DEMOKRATISCH – LINKS

                      KRITISCHE INTERNET-ZEITUNG

RENTENANGST

Ja, wir können

Erstellt von DL-Redaktion am 9. Juli 2017

Ja, wir können

Autor Uri Avnery

WÄHREND DES 2. WELTKRIEGES, als deutsche Bomber England terrorisierten, stand eine kleine Gruppe britischer tapferer Flieger ihnen gegenüber. Ihre Lebenserwartung wurde nach Tagen gezählt.

Ein findiger Geist im Propagandaministerium gestaltete ein Poster: „Wer fürchtet sich vor der deutschen Luftwaffe?“

Als dieses an einer der Königlichen Luftwaffenbasen angebracht wurde, hat eine anonyme Hand darunter geschrieben: „Unterschreibe hier“!.

Innerhalb von Stunden hatten alle Flieger unterschrieben.

Es waren die Männer, über die Winston Churchill folgendes sagte: „Niemals haben so Viele so Vieles so wenigen geschuldigt!“

Wenn heute jemand ein Poster erfinden würde, das fragt: Wer fürchtet sich vor den Siedlern, würde ich der erste sein, der es unterzeichnet.

Ich habe Angst. Nicht um mich. Um den Staat Israel. Um Alles, was wir in den letzten 120 Jahren aufgebaut haben.

IN LETZTER ZEIT sagen immer mehr Leute in Israel und in der Welt, dass die „Zwei-Staaten-Lösung“ tot ist.

Finito. Kaput. Die Siedler haben sie schließlich umgebracht.

Der Frieden ist am Ende. Da gibt es nichts, das wir tun könnten. Wir können nur in unserm bequemen Sessel vor dem Fernseher sitzen, tief seufzen, eine Tasse Kaffee trinken und zu uns selbst sagen: „Die Siedlungen sind unumkehrbar“

Wann hab ich das zum ersten Mal gehört?

Vor etwa 40 Jahren – oder war es vor 50 Jahren — verwendete der renommierte israelische Historiker Meron Benvenisti – dies das erste Mal. Die Siedlungen, proklamierte er, haben eine „Irreversible“ Situation geschaffen. Keine Zwei-Staaten-Lösung, wie meine Freunde und ich es verlangten. Sorry, irreversible. In jener Zeit gab es weniger als hunderttausend Siedler in der Westbank und einige sogar im Sinai.

Jetzt kann dieser Slogan überall gehört werden. Unumkehrbar, irreversible. Die bloße Menge der Siedler hat die Zwei-Staaten-Lösung zu einem Hirngespinst gemacht.

Es wird gesagt, dass es jetzt 450 Tausend Siedler in der Westbank gibt und zusätzlich noch 150 Tausend im besetzen Ost-Jerusalem. Sie können nicht ohne einen Bürgerkrieg umgesiedelt werden.

Also hören wir auf, über eine Zwei-Staaten-Lösung zu sprechen. Lasst und über etwas anderes nachdenken. Eine Ein-Staat-Lösung? einen Apartheid-Staat? Überhaupt keine Lösung? Ein ewiger Konflikt?

ICH GLAUBE nicht, dass es ein menschliches Problem gibt, das keine Lösung hat.

Ich glaube nicht, dass Verzweiflung ein guter Berater sei, obwohl es ein bequemer ist.

Ich glaube nicht, dass im Leben etwas „irreversible“ ist. Natürlich abgesehen vom Tod.

Wenn sich jemand einem Problem gegenüber sieht, das irreversibel ist, muss man dieses Problem näher ansehen, dies analysieren und die möglichen Wege da heraus bedenken.

Es wird erzählt dass General Bernard Montgomery, der britische Kommandeur in Nordafrika, ein Bild von seinem Feind, dem legendären deutschen General Erwin Rommel auf seinem Schreibtisch in seinen Hauptquartieren, stehen hatte. Als er von seinen erstaunten Besuchern gefragt wurde, erklärte er: „Ich möchte mich selbst jeden Moment fragen: Was denkt er jetzt?“

Falls wir versuchen über die Siedler nachdenken, sehen wir vor uns eine Masse von 650 Tausend Fanatikern, die jeden Tag mehr werden. Das ist wirklich erschreckend.

Aber es existiert keine Masse von Siedlern. Es gibt verschiedene Arten von Siedlern. Wenn wir Mittel erfinden wollen, um mit diesem Problem fertig zu werden, müssen wir es als erstes auseinandernehmen.

Lasst uns auf die verschiedenen Gruppen, eine nach der anderen, schauen.

ALS ERSTES sind da die „ Siedler für Lebensqualität“ . Sie gehen auf die Westbank, finden dort eine Stelle, die von malerischen arabischen Dörfern umgeben sind und siedeln auf Land, das höchst wahrscheinlich einigen arabischen Dorfbewohnern gehört. Sie schauen aus ihrem Fenster auf wunderschöne Minaretts und Olivenbäume, hören den Ruf zum Gebet und sind glücklich. Sie bekamen das Land für nichts oder fast für nichts.

Nennen wir sie Gruppe 1.

Da sie keine Fanatiker sind, wird es nicht so schwer sein, sie ins eigentliche Israel umzusiedeln. Findet man für sie einen netten Platz, gibt man ihnen eine Menge Geld, werden sie ohne zu viel Ärger sich umsiedeln. Lassen.

DANN GIBT es die „Grenz-Siedlungen“. Dort leben die Siedler in Städten und Dörfern, die sehr nah an der alten Grünen Linie leben – die Grenze, die vor 1967 bestand und die noch immer als legale Grenze des Staates Israel gilt. Dort lebt der Großteil der Siedler.

Es besteht zwischen Israel und den Palästinensern eine schweigende Übereinkunft, dass diese Siedlungen in den „Austausch von Gebieten“ eingeschlossen sind, die praktisch von jedem ins Auge gefasst werden, der sich mit der Zwei-Staaten-Lösung befasst.

Die Grundlage ist ein Austausch von 1 zu 1 von gleichem Wert. Zum Beispiel: zum Ausgleich für die „Siedlungsblöcke“ könnte Israel Gebiete entlang des Gazastreifens abgeben. Die Söhne und Töchter der Familien innerhalb des Streifens, das übervölkertste Gebiet auf der Erde, würden diese Gelegenheit willkommen heißen, um dort ihre Wohnstätte in der Nähe ihrer Familien zu bauen.

Nennen wir diese Art von Siedlern „Gruppe 2“.

Zu dieser Gruppe gehören viele der ultra-orthodoxen Siedler, die sich wirklich nicht um die Lokalität kümmern. Sie haben sehr große Familien, womit sie Gottes Willen erfüllen. Sie müssen auch in bedrängten Gemeinden zusammen leben, da viele Gebote ihres Glaubens gemeinsame Institutionen verlangen.

Die ultra-orthodoxen („Haredim“ auf Hebräisch, bedeutet jene vor Gott Zitternden) leben in schrecklich übervölkerten Städten in Israel – West- Jerusalem, Bnei-Brak etc. Sie benötigen mehr Land und die Regierung ist glücklich, ihnen beim Umsiedeln zu verhelfen – aber jenseits der Grünen Linie. Einer dieser Orte ist Modiin Illith, gegenüber dem arabischen Dorf Bilin, wo seit vielen Jahren jetzt die Dorfbewohner jeden Freitag gegen den Landraub demonstriert haben.

LAST BUT not least gibt es noch die ideologischen Siedler, die Fanatiker, diejenigen, die von Gott selbst dahin geschickt wurden. Nennen wir sie Gruppe 3.

Sie sind der Kern des Problems. Diesen harten Kern umzusiedeln, ist ein schwieriger und gefährlicher Job. Wie schwierig, hängt von mehreren Faktoren ab.

Als erstes: die öffentliche Meinung. So lange wie diese Siedler fühlen, dass der Großteil der israelischen allgemeinen Öffentlichkeit sie unterstützt, können sie nur mit brutaler Gewalt umgesiedelt werden. Aber die meisten Soldaten und Polizisten gehören genau derselben allgemeinen Öffentlichkeit an.

Diese Schlacht kann nur dann gewonnen werden, wenn sich vorher die allgemeine Meinung geändert hat. Um dies zu bewirken, ist eine Menge politischer Arbeit nötig. Internationale Unterstützung mag helfen. Aber ich glaube nicht, dass internationale Unterstützung von – UN, den US und so weiter – erscheinen wird, wenn die Israelis selbst keinen Wechsel bewirken.

Am Ende kann eine Umsiedlung des harten Kerns der Siedler mit Gewalt nötig sein. Es ist nicht etwas, was man sich wünscht, aber es ist etwas, was unvermeidlich sein kann.

DIE SIEDLER der Gruppe 3 sind sich dieser Faktoren voll bewusst, viel mehr als ihre Feinde. Seit Jahren sind sie jetzt mit einem systematischen Aufwand engagiert, in die Armee, die Regierung , in den zivilen Dienst und besonders in die Medien einzudringen.

Diese Anstrengung ist äußerst erfolgreich gewesen, wenn auch nicht entscheidend. Das Friedenslagers muss ähnliche Anstrengungen machen.

Ein Hauptfaktor, der alles andere in den Schatten stellt, ist die Schlacht des Willens. Die Siedler kämpfen für ihre Ideologie als auch um ihren Lebensstandard.

Dies reflektiert übrigens ein historisches und weltweites Phänomen: Die Menschen an der Grenze sind härter und mehr motiviert als Menschen die im geographischen Zentrum leben.

Ein typisches Beispiel ist Preußen. Anfangs war dies eine deutsche Grenz-Provinz mit sehr armem Land und wenig Kultur. Jahrhundertelang wurde deutsche Kultur in den wohl situierten Städten im Landesinneren konzentriert. Aber durch reine Beharrlichkeit und Willenskraft wurde Preußen zur dominanten Region Deutschlands. Als das vereinigte (zweite) deutsche Reich gegründet wurde, war Preußen die entscheidende Macht.

Ziemlich dasselbe geschah im Süden. Österreich, eine kleine südliche Grenzprovinz, hat im Herzen Europas ein großes Reich errichtet, das viele verschiedene Nationalitäten einschloss..

DIESE NOTWENDIGE kurze Skizze möglicher Lösungen bemüht sich nur darum, aufzuzeigen, dass nichts unwiderruflich ist.

Am Ende hängt alles von uns ab.

Wenn wir Israel genug lieben, um für seine Existenz als Staat aufzustehen, einem Staat in dem wir gerne leben und mit dem wir uns identifizieren können, sollten wir rechtzeitig handeln.

Würde es nicht schade sein, wenn alle Bemühungen und Hoffnungen von 120 Jahren im Morast eines elendigen, hässlichen kleinen Apartheit-Staates versinken würde?,

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die israelischen Trumpess

Erstellt von DL-Redaktion am 14. Mai 2017

Die israelischen Trumpess

Autor : Uri Avnery

WAS WIRD Donald Trump tun, wenn er die Wahlen von jetzt an in anderthalb Wochen verliert, wie die meisten Umfragen ergeben?

Er hat schon erklärt, dass er die Ergebnisse anerkennen wird – aber nur wenn er gewinnt.

Das klingt wie ein Witz. Aber es ist weit entfernt von einem Witz-

Trump hat schon verkündet, dass die Wahl aufgetakelt ist. Die Toten wählen (und all die Toten stimmen für Hillary Clinton). Die Wahl-Komitees sind korrupt. Und die Wahlmaschinen fälschen die Wahlergebnisse.

Nein, das ist kein Witz/ Scherz. Überhaupt nicht.

DAS IST kein Scherz, weil Trump Zig-Millionen Amerikaner vertritt, die der niedrigen Schicht der weißen Bevölkerung angehören, die die weiße Elite den „weißen Abfall“ nennt. In einer höflicheren Sprache werden sie „ die Blau-Kragen-Arbeiter“ genannt und meint damit ungelernte Arbeiter, ungleich den „Weiß-Kragen-Arbeitern“, die in Büros beschäftigt sind.

Wenn die Zig-Millionen Blaukragen-Wähler sich weigern, die Wahlergebnisse anzuerkennen, wird die amerikanische Demokratie in Gefahr sein. Die Vereinigten Staaten könnten eine Bananen-Republik werden, wie einige seiner südlichen Nachbarn, die sich nie einer stabilen Demokratie erfreuten.

Dieses Problem besteht in allen modernen Nation ??-Staaten mit einer ziemlich großen nationalen Minderheit. Die niedrigste Schicht der herrschenden Bevölkerung hasst die Minderheit. Mitglieder der Minderheit verjagen sie aus den unteren Arbeitsplätzen. Und was noch wichtiger ist: die untere Schicht der herrschenden Mehrheit hat nichts, um stolz zu sein, außer dass sie zur herrschenden Schicht gehört.

Die deutschen Arbeitslosen stimmten für Adolf Hitler, der sie zum „Herrenvolk“ und zur arischen Rasse beförderte. Sie gaben ihm Macht und Deutschland wurde bis auf den Grund zerstört.

DER EINE und einzige Winston Churchill sagte das berühmte Wort, dass die Demokratie ein schlechtes System sei. Dass aber all die andern Systeme bis jetzt versuchten ??? , (noch )schlechter zu sein.

Was nun die Demokratie betrifft, so waren die US für die Welt ein ModelL/ Vorbild. Schon in ihren frühen Tagen, zogen sie Freiheits-Liebende von überall an. Vor fast 200 Jahren schrieb der französische Denker Alexis de Tocqueville einen glänzenden Bericht über die „Demokratie in Amerika“.

Meine Generation wuchs mit der Bewunderung einer amerikanischen Demokratie auf. Wir sahen europäische Demokratien zusammenbrechen und im Morast des Faschismus versinken. Wir bewunderten dieses junge Amerika, das Europa in zwei Weltkriegen – aus reinem Idealismus – rettete. Das demokratische Amerika besiegte den deutschen Nazismus und den japanischen Militarismus und später den sowjetischen Bolschewismus.

Unsere kindische Haltung gab einer reiferen Ansicht nach. Wir erfuhren vom Genozid der (Ureinwohner//die eingeborenen Amerikaner und über die Sklaverei. Wir sahen wie Amerika von Zeit zu Zeit von einem Angriff der Tollheit ergriffen wurde wie die Hexenjagd von Salem und die Ära des Joe McCarthy, der unter jedem Bett einen Kommunisten entdeckte.

Aber wir sahen auch Martin Luther King, den ersten schwarzen Präsidenten und jetzt sehen wir wahrscheinlich den ersten weiblichen Präsidenten. Alles wegen dieser amerikanischen Demokratie.

Und nun kommt dieser Mann, Donald Trump, und versucht, die delikaten Bindungen, die die amerikanische Demokratie zusammenhielten, zu zerreißen. Er hetzt Männer gegen Frauen, Weiße gegen Schwarze und Hispanos, die Reichen gegen die Armen. Er sät überall gegenseitigen Hass.

Vielleicht will das amerikanische Volk, diese Plage loswerden und schickt Trump dorthin zurück, wo er herkam –zum Fernsehen. Vielleicht wird Trump wie ein böser Traum verschwinden, wie es McCarthy tat und seine spirituellen Vorfahren.

Lasst uns hoffen. Aber dort ist auch das Gegenteil möglich: dass Trump ein Unglück auslöst, wie es vorher nie gesehen wurde: den Niedergang der Demokratie, die Zerstörung des nationalen Zusammenhalts, das Auseinanderbrechen in Tausend Splitter.

KANN DIES auch in Israel geschehen? Haben wir in Israel ein Phänomen, das mit dem Aufstieg des amerikanischen Trump verglichen werden kann? Gibt es einen israelischen Trump?

Tatsächlich, den gibt es. Aber der israelische Trump ist eine Trumpin.

Sie wird Miri Regev genannt.

Sie ähnelt dem Original Trump in vieler Weise. Sie fordert die Tel Aviver „alten Eliten“ heraus , wie Trump gegen Washington aufstachelt. Sie hetzt jüdische gegen arabische Bürger, Orientalen von östlicher Herkunft gegen Ashkenazim europäischer Herkunft. Die Unkultivierten gegen die Kultivierten. Die Armen gegen alle anderen. Sie zerrt an der heiklen Bande der israelischen Gesellschaft,

Sie ist natürlich nicht die Einzige ihrer Art. Aber sie überschattet alle anderen.

Nach den Wahlen zur 20. Knesset, im März 2015 , und dem Zusammenstellen der neuen Regierung, wurde Israel von einer Bande weit rechter Politiker wie eine Bande hungriger Wölfe überrannt. Männer und Frauen ohne eigenen Charme, ohne Würde, besessen von einem gefräßigen Hunger nach Macht, nach Auffälligkeit um jeden Preis, Leute um ihres persönlichen Interesses willen und sonst nichts. Sie konkurrieren miteinander auf der Jagd nach Schlagzeilen und provozierenden Aktionen.

Zu Beginn waren sie alle gleich – ehrgeizig, hemmungslos. Aber allmählich überholte Miri Regev alle andern. Alles was sie tun kann, konnte sie besser. Für jede Schlagzeile, die von anderen gegrabscht wurde , kann sie fünf grabschen. Für jede Verurteilung anderer in den Medien, erhielt sie zehn. (??)

Benjamin Netanjahu ist ein Zwerg, aber verglichen mit diesem Pulk, ist er ein Riese. Um so zu bleiben, gab er jedem von ihnen einen Job, der ihm oder ihr am wenigsten passte. Miri Regev, eine grobe, vulgäre, primitive Person, wurde Ministerin für Kultur und Sport.

Regev, 51, ist eine gut aussehende Frau von Eingewanderten aus Marokko. Sie wurde als Miri Siboni in Kiryat-Gat geboren, einem Ort , für den ich starke Gefühle habe, weil es hier war, wo ich 1948 verletzt wurde. Damals war es noch ein arabisches Dorf, das Irak-al-Nabshiyeh hieß und wo mein Leben von vier Soldaten gerettet wurde, einer von ihnen wurde Siboni genannt ( Keine Verbindung).

Viele Jahre diente Regev in der Armee als Offizier für Öffentliche Beziehungen, sie kam in den Rang eines Oberst. Es scheint, dass sie eines Tages entschied, öffentliche Beziehungen für sich selbst zu sammeln, lieber als für andere.

Seit ihrem ersten Tag als Kultus-Ministerin hat sie die Medien mit einem ständigen Strom von Skandalen und Provokationen versorgt. Auf diese Weise überholte sie nach und nach all ihre Konkurrenten in der Likud-Führung. Sie können nicht mit ihrer Energie und ihrer Erfindungsgabe wetteifern.

Sie erklärte stolz, dass sie ihren Job als Beseitigung aller Anti-Likud-Leute von der kulturellen Arena ansieht – schließlich war es das, warum der Likud gewählt wurde.

In der ganzen Welt unterstützt die Regierung kulturelle Institutionen und kreative Personen, und ist überzeugt davon, dass Kultur ein lebenswichtiges nationales Gut ist. Als Charles de Gaulle Präsident von Frankreich war, näherte sich ihm einmal einer seiner Polizeichefs mit der Forderung eines Problems , eine Haft für den Philosophen Jean Paul Sartre , wegen seiner Unterstützung der algerischen Freiheitskämpfe. De Gaulle weigerte sich und sagte. „Sartre ist auch Frankreich“.

Nun Regev ist kein De Gaulle. Sie droht Regierungssubventionen von jedem Institut zurückzuziehen, das öffentlich gegen die Politik der Regierung des rechten Flügels ist. Sie verlangt die Streichung des Programmes eines arabischen Rapper, der aus den Werken von Mahmoud Darwish liest, dem von arabischen Bürgern und der ganzen arabischen Welt hochverehrten nationalen Dichter. Sie verlangt die Streichung aller Theater- und Orchester-Aufführungen, die in den Siedlungen der besetzten Gebieten stattfinden, wenn sie ihre Fördermittel behalten wollen.

In dieser Woche gewann sie einen überwältigenden Sieg, als Habima, das „National-Theater“ darin übereinstimmte, in Kiryat-Arba, einem Nest der fanatischsten faschistischen Siedlern, eine Veranstaltung zu geben. In der Tat vergeht kein Tag ohne Nachrichten über einige neue große Taten von Regev. Ihre Kollegen platzen vor Neid.

DIE BASIS des israelischen Trumpismus und Miri Regevs Karriere ist die tiefe Abneigung der Orientalischen – oder Mizrahim-Gemeinde. Sie ist gegen die Ashkenazim, die Israelis europäischer Abkunft gerichtet. Sie werden angeklagt, die Orientalen mit Verachtung behandelt zu haben, indem sie sie „das zweite Israel“ nennen.

Seit jene Rekruten, marokkanischer Abkunft, mein Leben in der Nähe des Geburtsortes von Miri Regev retteten, habe ich viel über die Tragödie der Mizrahi-Einwanderung geschrieben, einer Tragödie, von der ich ein Augenzeuge des ersten Augenblickes bin. Viele Ungerechtigkeiten wurden begangen, meist ohne böse Absichten. Aber die größte Sünde wird selten erwähnt.

Jede Gemeinschaft braucht ein Gefühl des Stolzes, das sich auf frühere Ereignisse gründet. Der Stolz wurde den Mizrahim genommen, als sie nach dem 1948er Krieg ins Land kamen. Sie wurden als Leute behandelt, die keine Kultur hatten; ohne Vergangenheit, Höhlenbewohner aus dem Atlas-Gebirge.

Diese Haltung wurde ein Teil der Verachtung der arabischen Kultur, eine tiefe Verachtung, die in die zionistische Bewegung eines Vladimir( Zeev) Jabotinsky, dem rechts-flügeligen ?? Führer und Vorfahre der Likud-Partei gehört, der in seiner Zeit einen Artikel schrieb „ der Osten“, in dem er seine Verachtung für die orientalische Kultur ausdrückte, für jüdische und arabische, weil ihre Religiosität und Unfähigkeit zwischen Staat und Religion zu unterscheiden – nach ihm eine Barriere zu jedem menschlichen Fortschritt war. Dieser Artikel wird heutzutage selten erwähnt.

Die orientalischen Immigranten kamen in ein Land, das vorherrschend „säkular“ und nicht religiös und westlich (ausgerichtet ??) war. Sie waren auch sehr anti-arabisch und anti-moslemisch. Die neuen Immigranten verstanden sehr schnell, dass sie, um in Israel anerkannt zu werden, die israelische Gesellschaft akzeptieren müssen. Sie müssen ihre religiös-traditionelle Kultur los werden. Sie lernten, sich von allem Arabischen zu distanzieren, wie z.B. ihr Akzent und ihre Lieder. Andernfalls würde es schwierig sein, ein Teil der neuen Gesellschaft dieses Landes zu werden.

Vor der Geburt des Zionismus – einer sehr europäischen Bewegung – gab es keine Feindschaft zwischen Juden und Muslimen. Ganz im Gegenteil. Als die Juden aus dem katholischen Spanien vor vielen hundert Jahren vertrieben wurden, ging nur eine Minderheit und immigrierte ins antisemitische, christliche Europa. Die große Mehrheit ging in muslimische Länder und wurde im ganzen ottomanischen Empire mit offenen Armen empfangen.

Zuvor erreichten die Juden im muslimischen Spanien ihren glücklich krönenden Ruhm, das „ Goldene Zeitalter“. Sie waren in allen Teilen der Gesellschaft und in der Regierung integriert und sprachen arabisch. Viele von ihren Männern waren Literaten und schrieben arabisch und wurden von Muslimen wie auch Juden bewundert. Maimonides, vielleicht der Größte der sephardischen Juden, schrieb arabisch und war der persönliche Arzt von Saladin, dem muslimischen Krieger, der die Kreuzfahrer besiegte. Die Vorfahren dieser Kreuzfahrer hatten Juden wie auch Muslime ermordet, als sie Jerusalem eroberten.

Ein anderer großer Mizrahim-Jude war Saadia Gaon, der die Thora ins Arabische übersetzte usw.

Es würde für orientalische Juden nur natürlich gewesen sein, auf diese glorreiche Vergangenheit stolz zu sein, wie deutsche Juden stolz auf Heinrich Heine waren und französische Juden auf Marcel Proust. Aber das kulturelle Klima in Israel zwang sie, ihr Erbe aufzugeben und nur die Kultur des Westens anzunehmen. (Östliche Sänger waren eine Ausnahme – zunächst bei Hochzeitsfeiern und jetzt als Medienstars. Sie wurden volkstümlich „Mediterrane Sänger“ genannt)

Wenn Miri Regev eine kultivierte Person wäre und nicht nur eine Kultusministerin, dann würde sie ihre beträchtliche Energie dazu verwenden, diese Kultur zu neuem Leben zu erwecken und ihrer Gemeinschaft den Stolz zurück geben. Aber das interessiert sie nicht wirklich. /Und es gibt noch einen anderen Grund.

Die Mizrahi-Kultur ist vollkommen verbunden mit der arabisch-muslimischen Kultur. Es kann Jahrhunderte lang die enge Beziehung zwischen den beiden Kulturen nicht erwähnt werden, ohne dass Muslime und Juden für den Fortschritt der Menschheit sorgten, lange bevor die Welt von Shakespeare und Goethe gehört haben. Ich habe immer geglaubt, dass das Zurückbringen des Stolzes die Pflicht der neuen Generation von Friedens-Liebhabern ?? sei, die aus der Mizrahi-Gesellschaft sich erhoben. In letzter Zeit haben Männer und Frauen aus dieser Gemeinschaft Schlüsselpositionen im Friedenslager erreicht. Ich habe große Hoffnungen.

Sie werden die jetzige Kultusministerin bekämpfen – sie ist eine Ministerin, die nichts mit der Kultur gemein hat und eine Mizrahi -Frau ist, die nichts mit den Wurzeln der Mizrahi gemein hat.

ICH HOFFE auf ein jüdisch-mizrahi Wiederaufleben in diesem Land, weil es den israelisch-arabischen Frieden voranbringt und weil es die verlorenen Verbindungen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften in unserm Staat stärken kann.

Als eine nicht religiöse Person ziehe ich die mizrahi-Religiosität, die immer moderat und tolerant gewesen ist, dem fanatisch zionistisch-religiösen Lager vor, das vorherrschend Ashkenazi ist. Ich habe immer Rabbi Ovadia Josef dem Rabbi Kook , Vater und Sohn, vorgezogen. Ich ziehe Arie Der’i Naftali Bennet vor.

Ich verachte Donald Trump und Trumpismus. Ich mag Miri Regev und ihre Kultur nicht.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser….

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Abu-Mazens Bilanz

Erstellt von DL-Redaktion am 23. April 2017

Abu-Mazens Bilanz

Autor : Uri Avnery

MAHMOUD ABBAS war bei meinem ersten Treffen mit Yasser Arafat während der Belagerung von Beirut im Ersten Libanonkrieg nicht anwesend. Man sollte sich daran erinnern, dass dies das allererste Treffen war, das je zwischen Arafat und einem Israeli stattgefunden hat.

Einige Monate später, im Januar 1983, wurde ein Treffen zwischen Arafat und der Delegation des “Israelischen Rats für den israelisch-palästinensischen Frieden“ arangiert, die aus dem General a.D. Matti Peled, dem ehemaligen Generaldirektor des Finanzministeriums, Yaakov Arnon, und mir bestand.

Am Flughafen in Tunis bat uns ein PLO-Funktionär, vor unserer Zusammenkunft mit Arafat Abbas zu treffen. Abbas war für die Beziehungen mit den Israelis zuständig. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich von ihm nur über die zwei Senior-PLO-Mitglieder gehört, mit denen ich geheime Gespräche geführt hatte, Said Hamami (der ermordet wurde) und Issam Sartawi (der ermordet wurde).

Mein erster Eindruck von Abu Mazen (der Kriegsname von Abbas) war, dass er völlig anders war als Arafat, in der Tat, das genaue Gegenteil von ihm. Arafat war ein warmherziger, schillernder, extrovertierter, berührender, umarmender Mensch. Abbas hingegen ist kühl, introvertiert, sachlich. (Mazen bedeutet im Übrigen “Bilanz” auf Hebräisch)

Arafat war der perfekte Führer einer nationalen Befreiungsbewegung und achtete darauf, so auszusehen. Er trug stets eine Uniform. Abbas glich dem Direktor eines Gymnasiums und trug stets einen europäischen Anzug.

ALS ARAFAT die Fatah am Ende der 1950-er Jahre in Kuwait gründete, war Abbas einer der Ersten, die sich anschlossen. Er ist einer der “Gründer”.

Das war nicht leicht. Fast alle arabischen Regierungen lehnten die neu gegründete Gruppe ab, die behauptete, für das palästinensische Volk zu sprechen. Zu der Zeit behauptete jede arabische Regierung, die Palästinenser zu repräsentieren und versuchte, die palästinensische Sache für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Arafat und sein Volk nahmen ihnen diese Möglichkeit. Aus diesem Grund wurden sie in fast der gesamten arabischen Welt verfolgt.

Nach diesem ersten Treffen mit Abbas, traf ich ihn bei all meinen Besuchen in Tunis. Ich beriet mich zunächst mit Abbas, indem wir Pläne für eventuelle Aktionen diskutierten, um den Frieden zwischen unseren beiden Völkern zu fördern. Wenn wir mögliche Initiativen vereinbart hatten, pflegte Abbas zu sagen: “Nun werden wir diese dem “Rais” (Führer) übermitteln.”

Wir gingen in Arafats Büro und präsentierten die Vorschläge, die wir erarbeitet hatten. Kaum hatten wir sie vorgetragen, pflegte Arafat ohne die geringste Verzögerung “Ja” oder “Nein!” zu sagen. Ich war jedes Mal beeindruckt von seiner schnellen Auffassungsgabe und seiner Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. (Einer seiner palästinensischen Gegenspieler sagte mir einmal: „Er ist der Führer, weil er der Einzige ist, der genügend Mut besitzt, Entscheidungen zu treffen.“)

In der Gegenwart von Arafat, war Abu-Mazens Platz klar: Arafat war der Führer, der Entscheidungen traf, Abbas war ein Ratgeber und Assistent, wie all die anderen “Abus” – Abu Jihad (der ermordet wurde) Abu-Iyad (der ermordet wurde) und Abu-Alaa (der noch lebt).

Bei einem meiner Besuche in Tunis wurde ich um einen persönlichen Gefallen gebeten: Abbas ein Buch über den Kasztner-Prozess mitzubringen. Abu-Mazen schrieb gerade eine Dissertation für eine Universität in Moskau über die Kooperation zwischen Nazis und Zionisten, ein Thema, das zu Zeiten der Sowjetunion sehr populär war. (Israel Kasztner war ein Zionisten-Funktionär, als die Nazis in Ungarn einfielen. Er versuchte, Juden zu retten, indem er mit Adolf Eichmann verhandelte.)

ARAFAT SANDTE Abbas nicht nach Oslo, weil Abbas bereits zu bekannt war. Stattdessen sandte er Abu-Alaa, den unbekannten Finanzexperten der PLO. Die gesamte Operation wurde von Arafat initiiert, und ich vermute, Abbas hatte seinen Teil dazu beigetragen. In Israel gab es eine Auseinandersetzung zwischen Yitzhak Rabin, Shimon Peres (der diese Woche verstarb) und Yossi Beilin darüber, wem der Ruhm gebührte. Aber die Oslo-Initiative kam damals von der palästinensischen Seite. Die Palästinenser initiierten sie, die Israelis reagierten (Das erklärt übrigens die traurige Geschichte des Oslo-Abkommens).

Wie ich bereits in meinem vorherigen Artikel betont habe, wollte das Nobelpreis-Komitee den Friedenspreis Arafat und Rabin verleihen. Aber Peres Freunde in aller Welt setzten Himmel und Hölle in Bewegung, so dass das Komitee Peres mit auf die Liste setzte. Die Gerechtigkeit verlangte, dass auch Abbas den Preis hätte erhalten müssen, da er das Abkommen zusammen mit Peres unterschrieben hatte, aber die Nobelstatuten erlauben nur drei Preisträger. So wurde Abbas der Preis nicht verliehen. Das war eine eklatante Ungerechtigkeit, aber Abbas schwieg.

Als Arafat nach Palästina zurückkehrte, wurden alle Festivitäten nur für ihn abgehalten. An diesem Abend, als ich mir meinen Weg durch die aufgeregten Massen rund um Arafats vorübergehendes Hauptquartier im Hotel Palästina bahnte, war Abbas nirgendwo zu sehen.

Danach blieb Abbas im Schatten. Augenscheinlich bekam er andere Aufgaben und war nicht länger für Kontakte mit Israelis zuständig. Ich sah Arafat oftmals und diente zweimal als “menschliches Schutzschild” in seinem Ramallah-Büro, als Ariel Sharon sein Leben bedrohte. Ich sah Abbas nur zwei oder drei Male (ich erinnere mich an ein Bild: Einmal, als Arafat darauf bestand, die Hände meiner Frau Rachel und meine zu ergreifen und uns zum Eingang des Gebäudes zu führen, lief uns Abbas über den Weg. Wir schüttelten die Hände, tauschten Höflichkeiten aus, und das war es dann.)

Rachel und Abbas waren gleichaltrig und hatten beide viel Zeit in Safed verbracht. Rachels Vater hatte eine Klinik auf dem Berg Kanaan von Safed, und einst mutmaßten wir, ob Abbas als Kind von ihm behandelt worden wäre.

ALS ARAFAT STARB (er wurde ermordet, glaube ich), war Abbas sein natürlicher Nachfolger. Als Gründungsmitglied war er für jeden akzeptabel. Farouk Kaddoumi, von gleichem Rang, ist ein Anhänger des Baath-Regimes in Damaskus und lehnte Oslo ab. Er kehrte nicht nach Palästina zurück.

Ich traf Abbas bei Arafats Beerdigungszeremonie in der Mukataa. Er saß neben Ägyptens Geheimdienstchef. Nachdem wir die Hände geschüttelt hatten, sah ich aus dem Augenwinkel, dass er dem Ägypter zu erklären versuchte, wer ich bin.

Seitdem fungierte Abbas als Präsident der “Palästinensischen Autonomiebehörde”. Dies ist einer der schwierigsten Jobs auf Erden.

Eine nationale Regierung unter einer Besatzung ist gezwungen, auf einem sehr schmalen Grad zu gehen. Sie kann jede Minute auf die eine Seite fallen (Kollaboration mit dem Feind) oder auf die andere Seite (Unterdrückung durch die Besatzungsbehörden).

Im Alter von 17 Jahren, als ich ein Mitglied der Irgun war, hielt meine Kompanie einen Scheinprozess für Philippe Petain ab, den Marschall, der von den Nazis als Oberhaupt der Vichy-Regierung eingesetzt wurde, die unter der Naziherrschaft im “unbesetzten” Südfrankreich fungierte.

Meine Aufgabe bestand darin, Petain zu “verteidigen”. Ich sagte, er sei ein französischer Patriot, der versuche, zu retten, was nach dem Zusammenbruch von Frankreich zu retten war und um sicherzustellen, dass Frankreich in der Stunde des Sieges noch da sein würde.

Aber, als der Sieg kam, wurde Petain zum Tode verurteilt und nur durch die Weisheit seines Feindes, Charles de Gaulle, dem Führer des Freien Frankreichs, gerettet.

Es gibt keine Möglichkeit die Freiheit unter einer Besetzung zu bewahren. Jeder, der das versucht, findet sich in einer heiklen Lage, indem er versucht, den Besatzer zufriedenzustellen und sein Volk vor Schaden zu bewahren. Im Laufe der Jahre war das Vichy-Regime gezwungen, mit den Deutschen zu kollaborieren, Schritt für Schritt, von der Verfolgung des Untergrunds bis zur Vertreibung der Juden.

Darüber hinaus, wo es eine Autorität gibt, sogar unter Besetzung, entstehen plötzlich Interessengruppen. Einige Menschen erwerben ein Interesse am Status quo und unterstützen die Besatzung. Pierre Laval, ein opportunistischer französischer Politiker, gelangte an die Spitze in Vichy und ziemlich viele Franzosen versammelten sich um ihn. Am Ende wurde er exekutiert.

NUN BEFINDET sich Abbas in einer ähnlichen Situation. Eine unmögliche Situation. Er spielt mit den Besetzer-Machthabern Poker, während sie alle vier Asse besitzen und er nichts in seiner Hand hat als eine geringwertigere Karte.

Er sieht seine Aufgabe darin, die besetzte palästinensische Bevölkerung bis zum Tag der Befreiung zu schützen, dem Tag, an dem Israel gezwungen ist, die Besetzung in all ihren Facetten aufzugeben: die Siedlungen, die Landenteignung und die Unterdrückung.

Gezwungen, aufzugeben – aber wie?

Abbas lehnt den gewalttätigen Widerstand (“Terrorismus”) ab. Ich glaube, dass er Recht hat. Israel hat eine riesige Armee, die Besatzung hat keine “moralischen Bremsen” (siehe: Elor Azaria). Die “Märtyrertaten” mögen den Nationalstolz der palästinensischen Bevölkerung stärken, aber sie verschlimmern die Besatzung und führen nirgendwohin.

Abbas hat eine Strategie der internationalen Aktion angenommen. Er investiert einen Großteil seiner Ressourcen, um eine pro-palästinensische UN-Resolution zu erhalten, eine Resolution, die die Besatzung und die Siedlungen verurteilen und Palästina als vollwertiges UN-Mitglied anerkennen wird. Zur Zeit befürchtet Benyamin Netanyahu, dass Präsident Obama die beiden Monate ohne Verantwortung nutzt – zwischen dem Wahltag und dem Ende seiner Amtszeit – um eine entsprechende Resolution durchzubringen.

Na und? Wird das in irgendeiner Weise den Kampf gegen die israelische Besatzung wieder verstärken? Wird das auch nur um einen Dollar die US-Unterstützung für Israel verringern? In der Vergangenheit haben die sukzessiven israelischen Regierungen dutzende UN-Resolutionen ignoriert und Israels internationale Position hat sich nur noch verbessert.

Die Palästinenser sind keine dummen Menschen. Sie kennen all diese Fakten. Ein Sieg in der UN wird ihre Herzen erfreuen, aber sie wissen, dass er ihnen in der Praxis sehr wenig helfen wird.

Ich gebe den Palästinensern keinen Rat. Ich habe immer geglaubt, dass ein Mitglied des besetzenden Volkes kein Recht hat, dem besetzten Volk einen Rat zu erteilen.

Aber ich gestatte mir selbst, laut zu denken, und diese Gedanken bringen mich zu der Überzeugung, dass die einzige effektive Methode für ein besetztes Volk ziviler Ungehorsam ist, ein völlig gewaltloser Volkswiderstand gegen die Besatzung, vollkommener Ungehorsam gegenüber dem fremden Eroberer.

Diese Methode wurde weiterentwickelt von dem indischen Widerstand gegen die britische Besatzung. Ihr Anführer, Mahatma Gandhi, war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, eine moralische Person mit einem hohen Maß an praktischem politischen Scharfsinn. In Indien waren einige zehntausend Militärs und britisches Zivilpersonal mit über einer Million Indern konfrontiert. Ziviler Ungehorsam setzte der Besetzung ein Ende.

In unserem Land ist die Machtbilanz extrem anders. Aber das Prinzip ist dasselbe: keine Regierung kann auf lange Zeit funktionieren, wenn sie mit einer Bevölkerung konfrontiert ist, die sich weigert, auf irgendeine Art und Weise mit ihr zusammenzuarbeiten.

Bei solch einem Kampf kommt die Gewalt immer von der Besatzung. Die Besetzung ist immer gewalttätig. Deshalb werden in einem gewaltlosen Kampf zivilen Ungehorsams viele Palästinenser getötet werden, das allgemeine Leiden wird noch um vieles zunehmen. Aber ein derartiger Kampf wird gewinnen. Er tat es immer, wenn er irgendwo praktiziert wurde.

Die Welt, die ihre tiefe Sympathie zu dem palästinensischen Volk ausdrückt, gleichzeitig jedoch mit dem Besatzungsregime kooperiert, wird gezwungen sein, zu intervenieren.

Und, was das Allerwichtigste ist, dass die israelische Öffentlichkeit, die zur Zeit auf das, was sich wenige dutzend Kilometer von ihren Häusern entfernt ereignet, schaut, als ob es in Honolulu geschähe, endlich aufwachen wird. Die Besten unseres Volkes werden sich dem politischen Kampf anschließen.

Das schwache Friedenscamp wird wieder erstarken.

DAS BESATZUNGSREGIME ist sich dieser Gefahr wohl bewusst. Es versucht, Abbas mit allen Mitteln zu schwächen. Es beschuldigt ihn der “Aufhetzung” – gemeint ist der Widerstand gegen die Besatzung – so als ob Abbas ein brutaler Feind wäre. All dies, obwohl Abbas Sicherheitskräfte offen mit der Besatzungspolizei und Besatzungsarmee kooperieren.

In der Praxis stärkt die Besetzung das Hamas-Regime im Gazastreifen, das Abbas hasst.

Die Beziehungen zwischen der Hamas und der israelischen Regierung reichen weit zurück. In den ersten Jahren der Besetzung, als jede Art politischer Aktivitäten in den besetzten Gebieten strengstens verboten war, war es nur den Islamisten erlaubt, aktiv zu sein. Erstens, weil es unmöglich war, die Moscheen zu schließen, und zweitens, weil die Besatzungsbehörden glaubten, die Feindschaft zwischen den religiösen Muslimen und der säkularen PLO schwäche Arafat.

Diese Illusion verschwand zu Beginn der ersten Intifada, als die Hamas gegründet wurde und schnell zur militantesten Widerstandsorganisation wurde. Aber selbst dann sahen die Besatzungsautoritäten in der Hamas noch ein positives Element, weil es den palästinensischen Kampf spaltete.

Man muss daran erinnern, dass der separate Gazastreifen eine israelische Erfindung ist. Im Oslo-Abkommen verpflichtete Israel sich, vier “sichere Passagen” zwischen der Westbank und dem Gazastreifen zu öffnen. Unter dem Einfluss der Armee verstieß Rabin direkt von Anfang an gegen diese Verpflichtung. Das Ergebnis war, dass die Westbank vollkommen vom Gazastreifen abgeschnitten war – und die gegenwärtige Situation ist das direkte Ergebnis hiervon.

Überall wundern sich die Menschen, weshalb Netanyahu täglich Abbas als “Aufhetzer” und “Sponsor des Terrors” diskriminiert, wohingegen er die Hamas nicht einmal erwähnt. Um dieses Mysterium zu lösen, muss man verstehen, dass die israelische Rechte keinen Krieg fürchtet, aber um so mehr den internationalen Druck. Deshalb ist der “moderate” Abbas bedeutend gefährlicher als Hamas, der “Terrorist”.

EINEN ZIVILEN WIDERSTAND wird es in naher Zukunft nicht geben. Die palästinensische Gesellschaft ist noch nicht reif dafür. Außerdem ist Abbas nicht der geeignete Anführer für solch einen Kampf. Er ist kein palästinensischer Gandhi, kein zweiter Mandela.

Abu-Mazen ist der Anführer eines Volkes, das versucht, unter unmöglichen Bedingungen zu überleben, bis eine Wende der Situation eintritt. Darum kam er auch diese Woche zur Beerdigung von Shimon Peres.

Aus dem Englischen übersetzt von Inga Gelsdorf

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die Sage von Sisyphos

Erstellt von DL-Redaktion am 16. April 2017

Simon  Perres ist ein Genie. Ein Genie der Imitation.

Autor : Uri Avnery

Sein Leben lang arbeitet er an seinem öffentlichen Image. Das Image ersetzt den Mann. Fast alle Artikel, die seit seiner Erkrankung über ihn geschrieben wurden, handeln von dem imaginären Menschen, nicht von dem echten.

Wie die Amerikaner zu sagen pflegen: “Er ist so unecht, dass er echt ist.”

OBERFLÄCHLICH betrachtet gibt es einige Parellelen zwischen ihm und mir.

Er ist 39 Tage älter als ich. Er kam einige Monate nach mir in dieses Land, beide waren wir 10 Jahre alt. Man schickte mich nach Nahalal, einem Genossenschaftsdorf, ihn nach Ben Shemen, einem landwirtschaftlichen Jugenddorf.

Man kann sagen, dass wir beide Optimisten sind und unser Leben lang aktiv waren.

Damit enden unsere Parallelen.

ICH KAM aus Deutschland, wo wir eine wohlhabende Familie waren. In Palästina war unser gesamtes Geld sehr schnell verbraucht. Ich wuchs in äußerster Armut auf. Er kam aus Polen. Seine Familie war auch in Palästina wohlhabend. Ich behielt einen deutschen Akzent, er einen sehr starken polnischen.

Bereits in seiner Kindheit gab es etwas, das die Wut seiner Klassenkameraden in der jüdischen Schule seines kleinen Heimatortes auf sich zog. Sie schlugen ihn oft. Sein jüngerer Bruder verteidigte ihn gewöhnlich. Er erzählte, Shimon habe ihn gefragt: “Warum hassen sie mich so?”

In Ben Shemen war sein Name noch Persky. Einer seiner Lehrer schlug ihm vor, einen hebräischen Namen anzunehmen, was fast alle von uns taten. Er schlug Ben Amotz vor, den Namen des Propheten Jesaja. Aber dieser Name wurde von Musia Tehilimsager, einem anderen Schüler, weggeschnappt, der auch berühmt wurde. Deshalb schlug der Lehrer Peres vor, den Namen eines großen Vogels.

WIR TRAFEN UNS zum ersten Mal im Alter von 30 Jahren. Er war bereits der Generaldirektor des Verteidigungsministeriums, Ich war der Chefredakteur eines Magazins, das das Land in Aufruhr versetzte.

Er lud mich in sein Ministerium ein, um mich zu bitten, einen investigativen Artikel nicht zu veröffentlichen (über das Versenken eines illegalen Flüchtlingsschiffs durch die Hagana im Hafen von Haifa vor der Gründung Israels). Unsere Begegnung war eine Geschichte gegenseitiger Antipathie auf den ersten Blick.

Meine Antipathie war bereits vor dem Treffen vorhanden. Im Krieg von 1948 (dem “Unabhängigkeitskrieg”) war ich ein Mitglied einer Kommandoeinheit, die sich “Simsons Füchse” nannte. Jeder von uns Kampfsoldaten dieses Krieges, verachtete Mitglieder unserer Altersgruppe, die sich nicht zum Militärdienst einschrieben. Auch Peres tat dies nicht. Er wurde von David Ben-Gurion ins Ausland gesandt, um Waffen zu kaufen. Ein wichtiger Job – aber einer, der von einem 60-Jährigen ausgeübt werden konnte.

Diese Tatsache schwebte eine sehr lange Zeit über Peres Haupt. Sie erklärt, weshalb Mitglieder seiner Altersklasse ihn verachteten und Yitzhak Rabin, Yigal Alon and deren Kameraden liebten.

SHIMON PERES war von Kindheit an Politiker – ein echter Politiker, durch und durch ein Politiker und nichts Anderes. Keine anderen Interessen, keine Hobbys.

Es begann bereits in Ben Shemen. Peres war dort ein „Außenseiter-Junge”, ein neuer Einwanderer, der sich von all den sonnengebräunten, athletischen einheimischen Jungen unterschied. Sein nicht sehr sympathisches Gesicht war wenig hilfreich. Trotzdem zog er Sonia an, die Tochter eines Zimmermanns, die seine Ehefrau wurde.

Er ersehnte die Liebe seiner Kameraden und wollte als einer von ihnen akzeptiert werden. Er trat der “Arbeiterjugend” bei, der Jugendorganisation der allmächtigen Histadruth-Gewerkschaft und wurde sehr aktiv. Da die heimischen Jungen, die den Spitznamen “Sabras” (Kaktuspflanze) hatten, an politischen Aktivitäten nicht interessiert waren, stieg Peres die Karriereleiter hoch und wurde schnell zum Ausbilder.

Seine erste Gelegenheit kam, nachdem er seine Studien in Ben Shemen beendet hatte und sich einem Kibbutz der Arbeiterpartei (Mapai) anschloss, die die jüdische Gemeinschaft mit eisener Faust beherrschte. Die Partei spaltete sich. Fast alle Jugendleiter schlossen sich der “Fraktion B” an, der Oppositionsgruppe. Peres war fast der Einzige, der der Mehrheitsfraktion treu blieb. Dadurch zog er die Aufmerksamkeit des Parteiführers Levi Eshkol auf sich.

Es war eine brilliante politische Übung. Seine einstigen Kameraden verachteten ihn, aber er hatte nun Kontakt zu der Führungsspitze der Partei. Eshkol stellte ihn Ben-Gurion vor und als der Krieg im Jahre 1948 ausbrach, sandte Ben-Gurion ihn zum Kauf von Waffen in die USA.

Seitdem agierte Peres als Ben Gurions rechte Hand, bewunderte ihn und – was das Wichtigste ist – wurde sein politischer Nachfolger.

BEN-GURION prägte dem neuen Staat seine politische Einstellung auf, und man könnte sagen, dass der Staat sich auch heute noch auf den Weichen bewegt, die von ihm gestellt wurden. Peres war einer seiner Haupthelfer dabei.

Ben-Gurion glaubte nicht an Frieden. Seine Ansichten basierten auf der Annahme, dass die Araber niemals Frieden mit dem jüdischen Staat eingehen würden, der auf dem gegründet worden war, was zuvor ihr Land war. Zumindest eine lange, lange Zeit lang würde es keinen Frieden geben. Deshalb brauche der neue Staat eine starke Westmacht als Verbündeten. Die Logik diktiere, dass solch ein Verbündeter aus den Reihen der imperialistischen Mächte käme, die den arabischen Nationalismus fürchteten.

Es war ein Teufelskreis: Um sich gegen die Araber zu verteidigen, brauchte Israel einen kolonialistischen anti-arabischen Verbündeten. Solch eine Allianz würde nur den Hass der Araber auf Israel verstärken. Und so weiter, bis heute.

Der erste zukünftige Verbündete war Großbritannien. Aber diese Verbindung scheiterte: die Briten bevorzugten es, sich den arabischen Nationalismus zu eigen zu machen. Jedoch im richtigen Augenblick erschien ein anderer Verbündeter auf der Bühne: Frankreich.

Die Franzosen hatten ein weites Imperium in Afrika. Algerien, ein offizielles Department von Frankreich, rebellierte im Jahre 1954. Beide Seiten kämpften mit äußerster Grausamkeit.

Da die Franzosen ihren Algeriern nicht zutrauten, sich gegen sie aufzulehnen, schoben sie die gesamte Schuld auf den neuen Führer, der in Kairo an die Macht gekommen war. Aber kein Land war bereit, sie bei ihrem “schmutzigen Krieg” zu unterstützen – außer einem.

Ben-Gurion, mittlerweile im Alterungsprozess, fürchtete den neuen pan-arabischen Führer Gamal Abd-al-Nasser. Jung, energisch, gutaussehend und charismatisch, war “Nasser” ein Redner, der begeisterte, im Gegensatz zu den alt-bekannten Arabern, an die Ben-Gurion gewöhnt war. So ergriff Ben-Gurion, als die Franzosen ihre Hand nach ihm ausstreckten, diese begierig.

Es war wieder der alte Teufelskreis: Israel unterstützte die französische Unterdrückung der Araber, der arabische Hass auf Israel verstärkte sich, Israel brauchte die kolonialistischen Unterdrücker noch mehr. Vergeblich warnte ich vor diesem katastrophalen Prozess.

Ben-Gurions Gesandter für Frankreich war Shimon Peres. Mit seiner Hilfe erreichte der Prozess ungeahnte Höhen. Zum Beispiel: Als die UN einen Vorschlag zur Verbesserung der Gefängnisbedingungen für den algerischen Führer Ahmed Ben Bella debattierte, kam die einzige Gegenstimme bei der UN von Israel. (Die Franzosen selbst boykottierten die Versammlung).

Diese unheilige Allianz erreichte ihren Höhepunkt im Suez-Krieg von 1956, in dem Frankreich, Großbritannien und Israel gemeinsam Ägypten angriffen. Diese Operation erfuhr eine einstimmige weltweite Verurteilung. Die USA und Sowjetrussland machten gemeinsame Sache und die drei Verschwörer mussten sich zurückziehen. Israel musste das riesige Gebiet, das es besetzt hatte, zurückgeben.

Die Franzosen riefen Charles de Gaulle zurück an die Macht. Dieser sah ein, dass er dem sinnlosen Krieg ein Ende setzen musste. Peres fuhr jedoch fort, die Allianz zu loben, die, wie er verkündete, nicht auf reinen Interessen sondern auf tiefen gemeinsamen Werten basierte. Ich veröffentlichte diese Rede, Satz für Satz, indem ich jeden einzelnen Satz widerlegte. Ich prognostizierte, dass Frankreich, sobald der Algerienkrieg vorüber sei, Israel wie ein heißes Eisen fallen lassen und seine Beziehungen zur arabischen Welt erneuern würde. Und das ist natürlich genau das, was geschah. (Israel wählte stattdessen die USA) .

Eine der Früchte der Suez-Operation war der Atomreaktor in Dimona. Es heißt, dass er von Frankreich an Israel als Geschenk zum Dank für Peres Dienste übergegeben wurde. In Wirklichkeit war er ein Teil von Frankreichs Handel mit Israel wie auch eine Ankurbelung der französischen Industrie. Notwendige Ingredienzien wurden an vielen Stellen durch Diebstahl und Betrug erhalten.

Peres wurde in Israel in den Himmel gelobt. Es war ein Lob für einen Mann des Krieges, nicht des Friedens.

DIE KARRIERE von Peres ähnelt der Legende von Sisyphos, dem Held des altgriechischen Mythos, der von den Göttern verurteilt wurde, einen schweren Felsblock auf die Spitze eines Berges zu rollen, aber jedesmal, wenn er sich seinem Ziel näherte, entglitt der Felsblock seinen Händen und rollte wieder hinunter.Nach dem Sinai-Krieg erreichte Peres Glück neue Höhen. Der Architekt der Beziehungen mit Frankreich, der Mann der den Atomreaktor erhalten hatte, wurde zum Stellvertretenden Verteidigungsminister ernannt und war auf dem Weg, ein angesehenes Kabinettsmitglied zu werden, als alles zusammenbrach. Ben-Gurion bestand darauf, eine scheußliche Sabotageaffaire zu veröffentlichen und wurde von seinen Kollegen abgesetzt. Er bestand auf der Gründung einer neuen Partei, die Rafi genannt wurde. Peres war sehr zu seinem eigenen Missfallen gezwungen, daran teilzunehmen, ebenso wie Moshe Dayan, der es mit demselben Missfallen tat.

Ben-Gurion war nicht aktiv, Dayan tat nichts, wie gewöhnlich, und es oblag Peres, den Wahlkampf zu betreiben. Mit seiner üblichen unermüdlichen Energie beackerte er das Land. Aber bei den Wahlen gewann die Partei mit all ihren brillianten Stars nur 10 Sitze in der Knesset, die aus 120 Mitgliedern besteht, und ging in eine machtlose Opposition über. Peres Felsblock rollte hinunter.

Und dann kam die Rettung – fast. Abd-al-Nasser sandte seine Armee in den Sinai, in Israel brach Panik aus. Die Rafi-Partei beteiligte sich an der Regierung. Peres erwartete seine Ernennung zum Verteidigungsminister, aber im letzten Augenblick erhielt der charismatische Dayan die begehrte Position. Israel errang in sechs Tagen einen haushohen Sieg, und der Mann mit der schwarzen Augenklappe wurde eine weltweite Berühmtheit. Der arme Peres musste sich mit einem geringeren Amt begnügen. Der Felsblock rollte wieder hinunter.

Sechs Jahre lang stagnierte Peres, wohingegen Dayan sich in der weltweiten Bewunderung von Männern und insbesondere von Frauen sonnte. Und dann hat sich das Blatt wieder gewendet. Die Ägypter überquerten den Suez-Kanal und errangen einen unglaublichen Anfangssieg, Dayan zerbröckelte wie ein irdischer Götze. Nach einiger Zeit waren sowohl Golda Meir, als auch Dayan zum Rücktritt gezwungen. Peres war der offensichtliche Kandidat als Premierminister.

Aber das Unglaubliche geschah. Aus dem Nichts erschien Yitzhak Rabin, der einheimische Junge, der Sieger des Sechstage-Krieges. Er wurde zum Premierminister gewählt, war aber gezwungen, Peres, den er nicht mochte, zum Verteidigungsminister zu ernennen. Der Felsblock war wieder auf halbem Weg nach oben.

Die folgenden Jahre waren die Hölle für Rabin. Der Verteidigungsminister hatte nur eine Ambition im Leben: den Premierminister zu demütigen und zu unterminieren. Es war ein „Fulltime-Job“.

Um Rabin zu ärgern tat Peres etwas von historischer Bedeutung: Er schuf die ersten Siedlungen mitten in der besetzten Westbank und begann mit einem Prozess, der nun Israels Zukunft bedroht. Der wütende Rabin gab ihm einen Spitznamen, der ihm seitdem anhaftet: „Der unermüdliche Intrigant“.

Ein paar Jahre später musste Rabin Wahlen vorziehen, weil von den USA erhaltene Kampfflugzeuge in Israel am Freitag ankamen, zu spät für die Ehrengäste, um nach Hause zu gelangen, ohne den Sabbat zu entweihen. Die religiösen Fraktionen rebellierten. Rabin führte selbstverständlich die Parteiliste an.

Dann geschah etwas. Es wurde ersichtlich, dass Rabin, nachdem er das Amt des Botschafters in den USA aufgegeben hatte, ein Bankkonto in Amerika hinterließ – etwas, das zu der Zeit verboten war. Rabins Ehefrau wurde angeklagt. Rabin nahm die Schuld auf sich und trat zurück. So wurde Peres die Nummer 1 auf der Liste und letztendlich näherte sich der Felsblock der Bergspitze.

Am Abend des Wahltages feierte Peres bereits seinen Sieg, als das Rad sich abrupt in der Nacht drehte. Unglaublicherweise hatte Menachem Begin gewonnen, der von vielen als Faschist angesehen wurde. Wieder rollte der Felsblock hinunter.

Am Abend des Libanonkrieges von 1982 (bei dem ich Yasser Arafat traf) gingen die Oppositionsführer Peres und Rabin zu Begin und forderten ihn auf, in den Libanon einzudringen.

Dann wurde Begin von der Alzheimer-Krankheit befallen und von einem anderen ehemaligen Terroristen ersetzt, Yitzhak Shamir. Eine Art Übergangsregierung folgte, da keine der beiden großen Parteien alleine herrschen konnte. Ein zweiköpfiges Rotationssystem entwickelte sich. In einer seiner Perioden als Premierminister erntete Peres unumstrittene Lorbeeren als der Mann, der Israels Inflation in dreistelliger Höhe überwand und den Neuen Schekel einführte, der immer noch unsere Münze (Münz-Währung) ist.

Der Felsblock ging wieder nach oben, als sich etwas sehr Schlimmes ereignete. Vier arabische Jungen entführten einen Bus voller Menschen und fuhren ihn gen Süden. Der Bus wurde erstürmt. Die Regierung behauptete, dass alle vier in dem Kampf getötet wurden, aber dann veröffentlichte ich ein Foto, auf dem zwei von ihnen nach der Gefangennahme noch lebend zu sehen waren. Daraus wurde ersichtlich, dass sie kaltblütig vom Sicherheitsdienst exekutiert worden waren.

Inmitten dieser Angelegenheit wurde Peres der Nachfolger von Shamir, wie zuvor vereinbart worden war. Peres verschaffte allen Mördern eine Begnadigung, einschließlich des Chefs des Shin Bets.

RABIN KEHRTE an die Macht zurück, mit Peres als Außenminister. Eines Tages verlangte Peres, mich zu sehen – ein ungewöhnliches Ereignis, da die Feindschaft zwischen uns bereits Teil der Folklore war.

Peres belehrte mich über die Notwendigkeit, Frieden mit der PLO zu schließen. Da dies seit vielen Jahren mein Hauptlebensziel war, konnte ich mein Lachen kaum verkneifen. Er berichtete mir dann streng vertraulich von den Oslo-Verhandlungen und bat mich, meinen Einfluss geltend zu machen, um Rabin zu überzeugen.

Peres hatte sicherlich seinen Teil zu dem Abkommen beigetragen, aber Rabin war derjenige, der die folgenschwere Entscheidung traf – und der sie mit seinem Leben bezahlte.

In meiner Vorstellung sehe ich den Mörder, der mit der geladenen Pistole am Fuße der Treppen wartet, Peres ein paar Zentimeter an sich vorbeigehen lässt und auf Rabin wartet, der ein paar Minuten später hinunterkommt.

Das Nobelpreiskomitee entschied zunächst, den Friedenspreis an Arafat und Rabin zu verleihen. Peres Anhänger in der ganzen Welt setzten (jedoch) Himmel und Hölle in Bewegung, bis das Komitee Peres mit auf die Liste setzte. Die Gerechtigkeit verlangte, den Preis auch an Mahmoud Abbas zu verleihen, der mit Peres unterzeichnet hatte. Aber die Statuten erlauben nur drei Nobelpreisträger. Deshalb wurde Abbas kein Nobelpreisträger.

Nach Rabins Tod wurde Peres vorübergehend Premierminister. Hätte er sofortige Wahlen angeordnet, so hätte er einen Erdrutschsieg errungen. Aber Peres wollte nicht auf der Erfolgswelle des Toten mitschwimmen. Er wartete ein paar Monate, in denen er einen sinnlosen Krieg im Libanon führte. Am Ende verlor er die Wahl an Binjamin Netanyahu.

(Das führte zu meinem Scherz: „Wenn eine Wahl verloren werden kann, wird Peres sie verlieren. Wenn eine Wahl nicht verloren werden kann, wird Peres sie trotzdem verlieren.”

In allen Wahlkampagnen wurde Peres verflucht und beleidigt. Einmal beschwerte er sich über “ein Meer von (obszönen) orientalischen Gesten”, die bewirkten, dass er noch mehr von den Bürgern orientalischer Abstammung abgelehnt wurde.

Während dieser Zeit tat Peres etwas Kluges: er unterzog sich einer plastischen Operation. Sein Aussehen verbesserte sich auffallend.

Die endgültige Blamage kam, als Peres für die Wahl zum Staatspräsidenten antrat. Der Präsident, eine zeremonielle Persönlichkeit, ohne wirkliche Macht, wird von der Knesset gewählt. Jedoch Peres verlor gegen ein Nichts, einen Likud-Partei-Mitläufer namens Moshe Katzav. Es schien eine letzte Beleidigung zu sein.

Aber dann geschah wieder das Unglaubliche. Katzav wurde inhaftiert und der Vergewaltigung schuldig befunden. In der darauffolgenden Wahl wählte die Knesset Peres, was nach einem Anfall von kollektiven Gewissensbissen aussah.

Der Felsblock hatte die Bergspitze endlich doch erreicht. Aufgrund seiner unermüdlichen Energie hatte Sisyphos am Ende gewonnen. Der lebenslängliche Politiker, der nie eine Wahl gewonnen hatte, war nun Präsident – und wurde über Nacht sehr populär.

Peres blieben mehrere Jahre, um die neue Liebe des Volkes zu genießen, sein Lebensziel. Und dann, vor zwei Wochen, erlitt er einen Schlaganfall und verlor das Bewusstsein.

Ich hoffe, er wird genesen. Solche Menschen findet man heute nicht mehr.

(übersetzt von Inga Gelsdorf)

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Olympische Juden

Erstellt von DL-Redaktion am 19. März 2017

DIE SZENE am Ben Gurion-Flughafen –

 

Autor : Uri Avnery

– dieser Woche war ziemlich erstaunlich. Mehr als ein Tausend männlicher Fans kamen, um zwei israelische Judokämpfer – ein weiblicher und ein männlicher – willkommen zu heißen. Sie hatten beide bei den Olympischen Spielen in Rio eine Bronze-Medaille gewonnen.

Es war ein sehr lauter Empfang. Die Menge wurde wild, schrie, stieß, erhob die Fäuste.

Doch Judo ist in Israel kein sehr populärer Sport. Die israelischen Sportbegeisterten drängen sich bei Fußballspielen wie auch in Basketballplätzen. Doch bei diesen beiden Sportarten ist Israel weit davon entfernt, irgendwelche Medaillen zu gewinnen.

So wurden israelische Mengen plötzlich Judo-Fans (einige nannten es „Jehudo“).Leute, die nicht wild begeistert waren, wurden als Verräter angesehen. Wir hörten nichts über Judo-Kämpfer, die die Gold- oder Silber-Medaille bekamen. Gab es da irgendwelche?

WIR KÖNNEN uns nur vorstellen, was geschehen wär, wenn die israelische Olympia-Mannschaft arabische Athleten eingeschlossen hätte. Araber? In unserer Mannschaft ?

Stimmt, die Araber bilden etwa 20% der israelischen Bevölkerung und einige sind im Sport sehr aktiv. Aber Gott – oder Allah – retteten uns vor diesen Kopfschmerzen. Keiner schaffte es nach Rio.

Doch da gibt es noch eine andere Frage, der Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Israel ist nach seiner offiziellen Definition ein „jüdischer Staat“. Er behauptet, dem jüdischen Volk zu gehören. Er betrachtet sich selbst in einer Weise als das Hauptquartier des „Weltjudentums“.

Warum hat also keiner in Israel das geringste Interesse an Medaillen, die von Juden und Jüdinnen in andern nationalen Delegationen gewonnen wurden? Wo ist die jüdische Solidarität? Wo bleibt der jüdische Stolz?

Nun, er existiert einfach nicht, wo es zählt. Bei den Olympischen Spielen, einem höchst nationalistischen Ereignis, kümmert sich niemand um die Diaspora-Juden.

Zur Hölle mit ihnen.

Es scheint, dass im Sport, mehr als anderswo der Unterschied zwischen Israelis und Juden fundamental ist. Tatsächlich so fundamental, dass nicht einmal die Frage gestellt wird. Wer kümmert sich darum.

DIE FRAGE wurde im Verlauf einer Debatte gestellt, die kürzlich auftauchte. Es begann mit einem kleinen Artikel von mir in der liberalen israelischen Zeitung: Haaretz. Ich deutete darauf hin, dass einige der besten und intelligentesten der israelischen Jugendlichen ausgewandert seien und in fremden Ländern Wurzeln fassen würden. Seltsamerweise ist ihr größter Wunsch für eine neue Heimat Deutschland und die beliebteste Stadt ist Berlin. Ich bat die Emigranten höflich, zurückzukommen. Und an dem Kampf teilzunehmen, um „Israel vor sich selbst zu retten“.

Einige der Israelis in Berlin lehnten höflich ab. Nein, Danke, sagten sie. Sie fühlen sich in der früheren Reichshauptstadt zu Hause und haben absolut keine Absicht, nach Israel zurückzukommen.

Ich war von der Tatsache berührt, dass keiner der Schreiber die jüdische Gemeinde in Berlin oder anderswo auch nur erwähnte. Sie sehen sich selbst nicht als Mitglieder der weltweiten jüdischen Gemeinde, sondern eher als Mitglied einer neuen israelischen Diaspora: wie die meisten Israelis hegten sie eine geheime Verachtung für Diaspora -Juden.

Aber dies kann nicht anhalten. Außer für jene, die sich vollständig von der Religion und Tradition befreit haben, benötigen die Israelis im Ausland noch immer einen Rabbi um verheiratet zu werden und ihren neugeborenen Sohn beschneiden zu lassen und am Ende um auf einem jüdischen Friedhof beerdigt zu werden. Über kurz oder lang werden sie ein volles Mitglied der lokalen jüdischen Gemeinde.

Für diese Juden wird der ganze Prozess innerhalb von sechs oder sieben Generationen beendet worden sein – vom Diasporajuden zum Israeli, vom Israeli zurück zum Diaspora-Juden.

DER GRÜNDER des politischen Zionismus, Theodor Herzl, glaubte, dass nach der Errichtung des „Judenstaates“ (nicht unbedingt in Palästina), alle Juden der Welt dorthin gehen und dort siedeln würden. Diejenigen, die nicht dorthin gehen, würden sich in dem Land, in dem sie lebten, assimilieren und aufhören, Jude zu sein.

Dies war eine einfache Idee, weil Herzl eine naive Person war, die sehr wenig über die Juden wusste. Deshalb stellte er sich einen zukünftigen Unterschied zwischen den Juden im jüdischen Staat und all den anderen nicht vor, die dort blieben, wo sie waren oder in andere Länder emigrierten wie z.B. in die USA. Der Terminus „Jude“ bedeutete vielen verschiedene Dinge.

Die Juden waren stolz, über ein „jüdisches Volk“ zu reden, über ein einzigartiges Volk, das über die ganze Welt zerstreut war. Tatsächlich gab es nichts Einzigartiges darüber: dies war die normale Situation im byzantinischen Reich und später im ottomanischen Kalifat. Einige Aspekte wurden im britischen Mandat aufrecht erhalten und bestehen sogar heute noch in den Gesetzen Israels.

Unter diesem System, das von den Türken „Millet“ genannt wurde, waren die Völker keine territoriale Einheit, sondern geographisch zerstreute religiöse Gemeinschaften, die von ihren eigenen religiösen Führern regiert wurden, und dem Kaiser oder Sultan unterworfen waren. Die Juden waren diesbezüglich nicht anders als die Hellenisten, den verschiedenen christlichen Sekten oder später die Muslime.

Erst mit dem Kommen moderner Nationen, die sich auf Territorien gründen, wurden die Juden fast einzigartig. Andere religiöse Einheiten reformierten sich selbst und wurden moderne Völker. Die hartnäckigen Juden wiesen die Veränderung ab und blieben eine ethnisch-religiöse Einheit.

Herzl und seine Anhänger wollten dies verändern und verspätet Juden in eine moderne Nation bringen, mit einem eigenen „Vaterland“. Das war die Bedeutung des Zionismus‘.

Warum machten sie keine klare Unterscheidung zwischen den Mitgliedern ihrer neuen Nationen und den Juden in aller Welt? Nun, es gab nie eine zionistische Ideologie wie die marxistische. Sie befürchteten auch, dass eine klare Trennung von der jüdischen Religion ihrer Sache schaden könne. So brachten sie alles durcheinander – die jüdische Religion, die jüdische Diaspora, das jüdische Volk, der jüdische Staat – Das war alles dasselbe.

Die Idee war, wenn man keinen Unterschied zwischen einem Juden in Berlin und einem Juden in Tel Aviv machte, es für Juden in aller Welt einfacher war, nach Israel zu gehen. Keiner dachte über die Tatsache nach, dass diese Brücke zwei Richtungen hatte. Wenn es so einfach war von Berlin nach Tel Aviv zu kommen, war es auch sehr einfach von Tel Aviv nach Berlin zu gehen. Das ist es, was jetzt geschieht.

DIES KÖNNTE nicht geschehen sein, wenn die neue Nation, die vom Zionismus geschaffen wurde, mit einem neuen Namen genannt worden wäre.

Eine kleine Gruppe von Intellektuellen schlug vor 70 Jahren genau dies vor. Sie wollten die Mitglieder der neuen Nation in Palästina „Hebräer“ nennen, während sie die Mitglieder der Diaspora weiter –„Juden“ nennen wollten“. Dies wurde von den Zionisten ernsthaft verurteilt. Jedoch hat die Umgangssprache unbewusst diese Unterscheidung adoptiert. Sie setzte sich offiziell nie durch.

Mit der Errichtung des Staates Israel, schien es eine natürliche Lösung zu geben. Da gab es die jüdische Diaspora und es gab den Staat Israel. Juden in Israel wurden Israelis und waren stolz darauf. Wenn sie im Ausland gefragt werden, was sie seien, würden sie natürlich „ ich bin ein Israeli“ antworten, niemals „ich bin ein Jude“. Ich glaube, dass ein junger israelischer Auswanderer in Berlin von heute dieselbe Antwort geben würde.

Da gibt es aber ein Problem: mehr als 20% der israelischen Bürger sind Araber. Sind sie in das Konzept der israelischen Nation eingeschlossen? Die meisten von ihnen und fast alle jüdischen Israelis würden mit einem Nein antworten. Sie betrachten sich selbst als palästinensische Minderheit in Israel.

Die einfache Lösung würde sein, die „israelischen Araber“ als eine nationale Minderheit mit den vollen Rechten einer Minderheit anzuerkennen. Aber die israelische Führung ist völlig unfähig, dies zu tun. Deshalb haben wir eine ziemlich groteske Situation: die israelische Regierungsregistrierungs-Behörde, die nach der Nationalität des einzelnen fragt, weigert sich, „israelisch“ zu registrieren und besteht auf „jüdisch“ oder „ arabisch“. (In Israel bedeutet Nationalität nicht Staatsbürgerschaft).

Ein Appell wurde von einer Gruppe israelischer Bürger (auch von mir) an das Oberste Gericht gegen diese Entscheidung gerichtet, er wurde aber abgelehnt.

Einmal hatte ich darüber ein Gespräch mit Ariel Sharon. Ich fragte ihn: „Was bist du als erstes, ein Israeli oder ein Jude?“ Er antwortete ohne zu zögern: „Als erstes bin ich ein Jude, erst dann ein Israeli.“ Meine Antwort war das Gegenteil: „Ich bin zuerst ein Israeli, erst dann ein Jude.“

Sharon wurde in einem kommunalen Dorf geboren und wusste fast nichts über das Judentum. Er wurde aber im israelischen Bildungssystem erzogen, das völlig darauf angelegt ist, Juden zu erziehen..

Falls er heute leben würde, würde Sharon sicherlich den israelischen Judokas gratulieren. Es wäre ihm nicht eingefallen, nach jüdischen Olympiasiegern zu fragen.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasserautorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Willkommen! Bienvenue!

Erstellt von DL-Redaktion am 26. Februar 2017

Autor  :  Uri Avnery

FÜR MICH ist Frankreich das Land der Freiheit.

Als ich gerade 10 Jahre alt war, floh ich mit meiner Familie von Nazi-Deutschland nach Frankreich, auf unserem Weg nach Palästina. Wir befürchteten, an der Grenze verhaftet zu werden. Als unser Zug den Rhein überquerte, wir Deutschland hinter uns ließen und in Frankreich einreisten, atmete ich tief durch. Aus der Tyrannei in die Freiheit, von der Hölle ins Paradies.

Ich vergaß dieses Gefühl nie. Immer, wenn ich Frankreich besuchte, überkam es mich.

Ich erinnerte mich diese Woche wieder daran, als ich einen viel zitierten TV “Untersuchungsbericht” über “Antisemitismus in Frankreich” sah. Es war ein Haufen Propaganda-Nonsens.

„ANTI-SEMITISMUS IN Frankreich“ ist nun der letzte Schrei in Israel. Eine riesiger Propagandaaufwand wird in diese Kampagne investiert. Das Ziel ist, die französischen Juden dazu bewegen, nach Israel zu kommen, um „Alija zu machen“ (eine entsetzliche Entstellung des Hebräischen).

Juden in Frankreich sind laut „Untersuchungsberichten“ mit einer furchtbaren Gefahr konfrontiert. Sie können einen zweiten Holocaust jeden Moment erwarten. Sie werden auf den Straßen angegriffen. Sie haben Angst, die Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen. Zum Wohl ihrer Kinder müssen sie nach Israel kommen. Und zwar schnellstens, – jetzt!

Als ich mir den TV-Bericht näher ansah, bemerkte ich eine Besonderheit: fast alle männlichen Juden, die interviewt wurden, trugen eine Kippa. Seltsam, ich habe kaum jemals einen französischen Juden getroffen, der eine Kippa trug.

Dann bemerkte ich eine weitere Besonderheit: es erschien mir, als ob alle Juden, die interviewt wurden, wie Nordafrikaner aussahen, besonders algerisch.

Auch wurden alle erwähnten gewaltsamen Zwischenfälle von Muslimen verursacht. Sie fanden nicht auf der Avenue des Champs Elysées statt, sondern in den Vororten, wo arme nordafrikanische Muslime mit nordafrikanischen Juden auf engstem Raum zusammenleben.

Warum ereignen sich diese Zwischenfälle? Warum dort? Und was haben sie mit französischem Anti-Semitismus zu tun?

WENN ich “französischer Anti-Semitismus” höre, sehe ich in meiner Vorstellung die lange Tradition der Aversion des christlichen Frankreichs gegenüber Juden. Sogar nach der Französischen Revolution, die auch die Juden befreite, gab es eine Menge Anti-Semitismus in Frankreich. Man muss sich nur an die Dreyfus-Affäre am Ende des 19. Jahrhunderts erinnern, als ein französischer jüdischer Offizier der Armee fälschlicherweise als deutscher Spion angeklagt war und auf die Teufelsinsel, Französisch Guyana, verbannt wurde. Massen von Franzosen marschierten über die Champs Elysées und schrien: „Tod den Juden!“ Einer der Zuschauer war ein jüdischer Journalist aus Wien, Theodor Herzl genannt, der den Schluss daraus zog, dass alle Juden Europa verlassen und ihren eigenen Staat errichten mussten. Der Zionismus wurde geboren.

Diese Art von christlichem Anti-Semitismus, der (glaube ich) von der Geschichte über den Tod von Jesus im neuen Testament ausgeht, existierte schon immer in Frankreich, genauso wie in den meisten anderen europäischen Ländern. Seit dem Holocaust, ist es ein Rand-Phänomen geworden. Ich glaube, dass das in Frankreich auch so ist.

DiE MUSLIMISCH-JÜDISCHE Feindschaft, die sich nun in den Vororten von Paris abspielt, ist etwas gänzlich Anderes und hat nichts zu tun mit Antisemiten. Zufällig sind beide Seiten Semiten.

Es begann vor langer Zeit in Algerien. Die Franzosen eroberten das Land und siedelten dort in großer Anzahl. Dann taten sie etwas ziemlich Kleveres: Sie übertrugen die französische Staatsangehörigkeit auf die Juden vor Ort, aber nicht auf die Muslime, die die breite Mehrheit bildeten. Wie die alten Römer zu sagen pflegten: “ Teile und herrsche.”

Als der algerische Unabhängigkeitskrieg ausbrach (in 1954), standen die Juden, die stolze französische Bürger waren, auf der Seite des Unterdrückers gegen die Unterdrückten.

Mehr noch. Als die französische Armee signalisierte, dass sie abziehen wollte, stellten die Siedler eine Untergrund-Militärorganisation auf, die OAS, um die Muslime zu terrorisieren. Die Juden vor Ort waren involviert. Nach und nach begannen die französischen Siedler, nach Frankreich zurückzukehren und die Juden blieben. Die OAS wurde dann fast eine jüdische Organisation.

Ich war irgendwie involviert. Die algerische Nationale Befreiungsfront, die FLN, die spürte, dass sie kurz vor dem Sieg standen, war sehr besorgt, dass die Juden Algerien verlassen würden. Da die Juden eine große Rolle in dem algerischen wirtschaftlichen und intellektuellen Leben spielten, fürchteten die FLN-Führer, dass eine derartige Abwanderung einen großen Verlust für den entstehenden Staat bedeuten würde.

Sie kamen auf mich zu mit der Bitte, in Israel eine Organisation aufzustellen, um die algerische Unabhängigkeit zu unterstützen. Als ich den “Israelischen Rat für ein freies Algerien” gründete, baten sie uns, Material in Hebräisch zu veröffentlichen, das sie ins Französische übersetzten und unter den Juden verteilten.

Erfolglos. Am Ende setzte Charles de Gaulle einen Termin für den Rückzug der französischen Armee. Über eine Million französische Siedler flohen beinahe über Nacht nach Frankreich und mit ihnen praktisch alle Juden.

Algerische Juden kamen nicht nach Israel. Sie waren zu gut in die französische Kultur integriert. Marokkanische und tunesische Juden spalteten sich: die gebildeten gingen nach Frankreich, alle anderen kamen hierher.

Was sich heute abspielt, ist die Fortsetzung dieses algerischen Konfliktes auf französischem Boden. Der Hass, der einst in den Straßen von Algier und Oran herrschte, wird in den Straßen von Paris und Marseilles ausgefochten.

Tragisch? In der Tat. Traurig? Gewiss. Anti-Semitismus – keineswegs. Es hat nichts mit dieser alten europäischen Geißel zu tun.

UM EIN richtiges Bild zu bekommen, muss man die Anzahl der muslimischen Gewalttaten gegen Juden in Frankreich mit der Anzahl der Gewalttaten der christlichen Franzosen gegen die Muslime vergleichen.

Ich habe keine derartigen Statistiken gesehen, wahrscheinlich weil Frankreich darauf besteht, dass es keinen Unterschied zwischen Franzosen aller Hautfarben, Glaubensrichtungen und Rassen gibt.

Dennoch würde ich 100 prozentig darauf wetten, dass die Gewalttaten gegen Muslime beiweitem zahlreicher sind als Gewalttaten gegen die Juden.

Französischer Neo-Faschismus, angeführt von der sehr klugen Marine Le Pen, ist gänzlich zentriert auf den Hass gegen die Muslime, wohingegen sie alles Erdenkliche tut, um den Juden zu schmeicheln. Einige Juden sind sogar in der Partei. Sie bewundert uns, sie liebt uns. Sie warf ihren eigenen Vater hinaus, weil er sich nicht zurückhalten konnte, Sätze zu äußern, die einen Rest von Antisemitismus widerspiegelten.

Also, woher kommt die gegenwärtige Furcht vor dem französischen Antisemitismus?

Ah, es gibt mehrere gute Gründe.

Grundsätzlich sind Zionismus und Anti-Semitismus Zwillinge. Es ist der moderne europäische Antisemitismus, der den modernen Zionismus schuf. Wie erwähnt, wurde Herzl zum Zionisten, als er die (französischen) Antisemiten sah. Meine Familie kam nach Palästina wegen des (deutschen) Antisemitismus. So war es mehr oder weniger bei allen israelischen Juden.

Man könnte sagen, dass, wenn der Antisemitismus nicht bereits existiert hätte, die Zionisten ihn hätten erfinden müssen.

Gemäß der zionistischen Ideologie existiert der Staat Israel als eine Zufluchtsstätte für verfolgte Juden. Wo auch immer Juden in der Welt in einer Notlage sind, retten wir sie und bringen sie hierher. (Auch wenn Israel vielleicht der am wenigsten sichere Platz in der Welt für Juden ist.)

Wenn der Anti-Semitismus zu schwach ist, um “den Job zu machen”, müssen wir ihm dabei helfen, wie wir es 1952 im Irak taten, als wir Bomben in Synagogen legten, um die Juden anzuspornen, das Land zu verlassen und nach hier zu kommen.

Es scheint so, dass gerade jetzt ein Mangel an Anti-Semitimus vorherrscht. Russische Juden kommen nicht mehr, auch keine amerikanischen. Also muss Frankreich die Lücke schließen.

Es gibt auch eine noch zynischere Erklärung. Israel hat ein aufwendiges Instrumentarium errichtet, um Juden hierher zu bringen. Es gibt Einwanderungs-Beamte in israelischen Botschaften. Es gibt die “Jewish Agency” (Jüdische Agentur) eine weltweite Organisation, die sich hauptsächlich der Aufgabe verschrieben hat, Juden nach Israel zu bringen. Was würde mit diesem ganzen Heer von Gesandten, Organisatoren, Bürokraten, politischen Beauftragten und dergleichen geschehen, wenn keine Juden mehr nach hier kommen wollen und den Boden bei ihrer Ankunft küssen?

Glücklicherweise gibt es diese „Welle von Anti-Semitismus“ in Frankreich und ist jeder voll und ganz beschäftigt. Politiker schwingen Reden, Journalisten produzieren emotionale “Untersuchungs-” Serien, die zionistische Seele ist aufgewacht, der Zionismus ist voll im Gange. Flugzeuge voller Kippa tragender Juden kommen an. Hallelujah!

WAS GESCHIEHT mit all diesen Einwanderern, die die “Alija machen”, sobald sie nach hier kommen?

Das ist eine gute Frage. Einige Bürokraten sind beauftragt, sich um sie zu kümmern. Wir haben ein ganzes Ministerium, das sich der “Immigranten Absorption“ gewidmet hat. (Man kann behaupten, dass es der letzte wünschenswerte Job für Politiker ist, eine Art Zwischenparkplatz, bis sich etwas Besseres findet).

Wenn die neuen Einwanderer einmal hier sind, scheinen viele begeisterte Zionisten das Interesse an ihnen zu verlieren. Praktisch alle Einwanderer aus islamischen Ländern seit der Geburt des Staates, sie und ihre Nachkommen, beschweren sich nun, benachteiligt zu werden.

Das Problem ist nun das Zentrum einer lebhaften Debatte. Ein Komitee, das von einem blinden orientalischen Poeten geleitet wird, hat gerade einen ausführlichen Bericht erstellt und verlangt, dass sämtliche Geschichtsbücher neu geschrieben werden, um Platz zu schaffen für orientale jüdische Politiker, Rabbis, Künstler und Schriftsteller, auf der Basis der Gleichheit mit Juden europäischer Abstammung.

Halboffizielle Schätzungen sind, dass ca. 30% der neuen “französischen” Einwanderer wahrscheinlich nach Frankreich zurückkehren werden. Das scheint als normal akzeptiert zu werden.

Aber wenn 70% bei uns bleiben, ist das ein Reingewinn. Bienvenue, mes amis!

aus dem Englischen übersetzt von Inga Gelsdorf)

Abgelegt unter International, Nah-Ost, Opposition | Keine Kommentare »

Nur ein Trick

Erstellt von DL-Redaktion am 12. Februar 2017

Autor : Uri Avnery

EINMAL HÖRTE ich die folgende Geschichte vom schwedischen Botschafter in Paris:

„1977, als die UN den Plan zur Teilung Palästinas diskutierte, war ich ein Mitglied des Unterkomitees , das sich mit Jerusalem befasste. Eines Tages sandten die Juden einen neuen Vertreter. Sein Name war Abba Eban. Er sprach ein wunderbares Englisch, viel besser als der britische oder US-Miglied des Komitees. Er sprach über eine halbe Stunde und am Ende war keine Person mehr im Saal, die ihn nicht abgrundtief hasste.“

Ich erinnerte mich an diese Episode, als ich im Fernsehen die Pressekonferenz von Dore Gold, dem General-Direktor unsres Außenministeriums sah. Ihr Thema war die vor kurzem statt gefundene Pariser Friedenkonferenz, die streng von unserer Regierung denunziert wurde.

Von dem Augenblick an, als ich Gold zum ersten Mal sah, war er mir unsympathisch. Er war damals unser neuer Gesandter bei der UN. Ich sagte mir, dass meine Haltung eine unwürdige Zurückweisung für ausländische Juden (Exil Juden“ im israelischen Slang) ist. Gold sprich hebräisch mit einem sehr starken amerikanischen Accent, Er ist kein Appolo

Ich würde als unsern Vertreter einen aufrechten, israelisch aussehenden Pioniertyp bevorzugen, der englisch mit einem ausgesprochenen hebräischen Accent bevorzugen ( Ich weiß, dies klingt rassistisch und schäme mich selbst durch und durch.

GOLDS KONFERENZ war dabei, sich über die französische Friedensinitiative, die der israelisch –palästinensische Frieden

Er war dabei, sich über die französische Friedens initiative. Die den israelisch-palästinensischen Friedens-Konflikt beinhaltet

Ich habe einen heimlichen Verdacht, dass er lauert noch immer umherlauert – dass diese keine wirklichen keine wirkliche Initiative ist, sondern eine verdeckte amerikanische.

Sie mach die israelische Regierung wütend, und kein amerikanischer Präsident kann dies tun, falls er das wünscht – er oder seine Partei – wieder gewählt zu werden – dass dies keine wirkliche französische, ., sondern eine verdeckte amerikanische.

Sie machte die israelische Regierung wütend und kein amerikanischer Präsident kaa dies tun, falls er das Wünscht

Da ist eine schreckliche Angst,

die unsere Regierung heimsucht. Barack Obama hasst Netanjahu – aus guten Gründen. Er kann nichts offen gegen ihn tun – nichts bis Mitternacht nach dem Wahltag. Ob Hillary Clinton oder ( um Himmels Willen) Donald Trump gewählt wird – Obama bleibt noch fast drei Monate im Amt- und in dieser Periode ist er so frei wie ein Vogel ( wie die Deutschen sagen würden) – er kann tun , was ihm gefällt. Was auch immer der Tag und Nacht acht lange Tage wünschte. Und was er über Benjamin Netanjahu träumte.

Ach , die süße Rache. Aber nur bis November. Bis dahin hat er nach Netanjahus‘ Pfeife zu tanzen, wenn er nicht die demokratischen Nominierte zu verletzen wünscht.

Was kann er also Juni tun? Er kann die Aufgabe vertreilen Zum Beispiel, die Franzosen bitten, eine Friedenskonferenz einzuberufen, um einen Weg zur Anerkennung des Staates Palästina vorzubereiten.

Die Franzosen zu bitten darum, ein hochrangige Konferenz in Paris einzuberufen , wäre so, als ob man eine Katze fragt, ob sie Milch wünscht. Man muss nicht auf eine Antwort warten. Das war die Zeit, als fast die Hälfte der Welt in den Atlanten blau aussahen und fast die Hälfte der Welt in den Atlanten im britischen Rot

Frankreich, trauert wie Großbritannien über seine imperiale Vergangenheit, als Paris das Zentrum der Welt war und gebildete Deutsche und Russen, geschweige denn die Ägypter und Vietnamesen französisch sprachen. Die Pässe vieler Nationen waren in dieser Sprache gedruckt.

Das war die Zeit, als fast die Hälfte der Welt in den Atlanten in französischem Blau erschien und während die andere Hälfte in britischem rot erschien. Die Zeit, als der französische Diplomat Georges Picot und sein britischer Kollege Mark Sykes sich den Ottomanische Nahen Osten genau vor hundert Jahren in dieser Woche teilten.

Der Außenminister (geschweige denn die Könige und Präsidenten) der Welt würden sich gern einem der wunderschönen Palästen von Pari s zu versammeln einen französischen Traum geträumt. Die Briten sind etwa in derselben Situation würden dasselbe tun, sind aber sehr mit infantilem Drang beschäftigt, um die Europäische Union zu verlassen.

Wie auch immer, haben wir jetzt diese französische Initiative, eine glänzende Versammlung von Außenministern oder ihren Vertreter, verlangen die die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen in einem begrenzten Zeitrahmen, mit dem erklärten Ziel , den palästinensischen Staat anzuerkennen.

NETANJAHU liebt Frankreich. Er liebt sich dort mit seiner Frau an der französischen Riviera zu amüsieren, in den teuersten Pariser Restaurants zu speisen und in luxuriösen Pariser Wohnungen zu leben – so lang wie es andere bezahlen. Dies ist letzte Woche bei einem Prozess eines verdächtigen französischen Juden herausgekommen, der wegen betrügerische Höhen von Hundert Millionen Euros angeklagt wurde und der mehrere von Netanjahus Trips bezahl hat, Netanjahu denkt nicht daran , selbst sein Vergnügen zu bezahlen und besaß wie die Königin keine Kreditkarte.

Aber sich an französischem Luxus zu erfreuen, ist eine Sache, sich französischer Diplomatie zu amüsieren, ist eine andere Sache. In diesem Augenblick, als er seine Zeit nicht mit Rechtsanwälten zu tun hat, widmet er seine Zeit, die französische Initiative zu vereiteln.

Warum, um Gottes willen? Was ist so schlimm mit der Versammlung der Welt-Staatsmänner und Frauen, um den israelisch-palästinensischen Friedensprozess wieder aufzunehmen? Praktisch alles!

Dieser Friedensprozess ist wie ein schlafender Hund. Ein gefährlicher Hund, wenn er schläft, kann Netanjahu sich alles erlauben – die Besatzung palästinensischen Gebiete vertiefen, die Siedlungen erweitern (Still, dass der Hund nicht aufwacht) all die hundert täglichen Dinge, die die Besatzung „unumkehrbar“ machen. Und hier kommt der Franzose und versucht den Hund in seine Rippen zu stoßen.

Und nun? Mögen Leute fragen. Da sind vorher Konferenzen gewesen, Friedensprozesse in Hülle und Fülle, internationale Resolutionen. Falls eine andere große Konferenz einberufen wird und die Details eines Friedensabkommens diskutiert werden, wird Israel nicht warten und Netanjahu wird die ganze Sache ignorieren. Wie viele Male ist dies schon vorher geschehen? Es wird kaum ein Gähnen verdienen.

ABER DIESES Mal könnte es anders sein. Nicht an sich, aber wegen der internationalen Atmosphäre.

Langsam, sehr langsam wird Israels internationaler Horizont dunkel. Kleine Dinge geschehen jeden Tag in aller Welt. Eine Resolution hier, ein Boykott dort, eine Eeklärung, eine Demonstration. Das Israel, das universell bewundert wurde, ist schon lange verschwunden.

´ Sie verletzt nicht wirklich die israelische Wirtschaft. Aber es schafft eine Stimmung, zuerst in den Hochschulanlagen und dann rund herum. Jüdische Institutionen schicken SOS-Botschaften

Inzwischen sind die selbst jüdischen Institutionen infiziert. Die täglichen Nachrichten aus Israel über die Geschehnisse in den besetzten Gebieten und sogar in Israel selbst verletzen die Juden und besonders die jungen. Viele von ihnen kehren Israel den Rücken , einige engagieren sich aktiv gegen dies.

Dies ist ein starkes Land. Es hat sehr großes Militär, die modernsten Waffen, eine gesunde Wirtschaft (besonders high-tech) , häufig diplomatische Erfolge.

Dies ist kein zweites Südafrika, wie die BDS-Leute es gerne sehen würden. Da gibt es große Unterschiede. Das Apartheid-Regime wurde von Nazi-Sympathisanten geführt, während Israel noch immer auf der weltweiten Welle der Holocaust-Ära –Buße und Reue reitet. Südafrika hing von seinen rebellischen schwarzen Arbeitskräften ab, Israel importiert ausländische Arbeiter aus vielen Ländern.

Israel hängt nicht wirklich von amerikanischen finanzieller Hilfe ab Diese Hilfe ist ein Luxus, nicht mehr. Diese Hilfe ist ein Luxus Es benötigt das US-Veto gegen feindselige Vorschläge der UN, aber es kann und tut es – die UN ignorieren.

Doch alles in allem: Israels schlechter werdendes internationale Ansehen wird schlechter. selbst Netanjahu macht sich Sorgen. Langsam, aber sicher akzeptiert die Welt den Staat Palästina als Tatsache des Lebens, als eine Bedingung für Frieden.

Netanjahu schaut sich nach einem neuen Trick um. Was sieht er dort? Ägypten.

ISRAEL’S BEZIEHUNHEN mit Ägypten gehen ein paar Tausend Jahre zurück. Ägypten war schon eine Regionalmacht, als das israelitische Volk entstand. Aber nach dem „Exodus aus Ägypten ( 2. Moses 21-24) (Was wirklich nie geschah, gab es viele „up und downs“ in den Beziehungen zwischen dem Mächtigen Ägypten und dem kleinen Israel.

Als die Assyrer eine Belagerung um Jerusalem machten und die Judäer auf Hilfe der Ägypter warten mokierten sich die die Assyrer. „Ihr vertrautet dem Staab dieses roten Schilfgrases ZB. wenn ein Mann sich anlehnt, wird es in seine Hand schneiden . (2 Regnun, 18

Nun ist der augenblickliche Pharao, Abed al Fataach al Sissi. Netanjahus große Hoffnung. Egypt, bankrott wie immer, hängt von den Saudis ab. Die Saudis hängen (heimlich von den Israelis und in ihren Kampgegen Daesch, dem islamischen Kaliphat. So ist al-Sisi auch ein verbündeter non Israel

Beim aufbessern seiner Statur, al-Sisi l. posierte auch er als Friedeinitiative, lobte Gott. Er rief nach einer Regionalen Friedensinitiative. In seiner Schmährede gegen die Franzosen. Dore Gold , der Franzose klagte die Sabotage an und hinderte dadurch den Frieden.

Netanjahu schaut sich nach einem neuen Trick um. Was sieht er dort ? Ägypten akzeptierte die ägyptische Initiative, fügte hinzu , dass sie nur ein paar Veränderungen nötig hätte.

Tatsächlich tat er es . Al-Sissis Plan gründet sich auf die 2002 Saudi Friedensplan-Initiativen, die von der Arabischen Liga adoptiert wurde. Der fordert, dass die von Israel besetzten Gebiete (einschließend den Golan und Ostjerusalem) geräumt werden den Staat Palästina, das Recht auf die akzeptierten palästinensischen Flüchtlinge. Netanjahu will, dass Tausende sterben, bevor er dies annimmt.

Indem man den ägyptischen Plan als Vorwand nimmt um den französischen Plan anzunehmen, zu sabotieren, ist dies auf eine zynische Vermutung.

Netanjahu nimmt den ägyptischen Plan als Vorwand.

„Regional“ ist übrigens das neue Schlagwort. Es kam vor einiger Zeit auf und hatte sogar einige wohl- meinende Bedeutungen für Israelis. Empfang „Regionaler Frieden“, wie wunderschön klingt.

.Stattdessen lasst uns über Frieden mit dem gehassten Palästinenser reden, über Frieden mit der Region reden Lasst uns über Frieden mit der Region reden. Aber es ist totaler Unsinn.

Kein arabischer Führer von Marokko bis zum Irak wollen ein Friedensabkommen mit Israel abschließen, das das Ende der Besatzung mit Israel einschließt, doch nicht die Errichtung eines palästinensischen Staates und die Schaffung. Jetzt kann man sehen. Die Massen seines Volkes werden ihn nicht durchlassen. Anwar al Sadat schloss diesen seinen Friedenvertag mit Menachem Begin nicht ein. Obwohl in Worten, so konnte dieser leicht gebrochen werden)

Als meine Freunde und ich, 1949 die Lösung das erste Mal brachten, die selbst unter dem Namen „Zwei Staaten für zwei Völker bekannt wurden“ schloss er selbstverständlich die arabische Welt ein: und der Frieden wird mit der ganzen arabischen Welt geschlossen. Und als selbstverständlich hingenommen wurde auch Frieden mit dem Staat Palästina. Wie zwei siamesische Zwillinge, die eingeschlossen werden.

Wenn wir jetzt von einem „Regional Frieden“ als einer Alternative für Frieden mit den Palästinensern sprechen, so ist das Unsinn „Regionaler Frieden“.meint nicht Frieden

Am andern Tag schrieb Gideon Levy in Haaretz, dass Netanyahu und Avigdor Lieberman „jetzt so reden sollte wie Uri Avnery im Jahre 1969.

Sehr schmeichelhaft. Aber leider ist dies nur ein Trick.

(Dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Tag der Rhinos

Erstellt von DL-Redaktion am 5. Februar 2017

Autor : Uri Avnery

ICH HABE kürzlich das deutsche Wort „Gleichschaltung“ erwähnt – eines der typischsten Wörter des Nazi- Vokabulars.

„Gleich“ bedeutet „ dasselbe“, Schaltung bedeutet „Verbindung zum elektrischen Strom“. Das lange deutsche Wort bedeutet, dass jeder im Staat auf dieselbe Art vernetzt ist – auf Nazi-Art.

Dies war ein wesentlicher Teil der Nazi- Transformation Deutschlands. Aber es geschah nicht auf dramatische Weise. Der Austausch der Leute war langsam, fast unmerklich. Am Ende waren alle bedeutenden Positionen im Land mit Nazi-Funktionären besetzt.

Wir sind jetzt Zeugen, wie so etwas in Israel geschieht. Wir sind schon mitten im Prozess.

Position um Position wird von der extremen Rechten, die jetzt Israel beherrscht, übernommen. Langsam. Sehr, sehr langsam.

ES FING direkt nach der Wahl im letzten Jahr an. Benjamin Netanjahu war in der Lage, eine Koalition der sehr Rechten zu bilden, wenn auch mit einer dünnen Mehrheit. Wie es so oft in den Annalen des Faschismus geschah, benötigte er dafür eine „Zentrum“-Partei. Er fand sie in der Form der Moshe-Kahalon-Fraktion. Kahalon, ein Ex-Likud-Mann war populär, weil er billige Wohnungspreise versprach. Stattdessen gingen die Wohnungpreise in die Höhe.

(Kahalon ist der Lächelnde. Er ist sehr liebenswert. Ein Kolumnist verglich ihn mit der Cheshire-Katze, die Katze, die verschwand und nur ein Lächeln hinterließ. „Nicht eine Katze mit einem Lächeln“ sagte Alice im Wunderland, sondern ein Lächeln mit einer Katze“. Aber er ist die Katze, die die Rechte an der Macht hält, sogar jetzt.

Die neue Regierung schloss eine Mischung von unglaublichen Ernennungen ein. Die empörendste neue Ministerin ist Miri Regev, eine primitive Frau, die wegen ihrer stolzen Vulgarität bekannt ist und die nun Kultusministerin ist. Ich vermute selbst Vulgarität hat ein Recht, vertreten zu sein.

Frau Regev hat jetzt den Auftrag, den Regierungsetat an das Theater, an die Literatur, an das Ballett, die Oper und ähnliches zu verteilen. Sie hat es schon klar gemacht, dass sie besser den Regierungsverpflichtungen nachkommt, wenn sie bezahlt werden wollen.

Ihr nächster Konkurrent ist die neue Justizministerin, Ayelet Shaked (buchstäblich die Mandelgazelle). Ihr proklamiertes Ziel ist die Unterwerfung des Obersten Gerichtes, der Stolz Israels. Obwohl jetzt noch ganz schüchtern, ist das Gericht gegen neue unterdrückende Gesetze. Deshalb wünscht Frau Mandel, dieses mit neuen „konservativen“ Richtern zu besetzen.

Der gefährlichste des Pulks ist der Minister für Bildung und Erziehung – Naftali Bennett, einer der extremsten nationalistischsten-religiösen Politiker. Israel hat drei religiöse Bildungssysteme. Das einzige „säkulare“ System ist schon ständig während der Jahre der letzten Minister reduziert worden . Vertraut man Bennett, der von vielen als religiöser Faschist bezeichnet wird, die Bildung an, bedeutet dies den Bock zum Gärtner zu machen.

Alle diese Minister, auch die anderen derselben Sorte, sind jetzt sehr eifrig dabei, die hohen Beamten mit Personen ihrer Überzeugung zu ersetzen, ein ständiger und äußerst gefährlicher Prozess.

DANN SIND da noch die Torhüter.

Eine der bedeutendsten Personen in Israel trägt den Titel „Legaler Berater der Regierung“. Er ist der höchste legale Beamte, noch über dem Staatsanwalt und unabhängig vom Justizminister. Sein Rat ist rechtlich bindend und nur dem Obersten Gericht unterworfen.

Netanjahu hat mehrere persönliche rechtliche Probleme. Er und seine Familie sind in aller Welt gereist und zwar auf Kosten anderer Leute, während er im Amt war. Dies und andere Affären sind viel Jahre durch die rechtlichen Prozeduren aufgehalten worden – nach der Entscheidung des „Beraters“.

Der letzte legale Berater, ein ehemaliger Richter, der von Netanjahu für dieses Amt ernannt wurde, ist gerade von Netanjahu ersetzt worden durch —welch Überraschung !! – den Regierungssekretär Avihay Mandelblit, ein Kipa-tragender Anwalt, der Netanjahu so nah wie nur möglich steht.

Um die Sache sicher zu machen, wurde der Staats-Rechnungsprüfer, ein anderer sehr mächtiger Beamter in Israel, von der Knesset-Mehrheit nach den Wünschen von Netanjahu gewählt. Yosef Shapiro ist auch ein früherer Richter.

Warum diese zwei Positionen für Netanjahu so wichtig sind, wird gerade jetzt deutlich. Das ganze Land ist fasziniert von mehreren Fällen, in die Angestellte in der offiziellen Residenz des Ministerpräsidenten bezeugten, dass Sarah Netanjahu unerträglich sei: sie schreit und ist eine hysterische Megäre, die ihre privaten Ausgaben aus der offiziellen Staatskasse nimmt.

Um diesen Kreis vollständig zu machen gibt es den neuen Polizei-Kommandeur. Seit Jahren ist die hohe Führung in einen Morast sexueller Anklagen und zusätzlich von Bestechungen geraten. Ein hoher Offizier hat Selbstmord begangen, mehrere andere sind rausgeworfen worden.

Welche Lösung wäre besser, als einen Außenseiter, einen hohen Shin Bet (Geheimdienst) Angestellten? Eine brillante Idee, aber jetzt stellt sich heraus, dass die Polizei in noch größeren Morast versinkt. In mehreren Fällen haben Polizisten brutal und öffentlich Zivilisten geschlagen, Araber und Juden – aus keinem ersichtlichen Grund und erhielten den vollen Rückhalt von Roni Alsheikh, ihrem neuen Oberkommandeur.

DIE ISRAELISCHEN Medien werden vom rechten Flügel als „Linke“, ein Bollwerk der „alten Elite“ beschimpft, die die Rechten zu ersetzen geschworen haben.

Leider ist diese Beschreibung ganz falsch. Von den zwei größeren Zeitungen, ist die eine Israel Hajom („Israel heute“) und gehört Netanyahu. Oder – um es genau zu sagen – Sheldom Adelson, einem amerikanischen Casino-Mogul, der freiwillige und großzügige Patron von Bibi ist. Die Zeitung, dessen einziger Zweck es ist, Netanjahu persönlich zu dienen, wird in riesigen Mengen gratis verteilt.

Das andere Massenblatt, Yediot Aharonot („Späte Nachrichten“) versucht zu konkurrieren , indem sie noch weiter rechts ist.

Die einzige andere bedeutende Tageszeitung, Haaretz („Das Land“), die gegenüber Netanjahu kritisch ist, ist bei weitem kleiner und in ständiger wirtschaftlichen Not.

Israels drei TV-Kanäle sind eine intellektuelle Wüste. Abgesehen von den Nachrichten und einer winzigen Anzahl von Qualitätsprogrammen, haben sie keinen Inhalt, sie sind hauptsächlich den „Realitäts“Programmen gewidmet, die nichts mit der Realität zu tun haben.

Wer ist verantwortlich? Warum, natürlich der Minister für die Medien. Und wer ist das? Noch einmal – Welche Überraschung! – Kein anderer als eine Person, die den Namen Benjamin Netanjahu trägt.

Nach israelischem Gesetz kann der Ministerpräsident selbst so viele Portfolios haben, wie sein Herz verlangt. Dies bedeutet augenblicklich, dass der Gegen-wärtige selbst einige hat, einschließlich des Außenamtes und die Medien.

Seit Monaten haben die Medienleute Schwierigkeiten, nachts Schlaf zu finden. Alle drei TV-Kanäle benötigen Regierungsunterstützung. Einige mutige TV- Persönlichkeiten wagen es, die Regierung offen zu kritisieren, ja sogar scharf, aber ihre Anzahl ist im Schwinden.

Als ich diese Woche im TV war, sagte ich meinem Interviewer, dass er und seine Kollegen in einem Jahr wahrscheinlich arbeitslos sein werden. Er lachte nervös und fragte: „Was, noch ein ganzes Jahr?“

Viele TV-Journalisten sind schon Rhinos (Das ist der Spitzname für Leute, die sich der Regierung unterworfen haben, weil sie eine dicke Haut brauchen) geworden. Der Prozess der Rhinos-Werdung geht ständig weiter.

UND JETZT kommt der Gnadenschuss in der Gestalt des Avigdor Ivett Lieberman.

Lieberman ist eine schreckenerregende Person. In ihrer Gegenwart würde sogar ein Donald Trump zurückschrecken.

Ein Immigrant aus Sowiet-Moldawien, ein früherer Bar-Herauswerfer und später ein naher Helfer von Netanjahu. Er ist jetzt der extrem rechteste Politiker auf der Bühne. Er schlug einmal vor, den Assuan-Damm in Ägypten zu bombardieren (was viele Millionen Tote verursachen würde) Das war eine seiner moderateren Ideen. Er hat die Armee für zu schüchtern gehalten und nannte Netanjahu (vor nicht langer Zeit) einen Betrüger, eine Memme und einen Scharlatan.

Liebermann (ein „netter“ Mann auf Deutsch) ist schlau. Es kann vermutet werden, dass er wenigstens für einige Monate sich äußerst moderat, friedensliebend und liberal verhält. Schon in dieser Woche haben er und Netanjahu erklärt , dass sie eifrige Anhänger der „Zwei-Staaten-Lösung für zwei Volker“ seien. Das ist als ob Mussolini in 1939 erklärt hättee, er sei ein ergebener Pazifist.

Die bedrohende Konfrontation zwischen dem Verteidigungsminister und dem Generalstab könnte ein folgenschweres Ereignis werden: der Zusammenstoß zwischen einer unaufhaltsamen Macht und einem unbeweglichem Objekt.

Die „Israelische Verteidigungsarmee“ (IDF), die auch die Flotte und die Luftwaffe einschließt, ist eine fast autonome Institution. Ihr offizieller Oberkommandeur ist aber die Regierung im Ganzen, die durch den Verteidigungsminister agiert.

Es ist eine gehorsame Armee. Nur selten hat sie sich offen der Regierung widersetzt. Ein solcher Fall war 1967, als der Ministerpräsident Levy Eshkol zögerte, angesichts der wachsenden ägyptischen Militärdrohung auf der Sinai-Halbinsel. Eine Gruppe von Generälen drohten ihm mit kollektiver Resignation, falls er nicht den Befehl zum Angriff geben würde. Er unterlag.

Es ist sogar noch schlimmer. Das Armeekorps der niedrigeren Offiziere und einfachen Soldaten, die im nationalen Bildungssystem erzogen wurden, mögen jetzt näher bei Lieberman stehen, als beim Stabschef.

Dies wurde zum Test beim kürzlichen Fall des Elor Azariya, dem Soldaten, der einen ernstlich verletzen Palästinenser, der auf dem Boden lag, erschoss. Viele Soldaten erklärten, dass Azariya ein Nationalheld sei.

Azariya hat jetzt vor einem Militärgericht wegen Totschlags einen Prozess. Das Obere Armeekommando war unerbittlich angesichts der rechten Opposition. Und siehe da, wer stieß die beträchtliche Masse seines Körpers in den überfüllten Gerichtssaal? Avigdor Lieberman. Er kam um seine Unterstützung für den Angeklagten zu demonstrieren. Sogar Netanjahu beugte sich dem Druck und rief den Vater des Soldaten an, um seine Unterstützung auszudrücken.

(Als wir den Killer im TV vor Gericht sahen, waren wir überrascht, einen Jungen zu sehen, der verwirrt und orientierungslos dreinschaute mit seiner Mutter, die hinter ihm saß und seinen Kopf streichelte. Weh dem Staat, der eine tödliche Waffe in die Hände einer primitiven und unreifen Person gibt. )

Hier sind wir jetzt: die Regierung unterminiert die Armee und das Friedenslager setzt ihr Vertrauen in das Oberkommando.

Manche mögen jetzt zu einem Gott beten, an den sie nicht glauben, um einen Militärputsch zu erbitten.

(dt. Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost, Überregional | Keine Kommentare »

Das Zentrum hält nicht

Erstellt von DL-Redaktion am 4. Februar 2017

Autor : Uri Avnery

„DEN BESTEN fehlt es an Überzeugungen, während die Schlechteste voll leidenschaftlicher Intensität ist.“

Gibt es eine bessere Beschreibung für das, was jetzt in Israel geschieht?

 Doch diese Worte wurden vor fast hundert Jahren von dem irischen Dichter W.B.Yeats geschrieben.

YEATS SCHRIEB kurz nach dem schrecklichen Morden und Zerstören des 1.Weltkriegs. Er glaubte, dass die Welt zu einem Ende kommt und erwartete das 2. Kommen des Christus.

Als Teil des Chaos sah er im selben Gedicht voraus: „dass das Zentrum nicht halten kann“. Ich glaube, er nahm diese Metapher vom Schlachtfeld früherer Jahrhunderte, wenn die gegenüberstehenden Armeen in zwei Reihen aufgestellt und sich gegenüber standen – mit der Hauptkraft in der Mitte und die beiden Flanken sie beschützten.

In einer klassischen Schlacht versuchte jede Seite eine der Flanken des Feindes zu zerstören, um das Zentrum zu umzingeln und anzugreifen. So lang wie das Zentrum hielt, war die Schlacht unentschieden.

In Israel, wie in den meisten modernen Demokratien, ist das Zentrum zusammengesetzt aus zwei oder mehr etablierten Parteien, geringfügig Links und geringfügig rechts. Die Linke ist die klassische Arbeiterpartei – jetzt verbirgt sie sich hinter dem Namen das „zionistische Lager“(welches automatisch die arabische Minderheit ausschließt, etwa 20% der Wählerschaft) . Die Rechte ist der Likud, die gegenwärtige Inkarnation der alten „Revisionisten“-Partei, die vor fast hundert Jahren von Vladimir Jabotinsky, gegründet wurde, einem liberalen Nationalisten im italienischen Risorgimento-Stil.

Dies war das israelische Zentrum, unterstützt von einigen kleinen Parteien.

Diese beherrschte Israel vom Tag seiner Gründung an. Die eine Partei bildete die Regierung, die andere war die loyale Opposition und sie wechselten alle paar Jahre die Rollen, wie es in einer ordentlichen Demokratie sein sollte.

An den Flanken waren die arabischen Parteien (jetzt vereint unter Zwang) und die kleine aber prinzipientreue Meretz auf der Linken und mehrere religiöse und proto-faschistische Parteien auf der Rechten.

Es war ein „normaler“ Aufbau wie in vielen anderen demokratischen Ländern.

Nun nicht mehr.

.AUF DEM Zentrum-Linke hat sich eine Stimmung der Resignation gebildet und ein Defätismus herrscht vor. Die alte Partei ist in die Hände einer Anzahl politischer Zwerge gefallen, deren Streit untereinander alle ihre andern Funktionen verdeckt.

Der gegenwärtige Führer YItzhak Herzog, der Nachkomme einer guten Familie trägt nach dem Gesetz den glorreichen Titel „Führer der Opposition“, aber weiß nicht einmal, was eine Opposition ist. Einige nennen seine Partei “Likud2“ Bei all den vitalen Themen wie Frieden mit dem palästinensischen Volk und der arabischen Welt, soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Demokratie, Trennung von Staat und Religion, Korruption – ist die Partei stumm. Für alle praktischen Zwecke ist sie am Sterben oder schon tot.

„Dem Besten fehlt es an Überzeugungen“ wie Yeats beklagte. Die besten Elemente der israelischen Gesellschaft sind entmutigt, geschlagen und stumm.

Auf dem Zentrum -Rechts sieht es noch schlimmer aus und noch gefährlicher. Der Likud, einmal eine liberale, demokratische Partei des rechten Flügels ist das gefallene Opfer einer feindseligen Übernahme. Sein extremistischer Flügel hat jeden Andersdenkenden herausgeschmissen und nun beherrscht er die Partei vollkommen. In dem Sinne derselben Metapher hat die rechte Flanke, das Zentrum übernommen.

Die Schlimmsten sind voller Intensität. Diese Rechts-Radikalen sind jetzt voller Schwung. Sie erlassen die grauenhaftesten Gesetze in der Knesset. Sie unterstützen und ermutigen die Polizisten und Soldaten zu abscheulichen Handlungen. Sie versuchen das Oberste Gericht und das Armee-Kommando zu unterminieren. Sie sind fest entschlossen noch mehr und größere Siedlungen zu bauen. Diese gefährlichen Rowdies sind tatsächlich „ voller Intensität“.

Der Neuzugang von Avigdor Lieberman zur Regierung vervollständigt dieses Angst einjagende Bild. Sogar der frühere Ministerpräsident Ehud Barak, ein gemäßigter Politiker, verkündigte öffentlich, dass diese Regierung faschistische Elemente einschließt

WARUM IST dies geschehen? Was ist der Grund?

Die gewöhnliche Antwort ist „ das Volk hat sich nach rechts bewegt“. Doch dies erklärt nichts. Warum haben sie sich nach rechts bewegt? Warum?

Einige suchen die Erklärung im demographischen Schisma in der israelisch-jüdischen Gemeinschaft. Juden, deren Familien aus islamischen Ländern kommen (Misrahim genannt) tendieren dahin, dass sie Likud wählen; Juden deren Familien aus Europa kommen (Askenazim) tendieren zur Linken .

Das erklärt nicht Lieberman, dessen Partei aus Immigranten aus der früheren Sowjetunion besteht, anderthalb Millionen, die „Russen“ genannt werden Warum sind die meisten von ihnen extreme Rechte, Rassisten, Araberhasser?

Eine Klasse für sich sind junge Linke, die sich weigern, eine Partei zu unterstützen. Stattdessen, wenden sie sich zu einem Nicht-Parteien–Aktivismus, gründen regelmäßig neue Gruppen für zivile Rechte und Frieden. Sie unterstützen die Palästinenser in den besetzten Gebieten, kämpfen für die „Reinheit unserer Waffen“ in der Armee und tun wunderbare Arbeit aus ähnlichen Gründen.

Es gibt Dutzende, ja vielleicht Hunderte solcher Vereinigungen, viele von ihnen vom Ausland unterstützt, die wunderbare Arbeit leisten. Aber sie hassen die politische Arena und schließen sich keiner Partei an, viel weniger vereinigen sich.

Ich glaube, dass dieses Phänomen den Trand erklärt. Immer mehr Leute, besonders junge Leute wenden sich von der „Politik“ ab, wobei sie Partei-Politik meinen. Es fehlt ihnen nicht an Überzeugungen, sie glauben aber, dass den politischen Parteien alle ehrlichen Überzeugungen fehlen und sie wollen nichs mit ihnen zu tun haben.

Sie sehen nicht, dass politische Parteien ein notwendiges Instrument sind, um in einer Demokratie eine Veränderung zu erreichen. Sie sehen sie als Gruppen von korrupten Heuchlern, denen reale Überzeugungen fehlen und wollen nicht in solcher Gesellschaft gesehen werden.

DEMNACH KOMMEN wir zu einer erstaunlichen Tatsache: dass sich die Entwicklungen in Israel den Prozessen in vielen anderen Ländern ähneln, die nichts mit unseren speziellen Problemen zu tun haben.

Vor ein paar Tagen waren die Wahlen für die Präsidentschaft in Österreich

Bis jetzt war die österreichische Präsidentschaft ein zeremonielles Amt wie in Israel, das zwischen den zwei Hauptparteien pendelte. Dieses Mal geschah etwas noch nie Dagewesenes: die zwei endgültigen Kandidaten kamen von den Extremen Rechten und den Grünen. Die Wähler beseitigten alle Kandidaten aus dem zentralen Establishment. Es ist noch schlimmer: der fast faschistische Kandidat verlor nur durch eine winzige Anzahl von Stimmen.

Österreich? Ein Land, das begeistert den (österreichischen) Adolf Hitler vor nur 80 Jahren willkommen hieß, und unter den vollen Konsequenzen litt?

Die einzige Erklärung ist, dass die Österreicher, wie die Israelis die Nase voll hatten von etablierten Parteien. Es handelt sich um zwei Nationen von gleicher Größe, die aber sonst nichts gemeinsam haben.

In Frankreich feiert Marine Le Pen, die extrem rechte anti-Establishment Führerin. In Deutschland, Holland und Skandinavien spielt sich etwas Ähnliches ab.

In den UK, die Mutter der Demokratie, ist die Öffentlichkeit dabei, für oder gegen den Austritt aus der EU zu stimmen. DIE EU ist mit dem Establishment identifiziert. Die EU zu verlassen, sieht (wenigstens für mich) total irrational aus. Doch die Chancen für dieses Geschehen sehen real aus.

ABER WARUM nur über die kleinen Länder reden? Was ist mit der einzigen Supermacht, die Vereinigten Staaten von Amerika?

Seit Monaten hat die Weltöffentlichkeit mit wachsendem Erstaunen den unglaublichen Aufstieg des Donald Trump beobachtet – das Drama, das mit einer Komödie begann und immer erschreckender wird.

Was, um Gottes Willen, hat sich in dieser großen Nation ereignet? Wie können Millionen und aber Millionen sich um das Banner eines Großmauls, eines vulgären, ignoranten Kandidaten scharen, dessen Hauptvorteil – und vielleicht das einzige – seine Entfernung von seiner politischen Partei ist? Wie konnte er sie überwältigen, ja tatsächlich die Große Alte Partei zerstören, ein Teil der Geschichte Amerikas?

Auf der andern Seite steht Bernie Sanders, ein viel attraktiverer Charakter, aber auch ein von seiner eigenen Partei verachteter. Mit einer Agenda, die von der der Mehrheit der Amerikanerweit entfernt ist.

Es gibt nur eine Ähnlichkeit zwischen den beiden, dass sie ihre Parteien nicht mögen und ihre Parteien sie nicht mögen.

DIES SCHEIN, nun ein weltweites Muster geworden zu sein.

Wenn man betrachtet, dass dies zur selben Zeit in Dutzenden Ländern, großen und kleinen geschieht, die sonst absolut nichts gemein haben – verschiedene Probleme, verschiedene Themen, verschiedene Situationen – ist das nicht erstaunlich?

Für mich ist das ein Rätsel. Alle paar Jahrzehnte kommen neue Ideen und infizieren einen großen Teil der Menschheit. Demokratie, Liberalismus, Anarchismus, Sozialdemokratie, Kommunismus, Faschismus, Demokratie noch einmal und jetzt diese Art von Chaos, meistens radikal Rechts-Flügelig sind weltweite Trends. Der letzte hat noch keinen Namen.

Ich bin sicher, dass viel Leute, Marxisten und andere eine vorgefertigte Erklärung. haben. Ich bin von keiner überzeugt. Ich bin nur perplex.

KOMMEN WIR zurück zu uns armen Israelis: Ich veröffentlichte gerade in Haaretz einen praktischen Plan, um die Sintflut bei uns aufzuhalten.

Ich bin noch immer ein Optimist.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Was ist mit Netanjahu los?

Erstellt von DL-Redaktion am 29. Januar 2017

Was ist Netanjahu zugestoßen?

von Uri Avnery:

Ist es auch ihm zugestoßen? Hat auch er die Verbindung zur Realität verloren? Dasselbe geschah mit David Ben Gurion, nachdem er 15 Jahre an der Macht war. Sein Benehmen in der Lavon-Affäre war verrückt. Er wurde abgesetzt. Dasselbe geschah mit Menachem Begin nach 6 Jahren an der Macht. Mit großer Ehrlichkeit gab Begin zu: „Ich kann nicht mehr“. sagte er und zog sich in sein Haus zurück. Ist es das, was nun dem Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach 12 Jahren im Amt zugestoßen ist?

Seine letzten Aktionen waren nicht vernünftig. Sie waren verrückt soweit es sein eigenes Interesse betraf. Netanjahu hätte Isaak Herzog in die Regierung bringen können. Der gute Buji – ehrlich, unterwürfig und diszipliniert. Herzog würde seine Partei mitgebracht haben, alle oder eine große Mehrheit und hätte der Regierung ein langes Leben garantiert.

Herzog würde die Nationen der Welt beruhigt haben, die angefangen haben, sich vor Netanjahu zu fürchten. Und was wollte er eigentlich? Netanjahu sollte einige Versprechen schriftlich machen. Ja, was denn? Seit wann hat Netanjahu gezögert, seine schriftlichen Versprechen zu brechen und zwar genau auf dieselbe Weise, wie er seine mündlichen Versprechen gebrochen hat ?

Anstelle des angenehmen und des umgänglichen Partner wählte er einen verschlagenen Rowdy, der nicht einmal seine tiefe Verachtung für ihn verbirgt. Avigdor Lieberman verbirgt auch seine Hoffnungen nicht, Netanjahu bei der nächsten Gelegenheit abzulösen. Ein Partner, den die ganze Welt als gefährlichen Mann ansieht.

Warum? Dafür gibt es keine Erklärung. Keinen logischen Grund. Lieberman in die Regierung zu nehmen, ist ein selbstmörderischer Akt. Das Verteidigungs-Ministerium ihm zu geben, ist völlig bekloppt.

Was ist mit Netanjahu los? Bis jetzt hat er vernünftig und pragmatisch gehandelt. Es stimmt, er hat den Weg gewählt, wo am Ende Verwüstung, unsere Verwüstung auf uns wartet. Fast jeder Schritt, den er nahm, verletzte die israelische Demokratie, das Oberste Gericht und nun auch die IDF. Aber es war möglich, all diese Schritte als Mittel zu erklären , an der Macht zu bleiben. Aber nun nicht mehr.

Eine Person kann nicht weiter das Land regieren, wenn eine zunehmende Anzahl von angesehenen Leuten mit Einfluss und Macht, die solch großen Instituten – wie die Militärführung, die Gerichte, die Medien, Künste und Akademien – alle zu der Schlussfolgerung gekommen sind, dass er gefährlich wird. Wenn die Führungs-schicht wie der frühere Mossad Chef Meir Dagan, der Vertreter des IDF-Chefs Generalmajor Yair Golan und der frühere Verteidigungsminister Moshe Ya’alon die Notwenigkeit empfinden, nach ihrem Gewissen aufzustehen und ihre Stimme zu erheben. Das ist es, was Ben Gurion passierte. Und wer ist Netanjahu im Vergleich zu Ben Gurion?

Es ist ein langsamer Prozess. Wenn er nur nicht zu spät kommt. Was kann getan werden, ihn zu beschleunigen?

Wir haben viele Vorschläge gehört. Auch ich machte einen. Aber den praktischsten Vorschlag fand ich Freitag in einer Kolumne von Yair Assulin in Haaretz (auf Hebräisch). Ein einfacher und praktischer Vorschlag, der sofort erfüllt werden kann, wenn nur all diese Leute, die involviert sind, verstehen können , dass sie enorme Verantwortung für das Schicksal des Landes haben.

Der Vorschlag, wie ich ihn verstanden habe, ist: die jungen Knesset-Mitglieder der Zionistischen Union werden sich erheben – Merav Michaeli, Stav Shaffir, Omer Bar-Lev, Itzik Shmuli, Miki Rosenthal und die anderen – und ihre Partei verlassen , die nichts ist als ein lebender Leichnam, und eine neue, junge und energische Partei errichten. Ihnen werden sich andere MKs. anschließen, die den Eisberg sich nähern sehen , so wie Orli Levi-Abekasis. Sie werden auch die Unterstützung von Ya’alon , Gabi Ashkenazi und MK Benny Begin haben. Sie werden sofort eine neue Fraktion in der Knesset bilden, die Flagge hochheben, ein Programm verfassen, das das Gemeinsame hervorhebt und nicht das Trennende: ein Banner des Friedens, der Demokratie, der Gerechtigkeit, soziale Partnerschaft und Reinheit der Waffen.

Um dies zu tun, ist es nicht nötig, auf den Messias zu warten. Es ist möglich und notwendig, aufzustehen und morgen früh zu handeln. Die Alternative wäre zu schrecklich.

( dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | 1 Kommentar »

Ich war dort

Erstellt von DL-Redaktion am 22. Januar 2017

Autor:  Uri Avnery

„BITTE, SCHREIBE nicht über Yair Golan:“ bat mich ein-Freund, „irgend ein Linker wie  du wird ihn nur verletzten.

Also verzichtete ich einige Wochen.  Aber nun konnte ich nicht mehr still bleiben.

General Yair Golan, der Vertreter des Generalstabschef der israelischen Armee hielt am Holocaust/Gedenktag eine Rede. Er trug seine Armee-Uniform. Er las eine gut vorbereitete Rede, die einen Aufruhr verursachte, der noch nicht abgeklungen ist.

Dutzende von Artikeln sind veröffentlicht worden, einige verurteilen ihn, einige lobten ihn. Es scheint, dass keiner gleichgültig sein konnte.Der Hauptsatz war „Falls es etwas gibt, das mich über die Erinnerungen an den Holocaust erschreckt, ist es das Wissen über einen entsetzlichen Prozess, der sich in Europa abspielte und ganz besonders in Deutschland, vor 70,80, 90 Jahren und  Spuren davon hier in unserer Mitte, heute im Jahr 2016.

Die Hölle brach los. Was!!! Spuren von Nazismus in Israel. Etwas Ähnliches zwischen dem, was die Nazis uns antaten, was wir mit den Palästinensern tun?

Vor 90 Jahren war 1926 eine der letzten Jahre der Deutschen Republik. vor 80 Jahren, das war 1936, drei Jahre nachdem die Nazis an die Macht kamen. Vor 70 Jahren  – das war 1946 – am Morgen als Hitler Selbstmord beging und das Ende des Nazireichs.

ICH FÜHLTE mich verpflichtet, über die Rede des Generals zu schreiben, schließlich war ich ja dort.

Als Kind war ich ein Augenzeuge der letzten Jahre der Weimarer Republik (sie wurde so genannt, weil seine Verfassung, in Weimar Gestalt annahm, der Stadt von Goethe und Schiller. Als ein politisch wacher Junge, war ich Zeuge der Nazi-Machtergreifung und des ersten Halbjahres der Naziherrschaft.

Ich weiß, was Golan aussprach. Auch wenn wir zu  zwei verschiedenen Generationen gehörten, so teilten wir denselben Hintergrund. Unsre beiden Familien kamen aus kleinen Städten in Westdeutschland. Sein Vater und ich  müssen eine Menge gemeinsam haben.

Es gibt strenge moralische Vorschriften in Israel: nichts kann mit dem Holocaust verglichen werden. Der Holocaust ist einmalig. Es geschah mit uns, den Juden, weil wir einzigartig sind (Die religiösen Juden würden hinzufügen: „Weil Gott uns auserwählt hat.“)

Ich  habe diese Gebote überschritten just bevor Golan geboren wurde, veröffentlichte ich (auf Hebräisch) ein Buch das „Swastika“ hieß (Hakenkreuz), in dem ich meine Kindheitserinnerungen erzählte. Ich versuchte, die Schlussfolgerungen daraus zu erzählen. Es war an einem Vorabend des Eichmann-Prozesses, als ich über den Mangel an Wissen über die Nazi-Ära unter jungen Israelis   schockiert war.

Mein Buch befasste sich nicht mit dem Holocaust, der sich ereignete, als ich schon in Palästina lebte, aber eine Frage, die mich während all der Jahre und sogar heute noch beunruhigt: Wie konnte so etwas in diesem Deutschland geschehen, das vielleicht die kulturellste Nation  n der damaligen Zeit und Welt war, die Heimat von Goethe, Beethoven und Kant, konnte demokratisch einen völlig irren Psychopathen wie Adolf Hitler gewählt werden?

Das letzte Kapitel des Buches hatte den Titel „Es kann auch hier geschehen!“  Der Titel wurde von einem Buch des amerikanischen  Romanautor Sinclair Lewis, ironischer Weise auch  „Es kann hier nicht geschehen“  , in dem er eine Nazi-Übernahme schildert.

In diesem Kapitel diskutierte ich die Möglichkeit einer jüdischen Nazi-ähnlichen Partei, die in Israel an die Macht kommt. Meine Schlussfolgerung war, dass eine Nazi-Partei in jedem Land der Erde zur Macht kommen wird, wenn die Bedingungen richtig sind, auch in Israel.

Das Buch wurde weithin in der israelischen Öffentlichkeit ignoriert, das damals  von einem Sturm von Emotionen von den schrecklichen Enthüllungen des Eichmann- Prozesses  hervor gerufen war.

Jetzt kommt General Golan, ein angesehener Berufssoldat und sagt dasselbe.

Und nicht als eine improvisierte Bemerkung, sondern, bei einer offiziellen Gelegenheit, bei der er die Uniform eines Generals trägt, bei der er von einem vorbereiteten Text liest, ein gut durchdachter Text.

Der Sturm brach los, und ist noch nicht vorbei.

DIE ISRAELIS  haben eine selbst-schützende Gewohnheit: wenn sie mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert werden, dann weichen sie seinem Wesen aus und beschäftigen sich mit einer zweitranigen, unbedeutenden Ansicht. Von all den Dutzenden und aber-dutzenden von Reaktionen in der Presse, den TV-Medien und politischen Plattformen, befasst sich fast keiner mit der schmerzlichen  Behauptung.

Nein, die wilde Debatte, die ausbrach, betrifft die Fragen: ist es einem hochrangigen Armee –Offizier erlaubt, eine Meinung über Sachen zu äußern, die das zivile Establishment betreffen?  Und das in Armeeuniform? Bei einer offiziellen Angelegenheit?

Sollte ein Armee-Offizier über seine politische Einstellung schweigen? Oder nur bei geschlossenen Sitzungen – „bei relevanten  Sitzungen“ wie ein wütender Binjamin Netanjahu es formuliert?

General Golan erfreut sich in der Armee eines hohen Grades von Achtung. Als Vertreter des Staatschefe war er bis jetzt fast sicher ein Kandidat für den Stabschef, wenn der Amtsinhaber nach den üblichen vier Jahren das Büro verlässt.

Die Erfüllung dieses Traumes, die er mit jedem Generalstabschef teilt, ist jetzt sehr gering. Praktisch hat Golan jetzt seine weitere Beförderung geopfert, um seine Warnung zu äußern und gab seine weitest mögliche Resonanz auf.

Man kann solchen Mut nur bewundern. Ich bin niemals General Golan begegnet.  Ich glaube und kenne seine politischen Ansichten nicht. Aber ich bewundere sein Handeln sehr.

(Irgendwie erinnere ich mich an einen Artikel, der im britischen Magazin Punch vor dem 1.Weltkrieg kam, als eine Gruppe jüngerer Offiziere ein Statement veröffentlichten, in dem sie gegen die Regierungspolitik in Irland waren. Das Magazin sagte, dass während die rebellischen Offiziere ihre Meinung sagten, war es über die Tatsache stolz, dass so junge Offiziere bereit waren, ihre Karriere für ihre Überzeugung zu opfern.)

DER NAZI –Marsch an die Macht begann 1929, als es eine schreckliche weltweite wirtschaftlich Krisis in Deutschland gab. Eine winzige sehr rechte Partei wurde plötzlich eine politische Macht, mit der gerechnet werden musste. Von da an brauchte es noch vier Jahre, um die größte Partei im Land zu werden und die Macht zu übernehmen. (auch wenn es noch eine Koalition bräuchte).

Ich war dort, als es geschah, ein politisch wacher Junge in einer Familie, in der die Politik das Hauptthema bei Tisch war. Ich sah wie die Republik zusammenbrach, allmählich, langsam, Schritt um Schritt. Ich sah wie Freunde meiner Familie eine Hakenkreuzfahne  hissten. Ich sah wie Lehrer des Gymnasiums zum ersten Mal ihren Arm hoben, wenn sie in die Klasse kamen und mit „Heil Hitler“ grüßten. (und dann insgeheim mich beruhigend, dass sich nichts verändert hat).

Ich war der einzige Jude im ganzen Gymnasium. Als die hundert Jungen – alle größer als ich – ihre Arme hochhoben und die Nazi-Nationalhymne sangen – und ich es nicht tat, bedrohten sie mich, mir die Knochen zu brechen, wenn dies noch einmal geschah. Ein paar Tage später verließen wir Deutschland für immer.

General Golan wurde angeklagt, er würde Israel mit Nazi-Deutschland vergleichen. Nichts davon. Ein sorgfältiges Lesen seines Textes zeigte, dass er Entwicklungen in Israel verglich, die zur Zersetzung der Weimarer Republik führte. Und dass dies ein zulässiger Vergleich ist.

Es geschehen Dinge in Israel, besonders seit der letzten Wahl, die eine erschreckende Ähnlichkeit mit jenen Ereignissen haben. Der Prozess ist ganz anders. Der deutsche Faschismus kam als Demütigung der Kapitulation im ersten Weltkrieg, und der Besatzung des Ruhrgebietes durch Frankreich und Belgien (1923-25), der schrecklichen wirtschaftlichen Krise von 1929, dem Elend der Millionen Arbeitsloser. Israel ist in seinen häufigen militärischen Aktionen siegreich, Wir lebten ein angenehmes Leben. Die Gefahren, die uns bedrohten, sind von völlig anderer  Art gewesen. Sie stammten von unsern  Siegen, nicht von unsern Niederlagen.

Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen Israel von heute  und  dem Deutschlandvon damals weit größer als die Ähnlichkeiten. Doch jene Ähnlichkeiten  existieren  – und der General hatte recht, darauf hinzuweisen.

Die Diskriminierung der Palästinenser in praktisch allen Lebensgebieten können mit der Behandlung der Juden in der ersten Phase im Nazideutschland verglichen werden. Die Unterdrückung der Palästinenser in den besetzten Gebieten ähnelt mehr der Behandlung der Tschechen im Protektorat nach dem Münchner Vertrag.

Der Regen des rassistischen Entwurfes in der Knesset, jene die schon adoptiert und jene , die stark an die Gesetze vom Reichstag in den frühen Tagen des Nazi-Regime erinnert. Einige Rabbiner rufen zu einem Boykott der arabischen Läden auf wie damals. Der Ruf „Tod den Arabern“ („Juda verrecke?“) wird regelmäßig bei Fußball –Spielen gehört. Ein Mitglied des Parlaments hat für die Trennung von jüdischen und arabischen Neugeborenen im Krankenhaus gerufen. Ein Oberrabbiner hat erklärt, dass Goyim (Nicht–Juden) von Gott geschaffen wurden, damit sie den Juden dienen. Unsere Minister für Bildung und Kultur sind eifrig dabei, die Schulen, Theater und Künste der extremen Rechte, etwas was in Deutschland als Gleichschaltung bekannt war. Der Oberste Gerichtshof – der Stolz Israels – wird schonungslos vom Justiz-Minister angegriffen.  Der Gazastreifen ist ein riesiges Ghetto.

Natürlich  wird keiner der Rechten im Entferntesten Netanjahu mit dem Führer vergleichen, aber es gibt politische Parteien hier, die einen starken faschistischen Geruch abgeben. Das  politische Gesindel besiedelt die gegenwärtige Netanjahu-Regierung könnte leicht seinen Platz in der ersten Nazi-Regierung finden.

Einer der Hauptslogans unserer gegenwärtigen Regierung ist, die „alte Elite“ zu ersetzen, da sie zu liberal sei mit einer neuen. Eines der Haupt Nazi-Slogans  war, „das System“  zu ersetzen.

ALS DIE Nazis übrigens an die Macht kamen,  wurden fast alle hochrangigen Offiziere der deutschen Armee stille Anti-Nazis. Sie dachten sogar an einen Putsch gegen Hitler. Ihr politischer Führer wurde – kurz gefasst – ein Jahr später exekutiert, als Hitler seine Gegner in seiner eigenen Partei liquidierte. Uns  wurde gesagt, dass General Golan von einem  persönlichen Bodygard geschützt wird —  etwas das vorher nie  in den Annalen Israels einem General geschah.

Der General  erwähnte die Besatzung und die Siedlungen nicht, die unter der Herrschaft der Armee waren. Aber er erwähnte die Episode, die vor kurzem vor seiner Rede geschah und die noch immer Israel erschütterte: im besetzten Hebron unter der Herrschaft der Armee sah ein Soldat einen schwer verletzten Palästinenser hilflos auf dem Boden liegen, er näherte sich ihm und tötete ihn mit einem Schuss in den Kopf. Das Opfer hatte versucht, einige Soldaten mit dem Messer anzugreifen, stellte aber  jetzt keine Bedrohung mehr für irgendjemand dar. Dies war ein klarer Verstoß  gegen die Armeebefehle. Der Soldat ist vor ein Kriegsgericht geschleppt worden.

Ein Schrei ging durch das Land: Der Soldat ist ein Held. Er sollte ausgezeichnet werden! Netanyahu rief seinen Vater an, um ihm zu versichern, dass er seine Unterstützung habe.

Avigdor Lieberman betrat den vollen Gerichtsraum, um seine  Solidarität mit dem Soldaten auszudrücken. Ein paar Tage später ernannte Netanjahu Lieberman zum Verteidigungsminister, der zweit wichtigste Office ??? in Israel. Vor dem erhielt General Golan starke Unterstützung vom  Verteidigungsminister Moshe Ya’alon und dem  Stabschef  Gabi Eisenkot. Wahrscheinlich war dies der unmittelbare Grund für den Rauswurf von Yaalon und der Ernennung von Lieberman an seiner Stelle. Es erinnert an einen Putsch.

Es scheint, dass Golan nicht nur ein mutiger Offizier ist sondern  auch ein Prophet. Die Einbeziehung von Liebermans Partei in der Regierungskoalition bestätigt Golans schwärzeste Befürchtungen. Dies ist noch ein Schlag gegen Israels Demokratie.

Bin ich  als Zeuge verdammt, denselben Prozess  zum 2. Mal in meinem Leben zu erfahren?

Es ist dieser Vorfall, der den General erregte, auszusprechen und das Land warnte. Ich kann ihn nur grüßen.   ( dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser authorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Ein Dokument mit einer Mission

Erstellt von DL-Redaktion am 15. Januar 2017

Autor : Uri Avnery

ALS DAVID BEN -GURION Israels Unabhänigkeits-Erklärung (offiziell: Erklärung der Gründung  des Staates Israel) am 14. Mai 1948 vorlas, war ich im Kibbuz Hulda.

Meine Kompanie der (noch unbenannten) Armee Israels hatte den Befehl, nachts  das arabische Dorf al-Kubab , nahe der Stadt Ramleh anzugreifen. Man vermutete, dass es ein harter Kampf werden würde und ich war eifrig dabei, meine Ausrüstung zu überprüfen und meine (tschechische) Waffe zu reinigen, als jemand sagte, dass eine Rede von Ben-Gurion im Speisesaal-Radio des Kibbuz übertragen wird.

Ich war wirklich nicht daran interessiert. Wir waren alle davon überzeugt, dass was einige Politiker plapperten ziemlich unwesentlich für unsre Zukunft war. Ob unser Staat überleben würde oder nicht, würde auf dem Schlachtfeld entschieden. Die regulären Armeen der benachbarten arabischen Staaten waren dabei, im Krieg einzugreifen, es würde zu blutigen Schlachten führen und das Ergebnis würde über unser Leben entscheiden. Buchstäblich.

Doch gab es ein Detail, das unsere Neugierde weckte. Wie würde unser neuer Staat genannt werden? Einige Gerüchte lagen in der Luft. Das wollten wir wissen.

Also begab ich mich in den Speisesaal des Kibbuz – den wir Soldaten an gewöhnlichen Tagen nicht betreten durften – und tatsächlich, war da die hohe Stimme von Ben-Gurion, der das Dokument vorlas. Als er zu dem Abschnitt kam: „(wir) erklären hiermit die Gründung eines Jüdischen Staates in Erez Israel, der als der Staat Israel bekannt wird“ verließ ich den Saal.

Ich erinnere mich, dass ich draußen den Bruder einer Freundin traf, der in dieser Nacht ein anderes Dorf angreifen sollte. Wir wechselten ein paar Worte. Ich sah ihn nie wieder. Er wurde getötet.

ALL DIES ging mir durch den Kopf, als ich vor drei Tagen, am Vorabend  des Unabhängkeitstages eingeladen wurde, um an einer Feier in genau dieser Halle,   in der der Original-Text von Ben Gurion vorgelesen werden sollte, teilzunehmen. Ich war eine der Personen, die zum 68. Jahrestag dies nochmal vorlesen sollten.

Bei dieser Gelegenheit las ich zum ersten Mal den ganzen Text der Erklärung. Ich war nicht beeindruckt.

Der Original-Text wurde zuerst, von einigen Beamten entworfen, dann von Moshe Sharett (der an diesem Tag Außenminister wurde) noch einmal geschrieben. Er war ein Verfechter der hebräischen Sprache, so wurde der Text sprachlich ausgezeichnet. Ben Gurion war mit dem Text nicht zufrieden, also nahm er ihn und schrieb ihn noch einmal vollständig. Er trägt seinen persönlichen Stil. Er hatte auch die Chutzpeh, seine Unterschrift über die aller Anderen zu setzen, die in alphabetischer Reihenfolge folgten.

Die Autoren der Erklärung hatten offensichtlich die amerikanische Unabhängigkeitserklärung gelesen, bevor sie ihre eigene formulierten. Sie kopierten den allgemeinen Entwurf. Er ist nicht im erbaulichen Stil eines historischen Dokumentes geschrieben, sondern als Dokument mit einer Mission: die Nationen der Welt zu überzeugen, den Staat anzuerkennen.

DIE EINFÜHRUNG ist eine Wiederholung von zionistischen Slogans. Sie gibt vor, die historischen Fakten darzulegen.  Es sind sehr dubiose Fakten.

Zum Beispiel, beginnt es mit den Worten „Erez Israel war der Geburtsort des jüdischen Volkes. Hier wurde seine geistige, religiöse und politische Identität gestaltet.“

Nun , nicht ganz. Mir wurde in der Schule beigebracht, dass Gott Abraham das Land versprach, als er noch in Mesopotamien lebte. Die Zehn Gebote wurden uns von Gott persönlich auf dem Berg Sinai gegeben, der im Ausland liegt. der bedeutendere der beiden Talmuds wurde in Babylon geschrieben. Es stimmt, dass die hebräische Bibel im Land verfasst wurde, aber die meisten religiösen Texte des Judentums wurden im „Exil“ geschrieben.

„Die Juden trachteten in jeder sukzessiven Generation, sich in ihrer alten Heimat  neu zu etablieren..“ Unsinn. Die meisten taten es nicht. Zum Beispiel, als die Juden aus dem christlichen Spanien 1492 vertrieben wurden, gingen die meisten von ihnen in die Länder der muslimischen Welt, nur ein paar siedelten in Palästina.

Der Zionismus, die Bewegung, die eine jüdische Nation in Palästina errichtete, wurde erst am Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, als der Antisemitismus eine mächtige politische Kraft in ganz Europa wurde, und die Gründer das zukünftige Unheil voraussahen.

DIE ERKLÄRUNG betonte natürlich die Geschichte aus letzter Zeit: „Am 29.November 1947 verabschiedete die UN-Vollversammlung eine Resolution, die die Errichtung eines jüdischen Staates in Erez-Israel ausrief…“

Das ist eine  Verfälschung. Die UN-Resolution rief die Errichtung  von ZWEI Staaten aus: einen arabischen und einen jüdischen Staat (und eine separate Zone von Jerusalem.) Die Errichtung des arabischen Staates wurde vergessen und das verändert den ganzen Charakter der Resolution.

Das war natürlich beabsichtigt. Ben Gurion war schon im geheimen Kontakt mit König Abdullah von Jordanien, der die Westbank an sein transjordanisches Königreich annektieren wollte. Ben Gurion erkannte dies an.

Ben Gurion sah es als ein großes Ziel an, jede Spur eines separaten arabisch palästinensischen Staates zu eliminieren. Deshalb wird diese Nation in der Erkärung nicht erwähnt. Die Annektierung der Westbank durch  König Abdullah wurde stillschweigend anerkannt – sogar bevor der erste jordanische Soldat das Land betrat, angeblich um die Araber vor dem jüdischen Staat zu  bewahren.

HIER IST der Ort, um die zwei schicksalhaften  Wörter „Jüdischer Staat“ in Angriff zu nehmen.

Wenn wir  über unsern zukünftigen Staat vor der Gründung Israels sprachen, haben fast alle von uns die Worte „Hebräischer Staat“ benützt. Das war es, was  wir bei unzähligen Demonstrationen riefen, das war es, was in den Zeitungen geschrieben wurde und bei politischen Reden verlangt wurde.

Dies war keine ideologische Entscheidung. Stimmt, da gab es eine winzige Gruppe von jungen Autoren und Künstlern mit dem Spitznamen „Canaaniter“, die die Geburt einer neuen „Hebräischen Nation“ verkündeten und nichts mit den Juden in der Diaspora zu tun haben wollten. Einige andere Gruppen, einschließlich einer, die von mir gegründet war, drückten ähnliche Ideen aus , aber ohne solch absurde Schlussfolgerungen.

Bei umgangssprachlichen Reden machten die Leute eine klare Unterscheidung zwischen „hebräisch“ (Dinge im Land wie hebräische Landwirtschaft, hebräische Verteidigungskräfte etc.) und „jüdisch “ (wie die jüdische Religion, jüdische Tradition und Ähnliches).

Also warum dann „Jüdischer Staat“? Ganz einfach: die britische Verwaltung definierte die Bevölkerung von Palästina als Juden und Araber. Der UN-Teilungsplan sprach von einem jüdischen und einem arabischen Staat. Die Unabhängigkeitserklärung gab sich große Mühe, um das zu betonen, dass wir nur die UN-Entscheidung erfüllten. „Deshalb erklärten wir die Gründung eines jüdischen Staates, der als Staat Israel bekannt wird.“

(Hinweis: „ein“ jüdischer Staat, nicht „der“ jüdische Staat)

Diese harmlosen Wörter sind millionenfach zitiert worden, um die Behauptung, dass Israel ein „jüdischer“ Staat sei, in dem Juden Sonderrechte und Privilegien haben zu rechtfertigen. Dies wird heute fraglos akzeptiert.

Doch wird gewöhnlich übersehen, dass in einem der Paragraphen, in dem „wir die Hände zu allen benachbarten Staaten ausstrecken“, wir sie bitten – im hebräischen Original – um Zusammenarbeit mit „dem souveränen hebräischen Volk!“. Dies ist flagrant in der offiziellen Übersetzung im „souveränen jüdischen Volk“ verfälscht worden.

Man sollte Ben Gurion dankbar für die Tatsache sein, dass Gott  überhaupt nicht in dem Dokument vorkommt. Nach einem mühsamen Kampf mit der damals kleinen religiösen zionistischen Fraktion, wurde die einzige religiöse Anspielung hinzugefügt. Sie erwähnt den „Fels von Israel“, eine Bezeichnung für Gott, die aber auch anders verstanden werden kann.

EINE EKLATANTE Weglassung ist die nackte Unterlassung, dass die Erklärung die Grenzen des neuen Staates überhaupt nicht erwähnt.

Der UN-Erklärungsplan zog sehr klare Grenzen. Im Lauf des 1948er-Krieges eroberte unsere Seite beträchtlich mehr Land. Am Ende blieb die sog. grüne Linie.

Die Erklärung erwähnt keine Grenzen und bis jetzt ist Israel der einzige Staat in der Welt, der keine offiziellen Grenzen hat.

Hierbei, wie in allen anderen Angelegenheiten hat Ben-Gurion den Kurs festgelegt, auf dem sich Israel noch heute bewegt.

( dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost | Keine Kommentare »

„Wir“ und „sie“

Erstellt von DL-Redaktion am 8. Januar 2017

von Uri Avnery

NEIN, ES ist nicht  „wir“ und  „sie“.
Nicht  „wir“ –  die Guten, die Moralischen, die Richtigen. Oder, um es plump zu sagen:  die Großartigen. Die Juden.
Und nicht „sie“ – die Bösen, die Schlimmen. Um es  wieder plump zu sagen: die Verachtenswerten. Ja, die Araber.
Wir, die von Gott Auserwählten, weil wir so speziell sind.
Sie, die Heiden, die zu allen möglichen Idolen beten, wie Allah oder Jesus.
Wir, die heldenhaften Wenigen, die wir uns in jeder Generation gegenüber jenen sehen, die uns vernichten wollen, aber wir retten uns vor ihren Händen.
Sie, die vielen Feiglinge, die uns und unsern Staat vernichten wollen und unser Mut besiegt sie.
Sie – alle Goyim, aber besonders die Muslime, die Araber, die Palästinenser.
Nein, so ist es nicht. Überhaupt nicht. 

VOR EINIGEN Tagen sagte Jitzhak Herzog etwas besonders Widerliches.
Herzog, der Führer der Labor-Partei, der Vorsitzende des „Zionistischen Lager“-Union, der Chef der Opposition (ein Titel, der automatisch dem Führer der größten Oppositions-Partei verliehen wird), erklärte, dass seine Partei bei den Wahlen scheiterte, weil die Leute glauben, dass seine Mitglieder „Araberliebhaber“ seien
Wenn man dies ins Deutsche übersetzt, mag dies besser verstanden werden. Zum Beispiel, dass Angela Merkels Partei aus „Juden-Liebhabern“ besteht.
Keiner sagt so. Tatsächlich  darf das keiner sagen. Nicht im heutigen Deutschland.
Man mag vermuten, dass Herzog es nicht so meinte, wie es klingt. Sicher nicht in der Öffentlichkeit. Es entwich nur aus seinem Mund. Er meinte es nicht so.
Vielleicht. Aber ein Politiker, aus dessen Mund solche Wörter kommen, kann nicht  Führer eines großen politischen Lagers sein. Eine Partei mit solch einem Führer, die ihn nicht am selben Tag hinauswirft, ist nicht wert, das Land zu führen.
Nicht, weil er unrecht hat. Es gibt sicher viele Leute, die glauben, dass die Labor-Partei Mitglieder hat, die „Araberliebhaber“ sind. (auch wenn es keine Anzeichen dafür gibt, dass sie es sind. Es mag eine geheime Leidenschaft sein.) Und viele Leute glauben, dass die Labor-Partei  so tief gesunken sei, weil so viele dieses schreckliche Ding glauben. Das Problem ist, diese Art von Personen würden nie für Labor stimmen, noch weniger Herzog, sogar wenn sie auf und abspringen und schreien: „Tod den Arabern!“
Und dies ist noch nicht die wichtigste Sache. Die bedeutendste Tatsache ist, dass jenseits all der moralischen und politischen Ansichten, diese Wörter decken einen entsetzlichen Mangel an Verständnis der israelischen Realität auf.
DIE HEUTIGE israelische Realität bedeutet, dass es nicht die geringste Chance gibt, die Rechten von der Macht zu beseitigen, wenn sie nicht  einer vereinigten und resoluten Linken gegenüber steht, die sich auf eine jüdisch-arabische Partnerschaft gründet.
Es gibt eine demographische Realität. Die arabischen Bürger stellen etwa 20% der Israelis dar. Um eine Mehrheit ohne Araber zu erreichen, würde die jüdische Linke 60% der jüdischen Öffentlichkeit benötigen. Das ist ein Hirngespinst.
Einige träumen vom Zentrum, das die Arbeit der Linken tun könnte. Das ist auch ein Hirngespinst. Das Zentrum hat keine Kraft, und kein Rückgrat, keine ideologische Basis. Es zieht die Schwachen und die Sanftmütigen an, jene die sich  zu nichts verpflichten wollen. Die Yair Lapids und die Moshe Kachalons wie ihre Vorgänger und wahrscheinlich ihre Nachfolger sind wie Schwänze der Füchs, nicht wie Köpfe von Löwen. Seit den Tagen der Dash-Partei  1977 hängen sie immer die Rechten an. Von dort  kommen sie, dorthin werden sie zurückkehren.
Vorbei sind die Tage der alten Laborpartei, Mapai mit ihren Schwänzen – der früheren national-religiösen Partei und der jüdisch-orientalischen Shas-Partei.
Eine neue große und starke Linke müsste kommen.
Solch eine Linke, neu, groß und stark, kann nicht entstehen außer auf einer soliden Basis einer jüdisch-arabischen Einheit. Dies ist kein Traum oder eine aussichtslose Hoffnung. Es ist eine  einfache politische Tatsache. Nichts Gutes  wird ins Land kommen, es sei denn, auf der Basis der jüdisch-arabischen Partnerschaft. Diese Partnerschaft machte das Oslo-Abkommen möglich. Ohne die arabischen Stimmen in der Knesset wäre dieses nicht genehmigt worden.  Solch eine Partnerschaft ist für jeden Schritt in Richtung Frieden notwendig.
Das Argument, dass ein Führer „der Araber nicht liebt, ist an sich irrelevant. Es sagt nur, dass die Person nicht geeignet ist, Israel zu führen. Er wird in Nichts Erfolg haben, ganz sicher nicht beim Frieden machen.
Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Redewendung „die Araber lieben“ kindisch ist. Wie kann man ein ganzes Volk lieben- oder nicht lieben? In jedem Volk – einschließlich dem unsrigen – gibt es gute und schlimme Individuen, gutherzige  und üble, freundlich und feindlich gesinnte.  „Araber-Liebhaber“ sind wie „Juden-Liebhaber“ zwei Wörter, die einen starken antisemitischen Geruch haben, wie jeder Jude weiß.
Ich war ein Augenzeuge – und  Aktionszeuge – vieler Bemühungen, um eine jüdisch-arabische Partnerschaft in Israel zu gründen, buchstäblich von den ersten Tagen des Staates an.
Ich habe schon viele Male (vielleicht zu viele Male) erzählt: unmittelbar nach dem 1948erKrieg war ich Teil einer winzigen Gruppe, die den ersten Plan für eine „Zwei-Staaten-Lösung“ zusammenstellte. In den 50er-Jahren-nahm ich an  einer Aufstellung eines „Komites gegen die Militärregierung“ teil, eine jüdisch- arabische Gruppe, die für die Abschaffung des repressiven Regimes kämpfte, unter dem die arabischen Bürger litten. (Es wurde 1966 abgeschafft). 1948 nahm ich  am Aufbau der „Progressiven Liste für Frieden“ teil, einer arabisch-jüdischen Partei, die zwei Sitze in der Knesset gewann, einen für einen Araber, einen für einen Juden. Und es gab zwischendrin viele Bemühungen.
Ich erwähne sie, um eine erschreckende Tatsache zu illustrieren: während der letzten 30 Jahre ist die Zusammenarbeit zwischen den jüdischen und arabischen Friedenskräften nicht gewachsen, sondern im Gegenteil: geschrumpft. Es ist ein ständiger Prozess der Abnahme. Und so ist übrigens auch die Zusammenarbeit zwischen den israelischen und palästinensischen Friedenskräften.
Dies ist eine Tatsache. Eine traurige, deprimierende, sogar Verzweiflung-schaffende Tatsache. Aber eine Tatsache.
WER IST daran schuld?
Solche Fragen sind völlig sinnlos, wenn es sich um historische Prozesse geht. Jede historische Tragöde hat viele Väter. Trotzdem werde ich versuchen, sie zu beantworten.
Ich werde gegen mich selbst aussagen: vom Anfang der Besatzung an, seit 1967 reduzierte ich meine Aktivitäten für die jüdisch-arabische Zusammenarbeit innerhalb Israels, um alle meine Bemühungen dem Kampf für den israelisch-palästinischen Frieden, für das Ende der Besatzung, für die Zwei-Staaten-Lösung zu widmen. Auch für die Beziehungen mit Yasser Arafat und seinen Nachfolgern. All dies schien mir damals wichtiger, als der Streit innerhalb Israels. Vielleicht war dies ein Fehler.
Die israelische Linke behauptet jetzt, dass die arabischen Bürger „radikal“ geworden sind. Die arabischen Bürger argumentierten, dass die jüdische Linke sie betrogen und vernachlässigt habe. Vielleicht haben beide recht. Die Araber glaubten, dass die jüdische Linke sowohl im Kampf für den Frieden zwischen den beiden Völkern als auch in dem Kampf in der Sache der Gleichheit innerhalb des Staates. Die jüdische Linke glaubt, dass die Äußerungen von Leuten wie die des Scheich Raed Salah, Knesset- Mitglied Hanin Zuabi und andere, jede Chance der Linken an die Macht zurück zu- kommen, zerstört.
Beide haben recht. Vielleicht sollte die Schuld gleichartig verteilt werden, 50 zu 50. Aber die Schuld der dominanten Gruppe wiegt viel mehr als die Schuld der Unterdrückten.
Jeder Tag liefert neue Beweise über die Kluft zwischen den beiden Völkern innerhalb Israels. Es ist schwierig, das Schweigen der jüdischen Linken in der Angelegenheit des verletzten Palästinensers der in Hebron von einem jüdischen Soldaten ermordet wurde. Es ist auch schwierig, die Holocaust-Leugnung, die unter Arabern wuchert, zu verstehen.
ICH EMPFINDE, dass diese Kluft immer größer und tiefer wird. Seit Jahren habe ich keinen ernsthaften Versuch von beiden Seiten gehört, um eine gemeinsame politische Kraft, ein gemeinsames Narrativ, gemeinsame persönliche und allgemeine Beziehungen – beides auf einem hohen und niedrigen Niveau.
Hier und dort initiieren gute Leute kleine Bemühungen. Aber es gibt keine ernsthafte, nationale, politische Initiative.
Wenn ich einen Telefonanruf empfangen hätte: „Uri die Zeit ist  gekommen, eine ernst zu nehmende Initiative ist unterwegs. Komm und hilf uns!“, wäre ich in die Luft gesprungen und hätte gerufen: „ Hier bin ich!“. Aber es kam kein Telefonanruf.
Er muss von unten kommen. Keine Initiative von einem alten Mann, sondern eine Bemühung von jungen Leuten, frisch und entschlossen.
(Die  Alten, wie ich, können mit ihren Erfahrungen, teilnehmen. Aber es liegt nicht an ihnen, die Initiative zu übernehmen.

SOLCH EINE Bemühung muss bei null anfangen. Ganz von null an.
Als Erstes, muss es eine gemeinsame Bemühung sein, von Juden und Arabern, Muslimen und Christen und Drusen in enger Zusammenarbeit von Anfang an. Nicht dass Juden die Araber einladen. Nicht dass Araber die Juden einladen. Zusammen eine untrennbare Verbindung, vom Augenblick des Beginns.
Eine der ersten Aufgaben ist, im historischen Narrativ überein zustimmen. Nicht ein künstliches, keine Augenwischerei, sondern real und wahrhaftig, eines das die Motive der Zionisten berücksichtigt und die der arabischen Nationalisten, die Grenzen der Führer auf beiden Seiten, die Demütigung der Araber durch den westlichen Imperialismus, das jüdische Trauma nach dem Holocaust und ja, der palästinensischen Nakba.
Es ist sinnlos, hier Fragen zu stellen: „Wer hat recht?“ Solche Fragen sollten nicht  einmal geäußert werden. Beide Völker handelten entsprechend ihren Umständen, ihrer Not und ihrem Elend, entsprechend ihrem Glauben, ihren Fähigkeiten. Da gab es Sünden. Viele sogar. Da gab es Verbrechen. Auf beiden Seiten. Sie müssen erinnert werden. Gewiss. Aber sie dürfen kein Hindernis für eine bessere Zukunft sein.
Vor zwanzig Jahren, hat Gush Shalom (die Organisation, zu der ich gehöre) solch ein gemeinsames Narrativ veröffentlicht, das mit seinen historischen Fakten wahr war und versuchte, zum Verständnis für die Motive beider Seiten zu ermutigen. Einige andere sind gemacht worden. Solch eine Bemühung ist unentbehrlich, um eine intellektuelle und emotionale Basis für eine reale Partnerschaft zu gründen.
Es mag nicht notwendig sein, eine gemeinsame Partei zu schaffen. Vielleicht ist dies jetzt nicht realistisch. Vielleicht würde es besser sein, eine permanente Koalition politischer Kräfte auf beiden Seiten aufzustellen.
Vielleicht sollte ein gemeinsames Schatten-Parlament entstehen, um die Differenzen in einer regulären und öffentlichen Weise zu diskutieren.
Wahre Partnerschaft muss persönlich, sozial und politisch sein. Von Anfang an sollte es das Ziel sein, das Gesicht Israels zu ändern und die Kräfte weg zu schaffen, die  zu einer historischen Tragödie führen. In andern Worten: die Macht übernehmen.
Zur selben Zeit sollten persönliche und soziale Brücken gebaut werden – zwischen Lokalitäten, zwischen Städten, zwischen Institutionen, zwischen Universitäten, zwischen Moscheen und Synagogen.
WEDER YITZHAK Herzog  noch die Labor-Partei können diese Bemühung auf der jüdischen Seite anführen. Weder Herzog noch seine Rivalen in seiner Partei, die seinen Platz übernehmen wollen. (Es scheint, dass die Labor-Partei keinen Politiker dahin bringt, die Führung anzustreben, es sei denn er oder sie hat schon einmal in der Vergangenheit völlig versagt.
Was notwendig ist, ist eine junge energische, innovative neue Führung. Nicht  noch einer dieser jungen Leute, die jetzt auf der politischen Bühne erscheinen, eine neue kleine Gruppe bilden, eine gute Sache für ein oder zwei Jahre schaffen und dann verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. Was notwendig ist sind Leute, die bereit sind, zusammen zu arbeiten, eine Kraft aufbauen, den Staat in eine neue Richtung lenken.
„Araberfreund“? Ja. „Judenfreund“?  Sicher.  Aber vor allem ein Lebens-Freund, ein Friedens-Freund und ein Freund dieses Landes

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)


Abgelegt unter Friedenspolitik, International, Nah-Ost, Positionen, Überregional | Keine Kommentare »

Das Viereck abrunden

Erstellt von DL-Redaktion am 24. April 2016

Texte von Uri Avnery

von Uri Avnery

ICH LIEBE den Präsidenten des Staates Israel, Reuven (Rubi) Rivlin. Ich liebe ihn sehr.

Das mag etwas seltsam erscheinen, da er ein Mann der Rechten ist. Er ist ein Mitglied der Likud-Partei. Er glaubt an das, was man im Hebräischen „das ganze Land von Israel“ nennt.

Doch ist er eine sehr menschliche Person. Er ist freundlich und bescheiden. Seine Familie ist seit vielen Generationen in Palästina verwurzelt. Er sieht sich selbst als Präsident aller Israelis, einschließlich der arabischen Bürger.

Ich glaube, dass er eine geheime Verachtung für Binjamin Netanjah und ähnliche hat. Wie wurde er zum Präsidenten gewählt‘? Der Präsident Israels wird in einer geheimen Wahl der Knesset gewählt. Ich habe sehr den Verdacht, dass er nicht alle Stimmen des Likud erhielt, aber von den Stimmen der Linken gewählt wurde.

IN DIESER Woche veröffentlichte Präsident Rivlin einen Friedensplan. Das ist kein gewöhnlicher Akt des Präsidenten, dessen Office hauptsächlich zeremoniell ist

Sein Plan gründet sich auf eine Föderation der zwei „Entitäten“ – eine zionistisch-jüdische Entität und eine arabisch-palästinensische.

Er ging nicht ins Detail. Offensichtlich glaubt er, dass es in diesem Stadium besser sei, eine allgemeine Idee zu verbreiten und die Leute daran zu gewöhnen. Dies mag weise sein.

Doch ist es auch schwierig, den Plan ernsthaft zu beurteilen. Wie die Redewendung es ausdrückt: der Teufel liegt im Detail. Es kann ein sehr guter Plan sein oder ein sehr schlimmer. Es kommt auf die Details an.

Doch die reine Tatsache, dass Rivlin diese Idee veröffentlicht, ist positiv. Im heutigen Israel sind Ideen festgefroren. Dies hilft eine Atmosphäre der Resignation, der Gleichgültigkeit oder gar Verzweiflung zu schaffen. „Es gibt keine Lösung“ ist eine allgemeine Haltung, die von Netanjahu unterstützt wird, der die passende Schlussfolgerung für sich zog: „Wir werden immer mit dem Schwert leben.“

DIE IDEE einer Föderation ist nicht neu. Ich selbst habe darüber viel Male nachgedacht. (Ich muss mich deshalb entschuldigen, wenn ich hier Dinge wiederhole, die ich schon früher erwähnt habe.)

Vor dem 1948er-Krieg glaubten einige von uns, dass die Hebräer und die Araber in diesem Land in einer neuen gemeinsamen Nation fusionieren könnten. Der Krieg vernichtete diese Auffassung. Ich zog die Schlussfolgerung, dass wir in diesem Land zwei verschiedene Nationen haben und dass jede realistische Lösung sich auf diese Tatsache gründen muss.

Unmittelbar nach diesem Krieg – anfangs 1949 – traf sich eine kleine Gruppe, um eine Lösung zu finden. Diese Gruppe schloss auch einen Muslim und einen Drusen ein. Sie schuf das, was jetzt die Zwei-Staaten-Lösung im Land zwischen Mittelmeer und dem Jordan und vielleicht darüber hinaus genannt wird. Heute ist dies ein überwältigender Welt-Konsens.

Es war für uns klar, dass zwei Staaten in einem kleinen Land, wie das unsrige nicht ohne eine sehr enge Kooperation zwischen ihnen – Seite an Seite – existieren können. Wir zogen in Erwägung, ob dies eine Föderation genannt werden kann, aber entschieden uns, dies nicht zu tun, da wir fürchteten, dass dies beide Seiten erschrecken würde.

Unmittelbar nach dem !956er-Krieg (in diesem Land sind wir immer „unmittelbar nach dem Krieg“) bildeten wir eine viel größere Gruppe, die sich „semitische Aktion“ nannte. Sie schloss Nathan Yallin-Mor, den früheren Kommandeur der (terroristischen) Untergrund-Gruppe Lehi ein, die bei den Briten als die Stern-Bande bekannt war, auch die Schriftsteller Boaz und Amos Kenan und andere gehörten dazu. Wir widmeten ein ganzes Jahr, um ein Dokument zu erstellen, von dem ich glaube, dass es bis heute beispiellos ist. Mit diesem stellten wir einen Entwurf auf für totale Veränderung des Staates Israel und zwar für alle Lebensbereiche. Wir nannten ihn das „Hebräische Manifest“.

Das Manifest schließt eine Föderation zwischen dem Staat Israel und dem Staat Palästina ein mit den notwendigen gemeinsamen Instituten an der Spitze. Es befürwortete auch die Schaffung einer „semitischen Konföderation“ aller arabischen Staaten, Israel und vielleicht auch der Türkei und dem Iran (die keine semitischen Länder sind, obgleich ihre Religion semitische Wurzeln hat.)

SEIT DAMALS kam der Gedanke einer Föderation oder einer Konföderation verschiedene Male auf und unter verschiedenen Umständen, hat aber nie Wurzeln gefasst.

Die Ausdrücke selbst sind ungenau. Was ist der Unterschied zwischen ihnen? In verschiedenen Ländern haben sie verschiedene Bedeutungen. Russland ist jetzt offiziell eine Föderation, doch ist nicht klar, welche Rechte die einzelnen Bestandteile haben. Die Schweiz nennt sich eine Konföderation. Der deutsche Bund ist eine „föderale Republik“. Die europäische Union ist für alle praktischen Zwecke eine Konföderation, wird aber nicht so genannt.

Es wird mehr oder weniger akzeptiert, dass eine „Föderation“ viel mehr eine Union ist als eine „Konföderation“. Dies wurde durch den amerikanischen Bürgerkrieg klar, als der „föderale“ Norden gegen die „konföderalen Südstaaten kämpfte, die versuchten, sich von der Union zu trennen, die zu eng für ihren Geschmack war.

Aber wie ich sagte, sind diese Termini sehr liquide. Und sie sind wirklich nicht bedeutend. Es ist die Substanz, die von Bedeutung ist, und die Substanz variiert notwendiger Weise von Ort zu Ort, je nach Geschichte und Umständen.

FÜR UNSER Land, liegt die Schönheit der Idee in der Tatsache, dass sie das Viereck abrundet.

Was wünschen beide Seiten?

Die Juden wollen einen jüdischen Staat, einen Staat, der sich auf die jüdische Kultur und Geschichte gründet, hauptsächlich hebräisch spricht und mit der jüdischen Diaspora verbunden ist. Außer einer sehr kleinen Minderheit ist dies eine ideale Allmende (Was ist das?) für alle jüdischen Israelis. Viele Israelis würden auch gerne das Land vereint behalten und besonders die Stadt Jerusalem.

Die Palästinenser wollen endlich einen eigenen freien Staat, in dem sie ihre eigenen Herren sind, ihre eigene Sprache sprechen, ihre eigene Kultur und Religion pflegen, befreit von der Besatzung, unter ihrem eigenen Gesetz.

Eine (Kon-)föderation kann diesen anscheinenden Widerspruch lösen, das Quadrat zu einen Kreis machen. Es würde beiden Völkern erlauben, in ihren eigenen Staaten frei zu leben, mit ihren eigenen Identitäten, nationalen Flaggen, National–Hymne , Regierungen und Fußball-Teams, während zur selben Zeit die Einheit des Landes gerettet ist und ihre gemeinsamen Probleme in Einheit und enger Kooperation gelöst werden. Die Grenze zwischen ihnen wird notwendiger Weise zur freien Passage von Personen und Waren offen sein.

Ich bin kein Experte für Nord-Amerika. Aber es scheint mir, dass so etwas wie dies zwischen den US, Kanada und Mexiko schon existiert (wenigstens bis Donald Trump Präsident wird) trotz der kulturellen und sozialen Unterschiede zwischen den drei Völkern.

PRÄSIDENT RIVLIN sollte mit der Darlegung der Idee nicht zufrieden sein. Er sollte etwas tun, trotz der Beschränkung seines Amtes.

Ich würde vorschlagen, dass er auf höchster Ebene eine Konferenz von Experten in seine Residenz einberuft und damit beginnt, in die Details zugehen, um herauszufinden, wie dies praktisch aussehen könnte.

Ich glaube nicht, dass beide Seiten mit einer „Entity“ zufrieden sein werden. Die jüdischen Israelis werden die Eigenstaatlichkeit Israels nicht aufgeben, noch werden die Palästinenser mit irgendetwas das weniger als ein „Staat“ ist. zufrieden sein.

Vor allem gibt es das Problem der Armee. Wird es dann zwei getrennte Armeen geben, mit irgendeiner Form von Koordination – nicht wie die sehr ungleiche Beziehung, die jetzt zwischen der israelischen Armee und der palästinensischen „Sicherheitskraft“ besteht. Kann es eine unitäre Armee geben? Oder etwas dazwischen?

Das ist sehr schwierig. Viel einfacher ist das Problem mit der Gesundheit. Es gibt zwischen den Völkern schon viel Kooperation: arabische Ärzte und Sanitäter, die in israelischen Kkenhäusern arbeiten, und israelische Ärzte, die palästinensische Kollegen in den besetzten Gebieten beraten.

Wie ist es mit der Bildung? In jedem der zwei Staaten gründet sich die Bildung natürlich auf ihre eigene Sprache, Kultur, Geschichte und Traditionen. In jedem Staat müssen die Schüler die Sprache der andern Seite lernen, so wie die Schweizer Schüler eine der nationalen Sprachen lernen, eine andere als ihre eigene.

Das genügt nicht. Auf beiden Seiten müssen die Lehrer weiter gebildet werden und wenigstens die Grundlagen der Kultur, der Geschichte und Religion der anderen Seite lernen. Die Schulbücher müssen von den Spuren von Hass befreit werden und ein wahres objektives Narrativ der Ereignisse der letzten 120 Jahre geben.

Die Wirtschaft bietet ernste Probleme. Das durchschnittliche Einkommen eines Israeli ist 20 mal (ja, das ist kein Fehler. Nicht 120%, sondern „2000%) größer als das durchschnittliche Einkommen eines Palästinenser in den besetzten Gebieten sein. Da müsste es eine föderale Anstrengung geben, um diesen unglaublichen Abstand zu vermindern.

Natürlich kann nicht alles geplant und verordnet werden. Das Leben wird übernehmen. Israelische Geschäftsleute, die in Saudi Arabien und im Irak Erfolg haben wollen, werden sich nach palästinensischen Partnern umschauen und palästinensische Unternehmer könnten israelische Kompetenz und Kapital anwenden, um Geschäfte im Jemen und Marokko zu machen. Freundschaften werden geschlossen. Hier und da werden Misch-Ehen stattfinden. (Nein, Gott verhüte, streich den letzten Satz aus !!!)

Gegenseitige Kontakte haben ihre eigene Logik. Wo immer sich Muftis und Rabbiner treffen, entdecken sie die unglaublichen Ähnlichkeiten zwischen dem Islam und dem Judentum (viel mehr als zwischen ihnen und dem Christentum). Geld überbrückt die Kluft zwischen Geschäftsleuten. Akademiker finden eine gemeinsame Sprache.

Da wird es natürlich immense Schwierigkeiten geben. Und die Siedler? Können die Palästinenser überzeugt werden, dass einige von ihnen bleiben? Im Gegenzug können die Israelis erlauben, dass einige Flüchtlinge zurückkehren? Ich vertraue dem Leben.

ICH KANN die bedeutende Rolle des Präsidenten Rivlin nicht übertreiben, die er bei all dem spielt.

Er könnte Experten in seine Residenz einladen und Gastgeber spielen, und damit ein klares Signal geben, ohne sich selbst zu kompromitieren.

Die Diskussionen selbst könnten einen großen geistigen Einfluss haben, die Atmosphäre verändern, die Hoffnung neu beleben, Optimismus erzeugen.

Rubi Rivlin ist von Natur ein Optimist – wie ich.

Ohne Optimismus wird sich nichts zum Besseren verändern.

Der Präsident kann normalen, anständigen Leuten auf beiden Seiten zeigen: Ja, das Quadat kann zum Kreis werden!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Fall des Soldaten A.

Erstellt von DL-Redaktion am 17. April 2016

Alles, außer der Hauptsache.

Autor Uri Avnery

ES SCHEINT, dass alles irgendwie Mögliche schon gesagt, geschrieben, verkündet, behauptet und verleugnet worden ist und zwar über den Vorfall, der Israel erschüttert hat.

DER ZWISCHENFALL dreht sich um „den Soldaten von Hebron“. Die Militär-Zensur erlaubt nicht, dass er mit Namen genannt wird. Er kann Soldat A genannt werden.

Es geschah im Tel Rumaida-Viertel in der besetzten südlichen Westbankstadt Hebron, wo eine Gruppe von super-extremen Siedlern vom rechten Flügel mitten unter etwa 160 000 Palästinensern lebt. Sie werden schwer von der israelischen Armee beschützt. Es wimmelt von gewalttätigen Zwischenfällen.

An dem besagten Tag griffen zwei lokale Palästinenser einige Soldaten mit Messern an. Beide wurden auf der Stelle angeschossen. Der eine von ihnen wurde getötet, der andere schwer verletzt und lag auf dem Boden.

Der Platz war voller Leute. Sanitäter wandten sich dem verletzten Soldaten( aber nicht dem Palästinenser)zu, mehrere Offiziere und Soldaten standen mit einigen Siedlern herum.

Nach sechs Minuten erschien Soldat A auf der Bühne. Er sah sich vier Minuten um, dann näherte er sich dem verletzten Angreifer und schoss ihn aus der Nähe kaltblütig eine Kugel in den Kopf. Die Autopsie zeigte, dass dies tatsächlich der Schuss war, der ihn tötete.

Als Schluss-Szene zeigt die Aufnahme den Soldaten A, wie er einem der Siedler, dem berüchtigten Baruch Marzel, einem Führer der geächteten Partei des verstorbenen Meir Kahane, die Hand schüttelt. Letzterer wurde vom Obersten Gericht als Faschist bezeichnet.

BIS DAHIN gibt es keine Diskussion über die Fakten. Aus einem einfachen Grund wurde der ganze Zwischenfall von einem einheimischen Palästinenser aus ziemlicher Nähe fotografiert. Die israelische Menschenrechtsgruppe B’tselem hat vielen Palästinensern eine Video-Camera gegeben, um genau solch eine Eventualität aufzunehmen.

(B’tselem ist ein biblischer Name und bedeutet „Nach (Seinem) Bild“. Nach Genesis 2 schuf Gott den Menschen „nach seinem Bild“. Dies ist eines der menschlichsten Verse in der Bibel, da dies bedeutet, dass alle Menschen ohne Unterschied nach dem Bilde Gottes geschaffen sind).

Die Video-Camera spielt bei diesem Vorfall eine bedeutende Rolle. In der gegenwärtigen Intifada, sind viele arabische Angreifer bei solchen Vorfällen getötet worden. Es gibt einen starken Verdacht, dass viele von ihnen exekutiert wurden, nachdem sie schon „neutralisiert“ wurden – die Armee spricht so von arabischen Angreifern, die keinem mehr Leid antun können, weil sie tot sind, schwer verletzt oder gefangen genommen wurden.

NACH ISRAELISCHEN Armee-Befehlen ist es Soldaten nicht erlaubt, feindliche Angreifer zu töten, wenn sie keine Gefahr mehr darstellen. Andrerseits glauben viele Politiker und Armeeoffiziere, dass es „Terroristen nicht erlaubt werden soll, nach einem Angriff am Leben zu bleiben“. Dies war ein inoffizieller Befehl des verstorbenen Ministerpräsidenten Yitzhak Shamir. (Er selbst war ein hervorragender Terrorist).

Doch das Armee-Kommando hat niemals diese Regel akzeptiert. Als in Shamirs Tagen als Ministerpräsident der Shin Bet-Chef zwei gefangene Busentführer tötete, stand er einer strafbaren Anklage gegenüber bis er vom Präsidenten begnadigt wurde. Er wurde entlassen.

Bei einem anderen Vorfall wurde ein palästinensisches Mädchen, ein Teenager, das auf der Straße mit einer Schere herumrannte, aus geringem Abstand von einem Polizisten totgeschossen.

In all diesen speziellen Fällen war es die Video-Camera, die etwas bewegte. (Vielleicht sollte das göttliche Gebot berichtigt werden: Du sollst nicht töten, wenn eine Camera in der Nähe ist!)

Der Kommandeur des Soldaten A fragte ihn auf der Stelle, warum er den verletzten Palästinenser erschoss. Der Soldat A antwortete spontan: „Er verletzte meinen Kameraden – also verdient er zu sterben“.

Bald danach wurde ihm klar, dass dies die falsche Antwort war, also berichtigte er sie. „Er bewegte sich und ein Messer lag neben ihm, also fühlte ich mich bedroht.“ Es zeigte sich, dass ein anderer Soldat das Messer schon weggeschubst hatte.

Später gab er einen anderen Grund an, an dem er seitdem blieb. Ich sah eine Wölbung unter seiner Jacke und dachte, dass er einen Bombengürtel anhatte. Ich schoss, um das Töten von jemand anderen hier zu verhindern.“ Das ist höchst unwahrscheinlich, da der Filmmitschnitt deutlich zeigt, dass all die anderen Leute in der Nähe nicht beunruhigt waren. Der verletzte Mann war schon untersucht worden. Die Militärpolizei verkündigte also, dass sie den SoldatenA wegen Mordes anklagen.

EIN RIESIGER Sturm brach aus. Im ganzen Land griffen die Rechten, die Siedler, die Politiker und andere das Armee-Kommando in einer nie zuvor gehörten Sprache an.

Der Bildungsminister Naftali Bennet, der Führer der extremen Rechten „Jüdisches Heim“-Partei griff wütend den Verteidigungsminister, ein früherer Stabschef, der ein moderater Likud-Rechter ist, an.

Der gegenwärtige Stabschef Gadi Eizenkot, hat sich nicht abschrecken lassen. Er wiederholt die Armee-Order und unterstützt die Aktionen der Militär-Polizei gegen den Mob, die die Sozial-Medien mit Tausenden von Botschaften überfluten und das Armee-Kommando verfluchten. Benjamin Netanjahu unterstützte zunächst schwach den Verteidigungsminister, dann wurde er still.

Dies war nur der Beginn. Die Eltern des Soldaten A griffen das Armee-Kommando in den Medien an, dass sie ihren Baby Sohn „im Stich lassen“. Die Mitglieder der Armee-Einheit verfluchten offen ihre Kommandeure und die Militärpolizei. Im ganzen Land tönte der Schrei, dass der Soldat A ein „Held“ sei.

Demonstrationen von Soldaten und Zivilisten fanden vor dem Militärgericht innerhalb eines Armee-Compounds statt. Minister und Knesset-Mitglieder kamen in den Gerichtsraum, um ihre Solidarität mit dem „Held“ zu demonstrieren. Der Armeechef und der Verteidigungsminister wurden vom Mob aufgerufen, abzutreten.

ICH WÜRDE hier gern meine persönlichen Bemerkungen hinzufügen

Im Krieg 1948 war ich ein Soldat in einer Kommando-Einheit, die mit einem Ehrentitel ausgezeichnet wurde: die „Samson- Füchse“. Ich nahm an etwa 50 Gefechten teil. Ich schrieb zwei Bücher über diese Erfahrungen. Das erste „Auf den Feldern der Philister“ wurde während des Krieges geschrieben und beschrieb die Schlachten. Alles Geschriebene war die Wahrheit und nur die Wahrheit – aber nicht die ganze Wahrheit. Das zweite Buch „Die andere Seite der Münze“, das sofort nach dem Krieg veröffentlicht wurde, beschrieb die dunkle Seite des Krieges, einschließlich der Kriegsverbrechen.

Auf Grund dieser Erfahrung wage ich zu behaupten: jeder der den Soldaten A einen Helden nennt, beleidigt die Hundert Tausenden von anständigen Soldaten, die in der israelischen Armee seit damals bis heute dienten und unter ihnen wirkliche Helden, (wie die vier marokkanisch-jüdischen Soldaten, die ihr Leben riskierten und mich unter Feuer in Sicherheit brachten, als ich verwundet wurde.)

Ein Held ist ein Soldat, der sein Leben riskiert, um einen Kameraden zu retten oder um eine andere wichtige Aufgabe auszuführen. Jemand der einen verwundeten Feind erschießt, ist kein Held, und ihn so zu nennen, ist eine Beleidigung der anständigen Soldaten, die versuchen, ihre Menschlichkeit unter harten—manchmal unmöglichen – Umständen zu bewahren.

Ein anständiger Soldat braucht keine Armee-Order, um zwischen erlaubten und verbotenen zu unterscheiden, zwischen annehmbaren und kriminellen, zwischen einem Held und einem blutrünstigen Feigling. Er weiß das einfach.

EINIGE LEUTE mögen sich über meine Haltung gegenüber der Armee wundern.

Ich bin ein Pazifist. Ich hasse den Krieg und Gewalt. Aber ich bin kein Einfaltspinsel. Ich weiß, dass jedes Land eine Armee braucht, nicht nur in Kriegszeiten, sondern auch in Friedenzeiten.

Eine Armee ist eine Tötungsmaschine. Aber nach dem grauenhaften 30-Jährigen Krieg im 17. Jahrhundert legte die zivilisierte Menschheit Grenzen fest. Kurz gesagt, Gewalt wird erlaubt, wenn sie den Zwecken des Krieges dient, ist aber absolut verboten, wenn sie gegen hilflose Menschen angewandt wird, wie Gefangene und Verletzte.

Wie einige von uns voraussahen, haben 50 Jahre Besatzung unsere Armee in vieler Hinsicht korrumpiert. Es ist nicht mehr die Armee, in der ich diente. Es ist nicht eine Armee, auf die ich stolz sein kann. Sie ähnelt mehr einer kolonialen Polizeikraft als einer Armee, deren Pflicht es ist, unsern Staat in einer turbulenten Nachbarschaft zu verteidigen.

Ausländer mögen sich über die Tatsache wundern, dass in Israel das Armee –Kommando im Allgemeinen moderater ist als die Regierung und die Politiker. Aus historischen Gründen ist das immer so gewesen. Ich gebe dem Armee-Kommando die Schuld für viele Fehler und Verbrechen, aber ich muss sie für ihre Charakter-Stärke in diesem Fall loben.

DIE HAUPTPUNKTE dieses Zwischenfalls, die keiner auszusprechen wagt, dass das erste Mal in der Geschichte Israels wir Zeugen einer Meuterei sind.

Es gibt keine andere Art und Weise, dies zu definieren.

Eine Gruppe Soldaten, unterstützt von einem größeren Teil der politischen Szene, hat gegen ihre Kommandeure gemeutert. Dies ist eine größere Bedrohung für den Staat, eine Infrage-Stellung von dem, was von unserer Demokratie übrig bleibt.

Die Fäulnis, die in den besetzten Gebieten begann, breitet sich im Land aus. Dies hat sich jetzt in der einen Institution manifestiert, die bis jetzt von allen (jüdischen) Israelis geliebt wurde, der Armee.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Unter den Linden

Erstellt von DL-Redaktion am 10. April 2016

Texte von Uri Avnery

von Uri Avnery

EINE DER bekanntesten Zeilen in der deutschen Dichtung ist „ Grüß mich nicht unter den Linden.“

Der jüdisch-deutsche Dichter Heinrich Heine bittet seine Geliebte, ihn nicht zu beschämen, indem sie ihn öffentlich in der Hauptstraße von Berlin grüßt, die „Unter den Linden“ genannt wird.

Israel ist in der Position dieser illegalen Geliebten. Arabische Länder haben eine Affäre mit ihr, wollen aber nicht mit ihr in der Öffentlichkeit gesehen werden.

Das wäre zu beschämend.

DAS FRAGLICHE arabische Land ist Saudi Arabien. Seit einiger Zeit ist das Königreich ein heimlicher Verbündeter von Israel gewesen – und umgekehrt.

In der Politik übertrumpfen nationale Interessen oft ideologische Unterschiede. Das ist hier der Fall.

Das Gebiet, das vom Westen als „Naher Osten“ bezeichnet wird, ist jetzt in zwei Lager polarisiert, angeführt jeweils von Saudi Arabien und dem Iran.

Der nördliche Bogen besteht aus dem schiitischen Iran, dem heutigen Irak mit seiner schiitischen Mehrheit, dem wichtigsten syrischen Gebiet, das von der alawitischen Gemeinde und der schiitischen Hisbollah im Libanon kontrolliert wird.

Der südliche Block, angeführt vom sunnitischen Saudi Arabien, besteht aus den sunnitischen Staaten Ägypten und den Golfstaaten. In einer schattenhaften Weise sind sie mit dem sunnitischen islamischen Kalifat verbunden, auch als Daesh oder Isis bekannt, das sich selbst zwischen Syrien und dem Irak deponiert hat. Außer Ägypten, das so arm wie eine Moschee-Maus ist, sind alle stinkreich mit Öl.

Der nördliche Bogen wird von Russland unterstützt, das gerade jetzt der Assad-Familie in Syrien einen massiven militärischen Stoß gegeben hat. Der südliche Block ist bis vor kurzem von den US und ihren Verbündeten unterstützt worden.

DIES IST ein ordentliches Bild, wie es sein soll. Die Menschen in aller Welt mögen keine komplizierten Situationen, besonders wenn sie es schwierig machen, zwischen Freunden und Feinden zu unterscheiden.

Zum Beispiel die Türkei. Die Türkei ist ein sunnitisches Land, vorher säkular, jetzt aber von einer religiösen Partei regiert. Deshalb ist es logisch, dass es stillschweigend Daesh unterstützt.

Die Türkei kämpft gegen die syrischen Kurden, die gegen Daesh kämpfen und die mit der kurdischen Minderheit in der Türkei verbündet sind, die von der türkischen Regierung als tödliche Bedrohung angesehen wird.

(Die Kurden sind ein separates Volk – weder arabisch noch türkisch – die zwischen dem Irak, dem Iran, der Türkei und Syrien aufgeteilt sind. Sie sind meistens Sunniten.

Die US kämpfen gegen Assads Syrien, das von Russland unterstützt wird. Die US kämpfen aber auch gegen Daesch, der gegen Assads Syrien kämpft. Die syrischen Kurden kämpfen gegen Daesch, aber auch gegen Assads Armee. Die libanesische Hisbollah unterstützt stark Syrien, ein traditioneller Feind des Libanon und hält Assads Herrschaft lebendig, während diese gegen Daesch kämpft, Seite an Seite mit den US, ein tödlicher Feind von Hisbollah. Der Iran unterstützt Assad und kämpft gegen Daesch, Seite an Seite mit den US, Hisbollah und den syrischen Kurden.

Man versuche nicht, dies auszusortieren. Keiner kann das.

Vor kurzem hat die US ihre Orientierung gewechselt. Bis dahin war das Bild klar. Die US benötigen das saudische Öl, so billig wie der König es liefern kann. Sie hassen auch den Iran, seitdem die schiitischen Islamisten den iranischen Schah der Schahs, einen amerikanischer Handlanger, hinaus geworfen haben. Die Islamisten fingen die amerikanischen Diplomaten und hielten sie als Geiseln. Um sie zu befreien, lieferten die US der iranischen Armee über Israel Waffen (Dies wurde Irangate genannt). Der Iran war mit dem Irak im Krieg, das unter der sunnitischen Diktatur von Saddam Hussein war. Die Amerikaner unterstützten Saddam gegen den Iran. Aber später überfielen sie den Irak, erhängten ihn und lieferten den Irak tatsächlich dem Iran, seinem Todfeind, aus.

Jetzt haben die US einen zweiten Gedanken (als ob dieses Durcheinander viel mit „Gedanken“ zu tun hat) Ihr traditionelles Bündnis mit Saudi-Arabien gegen den Iran sieht nicht mehr so attraktiv aus. Die US Abhängigkeit vom arabischen Öl ist nicht mehr so stark, wie sie war. Plötzlich sieht die Saudi-religiöse Tyrannei nicht mehr so attraktiv aus wie die iranisch-religiöse Demokratie und ihr verlockender Markt. gegen 20 Millionen einheimischer Saudis gibt es 80 Millionen Iraner.

Wir haben jetzt also ein US-iranisches Abkommen. Die westlichen Sanktionen gegen den Iran werden aufgehoben. Es sieht jetzt wie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft aus. Die saudischen Prinzen schäumen vor Wut und zittern vor Angst.

WO IST in diesem Durcheinander Israel? Nun, es ist ein Teil dieses Durcheinander.

Als Israel mitten in einem Krieg mit den Arabern errichtet wurde, bevorzugte die Regierung etwas, das „Bündnis der Minderheiten“ genannt wurde. Dies bedeutete Kooperation mit allen peripheren Faktoren in der Region: die Maroniten im Libanon (die Schiiten wurden verachtet und ignoriert), die Alawiten in Syrien, die Kurden im Irak. Die Kopten in Ägypten, die Herrscher des Iran, Äthiopien, Süd-Sudan, des Tschad und so weiter.

Da gab es tatsächlich lose Verbindungen mit den Maroniten. Der Iran des Shah wurde ein enger, wenn auch halbgeheimer Verbündeter. Israel half dem Schah, seine Geheimpolizei aufzubauen und der Schah erlaubte israelischen Offizieren durch sein Gebiet zu gehen, um sich den kurdischen Rebellen im Nord-Irak anzuschließen und sie zu instruieren – bis der Schah leider ein Geschäft mit Saddam Hussein machte. Der Shah wurde auch ein Partner Israels im Ölgeschäft, das persisches Öl über Eilat nach Ashkalon brachte, statt durch den Suez-Kanal (Ich verbrachte einmal einen Tag, um diese Leitung aufzubauen, die noch immer ein gemeinsames israelisch-iranisches Geschäft ist, Subjekt eines Schiedsgerichts-verfahrens.

Jetzt ist die Situation ganz anders. Die schiitisch-sunnitische Teilung (betreffend der Nachfolge des Propheten Muhammad, die viele Generationen schlummerte, erwachte wieder und dient natürlich sehr weltlichen Interessen.

Für die Saudis ist ihre Konkurrenz mit dem Iran um die Vorherrschaft in der muslimischen Welt viel wichtiger als der alte Kampf mit Israel. Tatsächlich veröffentlichten die Saudis vor Jahren einen Friedensplan, der den Friedensplänen der israelischen Friedenskräfte (einschließlich der meinigen) ähnelte. Er wurde von der Arabischen Liga akzeptiert, aber von Sharons Regierung und dann von auf einander folgenden israelischen Regierungen völlig ignoriert.

Benjamin Netanjahus Berater rühmten sich damit, dass die geopolitische Situation für Israel nie besser war als sie jetzt ist. Die Araber sind mit ihren Streitigkeiten beschäftigt. Viele arabische Länder wollen ihre geheimen Verbindungen mit Israel stärken.

Die Verbindungen mit Ägypten sind sogar nicht geheim. Der ägyptische Militär-Diktator kooperiert offen mit Israel, indem er den Gazastreifen mit seinen fast zwei Millionen Einwohnern stranguliert. Der Streifen wird von der Hamas beherrscht, einer Bewegung, von der die ägyptische Regierung behauptet, dass sie mit ihrem Feind Daesch verbunden ist.

Indonesien, das größte muslimische Land in der Welt, ist nahe dran, seine Verbindungen mit uns zu öffnen. Israels politische und wirtschaftliche Verbindungen mit Indien, China und Russland sind gut und nehmen zu.

Das kleine Israel wird als ein militärischer Riese, als eine technische Macht, eine stabile Demokratie (wenigstens für seine jüdischen Bürger) angesehen. Feinde wie die BDS-Bewegung sind nur Irritationen. Was ist also schlimm?

DAMIT KEHREN wir zu den Lindenbäumen zurück. Keiner unserer arabischen Freunde will uns öffentlich grüßen. Ägypten, mit dem wir einen offiziellen Friedensvertrag haben, heißt israelische Touristen nicht mehr willkommen. Ihnen wird geraten, nicht mehr dorthin zu gehen.

Saudi Arabien und seine Verbündeten wünschen keine offenen und offiziellen Beziehungen mit Israel. Im Gegenteil, sie sprechen über Israel weiter wie während des schlimmsten Kriegszustandes und der arabischen Zurückweisung.

Sie zitieren alle denselben Grund: die Unterdrückung des palästinensischen Volkes. Sie sagen alle dasselbe: offizielle Beziehungen mit Israel werden erst nach dem Ende des israelisch-palästinensischen Konfliktes kommen. Die Massen der arabischen Völker überall sind emotional zu sehr an der Notlage der Palästinenser beteiligt, um offizielle Verbindungen zwischen ihren Herrschern und Israel zu dulden.

Diese Herrscher stellen alle dieselben Bedingungen, die schon von Yasser Arafat vorgebracht wurden und im Saudi-Friedensplan eingeschlossen waren: ein freier palästinensischer Staat, Seite an Seite mit Israel, gegenseitig anerkannte Grenzen, die sich auf die Grenzen vom Juni 67 gründen, Grenzen mit kleinerem Austausch von Territorium, eine „vereinbarte“ Rückkehr der Flüchtlinge („vereinbart“ mit Israel bedeutet höchstens eine symbolische Rückkehr einer sehr begrenzten Anzahl).

Die israelischen Regierungen haben niemals auf diesen Plan reagiert. Heute unter Benjamin Netanjahu sind sie weiter von diesen Bedingungen entfernt als je. Fast täglich verabschiedet unsere Regierung Gesetze, vergrößert die Siedlungen, ergreift Maßnahmen und gibt Erklärungen ab, die Israel von jedem Frieden weiter wegstößt, den die arabischen Länder akzeptieren konnten.

ZUKÜNFTIGE GENERATIONEN werden auf diese Situationen nur mit Verwunderung schauen.

Seit der Gründung der zionistischen Bewegung und ganz sicherlich seit der Schaffung des Staates Israel, haben Israelis von einer Überwindung des arabischen Widerstandes geträumt und davon, dass die arabische Welt dahin gebracht wird, den „jüdischen und demokratischen“ Staat von Israel als legitimes Mitglied der Region anzuerkennen.

Jetzt stellt sich diese Gelegenheit selbst dar. Es kann getan werden. Israel wird an den arabischen Tisch eingeladen. Und Israel ignoriert die Gelegenheit.

Nicht, weil Israel blind ist, sondern weil die besetzten palästinensischen Gebiete und die Siedlungen für es wichtiger sind, als der historische Akt, Frieden zu schließen.

Keiner von ihnen wünscht also, sie unter den Linden zu grüßen.

(aus dem Englischen; Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Was geschieht mit den Juden?

Erstellt von DL-Redaktion am 3. April 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

PLÖTZLICH ERINNERE ich mich, wo ich das vorher schon (einmal) gesehen habe.

Dieselbe Art von Gesicht, dasselbe vorgeschobene Kinn, um einen Ausdruck von Kraft und Entschlossenheit zu erzeugen.

Dieselbe Art und Weise des Sprechens. Einzelne Sätze und dann eine Pause , und nun auf das zustimmende Schreien der Menge wartend.

Dieselbe Kombination von Monster und Clown.

Ja, unverkennbar. Ich habe dies in meiner frühen Kindheit in der Wochenschau gesehen.

Benito Mussolini. Rom. Piazza Venezia. Der Duce auf einem Balkon. Die Menschen-menge unten auf dem Platz. Außer sich. Applaudiert. Schreit bis sie heißer ist. Eine Massenorgie von Dummheit.

In dieser Woche sah und hörte ich es wieder. Dieses Mal im Fernsehen.

ES GAB natürlich Unterschiede.

Der Präsidentschaftskandidat Donald Trump sprach in Washington DC, der moderne Nachfolger des alten Rom.

Der Duce war glatzköpfig und trug deshalb immer einen abstrusen Hut, der extra für ihn entworfen wurde. Trump trug sein Markenzeichen, das orange Haar, (nach seinem Butler) sehr sorgfältig von ihm selbst arrangiert.

Mussolini sprach italienisch, eine der schönsten Sprachen der Welt,auch wenn es aus dem Mund eines Diktators kommt. Trump sprach amerikanisch-englisch, eine Sprache, die nicht einmal seine eifrigsten Bewundere r melodisch nennen würden.

Aber der größte Unterschied war die Art der Audienz. Der Duce sprach zu einem römischen Mob, ein später Nachfolger des antiken römischen Pöbels, der nicht weit von dort, in der Arena geschrien hat.

Trump sprach – unglaublich – zu einem Publikum von meist älteren, reichen und gebildeten Juden.

Juden, um Himmels Willen! Leute, die im Stillen glauben, dass sie das intelligenteste Volk auf Erden seien! Juden, die außer sich sind und nach jedem Satz klatschen, auf und ab springen, als ob sie vom Teufel besessen wären.

WAS IST mit diesen Juden geschehen?

Es ist eine traurige Geschichte. Während des 2. Weltkrieges, als der Holocaust in vollem Gange war, verhielten sich die amerikanischen Juden still. Sie verwendeten ihre schon beträchtliche politische Macht nicht, um den Präsidenten zu überreden, etwas Wesentliches zu tun, um die Juden zu retten. Sie waren ängstlich. Sie fürchteten, der Kriegstreiberei beschuldigt zu werden.

Mein Bruder, ein Soldat in der britischen Armee, brachte mir einmal ein Nazi-Flugblatt, das von der deutschen Luftwaffe über der amerikanischen Linie in Italien abgeworfen wurde. Es zeigte einen dicken, hässlichen Juden, der ein blondes amerikanisches Mädchen umarmte. Es sagte etwas wie:„Während du hier dein Blut vergießt, verführt ein reicher Jude deine Freundin!“

Die Juden fürchteten sich, etwas zu tun, das als Bestätigung der Nazi-Propaganda angesehen werden könnte, dass dies ein von Juden angezettelter Krieg war und ihr Strohmann, Präsident Rosenfeld , die arischen Nationen zerstört.

Diese Juden waren ein oder zwei Generationen vorher nach Amerika gekommen. Die Opfer des Holocaust waren ihre nächsten Verwandten. Ihr schlechtes Gewissen wegen ihrer Untätigkeit während des Holocaust verfolgt sie – besonders die Älteren unter ihnen – bis heute.

Ihre blinde Loyalität gegenüber dem „jüdischen Staat“ ist eine Folge dieses schlechten Gewissens. Viele amerikanische Juden – besonders die Älteren – fühlen sich mehr mit Israel verbunden als mit den US. Der britische Slogan: „Mein Land, Recht oder Unrecht“ wird von ihnen für Israel angewandt.

Dies waren die Zuhörer von Trump bei dem AIPAC-Massentreffen.

AIPAC IST die Verkörperung der jüdischen Macht und der jüdischen Komplexe.

In einer Weise ist es die späte Verwirklichung der berühmten russischen Fälschung: „Die Protokolle der Ältesten von Zion“, über die jüdische Herrschaft über die Welt. Nach vielen Berichten ist es die zweitmächtigste ethnische Lobby in den USA (nach der Lobby der Waffen-Verrückten).

Wie erreicht eine kleine politische Organisation vor etwa 60 Jahren diese schwindelerregenden Höhen? Die Juden sind bei weitem nicht die größte ethnische Gemeinschaft in den USA. Aber als Folge der angeborenen Angst vor Antisemitismus, halten sie zusammen. Und was weit wichtiger ist, sie spenden Geld. Eine Menge Geld. In jeder Hinsicht übertreffen sie viel größere Gemeinden, wie die arabische.

Der amerikanische politische Prozess, einmal der Neid der Demokraten in aller Welt, ist jetzt grundsätzlich korrupt. Politische Werbung ist nötig und teuer. Jeder der nach einem Amt schielt, benötigt eine Menge Geld. Nach Geld Ausschau zu halten, ist jetzt der Hauptberuf eines amerikanischen Politikers.

Im heutigen Amerika kann fast jeder Politiker gekauft werden. So können es ganze Partei-Organisationen. Die Summen sind nicht einmal sehr beeindruckend. AIPAC hat diese Korruption zu einem Höhepunkt gebracht.

Um ihre Macht zu demonstrieren, hat AIPAC einige eklatante Beispiele produziert. Sie werden durch Verweigerung von Geld an Politiker, die Israel in irgendeiner Weise kritisiert haben, nicht zufrieden. Sie haben politischen Karrieren von Kritikern aktiv ein Ende gesetzt, indem sie konkurrierenden Niemands mit Geld vollstopften und die so an deren Stelle gewählt wurden.

Falls es so etwas gäbe wie politischen Terrorismus, dann würde AIPAC die Siegerkrone bekommen.

WOFÜR WIRD diese immense Macht verwendet?

Der israelische Journalist Gideon Levy schrieb in dieser Woche einen Artikel, über den viele geschockt waren. Er behauptet, dass AIPAC tatsächlich eine anti-israelische Organisation sei. Wenn ich den Artikel geschrieben hätte, würde er sogar noch extremer gewesen sein.

Falls der Staat Israel – Gott bewahre!- die nächsten hundert Jahre nicht überleben wird, werden Historiker eine Menge Schuld dem amerikanischen, von AIPAC angeführten Judentum geben.

Seit 1967 steht Israel einer einfachen aber schicksalshaften Wahl gegenüber: Gib die besetzten palästinensischen Gebiete zurück und mach Frieden mit Palästina und der ganzen arabischen und muslimischen Welt – oder behalte die Gebiete, baue Siedlungen und führe einen endlosen Krieg.

Dies ist keine politische Meinung. Es ist eine historische Tatsache.

Jeder wahre Freund Israels wird alles Mögliche tun, um Israel in die erste Richtung zu drängen. Jeder Dollar, jede Unce politischen Einflusses sollte für diesen Zweck benützt werden. Am Ende werden die beiden Staaten – Israel und Palästina – Seite an Seite vielleicht in einer Art Konföderation leben.

Ein Antisemit stößt Israel in die andere Richtung. Innerhalb der nächsten Hundert Jahre wird sich Israel in einen fanatischen, nationalistischen, ja faschistischen, isolierten Apartheid-Staat mit einer wachsenden arabischen Mehrheit verwandeln, und das ganze Land würde schließlich ein arabischer Staat werden mit einer abnehmenden jüdischen Minderheit.

Alles andere ist ein Pfeifentraum.

WAS TUT AIPAC ?

In seinem monumentalen Werk „Faust“ beschreibt Goethe den Teufel Mephisto als eine Kraft, die immer das Böse will und immer das Gute erreicht. AIPAC ist genau das Gegenteil.

Es unterstützt die schlimmsten Elemente in Israel und stößt den „Jüdischen Staat“ mit Macht vorwärts auf dem Weg in eine andere riesige Katastrophe der jüdischen Geschichte.

Sie haben natürlich eine Entschuldigung. Es sind die Israelis selbst, die diesen Kurs gewählt haben. AIPAC unterstützt – wen auch immer – die Israelis in demokratischen Wahlen wählen. Israel ist die Einzige Demokratie im Nahen Osten.

Quatsch. AIPAC und seine Schwestergruppen sind tief verwickelt in Israelis Wahl. Sie unterstützen Benyamin Netanjahu, den extrem rechten Ministerpräsidenten und das ganze ultra-rechte Spektrum der israelischen Parteien.

Vielleicht sollte ich die Schuld dem amerikanischen Judentum im Allgemeinen geben. Es ist nicht nur AIPAC, sondern Millionen anderer Juden. Sie unterstützen alle Israel, egal, ob es schlimm oder schlimmer ist

Aber das mag nicht ganz richtig sein. Mir wird gesagt, dass eine neue Generation von Juden in Amerika sich von Israel abwendet, ja sogar Israel-Hasser unterstützen. Dies würde schade sein. Sie könnten stattdessen beim Wiederbeleben des israelischen Friedenslagers eine Rolle spielen und ihren Beitrag für ein aufgeklärtes Israel leisten, indem sie die alten jüdischen Werte von Frieden und Gerechtigkeit aufrechterhalten.

Ich sehe nicht, dass dies geschieht. Was ich sehe, sind junge und fortschrittliche amerikanische Juden, die still von der Bühne verschwinden und diese dem neuen amerikanischen Mussolini und seinen außer sich, schreienden, auf und abspringenden Juden überlassen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Kopfbedeckung

Erstellt von DL-Redaktion am 13. März 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

ER ERSCHIEN aus dem Nirgendwo. Buchstäblich

Die israelische Polizei benötigte einen neuen Kommandeur. Der letzte hatte seine Amtszeit beendet; mehrere ältere Offiziere waren angeklagt worden, ihre weiblichen jüngeren Kolleginnen sexuell belästigt zu haben, einer hatte Selbstmord begangen, nach dem er der Korruption angeklagt worden war. Also wurde jemand von außerhalb ernannt.

Als Benjamin Netanjahu seine Wahl ankündigte, war jeder erstaunt. Roni Alscheich? Woher- zum Teufel – kommt der denn?

Er sieht – abgesehen von seinem Schnurbart – nicht wie ein Polizist aus. Er hatte nie die geringste Verbindung mit Polizeiarbeit. Er war tatsächlich der geheime Vertreter des Shin Bet Chefs – dem internen Geheimdienst.

Boshafte Zungen flüsterten, dass es einen einfachen Grund für diese seltsame Ernennung gibt: der Chef des Shin Bet war dabei, seine Amtszeit zu beenden. Netanjahu wollte nicht, dass Alscheich ihm folgte. Deshalb schickte er ihn, um die Polizei zu kommandieren.

Der Name Alscheich ist eine Verfälschung des sehr arabischen al-Scheich – „der Alte“. Sein Vater ist jemenitischer Abstammung, seine Mutter ist Marokkanerin.

Er ist der erste Polizeichef, der eine Kippa trägt. Auch der erste, der einmal ein Siedler war. Wir warteten alle auf seine erste bedeutende Äußerung. Sie kam in dieser Woche und betraf die um ihre Söhne trauernden Mütter.

Alscheich behauptete, der schmerzende Verlust ist wirklich ein jüdisches Gefühl. Jüdische Mütter trauern um ihre Kinder. Arabische Mütter trauern nicht. Deshalb lassen sie sie Steine auf unsere Soldaten werfen, wobei sie wissen, dass sie wahrscheinlich erschossen werden.

Das klingt primitiv? Das ist auch primitiv. Es ist auch ziemlich beängstigend, dass unser neuer Polizeichef, der Mann, der für Ruhe und Ordnung zuständig ist, solch primitive Ansichten hat.

EIN PAAR Tage später wiederholte unser Verteidigungsminister Moshe Yaalon, der ein viel größeres Empire kontrolliert, diese Behauptung. Arabische Trauer kann nicht mit jüdischer Trauer verglichen werden. Das hängt damit zusammen, dass Juden das Leben lieben, während die Araber den Tod lieben.

Wenn unsere tapferen Soldaten (alle unseren Soldaten sind tapfer) ihr Leben opfern, dann deshalb, weil sie das Leben unserer Nation lieben, während arabische Terroristen Selbstmordmissionen begehen, um ins Paradies zu kommen. Ihre Mütter ermutigen sie dazu. So sind Araber eben.

All diese Super-Patrioten sind zu jung, um sich daran zu erinnern, dass jüdische Mütter in Palästina ihre Söhne und Töchter ermutigten, sich den Untergrund-Organisationen anzuschließen, um gegen die britische Besatzung zu kämpfen (ein Kampf fürs Leben des Volkes, natürlich) Vielleicht dachten die britischen Polizisten genau so über die jüdischen Mütter und vergassen dabei, dass nur wenige Jahre zuvor Millionen und Abermillionen weißer christlicher Europäer sich den Armeen mit dem Segen der Mütter angeschlossen haben und einander töteten. Um des Lebens und der Freiheit willen.

Wenn zwei so hochrangige Persönlichkeiten solch erschütternden Unsinn von sich geben, kann es nur einen Grund geben: sie wiederholen die „Erklärungsbögen“, die täglich vom Amtssitz des Ministerpräsident an alle Regierungsminister und hochrangigen Beamten verteilt werden. (In Israel mögen wir das Wort „Propaganda“ nicht benützen – stattdessen auf hebräisch hasbara „Erklärung“)

EIN WORT über die Kippa des Polizeichefs.

Als ich ein Jugendlicher in Tel Aviv war, sah ich kaum jemanden, der eine Kippah trug. Auch nicht in der Schule (die ich im Alter von 14 verließ, um für den Lebensunterhalt zu arbeiten) noch in der Irgun, noch in der Armee sah ich einen Kameraden, der so eine Kopfbedeckung trug. Die jungen Leute schämten sich, sie zu tragen.

Heutzutage tragen fast die Hälfte derer, die im Fernsehen erscheinen, stolz die Kippa. Einige von ihnen tragen sie in einer Weise oder in einer Größe, dass die Camera sie nicht sehen kann. Aber Regierungsangestellte tragen sie wie eine Ehrenplakette, um zu zeigen, dass sie wahre Gläubige der herrschenden Ideologie sind. Wie ein roter Stern in China oder eine Krawatte in den US.

Während der letzten paar Monate hat Netanjahu neue Leute für verschiedene bedeutendste Regierungsfunktionen ernannt. Der Polizeichef ist einer von ihnen. Ein anderer ist der Generalstaatsanwalt („Juristischer Berater der Regierung“ genannt) der Regierungsbeamte mit großer Machtbefugnis. Ein anderer ist der neue Chef des Shin Bet. Im Unterschied zu ihren Vorgängern tragen sie alle die Kippa.

Um die Bedeutung von ihr zu erklären, muss man die jüdische Religion charakterisieren. Sie ist ganz anders als die christliche Religion und dem Islam viel näher. Alles Reden über die „jüdisch-christliche“ Tradition gründet sich auf Ignoranz.

DAS HEBRÄISCHE Wort für Religion ist „dat“. Wie das arabische Wort „din“ meint sie im Wesentlichen „Gesetz“. Judentum besteht aus einer Reihe von Geboten (allein in der Bibel sind es 613) die von Gott verhängt wurden. Dafür hat Gott uns als sein Volk „auserwählt“ und uns das Heilige Land gegeben. Man kann kein Jude sein, ohne zum jüdischen Volk zu gehören, dem das Heilige Land auf immer gehört.

Seit 2000 Jahren und mehr waren Juden über die ganze Welt zerstreut. Ihre Verbindung zum Heiligen Land war rein geistiger Natur. Das jüdische „Volk“ war eine religiöse Erfindung.

Dann kam der Zionismus. Er wurde Ende des 19.Jahrhundert gegründet. Fast alle seine Begründer waren überzeugte Atheisten. Sie glaubten nicht an Gott, der die Juden ins Exil geschickt hat.

Als ich jung war, sprach niemand in diesem Land über einen „Jüdischen Staat“. Wir sprachen über einen „Hebräischen Staat“. Eine extreme Gruppe (mit dem Spitznamen „Kanaaniter“) behauptete, dass wir eine neue hebräische Nation sind, die nichts mit dem Judentum zu tun hat. Die meisten meiner Generation dachten in derselben Weise, wenn auch nicht mit diesen Worten.

Ich bin oft gefragt worden, warum ein entschiedener Militarist wie David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident und Verteidigungsminister, religiöse Schüler vom Militärdienst befreite. Meine Erklärung ist ganz einfach: wie die meisten von uns glaubte er, dass die jüdische Religion in diesem Land absterben würde. Der Zionismus hat sie ersetzt. Der neue hebräische Pionier braucht all den religiösen Unsinn nicht.

Dann kam der Krieg von 1967 und der Sieg wie ein Wunder, die Eroberung des ganzen Landes bis zum Jordanfluss mit all den heiligen Stätten. Die jüdische Religion war weit davon entfernt zu sterben. Die jüdische Religion kam plötzlich wieder neu zum Leben. Nun breitet sie sich schnell aus, die Kippa kann überall gesehen werden. Besonders unter den Siedlern.

Diese regenerierte Religion ist eng verbunden mit der extremen Rechten, ultra-nationalistischen, die Araber hassende Ideologie. Dies ist die Welle, auf der sich Netanjahu, ein nicht religiöser, nicht koscher essender, super-nationalistischer Opportunist bewegt. Praktisch jeden Tag tauchen- buchstäblich – neue national-religiöse Gesetze und Gesetzvorlagen auf.

Eine Gesetzesvorlage sagt, dass im Falle eines Zweifels Richter das jüdische Gesetz („die Halacha) „befragen“ müssen. Diese alten Gesetze, einige davon 2500 Jahre alt, behandelt Frauen als minderwertig und verdammt Homosexuelle zur Steinigung. Es hat nichts mit dem modernen Leben zu tun. Ein anderer Gesetzentwurf erlaubt der Knesset-Mehrheit vom Parlament gewählte Mitglieder, die den Staat nicht als „jüdisch und demokratisch“ anerkennen (das könnte wie ein Oximoron klingen), rauszuwerfen. Schulbücher in säkularen Schulen wird ein religiöser Beiklang gegeben (werden aber noch nicht verbrannt). Unabhängige Lehrer werden entlassen. Der Minister für Bildung trägt natürlich eine Kippa. Sechs Mitglieder des angesehenen Rates für höhere Bildung haben ihr Amt aufgegeben, weil die Bemühung der Regierung dahin geht, den illustren Körper mit nationalistischen und religiösen Aufwieglern voll zu stopfen.

„Wo ist die sog. Linke bei all diesem?“ mag mancher wohl fragen. Sie sind unsichtbar. Außer ein paar Übriggebliebenen als auch der belagerten arabischen Fraktion sind sie still im Glauben, dass sie sich nach rechts (auch das Zentrum genannt) bewegen müssen, um ihre Köpfe über dem heiligen Wasser zu heben.

Ich werde nicht überrascht sein, wenn ich eines Abends den TV einschalte und – siehe da – da ist Benjamin Netanjahus Kopf mit einer hübschen, kleinen Kippa bedeckt.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Optimismus des Willens

Erstellt von Gast-Autor am 21. Februar 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

 WIR HABEN also noch einen Antisemiten. Mazal Tov („Gutes Glück“) wie wir auf Hebräisch sagen.

Sein Name ist Ban Ki-moon, und er ist der Generalsekretär der UN . Tatsächlich der höchste internationale Offizielle, eine Art Welt-Ministerpräsident.

Er hat gewagt, die israelische Regierung zu kritisieren und auch die Palästinensische Behörde, sie würden den Friedensprozess sabotieren und dadurch einen israelisch-palästinensischen Frieden fast unmöglich machen. Er betonte, dass es einen weltweiten Konsens über die „Zwei-Staaten-Lösung“ gäbe, was die einzige Möglichkeit wäre.

Die Formulierung klang neutral, aber Ban macht es ganz klar, dass fast die ganze Schuld auf der Seite Israels liege. Seit die Palästinenser unter einer feindseligen Besatzung leben, können sie nicht viel tun, weder auf die eine noch auf die andere Weise.

Jeder, der Israel für irgendetwas die Schuld gibt, ist natürlich ein eklatanter Antisemit, der letzte in einer langen Reihe – angefangen mit Pharao, König von Ägypten, vor ein paar Tausend Jahren.

 ICH KRITISIERE Ban nicht, höchstens dafür, dass er zu sanft gesprochen hat. Vielleicht ist das der koreanische Stil. Falls ich – Gott bewahre – an seiner Stelle gewesen wäre, wäre meine Formulierung sehr viel schärfer gewesen sein.

Im Gegensatz zu Erscheinung gibt es keinen großen Unterschied zwischen Ban und Bibi, soweit es die Vorhersage betrifft. Vor ein paar Wochen verkündigte Benjamin Netanjahu, dass wir „auf immer mit dem Schwert leben werden“ – eine biblischer Satz, der auf die Warnung von Avner, König Sauls General zurückgeht, der zu König Davids General Yoav ausrief: „Soll das Schwert ohne Ende fressen?“. (Ich liebte Avner immer und nahm seinen Namen an.)

Aber was gut für einen Patrioten wie Netanyahu ist, ist nicht gut für einen Judenhasser wie Ban. Also zur Hölle mit ihm!

NETANJAHU MAG Bans Äußerung, dass die „Zwei-Staaten-Lösung“ jetzt der Konsens der ganzen Welt sei, nicht geliebt haben. Die Welt außer Netanjahu und seine Kohorte.

Das war nicht immer so. Ganz im Gegenteil.

Der Teilungsplan, der zuerst von der britisch königlichen Kommission angenommen wurde, der nach der arabischen Revolte 1936 (von den Juden „Die Ereignisse“ genannt) vereinbart wurde und in dem viele Araber, Juden und britische Soldaten starben. Nach diesem Plan wurde den Juden nur ein kleiner Teil von Palästina zugeteilt, ein schmaler Streifen am Meer entlang, aber es war das erste Mal in der modernen Geschichte, dass ein jüdischer Staat anvisiert wurde. Die Idee verursachte eine große Spaltung in der jüdischen Gemeinde in Palästina („Yishuv“ genannt. Aber der Ausbruch des 2. Weltkrieges setzte dem Plan ein Ende.

Nach dem Krieg und dem Holocaust gab es ein weltweites Suchen nach einer dauerhaften Lösung. Die Generalversammlung der neuen Vereinten Nationen entschied sich für eine Teilung Palästinas in zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabischen. Die jüdische Führung akzeptierte dies förmlich, aber mit der geheimen Absicht, das Gebiet bei der nächsten Gelegenheit zu vergrößern.

Die Gelegenheit kam bald danach. Die Araber wiesen die Teilung zurück und begannen einen Krieg, in dem wir viel mehr Land eroberten und unser junger Staat annektierte dies.

Mit dem Ende des Krieges, Anfang 1949 sah die Situation folgendermaßen aus: der vergrößerte jüdische Staat, jetzt Israel genannt, besetzte 78 % des Landes einschließlich West-Jerusalem; der Emir von Transjordanien behielt das Westufer/ (die West Bank) des Jordan mit Ost-Jerusalem und änderte seinen Titel in König von Jordanien; der König von Ägypten behielt den Gazastreifen.

Palästina war von der Karte verschwunden.

ALS ICH (wegen meiner Verletzungen) aus der Armee entlassen wurde, war ich davon überzeugt, dass diese Situation zu einem permanenten Konflikt führen würde. Während des Krieges hatte ich viele arabische Dörfer und Städte gesehen, von denen die Bewohner geflohen waren oder vertrieben worden sind und war davon überzeugt, dass es ein palästinensisches Volk gibt – im Gegensatz zu israelischen Behauptungen und weltweiter Meinung – und dass es nie Frieden geben wird, wenn diesem Volk ein eigener Nationalstaat verweigert wird.

Noch trug ich die Uniform, schaute mich aber nach Partnern um, mit denen ich diese Überzeugung teilen konnte. Ich fand einen jungen muslimischen arabischen Architekten in Haifa und einen jungen drusischen Scheich. (Die Drusen sind Araber, die sich vom Islam getrennt haben und vor vielen Jahrhunderten eine neue Religion gründeten.)

Wir drei trafen uns mehrere Male in der Wohnung des Architekten, aber fanden kein allgemeines Echo. Die Regierung und die allgemeine Meinung in Israel zogen den Status Quo vor. Die Existenz eines palästinensischen Volkes wurde eifrig verleugnet. Jordanien wurde de facto ein Verbündeter von Israel – wie es im Geheimen schon vorher war.

Falls jemand in den frühen 50er-Jahren eine internationale allgemeine Meinungsumfrage gemacht hätte, so frag ich mich, ob er 100 Leute in der Welt würde gefunden haben, die ernsthaft einen palästinensischen Staat gewollt hätten. Einige arabische Staaten machten gegenüber dieser Idee Lippenbekenntnisse, aber keiner nahm es ernst.

Mein Magazin Haolam Hazeh und später die Partei, die ich gründete, die denselben Namen hatte, waren die einzigen Organisationen in der Welt, die diesen Kampf weiterführten. Golda Meir sagte das berühmte Wort, dass „es so etwas wie ein palästinensisches Volk nicht gibt“ (und weniger bekannt ist: „Ich bin bereit, auf die Barrikaden zu klettern, um Uri Avnery aus der Knesset zu werfen“.

Diese totale Zurückweisung der Rechte und die reine Existenz des palästinensischen Volkes wurden sogar durch den Sechs-Tage-Krieg 1967 noch gestärkt, als Israel sich den Rest von Palästina aneignete. Die herrschende Doktrin war die „Jordanische Option“ – die Idee, dass falls und wenn Israel Teile der West Bank zurückgibt, man sie König Hussein geben würde.

Dieser Konsens erstreckte sich von David Ben Gurion bis Levy Eschkol, von Yitzhak Rabin bis Shimon Peres. Die Idee dahinter war nicht nur die geerbte Leugnung der Existenz des palästinensischen Volkes, sondern auch die verrückte Überzeugung, dass der König Jerusalem aufgeben würde, da seine Hauptstadt Amman war. Nur ein völliger Dummkopf könnte geglaubt haben, dass der haschemitische König, ein direkter Nachkomme des Propheten, die dritt-heiligste Stadt des Islam an Ungläubige geben könnte.

Die pro-sowjetisch israelisch kommunistische Partei war auch für die jordanische Option, die mich dazu brachte, in der Knesset einen Scherz zu machen, dass sie wahrscheinlich die einzige kommunistische monarchistische Partei in der Welt wäre. Dies endete 1969, als Leonid Brezhnev plötzlich den Kurs änderte und die „zwei Staaten für zwei Volker“-Formel akzeptierte. Die israelischen Kommunisten folgten fast bevor die Worte ausgesprochen waren.

Die Likud-Partei natürlich war nie bereit, nur einen qm von Erez Israel aufzugeben. Offiziell beansprucht es das Ostufer des Jordanflusses auch. Nur ein Erzlügner wie Netanjahu konnte öffentlich der Welt gegenüber seine Akzeptanz der „Zwei-Staaten-Lösung“ behaupten. Kein Likud Mitglied nahm ihn ernst.

Wenn der höchste Diplomat der Welt sagt, dass es einen weltweiten Konsens für die Zwei-Staaten-Lösung gibt, habe ich das Recht, mich einen Augenblick lang der Genugtuung zu erfreuen. Und des Optimismus‘.

„OPTIMISTISCH“ IST der Titel meiner Memoiren, deren zweiter Teil in dieser Woche herauskam (Leider nur auf Hebräisch. Ich habe noch keinen Verleger gefunden, der es in andern Sprachen herausgibt.

Als der erste Teil erschien, dachten die Leute, der Titel sei verrückt. Jetzt sagen sie, er sei wahnwitzig.

Optimistisch? Heute? Wenn das israelische Friedenslager schwer verzweifelt ist? Wenn der hier gewachsene Faschismus seinen Kopf hebt und die Regierung zum nationalen Selbstmord führt?

Ich habe mehrfach zu erklären versucht, woher dieser irrationale Optimismus kommt: aus genetischen Wurzeln, Lebenserfahrung, das Wissen, dass Pessimisten gar nichts tun, dass es die Optimisten sind, die versuchen, eine Veränderung zu bewirken.

Antonio Gramscis Motto zitiert: „Pessimismus des Intellekts, Optimismus des Willens.

BAN IST nicht der einzige Antisemit, der kürzlich demaskiert wurde. Ein anderer ist Laurent Fabius, Außenminister von Frankreich.

Wie kommt das? Fabius hat vor kurzem die Idee der Zusammenkunft einer internationalen Konferenz für einen israelisch-palästinensischen Frieden (natürlich in Paris) gehabt. Er erklärte im Voraus, wenn diese Idee nicht akzeptiert wird, wird Frankreich den palästinensischen Staat anerkennen, und die Tore Europas auch für andere öffnen.

Dies erhebt eine semantische Frage. Nach zionistischer Redeweise kann nur ein Nicht-Jude ein Antisemit sein. Ein Jude, der dasselbe sagt, ist ein „jüdischer Selbsthasser“.

Fabius gehört zu einer jüdischen Familie, die zum Katholizismus konvertiert ist. Nach jüdisch religiösen Gesetz (die Halacha) bleibt ein Jude, der gesündigt hat, ein Jude. Konvertieren ist eine Sünde. Ist Fabius also ein Nichtjude und deshalb ein Antisemit oder ein jüdischer Sünder, ein Selbsthasser?

Wie sollen wir ihn exakt verfluchen?

(Aus dem Englischen : Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Rattenfänger von Zion

Erstellt von Gast-Autor am 14. Februar 2016

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

HAMELN, EINE kleine Stadt in Deutschland (nicht weit von da, wo ich geboren wurde) war von Ratten heimgesucht. In ihrer Verzweiflung riefen die Bürger nach einem Rattenfänger und versprachen ein Tausend Gulden dafür, dass er sie von der Plage befreien werde.

Der Rattenfänger nahm sein Blasinstrument und spielte eine hüsche Melodie, dass alle Ratten aus ihren Löchern kamen und ihm folgten. Er marschierte mit ihnen zum Weserfluss, wo sie alle ertranken.

Einmal von der Plage befreit, sahen die Einwohner keinen Grund zu zahlen. Der Pfeifer nahm also noch einmal sein Instrument und spielte eine noch viel schönere Melodie. Die entzückten Kinder der Stadt sammelten sich um ihn und er marschierte mit ihnen direkt zum Fluss hinunter, wo sie alle ertranken.

Benjamin Netanjahu ist unser Rattenfänger. Entzückt von seinen Melodien, laufen die Leute von Israel hinter ihm her zum Fluss.

Jene Bürger, denen klar ist, was geschieht, schauen zu. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Wie kann man die Kinder retten?

DAS ISRAELISCHE Friedenslager ist in Verzweiflung. Kein Retter ist in Sicht. Viele sitzen vor ihrem Fernseher und wringen die Hände.

Unter dem Rest findet eine Debatte statt. Wird die Erlösung von innen kommen oder von außen?

Der letzte Mitwirkende an dieser Debatte ist Amos Schocken, der Besitzer der „Haaretz-Zeitung. Er hat einen seiner seltenen Artikel geschrieben, in dem er behauptet, dass uns nur Kräfte von außen retten können.

Lasst mich zuerst sagen, dass ich Schocken bewundere. „Haaretz“ („ Das Land) ist eine der letzten Bastionen von Israels Demokratie. Verflucht und verachtet von der ganzen rechten Mehrheit führt sie die intellektuelle Schlacht für Demokratie und Frieden. All dies während die gedruckten Medien in Israel und in aller Welt in ernster finanzieller Notlage sind. Meine eigene Erfahrung als Besitzer und Herausgeber eines Magazins–das die Schlacht verloren hat – weiß genau, wie heroisch und herzzerbrechend dieser Job ist.

In seinem Artikel sagt Schocken, dass die Schlacht, Israel von innen zu retten, hoffnungslos ist. und dass wir deshalb den von außen kommenden Druck unterstützen müssen: die wachsende weltweite Bewegung, um Israel zu boykottieren: politisch, wirtschaftlich und akademisch.

Ein anderer prominenter Israeli, der diese Ansicht unterstützt, ist Alon Liel, ein früherer Botschafter in Südafrika und gegenwärtiger Hochschuldozent. Auf seiner eigenen Erfahrung gegründet, behauptet Liel, dass es der weltweite Boykott war, der das Apartheidregime auf seine Knie zwang.

Es liegt mir fern, das Zeugnis von solch hervorragenden Experten zu verachten. Ich war nie in Süd-Afrika, um es selbst zu erleben. Aber ich habe mit vielen Teilnehmern, Schwarzen und Weißen gesprochen und mein Eindruck ist ein wenig anders.

ES IST eine große Versuchung, das gegenwärtige Israel mit der Apartheid Süd-Afrika zu vergleichen. Tatsächlich ist der Vergleich fast unvermeidbar. Aber was sagt es uns?

Die angenommene Ansicht im Westen ist, dass der internationale Boykott des scheußlichen Apartheid-Regime es war, der ihm das Rückgrat brach. Dies ist eine beruhigende Ansicht. Das Gewissen der Welt wachte auf und zerdrückte die Schufte.

Doch dies ist ein Blick von außen. Der Blick von innen scheint ganz anders. Die Innenansicht schätzt die Hilfe der internationalen Gemeinschaft, aber führt den Sieg auf den Kampf der schwarzen Bevölkerung selbst zurück, ihre Bereitschaft zu leiden, ihren Heldenmut, ihre Hartnäckigkeit. Indem es viele verschiedene Methoden anwandte, einschließlich Terrorismus und Streiks, machte es die Apartheid schließlich unmöglich.

Der internationale Druck half mit, dass den Weißen zunehmend ihre Isolierung bewusst wurde. Einige Maßnahmen, wie der internationale Boykott der südafrikanischen Sportteams waren besonders schmerzlich. Aber ohne den Kampf der schwarzen Bevölkerung selbst, würde der internationale Druck unwirksam gewesen sein.

Den höchsten Respekt schuldet man den weißen Süd-Afrikanern, die aktiv den Kampf der Schwarzen unterstützten, einschließlich Terrorismus bei großem persönlichem Risiko. Viele von ihnen waren Juden. Einige flohen nach Israel. einer war mein Freund und Nachbar Arthur Goldreich. Die israelische Regierung unterstützte natürlich das Apartheid-Regime.

Selbst ein oberflächlicher Vergleich zwischen den beiden Fällen zeigt, dass das israelische Apartheid-Regime sich großer Aktivas erfreut, die in Süd-Afrika nicht existierten.

Die südafrikanischen weißen Herrscher wurden weltweit verabscheut, weil sie ganz offen die Nazis im 2. Weltkrieg unterstützten. Die Juden waren die Opfer der Nazis. Der Holocaust ist ein riesiges Guthaben der israelischen Propaganda. So wird das Nennen jeder Kritik Israels als antisemitisch angesehen – eine sehr wirksame Waffe in diesen Tagen.

(Mein letzter Beitrag: Wer ist ein Antisemit? Derjenige, der die Wahrheit über die Besatzung sagt.)

Die unkritische Unterstützung der mächtigen jüdischen Gemeinden in aller Welt für die israelische Regierung ist etwas, wovon die südafrikanischen Weißen nicht einmal träumen konnten.

Und natürlich ist kein Nelson Mandela in Sicht.

Paradoxerweise gibt es ein klein wenig Rassismus in der Ansicht, dass es die Weißen in der westlichen Welt waren, die die Schwarzen in Südafrika befreiten und nicht die schwarzen Südafrikaner selbst.

Es gibt noch einen großen Unterschied zwischen den beiden Situationen. Während Jahrhunderten der Verfolgung in der christlichen Welt abgehärtet, können jüdische Israelis auf Druck von außen anders reagieren als erwartet. Druck von außen kann sich gegensätzlich äußern. Es kann sich der alte jüdische Glaube wieder bestätigen, dass Juden nicht verfolgt werden für das, was sie tun, sondern für das, was sie sind. Das ist einer von Netanjahus Hauptargumenten.

Vor Jahren sang und tanzte eine Armeeunterhaltungsgruppe zu der fröhlichen Melodie eines Liedes, das mit den Worten begann: „Die ganze Welt ist gegen uns, aber uns ist es schnuppe…“

Dies betrifft auch die BDS-Kampagne. Vor 18 Jahren waren meine Freunde und ich die ersten, die einen Boykott auf die Produkte der Siedlungen erklärten. Wir wollten eine Kluft zwischen Israelis und den Siedlern schaffen. Deshalb erklärten wir keinen Boykott gegen Israel selbst, was gewöhnliche Israelis in die Arme der Siedler getrieben hätte. Nur direkte Unterstützung der Siedlungen sollte bestraft werden

Das ist noch immer meine Meinung. Aber jeder im Ausland sollte seine/ihre eigene Meinung dazu haben. Man sollte sich immer daran erinnern, dass die Hauptsache sei, die öffentliche Meinung zu in Israel zu beeinflussen

DIE „INNEN-AUSSEN“Debatte könnte rein theoretisch sein, aber sie ist es nicht. Sie hat sehr praktische Konsequenzen.

Das israelische Friedenslager ist in einem Zustand der Verzweiflung. Die Größe und Macht des Rechten Regierungsflügels wächst. Fast täglich werden widerliche neue Gesetze vorgeschlagen und erlassen, einige von ihnen mit einer unverkennbaren faschistischen Variante. Der Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich mit einem Pulk männlicher und weiblicher Rowdies umgeben, vor allem aus der Likud Partei, obwohl er selbst im Vergleich zu denen selbst beinahe ein Liberaler ist. Die wichtigste Oppositionspartei, das „Zionistische Lager“ (früher Labor) könnte Likud B genannt werden.

Abgesehen von einigen Dutzend Randgruppen, die tapfer diese Welle aushalten und bewundernswerte Arbeit tun, jede in ihrer ausgewählten Nische, ist das Friedenslager gelähmt durch seine eigene Verzweiflung. Sein Slogan könnte gut sein: „Nichts kann mehr getan werden“

Die jüdisch-arabische Zusammenarbeit im gemeinsamen Kampf innerhalb Israel – jetzt trauriger Weise fast fehlend – ist auch wesentlich.

In diesem Klima ist die Idee, dass Israel nur durch Druck von außen von sich selbst retten kann, tröstlich. Irgendjemand dort draußen wird die Arbeit für uns tun. Erfreuen wir uns also der Demokratie, solange sie noch besteht.

Ich weiß, dass nichts weiter entfernt ist von Schockens, Liels und all der anderen Gedanken, die täglich den Kampf kämpfen. Aber ich fürchte, dass dies die Folge ihrer Ansichten ist.

WER ALSO hat recht? Diejenigen, die glauben, dass der Kampf innerhalb Israel uns retten kann oder jene, die ihr Vertrauen ganz auf den Druck von außen setzen?

Meine Antwort: weder noch

Oder eher beide.

Diejenigen die innen kämpfen, benötigen alle Hilfe, die sie von außen bekommen können. Alle moralisch denkenden Menschen in allen Ländern der Welt sollten es als ihre Pflicht ansehen, den Gruppen und Personen innerhalb Israels zu helfen, die weiter für Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit kämpfen.

Wenn Israel ihnen teuer ist, sollten sie diesen tapferen Gruppen moralisch, politisch und materiell zu Hilfe kommen.

Aber um den Druck von außen wirksam zu machen, müssen sie in der Lage sein, sich mit dem Kampf drinnen zu verbinden, dies veröffentlichen und dafür Unterstützung gewinnen. Sie können neue Hoffnung denen geben, die am Verzweifeln sind. Nichts ist entscheidender.

Der Regierung ist das klar. Deshalb erlässt sie alle Arten von Gesetzen, um die israelischen Friedensgruppen von ausländischer Hilfe abzuschneiden.

Also lassen wir den guten Kampf weitergehen – innerhalb, außerhalb, ja überall.

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Extrem, extremer, am Extremsten

Erstellt von Gast-Autor am 7. Februar 2016

Texte von Uri Avnery

 Autor Uri Avnery

WIE ES wohl bekannt ist, ist Israel ein „Jüdischer und demokratischer Staat.“

Das ist die offizielle Bezeichnung.

Nun ….

 WAS DAS Jüdische betrifft, so ist es eine neue Art Jüdischkeit, eine Mutation.

Seit etwa 2000 Jahren sind Juden als weise, schlaue, friedliebende, humane, progressive, liberale, sogar sozialistische Menschen bekannt.

Wenn man heute diese Attribute hört, fällt einem nicht der Staat Israel als erstes ein. Weit davon entfernt.

Was „demokratisch“ betrifft, so stimmte dies mehr oder weniger bei der Gründung des Staates 1948 bis zum 6-Tage-Krieg von 1967, als Israel leider die Westbank, den Gazastreifen, Ost-Jerusalem und die Golanhöhen eroberte. Und natürlich die Sinai-Halbinsel, die später an Ägypten zurückgegeben wurde .

(Ich sage „mehr oder weniger“ demokratisch, weil es nirgendwo auf der Welt einen vollständig demokratischen Staat gibt.)

Seit 1967 ist Israel eine hybride Schöpfung – halb demokratisch, halb diktatorisch. Wie ein Ei, das zur Hälfte frisch, zur Hälfte verrotten ist.

Die besetzten Gebiete – erinnern wir uns – bestehen mindestens aus vier verschiedenen Kategorien:

(a) Ost-Jerusalem, das 1967 von Israel annektiert wurde und jetzt offiziell Teil von Israels Hauptstadt ist. Seine palästinensischen Bewohner sind nicht als israelische Bürger akzeptiert worden. Sie sind nur „Einwohner“, ohne jegliche Bürgerrechte.

(b) Die Golanhöhen, früher ein Teil Syriens, die von Israel annektiert wurden . Die paar arabisch-drusischen Bewohner, die dort blieben, sind zögerliche Bürger Israels.

(c) Der Gazastreifen, der von Israel und Ägypten (die gemeinsame Sache machen) vollkommen von der Welt abgeschnitten ist. Die israelische Flotte schneidet es auf der See ab. Das Minimum, das die Bewohner zum Überleben brauchen, darf durch Israel kommen. Der verstorbene Ariel Sharon zog die wenigen jüdischen Siedlungen aus dem Gebiet heraus, das nicht von Israel beansprucht wurde, weil dort zu viele Araber sind.

(d) Die Westbank (des Jordanflusses), die die israelische Regierung und Israelis vom rechten Flügel mit ihren biblischen Namen „Judäa und Samaria“ nennen, ist die Heimat des größten Teils des palästinensischen Volkes, wahrscheinlich etwa 3,5 Millionen. Es ist dort, wo die Schlacht sich abspielt.

VOM ERSTEN TAG der 1967-Besatzung beabsichtigen Israelis vom rechten Flügel die Westbank an Israel zu annektieren. Mit dem Slogan „Das ganze Erez Israel“ begannen sie eine Kampagne, um dieses ganze Gebiet zu annektieren, die palästinensische Bevölkerung zu vertreiben und so viel wie möglich jüdische Siedlungen dort aufzubauen.

Die Extremisten verbergen nie ihre Absicht, dieses Land ganz von Nicht-Juden zu reinigen und ein Groß-Israel vom Mittelmeer bis zum Jordanfluss zu errichten.

Dieses Ziel zu erreichen, ist sehr schwierig. 1948, während unsres sog. „Befreiungskrieges“ eroberte Israel ein weit größeres Gebiet als ihm von den Vereinten Nationen zugestanden wurde, wurde aber vergeben. Die Hälfte der palästinensischen Bevölkerung des Landes wurde vertrieben oder floh. Das Fait accompli wurde mehr oder weniger von der Welt akzeptiert, weil es mit militärischen Mitteln in einem Krieg erreicht wurde, der von arabischer Seite begonnen wurde, und weil es so nah am Holocaust geschah.

1967 war die Situation völlig anders. Die Ursachen des neuen Krieges waren umstritten: David verwandelte sich in Goliath, ein weltweiter kalter Krieg lief. Israels Eroberungen wurden nicht anerkannt, nicht einmal von ihrem Schutzherrn, den USA.

Trotz verschiedener neuer israelisch-arabischer Kriege, dem Ende des kalten Krieges und vielen andern Veränderungen, hat sich diese Situation nicht verändert.

Israel nennt sich selbst einen „jüdischen und demokratischen Staat“. Die Bevölkerung in „Groß-Israel“ ist jetzt halb jüdisch und halb arabisch, wobei sich die Araber schneller vermehren. Das eigentliche Israel ist mehr oder weniger demokratisch. In den besetzten palästinensischen Gebieten herrscht eine diktatorische „ Militärregierung“ mit Hundert Tausenden jüdischer Siedler, die versuchen, die palästinensisch-arabische Bevölkerung mit allen erreichbaren Mitteln, einschließlich betrügerischem Landkauf und Terrorismus („Vergeltung“ genannt) zu vertreiben.

Im eigentlichen Israel gehört die Regierung zur extremen Rechten mit einigen Elementen, die woanders „faschistisch“ genannt würden. Das Zentrum und die Linke sind ohnmächtig. Der einzige wirkliche politische Kampf herrscht zwischen der radikalen Rechten und der noch radikaleren Rechten.

IN DIESER WOCHE brach eine wütende Schlacht zwischen Benjamin Netanjahu und seinem Verteidigungsminister Bogi Yaalon, beide von der Arbeitpartei und Naftali Bennett, dem Führer der“Jüdisches Heim“-Partei, aus. Bennett, ein ehrgeiziger Rechter macht kein Hehl aus seiner Absicht, Netanjahu so bald wie möglich zu ersetzen.

Die Art und Weise der Sprache, die von beiden Parteien benützt wird, würde man sogar zwischen der Koalition und der Opposition als extrem betrachten. Zwischen Partnern der Koalitionsregierung ist es – mild ausgedrückt – ziemlich ungewöhnlich, selbst in Israel.

Verglichen mit diesem ist die Sprache des Oppositionsführers Yitzhak Herzog praktisch höflich.

Bennett sagte, dass Netanjahu und Ya’alon alte und überholte Ideen propagieren und an „psychischer Paralyse“ leiden. Er behauptete, dass sie Israels schwankenden Ruf in der Welt nur noch mehr verschlechtern. Netanjahu und Yaalon, ein früheres Kibbuzmitglied und Stabschef der Armee klagten Bennett des Stehlens an. Nach ihnen würde Bennett, sobald es im Kabinett eine gute Idee gäbe, aus dem Raum rennen und behaupten, es seien seine eigenen Ideen Yaalon nannte Bennett „kindisch“ und „unbesonnen“.

Wer hat recht? Leider alle.

Dazwischen steht bzw. sitzt der gegenwärtige Armeechef Gadi Eisenkot, Sohn marokkanischer Immigranten trotz seines deutsch klingenden Namens. In Israel sind – seltsam genug – die Armeechefs gewöhnlich moderater als die Politiker.

Der General schlug vor, die Lage der arabischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten zu verbessern zum Beispiel den Leuten in Gaza einen Hafen zu bauen, damit sie mit der Welt im ganzen in Kontakt kommen könnten. Erstaunlich.

ALL DIES ereignete sich bei einer Konferenz der sogenannten Sicherheitsexperten, bei der jeder sich zu Wort melden kann.

Die Führer der Oppositionspartei nahmen auch daran teil. Yitzhak Herzog von der Labor-Partei, Yair Lapid von der Zentrum-Partei „Es gibt eine Zukunft“ und andere hatten das Sagen, aber sie waren so langweilig, dass über ihre Reden nur um der fairness willen berichtet wurde. Sie grabschten von hier und dort einige Ideen und nannten dies „mein Plan“ – und schoben den Frieden – wenn überhaupt – auf eine sehr entfernte Zukunft.

Frieden ist – soviel man weiß – etwas Angenehmes, etwas, von dem man träumt. Nichts für ernsthafte Politiker.

Was bleibt, ist ein wütender Kampf zwischen der extremen Rechten und dem noch extremeren rechten Flügel.

Bennett, ein früherer High-Tech-Unternehmer, trägt eine Kippa auf seinem kahlen Kopf (offen gesagt, wundere ich mich immer, was sie dort hält, vielleicht der reine Willen). Er verbirgt seine Überzeugung nicht, dass er den flauen Netanjahu um der Nation willen so bald wie möglich ersetzen muss.

Bennett verklagte die inkompetente, politische Führung, dass sie unsere tapferen Soldaten und ihre Kommandeure in Stich lässt – eine Anklage direkt aus „Mein Kampf“, das dabei ist, auf Hebräisch zu erscheinen.

Netanjahus einzig möglicher Nachfolge innerhalb seiner Likud-Partei ist Yaalon, ein Mann ohne irgendwelches Charisma oder politisches Talent. Doch damit Bennett und seine Jüdische Heimat-Partei ans Ruder kommt, müssen sie die Likud-Partei an die Wahlurne überwinden – eine sehr schwierige Sache. Göttliche Intervention mag nötig sein.

Wenn wir schon von göttlicher Intervention sprechen: letzte Woche kritisierte die schwedische Außenministerin Margot Wallström Israels Rechtssystem, das verschiedene Rechte für Juden und Araber hätte.

Netanjahu reagierte scharf – wer hätte das gedacht: rein zufällig war die schwedische Presse voller Geschichten über die Korruption von Wallström, die für ihre Regierungswohnung weniger Miete als sie sollte, zahlen würde.

ALL DIES könnte amüsierend sein, wenn es nicht die Zukunft Israels beträfe.

Friede ist ein schmutziges Wort. Das Ende der Besatzung ist nicht in Sicht. Die Vereinte (arabische) Partei wird nicht einmal in Bezug gezogen. Dasselbe gilt beinahe für Meretz.

Auf der Linken ist Verzweiflung das Synonym für Faulheit. Dort gibt es eine sanfte Debatte über die Idee, dass nur die Welt außerhalb Israels uns von uns selbst retten kann. Dies wird jetzt von dem geachteten früheren Generaldirektor unseres Außenministeriums, Alon Lyel, propagiert. Ich glaube nicht daran. Die Idee sich an Nichtjuden zu wenden, um die Juden vor sich selbst zu retten, ist keine Idee, die große Popularität gewinnen wird.

Bennett hat in einem Punkt recht: Stagnation, psychisch wie praktisch, ist keine Lösung. Die Dinge müssen wieder in Bewegung kommen. Ich hoffe inbrünstig, dass die junge Generation neue Kräften und neue Ideen hervorbringen wird, die Netanjahu, Bennett und ihre Sorte beiseiteschieben wird.

Was unsere hoch-gelobte Demokratie betrifft, so scheint es, dass seit Jahren eine von der Regierung finanzierte Organisation einen privaten Detektiv bezahlt hat, dessen Job es war, die Papierkörbe von Friedensaktivisten durchzugehen, um Informationen über Menschenrechts- und Friedensgruppen und Persönlichkeiten zu erhalten.

Zum Glück zerreiße ich alles.

(dt. Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die Kluft, die immer weiter wird

Erstellt von Gast-Autor am 31. Januar 2016

Die Kluft, die immer weiter wird

Autor Uri Avnery

IN JEDER Liste von Israels bedeutendsten Frauen würde Ilana Dayan an prominenter Stelle stehen.

Dayan (Keine Verbindung zum verstorbenen General mit dem Augenverband) ist  die Redakteurin  von einem der repräsentativsten Fernsehprogramme. Während das israelische  Fernsehen im Allgemeinen langsam in einen Morast stupider „Realitäts“-Unterhaltung sinkt, steht ihr Programm  mit Namen „Uvdah“  („Tatsache“)  wie ein Leuchtturm von verantwortlichem, investigativem Journalismus, und zwar von der Ar, von der mein  einst wöchentliches Nachrichten Magazin bekannt war.

Im Allgemeinen ist Dayan immer als sanfte „Linke“ angesehen worden – da kompromisslose Kritik der zur Zeit Regierenden gewöhnlich mit der Linken identifiziert wird.

Jetzt wird sie angeklagt, der extremen fast faschistischen Rechten zu dienen. Schockierend!

In der wilden Debatte, die folgte, zitierte Dayan mich zur Unterstützung.  40 Jahre lang trug mein Magazin in seinem Impressum den Slogan „Ohne Furcht, ohne Vorurteil.“ Dayan behauptete, dass sie entsprechend dieses  Mottos  handeln würde.

Dies zwingt mich, mich in diese Diskussion einzumischen – gegen mein besseres Urteil.

DER HINTERGRUND dieser Affäre betrifft genau die Gründe des israelisch-palästinensischen Konfliktes.

Seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 hat Israel  unter anderen Gebieten das Gebiet, das von den Arabern „die Westbank“/ Westufer des Jordan, und von der israelischen Regierung und von Israelis des rechten Flügels „Judäa und Samaria“, ihre biblische Bezeichnung, genannt wird, erobert.

Fast seit Beginn der Besatzung hat sich die israelische Rechte sehr darum bemüht, „das Land zu besiedeln“  – jüdische Siedlungen und Städte, Dörfer und kleine Außenposten im ganzen Gebiet.

Wem gehört das Land offiziell, auf dem die Siedlungen gebaut werden?

Vieles davon war „Regierungsland“.  Dies geht zurück bis  ins Ottomanische Reich. Allgemeine Landreserven, die keinem individuellen Bauer gehörten, sondern dem ganzen Dorf, waren auf den Namen des Sultan  registriert. Unter der britischen „Regierung von Palästina“ wurde es „Regierungsland“. Als die israelische Armee das Land besetzte, legte die israelische Regierung  ihre Hand  auf all diesen Besitz. Das bedeutet, dass dieses Land jetzt nur von jüdischen Siedlern benützt wird.

Andere Teile des Landes wurden einfach von der Militärregierung „ aus Sicherheitsgründen“ oder  für „öffentliche Zwecke“ enteignet und dann den Siedlern übergeben.

Viele dieser Siedlungen sind offenkundig illegal, sogar nach dem israelischen Gesetz, das in diesen Gebieten vorherrscht. Aber das  Gesetz wird sehr selten angewandt. Die israelische Militärregierung, die Armee und die Polizei unterstützen ganz offen die Siedlungen, schützen sie  und verbinden sie mit dem Stromnetz. Die Gerichte kümmern sich sehr selten um sie.

Doch was geschieht mit Siedlungen, die auf privatem arabischem Land stehen?  Ah, hier liegt der Hase im Pfeffer. Alle möglichen und unmöglichen Tricks sind angewandt worden, um sie zu übernehmen. Unter ihnen  ist die Anwendung von falschen Dokumenten, falschen Unterschriften, oft von toten Besitzern. Aber die gewöhnlichste Methode ist der Gebrauch arabischer Vermittler.

FÜR DAS palästinensische Volk ist dies ein existentieller Kampf. Die israelische Rechte, die jetzt die Regierung dominiert, verbirgt ihre Vision eines Landes, frei von palästinensischen Arabern nicht (im Deutschen „araberrein“). Die Vision des ganzen Landes  von Juden besiedelt – mit  sonst niemand –  hat starke Anziehung, besonders in religiösen Kreisen.

Die Siedler und  ihre Verbündeten haben ein ganzes Netzwerk für legalen Land-Erwerb  geschaffen. Sie nähern sich einem arabischen Besitzer und bieten ihm eine riesige  Summe für sein Land an. Das Geld kommt von  jüdischen Milliardären der USA oder aus geheimen Regierungsfonds. Der arabische Besitzer ist sehr versucht. Er will es verkaufen und dann mit dem Geld wegrennen. Aber er fürchtet seine Nachbarn und fanatische Palästinenser.

Von da kommen die arabischen Vermittler. Sie handeln als Agenten der Siedler und kaufen das gewünschte Land in einer Weise, die den Käufer befähigt, vorzugeben, dass  er seinen Besitz an andere Araber verkaufe.

Für die palästinensische Gemeinde sind diese Vermittler schlimmer als Verräter.  Sie gefährden die bloße Existenz des palästinensischen Volkes. Sie entfachen intensive Wut.

HIER ISTES,  wo die TV-Reportage von Ilana Dayan beginnt.

Es konzentriert sich auf einen israelischen Friedensaktivisten mit Namen Ezra Nawi, ein irakisch-jüdischer Name. Er ist sehr aktiv in der Gegend von Hebron in der südlichen Westbank. Seit Jahrzehnten kenne  ich seinen Namen.

Mein Eindruck ist immer  gewesen, dass Nawi eine Art Einzelgänger ist; selbstlos hilft er den Palästinensern, verbunden mit einigen der vielen aktiven israelischen Friedensorganisationen, besonders mit Ta’ayush.

Hebron ist ein Zentrum der fanatischsten jüdischen Siedler. Es war hier, wo der Siedler und Massenmörder Baruch Goldstein 29  betende Araber in der Moschee massakrierte. Von wütenden Überlebenden wurde er auch getötet. Er wird jetzt von den Siedlern wie ein Heiliger verehrt.

Diese Siedler sind mit einem langen Kampf  engagiert, um alle Araber  aus den umliegenden Dörfern zu vertreiben. Sie zerstören ihre Häuser, sägen ihre Fruchtbäume ab, füllen ihre Brunnen mit Dreck. Ezra Nawi  arbeitet unermüdlich, um den Arabern zum Durchhalten zu helfen

AUF DER Seite der Siedler gibt es mehrere jüdisch faschistische Organisationen (pardon, keine andere Bezeichnung trifft den Fall) die großzügig von amerikanisch- jüdischen Milliardären  finanziert werden.

Wie es jetzt scheint, haben diese Organisationen ein Spionage Netzwerk aufgebaut, um israelische Friedens- und Menschenrechtsgruppen zu infiltrieren. Einem ihrer Agenten gelang es das Vertrauen des unverdächtigen Nawi zu gewinnen, der in einem Augenblick der Selbstverherrlichung angab, die Namen  von arabischen Landverkäufern den palästinensischen Sicherheitskräften preisgab, die sie wegen Verrats exekutierten.

Die faschistische Organisation brachte die Information rüber zu Ilana Dayan, die dies zum Haupt-Thema ihres wöchentlichen Fernsehprogrammes  machte. Nawi eilte zum Flughafen, wurde aber von der Polizei aus dem Flugzeug geholt.

Hier sind wir also.

Bei der wütenden Debatte, die jetzt in den Medien tobte, wird Dayan von den Linken wie Gideon Levy angeklagt, sie sei eine Verräterin geworden und diene nun den Faschisten. Dayan antwortete mit einem wütenden Artikel, in dem sie mein Motto zitiert. Es sei nicht ihre Sache, behauptete sie, sich zu fragen, ob ihre Enthüllungen der Linken oder der Rechten diene. Ihr Job sei es nur, sicher zu gehen, dass sie wahr sind.

Sie behauptete auch, es sei nicht ihr Geschäft, die Motive der Leute zu erkunden, die die Information liefern. Auch hier stimme ich mit ihr überein. Eine wichtige Information kann zuweilen  von ganz unangenehmen Quellen ausgehen.

Das öffentliche Wohl mag seine Veröffentlichung trotzdem verlangen.

Ich bin unter allen Umständen gegen Todesstrafe. Ich bin auch gegen Folter.  Doch habe ich nie irgendeinen Beweis gesehen, dass die palästinensischen Sicherheitsdienste bei arabischen Landvermittlern dies ausgeführt haben, auch wenn einige harsch verhört worden seien.

Einen komischen Gesichtspunkt gibt es auch. Nawi wird angeklagt, Kontakte mit ausländischen Agenten zu haben, ein Verbrechen, das Spionage gleichkommt. Welche ausländischen Agenten? Der Sicherheitsdienst der palästinensischen Behörde unter dem Kommando von Mahmoud Abbas?  Doch nur vor ein paar Tagen teilte der israelische  Sicherheitsdienst mit, dass die beiden Sicherheitsdienste – der israelische und der palästinensische – eng zusammen arbeiten, um arabischen „Terrorismus“ zu verhindern; Auf diese Weise wurden viele  israelische Leben gerettet. Wann also sind palästinensische Dienste Feinde und Kontakt mit ihm ein solch ernstes Verbrechen?

Eine andere Frage betrifft die Offenlegung, dass extreme  Organisationen des rechten Flügels von ausländischen (jüdisch-amerikanischen) Spendern finanziert,  weitverbreitete geheime Spionagetätigkeit gegen israelische Aktivisten durchführen. Wie kommt es, dass der Shin Bet nichts davon weiß – oder falls er davon weiß, warum hält er es geheim?

Eine Sache ist sicher: Israelische Politik wird von Tag zu Tag hässlicher. Die Kluft zwischen links und rechts wird  zu einem Abgrund des Hasses. Der rechte Flügel benützt Methoden, die mich an 1933 in Deutschland erinnern.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

König Bibi

Erstellt von Gast-Autor am 20. Dezember 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

BENJAMIN NETANJAHU ist unser Ministerpräsident fürs Leben.

So scheint es. Offensichtlich glaubt er dies auch.

Er glaubt es nicht nur. Er handelt entsprechend. Um sicher zu gehen, hat er zwei notwendige Dinge getan: a) jeden möglichen Konkurrenten eliminieren und (b) sich mit männlichen und weiblichen Troddeln umgeben; keiner von diesen könnte als plausibler Nachfolger angesehen werden. In der Tat, der Gedanke, dass irgendeiner von diesen jemals Ministerpräsident werden könnte, lässt einen schaudern.

Also sind wir mindestens fürs Leben an ihn gebunden. Zeit, um dieser Aussicht gegenüber zu treten.

ER IST nicht der Schlechteste. Keiner ist dies jemals. Für jeden schlechten Führer gibt es noch einen schlechteren (Mit Ausnahme von Adolf Hitler, vielleicht).

Blicken wir also zuerst auf die positiven Seiten seiner Regierung. Da gibt es, (tatsächlich) welche.

Nummer 1: Er ist nicht verrückt.

In der Welt gibt es mehrere verrückte Führer. Wir haben eine ganze Anzahl von Verrückten innerhalb und außerhalb der Regierung. Netanjahu ist keiner von ihnen.

Nummer2: Er ist nicht unverantwortlich.

Während des letzten Gaza-Krieges, als alle Arten von Politikern und andere Demagogen ihm zuriefen, alle möglichen unverantwortlichen Dinge zu tun , wie das Zurück-erobern des Gazastreifens, verweigerte er dies und folgte dem Rat der Armee.

(In Israel verabscheut die Armee zur Zeit sinnlose Abenteuer. Die Armeeoffiziere sind in der Regel viel weniger unbesonnen als die Politiker.)

Man kann natürlich fragen, wie kamen wir überhaupt erst in diesen Morast? Tatsächlich passt die alte Definition zu Netanjahu: Eine schlaue Person ist jemand, der weiß, wie man aus einer schlimmen Situation herauskommt, in die eine weise Person überhaupt niemals hinein geraten würde.

Nummer 3: Er ist ein erfolgreicher Redner.

Das ist natürlich keine notwendige Voraussetzung. David Ben Gurion war ein schlechter Redner. Levi Eshkol war ein miserabler Redner. Beide waren im Vergleich zu Golda Meir Demosthenes-gleich, deren Vokabular im Hebräischen und Englischen aus etwa hundert Wörtern mit schlechtem Akzent bestand. Das war für sie genug, um jede Hörerschaft zu überzeugen.

Netanjahu ist ein vollendeter Redner im entgegengesetzten Sinn. Er spricht ein gutes Hebräisch; er hat eine tiefe Stimme, seine Gesten sind angemessen. Tatsächlich hat man oft den Eindruck, dass er eine Stunde vor dem Spiegel verbrachte, um den Vortrag ganz genau hinzubekommen.

Doch überzeugt er nur diejenigen, die überzeugt werden wollen. Um kritische Zuhörer zu überzeugen, ist die ganze Vorstellung zu sehr einstudiert, zu perfekt. Wie sein Haar zu glatt, zu perfekt blau-weiß gefärbt ist.

(Neulich wurde bekannt, dass sein persönlicher Friseur auf der Regierungsliste mehr als ein Kabinettminister verdient. Recht so, denke ich.)

Wenn Netanjahu vor der Welt als Vertreter Israels spricht, liefert er eine glaubwürdige Vorstellung. Nicht brillant, vielleicht nicht sehr überzeugend, aber auch nicht beschämend.

VIELE LEUTE in Israel oder außerhalb glauben, dass Netanjahu ein totaler Zyniker ist, ein Mann ohne wirkliche Überzeugungen, dessen einziges Ziel es ist, für immer an der Macht zu bleiben.

Ich glaube nicht, dass dies wahr ist.

Ein Zyniker ohne Überzeugungen würde viel weniger gefährlich sein. Aber Netanjahu ist kein Zyniker.

Er wuchs im Schatten seines Vaters Ben Zion auf, ein harter Familientyrann, der überzeugt war, dass er nicht den Respekt erhält, der ihm von seinen akademischen Kollegen und Institutionen zukam.. Deswegen emigrierte er vorübergehend in die US, wo Benjamin als richtiger amerikanischer Junge aufwuchs.

Der Vater war ein fanatischer extremer Rechter. Der Führer der zionistischen Rechten, der brillante Vladimir (Ze’ev) Jabotinsky, war für ihn zu moderat. Ben Zion war spezialisiert auf die Geschichte der spanischen Inquisition und schrieb ein gewichtiges Buch darüber, aber seine Kollegen erwiesen ihm nicht die Ehre, von der er glaubte, sie stünde ihm zu. Er wurde sehr verbittert.

Benjamin verehrte seinen Vater und betrachtete ihn als Genie, aber der Vater bewunderte seinen älteren Sohn Yoni, einen Militäroffizier, der bei dem berühmten Entebbe –Überfall starb. Von „Bibi“ hatte der Vater eine ziemlich geringe Meinung. Er sagte einmal öffentlich, dass Benjamin ein guter Außenminister werden könnte, aber kein Ministerpräsident. In Israel wird der Außenminister mit einiger Geringschätzung behandelt. Ein wirklicher-Mann hofft Verteidigungsminister zu werden.

All dies flößte in den jungen Benjamin einen brennenden Eifer, seinem toten Vater zu zeigen, dass er ein ausgezeichneter Ministerpräsident sein konnte. Dies bildete auch die ideologische Basis für all seine Gedanken und Aktionen: die unerschütterliche Überzeugung, dass die Juden „das ganze Eres Israel“ in Besitz nehmen müssen – das ganze Land zwischen Mittelmer und dem Jordan.

Jedes Wort, das Netanjahu je sagte, das dieser Grundüberzeugung widersprach, ist eine eklatante Lüge. Aber wie die alten Römer gesagt haben sollen: „ Es ist süß und passend, fürs Vaterland zu lügen

INNERHALB DIESES verborgenen Parameters ist Netanjahu tatsächlich ein Zyniker. Er klebt an der Macht und hat keine Neigung dazu, sie jemals aufzugeben-

Und tatsächlich ist er ein vollkommener Politiker. Es gibt keine Anzeichen, dass er irgendeinen von ihm ernannten Minister respektiert. Er scheint, ein Vergnügen daran zu haben, jedem einzelnen den Job zu geben, der am wenigsten zu ihm/ zu ihr passt. Die Kulturministerin, Miri Regev, eine vulgäre, primitive, ganz unkultivierte weibliche Politikerin ist ein ausgezeichnetes Beispiel, aber die meisten ihrer Kollegen sind nicht viel besser.

Keiner von diesen kann Netanjahus Position zum mindesten gefährden. Verglichen mit ihm, ist er die überragende Figur.

In den andern Parteien innerhalb der Regierungs-Koalition – und außerhalb – ist die Situation nicht viel besser. Einige von ihnen zeigten (wenigstens in den Meinungsumfragen) einige Hoffnung, doch dies erwies sich als zu kurzlebig. Moshe Kahlon, der gegenwärtige Finanzminister, ein netter Kerl, aber als nationaler Führer ist er ganz klein. So ist es auch mit Yair Lapid, dem früheren Finanzminister, der jetzt in der Opposition ist, der fest davon überzeugt ist, dass ihn das Schicksal zu Netanjahus Nachfolger auserwählt habe. Sein einziges Problem ist, dass nur sehr wenige diesen Glauben teilen.

Viel beunruhigender ist, dass die Labor-Partei (jetzt „Zionistisches Lager“) ohne jede Persönlichkeit ist, die nur in die Nähe von Netanjahus Führungsstatur kommen könnte. Der Parteiführer Yitzhak Herzog ist eine traurige Enttäuschung. Fast alle Parteifunktionäre meiden sogar das hervorstechende Staatsproblem zu erwähnen: die Besatzung. Kaum jemals äußern sie das gefährliche Wort Frieden. Es ist viel besser über „politische Vereinbarungen“ „Endabkommen“ und ähnliches blah, blah, blah zu reden.

NETANJAHUS HAUPTINSTRUMENT der Herrschaft geht zurück auf die alten Römer (wie es zum Sohn eines Historikers passt): Teile und herrsche.

Er ist ein großartiger Aufhetzer; Juden gegen Araber, orientalische Juden gegen Aschkenasi, religiöse gegen säkulare. (Er selbst ist ein Ungläubiger, aber die Religiösen aller Richtungen sind seine stärksten Verbündeten.)

Haß geht mit Angst. Es ist ein alter jüdischer Glaube, dass die ganze Welt uns zerstören will („Aber Gott rettet uns aus ihren Händen“ wie jeder Jude am Passahabend deklamiert) Das ist jetzt wahrer denn je.

Die Iraner wollen uns ausrotten. Die Araber wollen uns ins Meer werfen. Die Linken sind noch schlechter: sie sind Verräter. Bibi ist der einzige, der uns von all diesen retten kann. Gott mag etwas nachhelfen.

ABER DIE wirkliche Gefahr von Netanjahus Herrschaft ist sein totales Schweigen zu Israels Hauptproblem, seine existentielle Frage: der 130jährige Krieg mit den Palästinensern und durch Erweiterung mit der ganzen arabischen und muslimischen Welt.

Durch die Ideologie seines Vaters festgelegt, ist er nicht in der Lage, einen Zoll unsres heiligen Vaterlandes abzugeben (Wie viele Israelis glaubt er nicht an Gott, glaubt aber, dass Gott uns dieses Land verheißen hat. Tatsächlich war Gott sogar großzügiger und versprach uns alles Land zwischen Nil und Euphrat.

Einige bantustan-ähnliche, nicht mit einander verbundene Enklaven für die Palästinenser – warum nicht? solange wir sie nicht alle mit einander vertreiben können. Aber nicht mehr.

Dies verhindert jede Bemühung um Frieden. Es garantiert einen Apartheidstaat oder einen bi-nationalen Staat mit einem permanenten Bürgerkrieg. Netanjahu weiß dies sehr genau. Er macht sich keine Illusionen. Also äußerte er die logische Antwort: „Wir werden immer mit dem Schwert leben“. Gutes Hebräisch, schreckliche Staatsmannsschaft.

Unter seiner Herrschaft wird Israel unwiderruflich den Abhang hinuntergleiten und schließlich in die Katastrophe. Je länger seine Herrschaft dauert, umso größer ist die Gefahr.

Alles in allem: Netanjahu ist ein Mann ohne intellektuelle Tiefe, ein politischer Manipulator ohne reale Lösungen, ein Mann mit einem imposanten Äußeren, aber einem leeren Inneren.

Mittlerweile ist er groß im Erfinden von Belangen, die die Aufmerksamkeit vom schicksalhaften Problem ablenken. Ganz Israel war monatelang mit der Debatte über den „natürlichen Gas-Plan“ beschäftigt. –(Vor der israelischen Meeresküste wurde nämlich Gas entdeckt.) –Und die Art und Weise , wie soll der Profit geteilt werden. Netanjahu unterstützt mit all seiner Macht den „Plan“, der den Gewinn in die Taschen einer handvoll Reicher fließen lässt, die irgendwie mit Sheldon Adelson , seinem Schutzherrn ( und manche sagen seinem Beschützer, verbunden sind ).

In der Zwischenzeit können „König Bibi“ und seine höchst unpopuläre Gemahlin Königin Sarahle sich mit Befriedigung umschauen. Da gibt es niemanden, der ihre unbegrenzte Herrschaft („Amtszeit“ scheint eine unpassende Definition). gefährdet.

Sie denken daran, einen königlichen ( sorry – Ministerpräsidenten-) Palast, anstelle der ziemlich schäbigen gegenwärtigen Residenz, mitten in Jerusalem zu bauen. Rund um sie herum ist nichts außer einer politischen Wüste.

Ich würde zu Gott beten, uns zu erlösen.

Aber leider glaube ich nicht an Gott.

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Berlin, Friedenspolitik, Nah-Ost, Überregional | Keine Kommentare »

Gedanken am Strand

Erstellt von Gast-Autor am 13. Dezember 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery

ES WAR wunderbar.

Ich ging zum ersten Mal nach der Operation nach drei Wochen an den Strand.  Es ist ein Spaziergang von fünf Minuten von meiner Wohnung.

Das Meer war still, ganz ruhig. Eine milde Sonne schien am Horizont, nicht zu heiß, nicht zu kalt, gerade so, wie wir es gern haben. Ein kühler Wind, nicht zu kalt, wehte.

Ich schlürfte eine Tasse „Americano“ Kaffee und dachte, dass alles in der Welt zum Besten stand.

ABER NATÜRLICH  war es das nicht. In der Tat war alles schlecht, am schlechtesten von allen Welten.

Jenseits des blauen Meeres im weit entfernten Paris  beriet sich  die größte  Versammlung  der Führer der Welt, wie man den Planet vom Klimawandel retten könne. Unser eigener Benjamin Netanjahu war dort mit einer riesengroßen Delegation, obwohl die meisten Israelis, einschließlich Netanjahu  für dies Problem nur Verachtung hatten und das sie  für ein gefälschtes  Problem für verwöhnte Länder halten, die keine echten Probleme haben , wie wir sie in Mengen haben.

Er ging nur deshalb hin, um Hände zu schütteln,  und um dieses Bild des Händeschütteln  mit den größten Führern der Welt, einschließlich den Arabern, um so die Lüge  für all jene zu verbreiten, die Israels wachsende Isolierung in der Welt bedauern.

Aber all dies war Augenwischerei. Israel, das Land das ich liebe, ist in großer Gefahr. Tatsächlich ist es in mehr Gefahren .Nicht nur in einer.

Während ich auf das Meer hinausschaute,  dachte ich über die drei großen Gefahren nach, die ich spürte und die ich selbst nicht im Krankenhaus  vergessen konnte.

Die erste Gefahr: Israel wird ein Apartheidstaat (Was  schon in den besetzten palästinensischen Gebieten die Situation ist.)

Früher oder später wird die eingebildete Grenze zwischen Israel und „den Gebieten“ völlig verschwinden. Noch besteht sie in legalen Termini. Doch  wie lange noch?

Zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan leben israelische Juden und palästinensische Araber jeder in mehr oder weniger gleicher Zahl – etwa 6,5 Millionen  Dies wird ein Apartheidstaat in der schlimmsten Bedeutung des Wortes.

Falls Israel schließlich gezwungen werden könnte, den arabischen  Bewohnern  die gleichen Rechte zu gewähren, wie das Recht zu wählen (etwas das sehr, sehr weit entfernt scheint).

Dies würde ein Staat mit ständigem Bürgerkrieg sein. Diese beiden Völker  haben nichts  gemeinsam –  sozial, kulturell, religiös, ökonomisch – außer ihrem gegenseitigen Hass.

Die zweite Gefahr wird  von Daesh (IS, ISIL, ISIS) symbolisiert. Alle benachbarten Staaten  mögen sich unter dem schwarzen Banner von Allah  vereinigen und sich gegen uns  wenden. Es geschah vor 900 Jahren, als der große  Salah-ad-Din (Saladin) die arabische Welt gegen die Kreuzfahrer vereinigte und sie ins Meer warf. (Saladin war kein Araber, sondern ein Kurde aus dem nördlichen Irak.)

Während Israel auf diese  Eventualität wartet, bleibt Israel bis an die Zähne bewaffnet mit massenweise Atombomben und wird immer mehr militarisiert, spartanisiert, religiös, fanatisch, ein jüdisches Spiegelbild des islamischen Kalifats.

Die dritte Gefahr mag die schlimmste sein: diese wachsende Zahl von jungen, wohl erzogener, talentierter Israelis werden in die USA und Deutschland auswandern und   hinter sich die wenig-gebildeten, primitiveren, weniger produktive Bevölkerung zurücklassen. Dies geschieht schon. Fast alle meine Freunde haben Söhne und Töchter, die im Ausland leben.

Übrigens  die Entfernung scheint den „Patriotismus“ wachsen zu lassen – in der Tat  Netanjahu   bemüht sich jetzt darum, das Wahlrecht Israelis zu gewähren, die ständig im Ausland leben. Er glaubt offensichtlich, dass die meisten von ihnen  für die extreme Rechte wählen.

Und wie ist es mit der Zukunft des Globus? Zur Hölle mit ihm!

SEHR WENIG Leute reden über diese Gefahren.  Stillschweigend stimmen sie darin überein, dass es da keine Lösung gibt. Warum sollen wir uns also  darüber die Köpfe zerbrechen?

Aber da gibt es noch eine Gefahr, über die jeder endlos redet: das Auseinanderbrechen der israelischen Gesellschaft.

Als ich jung war und der israelische Staat noch nicht geboren, waren wir entschlossen, eine neue Gesellschaft zu schaffen, tatsächlich eine neue Nation, eine hebräische Nation. Wir mieden das Wort „Jüdisch“, weil wir anders waren als die jüdische Welt – erdgebunden, territorial, national.

Bewusst feierten wir den „Sabra“-Prototyp. Sabra ist das hebräische Wort für die Kaktuspflanze, die wir für eine Pflanze aus unserem Land hielten (Obwohl sie ursprünglich aus Mexiko kommt). Die Bezeichnung wurde der neuen Generation, die im Lande geboren wurde, gegeben. Der Tsabar  wurde für praktisch gehalten, für sachlich, weit entfernt von jüdischer Spitzfindigkeit. Unbewusst nahmen wir an, dass der neue Typ Aschkenasi sei, blauäugig, von europäischer Abstammung.

Unter diesem Banner schufen wir, was wir als neue hebräische Kultur ansahen. Diese Kultur bestand für uns nicht nur aus Literatur, Dichtung, Musik und Ähnlichem, sondern, auch aus militärischen und zivilen Normen.

Da gab es eine Menge Dünkel, aber wir waren stolz, etwas völlig Neues zu schaffen. Es half uns, auf unsern eigenen Füßen zu stehen, den 1948er-Krieg  (wenn auch gerade) zu gewinnen und den Staat zu gründen.

Wir brachten eine riesige Welle neuer Immigranten herein, und  hier ist es, wo der Trouble begann. Beim „Ausbruch des Staates“ wie wir  auf Hebräisch im Spaß sagten, waren wir rund 650 000 Seelen. In kurzer Zeit brachten wir mehr als eine Million neuer Immigranten nicht nur die vom Holocaust in Europa Übrig- gebliebenen, sondern fast alle Juden aus den moslemischen Ländern.

Diejenigen, die zögerten, denen wurde nachgeholfen. Im Irak legten israelische Geheimagenten Bomben in  einige Synagogen, um die Juden davon zu überzeugen, dass sie gehen müssen.

Wir erwarteten, dass die neuen Immigranten so werden wie wir – wenn nicht gleich, so doch in einer Generation. Dies geschah aber nicht. Die „Orientalen“ hatten ihre eigene Kultur und Traditionen; sie hatten nicht den Wunsch „Tsabars“ zu werden.

Die Hoffnung von Leuten wie David Ben Gurion, dass sich das Problem  innerhalb weniger Jahre von alleine lösen würde, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil, Abneigung und gegenseitige Antipathie wuchs mit der Zeit.  Heute  ist es einer dritten und vierten Generation mehr als vorher bewusst.

DANN GIBT es noch das „National-religiöse“ Lager, diejenigen, die die gehäkelte Kippah tragen.

Als der Staat ausbrach, erwartete jeder, dass die Religion aussterben würde. Hebräischer Nationalismus wurde übernommen; die jüdische Religion gehört in die Diaspora und wird mit den alten Leuten, die in diesem Land daran festhalten, verschwinden. Sie wurden mit freundlicher Verachtung behandelt.

Das Gegenteil geschah. Der 1967erKrieg, der die israelischen Soldaten an die alten biblischen Stätten brachte, ließ die Religion sprunghaft ansteigen. Er schuf die Siedlerbewegung, übernahm das rechte Lager und ist jetzt eine  vorherrschende  Macht im israelischen Leben und in der Politik, und übernimmt langsam die all-mächtige Armee.

Die „Gehäkelten“- wie wir sie nennen – sind von den Orthodoxen  unterschieden, eine getrennte Bevölkerung, die in abgeschlossenen Vierteln lebt, schwarze Hüte und Kleidung trägt. Sie lehnen den Zionismus ganz und gar ab, aber  nützen ihr Wahlrecht, um den Staat zu zwingen, ihre zahllosen Kinder  zu unterstützen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erreichte eine riesige Welle russisch-jüdischer Immigranten das Land. Etwa jeder fünfte Israeli ist jetzt ein „Russe“ (Alle früheren sowjetischen Länder eingeschlossen). Die meisten von ihnen verachten  alles, was nach Sozialismus  oder Links riecht und tendieren zur äußersten Rechten, zum Nationalismus und sogar zum Rassismus.

All dies zusätzlich zu den 20% israelischer Bürger, die Araber sind, die dazu oder nicht dazu gehören. Sie haben sich mehr  integriert als viele realisieren, werden aber von vielen als Feinde angesehen. Der Ruf „Tod den Arabern“  wird bei Fußballspielen routinemäßig geschrien.

Der Traum einer vereinigten, homogenen,  neuen hebräischen Nation ist lange tot. Israel ist jetzt eine sehr heterogene Nation, eher wie eine Föderation von  getrennten  „Sektoren“, die einander nicht sehr mögen: Aschkenasis, Orientalen, National-Religiöse, Orthodoxe, Russen und Araber mit vielen  Untergruppen.

Das eine Band, dass die meisten dieser Sektoren vereinigt, ist die Armee, in der sie alle (außer den Orthodoxen und den Arabern) zusammen dienen.

Und dann, natürlich gibt es den einen großen Einiger: den Krieg.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Reigen der Absurdiotie

Erstellt von Gast-Autor am 6. Dezember 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery SO ETWAS wie „Internationalen Terrorismus“ gibt es nichtEinen Krieg gegen „Internationalen Terrorismus“ zu erklären, ist Unsinn. Politiker, die das tun, sind entweder Dummköpfe oder Zyniker und wahrscheinlich beides.

Terrorismus ist eine Waffe. Wie eine Kanone. Wir würden denjenigen Auslachen, der gegen eine „internationale Artillerie“ den Krieg erklärt. Eine Kanone gehört einer Armee und dient den Zielen dieser Armee. Die Kanone der einen Seite schießt auf die Kanone der andern Seite.

Terrorismus ist  eine Methode, die oft von einem unterdrückten Volk benützt wird, wie der französische Widerstand  gegenüber den Nazis im 2. Weltkrieg. Wir würden jeden auslachen, der Krieg  gegen  „internationalen Widerstand“ erklärt.

Carl von  Clausewitz, der preußische Militärdenker, sagte den berühmten Satz, dass „Krieg  die Fortsetzung der Politik ist mit andern Mitteln“  Falls er mit uns heute leben würde, hätte er gesagt: „Terrorismus ist eine Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln.

Terrorismus bedeutet buchstäblich, die Opfer erschrecken, damit sie ihren Willen dem Willen des Terroristen übergeben.

Terrorismus ist eine Waffe. Gewöhnlich ist es die Waffe der Schwachen, von denen, die keine Atombomben haben, wie die, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, die die Japaner terrorisierten, sich zu ergeben.

Da die meisten Gruppen und Länder, die Terrorismus anwenden, verschiedene Ziele haben, ja, sich oft widersprechen, gibt es nichts „Internationales“ über sie. Jede terroristische Kampagne hat einen eigenen Charakter – ganz zu schweigen, dass sich keiner als Terrorist ansieht, sondern eher als ein Kämpfer für Gott, Freiheit oder für sonst etwas.

(Ich kann mich nicht zurückhalten, damit zu prahlen, dass ich vor langer Zeit die Formel erfand : „Der Terrorist des einen, ist der Freiheitskämpfer des anderen“)

VIELE GEWÖHNLICHE Israelis fühlen nach den Vorfällen in Paris tiefe Befriedigung. „Jetzt fühlen (diese Scheiß-/ verdammtem-Europäer einmal, was wir die ganze Zeit fühlen!“

Benjamin Netanjahu, ein kleiner Denker, aber ein brillanter Verkäufer, ist auf die Idee gekommen, eine direkte Verbindung zwischen dem jihadistischen Terrorismus in Europa und dem palästinensischen Terrorismus in Israel und den besetzten Gebieten herzustellen.

Es ist ein genialer Schlag: Falls sie ein und dieselben wären, die Messer-stechenden palästinensischen Teenager und die belgischen Anhänger von ISIS, dann gäbe es kein israelisch-palästinensisches Problem, keine Besatzung, keine Siedlungen. Nur moslemischen Fanatismus. (Ignorieren wir die vielen christlichen Araber, die die säkularen palästinensischen „terroristischen“ Organisationen füllen.)

Das hat nichts mit Realität zu tun. Palästinenser, die kämpfen und für Allah sterben  wollen, gehen nach Syrien. Palästinenser – beide, die religiösen und die säkularen – die in diesen Tagen schießen, mit dem Messer stechen oder israelische Soldaten und Zivilisten überfahren, wünschen Freiheit und einen eigenen Staat anstelle von Besatzung

Dies ist eine so offensichtliche Tatsache, dass selbst eine Person mit dem begrenztem IQ  unserer gegenwärtigen Kabinett-Minister dies begreifen können. Aber falls sie dies tun, würden sie sehr unfreundlichen Wahlen gegenüber stehen, was den israelisch-palästinensischen Konflikt betrifft.

Also lasst uns an der bequemen  Schlussfolgerung hängen: Sie töten uns, weil sie als Terroristen geboren wurden, weil sie im Paradies den versprochenen 70 Jungfrauen begegnen wollen, weil sie Antisemiten sind. So wie Netanjahu fröhlich voraussagt: „Wir werden auf immer mit dem Schwert leben.

SO TRAGISCH  die Folgen  jedes terroristischen Ereignisses auch sein mögen, so ist da etwas Absurdes an der europäischen Reaktion auf die kürzlichen Ereignisse.

Der Gipfel der Absurdität wurde in Brüssel erreicht, als ein einziger Terrorist auf der Flucht eine ganze Hauptstadt tagelang lähmte, ohne dass ein einziger Schuss abgeschossen wurde. Es war der äußerste Erfolg von Terrorismus  im buchstäblichsten Sinn: Die Angst als Waffe nützen.

Aber die Reaktion in Paris war nicht viel besser. Die Zahl der Opfer der Gräueltat war groß, aber vermutlich der  Zahl  der Opfer von Verkehrsunfällen in Frankreich  alle paar Wochen ähnlich. Es war sicherlich viel kleiner, als die Zahl der Opfer einer  einzigen Stunde  Weltkrieg. Aber rationales Denken zählt hier nicht. Terrorismus arbeitet mit der Sichtweise der Opfer.

Es scheint unglaublich, dass zehn mittelmäßige Individuen mit ein paar primitiven Waffen eine weltweite  Panik verursachen konnten. Doch es ist eine Tatsache.  Unterstützt von den Massenmedien, die genau aus solchen Ereignissen Gewinn ziehen, werden lokale terroristische Akte  heutzutage zu weltweiten Drohungen. Die modernen Medien sind durch ihre reine Natur die besten Freunde des Terroristen.  Ohne die Medien kann der Terror nicht blühen.

Der nächstbeste Freund der Terroristen ist der Politiker.Es ist für einen Politiker fast unmöglich, der Versuchung zu widerstehen, auf der Panikwelle mit zu reiten. Panik schafft „nationale Einheit“, der Traum jedes Herrschers. Panik schafft das Verlangen nach einem „stärkeren   Führer“. Dies ist ein Grund-menschlichen Instinkts.

Francois Hollande ist ein typisches Beispiel. Ein mittelmäßiger, doch schlauer Politiker ergriff die Gelegenheit, sich als ein Führer hinzustellen. „Das ist der Krieg!“ erklärte er und schuf eine nationale Stimmung. Natürlich ist es kein „Krieg“. Natürlich ist es kein 3. Weltkrieg. Nur ein terroristischer Angriff  durch einen verborgenen Feind.

Diese Ereignisse decken die unglaubliche Dummheit der politischen Führer  rund herum auf. Sie verstehen die Herausforderung nicht. Sie reagieren auf phantasierte Drohungen und ignorieren die wirklichen. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Sie halten Reden, berufen Konferenzen ein und bombardieren jemanden (egal wen und weshalb).

Da sie die Krankheit nicht verstehen, ist ihre Medizin schlimmer als die Krankheit selbst. Bombardements verursachen Zerstörung, Zerstörung verursacht Feinde, die nach Rache dürsten. Es ist eine  direkte Kollaboration mit den Terroristen.

Es war ein trauriges Schauspiel, all diese  Weltführer, die Kommandeure mächtiger Nationen   wie Mäuse in einem Labyrinth  herumlaufen zu sehen, sich begegnen, Reden halten, sinnlose  Erklärungen von sich zu geben, vollkommen unfähig, sich mit der Krise auseinanderzusetzen.

DAS PROBLEM ist tatsächlich wegen einer  ungewöhnlichen Tatsache weit komplizierter als schlichte Gemüter meinen: Der Feind ist diesmal keine Nation, kein Staat, nicht einmal ein reales Territorium, sondern eine undefinierbare Entität:  eine Idee, ein Geisteszustand, eine Bewegung, die zwar irgendeine territoriale Basis hat, ist aber kein  realer Staat.

Dies ist kein Phänomen, das es so noch nie gegeben hat: vor mehr als hundert Jahren beging die Anarchisten-Bewegung überall terroristische Aktionen  ohne  überhaupt eine territoriale Basis zu haben. Und vor 900 Jahren  terrorisierte eine religiöse Sekte ohne Land, die Assassins ( Eine Korruption eines arabischen Wortes „Haschischbenutzer“) die muslimische Welt.

Ich weiß nicht, wie man den Islamischen Staat (oder eher Nicht-Staat) wirksam bekämpft. Ich fürchte, dass dies niemand weiß. Gewiss nicht die  Einfaltspinsel (Mann oder Frau) der verschiedenen Regierungen.

Ich bin mir nicht sicher, ob selbst eine territoriale Invasion dieses Phänomen  zerstören würde. Aber selbst solch eine Invasion scheint unwahrscheinlich. Die Koalition der Unwilligen – von den US vereinigt, scheint abgeneigt zu sein, eine Bodeninvasion zu machen. Die einzigen Kräfte, die versuchen könnten – die Iraner und die syrische Regierungsarmee – werden von den US und ihren lokalen Verbündeten gehasst.

Wenn man nach einem Beispiel totaler Orientierungslosigkeit Ausschau hält, die an Wahnsinn grenzt, so ist es die Unfähigkeit der US und der europäischen Mächte zwischen der Assad-Iran-Russland-Achse und dem IS-Saudi-Sunni-Lager zu wählen. Füge das türkisch-kurdische  Problem, die russisch-türkische Abneigung und den israelisch-palästinensischen Konflikt hinzu – und das Bild ist noch lange nicht vollständig.

(Für Geschichts-Liebhaber ist das etwas Faszinierendes über das Wiederaufleben des Jahrhunderte-alten Kampfes zwischen Russland und der Türkei)

Es ist gesagt worden, dass Krieg viel zu wichtig sei, um ihn den Generälen zu überlassen. Die augenblickliche Situation  ist viel zu kompliziert, um sie den Politikern zu überlassen. Aber wer ist noch da?

DIE ISRAELIS GLAUBEN ( wie gewöhnlich) dass wir die Welt lehren könnten. Wir kennen Terrorismus. Wir wissen, was zu tun ist.

Aber tun wir es?

Seit Wochen  lebt Israel jetzt in Panik. Aus Mangel eines besseren Namens wird sie die „Terrorwelle“ genannt.  Jeden Tag greifen zwei, drei, vier Jugendliche  -einschließlich 13-Jährige – Israelis mit Messern an oder überfahren sie mit Wagen und werden gewöhnlich auf der Stelle erschossen. Unsere renommierte Armee versucht alles, einschließlich drakonischen  Vergeltungsschlägen gegen die Familien  und kollektive Strafen gegen Dörfer  – ohne Nutzen.

Dies sind individuelle Akte, oft ganz spontan und deshalb ist es nahezu unmöglich, sie zu verhindern. Es ist kein militärisches Problem, das Problem ist politisch und psychologisch.

Netanjahu versucht  wie Hollande & Co auf dieser Welle zu reiten. Er zitiert den Holocaust  und redet endlos über Antisemitismus.

Alles, um die eklatante Tatsache zu tilgen: die Besatzung mit ihren täglichen , in der Tat  stündlichen und minütlichen Schikane der palästinensischen Bevölkerung. Einige Regierungsminister verbergen nicht einmal, dass es ihr Ziel ist, die Westbank zu annektieren und irgendwann das palästinensische Volk aus ihrer Heimat ganz zu vertreiben.

Es gibt keine direkte Verbindung zwischen dem IS-Terrorismus in aller Welt und dem palästinensischen nationalen Kampf um einen Staat. Aber wenn dies nicht gelöst wird, werden sich die Probleme vermischen – und eine viel mächtigere IS wird  die moslemische Welt vereinigen, so wie es Saladin einst tat, um  uns – den neuen Kreuzfahrern –  gegenüber zu treten.

Wenn ich gläubig wäre, würde ich flüstern: Gott bewahre.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser ….

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die Katzen von Ariel

Erstellt von Gast-Autor am 29. November 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery

JEDES MAL, wenn man denkt, dies ist die Grenze, taucht wieder etwas auf, und die Grenze verschiebt sich.

Man könnte gedacht haben, dass die Hitler-Mufti-Geschichte die absolute Grenze des Wahnsinns wäre. Aber nun kommt Uri Ariel und beweist, dies ist falsch. Ariels Katzen sind noch schlimmer als Netanjahus Mufti.

Ariel ist ein Kabinett-Minister. Ein Minister für wen? Fast keiner weiß das genau. Bis jetzt. Jetzt kommt heraus, dass er der Minister für Landwirtschaft ist.

Als solcher ist er auch Minister für Katzen. Ja, ja – ich mache keinen Scherz. Selbst in Israel sind Katzen keine landwirtschaftlichen Tiere. Sie ziehen keinen Pflug und legen keine Eier. Sie werden nur kastriert.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Israel ist voller Katzen. Die Leute lieben sie. Aber je mehr sie sich vermehren, um so weniger haben sie zu fressen. Also hat vor einiger Zeit die Regierung sich darum bemüht, besitzerlose Katzen zu fangen und sie zu kastrieren, um die Katzen-Population zu dezimieren und ihnen ein dezentes Katzenleben zu ermöglichen.

Wer zahlt dafür? Der Minister für Landwirtschaft, natürlich. Wer sonst?

(Warum? Keiner weiß es. Da muss es einen geheimen Grund geben.)

Kommen wir zu Ariel. Er ist ein Politiker vom extremsten rechten Flügel. In andern Ländern könnte er ein Faschist genannt werden, aber in Israel lieben wir das F-Wort nicht.

Er wurde in einem religiösen Kibbuz geboren – von denen es einige gibt – schloss sich einer Siedlung an und wurde ein Führer in der Siedlerbewegung. Als Rehavam Zeevi, mit Spitznamen Gandhi, der Schutzheilige der äußersten Rechten, ermordet wurde, übernahm Ariel seinen Sitz in der Knesset. Mit seinen fanatischen Nachfolgern errichtete Ariel eine extreme Partei, schloss sich einer anderen super-rechten Partei an, trennte sich von ihr, schloss sich einer andern rechten Partei an. Gegenwärtig gehört er einer Unterpartei der „Jüdisches Heim-Partei“ an und ist Minister, s. oben.

Ariel ist eine ernste Person. Ich hab ihn niemals lächeln gesehen. Tatsächlich habe ich den Verdacht, dass seine Oberlippe gelähmt ist. Er ist keiner der alltäglichen männlichen und weiblichen Demagogen, mit denen die gegenwärtige Regierung voll ausgelastet ist. Er ist wirklich ernst.

Im letzten Jahr war er der Minister für Hausbau, ein außerordentlich passender Job, da seine Hauptfunktion ist, die Siedler mit Wohnungen zu versehen. Aber nach der letzten Wahl wurde er nur Landwirtschaftsminister, und das schien nicht sehr angemessen zu sein.

Siedler sitzen auf einer Menge arabischem landwirtschaftlich ausgenütztem Land, aber sie machen wirklich keine Landwirtschaft. Ihre Haupt-Aktivität in der Landwirtschaft scheint das Herausreißen der benachbarten arabischen Olivenbäume zu sein.

Bis jetzt.

 

JETZT KOMMT GOTT dazu. Gott schuf alles Lebendige und sagte ihnen: „Mehret euch!“ Es ist das erste von Gottes unzähligen Geboten. Deshalb ist das Kastrieren streng verboten.

Als neuer Minister für Landwirtschaft entdeckte Ariel zu seinem Schrecken, dass sein Ministerium das Geld bekam, um die Katzen zu kastrieren. Schrecklich. Eine schändliche Sünde in den Augen Gottes!

Also verordnete der Minister, mit dieser gottlosen Praxis sofort aufzuhören. Aber was sollte man mit den Katzen tun? Ariel dachte sehr nach und kam auf sein Lieblingswort: Transfer.

Wenn israelische Faschisten dieses Wort benützen, meinen sie gewöhnlich den Transfer von Arabern. Ariels einander folgende verschiedene Parteien sprechen alle über „Transfer“ (und benützen auch im Hebräischen das englische Wort) – Transfer von der Westbank, Transfer aus dem Gazastreifen, Transfer aus Ost-Jerusalem, Transfer auch vom eigentlichen Israel. Während er also intensiv über die Katzen nachdenkt, fand er offensichtlich die Lösung: warum sie nicht auch transferieren?

Reines Genie. Aber wohin? Der Minister konnte sich natürlich nicht mit solchen Kleinigkeiten abgeben. Irgendwohin transferieren. In ein afrikanisches Land. Mozambik, Zimbabwe? Viele afrikanische Länder würden sie für viel (natürlich von den US geliefertes) Geld nehmen. Sie sind nicht jüdisch, sie könnten sie kastrieren und zur eigenen Zufriedenheit töten.

DOCH WIE Netanjahu und sein Mufti, so weckte Ariel und seine Katzen einen Sturm aus. Israel ist voller Tierliebhaber und -Kämpfer für Tiere … Sie erhoben sich wie einer, um gegen diesen neuen Holocaust zu protestieren.

Ariel musste einen Rückzieher machen. Kein Transfer. Was also mit den Katzen tun? Das weiß im Augenblick keiner.

(Ehrlich gesagt: ich bin auch ein Tierliebhaber, ich liebe besonders Katzen. Ich brachte einmal eine kleine Katze nach Hause und nach kurzer Zeit hatte meine drei-Zimmerwohnung 13 Katzen – abgesehen von ihren beiden Untermietern, meiner Frau und mir. Jetzt habe ich keine; aber die Katzen auf meiner Straße bekommen immer etwas von meinen Mahlzeiten) .

DAS LAND ist jetzt voller Witze – aber es ist keine witzige Angelegenheit. Die Regierung der äußersten Rechten ist von einer wahrhaftigen Mani besessen, die jede Woche neue Höhen erreicht.

Koalitionsmitglieder – Minister und nur einfache MKs wetteifern miteinander, um Gesetzentwürfe vorzulegen, lächerliche, scheußliche oder beides. Das ist ein wirklicher Veits-Tanz der Regierungsgesetzesgeber.

In dieser Woche erließ die Knesset ein Gesetz, das Richter zwingt, Steine-Werfer, einschließlich 13jähriger Kinder, eine Minimum-Gefängnisstrafe – den Umständen entsprechend -von zwei bis vier Jahren zu geben, In Israel sind Kinder unter 14 noch nicht kriminell aber ein Lösung wurde dafür gefunden: Die Regierungsanwälte ziehen ihre Gerichtsfälle so weit hinaus, bis der/ die Angeklagte den 14. Geburtstag erreicht hat.

Die Eltern der so verurteilten Kinder verlieren für diese Zeit jede soziale Versicherung und sind auch haftbar für ein Strafgeld von 10 000 Schekel (2500 US$)

Ein andrer neuer Gesetzentwurf schreibt vor, dass es Friedens- und Menschenrechts-Aktivisten nicht erlaubt sei, das Knesset-Gebäude ohne ein Sonderabzeichen zu betreten. Dies gilt nur für Mitglieder von Vereinigungen, die von ausländischen Regierungen Geld erhalten.

Viele Israelis werden an Nazibefehle erinnert, Juden mußten immer einen gelben Davidstern tragen. Einige schlugen sogar vor, dass das Abzeichen gelb sein solle und in der Form eines sechseckigen Sterns.

Dieselben Verbindungen (einschließlich der bekannten wie B’tselem, die sogar von der Armee respektiert wird) müssen auch ihre ausländischen Geldquellen auf jeder Korrespondenz angeben.

Der Trick hinter diesem Vorschlag ist, dass Verbindungen vom rechten Flügel die finanzielle Hilfe vom Ausland nicht nötig haben, weil sie in Geld schwimmen, das von ausländischen Juden geliefert wird. Sheldon Adelson z.B. ist reicher als viele Regierungen, und er ist nur einer von den Multi-Multi Milliardären, der Netanjahu und die Likud-Partei offen finanziert.

Die EU und einige individuelle europäische Regierungen unterstützen einige Friedens- und Menschenrechtsgruppen (Gush Shalom leider nicht). sehr zum Ärger von Likud-Mitgliedern. Deshalb die neue Idee.

Noch ein neuer Gesetzentwurf wird das Gesetz gegen Aufwiegelung verändern. Bis jetzt musste man( d.h. Araber), um irgendjemand anzuklagen beweisen, dass es eine direkte und unmittelbare Gefahr gibt, dass seine oder ihre Worte zu terroristischen Aktionen führen. Nicht mehr. Seitdem alle Araber sagen und schreiben, dass sie gegen die Besatzung sind, kann praktisch jeder unter dieses Gesetz fallen.

Dann gibt es noch das „Nation-Gesetz“. Es besagt, dass Israel der Nationalstaat des jüdischen Volkes“ ist. Dies ist natürlich ziemlich blöde: ein Volk und eine Nation sind zwei sehr verschiedene Begriffe.

Nach der bestehenden rechtlichen Formel ist Israel „ein jüdischer und demokratischer Staat“. Beide Begriffe sind hier gleich. Der neue Gesetzentwurf sagt in seiner ursprünglichen Version, wenn ein Widerspruch zwischen dem „jüdischen“ und dem „demokratischen“ Charakter des Staates besteht, dann müsse der „demokratische“ dem „jüdischen“ nachgeben. In einfachen Worten: Israel hört auf, demokratisch zu sein.

Es gab daraufhin einen öffentlichen Aufschrei und diese Worte hat man fallen lassen. Aber genau so diskriminiert der Gesetzentwurf die 20 % von Israels Bürgern, die Araber sind, und weitere 5 %, die aus religiösen Gründen nicht als Juden anerkannt werden.

Dann ist da noch Ayelet Shaked, die Justizministerin, die die Hauptfeindin des Obersten Gerichtes ist. Dieses ehrenhafte Institut ist die Hauptstütze der Besatzung, aber in individuellen Fällen blockiert es manchmal die Regierung. Die Ministerin, die sich auf ihr gutes Ansehen verlässt , sagt und tut die scheußlichsten Dinge. Sie fand für dieses Ärgernis eine Medizin: ein paralleles Gericht zu schaffen.

Dieses Gericht, das Gericht der Nationalen Sicherheit, würde für alle Fälle zuständig sein, bei denen die Regierung nicht erwarten kann, dass das Oberste Gericht in ihrem Sinn urteilt. Solche Gerichte bestehen schon in vielen totalitären Ländern.

DER EIFER der Minister erinnert mich an einen Witz, der in unsrer Armee umlief.

Es gibt vier Arten von Offizieren: (1) der intelligente und fleißige, (2) der intelligente und faule, (3) der dumme und faule,(4) der dumme und fleißige.

Sie werden im Folgenden nach dieser Ordnung bewertet: Der Intelligente und fleißige sind die besten: sie tun viel und alles, was sie tun, ist gut. Dann kommt der Intelligente und faule; sie tun wenig, aber was sie tun, ist gut. Dann kommt der dumme und faule: alles, was sie tun, ist schlecht, aber Gott sei Dank, machen sie wenig. Die 4. Kategorie ist die schlimmste: Sie tun eine Menge, aber alles, was sie tun, ist katastrophal.

ALL DIES geschieht in einem Land, das noch immer als die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ bekannt ist. Man kann sich nur fragen, wie lange dieser Ruf von der zivilisierten Welt anerkannt wird.

Vor kurzem sagte Netanjahu etwas, das die Welt hätte schockieren können, wenn die Welt zugehört hätte. Aber Netanjahu hat so viel Dinge gesagt, dass sogar viele Israelis aufgehört haben, ihm zuzuhören.

Eines der bekanntesten Sätze in der Bibel ist eine Frage, die Avner an Yoav richtet. Avner war König Sauls Armeechef. Yoav war der Kommandeur unter David. Nach einem langen Bürgerkrieg, der von David gewonnen wurde, wandte sich Avner (nachdem ich mich selbst genannt habe) an Yoav und fragte: „Soll das Schwert (uns) auf immer verschlingen? Weißt du nicht, dass daraus am Ende nur Jammer kommen wird? (2. Samuel 2,26.) Yoav hörte nicht auf ihn und am Ende tötete er Avner.

Im alten Hebräisch liest sich der Text buchstäblich: „Willst du immer das Schwert essen?“

In dieser Woche beantwortete Netanjahu die alte Frage. Er sagte dem israelischen Volk: „Wir werden immer das Schwert essen!“

In die heutige Sprache umgesetzt: „Ja, wir werden immer mit dem Schwert leben. Es wird nie Frieden sein.

Es ist nicht so, dass Netanjahu den Krieg liebt. Er weiß nur, dass, um Frieden zu erreichen, wir die besetzten Gebiete zurückgeben müssen. Weder er noch die Leute um ihn sind bereit, dies zu tun.

Das ist das ganze Problem auf den Punkt gebracht.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Adolf, Amin und Bibi

Erstellt von Gast-Autor am 22. November 2015

Adolf, Amin und Bibi

Autor Uri Avnery

ES IST nicht sehr erfreulich, wenn ernste Leute in aller Welt – Historiker, Psychiater, Diplomaten – sich fragen, ob mein Ministerpräsident seine Sinne psychisch noch bei einander hat.

Doch dies geschieht jetzt. Und nicht nur im Ausland. Immer mehr Leute in Israel stellen sich dieselbe Frage.

All dies wurde durch einen Vorfall ausgelöst. Aber die Leute schauen jetzt viele andere Ereignisse der Vergangenheit und Gegenwart in einem neuen Licht.

Bis jetzt wurden viele seltsame Handlungen und Äußerungen von Benjamin Netanjahu als Manipulationen eines schlauen Politikers, eines talentierten Demagogen angesehen, der die Seele seiner Wähler kennt und sie mit entsprechend reichlich Lügen versorgt.

Nicht mehr. Ein beunruhigender Verdacht geht um: dass unser Ministerpräsident ernsthafte psychische Probleme hat.

ALLES BEGANN vor zwei Wochen, als Netanjahu vor einer weltweiten zionistischen Versammlung eine Rede hielt. Was er sagte, war schockierend.

Adolf Hitler – so sprach er hochtrabend – wollte die Juden nicht wirklich auslöschen. Er wollte sie nur vertreiben. Aber dann traf er den Mufti aus Jerusalem, der ihn davon überzeugte, die Juden zu „verbrennen“. So wäre der Holocaust geboren worden.

Die Schlussfolgerung? Hitler war schließlich gar nicht so böse. Den Deutschen sollte nicht die Schuld gegeben werden. die Palästinenser waren die Urheber des Mordes an sechs Millionen Juden.

Falls das Subjekt ein anderes gewesen wäre, könnte diese Rede als eine der üblichen Lügen und Verfälschungen, die für Netanjahu typisch sind, angesehen werden. Hitler war wirklich nicht so schlecht, die Palästinenser müssen angeklagt werden, der Mufti war der Vorläufer von Mahmoud Abbas. Nur ein Stück Routine politischer Propaganda.

Aber dies betrifft den Holocaust, das schrecklichste Verbrechen der modernen Zeit und bei weitem das bedeutendste Ereignis in der modernen jüdischen Geschichte. Dieses Ereignis hat direkten Einfluss auf das Leben der Hälfte der jüdischen Bevölkerung Israels (einschließlich meiner selbst), die ihre Verwandten im Holocaust verloren haben oder selbst Überlebende sind.

Diese Rede war nicht nur eine kleine politische Manipulation, eine von denen, an die wir uns gewöhnten, seitdem Netanjahu Ministerpräsident wurde. Dies war etwas Neues, etwas Entsetzliches.

UM DIE ganze Welt ging ein Aufschrei. Es gibt viele Tausende von Experten über den Holocaust. Unzählige Bücher wurden über Nazi-Deutschland geschrieben (eines auch von mir). Jedes einzelne Detail ist immer wieder untersucht worden.

Holocaustüberlebende waren geschockt, weil Netanjahu Hitler und den Deutschen im Allgemeinen auch von der Hauptanklage für das entsetzliche Verbrechen vergeben wollte. Hitler war also nicht so schlecht. Er wollte die Juden nur vertreiben, nicht töten. Es waren die bösen Araber, die ihn verleiteten, die Scheußlichkeiten der Scheußlichkeiten auszuführen.

Angela Merkel verhielt sich anständig und veröffentlichte sofort ein Dementi und unterstellte die totale Anklage dem deutschen Volk. Tausende von wütenden Artikeln erschienen in aller Welt, viele Hunderte von ihnen in Israel.

Diese besondere Äußerung Netanjahus war nicht nur dumm, nicht nur ignorant. Es grenzt an psychische Erkrankung.

EIN MUFTI ist ein religiöser Wissenschaftler, die Autorität von höchstem Rang in einer islamischen Gesellschaft, weit über einem Richter. Ein Großmufti ist die höchste lokale religiöse Behörde. Im Islam gibt es keinen Papst.

Der Großmufti in dieser Geschichte ist Hajj Amin al-Husseini, der von den britischen Behörden in Palästina für das Amt des Großmufti von Jerusalem gewählt wurde. Wie sich herausstellte, war dies ein großer Fehler.

Der Mann, der den Fehler machte, war ein Jude – Herbert Samuel, der erste Hohe Kommissar des britischen Mandatsgebietes von Palästina nach dem 1. Weltkrieg. Der junge Hajj Amin war schon als Hitzkopf bekannt, und Samuel folgte der wohl eingerichteten kolonialen Praxis Feinde für hohe Ämter zu ernennen, um sie unten zu halten.

Die Husseini-Familie ist die führende Großfamilie in Jerusalem. Sie hat etwa 5000 Mitglieder und ein ganzes Stadtteil. Sie ist eine der drei oder vier angesehendsten Familien und seit vielen Generationen ist ein Husseini der Mufti gewesen, der Bürgermeister oder eine andere führende Persönlichkeit im arabischen Jerusalem.

Hajj Amin (Hajj ist die Anrede eine Muslim, der seine Pflichtpilgerreise nach Mekka gemacht hat.) war von Anfang an ein Unruhestifter. Er sah für die arabische Gemeinde in Palästina früh die Gefahr der zionistischen Einwanderung in Palästina und mehrere Male hetzte er zu anti-britischen und antijüdischen Aufständen. Diese kam zu einem Höhepunkt in der Großen Revolte von 1936 – die von den Juden „Die Ereignisse“ genannt wurden – die das Land drei Jahre lang unter Schock hielt. Bis zum 2. Weltkrieg.

Während „der Ereignisse“ wurden viele Juden und viele Briten getötet, aber die meisten Opfer waren Araber. Der Mufti (wie ihn jeder nannte) nützte die Gelegenheit, dass alle seine Rivalen und Konkurrenten getötet wurden. Für die Juden in Palästina wurde er zu einem Symbol des Bösen, das Objekt intensivsten Hasses.

Inzwischen hatten auch die Briten genug von ihm gehabt. Sie jagten den Mufti aus dem Land. Er ging in den Libanon, aber als dies Land im 2. Weltkrieg von den Briten besetzt wurde, um die Truppen vom französischen Vichy-Regime zu vertreiben, floh der Mufti in den Irak, das in den Händen von anti-britischen und pro-Nazi-Rebellen war. Als die Briten den Irak zurück eroberten, floh der Mufti nach Italien, das die faschistischen Bemühungen leitete und sich bemühte, die Araber zu gewinnen. Der Mufti, dessen Hauptfeinde die Briten waren, handelte nach der Theorie, dass der Feind meines Feindes mein Freund ist. (Zur selben Zeit handelte ein Führer des jüdischen Untergrundes in Palästina, Abraham Stern, nach derselben Theorie, suchte also Kontakt mit den Italienern und den Deutschen.)

Es scheint, dass die Italiener nicht so begeistert waren, Hajj Amin bei sich zu haben, so zog der Mufti weiter ins Nazi-Deutschland. Zur selben Zeit versuchte die SS muslimische Freiwillige für den Krieg gegen Russland zu gewinnen und irgendjemand hatte die glänzende Idee, dass ein Foto vom Großmufti mit Hitler hier sinnvoll wäre.

Hitler liebte diese Idee gar nicht. Er war völlig überzeugt von der Rassentheorie – und die Araber sind Semiten – eine minderwertige und widerwertige Rasse, genau wie die Juden. Aber am Ende wurde er überredet, diesen arabischen Flüchtling zu einer „Foto-Gelegenheit“ zu empfangen. Ein Bild wurde gemacht – das einzige Foto des einzigen Treffens dieser beiden Personen. (Es gab auch Fotos des Mufti mit muslimisch-bosnischen SS-Freiwilligen.)

Das Treffen war kurz, ein oberflächliches Protokoll wurde gemacht – die Juden erschienen nicht darin. Die ganze Episode war unbedeutend. Bis Netanjahu.

Es ist lächerlich, den Mufti als den Vater der palästinensischen Nation zu krönen. Bei all meinen hunderten Begegnungen mit Palästinensern, ab Arafat, hatte ich nie ein gutes Wort über Hajj Amin gehört, nicht einmal von dem wunderbaren Faisal al-Husseini, einem entfernten Verwandten. Sie beschrieben ihn einstimmig als einen realen palästinensischen Patrioten, aber eine Person mit begrenzter Bildung und engstirniger Auffassung, der einen Teil der Schuld für das Desaster trägt, das das palästinensische Volk 1948 befallen hat. Das Blutbad, das er unter den Palästinensern in der Rebellion von 1936-39 ausgeführt hat, schwächte die Palästinenser so sehr, dass, als der entscheidende Test kam – die 1947er Teilung von Palästina und der Krieg von 1948 – die palästinensische Nation keine effektive Führung mehr hatte.

Die Idee, dass der mächtige Führer (AH) den Rat von einem geflüchteten Semiten benötigt, um sich für den Holocaust zu entscheiden, ist nicht nur lächerlich, es ist sogar verrückt.

Auch die Daten stimmen nicht überein. Das Fototreffen fand Ende 1941 statt. Die Vernichtung begann unmittelbar nach der Eroberung von Polen 1939 und nahm seine monströse Dimension mit der Nazi- Invasion der Sowjet Union Mitte 1941 an. Sie gelangte zu ihrer industriellen Endlösung, als Heinrich Himmler, der Chef der SS entschied, dass „ man von einem anständigen deutschen Soldaten nicht verlangen könne, „ all diesen jüdischen Abschaum zu erschießen“. Der Mufti hatte absolut nichts damit zu tun – allein die Idee ist krankhaft.

Bis 1939 förderte Hitler tatsächlich die Vertreibung der Juden, weil eine physische Vernichtung in einem friedlichen Europa undenkbar war. Aber nachdem der Krieg ausgebrochen war, sah er auf einmal die Gelegenheit der Massenvernichtung – und sagte dies ganz offen.

WIE KAM es, dass der Sohn eines „renommierten Historikers“ solch verrückte Dinge sagte? (Diese Bezeichnung von Ben Zion Netanjahu ist jetzt in den israelischen Medien gang und gäbe, obwohl ich niemals jemanden traf, der sein Werk über die spanische Inquisition gelesen hatte. Vielleicht hörte er dies von irgendeinem Spinner der von Sheldon Adelson Geld bekam – aber die Tatsache, dass er dies nicht direkt zurückwies, zeigt nicht nur, dass er ein vollkommener Ignoramus über das bedeutendste Kapitel der modernen jüdischen Geschichte ist, sondern auch, dass er einige psychische Probleme hat.

In diesem Licht sehen viele seiner Entscheidungen jetzt anders aus, einschließlich der Entscheidung dieser Woche: Maßnahmen zu ergreifen, um den „Einwohner“ Status von zehn-Tausenden arabischer Jerusalemiten zu nehmen. Als Ost-Jerusalem 1967 von Israel annektiert wurde, wurde den Einwohnern nicht das israelische Bürgerrecht gewährt, nur reduzierte Einwohnerrechte, die das Stimmrecht für die Knesset verweigerte. Ihnen wurde gnädiger Weise das individuelle Recht gegeben, die Bürgerschaft zu beantragen, aber natürlich hat kaum einer davon Gebrauch gemacht, weil dies die Anerkennung der Annexion bedeutet hätte.

Jetzt bin ich besorgt. Wenn wir tatsächlich von einem Mann mit psychischen Problemen regiert werden – wohin wird er uns jetzt führen?

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

DER MUFI – (Fortsetzung)

EINIGE MEINER  Freunde beklagten sich, dass mein letzter Artikel – wie Churchill wohl gesagt haben mag – eine terminologische Ungenauigkeit enthielt.

Ich schrieb, dass die Juden bei dem Hitler-Husseini-Treffen nicht erwähnt  wurden. Das ist eine große Übertreibung. Jeder, der etwas über Hitler weiß, weiß auch, dass der Führer keine drei Sätze äußern konnte, ohne die Juden zu erwähnen. (Auch dies eine große Übertreibung.)

Die englische Version des offiziellen Protokolls  besteht aus  etwa 2250 Wörtern. Die Juden werden 12 Mal erwähnt – dreimal von Hajj Amin und neunmal von Hitler. Hitler benützte all seine Standardausdrücke, der Mufti benützte  offensichtliche Schöntuerei. Keiner sagte etwas Neues. Hitler wies  höflich alle Forderungen des Mufti zurück.

Nach Hitlerbeherrschten die Juden Britannien und die Sowjet Union. (Die US war noch nicht  im Krieg.)  Falls Italien und Japan auf der andern Seite gewesen wäre, würde Hitler sie der Liste hinzugefügt haben.

In der Zeit – im November 1941. . war die Vernichtung durch die Einsatzkommandos schon in vollem Schwung. Offenbar wusste der Mufti nichts darüber, noch sagte ihm Hitler etwas davon. Es war das Staatsgeheimnis Nr.1.

Das Protokoll  ist seit langer Zeit bekannt gewesen. Falls Netanjahus absurde  Behauptungen wahr gewesen wären, würde  uns  und die Welt unsere super-wirksame  Propagandamaschine  unsere Welt und  jeden einzelnen Tag daran erinnert haben.

Über die Beachtung der Nazis für den Mufti: Hajj Amin blieb weitere vier Jahre  bis zum Kriegsende in Deutschland. Fast nichts ist über seinen Aufenthalt dort bekannt. Hitler hat ihn nie wieder empfangen. Das sagt aus, wie wichtig er war.

Übrigens war Netanjahu in dieser Woche dazu gezwungen, so etwas wie ein Dementi auszudrücken – so wie es Netanjahu  tut. Er sagt, Hitler wäre für den Holocaust verantwortlich.

( dt. E. Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Weine, geliebtes Land!

Erstellt von Gast-Autor am 15. November 2015

Texte von Uri Avner

Autor Uri Avnery

 MANCHMAL KANN ein kleiner Vorfall die Dunkelheit durchdringen und ein erschreckendes Bild enthüllen.

Dies geschah am letzten Sonntag in Beersheba, der Hauptstadt der Negev.

Das Bild war in der Tat erschreckend.

DER VORFALL begann als Routineangriff, einer von vielen, an die wir uns in den letzten Wochen gewöhnt haben. Einige nennen dies „Die 3. Intifada“, einige sprechen von einer Terrorwelle; einige sind zufrieden mit „Eskalation“

Es ist ein neues Stadium des alten Konfliktes. Sein Symbol ist die individuelle Messerstecherei eines einzelnen Palästinensers – entweder in Ost-Jerusalem, der Westbank oder selbst in Israel.

Sie ist mit keiner palästinensischen Partei verbunden. Vor der Tat hat der Angreifer keine Verbindung zu irgendeiner militanten Gruppe. Er oder sie waren dem israelischen Sicherheitsdienst völlig unbekannt. Deswegen ist es unmöglich, solche Aktionen zu verhindern.

Eines Morgens wacht der zukünftige Märtyrer auf; er fühlt, dass jetzt die Zeit gekommen ist, nimmt ein großes Küchenmesser, geht in einen jüdischen Vorort und sticht in den nächsten israelischen Juden, vorzugsweise einen Soldaten – aber wenn keine Soldaten in der Nähe sind – irgend einen jüdischen Zivilisten, einen Mann, eine Frau oder sogar ein Kind .

Der Angreifer weiß sehr wohl, dass er höchstwahrscheinlich auf der Stelle getötet werden wird. Er will ein Märtyrer werden, buchstäblich „ein Glaubenszeuge.“

Bei früheren Intifadas waren die Angreifer gewöhnlich Mitglieder von Organisationen oder Zellen. Diese Zellen waren ausnahmslos von bezahlten Verrätern infiltriert, und fast alle Täter wurden früher oder später gefangen. Viele solche Taten wurden verhindert.

Der jetzige Ausbruch ist anders. Da sie von einzelnen Individuen ausgeführt werden, ihnen sind keine Spione bewusst. Diese Akten können nicht im Voraus gestoppt werden. Sie können irgendwo, an jedem Ort geschehen – in Jerusalem, in den andern besetzten Gebieten, mitten in Israel selbst. Jeder Israeli kann irgendwo mit dem Messer angegriffen werden.

Um das ganze Bild des Vorfalles zu bekommen, muss man dieser Steine werfenden Gruppe palästinensischer Jugendlicher und Kindern an den Schnellstraßen hinzufügen. Die Gruppe bildet sich plötzlich, spontan, gewöhnlich zusammengesetzt aus lokalen Teenagers, die Steine und Brandbomben auf vorbeifahrende Wagen wirft– Natürlich versichert man sich als erstes, ob es auch jüdische Israelis sind. Oft schließen sich ihnen noch mehr Kinder an, die eifrig ihren Mut beweisen wollen und ihre Hingabe an Allah. Einer der Gefangenen war 13 Jahre alt.

Steine werfende Vorfälle führen zuweilen zum Tod des Fahrers, der die Kontrolle über seinen Wagen verliert. Die Armee antwortet mit Tränengas, Gummi-ummantelten Stahlkugeln, (die großen Schmerz verursachen, aber selten töten und mit scharfer Munition.

DER AUSBRUCH – dem noch kein endgültiger Name gegeben worden ist – begann vor mehreren Wochen in Ost-Jerusalem. Wie gewöhnlich – könnte man hinzufügen.

Das Zentrum der arabischen Alt-Stadt ist die heilige Stätte, die die Juden „ den Tempelberg“ nennen und die Araber Haram al Sharif – den heiligen Schrein. Es ist dort, wo einst die alten jüdischen Tempel standen.

Nachdem auch der Zweite Tempel von den Römern vor etwa 1945 Jahren zerstört wurde, wurde der Platz von den Christen entheiligt, als sie diesen in einen Düngehaufen verwandelten. Als er von den Muslimen 635 erobert wurde, befahl der humane Khalif Omar, ihn zu reinigen. Zwei heilige muslimische Gebäude wurden errichtet – der wunderschöne Felsendom mit seiner auffallend goldenen Kuppel und der sogar noch heiligeren Al-Aqsa-Moschee, die dritt-heiligste Moschee im Islam.

Wenn man also Unruhe schaffen will, dann ist dies der Ort, an dem man beginnt. Der Schrei, dass Al-Aqsa in Gefahr ist, lässt jeden Palästinenser und jeden Muslim rund um die Welt aufstehen. Es regt moderate religiöse Muslime (Wie die meisten Araber) auf, als auch religiöse Fanatiker. Es ist ein Ruf zu den Waffen, zum Selbstopfer.

Das geschah mehrmals in der Vergangenheit. Die schrecklichen „Ereignisse“ von 1929, während der die alte jüdische Gemeinschaft in Hebron massakriert wurde, fand durch eine jüdische Provokation an der Westmauer statt, ein Teil der Mauer, die den Berg umgibt. Die zweite Intifada brach aus, weil Ariel Scharon eine provokative Demonstration auf den Berg führte – mit der ausdrücklichen Genehmigung des damaligen Labor-Partei-Ministerpräsidenten Ehud Barak.

Die gegenwärtige Unruhe begann mit Besuchen des jüdischen Führers des extrem rechten Flügels, einschließlich eines Ministers und Knesset-Mitgliedern auf dem Tempelberg. Dies ist an sich nicht verboten. Außer nach Orthodoxem jüdischen Gesetz. Weil es gewöhnlichen Juden nicht erlaubt ist, das zu betreten, wo einst das Heilige des Heiligsten stand. Der Berg ist eine Touristen-Attraktion von höchstem Rang.

Um die Dinge zu regeln, wurde etwas geschaffen, das man den Status quo nannte. Als die israelische Armee Ost-Jerusalem 1967 im Sechs-Tage-Krieg eroberte, wurde entschieden, dass die Tempelberganlage, obwohl jetzt unter israelischer Herrschaft, unter muslimischer und jordanischer Jurisdiktion stünde (Warum jordanisch? Weil Israel nicht mit palästinensischer Jurisdiktion einverstanden war) Den Juden war es erlaubt, die Anlage zu betreten, aber nicht dort zu beten.

Benjamin Netanjahu behauptet, dass der Status Quo aufrecht erhalten ist. Aber in letzter Zeit haben Gruppen fanatischer Israelis vom rechten Flügel die Anlage betreten, beschützt von der israelischen Polizei und dort gebetet. Für die Muslime war das ein Bruch des Status Quo.

Außerdem ist jüdischen Gruppen viel Publizität gegeben worden, die sich darauf vorbereiten, den jüdischen Tempel neu aufzubauen, nachdem die muslimische Moschee zerstört worden ist. Die Priestergewänder und die in der Bibel beschriebenen Instrumente sind von den Fanatikern schon vorbereitet und nicht jetzt von jüdischen Siedlern vorbereitet worden.

In normalen Zeiten, an einem normalen Ort könnte dies friedlich geregelt werden. Aber nicht auf dem Tempelberg und nicht jetzt mit jüdischen Siedlern, die damit begonnen haben, sich in den arabischen Dörfern rings um den Tempelberg gewaltsam anzusiedeln. Über die besetzten Gebiete und unter den arabischen Bürgern Israels ging der Schrei um: Die Heiligen Stätten sind in Gefahr. Die israelischen Führer schrien zurück, dass dies alles ein Pack von Lügen sei.

Junge Palästinenser nahmen Messer und begannen, damit Israelis anzugreifen, obwohl sie sehr wohl wussten, dass sie wahrscheinlich auf der Stelle tot geschossen würden. Israelische Führer riefen jüdische Bürger auf, immer Waffen zu tragen und zu schießen, sobald sie sehen, dass ein Angriff stattfindet. Nun gibt es täglich mehrere solcher Angriffe. Zusammen sind in diesem Monat acht Juden getötet worden, zusammen mit 18 Verdächtigen und 20 anderen Palästinensern.

Dies ist der Hintergrund zu der Gewalttat in Beersheba.

ES GESCHAH im zentralen Busbahnhof der Wüstenhauptstadt, einer Stadt mit 250 000 Juden, meistens mit orientalischem Hintergrund, umgeben von zahlreichen Beduinenstädten- und –Lagern.

Drei Personen waren in den Vorfall verwickelt.

Der erste war ein 19jähriger Soldat, Omri Levi. Er stieg aus dem Bus aus und betrat das große Bahnhofsgebäude, als er von einem Araber angegriffen wurde, der nach seiner Waffe griff. Wir wissen sehr wenig über den Soldaten, nur dass er ein nett ausseheder 19Jähriger war.

Die zweite Person war der Angreifer, der 21jährige Muhammad al-Okbi. Überraschenderweise war er ein Beduine aus der Umgebung mit keiner Sicherheitsrisiko-Vergangenheit. Überraschend deshalb, weil viele Beduinen freiwillig zur israelischen Armee gehen oder in der Polizei dienen und an der Beersheba-Universität studieren. Dies hindert die israelische Regierung nicht am Versuch, das Land der Beduinenstämme zu rauben und sie in übervölkerte kleine Städte umzusiedeln

Keiner weiß, warum dieser Junge aus der Wüste beim Aufwachen an diesem Tag entschied, ein Shahid zu werden und einen Amoklauf zu machen. Seine Großfamilie scheint so perplex zu sein wie jeder andere auch. Es scheint, dass er sehr religiös geworden war und auf die Al-Aqsa-Vorfälle reagierte. Wie alle Beduinen im Negev war er sicherlich auch über die Bemühungen der Regierung, sie zu enteignen, wütend.

Also schoss er auf die Passanten – entweder mit einer Pistole in seinem Besitz oder mit der Waffe, die er dem Soldaten weggenommen hat. Nach zehntausenden von Worten bin ich mir nicht sicher.

ABER DIE Person, die die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog, war nicht der Soldat noch der Angreifer, sondern das dritte Opfer.

Sein Name war Haftom Zarhiim, ein 29Jähriger Flüchtling aus Eritrea – einer der etwa 50 000 Afrikaner, die illegal die Grenze in den Negev überschritten haben. Er war völlig unschuldig. Er betrat nur zufällig das Gebäude hinter dem Angreifer und einige Passanten hielten ihn für einen Komplizen. Er sah nicht jüdisch aus.

Er wurde angeschossen und verletzt. Während er blutend und hilflos auf dem Boden lag, umgab ihn der Mob und trat ihn von allen Seiten, manche traten seinen Kopf. Im Krankenhaus kam er tot an. Die ganze Szene wurde schadenfroh von einem Passanten mit seinem Smartphone fotografiert und in allen TV-Nachrichten gezeigt.

Da gibt es keine andere Erklärung: es war ein reiner und simpler Vorfall von bösartigem Rassismus. Eine barbarische Behandlung eines verwundeten palästinensischen Angreifers durch einen aufgeregten Mob kann noch irgendwie verstanden werden – nicht entschuldigt, nicht geduldet aber mindestens verstanden werden. Wir haben einen Konflikt, der schon länger als 130 Jahre dauert; auf beiden Seiten mehrere Generationen, die zu gegenseitigem Hass erzogen wurden.

Und Asylsucher? Sie werden fast universal gehasst. Warum? Nur weil sie Ausländer sind, keine Juden. Nicht einmal ihre Hautfarbe kann hier eine volle Erklärung geben – nach dem wir jetzt eine ganze Anzahl dunkelhäutiger äthiopischer Juden haben, die als „die unsrigen“ akzeptiert werden.

Das grausame Lynchen des sterbenden Haftorn war vollkommen hässlich, absolut abscheulich. Es könnte einen zur Verzweiflung über Israel bringen – Hätte es nicht einen anonymen Passanten – mittleren Alters gegeben – der zwei Tage später zu der Szene zurückkehrte und die Geschichte im TV noch einmal erzählte und zugab, dass er seitdem nicht schlafen könnte – und weinte.

(Aus dem Engl- Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Das Preußen der Siedler

Erstellt von Gast-Autor am 1. November 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

DIE ISRAELISCHE DEMOKRATIE  rutscht abwärts, schliddert langsam, behaglich, aber unverkennbar.

Wohin schliddert sie? Jeder weiß es: in eine ultra-nationalistische, rassistische, jüdisch-orthodoxe Gesellschaft.

Wer führt uns auf diesen Weg?

Die Regierung natürlich. Diese Gruppe von lärmenden Niemanden, die bei den letzten Wahlen an die  Macht kamen, angeführt von Benjamin Netanjahu.

Nicht wirklich. Nehmt all diese großmäuligen kleinen Demagogen, die Minister von diesem oder jenen (Ich kann mich nicht erinnern, wer vermutlich der Minister von was ist)  und sperrt sie ein, da wird sich nichts ändern. In 10 Jahren wird sich keiner mehr an die Namen von ihnen erinnern.

Wenn die Regierung nicht führt, wer tut es dann? Vielleicht der rechte Mob? Die Leute, die wir im TV sehen – mit Hass verzerrten Gesichtern, die beim Fußball-Spielen schreien bis sie heiser sind „Tod den Arabern“  oder die nach jedem Vorfall in den jüdisch-arabischen Städten demonstrieren: „ Alle Araber sind Terroristen! Tötet sie alle.“

Dieser Mob kann dieselben Demonstrationen morgen gegen andere führen: gegen Schwule, Lesben, Richter, Feministen, gegen wen auch immer. Es ist nicht konsequent. Er kann kein neues System aufbauen.

Aber es gibt eine Gruppe im Land, die stark genug ist, genügend  zusammenhält, entschieden genug, den Staat zu übernehmen: die Siedler.

IN DER Mitte des letzten Jahrhunderts schrieb ein überragender Historiker, Arnold Toynbee , ein monumentales Werk. Seine zentrale These  war, dass Zivilisationen wie menschliche Wesen sind: Sie werden geboren, wachsen, werden erwachsen, altern und sterben. Dies war wirklich nicht ganz neu – der deutsche Historiker Oswald Spengler schrieb vor ihm etwas Ähnliches  („Den Untergang des Abendlandes“). Aber Toynbee , ein Brite, war weniger metaphysisch als sein deutscher Vorgänger und versuchte, praktische Schlussfolgerungen zu ziehen.

Unter Toynbees vielen Innenansichten, gab es eine, die uns jetzt interessieren sollte. Es geht um den Prozess, bei dem Grenzdistrikte die Macht und den Staat übernehmen.

Nehmen wir das Beispiel aus der deutschen Geschichte. Die deutsche Zivilisation wuchs im Süden und reifte im Süden – in der Nähe von Frankreich und Österreich. Eine reiche und kultivierte Oberklasse verbreitete sich im ganzen Land und in den Städten. Die patrizische Bürgerschicht förderte die Schriftsteller und Komponisten. Die Deutschen sahen sich selbst als „Ein Volk der Dichter und Denker“.

Aber im Laufe der Jahrhunderte suchten die Jungen und Energischen aus der reichen Schicht, besonders die zweiten Söhne, die nichts erbten, für sich selbst eine neue Domäne. Sie gingen an die Ostgrenze, eroberten neues Land von den slawischen Bewohnern und holten dort neue Ländereien für sich selbst.

Das östliche Land wurde Mark Brandenburg genannt. „Mark“  bedeutet Grenzland. Eine Reihe fähiger Fürsten vergrößerten den Staat, bis Brandenburg eine führende Macht wurde. Damit noch nicht zufrieden, heiratete einer der Fürsten eine Frau, die als Mitgift ein kleines  östliches  Königreich, Preußen genannt, mitbrachte. So wurde der Fürst ein König. Brandenburg vereinigte sich mit Preußen und vergrößerte sich durch Kriege und Diplomatie, bis Preußen halb Deutschland beherrschte.

Der preußische Staat, in der Mitte Europas gelegen, umgeben von starken Nachbarn, hatte keine natürlichen Grenzen – weder weite Meere noch hohe Gebirge oder breite Flüsse. Es war nur ein flaches Land. Also schufen die preußischen Könige eine künstliche Grenze: eine mächtige Armee. Graf Mirabeau, der französische Staatsmann sagte bekannterweise: „Andere Staaten haben Armeen. In Preußen hat die Armee einen Staat.“ Die Preußen prägten selbst den Satz: „Der Soldat ist der erste Mann im Staat.“

Es ist nicht wie in andern Ländern, in Preußen wurde das Wort „Staat“  fast als heiliges Wort vorausgesetzt. Theodor Herzl,  der Gründer des Zionismus und ein großer Bewunderer von Preußen, adoptierte dieses Ideal und nannte seine zukünftige Schöpfung:„Der Judenstaat“

TOYNBEE, DER sich nicht mit Metaphysik abgab, fand den irdischen Grund für dieses Phänomen zivilisierter Staaten, die von weniger zivilisierten Staaten übernommen wurden, weil das Grenzvolk härter ist.

Die Preußen mussten kämpfen: Land erobern, ein Teil seiner Bevölkerung vernichten, neue Dörfer  und Städte schaffen, Gegenangriffen widerstehen, nachtragenden Nachbarn, Schweden, Polen und Russen widerstehen. Sie mussten hart sein.

Zur selben Zeit führte das Volk im Inneren  ein viel leichteres Leben. Die Bürger von Frankfurt, Hamburg, München und Nürnberg  hatten ein leichteres Leben, verdienten Geld, lasen ihre großen Dichter und hörten ihre großen Komponisten. Sie konnten die primitiven Preußen mit Verachtung behandeln. Bis sie sich selbst 1871 in einem neuen germanischen Reich  wiederfanden, das von den Preußen beherrscht wurde  – von einem preußischen Kaiser.

Diese Art von Prozess ist während der Geschichte in vielen Ländern geschehen. Die Peripherie wird zum Zentrum.

In alten Zeiten – in der Antike – wurde das griechische Reich nicht von zivilisierten  Bürgern einer griechischen Stadt, wie Athen, geschaffen, sondern von einem Führer aus dem mazedonischen Reich, von Alexander dem Großen. Später wurde das mediterrane Reich nicht von einer zivilisierten griechischen Stadt geschaffen, sondern von einer peripheren italienischen Stadt, Rom genannt.

Ein kleines deutsches Grenzland im Südosten wurde das riesige multinationale Reich, Österreich genannt,  bis es von den Nazis besetzt wurde und  Ostmark genannt wurde  – östliche Grenze.

Es gibt eine Fülle von Beispielen..

DIE JÜDISCHE GESCHICHTE, die reale und die eingebildete, hat ihre eigenen Beispiele.

Wenn ein Steine werfender Junge aus der südlichen Gegend mit Namen David, König von Israel  wurde, setzte er seine Hauptstadt aus der alten Stadt Hebron an einen neuen Ort, den er gerade erobert hat, Jerusalem. Dort war er weit weg von all den Städten, in denen sich eine neue Aristokratie eingerichtet hat und gedieh.

Viel später, in römischen Zeiten, kamen die Kämpfer des Grenzlands Galiläa nach Jerusalem, inzwischen eine zivilisierte Patrizier Stadt,  und zwangen die friedlichen Bürger einen verrückten Krieg  gegen die  unendlich weit überlegeneren Römer anzufangen. Vergeblich versuchte der jüdische König Agrippa, Nachfolger von Herodes dem Großen, sie mit einer eindrucksvollen Rede zu stoppen, die Flavius Josephus  überlieferte. Das Grenzvolk gewann die Oberhand, Judäa revoltierte, der („Zweite“)  Tempel wurde zerstört und die Konsequenzen konnten bis in die letzte Woche auf dem Tempelberg (auf Arabisch: Haram al Sharif – der heilige Schrein) in Jerusalem bemerkt werden, wo arabische Jungs, Nachahmer von David, auf die jüdischen Imitatoren von Goliath Steine warfen.

Im heutigen Israel  macht man einen klaren Unterschied- einen Zwiespalt zwischen den wohlhabenden reichen Städten, wie Tel Aviv und der viel ärmeren „Peripherie“, deren Bewohner meistens  die Nachkommen von Immigranten aus armen und zurückgebliebenen, orientalischen Ländern sind.

Es war nicht immer so. Vor der Gründung des Staates Israel, wurde die jüdische Gemeinde Palästinas (der „Yishuv“ genannt) von der Labor-Partei beherrscht, die von den Kibbuzim, den kommunalen Dörfern dominiert waren . Viele von ihnen lagen entlang der Grenze. (Man könnte sagen, dass sie tatsächlich die „Grenzen“ des Yishuv bildeten) Dort war eine neue Rasse harter Kämpfer geboren, während verwöhnte Stadtbewohner verachtet wurden.

Im neuen Staat sind die Kibbuzim ein Schatten ihrer selbst geworden und die zentralen Städte sind die Zentren der Zivilisation, beneidet und sogar von der Peripherie gehasst. Das war die Situation bis vor kurzem.  Es verändert sich rasend.

AM TAG nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 hob ein neues israelisches Phänomen seinen Kopf: Die Siedlungen in den neu besetzten palästinensischen Gebieten. Ihre Gründer waren  die „National-religiösen“ Jugendlichen.

Während der Tage des Yishuv wurden die religiösen Zionisten eher verachtet. Sie waren eine kleine Minderheit. Einerseits hatten sie nicht den revolutionären Schwung der säkularen, sozialistischen Kibbuzim gemieden. Andrerseits waren wirkliche orthodoxe Juden überhaupt   keine Zionisten und verurteilten das ganze zionistische Unternehmen als eine Sünde gegen Gott (War es nicht Gott, der  die Juden wegen ihrer Sünden ins Exil geschickt,  und unter die  Völkerverstreut hatte?

Aber nach der Eroberung von 1967  wurde die „national-religiöse Gruppe plötzlich eine bewegende Kraft. Die Eroberung des Tempelberges in Ost-Jerusalem und all die andern biblischen Orte, erfüllte sie mit religiösem Eifer. Statt eine marginale Minderheit zu bleiben, wurden sie eine mächtige  treibende Kraft.

Sie schufen die Siedlerbewegung und  bauten Dutzende von neuen Städten und Dörfern in der ganzen besetzten Westbank und Ost-Jerusalem. Mit der Hilfe von allen einander folgenden israelischen Regierungen, den Linken wie den Rechten wuchsen  und gediehen sie. Während das linke „Friedenslager“  allmählich verschwindet, breiteten sie ihre Flügel aus.

Die „national-religiöse“ Partei, einmal eine der moderatesten Kräfte in der israelischen Politik, verwandelte sich in die ultra-nationalistische, fast  faschistische „Jüdisches Heim“-Partei. Die Siedler wurden auch eine dominierende Kraft in der Likud-Partei. Sie kontrollieren nun die Regierung. Avigdor Lieberman, ein Siedler, führt eine noch rechtere Partei als  nominelle Opposition. Der Star des  „Zentrum“, Yair Lapid gründete seine Partei in der Ariel-Siedlung und redet jetzt wie ein extremer Rechter. Yitzhak Herzog, der Führer der Labor-Partei, versucht ihnen kraftlos nachzueifern.

Alle  verwenden jetzt die Siedlersprache. Sie sprechen nicht mehr von der Westbank, sondern von „Judäa und Samaria“.

Während ich Toynbee folgte, erklärte ich dieses Phänomen  durch das Problem, das durch das Leben an der Grenze  gestellt wird.

Selbst, wenn die Situation weniger gespannt ist, als sie es jetzt ist, trotzen die Siedler Gefahren. Sie sind von arabischen Dörfern und Städten  umgeben (Wobei sie sich selbst in ihre Mitte setzten) . Sie setzen sich geworfenen Steinen aus und sporadischen Angriffen auf den Schnell-Straßen, leben aber unter ständigem Armeschutz, während die Leute in den israelischen Städten ein bequemes Leben führen

Natürlich sind nicht alle Siedler Fanatiker. Viele von ihnen leben in einer Siedlung, weil ihnen die Regierung  die Wohnung dort fast umsonst gibt: eine Villa mit Garten, vom der sie im eigentlichen Israel nicht einmal zu träumen wagten. Viele von ihnen sind Regierungsangestellte mit gutem Gehalt. Viele lieben nur die Aussicht – all dieser malerischen muslimischen Minaretts.

Viele Fabriken haben das eigentliche Israel verlassen, verkauften ihr Land für  unglaubliche Summen und bekamen dafür  noch riesige Regierungszuschüsse, dass sie in die Westbank umzogen. Sie beschäftigen natürlich billige palästinensische Arbeiter aus den benachbarten Dörfern – frei von rechtlichen Minimum-Löhnen irgendwelcher Arbeits-Gesetze. Die Palästinenser schuften für sie, weil sie sonst keine Arbeit bekommen können.

Aber selbst diese  „bequemen“ Siedler wurden zu Extremisten, um zu überleben und ihre Häuser zu verteidigen, während sich  die Leute in Tel Aviv  an ihren Cafes und Theater amüsieren. Viele dieser Altein-gesessenen haben schon einen 2. Pass besorgt, einen deutschen, amerikanischen oder polnischen  – nur für den Fall. … Kein Wunder, dass die Siedler, den Staat übernehmen,

DER PROZESS ist schon weit voran geschritten. Der neue Polizeichef  ist ein Kippa tragender früherer Siedler. Auch der Chef vom Geheimdienst. Immer mehr Offiziere der Armee und Polizei sind Siedler. In der Regierung und in der Knesset üben die Siedler riesige Macht und Einfluss aus.

Vor etwa 18 Jahren als meine Freunde und ich als erste einen israelischen Boykott gegen die Produkte der Siedlungen ausriefen, sahen wir, was auf und zukommt.

Dies ist jetzt die wirkliche Schlacht um Israel.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Führer ohne Ruhm

Erstellt von Gast-Autor am 25. Oktober 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

ZUM ERSTEN Mal traf ich Anfang 1983 Mahmoud Abbas in Tunis.

Ich wusste, dass er für den israelischen Schreibtisch in der PLO verantwortlich  war- Said Hamami und Issam Sartawi, die PLO- Gesandten, mit denen ich seit 1974 in ständigem Kontakt gewesen war, sagten mir, dass er  der Beauftragte war. Aber er war nicht bei meinem ersten Treffen mit Yassser Arafat in Beirut während der Belagerung anwesend.

Ich kam mit General Matti Peled  und Yaakov Arnon, in einer offiziellen  Delegation des „Israel-Rates für israelisch-palästinensischen Frieden“ nach Tunis. Wir hatten diesen 1975 gegründet. Bevor wir Arafat selbst trafen, wurden wir darum gebeten, Abu Mazen (Wie Abbas genannt wird) zu treffen und unsere Ideen mit ihm zu diskutieren, um dem Führer einen abgestimmten, detaillierten Vorschlag zu unterbreiten. Dies war auch bei all den vielen Treffen, die folgten, die Prozedur.

Abu Mazen war ganz anders als Arafat. Arafat war auffällig, spontan, extrovertiert. Abu Mazen ist eher verschlossen, introvertiert, vorsichtig, pedantisch. Mein erster Eindruck war der eines Schulmeisters.

Nachdem Arafat ermordet worden war (wovon ich überzeugt bin), gab es zwei offensichtliche Kandidaten, ihm zu folgen. Mahmoud Abbas und Farouk Kaddoumi, beides Mitglieder der PLO-Gründungsgeneration. Kaddoumi war viel extremer; er glaubte nicht daran, dass Israel jemals Frieden machen würde und bewunderte das syrische Regime von Hafez al-Assad. Die PLO-Führung wählte Abbas,

ALS ABBAS  „die Macht“ übernahm   – fand er sich selbst in einer fast unmöglichen Situation.

Arafat hatte den Status einer Palästinensischen Behörde unter israelischer Besatzung als kalkuliertes Risiko akzeptiert.

Als erstes glaubte er Yitzhak Rabin, wie wir alle  (und wie ich ihm riet). Wir glaubten alle, dass Rabin auf dem richtigen Weg wäre, einen palästinensischen  Staat neben Israel  zu akzeptieren. Innerhalb von fünf Jahren würde der Staat Palästina ein Fakt werden. Keiner konnte weder den Mord an Rabin, noch die Feigheit von Shimon Peres und das Emporkommen von Benjamin Netanjahu voraussehen.

Schon davor hat sich Rabin dem Druck seines „Sicherheitschefs“ gebeugt und über wichtigen Teilen des Oslo Abkommens sein Versprechen gebrochen, wie z.B. die vier freien Passagen zwischen der Westbank und dem Gazastreifen.

Abu Mazen  kam in diese Situation – Rabin war tot, das Oslo-Abkommen  nur noch ein Schatten seiner selbst, die Besatzung und das Siedlungs-Unternehmen in vollem Schwung.

Es war eine fast hoffnungslose Aufgabe von Anfang an: eine zweifelhafte Autonomie unter Besatzung. Entsprechend dem Oslo-Deal, das höchstens fünf Jahre dauern sollte, war der größere Teil der Westbank („Zone C“) unter direkter  und voller israelischer Kontrolle und die israelische Armee war, in den beiden andern Gebieten („A“ und „B“) frei zu operieren. Ein zusätzlicher israelischer Rückzug, in Oslo geplant, kam nie zustande.

Die palästinensischen Wahlen, die unter diesen Umständen durchgeführt wurden, führten die Hamas zum Sieg, halfen bei dem Wettkampf unter den Fatah-Kandidaten nach . Als Israel und die US die Hamas daran hinderten, an die Macht zu kommen, nahm  die Hamas mit Gewalt den Gazastreifen.  Die israelische Führung war voller Freude: Der alte römische  Grundsatz divide et impera diente seinem Zweck gut.

Seit damals  haben alle israelischen Regierungen alles in ihrer Macht stehende getan, Abbas an  der „Macht“ zu halten, während man ihn als bloßen Untergeordneten  behandelte. Die palästinensische Behörde – zu Beginn als das Embryo des palästinensischen Staates  konzipiert –  war  jeder wirklichen Autorität beraubt.  Ariel Sharon pflegte über Abu Mazen von einem „gerupften Huhn“ zu reden.

UM DIE die extreme Gefahr von Abu Mazens Situation zu realisieren, muss man sich nur an den historischen Präzedenzfall von „Autonomie“ unter  der Besatzung des Vichy-Regime erinnern.

Im Sommer 1940, als die Deutschen Nordfrankreich  überrannten und Paris besetzten, ergaben sich die Franzosen. Frankreich wurde in zwei Teile geteilt: Der Norden mit Paris blieb unter direkter deutscher Besatzung, dem Süden war Autonomie gewährt. Ein ehrwürdiger Marschall, Henry Petain, ein Held des 1 Weltkrieges, wurde zum Führer der nicht besetzten Zone ernannt; ihre Hauptstadt  war der Kurort Vichy.

Ein einsamer französischer General ergab sich nicht. Charles de Gaulle floh mit einer kleinen Gruppe von Anhängern nach England, wo er über Radio versuchte, das französische Volk zum Widerstand zu bringen. Das Ergebnis war geringfügig.

Gegen alle Erwartungen setzten die Briten den Krieg fort („Allright, dann eben allein) und das deutsche Regime in Frankreich wurde unvermeidbar härter und härter.  Geiseln wurden exekutiert, Juden deportiert; Vichy wurde immer mehr ein  Beiwort für Kollaboration mit dem Feind. Langsam gewann der „Widerstand“  Boden. Am Ende fielen die Alliierten in Frankreich ein, die Deutschen besetzten das Gebiet von Vichy und wurden besiegt; De Gaulle kehrte als Sieger zurück. Petain wurde zum Tode verurteilt, aber dies wurde nicht ausgeführt.

Die Meinungen über Petain waren geteilt und sind es noch. Einerseits rettete er Paris vor der Zerstörung und rettete das französische Volk vor den Grausamkeiten der Nazis. Nach dem Krieg erholte sich Frankreich wieder schnell, während andere Länder in Ruinen blieben.

Andrerseits wird Petain von vielen als ein Verräter, ein früherer Held, angesehen, der mit dem Feind in Kriegszeiten kollaborierte und Widerstandskämpfer und Juden den Nazis auslieferte.

NATÜRLICH können verschiedene historische Situationen nicht verglichen werden. Israelis sind harsche Besatzer, aber sie sind keine Nazis. Abi Mazen ist gewiss kein zweiter Petain. Aber einige Vergleiche können doch gemacht werden.

Ein Weg, eine Politik zu beurteilen, ist, zu fragen: welches sind die Alternativen?

Es ist keine Übertreibung  zu sagen, dass alle Arten von palästinensischem Widerstand  versucht worden und wünschenswert gefunden sind und dass alle  gescheitert sind.

Am Anfang träumten einige Palästinenser von zivilem Ungehorsam im indischen Stil. Dies gelang überhaupt nicht. Palästinenser sind keine Inder und die Besatzungsarmee, die kein wirkliches Gegenmittel zu zivilem Ungehorsam hatte, begann einfach zu schießen, und zwang so die Palästinenser, Gewalt anzuwenden.

Gewalt blieb auch erfolglos. Die israelische Seite erfreut sich unendlicher militärischer Überlegenheit. Mit Hilfe der Informanten und der Folter werden palästinensische Untergrundzellen regelmäßig aufgedeckt, einschließlich der letzten in dieser Woche.

Viele Palästinenser hoffen auf internationale Intervention. Dies ist durch einander folgende  US-Regierungen verhindert worden, die alle den Forderungen des US-jüdischen  Establishments dienten. Sympathisanten der palästinensischen Sache, wie die internationale Boykottbewegung (BDS) sind viel zu schwach, um einen großen Unterschied zu machen

Die arabischen Länder sind gut dabei, Erklärungen zu machen und Pläne zu schmieden, aber unwillig, den Palästinensern in irgendeiner Weise zu helfen.

Was bleibt also?  Sehr wenig.

ABU MAZEN glaubt – oder gibt vor, –an„ internationalen Druck“ zu glauben. Viele israelische Friedensaktivisten – verzweifelt an ihrem eigenen Volk – sind zur selben Schlussfolgerung gekommen.

Mit einer Menge Geduld sammelt Abbas langsam Punkte bei der UN.  In dieser Woche wurde die palästinensische Flagge beim UN-Hauptquartier unter die Flaggen der Mitgliedsnationen gehisst. Dies hat nationalen Stolz geweckt. (Ich erinnere mich noch an ein ähnliches Ereignis unserer eigenen Vergangenheit.) Doch hat das wirklich nichts geändert.

Abbas kann hoffen, dass der wachsende persönliche Zwiespalt zwischen Präsident Obama und Ministerpräsident Netanjahu  die Amerikaner dahin bringen wird, das nächste Mal im Sicherheitsrat nicht mit einem Veto eine Resolution  gegen die  Besatzung zu verhindern . Ich bezweifle es. Doch wenn es zutrifft, dann wird die israelische Regierung  auch das ignorieren. Dasselbe wird geschehen, wenn Abbas es gelingt, einige israelische Offiziere beim Internationalen Gerichtshof wegen Kriegsverbrechen anzuklagen. Israelis glauben nur  an  „Tatsachen auf dem Boden“.

Ich vermute, dass Abu Mazen all dies weiß. Er versucht, Zeit zu gewinnen. Er versucht, einen gewalttätigen Aufstand zu verhindern, der  – wie er glaubt nur der Besatzung nützt, diese setzt ihre amerikanisch gedrillten „Sicherheitskräfte „ zusammen  mit der Besatzungsarmee ein. Dies ist nah am  Abgrund.

Er hat einen Trost: die Hamas-Behörde im Gazastreifen ist  offensichtlich zur selben Schlussfolgerung gekommen und  hält jetzt  mit Israel eine Art Waffenstillstand.  (hudna).

EINE DER Hauptunterschiede zwischen den jüdischen Israelis und den Arabern ist ihre Einstellung z.Z. Israelis sind von Natur aus ungeduldig,. Araber bewundern Kamele, ein Tier von unendlicher Geduld. Die Araber haben eine sehr lange Geschichte, während die Israelis fast keine haben.

Ich nehme an, Abu Mazen glaubt, dass zu diesem Zeitpunkt, es für die Palästinenser sehr wenig zu tun gibt. Deshalb führt er eine Politik des Abwartens, um die Besatzung  auszuhalten, gewalttätige Konfrontationen  zu verhindern, die die Palästinenser verlieren müssen und darauf warten, bis sich die Situation verändert. Die Araber sind gut  mit dieser Art Strategie, die SUMUD genannt wird.

Doch die Besatzung steht nicht still. Sie ist aktiv und stiehlt arabisches Land, baut unerbittlich israelische Siedlungen und vergrößert sie

Auf die Dauer ist dies eine Schlacht des Willens und der Ausdauer. Wie gesagt worden ist. Eine Schlacht zwischen einer nicht aufzuhaltenden Kraft und einer unbeugsamen Masse.

WIE WIRD Abbas von der Geschichte beurteilt werden?

Es ist viel zu früh, dies zu sagen.

Ich glaube, dass er ein wahrer Patriot ist, nicht weniger als Arafat. Aber er ist in Gefahr, gegen seinen Willen abzugleiten und zwar in eine Petain-artige Situation.

Auf jeden Fall glaube ich nicht, dass er korrupt ist, wie seine Feinde behaupten, oder dass  er eine kleine Gruppe „fetter Katzen“ vertritt, die unter und von der Besatzung reich werden.

Die Geschichte hat ihn in eine Situation gebracht, die geradezu unmöglich ist. Er zeigt großen Mut, indem er versucht, sein Volk  unter diesen Umständen zu führen.

Es ist keine ruhmreiche Rolle. Dies ist keine Zeit für Ruhm.

Die Geschichte wird ihn als einen Mann im Gedächtnis behalten, der sein Bestes unter katastrophalen  Umständen geleistet hat.

Ich zum Beispiel kann  ihm nur Gutes wünschen.

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Nasser und ich

Erstellt von Gast-Autor am 18. Oktober 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

VOR 45 JAHREN  starb Gamal Abd-al-Nasser im frühen Alter von 52 Jahren. Es ist kein Ereignis der Vergangenheit. Es hat einen riesigen Einfluss auf die Gegenwart und wird diesen wahrscheinlich weiter auch  auf die Zukunft haben.

Mein Zusammentreffen mit ihm geht ins Jahr 1945 zurück. Ich pflegte zu scherzen, dass „wir einander sehr nah waren, aber wir haben uns nicht rechtzeitig vorgestellt.“

 Es geschah so: Im Juli 45  versuchten wir verzweifelt, den Vormarsch der ägyptischen Armee auf Tel Aviv zu stoppen. Der Eckstein unserer Front war ein Dorf mit Namen Negba. An einem Abend wurde uns mitgeteilt, dass eine ägyptische Einheit uns die einzige Straße zu diesem Kibbuz abgeschnitten und sich auf der andern Seite dort eingegraben hat.

Die Kompanie, zu der ich gehörte, war eine mobile Kommando-Einheit mit Jeeps von denen jedes mit zwei Maschinengewehren bewaffnet war. Wir hatten den Befehl, die Position zu stürmen und sie um jeden Preis zu erobern. Es war eine verrückte Idee – man verwendet keine Jeeps, um eingegrabene Soldaten anzugreifen. Aber die Kommandeure waren auch verzweifelt.

Also fuhren wir in der Dunkelheit die schmale Straße entlang, bis wir die ägyptische Position erreichten, und wurden mit mörderischem Feuer empfangen. Wir zogen uns zurück. Aber dann schloss sich uns der Bataillon-Kommandeur an und leitete einen anderen Angriff. Dieses Mal überrannten wir buchstäblich die Ägypter, ja fühlten menschliche Körper unter unsern Rädern. Die Ägypter flohen. Ihr Kommandant wurde verletzt. Wie ich später herausfand, war es ein Major mit Namen Gamal Abd-al-Nassar.

Danach wandte sich das Kriegsglück. Wir bekamen die Oberhand und umzingelten eine ganze ägyptische Brigade. Ich war ein Teil des belagernden Militärs und wurde  schwer verletzt.  Auf der andern Seite  war Major Abd-al-Nassar.

VIER JAHRE später rief mich Ginger sehr aufgeregt an. „Ich muss dich sofort treffen“, sagte er mir.

Gingi ist der hebräische Slangausdruck für Gingerhead, wie die Briten einen Rothaarigen  nennen. Dieser besondere Rotschopfige war ein kleiner, sehr dunkler Jemenite. Er wurde mit diesem Spitznamen genannt, weil er sehr schwarzes Haar hatte – das war die Art unseres Humors.

Der Gingi –( sein tatsächlicher Name war  Yerucham  Cohen)  hatte während des Krieges als Adjudant  des Kommandeurs der Südfront, Yigal Alon, gedient. Während des Kampfes war eine kurze Feuerpause eingelegt worden, um beiden Seiten zu ermöglichen, die Toten und Verletzten, die zwischen den Linien lagen, herauszuholen. Der Gingi, der ausgezeichnet arabisch sprach, wurde gesandt, um mit dem Emissär der eingekesselten Brigade zu verhandeln.

Wie es manchmal geschieht, bildete sich bei den Begegnungen eine Freundschaft  zwischen den beiden Männern. Einmal, als der Ägypter sehr niedergeschlagen war, versuchte Gingi ihn zu trösten und sagte: „ Verzweifle nicht, Gamal, du wirst hier lebend herauskommen und Kinder haben!“

Die Prophezeiung  wurde erfüllt. Der Krieg war zu Ende; die umzingelte Brigade kehrte  nach Kairo zurück. Yerucham wurde zum Mitglied einer israelisch-ägyptischen Waffenstillstands-Kommission ernannt. Eines Tages  erzählte ihm sein ägyptischer Gesprächspartner: „ Ich wurde von meinem Oberstleutnant  Abd-al-Nasser gebeten, dir zu sagen, dass ihm ein Sohn geboren worden sei.“

Yerucham kaufte einen Babyanzug  und beim nächsten Treffen gab er diesen seinem Kollegen. Nasser schickte seinen Dank zurück: eine Mischung von Gebäck vom berühmten  Groppi-Cafe in Kairo.

IM SOMMER 1952  rebellierte die ägyptische Armee und in einem unblutigen Coup sandte der Playboy König Faruk weg. Der Coup wurde von einer Gruppe  „Freier Offiziere“  angeführt, geleitet von einem 51 jährigen General.  Muhammad Naguib.

Ich veröffentlichte in meinem Magazin an die Offiziere. eine Gratulation .

Als ich Gingi traf, sagte er mir. „Vergiss Naguib. Er ist nur ein Strohmann. Der wirkliche Führer ist ein Bursche  mit Namen Nasser!“ Mein Magazin hatte also einen Sensationsbericht – lange bevor jemand in der Welt wusste, verrieten wir, dass der wirkliche Führer ein Offizier mit Namen Abd-al-Nassar war.

(Ein Wort über arabische Namen: Gamal ist ein Kamel, ein arabisches  Symbol für Schönheit. Ad al Nasser – ausgesprochen Abd-an-Nassar – bedeutet  „Diener von  (Allah)  dem Siegreichen“. Indem wir den Mann nur Nasser nannten, wie wir es alle taten, verliehen wir ihm einen der 99 Namen Allahs.)

Als Nasser offiziell der Führer wurde, verriet mir Yerucham ein großes Geheimnis, dass er gerade eine erstaunliche Einladung erhalten hat. Nasser hatte ihn privat eingeladen, ihn in Kairo zu besuchen.

„Geh!“ bat ich ihn inständig. „Dies könnte eine historische Öffnung sein!“

Aber Yerucham war ein gehorsamer Bürger. Er bat das Außenamt um Erlaubnis. Der Minister Moshe Sharett , die bekannte Friedenstaube, verbat ihm, die Einladung anzunehmen. „Wenn Nasser mit Israel zu reden wünscht, muss er sich ans Auswärtige Amt wenden,“ wurde Yerucham gesagt. Das war natürlich das Ende der Sache.

NASSER WAR  ein  neuer Typ eines Arabers, groß, gut aussehend, charismatisch, ein faszinierender Redner. David Ben Gurion, der schon alt geworden war, fürchtete ihn und beneidete ihn vielleicht. Also schmiedete er mit den Franzosen ein Komplott, um ihn abzusetzen.

Nach einem kurzen freiwilligen Exil in einem Kibbuz, kehrte Ben Gurion 1955 auf seinen Posten als Verteidigungsminister wieder zurück. Das erste, was er tat, war ein Angriff  auf die ägyptische Armee in Gaza. Nach einem Plan oder durch ein Versehen wurden viele ägyptische Soldaten  getötet. Nasser  – wütend und gedemütigt –wandte er sich an die Sowjets und erhielt große Schiffsladungen mit Waffen. Ben Gurion reagierte dadurch, dass er ein enges Bündnis mit den US knüpfte, das bis heute andauert.

Seit 1954 stand Frankreich  einem Befreiungskrieg der Algerier gegenüber. Sie  konnten sich nicht vorstellen, dass die Algerier aus freiem Willen sich gegen Frankreich erheben werde. Sie klagten Nasser an, sie aufzuhetzen. Die Briten schlossen sich dem Klub an, weil Nasser die Britisch-Französische Gesellschaft, die für den Suezkanal verantwortlich war, verstaatlichte.

Das Ergebnis war 1956 das Suez-Abenteuer. Israel griff die ägyptische Armee in der Sinai-Wüste an, während die Franzosen und die Briten in ihrem Rücken landeten. Der ägyptischen Armee, nun praktisch umzingelt, wurde befohlen, so schnell wie möglich umzukehren. Einige Soldaten ließen sogar ihre Stiefel zurück. Israel war von dem  überwältigenden Sieg wie betrunken.

Aber die Amerikaner waren ärgerlich, so auch die Sowjets. Der US-Präsident Eisenhower und der sowjetische Präsident Bulgarin erließen Ultimatums und die drei konspirierenden Mächte, mussten sich sofort zurückziehen. „Ike“  war der letzte amerikanische Präsident, der es wagte, mit Israel und den US-Juden  sich anzulegen.

Übernacht wurde Nasser der Held der ganzen arabischen Welt. Seine Vision einer Pan-arabischen Nation  war in Reichweite. Die Palästinenser, ihrer eigenen Heimat beraubt  und zwischen Israel, Jordanien und Ägypten aufgeteilt, sahen ihre Zukunft in solch einer gemeinsamen Nation und verehrten Nasser.

In Israel wurde Nasser der größte Feind, der Teufel in Person. Er wurde  offiziell und in allen Medien  als „der ägyptische Tyrann“ und  häufig als  „der zweite Hitler“ bezeichnet. Als ich vorschlug, mit ihm Frieden zu schließen, hielten mich die Leute für verrückt.

ABGEHOBEN DURCH seine immense Popularität in der ganzen arabischen Welt und darüber hinaus, tat Nasser eine törichte Sache. Als der israelische Stabschef Yitzhak Rabin  den Syrern mit einer Invasion drohte, sah Nasser darin einen einfachen Weg, seine Führung zu zeigen. Er warnte Israel und sandte seine Armee in die entmilitarisierte Sinai-Wüste.

Jeder in Israel hatte Angst. Jeder –außer mir ( und der Armee). Ein paar Monate vorher wurde ich in ein Geheimnis eingeweiht, das ein führender israelischer General Freunden anvertraut hatte: Ich bete jede Nacht, dass Nasser seine Armee in den Sinai sendet. Dort werden wir sie zermalmen!“

Und so geschah es. Zu spät realisierte Nasser, dass er in eine Falle getappt war (Wie mein Magazin  es in seiner Schlagzeile ankündigte). Um das Unglück abzuwehren, publizierte er Furcht einflößende Drohungen:  „ Israel ins Meer zu werfen“   und sandte einen hochrangigen  Gesandten nach Washington, die US-Regierung darum zu bitten, Israel zu stoppen.

Zu spät. Nach viel Zögerung und extra erhaltener Genehmigung von Henry Kissinger  griff die israelische Armee an und  zerrieb die ägyptischen, jordanischen und die syrischen  Kräfte innerhalb von 6 Tagen. (1967)

Das hatte zwei historische Ergebnisse (a)  Israel wurde zur Kolonialmacht und (b) das Rückgrat des Pan-arabischen Nationalismus war gebrochen.

NASSER BLIEB noch drei Jahre an der Macht – ein Schatten seiner selbst. Offensichtlich dachte er nach.

Eines Tages bat mich mein französischer Freund, der berühmte Journalist Eric Rouleau, dringend, nach Paris zu kommen – ein in Ägypten geborener Jude, der für die repräsentative französische Zeitung „Le Monde“ arbeitete, war mit der ägyptischen Elite bekannt. Er sagte mir, dass Nasser ihm gerade ein langes Interview gegeben hätte. Wie abgemacht übermittelte er den Text an Nasser zur Bestätigung. Nach einiger Durchsicht strich Nasser einen wichtigen Teil aus: ein Angebot an Israel, Frieden zu machen. Es war im Wesentlichen das Angebot, das die Grundlage  für das Sadat-Begin-Friedensabkommen neun Jahre später bildete.

Aber Rouleau hatte das volle Interview auf seinem Tonband. Er bot mir den Text an, damit ich ihn der israelischen Regierung unter totaler Verschwiegenheit geben konnte.

Ich eilte nach Hause und rief ein zentrales Mitglied der israelischen Regierung an. Der Finanzminister Pinchas Sapir, der als das sanfteste  Mitglied des Kabinetts galt. Er empfing mich auch gleich, lauschte dem, was ich zu sagen hatte, und zeigte  nicht das geringste Interesse. Ein paar Tage später, während der Schwarzen-September-Krise in Jordanien starb Nasser plötzlich.

MIT IHM starb die Vision des Pan-arabischen Nationalismus‘. Die Wiedergeburt der arabischen Nation unter der Flagge einer europäischen Idee stützte sich auf einen rationalen säkularen Gedanken.

Ein spirituelles und politisches Vakuum wurde in der arabischen Welt geschaffen. Aber die Natur toleriert  – wie wir alle wissen – keine leeren Räume.

Mit dem toten Nassar und nach dem gewalttätigen Ende seines Nachfolgers und Imitatoren Sadat, Mubarrak, Gaddafi und Saddam lud das Vakuum eine neue Kraft ein: den salafistischen Islamismus.

Ich habe in der Vergangenheit viele Male gewarnt, falls wir Nasser  und den arabischen Nationalismus zerstören, würden religiöse Kräfte  nach vorne kommen. Statt eines Kampfes zwischen rationalen Feinden, die einen vernünftigen Frieden schließen können, wird es zum Beginn eines religiösen Krieges kommen, der per definitionem irrational sein wird und keinen Kompromiss erlaubt.

Genau hier sind wir jetzt. Anstelle von Nasser haben wir jetzt DAESH =IS. Anstelle der arabischen Welt, die von einem charismatischen Führer geleitet wurde, der den arabischen Massen überall einen Sinn für Würde und Erneuerung  gab, stehen wir jetzt einem Feind gegenüber, der das öffentliche Köpfen  rühmt und uns ins 7.Jahrhundert  zurückbringt.

Ich gebe der israelischen und amerikanischen politischen Blindheit und reinen Dummheit die Schuld für diese Entwicklung. Ich hoffe, uns bleibt noch genug Zeit, um dies rückgängig zu machen

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Das Ministerium der Angst

Erstellt von Gast-Autor am 11. Oktober 2015

Texte von Uri Avnery

Autor Uri Avnery

„WIR HABEN nichts zu fürchten, außer der Furcht,“ sagte Präsident Franklin Delano Roosevelt. Er hatte unrecht.

Angst ist eine notwendige Vorbedingung für menschliches Überleben. Die meisten Tiere  in der Natur haben sie. Sie hilft ihnen, auf Gefahren zu reagieren, ihnen aus dem Weg zu gehen oder sie zu bekämpfen. Die Menschen überleben, weil sie  furchtsam sind.

Die Furcht ist beides: individuell und kollektiv. Seit ihren frühesten Tagen hat die menschliche Rasse in Kollektiven gelebt. Beides ist notwendig und eine erwünschte Bedingung. Die frühe Menschheit lebte in Stämmen. Der Stamm verteidigte sein Gebiet gegen alle „Fremden“ – die benachbarten Stämme – , um seine Nahrungsquelle und seine Sicherheit zu wahren. Die Angst war eines der sie einenden Faktoren.

Zu einem Stamm zu gehören (Der nach vielen Entwicklungen  zu einer modernen Nation wurde) ist auch eine tiefe psychologische Notwendigkeit.  Auch dies ist mit Angst verknüpft –  Angst vor andern Stämmen, Angst vor andern Nationen.

Aber Angst kann wachsen und zu einem Monster werden.

VOR KURZEM  erhielt ich von einem jungen Naturwissenschaftler, Youv  Litvin,  einen sehr interessanten wissenschaftlichen Artikel, der sich genau mit diesem Phänomen aus einander setzt. Er beschrieb mit wissenschaftlichen Ausdrücken, wie leicht Angst manipuliert werden kann. Die damit befasste Wissenschaft war die Erforschung des menschlichen Gehirns, die sich auf Experimente mit Tieren  im Labor z.B. mit Mäusen und Ratten, auseinandersetzt.

Nichts ist leichter, als Ängste zu schüren. Zum Beispiel werden Mäuse, während Rockmusik spielt, einem elektrischer Schock ausgesetzt. Nach einiger Zeit  zeigten die Mäuse auch dann Reaktionen äußerster Angst, wenn Rockmusik gespielt wurde, ohne dass ihnen ein Schock gegeben wurde. Allein die Musik verursachte die Angst.

Dies kann auch umgekehrt sein. Lange Zeit wurde ihnen die Musik gespielt, ohne einen Schmerz zu verursachen. Langsam, sehr langsam verringerte sich die Angst. Aber nicht vollkommen: als nach langer Zeit mit der Musik wieder ein Schock verpasst wurde, erschienen sofort die vollen Symptome. Einmal war genug.

WENDET MAN dies gegenüber menschlichen Nationen an, sind die Ergebnisse dieselben.

Die Juden sind ein perfektes Labor – ein Experimentierstück.  Jahrhunderte der Verfolgung in Europa lehrte sie den Wert der Angst. Wenn sie von weitem Gefahr witterten, lernten sie, sich bei Zeiten zu retten  – gewöhnlich durch Flucht.

In Europa waren die Juden eine Ausnahme, die luden zu Opfern einluden. Im Byzantinischen  (Ost-römischen) Reich waren Juden normale Menschen. Im ganzen Reich wurden regionale  Völker zu ethnisch-religiösen Gemeinschaften. Ein Jude in Alexandria konnte eine Jüdin in Antiochien heiraten, aber nicht die junge Frau von neben an, falls sie zufällig eine orthodoxe Christin  war.

Dieses „Millet“-System währte während des islamisch Ottomanischen Reiches; während des britischen Mandats und lebt im heutigen Staat Israel noch weiter. Ein israelischer Jude kann eine israelische Christin oder einen Muslim nicht legal heiraten.

Dies war der Grund, dass es in der arabischen Welt keinen Antisemitismus gab, abgesehen vom Detail, dass Araber selbst Semiten sind. Juden und Christen, die „Völker des Buches“ haben einen Sonderstatus im islamischen Staat (wie heute im Iran,  eine Art „zweiklassig“, in anderer Weise privilegiert (Sie müssen nicht in der Armee dienen).  Bis zur Ankunft des Zionismus waren arabische Juden hier nicht ängstlicher als andere Menschen.

Die Situation in Europa war ganz anders. Das Christentum, das sich vom Judentum abspaltete, hegte von Anfang an gegenüber Juden eine tiefe Abneigung. Das Neue Testament enthielt herbe anti-jüdische Beschreibungen von Jesu Tod, die jedes christliche Kind in einem beeindruckenden Alter lernte. Und die Tatsache, dass die Juden in Europa  (abgesehen von Roma und Sinti) das einzige Volk waren, das keine Heimat hatte, machte es um so verdächtiger und furchterregender.

Das fortgesetzte Leiden der Juden in Europa setzte jeden europäischen Juden in eine ständige und tiefsitzende Angst. Jeder Jude war ständig in Alarmbereitschaft  – bewusst oder unbewusst oder im Unterbewusstsein, sogar in Zeiten und Ländern, die von jeder Gefahr weit entfernt schienen  wie im Deutschland zur der Zeit, als meine Eltern noch jung waren.

Mein Vater war ein vorzügliches Beispiel für dieses Syndrom. Er wuchs in einer Familie auf, die seit Generationen in Deutschland lebte. (Mein Vater, der Latein studiert hatte, bestand darauf, dass  unsere Familie mit Julius Caesar nach Deutschland gekommen war.) Aber als die Nazis an die Macht kamen, brauchte mein Vater für die Entscheidung zu fliehen nur wenige Tage, und  ein paar Monate später kam meine Familie glücklich in Palästina an,

EINE PERSÖNLICHE Bemerkung: Meine eigene Erfahrung mit der Angst war auch interessant – für mich wenigstens.

Als 1948 der hebräisch-arabische  Krieg ausbrach, meldete ich mich natürlich  freiwillig zum Kampf. Vor meiner ersten Schlacht, krümmte ich mich  – buchstäblich  vor Angst. Während des Kampfes, der glücklicherweise leicht war, verließ mich die Angst und kehrte nie wieder zurück.

Bei den folgenden etwa 50 Kämpfen, einschließlich einem halben Dutzend größerer Schlachten fühlte ich keine Angst.

Ich war sehr stolz darauf, doch war es eine dumme Sache. Zum Ende des Krieges hin, als ich schon Truppenführer war, gab man mir den Befehl, eine Position zu übernehmen, die dem feindlichen Feuer ausgesetzt war. Ich ging, um die Position auszukundschaften,  fast aufrecht  bei hellem Tageslicht und wurde  sofort von einer ägyptischen Gewehrkugel durchdrungen. Vier meiner Soldaten, Freiwillige aus Marokko  holten mich tapfer aus der Schusslinie. Ich kam gerade noch rechtzeitig  zum nächsten Militärhospital, so wurde  mein Leben gerettet.

Selbst dies hat meine verlorene Angst nicht wieder hervorgerufen. Ich fühle sie noch immer nicht, obwohl mir bewusst ist, dass dies  äußerst dumm ist.

ZURÜCK ZU meinem Volk.

Die neue hebräische Gemeinschaft in Palästina , gegründet von Flüchtlingen der Pogrome in Moldavia, Polen, Ukraine und Russland  und später verstärkt von den  vom Holocaust übriggebliebenen, lebten in Angst vor ihren arabischen Nachbarn, die von Zeit zu Zeit gegen die Einwanderung revoltierten.

Die neue Gemeinschaft, Yishuv genannt, machte ihre Jugend stolz auf  ihr Heldentum, die so fähig war, sich selbst, ihre Städte und ihre Dörfer zu verteidigen. Ein ganzer Kult wuchs um die neue „Sabras“ (Kaktuspflanze), die furchtlosen, heroischen, jungen Hebräer, die im Lande geboren waren. Als wir in dem  Krieg von 1948  nach  langem und bitterem Kampf (Wir verloren 6500 junge Männer aus einer Gemeinschaft von 650 000 Menschen)  schließlich gewannen, wurde die kollektive rationale Angst durch einen irrationalen Stolz ersetzt.

Hier waren wir nun, eine neue Nation auf neuem Boden, stark und selbstbewusst; wir konnten es uns leisten, furchtlos zu sein. Aber wir waren es nicht.

Furchtlose Leute können Frieden und mit den Feinden von gestern  einen Kompromiss machen, Koexistenz versuchen und sogar Freundschaft schließen. Dies geschah – mehr oder weniger – in Europa  nach vielen hunderten von Jahren ständiger Kriege.

Nicht hier. Die Furcht vor der „arabischen Welt“ erzeugte  eine dauernde Spannung  in unserm nationalen Leben: das Bild des „kleinen von Feinden umgebenen Israel“  war eine innere Überzeugung und ein Propagandatrick. Ein Krieg folgte dem anderen, und jeder produzierte neue Wellen von Ängstlichkeit.

Diese Mischung von anmaßendem Stolz und tiefsitzender Angst, eine Mentalität des Eroberers, und permanente Furcht, ist ein Kennzeichen des heutigen Israel. Ausländer haben oft den Verdacht, dass dies  eine Täuschung sei, aber es ist ganz real

ANGST IST auch das Instrument von Herrschern. Schaffe Angst und herrsche. Dies ist eine Maxime der Könige und Diktatoren  Jahrhunderte lang gewesen.

In Israel ist es das leichteste Ding der Welt. Man muss nur den Holocaust erwähnen (Shoah auf Hebräisch) und die Angst sickert aus allen Poren des nationalen Körpers.

Holocaust-Erinnerungen schüren, sind wie eine nationale Industrie. Kinder werden zu ihrem ersten Auslandtrip nach Auschwitz gesandt, um dieses zu besuchen. Der letzte Erziehungsminister verordnete (Im Ernst) die Einführung der Holocaustlehre im Kindergarten. So gibt es einen Holocausttag  – zusätzlich zu vielen andern  jüdischen Feiertagen, die für vergangene Versuche, Juden zu töten sind.

Das historische Bild, das so im Gedächtnis eines jeden jüdischen Kindes – in Israel wie im Ausland – geschaffen wird, liegt in den Worten des Passah-Gebetes, das jedes Jahr in jeder  jüdischen Familie laut gelesen wird:  “In jeder Generation erheben sie sich gegen uns, um uns zu vernichten, aber Gott rettet uns aus ihren Händen!“

DIE LEUTE FRAGEN sich, welches die besondere Qualität ist, die Benjamin Netanjahu auszeichnet , um immer wieder gewählt zu werden und praktisch alleine zu regieren, umgeben von einer Herde geräuschvoller, unbedeutender Personen.

Die Person, die ihn am besten kennt, sein eigener Vater, erklärte einmal, dass Bibi ein guter Außenminister sein könnte, aber unter keinen Umständen ein Ministerpräsident. Es stimmt! Netanjahu hat eine gute Stimme und ein wahres Talent fürs Fernsehen – aber das ist auch alles. Er ist oberflächlich, er hat keine Vision der Welt und keine wirkliche Vision für Israel, seine historischen Kenntnisse  kann man vergessen.

Aber er hat ein wirkliches Talent: Panikmache. Darin hat er keinen Konkurrenten.

Es gibt kaum eine größere Rede von Netanjahu in Israel oder im Ausland  ohne  wenigstens eine Bemerkung über den Holocaust. Danach kommt das letzte  up-to-date Angst machende  Bild.

Einmal gab es „Internationalen Terrorismus“. Der junge Netanjahu schrieb ein Buch darüber und  stellte sich selbst als Experte vor. In Wirklichkeit ist dies Unsinn. So etwas wie internationalen Terrorismus gibt es nicht. Er ist von  Scharlatanen erfunden worden, die eine Karriere darauf bauten. Professoren und ähnliches.

Was ist Terrorismus? Zivilisten töten? Wenn es so ist, dann sind die abscheulichsten Akte von Terrorismus in der letzten Geschichte Dresden und Hiroshima. Kämpfer von Nichtstaaten zu töten? Such sie dir aus. Wie ich viele Male sagte: „Freiheitskämpfer“   sind auf meiner Seite, „Terroristen“ sind auf der andern Seite.

Palästinenser und Araber sind im Allgemeinen natürlich Terroristen. Sie hassen uns, weil wir ihnen einen großen Teil ihres Landes genommen haben. Offensichtlich  kann man keinen Frieden mit solch perversen Leuten wie jenen machen. Man kann sie nur fürchten und sie bekämpfen.

Wenn das Feld der Terroristenkämpfer zu voll wird, dann schaltet Netanjahu zur iranischen Bombe um. Dort war die aktuelle Bedrohung unserer Existenz.  Der zweite Holocaust.

Für mich ist dies immer lächerlich gewesen. Die Iraner haben keine Atombombe und wenn sie sie hätten, würden sie sie nicht benützen

Aber nimm die iranische Bombe von Netanjahu – was bleibt dann noch?  Kein Wunder, dass er sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt. Aber jetzt ist es endlich  erledigt worden. Was sollte nun getan werden?

Mach dir keine Sorgen. Bibi wird eine andere Bedrohung finden, blutrünstiger als je zuvor.

Warte nur und zittere.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Texte von Uri Avnery

Erstellt von Gast-Autor am 4. Oktober 2015

„Sprecht nicht Zionismus!“

Autor Uri Avnery

IN DEN frühen 1950er -Jahren  veröffentlichte ich eine Geschichte von einem Freund. In jener Zeit war der Staat Israel in ernster Notlage, seine Führer wussten nicht, wie man die Lebensmittel für den nächsten Monat bezahlen sollte.

Irgendjemand erinnerte daran, dass in einem fernen Teil Afrikas es eine kleine  jüdische Gemeinde gibt, der all die Diamantminen gehörte  und die sehr reich war. Die Regierung wählte ihren effektivsten Geldbeschaffer und sandte ihn dorthin.

Dem Mann war klar, dass das Schicksal des Staates auf seinen Schultern ruhte. Er versammelte die lokalen Juden und hielt ihnen die Rede: Über die Pioniere, die alles hinter sich gelassen hatten, um nach Palästina zu gehen und die Wüste zum Blühen zu bringen – mit einer den Rücken brechenden Arbeit und ihren hochfliegenden sozialistischen Idealen.

Als er geendet hatte, war im Raum kein Auge mehr trocken. Als der Mann zu seinem Hotel zurückkehrte, wusste  er, dass er die Rede seines Lebens gehalten hatte.

Und tatsächlich klopfte am nächsten Morgen eine Delegation der lokalen Juden an seine Tür. „ Deine Worte  ließen uns fühlen, dass wir ein unwürdiges Leben führen“, sagten sie . „Ein Leben in Luxus und Ausbeutung. Also entschlossen wir uns einstimmig, die Minen als Geschenk unseren Arbeitern zu geben, hier alles zurückzulassen, mit dir nach Israel zu gehen und Pioniere zu werden“.

DAVID BEN GURION  war ein wirklicher Zionist. Er war davon überzeugt, dass ein Zionist ein Jude war, der nach Israel geht, um dort zu leben. Selbst ein Präsident der zionistischen Weltorganisation war kein Zionist, wenn er in New York lebte. Er war in seinen Überzeugungen unerbittlich.

Als er das erste Mal in die US als Ministerpräsident Israels reiste, wurde er von seinen Beratern gefragt, welches wohl seine Botschaft sein würde. „Ich werde ihnen sagen, alles zurückzulassen und nach Israel zu kommen!“ antwortete er.

Seine Berater waren zu tiefst erschrocken. „Aber Israel braucht ihr Geld!“ riefen sie aus.“ Ohne das können wir nicht auskommen!“

Eine Schlacht des Gewissens folgte. Endlich gab Ben Gurion nach. Er ging nach  Amerika, sagte den Juden, dass sie gute Zionisten sein könnten, wenn sie gegenüber Israel großzügig seien und ihm ihre politische Unterstützung gäben. Nach dieser Episode war Ben Gurion nie mehr derselbe. Seine Grundüberzeugung war zerbrochen worden.

Dasselbe geschah mit dem Zionismus. Er wurde ein zynischer Slogan, der von jedem  benützt wurde, der seine oder ihre Agenda  vor sich herschob. Hauptsächlich wurde es ein Instrument der israelischen Führung, um das Weltjudentum  zu beherrschen und  für ihre nationalen,  parteipolitischen oder politischen Ziele zu aktivieren.

Um zur Geschichte zurückzukommen: Es hätte keine größere Katastrophe geben können als die, wenn das Weltjudentum eingepackt hätte und nach Israel gekommen wäre. Die ungeheure Macht der organisierten US-Juden, die ihre Order aus Jerusalem erhält, ist wesentlich für die Existenz des Staates.

ICH DACHTE  über all das nach, als ich übers Wochenende einen provozierenden Aufsatz von dem bekannten linken israelischen Schriftsteller A.B.Yehoshua las, der  unter den israelischen Top-Schriftstellern fast allein ist: da er kein Aschkenasi ist. Sein  Vater gehörte zu einer alten sephardischen Familie in Jerusalem, seine Mutter ist Marokkanerin. Das macht ihn im heutigen Slang zu einem Misrahi (Ein „Östlicher“)

In seinem Aufsatz macht Yehoshua einen Unterschied zwischen Nationalismus und Zionismus. Nach ihm sind diese beiden nicht zu einem Begriff verschmolzen, wie man die Leute in Israel heute glauben lässt, sondern zwei verschiedene Dinge sind miteinander „verschmolzen“.die in ständigem Konflikt  mit einander sind. „Zionismus spielt eine zweifelhafte Rolle bei dieser Dualität.

Im heutigen Israel ist es eine gewagte Theorie, die an Ketzerei grenzt. Im alten Rom wurden Menschen für weniger verbrannt.  Als ob man sagen würde, dass Gott und Jehova zwei verschiedene Gottheiten seien. Aber meiner Meinung nach, ist dies eine Konstruktion von überholten Ausdrücken. Jetzt können wir wagen, viel weiter zu denken. Ist Israels Nationalismus‘ wirklich mit dem nicht -israelischen Zionismus verschmolzen?

ICH MUSS den Leser daran erinnern, wie es begonnen hat: die große Idee des Theodor Herzl hatte nichts mit Zion im buchstäblichen Sinn zu tun.

Ursprünglich wollte Herzl einen Staat der Juden (keinen „jüdischen Staat“) in Patagonien, im südlichen Argentinien. Die ursprüngliche Bevölkerung war gerade mehr oder weniger ausgelöscht worden und Herzl dachte, dass dieses leere Land  für eine jüdische Masseneinwanderung geeignet sei, wenn der Rest der Eingeborenen vertrieben worden ist (aber erst, „nachdem sie alle wilden Tiere getötet hatten“.)

Als Herzl, ein völlig assimilierter Wiener Jude, mit wirklichen Juden zusammentraf, besonders mit Russen, wurde ihm zögerlich klar, dass  nichts außer Palästina in Frage kommen würde. So wurde seine Idee zum Zionismus. Er liebte Palästina nicht. Er besuchte es nur einmal, als er praktisch vom romantischen deutschen Kaiser Wilhelm II. dorthin befohlen wurde, der darauf bestand, ihn in Jerusalem zu treffen (Der Kaiser bemerkte später, dass der Zionismus eine große Idee wäre, dass „er aber nicht mit Juden zu machen wäre“) .

Herzls Idee des Zionismus‘ war ganz einfach: alle Juden der Welt werden in den neuen Staat kommen, und sie werden die einzigen sein, die Juden zu sich riefen. Diejenigen, die vorzogen, dort zu bleiben, wo sie sind, würden danach aufhören, Juden zu sein und schließlich Österreicher, Deutsche, Amerikaner etc. werden. Ende der Geschichte.

NUN, SO geschah es nicht. Der Zionismus war  ein viel zu zweckdienliches Instrument für die Politiker – in Israel wie außerhalb –  um auf den Müllhaufen geworfen zu werden.

Jeder benützt ihn. Die amerikanischen Politiker, die jüdisches Geld brauchen. Die israelischen Politiker, die sonst nichts zu sagen haben, israelische Regierungsangestellte aller Farben, die offen die israelischen arabischen Bürger  diskriminieren. Koalitionsmitglieder der Knesset gegen die Opposition. Oppositionsmitglieder der Knesset gegen die Regierung.

Lasst Benjamin Netanjahu Yitzhak Herzog, den Führer der Opposition, einen „Anti-Zionisten“ nennen, und er wird härter dagegen protestieren, als würde er ihn nur Verräter genannt haben. Anti-Zionist ist schrecklich. Unverzeihlich.

Doch wenn einer von diesen gefragt worden wäre, was Zionismus  eigentlich ist, die Antwort wäre:      Zionismus? – warum, jeder weiß doch, was Zionismus ist. Was für eine Frage?!  Zionismus ist eh…eh … eh

Auf der andern Seite des Zaunes ist es nicht viel anders. Jeder klagt den andern als Zionisten an. Du bist für die Zwei-Staatenlösung?  Ein boshafter zionistischer Plot.  Du willst nicht, dass Israel verschwindet?  Du bist also ein Teil  der weltweiten zionistischen Verschwörung.

Jemanden einen Zionisten nennen, heißt so viel, wie die Diskussion beenden. Das wäre das Gleiche, als würde man ihn einen Nazi nennen, nur noch schlimmer. Viel schlimmer.

Und dann sind da noch  die Übriggebliebenen des klassischen Antisemitismus‘. Was bleibt von der einst so stolzen Bewegung, mit der alles  begann. Die Leute , die Herzl auf den Straßen von Wien und Paris traf, als er zu der logischen Schlussfolgerung kam, dass Juden im 19. Jahrhundert nicht mehr in Europa leben können . Diese große antisemitische Bewegung ist vergangen. Nur pathetische Reste bleiben. Gerade so viel, um Zionisten mit dem nötigen Brennstoff zu versorgen.

ZIONISMUS ALS solcher, der wirklich anständige, Gütige  starb einen ehrenhaften Tod  in dem Moment in Tel Aviv, als der Staat Israel gegründet wurde.

(In jenen Tagen war „Zionismus“  unter jungen Leuten ein Witz. „Rede nicht  Zionismus“ bedeutet „Rede keinen angeberischen Quatsch!“)

Was bleibt, ist die Ko-Existenz von zwei getrennten Gebilden, nicht wirklich miteinander verschweißt, die zusammen gebunden sind, um eines Tages  in der Zukunft aus einander zu fallen.

Keiner von ihnen hat viel mit Zionismus zu tun.

Da ist die israelische Entität – eine normale Nation (Wenigstens so normal wie jede andere Nation)  Sie hat ein Vaterland, eine kollektive Mentalität, eine geographische und politische Realität, wirtschaftliche Interessen, eine Mehrheit mit einer Sprache, interne Probleme im Überfluss. 75% seiner Bevölkerung, also eine Majorität, sind Juden, 20% Araber. (Der Rest sind Juden, die von den Rabbinern – die solche Dinge in Israel entscheiden –  nicht als Juden  anerkannt werden.)

Und dann gibt es noch das Weltjudentum. Seine Heimat ist die ganze Welt. Es gehört zu vielen verschiedenen Nationen, hat  etwas vages allgemeines Interesse (von Antisemiten hervorgerufen)  eine Religion, viele Traditionen. Ein großer Teil engagiert sich für Israel, ein unbestimmter Teil kann noch unbestimmter werden.

Eine der Hauptfunktionen des „Zionismus‘“ ist es, dieses Volk vollkommen  unterwürfig unter die Interessen von Israels augenblicklicher (aber wechselnder) Führung zu halten. Ohne diese Verbindung müsste Israel von seinen eigenen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen leben, einer weithin reduzierten Existenz.

Die Bande, die diese beiden Gebilde zusammenhalten (oder nach Yehoshua „zusammenschweißen“), sind die Religion und die Tradition. In diesen Tagen, wenn Juden in der ganzen Welt und in Israel dieselben  „Hohem Feiertage“ feiern, ist dies offensichtlich. Die Bande, seit Jahrhunderten vorhanden, sind sie  wirklich viel stärker, fragt man sich heute. Viel stärker als jene zwischen den irländisch-Amerikanern und Irland oder zwischen den Singapurer Chinesen und   China? Wie würde dies In einem wirklichen Test aussehen?

Ironisch genug klingt es, dass der extremste Teil der religiösen Juden – in Jerusalem und in Brooklyn – den Zionismus als  Sünde gegen Gott von sich weist.

DER WIRKLICHE Schaden, den die zionistische Umklammerung Israels verursacht, ist  Israels Situation in der Welt.

Die offizielle Bestimmung Israels als „ein jüdischer und demokratischer Staat“ ist ein Oxymoron. Ein jüdischer Staat kann wirklich nicht demokratisch sein, da die Definition den Nicht-Juden – besonders den Arabern –  die Gleichheit verweigert. Aus demselben Grund kann ein demokratischer Staat nicht  jüdisch sein. Er muss für alle seine Bürger gleich vorhanden sein.

Aber das Problem liegt tiefer. Israels Bande mit den Juden der Welt sind unendlich viel enger, als die Bande mit seinen Nachbarn. Man kann seinen Blick  nicht auf New York fixieren und gleichzeitig sehr daran interessiert sein, was die Menschen in Bagdad, Damaskus und Teheran tun.

Bis Damaskus und Teheran  so nah kommen, dass man sie nicht mehr übersehen kann, vergeht  einige Zeit. Paradoxer Weise schreien einige Leute in Teheran „Tod der zionistischen Entität!“ Auf die Dauer ist das, was dort geschieht,  für unsere Zukunft, hundert Mal wichtiger als die Republikanische Partei in San Francisco.

Lasst es mich klar sagen: Ich predige keine Trennung wie es früher einmal eine kleine Gruppe mit dem Spitznamen „Kanaaniter“  gefordert hatte. Die natürlichen Bande, die real sind und die das vitale Interesse der andern Seite nicht verletzt, werden  Israel helfen, im Weltjudentum zu überleben.

Aber nur unter einer Bedingung: dass sie nicht die Zukunft Israels verletzen, eine Zukunft, die Frieden und Freundschaft zwischen ihren Bürgermit ihren Nachbarn verlangt oder die Zukunft  der Juden in aller Welt mit ihren eigenen Nationen.

Wie passt das in die zionistische Doktrin? Nun wenn es dies nicht tut, dann zur Hölle mit der Doktrin!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Texte von Uri Avnery

Erstellt von Gast-Autor am 27. September 2015

Die wirkliche Bedrohung

ICH  HABE Angst.Ich schäme mich nicht,  dies zuzugeben. Ich habe Angst.

Ich habe Angst vor der Islamischen Staat-Bewegung, auch ISIS  oder Daesh genannt.

Es ist die einzige wirkliche Gefahr, die Israel bedroht, die die Welt bedroht, die mich bedroht.

Diejenigen, die dies  heute mit Gleichgültigkeit oder mit Desinteresse behandeln, werden es bedauern.

IM JAHR, in dem ich geboren wurde –  1923  – inszenierte ein lächerlicher, kleiner Demagoge  mit einem komischen Schnauzbart, Adolf Hitler, in München einen versuchten Putsch. Er wurde von ein paar Polizisten niedergeschlagen und bald vergessen.

Die Welt hatte viel ernstere Gefahren, mit denen es sich beschäftigen musste. In Deutschland war Inflation.  In Russland entwickelte sich die junge Sowjet-Union. Es gab  den gefährlichen Wettbewerb zwischen den beiden mächtigen Kolonialmächten, Großbritannien und Frankreich. 1929  kam die schreckliche wirtschaftliche Krise, die die Weltwirtschaft  zu Grunde richtete.

Aber der kleine Münchner Demagoge hatte eine Waffe, die nicht von erfahrenen Staatsmännern  und schlauen Politikern wahr genommen wurde: eine mächtige Ideologie. Sie verwandelte die Demütigung einer großen Nation in eine Waffe, die effektiver war als Schlachtschiffe und Kampfflugzeuge. Innerhalb einer erstaunlich kurzen Zeit – nur ein paar Jahre –  eroberte er Deutschland, dann Europa und fast die ganze Welt.

Millionen Menschen kamen während des Prozesses zu Tode. Unsägliches Elend  suchte viele Länder heim. Ganz zu schweigen vom Holocaust, einem Verbrechen, das fast ohne Parallele in den Annalen der modernen Geschichte ist.

Wie machte er das? Zunächst nicht durch politische und militärische Macht, sondern  durch die Macht einer Idee, einen Geisteszustand, eine geistige Explosion.

Ich war im ersten Viertel meines Lebens Zeuge davon. Dies kommt mir ins Gedächtnis, wenn ich auf die Bewegung schaue, die sich selbst IS, der „Islamische Staat“ nennt.

IM FRÜHEN 7. Jahrhundert der christlichen Ära, hatte ein kleiner Kaufmann in der  gottverlassenen arabischen Wüste eine Idee. In einer erstaunlich kurzen Zeit eroberten er und seine  Kumpane  seine Heimatstadt Mekka, dann die ganze Arabische Halbinsel, dann den fruchtbaren Halbmond und schließlich einen großen Teil der zivilisierten Welt, vom atlantischen Ozean bis nach Nordindien und darüber hinaus. Seine Nachfolger erreichten das Herz Frankreichs  und belagerten Wien.

Wie konnte ein kleiner arabischer Stamm all dies erreichen? Nicht durch militärische Überlegenheit, sondern durch die Kraft einer neuen berauschenden Religion, einer Religion , die so progressiv und befreiend war, dass ihr irdische Macht nicht widerstehen konnte.

Gegen eine berauschende neue Idee sind materielle Waffen machtlos, Armeen und Flotten lassen mächtige Empires scheitern, wie Byzanz und Persien. Aber Ideen sind unsichtbar, Realisten können sie nicht sehen, erfahrene Staatsmänner und mächtige Generäle sind für sie wie blind.

„Wie viele Divisionen hat der Papst?“ antwortete Stalin geringschätzig, als er über die Macht der Kirche gefragt wurde. Doch das  Sowjetreich zerfiel und verschwand  und die katholische Kirche  ist noch hier.

AL-Daula al ISLAMIYA, der Islamische Staat ist eine „fundamentalistische“ Bewegung. Das Fundament ist der Islamische Staat, der vor 1400 Jahren  vom Propheten Muhammad in Medina und Mekka gegründet wurde. Diese zurückblickende Einstellung ist ein Propagandatrick. Wie kann jemand etwas wieder aufwecken, das vor so vielen  Jahrhunderten existierte?

In Realität ist IS  eine extrem moderne Bewegung, eine Bewegung von heute und wahrscheinlich von morgen. Sie benützt die neuesten Hilfsmittel wie das Internet. Sie ist eine revolutionäre Bewegung, wahrscheinlich die revolutionärste in der heutigen Welt.

Während sie  zur Macht kommt, benützt sie barbarische Methoden  aus längst vergangenen Zeiten, um sehr moderne Ziele zu erreichen. Sie verursacht Terror.  Nicht den propagandistischen Terminus „Terrorismus“, der heute von allen  Regierungen benützt wird, um ihre Feinde zu stigmatisieren. Sondern  aktuelle Grausamkeiten, entsetzliche Taten, wie das Köpfen,  das Zerstören von unschätzbaren  antiken Ruinen – alles, um lähmende Furcht  in die Herzen seiner beabsichtigten Feinde zu treiben .

Die IS-Bewegung kümmert sich nicht wirklich um Europa, die US und Israel. Nicht jetzt . Sie benützt sie als Propaganda-Treibstoff, um  ihr wirkliches Ziel zu erreichen: die ganze islamische Welt zu gewinnen.

Wenn ihr dies gelingt, dann kann man sich den nächsten Schritt vorstellen. Nachdem die Kreuzfahrer Palästina  und  seine Umgebung erobert hatten, kam ein kurdischer Abenteurer Salah-a-Din al Ayyubi  (Saladin für europäische Ohren), der die arabische Welt unter seiner Führung vereinigen wollte. Erst nachdem ihm dies gelang, wandte er sich den Kreuzfahrern zu und löschte sie aus.

Saladin war natürlich kein Kaufmann von Gräueltaten im IS-Stil. Er war ein zu tiefst menschlicher Herrscher und als solcher auch in der europäischen Literatur gefeiert (s. Walter Scott und Lessing). Aber seine Strategie ist jedem Muslim bekannt, einschließlich der Führer des heutigen islamischen „Kalifats“: vereinige erst die Araber, erst dann wende dich  den Ungläubigen zu.

WÄHREND DER letzten zweihundert Jahre ist die arabische Welt gedemütigt und unterdrückt worden. Die Demütigung hat noch mehr als die Unterdrückung  die Seele jedes arabischen Jungen und Mädchens versengt. Einmal bewunderte  die ganze Welt die arabische Zivilisation und die arabischen Wissenschaften (arabische Zahlen). Während des europäischen dunklen Mittelalters  waren die barbarischen  Europäer von den islamischen Ländern geblendet.

Kein junger Araber  kann darauf verzichten, den Glanz, des vergangenen Kalifats mit dem Elend der augenblicklichen arabischen Realität zu vergleichen; mit der Armut, der Rückständigkeit, der politischen Impotenz. Rückständige Völker wie Japan und China haben sich entwickelt und wurden Weltmächte, schlagen den Westen  mit ihren eigenen Schlichen, aber der arabische Riese bleibt ohnmächtig und verdient die Verachtung der Welt. Selbst  so ein winziges Land wie das  der Juden   (Juden um Allahs Willen) schlägt die arabischen Länder.

Ein riesiges Reservoir von Demütigung hat sich in der arabischen Welt zusammengebraut, unsichtbar und unbemerkt von den westlichen Mächten.

In solch einer Situation gibt es zwei Wege. Der eine ist der mühsame Weg:  sich von der Vergangenheit zu trennen und einen modernen Staat aufzubauen. Das war der Weg von Mustafa Kemal, dem türkischen General, der die Tradition (z. B. die arabische Schrift) verbannte und eine neue türkische Nation aufbaute(  und die lateinische Schrift einführte). Es war eine  tiefgründige Revolution, vielleicht die effektivste des 20. Jahrhundert. Er verdiente sich den Titel Atatürk, Vater der Türken.

In der arabischen Welt gab es einen Versuch, einen pan-arabischen Nationalismus zu schaffen, eine schwache Nachahmung des westlichen Originals. Gamal Abd-al-Nassar versuchte es und wurde problemlos  von Israel  geschlagen.

Der andere Weg ist, die Vergangenheit zu idealisieren und zu behaupten, sie neu zu beleben.  Das ist der Weg, den IS geht, und er ist  weithin erfolgreich. Mit wenig Aufwand  hat es große Teile Syriens und des Irak genommen, die offiziellen Grenzen gelöscht, die von westlichen Imperialisten (1919) gezogen wurden. Nachahmer schufen in der ganzen muslimischen Welt Ähnliches und haben viel Tausende  potentieller Kämpfer aus den muslimischen Ghettos aus dem Westen und  Osten angezogen.

Jetzt beginnt der IS seinen Marsch zum Sieg. Da scheint es keinen zu geben, der ihn anhält.

ALS ERSTES  weil keiner die Gefahr zu realisieren scheint. Eine Idee bekämpfen?  Zur Hölle mit Ideen. Ideen sind für Intellektuelle und dergleichen. Wirkliche Staatsmänner schauen auf die Fakten. Wie viele Divisionen hat der IS?

Zweitens gibt es rund herum noch andere Gefahren. Die iranische Bombe. Das syrische Chaos. Der Zusammenbruch von Libyien. Die Ölpreise. Und nun die Lawine von Flüchtlingen, meistens aus der muslimischen Welt.

Wie ein riesiges Kleinkind sind die USA hilflos. Sie unterstützen eine imaginäre, säkulare syrische Opposition, die nur an amerikanischen Universitäten existiert. Sie kämpft gegen den Hauptfeind des IS, das Assad-Regime. Sie unterstützen den türkischen Führer, der gegen die Kurden kämpft, die gegen den IS kämpft. Sie bombardieren den IS aus der Luft, riskieren nichts und erreichen auch nichts. Keine Stiefel auf den Boden. Um Himmels willen.

Regieren ist zu wählen, wie  Pierre Mendes-France  einmal sagte: In der gegenwärtigen arabischen Welt liegt die Wahl zwischen schlimm, schlimmer und am schlimmsten. Im Kampf gegen das Schlimmste, ist das Schlimme ein Verbündeter.

Sagen wir es unverblümt: Den IS zu stoppen versuchen, bedeutet, das Assad-Regime  zu unterstützen. Bashar al-Assad ist ein widerwärtiger Kerl, aber er hat Syrien zusammen gehalten, seine Minderheiten geschützt und die israelische Grenze ruhig gehalten. Verglichen mit dem IS ist er ein Verbündeter. So ist es auch mit dem Iran, ein stabiles Regime mit einer politischen Tradition, die Tausende von Jahren zurückreicht – im Gegensatz zu Saudi Arabien, Katar  und Genossen, die den  IS unterstützen.

Unser eigener Bibi ist so naiv  wie ein neugeborenes Kind. Er ist schlau,  oberflächlich und ignorant. Seine iranische Besessenheit macht ihn für die neuen Realitäten geradezu blind.

Fasziniert vom Wolf vor ihm, nimmt Bibi den  fürchterlichen Tiger nicht wahr  der hinter ihm naht.

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | 1 Kommentar »

Texte von Uri Avnery

Erstellt von Gast-Autor am 20. September 2015

Jüdische Terroristen

Autor Uri Avnery

EINIGE MEINER besten Freunde baten mich, einen Artikel zu schreiben, der die  „Verwaltungshaft“ für jüdische Terroristen bedingungslos verurteilt.Drei verdächtige Terroristen sind schon nach dieser Methode verhaftet worden.Sie sind Mitglieder einer Gruppe, die den Lehren von Rabbi Meir Kahane folgen (der Anführer ist tatsächlich sein Enkel). Kahane war ein amerikanischer Rabbiner, der in dieses Land kam und eine Gruppe gründete, die vom Obersten Gericht als rassistisch und antidemokratisch bezeichnet wurde. Sie wurde gesetzlich verboten. Er wurde später in den USA von einem Araber ermordet. Eine Untergrundgruppe seiner Anhänger ist nun in Israel aktiv.

Dies ist eine der Gruppen, die zu einer geheimen Bewegung, die sich  „Preis Etikette“ oder „Hügeljugend“ nennt,  gehört. Sie hat schon verschiedene Terroraktionen ausgeführt: Brandanschläge auf christliche Kirchen und muslimische Moscheen, arabische Bauern angegriffen und ihre Olivenbäume zerstört. Keiner dieser Täter ist jemals festgenommen worden, weder von der Armee, die als Polizisten in den besetzten Gebieten agiert, noch von Polizisten im eigentlichen Israel. Viele Armeeoffiziere sind selbst Bewohner der – nach internationalem Gesetz illegalen –  Siedlungen in den besetzten Gebieten.

Die israelische Öffentlichkeit hat diesen Gräueltaten wenig Aufmerksamkeit geschenkt, aber die zuletzt geschehenen Dinge haben sogar selbstzufriedene Israelis geschockt. Das eine war der Brandanschlag  auf eine arabische Wohnung im kleinen Dorf Duma in der Westbank. Im Dunkel der Nacht wurde ein Brandsatz in die Wohnung einer armen arabischen Familie geworfen. Ein 16 Monate altes Kleinkind wurde zu Tode verbrannt, sein Vater, seine Mutter und der Bruder wurden schwer verletzt. Der Vater starb später im Krankenhaus.

Solche Akte von Brandanschlägen sind nichts Besonderes, doch bis jetzt gelang es den arabischen Familien, sich selbst zu retten

Eine andere Gräueltat wurde in Jerusalem – gegen Juden begangen. Ein ultra-orthodoxer Jude griff die jährliche  Love-Parade im Zentrum der Stadt an. Es gelang ihm,  mehrere Teilnehmer mit einem Messer anzugreifen, eine von ihnen – ein 16jähriges Mädchen  – starb später an seinen Verletzungen. Der Täter hatte genau dasselbe vor 10 Jahren getan. Er saß eine lange Gefängnisstrafe ab, war aber vor wenigen Wochen entlassen und tat dies nun noch einmal. Er ist ein ultra-orthodoxer Jude, der aber anscheinend keine Verbindung zur Kahane-Bande hat.

Dies war zu viel. Seit Jahren  war keiner für Taten von jüdischem Terrorismus verurteilt worden. Viele glauben, dass diese Akte in Zusammenhang mit der Besatzungsarmee und dem Shin Bet, dem internen Sicherheitsdienst begangen wurden. Jetzt jedoch gibt es einen öffentlichen Aufschrei, und die Behörden sind zu der Schlussfolgerung gekommen, dass sie etwas tun müssten.

Daher die Order über Verwaltungshaft.

ADMINISTRATIV- HAFT ist ein Vermächtnis des britischen Kolonialregimes, das Palästina bis Mai 1948 beherrschte. Der israelische Staat übernahm dieses und änderte nur einige kleine Aspekte.

Die Art der Haft erlaubt einem Militärkommandeur, eine Person ohne Gerichtsverhandlung ins Gefängnis zu stecken. Die Ermächtigung gilt für sechs Monate, kann aber unbegrenzt erneuert werden. Alle paar Monate muss der Gefangene vor einen regulären Richter gebracht werden, aber die Richter schreiten nur in seltenen Fällen ein. Die Richter nehmen stramme Haltung an , wenn ein Offizier des Militärs als Zeuge aussagt.

Der Gefangene hat kein Recht, das Beweismaterial gegen ihn einzusehen und seinen Anklägern gegenüber gestellt zu werden. Es ist ihm auch nicht erlaubt, von einem Anwalt vertreten zu werden. Der offizielle Grund ist, dass er nicht ohne Informanten oder Quellen von unschätzbarer Information, die lebensnotwendig sind, um wirksam den Terrorismus zu bekämpfen und Leben zu retten, vor Gericht gestellt werden kann.

DIESE METHODE  ist die ganze Zeit gegen palästinensische Verdächtige benutzt worden. Augenblicklich füllen viele Hunderte arabische Verwaltungsgefangene die Gefängnisse; einige von ihnen sind seit vielen Jahren in Haft. Seit Beginn der Besatzung 1967 sind hundert Tausende Palästinenser nach dieser Methode im Gefängnis gehalten worden. Für junge Palästinenser bedeutet dies fast eine Auszeichnung.

Kaum ein Jude ist jemals in Administrativhaft gehalten worden. Seit vielen Jahren ist diese Methode überhaupt nicht gegen Juden benützt worden. Die drei Kahanisten, die diese Woche ins Gefängnis gesteckt wurden, sind die ersten seit langer Zeit.

Militärische und zivile Funktionäre erklären diese Art der Haft als ein wesentliches und unersetzbares Mittel, um den jüdischen Terrorismus zu bekämpfen. Alle Kahane-Anhänger und andere faschistische Täter werden dahingehend trainiert, beim Verhör zu schweigen. Da sie sicher sind, dass sie nicht gefoltert werden, haben sie also keinen Grund zu reden. Sie lachen ins Gesicht ihrer Verhörenden.

Die arabischen Gefangenen haben natürlich kein solches Privileg. Sie wissen, wenn sie nicht reden, dass sie gefoltert werden können. Nach israelischem Gesetz ist Folter verboten, aber das Gericht erlaubt etwas, das sich „moderater physischer Druck“ nennt, der schnelle Erfolge erzielt.

Trotzdem darben viele Araber unter unbegrenzt langer Administrativhaft, weil es nicht genügend rechtlich akzeptable Beweise gibt, um sie vor Gericht anzuklagen, ohne „Quellen“ zu gefährden.

Gegenwärtig werden die drei Juden in Administrativhaft gehaltenen Juden in drei verschiedenen Gefängnissen gehalten, denen sich bald noch mehr anschließen werden, wie der Shin Bet verspricht.

VOR VIELEN Jahren, als ich der Herausgeber des Haolam Hazeh –Nachrichten-magazins war, veröffentlichten wir eine Zeit lang auch eine arabisch-sprachige Ausgabe. Eines Tages wurde einer meiner arabischen Mitarbeiter – nennen wir ihn Ahmed –  in Administrativhaft  geholt.

Als ich Krach schlug, erhielt ich einen überraschenden Anruf vom Shin Bet. Die Beziehungen zwischen dieser Organisation und mir waren  vom ersten Tag des Staates an angespannt. Das mag eine Unterreibung sein, da ihr Chef mich einmal offiziell  als der „Feind Nr.1 des Regimes“ bezeichnete.

Zu meiner größten Überraschung lud mich ein hochrangiger Shin-Bet-Offizier zu einem Gespräch ein: „Ich vertraue ihnen eine äußerst geheime Information an, weil ich möchte, dass sie unser Problem verstehen.“

Dann erzählte er mir, dass seine Leute einen Kurier gefangen hätten, der von einer größeren Terrororganisation nach Israel geschickt wurde, um lokale Kollaborateure  zu kontaktieren. Einer von diesen wäre unser Ahmed.

„Was  wollen Sie, dass wir mit ihm tun? Wir können ihn nicht zu einer Gerichts-verhandlung nehmen. Aber wenn wir ihn frei lassen, könnte ein tödlicher Terrorakt die Folge sein. Die Administrativhaft ist die einzig sichere Option.“

Ich war der Überzeugung, dass Ahmed kein Terrorist ist. Als ich noch darüber nachdachte, was zu tun wäre, wurde ich aus dem Dilemma gerettet: der Shin Bet stimmte unter der Bedingung zu einer Entlassung aus der Haft ein, wenn er das Land verlässt. Er ging in die US und erhielt eine „Grüne Karte“ (Arbeitsgenehmigung) vielleicht mit Hilfe des Shin Bet  Bei einem meiner Vorträge dort sah ich ihn in der 1. Reihe sitzen. Wir umarmten uns.

ICH ERZÄHLE diese Geschichte zum ersten Mal, um das Dilemma zu illustrieren. Indem man diese jüdischen Faschisten frei herumstreunen lässt, könnte dies noch mehr arabisches und jüdisches Leben kosten und vielleicht eine Katastrophe sein, zum Beispiel ein Brandanschlag  auf heilige muslimische Stätten. Es scheint keinen ernsten Beweis gegen sie zu geben. Falls es Shin Bet-Informanten in dieser Gruppe gibt, würde ihr Zeugnis vor Gericht sie entlarven.

Der Shin Bet und die Polizei werden von vielen von uns wegen völliger Inkompetenz angeklagt, wenn sie mit jüdischen Terroristen konfrontiert werden, während sie äußerst effizient sind, wenn sie mit palästinensischen konfrontiert werden. Schlimmer ist, dass wir den Shin Bet verdächtigen, von Siedlern durchsetzt zu sein und mit ihnen zu kollaborieren. Dem Shin Bet die Methoden der Administrativhaft zu nehmen, lähmt sie noch mehr oder liefert ihnen einen Vorwand für totalen Misserfolg.

In meiner späten Kindheit war ich Zeuge des Zusammenbruchs der deutschen demokratischen „Weimarer Republik“ in Deutschland. Die Nazi-SA-Leute  tummelten sich auf den Straßen, schlugen die Leute, die jüdisch aussahen, wechselten Schüsse mit den Kommunisten. Die Regierung war machtlos. Die Polizei und die Armee wurden von Adolf Hitlers Partei infiltriert. Die Richter straften die Kommunisten schwer, halfen den Nazi-SA-Leuten“ aber aus der Patsche.

Jahre später, als Deutschland in Trümmern lag wurde die Weimarer Republik der Feigheit angeklagt, weil sie nicht wagte, die ihr zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden – einschließlich nicht demokratischer Notstandsgesetzen, um die Nazis beizeiten zu bekämpfen. Will die israelische Republik dasselbe Schicksal riskieren?

Es ist ein wirkliches Dilemma. Es verlangt wirkliche Antworten. Nicht die leichten Antworten aus dem liberalen Handbuch. Verantwortliche Antworten. Antworten, relevant zur realen Welt.

Ich bin davon überzeugt, dass die Kahanisten und die anderen faschistischen Gruppen im heutigen Israel weit gefährlicher sind, als die meisten Leute glauben. Dies ist nicht nur eine Handvoll  wilden Unkrauts, wie man uns weis machen will. Dies ist ein nationaler Krebs, der sich schnell in unserm nationalen Körper ausbreiten kann.

Ich habe es schon  einmal gesehen.

ES IST ein schwieriges Dilemma. Auf jeden Fall für mich.

Stimmen wir der Verwaltungshaft zu, einer Haft ohne Gerichtsverfahren und ohne demokratische Sicherheitsmaßnahme, um vielleicht dadurch das Leben von Arabern und Juden zu retten, vielleicht schlimmere Katastrophen zu verhindern?

Oder halten wir uns streng an demokratische Prinzipien, entlassen alle, die in Administrativhaft gehalten werden, Araber wie Juden, auch wenn wir wissen, dass einige von ihnen  Taten wiederholen werden

Nach einer ernsten Gewissensprüfung stimme ich für die zweite Option. Aus moralischen und pragmatischen Gründen.

Moralisch glaube ich nicht, dass man eine Seuche mit Cholera bekämpfen kann. Die Administrativhaft ist eine faschistische Methode, auch wenn sie gegen Faschisten angewandt  wird.

Und weil es praktisch nicht helfen wird. Es ist so, als würde man Krebs mit Aspirin bekämpfen. Die Verhafteten werden durch andere ersetzt, vielleicht sogar durch Schlimmere.

Es besteht auch die Gefahr, dass die Verhaftung von wenigen als Entschuldigung dient, nichts gegen die Vielen zu tun.

Um diese Seuche zu bekämpfen benötigen wir bessere Ärzte. Der Shin Bet, die Polizei und Armee müssen von faschistischen Sympathisanten gesäubert werden. Offiziere, die der israelischen Republik loyal gegenüber sind, müssen ihren Platz einnehmen. Juden und Araber müssen in gleicher Weise behandelt werden.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Teile und herrsche

Erstellt von Gast-Autor am 13. September 2015

Divide et impera – Teile und herrsche

Autor Uri Avnery

BENJAMIN NETANJAHU  ist nicht als klassischer Gelehrter bekannt, doch übernahm er den römischen Leitspruch: Divide et impera, teile und herrsche.

Das Hauptziel – und vielleicht das einzige – seiner Politik ist, die Herrschaft Israels zu erweitern, als den „National-Staat des jüdischen Volkes“ über ganz  Erez Israel, das historische Land Palästina. Dies bedeutet, über die ganze Westbank zu herrschen und dieses mit jüdischen Siedlungen zu bedecken, seinen mehr als 2,5 Millionen arabischen Bewohnern aber die bürgerlichen Rechte zu verweigern.

Ost-Jerusalem mit seinen 300 000 arabischen Bewohnern ist offiziell von Israel schon annektiert worden, ohne ihnen jedoch die israelische Bürgerschaft zu gewähren oder das Recht, an den Knesset-Wahlen teilzunehmen.

Das lässt den Gazastreifen, eine winzige Enklave  mit mehr als 1,8 Millionen arabischen Bewohnern, allein; die meisten von ihnen sind Nachkommen der Flüchtlinge aus Israel. Es ist das letzte, das Netanjahu in das israelische Imperium auch einzuschließen wünscht.

Es gibt einen historischen Präzedenzfall. Nach dem Sinai-Krieg 1956, als Präsident Eisenhower verlangte, dass Israel sofort das ägyptische Territorium, das es erobert hat, zurückgibt, riefen viele Stimmen in Israel dazu auf, den Gazastreifen zu annektieren. David Ben-Gurion weigerte sich unnachgiebig. Er wollte keine Hundert Tausende mehr Araber in Israel. Also gab er auch den Streifen an Ägypten zurück.

Die Annexion von Gaza würde jetzt, während man die Westbank behält, eine arabische Mehrheit im jüdischen Staat schaffen. Stimmt, eine kleine Mehrheit, die aber schnell wächst.

DIE BEWOHNER der Westbank und des Gazastreifens gehören zum selben palästinensischen Volk. Sie sind eng durch nationale Identität und Familienbande verknüpft. Sie sind jetzt aber getrennte Entitäten, geographisch durch israelisches Gebiet getrennt, das an seiner schmalsten Stelle  nur etwa 45 km breit  ist.

Beide Gebiete wurden 1967 im Sechstagekrieg besetzt. Viele Jahre konnten sich Palästinenser frei von einem Gebiet zum andern bewegen. Palästinenser aus Gaza konnten in der Bir Zeit-Universität in der Westbank studieren, eine Frau aus Ramallah in der Westbank konnte einen Mann aus Beit Hanoun im Gazastreifen heiraten.

Ironischer Weise wurde die Bewegungsfreiheit 1994 mit dem Oslo-„Friedens“-Abkommen beendet, in dem Israel explizit die Westbank und den Gazastreifen als ein einziges Gebiet anerkannte und vier Passagen zwischen ihnen öffnen sollte. Doch wurde keine einzige je geöffnet.

Die Westbank wird jetzt dem Namen nach von der Palästinensischen Behörde verwaltet, die auch vom Oslo-Abkommen geschaffen wurde und die von der UN  und der Mehrheit der Nationen als Staat Palästina unter israelischer Militärbesatzung anerkannt wird. Sein Führer Mahmoud Abbas, ein enger Kollege des verstorbenen Yasser Arafat, hat sich dem arabischen Friedensplan verpflichtet, der von Saudi-Arabien initiiert wurde und der den Staat Israel in seinen Grenzen von 1967 anerkennt. Keiner zweifelt daran, dass er Frieden wünscht, der sich auf eine Zwei-Staaten-Lösung gründet.

1996 WURDEN die allgemeinen Wahlen in beiden Gebieten von der Hamas (arabische Initialen für „Bewegung des islamischen Widerstandes“) gewonnen. Auf israelischen Druck hin wurden die Ergebnisse annulliert. Gewalttätig übernahm die Hamas daraufhin die Kontrolle über den Gazastreifen. Da sind wir jetzt: zwei getrennte palästinensische Entitäten, deren Regierende sich gegenseitig hassen.

Oberflächliche Logik würde der israelischen Regierung diktieren, Mahmoud Abbas zu unterstützen, der sich für den Frieden engagiert, und ihm gegen die Hamas helfen, die wenigstens offiziell sich damit befasst, Israel zu zerstören. Nun das ist nicht unbedingt der Fall.

Es stimmt, dass Israel mehrere Kriege gegen die im Gazastreifen herrschende Hamas geführt hat. Es hat sich aber nicht darum bemüht, es wieder zu besetzen, nachdem es sich 2005  daraus zurück gezogen hat. Netanjahu will, genau so wenig wie Ben-Gurion vor ihm, all diese Araber. Er gibt sich mit einer Blockade zufrieden, die den Gazastreifen „zum größten Freiluft-Gefängnis der Welt“ macht.

Doch ein Jahr nach dem letzten Israel-Gaza-Krieg ist die Region voller Gerüchte über indirekte Verhandlungen, die im Geheimen zwischen Jerusalem und Gaza über einen langen Waffenstillstand („hudna“ auf Arabisch) geht, ja, der sogar an einen inoffiziellen Frieden grenzt.

Wie geht das? Frieden mit dem radikal feindlichen Regime in Gaza, während sie gegen die Friedens-orientierte Palästinensische Behörde in der Westbank opponiert?

Das klingt verrückt, ist es aber nicht. Für Netanjahu ist Mahmoud Abbas der größere Feind. Er zieht die internationale Sympathie an , die UN und die meisten  Regierungen der Welt erkennen seinen Staat Palästina an; er mag auf dem Weg sein, einen wirklich unabhängigen palästinensischen Staat zu errichten, einschließlich Gaza.

Solch eine Gefahr droht nicht vom Hamas-Ministaat in Gaza. Er wird  weltweit, selbst von den meisten arabischen Staaten, als „terroristischer“  Ministaat geächtet. Keiner will ihn anerkennen.

SIMPLE PRAGMATISCHE Logik könnte Israel in Richtung Hamas stoßen. Die winzige  Enklave stellt keine wirkliche Gefahr für die israelische Militärmaschine dar, höchstens eine kleine Irritation, der alle paar Jahre mit einer kleinen militärischen Operation begegnet werden kann – wie es während der letzten paar Jahre geschah.

Es würde für Netanjahu logisch sein, mit dem Regime in Gaza einen inoffiziellen Frieden zu machen und weiter gegen das Regime in Ramallah zu kämpfen. Warum die Seeblockade des Gazastreifens aufrecht halten? Warum nicht das Gegenteil tun? Lasst die Gazaner einen Tiefseehafen bauen und ihren wunderschönen internationalen Flughafen wieder aufbauen, (den Israel zerstört hat)? Es würde kein Problem sein, eine Inspektion einzurichten, um den Waffenschmuggel zu verhindern.

Einmal war die Rede davon, Gaza in ein arabisches Singapur zu verwandeln. Das ist eine große Übertreibung, doch der Gazastreifen könnte eine reiche Handelsoase werden, ein Hafen für die Westbank, Jordanien und drüber hinaus.

Dies würde das PLO-Regime in der Westbank in den Schatten stellen, sein internationales Ansehen entziehen und die Gefahr des Friedens abwenden. Die Annexion der Westbank  – die jetzt sogar von den israelischen Linken „Judäa und Samaria“ genannt wird – könnte langsam, zunächst inoffiziell, dann offiziell  fortschreiten. Jüdische Siedlungen würden sich im Land immer mehr verbreiten und am Ende würde nichts außer ein paar kleinen palästinensischen Enklaven bleiben. Die Palästinenser würden ermutigt sein, wegzugehen.

ZUM GLÜCK(für die Palästinenser) ist solch logisches Denken  für Netanjahu und seine Anhänger fremd. Nun zwei Alternativen gegenüberstehend, wählt er keine.

Während er eine inoffizielle Hudna mit der Hamas in Gaza sucht, hält er die totale Blockade über dem Gazastreifen aufrecht. Gleichzeitig verstärkt er die Unterdrückung in der Westbank, wo die Besatzungsarmee jetzt routinemäßig etwa sechs Palästinenser pro Woche tötet.

Hinter dieser Nicht-Logik lauert ein Traum: der Traum, dass am Ende alle Araber Palästina verlassen und uns alleine lassen.

War dies die verborgene Hoffnung des Zionismus von Anfang an? Wenn man seine Literatur beurteilt, ist die Antwort nein. In seiner futuristischen Novelle „Altneuland“ beschreibt Theodor Herzl ein jüdisches Gemeinwesen, in dem Araber glücklich als gleiche Bürger leben. Der junge Ben Gurion versuchte sogar zu beweisen, dass die palästinensischen Araber in Wahrheit Juden seien, die irgendwann keine andere Wahl hatten, als zum Islam überzutreten. Vladimir Jabotinsky, der extremste Zionist und Vorvater der heutigen Likudpartei, schrieb ein Gedicht, in dem er einen jüdischen Staat voraussah, in dem „Der Sohn Arabiens, der Sohn von Nazareth und mein Sohn/ zusammen im Überfluss und glücklich leben werden.“

Doch viele Leute glauben, dass dies leere Worte seien, auf die Realitäten ihrer Zeit eingestellt, dass aber dahinter der grundsätzliche Wille stand, ganz Palästina exklusiv in einen jüdischen Staat zu verwandeln. Dieser Wunsch, so glauben sie, hat unbewusst alle zionistischen Aktionen damals bis heute geleitet.

Diese Situation resultiert jedoch nicht von irgendwelchen diabolischen israelischen Plänen. Israelis planen die Dinge nicht, sie schieben sie vor sich her.

Indem es in zwei sich gegenseitig hassende Entitäten geteilt ist, kollaboriert das palästinensische Volk tatsächlich mit diesem zionistischen Traum. Statt sich gegen einen weit überlegeneren Besatzer zu vereinen, unterminieren sie einander. In beiden Mini-Hauptstädten, Ramallah und Gaza, herrscht nun eine lokale Herrscherklasse, die ein Interesses hat, die nationale Einheit zu sabotieren.

Statt sich gegen Israel zu vereinen, hassen sie sich und kämpfen gegen einander. Die kleine palästinensische Nation in zwei noch kleinere, einander feindliche Gebilde zu teilen, die gegenüber Israel hilflos sind, ist ein Akt  politischen Selbstmords.

Anscheinend hat der israelische Traum des rechten Flügels gewonnen. Das palästinensische Volk, aus einander gerissen und gespalten durch gegenseitigen Hass, ist weit davon entfernt, erfolgreich für Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen. Dies ist aber eine vorläufige Situation.

Am Ende wird diese Situation explodieren, die palästinensische Bevölkerung, die von Tag zu Tag (von Nacht zu Nacht) wächst, wird wieder zusammen kommen und den Kampf für Freiheit wieder aufnehmen. Wie jedes andere Volk auf Erden werden sie für ihre Freiheit kämpfen.

Deshalb kann das „Teile und herrsche“-Prinzip  sich in eine Katastrophe wandeln. Das wirkliche langfristige Interesse Israels ist, mit dem ganzen palästinensischen Volk Frieden zu machen, das friedlich in einem eigenen Staat und enger Kooperation mit Israel lebt.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | 1 Kommentar »

Das Gesicht eines Jungen

Erstellt von Gast-Autor am 6. September 2015

Das Gesicht eines Jungen

DIE UNTATEN von Napoleons Besatzungsarmee in Spanien wurden nicht fotografiert. Die Fotografie war noch nicht erfunden worden. Die tapferen Kämpfer gegen die Besatzung mussten sich auf  Francisco Goya verlassen, dem unsterblichen Maler des Widerstandes.

Die Partisanen und Untergrundkämpfer gegen die deutsche Besatzung ihrer Länder im 2. Weltkrieg hatten keine Zeit, Fotos zu machen. Selbst der heroische Aufstand des jüdischen Ghettos in Warschau wurde nicht von den Partisanen  gefilmt. Die Deutschen filmten ihre Gräueltaten selbst. und da sie Deutsche waren, katalogisierten sie sie und bewahrten sie in ordentlicher Weise.

Währenddessen ist die Fotografie  allgemein geworden. Die israelische Besatzung in den palästinensischen besetzten Gebieten wird die ganze Zeit über gefilmt. Jeder hat sein  Zellulargerät und macht Bilder. Israelische Friedensgruppen  haben Kameras an viele arabische Bewohner verteilt.

Soldaten schießen mit Gewehren. Die Palästinenser schießen Bilder.

Es ist noch nicht klar, was auf die Dauer wirksamer ist, die Kugeln oder die Fotos.

EIN TESTFALL ist ein kurzer Clip, der vor kurzem in einem entfernten Westbank-Dorf mit Namen Al Nabi Saleh aufgenommen wurde. Jeder Israeli hat diese Aufnahmen jetzt viel Male aufgenommen. Sie wurden immer wieder von allen israelischen TV-Stationen gezeigt. Viele Millionen rund um die Welt haben sie auf ihrem lokalen TV gesehen. Sie machen die Runde in den sozialen Medien.

Der Clip zeigt einen Vorfall, der sich vor zwei Wochen am Freitag nahe des Dorfes zugetragen hat. Nichts Besonderes. Nichts Schreckliches. Nur ein Routineereignis. Das Bild aber ist unvergesslich.

Das Dorf Nabi Saleh liegt nicht weit von Ramallah  in der besetzten Westbank. Es wird zu Ehren eines Propheten  genannt (Nabi bedeutet auf Arabisch und Hebräisch Prophet), der vor Muhammad lebte und von dem gesagt wird, dass er dort beerdigt wurde. Sein aufwendiges Grab ist der Stolz der 550 Bewohner.

Al-Nabi Saleh ist auf den Resten eines Kreuzfahrer-Außenposten erbaut, der wieder auf den Resten eines byzantinischen Dorfes erbaut wurde. Seine Geschichte geht wahrscheinlich auf die alten kanaanitischen Zeiten zurück. Ich glaube, dass die Bevölkerung dieser Dörfer sich nie geändert hat – sie änderten ihre Religion und Kultur entsprechend den Herrschern. Sie waren abwechselnd Kanaaniter, Israeliten Assyrer, Griechen, Römer, Byzantiner und schließlich Araber.

Die letzte Besatzung (bis heute) ist die israelische. Die neuen Besatzer haben kein Interesse, dass die Einheimischen konvertieren. Sie wollen nur  ihr Land nehmen und wenn möglich, sie dahin bringen, dass sie gehen. Auf einem Teil des Landes von Nabi Saleh wurde eine israelische Siedlung  errichtet, mit Namen Halamisch („Flint“ Feuerstein).

Der Konflikt zwischen dem Dorf und den neuen „Nachbarn“ begann sofort. Zwischen ihnen liegt ein alter Brunnen, die die Siedler renovierten und  nun behaupten, es sei ihre eigene. Das Dorf ist nicht bereit, die Quelle aufzugeben.

Wie in vielen andern Dörfern des Gebietes, wie z.B. in Bilin, findet an jedem Freitag direkt nach dem Mittagsgebet in der Moschee eine Demonstration gegen die Besatzung, die Mauer und die Siedler statt. Einige israelische Friedensaktivisten und internationale Freiwillige nehmen daran teil. Die Demonstranten sind gewaltlos, aber von den Seiten werfen oft Jugendliche und Kinder Steine. Die Soldaten  antworten mit Gummi-ummantelten Stahlkugeln, Tränengas und Schock-Granaten  und manchmal schießen sie auch scharf.

Wie in vielen kleinen arabischen Dörfern, gehören die meisten Bewohner zu einer weitläufigen Familie, in diesem Fall die Taminis. Ein Tamini-Junge wurde  bei einer der Demos erschossen, ein Mädchen wurde in den Fuß geschossen. Es ist ein Tamini-Junge, der bei dem letzten Ereignis eine Hauptrolle spielt.

DER CLIP, der die Welt schockierte, begann mit einem einzigen Soldaten, der offensichtlich geschickt war, einen Jungen zu verhaften, der angeblich einen Stein geworfen hatte.

Der Soldat sprang über das felsige Gelände, sah nach dem Jungen, der sich hinter einem Felsen versteckte und packte ihn. Es ist der 12jährige Muhammad Tamini, mit einem Arm im Gipsverband.

Der Soldat legte seinen Arm um den Hals des Jungen, der vor Schreck schrie. Bald erschien seine 14jährige Schwester und bald danach seine Mutter und andere Frauen. Sie zerrten alle an dem Soldaten, der versuchte sie, mit dem andern Arm wegzustoßen. Während des wilden Kampfes biss die Schwester in den Arm des Soldaten, der das Gewehr hielt.

Der Soldat ist maskiert. Das ist etwas Neues. Warum sind sie maskiert? Was verbergen sie? Schließlich sind sie keine russischen Polizisten, die Rache vor Gangstern fürchten. Als ich vor langer Zeit Soldat war, waren Masken unbekannt.

Während des Durcheinanders gelang es einer der Frauen, die Maske des Soldaten abzureißen. Wir sehen sein Gesicht – es ist ein junger Mann, wohl erst kürzlich von der Oberschule gekommen. und offensichtlich weiß er nicht, was er tun soll. Rund herum standen Fotografen. Man sieht ihre Füße.

Würde der Soldat sein Gewehr benützt haben, wenn die Fotografen nicht dagewesen wären? Schwer zu sagen. Vorkurzem schoss ein Brigade-Kommandeur  und tötete einen Jungen, der einen Stein auf sein Auto geworfen hatte. Die Armee nahm dies  hin und lobte sogar solche Akte der „Selbstverteidigung“.

Einige Minuten ging dies weiter – der Junge schrie und flehte. Die Frauen stießen und schlugen. Der Soldat stieß zurück, jeder schrie. Dann näherte sich ein anderer Soldat und sagte dem ersten Soldaten, das Kind  loszulassen, den man wegrennen sieht.

WIR WISSEN nicht, wer der Soldat ist. Es ist schwer, seinen Hintergrund zu erraten. Es ist nur ein Soldat, einer von vielen, die die Besatzung aufrecht erhalten, die jede Woche der Demonstration gegenüberstehen.

Ein anderer Gesichtspunkt dieses Ereignisses  betrifft einer der Demonstranten, der einen Augenblick mit der Kamera gefangen wurde. Er wurde erkannt.

Er ist der Lehrer, der den Namen von zwei berühmten Personen trägt – den des Gründers des Zionismus: Theodor Herzl und des Komponisten Franz Schubert. Herzl Schubert ist ein alter linker Friedensaktivist, den ich bei vielen Demonstrationen traf.

Am Morgen, als dieser Film auf allen israelischen Kanälen gezeigt wurde, kam der Schrei auf, ihn zu entlassen. Was, ein linker Friedensdemonstrant im Klassenzimmer?

Schubert wurde nicht angeklagt, seine Meinung im Klassenzimmer zu predigen. Seine Friedensaktivitäten fanden nicht während seiner Arbeitszeit statt. Allein die Tatsache, dass er  in seiner freien Zeit an einer Demonstration teilnahm, war genug. Sein Fall wird jetzt von Erziehungsministerium „näher betrachtet“.

Dies ist übrigens kein Ausnahmefall. Eine geachtete Lehrerin, die als Schulleiterin einer Kunstschule ausgewählt war, wurde blockiert, als – vor vielen Jahren – ihre Unterschrift mit anderen auf  einer Petition entdeckt wurde, die die Armee aufrief, Soldaten zu erlauben, den Wehrdienst in den besetzten Gebieten zu verweigern. Die Petition rief nicht zur Wehrpflichtverweigerung auf; sie bat nur darum, die moralische Entscheidung der Verweigerer zu respektieren. Das  genügte. Das Ministerium  – jetzt von  einem nationalistisch-religiösen Demagogen geleitet –  versprachen „über die Sache nachzudenken“.

Diese Fälle eines neuen McCarthyismus  betreffen natürlich nur Linke. Keiner fordert den Rabbiner auf, seinen Posten aufzugeben, der das Verkaufen oder Vermieten von Wohnungen an Araber verbietet. Oder der Rabbi, der schrieb, dass unter gewissen Umständen es erlaubt sei, Nicht-Juden zu töten, einschließlich Kinder. Ihr Gehalt wird weiter vom Staat gezahlt.

VIELE MILLIONEN rund um die Welt haben jetzt den Nabi Saleh Film gesehen. Es ist unmöglich, den Schaden einzuschätzen.

Es ist nicht so, dass dieser Clip besonders abscheulich ist. Es geschah nichts Schreckliches. Es ist nur das Gesicht der Besatzung, das gegenwärtige Gesicht Israels, das sich den Köpfen der Zuschauer einprägt.

Fast alle Neuigkeiten, die seit vielen Jahren  aus Israel kommen, beziehen sich auf Taten und Untaten der Besatzung.

Vergangen und vergessen ist das Gesicht Israels, als der progressive Staat  von den Opfern des abscheulichsten Massenverbrechens in der modernen Geschichte geschaffen wurde. Der Staat der Pioniere, die die „Wüste zum Blühen brachten“. Die Bastion der Freiheit und der Demokratie  verwandelte sich in eine turbulente Region.

Das Bild ist seit langem ausgelöscht. Das Israel, das sich heute der Welt präsentiert, ist ein Staat von Besatzern, Unterdrückern und brutalen Kolonisten, von  bis zu den Zähnen bewaffneten Soldaten, die Leute mitten in der Nacht Leute – auch Kinder –  verhaften und sie während des Tages  verfolgen.

Dieses  Gesicht verändert die Vorstellung Israels in aller Welt. Jeder TV-Clip und Nachrichtenartikel bringt  unmerklich den Wandel zustande. Die Haltung einer gewöhnlichen Person in der Welt, ja sogar der Juden, hat sich geändert. Der Schaden dauert und ist wahrscheinlich unabänderlich.

Das verängstigte Gesicht des jungen Muhammed Tamimi mag uns noch lange Zeit verfolgen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | 2 Kommentare »

Auf der Suche nach einem Held

Erstellt von Gast-Autor am 30. August 2015

Auf der Suche nach einem Held

Autor Uri Avnery

 VOR ETWA 60 Jahren schrieb der ägyptische Herrscher Gamal Abd-Al Nasser ein Buch über die „Philosophie der Revolution“. Indem er das Schauspiel  Luigi Pirandello („Sechs  Figuren auf der Suche nach einem Autor“)  nachahmte, behauptete er, dass die arabische Welt  „Auf der Suche nach einem Held war“, um sie zu vereinigen.

Zur Zeit schreit der Auftrag nach einem Held, um eine israelische Kraft zu schaffen, die in der Lage ist, Benjamin Netanjahu  und seine  Gang politischer Hooligans loszuwerden.

 Irgendwo  unter den Millionen israelischer Männer und Frauen muss der Held/ die Heldin  verborgen sein, der/die  Israel retten wird.

ZEHAVA GALON, die Führerin der Meretz-Partei, schockierte letzte Woche viele ihrer Anhänger, als sie laut darüber nachgrübelte, dass ihre Partei sich mit einer anderen Partei vereinigen muss, um zu überleben, und an den Bemühungen teil nimmt, die  rechte Regierung zu ersetzen.

Offensichtlich sprach sie  aus Furcht. Meretz, die linke zionistische Partei, war bei den letzten Wahlen fast ausgeschaltet worden. Auf der Höhe der Wahl-Kampagne zeigten Meinungsumfragen, dass die Partei die 4%-Minimum-hürde nicht passieren könnte. Eine der Folgen wäre der Verlust all ihrer Stimmen gewesen.

Die Berichte alarmierten viele Wähler, die in der letzten Minute zur Wahl eilten, um Meretz zu helfen. Statt für Labor (dieses Mal verschleiert als „das zionistische Lager“)  zu stimmen, stimmten sie für Meretz und retteten sie.  Sie kam mit fünf Sitzen in die Knesset, gerade noch vor der Minimumklausel.

Für Galon und ihre Kollegen war der Schock groß. Am Morgen der Wahl trat sie zurück, aber kurz danach, als sie mehr darüber nachdachte, verzichtete sie auf den Rückzug. Sie blieb die Führerin der Partei.

Jetzt fürchtet sie offensichtlich, dass Meretz bei den nächsten Wahlen verschwinden könnte. Sie möchte Meretz in irgendeiner Weise mit wenigstens einer anderen Partei verbinden.

Meretz liegt zwischen dem „Zionistischen Lager“ und der „Gemeinsamen Liste“, die alle arabischen Parteien vereint, die auch fürchten, dass sonst keiner ihrer Komponenten die 4%-Hürde überschreitet.

Die Sorge (für Galon) ist, dass keiner der beiden angrenzenden Parteien irgendwelche Bereitschaft zeigt, ihre Partei zu empfangen.

Das „Zionistische Lager“ (alias Arbeits-Partei)  fürchtet sich sehr, als Linke  bezeichnet zu werden.  Es wünscht  „Zentrum“ zu sein, im Glauben, dass dort die Stimmen gefunden werden können, die es verzweifelt benötigt, um wieder an die Macht zu kommen. Eine Union mit Meretz zu akzeptieren, würde es mit einer noch schlechteren linken Tönung versehen.

Andrerseits kann die arabische Liste auch Meretz nicht heiraten. Die Liste besteht aus drei voneinander abweichenden Kräften: den Kommunisten (die einige jüdische Mitglieder einschließt), die Islamisten und die arabischen Nationalisten. Wenigstens die zwei Letzteren werden keine zionistisch-jüdische Partei in ihrem Bündnis akzeptieren.

Galons sehnsüchtiger Plan hat deshalb sehr wenige Chancen, in Erfüllung zu gehen. Meretz, die auf ihrem Höhepunkt 12 Knesset-Mitglieder hatte, ist in existentieller Gefahr. Das würde bedeuten, dass die wenigen Chancen, um die Macht von der  extrem rechten Koalition zu erringen, noch geringer werden würden.

AN DER ganzen Auffassung ist etwas grundsätzlich falsch.

Politik ist kein Legospiel. Man kann Parteien nicht wie Bauklötze behandeln, zusammensetzen oder auseinandernehmen. Parteien bestehen aus Menschen, von denen jeder seine eigene Meinung hat.

Indem man zwei unrentable Parteien zusammenfügt, schafft man  notwendigerweise keine gewinnende Partei. In der Politik sind zwei plus zwei nicht immer vier. Wenn man Glück hat, können es fünf sein. Aber sie können leicht auch  nur drei sein.

Eine Vereinigung von Meretz mit dem Zionistischen Lager könnte eine Menge zentristischer Stimmen verlieren, die linke Einstellungen verachten, und gleichzeitig könnte die Vereinigung Linke verlieren, die ihre kostbaren Stimmen nicht dem zionistischen Lager  geben würden, das sie nicht ohne Grund als eine Art geminderter Likud ansehen.

Die Haltung des Zionistischen Lagers ist bestenfalls  wischiwaschi. Sein Führer Yitzhak Herzog ist freiwillig als Netanjahus Vertreter im stupiden Propagandakrieg gegen den US-Iran-Deal in die US gegangen.  Es  erhebt seine Stimme nicht gegen das fast tägliche Erschießen von Palästinensern in der besetzten Westbank. Es flüstert nur im Kampf gegen die Industriemagnaten, die Israels wenige natürlichen Ressourcen plündern. Es erhebt kaum seine Stimme gegen die Likud-Kampagne gegen den Obersten Gerichtshof. (Ein stellvertretender Likud-Minister verlangte die Disqualifikation der arabischen Richter, die die Nationalhymne nicht mitsingen, die die „jüdische Seele“ feiert.)

Meretz ist nicht viel mutiger. Sie spricht kaum das Wort „Frieden“ aus, sie spricht lieber über ein „politisches Abkommen“. Keiner stirbt für ein „politisches Abkommen“.

Viele Meretz-Wähler mit profunden zionistischen Überzeugungen werden nicht für eine Liste stimmen, die arabische Mitglieder wie das Knesset-Mitglied Hanin Zuabi einschließt, eine provokative Person, die durchschnittliche jüdische Israelis schockiert.

ABER DAS Hauptproblem betrifft die Führung.

Zehava Galon ist eine nette Person. Sie ist ehrenhaft und aufrichtig. Sie denkt und sagt all die richtigen Dinge. Man konnte sie mit gutem Gewissen wählen.

Das Problem ist, dass sie kein Charisma hat. Man kann für sie stimmen, sie unterstützen, sie gern haben. Aber man kann sich nicht für sie begeistern. Sie ist keine  mitreißende Rednerin. Sie zieht keine Hingabe auf sich.

Leider gilt dies auch für alle andern Führer der potentiellen Allianz. Yitzhak Herzog, Zipi Livni und Shelly Jachimovitch sind alles gute Leute. Ich würde, ohne zu zögern, von jedem von ihnen einen Gebrauchtwagen kaufen. Sie sprechen oft sensible Dinge aus. Aber keiner von ihnen kann Leute aufrütteln, sie anheizen, sie dazu bringen, ihnen in Massen nachzufolgen.

Noch schlimmer ist, dass keiner von ihnen etwas Neues zu sagen hat. Alle können ziemlich langweilig sein. Wenn man sie am TV beobachtet, reißt einen das nicht aus dem Sessel und auf die Straße, um  „weg mit Netanjahu!“ zu rufen..

WAS ISRAEL nötig hat, ist ein Held. Einen wahren Führer.

Eine Person (männlich oder weiblich)  die die Leute inspiriert, die ihre Liebe  und Hingabe anzieht, die sie wünschen lässt, die Dinge zu ändern.

Nicht nur am Wahltag, einmal alle paar Jahre, sondern jeden Tag, jetzt.

Es ist nicht nur eine Sache der Persönlichkeit, des Charisma, auch wenn dies wesentlich ist. Es ist vor allem eine Sache der Ideen, der Überzeugungen.

Die Menschen in Israel haben den Eindruck, dass die Linke ohne etwas Neues geblieben ist. Keine neuen Gesichter, keine neuen Ideen, seit langer, langer Zeit keine neuen Slogans. Die Linke – wie soll man es ausdrücken – regt nicht auf.

Keiner wird für etwas sterben, das sich „Mitte-Links“ nennt. Das ist ein amerikanischer Import, ohne Wurzeln in israelisch politischen Traditionen. Es drückt die Idee von etwas Kraftlosem, Unverbindlichen, Vagen aus, ein bisschen von diesem und ein bisschen von jenem.

Was wir brauchen, ist jemand, der eine neue Flagge hebt, der eine neue Überzeugung ausstrahlt, der in der Lage ist, die ewigen Wahrheiten in neue ideologische Gewänder zu kleiden –  Frieden, ja,  Gleichheit ja,  Gerechtigkeit und Patriotismus, ja – in einer Weise, dass  die Leute und besonders junge Leute sich dafür begeistern.

In der jüdischen Legende ist es der Makkabäer, der die Flagge hochhält und schreit: „Wer für Gott ist, der folge mir!“  Etwas in dieser Art brauchen wir jetzt.

NACH DEN letzten Wahlen hoffte ich, dass jetzt so etwas geschehen würde. Jeder war schockiert. Netanjahus Überraschungssieg und das Aufstellen einer sehr extremen Regierung sollte jeden richtig-Denkenden israelischen Patrioten aus seiner Gleichgültigkeit herausreißen.

Nun, es geschah nicht. Ein paar Tage lang gab es viel Aufregung; Politiker sprachen über „einen neuen Anfang“ und das war es denn auch. Alles kehrte gemütlich zu dem zurück, wie es vorher war.

Außer dass es eine von Leuten zusammengesetzte Regierung gibt, die  sich keiner von uns vor dreißig Jahren hätte vorstellen können. Wie ein Schwarm Moskitos haben sie sich auf das Land gesetzt, indem sie Gesetze vorschlagen und erlassen, dass einem die Haare zu Berge stehen. Zehn Jahre Gefängnis fürs Werfen eines Steins – doch nicht, wenn der Werfer ein jüdischer Siedler ist, der Soldaten gegenübersteht, wie es mehrfach in dieser Woche geschah. (Jemand machte den Witz: Goliath würde den jungen David ins Gefängnis geworfen haben – die Bibel würde dann ganz anders aussehen.)

Wie ist es möglich, dass dieser Haufen fanatischer Anti-Demokraten Minister  und stellvertretende Minister werden? Netanjahu bemühte sich darum, alle Moderaten aus seiner Partei hinauszuwerfen, sensible Anhänger von Vladimir Jabotinsky und Menachem Begin, die im Wettstreit mit ihm hätten siegen können. Stattdessen zog er eine Gruppe von ungebärdig begieriger, aber unbedeutender Personen ohne jede Qualifikation – außer einem gewalttätigen Charakterzug. Sie  sitzen jetzt in den Ministerien.

Es ist meine Überzeugung, dass man einen Führer nach dem beurteilen kann, mit wem es sich umgibt.  Ein selbstsicherer Führer wählt ernste und kompetente Mitarbeiter. Ein Führer, der selbst unsicher ist, umgibt sich mit unbedeutenden Personen, die seine Position nicht gefährden und im Vergleich mit ihnen  wie ein Genie aussieht. Kurz gesagt: Netanjahu.

ES GIBT einen Punkt in Zehava Galons Vorschlag, der besondere Aufmerksamkeit verdient. Sie schlug die Möglichkeit einer Union  zwischen Meretz und der Arabischen Liste nicht aus. Im heutigen Israel käme dies einer geistigen Revolution nahe.

Während der ersten Jahrzehnte Israels war die Verbindung zwischen dem israelischen Friedenslager und den arabischen Bürger eng und wurde enger. Ich selbst habe am Organisieren vieler gemeinsamer Demonstrationen für Frieden und Gleichheit teilgenommen.

Während der letzten paar Jahrzehnte, hat sich dieser Prozess umgekehrt, bis fast nichts mehr davon übrigblieb.  Die arabischen Bürger sind von der jüdischen Linken  tief enttäuscht; jüdische Linke befürchten als „Araber-Liebhaber“  und Anti-Zionisten gebrandmarkt  zu werden.

Dasselbe geschah zwischen der israelischen Friedensbewegung und den Palästinensern in den besetzten Gebieten. Israels Linke fürchteten, unpatriotisch auszusehen. Nach Yitzhak Rabins Ermordung, empfanden die Palästinenser, dass israelische Linke sich nicht sehr von israelischen Rechten unterscheiden. Auch nach Arafats Tod fürchten Palästinenser alles, das wie „Normalisierung“ aussieht, das so gedeutet werden könnte, als wäre man mit der Besatzung einverstanden.

Von keinem sensiblen Israeli kann erwartet werden, an den Frieden zu glauben, wenn nicht einmal israelische Linke mit arabisch politischen Kräften in Israel zusammen arbeiten können, noch weniger mit den Palästinensern in den besetzten Gebieten.

Solch eine Zusammenarbeit  zu schaffen, wäre deshalb das Erste jedes Neu-Erwachens von israelischen Friedenskräften und einer breiten neuen Bewegung, die die Koalition des rechten Flügels, die Israel weg vom Frieden, von der Demokratie, von der Gerechtigkeit zieht, stürzt.

Falls der Held zuhört, lasst ihn (oder sie) bitte, aufstehen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Sheldons Handlanger

Erstellt von Gast-Autor am 23. August 2015

Sheldons Handlanger

Autor Uri Avnery

 IM JAPAN der guten alten Zeiten würde Benjamin Netanjahu jetzt Harakiri begangen haben.

Im England jener Zeiten würde der König ihn als Gouverneur zur entferntesten Insel im Pazifischen Ozean  gesandt haben.

In Israel muss seine Popularität steigen.

Weil in unserm Land das alte Sprichwort eine neue Wendung erhält: Nichts hat so viel Erfolg wie Misserfolg.

UND WAS für einen Misserfolg! WAU!!!

Praktisch hat er dem Präsidenten der USA, dem Führer der freien Welt, dem obersten Beschützer des Jüdischen Staates, den Krieg erklärt.

Es ist noch nicht  so lange her, dass man gedacht hatte, dass dies unmöglich sei. Aber für Benjamin Netanjahu ist nichts unmöglich.

Für jemanden, der gerade vom Planeten Mars zu einem Besuch kommt, ist hier eine kurze Liste über Israels Abhängigkeit von den USA: es bekommt von ihnen den Hauptteil seiner schweren Waffen und muss sie nicht einmal bezahlen, es kann sich darauf verlassen, dass sie  alle UN-Sicherheits-Resolutionen, die Israels Taten und Untaten verurteilen,  mit einem Veto belegen; es erhält jedes Jahr von den US Milliarden Dollar, obwohl die israelische Wirtschaft blüht.

Da gibt es noch eine Unterstützung, die oft übersehen wird. Da die Welt glaubt, beide Häuser des US-Kongresses seien Israel unterwürfig, zahlen viele Länder Israel für den Zugang zum Kongress. Man muss den Türhüter bestechen, um hineinzugelangen.

Wenn ein israelischer Ministerpräsident mit dem Präsidenten der US einen Streit beginnt, sieht das wie reiner Wahnsinn aus – und tatsächlich ist es das auch.

Doch Netanjahu ist nicht unvernünftig, auch wenn seine Aktionen dies suggerieren. Er ist nicht einmal ein Tor.

Was also – zum Teufel – denkt er, was er tut?

DAFÜR GIBT es mehrere mögliche Erklärungen, die mir einfallen.

Die eine verwöhnt die israelische Öffentlichkeit. Weit davon entfernt, einen neuen Juden zu schaffen, wie es der Zionismus versprochen hat, dominiert der alte Jude in Israel. Der alte Jude glaubt, dass die ganze Welt antisemitisch sei, und jeder neue Beweis erfüllt ihn mit Genugtuung. Man sieht es,  die Gojim haben sich überhaupt nicht verändert.

Netanjahus Popularität wächst mit jeder neuen Manifestation ausländischer Feindseligkeit. Wenn selbst die Amerikaner, die so lange vorgaben, ein Freund Israels zu sein, uns an die antisemitischen Iraner verkaufen, dann brauchen wir einen starken und standhaften Führer. Kurz gesagt – Netanjahu.

Eine andere plausible Erklärung für Netanjahus Verhalten mag seine tatsächliche Überzeugung sein, dass es kein US-Senator oder Abgeordneter jemals wagen würde, AIPACS Befehle abzuschütteln, weil er weiß, dies würde das Ende seiner (oder ihrer) politischen Karriere sein. Wie die größten Antisemiten glaubt Netanjahu, dass die Juden die Welt oder wenigstens den US-Kongress beherrschen. Im entscheidenden Augenblick wird der Kongress für AIPAC und gegen den US-Präsidenten stimmen.

Eine andere Erklärung könnte sein – so paradox es klingt – ein blinder Glaube an die Integrität von Obama. Netanjahu denkt, dass er ihn auf den Kopf schlagen, ihm ins Gesicht spucken und in den Hintern stoßen kann– und Obama würde cool, ja, vernünftig reagieren und Israel weiter unterstützen – mit Ausnahme des Iran-Abkommens. Er wird weiter Waffen und Dollars senden, die Resolutionen des Sicherheitsrates mit einem Veto belegen, seine Anrufe aus Israel mitten in der Nacht empfangen.

Man weiß doch, wie diese Amerikaner sind. Unterwürfig. Besonders die Schwarzen.

ABER DA kann es noch eine andere Erklärung geben, die alle andern übertrumpft.

Den US-Präsidenten, seine Regierung und seine Partei beleidigen, bedeutet, dass Netanjahu mit unserer Zukunft spielt. Dies bringt uns zum Weltherrscher des Glücksspiels, dem König von Las Vegas, dem Fürst von Macao, zu Sheldom Adelson.

Adelson verbirgt nicht seine Unterstützung Netanjahus, dem Mann, der Familie und der Partei. Er gibt große Summen Geldes für eine hebräische Tageszeitung aus, die gratis an Israelis verteilt wird, ob sie es wollen oder nicht wollen. Es ist jetzt die größte Zeitung in Israel und  persönlich Netanjahu, dem Mann,  und seiner Frau gewidmet. Sie hat keinen anderen Zweck.

Doch Sheldon Adelson scheint kein wirkliches Interesse an Israel zu haben. Er lebt nicht hier, auch nicht zeitweilig. Was bekommt er also dafür?

Adelson hat Netanjahu aus einem einzigen Grund gekauft: um einen seiner Strohmänner im Weißen Haus zu platzieren. Es ist ein Ziel, von dem ein anderer Multi-Milliardär nicht einmal träumen kann.

Um dieses Ziel zu erreichen, benötigt Adelson die Republikanische Partei als Leiter. Er muss ihren Kandidaten für die Präsidentschaft auswählen, Hillary Clinton besiegen und die Wahlen gewinnen. Um bei all diesen Aufgaben Erfolg zu haben, muss er die gewaltige Macht der pro-Israel-Lobby über den US-Kongress mobilisieren und Präsident Obama fertig machen.

Der erste Schritt auf diesem langen Marsch ist es, das Iran-Abkommen zu vereiteln. Netanjahu ist nur gerade ein Zahnrädchen in diesem großen Entwurf. Aber ein sehr wichtiges Zahnrädchen.

Sieht dies wie eine Karikatur im „Stürmer“ aus, dem berüchtigten antisemitischen Nazi-Blatt, oder noch schlimmer, wie eine Seite aus den ‚Protokollen der Weisen von Zion‘, der bekannten antisemitischen Fälschung? Es ist das klassische antisemitische Bild: der hässliche Finanzjude, der um die Weltherrschaft kämpft.

Für einen Israeli steckt in diesem Bild etwas Ekelhaftes. Die zionistische Vision wurde aus der totalen Ablehnung dieser Karikatur geboren. Die Juden würden mit Effektengeschäften  und Geldverleih aufhören. Juden würden im Schweiß ihres Angesichtes das Land pflügen, produktive Handarbeit leisten, alle Arten  parasitärer Spekulationen zurückweisen. Dies wurde  als solch hohes Ideal angesehen, dass es sogar die Vertreibung der einheimischen arabischen Bevölkerung rechtfertigte.

Und hier sind wir nun: ein Staat, der den Befehlen eines internationalen Kasino-Moguls folgt, dessen Beschäftigung vielleicht die unproduktivste im Kosmos ist. Traurig.

GIBT ES eine tapfere Opposition gegen diesen Kurs in Israel? Nein, buchstäblich keine.

In meinem langen Leben in Israel habe ich niemals etwas gesehen, das einer totalen Abwesenheit von Opposition so nahe ist, wie wir sie jetzt haben.

Wenige Stimmen in Haaretz, einige einsame Äußerungen vom extremen linken Rand – und das war es dann schon.

Abgesehen von diesen (einschließlich Gush Shalom), nichts außer donnerndem Applaus für Netanjahu  oder schrecklicher Friedhofsstille.

Das Abkommen ist „schlecht“. Nein, nicht nur schlecht, sondern „katastrophal“.  Nicht nur katastrophal, sondern „eines  der schrecklichsten Desaster in der ganzen Geschichte des jüdischen Volkes“. Etwas das sich einem „Zweiten Holocaust“ nähert. (Ich hab dies nicht erfunden.)

Netanjahus oberflächliche Argumente werden als heilige Wahrheiten akzeptiert, wie die Äußerungen der anderen großen jüdischen Propheten. Keiner bemüht sich, die entsprechende Frage zu stellen: Warum?

Die Sonne geht am Morgen auf. Die Flüsse münden ins Meer. Der Iran wird eine Atombombe bauen und sie über uns abwerfen, auch wenn sie dadurch auf sich eine historische Katastrophe bringt. Die Mullahs sind Nazis. Das Abkommen ist ein weiteres Münchner Abkommen. Obama ist ein neuer Neville Chamberlain, nur schwarz.

Keiner macht sich die Mühe, diese Behauptungen nachzuprüfen. Die Dinge sind so selbstverständlich.  Der Tag ist Tag – die Nacht ist Nacht.

ICH HABE in meinem Leben viele Situationen von fast einmütiger öffentlicher Meinung erfahren, besonders in Kriegszeiten. Aber in meinem ganzen Leben habe ich nie die Erfahrung solch einer Situation totaler Einmütigkeit, totaler Abwesenheit von Zweifeln und Fragen, gemacht wie jetzt.

Diese Situation ist nicht ohne Absurditäten. Zum Beispiel: der iranische Oberste Führer ist offensichtlich mit seinen eigenen Extremisten konfrontiert, die ihn anklagen, sich dem amerikanischen Satan zu verkaufen. Um sie zu befrieden, muss er behaupten, dass der Vertrag ein gewaltiger Sieg für die Islamische Republik ist, dass er die US (und Israel) auf ihre Knie gebracht habe. Die riesige Propagandamaschine von Netanjahu nimmt dies auf, zitiert es und verkauft es als absolute Wahrheit. Jeder weiß, dass die Iraner immer lügen, aber dieses Mal sagen sie es, wie es ist.

Yair Lapid, der Führer einer zusammengeschrumpften „Zentrums“-Partei, jetzt in der Opposition (Die Orthodoxen erlaubten Netanjahu nicht, ihn in die Regierung zu nehmen) denunziert das Abkommen als historisches Desaster für das jüdische Volk. Er fragt laut, warum wird Netanjahu nicht gezwungen, nach seinem Versagen abzutreten, um dieses Desaster zu verhindern?  Umso mehr, als es fähigere Führer gibt, die bereit sind, seinen Platz zu übernehmen und den Kampf zu führen, ein Mann mit Namen Yair Lapid.

Da ist tatsächlich etwas Paradoxes in Netanjahus Situation, wenn das Abkommen solch ein historisches Desaster ist, „eines der schlimmsten in der jüdischen Geschichte“, warum macht er in seinem Job weiter?

UM EINEN Ministerpräsidenten von seinem Amt abzusetzen, braucht man eine Opposition, um seinen Platz zu nehmen. Tatsächlich ist dies die Hauptaufgabe der Opposition.

Nicht hier.

Der Führer der Opposition (ein offizieller Titel in Israel) verurteilt das Abkommen in genau so starken Ausdrücken wie Netanjahu selbst. Er hat angeboten, in die USA zu gehen, um beim Kampf dagegen mitzuhelfen. Sein Konkurrent Yair Lapid, der Sohn eines Super-Nationalisten, ist sogar noch extremer als er. Der Führer der dritten Oppositionspartei ist Avigdor Lieberman; verglichen mit ihm, ist Netanjahu  ein linker Weichling. Da gibt es natürlich noch eine vierte Oppositionspartei – die Vereinigte Arabische Partei  – aber wer hört auf sie?

Man könnte vermuten, dass Israel – konfrontiert mit solch einem historischen Desaster –  von Debatten wimmeln würde. Aber wie kann man eine Debatte führen, wenn alle einer Meinung sind? Ich habe nicht eine einzige Diskussion im TV gesehen, noch eine in den Zeitungen, noch im Internet. Hier und da ein kleines Flüstern über Zweifel, aber eine Debatte ? Nirgendwo!

Tatsächlich kann man in Israel tagelang glücklich leben und überhaupt keine Andeutung einer historischen Katastrophe hören. Der Preis des Hüttenkäses weckt mehr Emotionen.

Also bewegen wir uns  glücklich auf das Desaster zu – es sei denn, einer von Sheldons Handlangern betritt mit Hilfe von Bibi das Weiße Haus.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, von Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Vertrag

Erstellt von Gast-Autor am 16. August 2015

Der Vertrag

Autor Uri Avnery

UND WAS, wenn das ganze Drama nur eine Übung der Täuschung gewesen wäre?

Was, wenn die  schlauen Perser nicht einmal davon träumen, eine Atombombe zu bauen, aber die Drohung  benutzten, um ihr wirkliches Ziel zu fördern?

Was, wenn Benjamin Netanjahu überlistet wurde, unabsichtlich der Haupt-Kollaborateur der iranischen Ambitionen zu werden?

Das klingt verrückt?  Nicht wirklich. Werfen wir einen Blick auf die Fakten!

DER IRAN ist einer der ältesten Mächte der Welt mit Tausenden von Jahren politischer Erfahrung. Einst besaßen er ein Empire, das sich über die ganze  zivilisierte Welt ausbreitete, einschließlich unseres kleinen Landes. Ihr Ruf für kluge Handelspraktiken ist beispiellos.

Sie sind viel zu klug, um eine Atombombe zu bauen. Wofür? Es würde eine riesige Menge an Geld verschlingen. Sie wissen, dass sie niemals in der Lage sein werden, sie anzuwenden. Dasselbe gilt für Israel mit seinem großen Arsenal.

Netanjahus Alptraum eines iranischen nuklearen Angriffs auf Israel ist eben nur gerade dies – ein Alptraum eines ignoranten Dilettanten. Israel ist eine Atommacht mit der Fähigkeit eines soliden Zweitschlages. Wie wir sehen, sind die iranischen Führer hart gesottene Realisten. Würden sie selbst von einer unvermeidlichen israelischen Rache träumen, die ihre dreitausend Jahre alte Kultur vom Gesicht der Erde auslöscht?

(Falls diese Fähigkeit nicht perfekt ist, sollte Netanjahu  angeklagt und wegen  krimineller Nachlässigkeit verurteilt werden.)

Selbst wenn die Iraner die ganze Welt täuschen würden und eine Atombombe bauen, würde nichts anderes  geschehen, als die Schaffung eines „Gleichgewichts des Schreckens“, so wie dies die Welt auf der Höhe des kalten Krieges zwischen Amerika und Russland rettete.

Die Leute rund um Netanjahu geben vor, zu glauben, dass im Gegensatz zu den damaligen Sowjets, die iranischen Mullahs ein verrücktes Volk seien. Dafür gibt es absolut keinen Beweis. Seit ihrer Revolution von 1979 hat die iranische Führung  nicht einen einzigen bedeutenden Schritt getan, der nicht absolut vernünftig war. Verglichen mit den amerikanischen Fehltritten in der Region (von den israelischen ganz zu schweigen) ist die iranische Führung völlig logisch gewesen.

Vielleicht tauschen sie ihre nicht existierenden nuklearen Pläne für ihre sehr realen politischen Pläne ein, um die Vormachtstellung der muslimischen Welt zu erringen.

Wenn es so ist, sind sie Netanjahu eine Menge schuldig.

WAS HAT die islamische Republik in ihren 45 Jahren Existenz getan, um Israel zu schaden?

Sicher, Teherans Pöbel kann im Fernsehen gesehen werden, wie er israelische Flaggen verbrennt und schreit: „Tod für Israel!“. Sie nennen uns  – nicht gerade schmeichelhaft – „der kleine Satan“,  verglichen mit dem amerikanischen „großen Satan“.

Schrecklich, und was sonst noch?

Nicht viel. Vielleicht einige Unterstützung für die Hisbollah und die Hamas, die nicht seine Schöpfung sind. Irans wirklicher Kampf ist gegen die Kräfte in der muslimischen Welt. Er will die Länder der Region zu Vasallen des Iran machen, wie es vor 2400 Jahren war.

Das hat sehr wenig mit dem Islam zu tun. Der Iran benützt den Islam wie Israel den Zionismus und die jüdische Diaspora benützt (und wie Russland in der Vergangenheit den Kommunismus benützte) als Werkzeug für seine imperialen Ambitionen.

Was jetzt in dieser Region geschieht, ähnelt den „Religionskriegen“ im 17. Jahrhundert in Europa. Ein Dutzend Länder kämpfte im Namen der Religion gegen einander,  unter Flaggen des Katholizismus und Protestantismus, benützen aber die Religion, um ihre sehr irdischen imperialen Pläne zu fördern.

Die US, von einem Haufen neo-konservativer Narren geführt, zerstörten den Irak, der viele Jahrhunderte lang als Bollwerk der arabischen Welt gegen iranische Ausdehnung gedient hat. Jetzt unter dem Banner der Schiiten erweitert  der Iran seine Macht in der ganzen Region.

Der schiitische Irak ist jetzt größtenteils ein iranischer Vasall (Wir werden  auf Daesh zurückkommen). Syriens Überleben, ein sunnitisches Land,  beherrscht von einer kleinen halb-schiitischen Sekte,  hängt  vom Iran ab. Im Libanon ist die schiitische  Hisbollah ein naher Verbündeter mit wachsender Macht und  Prestige.  So ist es auch mit der Hamas in Gaza, die ganz sunnitisch ist. Und die Huthi-Rebellen im Jemen sind Zaidis (eine Schule der Schiiten.)

Der status quo in der arabischen Welt wird von einem korrupten Haufen Diktatoren und mittelalterlicher Scheichs verteidigt, wie den Herrschern von Saudi-Arabien, Ägypten und den Golf-Öl-Potentaten.

Klar, der Iran und seine Verbündeten gehören  in die Zukunft, Saudi-Arabien und seine Verbündeten gehören in die Vergangenheit.

Da bleibt noch  Daesh, der sunnitische „islamische Staat“ in Syrien und im Irak. Das ist auch eine aufstrebende Macht. Im Gegensatz zum Iran, dessen revolutionärer Elan sich vor langem erschöpft hat, strahlt Daesh revolutionären Eifer aus und zieht Anhänger aus aller Welt an.

Daesh ist der wirkliche Feind des Iran und von Israel.

PRÄSIDENT OBAMA und seinen Beratern ist dies vor einiger Zeit klar geworden. Ein Teil ihrer neuen Verbindung mit dem Iran gründet sich auf diese Realität.

Mit der Ankunft von Daesh haben sich die Realitäten vor Ort von Grund auf verändert. Die Verlagerung bestätigt die alte britische Maxime, dass der Feind von jemandem in einem Krieg, ein Verbündeter im nächsten Krieg werden kann und umgekehrt. Weit davon entfernt naiv zu sein, baut Obama ein Bündnis gegen den neuen und sehr gefährlichen Feind. Diese Alliance sollte logischerweise Bashar Assads Syrien einschließen, aber Obama  hat noch Angst davor, dies laut zu sagen.

Obama und seine Berater glauben auch, dass mit dem Aufheben der lähmenden Sanktionen die Iraner sich darauf konzentrieren,  Geld zu machen, was ihren  nationalistischen und religiösen Eifer noch mehr abschwächt. Das klingt vernünftig genug.

(Netanjahu denkt, das amerikanische Volk sei „naiv“. Nun, für eine naive Nation haben die US sich ganz gut verhalten, um die einzige Supermacht der Welt zu werden.)

Ein Nebenprodukt der Situation ist, Israel wird wieder mit der ganzen  politischen Welt im Clinch liegen. Der Wiener Vertrag wird nicht nur von den USA unterzeichnet, sondern auch von allen führenden Weltmächten. Dies scheint eine Situation zu schaffen, die ein munteres israelisches Volkslied so ausdrückt: „Die ganze Welt ist gegen uns, uns aber ist es scheißegal…“

Im Gegensatz zu Obama, steckt Netanjahu leider in der Vergangenheit. Er dämonisiert weiter den Iran, statt sich dem Kampf gegen Daesh anzuschließen, der für Israel viel, viel gefährlicher ist.

Man muss nicht bis Cyrus dem Großen (6. Jahrhundert v.Chr.) zurückgehen, um zu realisieren, dass der Iran ein enger Verbündeter sein kann. In den Beziehungen zwischen den Nationen triumphiert die Geographie über die Religion. Es ist noch nicht so lange her, dass der Iran Israels engster Verbündeter in der Region war. Wir sandten Khomeini sogar Waffen, um gegen den Irak zu kämpfen. Die Mullahs hassten Israel nicht so sehr wegen ihrer Religion, sondern wegen unserer Verbindung mit dem Schah.

Das gegenwärtige iranische Regime hat seit langem seinen revolutionären religiösen Eifer verloren. Es handelt nach seinen nationalen Interessen. Was zählt, ist die Geographie. Eine weise israelische Regierung würde die nächsten zehn oder mehr Jahre eines garantiert nuklear-freien Iran nützen, um die Allianz – besonders gegen Daesh – zu erneuern.

Dies könnte zu neuen Beziehungen mit Assads Syrien, der Hisbollah und auch der Hamas führen.

ABER SOLCH weitreichende Überlegungen sind für Netanjahus Ansichten weit entfernt, für Netanjahu, den Sohn eines Historikers, dem es an jeder historischen Kenntnis und jedem Gespür dafür mangelt.

Der Kampf geht jetzt nach Washington DC, wo Netanjahu  voll als Söldner von Sheldon Adelson, dem Besitzer der republikanischen Partei, verpflichtet sein wird.

Es ist ein trauriger Anblick: der Staat Israel, der sich immer der vollen Unterstützung beider amerikanischer Parteien erfreute, ist ein Anhängsel der reaktionären  republikanischen Führung geworden.

Eine noch traurigerer Anblick ist Israels politische und Medien-Elite am Morgen  der Unterzeichnung des Wiener Vertrages. Es war fast unglaublich.

Fast alle politischen Parteien schlossen sich Netanjahus Politik an, wetteiferten mit einander mit ihren Bekundungen unterwürfiger Loyalität. Vom „Führer der Opposition“, dem bemitleidenswerten Yitzhak Herzog  bis zum redseligen Yair Lapid, jeder eilte, um den Ministerpräsidenten in seiner kritischen Stunde beizustehen.

Die Medien waren sogar noch schlimmer. Fast alle prominenten Kommentatoren, linke wie rechte, rannten gegen den  „katastrophalen“ Vertrag Amok  und  häuften ihre gleichartige Empörung und Verachtung auf den armen Obama, als ob sie von einer vorbereiteten Regierungs-„Liste von Argumenten“ ablesen würden ( wie es auch tatsächlich war).

Das war nicht die beste Stunde der israelischen Demokratie und der so sehr gelobten „jüdischen  Intelligenz“. Nur gerade ein jämmerliches Beispiel einer allzu gewöhnlichen  Gehirnwäsche.

Eine von Netanjahus Argumenten ist, dass die Iraner die naiven Amerikaner täuschen wollen und können und die Bombe bauen. Er ist sicher, dass eine Täuschung  möglich ist. Nun, er sollte es wissen. Wir haben es ja getan.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

„Ich bin eine Griechin.“

Erstellt von Gast-Autor am 9. August 2015

„Ich bin eine Griechin.“

 

Autor Uri Avnery

JEDER HAT schon seine (ihre) Meinung zur griechischen Krise geäußert, egal ob er  (oder sie) eine Meinung dazu hat. Ich fühle mich gezwungen, dasselbe zu tun.

Die Krise ist ungeheuer kompliziert. Doch mir scheint sie, ganz einfach zu sein.

Die Griechen haben mehr Geld ausgegeben, als sie verdienen. Die Gläubiger wollen  mit unglaublicher Unverschämtheit ihr Geld zurück haben. Die  Griechen haben kein Geld,  und sowieso erlaubt es ihr Stolz nicht, die Schulden zurückzuzahlen.

Also was tun? Jeder Kommentator, vom Wirtschaftsfachmann, der den Nobelpreis gewann, bis zu meinem Taxifahrer in Tel Aviv hat eine Lösung. Leider hört keiner auf sie.

Angela Merkel und Alexis Tsypras  kämpfen den 2. Weltkrieg weiter. Aber die Beziehungen zwischen den beiden Nationen spielten in meiner Familie schon lange vorher eine Rolle.

ALS JUNGE war mein Vater ein Schüler in einem deutschen „Humanistischen Gymnasium“. In diesen Schulen lernten die Schüler Latein und Altgriechisch, statt Englisch und Französisch.  So hörte ich lateinische und griechische Sprichwörter, bevor ich selbst zur Schule ging und lernte auch ein halbes Jahr Latein, bevor wir zum Glück Deutschland verließen und nach Palästina auswanderten.

Gebildete Deutsche bewunderten die Römer. Die Römer waren aufrecht gesinnte Menschen, die Gesetze machten und ihnen folgten, fast wie die Deutschen selbst.

Die Deutschen liebten die alten Griechen und verachteten sie. Ihr bedeutendster Dichter, Wolfgang von Goethe, sagte: „Das griechische Volk taugte nie recht viel“. .

Die Griechen erfanden die Freiheit, wovon die alten Hebräer nicht einmal träumten. Die Griechen erfanden die Demokratie. In Athen nahm jeder (außer den Sklaven, den Frauen, den Barbaren und anderes niedriges Volk)  an öffentlichen  Diskussionen und Entscheidungen teil. Dies ließ ihnen zum Arbeiten nicht viel Zeit.

In dieser Weise sah mein Vater sie an, und dies ist die Art und Weise, wie dezente Deutsche sie jetzt ansehen. Es sind nette Leute, die man während der Ferien gern um sich hat, aber keine ernsthaften Leute, mit denen man Geschäfte macht. Zu faul. Zu sehr das Leben liebend.

Ich habe den Verdacht, dass diese tief verwurzelte Haltung die Meinung der deutschen Regierung und Wähler beeinflusst. Sicherlich beeinflussen sie jetzt die Haltung der griechischen Führer und Wähler. Zum Teufel mit den Deutschen und ihrer Manie von Gesetz und Ordnung.

ICH BIN mehrfach in Griechenland gewesen und liebte immer die Leute dort.

Meine Frau Rachel liebte die Insel Hydra und nahm mich mit dorthin. Um ein Schiff zu finden, das von Piräus nach dort fährt, war eine Zerreißprobe. Das war natürlich, bevor es das Internet gab. Jede Schiffsagentur hat einen Zeitplan für ihre Schiffe, aber es gab keinen allgemeinen Fahrplan. Das würde zu ordentlich gewesen sein, zu deutsch. (Wenn Piräus Haifa gewesen wäre, dann hätte es an jedem Schaufenster einen vollständigen Fahrplan gegeben.)

Ich war zu mehreren internationalen Konferenzen nach Athen eingeladen. Den Vorsitz hatte bei einer Konferenz die wunderbare Melina Mercouri, eine so intelligente und so schöne Frau, die zu jener Zeit als Kabinettministerin diente. Die Konferenz befasste sich mit mediterraner Kultur und war vermischt mit einer Menge gutem Essen und Volkstänzen. Einmal half ich den Gastgebern von Mikis Theodorakis in Tel Aviv.

Ich habe also keine Vorurteile gegenüber Griechen. Im Gegenteil. Vor den letzten griechischen Wahlen empfing ich eine E-Mail-Botschaft von einer Person, die ich nicht kannte; sie bat mich darum, ein internationales Statement  für die Syriza-Partei zu unterstützen. Nachdem ich den Text gelesen hatte, unterschrieb ich. Ich sympathisiere jetzt mit ihrem heldenhaften Kampf.

Es erinnert mich an die „Matrosen-Revolte“ in Israel in den frühen 1950er-Jahren. Es war ein Aufstand gegen die Bürokratie der Regierung. Ich unterstützte diesen mit ganzem Herzen und war sogar ein paar Stunden verhaftet. Als dies alles  mit einer glorreichen Niederlage endete, traf ich einen berühmten linken General und erwartete, gelobt zu werden. Er sagte:  „Nur Toren beginnen einen Kampf, den sie nicht gewinnen können.“

Es läuft auf Folgendes hinaus: Die Griechen schulden eine Menge Geld, eine riesige Summe  Geld. Es ist jetzt unwesentlich, wie diese großen Schulden zusammenkamen und wer daran schuld ist. Europa (schon der Name ist griechisch) hat keine Chancen, die Milliarden zurückzubekommen. Aber die Griechen werden verdammt werden, wenn sie noch mehr Geld in dieses bodenlose Fass werfen. Wie kann Griechenland  ohne mehr Geld überleben?

Ich weiß es nicht. Ich habe stark den Verdacht, dass dies auch sonst niemand weiß, einschließlich der Nobelpreisträger.

FÜR MICH  ist der bedeutendste Teil der Katastrophe die Zukunft der zwei großen Experimente: die Europäische Union und die Euro-Währung.

Als die europäische Idee nach dem brudermörderischen 2. Weltkrieg  auf dem Kontinent an Boden gewann, gab es eine große Debatte über seinen zukünftigen Umfang. Einige schlugen so etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa vor,  eine föderale Union wie die der USA. Charles de Gaulle, damals eine sehr einflussreiche Stimme, lehnte dies streng ab und schlug das „Europa der Nationen“ vor, eine viel  lockerere Konföderation.

Genau dieselbe Debatte fand in Amerika vor der Entscheidung statt, die Vereinigten Staaten zu gründen, und noch einmal während der Zeit des Bürgerkrieges. Am Ende gewannen die Föderalisten und die Flaggen der Konföderalisten werden sogar noch heute verbrannt.

In Europa siegte de Gaulles Idee. Es gab keinen starken Willen, einen vereinigten europäischen Staat zu gründen. Nationale Regierungen waren nach einigen Jahren bereit, eine Union unabhängiger Staaten zu schaffen, die widerwillig einen Teil ihrer souveränen Macht der Super-Regierung in Brüssel übergaben.

(Warum Brüssel?  Weil Belgien ein kleines Land ist. Weder war Deutschland bereit, die Hauptstadt der Unionnach Paris zu legen, noch war Frankreich bereit, sie in Berlin zu quartieren. Es erinnert mich an den biblischen König David, der seine Hauptstadt nach Jerusalem verlegte, das keinem Stamm gehörte,  und so vermied er die Eifersucht zwischen den starken Stämmen Juda und Ephraim.)

Die Brüsseler Bürokratie scheint von allen tüchtig gehasst zu werden, aber ihre Macht  wächst unaufhaltsam. Moderne Realität bevorzugt immer größer werdende Einheiten. Kleine Staaten haben keine Zukunft.

Das bringt uns zum Euro zurück. Die europäische Idee führt zur Bildung eines großen Blockes, in dem eine gemeinsame Währung sich frei bewegen kann. Einem Laien, wie mir, scheint es eine wunderbare Idee zu sein. Ich erinnere mich nicht an einen einzigen bedeutenden Ökonom, der davor gewarnt hätte.

Heute ist es einfach zu sagen, dass der Euro-Block von Anfang an mangelhaft war. Sogar ich verstehe, dass man keine gemeinsame Währung haben kann, wenn jeder Mitgliedstaat sein eigenes nationales Budget nach seiner eigenen Laune und seinen eigenen politischen Interessen entwickelt.

Das ist der fundamentale Unterschied zwischen einer Föderation und einer Konföderation. Wie würden die USA operieren, wenn jedes ihrer 50 Mitglieder ihre eigene Wirtschaft hätte –  unabhängig von den 49 anderen?

Wie der Ökonom uns lehrt, kann so etwas wie die Euro-Krise in den US nicht geschehen. Wenn der Staat Alabama in einer schlechten finanziellen Lage ist, schalten sich die andern Staaten automatisch ein. Die Zentralbank (oder Föderale Reserve) wirft das Geld zusammen. Kein Problem.

Die griechische Krise ergab sich aus der Tatsache, dass sich der Euro nicht auf solch eine Föderation gründet. Der griechische wirtschaftliche Zusammenbruch wäre von der europäischen Zentralbank lange bevor es den augenblicklichen Punkt erreicht hatte, gestoppt worden. Geld wäre von Brüssel nach Athen geflossen, ohne dass es jemand gemerkt hätte. Tsipras könnte Merkel in ihrer Kanzlei umarmt haben und glücklich verkünden „Ich bin ein Berliner“.(Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass Merkel nach Athen geht und ausruft: „Ich bin eine Griechin“).

Die erste Lektion der Krise ist, dass die Schaffung einer Währungsunion die Bereitschaft aller Mitglieder-Staaten voraussetzt, ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit aufzugeben. Ein Land, das nicht bereit ist, dies zu tun, kann sich solch einer Union nicht anschließen. Jedes Land kann seine eigene heiß geliebte Fußballmannschaft haben und sogar seine  eigene heilige Flagge, aber sein nationales Budget muss der gemeinsamen wirtschaftlichen Super-Regierung unterworfen sein.

Heute ist das ganz klar. Leider war es den Gründern des Euro-Blocks nicht klar.

Insofern hat eine riesige Nation wie China einen sehr großen Vorteil. Es ist nicht einmal eine Föderation, aber praktisch ein einheitlicher Staat mit einer einheitlichen Währung.

Kleinen Staaten wie Israel fehlt die wirtschaftliche Sicherheit, zu einer großen Union zu gehören, sie erfreuen sich aber des Vorteils , in der Lage zu sein, frei zu manövrieren und unsere Währung, den Schekel, entsprechend unsern Interessen festzulegen. Wenn die Exportkosten zu hoch sind, wertet man ihn ab. So lang wie die Kredit-Bewertung hoch genug ist, kann man tun, was man will.

Zum Glück lud uns keiner ein, uns dem Euro-Block anzuschließen. Die Versuchung  wäre zu groß gewesen.

DA DIES so ist, können wir die griechische Krise mit einiger Gleichgültigkeit verfolgen.

Aber für die unter uns, die glauben, dass Israel nach einem Friedensabkommen mit den Palästinensern und der ganzen arabischen Welt, ein Teil einer Art regionaler Konföderation werden müsste, ist dies eine aufschlussreiche Lektion.

Ich schrieb darüber, noch bevor der Staat Israel geboren wurde, und  schlug eine „semitische Union“ vor. Es wird wahrscheinlich nicht geschehen, während ich noch hier bin, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es vor Ende des Jahrhunderts dazu kommen wird.

Es kann nicht geschehen, solange die wirtschaftliche Kluft zwischen Israel und den arabischen Ländern so immens ist wie jetzt – mit einem pro Kopf-Einkommen, das in Israel 25mal höher ist als in Palästina und in vielen arabischen Ländern. Aber wenn die arabische Welt einmal seine gegenwärtigen Unruhen überwunden hat, kann sie auf einen schnellen Fortschritt hoffen, so wie es in der Türkei und in den moslemischen Ländern in Ostasien geschehen ist.

Irgendwann in nicht zu ferner Zukunft, mit historischem Maßstab gemessen, wird die Welt aus großen wirtschaftlichen Einheiten bestehen, die danach streben, eine funktionierende wirtschaftliche Weltordnung mit einer gemeinsamen Währung zu schaffen.

Es scheint töricht zu sein, in der gegenwärtigen Situation darüber nachzudenken, aber es ist nie zu früh nachzudenken.

Aber man denke an das, was der Grieche Sokrates sagte: „Die einzige wahre Weisheit ist die, zu wissen, dass man nichts weiß.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | 1 Kommentar »

Kriegsverbrechen? Wir ???

Erstellt von Gast-Autor am 2. August 2015

Kriegsverbrechen? Wir ???

Autor Uri Avnery

„KRIEG IST DIE HÖLLE!“ rief  der US-General George Patton  berühmtermaßen aus.Krieg ist das Geschäft des Tötens des „Feindes“, um ihnen unsern  Willen aufzuzwingen.

Darum ist  „der humane Krieg“ ein Oxymoron.

Der Krieg ist ein Verbrechen. Es gibt wenige Ausnahmen. Ich würde den Krieg gegen das Nazi-Deutschland als Ausnahme ansehen, da es gegen ein Regime von Massenmördern geführt wurde, geleitet von einem pathologischen Diktator, der nicht anders zur Strecke gebracht werden konnte.

Da dies so ist, ist das Konzept von „Kriegsverbrechen“  dubios.  Das größte Verbrechen ist, den Krieg als erster zu beginnen. Dies ist nicht das Geschäft der Soldaten, sondern der politischen Führer. Doch diese werden selten angeklagt.

DIESE PHILOSOPHISCHEN  Gedanken kamen mir im Zusammenhang mit dem kürzlichen UN-Bericht über den letzten Gaza-Krieg.

Das Untersuchungs-Komitee tat alles, um  „ausgewogen“ zu sein und verklagte beide – die israelische Armee und die Hamas – mit fast denselben Ausdrücken an. Allein dies ist in sich schon problematisch.

Das war kein Krieg zwischen gleichen. Auf der einen Seite der Staat Israel mit einer der mächtigsten Armeen der Welt. Auf der andern Seite eine staatenlose  Bevölkerung von 1,8 Mill. Menschen, geführt von einer Guerilla-Organisation ohne irgendwelche moderne Waffen.

Jede Gleichstellung zwischen zwei solchen Entitäten ist der Definition nach künstlich.  Selbst wenn beide  Seiten schwere Kriegsverbrechen begingen, so ist es nicht dasselbe. Jeder muss  nach seinen eigenen  (Un-)taten  beurteilt werden.

DIE IDEE von „Kriegsverbrechen“ ist relativ neu.  Sie kam während des 30jährigen Krieges auf, der große Teile Mitteleuropas verwüstete. Viele Armeen nahmen daran teil und alle zerstörten bedenkenlos Städte und Dörfer. Die Folge davon war, dass zwei Drittel von Deutschland verwüstet und ein Drittel des deutschen Volkes  getötet worden war.

Hugo de Groot, ein Holländer, behauptete, dass zivilisierte Nationen sogar im Krieg  an gewisse Einschränkungen gebunden seien. Er war kein naiver Idealist, von der Realität abgeschnitten. Sein Hauptprinzip – so wie ich es verstanden habe – war, dass es keinen Sinn hat, Aktionen zu verbieten, die einem kriegsführenden Land  helfen, den Krieg zu führen, aber dass Grausamkeit  – für eine wirksame Durchführung des Krieges nicht notwendig – verboten ist.

Die Idee setzte sich durch. Während des 18. Jahrhunderts wurden  von professionellen Armeen  endlose Kriege geführt, ohne die zivile Bevölkerung unnötig zu verletzen. Die Kriege wurden „human“.

Nicht lange. Mit der französischen Revolution wurde der Krieg eine Sache  von Massen-Armeen, der Schutz der Zivilisten wurde untergraben, bis er im 2. Weltkrieg völlig verschwand, als ganze Städte durch  unbegrenzte Luftangriffe (Dresden und Hamburg) und durch die Atombombe (Hiroshima und Nagasaki) zerstört wurden.

Jedoch Eine Anzahl  internationaler Konventionen verbieten  jedoch Kriegsverbrechen, die der zivilen Bevölkerung schaden oder die Bevölkerung in besetzten Gebieten verletzen.

Das war der Auftrag dieses Untersuchungs-Komitees.

DAS KOMITEE  beschuldigte  die Hamas, dass sie Kriegsverbrechen gegen die israelische Bevölkerung begangen hätte.

Die Israelis  brauchten das Komitee nicht, um dies zu erfahren. Ein großer Teil der israelischen Bürger verbrachte während des Gaza-Krieges  wegen der Bedrohung durch Hamas-Raketen Stunden im Luftschutzkeller.

Hamas warf Tausende von Raketen gen Städte und Dörfer in Israel. Es waren primitive Raketen, die nicht auf spezielle Ziele gelenkt werden konnten – wie z.B.  auf die Dimona –Nuklearinstallation oder das Verteidigungsministerium , das mitten  in Tel Aviv liegt. Sie waren vielmehr dafür gedacht, die zivile Bevölkerung zu terrorisieren, damit diese fordert, dass der Angriff auf den Gazastreifen aufhört.

Sie erreichten dieses Ziel nicht, weil Israel eine  Anzahl von  „Eisernen Kuppeln“- Batterien („Iron Domes“) gegen die Raketen installiert hatte. Sie fingen fast alle Raketen ab, die auf zivile Ziele gerichtet waren. Der Erfolg war fast vollkommen.

Wenn sie vor das Internationale Gericht in Den Haag gebracht werden, werden die Hamas-Führer behaupten, dass sie keine andere Wahl hatten: sie hätten keine andere Waffen, um sich gegen die israelische Invasion  zu wehren. Wie mir einmal ein palästinensischer Kommandeur sagte: „Gebt uns Kanonen und Kampfflugzeuge, dann werden wir keinen Terror anwenden“.

Der Internationale Gerichtshof wird dann entscheiden müssen, ob es einem Volk, das  praktisch unter endloser Besatzung lebt, erlaubt ist, wahllose Raketen zu benützen. Wenn man die Prinzipien, die von de Groot  festgelegt wurden, betrachtet, frage ich mich, zu welcher Entscheidung man kommen wird.

Das gilt für Terrorismus allgemein, falls er von einem unterdrückten Volk ausgeführt wird, das keine anderen Mittel zum Sich-wehren hat.  Die schwarzen Südafrikaner benützten Terrorismus in ihrem Kampf gegen das unterdrückerische Apartheidsystem und Nelson Mandela verbrachte 28 Jahre im Gefängnis, weil er an solchen Akten  beteiligt war,  und er weigerte sich, sie zu verurteilen.

DER FALL  gegen die israelische Regierung und Armee ist völlig anders. Sie haben eine Unmenge von Waffen: von Drohnen über Kampfflugzeuge, von Artillerie  bis zu Panzern.

Falls es ein Kardinal-Kriegsverbrechen in diesem Krieg gab, war es die Kabinettentscheidung, ihn zu beginnen. Weil ein israelischer Angriff auf den Gazastreifen Kriegsverbrechen unvermeidbar macht.

Jeder, der jemals ein kämpfender Soldat im Krieg war, weiß, dass Kriegsverbrechen – ob in der moralischsten oder gemeinsten Armee  der Welt, -geschehen. Keine Armee kann  vermeiden, dass psychisch kranke Leute in ihr sind. In jeder Kompanie gibt es wenigstens ein pathologisches Exemplar. Wenn es da nicht sehr strenge Regeln gibt, die von einem sehr strengen Kommandeur eingeübt werden, werden Verbrechen geschehen.

Ein Krieg bringt das Innerste des Mannes (oder heute auch der Frau) zum Vorschein. Ein wohl erzogener Mann wird sich plötzlich in ein wildes Biest verwandeln. Ein einfacher, bescheidener Arbeiter wird sich als dezentes, großzügiges menschliches Wesen zeigen. Selbst in der „moralischsten Armee der Welt“  – ein Oximoron, falls es jemals so etwas gab.

Ich war im 1948er-Krieg ein Soldat der Infanterie. Ich habe  eine Menge Verbrechen gesehen, und ich beschrieb sie in meinem Buch (1950)  „Die andere Seite der Münze“).

DIES GILT für jede Armee. Während des letzten Gaza-Krieges  war die Situation in unserer Armee sogar noch schlimmer.

Die Gründe für den Angriff auf den Gazastreifen waren undurchsichtig. Drei israelische Jugendliche wurden von arabischen Männern gefangen genommen, offensichtlich für einen Gefangenenaustausch. Die Araber gerieten in Panik und töteten die Jungs. Die Israelis reagierten, die Palästinenser reagierten und sieh – das Kabinett entschied sich für einen vollen Angriff.

Unser Kabinett besteht  auch aus Trotteln; die meisten von ihnen haben keine Idee davon, was ein Krieg ist. Sie entschieden sich, den Gazastreifen anzugreifen.

Diese Entscheidung war das wirkliche Kriegsverbrechen.

Der Gazastreifen ist ein winziges  Gebiet, völlig übervölkert  mit 1,8 Millionen Menschen; die Hälfte von ihnen Abkömmlinge von Flüchtlingen aus Gebieten, die  im 1948er-Krieg israelisch wurden.

Unter allen Umständen brachte solch ein Angriff  eine große Anzahl ziviler Todesfälle. Aber eine andere Sache macht dies sogar noch schlimmer.

ISRAEL IST ein demokratischer Staat. Die Führer müssen vom Volk gewählt werden. Die Wähler bestehen aus den Eltern und Großeltern der Soldaten, Mitglieder der regulären und der Reserveeinheiten.

Dies bedeutet, dass Israel außerordentlich sensibel auf Todesfälle reagiert. Wenn eine große Anzahl von Soldaten in Aktion getötet wird, wird die Regierung stürzen.

Deshalb ist es der Grundsatz der israelischen Armee, um jeden Preis Todesfälle zu vermeiden – auf Kosten des Feindes d.h. um einen  einzigen israelischen Soldaten zu retten, ist es erlaubt, zehn, zwanzig, hundert Zivilisten der andern Seite zu töten.

Diese ungeschriebene und selbstverständliche Regel wird durch die „Hannibal Prozedur“  symbolisiert – das Schlüsselwort für das  Verhindern von Gefangenschaft  eines israelischen Soldaten – um jeden Preis. Auch hier ist ein „demokratisches“ Prinzip am Werk: keine israelische Regierung kann dem öffentlichen Druck widerstehen, viele Dutzende palästinensischer Gefangener zu entlassen, um einen einzigen Israeli  frei zu bekommen. Also: verhindere, dass ein Soldat gefangen genommen wird, selbst wenn der Soldat während des Prozesses sich selbst getötet hat.

Hannibal erlaubt – tatsächlich befiehlt –  er unermessliche Zerstörung und Tötungen  zuzulassen, um zu verhindern, dass ein Soldat verschwindet. Dies allein ist schon ein Kriegsverbrechen.

Ein verantwortliches Kabinett mit einem Minimum von Kampferfahrung, würde  all dies  in dem Augenblick wissen, wo es dazu aufgerufen war, sich für eine Militäroperation zu entscheiden. Wenn sie es nicht wissen, ist es die Pflicht der Armeekommandeure, die bei solch einer Kabinett-Sitzung dabei sind, es ihnen zu erklären. Ich frage mich, ob sie dies taten.

ALL DIES bedeutet, dass wenn erst einmal angefangen ist, dass die Ergebnisse fast nicht zu vermeiden sind. Um einen Angriff  mit so wenig als möglichen Todesfällen zu machen, müssen ganze Stadtteile durch Drohnen, Kampfflugzeuge und Artillerie flach gemacht werden. Und das  geschah offensichtlich.

Die Bewohner wurden oft gewarnt zu fliehen, und viele taten es auch. Andere taten es nicht – unwillig alles, was ihnen teuer und lieb ist, zurückzulassen. Einige Menschen fliehen im Augenblick der Gefahr, andere hoffen gegen alle Hoffnung und bleiben.

Ich würde den Leser bitten, sich selbst für einen Moment  in diese Situation zu versetzen.

Füge diesem das  menschliche Element hinzu – die Mischung von humanen und sadistischen Männern, guten und bösen, die man in jeder Kampfeinheit in aller Welt  findet – dann bekommt man das Bild.

Wenn man erst einmal einen Krieg anfängt, „ dann passiert so etwas  eben einmal“,  wie man so sagt. Da mögen  mehr oder weniger Kriegsverbrechen sein, aber es wird eine Menge passieren.

ALL DIES  konnte bei der UN-Komitee-Untersuchung, die von einer amerikanischen Richterin geleitet wurde,  von  den Chefs der israelischen Armee gesagt werden, wäre ihnen die Aussage erlaubt worden. Die Regierung erlaubte es ihnen nicht.

Der einfachste Weg aus diesem Dilemma ist, zu behaupten, dass alle UN-Mitarbeiter von Natur aus antisemitisch und Israelhasser seien, so dass das Beantworten ihrer Fragen  kontraproduktiv sei.

Wir sind moralisch. Wir haben Recht. Von Natur aus. Wir können nicht anders. Diejenigen, die uns anklagen, müssen Antisemiten sein. Ganz logisch.

Zur Hölle mit ihnen allen!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Isratin oder Palestrael?

Erstellt von Gast-Autor am 26. Juli 2015

Isratin oder Palestrael?

Autor Uri Avnery

ES WAR einmal ein junger Mann, der eine welterschütternde Erfindung gemacht hat: ein Flugzeug, das mit Wasser flog.

Nicht mehr mit Benzin. Keine Verschmutzung. Keine astronomischen Preise. Fülle die Tanks nur mit Wasser und es fliegt bis ans Ende der Welt.

„Wunderbar!“  riefen die Leute aus. „Zeige uns die Pläne!“  „Pläne?“ sagte der Mann. Ich habe die tolle Idee gehabt. Ich überlasse es den Ingenieuren, dies  mit den technischen Details auszuarbeiten.“

Die Erfinder der Ein-Staat-Lösung erinnern mich an dieses Genie. Sie haben eine wunderbare Idee. Aber es bleiben einige Fragen offen.

DIE ERSTE FRAGE:  Wie kann dies erreicht werden?  Die offensichtliche Antwort heißt: durch Krieg.

Die arabische Welt wird ihre Armeen mobilisieren. Israel wird erobert werden. Die Sieger werden ihren Willen durchsetzen.

Dies könnte innerhalb weniger Generationen möglich sein. Ich bezweifle es. In einer  Welt von Nuklearwaffen enden Kriege mit gegenseitiger Vernichtung.

Und wenn nicht Krieg, dann „Druck von außen“.

Auch dies bezweifle ich. Die internationale Boykottbewegung wird auf ihre Weise ziemlich wirksam. Aber dies ist weit, weit davon entfernt, Israelis dazu zu bringen, etwas zu tun, das gegen jede Faser ihres Seins geht: ihren Staat aufzugeben. Dasselbe gilt für politischen Druck. Es kann Israel verletzen oder auch isolieren – obwohl ich nicht glaube, dass dies in dieser oder der nächsten Generation möglich sein würde – aber auch dies wird nicht genug sein, Israel auf seine Knie zu zwingen.

Die Mehrheit in Israel überzeugen? Man muss der israelischen Realität gegenüber  schon sehr fremd sein, um zu glauben, dass dies in voraussehbarer Zukunft geschehen kann. Seit mehr als 130 Jahren ist jetzt das Wesentliche der zionistischen und israelischen Raison d’etre israelische (oder „jüdische“) Staatlichkeit gewesen. Viele Menschen sind schon deswegen gestorben. Jedes Kind in Israel wird vom Kindergarten an indoktriniert, durch die Schule und die Armee, um den Staat als höchstes aller Ideale zu sehen. Dass es dies freiwillig aufgibt?  Unwahrscheinlich.

Aber um der Argumente willen lasst uns vermuten, dass auf die eine oder andere Weise die Ein-Staat-Lösung möglich wird. Vielleicht durch  göttliche Intervention.

Wie würde das funktionieren?

In Dutzenden meiner Debatten mit Anhängern des  einen-Staates aller Arten habe ich niemals, nicht ein einziges Mal auf diese simple Frage eine Antwort bekommen, Nicht eine. Wie der Erfinder des mit wasserbetriebenen Flugzeugs. Sie überlassen dies den Ingenieuren. Lasst uns versuchen!

WIE WIRD der Staat genannt werden? Auch keine leichte Frage.

Der selige Muammar Gaddafi schlug „Isratin“ vor (Warum nicht Palestrael“?) Ich könnte an „Heiliges Land“ denken, „ Der Staat von Jerusalem“ oder andere Namen. Vielleicht „Der Vereinigte Staat von Israel und Palästina“ (Nennen wir es VSIP).

Verschiedene Flaggen und Nationalhymnen sind schon vorgeschlagen worden – einige davon  wirklich originell. Wird irgendjemand für sie sein Leben opfern?

Aber auch dies ist nicht das wirkliche Problem. Wenn wir uns den Realitäten des Staates nähern, werden sich die Fragen vervielfachen.

Wie wird der Staat auf tag-täglicher Basis funktionieren?

Wie schwierig das sein mag, kann durch eine einfache  historische Tatsache  illustriert werden: seit dem 2. Weltkrieg gibt es kein einziges Beispiel von zwei Staaten oder zwei Völkern, die freiwillig zusammen einen Staat bilden. Aber es gibt  genügend Beispiele von multinationalen Staaten, die auseinander gefallen sind.

Beginnen wir mit der Sowjetunion, einer mächtigen Weltmacht. Dann Jugoslawien , dann Serbien, die Tschechoslowakei, der Sudan.

Andere Länder  drohen auseinander zu brechen. Wer hätte je gedacht, dass das  ehrwürdige Vereinigte britische Königreich einmal nicht vereinigt sein könnte? die Schotten, die Katalonier, die Basken, die Quebecker, die Ost-Ukrainer warten in einer Reihe. Nur die Schweiz, historisch seit Hunderten von Jahren vereinigt, scheint immun zu sein. Auch Bosnien und Herzegovina.

Sei es, wie es ist; schauen wir uns die Sache näher an!

DER STAAT  muss eine  vereinigte Armee haben. Wie wird sie funktionieren? Werden Juden und Araber in derselben Truppe dienen? Oder wird es getrennte Bataillone geben, getrennte Brigaden oder getrennte Divisionen?  Wenn es Unruhe in jüdischen  Nachbarschaften gibt, werden jüdische Einheiten Befehlen gegen ihre Brüder gehorchen? In einem Krieg gegen einen arabischen Staat – wie wird eine arabische Einheit agieren?

Wird der Stabschef ein Jude oder ein Araber sein? Vielleicht abwechselnd? Und der Generalstab – halbe-halbe?

Das ist noch einfach –  verglichen mit der Polizei. Werden Juden und Araber Seite an Seite dienen, wie sie es während des britischen Mandats taten, als praktisch alle lokalen Polizisten zu geheimen nationalistischen Organisationen gehörten?

Wie untersucht diese Polizeikraft nationalistische Verbrechen? Wer wird der Generalinspektor sein?

Dann gibt es da noch die Frage der Steuern. Wie es jetzt aussieht, ist das durchschnittliche Einkommen der Juden in Israel 25 mal höher als das der Araber im  besetzten Palästina. Nein, das ist kein Tippfehler. nicht 25% höher. 25 mal höher.

Werden sie dieselben Steuern zahlen? Sehr bald würden sich jüdische Bürger beschweren, dass sie für die ganze Fürsorge und Bildung der palästinensischen Bürger zahlen. Schwierigkeiten.

DANN GIBT es da noch die Probleme der politischen Strukturen.

Natürlich  wird es allgemeine und freie Wahlen geben. Wie werden die Bürger wählen – nach ihren Klasseninteressen oder  nach ethnischen Linien?

Die Erfahrung in vielen Ländern zeigen an, dass die nationale Identität den Vorrang nehmen wird. Im heutigen Israel ist dies die Regel. Während des britischen Mandats gab es nur eine einzige gemeinsame jüdisch-arabische Partei: die Moskau treue kommunistische.  Am Vorabend des Krieges von 1948 teilte sie sich  in Juden und Araber. Im neuen Staat Israel vereinigte sie sich wieder (wie von Moskau befohlen wurde), um sich dann wieder zu teilen. Nun ist es praktisch eine arabische Partei mit ein paar jüdischen Mitläufern.

1984 beteiligte ich mich an der Gründung einer neuen Partei, der Progressiven Liste für Frieden, die sich auf strenge Parität gründete: unsere Knesset Liste war arabisch, jüdisch, arabisch,  jüdisch   bis 120.

In zwei auf einander folgenden Wahlkampagnen  kamen wir in die Knesset. Es geschah eine seltsame Sache: all unsere Wähler waren Araber. Die Partei verschwand.

Ich habe den starken Verdacht, dass bei VSIP  das Gleiche geschehen wird. Im Parlament werden sich zwei Blöcke gegenüberstehen und ein Klima ständiger gegenseitiger Feindseligkeit schaffen. Es wird außerordentlich schwierig sein, eine arbeitende Regierungskoalition zu bilden, die aus Elementen beider Seiten zusammengesetzt ist. Man schaue sich nur Belgien an, ein anderer problematischer, bi-nationaler Staat.

Einige Anhänger des einen Staates geben zu, dass das  Projekt nur durchführbar ist, wenn beide Völker ihre Grundhaltung vollkommen ändern und ein Geist  gegenseitiger Sympathie und Respekt den gegenwärtigen nationalistischen Hass und Verachtung ersetzt.

Vor etwa 50 Jahren hatte ich ein Gespräch mit dem damaligen indischen  Botschafter in Paris Kavalam Madhava Panikkar, einem sehr geachteten Staatsmann und Gelehrten. Wir sprachen natürlich über den israelisch-palästinensischen Frieden, und er sagte: „Das wird  51 Jahre dauern!“

Warum genau 51 Jahre, fragte ich überrascht. „Weil wir  eine neue Generation von Lehrern brauchen“, sagte er. „Das wird 25 Jahre dauern. Diese neuen Lehrer  werden eine neue Generation von Schülern erziehen. Das dauert weitere 25 Jahre. Und um Frieden zu machen, braucht es ein weiteres Jahr.“

Nun, 51 Jahre sind vergangen,  und Frieden ist weiter weg als damals. Ehestifter pflegen zu sagen: Sie lieben sich noch nicht, aber wenn sie erst mal verheiratet sind und Kinder haben, werden sie einander lieben.

Vielleicht. Wie lange wird es dauern? Einhundert Jahre? Zweihundert Jahre. Lange vorher werden wir alle gestorben sein

Das Hauptargument gegen die Ein-Staat-Lösung ist, es wird bald ein Schlachtfeld eines ewigen Konfliktes sein wie der Libanon. Dort gibt es nicht einen Tag eines internen Friedens.

Die größte Gefahr ist: dass diesen Staat  -mit wachsender arabischer Mehrheit – wohl-habende und gebildete jüdische Bürger, langsam das Land verlassen werden  (wie es jetzt schon einige tun). Am Ende werden nur die Armen und Ungebildeten zurückbleiben – eine kleine jüdische Gemeinde, wie in andern arabischen Staaten.

Ich habe einen heimlichen Verdacht, dass einige der arabischen Anhänger des einen Staates die Idee allein aus diesem Grund begrüßen: um Israel ein Ende zu setzen.

Israelische Juden und palästinensische Araber sind zwei der nationalistischsten Nationen auf der Welt. Man muss ein extremer Optimist sein – noch extremer als ich – um zu glauben, dass dies funktionieren könnte.

Ehrliches Eingeständnis: Ich glaubte einst an die Ein-Staat-Lösung, lange bevor dieser Terminus erfunden war. Als  ich 1945 gerade 22 Jahre alt war, gründete ich eine Gruppe, die sich dem Gedanken widmete, dass die neue hebräische Nation in Palästina und die arabische Nation in Palästina beide durch gemeinsame Liebe ans Land gebunden, eine gemeinsame Nation werden und in einem gemeinsamen Staat leben könnten.

Unsere Ideologie verursachte einen Aufschrei in der zionistischen Gemeinschaft im Land. Wir wurden allgemein verurteilt. Aber während des Krieges von 1948, als ich in unmittelbaren Kontakt mit der palästinensischen Realität kam, gab ich diese wunderbare Idee für immer auf, und von 1949  war ich einer der  Schöpfer des Konzeptes der Zwei-Staaten-Lösung.

Ich habe einen großen Respekt vor den Anhängern der Ein-Staat-Lösung. Ihre Motive sind bewundernswert. Ihre Vision hochfliegend. Aber es hat keine Verbindung zur Realität.

ICH WÜRDE gerne für mich einen Punkt ganz klar machen:  die Zwei-Staaten-Lösung ist kein Rezept für  Trennung und Scheidung, sondern im Gegenteil, eine Art Hochzeit.

Vom ersten Tag  an  – vor 66 Jahren – als wir eine winzige Gruppe waren, hielten wir das Banner der Zwei-Staaten-Lösung hoch. Für uns war klar, dass die zwei Staaten, in einem so kleinen Land so eng bei einander in naher Kooperation leben müssen. Die Grenzen müssen für Menschen und Waren offen sein, die Wirtschaft eng mit einander verknüpft. Eine Art Föderation ist unvermeidbar. Die Haltung wird sich langsam auf beiden Seiten ändern.

Verbindungen werden geknüpft. Freundschaften werden  gegründet. Geschäfts-interessen werden die Leute überzeugen. Die Leute werden zusammen arbeiten und einander respektieren. Wie die Araber sagen: Inshallah!

Wenn ich gefragt werden würde, ob dies die beste Lösung sei, lautet meine Antwort: „Es ist die einzige Lösung.“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, von Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Wer wird Israel erretten?

Erstellt von Gast-Autor am 28. Juni 2015

Wer wird Israel erretten?

DIE SCHLACHT  ist beendet. Der Staub hat sich gelegt. Eine neue Regierung – zum Teil lächerlich, zum Teil erschreckend – ist installiert worden.

Es ist Zeit, Inventur zu machen.

Das reine Ergebnis ist, dass Israel allen Anspruch auf Frieden,  aufgegeben hat und dass die israelische Demokratie einen Schlag erlitten hat, von dem sie sich vielleicht nicht erholen dürfte.

 DIE ISRAELISCHEN REGIERUNGEN – mit der möglichen Ausnahme  von Yitzhak Rabin –haben nie wirklich Frieden gewünscht. Den Frieden, der möglich ist.

Frieden bedeutet natürlich  festgelegte endgültige Grenzen. In der Gründungs-Erklärung des Staates, die  von David Ben Gurion am 14. Mai 1948 in Tel Aviv vorgelesen wurde, wurde  jede Erwähnung von Grenzen absichtlich weggelassen. Ben Gurion war nicht bereit, Grenzen zu akzeptieren, die von der UN-Teilungsresolution festgelegt worden waren     , weil sie nur für einen winzigen jüdischen Staat vorgesehen war. Ben Gurion sah voraus, dass die Araber einen Krieg beginnen würden, und er war entschlossen, diesen dazu zu benützen, um  das Staatgebiet zu vergrößern.

Dies geschah tatsächlich. Als der Krieg  von  1949 mit einem Abkommen und einer  Waffenstillstandslinie endete, die auf den endgültigen Linien des Endkampfes basierten, hätte Ben Gurion sie als Endgrenzen anerkennen können. Er weigerte sich aber Israel ist ein Staat ohne Grenzen  – vielleicht der einzige in der Welt.

Dies ist einer der Gründe für die Tatsache, dass Israel kein Friedensabkommen mit dem palästinensischen Nation hat. Es unterzeichnete offizielle Friedensabkommen mit Ägypten und Jordanien, die sich auf international anerkannte Grenzen zwischen dem früheren britischen Mandat von Palästina und seinen Nachbarn gründeten. Keine  Grenzen werden zwischen Israel und der undefinierten palästinensischen Entität akzeptiert. Alle israelischen Regierungen haben sich immer geweigert, anzuzeigen, wo solche Grenzen  verlaufen sollten. Das hoch gelobte Oslo-Abkommen war keine Ausnahme. Auch Rabin weigerte sich, eine endgültige Grenze zu ziehen.

Diese Weigerung bleibt Regierungspolitik. Am Vorabend der letzten Wahlen erklärte Benjamin Netanjahu eindeutig, dass während seiner Amtszeit – das bedeutet für ihn bis zu seinem Lebensende  – kein palästinensischer Staat entstehen würde. Deshalb würden die besetzten Gebiete unter israelischer Herrschaft bleiben.

Kein Friedensabkommen wird je unter dieser Regierung unterzeichnet werden.

KEIN FRIEDEN bedeutet, den territorialen Status quo einzufrieren, außer dass  Siedlungen weiter wachsen und sich vermehren.

Das ist nicht die Situation, die Demokratie betrifft. Sie ist nicht eingefroren.

Israel als die berühmte „einzige  Demokratie im Nahen Osten“.  Das ist praktisch ihr zweiter offizieller Name.

Es ist umstritten, wie ein Staat, der ein anderes Volk beherrscht, es all seiner Menschenrechte  beraubt – ganz zu schweigen von der Staatsbürgerschaft –eine Demokratie genannt werden kann. Aber die jüdischen Israelis haben sich an dies seit 1967  gewöhnt und ignorieren einfach diese Tatsache.

Nun  ist die Situation innerhalb Israels selbst dabei, sich drastisch zu verändern.

Zwei  Tatsachen bestätigen dies.

Als erstes ist Ayelet Schaked zur Justizministerin ernannt worden. Eine der extremsten  Israelis vom rechten Flügel. Sie hat kein Geheimnis von der Tatsache gemacht, dass sie die Unabhängigkeit des Obersten Gerichtshofes zerstören will, die letzte Bastion der Menschenrechte.

Dieses Gericht hat es die Jahre hindurch  fertiggebracht, eine große Kraft im israelischen Leben  zu werden. Da Israel keine geschriebene Verfassung hat, ist es dem Obersten Gerichtshof unter strenger  und entschlossener Führung  gelungen, die Rolle des Wächters der Menschen-und Zivilrechte anzunehmen, ja, selbst die demokratisch angenommenen Knesset-Gesetze zu annullieren, die der  eingebildeten Verfassung widersprachen.

Schaked hat angekündigt, dass sie dieser Unverschämtheit ein Ende setzen werde.

Das Gericht hat  viele Angriffe überlebt, weil seine Zusammensetzung  nicht leicht verändert werden kann. Im Gegensatz zur Praxis in den USA, die skandalös für uns aussieht, werden die Richter dort von einem Komitee  ernannt, in dem Politiker von amtierenden Richtern unter Kontrolle gehalten werden. Schaked möchte diese Praxis ändern, indem sie das Komitee mit Politikern vollstopft, die gegenüber der Regierung loyal sind.

Das Gericht ist  schon eingeschüchtert. In letzter Zeit hat es eine Anzahl von unwürdigen Entscheidungen getroffen, wie z.B. Aufrufe,  die  Siedlungen  boykottieren, zu ächten. Aber dies ist noch der Himmel, verglichen mit dem, was in nächster Zukunft geschehen soll.

VIELLEICHT  IST Netanjahus  Entscheidung noch schlimmer, für sich selbst das Ministerium der Kommunikation zu reservieren.

Dieses Ministerium ist immer als niedriges Amt angesehen worden, das für politische Leichtgewichtler reserviert wurde.  Netanjahus hartnäckige Beharrlichkeit, dies für sich zu halten, ist schon beunruhigend.

Das Kommunikations-Ministerium kontrolliert alle TV-Stationen und indirekt die Zeitung in Israel und anderen  Medien. Da alle israelischen Medien sich in einer sehr schlechten finanziellen Situation befinden, kann diese Kontrolle tödlich wirken.

Netanjahus Förderer  – einige sagen Besitzer – Sheldon Adelson, der Möchtegern-Diktator der US-republikanischen Partei, veröffentlicht in Israel schon eine Zeitung   die kostenlos verteilt, nur ein Ziel hat: Netanjahu gegen alle Feinde persönlich zu unterstützen, einschließlich seiner Konkurrenten in seiner eigenen Likud-Partei. Die Zeitung „Israel Hayom“  (Israel heute)  ist schon Israels am weitesten verbreitete Zeitung, in die der amerikanische Casino-König schon ungezählte Millionen steckte.

Netanyahu ist entschlossen, jede Opposition der elektronischen und geschriebenen Medien zu brechen. Die Oppositions-Kommentatoren sind gut beraten, wenn sie sich woanders nach einem Job umsehen. Kanal 10, der etwas kritischer auf Netanjahu blickt als seine zwei  Konkurrenten, wird deshalb wohl am Monatsende geschlossen werden.

Man kann eine abscheuliche Analogie nicht  vermeiden. Eines der Schlüsselwörter im Nazi-Lexikon war der scheußliche deutsche  Terminus „Gleichschaltung“- was bedeutete, dass alle Medien von derselben Energiequelle abhingen. Alle Zeitungen und Radiostationen (TV existierte noch nicht)  waren vollgestopft mit Nazis. Jeden Morgen versammelten sich um den Beamten des Propagandaministeriums – mit Namen Dr. Dietrich  – die Chefredakteure, und da erzählte er ihnen, wie die Schlagzeilen und Leitartikel usw. für den morgigen Tag heißen mussten.

Netanjahu hat den Chef der TV-Abteilung  schon entlassen. Wir kennen den Namen unseres eigenen Dr. Dietrich noch nicht

Als humorvolles Gegenstück ist Miri Regev zur Kultusministerin ernannt worden. Regev hat ein lautes Mundwerk, deren vulgärer Stil zu einem nationalen Symbol  geworden ist. Keiner kann erraten, wie sie früher zur Armeesprecherin  geworden ist. Ihr Stil- zum Beispiel  endete mit der Aufforderung „Applaus!“ ist ein Witz geworden.

DAS WIRKSAMSTE Instrument der De-Demokratisierung ist das Erziehungs-ministerium (das in keiner anderen Sache wirksam ist).

Israel hat mehrere Bildungssysteme, alle von ihnen vom Erziehungsministerium finanziert und dort kontrolliert.

Zwei Systeme unterstehen direkt der Regierung: das allgemeine „Staats“-System und das autonome „religiöse Staats-System.

Dann gibt es noch zwei orthodoxe Systeme: das eine aschkenasische und ein orientalisches. In einigen von diesen werden nur religiöse Themen unterrichtet  – keine Sprachen, keine Mathematik, keine  nicht-jüdische Geschichte. Dies macht die Schulabgänger für keinen Beruf geeignet. Sie bleiben für immer von den Almosen ihrer religiösen Gemeinschaft abhängig.

Bevor der Staat entstand, gab es auch ein linkes System mit sozialistischen Werten, besonders in den Kibbuzim. Dieses wurde von David Ben-Gurion der Staatlichkeit aufgelöst.

Die letzte Regierung versuchte auf vorsichtige Weise,  die Orthodoxen in die Einführung der Kernfächer in ihren Schulen zu zwingen wie z.B.  Arithmetik und Englisch. Das ist jetzt wieder gelöscht worden, seitdem die Orthodoxen Mitglieder der Regierungskoalition geworden sind.

Die wirkliche Schlacht, die jetzt beginnt, geht aber um die gewöhnlichen Staatsschulen, die bis zu einem gewissen Grad  frei waren. Meine verstorbene Frau Rachel war fast 30 Jahre lang Lehrerin an solch einer Schule und tat, was sie wollte, und versuchte, ihren Schülern humanistische und liberale Werte beizubringen.

Das geht nicht mehr. Israels extremster nationalistisch-religiöser Führer Naftali Bennett  ist jetzt als Erziehungsminister eingestellt worden. Er hat schon angekündigt, dass sein Hauptziel sei, die Schüler  in einem nationalistisch-zionistischen Geist zu erziehen und sie zu wahren israelischen Patrioten zu machen. Von Humanismus, Liberalismus, Menschenrechten, sozialen Werten  oder jedem weiteren Unsinn ist nicht die Rede.

Netanjahu hat auch das Außenministerium in seinen eigenen Händen gelassen. Viele seiner Funktionen hat er unter sechs andere Ministerien verteilt. Der Vorwand war, dass Netanjahu  das  wichtigste Ministerium für den Chef der Labor-Partei offen halte, von dem er vorgibt, ihn in die Regierung einzuladen. Herzog hat  sich schon laut geweigert (Ich vermute, dass der wirkliche Besitzer der Regierung Sheldon Adelson dies auf keinen Fall erlaubt.)

Netanjahus wirkliches Ziel ist es, jeden potentiellen Konkurrenten  davon auszuschließen, internationales und nationales Prestige in dieser Position zu gewinnen. Er führt sowieso die Außenpolitik alleine.

ALLES ZUSAMMEN ist es ein tief verstörendes Bild für jeden, der Israel liebt.

Es ist nicht so sehr, dass die Machtbalance in Israel sich geändert hat (Sie hat es nicht); sondern, dass die schlimmsten Elemente des rechten Flügels die Regierung übernommen haben und fast alle moderaten des rechten Flügels hinaus gestoßen haben. Bis jetzt waren diese extremen Rechten zwar laut, aber hatten wenig Macht. Dies hat sich nun geändert. Die extreme Rechte hat ihre Selbstsicherheit gefunden und ist entschlossen, ihre Macht zu gebrauchen.

Die israelische Linke (die sich  selbst schüchtern „Mitte links“ nennt) hat ihren Mut verloren. Ihre einzige Hoffnung ist „ausländischer Druck“. besonders vom Weißen Haus. Barack Obama hasst Netanjahu. Irgendwann wird amerikanischer Druck  angewendet werden, um Israel vor sich selbst zu retten. Das ist ein bequemer Gedanke. Wir müssen gar nichts tun. Die Rettung kommt von außen, deus ex machina. Halleluja!

Leider  bin ich ein Ungläubiger. Was ich sehe, ist, dass die US ihre Unterstützung des Netanjahu-Regimes erhöht, ihm riesige Menge neuer Waffen als „Kompensation“ liefert, für den  beginnenden  nuklearen Deal mit dem Iran. John Kerry, der von Netanjahu gedemütigt  und mit offener Verachtung behandelt wird, kriecht irgendwo unterwürfig zu unsern Füßen. Obama rühmt sich, dass er für Israel mehr getan hat (und meint die israelische Rechte) als jeder andere Präsident.

Rettung kommt nicht aus dieser Richtung. Gott wird in der Maschine bleiben.

ES GIBT  nur eine Art von Rettung: die wir in uns selbst tragen.

Manche hoffen auf eine Katastrophe, die den Leuten die Augen öffnen wird. Ich wünsche keine Katastrophen. Ich will nicht, dass Israel eine Wiederholung von al-Sisis Ägypten wird, von Erdogans Türkei oder Putins Russland.

Ich glaube, wir können Israel retten – aber nur wenn wir von der Couch aufstehen und unsere Rolle spielen.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Krieg der Toren

Erstellt von Gast-Autor am 21. Juni 2015

Der Krieg der Toren

Autor Uri Avnery

VOR EIN paar Tagen brachte der israelische TV-Kanal 10  eine investigative Reportage  über den israelischen Angriff von 2006 auf den Libanon, bekannt als der  „2.Libanon-Krieg. “

Auch wenn sie nicht gerade tiefschürfend war, gab sie ein gutes Bild ab von dem, was sich tatsächlich ereignete. Die drei israelischen Hauptprotagonisten redeten frei.

Das Bild war sehr beunruhigend, um wenigstens das zu sagen. Man könnte auch sagen, es war alarmierend.

Die Hauptschlussfolgerung ist, dass all unsere Führer in jener Zeit sich mit eklatanter Unverantwortlichkeit benahmen, die an Dummheit grenzte.

REKAPITULIEREN WIR: der2. Libanonkrieg dauerte 34 Tage vom 7. Juli bis 14. August, 2006.

Er wurde durch einen Grenzzwischenfall provoziert: Hisbollah-Kräfte  im südlichen Libanon überquerten die Grenze und griffen eine israelische Routine–Patrouille an. Das Ziel war, israelische Soldaten zu fangen, um sie gegen eigene Gefangene auszutauschen–die einzige Weise, die israelische Regierung dahin zu bringen, arabische Gefangene zu entlassen.

Bei diesem Angriff wurden zwei israelische  Soldaten auf libanesisches Gebiet gezogen. Alle anderen wurden getötet. Uns wurde erzählt, dass die Gefangenen vermutlich noch am Leben seien. Der Film zeigt, dass das Armeekommando sofort wusste, dass wenigstens einer der beiden Gefangenen tot, und der zweite vermutlich auch  gestorben war. In der Tat wurden beide während der Aktion getötet.

Die übliche Reaktion bei solch einem Vorfall ist ein Racheaktion, um die „Abschreckung wieder herzustellen“, wie das Bombardement oder der Beschuss einer Hisbollah-Basis oder eines libanesischen Dorfes. Doch diesmal nicht. Das israelische Kabinett begann einen Krieg.

Warum?

Die TV-Reportage  liefert keine überzeugende Antwort. Die Entscheidung wurde sofort getroffen – nach einem Minimum von Überlegungen. Man hat das Gefühl, dass Emotionen und persönliche Ambitionen eine große Rolle spielten.

DIE TV-Untersuchung bestand fast nur aus den Zeugenaussagen der drei Personen, die tatsächlich die Entscheidung trafen und den Krieg führten.

Der erste war der Ministerpräsident. Ehud Olmert hatte erst wenige Monate vorher sein Amt angetreten, fast durch Zufall. Er war der stellvertretende Ministerpräsident unter Ariel Scharon gewesen, der ihm diesen leeren Titel als Kompensation vermacht, hatte, weil er ihm kein ernsthaftes Ministerium gegeben hatte. Als Sharon plötzlich in ein Dauerkoma fiel, managte es Olmert geschickt, sein  Nachfolger zu werden.

Während seines  Erwachsenenlebens war Olmert ein politischer Funktionär gewesen, gegenüber niemandem loyal, er sprang von einer Partei zur anderen, von einem Förderer zum anderen, von der Knesset in die Jerusalemer Stadtverwaltung und zurück, bis er sein Lebensziel erreichte: das Amt des Ministerpräsidenten.

Währenddessen hatte er überhaupt keine militärischen Erfahrungen gesammelt. Um den wirklichen Militärdienst hat er sich gedrückt, und am Ende tat er verkürzten Dienst in der juristischen Abteilung der Armee.

Der Verteidigungsminister, Amir Peretz hatte sogar noch weniger Erfahrung.  Ein Laboraktivist von Beruf, der frühere Generalsekretär der riesigen Histadrut-Gewerkschaft wurde Führer der Labor-Partei. Als die Partei sich Olmerts neuer Regierung anschloss, konnte Peretz ein Ministerium wählen und nahm das prestigeträchtige Verteidigungsministerium.

Diese Verbindung von zwei Regierungsführern ohne jede militärische Qualifikation ist in Israel ungewöhnlich, in einem Land, das ständig im Krieg ist. Das ganze Land lachte, als Peretz bei einer Armeeübung von einem Fotografen mit einem Fernglas   gefangen wurde, von dem er die Schutzhülsen wegzunehmen vergessen hatte.

Die dritte Person des so schicksalhaften Trios, der Stabschef Dan Halutz, sollte vermutlich die militärische Unzulänglichkeit seiner beiden zivilen Vorgesetzten ersetzten. Er war Berufssoldat, ein Offizier in guter Verfassung. Aber leider war er ein Luftwaffengeneral, ein früherer Kampfpilot, der niemals mit Bodentruppen umgegangen war.

In Israel  sind alle früheren  Stabschefs von Bodentruppen gekommen und waren erfahrene Infanteristen. Die Armee hatte nie einen Stabschef, der kein erfahrener Infanterie- oder Panzeroffizier war. Die Ernennung von Halutz auf diesen Posten war äußerst ungewöhnlich. Böse Zungen spielten darauf an, dass der frühere Verteidigungsminister, eine Person mit jüdisch-iranischem Ursprung, Halutz bevorzugte, weil sein Vater auch ein Immigrant aus dem Iran war.

Wie dem auch sei: der Stabschef, der weniger als ein Jahr im Amt war, war völlig unerfahren  und hatte keine Qualifikation, um eine Bodentruppe zu führen.

So geschah es, dass die drei Führer des 2. Libanon-Krieges  neu im Amt waren und völlig unerfahren, einen Bodenkrieg zu führen. Zwei der drei  hatten keinerlei Erfahrung in militärischen Angelegenheiten.

Der Stabschef  hatte noch ein anderes Missgeschick: Es wurde später bekannt – ein paar Stunden, nachdem die Entscheidung, den Krieg zu beginnen,  getroffen  und bevor der erste Schuss abgeschossen war, hatte er seinen Börsenmakler beauftragt, seine Aktien zu verkaufen. In der TV-Reportage behauptete er, er habe gemeint, die Instruktion schon ein paar Tage vorher gegeben zu haben, als noch keiner von einem Krieg träumte, und dass  aus einigen technischen Gründen es eine Verzögerung  gegeben habe. Aber wie Peretz‘ Foto mit dem geschlossenen Fernglas, so hat die Halutz Affaire mit den Aktien einen Schatten auf beide geworfen.

Olmert wurde in der Zwischenzeit natürlich überführt, Bestechungsgelder und  verschiedene andere Verbrechen  begangen zu haben und  zu Gefängnisstrafe verurteilt wurde, mit einem schwebenden Berufungsverfahren.

DEM 2.  LIBANON-Krieg war 24 Jahre früher der 1. Libanonkrieg voraus gegangen, der von  Verteidigungsminister Ariel Scharon angeführt worden war und unter der Schirmherrschaft von Menachem Begin gestanden hatte.

Der Krieg hatte klar umrissene  Kriegsziele: die palästinensische Basis im Süden des Libanon zu zerstören. klar umrissene Kriegsziele, einen klaren operativer Plan und eine effiziente militärische und politische Führung. Es endete natürlich in einer Katastrophe, nachdem das Sabra-Shatila-Massaker  stattgefunden und die Welt schockierte hatte.

Als Folge der Brutalität dort wurde eine Untersuchung angesetzt, und Sharon wurde als Verteidigungsminister abgesetzt (aber nicht  aus der Regierung entlassen). Militärische Kommandeure wurden bestraft.

Trotzdem  wurde die Kampagne in Israel als brillanter militärischer Erfolg angesehen. Nur wenige realisierten, dass es an der östlichen Front gegenüber von Syrien ein militärisches Chaos gegeben hatte; keine israelische Einheit erreichte das angegebene  Ziel, während an der Westfront die israelischen Truppen  erst nach der vorgeschriebenen Zeit Beirut  erreichten und erst nach dem Bruch der von der UN festgesetzten Feuerpause. (Es war damals, als ich Yasser Arafat im belagerten westlichen Teil der Stadt traf.)

Der 1. Libanon-Krieg hatte eine unvorhergesehene und dauernde Wirkung. Die palästinensischen Truppen wurden tatsächlich aus dem Land abgezogen und nach Tunis befördert (Wo  Arafat  den Kampf bis zum Oslo-Abkommen fortführte) Aber anstelle der palästinensischen Bedrohung  wuchs im Libanon eine schlimmere Bedrohung. Die schiitische Bevölkerung, bis dahin ein Verbündeter Israels, wurde ein tödlicher und sehr effizienter Feind. Die Hisbollah (Partei von Allah) wurde zu einer kraftvollen politischen und militärischen Kraft, die schließlich zum 2. Libanonkrieg führte.

DOCH DER 1. Libanonkrieg war – verglichen mit dem 2. Libanonkrieg ein strategisches Meisterstück. Im 2. Libanonkrieg gab es überhaupt keinen operativen Plan. Noch gab es ein klares Kriegsziel – ein Muss für jede erfolgreiche militärische Operation.

Der Krieg begann mit einem massiven Bombenangriff auf zivile als auch auf militärische Ziele, Elektrizitätswerke, Straßen und Dörfer- die Erfüllung des Traumes eines jeden Luftwaffengenerals. Entscheidungen wurden getroffen und zurückgenommen, die Operation begonnen und gestrichen. Ziele wurden bombardiert und zerstört ohne irgendeinen Zweck, abgesehen von der Terrorisierung der zivilen Bevölkerung und des „Hineinbrennens der Lektion ins Bewusstsein“, dass es sich nicht lohnt, Israel zu provozieren.

Hisbollah reagierte durch  Terrorisierung israelischer Städte mit Raketen. Auf beiden Seiten  wuchs die Zahl der Todesfälle und der Zerstörung. Der Süden des Libanon und seine Mitte litten natürlich am meisten.

Als die Hisbollah nicht kapitulierte, wuchs der Druck in Israel, eine Bodenoffensive zu starten. Sie führte beinahe nirgendwohin. Nachdem die UN eine Feuerpause verordnet hatte, entschied die israelische Führung, nach der Fristlinie noch eine letzte Bodenoffensive zu beginnen. 34 israelische Soldaten wurden  für nichts (und wieder nichts) getötet.

Ein großer Teil der Operation wurde von Reservesoldaten durchgeführt, die eilig zusammen gerufen worden waren. Als die Reservisten an ihren Basen ankamen, fanden sie die Notlager leer  – viel wesentliches Material fehlte. Da sie uniformierte Zivilisten waren, beklagten sie sich laut. Klar war, dass das Armeekommando diese Lager jahrelang vernachlässigt hatte. Auch das Training. Viele Reservisten hatten jahrelang  ihre Trainingskurse nicht gemacht.

Als das Schießen schließlich aufhörte, waren die Errungenschaften der israelischen Armee gleich null. Ein paar libanesische Dörfer direkt neben der Grenze  waren  erobert worden und mussten wieder aufgegeben werden.

DIESES MAL konnten die Fehler nicht  zugedeckt werden. Eine zivile Untersuchungs-kommission  wurde gebildet. Sie verurteilte die Führung. Peretz und Halutz mussten zurücktreten, Olmert wurde bald danach der Korruption angeklagt und musste auch zurücktreten.

Vom Gesichtspunkt der israelischen Regierung aus hatte der 2.Libanonkrieg doch einige Errungenschaften gebracht.

Seitdem, bis heute ist die libanesisch-israelische Grenze verhältnismäßig ruhig gewesen. Falls es überhaupt ein erkennbares Kriegsziel gegeben haben sollte, wäre es das Terrorisieren der libanesischen zivilen Bevölkerung durch weitverbreitete Zerstörung und Tötung. Dies wurde tatsächlich erreicht. Hassan Nasrallah, der herausragende Hisbollah-Führer (der nach seinem viel weniger fähigen Vorgänger ernannt worden war, der von der israelischen Armee durch  „gezieltes  Töten“ „eliminiert“ worden war) gab mit  ungewöhnlicher Offenheit  zu , dass er nicht die Aktion der Gefangennahme befohlen hätte, hätte er vorausgesehen, dass  dies in einen Krieg ausarten würde.

Doch während man den drei israelischen Führern bei der TV Reportage zuhörte, war man geschockt von der Inkompetenz aller drei. Sie begannen ohne wirklichen Grund einen Krieg, in dem Hunderte von Israelis und Libanesen getötet und Häuser zerstört worden waren, einen Krieg ohne klaren Plan geführt, Entscheidungen ohne notwendiges Wissen getroffen. Als sie im TV sprachen, zeigten sie sehr wenig Respekt für einander.

Ein Israeli, der diesen Zeugen zuhörte, ist gezwungen, sich selbst zu fragen: ist das so mit all unseren Kriegen – in der Vergangenheit und Zukunft?  Ist das bis jetzt nur durch Zensur und stilles Übereinkommen verdeckt gewesen?

Und die viel größere Frage: Ist dies für die meisten Kriege in der Geschichte wahr gewesen  – vom alten Ägypten und Griechenland bis heute? Wir wissen schon, dass der 1. Weltkrieg mit seinen Millionen Opfern von politischen Dummköpfen entfacht und von militärisch inkompetenten Leuten  geführt wurde.

Ist die Menschheit  für immer zu solchem Leiden verurteilt? Müssen wir Israelis vorwärts auf ein paar andere Kriege schauen, die von derselben Art von Politikern und Generälen geführt werden?

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Ein Albtraum bei Tag und bei Nacht

Erstellt von Gast-Autor am 14. Juni 2015

Ein Albtraum bei Tag und bei Nacht

Autor Uri Avnery BENJAMIN NETANJAHU  scheint jetzt  von jedermann verachtet zu sein. Fast so sehr wie seine Ehefrau Sarah’le die sich  einmischt

Vor sechs Wochen war Netanjahu  der große Sieger. Im Gegensatz zu allen Volksbefragungen erlangte er im letzten Augenblick,  einen überraschenden Sieg 30  von 120 Knesset-Sitzen, und ließ die Laborpartei („Das Zionistische Lager“ genannt) weit hinter sich zurück.

Diese übrigen Sitze kamen nicht von der Linken. Sie kamen von den nächsten Konkurrenten, den Parteien der Rechten.

Trotzdem war es ein großer persönlicher Triumpf. Netanjahu ließ keinen Zweifel daran, dass netanjahu jetzt der Meister der Welt sei. Sarah‘le strahlte. Netanjahu ließ keinen Zweifel daran, dass er nun der Herrscher sei und dass er die Dinge nach seinen Wünschen  regeln würde

In dieser Woche hatte er seine wohl verdiente Strafe. Am allerletzten Tag der ihm zur Verfügung stehenden Zeit, die ihm das Gesetz für eine neue Regierung ließ, war er nahe dran zu verzweifeln.

EIN ALTES hebräische Sprichwort drückt es kurz und bündig so aus: „Wer ist ein Held? Der aus einem Feind einen Freund macht.“

In diesem Sinn ist Netanjahu ein Gegenheld. Er hat ein spezielles Talent, aus Freunden Feinde zu machen. Sarah’le ist darin für ihn eine große Hilfe. Winston Churchill gab einmal einen Rat, dass man in dem Augenblick des Sieges großmütig sein solle. Großmut ist aber keine von Netanjahus herausragenden Tugenden. Er machte klar, dass er, und allein er, jetzt der Herr sei.

Direkt nach der Wahl bestimmte Netanjahu, dass die nächste Regierung eine enge Koalition der Orthodoxen mit den rechtesten Parteien sei, die in der Lage seien, endlich all die Dinge zu tun, die er wirklich zu tun wünsche: diesem Zwei-Staaten-Unsinn ein Ende zu setzen, den Obersten Gerichtshof kastrieren, die Medien mundtot zu machen und vieles mehr.

Alles ging nun hervorragend. Netanjahu  war vom Staatspräsidenten instruiert worden, die nächste Regierung zu bilden, die Koalitionsgespräche gingen reibungslos voran und die Konturen der Koalition wurden klar: Likud, die Ashkenazi-Orthodoxe Torah-Partei, die orientalisch orthodoxe Shas-Partei, Moshe Kahlons neue wirtschaftliche Reformpartei, Naftali Bennetts nationalistisch-religiöse Partei und Avigdor Liebermans Ultrarechte Partei. Alle zusammen eine komfortable 67-zu 120 Sitze-Knesset.

Parteichefs müssen einander nicht lieben, um eine Koalition bilden. Sie müssen sich nicht  einmal mögen. Aber es ist wirklich nicht sehr gemütlich, in einer Regierung  zusammenzusitzen, wenn man einander hasst und sich gegenseitig verachtet.

DER ERSTE, der eine Bombe warf, war Avigdor Lieberman. Lieberman wird nicht für einen  „echten“ Israeli gehalten. Er sieht anders aus, spricht mit einem sehr dicken ausländischen Akzent, seine Gesinnung scheint auf andere Weise zu wirken. Obwohl er seit Jahrzehnten in Israel lebt, wird er noch immer für „einen Russen“ gehalten. Tatsächlich kam er aus Sowjet-Moldavien.

Es gibt eine Redensart, die Stalin zugesprochen wird: Rache serviert man am  besten kalt. An diesem Dienstag, 48 Stunden vor Ende der vom Gesetz festgelegten  Regierungsbildung, warf Lieberman seine Bombe.

Bei der Wahl verlor Lieberman mehr als die Hälfte seiner Sitze an den Likud. Seine Partei schrumpfte auf sechs Sitze zusammen. Trotzdem sicherte ihm Netanjahu zu, dass er seinen Posten als Außenminister behalten könne. Es war eine billige Konzession, da Netanjahu alle bedeutenden entscheidenden auswärtigen Angelegenheiten selbst trifft.

Auf einmal  – ohne Provokation – berief Lieberman  letzten Montag eine Pressekonferenz ein und macht eine plötzliche Ankündigung: Er würde sich der neuen Regierung nicht anschließen.

Warum? Liebermans persönliche Forderungen waren befriedigt worden. Die Vorwände waren offensichtlich künstlich. Z.B. wünscht er, dass „Terroristen “ exekutiert werden müssen, eine Forderung, die entschieden von  allen Sicherheitsdiensten klar widersprochen wird, die (ganz richtig) denken, dass das Verursachen von Märtyrern eine sehr schlechte Idee sei. Lieberman möchte auch junge Orthodoxe, die sich weigern, in der Armee  zu dienen, ins Gefängnis stecken – eine lächerliche Forderung  von einer Regierung erhoben   , in der die orthodoxen Parteien eine zentrale Rolle spielen, und so weiter.

Es war ein klarer und eklatanter Akt von Rache. Offensichtlich hatte Lieberman diese  von Anfang an getroffen, eine Entscheidung, die aber bis zum letzten Augenblick geheim gehalten wurde, bis es für Netanjahu keine Zeit mehr gab, die Zusammenstellung der Regierung zu ändern, z.B. durch das Einladen der Labor-Partei.

Es war tatsächlich wie eine kalt servierte Rache.

OHNE DIE sechs Mitglieder von Liebermans Partei, hat Netanjahu noch immer eine Mehrheit von 61, gerade genug, um die Regierung in der Knesset voranzustehen und  wenigstens ein Vertrauensvotum zu erhalten. Gerade so.

Eine 61 Stimmenregierung ist aber ein anhaltender Alptraum. Ich würde ihn nicht meinem eigenen schlimmsten Feinde wünschen.

In solch einer Situation kann keine Koalitionsmitglied ins Ausland reisen – aus Angst dass die Opposition plötzlich eine Vertrauensbildung fordert. Für  Israelis ist das schlimmer als der Tod. Der einzige Weg nach Paris für ein Koalitionsmitglied ist es, wenn dasjenige mit einem Mitglied der Opposition ein Abkommen trifft, das    sagen wir mal, nach Las Vegas fliegt. Eine Hand wäscht die andere, sagt das Sprichwort.

Aber es ist ein viel schlimmerer Tag-und Nachtalptraum für einen König wie Netanjahu: „in einer 61-Mitgliederkoalition ist „ jeder Bastard ein König“ sagt ein hebräisches Sprichwort. Jedes einzelne Mitglied kann jeden Gesetzentwurf, den die Regierung vorgelegt hat, vernichten und erlauben, viele Oppositionsvorschläge zu gewinnen, wenn es sich selbst von einer wichtigen Abstimmung fern hält.

Jeder Tag wäre  ein Kampftag mit vielen Erpressungen. Netanjahu wäre gezwungen  jeder Marotte jedes Mitgliedes nachzugeben. Selbst in der griechischen Mythologie war eine solche Folter  nie erfunden worden.

DAS  ERSTE Beispiel wurde schon gleich am ersten Tag nachdem  Lieberman seine  Bombe geworfen hatte, gegeben.

Bennett, der das Koalitions-Abkommen  noch nicht unterzeichnet hatte, fand sich selbst in einer Position, in der es keine Netanjahu Regierung ohne ihn gab. Er durchwühlte sein Gehirn, um  seine Situation herauszufinden, ob  nicht noch etwas gäbe, das ihm noch nicht versprochen wurde (und um in dem Prozess  Netanjahu zu demütigen) Er kam mit der Forderung, dass Ayelet Schaked Justizministerin werden solle.

Schaked ist die Schönheitskönigin der neuen Knesset. Trotz ihrer 38 Jahre hatte sie eine mädchenhafte Frische. Sie hat auch einen hübschen Namen: Ayelet bedeutet Gazelle, Schaked bedeutet Mandel.

Ihre Mutter war eine Lehrerein der Linken, aber ihr im Irak geborener Vater war ein rechtes Likud-Mitglied vom Zentral-Komitee. Sie folgt seinen Fußstapfen.

Die mandeläugige Gazelle übertrifft die politischen Aktivitäten, die sich auf Hass gründen, intensiven Hass auf Araber, Linke, Homosexuelle und ausländische Flüchtlinge. Sie ist die Urheberin eines ständigen Stroms extrem rechter Gesetzesentwürfen. Unter ihnen die scheußlichen Gesetzesvorlagen, die besagen, dass der „jüdische Charakter“ Israels vor der Demokratie komme und alle grundlegenden Gesetze ihr untergeordnet sind. Ihre Hetze gegen die hilflosen Flüchtlinge aus dem Sudan und Eriträa, von  wo es ihnen irgendwie gelang, Israel zu erreichen,  ist ein Teil ihrer unermüdlichen Bemühungen. Obgleich sie die Nummer zwei einer religiösen Partei ist, ist sie ganz und gar nicht religiös.

Die Beziehung zwischen ihr und Bennett begann, als beide Angestellte in Netanjahus politischem Amt waren, als er Führer der Opposition war. Irgendwie zogen sich beide den Zorn  von Sarah‘le zu, die nicht vergessen oder nicht vergeben kann. Übrigens  geschah dasselbe Lieberman und ebenso einem früheren Direktor, der ebenso in Netanjahus Amt war

So heute ist Zahltag. Netanjahu quälte Bennett während der Verhandlungen und ließ ihn tagelang schwitzen. Bennett benützte die Gelegenheit, nachdem Lieberman Abschied genommen hatte und eine neue Bedingung stellte, um sich der Koalition anzuschließen: Schaked muss Justizministerin werden.

Netanjahu, nun jeder praktischen Alternative  beraubt, gab der offenen Erpressung nach. Entweder dies anzunehmen oder -das war es dann schon – es war keine Regierung.

Nun hatte die „Gazelle“ die Herrschaft  den Obersten Gerichtshof, den sie verachtet. Sie wird den nächsten Staatsanwalt wählen(der hier in Israel als Juristischer Berater bezeichnet wird) und das Komitee füllen, das die Richter ernennt.  Sie wird auch die Verantwortung für das Komitee der Minister haben, das über die Gesetzesvorlagen entscheidet, die von der Regierung der Knesset vorgelegt werden  – und welche nicht.

Keine viel versprechende Situation für die „einzige Demokratie im Nahen Osten“.

NETANJAHU ist zu erfahren, um nicht zu wissen, dass er á la longue mit solch einer wackeligen Koalition nicht lange regieren kann. Er benötigt  in nächster Zukunft wenigstens noch einen weiteren Partner. Aber wo ihn finden?

Die arabische Partei ist offensichtlich draußen. Auch Merez. So auch Yair Lapids Partei und zwar aus dem einzigen Grund, weil  Orthodoxe  nicht neben ihm in der Regierung sitzen wollen. Also bleibt nur die Labor-Partei (oder das „Zionistische Lager“), übrig.

Offen gesagt, bin ich davon überzeugt, dass Yitzhak Herzog diese gute Gelegenheit ergreifen  wird. Er muss inzwischen wissen, dass er nicht der Volkstribun ist, der seine Partei zur Macht führen wird  Er hat nicht die Statur eines Apollo noch die Stimme eines Netanjahu. Er hat niemals eine originelle Idee vorgetragen, die zu einem erfolgreichen Protest führte.

Außerdem hat sich die Labor-Partei nie durch  Opposition ausgezeichnet. Es war die Partei, die die Partei 45 durch  gehende Jahren an der Macht geführt hat – vor und nach der Staatsgründung. Als Oppositionspartei ist sie pathetisch und so ist auch „Buji“  Herzog.

Sich Netanjahus Regierung in einigen Monaten anzuschließen, wäre  für Herzog ideal  Da gibt es ja nie einen Mangel an Vorwänden – wir haben wenigstens einmal im Monat eine nationale Notlage, die erwartete Nationale Einheit fordert. Ein kleiner Krieg, Probleme mit der UNA u.ä. (Obwohl John Kerry in dieser Woche dem israelischen Fernsehen ein Interview gab, das ein Meisterstück von Erbärmlichkeit, Bauchkraulen und Selbsterniedrigung war ).

Herzog zu bekommen, würde nicht leicht sein. Labor ist kein  monolithischer Block. Viele seiner Funktionäre bewundern Herzog nicht, betrachten Bennett als Faschisten und Netanjahu  als einen gewohnheitsmäßigen Lügner und BEtrüger. Aber die  Allüren einer Regierung sind stark; ein Ministersessel     ist so bequem.

Meine Wette: Netanjahu, der große Überlebende, wird überleben.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Ein Junge namens Bibi

Erstellt von Gast-Autor am 7. Juni 2015

Ein Junge namens Bibi

Autor Uri Avnery

ES GIBT zwei verschiedene Meinungen über Binjamin Netanyahu. Es ist schwer, zu glauben, dass sie die selbe Person betreffen.

Eine ist, dass Netanyahu ein oberflächlicher Politiker, ohne Ideen und ohne Überzeugungen ist, der einzig und allein von seiner Obzession geleitet wird, an der Macht zu bleiben. Dieser Netanyahu hat eine gute Stimme und ein Talent, geschwollene Reden im Fernsehen zu halten, Reden, die jeglichen intellektuellen Inhalts entbehren – und das ist alles.

Dieser Netanyahu ist äußerst erpressbar (ein hebräisches Wort, das fast nur für ihn erfunden wurde), ein Mann, der seine Ansichten ändert, je nach politischem Kalkül abends leugnet, was er morgens gesagt hat. Keinem seiner Worte sollte man vertrauen. Er wird jederzeit lügen und betrügen, um sein Überleben zu sichern.

Der andere Netanyahu ist fast das genaue Gegenteil. Ein prinzipiengetreuer Patriot, ein seriöser Denker, ein Staatsmann, der die Gefahr hinter dem Horizont sieht. Dieser Netanyahu ist ein begabter Redner, der den US-Kongress und das UN-Plenum bewegt, was von der größten Masse der Israelis bewundert wird.

So, welche der Beschreibungen ist nun wahr?

Keine von beiden.

WENN ES wahr ist, dass der Charakter einer Person von seiner frühen Kindheit geprägt wird, müssen wir Netanyahus Herkunft untersuchen, um ihn zu verstehen.

Er wuchs im Schatten eines strengen Vaters auf. Benzion Millikowsky, der seinen ausländischen Namen in den hebräischen Netanyahu geändert hat, war eine sehr dominante und sehr unglückliche Person. In Warschau geboren, damals eine Provinzstadt im russischen Reich, wanderte er als junger Mann nach Palästina aus, studierte Geschichte in der neuen hebräischen Universität in Jerusalem und erwartete, ein Professor dort zu werden. Er wurde nicht angenommen.

Benzion war der Sohn eines früheren Anhängers von Vladimir (Ze’ev) Jabotinsky, dem extrem rechten zionistischen Führer. Er erbte von seinem Vater eine sehr extremistische Einstellung und gab diese an seine drei Söhne weiter. Binyamin war der zweite. Sein älterer Bruder, selbst noch ein Kind, nannte ihn Bibi und die kindische Bezeichnung blieb haften.

Benzions Ablehnung durch die junge Prestige-Universität machte aus ihm einen verbitterten Menschen, eine Verbitterung, die bis zu seinem Tod im Jahr 2012, im Alter von 102, anhielt. Er war sicher, dass seine Ablehnung nichts mit seiner akademischen Qualifikation zu tun hatte und alles mit seiner ultra-nationalistischen Einstellung.

Sein extremer Zionismus hielt ihn nicht davon ab, Palästina zu verlassen und sein akademisches Glück in den Vereinigten Staaten zu suchen, wo eine zweitklassige Universität ihm eine Professur gab. Sein Lebenswerk als Historiker betraf das Schicksal der Juden im mittelalterlichen christlichen Spanien – die Vertreibung und die Inquisition. Das erzeugte in ihm ein sehr düsteres Weltbild: die Überzeugung, dass die Juden immer verfolgt werden, dass alle Goyim (Nicht-Juden) die Juden hassen, dass eine Gerade die Autodafé der spanischen Inquisition mit dem Nazi-Holocaust verbindet.

Während der Jahre pendelte die Netanyahu-Familie zwischen der USA und Israel hin und her. Binyamin wuchs in Amerika auf, lernte perfektes amerikanisches Englisch, was für seine zukünftige Karriere wesentlich war, studierte und wurde Kaufmann. Sein offensichtliches Talent für diesen Beruf zog einen Likud-Außenminister an, der ihn als israelischen Sprecher in die UN sandte.

BENZION NETANYAHU war nicht nur eine verbitterte Person, die das zionistische und israelische akademische Establishment beschuldigte, versagt zu haben, indem sie sein akademisches Format nicht anerkannt haben. Er war auch ein sehr autokratischer Familienmensch.

Die drei Netanyahu-Jungen lebten in ständiger Furcht vor dem Vater. Sie durften keinen Lärm machen zu Hause, während der Große Mann in seinem verschlossenen Arbeitszimmer arbeitete. Sie durften keine anderen Jungen mit nach Hause bringen. Ihre Mutter war ihrem Mann völlig treu ergeben und bediente ihn in jeder Weise, indem sie ihre eigene Persönlichkeit opferte.

In jeder Familie ist das zweite von drei Kindern in einer schwierigen Position. Es wird nicht bewundert, so wie das älteste, noch verhätschelt, wie das jüngste. Für Binyamin war das besonders hart, wegen der Stellung seines älteren Bruders.

Yonatan Netanyahu (beide Namen bedeuten: “Gott hat gegeben”) scheint ein besonders begnadeter Junge gewesen zu sein. Er sah gut aus, war begabt und sehr beliebt, wurde sogar bewundert. In der Armee wurde er Kommandeur der hoch angesehenen Sayeret Matkal (Generalstabs-Kommandoeinheit) – der Elite der Armee-Elite.

Als solcher war er der Kommandeur vor Ort bei dem gewagten Entebbe-Kommando-Einsatz im Jahre 1976 in Uganda, der die gefangenen Passagiere eines Flugzeugs, das von Palästinensern und deutschen Guerillas auf dem Weg nach Israel entführt worden war, befreit hat. Yonatan wurde dabei getötet und zum Nationalhelden. Er wurde von seinem Vater verehrt, der nie wirklich die Qualitäten seines zweiten Sohnes akzeptiert hat.

Zwischen seinem Vater, dem verbitterten Denker, und seinem älteren Bruder, dem legendären Held, wuchs Binyamin als ruhiger, aber sehr ehrgeiziger Junge, teils Israeli, teils Amerikaner, auf. Er arbeitete einige Zeit als Möbelverkäufer, bis er von dem extrem rechten Likud-Außenminister, Moshe Arens, entdeckt wurde.

Zwischen seinem obzessiven Bedürfnis, von seinem Vater anerkannt und als seinem glorreichen Bruder gleichwertig angesehen zu werden, wurde Netanyahus eigener Charakter geschmiedet. Sein Vater schätzte ihn nie. Einmal sagte er, er gäbe einen guten Außenminister, aber keinen Premierminister, ab.

Als Sohn seines Vaters hetzte Netanyahu nach dem Oslo-Abkommen die Menschen gegen Yitzhak Rabin auf und wurde auf dem Balkon des Sprechers bei der Demonstration fotografiert, wo ein symbolischer Sarg von Rabin herumgetragen wurde. Als bald darauf Rabin ermordet wurde, bestritt er jegliche Verantwortung.

Rabins Nachfolger, Shimon Peres, versagte kläglich, und Netanyahu wurde Premierminister. Das war eine totale Katastrophe. Am Abend nach den nächsten Wahlen, als deutlich wurde, dass er verloren hatte, strömten Menschenmassen in einer spontanen Demonstration der Freude, wie die bei der Befreiung von Paris, zu Tel Avivs zentralen Platz (jetzt nach Rabin benannt).

Sein Nachfolger aus der Arbeiterpartei, Ehud Barak, hatte kaum mehr Glück. Als ehemaliger Stabschef, von vielen bewundert, vor allem von sich selbst, zwang er Präsident Bill Clinton, eine israelisch-palästinensische Friedenskonferenz in Camp David einzuberufen. Barak, der palästinensische Standpunkte völlig ignorierte, kam, um seine Konditionen zu diktieren und war schockiert, als sie diese zurückwiesen. Nach Hause zurückgekehrt, erklärte er, die Palästinenser wollten uns ins Meer werfen. Als die Öffentlichkeit das hörte, servierte sie ihn ab und wählte den taffen, extrem-rechten General, Ariel Sharon, den Gründer des Likud.

Netanyahu wurde Finanzminister. Als solcher war er ziemlich erfolgreich. Indem er die neo-liberalen, ultra-kapitalistischen Lehren, die er in den USA absorbiert hatte, praktizierte, machte er den Armen ärmer und den Reichen reicher. Die Armen schienen es zu mögen.

Sharon war der Vater der Siedlungen in der Westbank. Um diese zu stärken, beschloss er, den Gaza-Streifen mit den wenigen Siedlungen aufzugeben, die ein unverhältnismäßiger Klotz am Bein für die Armee waren. Aber sein unilateraler Rückzug aus dem Gaza-Streifen schockierte das rechte Lager. Der ältere Netanyahu nannte diesen Schritt ein „Verbrechen gegen die Menschheit“.

Unduldsam Widerspruch gegenüber, spaltete Sharon den Likud und gründete seine eigene Kadima(“Vorwärts”)-Partei. Erneut wurde Netanyahu der Vorsitzende des Likud.

Wie üblich, hatte er Glück. Sharon erlitt einen Schlaganfall und fiel ins Koma, wovon er sich niemals erholte. Sein Nachfolger, Ehud Olmert, wurde der Korruption angeklagt und musste zurücktreten. Die nächste in der Reihe, Tzipi Livni, war inkompetent und unfähig, eine Regierung zu bilden, obwohl alle Inkredienzen vorhanden waren.

Netanyahu, der Mann, dem die jubelnden Massen nur ein paar Jahre zuvor den Laufpass gegeben hatten, kehrte zurück als Imperator. Wieder jubelten die Massen. Shakespeare hätte es geliebt.

SEITDEM wurde Netanyahu immer wieder gewählt. Die letzte Zeit war ein klarer persönlicher Sieg. Er besiegte all seine Konkurrenten der Rechten.

Also, wer ist dieser Netanyahu? Im Gegensatz zur populären Meinung ist er ein Mensch mit sehr starken Glaubensvorstellungen – den Glaubensvorstellungen seines extrem-rechten Vaters. Die ganze Welt trachtet danach, uns zu töten, jederzeit. Wir brauchen einen mächtigen Staat, um uns selbst zu verteidigen. Das gesamte Land zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan wurde uns von Gott gegeben (ob Er existiert oder nicht). Alle seine anderen Aussagen sind Lügen, Ausreden, Taktiken.

Als Netanyahu in einer berühmten Rede an der Bar-Ilan-Universität bei Tel Aviv, den Grundsatz der “Zwei-Staaten-Lösung” akzeptierte, konnten, diejenigen, die ihn kannten, nur schmunzeln. Es war so, als hätte er das Essen von Schweinefleisch an Jom Kippur empfohlen.

Er ließ diese Aussage vor den Augen der naiven Amerikaner baumeln und seine Justizministerin, Tzipi Livni, endlose Verhandlungen mit den Palästinensern führen, die er verachtet. Wenn immer es so aussah, als ob die Verhandlungen sich einem Ziel näherten, legte er schnell eine andere Kondition fest, wie zum Beispiel die lächerliche Forderung, dass die Palästinenser Israel als Nationalstaat des jüdischen Volkes anerkennen. Er dächte selbstverständlich nicht im Traum daran, die palästinensischen Gebiete als Nationalstaat des palästinensischen Volkes – ein Volk, dessen Existenz er gänzlich leugnet – anzuerkennen.

Gerade erst kürzlich, am Abend der letzten Wahl, verkündete Netanyahu, dass es keinen palästinensischen Staat geben werde, solange er an der Macht sei. Als die Amerikaner protestierten, verleugnete er sich selbst. Warum nicht? Wie sein Likud-Vorgänger, Yitzhak Shamir, bekanntermaßen sagte: „Für das Vaterland zu lügen, ist erlaubt.“

Netanyahu wird lügen, betrügen, sich selbst verleugnen, unter falscher Flagge agieren – all das, um das eine, sein einzig wahres Ziel zu erreichen, den Fels unserer Existenz (wie er es zu sagen beliebt), das Erbe seines Vaters – einen jüdischen Staat vom Meer bis zum Fluss.

DER ÄRGER ist, dass die Araber in diesem Gebiet bereits eine kleine Mehrheit ausmachen, aber eine, die ständig wächst.

Ein jüdischer und demokratischer Staat im ganzen Land ist unmöglich. Der populäre Witz sagt, dies sei sogar zu viel für Gott. Also ordnet er an, dass wir zwei von drei Attributen wählen müssen: einen jüdischen und demokratischen Staat in einem Teil des Landes, einen jüdischen Staat im ganzen Land, der nicht demokratisch ist, oder einen demokratischen Staat im ganzen Land, der nicht jüdisch ist.

Netanyahus Lösung für dieses Problem ist, es zu ignorieren, einfach weiterzumachen, Siedlungen auszudehnen und sich auf das unmittelbare Problem zu konzentrieren: seine vierte Regierung zu errichten und seine fünfte zu planen, in vier Jahren von heute an.

Und natürlich auch, seinem Vater, der aus dem Himmel auf ihn herabsieht, zu zeigen, dass der kleine Bibi, sein zweiter Sohn, letztlich doch seiner wert ist.

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Katzen im Sack

Erstellt von Gast-Autor am 31. Mai 2015

Katzen im Sack

Autor Uri Avnery

ES  IST ein ziemlich ekelhaftes Spektakel.

Die israelische Rechte hat einen riesigen Wahlsieg gewonnen (Bei näherer Prüfung war der Sieg nicht ganz so riesig. Tatsächlich war es überhaupt kein Sieg. Der riesige Sieg des Likud wurde nur auf Kosten anderer rechter Parteien errungen.)

Der Rechte-Block zusammen ist überhaupt nicht vorangekommen. Um eine Mehrheitskoalition zu bilden, ist die Partei von Moshe Kahlon nötig; die Mehrheit seiner Wähler sind mehr links als rechts. Kahlon hätte leicht überzeugt werden können, sich einer linken Koalition anzuschließen, wenn der Führer der Labor-Partei, JItzhak Herzog eine resolutere Persönlichkeit gewesen wäre.

Sei es, wie es sei, Benjamin Netanjahu ist jetzt eifrig dabei, seine Regierung zu bilden.

Hier ist es, wo der Ekel beginnt.

EIN KAMPF geht weiter. Ein Kampf aller gegen alle. Ein Kampf ohne Regeln oder Grenzen.

Jeder will Minister werden. Jeder in Likud und den anderen voraussichtlichen Koalitions-Parteien. Politiker in Hülle und Fülle.

Und nicht nur ein Minister. Die Ministerien sind nicht gleich. Einige sind angesehener andere weniger angesehene. Man kann das besonders wichtige Finanzministerium (das Kahlon schon für sich gesichert hat) nicht mit dem Umweltministerium vergleichen, das von allen und jedem verachtet wird. Noch das Bildungsministerium mit seinen Tausenden von Beschäftigten (Lehrern u.ä.) oder das Ministerium für Gesundheit (mit seinen vielen Ärzten, Krankenpflegern und anderen), mit dem Sportministerium (das kaum Angestellte hat).

Es gibt mehrere Klassen von Ministerien. An der Spitze stehen die drei Großen – das Verteidigungs-, das Finanz- und das Ministerium für Auswärtiges. Das Verteidigungsministerium wird gewöhnlich bewundert („unsere tapferen Soldaten“) und erhält einen riesigen Anteil des Staatsbudgets. Jedermann und seine Frau (wie wir im hebräischen Slang sagen)wünscht, Verteidigungsminister zu werden.

Die Beamten des Verteidigungsministeriums verachten die des Außenamtes – und so tut es das ganze Land. Die Cocktail-Schlürfenden sind keine wirklichen Männer (noch wirkliche Frauen). Doch der Posten des Außenministers ist heiß umworben. Er (oder sie) reist die ganze Zeit herum und vertritt den Staat, wird mit den Größen der Welt fotografiert. Und last not least:  ein Außenminister kann keine Fehler machen. Wenn Beziehungen mit dem Ausland falsch laufen, klagt keiner den Außenminister an. Wenn überhaupt, dann ist es der Ministerpräsident, der angeklagt wird.

AM MORGEN einer Wahl, wenn der Schlachtenstaub sich geklärt hat, werfen Dutzende von Politikern ihre Augen auf die paar Ministerien.

Jeder der führenden Kandidaten der voraussichtlichen Koalitionsparteien beginnt, sehnsuchtsvolle Blicke auf die noch leeren Ministersessel zu werfen. Auf einen der großen Drei? Wenn nicht auf einen der wünschenswerten mittleren Ministerien? Wenn nicht wenigstens auf einen der kleinen? Oder wenigstens vertretender Minister.  Das Wasser läuft ihm im Munde.

Das Problem ist: das israelische Gesetz bestimmt, dass die Regierung nur aus 18 Ministerien bestehen darf. Keine „Minister ohne Portefeuille“. Die Zahl der vertretenden Minister ist auch streng begrenzt.

Wer würde solch ein stupides Gesetz verabschieden? Ich denke, es war Yair Lapid, der in einem Moment der Anmaßung veranlasste, das Gesetz zu verabschieden. Es ist natürlich weitgehend populär. Es spart Geld. Jeder Minister, selbst ohne Portefeuille, ist berechtigt, eine geringe Anzahl von Mitarbeitern, ein Büro, einen Dienstwagen mit Chauffeur zu haben. Verglichen mit dem Preis eines einzelnen Kampfflugzeuges, ist das nichts. Aber für die Allgemeinheit ist es ein Symbol der Verschwendung. Also  haben wir dieses Gesetz.

Wie bringt man 40 ehrgeizige Politiker in 18 Ministerien unter?  Es geht nicht. Entweder man verändert das Gesetz – wie jetzt viele verlangen – oder man weist sehr viele verärgerte Politiker ab – auf eigenes Risiko.

Man kann einige von ihnen mit kleineren Posten beruhigen, als Vorsitzende/r eines Knesset-Komitees oder als Botschafter. Es ist allerdings nicht dasselbe.

ALL DIES ist menschlich, all zu menschlich. Politiker sind Menschen. Wenigstens die meisten.

Warum bin ich also so angewidert?

Vielleicht sollte ich dies erklären.

In mittelalterlichen Zeiten, als eine Armee,  hauptsächlich aus Söldnern bestehend, eine Stadt eroberte, plünderte sie diese. Die Bürger wurden getötet, Frauen vergewaltigt, aber vor allem wurde Besitz gestohlen. In einer modernen, demokratischen Gesellschaft sollten Politiker nicht dasselbe dem Land antun, das sie gewählt hat.

Ein Regierungsministerium ist keine Beute. Stimmt, in den US gab es eine Redensart: „Dem Sieger, die Beute“, und von der Siegerpartei wurde erwartet, dass sie alle Regierungsjobs im Land an ihre Strohmänner verteilt. Aber das war vor langer Zeit – im letzten Jahrhundert.

Ein Minister wird beauftragt, einen bestimmten Teil der Regierungsfunktionen zu übernehmen. Er  oder sie macht bedeutende Entscheidungen, die das Leben der Bürger beeinflusst. Die Öffentlichkeit hat das Recht, zu erwarten, dass alle Regierungsstellen und -Dienste auf die bestmögliche Weise von den qualifiziertesten Leuten durchgeführt werden.

Warum sollte also ein Ministerium – sagen wir das Umweltministerium – von einem politischen Dummkopf geführt werden, der keine Idee von dem hat, was  ihm oder ihr anvertraut wird?  Oder noch schlimmer, von einem politischen Schmock, dem alles schnuppe ist, der nur die Zeit ohne eklatantes Missgeschick verbringen will, bis ein besseres Ministerium in seine/ihre Hände fällt.

Aber die Umwelt ist eine sehr wichtige Sache. In ihr geht es um das Leben der Menschen. Gerade jetzt ist ganz Israel empört über den Verdacht, dass die großen chemischen Fabriken in der wunderschönen Bucht von Haifa für die vielen Krebsfälle unter den dort heimischen Kindern verantwortlich sind. Und der Minister? Ich weiß nicht einmal, wer dies ist.

ICH ERINNERE mich an ein krasses Beispiel.

Als 1990, Ehud Barak, der Führer der Labor-Partei, einen überwältigenden Wahlsieg über Benjamin Netanjahu errungen hatte, und er seine Ministerliste veröffentlichte, war es ein Schock.

Was wie ein sadistischer Streich aussah: Barack ernannte all die falschen Leute für die falschen Jobs. Der freundliche Professor für Geschichte Shlomo Ben Ami wurde Minister der Polizei, wo er elendiglich scheiterte. Yossi Beilin, der sich als bedeutender Staatsmann betrachtete, wurde ins Justizministerium geschickt, usw.

Nun mag etwas Ähnliches geschehen. Likuds Moshe Yaalon, gewöhnlich als „Bock“ angesehen wird im Amt bleiben. Keine regierende Partei wird jemals das Verteidigungsministerium aufgeben.

Die Wahl von Kahlon als Finanzminister könnte vernünftig sein – aber dies wird Netanjahu aufgenötigt, da er ohne Kahlon keine Regierung hat.

Avigdor Lieberman scheint ein „Kushan“ auf das Außenministerium zu haben, (ein Kusham war ein Zertifikat für Besitz in den guten alten Tagen des Ottomanischen Reiches) Nachdem er von seinen Wählern bei der Wahl vernichtend geschlagen wurde (seine Partei verlor die meisten ihrer Sitze) bestand Netanjahu darauf, dass er in seinem Job bleibt, in dem er eine Katastrophe war. Viele Außenminister in aller Welt weigern sich, ihn zu treffen, indem sie ihn als Beinah-Faschisten ansehen. Er war stolz auf seine Freundschaft mit Vladimir Putin, aber jetzt, wo Russland versprach, seine unübertroffenen Boden-Luft- Raketen an den Iran zu liefern, setzte dies Netanjahus Träumen, Irans nukleare Orte zu bombardieren, ein Ende.

Dies lässt für Naftali Bennet, den extrem-rechten „natürlichen Verbündeten“ von Netanjahu, nichts übrig, und in diesem Moment sind die Koalitions-Erbauer eifrig dabei, das Wirtschaftsministerium zu erweitern, um ihn damit zu trösten. Mehrere Funktionen müssen zusammengescharrt werden,  egal, ob dies nützlich ist oder nicht.

Ist das gut? Eine effiziente Regierung? Nun …

DIE WURZEL der Malaise ist die Verbindung von zwei sehr verschiedenen Talenten in unserm demokratischen  System – und nicht nur in unserem.

In diesem System werden Politiker Minister. Das scheint ganz natürlich. Tatsächlich ist es das nicht.

Politiker sind angeblich hoch motiviert, hoch intelligent, hoch begabte Verwalter. Tatsächlich sind sie es nicht.

Im Gegensatz zur landläufigen Weisheit ist Politik ein Beruf. Man sagt, es sei ein Beruf für jene, die keine Talente haben. Aber das stimmt nicht ganz. Politiker benötigen bestimmte Begabungen, aber diese haben nichts mit denen zu tun, die von einem Abteilungsleiter verlangt werden.

Ein Politiker muss in der Lage sein, jahrelang sich endlos leere Reden von Partei-Schreiberlingen anzuhören, an endlos langen Zusammenkünften teilzunehmen, Mitglied endloser Komitees zu sein. Er muss bereit sein, Leuten zu schmeicheln, die er verachtet, an Hochzeiten und Beerdigungen teilzunehmen und bei all diesen Ereignissen totlangweilige Reden zu halten.

Danach, wenn er die Spitze erreicht hat, wird er auf einmal aufgefordert, das Gesundheitsministerium zu leiten – ohne irgendwelche Qualifikation auf diesem Gebiet. Hier ist es, wo der sprichwörtliche Hund begraben liegt.

In Großbritannien hat man eine Lösung gefunden: Das Ministerium wird tatsächlich von  Berufsbeamten geführt. Der Minister, der oft ein Objekt  stiller Belustigung ist, hat nur mit dem Beschaffen der Geldmittel zu tun. Man sehe sich nur die lustige TV-Serie „Ja, Minister!“ an.

Ein ganz anderes System herrscht in den US. Die Menschen wählen einen Präsidenten, und er allein ernennt die Minister, die häufig überhaupt keine Politiker sind. So kann er Experten mit erwiesenen Fähigkeiten ernennen.

In Israel kombinieren wir das schlechteste aller Systeme. Alle Minister sind Partei-Politiker. Sie bringen ihre Strohmänner mit, die die Hauptpositionen in den Ministerien  besetzen.

Eine Folge dieses Systems ist, dass verschiedene Ministerien verschiedenen Parteien angehören. Das macht ein gemeinsames Planen fast unmöglich – abgesehen von der Tatsache, dass Israelis im Allgemeinen nicht in der Lage sind, etwas zu planen. Tatsächlich sind wir sehr stolz auf unsere Fähigkeit zu „improvisieren“.

Als er noch  Minister für Landwirtschaft war, erzählte mir Ariel Sharon einmal: „ Wenn ich wünsche, etwas zu tun, für das ich nur mein eigenes Ministerium benötige, kann ich es tun.  Wenn ich etwas tun will, das die Zusammenarbeit mehrerer Ministerien braucht, kann ich es nicht tun.“

WENN MAN einen Sack mit Katzen füllt, wird man wegen Tierquälerei angeklagt.

Aber was ist das, verglichen mit 18 Ministerien voller Politiker?

(dt. Ellen Rohlfs,   vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

„Es gibt noch Richter..“

Erstellt von Gast-Autor am 24. Mai 2015

„Es gibt noch Richter..“

Autor Uri Avnery

IN DIESER Woche erhielt ich eine zweifelhafte Auszeichnung: eine bahnbrechende Beurteilung des Obersten Gerichtshofes ist nach mir genannt worden.Es ist eine Ehre, auf die ich gern verzichtet hätte.

MEIN NAME erschien ganz oben, als erstes auf einer Liste von Antragstellern, Vereinigungen und Einzelpersonen, die das Gericht gebeten haben, ein Gesetz zu streichen, das von der Knesset erlassen worden war.

Israel hat keine schriftliche Verfassung. Diese ungewöhnliche Situation wurde von Beginn des Staates an geschaffen, weil  David Ben Gurion, ein leidenschaftlicher Säkularist, keinen Kompromiss mit den orthodoxen Parteien erreichen konnte, die darauf bestanden, dass die Torah schon eine Verfassung sei.

Anstelle einer Verfassung haben wir also eine Anzahl von Grundgesetzen, die nur einen Teil der Grundlage decken, und eine Menge von Präzedenzfällen des Obersten Gerichtes. Dieses Gericht masste sich langsam das Recht an, Gesetze, die der nicht existenten Verfassung widersprechen, aber von der Knesset verabschiedet wurden, aufzuheben.

BEGINNEN WIR mit der letzten Knesset: rechts extreme Likud-Mitglieder wetteifern in ihren Bemühungen darum, in der einen oder anderen Weise den Obersten Gerichtshof zu kastrieren. Einige würden das Gericht mit Richtern vom rechten Flügel füllen; andere würden seine Gerichtsbarkeit radikal  begrenzen. Dies ist eine Schlacht, die  schon seit Jahren läuft.

Die Dinge spitzten sich zu, als eine Gruppe von  extrem rechten Likud-Mitgliedern damit begann, eine wahre Lawine von Gesetzesentwürfen vom Stapel zu lassen, die ganz klar nicht verfassungsmäßig waren. Eines von ihnen – und das gefährlichste – war ein Gesetz, das Leuten verbot, zu einem Boykott des Staates Israel aufzurufen – und in einer bösen Weise die Worte hinzufügte „ und der Gebiete, die von ihm besetzt sind“.

Dies enthüllte das wirkliche Ziel der Operation. Einige Jahre zuvor hatte unsere  Gush Shalom -Friedensorganisation die Öffentlichkeit dazu aufgerufen, die Waren aus den Siedlungen in den besetzten Gebieten zu boykottieren. Wir veröffentlichten auch auf unsrer Website eine Liste von Produkten. Mehrere andere Friedens-Organisationen schlossen sich der Kampagne an.

Gleichzeitig versuchten wir, die Europäische Union zu überzeugen, Ähnliches zu tun. Israels Abkommen mit der EU, die Israels Waren von Steuern befreit, schließt die Siedlungen nicht ein. Aber die EU pflegte die Augen zu schließen. Wir benötigten eine Menge Zeit und Mühe, um sie wieder zu öffnen. In den letzten Jahren hat die EU diese Waren ausgeschlossen. Sie forderten, dass auf allen Waren „Made in Israel“, der wirkliche Ursprungsort, klar angegeben wird.

Das von der Knesset verabschiedete Gesetz hat nicht nur kriminelle, sondern auch zivile Aspekte. Personen, die zu einem Boykott aufrufen, könnten nicht nur ins Gefängnis gebracht werden. Sie könnten auch dazu verurteilt werden, eine Riesensumme Schadenersatz zu zahlen, ohne dass der Kläger beweisen muss, dass ein tatsächlicher Schaden für ihn durch den Aufruf entstanden worden war.

Auch Vereinigungen, die Regierungs-Hilfsgelder oder andere Regierungshilfen nach dem bestehenden Gesetz erhielten, würden von jetzt an davon benachteiligt sein, was ihre Arbeit für Frieden und soziale Gerechtigkeit noch schwieriger machen würde.

INNERHALB VON Minuten nach der Verabschiedung dieses Gesetzes reichten wir unsere Anträge beim Obersten Gerichtshof ein. Sie waren im Voraus  gut durch die Anwältin Gabi Lasky, einer talentierten jungen Rechtsanwältin und engagierten Friedensaktivistin, vorbereitet worden. Mein Name war der erste auf der Liste der Antragsteller – und so wird der Fall  „Avnery versus. den Staat Israel“ genannt.

Der von Lasky vorbereitete Fall war logisch und vernünftig. Das Recht der Redefreiheit wird in Israel durch ein spezielles Gesetz nicht garantiert, wird  aber von mehreren Grundgesetzen abgeleitet. Ein Boykott ist eine legitime demokratische Aktion. Jeder kann sich entscheiden, ob er etwas kauft oder nicht kauft. Tatsächlich ist Israel voller Boykotts, Geschäfte die z.B. nicht-koschere  Lebensmittel verkaufen, werden routinemäßig von den Religiösen boykottiert, und Poster, die zum Boykott  eines speziellen Ladens aufrufen, sind in religiösen Stadtteilen weit verbreitet.

Das neue Gesetz verbietet Boykotts im Allgemeinen nicht. Es sondert politische Boykotts einer gewissen Art aus. Doch politische Boykotts sind in jeder Demokratie Gemeinplatz. Sie sind ein Teil der Ausübung der Redefreiheit.

Der berühmteste moderne Boykott wurde 1933 von der jüdischen Gemeinde in den USA begonnen, nachdem die Nazis in Deutschland an die Macht kamen. Als Antwort darauf riefen die Nazis zu einem Boykott aller jüdischen Unternehmen in Deutschland auf. Ich entsinne mich noch an das Datum: der 1. April, weil mein Vater mir an diesem Tag nicht erlaubte, zur Schule zu gehen. (Ich war 9 Jahre alt und der einzige jüdische Schüler in meiner Schule.)

Später schlossen sich alle progressiven Länder zu einem Boykott des rassistischen Regimes in Südafrika an. Dieser Boykott spielte eine große (wenn auch nicht entscheidende Rolle) beim Sturz desselben.

Ein Gesetz kann eine Person gewöhnlich nicht zwingen,  eine normale Ware zu kaufen, noch kann es verbieten, sie zu kaufen. Selbst die Gestalter dieses neuen israelischen Gesetzes verstanden dies. Deshalb strafen diese Gesetze niemanden fürs Kaufen oder Nicht-kaufen. Es bestraft jene, die andere dazu aufrufen, vom Kauf Abstand zu nehmen.

So ist das Gesetz ein Angriff auf die Redefreiheit und auf gewaltfreie demokratische Aktionen. Kurz gesagt, es ist grundsätzlich ein anti-demokratisches Gesetz voller Fehler.

DER GERICHTSHOF, der unsern Fall  beurteilte, besteht aus neun Richtern, fast das ganze Oberste Gericht. Solch eine Zusammenstellung ist sehr selten und wird nur dann zusammengerufen, wenn eine schicksalhafte Entscheidung getroffen werden muss.

An der Spitze des Gerichtes stand sein Präsident, Richter Asher Gronis. Das war an sich schon bezeichnend, da Gronis schon das Gericht verlassen hatte und im Januar in den gesetzlichen Ruhestand ging, als er das Alter von 70 Jahren erreichte. Als der Platz leer wurde, war Gronis schon zu alt, um noch Gerichtspräsident zu werden. Nach dem bestehenden israelischen Gesetz, kann ein Richter des Obersten Gerichtes nicht Präsident des Gerichts werden, wenn die Zeit seines Ruhestandes zu nahe ist. Aber der Likud war so eifrig/ dienstbeflissen, ihn als Präsidenten zu haben, dass ein spezielles Gesetz verabschiedet wurde, um ihm zu erlauben,  Präsident zu werden.

Außerdem werden einem Richter, der mit einem Fall beschäftigt gewesen ist, den er vor seiner Pensionierung nicht abgeschlossen hat, weitere drei Monate zugestanden, um seinen Job zu beenden. Es scheint, dass sogar Gronis, der Protégé von Likud, bei dieser besonderen Entscheidung  Bedenken hatte. Er unterzeichnete es buchstäblich im allerletzen Augenblick – um 17 Uhr 30 am letzten Tag, gerade kurz bevor Israel am Holocausttag zu trauern begann.

Seine Unterschrift war entscheidend. Das Gericht war gespalten – 4 zu 4 – zwischen denen, die das Gesetz annullieren und denen, die es aufrecht erhalten wollten. Gronis schloss sich  der pro-Gesetz-Gruppe an, und das Gesetz wurde verabschiedet.  Es ist nun das „Gesetz des Landes“.??

Ein Paragraph des originalen Gesetzes wurde einstimmig gestrichen. Der originale Text sagte, dass jede Person –  d.h. Siedler – die behaupten, dass sie durch den Boykott tatsächlich geschädigt worden seien, unbegrenzten Schadenersatz von jedem beanspruchen können, der zu diesem Boykott aufgerufen hat, ohne beweisen zu müssen, dass sie tatsächlich geschädigt wurden.

Bei der öffentlichen Anhörung in unserm Fall wurden wir von den Richtern gefragt, ob wir damit einverstanden wären, wenn sie die Wörter „die von Israel gehaltenen Gebiete“ streichen würden, das würde den Boykott der Siedlungen unberührt lassen. Wir antworteten, dass wir im Prinzip  darauf bestanden, das ganze Gesetz zu annullieren, würden aber das Streichen dieser Worte begrüßen. Aber beim letzten Urteil wurde dies zuletzt nicht getan.

Dies schafft übrigens eine absurde Situation. Wenn ein Professor der Universität in Ariel – tief in den besetzten Gebieten – behauptet, dass ich dazu aufgerufen hätte, ihn zu boykottieren, kann er mich verklagen. Dann wird mein Anwalt versuchen, zu beweisen, dass mein Aufruf ganz unbeachtet blieb und deshalb auch keinen Schaden verursachte, während der Professor beweisen muss, dass meine Stimme so einflussreich war, dass viele Leute vom Boykott ihm gegenüber veranlasst wurden.

VOR JAHREN, als ich noch  Chefherausgeber von Haolam Hazeh , dem Nachrichtenmagazin, war, entschied ich mich, Aharon Barak als unsern Mann des Jahres zu wählen.

Als ich ihn interviewte, erzählte  er mir, wie sein Leben während des Holocaust gerettet wurde. Er war ein Kind im Kovna- Ghetto, als ein litauischer Bauer sich entschied, ihn heraus-zu schmuggeln. Dieser einfache Mann riskierte sein Leben und das seiner Familie, als er ihn unter einer Ladung Kartoffeln versteckte, um sein Leben zu retten.

In Israel brachte er es als Jurist zu einer hohen Stellung und wurde schließlich der Präsident des Obersten Gerichtshofes. Er führte eine Revolution an, genannt „juristische Aktivität“, indem er u.a. behauptete, dass das Oberste Gericht berechtigt sei, jedes Gesetz zu streichen, das der (ungeschriebenen) israelischen Verfassung widerspricht.

Es ist unmöglich, die Bedeutung dieser Doktrin zu überschätzen. Barak tat für die israelische Demokratie vielleicht mehr als irgendeine andere Person. Seine unmittelbaren Nachfolger – zwei Frauen – befolgten diese Regel. Deshalb war der Likud so eifrig, Gronis  an seine Stelle zu setzen. Gronis’ Doktrin könnte  „juristische Passivität“ genannt werden.

Während meines Interviews mit ihm sagte Barak zu mir: „Sieh, der Oberste Gerichtshof hat keine Legionen, die seine Entscheidungen durchsetzen. Er ist vollkommen abhängig von der Haltung des Volkes. Er kann nicht weiter gehen, als das Volk bereit ist, dies zu akzeptieren!“

Ich erinnere mich ständig an diese Worte. Deshalb war ich nicht sonderlich über das Urteil des Obersten Gerichts in der Boykottsache überrascht.

Das Gericht hatte Angst. Es ist nichts einfacher als das. Und so verständlich.

Der Kampf zwischen dem Obersten Gericht und Likuds extremer Rechten nähert sich einem Scheitelpunkt. Der Likud hat gerade einen entscheidenden Wahlsieg errungen. Seine Führer verstecken ihre Absicht nicht, um endlich ihre finsteren Pläne bezüglich der Unabhängigkeit des Gerichtes in Kraft zu setzen.

Sie wollen den Politikern  ermöglichen, das Ernennungskomitee für die Richter des Obersten Gerichtshofes zu beherrschen und so das Recht des Gerichtes nicht verfassungsmäßige Gesetze, die von der Knesset verabschiedet wurden, zu annullieren.

MENACHEM BEGIN pflegte den Müller von Potsdam zu zitieren, der mit dem König in einen privaten Streit verwickelt war und der ausrief: „Es gibt noch Richter in Berlin!“

Begin sagte: „Es gibt noch Richter in Jerusalem!“

Fragt sich nur, wie lange noch?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Nationale Einheit

Erstellt von Gast-Autor am 17. Mai 2015

Nationale Einheit

Autor Uri Avnery

MEINE ERSTE Reaktion nach den Wahlen war: „Nur keine Einheitsregierung!“

Meinen ersten Artikel nach den Wahlen widmete ich zum großen Teil der Gefahr einer „Nationalen Einheits-Regierung, obwohl die Möglichkeit solch einer Regierung, die sich auf Likud und Labor gründet,  zu dieser Zeit tatsächlich sehr weit weg erschien.

Aber als ich auf die Zahlen schaute, hatte ich einen quälenden Verdacht:  Dies sieht wie etwas aus, das mit einer Likud-Labor-Verbindung enden wird.

Jetzt hat diese Möglichkeit plötzlich ihren Kopf erhoben. Jeder spricht davon.

All meine Gefühle rebellieren gegen diese Möglichkeit. Aber ich schulde es mir selbst und meinen Lesern, diese Option leidenschaftslos zu prüfen. Auch wenn Logik ein seltenes Erzeugnis in der Politik ist, versuchen wir, es auszuprobieren.

IST  EINE „Nationale Einheitsregierung“ für Israel gut oder schlecht?

Schauen wir uns als erstes die Zahlen an.

Um in Israel eine Regierung zu bilden, sind wenigstens 61 Sitze in der 120-Sitze–Knesset nötig. Likud (30) und Labor (24) sind jetzt zusammen 54. Es kann mit großer Sicherheit vermutet werden, dass Benjamin Netanjahu beinahe sicher die historische Verbindung mit den zwei orthodoxen Fraktionen, der ashkenasishen Torah-Partei (6) und der orientalischen Schas-Partei (7) – zusammen  67 – erneuern will.  Das ist genug für eine stabile Regierung.

Netanjahu scheint entschlossen zu sein, auch Moshe Kahlons neue Partei (10) dazu zu nehmen, als eine Art Subunternehmer für die Wirtschaft. Zusammen sind es eindrucksvolle 77 Sitze.

Wer würde außerhalb bleiben? Zunächst die Gemeinsame Arabische Partei (13), dessen neuer Führer Eyman Odeh automatisch den Titel „Leiter der Opposition“ erhält – mit all seinem Prestige und seinen Privilegien – ein erstes Mal für Israel. Kein Araber hat jemals diesen Titel erhalten.

Dann ist da Merez (5), reduziert auf eine kleine linke Stimme.

Und dann sind da noch die zwei extremen rechten Parteien. Die eine von Naftali Bennett (reduziert auf 8) und die noch kleinere von Avigdor Liebermann (jetzt nur noch 6)

Irgendwo dazwischen ist der Star der vorhergehenden Wahlen, Yair Lapid (jetzt reduziert auf 11).

Die anfängliche Aussicht schien, eine sehr rechte Koalition zu werden, die aus Likud, den zwei orthodoxen Parteien, den beiden extrem-rechten Parteien und Kahlon  – zusammen 67 Stimmen – bestehen. (Die Orthodoxen weigern sich, mit Lapid in derselben Regierung zu sitzen).

Dies sind vielleicht mit kleineren Veränderungen – dann die zwei Optionen.

WARUM  ZIEHT Netanjahu  – wie es jetzt scheint – die Nationale Einheitsoption vor?

Zunächst verachtet er seine beiden mit ihm verbundenen Rechten – Bennett und Lieberman. Aber man muss nicht jemanden lieben, um ihn in seine Regierung aufzunehmen.

Ein viel wichtigerer Grund ist die wachsende Furcht vor Israels Isolierung in der Welt.

Netanjahu ist im Augenblick in einen grimmigen Kampf mit Präsident Obama verwickelt. Er ist mit allem, was er hat, gegen den iranischen Deal.  Aber dieser Deal wird auch von der EU, Deutschland, Frankreich, Russland und China unterschrieben. Netanjahu gegen die ganze Welt.

Netanjahu hat keine Illusionen. Da gibt es hunderte von Möglichkeiten für Obama und die EU, Rache an Netanjahu zu nehmen. Israel ist beinahe total abhängig von den US, soweit es die Waffen betrifft. Es benötigt das US-Veto in den UN und US-Subventionen kommen auch gelegen. Die israelische Wirtschaft ist auch sehr vom europäischen Markt abhängig.

In dieser Situation wäre es schön, Isaak Herzog an Bord zu haben. Er ist das letzte Feigenblatt, ein netter liberaler Linker als Außenminister, Sohn eines Präsidenten, Enkel eines irischen Oberrabbiners, manierlich, europäisch aussehend, englisch sprechend. Er würde die Ängste der Außenminister in aller Welt beschwichtigen, die scharfen Ecken Netanjahus entschärfen, diplomatische Krisen verhindern.

Die Labor-Partei in der Regierung würde auch die Flut antidemokratischer Gesetze blockieren, die sich in der letzten Knessetperiode angesammelt hat. Sie würde auch den geplanten Ansturm auf das Oberste Gericht, Israels letzte Bastion gegen die Barbaren, verhindern. Die führende Gruppe der Likud-Extremisten machen aus ihrer Absicht, das Gericht zu kastrieren und die Gesetzesvorlagen, die sie auf Lager haben, zu erlassen, kein Hehl.

Labor könnte auch die Wirtschaftspolitik des Likud – allgemein als „schweinischer Kapitalismus“ bekannt, der die Armen ärmer und die Ultra-Reichen  sogar noch ultra-reicher gemacht hat, mildern. Die Wohnungsbeschaffung könnte wieder erschwinglich werden, der Verfall des Gesundheits- und Bildungssystems könnte angehalten werden.

Die Aussicht, wieder Minister zu werden, lässt bei manchen Labor-Funktionären das Wasser im Munde zusammenlaufen. Einer von ihnen, Eytan Kabel, ein enger Verbündeter von Herzog, hat schon eine Erklärung veröffentlicht, in der er Netanjahus Iranpolitik voll und ganz  unterstützt und  die viele die  Augenbrauen hochziehen ließ.

Die Labor-Partei hat noch keine kritische Stellungnahme zu Netanjahus Standpunkt zum Iran geäußert. Sie kritisiert nur – halb-, wenn nicht gar viertelherzig – die Angriffe  des Ministerpräsidenten gegenüber Obama.

ANDRERSEITS, was ist so falsch an einer Nationalen Einheitsregierung?

Nun, zunächst lässt sie das Land ohne wirksame Opposition.

Um zu funktionieren, benötigt die Demokratie eine Opposition, die eine alternative Politik entwickelt und für die nächsten Wahlen eine Auswahl ermöglicht. Wenn alle größeren Parteien in der Regierung sind, welche alternativen Kräfte und Ideen könnten dann eine notwendige Auswahl anbieten?

Ein Zyniker mag hier bemerken, dass die Laborpartei  eigentlich keine  große Opposition war. Sie hat im letzten Jahr den überflüssigen Gaza-Krieg mit all seinen Grausamkeiten unterstützt. Ihre Verbündete, Zipi Livni, hat die palästinensischen Verhandlungen immer weiter hinausgezögert, ohne dass der Frieden eine Elle näher gekommen ist. Labors Opposition gegenüber der rechten Wirtschaftspolitik war schwach.

Die Wahrheit ist, dass sich die LaborPartei nicht als Opposition eignet. Sie war 44 aufeinander folgende Jahre an der Macht gewesen (von 1933 – !977) zunächst in der zionistischen Organisation und dann im neuen Staat). „Regierend“ zu sein, hat sich  tief ihrer Natur eingeprägt. Selbst unter Likud-Regierungen, war Labor nie eine entschlossene und wirksame Opposition.

Aber für die Linken ist die Hauptopposition gegenüber einer Einheitsregierung genau das, was Netanjahu veranlassen kann, sie einzusetzen: weil sie das große Feigenblatt liefert.

Die Labor-Partei in der Regierung wird jede ausländische Kritik von Netanjahus Politik und Aktionen dämpfen. Israels Linke, die – aus Verzweiflung –  um ausländischen Druck auf Israel bittet, wie einen allumfassenden Boykott (BDS) und pro-palästinensische UN-Resolutionen, wird enttäuscht sein. Um solch eine Kampagne in Bewegung zu bringen, braucht man eine rechts-extreme Regierung in Jerusalem.

Unter dem Nationale-Einheit-Schirm kann Netanjahu fortfahren, die Siedlungen zu erweitern, die palästinensische Autonomie zu sabotieren, endlose Verhandlungen durchzuführen, die aber nirgendwohin führen, ja sogar von Zeit zu Zeit einen  kleinen Krieg führen.

Nach vier solchen Jahren mag die Laborpartei aufhören, eine wirksame Kraft in der israelischen Politik zu sein. Einige könnten denken, dass dies eine gute Sache sei. Mit dieser degenerierten Kraft aus dem Weg, kann eine neue Generation politischer Aktivisten eine Chance haben, die schließlich eine reale Oppositionspartei  schafft.

VIELLEICHT wird die Entscheidung  dazu nicht in Jerusalem oder Tel Aviv  getroffen, sondern in Las Vegas.

Ich habe einen heimlichen Verdacht, dass in Wirklichkeit Netanjahu seine Befehle von Sheldon Adelson erhält.

Adelson besitzt Netanjahu so sehr wie sein Casino in Macao und die US-republikanische Partei. Falls er einen republikanischen Präsidenten installieren will, um das Weiße Haus zu seinem Bestand von anderen Aktiva hinzuzufügen, muss er die Spaltung zwischen der Obama-Regierung und der israelischen Regierung vertiefen. Dies könnte die US-amerikanischen-Juden veranlassen, in Scharen zum republikanischen Banner zu strömen.

Wenn dieser Verdacht wahr wird, wird Netanyahu die Labor-Partei nicht wirklich umwerben, sondern sie nur als Trick benützen, um den Preis seiner voraussichtlich extrem rechten Partner zu drücken.

ZWEI JUDEN sind auf einer Kreuzfahrt.

Mitten in der Nacht weckt einer den anderen. „Schnell, steh auf! Das Schiff sinkt.“

Der andere gähnt nur. „Was kümmerst du dich darum?  Ist es dein Schiff?“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Wer fürchtet sich vor der bösen-Bombe?

Erstellt von Gast-Autor am 10. Mai 2015

Wer fürchtet sich vor der bösen-Bombe?

Autor Uri Avnery

ICH MUSS mit einem schockierenden Bekenntnis beginnen: ich habe keine Angst vor der iranischen Atombombe.

Ich weiß, das macht mich zu einem anormalen Menschen, fast zu einem Monster.

Aber was kann ich tun? Ich bin nicht in der Lage, Furcht aufzubringen wie ein echter Israeli. Würde ich es noch so sehr versuchen, so würde mich die iranische Atombombe doch nicht hysterisch machen.

MEIN VATER  lehrte mich einst, Erpressungen zu widerstehen: Stell dir vor, die schreckliche Bedrohung des Erpressers ist schon geschehen. Dann kannst du ihm sagen: Zur Hölle mit dir!

Ich habe viele Male versucht, diesem Rat zu folgen und  fand ihn gut. Also wende ich ihn jetzt gegen die iranische Bombe an: ich bilde mir ein, dass das Schlimmste schon geschehen ist: die schrecklichen Ayatollahs haben die Bombe, die das kleine Israel in einer Minute auslöschen kann.

Na und?

Nach ausländischen Experten hat Israel zwischen 80 und 400 Atombomben. Wenn der Iran seine Bomben schickt und den größten Teil Israels (auch mich) vernichtet, werden Israels Atombomben den Iran zerstören. Was auch immer ich über Benjamin Netanjahu denke, ich verlasse mich auf ihn und auf unsere Sicherheitschefs, dass sie unser  „Zweitschlag“-Vermögen intakt halten. Erst letzte Woche wurden wir informiert, dass Deutschland unserer Marine noch ein U-Boot nach dem neuesten Stand der Technik für unsern Zweck geliefert hat.

Israels Idioten – und da gibt es einige – antworten: „Ja, aber die iranischen Führer sind keine normalen Leute. Sie sind verrückt. Religiöse Fanatiker. Sie riskieren die totale Zerstörung des Iran, nur, um den zionistischen Staat zu zerstören. So wie man beim Schachspiel die Königinnen austauscht“.

Solche Überzeugungen sind die Folge von jahrzehntelanger Dämonisierung. Die Iraner – oder mindestens ihre Führer werden als unmenschliche Schurken angesehen.

Die Wirklichkeit zeigt uns, dass die Führer des Iran sehr nüchtern denkende Politiker sind. Vorsichtige Kaufleute im Stil des iranischen Basar. Sie nehmen keine unnötigen Risiken auf sich. Der revolutionäre Eifer der frühen Khomeini-Tage ist seit langer Zeit  vorbei, und selbst Khomeini hätte nicht geträumt, so etwas wie einen nationalen Suizid zu begehen.

NACH DER Bibel erlaubte der große persische König Cyrus den gefangenen Juden in Babylon nach Jerusalem zurück zu kehren und ihren Tempel wieder aufzubauen. In jener Zeit war Persien schon eine alte Zivilisation – kulturell und politisch.

Nach der „Rückkehr von Babylon“ lebte das jüdische Reich um Jerusalem 200 Jahre unter persischer Herrschaft. In der  Schule wurde uns beigebracht, dass diese Zeit für die Juden eine glückliche Zeit war.

Seitdem ist die persische Kultur und Geschichte weitere  2500  Jahre älter geworden. Die persische Zivilisation ist eine der ältesten in der Welt. Sie hat eine großartige Religion (Zarathustra) geschaffen und viele andere beeinflusst, auch das Judentum. Die Iraner sind sehr stolz auf diese Zivilisation.

Kann man sich vorstellen, dass die gegenwärtigen Führer des Iran nur daran denken, die Existenz von Persien aufs Spiel zu setzen, allein aus purem Hass auf Israel, ist lächerlich und größenwahnsinng.

Außerdem sind während der ganzen Geschichte die Beziehungen zwischen Juden und Persern fast immer ausgezeichnet gewesen. Als Israel gegründet wurde, wurde der Iran als natürlicher Verbündeter betrachtet, als ein Teil von David Ben Gurions „Strategie der Peripherie“ – eine Verbindung aller Länder, die die arabische Welt umgaben.

Der Schah, der von den Amerikanern und dem britischen Geheimdienst wieder eingesetzt wurde, war ein sehr enger Verbündeter. Teheran war voll israelischer Geschäftsleute und Militärberater. Es diente als Basis für israelische Agenten, die mit den rebellischen Kurden im nördlichen Irak arbeiteten, die gegen das Regime von Saddam Hussein kämpften.

Nach der islamischen Revolution unterstützte Israel den Iran noch einmal in seinem grausamen acht Jahre andauernden Krieg. Die berüchtigte Iran-Gate-Affäre, in der mein Freund Amiram Nir und Oliver North so eine bedeutende Rolle spielten, wäre  ohne die alten iranisch-israelischen Beziehungen nicht möglich gewesen.

Selbst jetzt führen der Iran und Israel freundliche Schiedsverfahren über ein altes Unternehmen durch: die Eilat-Ashkelon-Öl-Pipeline, die gemeinsam von beiden Ländern gebaut wurde.

Falls das Schlimmste zum Schlimmsten eintreten würde, werden das nukleare Israel und der nukleare Iran in einem Gleichgewicht des Schreckens leben.

In der Tat, sehr unerfreulich.  Aber keine existentielle Bedrohung.

DOCH FÜR jene, die vor den iranischen nuklearen Fähigkeiten in Schrecken leben,  habe ich einen Rat: nützt die Zeit, die wir noch haben!

Nach den amerikanisch-Iranischen Verhandlungen, die gerade im Gang sind, haben wir wenigstens noch 10 Jahre, bis der Iran in die Endphase treten könnte, um die Atombombe zu produzieren.

Bitte, nutzt die Zeit, (carpe diem !) um Frieden zu schließen.

Der iranische Hass gegen das „zionistische Regime“ – den Staat Israel – hängt mit dem Schicksal des palästinensischen Volkes zusammen. Das Gefühl der Solidarität für die hilflosen Palästinenser ist in allen islamischen Völkern tief verwurzelt. Es ist ein Teil der populären Kultur in ihnen allen. Sie ist ganz real, auch wenn die politischen Regime diese missbrauchen, manipulieren oder auch ignorieren.

Da es keinen Grund für einen spezifischen iranischen Hass gegen Israel gibt, gründet sich dieser nur auf dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Kein Konflikt -keine Feindschaft .

Die Logik sagt uns, wenn wir mehrere Jahre haben, bevor wir im Schatten einer iranischen Bombe leben müssen, lasst uns die übrige Zeit nutzen, um den Konflikt zu eliminieren. Wenn die Palästinenser selbst einmal erklären, dass sie den historischen Konflikt mit Israel als erledigt ansehen, wird keine iranische Führung in der Lage sein, ihr Volk gegen uns zu erheben.

SEIT MEHREREN Wochen rühmt sich Netanjahu tatsächlich einer riesigen historischen Errungenschaft.

Es ist das erste Mal, dass Israel praktisch Teil einer arabischen Allianz ist.

In der ganzen Region wütet der Konflikt zwischen muslimischen Sunniten und muslimischen Schiiten. Das schiitische Lager, vom Iran angeführt, schließt die Schiiten im Irak, die Hisbollah im Libanon und die Huthis im Jemen ein (Netanjahu schließt aus Ignoranz oder Propagandagründen die Hamas, die Sunniten sind, in seinem Lager mit ein.)

Das entgegengesetzte sunnitische Lager schließt Saudi-Arabien, Ägypten und die Golfstaaten ein. Netanjahu deutet darauf hin, dass Israel jetzt im Geheimen von ihnen als Mitglied akzeptiert worden ist.

Es ist ein sehr verworrenes Bild. Der Iran kämpft gegen den „Islamischen Staat“ in Syrien und im Irak, der ein Todfeind Israels ist. Der Iran unterstützt das Assad Regime in Damaskus, das auch von der Hisbollah unterstützt wird, die gegen den „Islamischen Staat“ kämpft, während die Saudis andere extreme sunnitische Syrer unterstützen, die gegen Assad und den „Islamischen Staat“ kämpfen. Die Türkei unterstützt den Iran und die Saudis, während die Saudis gegen Assad kämpfen und so weiter…

Ich bin von arabischen militärischen Diktatoren und korrupten Monarchien nicht entzückt. Ehrlich gesagt, verachte ich sie; aber wenn es Israel gelingt, ein offizieller Teil der arabischen Koalition zu werden, wäre es ein historischer Durchbruch, der erste in 130 Jahren des zionistisch-arabischen Konfliktes.

Doch alle israelischen Beziehungen mit arabischen Ländern sind geheim, außer jenen mit Ägypten und Jordanien, und selbst diese beiden sind  nur kalte und  distanzierte Beziehungen –  eher zwischen den Regimen -doch nicht zwischen den Völkern.

Befassen wir uns mit den Fakten: kein arabischer Staat will mit Israel eine offene und enge Kooperation eingehen, bevor nicht der israelisch-palästinensische Konflikt beendet ist. Selbst Könige und Diktatoren können sich das nicht leisten. Die Solidarität ihrer Völker mit den unterdrückten Palästinensern ist zu tief.

Wirklicher Friede mit den arabischen Ländern ist unmöglich ohne Frieden mit dem palästinensischen Volk, wie Frieden mit dem palästinensischen Volk unmöglich ohne Frieden mit den arabischen Ländern ist.

Wenn es jetzt eine Chance gibt, einen offiziellen Frieden mit Saudi-Arabien und den Golfstaaten zu schließen und den kalten Frieden mit Ägypten in einen wirklichen zu verwandeln, dann sollte Netanjahu  sich darauf stürzen. Die Bedingungen für ein Abkommen liegen bereits (seit 2002) auf dem Tisch: der Saudi-Friedensplan, auch der Arabische Friedensplan genannt, der vor vielen Jahren von der Arabischen Liga adoptiert wurde. Er gründet sich auf die Zwei-Staatenlösung des israelisch-arabischen Konfliktes.

Netanjahu könnte sich vor der ganzen Welt rühmen, dass er es wie „De Gaulle mit Algerien macht – Frieden  mit der sunnitisch-arabischen Welt, was die Schiiten zwingen würde, es den andern gleich zu tun.

Glaube ich das? Nein. Aber wenn Gott es will, kann sogar ein Besenstiel schießen.

Und am Tag des jüdischen Passah-Festes, an dem  Juden an den Auszug aus Ägypten denken, erinnern wir uns selbst daran, dass Wunder tatsächlich geschehen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die israelische Rettungsfront

Erstellt von Gast-Autor am 3. Mai 2015

Die israelische Rettungsfront

DIE WAHL von 2015 war ein riesiger Schritt in Richtung der Selbstzerstörung Israels.Die entscheidende Mehrheit hat für einen Apartheid-Staat zwischen dem Mittelmeer und dem Jordanfluss gestimmt, in dem die Demokratie langsam verschwinden wird.

Die Entscheidung ist noch nicht endgültig. Die israelische Demokratie hat eine Schlacht verloren, den Krieg  hat sie noch nicht verloren.

Wenn sie nicht die Lehre daraus zieht, wird sie auch den Krieg verlieren.

Alle Rechtfertigungen und Alibis der israelischen Linken sind nutzlos.  Es ist das Endresultat, das zählt.

Das Land ist in existentieller Gefahr. Nicht von außen, sondern von innen.

Eine Rettungsfront ist jetzt nötig.

Wir haben kein anderes Land.

ALS ERSTES muss das ganze Mass  der Katastrophe anerkannt und die volle Verantwortung übernommen werden.

Die Führer, die verloren haben, müssen gehen. Im Kampf um das Leben des Staates gibt es keine zweite Chance.

Der Kampf zwischen Isaak Herzog und Benjamin Netanjahu war ein Wettkampf zwischen einem Leichtgewichtler und einem Schwergewichtler.

Die Idee einer National Union-Regierung muss zurückgewiesen und entschieden verurteilt werden. In solch einer Regierung würde die Labor-Partei wieder die elende Rolle als Feigenblatt für die Besatzungs- und Unterdrückungspolitik spielen.

Jetzt ist eine neue Generation von Führern nötig, jung, energisch und originell.

DIE WAHL deckte ohne Mitleid die tiefe Kluft zwischen den verschiedenen Sektoren der israelischen Gesellschaft auf: Den Orientalen, den Ashkenazim, den Arabern, den„Russen“, den Orthodoxen, den Religiösen u.a.

Die Rettungsfront muss alle Sektoren umfassen.

Jeder Sektor hat seine eigene Kultur, seine eigenen Traditionen, seinen eigenen Glauben. Alle müssen gegenseitig respektiert werden. Gegenseitiger Respekt ist die Grundlage der israelischen Partnerschaft.

Die Gründung der Rettungsfront braucht eine neue authentische Führung, die aus allen Sektoren kommt.

Der Staat Israel gehört allen seinen Bürgern. Kein Sektor hat ein exklusives Besitzrecht auf den Staat.

Die riesige und wachsende Kluft zwischen den  Superreichen und den Bettelarmen, die  weithin der großen Ausdehnung der Kluft zwischen ethnischen Gemeinschaften entspricht, ist eine Katatastrophe für sie alle.

Die Rettung des Staates muss sich auf die Rückkehr zur Gleichheit gründen als einem grundlegenden Wert. Eine Realität, in der hunderttausende Kinder unter der Armutsgrenze leben, ist unerträglich.

Das Einkommen der oberen 0.01%, das  bis in den Himmel reicht, muss auf ein vernünftiges Maß gebracht werden. Das Einkommen der untersten 10% muss auf ein menschliches Maß gehoben werden.

DIE FAST totale Trennung zwischen den jüdischen und den arabischen Teilen der israelischen Gesellschaft ist für die israelische Gesellschaft und für den Staat eine Katastrophe.

Die Rettungsfront muss sich auf beide Völker gründen. Die Trennung zwischen ihnen muss eliminiert werden, um beider Seiten willen.

Leere Phrasen über die Gleichheit und Brüderlichkeit sind nicht genug. Es fehlt ihnen die Glaubwürdigkeit.

Es muss zu einer ernsthaften Verbindung zwischen den demokratischen Kräften beider Seiten kommen, nicht nur in Worten, sondern in aktuell täglicher Kooperation auf allen Gebieten.

Diese Kooperation muss ihren Ausdruck im Rahmen politischer Partnerschaft, im gemeinsamen Kampf und bei regelmäßigen gemeinsamen Treffen auf allen Gebieten finden, die sich auf der Achtung vor der Einzigartigkeit jedes Partners gründet.

Nur ein permanenter gemeinsamer Kampf kann die israelische Demokratie und den Staat selbst retten.

DER HISTORISCHE Konflikt zwischen der zionistischen Bewegung und der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung bedroht jetzt beide Völker.

Das Land zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan ist die Heimat von zwei Völkern. Kein Krieg, keine Unterdrückung und kein Aufstand wird diese Grundtatsache ändern.

Falls dieser Konflikt sich ohne Ende fortsetzt, wird er die Existenz beider Völker gefährden.

Die einzige Lösung war und ist die Koexistenz zweier souveräner Staaten: ein freier und unabhängiger Staat Palästina Seite an Seite mit dem Staat Israel.

Die Zwei-Staatenlösung ist kein Rezept für Trennung und  Scheidung. Im Gegenteil, es ist ein Rezept der engen Ko-Existenz.

Die Grenzen von 1967 mit Landaustausch im gegenseitigen Einverständnis sind die Grundlage für Frieden.

Die Ko-Existenz der beiden Staaten in der gemeinsamen Heimat benötigt einen Rahmen für Partnerschaft auf höchster Ebene als auch offene Grenzen für die Bewegung von Menschen und Waren. Es sind  auch solide Sicherheitsmaßnahmen um beider Völker willen notwendig.

Jerusalem – offen und vereinigt – muss die Hauptstadt beider Staaten werden.

Die schmerzliche Tragödie der palästinensischen Flüchtlinge muss eine gerechte Lösung im gegenseitigen Einverständnis finden. Die Lösung wird die Rückkehr in den palästinensischen Staat einschließen, eine begrenzte symbolische Rückkehr nach Israel und die Zahlung von großzügigen Kompensationen durch internationale Fonds an alle.

Israel und Palästina sollen zusammenarbeiten, um eine Rückgabe von jüdischem Eigentum in arabischen Ländern oder die Zahlung großzügiger Entschädigung zu erreichen.

Der Staat Palästina wird seine Verbundenheit mit der arabischen Welt behalten. Der Staat Israel wird seine Verbundenheit mit dem jüdischen Volk in aller Welt behalten. Jeder der beiden Staaten wird die alleinige Verantwortung für seine Einwanderungspolitik haben.

Das Problem der jüdischen Siedler in Palästina wird seine Lösung im Rahmen der miteinander abgestimmten Grenzveränderungen finden; die Einbeziehung einiger Siedlungen in den palästinensischen Staat mit dem Einverständnis der palästinensischen Regierung und der Umsiedlung vom Rest der Siedler in Israel.

Beide Staaten sollen bei der Schaffung einer demokratisch regionalen Partnerschaft zusammen arbeiten, und zwar im Geiste des Arabischen Frühlings, während sie der Anarchie, dem Terrorismus und religiösem und nationalistischem Fanatismus in der Region widerstehen.

Die Massen der Israelis und Palästinenser werden nicht an die Chancen des Friedens und der Ko-Existenz glauben, wenn es nicht schon jetzt zu einer realen und  offenen Partnerschaft zwischen dem Friedenslager beider Völker kommt.

Um solch eine Partnerschaft zwischen Organisationen und  Individuen  auf beiden Seiten zu schaffen, muss jetzt damit begonnen werden, gemeinsame politische Aktionen durchzuführen, wie regelmäßige Konsultationen und gemeinsames Planen auf allen Ebenen und auf allen Gebieten.

DER JÜDISCHE Charakter des Staates Israel findet seinen Ausdruck in seiner Kultur und seiner Verbundenheit mit den Juden in aller Welt, aber nicht in seinem inneren Regierungssystem. Alle Bürger und alle Sektoren müssen gleich sein.

Die demokratischen Kräfte innerhalb der jüdischen und der arabischen Öffentlichkeit müssen sich die Hände reichen und bei ihren täglichen Aktionen zusammen arbeiten.

Internationaler Druck wird Israel nicht vor sich selbst retten. Die Rettungskräfte müssen von innen kommen.

Weltweiter Druck auf Israel kann und muss den demokratischen Kräften in Israel beistehen, kann sie aber nicht ersetzen.

DIE GRUNDSÄTZLICHEN Werte ändern sich nicht. Jedoch muss die Art und Weise des Redens über sie, um von der Öffentlichkeit akzeptiert zu werden, geändert werden.

Die alten Slogans wirken nicht mehr. Die Werte müssen neu definiert und in der heutigen Sprache formuliert werden, sie müssen im Einklang mit den Konzepten und der Sprache einer neuen Generation sein.

Die Zwei-Staaten-Lösung wurde nach dem Krieg 1948 von einer kleinen Gruppe von  Pionieren definiert. Seit damals haben sich in der Welt, in der Region und innerhalb der israelischen Gesellschaft große Veränderungen ereignet. Während die Vision selbst als einzige praktische Lösung des historischen Konfliktes bleibt, muss sie in neue Gefäße gegossen werden.

Es gibt keine soziale Botschaft ohne eine politische Botschaft, und es gibt keine politische Botschaft ohne soziale Botschaft.

Politische Einheit ist notwendig und eine einigende Rettungsfront, die alle Kräfte des Friedens, der Demokratie und  der sozialen Gerechtigkeit zusammen bringt.

Wenn die Laborpartei in der Lage ist, sich selbst von Grund auf neu zu erfinden, könnte sie die Basis dieses Lagers begründen. Wenn nicht, muss eine neue politische Partei gebildet werden, deren Kern  die Rettungsfront ist.

Innerhalb dieser Front müssen verschiedene ideologische Kräfte ihren Platz finden und eine fruchtbare interne Debatte führen, während sie einen vereinten politischen Kampf für die Rettung des Staates führt.

Das Regime innerhalb Israels muss sich der vollen Gleichheit zwischen allen jüdischen ethnischen Gemeinschaften und zwischen den beiden Völkern versichern, während die Verbundenheit mit der israelisch-jüdischen Öffentlichkeit mit den Juden in aller Welt und die Verbundenheit der israelisch-arabischen Öffentlichkeit mit der arabischen Welt sicher gestellt wird.

Die Situation, in der die Ressourcen sich in den Händen von nur 1% der Bevölkerung auf Kosten  der andern 99% befinden, muss beendet werden. Eine vernünftige Gleichheit zwischen allen Bürgern, ohne Verbindung zu ihrer ethnischen Herkunft muss überholt werden.

Die orientalisch-jüdische Öffentlichkeit muss zu vollen Partnern im Staat werden, Seite an Seite mit andern Sektoren. Ihre Würde, ihre Kultur, ihr sozialer Status und ihre wirtschaftliche Situation müssen den ihnen gebührenden Platz einnehmen.

Die religiös-säkulare Konfrontation muss bis nach dem Frieden zurückgestellt werden. Der Glaube und die Zeremonien aller Religionen muss respektiert werden, genauso wie die säkulare Weltanschauung.

Die Trennung von Staat und Religion – wie eine zivile Heirat, Massentransporte am Schabbat – kann warten, bis der Existenzkampf entschieden ist.

Der Schutz des juristischen Systems und vor allem des Obersten Gerichtshofes ist eine absolute Pflicht.

Die verschiedenen Assoziationen für Frieden, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit – jede davon führt ihren lobenswerten, unabhängigen Kampf in ihrem gewählten Gebiet – muss die politische Arena betreten und  zusammen eine zentrale Rolle in der  vereinigten Rettungsfront spielen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Der Messias ist nicht gekommen

Erstellt von Gast-Autor am 26. April 2015

Der Messias ist nicht gekommen

Autor Uri Avnery

DER MESSIAS ist nicht gekommen, und Bibi ist nicht gegangen.

Das ist das traurige Ergebnis.

Traurig, aber nicht das Ende der Welt.

Wie eine amerikanische Redewendung es ausdrückt: „Heute ist der erste Tag vom Rest unseres Lebens.“

Ich würde sagen: „Heute ist der erste Tag der Schlacht für die nächsten Wahlen.“

Die Schlacht für die Rettung Israels muss genau jetzt beginnen.

EINIGE LEUTE sagen, dass jetzt die beste Möglichkeit für eine sogenannte Nationale Einheitsregierung sei.

Das sieht wie eine nette Idee aus. Einheit klingt immer gut.

Ich kann ein paar triftige Argumente dafür geben. Die Kombination der beiden großen Parteien schaffen einen Block mit 54 (von 120) Sitzen. Solch eine Koalition benötigt nur eine andere Partei, um eine Mehrheit zu bilden. Da gibt es mehrere Möglichkeiten, angeführt von Moshe Kachlons 10 Sitzen.

Die Befürworter dieser Wahl haben ein gutes Argument: es ist das kleinere Übel. Die einzige andere Möglichkeit ist, eine extreme Regierung der Religiösen  und Extremisten vom rechten Flügel, die nicht nur jeden Schritt in Richtung Frieden verhindert, sondern auch die Siedlungen erweitert, mehr Gesetze erlässt, die die Demokratie abwürgen, und reaktionäre religiöse Gesetze einführen wird.

Es ist ein gutes Argument, aber es sollte sofort zurückgewiesen werden.

Die Einheitsregierung würde von der Rechten beherrscht werden. Bestenfalls würde sie eine Regierung von totaler Unbeweglichkeit sein. Sie würde unfähig und unwillig sein, selbst die geringste Bewegung zu tun, um den historischen Konflikt und die Besatzung zu beenden und Palästina anzuerkennen. Die Siedlungen würden sich in rasender Geschwindigkeit ausdehnen. Die Chancen für einen eventuellen Frieden würden weit in die Zukunft geschoben werden.

Sie würde eine Menge Leid verursachen. Die Labor-Partei würde verpflichtet sein, diesen verheerenden Kurs zu rechtfertigen und zu verbrämen, die Obama-Regierung und progressiv jüdische Kräfte in aller Welt entwaffnen. Sie würde ein ungeheuer großes Feigenblatt für Unheil sein.

Sie würde Israel auch ohne eine effektive Opposition lassen. Wenn die Regierungs-Koalition irgendwann auseinanderbricht, würde die Labor-Partei besudelt sein, um eine glaubwürdige Alternative zu bilden. Der anfängliche Erfolg von Itzhak Herzog, die alte Partei aus ihrem Komazustand  herauszuholen, kann kein zweites Mal wiederholt werden. Labor würde eine erschöpfte Kraft sein, würde nur noch dahin vegetieren.

Glücklicherweise starb für die Laborpartei diese Möglichkeit fast sofort nach den Wahlen. Netanjahu erschlug sie mit einem Streich.

ÜBRIGENS  ein seltsamer Nebeneffekt einer Nationalen Einheitsregierung würde sein, dass der Führer der (arabischen) Gemeinsamen Liste, Ayman Odeh, der Führer der Opposition, werden würde.

Nach dem Gesetz wird  dieser Titel automatisch dem Führer der größten Oppositionspartei verliehen. Er gewährt seinem Inhaber viele der Privilegien eines Kabinett-Ministers. Der Ministerpräsident ist verpflichtet, sich mit ihm regelmäßig zu beraten und Regierungsgeheimnisse mit ihm zu teilen.

Aber selbst, wenn es keine Einheitsregierung geben sollte und Herzog  der Führer der Opposition würde, ist die veränderte Situation der Araber in der Knesset ein außerordentliches Ergebnis der Wahl.

Es liegt eine gewisse Komik darin: es war Avigdor Lieberman, der fast pathologische Araberhasser, der die Knesset dazu verleitete die Prozenthürde  auf 3,25%  zu erhöhen. Die Absicht war, die drei kleinen arabischen Parteien(einschließlich der kommunistischen, die auch ein paar jüdische Wähler hatte) zu eliminieren. Diese reagierten so, indem sie ihre gegenseitigen Unstimmigkeiten und Feindseligkeiten überwandten und die Gemeinsame Liste bildeten. Liebermann hatte große Schwierigkeiten, seine eigene Minoritätsklausel zu überwinden, und Ely Yishais Partei, die die Erben des faschistischen Meir Kahane einschließt, wurde – Gott sei Dank –  außerhalb der Knesset gelassen.

Man muss hoffen, dass die Gemeinsame Liste nicht auseinanderbricht. Odeh repräsentiert eine neue Generation der arabischen Bürger, die sehr viel bereiter ist, sich in die israelische Gesellschaft zu integrieren. Vielleicht werden das nächste Mal die alten Tabus endlich verschwinden und die arabischen Bürger ein wirklicher Teil des israelischen politischen Lebens werden. Dieses Mal wagte die Labor-Partei noch nicht, sie als vollwertiges Mitglied einer linken Koalition anzuerkennen.

ICH MAG nicht sagen „ich sagte es euch ja“. Es macht einen nicht populärer. Dieses Mal kann ich es aber nicht vermeiden, weil hier eine Lektion gelernt werden muss.

Zu Beginn des Wahlkampfes schrieb ich zwei Artikel in Haaretz, in denen ich vorschlug, dass  der anfängliche Schwung, der durch die Herzog-Livni-Vereinigung entstanden war, durch eine viel größere Einheitsliste, die auch das „Zionistische Lager“ (Labor), Meretz, Lapids Yesh Atid (‚Es gibt eine Zukunft‘) und, wenn möglich, sogar Moshe Kachlons neue Partei einschloss, fortgesetzt und intensiviert werden sollte .

Die Antwort? Nichts dergleichen. Keine der Parteien nahmen offiziell davon Kenntnis.

Die Idee war, dass solch eine vereinigte Front  eine unaufhaltsame Eigendynamik  entwickeln und Wähler anziehen würde , die sonst für keine  dieser Parteien  stimmen (oder gar nicht wählen) würden. Zusammen mit der „Gemeinsamen arabischen Liste“, würden sie eine blockierende Kraft  geschaffen haben, die ein Comeback des Likud unmöglich gemacht hätte.

Ich fügte hinzu, dass, wenn der Vorschlag nicht akzeptiert würde, alle beteiligten Parteien es bereuen würden. Es tut mir sehr leid, dass ich anscheinend recht hatte.

AM MORGEN nach der Wahl trat die Meretz-Führerin Sehava Galon zurück. Es war ehrenhaft, dies zu tun.

Meretz überwand kaum die Schwellen-Klausel und schrumpfte auf vier Sitze zusammen, obwohl viele Wähler (einschließlich meiner selbst) sich an der Rallye im letzten Augenblick beteiligten.

Die Partei hat an einer langen Reihe von glanzlosen Führern gelitten. Doch ihr Unbehagen geht viel tiefer. Es ist existentiell.

Von Anfang an war Meretz  eine Partei der ashkenasishen intellektuellen Elite. Sie sagt das Richtige. Aber sie reagierte gegenüber den Massen der orientalischen Gemeinschaft mit Ressentiments, von den Religiösen gehasst, von den russischen Immigranten weggestoßen. Sie lebt auf einer einsamen Insel, und ihre Mitglieder machen den Eindruck, unter sich selbst ganz glücklich zu sein, ohne all den Pöbel.

Sehava Galon ist eine gute Person, ehrlich und wohlmeinend, und ihr Verzicht nach den ersten Wahlergebnissen ehrt sie. Es scheint, dass Meretz auf 4 Sitze geschrumpft ist.  Aber die Partei ist langweilig geworden. Nichts Neues seit langer, langer Zeit. Ihre Botschaft ist richtig, aber uninteressant.

Meretz braucht einen Führer – eine inspirierende Persönlichkeit, die Begeisterung weckt. Aber vor allem benötigt sie eine neue Einstellung – eine, die erlaubt, aus ihrem Panzer herauszukommen und die ihre Wähler aktiv anzieht, die ihr jetzt aus dem Weg gehen. Sie muss hart arbeiten, um die Orientalen, Russen, Araber und selbst die moderaten Religiösen  anzusprechen.

ABER  IST es fair, dies nur von Meretz zu verlangen? Es gilt für den ganzen sozialen und liberalen Teil Israels, für das Friedenslager und das Lager für soziale Gerechtigkeit.

Die Wahlergebnisse haben gezeigt, dass die düsteren Prophezeiungen über eine entscheidende, unumkehrbare Hinneigung Israels zur Rechten unbegründet sind. Die Trennlinie geht durch die Mitte und kann verschoben werden.

Das allgemeine Bild hat sich nicht verändert. Der rechte Flügel (Likud, Bennet, Lieberman) hat nur einen einzigen Sitz gewonnen: von 43  auf 44. Das Mitte-Links-Lager (Zionist, Meretz, Lapid)  hat 8 Sitze verloren: von 48 auf 40, aber die meisten von ihnen gingen zu Kachlon, der 10 Sitze gewann. Die Orthodoxen kamen von 17 auf 14 Sitze. Die arabische Liste gewann 2 – von 11 auf 13. Der falsche Eindruck eines riesigen Wandels wurde durch die Meinungsumfragen mit ihrem künstlichen Drama geschaffen.

Aber um dies zu bewirken, muss es eine Bereitschaft geben, wieder von vorne  anzufangen.

Der gegenwärtige Aufbau der israelischen Linken kann das nicht schaffen. Das ist die simple Wahrheit.

Die auffallende Tatsache dieser Wahl ist, dass das Ergebnis genau die demografische Zusammensetzung der israelischen Gesellschaft wiederspiegelt. Der Likud gewann entscheidend innerhalb der orientalisch jüdischen Gemeinschaft, die die  niedrigere soziologisch-wirtschaftliche Bevölkerungsschicht einschließt. Der Likud behält auch seine partielle Stütze in der Ashkenazi-Gemeinschaft.

Das zionistische Lager und Meretz gewann entscheidend innerhalb des wohl situierten Ashkenazi Publikum – dort und nirgendwo sonst.

Die Einstellung der Likudleute gegenüber ihrer Partei ähnelt der Einstellung von Fußballfans zu ihrem Team. Es ist sehr emotional.

Ich war immer davon überzeugt, dass Wahlpropaganda und der ganze Medienklamauk des Wahlkarnevals wenig, wenn überhaupt etwas mit dem Ergebnis zu tun hat. Die demographischen Fakten sind entscheidend.

Die Linke muss sich entsprechend der Realität selbst neu erfinden. Sonst hat sie keine Zukunft.

Falls eine der bestehenden Parteien dies tun kann, wäre es schön. Falls nicht, muss eine neue politische Kraft  gebildet werden. Und zwar jetzt.

Nicht-parteigebundene Organisationen, mit denen Israel überreich ausgestattet ist, können diesen Job nicht tun. Sie können – und tun es –versuchen, viele bestehenden Fehler zu beseitigen. Ihre Aktivisten kämpfen für die Menschenrechte, propagieren gute Ideen, verhindern Missbrauch der Gewalt. Aber sie können nicht die Hauptarbeit tun: die Politik des Staates verändern. Dafür brauchen wir eine politische Partei, eine die die Wahlen gewinnen und eine Regierung bilden kann. Das ist die wichtigste Aufgabe. Ohne dies steuern wir in eine Katastrophe.

Als Erstes müssen unsre Misserfolge klar analysiert und zugegeben werden. Dazu gehört der verhängnisvolle Misserfolg, einen großen Teil der orientalisch-jüdischen Gemeinde zu überzeugen, sogar die zweite und dritte Generation. Dies ist keine gottgewollte Tatsache. Sie muss anerkannt, analysiert und studiert werden. Das kann getan werden.

Dasselbe gilt sogar noch mehr für die Immigranten aus der früheren Sowjetunion. Sie sind der Linken weitgehend entfremdet. Es gibt im heutigen Israel keinen Grund dafür.

Das Tabu, das die jüdische Linke daran hindert, sich mit arabischen politischen Kräften zu vereinigen, muss gebrochen werden. Es ist ein Akt der Selbst-Kastration (auf beiden Seiten) und verurteilt die Linke zur Impotenz.

Es gibt keinen Grund für einen völligen Bruch zwischen der säkularen Linken und  selbst nicht der moderaten religiösen Kräfte. Die provokative anti-religiöse Haltung, die für einige Teile der Mitte und der Linken gilt, ist einfach dumm.

WAS IST also zu tun?

Vor allem muss eine neue Führung ermutigt werden, aufzutauchen. Sehava Galons erstes lobenswertes Beispiel sollte von anderen und von ihr selbst befolgt werden. Wirklich neue Führer müssen kommen, solche, die nicht eine Kopie der alten sind.

Die größte Gefahr ist, dass nach dem ersten Schock, sich alles in alter Weise einpendelt, als ob nichts geschehen wäre.

Ein entschiedener Versuch muss gemacht werden, um genau die Reibungspunkte zwischen der Linken und den entfremdeten Teilen festzustellen. Testgruppen müssen aufgebaut werden, um an die Wurzeln der Entfremdung – bewusst und unbewusst, konkret und emotional –  zu gelangen.

Anmaßende Haltungen müssen abgebaut werden. Kein Sektor hat ein exklusives Recht auf den Staat. Jeder hat ein Recht, gehört zu werden und seine tieferen Gefühle und Hoffnungen auszudrücken. Exklusivität, oft unbewusst, muss durch Einbeziehung ersetzt werden.

Meiner Meinung nach ist es ein Fehler, zu versuchen, unsere Überzeugungen zu verstecken. Im Gegenteil, die Tatsache, dass die Wörter „Frieden“ und „Palästina“ im Wahlkampf überhaupt nicht erwähnt wurden, half der Linken nicht. Ehrlichkeit ist die erste Voraussetzung, um Leute zu überzeugen.

Kurz gesagt, falls die Linke das nächste Mal gewinnen möchte – was viel früher, als erwartet, kommen kann – muss sie damit beginnen, sich selbst zu reformieren und  die Gründe für ihren Misserfolg von diesem Mal überwinden.  Es kann getan werden.  Die Zeit, damit zu beginnen, ist genau jetzt.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Wen soll man wählen

Erstellt von Gast-Autor am 19. April 2015

Wen soll man wählen

Autor Uri Avnery

EIN SOWJETISCHER Bürger ging einst zum Wählen. Ihm wurde ein verschlossenes Kuvert gegeben und gesagt, er möge dieses in die Wahlurne stecken.

„Könnte  ich vielleicht nachschauen, wen ich wähle?“ fragte er schüchtern.

„Natürlich nicht!“ antwortete der Wahlleiter empört, „in der Sowjet Union sind die Wahlen geheim!“

In Israel sind die Wahlen ebenfalls geheim. Deshalb werde ich nicht sagen, wen ich wählen werde.  Sicherlich werde ich auch nicht so unverschämt sein, meinen Lesern  zu sagen, wie sie wählen sollen. Aber ich werde die Argumentation darlegen, die mich leitet.

WIR WERDEN  eine neue Regierung wählen, die Israel die nächsten vier Jahre führen wird.

Wenn dies ein Schönheitswettbewerb wäre, dann würde ich  Yair Lapid wählen. Er sieht so hübsch aus.

Wenn wir entscheiden müssten, wer der sympathischste Kandidat ist, wäre es wahrscheinlich Moshe Kachlon. Er scheint ein sehr netter Kerl zu sein, der Sohn  einer armen, orientalischen Familie, der als Minister für Kommunikation  das Monopol der Mobiltelefon-Magnaten gebrochen hat. Aber Sympathie hat nichts damit zu tun.

Falls wir einen netten Kerl mit guten Manieren suchen, dann wäre Yitzhak Herzog  offensichtlich der Kandidat. Er ist ehrlich, wohlgesittet und aus guter Familie.

Und so weiter. Falls wir nach einem Barwächter ausschauen, dann wäre Avigdor Lieberman mein Mann. Falls ich nach einem geschmeidigen TV-Darsteller suchen würde, dann wären Lapid und Benjamin Netanjahu mehr als passend.

Aber ich schaue nach einer Person, die wenigstens Kriege verhindern wird (und uns vielleicht näher zum Frieden bringt.), die uns eine Art sozialer Gerechtigkeit zurück bringt,  ein Ende der Diskriminierung von Frauen, Arabern und jüdisch-orientalischen Bürgern, unser Gesundheits-und Bildungssystem und andere soziale Dienste wieder herstellt.

LASSEN SIE mich mit dem leichteren Teil beginnen: wen ich unter keinen Umständen wählen werde.

Auf der extremen Rechten ist Eli Yishais „Beyahad“ (Zusammen)-Partei. Niemals liebte ich  Yishai. Bevor er sich von „Shas“ trennte, war er Innenminister und verfolgte Flüchtlinge aus dem Sudan und Eritrea ohne eine Spur von Mitleid.

Mit seiner neuen Partei versucht Yishai verzweifelt, die Minimalklausel, die jetzt bei 3,25% liegt, zu überwinden und machte mit den Anhängern  des verstorbenen und nicht beweinten Rabbi Meir Kahane , der als Faschist vom Obersten Gerichtshof gebrandmarkt wurde, ein Abkommen.

Nummer vier der Liste ist jetzt Baruch Marzel, der einmal mich zu ermorden öffentlich aufrief. Selbst eine Flasche des edelsten Weines wird von ein paar Tropfen Zyanid verdorben.

Der nächste auf der Liste ist Avigdor Lieberman, dessen Hauptwahlplattform der Vorschlag ist, alle arabischen Bürger, die gegenüber dem Staat nicht loyal sind, mit der Axt zu köpfen. (Ich habe das nicht erfunden.)

Naftali Bennett ist nicht weit davon entfernt; der frühere Hightech-Unternehmer trägt die kleinste Kippa auf Erden. Nachdem er die National-religiöse Partei  in feindseliger Übernahme erobert hatte, verwandelte er sie in ein wirksames Instrument.

Die National-religiöse Partei war einmal eine sehr moderate politische Kraft, die David Ben Gurions Abenteuerpolitik bremste. Aber ihr halb autonomes Bildungssystem hat Generationen zu Extremisten gemacht. Jetzt ist es die Partei der Siedler, und Bennett wirbt um junge araberhassende, kriegsliebende, säkulare Juden, die sonst Likud wählen würden.

DAMIT KOMMEN  wir zu Likud, der Partei von „König Bibi“, wie Time-Magazin ihn bewundernd nannte.

Benjamin Netanjahu kämpft um sein politisches Überleben. Vor ein paar Monaten, als er sich entschied, die Knesset zu entlassen und zu vorgezogenen Wahlen aufrief, träumte er sicher nicht von solch einer misslichen Lage.

Es schien, als ob Israels Marsch zur Rechten unvermeidlich und nicht aufzuhalten, ja, dass Netanjahus ewige Herrschaft vorherbestimmt war. Es schien, dass die Linke einem erbärmlichen Ende gegenüberstand, und dass die Mitte sich ins Nichts auflöste. Es war für Netanjahu nur eine Sache, seine Pferde zu wechseln (oder die Esel, wie mancher sagen würde).

Und nun sind wir hier, ein paar Tage vor der Wahl mit einem fast verzweifelten Likud.

Warum? Wie?

Es scheint so, dass die Leute einfach genug von Netanjahu haben. Sie scheinen zu sagen: genug ist genug.

Als Franklin Delano Roosevelt, ein großer Führer  im Frieden und im Krieg, zum vierten Mal gewählt wurde, entschied das amerikanische Volk, die  Amtsperiode der Präsidenten hinfort auf zwei zu begrenzen. Vielleicht hat das israelische Volk dasselbe entschieden: drei Amtsperioden von Netanjahu sind einfach genug. Danke.

Im Internet zirkuliert gerade ein lustiger, kleiner Film. Netanjahu steht auf dem Podium des Kongresses wie ein Turnlehrer in der Schule (oder wie der Dompteur von sehr zahmen Löwen in einem Zirkus), der seine Schüler kommandiert: „Aufstehen! Hinsetzen! Aufstehen! Hinsetzen!“ und das mit Kongressmännern und Senatoren, die auf sein Kommando hin aufspringen.

Die Meinungsmacher des Likud hofften, dass dieser Anblick sein Glück bei den Wahlen verbessern würde.  Und tatsächlich, ein paar Tage lang stiegen seine Zahlen bei den Umfragen von trüben 21 Sitzen (von 120) auf 23. Aber dann gingen sie wieder nach unten und blieben bei 21, mit Herzog  bei 24. Vielleicht sprangen die Senatoren nicht hoch genug?

Wohin gehen die Likudstimmen?  Zunächst vor allem zu Bennetts Partei. Das würde keine vollkommene Katastrophe für Netanjahu bedeuten, da Bennett, trotz all dem Hass zwischen beiden, Netanjahu in der Knesset unterstützen muss.

ABER EINIGE der Stimmen  werden  zu den beiden Zentrumsparteien von Kachlon und Lapid gehen, deren eventuelle Loyalität unsicher ist.

Kachlon kommt vom Likud. Er war ein typisches Parteimitglied, Sohn von Einwanderern aus Tripoli (Libyen), der Liebling des  Zentralkomitees der Partei. Ein Likud-Mitglied kann ihn jetzt mit gutem Gewissen wählen, besonders da er die soziale Situation verändern und das Los der Armen verbessern will.

Lapid ist in etwa derselbe mit einem großen Unterschied: er war schon Finanzminister gewesen, während Kachlon nur hofft, Finanzminister zu werden. Obwohl Lapid ein unbegrenztes Talent hat, seinen riesigen Erfolg in diesem Job zu erklären, ist die allgemeine Meinung, dass er nur mäßig gut war, wenn nicht gar ein völliger Fehlschlag.

Keiner – nicht einmal sie selbst – wissen die Antwort auf die entscheidende Frage: werden Kachlon und Lapid sich einer Netanjahu- oder einer Herzogregierung anschließen?  Beides ist möglich. Kein Problem. Es könnte wie bei  einer öffentlichen Auktion sein, wo es darauf ankommt, wer mehr zahlen wird. Mehr Ministerien, mehr Budgets, mehr Jobs. Es wird wahrscheinlich vom Ergebnis der Wahlen abhängen.

Dasselbe gilt auch für die beiden orthodoxen Parteien – die orientalische Shas und die aschkemasische „Thora-Judentum“-Partei. Sie glauben an Gott und das Geld, und Gott mag sie anweisen, sich der Koalition  anzuschließen, die das meiste Geld für ihre Institutionen anbietet.

So gibt es mindestens vier „Zentrums“-Parteien, die entscheiden können, ob Netanjahu oder Herzog unser nächster Ministerpräsident werden wird. Liebermans schrumpfende Partei könnte die fünfte sein.

Natürlich denk ich nicht im Traum daran, eine von diesen zu wählen.

WAS BLEIBT übrig? Eine Wahl zwischen drei: Labor, jetzt „das zionistische Lager“ genannt, Meretz und die Gemeinsame (arabische) Liste.

Die Arabische Liste ist aus vier sehr verschiedenen Parteien zusammengesetzt; die kommunistische, die muslemische, die nationalistische und eine private. Es ist eine Zwangsehe  mit Lieberman, der die Waffe hält: er war es, der die Knesset dahin brachte, die Minimalklausel höher zu stellen, um die kleinen arabischen Parteien aus der Knesset zu verbannen. Die Antwort ist, dass die vier kleinen Parteien eine  große vereinigte Liste bilden, die jetzt bei den Wahlen den dritten Platz nach den zwei großen Parteien einnehmen.

Die Araber in Israel sind Bürger zweiter Klasse, diskriminiert und manchmal verfolgt.  Was wäre für einen progressiven jüdischen Bürger humaner, als genau für diese Liste zu stimmen?

Für mich wäre es natürlich, da ich 1984 behilflich war, die erste  vollkommen integrierte arabisch-jüdische Wahlliste zu schaffen (die „Progressive Liste für den Frieden“), die  zwei  Amtszeiten gewann (die kommunistische Partei ist fast komplett arabisch mit einigen jüdischen Mitgliedern).

Aber die Gemeinsame Liste ist für mich problematisch. Vor ein paar Tagen erschütterte sie mich mit einer schicksalhaften Entscheidung.

Es betrifft die übrig gebliebenen Stimmen. Nach unserm Wahlgesetz können zwei Listen ein Abkommen treffen, nach dem die „übrigen“ Stimmen  von beiden zusammengelegt und in eine von beiden gelegt werden („Die Übriggebliebenen“ sind die, die noch geblieben sind, nachdem der Partei die Sitze zugewiesen worden sind, für die sie die volle Zahl der Stimmen hat.)

Die Parteien der linken Seite haben sich einen Plan erdacht, nachdem die Gemeinsame Liste ihre Übriggebliebenen mit denen von Meretz vereinigen soll. Das könnte einem von ihnen und damit dem ganzen linken Block einen Sitz mehr geben, der  entscheidend sein könnte.

Die Gemeinsame Liste weigerte sich, weil Meretz eine zionistische Partei ist. Die Entscheidung mag logisch gewesen sein, da viele arabische Wähler  sich möglicherweise vor der Wahl drücken könnten, falls sie fürchten, dass ihre Stimmen einer jüdisch „zionistischen“ Liste zugutekommen könnten.  Aber es zeigte auch, dass, wenn sie mit einer wichtigen Entscheidung  konfrontiert sind, die Islamisten  der Gemeinsamen Liste eine gemeinsame Entscheidung für den Frieden  blockieren könnten. Damit habe ich ein Problem.

So bleibt mir Meretz und das „Zionistische Lager“. Meretz ist meinen  Ansichten  näher als die größere Liste. Aber nur die größere Liste kann Netanjahu absetzen. Das Problem  hätte nicht existiert, wenn mein Vorschlag für eine  gemeinsame Liste,  das „Zionistische Lager“, Meretz, Lapid  und andere, angenommen worden wäre. Aber all diese Parteien weigerten sich.

Nun stehe ich also vor einer Wahl:  entweder stimme ich ideologisch für Meretz oder stimme ich pragmatisch für die Partei, deren Chancen größer sind, Netanjahus Herrschaft ein Ende zu bereiten, falls sie als größte Partei in der nächsten Knesset auftaucht.  Aber diese Partei hat viele Fehler, die mir schmerzlich bewusst sind.

Otto von Bismarck, einer der größten Staatsmänner aller Zeiten, beschrieb die  Politik  als  „die Kunst des Möglichen“. Es ist jetzt möglich, den Marsch der Rechten zu stoppen und  einige Vernunft  in unserm Land wieder herzustellen. Also  wen  sollte ich wählen?  (Aus dem Englischen: E.Rohlfs,A.Butterweck, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die Rede

Erstellt von Gast-Autor am 12. April 2015

Die Rede

Autor Uri Avnery
PLÖTZLICH ERINNERTE ich mich an etwas.

Ich hörte der REDE von Benjamin Netanjahu vor dem Kongress der Vereinigten Staaten zu.  Reihe um Reihe von Männern in Anzügen ( und die singuläre Frau)  springt auf und ab, applaudiert wild und schreit Beifall.

Das Schreien machte es aus  – wo hatte ich dies schon vorher einmal gehört?

Dann fiel es mir ein: Es war ein anderes Parlament Mitte der dreißiger Jahre.  Der Führer sprach. Reihe um Reihe der Reichstagsmitglieder hörte begeistert zu. Alle paar Minuten sprangen sie auf und schrien Beifall.

Natürlich ist der Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika nicht der Reichstag. Die Männer tragen dunkle Anzüge, keine braunen Hemden. Sie schreien nicht  „Heil“, sondern etwas Unverständliches. Doch der Klang des Schreiens war derselbe.  Ziemlich schockierend.

Doch dann kehrte ich zurück in die Gegenwart. Der Anblick war nicht beängstigend, sondern irgendwie lächerlich. Hier waren die Mitglieder des mächtigsten Parlamentes der Welt. Sie benahmen sich wie ein Haufen  Trottel.

In der Knesset hätte nichts dergleichen geschehen können. Ich habe keine sehr gute Meinung über unser Parlament, dessen Mitglied ich einmal war, aber verglichen mit dieser Versammlung, ist die Knesset die Erfüllung von Platons Traum.

Abba Eban verglich einmal eine Rede von Menachem Begin mit einem französischen Souflé-Kuchen: eine Menge Luft und sehr wenig Teig.

Dasselbe kann von dieser REDE gesagt werden.

Was enthielt sie? Natürlich den Holocaust mit jenem moralischen Imponiergehabe, dargeboten von Elie Wiesel, der auf der Empore rechts direkt neben der freudestrahlenden  Sarah’le saß, die den Triumph ihres Gatten  sichtbar genoss. (Ein paar Tage zuvor hatte sie die Frau eines Bürgermeisters in Israel angeschrien: „Dein Mann erreicht nicht die Fußknöchel   meines Mannes!“)

Die Rede erwähnte das Buch Esther. In ihm geht es um die Rettung der persischen Juden vor dem persischen Minister Haman, der vorhatte, sie auszulöschen. Keiner weiß, wie diese dubiose Geschichte in die Bibel kam. Gott wird darin nicht erwähnt, mit dem Heiligen Land hat sie nichts zu tun, und Esther selbst ist eher eine Hure als eine Heldin. Das Buch endet mit dem Massenmord, den Juden an den Persern begingen.

Die REDE enthielt, wie alle Reden Netanjahus, viel über das Leiden der Juden während aller Epochen und die Absichten der bösen Iraner, der neuen NAZIS, uns zu vernichten. Aber dies wird nicht geschehen, weil wir diesmal Benjamin Netanjahu haben, der uns beschützt. Und die US-Republikaner natürlich.

Es war eine gute Rede. Man kann keine schlechte Rede halten, wenn Hunderte  von Bewunderern an jedem Wort hängen und alle paar Minuten applaudieren. Doch wird sie in  keiner Anthologie der größten Reden der Welt erscheinen.

Netanjahu betrachtet sich selbst als zweiten Churchill. Und, tatsächlich war Churchill   vor Netanjahu der einzige ausländische Führer, der vor beiden Häusern des Kongresses ein drittes Mal redete. Doch Churchill kam, um seine Verbindung  mit dem Präsidenten der US zu festigen, mit Franklin Roosevelt, ohne den er nicht den 2. Weltkrieg gewonnen hätte, während Netanjahu gekommen ist, um in des Präsidenten Gesicht zu spucken.

WAS HAT die Rede nicht enthalten?

Nicht ein Wort über Palästina und die Palästinenser. Kein Wort über Frieden, die Zwei-Staatenlösung, die Westbank, den Gazastreifen, Jerusalem. Nicht ein Wort über Apartheid, die Besatzung, die Siedlungen. Kein Wort über Israels eigene Atom- Technologien.

Natürlich auch kein Wort über die Idee einer nuklearwaffenfreien Region mit gegenseitiger Inspektion.

In der Tat, gab es überhaupt keinen konkreten Vorschlag. Nachdem er den schlechten Handel, der gerade im Gange ist, denunziert hat und darauf anspielte, dass Barack Obama und John Kerry  Tölpel und Idioten seien, bot er keine Alternative an.

Warum? Ich vermute, dass der ursprüngliche Text der REDE eine Menge enthielt.

Verheerende neue Sanktionen gegen den Iran. Eine Forderung der totalen Zerstörung der iranischen Atomanlagen. Und zuletzt  unvermeidbar einen US-Israelischen Militärschlag.

All dies wurde ausgelassen. Er war von Obamas Leuten klipp und klar gewarnt worden, dass die Offenlegung von Details der Verhandlungen als Vertrauensbruch betrachtet würde. Er war von seinen republikanischen Gastgebern gewarnt worden,  die amerikanische Öffentlichkeit wolle nichts von einem neuen Krieg hören.

Was blieb übrig? Eine trockene Aufzählung der bekannten Fakten über die Verhandlungen. Es war der einzige langweilige Teil der Rede. Minutenlang sprang keiner auf, keiner schrie Beifall. Elie Wiesel wurde schlafend gezeigt. Die einzige wirklich bedeutende Person  in der Halle, Sheldon Adelson, der Besitzer der Kongress-Republikaner und Netanjahus, wurde überhaupt nicht gezeigt. Aber er ist da  und beobachtet seinen Diener genau.

ÜBRIGENS, WAS geschah mit Netanjahus Krieg?

Erinnert man sich noch daran, als die israelischen Verteidigungskräfte dabei waren, den Iran in tausend Stücke zu bomben? Als die US-Militärmacht dabei war, alle iranischen Atomanlagen zu zerstören?

Die Leser dieser Kolumne mögen sich auch daran erinnern, dass  ich vor Jahren versicherte, dass es keinen Krieg geben würde. Kein Wenn und kein Aber.  Keine halb offene Hintertür für einen Rückzug. Ich versicherte, dass es keinen Krieg geben würde. Punkt.

Viel später sprachen sich alle früheren israelischen Militär-und Nachrichten-dienstchefs gegen den Krieg aus.  Generalstabschef Benny Gantz, der in dieser Woche seine Amtszeit beendete, hat enthüllt, dass es  nicht einmal einen Entwurf für einen Operationsbefehl gibt, um Irans  Nukleareinrichtungen anzugreifen.

Warum? Weil solch eine Operation zu einer weltweiten Katastrophe führen würde. Der Iran würde sofort die Straße von Hormus schließen, die nur wenige Meilen breit ist und  durch die etwa 35% des Erdöls der Welt verschifft werden. Es würde einen unmittelbaren, weltweiten wirtschaftlichen Zusammenbruch geben.

Um die Straße  von Hormus zu öffnen und offen zu halten, müsste ein großer Teil des Iran in einem Landkrieg besetzt werden. Sogar die Republikaner schaudern bei diesem Gedanken.

Die israelischen militärischen Fähigkeiten wären für solch ein Abenteuer völlig unzureichend. Und Israel kann natürlich vom Beginn eines Krieges nicht ohne ausdrückliches amerikanisches Einverständnis träumen.

Das ist die Realität. Man kann darüber nicht viele Worte machen. Selbst amerikanische Senatoren sind in der Lage, den Unterschied zu sehen.

DAS HERZSTÜCK der Rede war die Dämonisierung des Iran. Der Iran ist das verkörperte Böse. Seine Führer sind unmenschliche Monster. In der ganzen Welt sind iranische Terroristen am Werk und planen monströse Terroranschläge. Sie bauen  interkontinentale Raketen mit nuklearen Sprengköpfen, um die USA  zu zerstören. Unmittelbar nachdem sie Atombomben haben  – jetzt oder in zehn Jahren – werden sie Israel auslöschen.

In Wirklichkeit würde Israel seine Fähigkeit des zweiten Schlages, der sich auf die von Deutschland gelieferten U-Boote gründet, ausnützen, um den Iran innerhalb von Minuten zu vernichten. Eine der ältesten Zivilisationen der Weltgeschichte  würde zu einem  abrupten Ende kommen. Die Ayatollas würden  objektiv  geisteskrank sein, wenn sie so etwas täten.

Netanjahu tut so, als ob er dies glaube. Doch seit Jahren hat Israel eine freundliche, geheime Verhandlung mit der iranischen Regierung über die durch Israel führende Eilat-Ashkalon-Ölleitung, die von einem iranisch-israelischen Konsortium gebaut wurde. Vor der islamischen Revolution war  der Iran sogar Israels stärkster Verbündeter in der Region. Nach der Revolution lieferte Israel dem Iran Waffen, um gegen Saddam Husseins Irak  zu kämpfen (die berüchtigte Iran-Gate-Affäre). Und wenn man bis zu Esther und ihrer sexuellen Bemühung zurückgeht, um die Juden zu retten, warum sollte man nicht Cyrus den Großen erwähnen, der den jüdischen Gefangenen erlaubte, nach Jerusalem zurückzukehren?

Wenn man die Haltung der gegenwärtigen iranischen Führung beurteilt, so hat sie einiges von ihrem religiösen Eifer verloren. Sie verhält sich (ohne dies immer auszusprechen) sehr vernünftig, führt zähe Verhandlungen durch, wie man das von Persern erwartet, die sich ihres  immensen kulturellen Erbes, das älter ist als das Judentum, bewusst sind.  Netanjahu hat recht, wenn er sagt, man solle ihnen  nicht blindlings vertrauen, aber seine Dämonisierung ist lächerlich.

Innerhalb des weiteren Kontextes sind Israel und der Iran schon indirekt Verbündete. Für beide ist der Islamische Staat (ISIS) der Todfeind. Meiner Meinung nach ist ISIS  weit gefährlicher für Israel als – auf Dauer gesehen – der Iran. Ich bilde mir ein, dass ISIS für Teheran ein weit gefährlicher Feind ist als Israel.

(Der einzig denkwürdige Satz in der REDE war „ der Feind meines Feindes ist mein Feind“)

Wenn das Schlimmste zum Schlimmsten kommt, wird der Iran am Ende seine Bombe haben. Na und?

Ich mag ein arroganter Israeli sein, aber ich weigere mich, Angst zu haben. Ich lebe eine Meile vom israelischen Armeekommando mitten in Tel Aviv entfernt, und bei einem nuklearen Austausch würde ich evaporieren. Doch  fühle ich mich ganz sicher.

Die US war Jahrzehnte lang  (und immer noch) den Tausenden russischer Atombomben ausgesetzt, die Millionen innerhalb Minuten auslöschen könnten. Sie fühlen sich unter dem Schirm des „Terror-Gleichgewichts“ sicher. Zwischen uns und dem Iran würde in der schlimmsten Situation dasselbe Gleichgewicht herrschen.

WAS IST Netanjahus Alternative zu Obamas Politik? Wie Obama schnell betonte, er bot keine an.

Das bestmögliche Verhandlungsergebnis wird erreicht werden. Die Gefahr wird um  weitere zehn Jahre hinausgeschoben. Und wie Chaim Weizman einmal sagte: „Die Zukunft wird kommen und sich um die Zukunft kümmern.“

Innerhalb von zehn Jahren werden sich viele Dinge ereignen. Regime werden sich verändern, Feinde werden zu Verbündeten und umgekehrt.  Alles ist möglich.

Sogar Frieden wird – nach Gottes und der Wähler Willen – zwischen Israel und Palästina  möglich sein und den Stachel aus den israelisch-muslimischen Beziehungen nehmen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Eine teure Rede

Erstellt von Gast-Autor am 5. April 2015

Eine teure Rede

Autor Uri Avnery
WINSTON CHURCHILL  sagte  einmal, dass Demokratie das schlechteste politische System sei, das außer allen anderen Systemen, die von Zeit zu Zeit versucht worden seien.

Jeder, der im politischen Leben involviert ist, weiß, dass  dies eine britische Untertreibung ist.

Churchill sagte auch, dass das beste Argument gegen Demokratie ein Gespräch  von fünf Minuten mit einem durchschnittlichen Wähler sei. Wie wahr.

Ich war Zeuge von 20 Wahlkämpfen für die Knesset. In fünf von ihnen war ich ein Kandidat, in drei von ihnen wurde ich gewählt.

Als Kind war ich Zeuge von drei Wahlkämpfen während der letzten Tage der Weimarer Republik und einer(der letzten mehr oder weniger demokratischen) Wahl, nachdem die Nazis zur Macht gekommen waren

(Die Deutschen jener Zeit waren sehr gut in grafischer Propaganda, in politischer wie kommerzieller. Nach mehr als 80 Jahren erinnere mich gut an einige ihrer Wahlplakate.)

Wahlen sind eine Zeit großer Aufregung. Die Straßen sind mit Propaganda gepflastert, die Politiker sind heiser, manchmal brechen gewaltsame Zusammenstöße aus.

Nicht jetzt. Nicht hier. 17 Tage vor den Wahlen herrscht eine unheimliche Stille. Ein Ausländer, der jetzt nach Israel kommt, würde nicht bemerken, dass hier bald eine Wahl stattfinden wird. Es gibt auf den Straßen kaum Wahlplakate. Die Artikel in den Zeitungen befassen sich mit vielen anderen Themen. Im Fernsehen schreien sich die Leute wie üblich an. Keine mitreißenden Reden. Keine Massenveranstaltungen.

JEDER WEISS, dass diese Wahl sehr entscheidend, viel entscheidender als sonst ist.

Es mag die letzte Schlacht für die Zukunft Israels sein – zwischen den Zeloten von Groß-Israel und den Unterstützern eines liberalen Staates. Zwischen einem Mini-Empire, das über ein anderes Volk herrscht und dieses unterdrückt, und einer dezenten Demokratie. Zwischen weiteren Siedlungsbauten und einer ernsthaften Suchen nach Frieden. Zwischen dem, was hier „schweinischer Kapitalismus“ genannt wird, und einem Wohlfahrtsstaat.

Kurz gesagt, zwischen zwei sehr verschiedenen Arten von Israel.

Was wird über diese schicksalhafte Wahl gesagt?   Nichts.

Das Wort „Frieden“ – auf Hebräisch Schalom – wird überhaupt nicht erwähnt. Um Himmels willen. Es wird als politisches Gift angesehen. Wie wir auf Hebräisch sagen: „Derjenige, der seine Seele retten will, muss Abstand davon nehmen.“

All die „professionellen Ratgeber“, von denen dieses Land wimmelt, warnen ihre Mandanten, es niemals auszusprechen. „Sagt „politisches Abkommen“, wenn ihr müsst. Aber um Gottes Willen, erwähnt den Frieden nicht!“

Dasselbe gilt für Besatzung, Siedlungen, Transfer (von Bevölkerung) und Ähnliches. Bleibt mir vom Leib damit. Die Wähler mögen vermuten, dass man eine Meinung hat. Vermeidet es wie die Pest.

Der israelische Wohlfahrtsstaat, einst von vielen Ländern beneidet (Man erinnere sich an die Kibbuzim?) ist auseinander gefallen. Alle unsere sozialen Dienstleistungen sind zerfallen. Das Geld geht in die große Armee, groß genug für eine mittelgroße Macht. Schlägt jemand vor, das Militär drastisch zu reduzieren? Natürlich nicht. Was denn, steckt ihr das Messer in den Rücken  unserer tapferen Soldaten? Öffnet unsern vielen Feinden die Tore? Warum, das ist Verrat!

Worüber reden unsere Politiker und die Medien? Was regt die öffentliche Meinung auf? Was  kommt in die Schlagzeilen und in den Abendnachrichten?

Nur die wirklich ernsthaften Sachen. Steckt die Frau des Ministerpräsidenten das Pfandgeld  für zurückgegebene Flaschen in die eigene Tasche? Zeigt die offizielle Residenz des  Ministerpräsidenten, Zeichen der Vernachlässigung? Nahm Sara Netanjahu öffentliche Gelder, um einen privaten Friseurraum  in der Residenz einzurichten?

WO IST die Haupt-Oppositionspartei, das zionistische Lager (auch als Labor-Partei bekannt)?

Die Partei leidet unter großer Benachteiligung: ihr Führer ist der große Abwesende dieser Wahl.

Yitzhak Herzog hat keine gebieterische Präsenz. Von schmächtiger Gestalt, eher wie ein Junge, denn als hartgesottener Krieger, mit dünner, hoher Stimme gleicht er nicht einem natürlichen Führer. Karikaturisten haben es schwer mit ihm. Ihm fehlen charakteristische Merkmale, an denen er leicht zu erkennen ist.

Er erinnert mich an Clement Attlee. Als die britische Labor-Partei sich zwischen zwei auffälligen Kandidaten entscheiden musste, wählten sie Attlee als Kompromisslösung.

Auch er hatte keine imponierenden Züge (noch einmal Churchill: ein leerer PKW näherte sich und Major Attlee stieg aus). Die Welt schnappte nach Luft, als die Britten vor dem Ende des 2. Weltkrieges Churchill absetzten und Attlee wählten. Es stellte sich aber heraus, dass er ein sehr guter Ministerpräsident war. Er ging beizeiten aus Indien (und Palästina) hinaus, baute den Wohlfahrtsstaat auf und vieles mehr.

Herzog begann sehr gut. Indem er eine gemeinsame Wahlliste mit Zipi Livni aufstellte, schuf er einen Impuls und stellte die sterbende Labor-Partei wieder auf ihre Füße. Er adoptierte für die neue Liste einen populären Namen. Er zeigte, dass er Entscheidungen treffen konnte. Und da blieb er stehen.

Um das zionistische Lager wurde es still. Interne Querelen lähmten die Wahlmannschaft.

(Ich veröffentliche in Haaretz zwei Artikel, in denen ich zu einer gemeinsamen Liste des zionistischen Lagers mit Meretz und Yair Lapids Partei aufrief. Dies hätte die Linke und die Mitte ausbalanciert. Dies hätte einen aufweckenden, neuen Impuls gegeben. Aber die Initiative konnte nur von Herzog kommen. Er ignorierte dies. Auch  Meretz und Lapid.  Ich hoffe, sie werden dies nicht bedauern.)

Nun  schwankt Meretz nahe der Wahlschwelle und Lapid erholt sich nur langsam von seinem tiefen Fall bei den Umfragen. Er verlässt sich hauptsächlich auf sein gutes Aussehens.

Trotz allem laufen nun Likud und das zionistische Lager Kopf an Kopf. Die Umfragen geben jedem 23 Sitze (von 120), sagen ein Zielfoto voraus und  überlassen die historische Entscheidung einer Anzahl kleiner und winziger Parteien.

DAS EINZIGE, das eine Spielwende bringen könnte, ist die bevorstehende Rede von Benjamin Netanjahu vor den beiden Häusern des Kongresses.

Es scheint, dass Netanjahu  all seine Hoffnungen an dieses Ereignis knüpft. Und nicht ohne Grund.

Alle israelischen TV-Stationen werden dieses Begebenheit live senden. Es wird ihn im besten Lichte zeigen. Der große Staatsmann, der sich an das größte Parlament der Welt wendet und um die bloße Existenz Israels plädiert.

Netanjahu ist eine vollkommene TV-Persönlichkeit. Er ist kein großer Redner im Stil eines Menachem Begin (geschweige denn eines Winston Churchill), aber im Fernsehen hat er wenige Konkurrenten. Jede Bewegung seiner Hände, jeder Ausdruck seines Gesichtes, jedes Haar auf seinem Kopf ist genau richtig. Sein Amerikanisch ist perfekt.

Der Führer des jüdischen Ghettos, der am Hof des Königs der Gojim (Nichtjuden) für sein Volk eintritt, ist eine wohlbekannte Gestalt in der jüdischen Geschichte. Jedes jüdische Kind liest über ihn in der Schule. Bewusst oder unbewusst werden die Leute daran denken.

Der Chor der Senatoren und Kongressmänner und -Frauen wird begeistert applaudieren,  alle paar Minuten aufspringen  und ihre grenzenlose Bewunderung in jeder Weise ausdrücken, außer dass sie seine Schuhe küssen.

Einige tapfere Demokraten werden abwesend sein, aber die Israelis werden dies nicht bemerken, da es bei solchen Gelegenheiten üblich ist, die leeren Sitze mit Angestellten zu besetzen.

Kein Propagandaspektakel könnte effektiver sein. Die Wähler werden gezwungen sein, sich zu fragen, wie Herzog wohl unter denselben Umständen aussehen würde.

Ich kann mir keine wirkungsvollere Wahlpropaganda vorstellen. Den Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika als Propagandarequisit  zu benützen, ist ein genialer Streich.

MILTON FRIEDMAN  versicherte, dass es so etwas wie ein kostenloses Mahl nicht gibt, und dieses Mahl hat einen hohen Preis.

Es bedeutet fast buchstäblich, in das Gesicht des Präsidenten Obama zu spucken. Ich denke, dass es nie so etwas gegeben hat. Der Ministerpräsident eines kleinen Vasallenstaates, der von den US praktisch in allem abhängig ist, kommt in die Hauptstadt der US, um offen ihren Präsidenten heraus zu fordern, ja, ihn in der Tat einen Betrüger und Lügner zu brandmarken.

Wie Abraham, der bereit war, um Gottes willen seinen Sohn zu schlachten, so ist Netanjahu bereit, Israel vitalste Interessen für einen Wahlsieg zu opfern.

Seit vielen Jahren haben israelische Botschafter und andere Funktionäre sich mächtig angestrengt, um das Weiße Haus und den Kongress in den Dienst Israels zu stellen. Als der Botschafter Yitzhak Rabin nach Washington kam und feststellte, dass die Unterstützung Israels im Kongress lag, bemühte er sich sehr – und erfolgreich – das Weiße Haus von Nixon zu gewinnen.

AIPAC und andere jüdische Organisationen haben generationenlang  dafür gearbeitet, die Unterstützung beider amerikanischer Parteien und praktisch alle Senatoren und Kongressleute zu gewinnen. Seit Jahren wagte kein Politiker auf dem Kapitol, Israel zu kritisieren. Es war gleichbedeutend mit politischem Selbstmord. Die wenigen, die dies versuchten, wurden in die Wüste geschickt.

Und nun kommt Netanjahu und zerstört dieses Gebäude wegen eines Wahlspektakels. Er hat der Demokratischen Partei den Krieg erklärt, zerschneidet die Verbindung, die Juden mit dieser Partei seit mehr als einem Jahrhundert verband, und zerstört die Unterstützung einer der beiden Parteien. Er ermöglicht den Demokratischen Politikern zum ersten Mal, Israel zu kritisieren; und zerstört ein generationenaltes Tabu, das vielleicht nicht wieder hergestellt werden kann.

Präsident Obama, der beleidigt, gedemütigt und an seinem für ihn bedeutendsten politischen Schritt – das Abkommen mit dem Iran – behindert wird, würde übermenschlich sein, wenn er nicht an Rache denken würde. Selbst eine Bewegung seines kleinen Fingers könnte Israel ernsthaft verletzen.

Macht sich Netanjahu Sorgen? Natürlich sorgt er sich. Aber er macht sich mehr Sorgen um seine Wiederwahl.

Viel, viel mehr.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Die Casino-Republik

Erstellt von Gast-Autor am 22. März 2015

WER HERRSCHT in Israel?

Autor Uri Avnery

Natürlich der Ministerpräsident Benjamin Netanjahu

Falsch.

Der wirkliche Herrscher Israels ist ein Sheldon Adelson, 81, amerikanischer Jude, König der Casinos, der als einer der zehn reichsten Personen klassifiziert wurde, der 37,2 Milliarden Dollar bei der letzten Zählung wert war. Doch wer zählt?

Außerdem besitzt er außer seinen Spielcasinos in Las Vegas, Pennsylvania, Macao und Singapur die US-Republikanische Partei und seit kurzem auch beide Häuser des US-Kongresses.

Ihm gehört auch Benjamin Netanjahu.

ADELSONS VERBINDUNG mit Israel ist persönlich. In eine zufällig getroffene israelische Frau verliebte er sich.

Miriam Farbstein wurde in Haifa geboren, besuchte ein angesehenes Gymnasium, leistete ihren Armeedienst im israelischen Institut, das sich mit bakteriologischer Kriegsführung befasst und ist eine vielseitige Wissenschaftlerin. Nachdem einer ihrer Söhne (aus erster Ehe) an einer Überdosis gestorben war, widmete sie ihr Leben dem Kampf gegen Drogen, besonders gegen Cannabis.

Beide Adelsons sind fanatische Unterstützer Israels. Nicht irgendeines Israels, sondern eines rechten, supermacistischen, arroganten, gewalttätigen, expansionistischen, auf Annexion bedachtes, nicht kompromissbereiten, kolonialistischen Israels.

In „Bibi“ Netanjahu fanden sie ihren Mann. Durch Netanjahu hoffen sie, Israel als ihr privates Lehnsgut zu beherrschen.

Um dies abzusichern, taten sie etwas Außerordentliches: sie gründeten eine israelische Zeitung, die nur dazu dient, die Interessen Benjamin Netanjahus zu fördern. Nicht den Likud, nicht eine spezielle Politik, nur Netanjahu persönlich.

Vor Jahren erfand ich ein hebräisches Wort für Zeitungen, die umsonst verteilt werden. „Hinamon“ , das  grob als „Gratiszeitung“ übersetzt werden kann und das zu verunglimpfen beabsichtigt. Aber nicht im Traum dachte ich an ein Monster wie „Israel Hayom“ („Israel heute“) – eine Zeitung mit unbegrenzten Finanzmitteln, die täglich umsonst auf den Straßen und in Einkaufszentren überall im ganzen Land von Hunderten, vielleicht von Tausenden bezahlter junger Leute verteilt wird.

Israelis mögen gern etwas umsonst bekommen. „Israel heute“ („Hayom“) ist jetzt die Tageszeitung, die die weiteste Verbreitung in Israel hat. Sie gräbt  den Lesern und die Reklameeinkommen von seinem einzigen Konkurrenten – Yedioth Aharanot („Letzte Nachrichten“)  die  diesen Titel bis jetzt inne hatte, das Wasser ab.

Yedioth reagierte wütend. Sie wurde ein grimmiger Feind von Netanjahu. Jossi Werter, ein Kommentator der Mitte-Links Haaretz-Zeitung (die eine weit geringere Verbreitung hat, glaubt sogar, dass die jetzige Wahl darauf hinausläuft, dass nichts weiter als ein Wettstreit  zwischen den beiden Zeitungen entsteht.

Dies ist weit übertrieben. Nach dem politischen und sozialen Inhalt zu urteilen, gibt es wenig, das die beiden von einander unterscheidet. Beide sind superpatriotisch, kriegstreibend und vom rechten Flügel. Das ist das journalistische Rezept,das die Massen in aller Welt anzieht.

Yedioth gehört der Familie Moses, einem geschäftstüchtigen Clan. Der gegenwärtige Verleger in der dritten Generation ist Arnon („Noni“) Moses, der die Öffentlichkeit meidende Boss eines großen wirtschaftlichen Empires  auf dem die Zeitung basiert. Die Zeitung dient seinen Geschäftsinteressen, aber er hat keine speziellen politischen Interessen.

Adelson ist einzigartig.

IN ISRAEL ist das Wettgeschäft verboten. und in  geheimen Spielhöllen führt die Polizei Razzien durch. In unserer Jugend wurde uns beigebracht, Casino-Herrscher seien schlechte Menschen, fast wie Waffenhändler. Sie nehmen das Geld von armen  Abhängigen, treiben sie in Verzweiflung und manchmal auch in den Selbstmord siehe Dostojewsky.

Israelis lesen „Israel Hayom“ (etwas, das es  umsonst gibt), aber sie lieben den Mann und seine Methoden durchaus nicht. Einige Mitglieder der Knesset waren deshalb ermutigt, einen Gesetzesentwurf vorzulegen, in dem kostenlose Zeitungen verboten werden sollten.

Netanjahu und der Likud taten alles, um diesen Gesetzesentwurf zu blockieren. Aber bei der Vorabstimmung (notwendig für Gesetzesentwürfe von  privaten Mitgliedern) wurden sie in bewundernswerter Weise geschlagen. Sogar Mitglieder von Netanjahus regierender Koalition stimmten dafür. Die Kameras fingen Netanjahu ein, als er in die Halle des Knesset-Plenums rannte, um  auf seinen Platz zu kommen, bevor das Abstimmen begann.

Das Abstimmungsergebnis war 43 zu 23. Fast die Hälfte der Likud-Mitglieder war abwesend. Der Außenminister Avigdor Liebermann und seine Partei stimmten für die Gesetzesvorlage. Auch die Minister Ja‘ir Lapid und Zipi Livni.

Von der Vorabstimmung bis zur endgültigen Annahme muss solch ein Gesetzesentwurf mehrere Stadien durchlaufen. Eine Menge Zeit bleibt, um ihn in einem der Komitees zu begraben. Aber Netanjahu war wütend. Ein paar Tage nach der Abstimmung entließ er Lapid und Livni aus der Regierung und verursachte so den Bruch der Regierungs-Koalition, und die Knesset löste sich auf.

Warum machte Netanjahu mitten in seiner dritten Amtsperiode solch eine Dummheit. Da gibt es nur eine logische Erklärung: Ihm wurde von Adelson befohlen, dies zu tun, um die Annahme des Gesetzes zu verhindern.

Wenn dem so ist, dann ist Adelson jetzt unser Gesetzgeber. Vielleicht ist er auch unser Haupt-Regierungsmacher.

GELD SPIELT eine zunehmende Rolle in der Politik. Wahlpropaganda wird im Fernsehen gemacht, das sehr teuer ist. In Israel wie in den USA fließen legale und illegale Fonds in den Wahlkampf, direkt oder indirekt. Korruption wird von den Gerichten begünstigt oder geduldet. Die sehr Reichen (euphemistisch sind sie in Amerika als die „Wealthies“, die sehr Reichen bekannt) üben ungebührlichen Einfluss aus.

Bei den letzten US-Präsidentenwahlen schüttete Adelson Unmengen von Dollars in den Wettkampf. Er unterstützte Newt Gingrich und dann Mitt Romney mit großen Geldsummen. Vergeblich. Vielleicht mögen die Amerikaner es nicht, von Casino-Kapitänen regiert werden.

Was die nächste US-Präsidenten-Wahl betrifft, hat Adelson früh angefangen. Er hat zu seinem Las Vegas-Spiel-Casino-Hauptquartier alle führenden republikanischen Kandidaten eingeladen, um sie in ihrer Loyalität zu ihm – und zu Netanjahu streng zu verhören. Keiner wagte es, die Einladung abzulehnen. Würde ein römischer Senator die Vorladung eines Cäsar ablehnen?

In Israel sind solche Rituale überflüssig. Die Adelsons – Miri und Sheldon – wissen, wer ihr Mann ist.

Die Israel Hayom-Zeitung ist natürlich eine große Propagandamaschine, total der Wieder-Wahl von Netanjahu gewidmet. Alles ist ganz legal. Wer kann in einer Demokratie einer Zeitung sagen, wen sie unterstützen soll? Wir sind eine Demokratie – um Himmels Willen!

ES SCHEINT, für ein Land ungewöhnlich zu sein, einem Ausländer, der nie im Lande lebte, zu erlauben, solch enorme Macht über seine Zukunft, ja über seine Existenz zu haben.

Dazu ist der Zionismus nötig  Dem zionistischen Glauben nach, ist Israel der Staat der Juden, und zwar aller Juden. Jeder Jude in der Welt gehört zu Israel, selbst dann, wenn er vorübergehend irgendwo anders lebt. Vor ein paar Tagen behauptete Netanjahu öffentlich, nicht nur den Staat Israel zu vertreten, sondern das ganze „jüdische Volk“. Es ist nicht nötig, die Juden zu fragen.

Dem entsprechend ist Adelson nicht wirklich Ausländer. Er ist einer von uns. Er kann zwar nicht in Israel wählen, obwohl seine Frau es wahrscheinlich könnte. Aber viele Leute, einschließlich seiner selbst, glauben, dass er, da er Jude ist, ein absolutes Recht hat, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen und unser Leben zu beherrschen.

Zum Beispiel: die Ernennung unseres Botschafters in den US.  Ron Dermer ist Amerikaner, geboren in Miami, aktiv in republikanischer Politik. Um einen amerikanischen Funktionär der republikanischen Partei als Botschafter Israels in Washington, wo  ein Präsident der demokratischen Partei herrscht, zu ernennen, mag seltsam erscheinen. Nicht so seltsam falls Netanjahu nach den  Befehlen von Sheldon Adelson handelt.

Es war Adelson, der das Hexengebräu, bereitete, das jetzt Israels Lebensrettungsseil nach Washington gefährdet. Sein Handlanger Dermer überredete die Republikaner im Kongress – alle abhängig von Adelsons Großzügigkeit oder es hoffentlich zu werden – Netanjahu einzuladen, um vor beiden Häusern eine Rede gegen Obama zu halten.

Während diese Intrige in Vorbereitung war, traf Dermer John Kerry, aber sagte ihm nichts von Netanjahus Kommen. Netanjahu informierte auch Präsident Obama nicht, der wutschnaubend verkündete, er werde den Ministerpräsidenten nicht treffen.

Vom Standpunkt wirklicher israelischer Interessen ist es reiner Wahnsinn, den Präsidenten der Vereinigten Staaten Amerikas zu provozieren, der Amerikas Waffenlieferungen nach Israel und das amerikanische Veto in den UN kontrolliert. Aber vom Standpunkt Adelsons, der 2016  einen republikanischen Präsidenten wünscht, macht es Sinn. Er hat schon damit gedroht, unbegrenzte Summen Geldes zu investieren, um die Wiederwahl eines Demokraten zu verhindern, und jeden Senator oder Vertreter abzusetzen, der nicht zu Netanjahus Rede kommt.

Wir sind nahe dran, einen Krieg zwischen der Regierung Israels und dem Präsidenten der US zu eröffnen.

Ist da jemand, der mit unsrer Zukunft Roulette spielt?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Over bottled

Erstellt von Gast-Autor am 15. März 2015

Over bottled

 Autor Uri Avnery

JEDER WEISS, worum es in den israelischen Wahlen geht.

Die Wahl ist heftig: auf der einen Seite gibt es den Traum von Groß-Israel „vom Meer zum Fluss“, was in der Praxis ein Apartheidstaat werden würde; auf der andern Seite, ein Ende der Besatzung und Frieden.

Einige würden eine soziale Wahl hinzufügen: auf der einen Seite den bestehenden neo-liberalen Staat mit der größten Rate von Ungleichheit in der industriellen Welt; auf der andern Seite, ein sozial-demokratischer Staat mit sozialer Solidarität.

Ist das Land also voller Plakate über Krieg und Frieden, Besatzung und Siedlungen, Arbeitslohn und Lebenshaltungskosten? Sind die Fernsehprogramme auch voll von diesen? Beschäftigen sich die Titelseiten der Zeitungen damit?

Überhaupt nicht. Noch fünf Wochen sind es bis zum Wahltag –und all diese Themen sind praktisch verschwunden.

Krieg, Frieden, soziale Gerechtigkeit  – sie verursachen nur ein kollektives Gähnen.  Es gibt viel interessantere Sachen, die die öffentliche Meinung mitreißen.

Zum Beispiel Flaschen.

FLASCHEN, UM Himmels willen? Wahlen um Flaschen?

Das ganze Land ist überbeschäftigt mit dem, was Sherlock Holmes das Rätsel der Flaschen nennen würde.

Israel ist eine ökologisch denkende Gesellschaft. Sie fühlt sich von weggeworfenen Plastik- und Glasflaschen bedroht. Es wurde also ein Gesetz erlassen, das Supermärkte und andere Einzelhandelsläden verpflichtet, ein Pfand  zu verlangen  – ein paar Cents – etwa 13 Cents für eine Plastikflasche, etwa 30  Cents für ein Weinflasche. Das wird zurück gezahlt, wenn die leere Flasche zurückgegeben wird. Viele Leute, wie ich, kümmern sich nicht darum.

Aber kleine Summen können zu großen Summen werden. Viele arme ältere Leute verdienen eine Art Lebensunterhalt, wenn sie leere Flaschen aus Abfallbehältern auf den Straßen sammeln, meistens für organisierte Verbrecherfamilien.

Alle zurückgegebenen Flaschen werden wieder verwendet. Die Umwelt ist gerettet. Jeder ist damit einverstanden. Wie kommt es, dass dies ein heißes Wahlproblem wird und alles andere von der nationalen Agenda beiseiteschiebt?

BEFASSEN WIR uns mit der obersten Familie: mit Benjamin Netanjahu, seiner Frau Sarah und den beiden erwachsenen Söhnen.

Die Familie wird vom Staat in der offiziellen Residenz des Ministerpräsidenten im Zentrum Jerusalems untergebracht. Sie besitzt noch zwei private Wohnsitze – eine Wohnung in einem guten Jerusalemer Stadtteil und eine prächtige Villa in Cäsarea, in einer Wohngegend der sehr Reichen.

Nach dem Gesetz werden all diese Wohnungen vom Staat unterhalten. Aus öffentlichen Mitteln werden alle Lebenshaltungskosten, wie Lebensmittel und Getränke bezahlt, auch das Personal, Männer oder Frauen.

Seit Beginn der Amtszeit von Netanjahu gibt es Gerüchte und Gemunkel über die Dinge, die sich in den drei Wohnungen abspielen. Es scheint, dass Sarah Netanjahu, die Möchte-gern Königin, eine schwierige Person ist, besonders für die Hausangestellten. Einige von ihnen haben sie wegen Misshandlung verklagt.  Häufig findet ein Wechsel bei den Hausangestellten statt. Das entlassene Personal  beklagt sich.

Eine Enthüllung war, dass Sarah’le (wie sie jeder nennt –nicht immer aus Liebe), Gartenmöbel vom Regierungssitz zur privaten Villa bringen ließ. Eine andere war, dass der Chef des Personals mitten in der Nacht in seiner Wohnung  aufgeweckt  und ihm befohlen wurde, sofort eine heiße Suppe ins Schlafzimmer der Herrin zu bringen. Es scheint, dass sie das Personal wegen kleiner Versäumnisse häufig anschreit. All dies wurde bei diversen Rechtsfällen vorgebracht  – zum großen Vergnügen der Massen.

Zum Beispiel wurde so bekannt, dass die Residenz des Ministerpräsidenten während des Jahres für hunderttausend Dollar Eiskrem bestellt hat. Immer Pistazieneis.

Klagen über des Ministerpräsidenten Vorliebe für Luxus sind nicht neu. Seit Jahren  hat der Staatsanwalt Ermittlungen über die „Bibi-Reisen“ gemacht: die Gewohnheit von Netanjahu und seiner Familie erster Klasse zu fliegen und in aller Welt in Luxushotels abzusteigen, ohne einen Schekel zu bezahlen – alle Ausgaben zahlten ausländische Milliardäre. Seit er Finanzminister war, war dies gegen das Gesetz.

Und nun kommen die Flaschen.

EINE ENTLASSENE Angestellte verriet den Medien, dass Sarah’le gewöhnlich zwei Regierungsangestellte in einem offiziellen Wagen zur Flaschensammelstelle schickt, um leere Flaschen zurückzugeben und das Pfandgeld zurück zu bekommen. Statt das Geld der Regierung zurückzugeben, wie es das Gesetz verlangt, steckt sie es für privaten Gebrauch in die eigene Tasche.

Ein großes Geschäft? Es scheint so. Als sie das erste Mal deswegen erwischt wurde, zahlte die Familie 4000 Schekel an die Regierung – fast 1000Euros -. zurück. Jetzt scheint es, dass die Summen  viel größer sind und  Sarah’le dies seitdem weiter praktiziert.

Dies mag eine kriminelle Straftat sein. Der Justizminister und der Staatsanwalt -beide von Netanjahu ernannt – warfen einander die Akte zu. Jetzt können sie verpflichtet werden, vor den Wahlen diesbezüglich etwas zu tun.

Wie viele Flaschen? Es wurde bekannt, dass die Familie im Durchschnitt eine Flasche teuren Weines pro Tag konsumiert. In einem Land wie Israel, in dem viele Leute überhaupt keinen Alkohol trinken, ist das eine ganze Menge. Als man sich danach erkundigte, brachte der Familienanwalt das Land ins Staunen, denn er behauptete im TV, dass Wein kein „Alkohol“ sei.

Der Gedanke, dass unser Ministerpräsident betrunken sein könnte, wenn  für das Land schicksalshafte Entscheidungen schnell gemacht werden müssen – eine Militäraktion z.B. – ist nicht gerade angenehm.

Ein jiddischer Ausdruck fällt mir ein. Lange bevor Alois Alzheimer, der deutsche Arzt, der vor 100 Jahren diese nach ihm benannte Krankheit entdeckte, wurden die von ihm beschriebenen Symptome auf Jiddisch „over-bottles“ genannt. Dies ist vom Hebräischen „Over battel“ (Faulenzer) abgeleitet –, ein nutzloser alter Kerl.

Auf Englisch heißen Flaschen „bottles“ Über die Netanjahus könnte man jetzt  im buchstäblichen Sinn sagen, dass sie over-bottled, nutzlos sind.

SEIT WOCHEN  ist dies das heißeste Thema in Israel.

Bibi-Hasser, von denen das Land eine Menge hat, sind glücklich. Dies wird sicher Netanjahu und den Likud ernsthaft verletzen. Geschieht dies?

Wie wir wissen, überhaupt nicht. Im Gegenteil – nach mehreren Tagen, in denen das „Zionistische Lager“ (auch als Labor-Partei bekannt) den Likud bei Umfragen um ein oder zwei Sitze überholte, hat der Likud sich erholt und den Vorsprung von zwei oder drei Sitzen übernommen. Kein Djinn ist aus den Flaschen aufgetaucht.

Das Land hat sich amüsiert. Die Flaschen lieferten den Stoff für grenzenloses Geschwätz, für Karikaturen und Satire, veränderte jedoch nicht die politische Einstellung der Wähler.

Und mit dem „Zionistischen Lager“ ist natürlich etwas falsch gelaufen.

IN MILITÄRSPRACHE: wenn es einem Feldherrn gelingt, die feindliche Linie zu durchbrechen, wäre es das Letzte, das er tun sollte, anzuhalten und sich selbst zu gratulieren. Er sollte alle seine Kräfte sofort in die Bresche werfen und das Hinterland des Gegners erobern.

Jitzhak Herzog ist kein Feldherr und hat diese Lektion nicht gelernt.

Er begann seine Wahlkampagne gut genug. Seine politische „Heirat“ mit Zipi Livni  war ein Meisterstück. Livni  bringt zwar keine Mitgift mit – ihre Partei war eher virtuell als real. Aber die Vereinigung hatte den Reiz des Neuen, an Bewegung und an Schwung. Zumal Herzog – falls er Ministerpräsident würde-  mit einer Rotation von ihm selbst und Livni einverstanden wäre.  Das wäre eine Geste, die als großzügiger Akt von Bescheidenheit und Selbstlosigkeit wahrgenommen würde – ungewöhnlich für einen Politiker in Israel (oder anderswo, vermute ich). Gewöhnlich sind Politiker Egomanen.

Unmittelbar kam es zu Erfolgen. Die Labor-Partei, die bis dahin als beinahe erstarrt angesehen wurde, wurde bei den Meinungsumfragen lebendig. Sie überholte den Likud. Auf einmal konnten sich die Leute vorstellen, die Rechte nieder zu stimmen. Herzog, eine anspruchslose Person von kleiner Statur, erschien plötzlich als plausibler Kandidat für die Führung.

Und da hielt es an. Im neuen  „zionistischen Lager“ geschah nichts. Bei den internen Vorwahlen tauchte eine eindrucksvolle Kandidatenliste auf, eine Liste von neuen, jungen und kompetenten Leuten, die bei weitem attraktiver sind als die Listen aller anderen Parteien.

Aber das war es dann auch. Die Partei wurde still. Sie reagierte überhaupt nicht auf all die himmelschreienden Provokationen Netanjahus an der Nordgrenze. Sie brachte keine neuen und revolutionären Ideen, sie begann keine wirkliche Propagandakampagne. Bis jetzt ist die Parteikampagne wie Herzog selbst, anspruchslos, anständig und still, sehr still.

Der Likud andrerseits ist zügellos. Seine Anhänger werfen jede Menge Dreck, den sie erwischen können. Sie sind schrill, skrupellos und vulgär.

Aber die Hauptsache ist, dass es keinen Schwung mehr gab. Vergeblich schlug ich in zwei Artikeln in Haaretz  eine gemeinsame Wahlliste vor: den Zusammenschluss aller Mitte-Links-Parteien. Das würde den Eindruck erwecken, dass alle anti-Netanjahu-Kräfte sich vereinigen, um der Likud-Herrschaft ein Ende zu bereiten und eine neue Regierungsmehrheit mit neuer Agenda aufzubauen.

Die Idee rief keine Reaktion hervor. Herzog will Meretz nicht, aus Angst, dass seine Liste von Linken kontaminiert  würde. Er war auch nicht bereit, Yair Lapids Zentrumspartei abzuwerben. (Mein Vorschlag war, beide Parteien einzuschließen, sodass sie in der Öffentlichkeit einander ausbalancieren).

Herzog fühlte anscheinend nicht wie ich, dass eine große neue Verbindung Enthusiasmus schaffen und die linke Öffentlichkeit aus ihrer fatalen Apathie reißen würde.

Lapids Egomanie hinderte ihn daran, solch eine Union einzugehen, in der er nicht die Nummer eins sein würde, obwohl die Meinungsumfragen voraussagten, dass seine Partei schrumpfen würde und zwar bis zur Hälfte ihrer jetzigen Stärke. Meretz war nicht bereit, ihre behagliche Isolation aufzugeben, sie war eher ein Club als eine politische Kraft. Die gelehrten Professoren, denen es an politischer Einsicht fehlt, wovon die Linke im Überfluss hat, rieten unerbittlich ab.

Als der letzte Tag der Angebotsabgabe der Wahllisten kam und vorbeiging, war ich traurig. Nicht ärgerlich, nur traurig. Ich fühlte in meinen Knochen, dass eine einzigartige Gelegenheit, die Herrschaft des rechten Flügels zu beseitigen, verpasst war – mit allem, was sie für Israels Zukunft zur Folge hat.

Es könnte noch geschehen. Die Öffentlichkeit kann sich noch entscheiden, dass es genug ist. Aber die Chancen dafür sind sehr gering.

EINER MEINER Freunde, der zu verschwörerischen Theorien neigt, hat darauf hingewiesen, dass die ganze Flaschenangelegenheit vielleicht von Netanjahu selbst als Trick vorgebracht wurde , um die Öffentlichkeit von den schicksalshaften Problemen, mit denen Israel fertig werden muss und für die er keine Lösung hat, abzulenken.

Was auch immer geschieht, so haben die Flaschen die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt. Seine Bilder füllen die TV-Mattscheibe, sein Name spielt in den Nachrichten die Hauptrolle. Herzog bleibt ohne Flaschen und Pistazieneis  diskret im Hintergrund. Selbst Zipi kann nicht mit Sarah’les  bunter Persönlichkeit konkurrieren.

Diejenigen von uns, die fürchten, dass Netanjahu  am Vorabend der Wahl einen Krieg provoziert, könnten sagen: better bottles than battles– Flaschen sind besser als Schlachten.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Alle sind Zionisten

Erstellt von Gast-Autor am 8. März 2015

Alle sind Zionisten

Autor Uri Avnery

 VIELE MALE fragen mich Leute: „ Sind Sie ein Zionist?“

Meine übliche Antwort ist: „ Das hängt davon ab, was Sie unter Zionismus verstehen“.

Dies ist ganz ernst gemeint. Der Terminus „Zionismus“ kann sehr Verschiedenes bedeuten. Wie z.B. der Begriff Sozialismus. Francois Hollande ist ein Sozialist. Auch Joseph Stalin war einer.

Gibt es da eine Ähnlichkeit?

ALS ICH jung war, gab es einen Scherz, der in Deutschland die Runde machte: „Ein Zionist ist ein Jude, der einen zweiten Juden um Geld bittet, damit ein dritter Jude in Palästina siedeln kann.“ Mein Vater war so ein Zionist. Das war natürlich vor der Nazi-Machtergreifung. Ich habe den Verdacht, dass diese Definition heute für viele amerikanische Juden zutrifft.

Theodor Herzl, der Gründer der zionistischen Bewegung, wollte nicht wirklich  nach Zion, einem Hügel in Jerusalem, gehen. Er liebte Palästina überhaupt nicht. Im ersten Entwurf der zionistischen Bibel, „Der Judenstaat“, schlug er wegen seines milden Klimas Patagonien als bevorzugte Gegend für den jüdischen Staat vor. Auch weil diese nach einem genozidalen Kampf mit Argentinien wenig bevölkert war.

Auch als die Bewegung sich nach Zion wandte, bedeutete es für verschiedene Leute Verschiedenes. Einige wünschten, dass das Land nur ein geistliches Zentrum für die Juden werde. Andere wünschten, es würde eine sozialistische Utopie. Wieder andere wünschten, es werde eine nationalistische Bastion mit militärischer Macht.

Die Erneuerung der hebräischen Sprache, die ein so integraler Teil unseres Lebens wurde, war überhaupt kein Teil des zionistischen Projektes. Herzl, dessen anfänglicher Ehrgeiz es war, ein großer deutscher Schriftsteller zu werden, dachte, dass wir in Zion Deutsch sprechen würden. Andere wollten lieber Jiddisch sprechen. Der fanatische Wunsch, das Hebräische wieder zu beleben, kam von unten.

Selbst der Wunsch, einen jüdischen Staat zu gründen, war nicht einstimmig. Einige begeisterte Zionisten, wie Martin Buber träumten von einem bi-nationalen Staat: halb arabisch, halb jüdisch.  „Praktische“  Zionisten wünschten den zionistischen Traum durch beharrliche Besiedlung des Landes zu erfüllen; „Revisionistische Zionisten wollten sofort eine internationale „Charter“

Religiöse Zionisten wünschen einen Staat, der sich auf die jüdische Religion gründet und von ihr beherrscht wird. National-religiöse Zionisten glauben, dass Gott die Juden wegen ihrer Sünden ins „Exil“ge schickt hatte. Sie wollten Gott durch ihre Taten zwingen, den Messias jetzt zu schicken. Atheistische Zionisten erklären, die Juden seien eine Nation, keine Religion und wollten nichts mit dem jüdischen Glauben zu tun haben. Und so weiter.

WAS BEDEUTET Zionismus heute? Das Wort ist in Israel weit verbreitet, ohne dass man viel darüber nachdenkt. Fast jede Partei wünscht, zionistisch zu sein, und brandmarkt ihre Gegner als Anti-Zionisten – eine schwere Anklage in der israelischen Politik. Nur kleine Minderheiten an den Rändern lehnen die Ehre ab. Die Kommunisten auf der einen Seite, die Ultra-Orthodoxen auf der andern Seite. (Diese glauben, es sei eine große Sünde, in das Land Israel in großer Anzahl ohne Gottes ausdrückliche Erlaubnis zurückzukehren.)

Für viele Israelis bedeutet Zionismus nichts weiter als israelischer Patriotismus. Wenn man wünscht, dass Israel als „Jüdischer Staat“ (was auch immer dies bedeutet) besteht, dann ist man ein Zionist. Man muss auch glauben, dass Israel ein Teil des  „jüdischen Volkes“ weltweit ist und seine Führung als eine Art Kommando-Zentrum fungiert. In der heutigen Terminologie  „Der nationale Staat des jüdischen Volkes“.

In einem weiteren Sinn kann Zionismus den tiefen Glauben bedeuten, dass alle Juden auf der Welt schließlich nach Israel kommen, entweder freiwillig oder durch den Antisemitismus vertrieben. Der unvermeidliche Sieg des Antisemitismus‘ in jedem Land wird vorausgesetzt. Deshalb wird jede reale oder eingebildete antisemische Welle mit geheimer Genugtuung begrüßt  („Wir sagten es doch!“)  – wie die gegenwärtige in Frankreich.

WO STEHE ich?

Ein paar Jahre vor der Gründung des Staates Israel erklärte eine Gruppe junger Leute dieses Landes, meistens Künstler und Schriftsteller, sie seien keine Juden, sondern Hebräer. Sie erhielten den Spitznamen „Die Kanaaniter“.

Ihr Grundsatz war, dass die hebräisch sprechenden jungen Leute in diesem Land nicht ein Teil der weltweit jüdischen Gemeinschaft sind, sondern eine separate neue hebräische Nation. Sie wollten nichts mit den Juden zu tun haben. Einige ihrer Veröffentlichungen. klingen geradezu antisemitisch. Sie verstanden die hebräische Nation — nach einer kleinen Zeitspanne von ein paar tausend Jahren – als eine Fortsetzung des ursprünglich biblisch kanaanitischen Volkes. Daher der Spitzname.

Vier Jahre später gründete ich eine andere Gruppe mit dem Spitznamen  „Kampf-Gruppe“. Wir proklamierten auch, wir seien eine neue hebräische Nation.  Aber im Gegensatz zu den Kanaanitern gaben wir zu, dass diese neue Nation ein Teil des jüdischen Volkes sei, so wie die Australier z.B. ein Teil der angelsächsischen Kultur sind.

Wir widersprachen auch den Kanaanitern bei einem anderen entscheidenden Element der Doktrin. Die Kanaaniter leugneten die Existenz einer arabischen Nation oder arabischen Nationen. Wir erkannten den arabischen Nationalismus an, und erklärten, dass die arabische Nation bei der Schaffung einer neuen semitischen Region der natürliche Verbündete der hebräischen Nation sei.

Bald danach wurde Israel gegründet. Vor 40 Jahren  wurde ich in einem Verleumdungsfall von einem Richter gebeten, meine Haltung gegenüber dem Zionismus zu definieren.

Mit meiner Antwort erfand ich den Terminus „Post-Zionismus“. Ich bezeugte, dass die zionistische Bewegung eine historische Bewegung mit unglaublichen Erfolgen sei: eine total neue Gesellschaft, eine alt-neue Sprache, eine neue Kultur, eine neue Wirtschaft, neue soziale Modelle wie den Kibbuz und den Moshav. Aber der Zionismus habe auch große Fehler gemacht, besonders gegenüber dem arabisch-palästinensischen Volk.

Doch dies ist Geschichte, sagte ich. Mit der Schaffung des Staates Israel hat der Zionismus seine Aufgabe erfüllt. Israelischer Patriotismus muss ihn nun ersetzen. So wie man das Baugerüst wegnimmt, wenn das Gebäude fertig ist, so hat der Zionismus seine Nützlichkeit überlebt und sollte ausrangiert werden.

Das ist auch heute meine Überzeugung.

DIE GANZE Frage ist nun wieder hoch gekommen: wegen der Entscheidung der neuen gemeinsamen Wahlliste der Labor-Partei und Zipi Livnis Gruppe, die sich offiziell  selbst „das zionistische Lager“ nennen.

Auf der pragmatischen Ebene ist dies ein kluger Schritt. Die Parteien des rechten Flügels klagen die des linken Flügels immer an, sie seien unpatriotisch, ja sogar verräterisch, ein fünfte Kolonne. In unserm Fall wird die Linke angeklagt, anti-zionistisch zu sein. So ist es sinnvoll, eine neue vereinigte Liste „Zionisten“  zu nennen. Nicht „eine“  zionistische Partei, sondern „die“ zionistische Partei.

(Mit derselben Logik nannte sich eine sehr moderate französische Partei einmal  „Radikale Partei. Das Wort „demokratisch“ ist in offiziellen Namen mehrerer kommunistischer Länder erschienen und die deutschen Faschisten nannten sich „Nationalsozialisten“) Indem sie sich ihrer beständigen Anhänger sicher sind, hoffen sie durch die falsche Benennung Stimmen vom Rande anzuziehen.)

Ein negativer praktischer Aspekt des Namens der Labor-Liste ist, dass sie so die arabischen Bürger automatisch ausschließt. Für Araber, egal wo, ist Zionismus ein Synonym für Bosheit. Der Zionismus nahm ihnen ihr Land weg, der Zionismus vertrieb die arabischen Palästinenser und führte die Nakba durch, der Zionismus diskriminiert die arabischen Bürger Israels in allen Lebensbereichen.

Sehr wenige arabische Bürger stimmten  immerhin in der Vergangenheit für die Labor-Partei, und  diese kümmern sich nicht um den Zionismus als  Namen. Alle arabisch politischen Kräfte im Land, einschließlich der kommunistischen Hadash-Partei, die auch eine Anzahl jüdischer Mitglieder hat, vereinigten sich in dieser Woche zu einer allgemein arabischen Liste. Es wird erwartet, dass diese fast alle arabischen Stimmen ernten wird.

(Dies ist übrigens eine der Ironien israelischer Politik. Die „Israel-Unser-Heim“-Partei von Avigdor Lieberman, die von manchen als faschistisch angesehen wird, wünschte, dass die Araber aus der Knesset vertrieben werden. Da man zur Kenntnis nahm, dass keine der drei arabischen Listen  3,25% der Stimmen erreicht, gaben sie ein Gesetz heraus, das die Schwelle erhöht, um in die Knesset zu kommen. Als Folge davon vereinigten sich alle arabischen Parteien, die sich sonst gegenseitig verachten, in einer allgemeinen Liste, die 10% oder mehr erreichen kann.)

Abgesehen von den Orthodoxen wird dies die einzige selbst ernannte anti-zionistische Partei sein. Jeder von der sehr rechten national-religiösen Jüdische Heim-Partei bis zur sehr linken Merez-Partei erklären sich zu überzeugten Zionisten.

So ist es geradezu ein Staatsstreich, dass Herzog und Livni mit dem begehrten Etikett wegrennen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Galants „galanter“ Akt

Erstellt von Gast-Autor am 1. März 2015

Galants „galanter“ Akt

Autor Uri Avnery


ES GAB da einen Witz über einen Sadisten und einen Masochisten.
„Hau mich! Schlag mich! Stoß mich!“ bittet der Masochist inständig den Sadisten.

Der Sadist lächelt grausam und antwortet langsam: „Nein!“

DAS REFLEKTIERT mehr oder weniger im Augenblick die Situation an unserer Nordgrenze.

Eine israelische Drohne hat einen kleinen Hisbollah-Konvoi wenige Meilen jenseits der Grenze mit Syrien auf den Golanhöhen bombardiert. 12 Menschen wurden getötet. Einer von ihnen war ein iranischer General. Ein anderer war der sehr junge Hisbollah-Offizier, der Sohn von Imad Mughniyeh, einem sehr hochrangigen Hisbollah-Offizier, der vor etwa sieben Jahren auch von Israel getötet worden war, und zwar durch eine Auto-Explosion in Damaskus.

Das Töten des iranischen Generals war (jetzt) nicht beabsichtigt.  Es sieht aus, als ob der israelische Nachrichtendienst nicht wusste, dass er und vielleicht  fünf andere iranische Offiziere der Revolutionsgarde im Konvoi waren. Ein israelischer Armee-Offizier gab dies indirekt zu. Ein zweiter anderer widersprach dem ersten.

Er entschuldigte sich natürlich nicht. Man kann sich nicht entschuldigen, wenn man nicht offiziell zugibt, der Täter gewesen zu sein. Und Israelis entschuldigen sich natürlich nicht. Niemals. Eine  weithin sehr rechts gerichtete Partei bei der gegenwärtigen Wahl  hat dies in einen  Wahlslogan verwandelt: „Keine Entschuldigungen!“

Das gewünschte Opfer des Angriffs war der 25jährige Jihad Mughniyeh, ein niedriger Hisbollah -Offizier, dessen einziger Anspruch auf Ruhm  sein berühmter Familienname war.

UNMITTELBAR NACH dem gezielten Töten fragte man sich: Warum? Warum jetzt? Warum überhaupt?

Die israelisch-syrische Grenze (oder besser die Waffenstillstandslinie) ist seit Jahrzehnten die ruhigste Grenze Israels gewesen. Keine Schießerei. Keine Vorfälle. Nichts.

Assad, der Vater, und Assad, der Sohn, achteten darauf. Sie waren nicht daran interessiert, Israel zu provozieren. Nach dem Yom Kippur-Krieg (1973), der mit einem sehr großen syrischen Überraschungserfolg begann und mit einer vollständigen syrischen  Niederlage endete, wünschten die Assads kein neues Abenteuer mehr.

Selbst als Ariel Sharon 1982 den Libanon angriff, intervenierten die syrischen Truppen, die im Libanon stationiert waren, nicht. Aber da eine von Sharons Kriegszielen die Vertreibung der Syrer aus dem Libanon war, hat er selbst das Feuer eröffnen müssen, um sie am Kampf zu beteiligen. Dieses Abenteuer endete aber mit einem syrischen Erfolg.

Jede Absicht Bashar al-Assads, die er sogar gehabt hätte, um Israel zu provozieren (und es sieht so aus, als hätte er nie eine gehabt), verschwand, als der syrische Bürgerkrieg vor mehr als vier Jahren begann. Bashar al-Assad und die verschiedenen rebellischen Fraktionen waren vollauf mit ihrem blutigen Geschäft befasst. Israel konnte sie kaum interessieren.

WARUM ALSO griff Israel einen kleinen Konvoi von Assads Verbündeten an – die Hisbollah und den Iran?  Es ist unwahrscheinlich, dass sie keine aggressive Absicht gegen Israel vorhatten. Wahrscheinlich waren sie dabei, das Gebiet für den Kampfgegen die syrischen Rebellen auszukundschaften.

Die israelische Regierung und die Armee gaben keine Erklärung ab. Wie konnten sie, nachdem sie offiziell diese Aktion nicht zugegeben hatten, dies tun? Selbst inoffiziell gab es keinen Hinweis.

Aber da gibt es einen Elefanten im Raum: die israelischen Wahlen.

Wir sind jetzt mitten im Wahlkampf. Könnte es sein, dass es irgendeine Verbindung zwischen dem Wahlkampf und dem Angriff gibt?

Und ob!

ZU BEHAUPTEN, unsere Führer könnten eine Militäraktion befehlen, um ihre Chance beim Wahlkampf zu erhöhen, grenzt an Verrat.

Doch geschah dies schon vorher. Tatsächlich geschah es bis jetzt bei vielen unserer 19 Wahlkämpfen.

Die erste Wahl fand statt, als wir (1948) noch im Krieg waren. David Ben Gurion, der Kriegsführer, gewann natürlich einen großen Wahlsieg.

Die zweite Wahl fand während des Kampfes gegen die arabischen „Infiltranten“ statt mit fast täglichen Vorfällen entlang der neuen Grenze. Wer gewann? Ben Gurion.

Und so ging es weiter. Als 1981 Menachem Begin die Bombardierung des irakischen  Atommeilers  befahl, wagte jemand, ihm zu unterstellen, die Aktion hänge mit der kommenden Knesset-Wahl zusammen. Diese gab Begin die Gelegenheit für eine seiner größten Reden. Begin war ein hervorragender Redner  nach europäischer (und sehr un-israelischer) Tradition.

Mit „Juden!“ wandte er sich an seine Zuhörer. „Ihr kennt mich seit vielen Jahren.  Glaubt ihr, dass ich unsere tapferen Jungs auf eine gefährliche Mission schicken würde, wo sie getötet werden oder noch schlimmer – in Gefangenschaft dieser menschlichen Tiere geraten könnten, nur um Stimmen zu gewinnen?“ Die Menge brüllte zurück: „Nein!“

Selbst die andere Seite machte mit. Die Ägypter und Syrer machten 1973 ihren  Überraschungsangriff an Yom Kippur – mitten im israelischen Wahlkampf.

Nach dem Mord an Yitzhak Rabin 1995 stand sein Erbe, Shimon Peres, auch vor einem Wahlkampf. Während seiner kurzen Regierungszeit brachte er es fertig, einen Krieg zu beginnen und zu verlieren. Er fiel in den Libanon ein und bombardierte während des Kampfes versehentlich ein UN-Flüchtlingslager. Das war das Ende des Krieges und von Peres‘ Herrschaft. Benjamin Netanjahu siegte.

ALS LETZTE Woche der Drohnenangriff bekannt wurde, waren das Land und die Armee aufgefordert, sich für einen Krieg vorzubereiten.

Entlang der Grenze verbreitete sich Spannung. Massiver Truppenaufmarsch fand statt. Panzer- Brigaden bewegten sich nach Norden. Der „Eiserne Dom“, Anti-Raketen-Batterien wurden nahe der Grenze positioniert. Alle Medien bereiteten die Öffentlichkeit auf eine sofortige Racheaktion der Hisbollah und des Iran vor.

Hier ist es, wo der Scherz aktuell wird. Netanjahu erwartete direkt, dass Hassan Nasrallah, der Hisbollah-Chef, als Vergeltungsmaßnahme Galiläa bombardieren würde. Nasrallah reagierte nur mit einem hintergründigen Lächeln.

Rache? Sicherlich. Aber nicht jetzt. Ein andermal vielleicht. Und an einem andern Ort. Vielleicht in Bulgarien, wo seinerzeit israelische Touristen aus Rache für Imad Mughniyehs Ermordung, getötet wurden. Oder gar in Argentinien, wo der Staatsanwalt, der die Zerstörung der zwei israelisch-jüdischen Zentren, die vor 20 Jahren stattfand, untersuchte, erschossen aufgefunden wurde. Die blutigen Attacken vor 20 Jahren in Buenos Aires wurden nach einer anderen israelischen Aktion im Libanon der Hisbollah und dem Iran zugeschrieben.

Warum ahndet Nasrallah die Drohnenaktion nicht jetzt? Wenn man mit einer feindlichen Rache-Aktion rechnet, ist es sehr frustrierend, wenn sie nicht termingemäß eintrifft.

UM DIES zu verstehen, muss man sich den Wahlkampf genauer ansehen.

Er wird von zwei großen Blöcken durchgeführt – der rechte Flügel wird vom Likud angeführt und  die Mitte-links Partei von der Labor-Partei. Die Linke hat unerwartet Triebkraft gesammelt, indem sich Labor mit Zipi Livnis kleiner Fraktion vereinigt hat und jetzt unglaublicher Weise den Likud bei den Meinungsumfragen überholt hat. Neben diesen beiden Blöcken gibt es noch die Orthodoxen und die arabischen Bürger, die ihre eigenen Agenden haben.

Die zwei Hauptblöcke segeln unter verschiedenen Flaggen. Likud und Co segeln unter der Flagge der Sicherheit. Die Öffentlichkeit glaubt, dass Netanjahu und seine Verbündeten zuverlässiger seien, wenn  es zum Krieg kommt und dass sie unsere Armee groß und mächtig halten. Die Öffentlichkeit glaubt auch, dass die Labor-Partei und ihre Verbündeten effektiver sind, wenn es um die Wirtschaft geht, um Mieten und Ähnliches.

Dies bedeutet, dass das Ergebnis von der Seite entschieden wird, der es gelingt, ihre Agenda auf die Kampagne zu legen. Wenn der Wahlkampf von Problemen des Krieges und der Angst beherrscht wird, dann wird wahrscheinlich die Rechte gewinnen. Wenn andernfalls das Hauptproblem die Wohnung und der unverschämte Preis von Hüttenkäse ist, hat die Linke eine Chance.

Dies ist keine Sache von besonders akuter Auffassung, sondern von allgemeiner öffentlicher Erkenntnis. Jede Rakete, die von Hisbollah oder Hamas abgeschossen wird, ist eine Rakete für Likud. Jeder Tag mit ruhiger Grenze wird ein Tag für Labor sein.

ES WAR deshalb für viele Israelis ganz naheliegend, dass das plötzliche Aufflackern an der Nordgrenze, das durch einen nicht provozierten israelischen Angriff ausgelöst wurde, keinen Sinn macht, ein Wahltrick von Netanjahu und Co ist.

Viele wussten es. Aber keiner wagte es auszusprechen. Die politischen Parteien fürchteten, dass sie als diejenigen angesehen würden, die der Armee das Messer in den Rücken stoße. Wenn man Netanjahu anklagt, einen größeren Krieg zu riskieren, um eine Wahl zu gewinnen, ist das eine sehr ernste Angelegenheit.

Die Labor-Partei veröffentlichte eine lahme Erklärung, die die Armee unterstützt. Merez verhielt sich ruhig. Die arabischen Parteien waren eifrig damit beschäftigt, eine vereinigte arabische Liste zu schaffen. Die Orthodoxen konnten sich nicht weniger darum kümmern.

Gush Shalom, dessen Mitglied ich bin, bereitete eine eindeutige Anklage zur Veröffentlichung vor.

Und dann wurde die Ruhe von einer total unerwarteten Seite unterbrochen.

General Galant gab ein Interview, in dem er die Regierung direkt anklagte, die nördliche Grenze für Wahlzwecke aufzuheizen.

Galant? Unglaublich.

Joaw Galant war während der grausamen Molten Leads-(„geschmolzenes Blei“) Kampagne der Chef des südlichen Kommandos. Danach wurde er von Netanjahu zum neuen Armee-Stabschef ernannt. Aber bevor die Ernennung vollzogen werden konnte, wurde Galant angeklagt, er hätte  ein dem Dorf gehörendes Land für sein palastartiges Haus enteignet. Er musste sich daraufhin, von seiner Ernennung zurückziehen. Ich betrachtete ihn immer als einen durch und durch engagierten Militaristen.

Vor zwei Wochen erschien Galant plötzlich wieder auf der Bühne als Kandidat Nummer 2 und zwar auf der Liste von Moshe Kachalons neuer Partei der Mitte ohne Ideologie außer niedrigeren Preisen.

Galants Behauptung über die Drohnenaktion verursachte einen Aufschrei  – er zog sie still zurück. Aber die Tat war getan. Galant hatte das Tor geöffnet. Eine Horde von Kommentatoren stürmte hindurch, um die Anklage zu verbreiten.

Galants „galante“ Tat könnte den Wahlkampf ändern. Auf Englisch heißt „galant“ tapfer.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs. vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

In der ersten Reihe winkend

Erstellt von Gast-Autor am 22. Februar 2015

In der ersten Reihe winkend

DIE DREI islamischen Terroristen hätten stolz auf sich sein können, wenn sie es erlebt und gesehen hätten.Indem sie zwei Angriffe (nach israelischem Standard ganz gewöhnliche Angriffe) begangen hatten, verursachten sie in ganz Frankreich Panik, ja, schickten Millionen von Menschen auf die Straße, versammelten mehr als 40 Staatsoberhäupter in Paris. Sie veränderten die Landschaft der französischen Hauptstadt und anderer französischer Städte, während Tausende von Soldaten und Polizisten mobilisiert wurden, um jüdische und andere mögliche Ziele zu schützen. Mehrere Tage beherrschten sie die Nachrichten in aller Welt.

Drei Terroristen, die wahrscheinlich allein handelten. Drei !!!

FÜR ANDERE potentielle islamische Terroristen in Europa und Amerika muss dies wie ein riesiger Erfolg aussehen. Es ist eine Einladung für Individuen und winzige Gruppen, dasselbe überall zu tun.

Terrorismus heißt Angst schüren. Den drei in Paris gelang dies gewiss. Sie terrorisierten die französische Bevölkerung. Und wenn drei Jugendliche ohne jede Qualifikation dies tun können, dann stelle man sich vor, was 30 oder gar 300 machen können!

Offen gesagt, liebe ich diese riesige Demonstration nicht. Ich habe in meinem Leben an vielen Demonstrationen teilgenommen, vielleicht an mehr als 500, aber immer gegen die gerade Mächtigen. Ich habe nie an einer Demonstration teilgenommen, zu der die Regierung aufrief, selbst wenn sie für einen guten Zweck war. Sie erinnert mich zu sehr an die frühere Sowjetunion, an das faschistische Italien und Schlimmeres. Nein, danke, nicht für mich.

Aber diese besondere Demonstration war auch kontraproduktiv. Sie bewies nicht nur, dass Terrorismus wirksam ist, sie lud auch Trittbrettfahrer zu Angriffen ein. Sie berührt auch den wirklichen Kampf gegen Fanatiker nicht.

Um einen wirksamen Kampf zu führen, muss man zunächst selbst in die Schuhe der Fanatiker schlüpfen und versuchen, die Beweggründe zu verstehen, die junge vor Ort geborene Muslime dahin bringt, solche Taten zu tun. Wer sind sie? Was denken sie? Was fühlen sie? Unter welchen Umständen sind sie aufgewachsen? Was kann getan werden, um sie zu verändern?

Nach Jahrzehnten von Vernachlässigung ist dies harte Arbeit. Es braucht Zeit und Mühe und bringt unsichere Ergebnisse. Viel einfacher ist es für Politiker, vor Kameras auf die Straße zu gehen.

UND WER marschierte in der ersten Reihe, freudestrahlend wie ein Sieger?

Unser eigener und einziger Bibi.

Wie kam er dahin? Die Tatsachen kamen innerhalb Rekordzeit ans Licht.  Es scheint, als wäre er gar nicht eingeladen gewesen. Im Gegenteil. Präsident Hollande flehte ihn an, bitte, bitte nicht kommen. Die Demo würde sonst zu einer Solidaritäts-Schau mit den Juden, anstelle eines öffentlichen Aufschreis für die Pressefreiheit und andere „republikanische Werte“.  Netanjahu kam trotzdem mit zwei andern extrem rechten Ministern im Schlepptau.

In der zweiten Reihe platziert, tat er, was Israelis tun: er schob einen schwarz-afrikanischen Präsidenten  vor ihm zur Seite und platzierte sich in die vorderste Reihe.

Als er dort war, winkte er den Leuten auf den Balkonen der Straße entlang zu. Er strahlte wie ein römischer General bei einer triumphalen Parade. Man kann die Gefühle von Hollande und den andern Staatoberhäuptern nur erraten, die – bei dieser Darstellung von Chutzpeh –  entsprechend feierlich und trauernd auszusehen versuchten.

Netanjahu ging als Teil seiner Wahl-Kampagne nach Paris. Als Veteran solcher Kampagnen wusste er, dass drei Tage in Paris mit Synagogen-Besuchen und stolze jüdische Reden haltend, mehr wert waren, als drei Wochen zu Hause schmutzige Wahlpropaganda führen.

DAS BLUT der vier ermordeten Juden im koscheren Supermarkt war noch nicht trocken, als israelische Führer die Juden Frankreichs aufriefen, die Koffer zu packen und nach Israel zu kommen. Israel ist ja – wie jeder weiß – der sicherste Platz auf der Erde.

Dies war fast eine automatisch zionistische Reaktion. Juden sind überall in Gefahr. Ihr einziger sicherer Hafen ist Israel. Sputet euch und kommt! Am nächsten Tag berichteten israelische Zeitungen voller Freude, dass 2015 mehr als 10 000 französische Juden dabei seien, hierher zu kommen, um hier zu leben, vom zunehmenden Antisemitismus getrieben.

Anscheinend gibt es in Frankreich und andern europäischen Ländern eine Menge Antisemitismus, wenn auch wahrscheinlich weit weniger als Islamophobie. Aber der Kampf zwischen Juden und Arabern auf französischem Boden hat wenig mit Antisemitismus zu tun. Es ist ein aus Nordafrika importierter Kampf.

Als 1954 der algerische Befreiungskrieg ausbrach, mussten die Juden die Seiten wählen. Fast alle entschieden sich, die Kolonialmacht zu unterstützen, Frankreich gegen das algerische Volk.

Das hat einen historischen Hintergrund. 1870 verlieh der französische Justizminister Adolphe Cremieux, zufällig ein Jude, allen algerischen Juden die französische Staatsbürgerschaft und trennte sie so von ihren muslimischen Nachbarn.

Die algerische Befreiungsfront (FLN) versuchte sehr, die lokalen Juden auf ihre Seite zu ziehen. Ich weiß es, weil ich irgendwie darin mit verwickelt war. Ihre Untergrundorganisation in Frankreich bat mich, eine israelische Unterstützungsgruppe zu bilden, um unsere algerischen Glaubensgenossen zu überzeugen. Ich gründete das „Israelische Komitee für ein freies Algerien“ und veröffentlichte Material, das von FLN  bei ihren Bemühungen, die Juden zu gewinnen, benutzt wurde.

Vergeblich. Die lokalen Juden, stolz auf ihre französische Staatsbürgerschaft, unterstützten überzeugt die Kolonialherren. Am Ende waren die Juden prominent in der OAS, dem extremen französischen Untergrund, der einen blutigen Kampf gegen die Freiheitskämpfer ausführte. Das Ergebnis war, dass praktisch alle Juden mit 1Million Franzosen aus Algerien flohen, als der Tag der Abrechnung kam. Sie gingen nicht nach Israel. Fast alle gingen nach Frankreich (nicht wie die marokkanischen und tunesischen Juden, von denen viele nach Israel kamen. Im Allgemeinen wählten die ärmeren und weniger gebildeten Israel, während die französisch-gebildete Elite nach Frankreich und Kanada ging.)

Was wir jetzt sehen, ist die Fortsetzung dieses Krieges zwischen algerischen Muslimen und Juden auf französischem Boden. Alle vier „französischen“ Juden, die bei dem Angriff getötet wurden, hatten nordafrikanische Namen und wurden in Israel beerdigt.

Nicht ohne Probleme. Die israelische Regierung setzte  die vier Familien unter großen Druck, ihre Söhne hier zu begraben. Siewollten sie in Frankreich, in ihrer Nähe beerdigen. Nach einigem Hin und Her über den Preis der Gräber stimmten die Familien zu.

Man sagt, dass Israelis die Einwanderung lieben, aber nicht die Einwanderer. Das gilt sicher auch für die neuen „französischen“ Immigranten. Während der letzten Jahre sind „französische“ Touristen in großen Scharen hierhergekommen. Sie waren oft nicht beliebt. Besonders wenn sie anfingen, Wohnungen an Tel Avivs Küstenstraße zu kaufen und diese als eine Art Versicherung leer stehen ließen, während junge lokale Leute weder eine Wohnung im Gebiet der Großstadt finden noch sie sich leisten können. Praktisch sind all diese „französischen“ Touristen und Immigranten nordafrikanischen Ursprungs.

WENN SIE gefragt werden, was sie nach Israel treibt, ist ihre einmütige Antwort: Antisemitismus. Das ist kein neues Phänomen. Die Tatsache ist, dass die Mehrheit der Israelis, sie, ihre Eltern oder Großeltern durch Antisemitismus hierher getrieben wurden.

Die beiden Termini – Antisemitismus und Zionismus – entstanden fast zur selben Zeit, gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Theodor Herzl, der Gründer der zionistischen Bewegung, hatte seine Idee, als er in Frankreich als ausländischer Korrespondent einer Wiener Zeitung während der Dreyfus-Affäre arbeitete und bösartiger Antisemitismus in Frankreich neue Höhen erreichte. Antisemitismus ist natürlich ein falscher Begriff. Araber sind auch Semiten) Aber der Terminus wird allgemein gebraucht, und meint nur Judenhasser.)

Später drängte Herzl ausgesprochen antisemitische Führer in Russland und anderswo mit der Bitte um ihre Hilfe und versprach ihnen, sie von den Juden zu  befreien. Dies taten auch seine Nachfolger. 1939 plante der Irgun, eine bewaffnete Invasion Palästinas – mit Hilfe der hochgradig antisemitischen Generäle der polnischen Armee. Man mag sich fragen, ob der Staat Israel 1948 entstanden wäre, wenn es nicht den Holocaust gegeben hätte. Vor kurzer Zeit waren anderthalb Millionen russische Juden vom Antisemitismus nach Israel getrieben worden.

ZIONISMUS ENTSTAND Ende des 19. Jahrhunderts als direkte Antwort auf die Herausforderung des Antisemitismus‘. Nach der Französischen Revolution nahmen alle europäischen Völker die neue nationale Idee auf, ob sie nun groß oder klein waren  – und alle nationalen Bewegungen waren mehr oder weniger antisemitisch.

Der grundlegende Glaube des Zionismus ist der, dass Juden nirgendwo außer im jüdischen Staat leben können, weil der Sieg des Antisemitismus‘ überall unvermeidlich ist. Lassen wir die Juden in Amerika sich ihrer Freiheit und ihres Wohlstandes erfreuen – früher oder später wird dies zu einem Ende kommen. Sie sind zum Scheitern verurteilt wie Juden überall außerhalb Israels.

Die neue antisemitische Gräueltat in Paris bestätigt nur diesen grundsätzlichen Glauben. Es gab  sehr wenig wirkliches Mitgefühl in Israel. Eher ein unterdrücktes Gefühl von Sieg. Die  Reaktion gewöhnlicher Israelis ist: „Wir sagten es euch ja!“ und „Kommt schnell, bevor es zu spät ist!“

ICH HABE meinen arabischen Freunden oft zu erklären versucht: die Antisemiten seien die größten Feinde des palästinensischen Volkes. Die Antisemiten haben die Juden immer nach Palästina getrieben und jetzt tun sie es wieder. Und einige der neuen Immigranten werden sicherlich jenseits der Grünen Linie in den besetzten palästinensischen Gebieten auf gestohlenem Land  siedeln.

Die Tatsache, dass Israel von der Pariser Attacke profitiert, hat einige arabische Medien dahin gebracht, dass sie glauben, die ganze Affäre sei wirklich eine Operation unter „falscher Flagge“. Ergo, in diesem Fall wären die arabischen Täter wirklich vom israelischen Mossad manipuliert worden.

Nach einem Verbrechen fragt man: „Cui bono?“ (Wem nützt es?) Offensichtlich ist der einzige Gewinner dieser Gräueltat Israel. Nun aber den Schluss daraus zu ziehen, dass sich Israel hinter den Jihadisten verbirgt, ist blanker Quatsch.

Die einfache Tatsache ist, dass der ganze islamische Jihadismus auf europäischem Boden nur die Muslime verletzt. Fanatiker aller Richtungen helfen allgemein ihren schlimmsten Feinden. Die drei muslimischen Männer, die in Paris die Gräueltat begingen, haben sicherlich Benjamin Netanjahu einen großen Gefallen getan.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Brillante Isolation

Erstellt von Gast-Autor am 1. Februar 2015

Brillante Isolation

Autor Uri Avnery

FAST  EINTAUSEND israelische Persönlichkeiten haben schon einen  Aufruf an das Europäische Parlament unterschrieben, sie sollten ihre Regierungen bitten, den Staat Palästina anzuerkennen.

Ich  habe die Ehre, unter den Unterzeichnern zu sein, zu denen  frühere Minister und Knesset-Mitglieder, Diplomaten und Generäle, Künstler und Geschäftsleute, Schriftsteller und Dichter gehören, einschließlich der drei  herausragenden Schriftsteller Amos Oz, David Grossman und A.B. Jehoshua.

Wir sind davon überzeugt, dass die Unabhängigkeit des palästinensischen Volkes in ihrem eigenen Staat neben  dem Staat Israel die Basis für Frieden ist und deshalb  für Israel genauso wichtig ist wie für die Palästinenser.  Dies ist übrigens schon seit dem 1948er-Krieg meine feste Überzeugung.

Die extreme Rechte, die Israel während der letzten Jahre beherrscht, ist vom Gegenteil überzeugt. Da sie das ganze Gebiet zwischen  Mittelmeer und  Jordan in den „Nationalstaat des jüdischen Volkes“ verwandeln will, lehnt sie das Errichten eines palästinensischen Staates total ab.

Dies sind dann die Fragen die zur Debatte stehen:

Ein palästinensischer Staat in der Westbank und im Gazastreifen mit Ost-Jerusalem als seiner Hauptstadt, ein israelisch-palästinensischer Friedensvertrag, das Ende der Besatzung, Frieden zwischen Israel und der ganzen arabischen und muslimischen Welt  oder ein Groß-Israel, eine andauernde Besatzung oder Annexion, noch mehr Siedlungen, ethnische Säuberung und  immer wieder Krieg.

Israel muss wählen.

Ebenso  die  Welt.

IN LETZTER Zeit haben mehrere europäische Parlamente  ihre Regierungen aufgerufen, den Staat Palästina anzuerkennen. Wir wollen  zu diesem Prozess ermutigen.

Das portugiesische Parlament tat es am letzten Freitag  und folgte  damit den Parlamenten Großbritanniens, Irlands, Frankreichs und Spaniens. Das  EU-Parlament,  eine Institution mit wachsendem Einfluss und wachsender Macht, hat es auch getan.

Das sind nur Empfehlungen. Aber die Regierung von Schweden hat offiziell den Staat Palästina anerkannt.  Einige irre geführte Geister haben festgestellt, dass dies die erste Anerkennung Palästinas durch ein Land der EU wäre. Das ist völlig falsch: Palästina ist  von folgenden EU-Staaten schon anerkannt worden: Bulgarien, Zypern, die tschechische Republik, Ungarn, Malta, Polen, Rumänien und die Slowakei, sowie  von den europäischen nicht EU-Staaten Albanien, Aserbaijan, Weißrussland, Bosnien & Herzegowina, Georgien, Island, Montenegro, Russland, Serbien, die Türkei und die Ukraine.

Eine ziemlich eindrucksvolle Liste.  Doch ist sie wichtig?

DIE AMERIKANISCHE  Unabhängigkeitserklärung betont die Bedeutung   eines „ordentlichen Respektes für die Meinung der Menschheit“.

Die israelische Unabhängigkeitserklärung enthält diesen Satz nicht, aber ihre ganze Komposition zeigt, dass es ein Versuch ist, der Welt ihre Ziele zu erklären, um die weltweite diplomatische Anerkennung zu bekommen.

Doch David Ben-Gurion, der beim Gründungstreffen  die Erklärung  laut vorgelesen hatte, verkündigte bald danach seine Doktrin: „Es ist nicht wichtig, was die Gojim (Nichtjuden) sagen, wichtig ist, was die Juden tun!“

Stimmt das wirklich?  Zählt die Meinung der Menschheit nicht?

Das war vielleicht vor 150 Jahren wahr, als Benjamin Disraeli kund tat, dass die britische Politik  in „brillanter Isolation“ sei. Ich bezweifle es. Selbst damals war Groß-Britannien tief in europäische Affären  verwickelt, ja auch in die  Affären der Welt.

Seit damals hat sich die Welt zutiefst verändert. Die Regierungen sind  viel demokratischer geworden, die Bildung der Massen hat die Grundlage der öffentlichen Meinung erweitert,  die Mittel der Massenkommunikation, von denen man nicht einmal träumte,  haben Transparenz geschaffen, einige sprechen vom „Weltdorf“.

Die öffentliche Meinung hat einen sehr großen Einfluss auf Politiker in demokratischen Ländern. Ja, selbst in Diktaturen. Wo die öffentliche Meinung den Ton angibt, folgen früher oder später auch die Regierungen. Die öffentlichen  Gefühle werden Regierungspolitik. Dies hat diplomatische, wirtschaftliche und sogar militärische Konsequenzen.

DIE  VEREINTEN NATIONEN sind das ausgewählte Gefäß, um die „Meinung der Menschheit“  zu äußern.

Nach seiner Gründung  kämpfte Israel eine schwere Schlacht der Akzeptanz in der  Weltorganisation. Die Unabhängigkeitserklärung, die Demokratie und Gleichheit für alle Einwohner versprach, spielte eine bedeutende Rolle in diesem Kampf.

Doch Ben Gurion pflegte die UN als UM-Shmum zu bezeichnen (UM ist die hebräische Abkürzung für die Vereinten Nationen, und wenn man noch die Buchstaben Shm hinzufügt, ist es die jiddische Form, die Verachtung ausdrückt.)

Jetzt sind es mehr als 40 Jahre, dass dieser Verachtung vollkommen gerechtfertigt war. Die  israelischen  Führer  verließen sich auf die USA, um jede Resolution des Sicherheitsrates zu blockieren, die die israelische Regierung missbilligte, unabhängig von ihrem Inhalt. Wenn die UN gefragt worden wäre, im Widerspruch zu Israels Wünschen, man solle die zehn Gebote  noch mal  bestätigen, dann hätten die USA ihr Veto ausgesprochen.

Zum ersten Mal in der Geschichte der UN könnte jetzt das Damoklesschwert verschwinden. Die US hat angedeutet, dass sie, falls die israelische  Regierung sich  einem Entwurf des Sicherheitsrates  streng widersetzt, keinen Einspruch erheben werde.

Unglaublich! Kein US-Veto? Das ist, als ob man sagen würde, morgen wird die Sonne nicht aufgehen!

WAS IST  geschehen?

Die einfachste Antwort ist, dass Barack Obama – wie viele andere  – von Benjamin Netanjahu genug hat. Unser Ministerpräsident hat eine Brücke zu viel  abgebrannt.

Er hat den US-Präsidenten immer wieder  gedemütigt. Er hat die Hunde von AIPAC auf ihn losgelassen. Und er hat das Schlimmste getan, was man einem Politiker antun kann: er hat öffentlich dessen Gegner bei den letzten beiden Wahlkampagnen unterstützt.

Die Unterstützung des Minister-Präsidenten für Mitt Romney war einfach skandalös. Netanjahu  folgte den Befehlen seines Besitzers,  des primitiven, aber enorm mächtigen Kasino-Moguls Sheldon Adelson, er half Romney offen und ungeniert. Dafür kreierte und finanzierte Adelson die Jisrael Hayom („Israel Heute“)Tageszeitung, die gratis verteilt wird und nun die am weitesten verbreitete Zeitung im Land ist. Ihre einzige editorische Politik ist, Netanjahu durch Dick und Dünn zu  unterstützen.

Während der letzten US- midterm –Wahlen, unterstützte AIPAC die Republikaner wieder und half ihnen,  den Senat in eine Anti-Obama-Bastion zu verwandeln.

Obama hat sich still verhalten. Aber es würde  übermenschlich gewesen sein, wenn er nicht an Rache gedacht hätte. Er hat  es getan, indem er die Europäer im Geheimen ermutigte, mit ihren pro-palästinensischen Bemühungen fortzufahren. Nun ist er damit in die Öffentlichkeit gekommen. Die US haben verkündigt, dass sie ihr Veto villeicht nicht anwenden werden.

Ein palästinensischer  Entwurf steht auf dem Spiel, für den der Sicherheitsrat einen Ein-Jahres-Termin  gesetzt hat, und zwar für das Ende der Besatzung und die Errichtung eines palästinensischen Staates innerhalb der Grenzen von 1967.

Für  Israelis vom rechten Flügel wäre das nah am  Weltende.

Ein französischer Entwurf steht auch auf dem Spiel; der geht zwar nicht so weit, setzt aber auch eine  Zwei- Jahresgrenze für Friedensverhandlungen.

Diese Entwürfe wären vor einem Jahr  undenkbar gewesen. Sie zeigen Israels  zunehmende Isolation..
KEIN POLITIKER liebt radikale Brüche. Nach 41 Jahren ungebrochener Erfahrung mit amerikanischem Gebrauch des Vetos zu Gunsten Israels (und sonst fast niemand anderem), wäre kein Veto ein revolutionärer Schritt  gewesen. Es könnte eine große Wirkung auf die  US- Innenpolitik haben, einschließlich der nächsten Präsidentenwahlen. Es könnte Hillary Clintons Chancen verletzen (Vielleicht eine zusätzliche Versuchung für Obama.)

Auch  wichtige US-Strategien sind  damit verbunden. Die arabische Welt mag im Chaos stecken, aber sie unterstützt auf diplomatischer Ebene noch immer einmütig die palästinensische Sache. Amerika ist  von der arabischen Teilnahme in der Koalition abhängig, die gegen den „Islamischen Staat“ (ex-ISIS) kämpft. Ein antipalästinensisches Veto in diesem kritischen Augenblick  würde alle arabischen Regierungen verletzen, die sich anschließen wollen. Jordanien zum Beispiel. Saudi Arabien, Ägypten.

John Kerry, armer John Kerry, eilt von einem Treffen zum anderen, um eine Lösung zu finden. Er droht Mahmoud Abbas, seine Finanzmittel zu kürzen. Aber Abbas  sagt ganz richtig, dass er nichts zu verlieren habe – falls er nicht sehr bald Erfolge vorzeigen könne, könnte die Westbank explodieren, und die palästinensische Behörde sich auflösen.

Aus Verzweiflung  flog Netanjahu nach Rom, um dort Kerry persönlich zu treffen. Dort hatte er mit ihm eine stürmische Sitzung. Es scheint so, als ob Kerry nichts versprochen habe. Saeb Erekat  hatte sogar eine noch stürmischere Sitzung mit Kerry mit Schreien und  wütenden Schlägen auf den Tisch.

Ex-Präsident Shimon Peres, zwar nicht mehr im Amt, aber noch immer ein unverbesserlicher Speichellecker kam  Netanjahu zu Hilfe. Er appellierte an den (konvertierten jüdischen)  Außenminister, Laurent Fabius. und bat ihn sehr,  Netanjahu nicht kurz vor den Wahlen zu verletzen.

Zipi Livni, die  vergessen hat, dass sie aus der Regierung  entlassen wurde und jetzt eine Führerin der Opposition ist, telefonierte mit Kerry, um Netanjahu zu unterstützen.  Kerry nahm die Idee auf. Er bat jeden, alles zu tun, um die Sache bis nach Israels Wahlen hinauszuschieben.

Sich in die internen Wahlen eines anderen Landes mischen? Gott bewahre!  Wer würde von solch einem heimtückischen Ding nur träumen?!

DOCH WAS  immer die US  auch tun oder lassen würden, sie werden sich in unsere Wahlen einmischen.

Wenn sie ihr Veto  anwenden, dann ist das eine direkte und offensichtliche Unterstützung des extremen rechten Flügels in Israel. Es würde zeigen, dass Netanjahu  immer recht hatte, dass Amerika  in unserer Tasche steckt, dass Israels Isolierung ein Mythos ist, dass wir weiter tun können, was wir bis jetzt taten: die Besatzung aufrecht erhalten, Siedlungen bauen und alles andere.

Falls die US ihr Veto nicht anwenden und eine propalästinensische Pro-Friedens-Resolution  annehmen,  so würde dies beweisen, dass der linke Flügel recht hat, wenn er behauptet, dass die „Meinung der Welt“ zählt, dass die nicht so brillante Isolation Israels sich zu gefährlichen Proportionen auswächst, dass  ein Regierungs- und Politikwandel dringend nötig ist.

Diese Woche hat Obama eine internationale Bombe geworfen. Nach einer glühenden Feindschaft von 56 Jahren hat er verkündet, dass die Beziehungen zwischen den USA und Kuba wieder aufgenommen werden.

Das zeigt, dass er die ihm verbleibenden zwei Jahre an der Macht, nachdem er nicht wieder gewählt werden kann, ausnützen will, um das zu tun, was er immer wollte, aber Angst hatte, es zu tun. Jetzt kann er den Kongress provozieren und tun was er will.

Er kann jetzt Frieden zwischen Israel und Palästina stiften.

Hoffentlich.

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Das Plebiszit – die Volksabstimmung

Erstellt von Gast-Autor am 18. Januar 2015

Das Plebiszit – die Volksabstimmung

 Autor Uri Avnery

DIE ISRAELIS  haben genug von Benjamin Netanjahu. Sie haben genug von dieser Regierung. Sie haben  genug von diesen politischen Parteien. Sie haben von sich selbst genug. Sie haben einfach genug.

Das ist der Grund für die Auflösung der Regierung in dieser Woche. Sie fiel nicht wegen eines besonderen Grundes. Sicherlich nicht wegen belangloser Angelegenheiten  wie Frieden oder Krieg, Besatzung, Rassismus, Demokratie und ähnlichem Unsinn.

Seltsam genug; denn dies geschah Netanjahu schon früher einmal. Seine erste Regierungszeit löste sich im Jahr 2000 auf, und das ganze Land  atmete hörbar erleichtert auf. Tatsächlich war das allgemeine Gefühl eines der Befreiung, als ob ein fremder Eroberer endlich  vertrieben  worden wäre. Wie im Paris 1944.

Als im Jahr 2000 am Abend nach der Wahl verkündet wurde, Netanjahu sei besiegt worden,  brach Begeisterung aus. Zehntausende Bürger waren außer sich und strömten spontan auf den  Hauptplatz von Tel Aviv, den Rabinplatz, und jubelten dem Retter zu: Ehud Barak, dem Führer der Labor-Partei. Er verkündete das Morgenrot eines neuen Tages.

Leider stellte sich heraus, dass Barak ein Soziopath  und ein Egomane, wenn nicht gar ein Größenwahnsinniger war. Er verpasste bei der Camp-David-Konferenz die Chance des Friedens, und während des Prozesses zerstörte er die israelische Friedensbewegung fast vollkommen. Die Rechte kam zurück – diesmal unter Ariel Sharon. Dann unter Ehud Olmert. Schließlich dann  noch einmal.

Und jetzt wieder?  Gott bewahre!

WARUM  BRACH die Regierung in dieser Woche  zusammen?

Es gab keinen besonderen Grund. Die Minister hatten einfach von einander genug,  und  alle hatten von „Bibi“ die Nase voll.

Die Minister begannen einander und Netanjahu  schlecht zu machen. Der Ministerpräsident selbst beschuldigte seine Minister – einen nach dem anderen – der Inkompetenz und böser Verschwörungstheorien  gegen ihn. In seiner Schlussrede klagte er seinen Finanzminister Yair Lapid des Versagens  an – als ob er, der Ministerpräsident nichts damit zu tun hätte.

Die Öffentlichkeit schaute wie amüsierte oder irritierte Zuschauer zu, als ob sie dieses ganze Durcheinander nichts anginge.

Nun stehen uns neue Wahlen bevor.

In diesem Augenblick sieht es so aus, als wären wir verurteilt, danach eine vierte Netanjahu-Regierung zu haben, noch schlimmer als die dritte, noch rassistischer, noch anti-demokratischer, noch friedensfeindlicher.  Außer dass ….

VOR DREI WOCHEN, als noch keiner  den drohenden Zusammenbruch erwartete, schrieb ich in Ha‘aretz einen Artikel: „Eine nationale Notregierung.“

Mein Argument war, dass die Netanjahu-Regierung das Land in die Katastrophe führen würde. Sie zerstört systematisch alle Chancen für einen Frieden, vergrößert die Siedlungen in der Westbank und besonders in Ost-Jerusalem, schürt das Feuer eines Religionskrieges auf dem Tempelberg,  klagte gleichzeitig Mahmoud Abbas und Hamas an. All dies nach dem überflüssigen Gaza-Krieg, der militärisch unentschieden  und in einer menschlichen Katastrophe endete, die unvermindert bis heute weitergeht.

Gleichzeitig  bombardiert die Regierung die Knesset mit einem nicht endenden Strom rassistischer und anti-demokratischer Gesetzesentwürfe, der eine schlimmer als der vorherige, der in der Gesetzesvorlage gipfelte: „Israel: der Nationalstaat des jüdischen Volkes“. Ausgelöscht wurde der Terminus: „Jüdischer und demokratischer Staat“ wie auch das Wort „Gleichheit“.

Zur selben Zeit streitet sich Netanjahu mit der US-Regierung und beschädigt ernsthaft eine Beziehung, die die Rettungsleine Israels in allen Angelegenheiten ist, während  sich Europa langsam,  aber sicher,  sich Israel gegenüber  mit Sanktionen nähert.

Gleichzeitig vergrößert sich in Israel die soziale Ungleichheit, die schon  enorm ist und sich immer mehr verbreitet; die Preise sind höher als in Europa, das Wohnen fast  unbezahlbar.

Mit dieser Regierung galoppieren wir auf einen  rassistischen Apartheidstaat zu, in Israel selbst und in den besetzten Gebieten  und eilen  in Richtung einer Katastrophe.

IN DIESER Notlage  – schrieb ich –  können wir  uns die übliche Kabbelei der kleinen linken  Parteien und den Parteien der Mitte  nicht leisten; keine  gefährdet die rechte Koalition, die an der Macht ist.

In einer nationalen Notlage benötigen wir Notmaßnahmen.

Wir müssen einen vereinigten Wahlblock aller Parteien der Mitte und des linken Flügels schaffen und keinen außerhalb lassen, ja wenn möglich, die arabischen Parteien einschließen.

ICH WEISS, dies ist eine Herkules-Aufgabe. Es gibt sehr große ideologische Unterschiede zwischen diesen Parteien, ganz zu schweigen von Partei-Interessen und dem Egoismus der Führer, die in gewöhnlichen Zeiten schon eine sehr große Rolle spielen. Aber wir leben in außergewöhnlichen Zeiten.

Ich schlug nicht vor, dass sich die Parteien auflösen  und  sich in einer großen Partei vereinigen sollten. Ich fürchte, dies ist zu diesem Zeitpunkt unmöglich. Es ist mindestens zu früh. Was vorgeschlagen wird, wäre ein vorübergehender  Wahlblock, die sich auf eine generelle Plattform  des Friedens, der Demokratie, Gleichheit und  sozialen Gerechtigkeit gründet.

Wenn die arabischen, politischen Kräfte sich dieser Verbindung anschließen könnten, wäre das wunderbar. Wenn die Zeit noch nicht reif dazu ist, sollten die arabischen Bürger einen parallelen  vereinigten Block schaffen, der mit dem jüdischen verbunden wird.

Der erklärte Zweck des  Blocks sollte dem katastrophalen Treiben des Landes  in den Abgrund  ein Ende setzen und nicht nur Netanjahu   vertreiben, sondern die ganze Bande von Siedlern, nationalistischen und rassistischen Demagogen, Kriegstreibern und religiösen Zeloten.  Es sollte alle Sektoren der israelischen Gesellschaft, Frauen und Männer, Juden und Araber, Orientalen und Aschkenasim, Säkulare und Religiöse, russische und äthiopische Immigranten ansprechen. Al jene, die  um die Zukunft Israels   Sorge tragen und entschlossen sind, sie zu retten.

Der Aufruf sollte zuerst  allen existierenden Parteien zukommen – der Labor-Partei und der Meretz. Yair Lapids „Es gibt eine Zukunft“-Partei und Zipi Livnis „Die Bewegung“, als auch der neuen werdenden Partei von Moshe Kalton, der kommunistischen Hadash und den arabischen Parteien. Es sollte auch  um Unterstützung aller Friedens- und Menschenrechtsorganisationen gebeten werden.

In den politischen Annalen Israels gibt es ein Beispiel. Als Ariel Sharon  1973 die Armee verließ (nachdem seine Kollegen beschlossen hatten, ihm nie zu erlauben, Stabschef zu werden), schuf er den Likud, indem er sich mit Menachem Begins Freiheitspartei, mit den Liberalen und zwei Splitterparteien vereinigte.

Ich fragte ihn, welchen Sinn dies hat. Die Freiheitspartei und die Liberalen waren schon  in einer Knessetfraktion verbunden, und die zwei winzigen Parteien  waren    zum Scheitern verurteilt.

„Du verstehst nichts“, antwortete  er. „Das Wichtige ist, die  Wähler zu überzeugen, dass der ganze rechte Flügel jetzt vereinigt ist und keiner außerhalb ist“.

Begin war keineswegs begeistert. Aber starker öffentlicher Druck war auf ihn ausgeübt worden, und so wurde er der Führer. Nach acht  Wahlniederlagen wurde er 1977 Ministerpräsident.

HAT  JETZT ein Mitte-Links-Bündnis eine Chance für Erfolg? Ich bin sehr davon überzeugt, dass es diese hat.

Eine große Anzahl von Israelis, jüdische und arabische, sind wegen der politischen Situation  verzweifelt. Sie verachten alle Politiker und Parteien; sie sehen nur noch Korruption, Zynismus und Eigeninteressen. Andere sind davon überzeugt, der Sieg des rechten Flügels sei unvermeidbar. Das herrschende Gefühl ist Fatalismus, Apathie  und Können-wir-noch- etwas-tun?

Eine große neue Verbindung  trägt die Botschaft: Ja, wir können. Alle zusammen können wir den Karren anhalten und umdrehen, bevor er den Abgrund erreicht. Wir können die Danebenstehenden in Aktivisten  verwandeln. Wir können  Nichtwähler  zu Wählern machen. Massen von ihnen.

ES BLEIBT nun noch die Frage, wer wird die Nummer 1 auf der vereinten Wählerliste sein? Dies ist ein riesiges Problem. Politiker haben ein starkes Ichgefühl. Keiner/keine von ihnen wird seine oder ihre Ambitionen aufgeben. Ich weiß es. Ich bin dreimal in meinem Leben da durch gegangen und musste mit meinem eigenen Ego kämpfen.

Die Persönlichkeit der Nummer 1 hat einen unverhältnismäßigen Einfluss auf die wählende  Öffentlichkeit.

Lasst uns gestehen: im Augenblick gibt es keine hervorragende Persönlichkeit, die die natürliche Wahl sein könnte.

Eine einfache und demokratische Art und Weise wäre,  einer offiziellen Meinungs-umfrage den Vorrang zu geben. Lasst den Populärsten gewinnen.

Eine andere Methode wäre, eine allgemeine Vorwahl abzuhalten. Jeder der erklärt, dass er für die Liste stimmt, wird einen Stimmzettel  abgeben. Es gibt auch andere Möglichkeiten. Es würde eine Tragödie von historischen Ausmaßen  sein, falls kleinkarierter Ehrgeiz zum Misslingen führen würde.

IN DEN letzten paar Tagen sind gleichlautende und ähnliche Aufrufe veröffentlicht worden. Es gibt ein wachsendes Verlangen nach einer vereinigten Nationalen Rettungsfront.

Damit diese Vision wahr wird, ist öffentlicher Druck nötig. Wir müssen das Zögern und Zaudern der Politiker überwinden.  Wir  brauchen einen ständigen Strom öffentlicher Forderungen, Petitionen von  wohl bekannten und respektierten kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Persönlichkeiten als auch  von Bürgern aus allen Schichten.  Hunderte, Tausende .

Diese  kommenden Wahlen müssen in eine nationale Volksabstimmung  verwandelt werden,  eine  klare Wahl  zwischen zwei sehr verschiedenen israelischen Staaten:

Ein rassistisches Israel  der Ungleichheit, in einen endlosen Krieg verwickelt  und ein weiter zunehmendes Subjekt unter der Herrschaft der orthodoxen Rabbiner.

Oder ein demokratisches Israel, das Frieden mit Palästina und der ganzen arabischen und muslimischen Welt und Gleichheit zwischen allen Bürgern  sucht, unabhängig von Geschlecht, Nation, Sprache  und Gemeinschaft.

Bei solch einem Wettbewerb – davon bin ich überzeugt – werden wir gewinnen.

(Aus dem Englischen:  Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Kommt ISIS

Erstellt von Gast-Autor am 28. Dezember 2014

Kommt ISIS

Autor Uri Avnery

FALLS ISIS sich in dieser  Woche Israels Grenzen genähert hätte, niemand hätte es bemerkt. Israel war  von einem Justizdrama gefesselt.

Im Jerusalemer Distrikt-Gericht stand der frühere Ministerpräsident Ehud Olmert seiner  ehemaligen Sekretärin, Schula Saken, gegenüber. Keiner konnte  seine Augen von ihnen abwenden. Es war der Stoff, aus dem die Fernseh-Seifenopern gemacht sind.

SCHULA WAR ein 17jähriges  Jerusalemer Mädchen, als sie Ehud das erste Mal traf. Er war ein  junger Advokat, sie war eine neue Sekretärin im selben Büro.

Seitdem, seit mehr als 40 Jahren, war Schula Ehuds Schatten, eine sehr treue Sekretärin, die ihrem ehrgeizigen  Chef von Station zu Station folgte – Bürgermeister von Jerusalem,  dann israelischer  Handelsminister und schließlich Ministerpräsident. Sie war seine engste Mitarbeiterin, seine Vertraute, alles.

Und dann ging alles in die Luft. Olmert wurde verschiedener großer Korruptionsaffären angeklagt und wurde gezwungen, zurückzutreten. Seit Jahren  ist er jetzt wie ein festes Inventar in den Gerichtsräumen und  beim TV  Justizberichte geworden. Schula Saken, jetzt 57 Jahre alt. eher eine  beleibte, beherzte Matrone, ist seine Mit-Angeklagte. Sie unterstützte ihn durch dick und dünn, bis er in seiner Zeugenaussage alle Schuld auf sie legte. Schula wurde für 11 Monate ins Gefängnis gesteckt. Ehud wurde (wieder)  entlassen.

Dies war der Wendepunkt. Es stellte sich heraus, dass die treue Sekretärin jahrelang die privaten Gespräche ihres Chefs mit ihr aufgenommen hatte.  Sie behauptet, dass sie nicht leben könne, ohne jederzeit seine Stimme zu hören. Andere  sahen darin eine Art Lebensversicherung.

Und tatsächlich nachdem Schula in dieser Woche ein  Abkommen mit der Anklagevertretung  gemacht hatte, hörte sich das Gericht eine ganze Menge von Aufnahmen an, die Olmert für Jahre ins Gefängnis bringen können.

Das Drama zwischen den beiden Personen war unwiderstehlich. Es   stand vor allen anderen Nachrichten und wischte fast alles andere vom Tisch. Aber wenige beschäftigten sich mit der realen Bedeutung der Affäre.

Die Berichte zeigten auf der höchsten Ebene der Regierung  eine völlig von Korruption durchzogene Atmosphäre.  Große  Bestechungssummen kursierten  als Selbstverständlichkeit. Die Beziehung zwischen den Magnaten und dem Ministerpräsident war so intim, dass Olmert  jeden Magnat per Telefon bitten konnte, Zehntausende Dollar an seine Sekretärin zu zahlen  für sein persönliches Luxusleben  und dann für ihr Schweigen.

Die Berichte zeigen nicht, was die Ultrareichen dafür bekamen. Man kann nur raten.

Es sieht so aus, als ob dieselbe Symbiose zwischen den Spitzenpolitikern und den  „Wealthies“, (das amerikanische Synonym für „stinkreich“) in den USA herrscht. Auch in dieser Hinsicht wächst die Ähnlichkeit der beiden Länder. Wir haben tatsächlich gemeinsame Werte – die Werte der winzigen Gruppe von Plutokraten, die die Spitzenpolitiker in beiden Ländern beschäftigen.

WÄHREND JEDER  auf die Gerichts-Szenen starrte,  wer beobachtete, was sich jenseits unserer Grenzen ereignete?

Vor etwa 2400 Jahren  waren die Gallier dabei, einen nächtlichen  Überraschungsangriff  auf Rom zu starten. Die Stadt wurde von den Gänsen  des Tempels auf dem Kapitolhügel gerettet; sie machten einen solchen Lärm mit ihrem Geschnatter, dass die Bevölkerung bei Zeiten aufwachte.

Wir haben keinen Tempel und keine Gänse, die uns warnen könnten, nur einige Nachrichtendienste mit einer gleichbleibenden  Höchstleistung von Misserfolgen.

ISIS  ist weit weg. Laut Netanjahu haben wir  Feinde in Hülle und Fülle, die viel näher sind: Hamas, Mamoud Abbas, „die Palästinenser“, „die Araber“, Hisbollah und  irgendwo  in der Ferne „die Bombe“ (d.h. im Iran).

Meiner Meinung nach, ist keiner davon eine existentielle Gefahr für uns. ISIS ist es.

WIE ICH schon früher sagte, soll ISIS („der islamische Staat“)  keine militärische Gefahr darstellen. Die gegenwärtigen und vorherigen Generäle, die Israels Politik gestalten, können nur lachen, wenn diese Gefahr erwähnt wird. Ein paar zehntausend leicht bewaffnete Kämpfer gegen das riesige israelische  militärische Establishment Israels?  Lächeln, wenn diese Gefahr  erwähnt wird.

In der Tat, so ist es. In militärischer Sprache.

Die Israelis sind wie die Amerikaner praktische Leute. Sie erkennen die Macht der Ideen nicht an. Sie denken wie Stalin, der,  als er vor dem Papst gewarnt wurde, fragte: „Wie viele Divisionen  hat er?“

Es sind Ideen, die die Welt verändern. Wie jene des legendären Moses. Oder Jesus von Nazareth. Oder Mohammed. Oder Karl Marx. Wie viele Divisionen hatte Lenin, als er durch Deutschland in einem versiegelten Zug fuhr?

ISIS hat eine Idee, die über die Region hinweg sausen kann:  das tun, was Mohammed tat, das Kalifat wieder herzustellen, das von Spanien bis Indien herrschte, die künstlichen Grenzen wegzufegen, die die islamische Welt teilen, die erbärmlichen und korrupten arabischen Herrscher zu vertreiben, die Ungläubigen (einschließlich uns) zu  vernichten.

Für Millionen und Aber-millionen junger Muslime in ihren kraftlosen und verarmten erfolglosen  Staaten ist dies eine Idee, die ihren Rücken aufrichtet und ihre Brust schwellen lässt.

Ideen können nicht von Spionage-Drohnen  geknackt werden. Sie können nicht aus schweren Bombern vernichtet werden. Die amerikanische Überzeugung, dass man historische Probleme  durch Bombenangriffe lösen könne, ist eine primitive Illusion.

ES IST eine alte israelische Beschwerde, dass,  wann immer irgendetwas in unserer Region falsch läuft, Israel die Schuld gegeben wird. Denke an Sabra und Shatila.  Wie unser damaliger Stabschef erklärte: „Goyim töten Goyim, und den Juden wird die Schuld gegeben“.

Noch einmal. ISIS hat nichts mit uns zu tun. Es ist eine rein islamische Angelegenheit.  Aber viele Leute geben Israel die Schuld.

Doch dieses Mal ist die Vorwurf  nicht ohne Grund. Israel betrachtet  sich selbst als eine Insel in der Region, die berühmte „Villa im Dschungel“.  Doch das ist Wunschdenken. Israel liegt mitten in der Region – und ob wir es akzeptieren oder nicht: alles, was wir tun oder nicht tun, hat einen riesigen Einfluss auf  alle Länder rings um uns.

ISIS‘ erstaunliche Erfolge sind eine direkte Folge der allgemeinen Frustration und Demütigung, der sich eine neue arabische Generation  durch unsere militärische Überlegenheit gegenüber sieht. Die Unterdrückung der Palästinenser wird von jedem in der arabischen Welt gefühlt.

(Gestern sah ich zufällig im Fernsehen einen alten Saudi-Film über eine  Schülerin , die von ihrer Lehrerin dafür bestraft wurde, weil sie Fahrrad gefahren ist. Die Strafe war eine Geldstrafe „für unsere palästinensischen Brüder“.  Der Film hatte absolut nichts mit Palästina zu tun).

FALLS ISRAEL nicht existieren würde,  müsste ISIS  es erfinden.

In der Tat könnte jemand mit einer Wahnvostellung für  Verschwörungstheorien zu der Überzeugung gelangen, dass Benjamin Netanjahu und seine Lakaien geheime ISIS-Agenten seien. Gibt es eine andere vernünftige Erklärung für ihr Tun?

Es ist eine der Hauptgrundsätze von ISIS, dass der Kampf gegen Israel ein Religionskrieg sei, in dessen Zentrum  die Heiligen Stätten in Jerusalem sind.

Seit Monaten  hat eine Gruppe  jüdischer Zeloten in Jerusalem einen Sturm entfacht, in dem sie sich für den Bau eines dritten Tempels an Stelle der beiden islamischen heiligen  Bauten einsetzen, den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee. Diese Gruppe wird toleriert und sogar von der Polizei und der Regierung gefördert – und schafft tägliche Nachrichten.

Die heiligen Stätten (oder der „Tempelberg“) ist eine der sensibelsten Orte auf der Welt. Welcher vernünftige Mensch würde den Status Quo umstürzen und Juden erlauben, dort zu beten, und den politischen Konflikt in einen religiösen verwandeln, gerade wie es ISIS wünscht?

In diesen Tagen sind im annektierten Ost-Jerusalem täglich gewalttätige  Proteste. Die Regierung  hat gerade ein Gesetz verabschiedet, das erlaubt, Steine werfende palästinensische Teenagers müssen für neun Jahre ins Gefängnis. Das ist kein Tipfehler: Jahre, nicht Monate.

Der letzte  Gaza-Krieg hat die Gefühle in der ganzen arabischen Welt erregt. Die menschlichen und materiellen Verluste, an denen die palästinensische Bevölkerung litt, bleibt immens, wie auch die Wut in der ganzen Region. Wer gewinnt? ISIS.

Und so weiter. Ein ständiger Strom von Taten und Untaten bestimmt, dass die Palästinenser, alle Araber und die ganze muslimische Welt  sich aufregen. Nahrung für ISIS-Propaganda.

WARUM, UM Gottes willen, tun unsere Politiker dies? Weil sie  nur Politiker sind. Ihr einziges Interesse liegt  darin, die nächsten Wahlen zu gewinnen, die früher kommen könnten, als es das Gesetz fordert. Die Araber unten zu halten, ist  gängig. Und die traditionelle Verachtung für alles Arabische macht sie blind  für die ernsten Gefahren, die vor uns liegen.

ISIS mag der Beginn einer neuen Ära in unserer Region sein. Eine neue Ära macht eine neue Bewertung der Realität nötig. Die gestrigen Feinde werden die Freunde von heute und die Verbündeten von Morgen werden. Oder umgekehrt.

FALLS ISIS  jetzt  die vorrangig existentielle Gefahr für uns ist, müssen wir unsere Politik umfassend neu  beurteilen.

Nehmen wir die arabische Friedensinitiative. Seit Jahren  hat sie herumgelegen, wie ein weggeworfenes  Butterbrot-Papier.  Sie sagt, dass die ganze arabische Welt bereit sei, Israel anzuerkennen und normale Beziehungen mit ihm knüpfe, als Gegenleistung  für das Ende der Besatzung und  ein umfassendes israelisch-palästinensisches Friedensabkommen. Unsere Regierung hat nicht einmal darauf  geantwortet. Die Besatzung und die Siedlungen sind wichtiger.

Hat das Sinn?  Frieden mit Palästina auf der Basis einer panarabischen Initiative würde viel Wind aus den ISIS-Segeln nehmen.

Wenn ISIS jetzt unser Hauptfeind ist, werden die vorgestrigen Feinde  mögliche Verbündete. Selbst der widerwärtige Bashar al Assad. Zweifellos der Iran, Hisbollah und die Hamas. Israel muss seine Einstellung gegenüber all diesen neu überdenken.

Als die mongolische Invasion  1258 den Irak zerstörte und drohte, die ganze Region zu erobern, öffnete der Kreuzfahrerstaat seine Tore   und ließ die muslimische Armee passieren und nach  Ein Jalud im Jesreeltal marschieren, wo sie die Mongolen  in einer Schlacht vernichteten, was die Geschichte veränderte.

NUR EIN Israel, das mit Palästina Frieden schließt, kann sich einer neuen regionalen Ausrichtung anschließen, um ISIS gegenüber zu treten, bevor es die ganze Region verschlingt. Dies ist eine Sache des Überlebens.

Ein großer israelischer Staatsmann würde die historische Herausforderung  und die historische Gelegenheit wahrnehmen – und sie ergreifen. Leider ist kein großer israelischer Staatsmann in Sicht. Nur die kleinen Netanjahus, die nun mit der Geschichte von Ehud und Schula vernietet sind.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Hühnerkot

Erstellt von Gast-Autor am 21. Dezember 2014

Hühnerkot

Autor Uri Avnery

WENN EIN  hochrangiger  Regierungsbeamter eines Landes den Führer eines anderen Landes  „Chickenshit“ (Hühnerscheiße) nennt, könnte vermutet werden, dass die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nicht zum Besten stehen. Tatsächlich könnten sie irgendwie weniger als  herzlich angesehen werden.

In dieser Woche geschah es. Ein  ungenannter sehr hochrangiger US-Beamter sagte dies in einem Interview mit dem geachteten amerikanischen Journalisten, der den sehr jüdischen Namen Jeffrey Goldberg trägt.

Kein hochrangiger Funktionär würde solch einen Ausdruck  ohne die ausdrückliche Genehmigung des Präsidenten der USA veröffentlichen.

Die Geschichte hat viele seltsame Beziehungen zwischen Nationen gesehen. Aber ich wage zu behaupten, dass keine seltsamer ist, als die bestehende zwischen Israel und den USA.

Oberflächlich gesehen, könnten keine zwei Staaten  einander näher sein. Nur ein kleineres Beispiel: An dem Tag, an dem  die  denkwürdige „Chickenshit“-Bemerkung Schlagzeilen machte, nahm die UN-Generalversammlung eine Resolution an, die die USA aufruft, das 50Jährige Embargo Kubas zu beenden. 188 Länder, einschließlich des ganzen Spektrums der EU- und der Nato-Länder stimmten zu. Zwei Staaten stimmten dagegen: Die US und Israel.

Zwei Länder gegen die ganze Welt? Nein, nicht ganz. Mikronesien, Palau und die Marschall-Inseln enthielten sich (Diese drei mächtigen Inselnationen unterstützen gewöhnlich auch Israel, obwohl wenige Israelis  (und Deutsche) sie auf einer Karte im Atlas finden könnten.)

Während der Jahre stand Israel bei Hunderten von UN-Abstimmungen loyal zu den US und umgekehrt. Eine unerschütterliche Allianz – so schien es. Und jetzt  nennen sie unsern tapferen Ministerpräsidenten „Chickenshit“?

DER REGIERUNGSVERTRETER gründete seine unhöfliche Bemerkung  auf Benjamin Netanjahus Abneigung, den Iran zu bombardieren, wie wiederholt gedroht,  als auch  auf Netanjahus  fehlende Bereitschaft, mit den Palästinensern Frieden zu schließen.

Die erste Anklage ist unbegründet, da Netanjahu nie ernsthaft daran dachte, den Iran anzugreifen. Einige meiner Leser mögen sich daran erinnern, dass ich vom ersten Tag an ihnen versicherte, dass solch ein Angriff nicht geschehen würde – ohne mir im Falle ich hätte nicht recht, ein Hintertürchen offen zu lassen. Ich wusste, dass solch ein Angriff völlig außer Frage steht. Und  nicht nur, weil das ganze israelische Verteidigungsestablishment dagegen war.

Die zweite Anklage ist sogar noch grundloser. Netanjahu drückte sich davor, Frieden zu schließen. Dies würde voraussetzen, dass er an erster Stelle Frieden wünscht. Falls die Amerikaner wirklich so glauben, sollten sie ein paar gute Artikel lesen,  (speziell die meinigen).

Netanjahu hat nie nur einen Moment lang die Idee, Frieden zu schließen, in Erwägung gezogen. Seine ganze Erziehung   schließt dies völlig aus. Sein verstorbener Vater Ben –Zion war ein so extremer und unbeugsamer Nationalist, dass  verglichen mit  ihm,  Vladimir Jabotinsky, der  Führer der Zionisten vom Rechten Flügel,  wie ein linker Pazifist aussah.

Jedes Wort, das Benjamin Netanjahu jemals zu Gunsten von Frieden und der Zwei-Staaten-Lösung äußerte, war eine glatte Lüge.  Einen palästinensischen Staat anzuerkennen, ist für ihn  so, als wäre der Oberrabbiner  damit einverstanden, an Jom Kippur Schweinefleisch zu essen.

Jeder amerikanische Diplomat, der das nicht weiß, sollte sofort nach Mikronesien (oder Palau)  versetzt werden.

SEIT KURZEM scheint es,  tue Netanjahu alles, was in seiner Macht steht, um einen Streit mit der US-Regierung zu provozieren.

Auf den ersten Blick sieht es  wie ein Akt des Wahnsinns aus – ein so gefährlicher Akt, dass jeder  kompetente Psychiater ihn in die geschlossene Abteilung   einer Irrenanstalt  geben würde.

Israel ist von den US total abhängig  — nicht 99%ig, sondern 100%ig.  An genau demselben Tag an dem die „Chickenshit“-Äußerung veröffentlicht wurde, waren die US damit einverstanden,  Israel eine zweite Schwadron von F-35-Kampfflugzeugen zu verkaufen, und zwar nach dem Verkauf des ersten von 19 Flugzeugen ( das   etwa 2,35 Milliarden kostet) Das Geld kommt vom jährlichen Tribut, den die US Israel  zahlen.

Ohne das automatische US-Veto auf jede UN-Sicherheitsrat-Resolution, die nicht von der israelischen Regierung gebilligt  wurde, hätte es längst schon einen Staat Palästina als   anerkanntes Mitglied der UN gegeben. Ein großer Grundpfeiler unserer ausländischen Beziehungen gründet sich auf den Glauben vieler Länder: um den Zugang zu den Vergünstigungen des US-Kongresses  zu gewinnen, müssen sie zuerst den Torhüter bestechen –Israel. und so fort ….

Buchstäblich ist jeder Israeli davon überzeugt, unsere Beziehungen mit den US seien wie die Lebensadern des Staates. Falls es da überhaupt etwas gibt, das Israelis aller Altersstufen, Gemeinschaften, Glauben und politischer Orientierungen eint, so ist es diese Überzeugung.

Wie kommt es dann, dass unser Ministerpräsident in einem  full-time-job daran arbeitet, die Beziehungen zwischen den beiden Regierungen zu zerstören?

Als  unser Verteidigungsminister Moshe Yaalon in dieser Woche Washington DC  besuchte, wurden alle seine Anfragen, US-Kabinett-Minister und andere hohe Amtspersonen zu treffen, kategorisch abgelehnt – außer  einem Treffen mit seinem Kollegen Chuck Hagel, der nicht  gut absagen konnte. Es war  eine noch nie da gewesene, offene Beleidigung.

Yaalon, ein früherer Stabschef der Armee, wird nicht gerade als ein Genie angesehen. Einige glauben, dass es besser gewesen wäre, wenn er in seinem früheren Beruf geblieben wäre – in einem Kibbuz als Kuhmelker. Als er erklärte, dass John Kerry bei seinen Bemühungen, Frieden zwischen Israel und Palästina zu erreichen,  an einem „zwanghaften Messianismus“ litt, waren Kerry und Präsident Barack Obama zutiefst beleidigt.

Aber solche Äußerungen  sind von israelischen Kabinettsministern  schon Routine geworden.  Das trifft   auf die scharfen Widerlegungen des offiziellen US-Sprechers und der Sprecherin zu. Diese werden von der israelischen Öffentlichkeit ignoriert.

BENJAMIN NETANJAHU ist kein Tor. „Chickenshit“ oder nicht,  ungleich Yaalon  wird er als gewieft und intelligent angesehen. Was tut er also?

In diesem seinem Wahnsinn liegt Methode.

Netanjahu wuchs in den US auf. Als sein Vater von der israelischen Akademie boykottiert wurde,, weil sie sich weigerte, ihn als Historiker ernst zu nehmen,  zog die Familie in einen Vorort von Philadelphia. Benjamin war stolz darauf, dass er intime Kenntnisse der US hat.

Wie denkt er darüber?

Er weiß, Israel kontrolliert den US-Kongress. Kein amerikanischer Politiker könnte möglicherweise wieder gewählt werden, wenn er nur die leiseste Andeutung von Kritik am „Jüdischen Staat“ übte. AIPAC, die mächtigste Lobby in Washington (außer der Nationalen  Rifle-Vereinigung), achtet darauf. Den mächtigen Einfluss, den die jüdische Lobby auf die Medien hat, ist eine weitere Garantie.

Nach Netanjahus Sicht wird der Präsident bei jeder Konfrontation zwischen dem Kongress und dem Weißen Haus  wegen Israel verlieren. Man muss also nichts fürchten.

NETANJAHU  spielt mit all dem Kapital Israels im  großen Kasino, USA genannt, in der Tat Roulette. Vielleicht ist er von seinem Mentor und Beschützer, dem Casino-Zar Sheldon Adelson, angesteckt worden; der hat eine Hand, Israels Politik in die der US zu führen.

(Es war Adelson, der den israelischen Botschafter in Washington ernannte: Ron Dremer, ein prominenter Aktivist der republikanischen Partei, de vom Weißen Haus verabscheut wird.)

Um die Größe  von Netanjahus Spiel  mit uns als  Chips einzuschätzen, muss man sich ein Bild vom Zustand der Union machen.

Die USA sind jetzt eine nicht funktionierende Demokratie.

In einer normalen Demokratie – nehmen wir das UK oder Deutschland – gibt es zwei zentrale Parteien oder Parteikoalitionen, die einander gegenüber stehen. Sie gehören beide dem „Mainstream“ an, und die Unterschiede zwischen ihnen sind gering. Sie haben ohne viel Aufhebens von Zeit zu Zeit Erfolg. Die  Bewohner merken es kaum.

Nicht in den US. Nicht mehr.

Die amerikanische Öffentlichkeit ist jetzt tief in zwei Lager geteilt, die einander aus tiefstem Herzen  (wenn sie eines haben) hassen. Dieser Hass ist abgrundtief. Die eine ist die Partei der Superreichen, die ihre Privilegien verteidigen; die andern gehören zu den   moderat Reichen, die ihren eigenen Interessen dienen.

Die Ideologien   der  zwei Lager sind   diametral entgegen gesetzt. Deshalb können sie praktisch  fast nie miteinander übereinstimmen. Alles, was die Demokraten tun, wird  von den Republikanern fast als Verrat angesehen;  allem, dem die Republikaner zustimmen, wird von den Demokraten als stupide, wenn nicht gar als verrückt angesehen.

Die Republikaner, die den Kongress kontrollieren  (und womöglich in ein paar Tagen noch mehr) sind dabei, die Regierung  unbeweglich zu machen. Einmal  hielten sie sogar alle  föderalen Zahlungen fest,  und  machten so das Regieren des Staates unmöglich.  Eine konsequente gemeinsame Außenpolitik kommt nicht in  Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob die Situation am Vorabend des großen Bürgerkrieges noch viel schlimmer war.

IN DIESE verrückte Situation ist Netanjahu gesprungen. Er hat all seine Chips (uns) auf die Republikaner gesetzt.

Während der letzten Präsidentschaftswahlen, hat er fast offen Mitt Romney, den Opponenten von Obama unterstützt, und so der gegenwärtigen Regierung praktisch den Krieg erklärt. Die radikalen Anti-Obama-Äußerungen, der israelische Politiker   nun in den USA  verwendet – und zwar von den republikanischen Kandidaten gegen ihre demokratischen Gegner.

Die Demokraten machen  gewaltige Anstrengungen, die jüdischen Wähler und Spender durch Schmeicheleien zu Gunsten Israels  und jeden und jede Aktion der israelischen Regierung in höchsten Tönen zu  unterstützen – jetzt und in alle Ewigkeit. Egal was  sein mag. Unbeabsichtigt  stechen sie ein Messer in den Rücken der israelischen Friedenskräfte, indem sie  so den Kampf für Frieden  noch  viel schwieriger machen.

Aber selbst wenn sie bei den Zwischenwahlen nächste Woche  das Unterhaus und den Senat dem israelischen Rechten Flügel noch unterwürfiger machen,  Obama  wird noch zwei Jahre lang im Amt sein. Auf jeden Fall braucht er keine Wahlen mehr zu fürchten. Er wird freier sein als vorher, um Netanjahu klein zu machen.

Ich wünschte, er würde dies tun. Aber ich hege nicht zu viel Hoffnung. Selbst als lahme Ente muss er noch die Interessen des nächsten demokratischen Kandidaten für das Weiße Haus berücksichtigen.

OBAMA KÖNNTE  noch eine Menge für den Frieden zwischen Israel und Palästina tun, einen Frieden, unterstützt vom ganzen pro-amerikanisch-arabischen Block – etwas, das klar im US-nationalen Interesse wäre und  nicht weniger in unserm Interesse.

Aber dafür ist Mut nötig, und – ja – ein bisschen mehr   zwanghaften  Messianismus.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Zwei Reden

Erstellt von Gast-Autor am 30. November 2014

Zwei Reden

WENN ICH zwischen den beiden rhetorischen Gladiatoren wählen könnte, würde ich lieber Mahmud Abbas als Vertreter Israels wählen und Netanjahu die andere Seite vertreten lassen.

Abbas stand fast bewegungslos  da und las seine Rede (auf Arabisch) mit ruhiger Würde.  Ohne effekthaschende Gags.

Netanjahu benützte alle Tricks, die man in Grundkursen für öffentliches Reden lernt. Er bewegte sein Gesicht regelmäßig von links nach rechts und zurück, streckte seine Arme aus,  erhob und senkte Überzeugung heischend seine Stimme. An einer Stelle brachte er die  erforderliche  visuelle Überraschung. Das letzte Mal war es die kindische Zeichnung einer phantasierten iranischen Atombombe; dieses Mal war es ein Foto von palästinensischen Kindern in Gaza, die neben einem Raketenwerfer spielen.

(Netanjahu  pflegte einen Vorrat von Fotos  mit sich  zu tragen, um sie zu zeigen – ISIS – Enthauptungen  und Ähnliches  – eher wie ein Vertreter, der Beispiele seiner Angebote mit sich herumträgt.)

Alles ein bisschen zu glatt, zu raffiniert, zu aufrichtig wie der Möbelhändler, der er einmal war.

Beide Reden wurden bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen gehalten. Abbas sprach vor zwei Wochen. Netanjahu in dieser Woche. Wegen der jüdischen Feiertage kam er  spät – wie die Person, die zur Party kommt, nachdem schon alle wichtigen Gäste gegangen  sind.

Die Halle war halb leer, das spärliche  Publikum bestand aus jungen Diplomaten, die gesandt waren, um die Präsenz ihrer Regierung zu demonstrieren. Sie waren offensichtlich  gelangweilt.

Den Applaus  lieferte die aufgeblasene israelische Delegation in der Halle und die zionistischen Würdenträger und  Un-Würdenträger saßen auf der Galerie, vom Casino-Mogul Sheldon Adelson angeführt. (Nach der Rede nahm Adelson Netanjahu in ein teures nicht koscheres Restaurant mit. Die Polizei blockierte die Straßen dorthin. Aber Adelson kritisierte öffentlich die Rede als zu moderat.)

Doch ging es nicht darum. Man macht in der Vollversammlung nicht viele Worte, um ihre Mitglieder zu überzeugen. Man spricht dort für seine Zuhörerschaft zu Hause. Netanjahu tat es und Abbas auch.

DIE REDE von Abas war  ein Widerspruch zwischen Form und  Inhalt: eine sehr moderate Rede in  sehr extremer Sprache.

Sie war so klar an das palästinensische Volk adressiert, das  über das Töten und die Zerstörung im Gaza-Krieg noch  vor Zorn kochte. Dies führte Abbas dazu, eine sehr starke Sprache zu verwenden – als wolle er  seinen Hauptzweck vereiteln: den Frieden zu fördern. Er benützte das Wort „Genozid“  – nicht ein- sondern dreimal.  Das war eine Fundgrube für die israelische Propaganda-Maschine und wurde  sofort als die „Genozid-Rede“ bekannt.

Während des Gaza-Krieges wurden mehr als 2000 Palästinenser getötet, meistens Zivilisten,  viele von ihnen Kinder (501), fast alle durch Bombenangriffe vom Land, aus der Luft und vom Meer, Das war brutal, ja, sogar grauenhaft, aber es war kein Genozid. Ein Genozid ist eine  Sache von Hunderttausenden, Millionen, Auschwitz, die Armenier, Ruanda, Kambodscha.

Auch Abbas Rede war total einseitig. Die Hamas, die Raketen, die offensiven Tunnel wurden nicht erwähnt. Der Krieg war nur eine israelische Affäre: sie fingen an, sie töteten, sie verübten einen Völkermord. Alles gut für einen Führer, der sich selbst gegen die Anklagen  verteidigen muss, zu sanft zu sein. Aber eine gute Gelegenheit, den Frieden zu fördern, verpasst.

Sieht man aber von der starken Ausdrücken ab, war die Rede selbst ganz moderat, so moderat wie sie nur sein konnte Sein wichtigster Inhalt  war ein Friedensprogramm, identisch mit den Bedingungen, wie sie die Palästinenser  von Anfang an  mit Yasser Arafats Friedenspolitik stellten, wie  auch mit der Arabischen Friedensinitiative. (2002,  2007)

Es bleibt bei der Zwei-Staaten-Lösung: ein Staat Palästina mit Ost-Jerusalem als seiner Hauptstadt „neben dem Staat Israel“, „die Grenzen von 1967“, eine miteinander abgestimmte Lösung für die Not der palästinensischen Flüchtlinge“ (d.h. mit Israel abgestimmt, was im Wesentlichen keine Rückkehr bedeutet.) Er erwähnte auch die arabische Friedensinitiative. Kein palästinensischer Führer könnte  möglicherweise weniger fordern.

Er verlangte auch „einen spezifischen Zeitrahmen“, um das Spiel endloser „Verhandlungen“ zu verhindern.

Dafür wurde er von Netanjahu angegriffen als die Inkarnation alles Bösen, des Partners von Hamas, das das  Äquivalent zu ISIS sei, der der Erbe Adolf Hitlers sei, dessen moderne Reinkarnation der Iran ist.

ICH KENNE Mahmoud Abbas seit 32 Jahren. Er war nicht bei meinem ersten Treffen mit Yassir Arafat im belagerten Beirut dabei, aber als ich Arafat im Januar 1983  in Tunis traf, war er dabei. Als Chef der Abteilung für Israel im PLO-Hauptquartier war er bei allen Treffen mit Arafat in Tunis dabei. Seit der Rückkehr der PLO nach Palästina habe ich Abbas mehrfach gesehen.

Er wurde 1935 in Safed geboren, wo auch meine verstorbene Frau Rachel aufwuchs. Bei unsern Treffen pflegten sie sich an ihre Kindheit dort zu erinnern und versuchten herauszufinden, ob Abbas jemals ein Patient von Rachels Vater, einem Kinderarzt, war.

Es gab einen auffälligen Unterschied zwischen den beiden Persönlichkeiten Arafat und Abbas. Arafat  war  auffallend,, extrovertiert und kontaktfreudig. Abbas  ist reserviert und introvertiert. Arafat traf mit blitzartiger Geschwindigkeit Entscheidungen. Abbas ist besonnen/ bedächtig und vorsichtig. Arafat war bei menschlichen Beziehungen herzlich,  mit liebevollen Gesten, zog (buchstäblich) die menschliche Berührung vor. Abbas ist kühl und unpersönlich. Arafat regte zu Liebe an. Abbas zu Respekt.

Aber politisch gab es fast keinen Unterschied. Arafat war nicht so extrem, wie er schien. Abbas ist nicht so moderat, wie er aussieht. Ihre Begriffe für Frieden sind identisch. Sie sind das Minimum, dem jeder palästinensische Führer – tatsächlich jeder arabische Führer –möglicherweise  zustimmen konnte.

Da kann es Monate der Verhandlungen über Details geben, über den genauen Verlauf der Grenzen,  Austausch von Land , die symbolische Anzahl der Flüchtlinge, denen erlaubt wird, zurückzukehren, Sicherheitsverabredungen, die Entlassungen der Gefangenen, Wasser und vieles mehr .

Aber die grundsätzlichen  palästinensischen  Forderungen sind  unerschütterlich. Nimm sie an oder lass sie fallen.

Netanjahu sagt: lass sie fallen.

WENN DU sie lässt, was bleibt dann?

Der Status quo, natürlich. Die klassische zionistische Haltung. Es gibt kein palästinensisches Volk. Es wird keinen palästinensischen Staat geben. Gott, ob er existiert oder nicht, hat uns das ganze Land versprochen (einschließlich  Jordanien).

Aber in der Welt von heute kann man dies oder ähnliche Dinge nicht sagen. Man muss einen verbalen Trick finden, um sich dem Problem zu entziehen.

Am Ende des kürzlichen Gaza-Krieges versprach Netanjahu einen „neuen politischen Horizont“. Kritiker waren schnell da und machten darauf aufmerksam, dass der Horizont etwas ist, das zurückweicht, sobald man  sich ihm nähert. Macht nichts.

Was ist also der neue Horizont? Netanjahu und seine Ratgeber zerbrachen sich die Köpfe und kamen mit der „regionalen Lösung“.

Die „regionale Lösung“ ist eine neue Mode, die vor ein paar Monaten anfing, sich zu verbreiten. Einer ihrer Sprecher ist Dedi Zucker, einer der Gründer von Peace Now und ein früheres Merez -Mitglied der Knesset. Haaretz gegenüber erklärte er: Die israelisch-palästinensische Friedensbemühungen ist tot. Wir müssen uns einer anderen Strategie zuwenden: „der regionalen Lösung“. Statt mit den Palästinensern zu verhandeln, müssen wir mit der ganzen arabischen Welt verhandeln und mit ihren Führern  Frieden schließen.

Guten Morgen, Dedi. Als meine Freunde und ich anfangs 1949 die Zwei-Staaten-Lösung vorbrachten, stimmten wir dem sofortigen  Aufbau eines palästinensischen Staates zu –  verbunden mit der  Schaffung einer Semitischen Union, in der Israel, Palästina,  alle arabischen  Staaten, vielleicht die Türkei und auch  der  Iran mit eingeschlossen sind. Wir haben dies endlos wiederholt. Als der (damalige)  Saudi Kronprinz die arabische Friedens-Initiative vorschlug, verlangten wir seine sofortige Annahme.

Es gibt überhaupt keinen Widerspruch zwischen  einer israelisch-palästinensischen-Lösung und einer Israelisch-panarabischen Lösung. Sie sind ein und dasselbe. Die Arabische Liga wird ohne  die Übereinstimmung mit der palästinensischen Führung keinen Frieden machen und keine palästinensische Führung wird ohne den Rückhalt der Arabischen Liga keinen Frieden machen. (Ich bemerkte dies in einem Artikel in Haaretz an dem Tag von Netanjahus Rede).

Doch vor einiger Zeit tauchte diese „neue“ Idee in Israel auf, eine Gesellschaft wurde gegründet, Geld wurde gespendet, um sie zu propagieren. Wohlmeinende Linke schlossen  sich uns  an. Da ich  nicht erst gestern geboren wurde, wunderte ich mich.

Nun kommt Netanjahu in die Vollversammlung und  sagt genau dasselbe. Halleluja! Da ist eine Lösung. Die  „Regionale“ . Nun ist es nicht mehr nötig, mit den boshaften Palästinensern zu reden. Wir können mit den „moderaten“ arabischen Führern reden.

Von Netanjahu kann nicht erwartet werden, sich mit den Kleinigkeiten abzugeben. Was für Bedingungen hat er im Kopf? Welche Lösung für Palästina? Große Männer können sich nicht mit Kleinigkeiten abgeben.

Die ganze Sache ist natürlich lächerlich. Selbst jetzt, als mehrere arabische Staaten sich der amerikanischen Koalition gegen ISIS anschließen, will keiner von ihnen in der Gesellschaft mit Israel gesehen werden. Die US  hat Israel diskret angefragt und höflich  darum gebeten, sich hier rauszuhalten.

NETANJAHU IST immer  schnell,  verändernde Umstände für sich  auszunützen, um seine unveränderte Haltung  vorwärts zu bringen   .

Das letzte heiße Problem ist ISIS (oder der Islamische Staat, wie er jetzt lieber genannt werden will.) Die Welt ist  entsetzt über seine Grausamkeiten. Jeder verurteilt diese.

Netanjahu verbindet  alle seine Feinde mit ISIS, Abbas, Hamas, Iran – sie alle sind ISIS.

In  Unterrichtsstunden über Logik lernt man über den Inuit (Eskimo) , der in die Stadt kommt und zum ersten Mal Glas sieht. Er nimmt es in  seinen Mund und beginnt zu kauen. Seine Logik:  Eis ist durchsichtig. Glas ist durchsichtig. Eis kann gekaut werden  – also kann Glas auch gekaut werden.

Dieselbe Logik sagt: ISIS ist islamistisch. ISIS kämpft um ein weltweites Kalifat. Hamas ist islamistisch. Also wünscht Hamas ein weltweites Kalifat.  Alle wollen die Welt beherrschen. Wie die „Weisen von Zion“.

Netanjahu rechnet mit der Tatsache, dass die meisten Leute nicht wissen, worüber er spricht. Mit  derselben Logik gehört Frankreich  zu ISIS.  Tatsache ist: in der Französischen Revolution hat man geköpft, ISIS köpft. Vor einiger Zeit köpften die Briten ihren König. Alle sind ISIS.

In der wirklichen Welt gibt es überhaupt keine Ähnlichkeit zwischen Hamas und ISIS außer ihrer bekennenden Zugehörigkeit zum Islam. ISIS  streitet alle nationalen Grenzen ab, es wünscht einen islamischen Weltstaat. Hamas ist äußerst nationalistisch. Es wünscht einen Staat Palästina. In letzter Zeit spricht sie sogar über die Grenzen von 1967.

Es kann keine Ähnlichkeiten zwischen ISIS und dem Iran geben. Sie stehen auf der gegenüberliegenden Seite der  islamischen Geschichte. ISIS ist sunnitisch, der Iran schiitisch. ISIS  wünscht Bashar al-Assad  abzusetzen und möglichst auch ihn zu köpfen, während der Iran  Assads Hauptunterstützer ist.

ALLE DIESE Fakten sind  jedem bekannt, der sich für Politik interessiert. Sie sind sicher den Diplomaten in den Korridoren der UN bekannt. Warum also wiederholt Netanjahu diese falschen Darstellungen (um es vorsichtig auszudrücken)  vom UN-Rednerpult?

Weil er nicht  zu Diplomaten sprach. Er sprach zu den primitiven  Wählern in Israel, die stolz darüber sind, einen so fließend Englisch sprechenden  Vertreter zu haben, der sich an die Welt wendet.

Und sowie so  – wer kümmert sich schon, was die Gojim  denken?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.)

ER:

PS: wer die Möglichkeit hat, der möge doch in einem Lexikon nach der Definition von Genozid nachsehen. Hinter Uris Ansicht dies btr. mache ich Fragezeichen.

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Begegnung im Tunnel

Erstellt von Gast-Autor am 10. August 2014

Begegnung im Tunnel

Autor Uri Avnery

ES WAR einmal ein Dorf in England, das sehr stolz  auf sein Bogenschießen war. Vor jedem  Haus stand eine Zielscheibe  und zeigte das Können seines Besitzers. Auf einem dieser Zielscheiben hat jeder einzelne Pfeil  mitten ins Ziel getroffen.

Ein neugieriger Besucher  fragte den Besitzer: wie ist dies möglich? Die Antwort: „Einfach, zuerst schoss ich die Pfeile, und dann zeichnete ich Kreise rund um sie.“

In diesem Krieg  tut unsere Regierung dasselbe. Wir erreichen alle unsere Ziele – aber wir verändern die ganze Zeit unsere Ziele.  Am Ende wird der Sieg vollkommen sein.

 

ALS DER Krieg begann, wollten wir nur „die  Infrastruktur der Terroristen zerstören.“ Dann, als die Raketen der Hamas praktisch  ganz Israel erreichten (weithin dank der wunderbaren Anti-Raketen-Verteidigung („Iron Dome“) ohne viel Schaden anzurichten) war das Kriegsziel, die Raketen zu zerstören. Als die Armee  für diesen Zweck die Grenze in den Gazastreifen überquerte, wurde ein riesiges Netzwerk von Tunneln entdeckt. Sie wurden ab jetzt das Hauptziel des Krieges. Die Tunnel mussten zerstört werden.

Tunnel sind seit der Antike  für Kriegszwecke  benützt worden. Armeen, die nicht in der Lage waren, befestigte  Städte zu erobern, versuchten unter ihren Mauern  Tunnel zu graben. Gefangene  entkamen durch Tunnel. Als die Briten die Führer des hebräischen Untergrunds inhaftiert hatten, flohen mehrere ihrer Führer durch einen Tunnel.

Hamas benützte Tunnel, um unter den Grenzmauern und -zäunen die israelische Armee und  Siedlungen auf der andern Seite anzugreifen. Die Existenz dieser Tunnel war bekannt, aber ihre große Zahl und Wirksamkeit war eine Überraschung. Wie vietnamesische Kämpfer zu ihrer Zeit Tunnel benützten, benützt Hamas die Tunnel für Angriffe, Kommandoposten, Operationszentren  und Waffenlager. Viele von ihnen sind mit einander verbunden.

Für die Bevölkerung auf der israelischen Seite sind die Tunnel eine Quelle der Angst. Die Idee, dass zu irgendeiner Zeit der Kopf eines Hamas-Kämpfers in der Mitte eines Kibbuz-Esssaals auftauchen könnte  ist nicht gerade  amüsant.

Jetzt ist also das Kriegsziel, so viele Tunnel wie möglich zu entdecken und  zu zerstören. Keiner träumte von diesem Ziel, bevor der Krieg anfing.

Wenn politische Ratsamkeit es verlangt, so kann es morgen  schon ein anderes Kriegsziel geben. Es wird in Israel einmütig anerkannt werden.

DIE ISRAELISCHEN Medien sind jetzt total unterwürfig. Es gibt keine unabhängige Berichterstattung. „Militär-Korrespondenten“  ist es nicht erlaubt, den Gazastreifen zu betreten, um eigene Erfahrungen zu machen; sie sind bereit,  wie Papageien die Armeeberichte  nachzuplappern und stellen sie so dar, als wären es ihre persönlichen Beobachtungen.  Eine Menge Ex-Generäle warten auf, um die Situation zu kommentieren –  alle sagen genau dasselbe, ja benützen dieselben Worte. Die Öffentlichkeit schluckt all diese Propaganda und nimmt sie als bare Münze.

Die kleine Stimme von Haaretz mit ein paar Kommentatoren,  wie die von Gideon Levy und  von Amira Hass, gehen in der  ohrenbetäubenden Kakophonie unter.

Ich fliehe vor dieser Gehirnwäsche und höre  beiden Seiten zu, wechsle ständig zwischen israelischen TV-Stationen und Aljazeera (auf Arabisch und Englisch). Was ich sehe, sind zwei verschiedene Kriege, die gleichzeitig geschehen, aber auf zwei  verschiedenen Planeten.

Für Zuschauer der israelischen Medien ist Hamas die Inkarnation des Bösen. Wir bekämpfen „terroristische Ziele“. Wir bombardieren „terroristische“ Ziele (wie das Haus der Familie des Hamasführers Ismail Haniye). Hamaskämpfer  ziehen sich nie zurück, sie fliehen. Ihre Führer  kommandieren nicht aus  Untergrund-Kommando-posten, sie verstecken sich. Sie  verbergen ihre Waffen in Moscheen, Schulen und Krankenhäusern (Wie wir es während des britischen Mandats taten). Tunnel sind „Terroristentunnels“. Hamas verwendet  zynischer Weise die zivile Bevölkerung als „menschliche Schutzschilde“ (wie Churchill die Londoner Bevölkerung) Gaza- Schulen und Krankenhäuser werden nicht von israelischen Bomben getroffen, Gott bewahre!, sondern von Hamas Granaten (die auf mysteriöse Weise ihren Weg verlieren) und so weiter.

Mit arabischen Augen gesehen, sehen die Dinge irgendwie anders aus.  Hamas ist eine patriotische Gruppe, die mit unglaublichem Mut gegen  immense Widrigkeiten kämpft. Sie sind keine ausländischen Kräfte, die das Leiden der Bevölkerung ausnützen; sie sind die Söhne  genau dieser Bevölkerung, Mitglieder der Familien, die jetzt en masse  getötet werden, die in den Häusern aufwuchsen, die jetzt zerstört werden. Es sind ihre Mütter und Geschwister, die nun in den UN –Unterkünften zusammengedrängt leben –ohne Wasser und Strom,  nur mit ihrer Kleidung am Leib,  sonst nichts.

Ich habe die Logik in der Dämonisierung des Feindes nie eingesehen. Als ich ein Soldat im 48er-Krieg war, hatten wir mit unsern Kameraden an anderen Fronten  hitzige Diskussionen. Jeder bestand darauf, dass sein besonderer Feind – Ägypter, Jordanier, Syrer – der tapferste und  wirksamste wäre –  bei einem Kampf  gegen eine verkommene  Bande von „abscheulichen Terroristen“  gibt es keinen Ruhm.

Geben wir doch zu, dass unser gegenwärtiger Feind  mit großem Mut und Erfindungsgeist kämpft. Fast auf wunderbare Weise  funktioniert ihre zivile und militärische Kommandostruktur  noch gut. Die zivile Bevölkerung  unterstützt sie trotz ihres immensen Leids. Dass nach fast vier Wochen Kampf gegen eine der stärksten Ameen der Welt  der Feind  immer noch aufrechtsteht.

Wenn wir dies zugeben, mag uns das helfen, die andere Seite zu verstehen,  etwas, das wesentlich für beides ist: Krieg zu führen und Frieden zu machen oder eben eine Waffenpause.

OHNE VERSTÄNDNIS für den Feind oder ein klares Konzept von dem, was wir wirklich wollen,  ist selbst eine Waffenpause  eine mühsame Aufgabe.

Zum Beispiel: Was wollen wir von Mahmoud Abbas?

Viele Jahre lang hat die israelische Führung ihn offen verachtet. Ariel Sharon nannte ihn bekanntermaßen ein „gerupftes Huhn“. Israels Rechte glauben, dass er „gefährlicher sei als Hamas“, da die naiven Amerikaner  wahrscheinlich  bereit sind  ihm zuzuhören. Benjamin Netanjahu tat alles Mögliche, um seine  Haltung zu zerstören und alle Friedensverhandlungen mit ihm zu sabotieren. Sie diffamieren ihn dafür, dass er mit Hamas Versöhnung sucht.   Netanjahu mit seinem  üblichen Talent für Soundclips sagte es so: „ Entweder Frieden mit uns oder mit Hamas“.

Aber  in dieser Woche waren unsere Führer fieberhaft darum bemüht, Abbas zu erreichen, um ihn als den einzigen Führer des palästinensischen Volkes zu krönen, um von ihm zu verlangen, dass er die führende Rolle bei den Verhandlungen zur Waffenpause spiele. Alle israelischen Kommentatoren erklärten, dass eine der großen  Erfolge des Krieges die Schaffung eines politischen Blocks sei, der aus Israel, Ägypten, Saudi-Arabien, den Golfemiraten und Abbas besteht. Der gestrige  „Nicht-Partner“ besteht jetzt als unerschütterlicher Verbündeter.

Das Problem ist, dass  viele Palästinenser Abbas jetzt herabsetzen, während sie mit Bewunderung auf Hamas blicken, das leuchtende Beispiel für die arabische Ehre. (In der arabischen Kultur spielt die Ehre eine weit größere Rolle als in Europa.)

Im Augenblick schauen die israelischen Sicherheitsexperten mit wachsender Sorge auf die Situation in der Westbank. Die Jungen  – und nicht nur die Jungen – scheinen für eine dritte Intifada bereit zu sein. Die Armee  schießt schon mit scharfer Munition auf Demonstranten in Kalandia, Jerusalem, Bethlehem und andere Orte. Die Zahl der Toten und Verletzten in der Westbank steigt. Für unsere Generäle  ist dies  noch ein Grund für eine frühe Waffenpause in Gaza.

WAFFENPAUSEN werden zwischen Leuten  gemacht, die aufeinander  schießen. In diesem Fall Israel und Hamas. Leider gibt es keinen  anderen Weg .

Was will Hamas? Im Gegensatz zu unserer Seite hat Hamas  sein Ziel nicht geändert: Die Blockade des Gazastreifens aufheben.

Dies kann vielerlei bedeuten. Das Maximum:  Die Übergänge von Israel zu öffnen, die Reparatur und Wiedereröffnung des zerstörten Flughafens Dehaniah im südlichen Gazastreifen, den Ausbau eines Seehafens in Gazastadt (anstelle des bestehenden kleinen Fischerhafens), Fischern aus Gaza  erlauben, dass sie weiter draußen vor der Küste fischen dürfen.

(Nach Oslo phantasierte Shimon Peres von einen großen Hafen in Gaza, der dem ganzen Nahen Osten dienen und Gaza in ein zweites Singapur verwandeln solle.)

Das Minimum würde das Öffnen der israelischen  Übergänge  sein für freien Im- und Export von Waren, um sich selbst zu ernähren (ein selten erwähnter Aspekt) und  die Genehmigung für die Gazaer, in die Westbank und weiter zu gehen.

Dafür würde Israel sicherlich internationale Inspektion verlangen, damit keine neuen

Tunnel gebaut werden und das Arsenal von Granaten nicht  aufgestockt wird. Israel würde auch einige Aufgaben von Abbas  und seinen Sicherheitskräften verlangen, die von Hamas  (und nicht nur von ihnen) als israelische Kollaborateure angesehen werden.

Die  israelische Armee verlangt auch, dass  selbst, nachdem eine Feuerpause in Kraft getreten ist, noch vor dem Rückzug die vollkommene  Zerstörung  aller schon bekannten Tunnels stattgefunden hat.

(Hamas fordert auch die Öffnung des Übergangs nach Ägypten – aber  das ist kein Punkt für die Verhandlungen mit Israel.)

FALLS ES  direkte Verhandlungen gebe, dann wäre dies verhältnismäßig leicht. Aber mit so vielen  konkurrierenden Vermittlern ist es schwierig.

Am letzten Mittwoch brachte Haaretz erstaunliche Nachrichten: der israelische Außenminister – ja,  das Gut von Avigdor Lieberman – schlägt vor, das Problem über die UN laufen zu lassen. Lasst sie die Bedingung für die Feuerpause vorschlagen.

Die UN? Die Institution, die fast allgemein in Israel verachtet wird? Auf jiddisch sagt man, „Wenn Gott will, dann kann man auch mit einem Besenstiel schießen“.

Nehmen wir an, dass eine Feuerpause  eingerichtet wird, was dann?

Werden dann Friedensverhandlungen  möglich werden? Wird Abbas sich als Vertreter aller Palästinenser fühlen, einschließlich Hamas? Wird dieser Krieg der letzte sein oder  bleibt er nur eine weitere Episode in der endlosen Kette von Kriegen?

ICH HABE eine verrückte Phantasie.

Frieden wird kommen, und Filmemacher werden Filme auch über diesen Krieg drehen.

Eine Szene: israelische Soldaten entdecken einen Tunnel und betreten ihn, um ihn von Feinden frei zu machen. Zur selben Zeit betreten Hamaskämpfer den Tunnel von der andern Seite – auf ihrem Weg, einen Kibbuz anzugreifen.

Die Kämpfer treffen sich in der Mitte unterhalb des Zaunes. Sie sehen einander bei schwachem Licht. Und dann geben sie sich die Hände, anstelle zu schießen.

Eine verrückte Idee? Tatsächlich. Leider.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Ein bewaffnetes Ghetto

Erstellt von Gast-Autor am 6. Juli 2014

Ein bewaffnetes Ghetto

DIE TERRORISTEN der einen Seite sind die Freiheitskämpfer der anderen Seite. Das ist nicht einfach ein Problem der Terminologie. Es ist ein Unterschied der Wahrnehmung, die weitreichende praktische Konsequenzen hat.

Denken wir z.B.  an die Häftlinge!.

Für den Freiheitskämpfer  ist das Erreichen der Befreiung  verhafteter Kameraden eine heilige Pflicht, für die er sein Leben zu opfern bereit ist. Eine  der gewagtesten Heldentaten des Untergrunds „Irgun“ ( der ich als sehr junges Mitglied eine Zeit lang angehörte), war der gewalttätige  Angriff  auf das britische Gefängnis in der Kreuzfahrerburg in Acco und die Befreiung  Hunderte Gefangener. Von unseren Kolonialherren wurde dies als  niederträchtiger terroristischer Akt angesehen.

Dies sollte unserer gegenwärtigen Regierung klar sein, die sich auf die Likudpartei gründet, die ursprünglich von früheren  Irgun-Kämpfern  gegründet  wurde. Jedoch ist das schon lange her, und die gegenwärtigen Politiker vom rechten Flügel und die  Offiziere sind eine schlechte Kopie unserer früheren britischen Kolonialherrscher.  Sie haben keine Ahnung, wie die Militanten denken.

Dies ist das Kernstück des Vorfalles, der Israels Leben während der letzten beiden Wochen beschäftigt hat.

UM ZEHN Uhr  abends  standen vor zwei Wochen drei Teenager von einer Siedlerreligionsschule (Jeshiva) nahe Hebron allein an einer Straßenkreuzung und versuchten, per Anhalter zu ihren Siedlungen nach Hause zu kommen. Seitdem sind sie verschwunden.

Sofort wurde ganz logisch  vermutet, dass sie  von einer palästinensischen Gruppe entführt worden seien, um einen Gefangenen –Austausch durchzuführen. Bis jetzt hat keine bekannte Organisation Verantwortung übernommen, und keine Forderungen  sind vorgebracht worden.

Das ist nicht dasselbe wie die Gefangennahme des Soldaten Gilad Shalit vor einigen Jahren.  Shalit wurde im Gazastreifen festgehalten, das dicht von Palästinensern bevölkert und total von der Hamas  kontrolliert wird. Die Westbank auf der anderen Seite ist voll israelischer Siedlungen und es ist nur eine leichte Übertreibung, wenn man sagt, jeder zehnte Palästinenser dort sei ein israelischer Informant. 47 Jahre Besatzung haben dem israelischen Sicherheitsdienst unzählbare Möglichkeiten gegeben, die Palästinenser in ihren Dienst  zu nehmen: durch Erpressung, Bestechung und andere Mittel

DIE NETANJAHU-Regierung sah in diesem Vorfall sofort  eine günstige Gelegenheit

Ohne den geringsten Beweis,  (so weit wir es wissen) klagte sie die Hamas an. Am nächsten Tag ging eine riesige doppelte Operation in Aktion (Es gab  wegen der Inkompetenz der Polizei eine kleine Verzögerung.) Viele tausend Soldaten wurden beschäftigt, das Gebiet zu durchkämmen und  Hausdurchsuchungen durchzuführen Aber zur selben Zeit begann eine noch größere Operation, die offensichtlich schon lange im Voraus vorbereitet war, ein Versuch, die Hamas in der Westbank zu vernichten.

Nacht für Nacht wurde jeder, der die geringste Verbindung zu Hamas hatte, verhaftet. Gruppen von schwer bewaffneten Soldaten brachen nachts in die Häuser der Leute, stießen die erschrockenen Frauen und Kinder zurück,  zogen die Männer aus ihren Betten, nahmen sie mit, legten Handschellen um und verbanden ihnen die Augen.

Sie zählten viele hundert – Sozialarbeiter, Lehrer, Prediger, jeden, der zum großen sozialen und politischen Netzwerk der Hamas-Bewegung gehört.

Unter den Verhafteten waren viele, die beim Gefangenentausch von Shalit entlassen worden waren. Die israelisch politische und Geheimdienst-Führung waren mit diesem einseitigen Austausch (eine Geisel gegen mehr als tausend Gefangene) nur unter  immensem öffentlichen Druck damit einverstanden und hatte offensichtlich entschieden, bei der nächstbesten Gelegenheit sie wieder ins Gefängnis zurückzuholen.

Nicht zufällig gab man diese Woche bekannt, dass einer dieser entlassenen Gefangenen angeklagt worden war, vor einigen Monaten einen Israeli getötet zu haben. Es muss vermutet werden, dass die meisten Gefangenen dankbar sind,  nach Jahrzehnten zu ihren Familien zurückzukehrten, doch kehrten einige der  Entschiedensten zur militanten Aktivität zurück.

Die Bemühung, die Hamas zu vernichten, ist töricht. Die Hamas ist eine religiöse Bewegung, die in den Herzen ihrer Anhänger besteht. Wie viele kann man verhaften?

WÄHREND DIESER zwei Wochen zeigte sich Israel von der schlechtesten Seite – wie in einem bewaffneten Ghetto, ohne Mitgefühl für andere und unfähig, vernünftig zu denken.

Gut, die erste Reaktion war nicht einheitlich. Ich habe  verschiedene Leute auf der Straße die drei vermissten jungen Siedler verfluchen gehört wegen ihrer stupiden Arroganz:  stehen sie da im Dunkel der Nacht, mitten in den besetzten Gebieten und klettern in einen fremden Wagen. Aber solch unfromme Gefühle waren bald  von einer riesigen Welle Gehirnwäsche weggewaschen, die beinahe unvermeidlich war.

Es ist ein universaler Trend unter Völkern, die sich in einer nationalen Notlage befinden, sich zu vereinigen. In Israel wird dies durch den Ghetto-Reflex verstärkt, der sich in Jahrhunderten der Verfolgung bildete, dass Juden gegen die bösen Goyim (Nichtjuden) zusammenstehen.

Die sintflutartige Regierungspropaganda nahm unglaubliche Proportionen an. Fast alle  Zeitungsseiten  waren den militärischen Operationen gewidmet. Radio und Fernsehen brachten  die ganze Berichterstattung rund um die Uhr  24 Stunden täglich, Tag für Tag.

Das journalistische Establishment wurde von „militärischen Korrespondenten“ geführt– fast alle von ihnen frühere  Armeenachrichtendienste, die als Armeesprecher-Agenten handelten und Armee-Kommunikationen als ihre eigene Veröffentlichung und Ansichten weitergaben. Kein Unterschied zwischen den verschiedenen Radio und TV-Stationen und Zeitungen konnte herausgefunden werden. Wenn einige liberale Kommentatoren wagten, ein Wort Kritik zu äußern, waren sie zum Verstummen gebracht  und das sehr leise nur kleine Details betreffend.

DURCH ZUFALL kam zur selben Zeit ein Gesetzentwurf  in die Knesset. Er würde jeden Gefangenenaustausch illegal machen – ein seltener Fall einer Regierung, die sich selbst die Hände fesselt. Er verbietet der Regierung, Sicherheitsgefangenen Amnestie zu geben oder  um einen Gefangenenaustausch zu verhandeln.

Dies bedeutet für die Geiseln den Tod.

In ihrer unglaublichen Naivität – um nicht Dummheit zu sagen – glauben Politiker, dass dies vor Geiselnahme abschrecken würde. Jeder  mit nur wenig Verständnis  für militante Mentalität weiß, dass die Wirkung genau das Gegenteil sein würde:  noch mehr  Geiseln nehmen,  den Druck vermehren, um Gefangene zu befreien.

Das Leben von Geiseln würde tatsächlich sehr billig werden. Die augenblickliche Bemühung der Geheimdienste und der Armee, den Ort der drei Entführten zu entdecken,  würde – falls erfolgreich – zu einer Aktion führen, die sie mit Gewalt befreit. Wie die Erfahrung  in solch einer Situation zeigt, sind die Chancen zum Überleben  der Geiseln gering. Im Kreuzfeuer gefangen, werden sie entweder von ihren  Entführern oder –  häufiger von ihren Befreiern getötet. Doch keine einzige Stimme in Israel nennt diesen wichtigen Punkt.

Die Shalit-Familie, gewöhnliche säkulare Israelis, waren sich dieser Gefahr, den Sohn betreffend, akut bewusst. Nicht so die Familien der drei vermissten Siedlerjungen, von denen alle  zur extremen Rechten gehören. Sie sind willige Agenten der Regierungspropaganda geworden; sie riefen zu einem Massengebet auf und unterstützten die Siedlerbewegung. Ihr Rabbiner erklärt ihnen, dass die Gefangennahme der Jugendlichen eine Strafe Gottes  sei, und zwar für  die Bemühungen, religiöse Jugendliche in der Armee dienen zu lassen.

DIE REGIERUNG ist offensichtlich weit mehr daran interessiert, einen politischen Propagandasieg zu erringen, als  die Freilassung der Geiseln zu sichern.

Das Hauptziel ist, Mahmoud Abbas zu zwingen, die  palästinensische Versöhnung aufzugeben und die neue palästinensische Regierung, die nur  aus Experten  besteht  – zu zerstören.

Abbas widersteht. Er wird schon weithin in Palästina denunziert, weil die   Zusammenarbeit zwischen seinen Sicherheitskräften und den israelischen eng weitergeht, während die israelische Operation weitergeht. Abbas spielt ein sehr gefährliches Spiel; er versucht, all den Druck auszubalancieren.  Was immer auch die politische Meinung ist – sein Mut verdient Bewunderung.

Die israelische Führung, die in ihrer  Luftblase lebt, ist total unfähig die Reaktion der  Welt oder das Fehlen derselben zu verstehen.

Schon bevor alles anfing, war die Anzahl der durch scharfe Munition  getöteten Palästinenser, einschließlich der Kinder während der Demonstrationen, ständig gewachsen. Anscheinend  waren Order gegeben worden, die die  Soldaten  so verstanden und ihnen das Töten leichter machte. Seit die gegenwärtige Operation begann, sind mehr  als fünf nicht kämpfende Palästinenser von der Armee getötet worden – einige von ihnen Kinder.

In der israelischen Ausgabe der New-York-Times  war ein großer Teil der ersten Seite für ein Bild einer palästinensischen Mutter genommen, die um ihr Kind trauert – und nicht ein Bild mit den 3 Geiseln.

Aber als den drei Müttern, die zu Propagandazwecken zur UN-Menschenrechts-Kommission nach Genf geschickt worden waren,  ein  kühler Empfang gewährt wurde, war die israelische Regierung erstaunt. Delegierte waren mehr an den Menschenrechtsverletzungen durch Israel interessiert als an den Geiseln – für viele Israelis ein weiteres offensichtliches Beispiel für Antisemitismus in der UN.

MEHR ALS alles andere zeigt diese Episode wieder, wie verzweifelt wir den Frieden nötig haben.  Die palästinensische Versöhnung zwischen  PLO und Hamas könnte den Frieden näher bringen – und deshalb wünschen  die israelische Rechte und besonders die Siedler, diese zu zerstören.

Ich bin davon überzeugt, dass die Siedlungen für Israel ein Unglück sind. Aber mein Herz blutet für die drei Jungs – zwei von ihnen 15 Jahre alt, der dritte 19 – unter welchen Umständen sie jetzt gehalten werden, kann man sich kaum vorstellen, falls sie noch am Leben sind.

Die beste Weise Geiselhaft zu verhindern, ist, die Häftlinge freiwillig freizulassen. Selbst der Sicherheitsdienst kann nicht ernsthaft daran glauben, dass all die vielen Tausenden politischer Gefangener jetzt in unsern Gefängnissen eine tödliche Gefahr für unsere Existenz bedeuten.

Ein besserer Weg nach vorne wäre, die Besatzung durch Friedenzu beenden

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Sisyphus erlöst

Erstellt von Gast-Autor am 29. Juni 2014

Sisyphus erlöst

Autor Uri Avnery

WENN ES einen Gott gibt, hat er sicher eine Menge Humor. Die Karriere von Shimon Peres, der dabei ist, seine Regierungszeit als Präsident von Israel zu beenden, ist ein klarer Beweis.

Hier ist ein lebenslanger Politiker, der nie eine Wahl gewonnen hat. Hier ist der weltbekannte Mann des Friedens, der mehrere Kriege begonnen hat und nie etwas für den Frieden getan hat. Hier ist die  populärste politische Person, die den größten Teil ihres Lebens gehasst und verachtet wurde.

Einmal, vor mehreren Jahrzehnten, schrieb ich über ihn einen Artikel mit dem Titel „Mister Sisyphus“.  Sisyphus – man erinnere sich – war in alle Ewigkeit dazu verurteilt, einen schweren Felsblock auf die Spitze eines Hügels zu rollen, und jedes Mal, wenn er beinahe sein Ziel erreicht hatte, rutschte ihm der Felsblock aus den Händen und rollte wieder hinab.Und das ist die Geschichte von Peres‘ Leben  – bis jetzt –gewesen. Gott oder  wer auch immer, hat offensichtlich entschieden: genug ist genug.

ES BEGANN, wie er als Junge, in einem kleinen polnischen Städtchen lebte. Viele Male beklagte er sich bei seiner Mutter, die andern Schüler in der(jüdischen) Schule schlugen ihn ohne Grund. Sein jüngerer Bruder Gigi musste ihn verteidigen.

Er kam 1934, ein Jahr nach mir, als 11Jähriger in Palästina an (Er ist fünf Wochen älter als ich). Sein Vater sandte ihn auf die landwirtschaftliche Schule in Ben Shemen, ein Kinderdorf, das ein Zentrum für zionistische Indoktrination war.  Dort wurde aus dem polnischen Persky der hebräische Peres, der sich der Noar Oved (arbeitende Jugend), der Hauptjugendorganisation der herrschenden Mapai-Partei anschloss. Wie es damals üblich war, wurde er in einen Kibbuz geschickt.

Dort begann seine politische Karriere. Mapai teilte sich in zwei  Teile, so auch die Jugendbewegung. Der Junge und Aktive schloss sich der „Fraktion 2“ an, der linken Abteilung. Peres, ab jetzt ein Instrukteur, war unter den paar, die klug waren, bei der Mapai zu bleiben. Und dies zog die Aufmerksamkeit der Parteiführer an.

Die Belohnung kam bald. Der Krieg von 1948 brach aus. Jeder in unserm Alter eilte, sich der Kampftruppe anzuschließen. Der Krieg war buchstäblich ein Kampf auf Leben und Tod. Peres wurde  von Ben-Gurion ins Ausland geschickt, um Waffen zu kaufen. Zweifellos eine bedeutende Aufgabe, aber eine, die auch von einem 70-Jährigen hätte getan werden können.

Die Tatsache, dass Peres in diesem schicksalhaften kritischen Augenblick nicht in der Armee diente,  wurde nicht vergessen. So verdiente er jahrzehntelang  die Verachtung unserer Generation.

ICH TRAF ihn zum ersten Mal, als wir 30 waren – er war schon Generaldirektor des Verteidigungsministeriums und der Liebling von Ben Gurion; ich war der Herausgeber eines populären Oppositions-Magazins. Es war keine Liebe auf den 1. Blick.

In seiner einflussreichen Position war der junge Peres ein entschiedener  Kriegstreiber. Während der frühen 50er-Jahre ordnete das Ministerium eine unendliche Kette von „Vergeltungsschlägen“ an, um das Land  in einem Kriegszustand zu halten. Arabische Flüchtlinge, die nachts zu ihren Dörfern schlichen, wurden getötet; dafür wurden Juden getötet, und inoffizielle Einheiten der Armee  überquerten die Waffenstillstandslinie zur Westbank und zum Gazastreifen, um Zivilisten  und Soldaten  aus  Rache zu töten.

Als die Situation reif war, begannen Ben-Gurion und Peres 1956 den Suez-Krieg. Das algerische Volk erhob sich gegen seine  französischen Kolonialherren. Unfähig zuzugeben, dass  sie sich in einem echten Befreiungskrieg befanden, gaben die Franzosen dem jungen ägyptischen Führer Gamal Abd-al-Nasser die Schuld. In geheimer Absprache mit einer anderen niedergehenden Kolonialmacht Großbritannien, machten die Franzosen mit Israel im Geheimen aus, Nasser anzugreifen. Dies endete in einem Chaos. Aber Peres und  der Stabschef Moshe Dayan wurden in Israel wie Helden gefeiert: die Männer der Zukunft.

Die Franzosen zeigten ihre Dankbarkeit. Für seine Dienste erhielt Peres  einen militärischen Atomreaktor in Dimona. Peres rühmt sich noch immer, der Vater von Israels Nuklearbewaffnung zu sein.

SEINE KARRIERE  ging klar auf die Spitze zu. Ben Gurion  ernannte ihn zum stellvertretenden Minister, und er wurde dafür bestimmt, Verteidigungsminister zu werden, die zweit-mächtigste Position in Israel, als sich eine Katastrophe ereignete. Der missmutige „Alte Mann“ stritt mit seiner Partei herum und wurde hinausgeworfen. Peres folgte.  Der Felsen rollte nach unten.

Ben-Gurion bestand darauf, eine neue Partei zu gründen,  und zog einen unwilligen Peres  hinter sich her. Mit  unermüdlicher Energie  durchzog Peres das Land, ging von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt, und die „Rafi“-Partei  nahm Form an. Doch trotz all ihrer berühmten Führer gewann sie nur zehn Sitze in der Knesset. (Die Friedenspartei, die ich zur selben Zeit gründete, erhielt ein Siebtel ihrer Stimmenanzahl).

Als Mitglied einer kleinen Oppositionspartei, vegetierte Peres dahin. Die Zukunft schien dunkel, als Nasser zur Rettung kam.  Der ägyptische Präsident sandte seine Armee in den Sinai, Kriegsfieber erreichte einen hektischen Gipfel  und die Öffentlichkeit entschied, dass Ben-Gurions Nachfolger, Levy Eshkol, seine Position als Verteidigungsminister  aufgeben musste. Verschiedene  Namen wurden erwähnt. Ganz oben auf der Liste stand Peres.

Und dann geschah es wieder. Moshe  Dayan schnappte den Preis weg und wurde Verteidigungsminister, Sieger des 1967erKrieges und ein weltweit bekannter Held. Peres  blieb ein grauer Politiker, ein kleiner Minister. Der Felsen rollte wieder hinab.

Sechs ruhmreiche Jahre lang war Moshe Dayan der Kapitän auf dem Narrenschiff, bis das Fiasko des Yom Kippurkrieges kam. Er und Golda Meir wurden  vom Tisch gewischt, und das Land brauchte einen neuen Ministerpräsidenten. Peres war der offensichtlichste Kandidat. Aber im allerletzten Augenblick,  erschien – praktisch aus dem Nichts – Yitzhak Rabin und schnappte den Preis weg. Peres musste  sich mit dem Verteidigungsministerium zufrieden geben.

Er war es nicht. Die nächsten drei Jahre widmete er Tag und Nacht unermüdlich seinem Drang, Rabin  zu unterminieren. Der Kampf wurde  notorisch, und Rabin erfand einen Titel, der Peres viele Jahre lang anhing: „Unermüdlicher Intrigant“.

Die Bemühung brachte jedoch Früchte. Am Ende seiner Amtszeit sah sich Rabin einem Skandal gegenüber:  Nach seiner Amtszeit als Botschafter in den USA ließ er ein Bankkonto in Washington offen, was gegen das israelische Gesetz war. Er dankte mitten in der Wahlkampagne von 1977 ab, Peres übernahm das Amt. Endlich war der Weg offen.

Und dann geschah Unglaubliches. Nach 44 auf einander folgenden Jahren an der Macht – vor und nach der Gründung Israels –  verlor die Labor-Partei die Wahl. Menachim Begin kam an die Macht. Die Verantwortung  hatte der Parteiführer zu tragen, Shimon Peres. Niemand gab Rabin die Schuld.

AM VORABEND des Libanonkrieges 1982 gingen Peres und Rabin zum Ministerpräsidenten  Begin und  drängten ihn dazu, anzugreifen. Dies hinderte Peres nicht daran, zwei Monate später als der Hauptsprecher der gigantischen Protestdemonstration nach dem Sabra- und Shatila-Massaker  aufzutreten.

Begin trat zurück und Yitzhak Shamir nahm seinen Platz ein. Bei der folgenden Wahl erreichte Peres wenigstens ein Unentschieden. Shamir wurde  wieder Ministerpräsident für zwei Jahre, denen dann Peres folgte. Während seiner zwei Jahre als Ministerpräsident tat er nichts für den Frieden. Seine Haupttätigkeit war, den Präsidenten Haim Herzog davon zu überzeugen, den  Chef des Sicherheitsdienstes und eine Gruppe seiner Leute zu amnestieren, die zugaben, mit bloßen Händen zwei junge arabische Gefangene, die einen Bus entführt hatten, umgebracht zu haben.

1992 war es wieder Rabin, der ihrer Partei zur Macht verhalf. Er ernannte Peres zum Außenminister, vermutlich, weil er ihm dort nichts antun konnte. Doch die Dinge nahmen eine andere Richtung.

Yasser Arafat, mit dem ich seit 1974 in Kontakt stand und den ich 1982  im belagerten  Beirut traf, entschied sich, mit Israel Frieden zu machen. Der Kontakt wurde im Geheimen in Oslo aufgenommen. Das Ergebnis waren die historischen Oslo-Abkommen.

Zwischen  Peres, seinem Assistenten Yossi Beilin und Rabin  begann ein Wettbewerb um den Ruhm. Peres versuchte, sich alles anzueignen. Beilin widersetzte sich ärgerlich. Aber es war natürlich Rabin, der die schicksalhafte Entscheidung traf und den Preis bezahlte.

Zuerst gab es eine Schlacht um den Nobelpreis. Das Oslo-Komitee entschied natürlich, diesen Arafat und Rabin zu geben (wie es vorher Sadat und Begin verliehen hatte). Peres verlangte  wütend, einen Teil davon abzubekommen und mobilisierte die halbe politische Welt. Aber wenn Peres ihn bekommt würde, warum dann nicht  auch Mahmoud Abbas, der mit ihm unterzeichnet hatte und der jahrelang  für den palästinensisch-israelischen Frieden gearbeitet hatte?

Nichts tat sich. Der Preis kann höchstens an drei Leute  gehen. Peres erhielt ihn – Abbas nicht

DAS OSLO-Abkommen öffnete für Israel eine neue Straße.  Peres begann, (endlos)  über den neuen Nahen Osten zu  sprechen, und adoptierte dies als seine persönliche Handelsmarke. Er und Rabin hatten die Dinge zwischen sich aufgeteilt.  Und dann schlug das Unglück wieder zu.

Wenige Minuten nachdem er neben Peres  gestanden und ein Friedenslied auf der Massendemonstration in Tel Aviv gesungen hatte,  wurde Rabin  1995 ermordet. Peres selbst war am Mörder mit seiner geladenen Pistole vorbeigegangen, der ihn  mit einer Kugel nicht schmeicheln wollte.

Das war der dramatische Höhepunkt für Peres und für Israel. Das ganze Land kochte vor Wut.  Falls Peres, der einzige Nachfolger, sofortige Wahlen  ausgerufen hätte, hätte  er mit einem Erdrutschsieg gewonnen. Die Zukunft Israels  wäre anders  verlaufen.

Aber Peres wollte nicht als Rabins Erbe gewinnen. Er wollte mit seinen eigenen Verdiensten gewinnen. Also verschob er die Wahlen, begann einen neuen Libanonkrieg, der mit einer Katastrophe endete, verursachte eine andere tödliche Terror-Kampagne, indem er den Mord an einem beliebten Hamas-Führer befahl – und verlor die Wahl.

In einer Veränderung von Murphys Gesetz: wenn eine Wahl  verloren werden kann, wird Peres sie verlieren. Wenn eine Wahl  nicht verloren  werden kann, wird Peres sie trotzdem verlieren.

Bei einer  erinnerungswürdigen Gelegenheit wandte sich Peres bei einem Treffen  der Parteienmitglieder  an diese und stellte eine rhetorische Frage „Bin ich ein Verlierer?“  Die ganze Zuhörerschaft brüllte zurück: „Ja!“

DAS SOLLTE das Ende der Sisyphus-Schwierigkeiten gewesen sein. Neue Leute übernahmen die Labor-Partei. Peres wurde zur Seite gedrängt. S o schien es wenigstens.

Ariel Sharon, der Likudführer des extrem rechten Flügels, kam an die Macht. In der ganzen Welt wurde er als Kriegsverbrecher angesehen. Der Verursacher  mehrerer Greueltaten wurde von einer israelischen Kommission als „indirekter Verantwortlicher“  für die Sabra- und Shatila-Massaker getadelt, der Mann, der für das verhängnisvolle  Siedlungsprojekt verantwortlich war, benötigte jemanden, der ihn in der Welt akzeptabel machte. Und wer war das? Shimon Peres, der international berühmte Mann des Friedens. Später tat er dasselbe für Netanjahu.

Aber sein Felsblock rollte ein letztes Mal hinab. Die Knesset hatte einen Staatspräsidenten von Israel zu wählen. Peres war der offensichtliche Kandidat, gegen den nur ein politischer Niemand war, Moshe Katzav. Doch das Unmögliche geschah: Peres verlor, obwohl er eine Operation durchmachte, die seinen lebenslangen, traurigen Gesichtsausdruck in etwas Freundlicheres veränderte.

Selbst Leute, die Peres nicht liebten, stimmten darin überein, dass dies nun gerade zu viel war. Katzav wurde der Vergewaltigung angeklagt und ins Gefängnis geschickt. Endlich, endlich gewann Peres die Wahl!

SEITDEM  hat sich die Tragödie in eine Farce verwandelt. Der Mann, der sein ganzes Leben verschmäht wurde, wird plötzlich die populärste Person in Israel. Als Präsident konnte er jeden Tag reden, einen endlosen Strom von Banalitäten loslassen. Die Öffentlichkeit leckte es auf

In der ganzen Welt wurde Peres einer der großen alten Männer, einer der „Weisen  Alten“, der Mann des Friedens, das Symbol von allem Feinen und Guten in Israel.

Sein Nachfolger ist schon gewählt worden. Eine sehr nette Person der sehr extremen Rechten.

In ein paar Wochen wird Peres endlich abdanken.

Endlich? Warum, er ist doch erst 90!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Nichts als heiße Luft: Poof!

Erstellt von Gast-Autor am 27. April 2014

Nichts als heiße Luft: Poof!

 Autor Uri Avnery

ARMER JOHN Kerry!  Diese Woche gab er einen Ton von sich, der ausdrucksvoller war als Seiten voll diplomatischem Blabla.

In seinem Zeugnis vor dem  Senatskomitee für ausländische Beziehungen erklärte er, wie die Aktionen der israelischen Regierung den „Friedens-Prozess“  torpediert hatten.  Sie brachen ihr Versprechen, palästinensische Gefangene zu entlassen und gleichzeitig verkündeten sie die Vergrößerung  von mehr Siedlungen in Ost-Jerusalem. Die Friedensbemühungen machten  „poof“.

„Pooff“ ist das Geräusch, wenn einem Ballon die Luft entweicht. Es ist ein guter Ausdruck, weil der „Friedensprozess“ von Anfang an ein Ballon voll heißer Luft war. Eine Übung in  „Scheinwelt“

JOHN KERRY  kann nicht die Schuld  gegeben werden. Er nahm die ganze Sache sehr ernst. Er ist ein ernsthafter Politiker, der sich sehr, sehr große Mühe gab, zwischen Israel und Palästina Frieden zu machen. Wir sollten dankbar sein.

Das Problem ist, dass Kerry nicht die leiseste Ahnung hatte, in was er sich da eingelassen hat.

Der ganze „Friedensprozess“ drehte sich um eine irrtümliche Annahme. Einige würden sagen: auf einer eigentlichen Lüge.

Nämlich, dass wir hier zwei Seiten eines Konfliktes haben. Eines ernsten Konfliktes. Eines alten Konfliktes. Aber ein Konflikt, der gelöst werden  könne , wenn  sich auf beiden Seiten  vernünftige Leute zusammensetzen und es ausdiskutieren würden,  von einem wohlwollenden und unparteiischen Schiedsrichter geleitet.

Nicht ein Detail dieser Voraussetzungen war real. Der Schiedsrichter war nicht unparteiisch. Die Führer waren nicht vernünftig  und am bedeutendsten: Die Seiten waren nicht ebenbürtig.

Die Machtbalance zwischen beiden Seiten ist nicht 1:1, nicht einmal 1:2 oder 1.10. In jeder  materiellen Hinsicht – militärisch, diplomatisch, wirtschaftlich –  ist es eher wie eins zu tausend.

Es gibt kein Ebenbürtigkeit zwischen Besatzer und Besetzten, zwischen Unterdrücker und Unterdrückten. Ein Elefant und eine Fliege können nicht „verhandeln“. Wenn die eine Seite das totale Kommando über den anderen hat, jede ihrer Bewegungen kontrolliert, auf ihrem Land siedelt,  ihre Geldbewegung kontrolliert, willkürlich ihre Leute verhaftet, ihren Zugang zur UN und dem Internationalen Gerichtshof blockiert – dann ist von Ebenbürtigkeit keine Rede mehr.

Wenn beide Verhandlungsseiten so extrem ungleich sind, kann die Situation nur durch  einen Vermittler behoben werden, der die schwache Seite  unterstützt. Es ist aber genau das Gegenteil geschehen: der Amerikaner unterstützte Israel,  massiv und großzügig.

Während der „Verhandlungen“  tat die US nichts, um die Siedlungsaktivitäten zu verhindern, die  dazu noch mehr israelische Fakten vor Ort schufen – der Grund und Boden, über dessen Zukunft  gerade die Verhandlungen liefen.

EINE GRUNDVORAUSSETZUNG für erfolgreiche Verhandlungen ist, dass alle drei Seiten wenigstens ein Grundverständnis nicht nur für die Interessen und Forderungen der anderen Seite haben, sondern sogar mehr von  der geistigen Welt des anderen, seine emotionale Strukturen und sein Selbstbild kennen Ohne dies sind alle Schritte unerklärlich und sehen irrational aus.

Boutrous Boutrous Ghali, einer der intelligentesten Leute, denen ich je in meinem Leben begegnet bin, sagte mir einmal:“ Ihr habt in Israel die intelligentesten Experten der arabischen Welt. Sie haben alle Bücher gelesen, alle Artikel, jedes einzelne Wort, das darüber geschrieben wurde.  Sie wissen alles und verstehen nichts, weil sie nie einen Tag in einem arabischen Land gelebt haben.“

Dasselbe trifft auch auf die amerikanischen Experten zu, nur noch viel mehr. In Washington DC fühlt man die verdünnte Luft eines Himalaja-Gipfels. In den grandiosen Paläste der Regierung, in denen das Schicksal der Welt entschieden wird, da sehen fremde Völker klein, primitiv und weithin irrelevant aus. Hier und da einige wirkliche Experten, die weggesteckt werden, aber keiner fragt  wirklich um Rat.

Der durchschnittliche amerikanische Staatsmann hat nicht die leiseste Ahnung von arabischer Geschichte, ihrem Weltbild, ihren Religionen, Mythen oder Traumata, die die arabische Einstellung  gestaltet, ganz zu schweigen vom palästinensischen Kampf. Er hat keine Geduld für diesen primitiven Unsinn.

ANSCHEINEND  ist das  amerikanische Verständnis für  Israel  viel besser. Aber nicht wirklich.

Die durchschnittlichen amerikanische Politiker und Diplomaten wissen eine Menge über Juden. Viele von ihnen sind Juden. Kerry selbst scheint teilweise jüdisch zu sein.  Sein Friedensteam schließt viele Juden ein, sogar Zionisten, einschließlich des aktuellen Verhandlungsmanager Martin Indyk, der in der Vergangenheit für AIPAK arbeitete. Selbst sein Name ist jiddisch (und  bedeutet Truthahn).

Die Vermutung ist, dass sich  Israelis  von amerikanischen Juden nicht sehr unterscheiden. Aber das ist völlig falsch. Die israelische Regierung mag behaupten, der „Nationalstaat des jüdischen Volkes“ zu sein, aber dies ist nur ein Instrument, um die jüdische Diaspora auszunützen und Hindernisse für den „Friedensprozess“ zu schaffen. In der Realität gibt es wenig Ähnlichkeit zwischen Israelis und der jüdischen Diaspora, kaum weniger als zwischen einem Deutschen und einem Japaner.

Martin Indyk mag eine gewisse Affinität zu Ziipi Livni empfinden, der Tochter eines Irgun-Kämpfers (oder Terroristen nach britischer Redeweise), aber das ist eine Illusion.  Die Mythen und Traumata, die Zipi formten, sind sehr anders als die. die Martin formten, der in Australien aufgewachsen ist.

Falls Barack Obama und Kerry mehr wüssten, wäre ihnen von Anfang an klar, dass die gegenwärtigen israelischen politischen Umstände jede israelische Evakuierung von Siedlungen, ein Rückzug aus der Westbank  und ein Kompromiss über Jerusalem ganz unmöglich wäre.

ALL DIES  gilt auch für die palästinensische Seite.

Die Palästinenser sind davon überzeugt, dass sie Israel verstehen. Schließlich sind sie Jahrzehnte lang unter israelischer Besatzung gewesen. Viele von ihnen haben Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht und perfekt Hebräisch sprechen gelernt. Aber sie haben im Umgang mit Israelis viele Fehler gemacht.

Der letzte Fehler war der Glaube, dass Israel den vierten Trupp von Gefangenen entlassen würde. Dies war fast unmöglich. Alle israelischen Medien, einschließlich der moderaten, sprechen über die Entlassung von „palästinensischen Mördern“, nicht von palästinensischen Aktivisten oder Kämpfern. Die Parteien vom rechten  Flügel standen im Wettkampf miteinander und mit  rechten „Terroropfern“, indem sie diese Untat denunzierten.

Die Israelis verstehen die tiefen Emotionen nicht, die durch die Nicht-Entlassung der Gefangenen – die nationalen Helden des palästinensischen Volkes  – hervorgerufen werden, obwohl Israel selbst in der Vergangenheit eintausend palästinensische Gefangene für einen einzigen Israeli austauschten. Die jüdische Religion verlangt die „Erlösung der Gefangenen“.

Es ist gesagt worden, dass Israel  ein „Zugeständnis“ dreimal verkauft; einmal, wenn es versprochen wird, sodann, wenn ein offizielles Abkommen darüber unterzeichnet wird und beim dritten Mal, wenn es tatsächlich erfüllt wird.  Dies geschah, als die Zeit kam, den 3.Rückzug von der Westbank unter den Oslo-Abkommen, der nie  passierte .

Die Palästinenser wissen nichts über jüdische Geschichte, wie sie in israelischen Schulbüchern gelehrt wird, sehr wenig über den Holocaust, noch weniger über den Zionismus.

DIE LETZTEN VERHANDLUNGEN begannen als „Friedensgespräche“, fuhren als „Rahmengespräche“ für weitere Verhandlungen fort,  jetzt sind die Gespräche zu Reden über die Reden über die Reden  degeneriert.

Keiner  will die Farce abbrechen, weil alle drei Seiten sich vor der Alternative fürchten.

Die amerikanische Seite fürchtet sich vor einem allgemeinen Angriff auf des zionistisch-evangelikal-republikanischen Adelson-Bulldozer auf die Obama-Regierung bei den nächsten Wahlen. Das Außenministerium versucht schon verzweifelt, sich von Kerrys  „Poof“ zurückzuziehen. Er meinte nicht, dass man Israel allein die Schuld geben müsse, sondern dass ein Fehler  auf beiden Seiten liege. Der Elefant und die Fliege sind gleicherweise zu tadeln.

Wie gewöhnlich hat die israelische Regierung viele Ängste. Sie fürchtet den  Ausbruch einer dritten Intifada, verbunden mit einer weltweiten Kampagne der De-legitimation und  des Boykotts von Israel, besonders in Europa.

Es fürchtet auch, dass die UN, die z.Zt. Palästina nur als ein Nicht-Mitglied-Staat anerkennt, weitergehen wird und Palästina immer mehr fördert.

Die palästinensische Führung fürchtet auch eine dritte Intifada, die zu einem blutigen Aufstand führen kann. Obwohl alle Palästinenservon einer „gewaltfreien Intifada“ sprechen, glauben nur wenige wirklich daran. Sie erinnern sich daran, dass die letzte Intifada auch gewaltlos begann, aber die israelische Armee  Scharfschützen einsetzte, die die Anführer der Demonstrationen erschossen. Mehr Selbstmord –Bombenanschläge wurden unvermeidlich.

Präsident Mahmoud Abbas (Abu-Mazen) hat auf die Nicht-Entlassung der Gefangenen dadurch reagiert, dass er im Namen Palästinas 25 Dokumente unterzeichnete, um sich internationalen Konventionen anzuschließen.

Praktisch bedeutet der Akt wenig. Eine der Unterschriften bedeutet, dass Palästina sich der Genfer Konvention anschließt. Eine andere betrifft den Schutz der Kinder. Sollten wir uns nicht darüber freuen? Aber die israelische Regierung fürchtet,  dass dies ein Schritt näher an der Aufnahme Palästinas  als Mitglied des Internationalen Gerichtshofes bedeute und vielleicht die  Anklage von Israelis wegen Kriegsverbrechen.

Abbas plant auch Schritte zu einer Versöhnung mit der Hamas und der Durchführung  von palästinensischen Wahlen, um seine Heimatfront zu stärken.

WENN man nun der arme John Kerry wäre, was würde man zu all dem sagen?

„Poof“ scheint das Minimum zu sein.

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Das Monster auf dem Hügel

Erstellt von Gast-Autor am 20. April 2014

Das Monster auf dem Hügel

 

Autor Uri Avnery

ES GIBT nichts Besseres als jede Woche einen Skandal. Ein gepfefferter Skandal regt die Leute auf, beschäftigt die Medien, lässt uns Dinge wie Krieg und Frieden, Besatzung und Apartheid  vergessen. Wie Brot und Spiele im alten Rom.

In dieser Woche hatten wir mehrere Skandale, die uns beschäftigten. Ehud Olmert, ein früherer Ministerpräsident, wurde verurteilt, weil er riesige Bestechungsgelder annahm, als er Bürgermeister von Jerusalem war. Er wurde für die Genehmigung eines monströsen Gebäudekomplexes auf dem höchsten Hügel  West-Jerusalems bezahlt –  schon aus großer Entfernung  sichtbar.

Als ob dies nicht schon genug wäre, Sylvan Shalom, ein Kabinettsminister  mit einem halben Dutzend Funktionen, wurde einer Notzucht  verdächtigt. Eine frühere Sekretärin erinnerte sich, dass er sie vor 15 Jahren in seinem Hotelzimmer angegriffen hatte.

Sich mit solch aufregenden Nachrichten zu beschäftigen, wer kann da noch Zeit und Energie haben, über die Krise bei den israelisch-palästinensischen Verhandlungen nachzudenken, die  wirklich niemals richtig anfingen? Die Öffentlichkeit weiß gut  genug, dass diese Verhandlungen  eine Farce sind, die von der amerikanischen Regierung in Bewegung gesetzt wurde, die nicht den Schneid hat, gegen die Mietlinge der israelischen Regierung im Kongress aufzustehen und  Benjamin Netanjahu etwas  aufzuzwingen.

FALLS  SICH TATSÄCHLICH  jemand irgendwelche Illusionen über amerikanische Politik gemacht hat, dann wären sie in dieser Woche zerstreut worden

Der Kasino-Mogul, Sheldom Adelson, organisierte eine öffentliche Vorstellung seiner Macht.

Er lud  die vier wahrscheinlichsten republikanischen Kandidaten für die nächsten Präsidentenwahlen in sein Las Vegas Wett-Paradies ein, um einen  auszuwählen. Alle Eingeladenen beachteten natürlich  die Aufforderung.

Es war eine beschämende Vorführung. Die Politiker krochen vor dem Casino-Herrn. Mächtige Gouverneure von bedeutenden Staaten taten ihr Bestes, um sich selbst wie Bewerber bei einem Jobinterview gut zu verkaufen. Jeder von ihnen versuchte, über den andern zu triumphieren und versprach dem Mogul, alle Bitten zu erfüllen.

Flankiert von israelischen Leibwächtern nahm Adelson  die amerikanischen  Hoffnungsvollen in die Zange. Und was verlangte er vom zukünftigen Präsidenten der USA? Als erstes und  wichtigstes: blinden und bedingungslosen Gehorsam  gegenüber einem anderen Staat: Israel.

Adelson ist einer der reichsten Juden in der Welt. Er ist auch ein Fanatiker  vom rechten Flügel – nicht nur  ein amerikanischer Rechter, sondern auch ein israelischer.

Während er jetzt nach dem besten amerikanischen Präsidenten sieht, den er kaufen kann, hat er schon seinen israelischen Handlanger. Er hat etwas in Israels Geschichte noch nie Dagewesenes getan: ein Instrument  geschaffen, um mit ihm seine ultra-rechten Ansichten auf das israelische Volk zu drücken.

Zu diesem Zweck hat er riesige Summen Geld investiert und eine tägliche Tageszeitung nach seiner Vorstellung geschaffen. Sie wird  „Israel heute“ genannt und kostet buchstäblich nichts. Sie wird für nichts über das ganze Land verbreitet. Seine Leserschaft ist jetzt die Größte im ganzen Land und bedroht die Existenz der  vorherigen Nummer eins „Yedioth Aharonot“ und  hat die nächste „Maariv“ schon umgebracht.

Der einzige Zweck von  Adelsons Zeitung ist es, Benjamin Netanjahu zu dienen, persönlich und politisch, bedingungslos und offen. Dies ist eine solch unverhohlene Einmischung in Israels Politik durch einen ausländischen Milliardär, dass dies  eine Reaktion auslöst: alle Knesset-Fraktionen, die Rechten wie die Linken (außer Likud, natürlich) haben eine  Forderung unterzeichnet, um dieser Korrumpierung  von Demokratie ein Ende zu setzen.

SELTSAM GENUG, die zionistische Bewegung wurde in einem Casino gegründet. Das war der Name der Halle in Basel, Schweiz, in der der erste zionistische Kongress 1897 auch stattfand. Aber er hatte nichts mit Glücksspiel zu tun. Das Stadt-Casino war eben eine zentralgelegene Halle.

Seit damals waren Casinos zu Glückspielplätzen geworden, nach allgemeiner Meinung mit der Mafia verbunden.  Heutzutage scheinen sie in den USA koscher zu sein, obwohl sie in Israel streng verboten sind.

Las Vegas ist jetzt zur Hauptstadt der amerikanischen Politik geworden. Alles was Adelson tut, tut er offen, stolz beschämend. Ich wundere mich wie  einfache Amerikaner auf dieses Spektakel eines Milliardärs – besonders eines Juden – reagieren, der den nächsten Präsidenten für sie wählt.

Uns wird erzählt, dass Antisemitismus in Europa und in der ganzen Welt auf dem Vormarsch ist. In der verrückten  geistigen Welt des Antisemitismus kontrollieren Juden den Kosmos. Und hier haben wir einen Juden, direkt aus den Seiten  der „Protokolle der Weisen von Zion“ der versucht, den Herrscher des mächtigsten Landes auf dem Planeten zu ernennen.

Adelson  hatte das letzte Mal keinen Erfolg. Das letzte Mal spendete er riesige Summen Geld für einen hoffnungslosen Kandidaten, und  dann  auf den gewinnenden republikanischen Nominierten, der gründlich von Barack Obama vernichtet wurde. Aber keiner kann sicher sein, dass dies wieder geschehen wird. Für Adelson  könnte es gut heißen: „Wenn Geld nicht wirkt, dann versuche es mit mehr Geld.“

DAS EIGENTLICHE-Problem ist, dass der amerikanische politische Prozess total korrupt ist. Man kann es nicht anders ausdrücken.

Um die Nominierung einer großen Partei zu bekommen und dann als Präsident gewählt zu werden, benötigt man enorme Summen Geld. Seitdem das größte Schlachtfeld das Fernsehen ist und Kandidaten dafür zahlen müssen, werden diese Summen immer größer.

Es ist schön zu denken, dass gewöhnliche Bürger diese Summen mit ihren bescheidenen Beträgen erreichen können, doch  das  ist eine Illusion. Spenden in diesen Dimensionen kann nur von den Reichen kommen, besonders von den sehr, sehr Reichen (Amerikaner  mögen dieses enthüllende Wort nicht mehr und sprechen von den „Wohlhabenden“. Aber das ist schon glatte Schönfärberei“)

Die sehr reichen wurden einmal Millionäre, dann Multi-Millionäre und jetzt Milliardäre genannt. Adelson ist ein Multi-Milliardär.

Ein Milliardär gibt für einen Präsidenten-Kandidaten kein Vermögen für nichts

So wird man an erster Stelle kein Milliardär. Wenn er erst mal seinen Mann gewählt bekommt, verlangt er sein Pfund Fleisch, viele Pfunde zurück.

Mir wird erzählt, Adelson wünsche,  wetten im Internet  solle verboten werden. so dass gewöhnliche, echte Casinos blühen können. Aber ich habe keine Zweifel, dass seine  zionistischen Leidenschaften vom rechten Flügel zuerst kommen.  Falls es ihm gelingt, seinen Mann ins Weiße Haus zu bringen, dann wird die US total der extremen Rechten in Israel unterwürfig sein. Er könne ebenso gut Netanjahu ins Ovale Office setzen. (Und warum nicht? Es benötigt nur eine kleine Änderung in der Verfassung. Wie viel mag das kosten?)

Das würde bei mir OK gewesen sein, wenn Adelson wirklich etwas vom israelisch- arabischen Konflikt verstünde.  Es ist das Problem, das er nichts davon versteht. Mit der typischen Arroganz der sehr Reichen denkt er, dass er es wohl tut.  Doch scheint es, dass er nicht die leiseste Ahnung über die Wurzeln des Konfliktes hat, seine Geschichte und die akute Gefahr, die in unserer Zukunft lauert.

Falls Adelson unsere Zukunft diktieren könnte, es würde eine Katastrophe für unser Land bedeuten.

UNSER  EIGENES politisches System ist nicht ganz so korrupt wie das amerikanische, aber es ist schlimm genug.

Israels Parteien, die an den Wahlen teilnehmen, bekommen freie TV-Minuten- entsprechend ihrer Größe in der letzten Knesset, mit einem Minimum an Zeit, die für neue Parteien  reserviert werden. Aber das ist viel zu wenig für eine Wahlkampagne.

Parteien sind in den Geldbeträgen begrenzt, die sie von Spendern akzeptieren  dürfen. Der Rechnungsprüfer übt strenge Kontrolle aus,

Und so kommen wir zurück zu Olmert

Kein ehrgeiziger Politiker ist  mit der genehmigten  Geldmenge zufrieden.  Viele von ihnen schauen sich nach Tricks um, um den  Rechnungsprüfer zu umgehen  Manchmal erreichen sie die Grenzen der Legitimität, oft  gehen sie drüber. Olmert selbst ist mehrfach in der Vergangenheit verdächtigt worden, illegales Geld zu verwenden; aber es gelang ihm immer wieder, davonzukommen.

In dieser Weise gegen das Gesetz zu verstoßen, ist ein strafbares Vergehen, aber in der Vergangenheit verurteilte die israelische Öffentlichkeit es  zu energisch. Die allgemeine Haltung war „Politiker sind eben Politiker.“

Diese Haltung veränderte sich, als zum ersten Mal  heraus kam, dass Politiker Bestechungen nicht zu Gunsten der Partei annahmen, sondern für sich selbst. Der erste große Skandal diese Art – 1976 von meinem Magazin aufgedeckt – betraf Asher Yadlin, einen Führer der Labor-Partei, der gerade zum Direktor der Bank von Israel ernannt wurde. Es  kam heraus, dass er die Bestechung für sich selbst statt für die Partei nahm. Er kam ins Gefängnis. Seitdem wurden viele solche Fälle aufgedeckt. Mehrere Minister sind ins Gefängnis geschickt worden. Einer hat seine Gefängnisstrafe schon  abgesessen, ist zurück und spielt nun eine zentrale Rolle in der Knesset. Ariel Sharon und Avigdor Lieberman entkamen mit knapper Not der öffentlichen Anklage.

(Ich habe schon einmal die Geschichte über einen früheren Bildungsminister erzählt, dem von einem Kollegen gesagt wurde:  „Gratuliere mir! Ich wurde freigesprochen!“ Er antwortete ihm trocken: „Seltsam. Ich bin nie freigesprochen worden!“)

Olmert ist der letzte und überschattet alle anderen, weil er ein Ministerpräsident war. Das Land ist geschockt. Doch seine lange Karriere ist befleckt mit  Anklagen, vor denen er von seinen Anwälten immer gerettet wurde. Als erstes nahm er Geld für seine Wahlkampagnen. Später nahm er Geld für sich selbst.

ES GIBT keinen Weg, um die Korruption des politischen Prozesses in den USA – und hier – zurückzuschlagen, ohne dass das Wahlsystem völlig verändert wird. So lange so große Summen benötigt werden, um gewählt zu werden, wird die Korruption unangefochten herrschen.

Bis solch eine Reform stattfindet, werden die Adelsons und die Olmerts die Demokratie korrumpieren.

Und das  Monster auf dem Hügel in Jerusalem wird als Warnung dort stehen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser  autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | 1 Kommentar »

Hundert Jahre später

Erstellt von Gast-Autor am 13. April 2014

Hundert Jahre später

Autor Uri Avnery

ES GIBT einen chinesischen Fluch:  „mögest du in historischen Zeiten leben!“ (Falls es den noch nicht gibt, sollte es  einen geben.)

Die vergangene Woche war eine historische Zeit. Die Halbinsel Krim trennte sich von der Ukraine – Russland annektierte sie.

Eine gefährliche Situation. wurde geschaffen. Keiner weiß, wie es weitergehen wird.

NACH MEINEM letzten  Artikel über die ukrainische Krise wurde ich  von leidenschaftlichen E-Mail-Botschaften überflutet.

Einige waren über ein oder zwei Sätze  empört, die so ausgelegt werden konnten, als würden sie die  russischen Aktionen rechtfertigen. Wie konnte ich den früheren KGB-Aparatchic, den neuen Hitler, den Führer entschuldigen, der dabei war, ein neues Sowjetempire  aufzubauen, in dem er Nachbarländer zerstört und unterwirft?

Andere waren  mit derselben Leidenschaft empört: meine vermutete Unterstützung der faschistischen Bande, die in Kiew an die Macht gekommen war, die Antisemiten in Nazi-Uniformen und die amerikanischen Imperialisten, die sie für ihre  eigenen unheimlichen Zwecke ausnützen.

Ich bin etwas verblüfft von den starken Emotionen auf beiden Seiten, Der kalte Krieg – so scheint es –  ist noch nicht vorüber. Er machte nur ein Schläfchen.  Die gestrigen Krieger eilen zu ihren Flaggen, zur Schlacht bereit.

Tut mir leid, aber ich habe weder mit der einen  noch mit der andern Seite  Sympathie. Beide Seiten – so scheint mir – haben etwas Gerechtigkeit auf ihrer Seite. Viele Schlachtrufe sind einfach Schwindel.

DIEJENIGEN, die gegen die Annexion der Krim an die russische Föderation sind und dies mit Hitlers „Anschluss“ von Österreich vergleichen, mögen in gewissem Sinn Recht haben. Ich erinnere mich an die Wochenschau, wie die Österreicher die Soldaten des Führers, der schließlich selbst  Österreicher war,  begeistert willkommen hießen. Zweifellos  haben die meisten Österreicher  die „Rückkehr ins Reich“ willkommen geheißen.

Das scheint nun mit der Krim  auch der Fall zu sein.  Lange Zeit war die Krim ein Teil Russlands gewesen. Dann gab der damalige Führer der Sowjet-Union, Nikita Chruschtschow, selbst ein Ukrainer,1954 die Krim als Geschenk an die Ukraine. Es war vor allem eine symbolische Geste, da beide, Russland und die Ukraine, zum selben Sowjet-Staat gehörten und derselben Unterdrückung unterworfen waren.

Aber der Hauptpunkt ist, die Leute der Krimhalbinsel  wurden nicht gefragt. Da gab es kein Referendum. Die Mehrheit der Bevölkerung ist russisch und wünscht zweifellos nach Russland zurückzukehren. Sie drückte diesen Wunsch in einem Referendum aus; im Großen und Ganzen scheint es echt zu sein. Also mag die Annexion gerechtfertigt zu sein.

Vladimir Putin selbst brachte den Präzedenzfall  Kosovo, das sich von Serbien vor nicht langer Zeit trennte. Dies mag ein bisschen zynisch klingen, da Russland streng gegen diese Abtrennung war. Alle russischen Argumente damals stehen jetzt im Widerspruch  zu Putin selbst.

Wenn wir den Zynismus,  die Heuchelei und die Großmacht- Politik zurückweisen und uns nur an die einfachen moralischen Prinzipien halten: was  für den einen recht ist, ist für den andern billig. Eine beträchtliche nationale Minderheit, die in ihrer Heimat lebt, hat ein Recht, sich von einem Staat zu trennen, den es nicht liebt.

Aus diesem Grund unterstütze ich die Unabhängigkeit des Kosovo und glaube, dass dasselbe Prinzip jetzt  auch  für Katalonien, Schottland, Tibet und Tschetschenien gilt.

Es gibt  immer eine Möglichkeit, die Trennung ohne Gewaltanwendung durchzuführen: Bedingungen zu schaffen, die die Minderheit wünschen lässt, im Staat der Mehrheit zu bleiben. Großzügige  wirtschaftliche, politische und kulturelle Politik kann dies erreichen. Aber dafür benötigt man die Weisheit von weitsichtigen Führern,  und die ist überall eine Seltenheit.

EBENSO HATTEN die Ukrainer vollkommen Recht, einen Präsidenten  hinauszuwerfen,  der sie gegen ihren Willen in den russischen Machtbereich bringen will. Seine goldene Badezimmereinrichtung ist irrelevant.

Eine  Frage für sich ist, welche Rolle spielen Faschisten in dem Prozess? Darüber  gibt es widersprüchliche Berichte, aber israelische Reporter vor Ort bezeugen  ihre  auffällige Präsenz im Zentrum von Kiew.

Diesem Problem standen wir schon seit dem „tunesischen Frühling“ gegenüber: in vielen dieser „Frühlings“ -Länder bringen die Aufstände  Elemente in den Vordergrund, die schlimmer sind als die Tyrannen, die sie ersetzen wollen. Die Revolutionen sind von Idealisten begonnen worden, die nicht in der Lage waren, sich zu einigen und ein effektives Regime aufzubauen; und dann wurden  die Revolutionen von intoleranten Fanatikern übernommen, die bessere Kämpfer und bessere Organisatoren sind.

Dies ist das Geheimnis des Überlebens des abscheulichen Bashar al-Assad. Wenige Leute wollen, dass Syrien in die Hände einer Taliban-ähnlichen islamischen Tyrannei fällt. Dies ist auch das Schicksal Ägyptens: Die liberalen Demokraten begannen die Revolution, aber verloren die demokratischen Wahlen an eine religiöse Partei, die in großer Hast dem Volk ihren Glauben überstülpen wollte. Sie wurden von einer militärischen Diktatur besiegt, die noch schlimmer als das Regime ist, von der die ursprüngliche Revolution besiegt wurde.

Das Auftauchen der Neo-Nazis in Kiew ist Besorgnis erregend, selbst wenn Putin ihre Gegenwart  für seine eigenen Zwecke ausnützt. Wenn sie vom Westen  – offen oder verdeckt – unterstützt werden,  so ist das noch beunruhigender.

GENAU SO  Besorgnis erregend ist die Unsicherheit  von Putins Absichten.

In vielen Ländern, die Russland umgeben, lebt eine große Anzahl von Russen, die auch schon in sowjetischen Zeiten dort hingezogen sind: Ukraine, Lettland, Estland , Moldawien, Kasachstan und andere Länder haben  große russische Minderheiten, und sogar Mehrheiten, die sich danach sehnen, vom Mutterland annektiert zu werden .

Keiner kennt Putin wirklich. Wie weit wird er gehen? Kann er seinen Ehrgeizig bändigen? Wird er von seinen Erfolgen fortgerissen.

Während er seinem Parlament die Annexion der Krim mitteilte, schien er sich maßvoll zu verhalten, aber es gab viel  imperiales Drum und Dran bei dem Ereignis. Er wäre nicht der erste Führer in der Geschichte, der seine Erfolge überschätzt und seine Gegner unterschätzt.

Auf der andern Seite – gibt es genug Weisheit in Washington und in den andern westlichen Hauptstädten, um die richtige Mischung von  Entschlossenheit und Zurückhaltung, um  ein  Abgleiten in einen Krieg zu vermeiden?

IN DREI Monaten wird die Welt den 100. Jahrestag des Schusses in Sarajewo „feiern“ – den Schuss, der einen  weltweiten Brand auslöste

Es wäre ratsam , noch einmal die Kette von Ereignissen aufzuzählen, die einen der zerstörendsten Kriege der menschlichen Geschichte verursacht haben, einen Krieg, der Millionen von Menschenleben  gekostet hat und eine ganze Kultur

Der Schuss, mit dem alles begann, war rein zufällig. Der Attentäter, ein serbischer Nationalist, verfehlte den ersten Versuch, einen ganz unbedeutenden österreichischen Erzherzog zu töten. Aber nachdem er schon aufgegeben hatte, begegnete ihm sein beabsichtigtes Opfer zufällig noch einmal und er erschoss es.

Die inkompetenten österreichischen Politiker und ihr seniler Kaiser sahen eine leichte Möglichkeit, die Fähigkeit ihres Landes zu zeigen und stellten dem kleinen Serbien ein Ultimatum. Was konnte es schon verlieren?

Außer, dass Serbien Russlands Schützling war. Um die Österreicher abzuschrecken, befahl der Zar und seine ebenso inkompetenten Minister und Generäle eine allgemeine Mobilisierung ihrer großen Armee. Sie waren sich gar nicht der Tatsache bewusst, dass dies einen unvermeidbaren Krieg auslöste, weil ….

Das Deutsche Reich, das erst  43 Jahren vorher zustande gekommen war, lebte in tödlicher Angst vor einem  „Zweifrontenkrieg“. Mitten in Europa liegend, zwischen zwei großen Militärmächten, Frankreich und Russland, schmiedete es einen Plan, um dieser  Eventualität zuvor zu kommen. Der Plan veränderte sich jedes Jahr im Laufe  der Kriegsspiele, aber im Wesentlichen g ründete er sich auf  der Voraussetzung, dass erst der eine Feind besiegt werden müsse, bevor der andere Feind Zeit hatte, sich der Schlacht anzuschließen.

Der Plan von 1914 war, Frankreich zu vernichten, bevor die schwerfällige russische Mobilisierung abgeschlossen gewesen wäre. Als der Zar seine Mobilisierung verkündete, fiel die deutsche Armee in Belgien ein und erreichte in wenigen Wochen die Außenbezirke von Paris. Es gelang ihr fast, Frankreich zu besiegen, bevor die Russen fertig waren.

( 25 Jahre später hatte Adolf Hitler eine andere Lösung des Problems:  er machten einen falschen Vertrag mit Stalin, schlug Frankreich und griff dann Russland an.)

1914 war Großbritannien  von der Invasion in Belgien geschockt, hastete seinem französischen Verbündeten zu Hilfe. Italien, Japan und andere schlossen sich dem Kampf an. So machte sich auch das Ottomanische Reich auf, das über Palästina regierte.   Der 1. Weltkrieg war auf den Weg.

Wer wünschte diesen schrecklichen Krieg? Keiner. Wer machte die kaltherzige Entscheidung, mit ihm zu beginnen? Keiner. Natürlich waren viele nationale und internationale Interessen damit verbunden, aber keine war so wichtig, um solch eine Katastrophe zu rechtfertigen.

Nein, es war ein Krieg, den keiner wollte oder sich sogar vorstellte. Die Blüte der  Jugend Europas wurde durch die reine Dummheit der zeitgenössischen Politiker und  danach durch die kolossale Dummheit der Generäle vernichtet.

Und am Ende wurde ein Friedensvertrag ausgeheckt, der praktisch noch einen  weiteren Weltkrieg unvermeidbar machte. Erst nach einem weiteren Weltkrieg kamen die Politiker zur Besinnung und machten einen neuen Bruderkrieg in West-Europa unmöglich

Hundert Jahre, nachdem alles anfing, ist es gut, sich daran zu erinnern.

KANN SO ETWAS wie dieses noch einmal geschehen? Kann eine unbeabsichtigte Kette törichter Handlungen zu einer neuen Katastrophe führen?  Kann eine Sache  zu einer andern in einer Weise führen, dass inkompetente Führer nicht in der Lage sind, sie zu stoppen?

Ich hoffe nicht.  Schließlich sollten nach  diesen hundert Jahren  einige Lektionen gelernt  und zu Herzen genommen worden sein.

Oder ?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Gott segne Putin

Erstellt von Gast-Autor am 30. März 2014

Gott segne Putin

BENJAMIN  NETANJAHU ist ein sehr guter Redner, besonders vor Juden, Neokonservativen  und  ähnlichen Leuten, die aufspringen und ihm wild applaudieren, egal, was er sagt, einschließlich , dass morgen die Sonne im Westen aufgeht.
Die Frage besteht: ist er auch sonst gut?
Sein Vater, ein ultra-ultra-Rechter, sagte einmal über ihn: Dass er sich gar nicht als Ministerpräsident eignen würde, aber er könnte ein guter Außenminister werden. Was er meinte, war, dass Benjamin  nicht die nötige Tiefe des Verständnisses hat, das nötig sei, um eine Nation zu führen, aber dass er gut sei, irgendeine  Politik, die von einem echten Führer bestimmt worden  sei, zu  verkaufen.
(Erinnern wir uns an die Charakterisierung Abba Ebans durch David Ben Gurion: „Er kann sehr gut erklären, aber man muss ihm sagen, was er erklären soll.“)
In dieser Woche wurde Netanjahu nach Washington gerufen.  Er sollte vermutlich John Kerrys neues „Rahmenabkommen“ billigen, das als Grundlage  eines neuen Startes für  die Friedensverhandlungen dienen solle, die bis jetzt zu nichts geführt haben.
Am Vorabend des Ereignisses gab Präsident Barack Obama einem jüdischen Journalisten ein Interview, in dem er Netanjahu  beschuldigte, den „Friedensprozess“ so hinauszuzögern, als ob es wirklich  einen Friedensprozess gegeben hätte.
Netanjahu kam mit einer leeren Aktentasche –  womit ich meine, mit einer Tasche voll leerer Parolen.  Die israelische Führung hatte mächtig für Frieden gekämpft, kam aber wegen der Palästinenser überhaupt nicht voran.  Mahmoud Abbas sollte man  anklagen, weil er sich weigert, Israel als den Nationalstaat des jüdischen Volkes anzuerkennen.
Und was ….hmm  ….ist mit den Siedlungen,  die  während des letzten Jahres  mit rasender Geschwindigkeit erweitert wurden? Warum sollten die Palästinenser endlos verhandeln, während die israelische Regierung  immer mehr Land in Besitz nimmt, das  zur Substanz der Verhandlungen gehört? (s. das klassisch palästinensische Argument: „Wir verhandeln  über die Teilung einer Pizza. und in der Zwischenzeit isst Israel die Pizza auf“)
Obama wappnete sich, sich mit  Netanjahu, der AIPAC und ihren  Strohmännern des Kongresses  auseinanderzusetzen. Er war dabei, Netanjahu die Arme hinterm Rücken zu verdrehen, bis er aufgibt und  Kerrys  „Rahmenabkommen“ annimmt, das bis jetzt so verwässert worden ist, dass es fast wie  ein zionistisches Manifest aussieht. Kerry arbeitet fieberhaft an einem Abkommen egal, ob man mit ihm zufrieden oder unzufrieden ist.
Netanjahu, der nach etwas schaute, um den Angriff zurückzuweisen, war bereit, wie gewöhnlich „Iran! Iran! Iran!“ zu schreien – als etwas Unvorhergesehenes geschah.

NAPOLEON MACHTE  einmal den berühmten Ausspruch: „Gebt mir Generäle, die  Glück haben!“ Er hätte  General Bibi geliebt.

Weil,  als er unterwegs zu einem wieder gekräftigten Obama war, um ihm gegenüber zu treten, es eine Explosion gab, die die Welt erschütterte.

Die  Ukraine.

Es war wie die Schüsse, die vor hundert Jahren aus Sarajevo drangen. Die internationale Ruhe war plötzlich zerstört. Die Möglichkeit eines größeren Krieges lag in der Luft.

Netanjahus Besuch verschwand aus den Nachrichten. Obama war mit einer historischen Krise beschäftigt, und  wünschte, Netanjahu so schnell wie möglich los zu werden. Anstelle eines strengen Verweises vom israelischen Führer, kam er mit einigen hohlen Komplimenten davon. All die wunderbaren Reden, die Netanjahu  vorbereite hatte, wurden nicht gehalten. Sogar seine gewöhnlich triumphierende Rede vor der AIPAC erweckte kein Interesse.

Alles nur wegen des Aufstandes in Kiew.

BIS JETZT sind schon unzählige Artikel  über die Krise geschrieben worden. Historische  Assoziationen  gibt es en masse.

Obwohl Ukraine „Grenzland“ bedeutet, war es oft im Zentrum europäischer Ereignisse  .Die ukrainischen Schulkinder muss man bedauern. Die Veränderungen in der Geschichte ihres Landes waren konstant und extrem.  Während verschiedener Zeiten war die Ukraine eine europäische Macht und ein armes heruntergekommenes Land, extrem reich (Der „Brotkorb Europas“)  oder  erbärmlich arm, von den Nachbarn angegriffen, die ihre Leute gefangen nahmen,  um sie als Sklaven zu verkaufen oder ihre Nachbarn angriffen, um ihr Land zu vergrößern.

Die Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland sind sogar noch komplizierter.  In einer Weise ist die Ukraine das Herzland der russischen Kultur, Religion und der Orthographie. Kiew war bei weitem bedeutender als Moskau, bevor dieses zum  Mittelpunkt des Moskauer Imperialismus‘ wurde

Im Krimkrieg 1850 kämpfte Russland  tapfer gegen eine Koalition von Großbritannien, Frankreich, das Ottomanische Reich und Sardinien und verlor schließlich. Der Krieg war wegen der christlichen Rechte in Jerusalem ausgebrochen und schloss eine lange Belagerung von Sewastapol ein. Die Welt erinnert sich noch an den Angriff  „der Leichten Brigade“. Eine Engländerin mit Namen Florence Nightingale baute die erste Organisation auf, die sich um Verwundete auf dem Schlachtfeld kümmerte. Daraus entstand das Rote Kreuz.
Während meiner Lebenszeit mordete Stalin Millionen von Ukrainern durch bewusstes Aushungern. Eine Folge davon war, dass die meisten Ukrainer die deutsche Wehrmacht 1941 als Befreier willkommen hieß. Es hätte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft  sein können, aber leider hatte Hitler vor, die ukrainischen „Untermenschen“ auszurotten, um die Ukraine in den deutschen „Lebensraum“  zu integrieren.

Die Krimbevölkerung litt schrecklich. Das tartarische Volk, das die Halbinsel in der Vergangenheit beherrschte, wurde nach Zentralasien deportiert, Jahrzehnte später wurde ihm erlaubt, zurückzukehren. Jetzt sind sie eine Minderheit, anscheinend unsicher,  wo ihre Loyalität liegt.

DIE BEZIEHUNG zwischen der Ukraine und den Juden ist nicht weniger kompliziert.

Einige jüdische Schriftsteller wie Arthur Köstler und Schlomo Sand glauben, dass das Khazarenreich, das vor tausend Jahren  die Krim und die benachbarten Gebiete  beherrschte,  zum Judentum konvertierte, und dass die meisten Aschkenazim von ihnen abstammen. Dies würde uns alle zu Ukrainern machen (Viele frühe zionistische Führer kamen tatsächlich aus der Ukraine.)

Als die Ukraine ein Teil des umfangreichen polnischen Reiches war, nahmen viele polnische Adlige große Ländereien dort in Besitz.  Sie beschäftigten Juden als ihre Manager. So schauten die ukrainischen Bauern auf die Juden als  Agenten ihrer Unterdrücker, und Antisemitismus wurde zum Teil der nationalen Kultur der Ukraine.

Wie wir in der Schule lernten, wurden bei jedem Wandel in der ukrainischen Geschichte Juden ermordet. Die Namen der meisten ukrainischen Volkshelden, Führer und Rebellen, die in ihrer Heimat verehrt wurden, sind im jüdischen Bewusstsein mit schrecklichen Pogromen verbunden.

Der Kossake Hetman (Führer) Bohdan Chmeinytsky, der die Ukraine vom polnischen Joch befreite, und von den Ukrainern als  Vater der Nation angesehen wird, war einer der schlimmsten Massenmörder in der jüdischen Geschichte. Symon Petliura, der die Ukrainer gegen die Bolschewiken nach dem 1. Weltkrieg führte, wurde von einem jüdischen Rächer in Paris getötet.

Für einige ältere, jüdische Immigranten in Israel  war es schwer zu entscheiden, wen sie mehr hassten, die Ukrainer oder die Russen (von den Polen  ganz zu schweigen)

VÖLKER  RUND um die Erde finden es ebenso schwierig,  welche Seite sie wählen sollen

Die gewöhnlichen  kalten Krieger haben es einfacher – sie hassen  aus Gewohnheit entweder die Amerikaner oder die Russen.

Was mich betrifft: je mehr ich mich mit der Situation beschäftige, umso unsicherer werde ich. Dies ist keine Schwarz- oder Weiß-Situation. Die erste Sympathie geht zu den Maidan Rebellen (Maidan ist ein arabisches Wort und bedeutet Stadtplatz.  Seltsam, wie es nach Kiew kam. Wahrscheinlich via Istanbul)

Sie wollen sich mit dem Westen verbinden, sich der Unabhängigkeit und der Demokratie erfreuen. Was ist falsch daran?

Nichts, außer dass sie zweifelhafte Genossen haben. Neo-Nazis in ihren nachgeahmten Nazi-Uniformen, die mit  dem Hitlergruß  grüßen, und  den Mund voll antisemitischer Sprüche haben, sind nicht sehr attraktiv. Die Ermutigung, die  sie von westlichen Verbündeten erhalten, einschließlich der abstoßenden Neokonservativen, ist auch wenig einladend.

Auf der anderen Seite ist Wladimir Putin auch nicht sehr einnehmend. Es ist der alte russische Imperialismus  – immer wieder.

Der von den Russen benützte Slogan: die Notwendigkeit, die russisch sprechenden Leute im Nachbarland zu schützen, klingt doch unheimlich bekannt. Es ist eine genaue  Kopie von Hitlers Behauptung, 1938 die Sudetendeutschen vor dem tschechischen Monster zu schützen.

Aber Putin hat einige Logik auf seiner Seite. Sewastopol – das die heroischen Belagerungen im Krim-Krieg und im 2. Weltkrieg erlitt –  waren wesentlich für seine Marine.  Die Verbindung mit der Ukraine ist ein wichtiger Teil des russischen  Strebens  nach einer Weltmacht.

Als kaltblütiger berechnender  Typ, wie er jetzt selten in der Welt vorkommt, benützt Putin die guten Karten, die er hat, aber ist sehr vorsichtig, nicht zu viele Risiken auf sich zu nehmen. Er managt die Krise,  scharfsinnig benützt er die offensichtlichen Vorteile Russlands: Europa benötigt  sein Öl und Gas, er benötigt Europas Kapital und Handel. Russland spielt in Syrien und Iran eine führende Rolle. Die USA steht plötzlich wie ein  Zuschauer daneben.

Ich vermute, dass es am Ende einen Kompromiss gibt. Russland will einen Fuß in der kommenden ukrainischen Führung haben. Beide Seiten werden den Sieg verkünden, und das ist gut
(Übrigens für unsere Anhänger der „Ein-Staat-Lösung“: wieder scheint ein multikultureller Staat auseinander zu brechen.)

WO WIRD uns  Netanjahu hinführen? Netanjahu  hat einige Monate oder Jahre gewonnen ohne irgendeine Bewegung in Richtung  Frieden, und in der Zwischenzeit kann er  die Besatzung fortführen und den Siedlungsbau mit großer Geschwindigkeit fortsetzen.

Das ist die traditionelle zionistische Strategie. Zeit ist alles. Jeder Aufschub  gibt weitere Möglichkeiten, neue Tatsachen vor Ort  zu schaffen Netanjahus Gebete sind erhört worden.

Gott segne Putin.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Abgelegt unter Friedenspolitik, Nah-Ost | Keine Kommentare »

Ihre Mütter, ihre Väter

Erstellt von Gast-Autor am 23. März 2014

Ihre Mütter, ihre Väter

Autor Uri Avnery

ES IST der Sommer 1941. Fünf junge Menschen – drei junge Männer und zwei junge Frauen – treffen sich in einer Bar und verbringen einen fröhlichen Abend, flirten mit einander, werden betrunken, tanzen verbotene ausländische Tänze. Sie sind zusammen  im selben Berliner Stadtteil aufgewachsen.

Es ist eine glückliche Zeit. Adolf Hitler begann vor  anderthalb Jahren einen Krieg und der ging bis dahin  unglaublich gut. In dieser kurzen Zeit eroberte Deutschland Polen, Dänemark, Norwegen und Holland, Belgien und Frankreich. Die Wehrmacht war unbesiegbar. Der Führer war ein Genius, „der größte Feldherr aller Zeiten“.

So beginnt der Film, der gerade in unsern Kinos läuft – ein einzigartiges historisches Dokument. Er  läuft fünf atemlose Stunden und  beschäftigt die Gedanken und Gefühle seiner Zuschauer noch tage- und wochenlang.

Im Grunde ist es ein Film, der von Deutschen für Deutsche gedreht wurde. Der deutsche Titel sagt alles „Unsere Mütter, unsere Väter“. Der Zweck ist, die Fragen zu beantworten, die heute noch junge Deutsche beunruhigen. „Wer waren unsere Eltern und Großeltern? Was taten sie während dieses schrecklichen Krieges? Was empfanden sie? Waren sie an den schrecklichen Verbrechen beteiligt, die von den Nazis begangen wurden?

Diese Fragen werden im Film nicht deutlich beantwortet. Aber jeder deutsche Zuschauer ist gezwungen, sie zu stellen. Es gibt keine klaren Antworten. Der Film  ergründet es nicht. Eher zeigt er ein breites Panorama des deutschen Volkes in Kriegszeiten, die verschiedenen Teile der Gesellschaft, die verschiedenen Typen von Kriegsverbrechern, passive Zuschauer bis zu den Opfern.

Der Holocaust steht nicht im Mittelpunkt der Ereignisse, ist aber ständig anwesend, nicht als ein besonderes Ereignis, sondern als Teil in die  Struktur der Realität verwoben

DER FILM beginnt 1941 und deshalb kann die Frage, die für mich die wichtigste wäre, nicht beantwortet werden. Wie kann eine zivilisierte, vielleicht die kultivierteste Nation in der Welt eine Regierung wählen, deren Programm  offensichtlich kriminell war.

Es stimmt, Hitler wurde niemals von einer absoluten Mehrheit in freien Wahlen gewählt. Aber er kam sehr nah dran. Und er fand leicht politische Partner, die bereit waren, ihm zu helfen, eine Regierung zu bilden.

Einige sagten damals: es sei ein einzigartiges deutsches Phänomen gewesen, der Ausdruck  besonderer deutscher Mentalität, während Jahrhunderten der Geschichte geformt. Diese Theorie ist bis jetzt diskreditiert worden. Aber wenn es so ist, kann es in einem andern Land geschehen? Könnte es in unserm Land geschehen? Kann es heute geschehen? Welches sind die Umstände, die das ermöglichen?

Der Film gibt keine Antwort auf diese Fragen. Er überlässt die Antworten dem Zuschauer.

Die jungen Helden des Filmes fragen nicht. Sie waren 10 Jahre alt, als die Nazis zur Macht kamen, und für sie war das „1000-Jährige Reich“ (Wie die Nazis es nannten) die einzige Realität, die sie kannten. Es war der natürliche Zustand der Dinge.  So beginnt die Handlung.

ZWEI DER  Jugendlichen waren Soldaten. Einer hatte den Krieg schon gesehen und trug einen Orden für Tapferkeit.  Sein Bruder war gerade eingezogen worden. Der dritte junge Mann war ein Jude. Wie die beiden Mädchen waren sie voll jugendlichen Überschwangs. Alles sah gut aus.

Der Krieg?  Nun, er kann nicht mehr lange dauern, oder? Der Führer selbst hat versprochen, dass  bis Weihnachten der Endsieg gewonnen sein wird.  Die fünf jungen Leute versprachen einander,  sich an Weihnachten wieder zu treffen. Keiner hatte die leiseste, böse Vorahnung  der schrecklichen Erfahrungen, die jedem bevorstanden.

Während ich diese Szene sah, konnte ich nicht anders, als an meine frühere Klasse denken. Ein paar Wochen nach der Machtübernahme der Nazis wurde ich ein Schüler der 1. Klasse des Gymnasiums. Meine  Mitschüler waren  gerade so alt, wie die Helden im Film, Sie sind 1941  eingezogen worden, und da es eine Eliteschule war, sind wahrscheinlich alle Offiziere geworden.

Nach einem halben Jahr im Gymnasium, nahm mich meine Familie mit nach Palästina.  Niemals traf ich einen meiner Klassenkameraden wieder, außer einem (Rudolf Augstein, den Gründer des Magazins Der Spiegel; Ich traf ihn Jahre nach dem Krieg, und er wurde wieder mein Freund) Was geschah mit allen anderen? Wie viele überlebten den Krieg? Wie viele waren zu Krüppeln geworden?  Wie viele waren zu Kriegsverbrechern geworden?

Im Sommer 1941 waren sie wahrscheinlich noch so glücklich wie die Jugendlichen  im Film, die hofften Weihnachten wieder zu Hause zu sein.

DIE BEIDEN Brüder wurden an die russische Front geschickt, eine unvorstellbare Hölle. Dem Film gelingt es, die Realitäten des Krieges zu zeigen, leicht erkennbar von jemandem, der auch ein Soldat im Kampf war. Nur dass dieser Kampf hier hundertmal schlimmer war,  und der Film zeigt dies brillant.

Der ältere Bruder, ein Oberstleutnant, versuchte, den Jüngeren zu schützen. Das Blutbad, das noch vier Jahre weiterging, Tag um Tag, Stunde um Stunde veränderte ihren Charakter. Sie wurden brutal. Der Tod war rund um sie. Sie sahen  schreckliche Kriegsverbrechen. Sie hatten den Befehl Gefangene zu erschießen, sie sahen wie jüdische Kinder geschlachtet wurden. Am Anfang wagten sie, noch schwach zu protestieren, dann behielten sie ihre Zweifel für sich; dann nahmen sie Teil an den Verbrechen, als  ob es selbstverständlich wäre.