitglieder der höchsten Legislative der größten Supermacht der Welt und sprangen auf und nieder wie so viele Jojos, applaudierten alle paar Minuten oder Sekunden wild zu den unverschämtesten Lügen und Verdrehungen von Binjamin Netanyahu.

Es war schlimmer als im syrischen Parlament während einer Rede von Bashar Assad, wo jeder, der nicht applaudierte, sich im Gefängnis wiederfindet. Oder in Stalins Oberstem Sowjet: wenn man nicht genügend Respekt zeigte, konnte das den Tod bedeuten.

(Ähnlich wie in der Linken in Deutschland. Einfach einmal den Außschluss dieser Linken Bande lesen – IE)

Was die amerikanischen Senatoren und Kongressmänner fürchteten, war ein Schicksal, das schlimmer als der Tod wäre. Jeder, der sitzen blieb oder nicht begeistert genug applaudierte, konnte von der Kamera eingefangen werden – und das bedeutete: politischer Selbstmord. Es genügte, dass ein einziger Kongressmann aufstand und applaudierte, und alle anderen folgten seinem Beispiel. Wer würde es gewagt haben, dies nicht zu tun?

Die Ansicht dieser Hunderte von Parlamentariern, die aufsprangen und wieder und wieder und noch einmal zusammen mit dem Führer applaudieren, der dies gnädigerweise mit einer Handbewegung erwiderte, erinnerte an andere Regime. Nur war es dieses Mal nicht der lokale Diktator, der diese Verherrlichung abnötigte, sondern ein ausländischer.

Der deprimierendste Teil war, dass es kein einziges Kongressmitglied gab – Republikaner oder Demokrat – der es wagte, zu widerstehen. Als ich, ein neun Jahre alter Junge in Deutschland war, wagte ich, meinen Arm nicht zu heben, als alle meine Schulkameraden zum Hitlergruss den Arm hoben und das Horst-Wessel-Lied sangen. Gibt es denn keinen in Washington DC, der dieses bisschen Mut aufbringt? Ist Washington wirklich IOT – israelisch besetztes Gebiet – wie die Antisemiten behaupten?

Vor vielen Jahren besuchte ich den Senat und wurde den führenden Senatoren vorgestellt. Ich war zu tiefst schockiert. Nachdem ich mit großem Respekt vor dem Senat der USA aufgewachsen war, dem Land von Jefferson und Lincoln, stand ich vor einem Haufen aufgeblasener Trottel, viele von ihnen Idioten, die nicht die leiseste Ahnung von dem hatten, über das sie sprachen. Mir wurde gesagt, dass es ihre Assistenten seien, die die Dinge wirklich verstünden.

WAS HAT also der große Mann diesem erlesenen Publikum gesagt?

Es war eine ausgezeichnete Rede, die alle Standardtricks der Professionellen anwandte – die dramatische Pause, der erhobene Finger, die kleinen geistreichen Bemerkungen, wegen der Wirkung wiederholte Sätze. Kein großer Redner, auf jeden Fall kein Winston Churchill, aber gut genug für diese Zuhörer und diese Gelegenheit.

Aber die Botschaft konnte mit einem Wort zusammengefasst werden: NEIN.

Nach ihrem katastrophalen Debakel 1967 trafen sich die Führer der arabischen Welt in Khartum und nahmen die berühmten Drei Neins an. NEIN zur Anerkennung Israels. NEIN zu Verhandlungen mit Israel, NEIN zum Frieden mit Israel. Es war genau das, was sich Israels Führung wünschte. Sie konnten glücklich ihrem Geschäft nachgehen, die Besatzung etablieren und die Siedlungen bauen.

Jetzt hatte Netanyahu sein Khartum. NEIN zur Rückkehr zu den 1967er-Grenzen. NEIN zur palästinensische Hauptstadt in Ost-Jerusalem. NEIN auch zu einer symbolischen Rückkehr von einigen Flüchtlingen. NEIN zum militärischen Rückzug vom Jordanufer. Das bedeutet, dass der zukünftige palästinensische Staat vollkommen von Israels Armee umzingelt sein würde. NEIN zu Verhandlungen mit einer palästinensischen Regierung, die von Hamas „unterstützt“ wird, selbst dann, wenn keine Hamas-Mitglieder in der Regierung sein würden. Und so weiter – NEIN. NEIN. NEIN.

Das Ziel ist klar: sicher zu stellen, dass kein palästinensischer Führer jemals von Verhandlungen träumen kann, selbst bei einem unwahrscheinlichen Fall, dass er für eine andere Bedingung bereit wäre: Israel als „Nationalstaat des jüdischen Volkes“ anzuerkennen – was die Dutzenden jüdischer Senatoren und Kongressleute einschließt, die die ersten beim Hoch- und Runterspringen waren – wie so viele Marionetten.

Netanyahu als auch seine Komplizen und politischen Bettgenossen sind entschlossen, mit allen Mitteln die Errichtung eines palästinensischen Staates zu verhindern. Dies beginnt nicht mit der Politik der gegenwärtigen Regierung – es ist ein Ziel, das tief in der zionistischen Ideologie und Praxis liegt. Die Gründer der Bewegung legten den Kurs fest; David Ben-Gurion handelte 1948 danach, um dies in geheimer Absprache mit König Abdallah von Jordanien zu erfüllen. Netanyahu fügt nur gerade seinen kleinen Teil bei.

„Kein palästinensischer Staat“ bedeutet keinen Frieden, weder jetzt noch später. Alles andere ist Quatsch. All die frommen Sprüche über das Glücklichsein unserer Kinder, Wohlstand für die Palästinenser, Frieden mit der ganzen arabischen Welt, eine glänzende Zukunft für alle, sind genau das – nämlich Quatsch. Wenigstens einige der Zuhörer müssten das bemerkt haben – selbst bei all dem Springen.

NETANYAHU SPUCKTE in Obamas Gesicht. Die Republikaner unter den Zuhörern müssen sich darüber gefreut haben. Vielleicht auch einige Demokraten.

Es kann vermutet werden, dass Obama sich nicht freute. Was wird er jetzt tun?

Es gibt einen jüdischen Witz über einen hungrigen Kerl, der ein Gasthaus betrat und lautstark Essen forderte. Sonst würde er das tun, was sein Vater getan habe. Der ängstliche Gastwirt gab ihm zu essen, und am Ende fragte er zaghaft: „Aber was hat dein Vater getan?“ Er schluckte den letzten Bissen herunter und antwortete: „Er ging hungrig ins Bett.“

Es besteht die gute Chance, dass Obama dasselbe tun wird. Er wird behaupten, dass die Spucke auf seiner Backe Regenwasser sei. Sein Versprechen , eine Anerkennung des Staates Palästina durch die UN-Vollversammlung zu verhindern, beraubt ihn seines wichtigsten Druckmittels gegenüber Netanyahu.

Irgendjemand in Washington scheint die Idee zu haben, Obama solle nach Jerusalem kommen und in der Knesset eine Rede zu halten. Es würde eine direkte Vergeltung sein – Obama würde mit der israelischen Öffentlichkeit über den Kopf des Ministerpräsidenten hinweg reden, so wie Netanyahu sich gerade an die amerikanische Öffentlichkeit über den Kopf des Präsidenten hinweg gewandt hatte.

Es würde ein aufregendes Ereignis sein. Als früheres Mitglied der Knesset würde ich eingeladen werden. Aber ich würde nicht dazu raten. Ich schlug es vor einem Jahr vor. Heute würde ich es nicht mehr tun.

Der offensichtliche Präzedenzfall ist Anwar Sadats historische Rede in der Knesset. Aber das kann man wirklich nicht vergleichen. Ägypten und Israel waren offiziell noch miteinander im Kriegszustand. In die Hauptstadt des Feindes zu gehen, war ohne Präzedenz, um so mehr als nur vier Jahre nach einer blutigen Schlacht vergangen waren. Es war ein Akt, der Israel erschütterte und mit einem Schlag einen ganzen Haufen von Vorstellungen löschte und die Gemüter für Neues öffnete. Keiner von uns wird jemals den Moment vergessen, als die Tür des Flugzeuges sich öffnete und er da war – stattlich und ernst – der Führer des Feindes.

Als ich später einmal Sadat bei ihm zu Hause interviewte, erzählte ich ihm: „Ich wohne in der Hauptstraße von Tel Aviv. Als Sie aus dem Flugzeug kamen, warf ich einen Blick aus dem Fenster. Nichts bewegte sich auf der Straße außer einer Katze – und auch sie suchte wahrscheinlich nach einem Fernseher.“

Ein Besuch Obamas würde ganz anders sein. Natürlich würde er höflich empfangen werden – zwar ohne das zwanghafte Aufspringen und Klatschen – wenn auch wahrscheinlich von Knessetmitgliedern der extremen Rechten durch Zwischenrufe gestört. Aber das würde alles sein.

Sadats Besuch war etwas Einzigartiges. Ein Besuch von Obama wäre etwas ganz anderes. Er würde die israelische öffentliche Meinung nicht erschüttern, es sei denn, er käme mit einem konkreten Aktionsplan – einem detaillierten Friedensplan mit einem detaillierten Zeitplan, unterstützt von klarer Entschlossenheit, das auch durchzusetzen, egal wie hoch die politischen Kosten sein würden.

Noch eine nette Rede, die wunderbar formuliert ist, genügt nicht. Nach der Redenflut der letzten Woche reicht es erst einmal. Reden können bedeutsam sein, wenn sie Handlungen begleiteten, sie sind aber kein Ersatz für Handlungen. Churchills Reden halfen, die Geschichte gestalten – aber nur weil sie historische Taten reflektierten. Ohne die Schlacht um England, ohne die in der Normandie und El-Alamein hätten diese Reden lächerlich geklungen.

Nun, wo alle Wege zum Frieden blockiert sind, bleibt nur ein Aktionskurs: die Anerkennung des Staates Palästina durch die Vereinten Nationen, verbunden mit gewaltfreien Massenaktionen des palästinensischen Volkes gegen die Besatzung. Die israelischen Friedenskräfte werden dabei auch ihre Rolle spielen, weil das Schicksal Israels genau wie das Schicksal Palästinas vom Frieden abhängt.

Sicher werden die USA versuchen, dies zu blockieren, und der Kongress wird auf und ab springen. Aber der israelisch-palästinensische Frühling ist auf dem Weg.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Quelle: Uri Avnery

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Wer annektiert wen

Erstellt von Gast-Autor am 29. März 2011

Wer aneneltiert wen

 Autor   Uri Avnery

IN EINER selten späten Nachtsitzung nahmen die Knessetabgeordneten endgültig zwei widerlich rassistische Gesetze an. Beide sind klar gegen Israels arabische Bürger gerichtet, ein Fünftel der Bevölkerung.

Das erste macht es möglich, die Staatsbürgerschaft von Personen zu annullieren, die wegen Straftaten für schuldig befunden werden, die Sicherheit des Staates zu gefährden. Israel rühmt sich, ein Menge solcher Gesetze zu haben. Die Staatsbürgerschaft wegen solcher Gründe zu annullieren, ist gegen das internationale Gesetz und gegen internationale Konventionen.

Das zweite ist raffinierter. Es erlaubt Gemeinschaften mit weniger als 400 Familien „Zutritts-Komitees“ zu ernennen, die verhindern können, dass „unpassende“ Personen hier wohnen. Es verbietet sehr schlau und ausdrücklich die Abweisung von Kandidaten wegen Rasse, Religion etc. – aber es ist ein Paragraph der Augenwischerei. Ein arabischer Bewerber wird einfach wegen seiner vielen Kinder oder weil er keinen Militärdienst machte, zurückgewiesen.

Eine Mehrheit der Mitglieder hat sich gar nicht erst zum Abstimmen gezeigt. Schließlich war es sehr spät, und außerdem haben sie Familien. Wer weiß, vielleicht haben sich einige geschämt, abzustimmen.

Aber weit schlimmer ist ein drittes Gesetz, das innerhalb einiger Wochen sein letztes Stadium durchlaufen wird. Es ist das Gesetz, um den Boykott der Siedlungen zu verbieten.

SEIT SEINEM frühen Stadium ist der ursprünglich derbe Text dieses Gesetzentwurfes irgendwie verbessert worden.

Wie es jetzt aussieht, wird das Gesetz jede Person oder Organisation strafen, die öffentlich zu einem Boykott Israels aufruft – wirtschaftlich, akademisch und kulturell. „Israel“ bedeutet nach diesem Gesetz jedes israelische Unternehmen oder jede Person in Israel oder in den von Israel kontrollierten Gebieten. Einfach gesagt: es geht um die Siedlungen. Und nicht nur um den Boykott von Produkten der Siedlungen, den Gush Shalom vor etwa 13 Jahren initiiert hat, sondern auch um die Weigerung von Schauspielern, in der Siedlung Ariel aufzutreten, und um den Aufruf von Akademikern, keine akademische Institution dort zu unterstützen. Es gilt natürlich auch für jeden Aufruf zum Boykott einer israelischen Universität oder eines israelischen Handelsunternehmens.

Dies ist ein grundsätzlich fehlerhaftes Stück einer Gesetzgebung: es ist antidemokratisch, diskriminierend, annexionistisch und vor allem verfassungswidrig.

JEDER HAT das Recht, zu kaufen oder nicht zu kaufen, was er oder sie wünscht, und zwar bei dem, den sie wählen. Das ist offensichtlich und benötigt keine Bestätigung. Es ist Teil des Rechts auf freien Ausdruck, das mit jeder Verfassung garantiert wird, die ihren Namen verdient und es ist auch ein wesentliches Element einer freien Marktwirtschaft.

Ich kaufe gern in dem Laden an der Ecke, weil mir sein Besitzer sympathisch ist und nicht im Superladen gegenüber, der seine Angestellten ausnützt. Gesellschaften geben große Summen Geld aus, um mich zu überzeugen, eher ihre Produkte als die von anderen zu kaufen.

Und wie steht es mit ideologisch motivierten Kampagnen? Vor Jahren wurde ich bei einem Besuch in New York darum gebeten, keine Weintrauben aus Kalifornien zu kaufen, weil die Besitzer von Weinbergen die mexikanischen Fremdarbeiter unterdrücken. Dieser Boykott ging lange Zeit und war – wenn ich mich nicht irre – erfolgreich. Keiner wagte zu behaupten, dass solche Boykotts ungesetzlich sind.

Hier in Israel kleben Rabbiner vieler Gemeinden regelmäßig Posters an Wände, auf denen sie ihre „Schäflein“ aufrufen, in gewissen Läden nicht zu kaufen, von denen sie glauben, sie seien nicht koscher oder nicht koscher genug. Solche Aufrufe sind ganz gewöhnlich.

Solche Veröffentlichungen stimmen völlig mit den Menschenrechten überein. Bürger, für die Schweinefleisch verabscheuungswürdig ist, haben das Recht, darüber informiert zu werden, wo Läden sind, die Schweinefleisch verkaufen und Läden, die keines verkaufen. So weit ich weiß, hat in Israel bis jetzt noch niemand dieses Recht angefochten.

Früher oder später werden anti-religiöse Gruppen Aufrufe veröffentlichen, um koschere Läden zu boykottieren, die die Rabbiner mit hohen Abgaben für Zertifikate bezahlen – einige von ihnen gehören zu den untolerantesten ihrer Art. Sie unterstützen ein ausgedehntes religiöses Establishment, das Israel offen in einen „Halacha-Staat“ verwandeln will – es ist das jüdische Äquivalent zu einem muslimischen „Sharia-Staat“. Viele tausend Kashrut-Überwacher und unzählige andere religiöse Funktionäre werden von der weithin weltlichen Öffentlichkeit dafür bezahlt.

Was soll man also über einen anti-rabbinischen Boykott sagen? Er kann kaum verboten werden, da die Religiösen und Antireligiösen garantiert die gleichen Rechte haben.

DESHALB SIEHT es so aus, als ob nicht alle ideologisch motivierten Boykotte falsch sind. die Initiatoren dieser besonderen Gesetzesvorlage – Rassisten der Liebermanschule, Likud-Rechte und Kadima-Zentristen – behaupten dies auch nicht. Für sie sind Boykotts nur dann falsch, wenn sie gegen die nationalistische, annexionistische Politik dieser Regierung sind.

Dies wird sogar direkt im Gesetz selbst angegeben. Boykotts sind ungesetzlich, wenn sie gegen den Staat Israel gerichtet sind – nicht z.B. durch den Staat Israel gegen irgendeinen anderen Staat. Kein normaler Israeli würde im Nachhinein den Boykott, den das Weltjudentum gegen Deutschland verhängte, unmittelbar nachdem die Nazis an die Macht kamen, verurteilen – ein Boykott, der Joseph Goebbels als Vorwand diente, als er am 1. April 1933 den ersten antisemitischen Boykott der Nazis veröffentlichte („Deutsche wehrt euch! Kauft nicht beim Juden!“)

Auch kein aufrechter Zionist wird die Boykottmaßnahmen falsch finden, die vom Congress unter intensiv jüdischem Druck gegen die frühere Sowjet-Union zustande kamen, um die Barrieren für freie jüdische Emigration zu beseitigen. Diese Maßnahmen waren äußerst erfolgreich.

Nicht weniger erfolgreich war der weltweite Boykott gegen das Apartheidregime in Südafrika – ein Boykott der von der südafrikanischen Befreiungsbewegung sehr willkommen geheißen wurde, obwohl er auch die von weißen Geschäftsleuten beschäftigten afrikanischen Arbeiter schädigte. (Ein Argument, das jetzt von den israelischen Siedlern wiederholt wird, die palästinensische Arbeiter zu Hungerlöhnen beschäftigen).

Also sind politische Boykotts nicht falsch, solange sie gegen andere gerichtet sind. Es ist dies alte „Hottentoten-Moral aus kolonialer Überlieferung – „Wenn ich deine Kuh stehle, ist es in Ordnung. Wenn du meine Kuh stiehlst, ist es Diebstahl.“

Die Rechten können Aktionen gegen linke Organisationen aufrufen. Die Linken dürfen keine Aktionen gegen rechte Organisationen aufrufen. So einfach ist das.

ABER DAS Gesetz ist nicht nur antidemokratisch und diskriminierend, es ist auch eklatant annexionistisch.

Durch einen einfachen semantischen Trick – in weniger als einem Satz – machten die Gesetzmacher das, was auf einander folgende Regierungen nicht zu tun wagten: sie annektieren das palästinensische, von Israel besetzte Land an Israel.

Oder könnte es genau umgekehrt sein? Sind es die Siedler, die Israel annektieren?

Das Wort „Siedlungen“ erscheint nicht im Text. Um Himmels Willen! Genau so wie das Wort „Araber“ in keinem der anderen Gesetze erscheint.

Stattdessen stellt der Text einfach fest, dass Boykottaufrufe gegen Israel durch das Gesetz verboten sind, einschließlich dem Boykott israelischer Institutionen und Unternehmen in allen von Israel kontrollierten Gebieten. Dies schließt natürlich die Westbank, Ost-Jerusalem und die Golanhöhen mit ein.

Das ist der Kern der Sache. Alles andere ist Verdunklung.

Diese Initiatoren wollen unsern Aufruf zum Boykott der Siedlungen zum Schweigen bringen. Er gewinnt aber gerade weltweit an Schwung.

DIE IRONIE der Sache ist die, dass sie genau das Gegenteil erreichen.

Als wir mit dem Boykott anfingen, war unser erklärtes Ziel, eine klare Linie zwischen Israel in seinen anerkannten Grenzen – der Grünen Linie – und den Siedlungen zu ziehen. Wir waren nicht für einen Boykott des Staates Israel, der – wie wir glauben – die falsche Botschaft aussendet und die israelische Mitte in die wartenden Arme der extremen Rechten stößt. („Die ganze Welt ist gegen uns“) Ein Boykott der Siedlungen, (so denken wir) hilft, die Grüne Linie wieder einzurichten und einen klaren Unterschied zu machen.

Dieses Gesetz tut nun genau das Gegenteil. Indem es die Grenzlinie zwischen dem Staat Israel und den Siedlungen verwischt, spielt es denen in die Hände, die für einen Boykott Israels aufrufen – wie ich denke – irrtümlich im Glauben, ein vereinigter Apartheidstaat bereite den Weg für eine demokratische Zukunft.

Vor kurzem wurde die Torheit des Gesetzes von einem französischen Richter in Grenoble demonstriert. Dieser Vorfall betraf die fast monopolistisch israelische Exportfirma Agrexco für landwirtschaftliche Produkte. Der Richter verdächtigte die Gesellschaft des Betruges, weil Produkte der Siedlungen falsch deklariert waren, als ob sie aus Israel kämen. Dies konnte Betrug sein, weil israelische Exporte in Europa große Privilegien genießen, während Produkte der Siedlungen diese Privilegien nicht genießen.

Solche Vorfälle geschehen immer öfter in verschiedenen europäischen Ländern. Dieses Gesetz wird sie vervielfachen .

NACH DER originalen Version hätten diejenigen, die den Boykott unterstützen, eine kriminelle Tat begangen und wären verurteilt worden. Dies hätte uns große Freude bereitet, weil unsere Weigerung, Geldstrafen zu zahlen und ins Gefängnis zu gehen, die Sache noch dramatischer gemacht hätte.

Diese Klausel ist jetzt weggelassen worden. Aber jedes einzelne Unternehmen in einer Siedlung und tatsächlich jeder einzelne Siedler, der sich vom Boykott verletzt fühlt, kann jede Gruppe, die zum Boykott aufruft, und jede Person, die mit solch einem Aufruf verbunden ist – für unbegrenzten Schadenersatz – verklagen. Da die Siedler gut organisiert sind und ihnen grenzenlose Fonds aller Arten von Kasinobarone und Bordellmagnaten zur Verfügung stehen, werden sie Tausende von Klagen für astronomische Summen einreichen und die Boykottbewegung praktisch lähmen. Dies ist natürlich ihr Ziel.

Der Kampf ist also noch längst nicht zu Ende. Nach dem Erlass des Gesetzes werden wir den Obersten Gerichtshof anrufen, dies Gesetz zu annullieren, da es im Widerspruch zu Israels fundamentalen verfassungsmäßigen Prinzipien und den grundsätzlichen Menschenrechten steht.

Wie Menachem Begin zu sagen pflegte: „ Es gibt noch Richter in Jerusalem !“

Oder ???

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die Zwerge

Erstellt von Gast-Autor am 21. März 2011

Die Zwerge

Autor Uri Avnery

Jerusalem ist voll brillanter neuer Ideen. Die besten Köpfe unseres politischen Establishments schlagen sich mit dem Problem herum, das die anhaltende arabische Revolution geschaffen hat, die die Landschaft rund um uns neu gestaltet.

Hier ist die letzte Ernte unglaublich origineller Ideen.

Der Verteidigungsminister Ehud Barak hat angekündigt, dass er dabei ist, von den US eine weitere Subvention von 20 Milliarden zu erbitten für mehr Kampfflugzeuge, die technisch auf dem neuesten Stand sind, Raketenboote, ein Unterseeboot, Truppentransporter und anderes.

Ministerpräsident Binyamin Netanyahu ließ ein Photo machen, bei dem er von Soldatinnen umgeben ist – wie Muammar Qaddafi in den guten alten Zeiten – wie er über den Jordan blickt und verkündet, dass die israelische Armee niemals das Jordantal verlassen würde. Nach ihm ist dieser besetzte Streifen Land Israels vitale „Sicherheitsgrenze“.

Dieser Slogan ist so alt wie die Besetzung selbst. Es war ein Teil des berühmten Allon-Planes, der es darauf abgesehen hatte, die Westbank mit israelischem Gebiet zu umgeben. Zufällig war der Vater des Planes Yigal Allon auch ein Führer der Kibbuz-Bewegung, und das Jordantal war für ihn ein ideales Gebiet für neue Kibuzzim – es ist flach, gut bewässert und war gering besiedelt.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Als Allon legendärer Kommandeur im Krieg von 1948 war, träumte er noch nicht einmal von Raketen. Heute erreichen die von jenseits des Jordan abgefeuerten Raketen leicht mein Haus in Tel Aviv. Wenn Netanyahu erklärt, dass wir das Jordantal benötigen, um die Araber daran zu hindern, Raketen auf die Westbank zu schmuggeln, scheint er, ein wenig hinter seiner Zeit zurück geblieben zu sein.

Wenn die Politiker tapfer der neuen Welt entgegensehen, bleibt die Armee nicht zurück. In der letzten Woche verkündeten mehrere Divisionskommandeure, dass sie sich für einen gewaltfreien Massenaufstand in der Westbank im Tahrir-Stil vorbereitet hätten. Die Soldaten werden trainiert, Mittel zur Aufstandsbekämpfung sind vorrätig. Unsere glorreiche Armee ist für noch einen kolonialen Polizeijob vorbereitet.

Um die geistige Kraft der Führung zu stärken, hat Netanyahu jetzt einen Mann mit scharfem Intellekt mobilisiert: er ernannte General Yaacov Amidror zum Chef des Nationalen Sicherheitsrats. Amidror, der höchstrangige Kipa-tragende Offizier in der Armee, hat nie seine ultra-ultra-nationalistischen Ansichten, einschließlich seiner totalen Opposition gegen einen palästinensischen Staat und Frieden im allgemeinen verheimlicht. Er ist übrigens der Offizier, der kürzlich beifällig bemerkte, dass einige Armeen den Soldaten, die sich nicht am Angriff beteiligen, „ eine Kugel in den Kopf jagen.“

Es passt sehr gut, dass Netanyahu in dieser Woche die Nationale Front Partei eingeladen hat, die offen faschistische Elemente einschließt, sich seiner Regierung anzuschließen. Sie weigerte sich, weil Netanyahu ihnen nicht extrem genug ist.

Mittlerweile versuchen ein Dutzend Spitzenpolitiker von Avigdor Lieberman abwärts zum Scheitern verurteilte Pläne für „Interimsabkommen“ neu zu beleben – alte Handelswaren, die in den Regalen verstauben, da es keine Käufer für sie gibt.

Alles in allem politische Zwerge, die mit einer neuen revolutionären Realität konfrontiert werden, die sie nicht verstehen und mit der sie nicht fertig werden. ( Ich will damit keine Zwergwüchsigen beleidigen, die natürlich so intelligent wie alle anderen sind.)

Mit diesem Haufen von Führern ist es fast utopisch, zu fragen, was wir tun könnten oder tun sollten, um uns auf die neue geopolitische Realität einzustellen.

Nehmen wir an, dass die arabische Welt oder große Teile von ihr auf dem Weg zur Demokratie und zu sozialem Fortschritt sind – wie wird sich dies auf unsere Zukunft auswirken?

Könnten wir zu solch progressiven Gesellschaften Brücken schlagen? Könnten wir sie davon überzeugen, uns als legitimen Teil der Region zu akzeptieren? Könnten wir an der politischen und wirtschaftlichen Entstehung einer neuen geopolitischen Realität eines „neuen Nahen Ostens“ teilnehmen?

Ich bin davon überzeugt, dass wir es können. Die absolute, unveränderliche Voraussetzung jedoch ist, dass wir mit dem palästinensischen Volk Frieden schließen.

Es ist die unerschütterliche – und sich selbst erfüllende – Verurteilung des ganzen israelischen Establishments, dass dies unmöglich ist. Sie haben völlig Recht – solange sie im Amt sind, ist es unmöglich. Mit einer anderen Führung aber, würden sich die Dinge ändern?

Wenn beide Seiten – und dies hängt sehr von Israel der unvergleichlich stärkeren Seite ab – wirklich Frieden wollen, ist der Frieden in Reichweite? Alle Bedingungen liegen klar auf dem Tisch. Sie sind endlos diskutiert worden. Die Kompromisse sind klar bezeichnet worden. Es würde nicht länger als ein paar Wochen dauern, um die Details auszuarbeiten. Die Grenzen, Jerusalem, die Siedlungen, die Flüchtlinge, das Wasser, die Sicherheit – wir kennen inzwischen die Lösungen. (Ich und andere habe sie schon mehrere Male aufgezählt). Was nun allein noch fehlt, ist der politische Wille.

Ein Friedensabkommen – von der PLO unterzeichnet, in einem Referendum vom palästinensischen Volk ratifiziert, von der Hamas angenommen – würde die Haltung der arabischen Völker gegenüber Israel radikal verändern.

Dies ist keine formelle Angelegenheit – es ginge zum Kern des nationalen Bewusstseins. Keine der anhaltenden Aufstände in verschiedenen arabischen Ländern ist von Natur aus anti-israelisch. Nirgendwo schreien die Massen nach einem Krieg. Die Idee eines Krieges widerspräche wirklich ihren grundsätzlichen Hoffnungen: sozialer Fortschritt, Freiheit, ein Standard, der ein Leben in Würde erlaubt.

Doch, solange die Besatzung der palästinensischen Gebiete anhält, weisen die arabischen Massen eine Versöhnung mit Israel ab. Egal welche Gefühle jedes spezielle arabische Land gegenüber den Palästinensern hat – alle Araber fühlen sich zu tiefst verpflichtet, bei der Befreiung ihrer arabischen Landsleute mitzuhelfen. Wie ein ägyptischer Führer einmal zu mir sagte: „Sie sind unsere armen Verwandten und unsere Tradition erlaubt es nicht, einen armen Verwandten im Stich zu lassen. Es ist eine Sache der Ehre.“

Deshalb wird Israel bei jeder freien Wahl in arabischen Ländern eine Rolle spielen, und jede Partei wird sich verpflichtet fühlen, Israel zu verurteilen.

Ein Argument gegen den Frieden ist, dass die Hamas ihn nie akzeptieren wird – so wird es in unserer offiziellen Propaganda endlos wiederholt. Das Schreckgespenst der islamistischen Bewegungen, das in anderen Ländern demokratische Wahlen gewinnt – wie die Hamas in Palästina – wird als tödliche Gefahr an die Wand gemalt.

Man sollte sich daran erinnern, dass die Hamas tatsächlich von Israel geschaffen wurde.

Während der ersten Jahrzehnte der Besatzung haben die Militärgouverneure jede Art palästinensischer politischer Tätigkeit verboten, selbst jene, die sich für Frieden mit Israel aussprach. Aktivisten kamen ins Gefängnis. Es gab nur eine Ausnahme: die Islamisten. Es war nicht nur unmöglich, sie daran zu hindern, sich in der Moschee zu versammeln – dem einzigen öffentlichen Raum, der offen gelassen wurde. Die militärischen Gouverneure wurden sogar angewiesen, die islamischen Organisationen zu ermutigen – als Gegenkraft gegen die PLO, die als Hauptfeind angesehen wurde. Die PLO war und blieb nicht religiös – mit vielen Christen, die in ihr eine bedeutende Rolle gespielt haben.

Das war natürlich eine dumme Idee, typisch für die politische Kurzsichtigkeit unserer politischen und militärischen Führer, soweit es arabische Angelegenheiten betraf. Beim Ausbruch der 1. Intifada konstituierte sich auch die islamische Bewegung als Hamas („Islamistische Widerstandbewegung“), die den Kampf aufnahm.

Das Auftauchen der Hisbollah war auch eine Folge israelischer Aktionen. Als Israel 1982 in den Libanon einfiel, um den PLO-Ministaat im Süden des Landes zu zerstören, schuf es dort ein Vakuum, das bald mit der neu gegründeten schiitischen „Partei Gottes“, der Hisbollah, aufgefüllt war.

Beide – die Hamas und die Hisbollah – streben in ihren Ländern nach der Macht, das ist ihr Hauptziel. Für beide bedeutet der Kampf gegen Israel mehr ein Mittel als ein Ziel. Wenn einmal Frieden erreicht ist, werden sich ihre Energien auf den Kampf nach Macht in ihren Ländern konzentrieren.

Wird die Hamas Frieden akzeptieren? Sie hat es indirekt so erklärt: wenn die palästinensische Behörde Frieden machen und das Friedensabkommen durch ein palästinensisches Referendum ratifiziert würde, dann würde die Hamas es als Ausdruck des Volkswillen akzeptieren. Dasselbe gilt für alle islamischen Bewegungen in den verschiedenen arabischen Länden – mit Ausnahme von al-Qaida und ähnlichen, die keine nationale politischen Parteien eines Landes sind, sondern internationale verschwörerische Organisationen.

Mit einem von den Palästinensern frei akzeptierten Friedensvertrag als die Erfüllung ihrer nationalen Bestrebungen würde jede Intervention durch andere arabischen Länder überflüssig, wenn nicht ausgesprochen lächerlich machen. Die Hisbollah, die Muslimbruderschaft und ähnliche national religiöse Organisationen werden ihre Bemühungen darauf konzentrieren, innerhalb neuer demokratischer Strukturen Macht zu erlangen.

Wenn dieses Hindernis beseitigt ist, wird Israel von den arabischen Massen als das beurteilt, was es in jener Zeit sein wird. Wir werden die historische Chance haben, an der Neugestaltung der ganzen Region teilzunehmen. Unsere Taten werden sprechen.

Vor mehr als 50 Jahren machte der damalige Kronprinz von Marokko Moulai Hassan, der spätere König Hassan II. einen historischen Vorschlag: Man sollte Israel einladen, sich der Arabischen Liga anzuschließen. Zur damaligen Zeit erschien die Idee absonderlich und wurde bald wieder vergessen . (Abgesehen vom König selbst, der mich daran erinnerte, als er mich 1981 im Geheimen empfing.)

Mit einer neuen arabischen Welt in Aussicht nimmt diese utopische Idee heute plötzlich realistische Züge an. Ja, nach einem Frieden mit dem freien und souveränen Staat Palästina, einem Vollmitglied der UNO, einer reformierten regionalen Struktur, einschließlich Israel, vielleicht mit der Türkei und zu gegebener Zeit auch mit dem Iran, wird sie in den Bereich der Wirklichkeit rücken.

Eine Region mit offenen Grenzen mit blühender Handels- und Wirtschaftskooperation von Marrakesch bis Mosul, von Haifa bis Aden innerhalb von ein oder zwei Generationen – ja, das ist eine der Möglichkeiten, die sich bei den augenblicklichen erdbebenartigen Ereignissen auftun.

Solch eine Entwicklung würde natürlich einen totalen Wandel bei unsern grundlegenden Konzepten erforderlich machen, von denen einige so alt sind wie der Zionismus selbst und vielleicht noch älter.

Es wird nicht geschehen, so lange unser politisches und intellektuelles Leben von Leuten wie Netanyahu, Lieberman, Barak, Eli Yishai, Shimon Peres und ihresgleichen beherrscht wird. Die politische Bühne muss von diesem ganzen Schwung von Zwergen gereinigt werden.

Kann das geschehen? Wird dies geschehen? „Realisten“ werden den Kopf schütteln, wie sie es taten, bevor die Deutschen ihre Mauer einrissen, bevor Boris Yeltsin auf jenen Panzer kletterte, bevor die Amerikaner einen afro-amerikanischen Präsidenten wählten, dessen mittlerer Name Hussein ist.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Quelle: Uri Avnery

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Der Al-Jazeera-Skandal

Erstellt von DL-Redaktion am 30. Januar 2011

Der Al-Jazeera – Skandal

Autor : Uri Avnery

ICH DACHTE immer, dies wäre ein spezifisch israelischer Zug: wann immer ein Skandal nationaler Proportion ausbricht, ignorieren wir die entscheidenden Punkte und lenken unsere Aufmerksamkeit auf zweitrangige Dinge. Dies erspart uns, uns mit den eigentlichen Problemen zu befassen und schmerzliche Entscheidungen zu treffen.

Da gibt es Beispiele in Hülle und Fülle. Das klassische Beispiel konzentriert sich auf die Frage: „Wer gab den Befehl?“ Als bekannt wurde, dass 1954 einem israelischen Spionagering befohlen worden war, in amerikanischen und britischen Institutionen in Ägypten Bomben zu legen, um Bemühungen zu sabotieren , die Beziehungen zwischen dem Westen und Gamal Abd-al Nasser zu verbessern, brach in Israel eine große Krise aus. Fast keiner fragte, ob die Idee als solche weise oder töricht war. Fast keiner fragte, ob es im eigentlichen Interesse Israels war, den neuen und rigorosen ägyptischen Führer herauszufordern, der schnell das Idol der arabischen Welt wurde ( und der schon im Geheimen andeutete, dass er mit Israel Frieden schließen könnte.)

Nein , die Frage war nur: Wer hatte den Befehl gegeben? Der Verteidigungsminister Pinhas Lavon oder der Chef der Nachrichtendienste Binjamin Gibli? Die Frage erschütterte die Nation, stürzte die Regierung und veranlasste David Ben Gurion, die Labor-Partei zu verlassen.

Vor kurzem drehte es sich beim türkischen Flotilla-Skandal um die Frage: war es eine gute Idee, ein Kommando an Seilen auf das Schiff hinunter zu lassen oder hätte eine andere Angriffsweise genommen werden sollen? Fast keiner fragte: Sollte über Gaza überhaupt eine Blockade verhängt werden ? Wäre es nicht klüger, mit der Hamas zu reden? War es eine gute Idee, auf hoher See ein türkisches Schiff anzugreifen?

Es scheint so, als ob diese speziell israelische Weise, sich mit Problemen auseinander zu setzen, ansteckend sei. (Auch) in dieser Hinsicht fangen unsere Nachbarn an, uns zu ähneln.

DAS AL-JAZEERA-Fernsehnetz fing in dieser Woche damit an, Wickileads zu imitieren, indem es eine Menge geheimer palästinensischer Dokumente veröffentlichte. Sie geben ein detailliertes Bild der israelisch-palästinensischen Friedensverhandlungen, besonders während der Zeit von Ministerpräsident Ehud Olmert, als die Kluft zwischen den Parteien immer kleiner wurde.

In der arabischen Welt verursachte dies große Aufregung. Sogar während die „Jasmin-Revolution“ in Tunesien noch voll im Gange war und Menschenmassen in Ägypten gegen das Mubarak-Regime demonstrierten, erregten die Al-Jazeera-Enthüllungen eine intensive Kontroverse.

Aber worum ging es eigentlich? Nicht um die Position der palästinensischen Unterhändler, nicht um die Strategie von Mahmoud Abbas und seiner Kollegen, ihre eigentlichen Voraussetzungen, die Pros und Contras.

Nein – nach israelischer Weise war die Hauptfrage: wer enthüllte die Dokumente? Wer lauert im Schatten? Die CIA? Der Mossad? Welches waren ihre finsteren Motive?

Bei Al-Jazeera wurden die palästinensischen Führer des Verrates und schlimmerer Dinge angeklagt. In Ramallah wurden die Al-Jazeera-Büros von Pro-Abbas-Mengen angegriffen. Saeb Erekat, der palästinensische Hauptunterhändler, erklärte, Al-Jazeera habe tatsächlich zu seiner Ermordung aufgerufen. Er und andere leugnen, dass sie jemals die Konzessionen gemacht hätten, die in den Dokumenten angedeutet werden. Sie scheinen öffentlich damit einverstanden zu sein, dass solche Konzessionen einem Verrat gleichkommen – obwohl sie ihnen im Geheimen zustimmten.

All dies ist Unsinn. Jetzt, wo die palästinensischen und israelischen Verhandlungspositionen öffentlich gemacht wurden – und keiner ihre Authentizität ernsthaft bestreitet – sollte die wirkliche Diskussion über ihre Substanz beginnen.

FÜR JEDEN, der in irgendeiner Weise mit den israelisch-palästinensischen Friedensunterhandlungen engagiert war, gab es bei diesen Enthüllungen nichts wirklich Überraschendes.

Im Gegenteil zeigen sie, dass die palästinensischen Unterhändler sich streng an die von Arafat gesetzten Richtlinien gehalten haben.

Ich weiß darum aus erster Hand, weil ich die Gelegenheit hatte, mit Arafat selbst darüber zu diskutieren. Es war 1992 nach der Wahl von Yitzhak Rabin. Rachel und ich flogen nach Tunis, um „Abu Amar“ (wie er selbst gern genannt werden wollte) zu treffen. Der Höhepunkt des Besuches war ein Treffen, an dem außer Arafat selbst mehrere palästinensische Führer teilnahmen – unter ihnen Mahmoud Abbas und Yasser Abed-Rabbo.

Alle waren äußerst neugierig auf die Persönlichkeit Rabins, den ich gut kannte. Sie befragten mich eingehend nach ihm. Meine Bemerkung, dass „Rabin so redlich ist, wie ein Politiker nur sein kann“ löste großes Gelächter aus, am meisten bei Arafat.

Aber der Hauptteil des Treffens war einem Überblick über die Schlüsselprobleme des israelisch-palästinensischen Konfliktes gewidmet. Die Grenzen, Jerusalem, die Sicherheit, die Flüchtlinge etc., die jetzt gewöhnlich als „Kernprobleme“ erwähnt werden.

Arafat und die anderen diskutierten diese vom palästinensischen Standpunkt aus. Ich versuchte, das zu übermitteln, womit – meiner Meinung nach – Rabin einverstanden sein könnte. Was dabei herauskam, war ein Entwurf des Friedensabkommens .

Zurück in Israel, traf ich mich am Schabbat mit Rabin in seiner privaten Wohnung in Gegenwart seines Assistenten Eitan Haber und versuchte, ihm zu sagen, was bei dem Gespräch in Tunis heraus gekommen war. Zu meiner Überraschung vermied er eine ernsthafte Diskussion. Er dachte schon über Oslo nach.

Ein paar Jahre später veröffentlichte Gush Shalom einen detaillierten Entwurf eines Friedens-abkommens. Seine Grundlage war natürlich jene Diskussion in Tunis. Wie jeder auf unserer Website sehen kann, war er den letzten Vorschlägen von palästinensischer Seite, wie sie in den Al-Jazeera-Papieren enthüllt wurden, sehr ähnlich.

IN GROBEN Zügen sind sie wie folgt:

Die Grenzen gründen sich auf die1967er-Linien – mit einigem minimalem Landaustausch. Dieser würde jene großen Siedlungen, die unmittelbar an der grünen Linie liegen, mit Israel vereinigen. Das würde aber nicht jene großen Siedlungen einschließen, die tief in die Westbank hineinragen und so das Gebiet (der Westbank) in (viele) Stücke teilen, wie z.B. Maale Adumim und Ariel.

Alle Siedlungen, die zum Staat Palästina kommen, werden evakuiert werden müssen.

Nach den Al-Jazeera-Papieren schlug einer der Palästinenser eine andere Option vor: dass die Siedler bleiben und palästinensische Bürger werden. Zipi Livni – die damalige Außenministerin – war sofort dagegen und sagte frei heraus, dass dann alle ermordet werden würden. Auch ich stimme darin überein, dies würde keine gute Idee sein. Es würde endlose Reibereien verursachen, da diese Siedler auf palästinensischem Land sitzen – auf palästinensischem Privatbesitz oder auf den Landreserven der Städte und Dörfer.

Über Jerusalem: die Lösung würde so sein, wie Präsident Bill Clinton es formuliert hat: Was arabisch ist, geht an Palästina, was jüdisch ist, soll Israel angeschlossen werden. Das wäre eine sehr große palästinensische Konzession, aber eine weise. Ich war froh, dass sie dies nicht auf Har Homa anwenden wollen, das Betonmonster, das auf einem einst wunderschön bewaldeten Hügel steht, auf dem ich viele Tage und Nächte mit Protestdemonstrationen verbrachte ( und beinahe mein Leben verlor).

Was die Flüchtlinge betrifft, ist es für jede vernünftige Person klar, dass es keine Massenrückkehr von Millionen geben kann, die Israel sehr verändern würden. Dies ist eine sehr bittere und ungerechte Pille, die die Palästinenser schlucken müssten – aber jeder Palästinenser, der eine Zwei-Staaten-Lösung wünscht, muss dies akzeptieren. Die Frage ist: wie vielen Flüchtlingen soll – als heilende Geste – erlaubt werden, nach Israel zurückzukehren? Die Palästinenser schlagen 100 000 vor. Olmert 5000. Das ist ein großer Unterschied – aber wenn wir uns erst einmal wegen Zahlen streiten, dann wird eine Lösung gefunden werden.

Die Palästinenser wollen, dass eine internationale Truppe in der Westbank stationiert wird, die für die eigene und für Israels Sicherheit sorgt. Ich erinnere mich nicht mehr, ob Arafat dies mir gegenüber erwähnt hat, aber ich bin sicher, dass er damit einverstanden gewesen wäre.

Dies ist der palästinensische Friedensplan – und er hat sich nicht verändert, seit Arafat Ende 1973 zu der Schlussfolgerung kam, dass die Zweistaatenlösung die einzig machbare sei. Die Tatsache, dass Olmert & Co nicht vor Freude in die Höhe sprangen und diese Bedingungen akzeptierten, stattdessen aber die vernichtende Cast-Lead-Operation begannen, spricht für sich selbst.

DIE Al-JAZEERA-Enthüllungen mögen zur Unzeit kommen. Solche delikaten Verhandlungen werden besser im Geheimen geführt. Die Idee, dass „ das Volk Teil der Verhandlungen sein sollte“ ist naiv. Das Volk sollte gefragt werden, wenn der Abkommensentwurf fertig auf dem Tisch liegt und es entscheiden kann, ob es das ganze Vertragsbündel haben möchte oder nicht. Vorher werden Enthüllungen nur einen demagogischen Missklang von Anschuldigungen des Verrats (auf beiden Seiten) entfachen, wie es jetzt gerade geschieht.

Für das israelische Friedenslager sind die Enthüllungen ein Segen. Sie beweisen, wie Gush Shalom es gestern in seinem wöchentlichen Statement ausdrückte: „Wir haben einen Partner für Frieden. Die Palästinenser dagegen haben keinen Partner für Frieden.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Dunkelheit vertreiben !

Erstellt von DL-Redaktion am 31. Dezember 2010

Die Dunkelheit vertreiben

Autor : Uri Avnery

ES IST leicht, angesichts der schmutzigen Welle von Rassismus, die uns überschwemmt, zu verzweifeln.

Die Medizin gegen die Verzweiflung ist die wachsende Anzahl junger Leute, Söhne und Töchter der neuen israelischen Generation, die sich vereinigt, um sich dem Kampf gegen Rassismus und Besatzung zu engagieren.

IN DIESER Woche versammelten sich mehrere Hundert von ihnen in einer Halle in Tel Aviv (die ironischerweise der Zionistischen Vereinigung von Amerika gehört), um ein Buch vorzustellen, das die Gruppe „Das Schweigen brechen“ veröffentlichte.

In der Halle waren auch ein paar Veteranen des Friedenslagers, aber die große Mehrheit der Anwesenden waren Jugendliche in den Zwanzigern, junge Männer und Frauen, die ihren Militärdienst abgeschlossen hatten.

„Die Besatzung der Gebiete“ ist ein Buch mit 344 Seiten, das aus fast 200 Zeugnissen von Soldaten über das tägliche und nächtliche Leben der Besatzung besteht. Die Soldaten lieferten die Augenzeugenberichte, und die Organisation, die aus Ex-Soldaten besteht, überprüfte, verglich und wählte aus. Am Ende wurden 183 von etwa 700 Zeugnissen für die Veröffentlichung ausgewählt.

ES IST leicht, angesichts der schmutzigen Welle von Rassismus, die uns überschwemmt, zu verzweifeln.

Die Medizin gegen die Verzweiflung ist die wachsende Anzahl junger Leute, Söhne und Töchter der neuen israelischen Generation, die sich vereinigt, um sich dem Kampf gegen Rassismus und Besatzung zu engagieren.

IN DIESER Woche versammelten sich mehrere Hundert von ihnen in einer Halle in Tel Aviv (die ironischerweise der Zionistischen Vereinigung von Amerika gehört), um ein Buch vorzustellen, das die Gruppe „Das Schweigen brechen“ veröffentlichte.

In der Halle waren auch ein paar Veteranen des Friedenslagers, aber die große Mehrheit der Anwesenden waren Jugendliche in den Zwanzigern, junge Männer und Frauen, die ihren Militärdienst abgeschlossen hatten.

„Die Besatzung der Gebiete“ ist ein Buch mit 344 Seiten, das aus fast 200 Zeugnissen von Soldaten über das tägliche und nächtliche Leben der Besatzung besteht. Die Soldaten lieferten die Augenzeugenberichte, und die Organisation, die aus Ex-Soldaten besteht, überprüfte, verglich und wählte aus. Am Ende wurden 183 von etwa 700 Zeugnissen für die Veröffentlichung ausgewählt.

Nicht ein einziges dieser Zeugnisse wurde vom Armeesprecher abgestritten, der sich sonst beeilt, diesen ehrlichen Berichten über das, was in den besetzten Gebieten geschieht, zu widersprechen. Da die Herausgeber des Buches selbst Soldaten waren, die an diesen Orten ihren Militärdienst machten, war es für sie leicht, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden.

Das Buch ist sehr deprimierend – nicht weil es detailliert über schreckliche Grausamkeiten berichtet. Im Gegenteil, die Herausgeber bemühten sich, nicht Vorfälle von außergewöhnlicher Brutalität – von Sadisten begangen, die man in jeder israelischen Armeeeinheit und in den Armeen aller Welt findet – mit hineinzunehmen. Sie wollten eher ein Licht auf die graue Routine der Besatzung werfen.

Es gibt Berichte von nächtlichen Überfällen in ruhige palästinensische Dörfer als Übung – Einbruch in irgendwelche Häuser, in denen es keine „Verdächtige“ gibt, wo Kinder, Frauen und Männer terrorisiert, Chaos im Dorf angerichtet wird – und all dies nur, um die Soldaten zu „trainieren“.

Es gibt Geschichten über das Demütigen von Passanten an den Checkpoints ( „Mach den Checkpoint sauber, dann bekommst du deine Schlüssel wieder !“), gelegentliche Schikane ( „Er begann zu meckern, also schlug ich ihm mit dem Gewehrkolben ins Gesicht!“) . Jedes Zeugnis ist sorgfältig dokumentiert mit Zeit, Ort, Einheit.

Bei der Einführung des Buches wurden einige der Zeugenaussagen sogar im Film gezeigt mit den Zeugen, die es wagten, ihr Gesicht zu zeigen und ihre Identität mit vollem Namen preiszugeben. Sie waren keine ungewöhnlichen Leute, keine Fanatiker oder „blutende Herzen“. Keine Weichen aus der „Wir schießen und weinen“-Schule. Ganz gewöhnliche junge Leute, die Zeit hatten, sich mit ihren persönlichen Erfahrungen aus einander zu setzen.

Gelegentlich blitzt sogar Humor auf. Wie die Geschichte des Soldaten, der lange Zeit an einem Checkpoint zwischen zwei palästinensischen Dörfern stehen musste, ohne den Wert für die Sicherheit hier zu verstehen. Eines Tages erschien plötzlich von nirgendwo ein Bulldozer, ergriff die Betonblöcke und nahm sie weg – wieder ohne jegliche Erklärung. „Sie haben meine Straßensperre geklaut!“ beklagte sich der Soldat, da er sich an den Platz gewöhnt hatte.

Die Titel der Zeugnisse sprechen für sich selbst: „Um Schlaflosigkeit im Dorf zu schaffen“, „Wir pflegten Nachbarn zu schicken, um Explosivstoffe zu beseitigen “, „Der Bataillonskommandeur befahl, jeden zu erschießen, der versuchte, die Toten zu beseitigen“, „ Der Marinekommandeur der Flotte steckte die Mündung seines Gewehrs in den Mund des Mannes“, „Sie sagten uns, auf jeden zu schießen, der sich auf der Straße bewegt“, „Du kannst alles machen, was dir gefällt, keiner wird dich später etwas fragen“, „Du schießt aus Spaß auf das TV“. „Ich wusste nicht, dass es Straßen nur für Juden gibt“, „Eine Art totaler Willkürlichkeit“, „Die Jungs (der Hebron-Siedler) schlugen die alte Frau zusammen“, „Arrest der Siedler? Das kann die Armee nicht tun“. Und so weiter. Nur Routine.

Die Absicht des Buches ist nicht, Brutalitäten aufzudecken und die Soldaten als Monster zu zeigen. Es will eine Situation darstellen: die Herrschaft über ein anderes Volk mit all der überheblichen Willkür, die notwendigerweise damit verbunden ist, Demütigung der Besetzten, Degeneration des Besatzers. Nach den Herausgebern ist es für den einzelnen Soldaten ganz unmöglich, die Situation zu verbessern. Er wird zu einer Schraube in einer Maschine, die von Natur aus unmenschlich ist.

GRUPPEN junger Leute, denen es einfach zu übel wird, tauchen im Lande auf. Sie sind Zeichen eines Erwachens, das seinen Ausdruck im täglichen Kampf von Hunderten von Gruppen findet, die sich für verschiedene Dinge engagieren. Nur scheinbar verschieden – weil diese Dinge mit einander verbunden sind. Der Kampf gegen die Besatzung, für die Flüchtlinge, die Schutz suchen, gegen die Zerstörung der Beduinenhütten im Negev, gegen die Invasion der Siedler in arabische Stadtteile Ostjerusalems, für gleiche Rechte der arabischen Bürger in Israel, gegen soziale Ungerechtigkeiten, für die Erhaltung der Umwelt, gegen die Korruption der Regierung, gegen religiösen Zwang etc. etc. Sie haben einen gemeinsamen Nenner: der Kampf für ein anderes Israel.

Junge Freiwillige für jeden dieser Kämpfe – und für alle zusammen – sind heute nötiger denn je, angesichts des Rassismus, der in ganz Israel seinen hässlichen Kopf in die Höhe hebt – ein offener Rassismus, schamlos und tatsächlich stolz auf sich selbst.

Das Phänomen als solches ist nicht neu. Was neu ist, ist der Verlust jeder Spur von Scham. Die Rassisten schreien ihre Botschaft an jeder Straßenecke heraus und ernten Applaus von Politikern und Rabbinern.

Es begann mit der Flut rassistischer Gesetzesentwürfe, die dafür bestimmt waren, die arabischen Bürger zu delegitimieren und zu vertreiben. „Zulassungskomitees“, „Treueeid“ und vieles mehr. Dann kam das religiöse Edikt des Chefrabbiners von Safed, das Juden verbat, Arabern Wohnungen zu vermieten. Dies verursachte Entsetzen und Beschämung. Seitdem sind alle Dämme gebrochen. Eine Bande 14Jähriger überfiel Araber mitten in Jerusalem, benützte ein 14jähriges Mädchen als Köder und schlugen sie bewusstlos. Hunderte von Rabbinern im ganzen Lande verfassten zusammen ein Manifest, das verbietet, Wohnungen an „Ausländer“ (gemeint sind Araber, die seit Jahrhunderten im Lande lebten) zu vermieten. In Bat Yam, das an Tel Aviv grenzt, rief eine stürmische Demonstration, alle Araber aus der Stadt zu vertreiben. Am nächsten Tag verlangte eine Demonstration in Tel Avivs ärmsten Viertel die Vertreibung der Flüchtlinge und Fremdarbeiter aus dem Stadtviertel.

Offensichtlich waren die Demonstrationen in Bat Yam und Tel Aviv verschiedenen Zielen gewidmet: die erste gegen die Araber, die zweite gegen Fremdarbeiter. Aber dieselben wohlbekannten faschistischen Aktivisten erschienen und sprachen bei beiden, sie trugen dieselben Poster und schrieen dieselben Slogans. Der auffälligste unter ihnen war die Behauptung, dass die Araber und die Ausländer jüdische Frauen gefährden – die Araber heiraten sie und nehmen sie mit in ihre Dörfer, die Fremdarbeiter flirten mit ihnen. „Jüdische Frauen für das jüdische Volk!“ schrieen die Poster – als ob die Frauen ein Besitz wären.

Die Verbindung zwischen Rassismus und Sex interessierte die Forscher schon immer. Die weißen Rassisten in den USA verbreiteten das Gerücht, dass die „Nigger“ einen dickeren Penis hätten. Unter den deutschen Nazizeitungen war die sensationellste „Der Stürmer“, ein pornographisches Blatt, das voll mit Geschichten über unschuldige blonde Mädchen waren, die von krummnasigen hässlichen Juden mit Geld verführt wurden. Sein Herausgeber Julius Streicher, wurde in Nürnberg gehängt.

Einige glauben, eine der Wurzeln des Rassismus sei ein Gefühl von sexueller Unzulänglichkeit , der Mangel an Selbstvertrauen von Männern, die fürchten, sexuell impotent zu sein – das ganze Gegenteil des Macho-Rassisten. Es genügt, sich die rassistischen Demonstranten anzusehen, um die entsprechenden Schlüsse zu ziehen.

JEAN-PAUL SARTRE sagte bekanntermaßen, dass jede Person ein Rassist sei – es gäbe nur den Unterschied zwischen denen, die es zugeben und versuchen, dagegen anzukämpfen und jenen, die das nicht tun.

Das stimmt zweifellos. Ich habe einen einfachen Test für die Macht des Rassismus: man fährt mit dem Wagen und jemand schneidet einem den Weg ab. Wenn es ein schwarzer Fahrer ist, sagt man: „Verdammter Nigger!“ wenn es eine Frau ist, schreit man: „Geh in deine Küche!“ Wenn er eine Kipa trägt, schreit man: „Blöder Dos“ („Dos“ ist ein abfälliger hebräischer Spitzname für religiöse Juden). Wenn es ein Fahrer ohne besondere Kennzeichen ist, schreit man nur „Idiot! Wer gab dir eine Fahrerlaubnis?“

Der Fremdenhass, die Aversion gegen jeden, der anders ist , als man selbst, hat scheinbar biologische Züge, Überbleibsel aus Zeiten der Urmenschen, als jeder Fremde eine Bedrohung für die begrenzten Ressourcen des Stammes war. Er besteht auch unter vielen anderen Tierarten. Es ist nichts, auf das man stolz sein kann.

Der zivilisierte Mensch und mehr noch die zivilisierte menschliche Gesellschaft hat die Pflicht, diese Züge zu bekämpfen – nicht nur, weil sie in sich hässlich sind, sondern weil sie die Modernisierung der globalen Welt hindern, in der die Zusammenarbeit zwischen Menschen und zwischen Völkern zwingend ist. Sie bringen uns zu den Höhlenmenschen zurück.

Die Situation hier bewegt sich in die andere Richtung: das Land umarmt den rassistischen Dämon. Nach Jahrtausenden Opfer des Rassismus zu sein, sind Juden hier anscheinend glücklich, nun anderen das anzutun, was ihnen angetan wurde.

ES IST unmöglich, die zentrale Rolle zu ignorieren, die Rabbiner bei diesem widerlichen Durcheinander spielen. Sie reiten oben auf der Welle und behaupten, dies sei der Geist des Judentums. Sie zitieren die heiligen Texte in voller Länge.

Die Wahrheit ist, dass das Judentum, wie fast jede andere Religion, rassistische und antirassistische, humanistische und barbarische Elemente einschließt. Die Kreuzfahrer, die auf dem Weg ins Heilige Land die Juden im Rheinland schlachteten und die Bewohner Jerusalems mordeten – Muslime genau so wie Juden – als sie die Stadt eroberten, schrieen: „Gott will es!“ So kann man im Neuen Testament großartige Passagen finden, die Liebe predigen, und auch ganz andere Passagen. So sind auch im Koran Suren voller Liebe für die Menschheit und Aufrufe zu Gerechtigkeit und Gleichheit, aber es gibt auch ganz andere voller Intoleranz und Hass.

So ist es auch mit der hebräischen Bibel. Die Rassisten zitieren Rabbi Maimonides, der zwei biblische Worte als ein Gebot interpretiert, Nichtjuden keine Wohn- und Lebensmöglichkeit im Lande zu geben. Das ganze Buch Josua ist ein Aufruf zum Genozid. Die Bibel befiehlt den Israeliten, den ganzen Stamm der Amalekiter umzubringen („Männer, Frauen, Kinder und Säuglinge“) und der Prophet Samuel entthronte König Saul, weil er das Leben von amalekitischen Gefangenen schonte (1. Sam.15).

Aber die hebräische Bibel ist auch ein Buch von unvergleichlicher Menschlichkeit. Es fängt mit der Beschreibung der Erschaffung von Mann und Frau an, indem betont wird, dass alle Menschen nach dem Bilde Gottes geschaffen sind – und deshalb gleich. „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, Mann und Frau. Die Bibel verlangt viele Male, den „Gerim“ (den Fremden, der unter den Israeliten lebt ) als Israeliten zu behandeln, „Weil ihr Fremde im Lande Ägyptens ward.“

Wie Gershom Schocken, der Besitzer und lange Zeit Chefredakteur von Haaretz, in einem in dieser Woche – seinem 20. Todestag – wieder veröffentlichten Artikel hinwies: Esra hat tatsächlich die nicht-jüdischen Frauen aus der Gemeinde ausgeschlossen. Aber davor spielten fremde Frauen eine zentrale Rolle in der biblischen Geschichte. Bathseba war die Frau eines Hettiters, bevor sie König David heiratete und wurde die Mutter des Hauses David, aus dem der Messias kommen wird ( oder von dem, nach christlichem Glauben, Jesus heute vor 2010 Jahren geboren wurde). David selbst war ein Nachfahre von Ruth, einer Moabiterin. König Ahab, der größte der israelitischen Könige, heiratete eine Phönizierin.

Wenn unsere Rassisten das hässlichste Gesicht des Judentums darstellen und dabei dessen universale Botschaft ignorieren, schaden sie der Religion von Millionen von Juden in aller Welt. Die bedeutendsten jüdischen Rabbiner schwiegen in dieser Woche angesichts des rassistischen Feuers, das von Rabbinern angezündet wurde, oder murmelten etwas über „Wege des Friedens“ – womit sie auf die Regel verwiesen, es sei verboten, die Goyim zu provozieren, weil sie die Juden in anderen Ländern so behandeln könnten, wie die Juden die Minderheit in ihrem eigenen Staat. Bis jetzt hat noch kein christlicher Priester seine Gemeinde aufgerufen, Juden keine Wohnung zu vermieten – aber es könnte geschehen.

Das Schweigen der „Torah-Weisen“ ist donnernd. Noch mehr ist es das Schweigen der politischen Führer des Landes. Der Friedensnobelpreisträger Shimon Peres erhob seine Stimme nicht, um seinen Unmut auszudrücken, und Binyamin Netanyahu begnügte sich, die Rassisten aufzurufen, „ das Gesetz nicht in ihre eigenen Hände zu nehmen.“ Kein einziges Wort gegen den Rassismus, nicht ein einziges Wort über Moral und Gerechtigkeit.

ALS ICH den Exsoldaten bei der Veranstaltung „Das Schweigen brechen“ zuhörte, war ich voller Hoffnung. Diese Generation hat die Pflicht, den Staat zu heilen, in dem sie ihr Leben verbringen will.

Wie es im Chanukkalied heißt, das schnell zur Hymne der Antirassisten-Demonstrationen wird: „Wir kommen, um die Dunkelheit zu vertreiben.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Eine Fantasie

Erstellt von DL-Redaktion am 14. Mai 2010

Eine Fantasie

von Uri Avnery

In den 86 Jahren meines Lebens haben sich unzählige nicht voraus zu sehende Dinge ereignet, und unzählige Dinge, die man erwartete, haben sich nicht ereignet. Das Schicksal von Nationen wird von unerwarteten Faktoren gesteuert. Sie werden von Menschen gestaltet, die von Natur unberechenbar sind.

Wer sah 1929 voraus, dass Adolf Hitler in Deutschland an die Macht kommen würde? Wer sah 1941 voraus, dass die Rote Armee die unbesiegbare Wehrmacht stoppen würde? Wer sah 1939 den Holocaust voraus? Wer sah 1945 die Schaffung des Staates Israel voraus? Wer sah 1989 den Kollaps der Sowjetunion voraus? Wer sah einen Tag vor dem Fall der Berliner Mauer diesen voraus? Wer sah die Khomeini-Revolution voraus? Wer sah die Wahl eines schwarzen US-Präsidenten voraus?

Natürlich kann man keine Pläne für das Unerwartete schmieden. Aber man muss damit rechnen. Es ist irrational, das Irrationale nicht zu berücksichtigen.

ICH BEWUNDERE Professor John Mearsheimer. Seine strenge Logik. Seine klare Darstellung. Sein selten moralischer Mut.

Ich fühlte mich sehr geehrt, ihn und seinen Kollegen Professor Stephen Walt in Tel Aviv als Gäste zu haben, nachdem ihr Buch über die Israellobby in den USA Furore provozierte.

Und ich stimme nicht mit seinen Schlussfolgerungen überein.

VOR EIN paar Tagen hielt Prof. Mearsheimer einen eindrucksvollen Vortrag in Washington DC. Er bestand aus einer tiefgründigen Analyse der Überlebenschancen für Israel. Jeder Israeli, der über die Zukunft seines Staates nachdenkt, sollte sich mit dieser Analyse aus einander setzen.

Der Professor selbst fasst seine Schlussfolgerungen wie folgt zusammen:

„Im Gegensatz zu den Wünschen der Obama-Regierung und der meisten Amerikaner – einschließlich vieler amerikanischer Juden – wird Israel den Palästinensern nicht erlauben, einen eigenen lebensfähigen Staat in Gaza und der Westbank zu haben. Bedauerlicherweise ist die Zwei-Staaten-Lösung jetzt eine Fantasie. Stattdessen werden diese Gebiete in ein „Groß-Israel“ integriert, der ein Apartheidstaat sein wird, der große Ähnlichkeit mit dem von Weißen regierten Süd-Afrika haben wird. Trotz alledem wird ein jüdischer Apartheidstaat politisch auf Dauer nicht lebensfähig sein. Am Ende wird es ein demokratischer bi-nationaler Staat werden, dessen Politik von seinen palästinensischen Bürgern dominiert werden wird. Mit anderen Worten: er wird aufhören, ein jüdischer Staat zu sein, was das Ende des zionistischen Traumes sein wird.“

WARUM GLAUBT der Professor, dass die Zwei-Staaten-Lösung eine Fantasie geworden ist? Weil seiner Meinung nach die meisten Israelis nicht bereit sind, für die Erfüllung dieser Lösung die nötigen Opfer zu bringen. Die 480 000 Siedler in der Westbank und in Ost-Jerusalem haben eine gewaltige Macht. Viele von ihnen werden mit Waffengewalt Widerstand gegen jede Art Lösung leisten. Binyamin Netanyahu ist nicht bereit, einen palästinensischen Staat zu akzeptieren. Die israelische Öffentlichkeit ist scharf nach rechts gerückt. Es gibt in Israel jetzt keine wirksame pro-Frieden-Partei. Es ist kein Führer von Rang in Sicht, der in der Lage wäre, die Siedler aus den Siedlungen zu entfernen. Und das Wichtigste: „Der Kern der Überzeugung des Zionismus ist gegenüber einem palästinensischen Staat zu tiefst feindselig“.

Von Barack Obama wird keine Rettung kommen. Die ungeheuer mächtige pro-Israel-Lobby wird jeden Versuch, Druck auf Israel auszuüben, zunichte machen. Obama hat schon vor Netanyahu kapituliert, und so wird er es auch in Zukunft tun.

Der Professor verbirgt seine Meinung nicht, dass die Zwei-Staatenlösung bei weitem die beste wäre. Aber er glaubt, dass diese tot sei. Großisrael, das über all die Gebiete zwischen Mittelmeer und dem Jordan herrscht, besteht schon. Es ist ein Apartheidstaat, der sich immer mehr konsolidiert und immer brutaler werden wird – bis er kollabiert.

DIES IST eine erschreckende Prognose. Sie ist auch sehr logisch. Wenn die gegenwärtige Entwicklung in gerader Linie weitergeht, wird genau dies geschehen.

Aber ich glaube nicht an gerade Linien. In der Natur gibt es kaum gerade Linien, und es gibt im Leben der Nationen und Staaten auch keine geraden Linien.

In den 86 Jahren meines Lebens haben sich unzählige nicht voraus zu sehende Dinge ereignet, und unzählige Dinge, die man erwartete, haben sich nicht ereignet. Das Schicksal von Nationen wird von unerwarteten Faktoren gesteuert. Sie werden von Menschen gestaltet, die von Natur unberechenbar sind.

Wer sah 1929 voraus, dass Adolf Hitler in Deutschland an die Macht kommen würde? Wer sah 1941 voraus, dass die Rote Armee die unbesiegbare Wehrmacht stoppen würde? Wer sah 1939 den Holocaust voraus? Wer sah 1945 die Schaffung des Staates Israel voraus? Wer sah 1989 den Kollaps der Sowjetunion voraus? Wer sah einen Tag vor dem Fall der Berliner Mauer diesen voraus? Wer sah die Khomeini-Revolution voraus? Wer sah die Wahl eines schwarzen US-Präsidenten voraus?

Natürlich kann man keine Pläne für das Unerwartete schmieden. Aber man muss damit rechnen. Es ist irrational, das Irrationale nicht zu berücksichtigen.

Ich akzeptiere das Urteil des Professors nicht, dass „die meisten Israelis dagegen wären, Opfer zu bringen, die nötig sein würden, um einen lebensfähigen palästinensischen Staat zu schaffen.“ Als ein in Israel lebender und kämpfender Israeli bin ich davon überzeugt, dass die Mehrheit der Israelis bereit ist, die nötigen Bedingungen zu akzeptieren, die allen wohl bekannt sind: ein palästinensischer Staat mit seiner Hauptstadt in Ost-Jerusalem, den Grenzen von 1967 mit kleinem Landtausch, eine beiderseits annehmbare Lösung der Flüchtlingsfrage.

Das wirkliche Problem ist, dass die meisten Israelis nicht glauben, dass überhaupt Frieden möglich ist. Viele Jahre voller Propaganda haben sie davon überzeugt, dass „wir keinen Partner für den Frieden haben“. Ereignisse vor Ort (durch israelische Augen gesehen) haben sie in dieser Ansicht bestätigt. Wenn diese Einschätzung aufgelöst wird, dann ist alles möglich.

Hier könnte Präsident Obama eine große Rolle spielen. Ich glaube, dass dies seine wirkliche Aufgabe ist: zu beweisen, dass dies möglich ist. Dass es einen Partner gibt. Dass es eine Garantie für Israels Sicherheit gibt. Und – jawohl – dass die Alternative erschreckend ist.

KÖNNEN DIE Siedlungen entfernt werden? Wird es je eine israelische Regierung geben, die den Mut hat, dies zu tun? Wo ist der Führer, der diese Herkulesaufgabe auf sich nehmen wird?

Der Professor hat Recht, dass er jetzt „keinen in der israelischen Politik sieht, der dazu in der Lage wäre“. Und dass es „keine größere Friedenspartei oder Bewegung gibt“.

Doch die Geschichte zeigt, dass außergewöhnliche Führer oft dann erscheinen, wenn sie gebraucht werden. Ich habe in meinem Leben einen gescheiterten und allgemein verachteten Politiker mit Namen Winston Churchill gesehen, der ein nationaler Held wurde. Und einen reaktionären General mit Namen Charles de Gaulle, der Algerien befreite. Und einen grauen kommunistischen Apparatschik mit Namen Mikhail Gorbachov, der ein riesiges Reich ohne Blutvergießen demontierte. Und die Wahl eines Burschen mit Namen Barack Obama.

Ich habe auch einen brutalen General mit Namen Ariel Sharon gesehen, der Vater der Siedlungen, der eine Reihe Siedlungen zerstörte. Seine Absichten mögen fragwürdig gewesen sein, aber die Fakten können nicht abgestritten werden: er forderte die Siedlerbewegung heraus – die Professor Mearsheimer als furchtbare Bedrohung beschreibt – und gewann leicht. Angesichts der totalen Opposition der Siedler und ihrer Verbündeten evakuierte er etwa zwanzig Siedlungen im Gazastreifen und auf der Westbank. Keine einzige Militäreinheit meuterte. Keine einzige Person wurde getötet oder schwer verletzt.

Gewiss, da gibt es einen quantitativen und qualitativen Unterschied zwischen Sharons „Trennung“ und der uns bevorstehenden Aufgabe. Aber es ist ein großer Fehler, die Siedler als einen monolithischen Block anzusehen. Es sind verschiedene Gruppierungen – die Bewohner der Ost-Jerusalemer Vororte ähneln nicht den Westbanksiedlern, den Käufern billiger Wohnungen in Ariel und Maale Adumim und diese nicht den Zeloten von Yitzhar und Tapuach, die Orthodoxen in Modiin-Illit und Immanuel gleichen nicht denen der Hügeljugend.

Wenn ein Friedensabkommen erreicht wird, wird es notwendig sein, die Evakuierung mit Entschlossenheit durchzuführen, aber auch mit Finesse. Für die Bewohner der Vororte Ost-Jerusalems wird eine Lösung im Rahmen der Abkommen über Jerusalem gefunden werden. Eine große Anzahl Siedler in der Nähe der Grünen Linie wird bleiben, wo sie sind – im Rahmen eines fairen Austauschs von Land. Ein anderer Teil wird nach Israel zurückkehren, wenn sie wissen, dass Wohnungen für sie im Tel Aviver Großraum zur Verfügung stehen. Für einige von ihnen wird es vielleicht eine Möglichkeit geben, mit der Palästinensischen Regierung eine Übereinstimmung zu finden. Am Ende wird der harte Kern der messianischen Siedler nicht leicht aufgeben. Sie könnten Waffen benützen. Aber ein starker Führer wird den Test bestehen, wenn die große Mehrheit der israelischen Öffentlichkeit das Friedensabkommen unterstützen wird.

DIE ZWEI-STAATEN-Lösung ist nicht die beste Lösung. Es ist die einzige Lösung.

Die Alternative ist nicht ein demokratischer säkularer bi-nationaler Staat, weil so ein Staat nicht entstehen wird. Keines der beiden Völker will ihn.

Wie der Professor richtig behauptet, solange es keinen Frieden gibt, wird Israel vom Meer bis zum Fluss, herrschen. Die gegenwärtige Situation wird schlimmer werden: der souveräne Staat Israel wird an den besetzten Gebieten festhalten.

Außer einer winzigen Gruppe von Träumern, die man in einem mittelgroßen Raum versammeln könnte, gibt es keine Israelis, die davon träumen, in einem bi-nationalen Staat zu leben, in dem die Araber die Mehrheit darstellen. Wenn solch ein Staat entstünde, würden die israelischen Juden auswandern. Aber es ist viel plausibler, dass das Gegenteil passiert: die Palästinenser werden lange davor auswandern.

Ethnische Säuberung muss nicht in Form einer dramatischen Vertreibung geschehen wie 1948. Es kann im Stillen stattfinden als schleichender Prozess, wenn immer mehr Palästinenser einfach aufgeben. Das ist der große Traum der Siedler und ihrer Partner: das Leben der Palästinenser so unerträglich zu machen, dass sie ihre Familien nehmen und gehen.

So oder so, das Leben in diesem Land wird zur Hölle werden. Nicht für ein Jahr, sondern viele Jahre lang. Beide Seiten werden gewalttätig werden. Die Idee eines palästinensischen „gewaltfreien Widerstandes“ ist ein Hirngespinst. Die Hoffnung des Professors, dass im mutmaßlichen bi-nationalen Staat die Palästinenser die Juden nicht so behandeln werden, wie die Juden sie jetzt behandeln, ist von den Juden selbst widerlegt worden – die Verfolgung, die sie Jahrhunderte lang durchlitten haben, hat sie nicht dagegen geimpft, selbst Täter zu werden.

IN DER Analyse des Professors gibt es eine Lücke: er erklärt nicht, wie der gewalttätige israelische Apartheidstaat sich in einen bi-nationalen Staat entwickeln wird. Seiner Meinung nach wird dies „schließlich“ nach einigen Jahren kommen. Nach wie vielen ? Und warum?

OK, es wird Druck geben. Die Weltöffentlichkeit wird sich gegen Israel wenden. Die Juden in der Diaspora werden sich distanzieren. Aber wie wird dies alles einen bi-nationalen Staat hervorbringen?

Jeder Vergleich mit Südafrika ist einfach falsch. Es gibt keine Ähnlichkeit zwischen der Situation, die dort vorherrschte, und der Situation, die hier besteht oder in Zukunft bestehen wird. Abgesehen von einigen Methoden der Verfolgung, all die Umstände, in allen Bereichen sind sehr anders.

Um nur eines zu erwähnen: das Apartheidregime wurde schließlich nicht durch internationalen Druck zu Fall gebracht, sondern durch die massiven und lähmenden Streiks der schwarzen arbeitenden Kräfte. In diesem Land tun die Besatzungsbehörden alles, um die Palästinenser vom Arbeiten in Israel abzuhalten.

Schließlich ist es eine Sache der Logik: wenn es internationalem Druck nicht gelingt, die Israelis zu überzeugen, die Zwei-Staaten-Lösung anzunehmen, die ihrer nationalen Entität nicht schadet, wie will sie sie zwingen, alles aufzugeben – ihren Staat, ihre Identität, ihre Kultur, ihre Wirtschaft, alles, was sie mit riesiger Anstrengung in 120 Jahren aufgebaut haben ?

Ist es nicht viel überzeugender zu vermuten, dass Israel, lange bevor der Staat unter dem internationalen Druck zusammenbricht, die Zwei-Staaten-Lösung annehmen wird?

Ich stimme mit dem Professor völlig überein: Das Haupthindernis zum Frieden ist geistiger Natur. Was dringend nötig ist, ist eine tiefgründige Chance von Bewusstseinsveränderung, bevor die israelische Öffentlichkeit dahin gebracht werden kann, die Realität zu erkennen und den Frieden zu akzeptieren mit allem, was damit verbunden ist.

Das ist die Hauptaufgabe des israelischen Friedenslagers: die grundlegenden Wahrnehmungen der Öffentlichkeit zu ändern. Ich bin sicher, dass dies möglich ist. Wir sind schon einen langen Weg gegangen von den Zeiten, in denen es hieß : „Es gibt keine Palästinenser!“ und „Jerusalem, vereint in alle Ewigkeit“ Professor Mearsheimers Analyse mag zu diesem Prozess beitragen.

Ein Apartheidstaat oder ein bi-nationaler Staat? Weder noch. Sondern der freie Staat Palästina, Seite an Seite mit dem freien Staat Israel in der gemeinsamen Heimat .

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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