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RENTENANGST

Frankreich Danach

Erstellt von DL-Redaktion am 18. Januar 2015

Trauernde ohne politische Krokodilstränen

AUS PARIS, NIZZA, ROTTERDAM UND BERLIN SABINE SEIFERT, ANNIKA JOERES, TOBIAS MÜLLER, JOHANNES GERNERT UND ASTRID GEISLER

Nach den Morden sucht ein Zeichner einen neuen Titel für „Charlie Hebdo“. Der Autor Tahar Ben Jelloun glaubt, Muslime müssten teuer bezahlen. Eine Frau in Nizza spürt das. Beobachtungen in einem verwundeten Land

Am Vormittag des 9. Januar geht Rénald Luzier zur Arbeit. Luzier, der zwei Tage zuvor 43 Jahre alt geworden ist, hängt seinen grauen Mantel über eine Stuhllehne, legt seinen Schal ab und setzt sich an einen runden dunklen Konferenztisch. Mit seinen Kollegen diskutiert er über die neue Ausgabe ihres kleinen Satiremagazins. Rénald Luzier trägt die klobige Brille eines Menschen, der viel liest und viel nachdenkt, und er redet wie einer, der beim Nachdenken viele Kurven nimmt. Er muss jetzt viel reden, weil weiter geredet werden muss. Draußen jagen gerade zehntausende Polizisten die beiden Männer, die an seinem Geburtstag acht seiner Freunde und Kollegen erschossen haben.

Er hat ausgeschlafen, er hat überlebt.

In den Großraumbüros im Haus laufen die Bilder der Verfolgungsjagd live über Fernsehschirme. Unten am Eingang drängen sich Fernsehteams, Reporter und Fotografen. Luzier, Zeichnername Luz, ist mit den anderen Überlebenden ins Redaktionsgebäude der Zeitung Libération eingezogen, um die neue Ausgabe von Charlie Hebdo zu produzieren. Die Welt wartet.

Fünf Tage später, am Mittwoch dieser Woche, werden überall in Frankreich schon am frühen Morgen Menschen vor Kiosken Schlange stehen. Die neue Ausgabe von Charlie Hebdo soll erst eine, dann drei, schließlich fünf Millionen mal gedruckt werden. Etliche Zeitungen veröffentlichen das Cover, das Rénald Luzier in den Tagen nach dem Attentat zeichnen wird.

Man kann ihm jetzt beim Arbeiten zusehen. Fast jeden Tag erscheint ein neues Video auf der Internetseite der Libération. Luzier ist früher oft in kleinen Clips aufgetreten, die von den Blödeleien aus der Redaktion von Charlie Hebdo erzählten. Mit Stéphane Charbonnier, seinem Freund Charb, tobt er im Oktober 2011 zwischen Zeitungsregalen herum. Drei Wochen bevor jemand die Redaktion anzündet. Es ist Luz‘ Zeichnung, die damals einen drohenden Mohammed zeigt: 100 Peitschenschläge für alle, die sich über die Ausgabe von Charia Hebdo nicht totlachen. Die Videos stehen alle noch auf der Seite dailymotion.com. Eine angemessen alberne Erinnerung.

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Guillaume from Paris, France

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert.

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Wen wählen?

Erstellt von Gast-Autor am 24. Februar 2013

Wen wählen?

Autor Uri Avnery

IN DREI Tagen werden die Wahlen stattfinden, und sie sind langweilig, langweilig, langweilig.

 Tatsächlich so langweilig, dass sogar über ihre Langweiligkeit zu reden, langweilig ist.

Aus Mangel an irgendeiner Debatte über die wirklichen Probleme werden Medienexperten dahingehend reduziert, dass sie nur die Wahlsendungen diskutieren. Einige sind gut, einige mittelmäßig, einige grauenhaft. Als ob dies ein Wettbewerb zwischen schönrednerischen Pressesprechern, Werbetextern und „Taktikern“ mit einer Öffentlichkeit wäre, die nur danebensteht.

WO IMMER ich auch Leuten begegne, werde ich wirklich besorgt gefragt: „Ich weiß nicht, wen ich wählen soll! Es gibt keine Partei, die ich wirklich schätze!“ und dann die Frage, die ich fürchte: „Was raten Sie mir, wen soll ich wählen?“

Ich habe alle vergangenen 18 Knessetwahlen ernsthaft verfolgt, außer der ersten, weil ich noch Soldat war. In mehreren war ich selbst ein Kandidat. Ich habe immer über die geschrieben, die ich bevorzuge, aber ich habe meinen Lesern nie gesagt, wie sie abstimmen sollen.

So werde ich es auch diesmal tun.

ALS ERSTES: es ist ein absoluter Imperativ zur Wahl zu gehen, es ist nötiger als je. Es geht nicht um ein „Festgelage der Demokratie“, nicht um „zivile Pflicht“ und Ähnliches Bla-bla-bla. Es ist eine lebenswichtige Notwendigkeit.

Eine Nicht-Stimme ist – schlicht und einfach – eine Stimme für Benjamin Netamjahu und seine Anhänger. Wie es jetzt aussieht, wird mehr als die Hälfte der Mitglieder der 19. Knesset zur extremen Rechten und darüber hinaus gehören, von denen – ehrlich gesagt – mindestens ein Dutzend Faschisten sind.

Nicht zu wählen bedeutet, sie sogar zu stärken.

Dies gilt besonders für die arabischen Mitbürger. Die Meinungsumfragen sagen voraus, dass fast die Hälfte von ihnen gar nicht wählen gehen wird. Dafür gibt es viele Gründe: ein allgemeiner Protest gegen den „jüdischen“ Staat, Protest gegen die Diskriminierung, Hoffnungslosigkeit, dass sich nichts ändert, Missbilligung der „arabischen“ Parteien u.a.m. Das sind alles gute Gründe.

Aber Enthaltung bedeutet, dass die arabischen Bürger sich selbst schaden. Wenn ihre Situation jetzt schlecht ist, kann sie noch viel, viel schlechter werden. Das Oberste Gericht, das sie gewöhnlich schützt, kann bis zur Ohnmacht eingeschüchtert werden. Diskriminierende Gesetze können stark vermehrt werden.

Einige von weit rechts wollen ihnen das Recht zu wählen ganz nehmen. Warum ihren Wunsch freiwillig erfüllen?

GEHEN WIR zur aktuellen Wahl.

Meine Methode ist es, alle miteinander wetteifernden Wahllisten in einer wahllosen Reihe zu notieren.

Dann streiche ich all jene aus, die ich nicht wähle, auch wenn mein Leben davon abhängen würde. Das ist der leichte Teil.

Als erstes gibt es den Likud-Beitenu. Der Likud allein ist schon schlimm genug. Die Zusammenlegung mit Avigdor Liebermans Partei Israel Beitenu macht ihn sogar noch destruktiver.

Ich stimme mit Präsident Barack Obama überein, dass Netanjahu uns in eine sichere Katastrophe führt. Diese totale Zurückweisung des Friedens, die Obsession mit den Siedlungen, die Intensivierung der Besatzung – all dies macht Israel (Israel selbst, auch ohne die besetzten Gebiete) unaufhaltsam zu einem Apartheidstaat. Schon während der ausgehenden Knessetperiode sind abscheuliche antidemokratische Gesetze verabschiedet worden. Nun, da all die moderaten Likudmitglieder entfernt worden sind, wird sich dieser Prozess weiter beschleunigen.

Mit Lieberman und seinen Gefolgsleuten, die sich dem Likud angeschlossen haben, sehen die Dinge sogar noch gefährlicher aus. Netanjahu wird noch extremer handeln müssen, aus Angst, die Führung an Lieberman zu verlieren, der jetzt die Nummer Zwei ist. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass es Liebermann noch gelingen wird, ihn irgendwann unterwegs zu ersetzen.

Das Auftauchen von Naftali Bennet als der Stern der Wahlen, macht die Sache noch verzweifelter. Es scheint, eine Regel zu sein, dass auf der israelischen Rechten keiner so extrem ist, dass nicht ein anderer gefunden werden kann. der noch extremer ist.

DIE NÄCHSTE Gruppe, die von der Liste gestrichen wird, ist die religiöse. Sie besteht hauptsächlich aus zwei Parteien, der ashkenazischen „Torah Judentum“-Partei und der orientalisch-sephardischen Shas-Partei.

Beide pflegten, was Krieg und Frieden betrifft, ganz moderat zu sein. Aber diese Zeiten sind seit langem vorbei. Generationen aus engstirnig ethnozentrischer, fremdenfeindlicher Erziehung haben eine Parteiführung fanatischer nationalistischer Rechten erzeugt. Auch Bennett wurde in diesem Lager erzogen.

Als ob dies noch nicht genug wäre: diese Parteien wollen uns die jüdische Halacha überstülpen, so wie die muslimischen Parteien der arabischen Welt die Sharia aufzwingen möchten. Sie sind fast automatisch gegen alle fortschrittlichen Ideen, wie z.B. eine schriftliche Verfassung, Trennung von Synagoge und Staat, zivile Heiraten, gleichgeschlechtliche Ehen, Abtreibung und was es sonst noch gibt. Weg mit der Liste.

VON GANZ anderem Kaliber sind die selbsternannten „Zentrums“-Parteien.

Die größte ist die Labor-Partei unter Shelly Yachimovich, die jetzt etwa bei 15% liegt.

Ich muss bekennen, Shelly mochte ich nie sehr, doch das soll meine Wahl nicht beeinflussen. Sie kann sich mehrerer Erfolge rühmen (Und sie tut es auch). Sie hat eine moribunde Partei übernommen und brachte sie wieder zum Leben. Sie hat neue und attraktive Kandidaten gefunden.

Das Problem ist, dass sie mitgeholfen hat, den Frieden von der nationalen Agenda zu streichen. Sie hat bei den Siedlern und ihren Verbündeten Annäherungsversuche gemacht. Obwohl sie Lippenbekenntnisse zur Zwei-Staaten-Lösung gab, hat sie absolut nichts getan, um diese zu fördern. Ihre einzige Sorge galt der „sozialen Gerechtigkeit“.

Sie hat zwar versprochen, nicht in eine Netanjahu-Lieberman-Regierung einzutreten, aber Erfahrung lehrt, dass man vor der Wahl geäußerte Versprechen nicht allzu ernst nehmen sollte – da lauert immer ein „nationaler Notfall“ um die nächste Ecke. Aber selbst als Vorsitzende der Opposition kann ein Friedensleugner eine Menge Schaden anrichten. Tut mir leid – diese Partei ist auch nichts für mich.

Shellys Hauptkonkurrentin ist Zipi Livni. So wie es aussieht, ist Livni genau das Gegenteil von ihr. Ihr Haupt- und fast einziges Wahlargument ist die Wiederaufnahme der Verhandlungen mit Mahmoud Abbas.

Sehr gut, aber Zipi und ihr früherer Boss, Ehud Olmert, waren fast vier Jahre an der Macht, während derer sie zwei Kriege anstifteten (Libanon II und Cast Lead im Gazastreifen) – und nicht einmal in die Nähe zum Frieden kamen. Warum soll man ihr jetzt glauben?

Ich habe von Zipi kein einziges Wort der Sympathie oder des Mitgefühls für das palästinensische Volk gehört. Mein Verdacht ist, dass sie wirklich an einem „Friedensprozess“ interessiert ist, aber nicht am Frieden selbst.

EIN INTERESSANTER Charakter bei diesen Wahlen ist Yair Lapid. Wofür steht er? Er sieht gut aus. Früher war er ein Fernsehansager. Er stand für gutes Fernsehen, das einzige Schlachtfeld bei diesen Wahlen. Sein Programm gleicht dem des amerikanischen „Mutterschaft und Apfelkuchen“.

Er erinnert mich an Groucho Marx: „ Dies sind meine Prinzipien. Wenn du sie nicht magst, ich hab auch noch andere.“

Für mich ist er „Diät Lapid“ verglichen mit seinem verstorbenen Vater „Tommy“ Lapid, der auch vom Fernsehen zur Politik kam. Vater Lapid war ein viel komplizierterer Charakter: sehr sympathisch beim persönlichen Kontakt, sehr aggressiv im Fernsehen, ein extremer Rechter in nationalen Dingen und ein extremer Feind des religiösen Lagers. Sein Sohn bittet nur: stimm‘ für mich, ich bin ein netter Kerl.

Er macht aus seinem Verlangen kein Geheimnis, unter Netanjahus Regierung ein Minister zu werden. Tut mir leid, diese Partei ist auch nicht für mich.

WENN MAN die arabisch-nationale Listen ignoriert, die an jüdischen Stimmen nicht interessiert sind, und jene Listen, von denen nicht erwartet werden kann, dass sie die 2%.Hürde schaffen, dann bleiben nur noch zwei Kandidaten auf der Liste: Hadash und Meretz.

Beide sind nahe an dem, von dem ich denke, dass es richtig ist: sie sind aktiv im Kampf um Frieden mit dem palästinensischen Volk und für soziale Gerechtigkeit engagiert.

Welche soll man wählen?

Hadash ist im Grunde das öffentliche Gesicht der kommunistischen Partei. Sollte mich das abschrecken?

Ich bin nie Kommunist oder Marxist gewesen. Ich würde mich als Sozialdemokrat bezeichnen. Ich habe viele Erfahrungen mit der Kommunistischen Partei, einige positive und viele negative. Es fällt mir nicht leicht, ihre orthodoxe stalinistische Vergangenheit zu vergessen. Aber das ist nicht der Punkt. Wir wählen nicht für die Vergangenheit, sondern für die Zukunft.

Hadash definiert sich selbst – und das spricht für sie – als eine gemeinsame arabisch-jüdische Partei, die einzige gemischte. (Die Partei, die ich 1984 mit zu gründen half, hat nach acht Jahren ihren Schwung verloren und verschwand.) Jedoch für die große Mehrheit der Israelis ist es eine „arabische Partei“, da mehr als 95% ihrer Wähler Araber sind. Sie hat zwar ein jüdisches Knesset-Mitglied, den sehr aktiven und lobenswerten Dov Chanin. Wenn er an der Spitze einer eigenen Liste stünde, könnte er viele junge Wähler anziehen und – durchaus denkbar – die Wahllandschaft verändern.

ALLES in ALLEM bevorzuge ich Meretz, wenn auch nicht mit Begeisterung.

Um diese 1973 gegründete Partei gibt es etwas Altes und Trostloses. Sie sagt all die richtigen Dinge über Frieden und soziale Gerechtigkeit, über Demokratie und Menschenrechte. Aber sie sagt es in einem müden und lustlosen Ton. Es gibt keine neuen Gesichter, keine neuen Ideen, keine neuen Slogans.

Eine große Anzahl führender Intellektueller, Schriftsteller und Künstler haben öffentlich dazu aufgerufen für Meretz zu stimmen. (Die Partei tat sich schwer, in diese Liste auch Linke ohne klare „zionistische“ Referenzen aufzunehmen.)

Im Großen und Ganzen gesehen, ist Meretz unter den gegebenen Umständen noch die beste Wahl. Eine bedeutende Zunahme ihrer Präsenz in der Knesset würde wenigstens Hoffnung für die Zukunft wecken.

UND ES ist die Zukunft, die zählt. Am Tag nach diesen katastrophalen Wahlen sollten die Bemühungen, eine andere Wahllandschaft zu schaffen, beginnen. Niemals wieder sollten wir mit solch einem Dilemma konfrontiert werden.

Hoffen wir, dass wir in nächster Zeit – die sehr bald sein könnte – die Chance haben, mit Begeisterung eine dynamische Partei zu wählen, die unsere Überzeugungen und Hoffnungen verkörpert.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Dürre in Texas

Erstellt von Gast-Autor am 4. November 2012

 Dürre in Texas

Autor Uri Avnery

JEDER IN Israel kennt diese Geschichte. Als Levy Eshkol Ministerpräsident war, liefen seine Assistenten in Panik zu ihm: „Levy, es herrscht  Dürre!“

„In Texas?“ fragte Eshkol ängstlich.

„Nein, in Israel!“ sagten sie.

„Dann macht es nichts,“ beruhigte sie Eshkol. „Wir können so viel Weizen, wie wir brauchen, von den Amerikanern bekommen.“

Das war vor etwa 50 Jahren. Seit damals hat sich nicht viel verändert. Deshalb  sind die Wahlen in zehn Tagen in den USA wichtiger für uns als unsere eigenen Wahlen in drei Monaten.

ICH MUSSTE wieder bis 3 Uhr nachts aufbleiben, um die letzte Kandidaten-Debatte live zu verfolgen. Ich fürchtete, ich würde einschlafen, aber im Gegenteil, ich blieb wach.

Wenn zwei Schachspieler in ein Spiel vertieft sind, gibt es oft eine dritte Person – wir nennen sie  den „Kibitz“ – die hinter einem der Spieler steht und versucht, ihm unerbetenen Rat zu geben. Während der Debatte tue ich dasselbe. In meiner Phantasie stehe ich hinter Barack Obama und denke über die richtige Antwort an Romney nach, bevor Obama selbst den Mund auftut.

Ich muss zugeben, dass bei dieser Debatte Obamas Antworten ein paar mal viel besser waren als meine. Zum Beispiel fiel mir keine scharfe Antwort auf Romneys Vorwurf ein, dass die US jetzt weniger Kriegsschiffe haben als vor hundert Jahren. Obamas trockene  Entgegnung–  die US-Armee habe jetzt auch weniger Pferde, war glatt genial.  Besser hätte er nicht darauf antworten können. Wer hätte so eine dämliche Bemerkung voraussehen können?

Und dann versuchte Romney, Obama auch dafür herunterzuputzen, dass er bei seiner ersten Nahostreise als amerikanischer Präsident  Israel ausgelassen hatte. Wie soll man  solch einem Tatsachenargument  begegnen? – besonders, wenn Tausende von jüdischen Pensionären in Florida auf jedes Wort lauern?

Obama traf den richtigen Ton. Er konterte, dass Romney  Israel mit einem Gefolge von Sponsoren und Spendensammlern  besucht hatte (ohne dabei  Sheldon Adelson und die andern jüdischen Sponsoren mit Namen zu nennen) stattdessen habe er, Obama  als Kandidat Yad Vashem  besucht, um sich ein eigenes Bild  von dem  grausamen Unrecht zu machen, das  den Juden angetan wurde. Touche!

Bei einer anderen Gelegenheit dachte ich, ich hätte eine bessere Antwort. Zum Beispiel, als Romney versuchte, eine Erklärung für seine Behauptung zu finden, Russland  sei der bedeutendste „geo-politische Gegner“ der USA, hätte ich folgendermaßen reagiert: „Entschuldigen Sie meine   Unwissenheit, Herr Gouverneur, aber was bedeutet ‚geo-politisch’?“  In diesem Zusammenhang war es eine hochgestochene, aber bedeutungslose Phrase.

(„Geo-Politik“ ist nicht nur ein Ineinandergreifen von Geographie und Politik. Es ist ein Weltbild, das vom deutschen Professor Hans Haushofer und anderen propagiert und von Adolf Hitler als Begründung für seinen Plan benutzt wurde, für die Deutschen einen „Lebensraum“ zu schaffen, indem er die Bevölkerung Ost-Europas vernichtete oder vertrieb.)

Ich hätte an Obamas Stelle viel mehr über die Kriege gesprochen: Nixons Vietnam, die  beiden Irak-Kriege  von Bush-Vater und -Sohn, George W.s  Bush-Krieg in Afghanistan. Ich bemerkte, dass Obama nicht erwähnte, wie er von Anfang an gegen den Irak-Krieg war. Offenbar ist  ihm  davon abgeraten worden.

MAN MUSSTE kein Experte sein, um zu bemerken, dass Romney nicht einen einzigen eigenen  Gedanken vorbrachte.  Er plapperte wie ein Papagei Obamas Stellungsnahmen nach, indem er hier und dort ein paar Worte veränderte.

Am Anfang der Kampagne während der Vorwahlen  hatte es anders ausgesehen. Damals als er um die Stimmen des rechten Flügels  buhlte, war er nahe dran, den Iran zu bombardieren, China zu provozieren, gegen die Islamisten aller Schattierungen einen Krieg zu führen, vielleicht Osama bin Laden wieder zum Leben zu erwecken, um ihn noch einmal zu töten. Dieses Mal nichts von alle dem. Nur ein sanftes „Ich stimme dem Präsidenten zu!“

Warum? Weil man ihm gesagt hatte, das amerikanische Volk habe die Nase voll von Bushs Kriegen. Es wolle keine Kriege mehr. Nicht in Afghanistan  und ganz gewiss nicht im Iran. Kriege kosten eine Menge Geld. Außerdem können Menschen  getötet werden.

Vielleicht entschied Romney im voraus, er müsste nur vermeiden, wie ein Ignorant in außenpolitischen Angelegenheiten  auszusehen. Denn das Hauptschlachtfeld  liegt ja auf wirtschaftlichem Gebiet, wo er hoffen kann, überzeugender als Obama zu wirken. So spielte er auf Nummer sicher: „Ich stimme mit dem Präsident überein…“

DAS GANZE  Konzept einer Präsidentendebatte über auswärtige Angelegenheiten ist natürlich unsinnig.  Internationale Probleme sind bei weiten zu kompliziert, die Nuancen  viel  zu fein, um sich mit ihnen in grober Weise zu befassen.  Das ist, als wolle man eine Herzoperation mit der Axt ausführen.

Man konnte leicht den Eindruck gewinnen, die Welt sei ein amerikanischer Golfplatz, auf dem die US die Völker wie Bälle herumschlagen könnten und die einzige Frage die wäre, welcher Spieler geschickter  sei oder den besseren  Golfschläger habe. Wunsch und Wille der Völker selbst sind völlig irrelevant. Was empfinden die Chinesen, die Pakistani, die Ägypter?  Wen schert das ?!

Ich bin mir nicht sicher, ob die meisten amerikanischen Zuschauer  Tunis auf der Landkarte finden würden. Also ist es sinnlos, über die Kräfte zu argumentieren, die dort agieren, zwischen  Salafisten und Muslimbrüdern zu unterscheiden, und diese jenen vorzuziehen.  Und  das alles in vier Minuten.

Für Romney sind alle Muslime offensichtlich  gleich. Islamophobie ist  heutzutage in Mode, und für Romney war das klar. Ich habe schon früher  bemerkt, dass Islamophobie nichts anderes als der moderne Cousin des guten alten Antisemitismus’ ist, der aus demselben  Sumpf des kollektiven Unterbewusstseins stammt.  Er nutzt  dieselben alten Vorurteile  und  bringt den Muslimen all den Hass entgegen, der einst  gegen die Juden  gerichtet war.

Viele Juden, vor allem die Alten in den Pflegeheimen im warmen Florida,  freuen sich darüber, wie sich die Goyim jetzt auf andere Opfer stürzen. Und dass die neuen Opfer zufällig auch die Feinde des geliebten Israels sind, umso besser. Romney glaubt sicher, wenn er seinen Hass gegen „Islamisten“ richtet, so wäre dies der leichteste Weg, jüdische Stimmen zu sammeln.

Romney hat sich viel Mühe gegeben, wenigstens ein wenig härter als Obama auszusehen.  Schließlich hatte er tatsächlich eine originelle Idee: die syrischen Aufständischen mit „schweren Waffen“ zu versorgen. Was bedeutet das? Artillerie? Drohnen? Raketen?  OK , aber für wen? Für die guten Kerle natürlich. Man sollte vorsichtig sein, dass sie nicht in die Hände der  bösen Kerle fallen.

Was für eine glänzende Idee! Aber, kann mir bitte jemand sagen, wer die guten Kerle sind und wer die bösen? Offenbar weiß es niemand, am wenigsten der CIA oder der Mossad.  Dutzende von syrischen Fraktionen sind am Werk – regional, konfessionell, ideologisch. Alle wollen Assad töten. Wer also soll die Kanonen bekommen?

All dies macht eine ernsthafte Diskussion über den Nahen Osten,  jetzt eine Region unendlicher Nuancen  und Verschiedenheiten, ganz unmöglich. Obama, der eine Menge mehr über unsere Probleme kennt als sein Gegenüber, hielt es für klüger, den Einfaltspinsel zu spielen und äußerte nichts als  aufgeblasene Plattitüden.  Etwas anderes – zum Beispiel ein Konzept für einen – Gott bewahre  – israelisch-palästinensischen Frieden , hätte die lieben  Bewohner  just des einen Altersheims beleidigen können, deren Stimmen das Wahlergebnis  in Florida  entscheiden könnten.

JEDER ERNSTE Araber oder Israeli  wäre beleidigt gewesen  von der Art und Weise, in der unsere Region in dieser Debatte von zwei Männern traktiert wurde, von denen der eine bald unser Herr und Meister sein wird.

Israel wurde bei dieser Debatte 34 mal  erwähnt – 33mal mehr als Europa, 30 mal mehr als Südamerika, fünf mal mehr als Afghanistan, vier mal mehr als China. Nur der Iran wurde öfter  erwähnt – 45 mal – aber nur im Kontext der Gefahr, die er für Israel darstellt.

Israel ist Amerikas bedeutendster Verbündeter in der Region (oder in der Welt?) Wir Amerikaner werden es voll und ganz verteidigen. Wir werden ihm alle Waffen, die es benötigt (und nicht benötigt) liefern.

Wunderbar. Einfach wunderbar. Aber welches Israel genau? Das Israel der endlosen Besatzung?  Der unbegrenzten Siedlungserweiterungen?  Der totalen Verweigerung der Rechte der Palästinenser?  Der Flut von neuen anti-demokratischen Gesetzen?

Oder ein anderes liberales und demokratisches Israel, ein Israel, in dem alle Bürger die gleichen Rechte haben?, ein Israel, das dem Frieden nachjagt und den palästinensischen Staat anerkennt?

Aber nicht nur das, was nachgeplappert wurde, war interessant, sondern auch das,  was unausgesprochen blieb. Keine automatische Unterstützung eines israelischen Angriffs auf den Iran. Überhaupt kein Krieg gegen den Iran bis  zum St. Nimmerleinstag. Keine Wiederholung von Romneys früherer Erklärung, er würde die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen. Kein Pardon für Israels Spion Jonathan Pollard.

Und am wichtigsten: keinerlei Bemühung, um das immense Machtpotential der USA und seiner europäischen Verbündeten einzusetzen, um den israelisch-palästinensischen Frieden zu erreichen, obwohl alle mit der Zwei-Staaten-Lösung,  einverstanden sind, da sie  die einzige gangbare Lösung wäre. Keine Erwähnung der arabischen Friedensinitiative, die von 23 arabischen Staaten – darunter auch die von Islamisten regierten – immer noch angeboten wird.

China, die neu aufkommende Weltmacht, wurde fast mit Verachtung behandelt. „Denen“ muss gesagt werden, wie sie sich  zu benehmen haben. Sie müssen dies oder jenes tun, müssen  aufhören, ihre Währung zu manipulieren, müssen die Arbeitsplätze wieder nach Amerika zurückschicken.

Aber warum sollten die Chinesen irgendeine Notiz davon nehmen, solange China die Staatsschulden der USA kontrolliert? Egal, sie müssen tun, was Amerika wünscht. Washington „locuta, causa finita“ ( wie die Katholiken vor den Sex-Skandalen  zu sagen pflegten: „Rom hat gesprochen, der Fall ist erledigt“)

SO UNSERIÖS wie die Debatte war, so zeigte sie doch ein sehr ernstes Problem.

Die Franzosen pflegten zu sagen, der Krieg ist zu ernst, als dass man ihn den Generälen überlassen sollte. Die Weltpolitik ist gewiss eine zu ernste Sache, als dass man sie den Politikern überlassen könnte. Politiker werden vom Volk gewählt  –  und das Volk hat keine  Ahnung .

Es war offensichtlich, dass beide Kandidaten  jedwedes Detail  vermieden, das bei den Zuhörern nur das geringste Wissen voraussetzte. 1,5 Milliarden Muslime wurden angesehen, als gäbe es nur  zwei Kategorien  – „Moderate“ und „Islamisten“.  Israel ist ein einheitlicher Block, keine  Differenzierung!?. Was wissen die Zuschauer über 3000 Jahre persische Kultur?  Es stimmt, Romney wusste – ziemlich überraschend – was oder wo Mali ist. Die meisten  Zuschauer sicherlich nicht.

Aber genau diese Zuschauer müssen jetzt schließlich entscheiden, wer der Führer der größten  Militärmacht der Welt sein wird mit enormen Folgen für  jedermann.

Winston Churchill  sagte einmal: „Die Demokratie ist die schlechteste Form der Regierung, ausgenommen all die andern Formen, die man von Zeit zu Zeit versucht hat.“

Als Beweis könnte diese Fernsehdebatte dienen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs und Ulrike Vestring, vom Verfasser autorisiert)

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Protest in Ramallah

Erstellt von Gast-Autor am 23. September 2012

Protest in Ramallah

Autor Uri Avnery

ALS ICH kürzlich nach mehreren Monaten Abwesenheit Ramallah besuchte, war ich  von der anhaltenden Bautätigkeit sehr beeindruckt. Überall neue Hochhäuser, und viele sind sehr schön.  (Araber scheinen ein angeborenes Talent für Architektur zu haben, wie jede Weltanthologie von wichtigen Gebäuden bestätigt.)

Der Bauboom scheint ein gutes Zeichen zu sein, insofern als er die israelischen Behauptungen bestätigt, die Wirtschaft blühe in den besetzten Gebieten. Aber auf den 2. Blick schwindet meine Begeisterung. Schließlich wird das Geld in Gebäude investiert und nicht in Fabriken oder andere Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen und wirkliches Wirtschaftswachstum liefern. Es zeigt nur, dass einige Leute reich werden  – sogar unter der Besatzung.

Mein Ziel war ein diplomatischer Empfang. Einige hohe Funktionäre der palästinensischen Autorität und andere Palästinenser der Oberschicht waren da.

Ich tauschte einige Höflichkeiten mit dem palästinensischen Ministerpräsidenten Salam Fayyad  und mit einigen gut gekleideten Gästen aus und erfreute mich an  den angebotenen Köstlichkeiten. Ich bemerkte keinerlei Aufregung.

Keiner hätte vermutet, dass in eben diesem Augenblick im Zentrum der Stadt eine stürmische Demonstration stattfand. Es war der Beginn eines  massiven Protestes, der noch  immer weitergeht.

DIE DEMONSTRANTEN in  Ramallah und in andern Städten und Dörfern der Westbank protestieren gegen die hohen Lebenskosten und  allgemein gegen die wirtschaftliche Not.

Palästinensische Journalisten sagten mir, dass der Preis für Benzin in der Westbank fast so hoch wie in Israel sei: ungefähr 8 Schekel pro Liter; das wären 8 $ pro  Gallon in der USA oder 1,7 Euro pro Liter in Europa. Da der Mindestlohn in der Westbank etwa 200 Euro im Monat beträgt – ein Viertel des israelischen Mindestlohns – ist dies grauenhaft. (In dieser Woche hat die palästinensische Behörde schnell den Preis verringert.)

Vor kurzem, als der muslimische Feiertag Eid al-Fitr den Ramadan-Fastenmonat beendete, haben die Besatzungsbehörden überraschend 150 000 Palästinensern erlaubt, Israel zu betreten. Einige fuhren direkt zur Meeresküste, die viele von ihnen nie zuvor gesehen hatten, obwohl sie  weniger als eine Fahrstunde entfernt  davon leben. Einige besuchten die Häuser ihrer Vorfahren. Aber viele andere gingen auf einen Einkaufsbummel. Es scheint, als seien viele Waren in Israel tatsächlich billiger als in den verarmten  besetzten Gebieten!

(Übrigens wurde von keinem einzigen Vorfall an diesem Tag berichtet.)

DIE DEMONSTRATIONEN  waren gegen die palästinensische Autorität gerichtet. Es ist ein bisschen, wie wenn  ein Hund den Stock beißt, statt den Mann, der ihn damit schlägt.

Tatsächlich ist die Palästinensische Autorität ganz hilflos. Sie ist an das Pariser Protokoll gebunden, den wirtschaftlichen Anhang des Oslo-Abkommens. Nach diesem Protokoll sind die besetzten Gebiete ein Teil des israelischen „Zollumschlages“: die Palästinenser können ihre eigenen Zölle nicht selbst festlegen.

Amira Hass von Haaretz nennt folgende  Bedingungen: Den Bewohnern des Gazastreifens  wird es nicht ermöglicht, ihre landwirtschaftlichen Produkte auszuführen; Israel beutet das Wasser, Mineralien und andere Werte der Westbank aus; die palästinensischen Dorfbewohner müssen viel mehr für Wasser zahlen als israelische Siedler;  die Gaza-Fischer  können nicht jenseits der drei Meilenzone von der Küste aus fischen; den palästinensischen Bewohnern ist es verboten, auf den Hauptschnellstraßen zu fahren, sie müssen  kostspielige Umwege  fahren.

Aber mehr als diese Einschränkungen ist es die Besatzung selbst, die keine wirklichen Verbesserungen zulässt. Welcher ernsthafte Investor würde in ein Land gehen, in dem alles von der Lust und Laune einer Militärregierung abhängt, die jede Ausrede hat, um die Untertanen zu unterdrücken? Ein Gebiet, in dem jeder Akt des Widerstandes eine brutale Rache provoziert, wie z.B. die Zerstörung von palästinensischen Ministerien 2002 bei der „Operation Verteidigungsschild“? Wo Waren für den Export monatelang vor sich hin faulen, wenn ein israelischer Konkurrent einen Beamten besticht?

Geberstaaten können der palästinensischen Autorität etwas Geld geben, um sie am Leben zu erhalten, aber sie können die Situation nicht ändern. Noch würde die Aufhebung des Pariser Protokolls, wie von den Demonstranten verlangt wird, nicht viel ändern. So lange wie die Besatzung besteht, wird jeder Fortschritt – falls es überhaupt einen gibt – mit Vorbehalt sein und vorübergehend.

NOCH IST die Situation auf der Westbank weit besser als die Situation im Gazastreifen.

Es stimmt, eine Folge der „Türkischen Flotille“ (Marva Marmara)  war, dass die Blockade des Gazastreifens  teilweise aufgehoben wurde. Fast alles kann jetzt  aus Israel eingeführt werden, obwohl fast nichts exportiert werden kann. Auch ist die Blockade vom Meer her noch in voller Kraft.

Doch in letzter Zeit hat sich die Situation  dort schnell verbessert.  Die Hunderte  Tunnels unter der ägyptischen Grenze nach Gaza  erlauben praktisch, alles hineinzubringen, von Autos bis Benzin und Baumaterial. Und jetzt, mit der Muslim-Bruderschaft an der Macht in Ägypten mag die Grenze vollkommen geöffnet werden, ein Schritt, der radikal die wirtschaftliche Situation des Gazastreifens verändern würde.

Nabeel Shaath, der palästinensische Spitzendiplomat, sagte mir beim Empfang, dass dies tatsächlich ein großes Hindernis für eine PLO-Hamas-Versöhnung sein könne. Hamas möchte warten, bis die wirtschaftliche Situation des Gazastreifens die der Westbank übertrifft und so ihre Chancen wachsen, die palästinensischen Wahlen wieder zu gewinnen. Mahmoud Abbas hofft seinerseits, dass der neue ägyptische Präsident die Amerikaner überzeugen würde, er müsse die Westbank unterstützen und seine Behörde stärken.

(Als ich Shaath daran erinnerte, dass ich vor Jahren an seiner Hochzeit  in Jerusalem im  jetzt desolaten Orienthaus teilnahm, erklärte er: „Wir dachten damals, der Frieden sei nur einen Schritt entfernt! Seit damals sind wir ein großes Stück zurückgeworfen worden!“)

TROTZ DER  wirtschaftlichen  Probleme ist das Bild der Palästinenser als hilflose, bemitleidenswerte Opfer weit entfernt von der Realität.  Die Israelis mögen so denken, wie auch die pro-palästinensischen Sympathisanten in aller Welt. Aber der palästinensische Geist ist ungebrochen. Die palästinensische Gesellschaft ist voller Leben und selbständig. Die meisten Palästinenser sind entschlossen, ihren eigenen Staat zu erlangen.

Abbas mag die UN-Vollversammlung darum bitten, Palästina als „nicht staatliches Mitglied“ aufzunehmen.  Er kann das nach den US-Wahlen tun. Ich frage mich laut, ob dies die Situation wirklich ändern würde. „Gewiss!“ versichert mir ein prominenter Palästinenser am Empfang. „Dies würde klar machen, dass die Zwei-Staaten-Lösung noch lebt und dem Unsinn eines bi-nationalen Staates ein Ende bereitet.“

Auf dem Weg zum Empfang sah ich auf den Straßen keine einzige Frau, die ihre Haare nicht bedeckt hatte. Der Hijab (Kopftuch) war überall. Ich bemerkte dies gegenüber einem palästinensischen Freund, der   nicht religiös ist. „Der Islam holt auf,“ sagte er, „aber das mag eine gute Sache sein, weil es eine moderate Form des Islam ist, der die Radikalen blockiert. Es ist dasselbe wie in vielen anderen arabischen Ländern.“

Er empfand keine Sympathie für die Ayatollahs des Iran. Keiner wünscht einen israelischen Angriff. „Wenn der Iran als Rache Israel bombardiert,“ bemerkte Shaat, „dann werden die Raketen nicht zwischen Juden und Arabern unterscheiden. Wir leben so nah beieinander, dass die Palästinenser genau wie die Israelis getroffen werden.“

SEIT MEINEM Besuch sind die Demonstrationen in Ramallah  intensiver geworden. Es scheint, als ob Fayyad  als eine Art Blitzableiter für Abbas diene.

Ich denke nicht, dass dies gerecht ist. Fayyad scheint ein anständiger Mensch zu sein. Er ist ein professioneller Ökonom, ein früherer Beamter des Internationalen Währungsfonds. Er ist kein Politiker, nicht einmal ein Fatahmitglied. Seine ökonomischen Gesichtspunkte mögen konservativ sein, aber ich denke nicht, dass dies einen großen Unterschied macht, wenn man die Situation in Palästina betrachtet.

Früher oder später und wahrscheinlich eher früher als später, wird der Zorn der palästinensischen Armen die Richtung ändern. Statt die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) anzuklagen, werden sie sich gegen ihren wirklichen Unterdrücker wenden: die Besatzung.

Die israelische Regierung ist sich dieser Möglichkeit bewusst, und deshalb beeilt sie sich, der PA im voraus die Zölle zu zahlen, die Israel der PA schuldet. Ansonsten wäre die PA – der größte Arbeitgeber der Westbank – nicht in der Lage, zum Ende des Monats die Gehälter auszuzahlen. Aber das ist nur eine Notlösung.

Benjamin Netanjahu mag der Illusion anhängen, alles sei ruhig an der palästinensischen Front, so dass er sich auf seine Bemühungen konzentrieren kann, dass Mitt Romney gewählt wird und er dem Iran Angst einjagen kann. Wenn schließlich die Palästinensern gegen einander protestieren, dann ist das OK. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist eingefroren. Kein Problem.

Aber diese Illusion ist und bleibt eine Illusion. In unserm Konflikt ist nichts eingefroren.

Nicht nur dass die Siedlungsaktivitäten in einem ständigen – wenn auch ruhigen – Tempo weitergehen, auf der palästinensischen Seite bewegen sich auch die Dinge.  Der Druck baut sich auf. Irgendwann wird er explodieren.

Wenn der Arabische Frühling schließlich Palästina erreicht, wird nicht Abbas oder Fayyad das Ziel sein. Abbas ist nicht Mubarak. Fayyad ist das ganze Gegenteil eines Qaddafi. Das Ziel wird die Besatzung sein.

Einige Palästinenser träumen von einer neuen Intifada mit Massen von Menschen, die gegen die Symbole der Besatzung marschieren. Das mag eine zu große Hoffnung sein – Martin Luther King war kein Araber. Aber die Demonstrationen in Ramallah und Hebron mögen Zeichen von  zukünftigen Dingen sein.

Die  alte Redensart sagt noch immer die Wahrheit: der Konflikt hier ist ein Zusammenstoß zwischen einer unwiderstehlichen Macht und einem unbeweglichen Objekt.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs; vom Verfasser  autorisiert)

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Israelischer Senf

Erstellt von Gast-Autor am 24. Juni 2012

Israelischer Senf

Autor Uri Avnery

ES IST eine wahre Geschichte. Ich hab sie schon einmal erzählt und werde sie noch einmal erzählen.

Einer meiner Freunde in Warschau, dessen einer Elternteil jüdisch war, riet einem wohl bekannten polnischen Journalisten, Israel zu besuchen, um es selbst zu erleben.

Als der Journalist zurückkam, rief er meinen Freund an und berichtete atemlos: „Weißt du, was ich entdeckt habe? In Israel gibt es auch Juden!“

Er meinte natürlich die Orthodoxen mit ihrer schwarzen Kleidung und mit ihren schwarzen Hüten, die wie die Juden aussehen, die sich ins polnische Gedächtnis eingeprägt hatten. Sie können in jedem polnischen Souvenirladen neben andern Figuren polnischer Folklore: König, Edelmann, Soldaten etc. gesehen werden.

Wie jener Ausländer sofort bemerkte, haben diese Juden keinerlei Ähnlichkeit mit normalen Israelis, normalen Franzosen, Deutschen und eben Polen.

DIE ORTHODOXEN (auf Hebräisch „Haredim“, die gottesfürchtig sind) sind kein Teil des israelischen Staates. Sie wollen es nicht sein.

Die meisten von ihnen leben in isolierten Ghettos, die große Teile Jerusalems ausmachen, die Stadt Bnei Brak und mehrere sehr große Siedlungen in den besetzten Gebieten.

Wenn man an ein Ghetto (ursprünglich der Name eines Stadtteils von Venedig) denkt, denkt man an die demütigende Isolierung, die den Juden von etlichen christlichen Herrschern auferlegt wurde. Aber ursprünglich war es eine selbst gewählte Isolierung. Orthodoxe Juden wollten zusammenleben, getrennt von der allgemeinen Bevölkerung, nicht nur, weil es ihnen ein Gefühl der Sicherheit gab, sondern auch – und hauptsächlich – wegen ihres Glaubens. Sie brauchten eine Synagoge, die sie am Shabbat zu Fuß erreichen konnten, ein rituelles Bad, koschere Lebensmittel und viele andere religiöse Requisiten. Sie brauchen dies heutzutage in Israel und anderswo.

Aber vor allem wollen sie den Kontakt mit anderen meiden. In modernen Zeiten mit all den gefährlichen Versuchungen benötigen sie dies – weit mehr – als sonst. In den Straßen voll großer Reklameplakate unbekleideter Frauen, mit TV, das oft einen endlosen Strom sanfter (und manchmal nicht so sanfter) Pornographie bringt, und das Internet voll gefährlicher Informationen und persönlicher Kontakte – die Orthodoxen müssen ihre Kinder beschützen und sie von der sündigen israelischen Lebensweise fernhalten.

Es ist eine Sache des reinen Überlebens für eine Gemeinschaft, die seit 2500 Jahren existiert und die bis vor 250 Jahren praktisch alle Juden einschloss.

ZIONISMUS WAR, wie ich oft betonte, u.a. eine Rebellion gegen das Judentum, etwa wie Martin-Luthers Rebellion gegen den Katholizismus.

Als Theodor Herzl seine Flagge hisste, lebten fast alle osteuropäischen Juden in einer ghettoartigen Atmosphäre, von großen Rabbinern beherrscht. Alle diese Rabbiner sahen fast ohne Ausnahme den Zionismus als den großen Feind an, mehr als die Christen den Antichristen.

Und nicht ohne Grund. Die Zionisten waren Nationalisten, Anhänger der neuen europäischen Doktrin, nach der sich menschliche Kollektive zuerst auf ethnische Ursprünge, Sprache und Land, nicht auf Religion gründete. Sie war das Gegenteil zum jüdischen Glauben, dass Juden das Volk Gottes seien, vereint im Gehorsam gegenüber seinen Geboten.

Wie jeder weiß, hat Gott sein auserwähltes Volk wegen seiner Sünden aus ihrem Land vertrieben und ins Exil gebracht. Eines Tages wird Gott ihnen vergeben und ihnen den Messias senden, der die Juden, einschließlich den Toten, dann nach Jerusalem führen wird. Die Zionisten mit ihrem verrückten Wunsch, dies selbst zu tun, begingen nicht nur eine tödliche Sünde, sondern rebellierten gegen den Allmächtigen, der ausdrücklich seinem Volk verboten hat, das Heilige Land en masse zu betreten.

Herzl und fast all die anderen zionistischen Gründungsväter waren überzeugte Atheisten. Ihre Haltung gegenüber den Rabbinern war herablassend. Herzl schrieb, dass der zukünftige jüdische Staat die Rabbiner in ihren Synagogen halten würde (und die Armeeoffiziere in ihren Kasernen). Alle bedeutenden Rabbiner jener Zeit verfluchten ihn mit derben Ausdrücken.

Doch hatten Herzl und seine Kollegen ein Problem. Wie kann man Millionen von Juden, die mit ihrer alten Religion verbunden sind, für den neumodischen Nationalismus gewinnen? Er löste das Problem, indem er die Fiktion erfand, dass die neue zionistische Nation nur eine Fortsetzung des alten jüdischen „Volkes“ in einer neuen Form sei. Für diesen Zweck „stahl“ er die Symbole der jüdischen Religion und verwandelte sie in nationale um: der jüdische Gebetsschal wurde zur zionistischen (und jetzt zur israelischen) Flagge, die jüdische Menora (der Kerzenleuchter im Tempel) wurde zum Staatsemblem, der Davidstern wurde das oberste nationale Symbol. Fast alle religiösen Feiertage wurden ein Teil der neuen nationalen Geschichte.

Diese Umwandlung wurde enorm erfolgreich. Praktisch alle „jüdischen“ Israelis akzeptieren dies heute als selbstverständliche Wahrheit. Außer den Orthodoxen.

DIE ORTHODOXEN behaupten, sie und nur sie seien die wahren Juden und die rechten Erben der Jahrtausende langen Geschichte.

Sie haben damit vollkommen recht.

Die Gründungsväter erklärten, sie wollten einen „neuen Juden“ schaffen. Tatsächlich schufen sie eine neue Nation, die israelische.

David Ben Gurion, ein begeisterter Zionist, sagte, die zionistische Organisation sei das Gerüst für den Aufbau des Staates Israel gewesen und sollte abgebaut werden. Ich gehe noch weiter : Zionismus als solcher war das Gerüst und sollte jetzt abgebaut werden . Die Fiktion, dies sei ein „jüdischer“ Staat, ist die Fortsetzung einer am Anfang notwendigen Fiktion, die überflüssig und jetzt sogar schädlich geworden sein kann.

Diese Fiktion schafft die gegenwärtige Situation: die Orthodoxen werden von den Israelis wie ein Teil der jüdisch-israelischen Gemeinschaft angesehen, während sie sich wie ein fremdes Volk verhalten. Es ist nicht nur richtig, dass sie die israelische Flagge nicht grüßen (wie erwähnt, der Gebetsschal mit dem Davidstern) und sich weigern, den Unabhängigkeitstag zu feiern (übrigens wie die arabischen Bürger) – aber sie weigern sich auch, in der Armee zu dienen oder anderen nationalen Dienst zu tun.

Dies ist jetzt der Hauptzankapfel in Israel. Offiziell behaupten die Orthodoxen, alle ihre jungen Leute, die verpflichtet seien, Militärdienst zu machen – etwa 15 000 jedes Jahr – seien fleißig dabei, den Talmud zu studieren und könnten nicht einen Tag damit aufhören, geschweige denn drei Jahre wie gewöhnliche Studenten. Ein Rabbiner erklärte letzte Woche, sie dienten tatsächlich mehr dem Land als gewöhnliche Kampfsoldaten, weil sie den Schutz Gottes für den Staat sichern helfen.

Der Oberste Gerichtshof – so scheint es – ist nicht so sehr von dem göttlichen Schutz beeindruckt und annullierte kürzlich ein Gesetz, das die Orthodoxen vom Militärdienst befreit, was ein politisches Gerangel von Alternativen verursachte. Ein neues Gesetz, das den Gerichtshof umgeht, wird gerade erarbeitet.

Tatsächlich werden die Orthodoxen ihren Kindern nie erlauben, in der Armee zu dienen wegen der berechtigten Angst, sie würden von den gewöhnlichen Israelis verunreinigt – sie erfahren von Nachtclubs, TV und – Gott bewahre – von Haschisch und am schlimmsten, das Hören weiblicher Singstimmen – was nach dem jüdisch religiösen Gesetz eine totale Scheußlichkeit sei.

Die Trennung zwischen den Orthodoxen und anderen – manche sagen zwischen Juden und Israelis – ist fast vollkommen. Die Orthodoxen sprechen eine andere Sprache (Jiddisch), haben eine andere Körpersprache, kleiden sich anders, haben ein anderes Weltbild. In ihren getrennten Schulen lernen die Kinder völlig andere Fächer ( kein Englisch, keine Mathematik, keine weltliche Literatur, keine Geschichte anderer Völker).

Israels Schüler von Staatsschulen haben keine gemeinsame Sprache mit den Schülern der orthodoxen Schulen, weil sie völlig verschiedene Geschichten lernen. Ein extremes Beispiel:

Vor ein paar Jahren veröffentlichten zwei Rabbiner ein Buch „Der Königsweg“, das feststellt, dass das Töten von Kindern von Nicht-Juden gerechtfertigt sei, falls befürchtet wird, dass diese – wenn erwachsen – Juden verfolgen würden. Mehrere bedeutende Rabbiner unterstützten das Buch. Unter Druck der öffentlichen Meinung, begann die Polizei eine strafrechtliche Untersuchung wegen Hetze. In dieser Woche entschied der Generalstaatsanwalt endlich, diese Sache nicht weiter zu verfolgen, weil die Rabbiner nur religiöse Texte zitierten.

Ein orthodoxer Jude kann nicht in einem gewöhnlichen israelischen Haus essen (nicht koscher, oder nicht koscher genug). Sicherlich würde er auch seine Tochter nicht mit einem säkularen israelischen jungen Mann verheiraten lassen.

Das Verhalten gegenüber Frauen ist vielleicht der bemerkenswerteste Unterschied. In der jüdischen Religion gibt es absolut keine Gleichheit unter den Geschlechtern. Die Orthodoxen sehen ihre Frauen – und die Frauen sich selbst – hauptsächlich als Mittel zur Vermehrung an. Der Status der orthodoxen Frauen wird von der Anzahl ihrer Kinder bestimmt. In bestimmten Stadtteilen Jerusalems ist es ganz normal eine schwangere Frau in den 30ern zu sehen, die von einer Schar Kinder umgeben ist und ein Baby im Arm hält. Familien mit 10 bis 12 Kindern sind keine Ausnahme.

EIN WOHLBEKANNTER israelischer Kommentator und eine TV-Persönlichkeit schrieb vor kurzem, die Orthodoxen sollten „zusammengeschrumpft“ werden. Als Erwiderung goss ein orthodoxer Schreiber seinen Zorn über „säkulare“ Personen, die nicht gegen den Artikel protestierten, unter anderen: „den unermüdlichen Ideologen Uri Avnery“. So sollte ich meinen Standpunkt klar machen.

Als ein atheistischer Israeli respektiere ich die Orthodoxen für das, was sie sind – eine andere Entität. Man könnte auch sagen: ein anderes Volk. Sie leben in Israel, sind aber keine wirklichen Israelis. Für sie ist der israelische Staat wie jeder andere nicht-jüdische Staat, die Israelis sind wie jedes andere nicht-jüdische Volk. Der Unterschied liegt nur darin: sie haben die israelische Staatbürgerschaft. Sie können den Staat schamlos melken.

Wir finanzieren praktisch ihre ganze Existenz – ihre Kinder, ihre Schulen, ihr Leben ohne Arbeit.

Mein Vorschlag für einen aufrecht zu erhaltenden Modus vivendi wäre:

Als erstes eine vollkommene Trennung von Staat und Religion. Alle Gesetze, die sich auf Religion stützen, annullieren.

Zweitens den Orthodoxen vollkommene Autonomie gewähren. Sie sollen ihre repräsentativen Institutionen selbst wählen und in allen religiösen, kulturellen und Bildungsfragen sich selbst regieren. Sie sollten vom Militärdienst befreit werden.

Drittens sollten die Orthodoxen ihre religiösen Dienste selbst bezahlen mit Hilfe ihrer Brüder im Ausland. Vielleicht könnte es für diesen Zweck eine freiwillige Steuer geben, die der Staat dann zu der autonomen Behörde weiterleitet.

Viertens würde es kein „Oberrabbinat“ geben oder andere vom Staat ernannte Rabbiner. Diese werden ja sowieso von den Orthodoxen zurückgewiesen. (Der einmalige Yeshayahu Leibowitz, ein praktizierender Jude, nannte einmal den Oberrabbiner Shlomo Goren „den Clown mit dem Shofarhorn“)

Ich würde übrigens eine ähnliche Autonomie für die arabischen Bürger vorschlagen, falls sie es wünschen.

DA BLEIBT NOCH die Frage der sog. „National-Religiösen“. Sie sind die Nachkommen der winzigen Minderheit religiöser Juden, die sich von Anfang an der zionistischen Bewegung angeschlossen haben. Sie sind jetzt eine große Gemeinde. Nicht nur, dass sie begeisterte Zionisten sind, sie sind die ultra-ultra-Rechten, die das Siedlungsunternehmen und den gewalttätigen rechten Zionismus anführen. Sie akzeptieren nicht nur den Staat und die Armee – sie hoffen, beide anzuführen und haben schon beträchtliche Fortschritte in dieser Richtung gemacht.

Doch auch in religiösen Angelegenheiten werden sie immer extremer und nähern sich den Orthodoxen. Einige Israelis nennen beide Gruppen schon „Chardal“ ( das mit „Nareor“ übersetzt werden kann – National-Religiös-Orthodoxe) Chardal bedeutet übrigens Senf.

Was soll man mit diesem Senf bei einem autonomen Essen tun? Lasst mich einen Augenblick nachdenken.

ÜBRIGENS,WENN ein Israeli von einem Ausländer irgendwo auf der Welt gefragt wird: „Was sind Sie?“ Wird er immer antworten: „Ich bin ein Israeli.“ Er wird garantiert niemals sagen: „Ich bin ein Jude“. Außer den Orthodoxen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Gieße aus Deinen Zorn

Erstellt von Gast-Autor am 22. April 2012

Gieße aus Deinen Zorn

Autor Uri Avnery

ICH SCHREIBE dies am Freitagabend, am Vorabend von Pessach. In diesem Augenblick sind in der ganzen Welt Millionen von Juden um den Familientisch versammelt, begehen den Sederabend und lesen laut aus demselben Buch: der Haggadah, die die Geschichte des Exodus aus Ägypten erzählt.

Die Auswirkungen dieses Buches auf das jüdische Leben sind immens. Jeder Jude nimmt an dieser Zeremonie von frühester Kindheit an teil und spielt bei dem Ritual eine aktive Rolle. Wo immer ein jüdischer Mann oder eine jüdische Frau im späteren Leben hingeht, nehmen sie in der Erinnerung an die Wärme des Zusammenseins der Familie, die zauberhafte Atmosphäre mit – und die offene und unterschwellige Botschaft, die der Text vermittelt.

Wer auch immer das Seder- („Ordnung“) Ritual vor vielen Jahrhunderten erfunden hat, war ein Genie. Alle menschlichen Sinne sind beteiligt: sehen, hören, schmecken, riechen. Es schließt das Essen eines vorgeschriebenen Mahles ein, das Trinken von vier Gläsern Wein, das Berühren von verschiedenen vorgeschriebenen symbolischen Dingen, das Spielen eines Spiels mit den Kindern (das Suchen nach einem versteckten Stück Matze) Es endet mit dem gemeinsamen Singen mehrerer religiöser Lieder. Die angesammelte Wirkung ist fast magisch.

Mehr als jeder andere jüdische Text formt die Haggadah bewusst – oder eher unbewusst – die Gesinnung heute wie in der Vergangenheit, beeinflusst unser kollektives Verhalten und die nationale Politik Israels.

Es gibt viele verschiedene Wege, dieses Buch zu betrachten.

ALS LITERATUR: als literarisches Werk ist die Haggadah ziemlich miserabel. Dem Text fehlt die Schönheit, er ist voller Wiederholungen, Plattitüden und Banalitäten.

Dies mag Verwunderung auslösen. Die hebräische Bibel – die Bibel auf hebräisch – ist ein Werk von einzigartiger Schönheit, an vielen Stellen ist seine Schönheit berauschend. Die Spitzen westlicher Kultur – Homer, Shakespeare, Goethe, Tolstoi – kommen ihr nicht einmal nahe. Selbst die späteren jüdischen religiösen Texte – Mishna, Talmud usw. – auch wenn sie nicht so erbaulich sind, enthalten Passagen von literarischem Wert. Die Haggadah hat keinen. Es ist ein Text der rein für Indoktrination gedacht ist.

ALS GESCHICHTE ist sie nichts wert. Obwohl sie vorgibt, Geschichte zu erzählen. Die Haggadah hat nichts mit realer Geschichte zu tun.

Es kann nicht mehr der geringste Zweifel daran bestehen, dass der Exodus sich nie ereignet hat. Weder der Exodus noch die Wanderung durch die Wüste, auch nicht die Eroberung von Kanaan.

Die Ägypter waren besessene Chronisten. Zig Tausende von Täfelchen sind schon entziffert worden. Es würde für ein Geschehen wie den Exodus unmöglich gewesen sein, über ihn nicht lang und breit zu berichten. Nicht wenn 600 000 Menschen wegziehen, wie die Bibel erzählt, oder 60 000 oder sogar nur 6000. Besonders wenn während der Flucht ein ganzes ägyptischen Armee-Kontingent, einschließlich Streitwagen, ertrinkt.

Dasselbe gilt für die Eroberung Kanaans. Nachdem es einmal von Kanaan erobert wurde, hatten die Ägypter akute Sicherheitsbefürchtungen, was dieses Nachbarland betraf . Sie beschäftigen jetzt eine Menge Spione, Reisende, Kaufleute und andere, die eng den Ereignissen im benachbarten Kanaan in jeder einzelnen seiner Städte und zu allen Zeiten folgten. Eine Invasion in Kanaan, selbst eine kleine, hätte man berichtet. Abgesehen von den regelmäßigen kleinen Einfällen durch Beduinenstämme, wurde nichts berichtet.

Außerdem existierten die in der Bibel erwähnten Städte zu jener Zeit noch gar nicht, als das Geschehen angeblich passiert ist. Sie existierten allerdings später, als die Bibel geschrieben wurde – im 1. und 2. Jahrhundert v. Chr.

Es ist nicht nötig, darauf hinzuweisen, dass nach hundert Jahren fieberhafter archäologischer Suche durch fromme christliche und zionistische Zeloten nicht eine Scherbe als konkreter Beweis für die Eroberung Kanaans gefunden worden ist (auch nichts davon, dass ein Königtum Sauls, Davids oder Salomos je existierten).

Aber ist das wirklich wichtig? Überhaupt nicht!

Die Passahgeschichte leitet ihre immense Macht nicht von der angeblich historischen Geschichte ab. Es ist ein Mythos, der die menschliche Vorstellung fesselt, ein Mythos, der die Grundlage einer großen Religion ist, ein Mythos, der bis auf den heutigen Tag das Verhalten der Menschen bestimmt. Ohne die Exodus-Geschichte gäbe es wohl den Staat Israel von heute nicht – und gewiss nicht in Palästina .

DER RUHM: Man kann die Exodusgeschichte als ein leuchtendes Beispiel für alles, was gut und inspirierend in den Annalen der Menschheit ist, lesen.

Hier ist die Geschichte eines kleinen machtlosen Volkes, das sich gegen einen brutalen Tyrannen erhebt, seine Fesseln abwirft, eine neue Heimat gewinnt und dabei einen revolutionären neuen Moralcodex schafft.

So betrachtet, ist der Exodus ein Sieg des menschlichen Geist, eine Inspiration für alle unterdrückten Völker. Und tatsächlich hat er viele Male in der Vergangenheit diesem Zweck gedient. Die Pilgerväter, die Gründer der amerikanischen Nation, wurden davon inspiriert und so waren es auch viele andere Rebellionen im Laufe der Geschichte.

DIE ANDERE SEITE : wenn man sorgfältig den biblischen Text liest, ohne religiöse Scheuklappen, dann geben uns einige Aspekte Nahrung für andere Gedanken.

Nehmen wir die zehn Plagen. Warum wurde das ganze ägyptische Volk für die Untaten eines Tyrannen, des Pharao, bestraft? Warum verhängte Gott wie ein göttlicher Sicherheitsrat so grausame Sanktionen, verunreinigte ihr Wasser mit Blut, zerstörte ihren Lebensunterhalt mit Hagel und Heuschrecken? Und noch grausamer: wie konnte ein gnädiger Gott seine Engel senden, um jedes erst geborene ägyptische Kind zu töten?

Beim Verlassen Ägyptens waren die Israeliten ermutigt, Besitz ihrer Nachbarn zu stehlen.

Es ist ziemlich seltsam, dass der biblische Geschichtenschreiber, der sicher tief religiös war, dieses Detail nicht vergaß. Und dies nur wenige Wochen bevor den Israeliten die Zehn Gebote von Gott persönlich gegeben wurden, einschließlich des Gebotes: „Du sollst nicht stehlen!“

Keiner scheint sich je viele Gedanken über die ethische Seite der Eroberung Kanaans gemacht zu haben. Gott versprach den Kindern Israels ein Land, dass die Heimat anderer Völker war. ER sagte ihnen, diese andern Völker zu töten, ja ausdrücklich befahl er ihnen, Völkermord zu begehen. Aus irgendeinem Grund nahm er das Volk der Amalekiter heraus und befahl den Israeliten, sie alle zusammen, zu vernichten. Später wurde der ruhmreiche König Saul von Gottes Propheten entthront, weil er Gnade gezeigt und nicht alle seine amalekitischen Kriegsgefangenen, Männer, Frauen und Kinder umgebracht hatte.

Natürlich wurden diese Texte von Leuten vor langer Zeit geschrieben, als die Moral der Individuen und Nationen anders war, und so auch die Regeln des Krieges. Aber die Haggadah wird – heute wie früher – unkritisch aufgesagt, ohne Überlegungen über diese schrecklichen Aspekte. Besonders in religiösen Schulen in Israel wird das Gebot, einen Völkermord gegen die nicht-jüdische Bevölkerung Palästinas zu begehen, von vielen Lehrern und Schülern ganz buchstäblich genommen.

INDOKTRINIERUNG: Dies ist der wirkliche Punkt dieser Reflektionen.

Da gibt es zwei Sätze in der Haggadah, die immer noch eine tiefe Wirkung auf die Gegenwart haben.

Einer der zentralen Gedanken, auf den fast alle Juden ihre historische Ansicht gründen: „In jeder Generation erheben sie sich gegen uns, um uns zu zerstören.“

Dies gilt nicht für eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Ort. Es wird als eine ewige Wahrheit angesehen, die für alle Orte und Zeiten gilt. „Sie“ ist die ganze Welt, alle Nicht-Juden überall. Die Kinder hören dies am Sederabend auf dem Schoß ihres Vaters, lange bevor sie lesen und schreiben können, und von da an hören sie es oder rezitieren sie es jedes Jahr – jahrzehntelang. Es drückt die ganze bewusste und unbewusste Überzeugung fast aller Juden aus, ob in Los Angeles, Kalifornien oder in Lod in Israel. Es lenkt sicherlich die Politik des Staates Israel.

Der zweite Satz, der den ersten ergänzt, ist ein Schrei zu Gott: „Gieße deinen Zorn über die Völker, die dich nicht kennen …denn sie haben Jakob verschlungen und sein Haus verwüstet! Möge Dein lodernder Zorn sie ereilen! Verfolge sie unter den Himmeln des Herrn…“

Das Wort „Nationen“ hat in diesem Zusammenhang eine doppelte Bedeutung. Das hebräische Wort ist „Goyim“, ein alter hebräischer Ausdruck für „Völker“. Selbst die Israeliten wurden als „Heilige Goyim“ bezeichnet. Aber während der Jahrhunderte erhielt das Wort eine andere Bedeutung und meint alle Nicht-Juden, und zwar in abfälliger Weise. ( Wie in einem jiddischen Lied: „Oy,Oy,Oy, betrunken ist ein Goy!“)

Um diesen Text richtig zu verstehen, erinnere man sich daran, dass es als ein Schrei aus der Tiefe des Herzens eines wehrlosen, verfolgten Volkes kam, das keine Mittel hatte , sich bei seinen Folterern zu rächen. Um ihre Gemüter zum fröhlichen Sederabend zu erheben, mussten sie ihr Vertrauen auf Gott setzen und zu IHM schreien, Er möge an ihrer Stelle Rache nehmen.

(Während des Seder-Rituals steht die Tür immer offen. Offiziell bedeutet sie, dass der Prophet Elia eintreten kann, sollte er wunderbarerweise von den Toten auferstehen. Tatsächlich sollte aber es den Goyim erlauben, hereinzusehen, um die antisemitische Verleumdung zu widerlegen, dass Juden ihr ungesäuertes Pessachbrot mit dem Blut gekidnappter christlicher Kinder backen.

DIE LEKTION: In der Diaspora war dies Verlangen nach Rache verständlich und harmlos. Aber die Gründung des Staates Israel hat die Situation vollkommen verändert. In Israel sind die Juden weit davon entfernt, wehrlos zu sein. Wir müssen uns nicht auf Gott verlassen, dass er die realen oder eingebildeten Untaten, die uns in der Vergangenheit und Gegenwart angetan wurden, räche. Wir können jetzt unsern Zorn selbst ausgießen über unsere Nachbarn, die Palästinenser, und die andern Araber , auf unsere Minderheiten, auf unsere Opfer.

Das ist die wirkliche Gefahr der Haggadah, wie ich sie sehe. Sie wurde von und für hilflose Juden geschrieben, die in ständiger Angst lebten. Es hob ihre Gemütsverfassung einmal im Jahr, wenn sie sich für den Augenblick sicher fühlten, beschützt von ihrem Gott, umgeben von der Familie.

Aus diesem Kontext herausgenommen und in einer neuen, völlig anderen Situation angewandt, kann es uns auf einen bösen Kurs bringen. Wenn wir uns sagen, dass jeder darauf aus ist, uns zu zerstören – gestern und bestimmt morgen, betrachten wir den übertriebenen Bombast eines iranischen Großmauls als lebendigen Beweis der Gültigkeit der alten Maxime. Sie sind darauf aus, uns zu töten. Also müssen wir – entsprechend der alten jüdischen Anordnung – sie zuerst töten, bevor sie uns töten.

An diesem Sederabend lasst uns also den edlen, inspirierenden Teil der Haggadah betrachten, den Teil über die Sklaven, die sich gegen den Tyrannen erheben und ihr Schicksal in ihre eigenen Hände nehmen – und nicht den Teil, indem es um das Ausgießen des Zorns geht.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Sturm über Hebron

Erstellt von Gast-Autor am 4. März 2012

Sturm über Hebron

Autor Uri Avnery

ANSCHEINEND GIBT es keine Grenzen für das Unheil, das die Stadt Hebron verursacht.

Dieses Mal ist der Grund so unschuldig, wie er nur sein kann: die organisierten Besuche von Schulkindern zur Machpela-Höhle, in der unsere Vorfahren angeblich beerdigt wurden.

Von Rechts wegen sollte Hebron ein Symbol für Brüderlichkeit und Versöhnung sein. Die Stadt ist verbunden mit der legendären Person von Abraham, dem Vorfahren von Hebräern und Arabern. Tatsächlich bedeutet der Name selbst „Freundschaft“: der hebräische Name Hebron hat dieselbe Wortwurzel wie „haver“ – Freund, Kamerad, während der arabische Name der Stadt – al-Khalil – „Freund“ bedeutet. Beide Namen sprechen davon, Abraham sei der Freund Gottes.

Abrahams Erstgeborener, Ishmael, war der Sohn der Nebenfrau Hagar, die, als der legitime Sohn Isaak von Sarah geboren wurde, in die Wüste hinaus getrieben wurde, um dort zu sterben. Ishmael, der Patriarch der Araber, und Isaak der Patriarch der Juden, waren Feinde, aber als ihr Vater starb, kamen sie zusammen und begruben ihn: „Als Abraham seinen Geist aufgab und in einem guten Alter (175) starb , als er alt und lebenssatt war, wurde er zu seinen Vätern versammelt. Und seine beiden Söhne, Isaak und Ishmael begruben ihn in der Höhle von Machpela…“ (Genesis 25)

IN LETZTER ZEIT hat Hebron einen ganz anderen Ruf erlangt.

Seit Jahrhunderten lebte eine kleine jüdische Gemeinde dort im Frieden und guter Nachbarschaft mit den muslimischen Bewohnern. Aber 1929 geschah etwas Schreckliches. Eine Gruppe jüdischer Fanatiker inszenierte in Jerusalem einen Vorfall, als sie versuchten, den empfindlichen Status an der Klagemauer zu verändern. Religiöse Aufstände brachen im ganzen Land aus. In Hebron ermordeten Muslime 59 Juden, Männer Frauen und Kinder, ein Ereignis, das eine unauslöschliche Spur im jüdischen Gedächtnis hinterließ (weniger bekannt ist die Tatsache, dass 263 Juden von ihren arabischen Nachbarn gerettet wurden).

Kurz nach der Besetzung der Westbank im Sechs-Tage-Krieg drang eine Gruppe fanatisch-messianischer Juden mit einer List in Hebron ein und gründete dort die erste jüdische Siedlung. Diese wurde zu einem wahrhaftigen Nest von Extremisten, einschließlich einiger eingefleischter Faschisten. Einer von ihnen war der Massenmörder Baruch Goldstein, der 29 betende Muslime in der Machpelahöhle mordete – die in Wirklichkeit gar keine Höhle ist, sondern ein festungsartiges Gebäude, vielleicht von König Herodes gebaut.

Seitdem gibt es endlose Scherereien zwischen den etwa 500 jüdischen Siedlern in der Stadt, die sich des Schutzes der Armee erfreuen, und den 165 000 arabischen Einwohnern, die völlig von ihrer Gnade abhängig sind und keine Menschenrechte noch zivilen Rechte genießen.

WENN DIE Schulkinder dorthin geschickt worden wären, um beide Seiten anzuhören und so von der Kompliziertheit des Konfliktes erfahren hätten, dann wäre dies gut gewesen. Aber das ist nicht die Absicht des Bildungsministers Gideon Sa’ar.

Persönlich ist Sa’ar (sein Name bedeutet „Sturm“) eine nette Person. Tatsächlich begann er seine Karriere in meinem Magazin Haolam Hazeh. Doch ist er ein fanatischer Rechter, der glaubt, sein Job sei es, die israelischen Kinder vom miesen kosmopolitischen Liberalismus zu reinigen, in dem ihre Lehrer angeblich stecken würden, und sie in uniforme loyale Patrioten zu wandeln, die bereit sind, fürs Vaterland zu sterben. Er sendet Armeeoffiziere zum Predigen in die Klassen, verlangt von den Lehrern, dass sie den Kindern „jüdische Werte“ beibringen (d.h. nationalistische Religiosität), selbst in säkularen Schulen, und jetzt möchte er sie nach Hebron und anderen „jüdischen Plätzen“ schicken, damit ihre jüdischen Wurzeln kräftiger werden.

Die dorthin gesandten Kinder sehen die „jüdische“ Machpela-Höhle ( die 13 Jahrhunderte eine muslimische Moschee war), die Siedler, die Straßen, in denen sich keine Araber mehr bewegen dürfen, und lauschen der Indoktrinierung patriotischer Führer. Kein Kontakt mit Arabern, keine andere Seite, überhaupt keine anderen.

Als eine rebellische Schule Mitglieder der friedensorientierten Ex-Soldatengruppe „Das Schweigen brechen“ einlud, um sie zu begleiten und ihnen die andere Seite zu zeigen, kam die Polizei und hinderte sie daran, die Stadt zu besuchen. Jetzt haben etwa 200 Lehrer und Schulleiter einen offiziellen Protest gegen das ganze Projekt unterschrieben und verlangten, es zu streichen.

Sa’ar ist empört. Mit glühenden Augen hinter den Brillengläsern denunziert er die Lehrer. Wie konnte man solchen Verrätern erlauben, unsere kostbaren Kinder zu lehren?

ALL DIES erinnert mich an meine Frau Rachel. Ich mag diese Geschichte schon einmal erzählt haben, dann bitte ich um Nachsicht. Ich kann gerade nicht anders, als sie nochmals zu erzählen.

Rachel war viele Jahre lang Lehrerin in der ersten und zweiten Klasse. Sie war davon überzeugt, dass danach weiter nichts getan werden könne, um den Charakter eines Menschen zu formen.

Wie ich liebte auch Rachel die Bibel – nicht als religiösen Text oder als Geschichtsbuch (was sie ganz entschieden nicht ist), sondern als großartige Literatur – unübertroffen in seiner Schönheit.

Die Bibel erzählt, wie der mythische Abraham die Machpela-Höhle kaufte, um seine Frau Sarah dort zu beerdigen. Es ist eine wunderbare Geschichte, und wie Rachel es immer tat, ließ sie die Kinder die Geschichte in der Klasse spielen. Dies machte die Geschichte nicht nur lebendig, sondern erlaubte ihr auch, schüchterne Jungen und Mädchen, denen das Selbstvertrauen fehlte, zu ermutigen. Wenn sie in einem der improvisierten Spiele für eine bedeutende Rolle auserwählt wurden, gewannen sie Selbstrespekt und blühten auf einmal auf. Einige hatten ihr ganzes Leben verändert (wie sie mir viele Jahre später anvertrauten).

Die Bibel (Genesis 23) sagt, Abraham habe die Leute von Hebron um ein Stück Land gebeten, damit er seine Frau, die im reifen Alter von 127 Jahren starb, begraben könne. Alle Hebroniten boten ihre Felder umsonst an. Aber Abraham wollte das Feld von Ephron, dem Sohn Zohars, für so viel Geld abkaufen, wie es wert wäre.

Ephron jedoch weigerte sich, Geld anzunehmen, und bestand darauf, dem verehrten Gast das Feld als Geschenk zu vermachen. Nach dem Austausch von Freundlichkeiten kam Ephron schließlich zu dem Punkt: „Mein Herr, höret mich doch an, das Land ist vierhundert Lot Silber wert, was ist das aber zwischen mir und dir?“

Die Szene wurde aufgeführt mit einem 7Jährigen Jungen der einen langen Bart trug, der Abraham spielte. Ein anderer spielte Ephron, während der Rest der Klasse die Leute von Hebron als Zeugen der Übergabe spielten, wie Abraham gebeten hatte.

Rachel erklärte den Kindern, dass dies eine alte Art sei, Geschäfte zu machen, um nicht direkt auf die unfeine Art des Geldes zu kommen. Sondern man wechselte zunächst höfliche Worte und Proteste, und dann kam man nach und nach zu einem Kompromiss. Sie fügte noch hinzu, dass diese zivilisierte Art heute noch in der arabischen Welt besteht, besonders unter den Beduinen, sogar in Israel. Für die Kinder, die wahrscheinlich noch nie ein gutes Wort über Araber gehört hatten, war dies eine Offenbarung.

Später fragte Rachel die Kollegin der Parallelklasse, wie sie dieselbe Geschichte erzählt habe. „Was meinst du damit?“, erwiderte die Frau, „ich habe ihnen die Wahrheit gesagt, dass Araber immer lügen und täuschen. Wenn Ephron 400 Schekel haben will, warum sagt er es nicht gleich? Statt vorzugeben, er wolle es ihm schenken?“

WENN LEHRER wie Rachel ihre Kinder nach Hebron nehmen und ihnen alles zeigen könnten, den arabischen Gewürzmarkt und die Glasbläsereien, die seit Jahrhunderten das einzigartige blaue Hebronglas herstellen, so wäre das wunderbar. Wenn die Kinder mit Arabern und Juden, einschließlich den Fanatikern auf beiden Seiten, sprechen könnten, dann wäre das von hohem Bildungswert. Die Gräber der Patriarchen zu besuchen (von denen die meisten Archäologen glauben, dass es tatsächlich die Gräber von muslimischen Scheichs sind) die für Muslime und Juden heilig sind, könnte eine Botschaft übermitteln. Den Israelis ist gar nicht bewusst, dass Abraham als Prophet auch im Koran erwähnt wird.

Vor der Eroberung Jerusalems, um diese zu seiner Hauptstadt zu machen, hatte der mythische König David (auch als Prophet im Islam verehrt) seine Hauptstadt in Hebron. In der Tat erfreut die Stadt, die 930 m über dem Meer liegt, mit ihrer wunderbaren Luft und angenehmen Temperaturen im Sommer wie im Winter.

Diese ganze Episode bringt mich zurück zu einem alten Hobby von mir: die Notwendigkeit für alle israelischen Schulkinder, die jüdischen wie arabischen, die ganze Geschichte des Landes zu lernen.

Das scheint selbstverständlich, ist es aber nicht. Weit davon entfernt. Die arabischen Kinder in Israel lernen die arabische Geschichte, die mit Anfang des Islam im weit entfernten Mekka beginnt. Die jüdischen Kinder lernen jüdische Geschichte, die fast 2000 Jahre keine bedeutende Rolle im Lande spielte. Große Teile der Landesgeschichte sind der einen Seite oder gar beiden Seiten unbekannt. Die jüdischen Schüler wissen nichts über die Mamelucken und fast nichts über die Kreuzfahrer (außer dass sie die Juden in Deutschland auf dem Weg hierher mordeten). Die arabischen Schüler wissen sehr wenig über die Kanaaniter und die Makkabäer.

Die Geschichte des Landes im Ganzen zu lernen, einschließlich seiner jüdischen und muslimischen Phasen, würde eine vereinheitlichte allgemeine Ansicht schaffen, die die beiden Völker viel näher zu einander bringen und den Frieden und die Versöhnung leichter machten. Aber diese Aussicht ist heute so weit entfernt wie vor 40 Jahren, als ich dies das erste Mal in der Knesset vorbrachte. Seitdem gab mir der damalige Bildungsminister Zalman Aran von der Laborpartei den Spitznamen „der Mameluke“.

In einer anderen Atmosphäre würde Hebron anders angesehen werden: eine faszinierende Stadt, die beiden Völkern heilig wäre; die zweite heilige Stadt für das Judentum (nach Jerusalem) und eine der vier heiligen Städte für den Islam (mit Mekka, Medina und Jerusalem). Mit gegenseitiger Toleranz und ohne die Fanatiker auf beiden Seiten was wäre es für ein wunderbarer Ort, den die Schulkinder besuchen könnten!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Zu den Küsten von Tripolis

Erstellt von Gast-Autor am 1. September 2011

Zu den Küsten von Tripolis

Autor Uri Avnery

OBWOHL UNS die Bibel sagt „Freue dich nicht über den Fall deines Feindes“ (Sprüche 24), konnte ich nicht anders, als mich freuen.

Muammar al-Gaddafi war der Feind jeder anständigen Person in der Welt. Er war einer der schlimmsten Tyrannen in jüngster Vergangenheit.

Diese Tatsache war verborgen hinter einer Fassade von Clownerie. Er liebte es, sich selbst als Philosoph darzustellen (s. das „Grüne Buch“), als visionärem Staatsmann (Israelis und Palästinenser müssen sich zum Staat Isratin vereinen), selbst als unreifem Teenager (seine unzähligen Uniformen und Kostüme). Aber hauptsächlich war er ein erbarmungsloser Diktator, umgeben von korrupten Verwandten und Freunden, die den großen Reichtum Libyens verschwendeten.

Das war für jeden offensichtlich, der sehen wollte. Leider gab es nicht wenige, die ihre Augen verschlossen hielten.

ALS ICH meine Unterstützung für die internationale Intervention zum Ausdruck brachte, erwartete ich, von wohlmeinenden Leuten angegriffen zu werden. Ich wurde nicht enttäuscht.

Wie konnte ich nur? Wie konnte ich die amerikanischen Imperialisten und die grässliche NATO unterstützen? War mir denn nicht klar, dass es nur ums Öl ging?

Ich war nicht überrascht. Ich habe dies schon einmal erlebt. Als die Nato begann, das serbische Gebiet zu bombardieren, um den Verbrechen des Slobodan Milosevic im Kosovo ein Ende zu bereiten, wandten sich viele meiner politischen Freunde gegen mich.

War mir denn nicht klar, dass dies alles nur eine imperialistische Verschwörung war? Dass die hinterhältigen Amerikaner Jugoslawien (oder Serbien) nur auseinander reißen wollten? Dass die Nato eine böse Organisation war? Dass Milosevic, auch wenn er ein paar Fehler haben mag, eine progressive Menschlichkeit vertrat?

Dies wurde gesagt, als die grausamen Akte des Massenmordes in Bosnien für jeden offensichtlich waren, als Milosevic schon als kaltblütiges Monster bloßgestellt war. Ariel Sharon bewunderte ihn.

Wie können also anständige, wohlmeinende Linke, Menschen mit makelloser humanistischer Vorgeschichte, solch eine Person umarmen? Meine einzige Erklärung war, dass ihr Hass auf die USA und die NATO so stark, so leidenschaftlich war, dass jeder, der von ihnen angegriffen wurde, gewiss ein Wohltäter der Menschheit sein muss und alle Anklagen gegen sie reine Erfindungen waren. Sogar Pol-Pot.

Nun geschah es noch einmal. Ich wurde bombardiert mit Mails von wohlmeinenden Leuten, die Gaddafi für alle seine guten Taten lobten. Man hat den Eindruck bekommen können, dass er ein zweiter Nelson Mandela, wenn nicht gar ein zweiter Mahatma Gandhi war.

Während die Rebellen sich schon durch seine große ummauerte Anlage kämpfen, lobte ihn der sozialistische Führer Venezuelas Hugo Chavez als wahres Modell aufrichtiger Menschlichkeit, ein Mann, der es wagt, sich gegen die amerikanischen Aggressoren zu stellen.

Nun, tut mir leid, da mache ich nicht mit. Ich habe diese irrationale Abscheu vor blutigen Diktatoren, vor völkermörderischen Massenmördern, vor Führern , die gegen ihr eigenes Volk Krieg führen. Und bei meinem fortgeschrittenen Alter ist es schwierig, sich zu ändern.

Ich bin bereit, sogar den Teufel zu unterstützen, wenn es nötig ist, diese Art Grausamkeit zu beenden. Ich würde nicht einmal nach seinen genauen Motiven fragen. Was immer man auch über die USA und/oder die NATO denken mag – wenn sie einen Milosevic oder einen Gaddafi entwaffnen, dann haben sie meinen Segen.

WIE GROSS ist die Rolle der NATO bei der Niederlage des libyschen Diktators?

Die Rebellen hätten Tripolis nicht erreicht, gewiss nicht bis heute, wenn sie nicht die NATO-Unterstützung aus der Luft gehabt hätten. Libyen ist eine große Wüste. Die Offensive war auf eine lange Straße angewiesen. Ohne die technische Beherrschung der Luft, würden die Rebellen massakriert worden sein. Jeder, der während des 2.Weltkrieges lebte und den Feldzügen Rommels und Montgomery folgte, weiß dies.

Ich vermute, dass die Rebellen auch Waffen und Rat erhalten haben, der ihre Offensive erleichterte.

Aber ich bin gegen die gönnerhafte Behauptung, dass dies alles ein Sieg der NATO war. Es ist die alte kolonialistische Haltung in neuer Gestalt. Natürlich konnten diese armen, primitiven Araber nicht alles ohne den Weißen Mann machen.

Aber Kriege werden nicht mit Waffen gewonnen, sie werden von Menschen gewonnen. „Mit Stiefeln auf dem Boden“, wie die Amerikaner dies nennen. Selbst mit all der Hilfe, die die libyschen Rebellen erhielten, so unorganisiert und schlecht bewaffnet sie waren, so haben sie doch einen erstaunlichen Sieg errungen. Dies wäre so nicht ohne wirkliche revolutionäre Leidenschaft, ohne Tapferkeit und Entschlossenheit geschehen. Es ist ein libyscher Sieg, kein englischer oder französischer.

Dies ist von den internationalen Medien heruntergespielt worden. Ich habe keine einzige echte Kampf-Reportage gesehen (und ich weiß, wie das aussieht). Journalisten haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Sie zeigten exemplarische Feigheit, blieben in sicherem Abstand von der Front, sogar während des Falles von Tripolis. Im Fernsehen sahen sie mit ihren großen Helmen lächerlich aus, als sie von barhäuptigen Kämpfern umgeben waren.

Was herüber kam, war endloser Jubel über den Sieg, der scheinbar vom Himmel gefallen war. Aber das waren Heldentaten, die vom Volk begangen worden waren – ja von einem arabischen Volk.

Dies ist für unsere israelischen „Militärkorrespondenten“ und unsere „Experten von arabischen Angelegenheiten“ besonders ärgerlich. Daran gewöhnt, „die Araber“ zu verachten oder zu hassen, schrieben sie dem Sieg der Nato zu. Es scheint, dass das Volk von Libyen eine kleinere Rolle gespielt hat, wenn überhaupt eine.

Nun plappern sie endlos über die „Stämme“, die Demokratie und eine ordentliche Regierung in Libyen unmöglich machen werden. Libyen sei kein wirkliches Land. Es war ,bevor es eine italienische Kolonie wurde, nie ein geeintes Volk. So etwas wie ein libysches Volk gibt es gar nicht. (Man erinnere sich, was die Franzosen über die Algerier und Golda Meir über die Palästinenser sagten).

Nun, dafür, dass ein Volk nicht existiert, kämpften die Libyer sehr gut. Und was die „Stämme“ angeht – wie kommt es, dass es nur in Afrika und Asien Stämme gibt, niemals unter Europäern? Warum nicht ein walisischer Stamm oder ein bayrischer Stamm?

(Als ich 1986 vor dem Friedensvertrag Jordanien besuchte, wurde ich von einem sehr zivilisierten, hochrangigen jordanischen Beamten eingeladen. Nach einer interessanten Unterhaltung beim Mittagessen überraschte er mich, als er erwähnte, er würde zu einem bestimmten Stamm gehören. Am nächsten Tag, als ich mit einem Pferd nach Petra ritt, fragte mich der Reiter neben mir mit leiser Stimme, ob ich „zum Stamm“ gehören würde. Ich brauchte eine Zeitlang, bis ich verstand, dass er mich fragte, ob ich Jude sei. Es scheint, dass amerikanische Juden über sich selbst in dieser Weise sprechen.)

Die „Stämme“ von Libyen würden in Europa „ethnische Gruppen“ genannt und in Israel „Kommunen“. Der Terminus „Stamm“ hat eine herablassende Assoziation. Wir sollten diesen Ausdruck nicht mehr benützen.

ALL JENE, die die Intervention der NATO verdammen, sollten auf eine einfache Frage antworten: Wer hätte denn sonst diesen Job getan?

Die Menschheit des 21. Jahrhunderts kann keine Akte von Genoziden und Massenmorden tolerieren, egal, wo sie geschehen. Sie können nicht zusehen, wenn Diktatoren ihr eigenes Volk abschlachten. Die Doktrin des „Nicht-Eingreifens“ in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten“ gehört in die Vergangenheit. Wir Juden, die wir die Menschheit angeklagt haben, untätig abseits gestanden zu haben, während Millionen Juden, einschließlich deutscher Bürger, von der legitimen deutschen Regierung vernichtet wurden, schulden der Welt gewiss eine Antwort.

Ich habe einige Male erwähnt, dass ich für eine Art effektiver Weltregierung sei und erwarte, dass es sie am Ende dieses Jahrhunderts gibt. Dies würde eine demokratisch gewählte Welt-Exekutive einschließen, die auch militärische Kräfte zu ihrer Verfügung hat, die eingreifen können, wenn ein Weltparlament dies entscheidet.

Damit dies geschieht, müssen die Vereinigten Nationen vollkommen umorganisiert werden. Die Veto-Macht muss verschwinden. Es ist unerträglich, dass die US mit einem Veto die Aufnahme Palästinas als Mitgliedstaat verhindern oder dass Russland und China mit einem Veto eine Intervention in Syrien verhindern kann.

Gewiss sollten die Stimmen der Großmächte wie die der USA und Chinas gewichtiger sein als – sagen wir mal – Luxemburg oder die Fidschi-Inseln, aber eine Zwei-Drittel-Mehrheit in der Vollversammlung sollte die Macht haben, Washington, Moskau und Peking zu überstimmen.

Das mag Zukunftsmusik sein oder, wie andere sagen, ein Hirngespinst. Was die Gegenwart betrifft, so leben wir in einer sehr unvollkommenen Welt und müssen mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln auskommen. Die NATO ist leider eines davon. Die EU ist ein anderes, obwohl in diesem Fall das arme, ewig von schlechtem Gewissen geschlagene Deutschland sie gelähmt hat. Wenn Russland oder China sich ihr anschließen würden, wäre dies gut.

Dies ist kein fernes Problem. Gaddafi ist am Ende, aber Bashar al-Assad ist es nicht. Er schlachtet sein Volk ab, während Sie dies lesen, und die Welt sieht hilflos zu.

Gibt es Freiwillige, die bereit sind zu intervenieren?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Quelle: Mit ausdrücklicher Freigabe durch Uri Avnery an DL

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Der neue Antisemitismus

Erstellt von DL-Redaktion am 2. August 2011

Der Neue Anti – Semitismus

von  Uri Avnery

DER NAZI-Propagandaminister Dr. Joseph Goebbels ruft seinen Boss Adolf Hitler über dass Höllentelefon an:

„Mein Führer,“ ruft er aufgeregt, „neue Nachrichten aus der Welt. Es scheint, wir waren auf der richtigen Fährte, Anti – Semitismus erobert Europa!“

„Gut!“ sagt der Führer, „Das wird das Ende der Juden sein!“

„Hmmm…nun … nicht ganz, mein Führer. Es sieht so aus, als hätten wir die falschen Semiten gewählt. Unsere Erben, die neuen Nazis, sind dabei, die Araber und all die anderen Muslime in Europa zu vernichten.“ Dann mit einem Kichern, „schließlich gibt es viel mehr Muslime als Juden zu vergasen.“

„Aber was ist mit den Juden?“ will Hitler unbedingt wissen.

„Sie werden es kaum glauben: diese neuen Nazis lieben Israel, den jüdischen Staat – und Israel liebt sie!“

DIE GRAUSAME Tat des norwegischen Neo-Nazis in Oslo – ist sie ein isolierter Vorfall? Rechte Extremisten aus ganz Europa und den USA deklamieren einstimmig: „Er gehört nicht zu uns! Er ist nur ein Einzelgänger mit einem verwirrten Geist: Es gibt überall Verrückte! Man kann nicht ein ganzes politisches Lager wegen der Taten einer einzelnen Person anklagen!“

Das klingt bekannt. Wo haben wir dies vorher gehört?

Natürlich nach dem Mord an Yitzhak Rabin.

Es gibt keine Verbindung zwischen dem Oslo-Massenmörder und dem Mord in Tel Aviv. Oder doch?

Während der Monate vor Rabins Mord wurde eine wachsende Hasskampagne gegen ihn sorgfältig vorbereitet. Fast alle israelischen rechten Gruppen konkurrierten mit einander, wer ihn am wirksamsten dämonisieren kann.

Bei einer Demonstration wurde eine Photomontage von Rabin in der Uniform eines SS-Offiziers herumgetragen. Auf dem Balkon, von dem die Demonstration übersehen werden konnte, stand Binyamin Netanyahu und applaudierte stürmisch, während ein Sarg, der mit RABIN bezeichnet war, unten vorbeigetragen wurde. Religiöse Gruppen führten eine mittelalterliche, kabbalistische Zeremonie durch, in der Rabin zum Tode verurteilt wurde. Wichtige Rabbiner nahmen an dieser Kampagne teil. Keine rechte oder religiöse Stimme warnte.

Der aktuelle Mord wurde tatsächlich von einem Einzelgänger ausgeführt, Yigal Amir, ein früherer Siedler, Student einer religiösen Hochschule. Es wird allgemein vermutet, dass er sich vor der Tat wenigstens mit einem wichtige Rabbiner beraten hat. Wie Anders Behring-Breivik, der Oslo-Mörder, plante er seine Tat sorgfältig während einer langen Zeit und führte sie kaltblütig aus. Er hatte keinen Komplizen.

ODER HATTE er welche? Waren nicht all seine Aufhetzer seine Komplizen? Liegt nicht die Verantwortlichkeit auf all den schamlosen Demagogen wie Netanyahu, die hofften, auf der Welle von Hass, Ängsten und Vorurteilen zur Macht zu kommen?

Wie sich herausstellte, wurden ihre Kalkulationen bestätigt. In weniger als einem Jahr nach der Ermordung kam Netanyahu zur Macht. Nun beherrscht der rechte Flügel Israel und wird von Jahr zu Jahr radikaler und in letzter Zeit von Woche zu Woche. Absolute Faschisten spielen nun in der Knesset eine führende Rolle.

All dies ist die Folge von drei Schüssen eines einzigen Fanatikers, für den die Worte eines zynischen Demagogen todernst waren.

Der letzte Vorschlag unserer Faschisten – direkt aus dem Munde Avigdor Liebermans – ist, die Oslo-Abkommen außer Kraft zu setzen: Rabins krönende Errungenschaft. Kommen wir also zurück zu Oslo.

ALS ICH zuerst die Nachrichten über die Gräueltaten in Oslo hörte, fürchtete ich, dass die Täter ein paar wahnsinnige Muslime gewesen sein könnten. Die Auswirkungen wären schrecklich gewesen . Innerhalb von Minuten rühmte sich eine dumme muslimische Gruppe, dass sie diese ruhmreiche Heldentat begangen habe. Glücklicherweise hat sich der tatsächliche Massenmörder am Ort des Verbrechens ergeben.

Er ist der Prototyp eines Nazi-Anti-Semiten der neuen Welle. Sein Glaube besteht aus Überlegenheit der Weißen, christlichem Fundamentalismus, Hass auf die Demokratie und europäischem Chauvinismus, vermischt mit einem unversöhnlichen Hass gegen Muslime.

Dieser Glaube verbreitet sich jetzt überall in Europa. Kleine radikale Gruppen der Ultra-Rechten werden zu dynamischen politischen Parteien, die ihre Sitze im Parlament einnehmen und sogar hier und dort Königsmacher werden. Länder, die bis jetzt Vorbilder politischer Vernunft zu sein schienen, bringen plötzlich faschistische Volksverhetzer der hässlichsten Art hervor, sogar noch schlimmer als die US-Tea-Party, noch ein Sprössling dieses neuen Zeitgeistes. Avigdor Lieberman ist unser Beitrag zu dieser illustren weltweiten Liga.

Eines haben fast alle diese europäischen und amerikanischen ultrarechten Gruppen gemeinsam, ihre Bewunderung für Israel. Auf seinem 1500 Seiten langen politischen Manifest, an dem er lange Zeit gearbeitet hat, widmet der Oslomörder diesem einen ganzen Abschnitt. Er schlug eine Allianz der europäischen extremen Rechten mit Israel vor. Für ihn ist Israel ein Außenposten der westlichen Zivilisation im tödlichen Kampf gegen den „mörderischen“ Islam. (Irgendwie erinnert dies an Theodor Herzls Versprechen, dass der zukünftige jüdische Staat ein „Außenposten westlicher Kultur gegen die asiatische Barbarei sein würde.“)

Ein Teil des bekennenden Philo-Zionismus dieser islamophoben Gruppen ist natürlich reiner Schwindel, der dafür bestimmt ist, ihren Neo-Nazi-Charakter zu verbergen. Wenn man Juden liebt oder den jüdischen Staat, kann man doch kein Faschist sein, oder? Wetten, dass man das kann! Doch glaube ich, dass der größere Teil dieser Verehrung Israels ganz ehrlich ist.

Rechte Israelis, denen von diesen Gruppen der Hof gemacht wird, behaupten, dass es nicht ihre Schuld sei, dass alle diese Aufhetzer von ihnen angezogen werden. Das stimmt natürlich. Doch muss man sich fragen: warum werden sie angezogen, was zieht sie an? Wäre hier nicht eine ernste Gewissensprüfung nötig?

MIR WURDE der Ernst der Situation zuerst bewusst, als ein Freund meine Aufmerksamkeit auf einige deutsche anti-islamische Blogs lenkte.

Ich war zutiefst schockiert. Weil diese Ergüsse fast wörtliche Kopien von Schmähreden Joseph Goebbels sind. Dieselben volksverhetzenden Slogans. Dieselben niederträchtigen Behauptungen. Dieselbe Dämonisierung. Mit einem kleinen Unterschied: anstelle der Juden, sind es diesmal die Araber, die die westliche Zivilisation untergraben, christliche Mädchen verführen, sich verschwören, die Welt zu beherrschen. Die Protokolle der Weisen von Mekka.

Einen Tag nach den Vorfällen von Oslo sah ich zufällig ein interessantes Programm in Al-Jazeeras englischem Fernsehprogramm, einem der besten der Welt. Eine ganze Stunde lang interviewte der Reporter Leute auf den Straßen Mailands über Muslime. Die Antworten waren erschreckend:

Moscheen sollten verboten sein. Sie sind Orte, wo Muslime planen, Verbrechen zu begehen.

Tatsächlich brauchen sie gar keine Moscheen – sie brauchen nur einen Teppich zum Beten. Muslime kamen nach Italien, um die italienische Kultur zu zerstören. Sie sind Parasiten, verbreiten Drogen, Verbrechen und Krankheiten. Sie müssen rausgeworfen werden bis zum letzten Mann, der letzten Frau und dem letzten Kind.

Ich sah die Italiener immer als ein gelassenes, liebenswertes Volk an. Sogar während des Holocaust benahmen sie sich besser als die meisten europäischen Völker. Benito Mussolini wurde erst während des letzten Stadiums ein fanatischer Antisemit, nachdem er völlig von Hitler abhängig geworden war.

Nun sind wir hier kaum 66 Jahre, nachdem italienische Partisanen Mussolini an einem öffentlichen Platz in Mailand an den Füßen aufgehängt hatten – und eine viel schlimmere Form von Antisemitismus nimmt in den Straßen Italiens überhand, wie in vielen anderen europäischen Ländern.

NATÜRLICH gibt es da ein wirkliches Problem. Muslime sind nicht ganz unschuldig für die Situation. Ihr eigenes Verhalten macht sie zu leichten Zielen. So wie es die Juden zu ihrer Zeit taten.

Europa ist in einem Dilemma. Sie brauchen die „Ausländer“ – Muslime und alle – um für sie zu arbeiten, um ihre Wirtschaft in Gang zu halten, damit für die alten Leute die Pensionen gezahlt werden können. Wenn alle Muslime morgen früh Europa verlassen würden, würde die Struktur der Gesellschaft in Deutschland, Frankreich, Italien und vielen anderen Ländern zusammenbrechen.

Doch viele Europäer fühlen sich unwohl, wenn sie diese „Ausländer“ mit ihrer fremden Sprache, ihren fremden Angewohnheiten und Kleidern ihre Straßen bevölkern sehen. Sie verändern den Charakter vieler Stadtteile, sie eröffnen Läden und Restaurants, heiraten ihre Töchter, konkurrieren mit ihnen auf viele Weisen. Das verletzt. Der Dramatiker Max Frisch sagte einmal:„Wir brachten Arbeiter hierher und entdeckten, dass wir Menschen hierher gebracht haben.“

Man kann die Europäer bis zu einem gewissen Punkt verstehen. Einwanderung verursacht ein wirkliches Problem. Die Migration aus dem armen Süden in den reichen Norden ist ein Phänomen des 20./21.Jahrhunderts, eine Folge der schreienden Ungleichheit zwischen den Nationen. Es wäre eine europäische Einwanderungspolitik nötig, ein Dialog mit den Minderheiten über Integration oder Multikultur. Es wird nicht einfach sein.

Aber diese Welle der Islamophobie geht weit darüber hinaus. Wie ein Tsunami kann er in Verwüstung enden.

VIELE DER islamfeindlichen Parteien und Gruppen erinnern einen an die Atmosphäre im Deutschland der frühen 1920er-Jahre, als „völkische“ Gruppen und Freikorps ihr hasserfülltes Gift verbreiteten und ein Armeespitzel mit Namen Adolf Hitler seine ersten Lorbeeren als antisemitischer Redner verdiente. Sie sahen unbedeutend aus, sogar irgendwie verrückt. Viele lachten über diesen Mann mit Namen Hitler, der an Charly Chaplin erinnernde, komische Clown mit Schnauzbart.

Aber nach dem gescheiterten Naziputsch von 1923 folgte 1933, als die Nazis die Macht übernahmen, 1939 den 2. Weltkrieg anfingen und 1942, als die Gaskammern zu wirken begannen.

Es sind die Anfänge, die entscheidend sind, wenn politischen Opportunisten klar wird, dass Angst und Hass zu erzeugen, der einfachste Weg ist, um zur Macht zu kommen, wenn soziale Außenseiter nationalistische und religiöse Fanatiker werden, wenn Attacken auf hilflose Minderheiten als legitime Politik akzeptiert werden, wenn lächerliche kleine Leute sich in Monster verwandeln.

Ist das Dr.Goebbels, den ich in der Hölle lachen höre?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

IE

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Reichspogromnacht 1938

Erstellt von DL-Redaktion am 8. November 2010

„Fingerzeig der Geschichte“

File:Gedenken zur 77. Wiederkehr der Reichspogromnacht in Hannover 3.jpg

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, vor 72 Jahren, brannten in Deutschland die Synagogen. Dabei wurden mehr als 1400 Gebetshäuser angezündet und  zerstört, sehr viele Menschen misshandelt und ermordet. Mit Beginn der Machtübernahme Hitlers 1933 waren die Juden einen immer stärker wachsenden Druck durch das NS-Regime ausgeliefert. Auch wurden diese Mitmenschen aus allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen verdrängt.

Die Rede Goebbels am 9. November 1938 in einem Münchener Bierkeller war das Signal für diese Verbrechen. Neben den Synagogen wurden auch rund 7000 jüdische Geschäfte und Gemeindeeinrichtungen ausgeplündert und demoliert.

Bei mehr als hundert Toten wurden in jener Nacht auch Tausende von jüdischen Menschen verletzt. Viele begingen Selbstmord oder wurden anschließend in den Konzentrationslagern umgebracht. In einigen Städten dauerten diese Ausschreitungen auch bis zum 13. November an.

[youtube PNMLl4AiYeU]

In Gedenken an die Ermordung Ahlener Juden laden die Ahlener Kirchen, das Forum Brüderlichkeit und die Stadt Ahlen am Dienstag den 9. November um 19 Uhr zu einer Kundgebung am Mahnmal „ Fingerzeig der Geschichte“ in der Klosterstraße ein.

IE

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Grafikquelle : This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Deutsch: Gedenkstunde am Mahnmal der ehemaligen Synagoge in Hannover, Rote Reihe zur 77. Wiederkehr der Reichspogromnacht.
Date
Source Own work
Author Ilse Paul in Hannover

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Sarrazin und das Gen

Erstellt von DL-Redaktion am 4. September 2010

Redefreiheit ohne Qualitätskontrolle

Datei:Thilo Sarrazin Leipziger Buchmesse 2014.JPG

Die Auseinandersetzungen über die von Sarrazin geäußerten Thesen weisen auf die tiefen Probleme innerhalb unserer Gesellschaft hin. Es reicht praktisch ein Demagoge aus, die Grundsätze einer ganzen Bevölkerung in Frage zu stellen.  So sind auch die Parteien heute nicht mehr in der Lage den Bürgern die entsprechend notwendigen politischen Leitlinien glaubhaft aufzuzeigen. Zu den wichtigen Themen der Gesellschaft, als da wären, die Frage um den Afghanistan-Krieg, Regulierung des Bankenwesens, Ausstieg aus der Atomenergie, Rente mit 67, Hartz IV oder auch die Arbeitsmarktregulierung, um hier nur einige zu nennen, läuft die Politik Lobbyisten und Wirtschaftsweisen hinterher, welche in ihren Aussagen in der Vergangenheit nachweislich meistens nicht richtig lagen. So stellt die Politik dann die Weichen für eine Debatte, welche die meisten Menschen in diesem Lande bereits für endgültig begraben hielten.

Gleichwohl er seine These vom „Juden-Gen“ als „Riesenunfug“ zurückziehen musste, wird ihm dieser Ausspruch wohl letztendlich seinen Job bei der Bundesbank kosten. In Erinnerung der letzten Fernsehwoche wird uns so ein stotternder Sarrazin bleiben, der dort zugeben musste, von der Genetik keine Ahnung zu haben. So lesen wir denn heute an vielen Stellen, dass nach dem großen Fehler seiner Bestellung in den Vorstand der Bundesbank nun ein noch größerer mit seiner Abberufung erfolgen wird. Man macht diesen Mann damit zu einem Märtyrer, einem quicklebendigen und sehr gut abgefundenen natürlich, welcher nie in eine so exponierte Stellung hätte berufen werden dürfen, da bereits im Jahre 1994 der Spiegel erstmalig über seine kruden Sprüche berichtete.

So wurden denn in der Mittwochabend-Sendung „Hart aber fair“ Textpassagen der Psychologin  Elsbeth Stern eingeblendet, die sich dagegen verwehrte, von Sarrazin als Kronzeugin zu dem Thema Intelligenztheorien und Gene missbraucht zu werden. Auch ist es pure Fahrlässigkeit sich zur Zeit auf amerikanische Wissenschaftler zu verlassen, welche sich seit einigen Jahren in einer harten inner-amerikanischen Auseinandersetzung zwischen den Darwinisten und Gottgläubigen im gegenseitigen Übertreffen ihrer Auslegungen befehden. So zitiere ich hier von der Website Science at home:

„Der Kreationismus ist in der Tat auf dem Vormarsch. „1995 wurden Schulbücher in Alabama mit Aufklebern versehen, die darauf hinweisen, dass die Evolution eine umstrittene Theorie ist, die nicht als Tatsache angesehen werden darf’. In Kentucky müssen Buchseiten zum Thema ‚Urknall’ verklebt werden. Lehrer in Louisiana und Arizona sind gehalten, vor Lektionen über Darwins Lehre Warnungen zu verlesen. In Georgia wurde das gesamte Kapitel „Über die Entstehung des Lebens“ aus den Grundschulbüchern entfernt. Auch in Illinois, New Mexico, Texas und Nebraska versuchten die Schulbehörden, die Evolutionstheorie aus den Schulbüchern verschwinden zu lassen.““

Unter dem Titel „Die eugenischen Vordenker“ beschäftigt sich auch Cord Riechelmann mit dem Thema der Vererbungslehre. Aus diesem Artikel zitiere ich wie folgt:

„In der Studie geht es um die Struktur des Genoms der über die Welt verstreuten jüdischen Gemeinden. In deren Genom fanden die Forscher einige Gensequenzen, die unter den Juden ähnlich waren und wesentlich häufiger auftraten als unter nichtjüdischen Vergleichspopulationen. Die entsprechenden Gensequenzen kamen aber überall vor, es lag lediglich eine Häufigkeitsverschiebung vor.

Ein Phänomen, das Populationsbiologen auch bei Inselpopulationen wie den Isländern finden. Das war’s, mehr steht in dem Text nicht und interessant ist er zuerst für Historiker, die mit dem Material nämlich die These stützen können, dass alle jüdischen Gruppen ihren Ursprung in der Levante hatten. Von einem Juden-Gen ist darin nirgendwo die Rede. Was auch nicht verwunderlich ist, weil es ein Juden-Gen genauso wenig gibt wie ein Intelligenz- oder Faulheits-Gen.“

Zum Abschluss eine Kolumne von Sheila Mysorekar „Redefreiheit ohne Qualitätskontrolle“

Redefreiheit ist was Schönes. Für Thilo Sarrazin und für mich auch. Er nennt das „Klartext“, ich nenne das Polemik. Aber wir meinen dasselbe. Mein Klartext heute: Thilo Sarrazin hat einen äußerst geringen volkswirtschaftlichen Mehrwert. Er sitzt (noch) im Vorstand der Bundesbank, er lebt also von unseren Steuergeldern, redet aber das Ansehen des Landes in Grund und Boden.

Sarrazin mietet für sein Buch die Bundespressekonferenz, vor der Tür stehen Polizisten: wiederum bezahlt von Steuergeldern, die dieser Sozialschmarotzer für seine private Buchsause verprasst. Da gebe ich mein Geld doch lieber der hirn- und arbeitslosen Unterschicht (Definition: Sarrazin), wo es garantiert besser angelegt ist als bei diesem paranoiden NPD-Sprachrohr, das weniger zum Bruttosozialprodukt beiträgt als jeder türkische Gemüsehändler.

Quelle : TAZ >>>>> weiterlesen

IE

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Fotoquelle :

Ich, der Urheber dieses Werkes, veröffentliche es unter der folgenden Lizenz:
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Feiger Hass

Erstellt von DL-Redaktion am 20. Juni 2010

Stephan Kramer Generalsekretär des Zentralrat der Juden ZdK

Heute einmal ein Kommentar von Stephan Kramer dem Generalsekretär des Zentralrats der Juden (ZdR) in Deutschland. Ich meine ein doch recht nachdenklich stimmender Artikel, welcher mir in manchen Passagen doch nur allzu bekannt vorkommt. IE.

KOMMENTAR VON STEPHAN KRAMER.

Es gibt in der deutschen Öffentlichkeit eine besondere Sorte von Menschen, die von einem dunklen, nicht offen eingestandenen Motiv gelenkt werden: Judenhass. Man kann diese Menschen zum Beispiel in Teilen der antizionistisch geprägten extremen Linken und propalästinensischen Unterstützergruppen finden. Auch einzelne Mitglieder der Linkspartei gehören dazu. Im Gegensatz zum unverblümten Antisemitismus von Rechtextremisten und Neonazis pochen diese selbst ernannten Kämpfer für Menschenrechte auf ihr „legitimes“ Recht, Israel zu kritisieren, und tarnen ihren Antisemitismus, indem sie sich als Kämpfer für Fortschritt und Gerechtigkeit gerieren.

Selbstverständlich sind ihnen Juden lieb und teuer – vor allem diejenigen, die im Rahmen der nationalsozialistischen „Endlösung der Judenfrage“ ermordet wurden. Da ihr Hass sich dennoch entladen muss, suchen sich unsere pseudoaufgeklärten Feinde ein ihrer Meinung nach legitimes Objekt aus: den Staat Israel, den sie dann so behandeln, wie „klassische“ Antisemiten Juden zu behandeln pflegen. Der Judenstaat wird ausgesondert, delegitimiert und mit geradezu satanischen Attributen ausgestattet.

Der jüngste Fall: Israels Versuch, die von angeblichen Friedensaktivisten gelenkte „Solidaritätsflotte“ nach Gaza zu stoppen. Dabei tappte Israels viel gerühmte Marinekommandoeinheit einem gut organisierten dschihadistischen Schlägertrupp in die Falle und musste um ihr Leben kämpfen, auch mit scharfer Munition. In der Folge starben neun der Blockadebrecher. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Jedes verlorene Menschenleben ist eine Tragödie, doch gerade deshalb darf die Wahrheit nicht verschwiegen werden.

Quelle : TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle : Trauerhalle Köln Böcklemünd – (Aufn. S., um 2005, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0) 

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