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RENTENANGST

Selbstboykott

Erstellt von Gast-Autor am 19. Januar 2014

Selbstboykott

Autor Uri Avnery

KANN EIN Land sich selbst boykottieren? Dies  mag wie eine dumme Frage klingen. Ist es aber nicht.

Bei der Gedenkfeier für Nelson Mandela, den „Giganten der Geschichte“, wie Barack Obama ihn nannte, war Israel  durch keinen seiner Führer vertreten.

Der einzige Würdenträger, der hinging, war der Knesset-Sprecher, Yuli Edelstein, eine nette Person, Immigrant aus  der Sowjetunion und Bewohner einer Siedlung, der so anonym ist, dass ihn die meisten Israelis nicht erkennen würden („Sein eigener Vater würde Mühe haben, ihn auf der Straße zu erkennen,“ scherzte jemand.)

Warum?  Staatspräsident Shimon Peres hatte sich eine Krankheit zugezogen , die ihn daran hinderte, hinzufliegen, die ihn aber nicht daran hinderte, eine Rede zu halten und am selben Tag, Besucher zu empfangen. Nun, es gibt alle Arten von mysteriösen Bazillen.

Der Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte sogar einen noch seltsameren Grund. Er behauptete, die Reise sei zu teuer mit all den begleitenden Sicherheitsleuten usw.

Vor noch nicht langer Zeit verursachte Netanjahu einen Skandal, als durchsickerte, dass er für seine Reise zum Begräbnis von Margaret Thatcher – ein fünf-Stundenflug  –  ein spezielles Doppelbett für hohe Kosten in einer El-Al-Maschine installieren ließ. Er und seine verunglimpfte  Frau Sara‘le wollten keinen weiteren Skandal provozieren. Wer ist denn schon dieser Mandela?

INSGESAMT WAR es eine unwürdige Schau persönlicher Feigheit beider, von Peres wie von Netanjahu. Wovor fürchteten sie sich?

Nun, sie hätten ausgebuht werden können. Kürzlich sind viele Details der israelisch-südafrikanischen Beziehung ans Licht gekommen. Apartheid Südafrika, das von der ganzen Welt boykottiert wurde, war der Hauptkunde der israelischen Rüstungsindustrie. Es war ein  perfektes Geschäft. Israel hatte eine Menge Waffensysteme, aber kein Geld, um sie zu produzieren. Südafrika hatte eine Menge Geld, aber keinen, der ihn mit Waffen ausrüsten konnte.

Israel verkaufte also Mandelas Gefängniswärtern, alles, was sie brauchen konnten: von der Luftwaffe bis zu den elektronischen Geräten und teilte seine nuklearen Erkenntnisse mit. Peres selbst war tief hinein verwickelt.

Die Beziehung war nicht nur kommerziell. Israelische Offiziere und  Beamte trafen sich mit ihren südafrikanischen Kollegen, Besuche wurden erwidert und persönliche Freundschaften gepflegt. Während Israel  nie die Apartheid (SA) offiziell unterstützte, hat unsere Regierung sie sicher auch nicht verabscheut.

Doch unsere Führer hätten  zusammen mit andern Führern aus aller Welt da gewesen sein sollen. Mandela war der große Vergeber,  und er vergab auch Israel. Als der Zeremonienmeister im Stadium durch ein Versehen Peres und Netanjahu ankündigte, wurden gerade ein paar Buh-Rufe gehört. Viel weniger als die Buh-Rufe für den jetzigen südafrikanischen Präsidenten.

In Israel  erhob sich nur eine Stimme öffentlich gegen Mandela. Shlomo Avineri, ein geachteter Professor und früherer Generaldirektor des Auswärtigen Amtes, kritisierte ihn, er hätte einen „blinden Fleck“ gehabt, weil er auf Seiten der Palästinenser gegen Israel gestanden habe. Er erwähnte auch die andere moralische Autorität, Mahatma Gandhi, der denselben „blinden Fleck“ gehabt hätte.

Seltsam. Zwei  moralische Giganten und derselbe blinde Fleck? Wie kann das sein?

DIE BOYKOTT-Bewegung gegen Israel gewinnt langsam an  Boden. Sie besteht vor allem aus drei Hauptformen (und mehreren dazwischen)

Die konzentrierteste Form ist der Boykott der Produkte aus den Siedlungen,. Vor 15 Jahren von Gush Shalom  begonnen, wird  dies  jetzt in vielem Ländern praktiziert.

Eine strengere Form ist der Boykott aller Institute und Gesellschaften, die  mit Siedlungen zusammen arbeiten. Dies ist jetzt die offizielle Politik der EU.  Erst in dieser Woche brach Holland alle Verbindungen mit der monopolistischen israelischen Wassergesellschaft Mekorot, die den Palästinensern  wesentliche Wasservorräte vorenthält und stattdessen den Siedlungen zu gute kommen lässt.

Die dritte Form ist total: der Boykott von allem und jedem, was  israelisch ist (einschließlich mir selbst). Auch dies nimmt langsam in vielen Ländern Form an.

Die israelische Regierung hat sich jetzt diesem Boykott angeschlossen. Durch seine freiwillige Nicht-Vertretung oder Unterpräsentation bei der Mandela-Trauerfeier erklärte Israel  sich selbst zu einem Paria-Staat. Seltsam.

LETZTE WOCHE schrieb ich, dass,  wenn die Amerikaner eine Lösung  für Israels Sicherheitssorgen in der Westbank finden sollten,  würden andere Sorgen auftauchen. Ich erwartete nicht, dass dies so schnell geschehen würde.

Benjamin Netanjahu erklärte in dieser Woche, dass die Stationierung israelischer Truppen im Jordantal – wie John Kerry vorschlug, nicht genug sei. Bei weitem nicht!

Israel kann die Westbank solange nicht aufgeben, wie der Iran nukleare Fähigkeiten hat, erklärte er.  Was ist die Verbindung? möchte man fragen. Nun, das ist offensichtlich. Ein starker Iran wird Terrorismus  ausüben und Israel auf viele andere Weisen bedrohen. Das ist doch logisch.

Wenn der Iran alle seine nuklearen Fähigkeiten aufgibt, wird das dann genug sein? Unter keinen Umständen. Der Iran muss seine „genozidale“ Politik gegenüber Israel  vollkommen aufgeben, alle Bedrohungen stoppen, auch alle Äußerungen gegen es. Es muss eine freundliche Haltung uns gegenüber einnehmen. Doch Netanjahu ging nicht so weit, dass  er verlangt hätte, der Iran müsse  sich der zionistischen Weltorganisation anschließen.

Bevor dies geschieht, kann Israel unmöglich einen Frieden mit den Palästinensern machen. Tut uns leid,  Mister Kerry.

IM LETZTEN Artikel machte  ich den Allon-Plan lächerlich und andere Vorwänden, die unser rechtes Lager vorbrachte, um das  fruchtbare Land des Jordantals zu behalten.

Einer meiner Leser entgegnete, tatsächlich seien all die alten Gründe obsolet geworden. Die schreckliche Gefahr, dass die kombinierten Armeen des Irak, Syriens und Jordaniens uns vom Osten angreifen könnten, besteht nicht mehr. Aber –

Aber die Jordantalwächter  kommen jetzt mit einer neuen Gefahr. Wenn Israel die Westbank aufgibt, ohne am Jordantal und den Grenzübergängen über den Fluss fest zu halten,  werden andere schreckliche Dinge geschehen.

An dem Tag, nachdem die Palästinenser die Brückenübergänge in Besitz genommen haben, werden Raketen hineingeschmuggelt. Raketen werden auf den internationalen Ben Gurion-Flughafen regnen, das Tor Israels, das nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt liegt. Tel Aviv, 25km von der Grenze, wird bedroht werden, genauso wie Dimona, die Nuklear Anlage.

Haben wir das nicht alles  schon gesehen? Als Israel freiwillig den ganzen Gazastreifen  räumte, begannen da nicht, Raketen auf den Süden Israels zu regnen?

Wir können uns nicht auf die Palästinenser verlassen. Sie hassen uns und werden weiter gegen uns kämpfen. Falls Mahmoud Abbas versucht, dies zu stoppen, wird er gestürzt werden. Hamas — oder schlimmer noch al-Qaeda — werden an die Macht kommen und eine  terroristische Kampagne auslösen. Das Leben in Israel wird zur Hölle werden.

Deshalb ist es offensichtlich, dass Israel die Grenze zwischen dem palästinensischen Staat und der arabischen Welt und besonders die Grenzübergänge kontrollieren muss. Wie Netanjahu immer wieder sagt: Israel kann und will nicht seine Sicherheit anderen überlassen – besonders nicht den Palästinensern.

ZUNÄCHST IST die Gazastreifen –Analogie  nicht anwendbar. Ariel Sharon evakuierte die Gaza-Siedlungen – ohne  Einverständnis oder Beratung mit der palästinensischen Behörde, die damals noch den Streifen beherrschte. Statt einen ordentlichen Transfer des Gazastreifens an die palästinensischen Sicherheitskräfte durchzuführen, hinterließ er ein Machtvakuum, das sich später mit Hamas füllte.

Sharon hielt auch die Land- und Seeblockade aufrecht, die den Streifen praktisch in ein riesiges Open-Air-Gefängnis verwandelte.

In der Westbank besteht jetzt eine starke palästinensische Regierung und robuste, von Amerikanern trainierte Sicherheitskräfte. Ein Friedensabkommen  würde sie immens stärken.

Abbas widersetzt sich  einer Präsenz ausländischen Militärs in der Westbank, einschließlich des Jordantals nicht. Im Gegenteil, er bittet um sie. Er hat eine internationale Streitkraft unter amerikanischem Kommando vorgeschlagen. Er ist nur gegen die Präsenz der israelischen Armee – eine Situation, die nur eine andere Art von Besatzung wäre.

ABER DER Hauptpunkt ist etwas anderes, etwas das tief an die Wurzeln des Konfliktes geht.

Netanjahus Argumente setzen voraus, dass es keinen Frieden gibt, nicht jetzt, nie.  Das  mutmaßliche Friedensabkommen – das Israelis das „permanente Statusabkommen“ nennen – wird nur eine andere Phase des generationenalten Krieges  eröffnen.

Dies ist das Haupthindernis. Die  Israelis – fast alle Israelis  können sich eine Situation wie den Frieden nicht vorstellen. Weder sie noch ihre Väter und Großväter haben jemals einen Tag des Friedens in diesem Land erlebt. Frieden ist etwas wie das Kommen des Messias, etwas, das gewünscht, wofür gebetet, aber nie wirklich erwartet wird.

Aber Frieden bedeutet nicht, um Carl von Clausewitz‘Zitat zu umschreiben,  die Fortsetzung des Krieges mit nur andern Mitteln. Es bedeutet nicht  Waffenruhe  oder gar einen Waffenstilstand.

Frieden  bedeutet Seite an Seite leben. Frieden bedeutet Versöhnung, ein echter Wunsch, die andere Seite zu verstehen, die Bereitschaft, alten Groll zu vergessen, langsam  neue Beziehungen zu knüpfen, wirtschaftlich, sozial und persönlich.

Um anzudauern muss Frieden  alle Seiten befriedigen. Er muss eine Situation schaffen, mit der alle Seiten leben können, weil er ihre grundsätzlichen Wünsche erfüllt.

Ist dies möglich?  Da ich die andere Seite gut kenne, antworte ich mit äußerster Sicherheit: Ja,  tatsächlich. Aber es ist kein automatischer Prozess. Man muss für ihn arbeiten, in ihn investieren, einen Frieden führen, wie man einen Krieg führt.

Nelson Mandela tat dies. Deshalb nahm die ganze Welt an seinem Begräbnis teil. Das ist es vielleicht, warum unsere Führer vorzogen, zu Hause zu bleiben

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die Herabsteigenden

Erstellt von Gast-Autor am 30. November 2013

Die Herabsteigenden

Autor Uri Avnery

DIEJENIGEN, DIE an der Geschichte der Kreuzfahrer interessiert sind, fragen, was brachte die Kreuzfahrer zum Untergang? Wenn man überall im Land so stolze Reste ihrer Burgen sieht, fragt man sich dies.

Die traditionelle Antwort ist: der Sieg über die Kreuzfahrer in der Schlacht an den Hörnen von Hittin, Zwillingshügel in der Nähe des Sees Genezareth, 1187 durch den großen muslimischen Sultan Salah-ad-Din (Saladin).

Doch der Kreuzfahrerstaat lebte weitere 100 Jahre in Palästina und seiner Umgebung.

Der maßgeblichste Historiker, der sich mit den Kreuzfahrern befasst hat, ist der verstorbene Steven Runciman . Er gab eine völlig andere Antwort: Das Königreich der Kreuzfahrer brach zusammen, weil zu viele Kreuzfahrer in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehrten, während zu wenige hinzukamen. Am Ende wurden die letzten ins Meer geworfen (buchstäblich).

ES GIBT große Unterschiede zwischen dem Kreuzfahrerstaat, der in diesem Land zweihundert Jahre währte, und dem gegenwärtigen Staat Israel; aber es gibt auch einige verblüffende Ähnlichkeiten. Deshalb zieht mich ihre Geschichte immer wieder an.

In letzter Zeit wurde ich an Runcimans Schlussfolgerung erinnert, weil in unsern Medien plötzlich Interesse an dem Phänomen der Auswanderung besteht. Manche Kommentare grenzen an Hysterie.

Es gibt zwei Gründe. Erstens: Eine Fernsehserie berichtet über israelische „Absteiger“ die ins Ausland herunter steigen. Zweitens: der Nobelpreis für Chemie geht an zwei Ex-Israelis. Beides verursachte viel Händewringen.

„Die Herabsteigenden“ (Yordim) ist der Terminus für Auswanderer –Leute, die nach Israel kommen, um hier zu leben, nennt man „Aufsteigende“ ( Olim), das im Hebräischen ein ähnliches Wort für Pilger ist. Wahrscheinlich hat das Wort etwas mit der Tatsache zu tun, dass Jerusalem auf einem Hügel liegt, von allen Seiten von Tälern umgeben ist, also muss man hinaufgehen, um es zu erreichen. Natürlich gibt es auch eine ideologische zionistische Verbindung zu diesem Terminus

Vor der Gründung unseres Staates und während der ersten Jahrzehnte sahen wir uns als heldenhafte Gesellschaft, die gegen große Schwierigkeiten ankämpfte, einschließlich mehrerer Kriege. Leute, die uns verließen, wurden als Deserteure angesehen, wie Soldaten, die während einer Schlacht ihre Einheit verlassen. Jitzhak Rabin nannte sie „Abfall“.

Was die Fernseh-Geschichte so erschreckend machte, war, dass sie gewöhnliche junge Israelis aus der Mittelklasse zeigte, die für immer nach Berlin, London oder New Jersey siedelten. Einige ihrer Kinder sprechen schon fremde Sprachen und geben Hebräisch auf. Schrecklich.

Bis vor kurzem wurden „Herabsteigende“ ( hebr. Yordim) mit Außenseitern der normalen Gesellschaft in Verbindung gebracht, mit Leuten der unteren Klasse und anderer, die ihren Platz nicht in der gewöhnlichen Gesellschaft finden konnten. Aber hier waren es normale, gut erzogene junge Paare, in Israel geboren, die gut Hebräisch sprechen. Ihre Hauptklage – sie klang eher wie eine Entschuldigung –war, dass sie in Israel mit ihren Finanzen nicht bis ans Monatsende kamen, dass ihr Mittelklassegehalt nicht für ein bescheidenes Leben ausreichte, weil die Gehälter zu niedrig und die Preise zu hoch seien. Sie hoben die Mieten für Wohnungen heraus. Der Preis für eine Wohnung in Tel Aviv entspricht den Gehältern von 120 Monaten. (Das ist nicht verschrieben)

Doch nüchterne Nachforschung zeigte, dass Emigration während der letzten Jahre tatsächlich zurückgegangen ist. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Israelis, sogar einschließlich einer Mehrheit arabischer Bürger, mit ihrer wirtschaftlichen Situation zufrieden sind – mehr als in den meisten europäischen Ländern.

DER ZWEITE GRUND für die Hysterie war der Nobelpreis, der an zwei amerikanische Professoren der Chemie verliehen wurde, die in Israel aufgewachsen sind, einer von ihnen sogar im Kibbuz.

Israel ist unendlich stolz auf seine Nobelpreisträger. Im Verhältnis zur Größe des Landes, ist ihre Anzahl tatsächlich außerordentlich.

Viele Juden sind tief davon überzeugt, dass der jüdische Intellekt bei weitem dem anderer Völker überlegen ist. Darüber gibt es eine Menge Theorien. Eine davon betrifft mittelalterliche Zeiten. Die europäischen Intellektuellen waren damals meistens Mönche, die im Zölibat lebten und ihre Gene nicht an Nachwuchs weiter vererbten. In jüdischen Gemeinden war es genau umgekehrt: Die Reichen waren stolz, ihre Töchter mit besonders begabten Torah-Gelehrten zu verheiraten und so erlaubten, dass ihr Nachwuchs unter privilegierten Umständen lebte.

Doch hier waren diese beiden Wissenschaftler, die Israel vor Jahrzehnten verließen, um auf fremden Wiesen zu grasen, ihre Forschungen in amerikanischen Prestige-Universitäten fortführen konnten.

In früheren Jahren wären sie Verräter genannt worden. Nun verursachen sie nur eine „tiefe“ Gewissensprüfung“. Einem der beiden, der Israel verlassen hatte, war keine Dozentenstelle beim hoch geachteten Weizmann-Institut angeboten worden. Warum ließen wir ihn gehen? Und was ist mit allen anderen?

Tatsächlich ist das kein speziell israelisches Problem. Abwanderung von klugen Köpfen findet in aller Welt statt. Ein ehrgeiziger Wissenschaftler sehnt sich nach den besten Laboratorien, den besten Universitäten. Junge Geister aus aller Welt strömen nach den USA. Israelis sind da keine Ausnahme. Wir haben gute Universitäten. Drei von ihnen stehen irgendwo auf der Liste der 100 besten Universitäten der Welt. Aber wer kann der Versuchung von Harvard oder Princeton widerstehen?

DIE PLÖTZLICHE Desillusion veranlasste Israelis, die israelischen Hochschulen genauer anzusehen. Es scheint, dass unser Standard nach unten rutscht. Unsere Universitäten erhalten zu wenig finanzielle Unterstützung von der Regierung, die Zahl der Professoren und ihre Qualität lässt nach. Abiturexamen sehen schlechter aus

Warum?

Immense Gelder werden von der Armee verschlungen, deren Forderungen von Jahr zu Jahr wachsen, obwohl sich unsere Sicherheitssituation die ganze Zeit verbessert.

Unsere ewig anhaltende Besatzung der palästinensischen Gebiete ist für unsere mageren Ressourcen wie ein Fass ohne Boden. Natürlich auch die Siedlungen. Unsere Regierung investiert in sie riesige Summen Geld. Die genaue Summe ist ein Staatsgeheimnis.

Auf die Dauer kann ein kleines Land mit begrenzten Mitteln keine große Armee unterhalten, dazu ein Besatzungsregime und Hunderte von Siedlungen, ohne alles andere zu vernachlässigen. Ein einziges Kampfflugzeug kostet mehr als eine Schule, ein Krankenhaus oder ein Laboratorium.

ABER MEINE Sorge über die Auswanderung bleibt nicht auf materielle Dinge beschränkt.

Die Leute gehen nicht nur aus materiellen Gründen. Sie denken vielleicht, dass sie emigrieren, weil das Leben in Berlin billiger sei als in Tel Aviv, dass man dort eher Wohnungen finden könne, die Gehälter höher die Preise niedriger seien. Es ist aber nicht nur die Stärke der Anziehungskraft des Auslands, das zieht – es ist auch die starke oder weniger starke Verbundenheit mit der Heimat,

In den Jahren, als die „Absteigenden“ als Müll angesehen wurden, waren wir stolz darauf, Israeli zu sein. Während der fünfziger und sechziger Jahre fühlte ich mich wohl, wenn ich meinen israelischen Pass bei einer Grenzkontrolle zeigte. Israel wurde in der ganzen Welt mit Bewunderung angesehen, nicht zum Geringsten bei unsern Feinden.

Ich glaube, dass es ein grundsätzliches Menschenrecht ist, auf seine Gesellschaft, auf sein Land stolz zu sein. Menschen gehören zu Nationen. Selbst im heutigen globalen Dorf benötigen die meisten Menschen das Gefühl, dass sie in ein bestimmtes Land und zu einem bestimmten Volk gehören. Keiner möchte sich dessen schämen.

Wenn heute ein Israeli seinen Pass zeigt, fühlt er keinen Stolz, er mag ein trotziges Gefühl empfinden („Wir gegen die ganze Welt“), aber er oder sie ist sich ihres Landes bewusst, dass es von vielen als Apartheidstaat angesehen wird und ein anderes Volk unterdrückt. Jede Person im Ausland hat zahllose Fotos schwer bewaffneter israelischer Soldaten gesehen, die Angst einflößend vor palästinensischen Frauen und Kindern stehen. Nichts, auf das man sehr stolz ist.

Dies ist kein Thema, über das jeder spricht. Aber es ist da. Und es sieht so aus, als würde es schlimmer werden.

Jüdische Israelis sind im von Israel beherrschten Land – vom Mittelmeer bis zum Jordan – schon eine Minderheit. Die Mehrheit der Untertanen, die jedes Jahr wächst, ist aller ihrer Rechte beraubt. Die Unterdrückung wird notwendigerweise wachsen. Das Bild Israels wird in aller Welt schlimmer werden. Der Stolz wird mit Israel schrumpfen.

EINE AUSWIRKUNG wird schon offensichtlich.

Eine einflussreiche kürzliche Umfrage, die unter amerikanischen Juden durchgeführt wurde, zeigt eine deutliche Abnahme der Verbindung junger Juden für Israel

Die amerikanisch-jüdische Szene wird von älteren führenden Funktionären dominiert, die niemals von irgendjemand gewählt wurden. Sie üben eine enorme Macht über das amerikanische politische Leben aus, aber ihr Einfluss in ihrer eigenen Gemeinde lässt nach. Junge jüdische Amerikaner sind nicht mehr stolz auf Israel. Einige schämen sich sogar.

Diese jungen Juden stehen nicht auf, um zu protestieren. Sie haben Angst, Munition für Antisemiten zu liefern. Sie sind auch von Kind an so erzogen, dass wir Juden gegen die Gojim (Nichtjuden) zusammenstehen müssen; denn die wollen uns vernichten.

Anstatt ihre Stimme zu heben, halten sie den Mund, verlassen ihre Gemeinden und verschwinden vor ihren Augen. Dieser Prozess kann aber für Israel zutiefst verhängnisvoll werden. Unsere Führer verlassen sich vollkommen auf ihre Macht über den amerikanischen Politiker. Wenn diese merken, dass die -amerikamisch jüdische Unterstützung Israels weniger wird, werden sie sich schnell von ihnen befreien.

ES GIBT noch einen anderen Aspekt der zionistischen Ideologie, die dieses Problem betrifft

.Der Zionismus sollte die Juden nach Israel bringen. Darum geht es in erster Linie. Aber Zionismus kann eine Zwei-Fahrt- Straße sei.

Israel erklärt es sei der „Staat des jüdischen Volkes“ – Juden in aller Welt werden de facto als israelische Bürger angesehen. Aber wenn es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen einem Juden in Haifa und einem Juden in Hamburg gibt, warum soll man in Haifa bleiben, wenn das Leben in Hamburg so viel besser zu sein scheint?

Ich habe Jahrzehnte lang eine Kampagne geführt, die zionistische Ideologie durch einen einfachen israelischen Patriotismus zu ersetzten. Vielleicht kommt die Zeit noch, dies zu tun – nachdem sich Israel in ein Land verwandelt hat, auf das man wieder stolz sein kann.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Die wirkliche Bombe

Erstellt von Gast-Autor am 10. November 2013

Die wirkliche Bombe


Autor Uri Avnery

VOR JAHREN verriet ich eines der größten Geheimnisse des Iran. Mahmoud Ahmadinejad war ein Agent des Mossad. Plötzlich hatten alle seltsamen Details seines Verhaltens einen Sinn. Seine öffentlichen Phantasien über das Verschwinden Israels. Seine Leugnung des Holocaust, was bis dahin nur typisch für einen Verrückten war.Sein Sich-Rühmen von Irans nuklearen Fähigkeiten.

Cui bono? Wem nützt es? Wer hatte Interesse an all dem Unsinn?

Da gibt es nur eine vernünftige Antwort: Israel. Sein Sich-in-Pose-werfen stellte den Iran als einen Staat dar, der beides war, lächerlich und unheimlich. Es rechtfertigte Israels Weigerung, den nuklearen Nichtverbreitungsvertrag zu unterzeichnen oder die Chemiewaffen-Konvention zu ratifizieren. Es lenkte die Aufmerksamkeit von Israels Weigerung ab, über die Besatzung der palästinensischen Gebiete zu diskutieren und sinnvoll Friedens-verhandlungen durchzuführen.

FALLS ICH Zweifel an diesem internationalen Knüller gehegt hätte, hat sich dieser jetzt aufgelöst.

Unsere politischen und militärischen Führer beklagen fast offen das Ende von Ahmadinejad.

Offensichtlich entschied der Oberste Führer Ali Khamenei, dass ich Recht hatte, und hat diesen Clown beseitigt.

Es ist noch schlimmer: er hat seine tödliche Feindschaft mit der zionistischen Entität bestätigt, indem er eine Person wie Hassan Rohani in den Vordergrund schob.

Rohani ist das genaue Gegenteil seines Vorgängers. Wenn der Mossad gefragt worden wäre, den schlimmsten iranischen Führer, den sich Israel vorstellen könne, zu skizzieren, dann hätte er jemand wie ihn vorgeschlagen .

Ein Iraner, der den Holocaust anerkennt und verurteilt! Ein Iraner, der eitel Freude und Sonnenschein anbietet! Ein Iraner, der allen Nationen Frieden und Freundschaft anbietet – und sogar andeutet, dass Israel mit eingeschlossen ist, wenn es nur die besetzten Gebiete aufgebe!

Könnte man sich irgendetwas Schlimmeres vorstellen?

ICH MACHE keinen Witz. Ich meine es todernst!

Ja, noch bevor Rohani nach seiner Wahl seinen Mund öffnen konnte, wurde er rundweg von Benjamin Netanyahu verurteilt.

Ein Wolf im Schafspelz! Ein wirklicher Anti-Semit. Ein Betrüger, der die ganze Welt täuscht! Ein hinterhältiger Politiker, dessen teuflisches Ziel es ist, einen Keil zwischen Israel und die naiven Amerikaner zu treiben!

Dies ist die wirkliche iranische Bombe, bei weitem bedrohlicher als die Atombombe, die hinter einer Nebelwand von Rohanis freundlicher Rede gebaut wird.

Eine Atombombe kann eine andere Atombombe abschrecken. Aber wie kann man einen Rohani abschrecken?

Yuval Steinitz, unser gescheiterter früherer Finanzminister und der gegenwärtig für unsere „strategische Angelegenheiten“ verantwortlich ist (Ja, wirklich!), rief in Verzweiflung aus, dass die Welt vom Iran getäuscht werden wolle. Benjamin Netanyahu nannte es eine „Honigfalle“. Kommentatoren, die „offiziellen Kreisen“ aus der Hand fressen (d.h. dem Büro des Ministerpräsidenten) behaupten, dass er eine existentielle Bedrohung darstelle.

All dies, bevor er ein Wort geäußert hatte.

ALS ROHANI schließlich seine große Rede bei der UN-Vollversammlung hielt, haben sich alle verheerenden Vorahnungen als richtig erwiesen.

Während Ahmedinejad eine Massenflucht der Delegierten aus der Halle verursachte, füllte Rohani sie. Diplomaten aus aller Welt waren neugierig auf den Mann. Sie hätten die Rede ein paar Minuten später lesen können, aber sie wollten ihn selbst sehen und hören. Sogar die US sandte Abgeordnete, um anwesend zu sein. Keiner ging hinaus.

Keiner d.h. außer den Israelis.

Den israelischen Diplomaten wurde von Netanyahu befohlen, die Halle demonstrativ zu verlassen, wenn der Iraner zu sprechen anfange.

Das war eine dumme Geste. So vernünftig und effektiv wie der Wutanfall eines kleinen Jungen, wenn ihm das Lieblingsspielzeug weggenommen wird.

Dumm, weil dies Israel als Spielverderber darstellte, und zwar zu einer Zeit, als die ganze Welt nach den kürzlichen Ereignissen in Damaskus und Teheran von Optimismus ergriffen ist.

Dumm auch, weil es die Tatsache erklärt, dass Israel zur Zeit total isoliert ist.

Übrigens, hat jemand bemerkt, dass Rohani während seiner halbstündigen Rede ständig seine Stirne abgewischt hat? Der Mann hat offensichtlich gelitten. Ist ein anderer Mossad-Agent in den Wartungsraum der UN geschlichen, um die Klimaanlage abzuschalten? Oder war es nur die schwere Garderobe?

Ich wurde niemals Priester, nicht nur, weil ich ein Atheist bin (gemeinsam mit vielen Priestern, vermute ich), sondern auch wegen der Verpflichtung, die entsprechenden schweren, geistlichen Gewänder zu tragen, wie es in allen Religionen gefordert wird. Dasselbe gilt auch für Diplomaten.

Schließlich sind alle Priester und Diplomaten auch Menschen (Wenigstens viele von ihnen).

Nur ein israelisches Kabinettmitglied wagte offen das Verhalten der israelischen Delegation zu kritisieren: Yair Lapid. Was ist in ihn gefahren? Nun, Umfragen zeigen, dass der aufgehende Stern nicht weiter aufsteigt. Als Finanzminister war er gezwungen worden, sehr unpopuläre Schritte zu tun. Da er nicht über Dinge wie die Besatzung und Frieden spricht, wird er als oberflächlich angesehen. Er ist fast zur Seite geschoben worden. Seine unverblümte Kritik an Netanyahu könnte ihn zurück ins Zentrum bringen.

Doch hat er seinen Finger auf eine zentrale Tatsache gelegt, dass Netanyahu und seine Mannschaft sich genau wie früher die arabischen Diplomaten benehmen. Sie tun so, als lebten sie vor einer Generation. Das bedeutet, dass sie in der Vergangenheit stecken geblieben sind. Sie leben nicht in der Gegenwart.

In der Gegenwart zu leben, heißt, dass Politiker etwas tun müssen, was sie nicht gern tun: wieder nachdenken.

Die Dinge ändern sich, langsam, sehr langsam, aber spürbar.

Es ist viel zu früh, über die abnehmende Bedeutung des amerikanischen Empire viel zu sagen, aber man braucht keinen Seismographen, um einige Bewegung in dieser Richtung zu bemerken.

Die syrische Affäre war ein gutes Beispiel. Vladimir Putin mag gern in Judo-Haltung fotografiert werden. Beim Judo nützt man den Schwung des Gegners, um ihn zu Fall zu bringen. Das ist genau das, was Putin tat. Präsident Obama hat sich selbst in die Ecke getrieben. Er hat deutlich kampflustige Drohungen artikuliert und konnte nicht zurück. Aber die US-Öffentlichkeit ist in keiner kriegerischen Stimmung. Putin befreite ihn aus diesem Dilemma. Es hatte aber seinen Preis.

Ich weiß nicht, ob Putin solch ein guter Spieler ist, dass er sich auf eine Nebenbemerkung von John Kerry auf Bashar Assad stürzte: er habe eine Chance, auf chemische Waffen zu verzichten. Ich habe ziemlich den Verdacht, dass dieses im Voraus arrangiert war. So oder so, Obama war gerettet, und Putin war wieder im Spiel.

Ich habe über Putin sehr gemischte Gefühle. Er hat seinen tchetchenischen Bürgern gegenüber das angetan, was Assad seinen sunnitischen Bürgern jetzt antut. Seine Behandlung von Dissidenten, wie der Pussy Riot Gruppe, ist abscheulich.

Aber auf der internationalen Bühne ist Putin jetzt der Friedensmacher. Er hat den Stachel aus der chemischen-Waffenkrise herausgezogen; und er könnte möglicherweise, die Initiative ergreifen und ein politisches Abkommen für den fürchterlichen Bürgerkrieg erreichen.

Der nächste Schritt könnte sein, eine ähnliche Rolle in der iranischen Krise zu übernehmen. Falls Khamenei zu der Schlussfolgerung kommen sollte, dass sein nukleares Programm nicht so viel wert ist, wie die durch die Sanktionen verursachte wirtschaftliche Misere, dann mag er es an die US verkaufen. In diesem Fall könnte Putin eine lebenswichtige Rolle spielen: zwischen zwei knallharten Unterhändlern zu vermitteln, die eine Menge zu verhandeln haben.

(Es sei denn, Obama verhält sich wie der Amerikaner, der in einem persischen Bazar einen Teppich kaufte. Der Verkäufer verlangte 1000 $, und der Amerikaner bezahlte, ohne zu feilschen. Als ihm gesagt wurde, dass der Teppich nicht mehr als hundert Dollar wert sei, antwortete er: „Ich weiß, aber ich wollte ihn bestrafen. Jetzt wird er nicht schlafen können und sich verfluchen, dass er nicht 5000 $ verlangt hat)

WIE PASSEN wir Israelis in diese sich verändernde Szene?

Zunächst mal müssen wir anfangen nachzudenken, auch wenn wir es lieber vermeiden würden. Neue Umstände fordern neue Gedanken.

In seiner eigenen US-Aussprache machte Obama eine klare Verbindung zwischen der iranischen Bombe und der israelischen Besatzung. Diese Verbindung kann nicht unberücksichtigt bleiben. Also greifen wir zu.

Die US sind heute etwas weniger bedeutsam, als sie gestern waren. Russland ist etwas bedeutsamer, als es gestern war. Wie AIPACs sinnloser Angriff auf den Kapitol-Hügel während der syrischen Krise zeigt, ist auch diese Organisation heute ein bisschen weniger mächtig.

Denken wir noch einmal über den Iran nach. Es ist zu früh, zu folgern, wie weit sich Teheran bewegen wird, wenn überhaupt. Aber wir müssen es versuchen. Räume zu verlassen, ist keine Politik, sie zu betreten ist Politik.

Wenn wir einige unserer früheren Beziehungen mit Teheran wieder herstellen oder eben nur den Stachel aus der gegenwärtigen herausnehmen könnten, wäre dies ein sehr großer Gewinn für Israel. Dies mit einer wirklichen Friedensinitiative gegenüber den Palästinensern zu verbinden, wäre sogar noch besser.

Unser gegenwärtiger Kurs führt uns in die Katastrophe. Die gegenwärtigen Veränderungen auf der internationalen und der regionalen Bühne könnten eine Veränderung des Kurses möglich machen

Helfen wir Präsident Obama, die amerikamische Politik zu verändern, statt AIPAC dazu benützen, dass er den Kongress terrorisiert, damit er blind eine überholte Politik gegenüber dem Iran und den Palästinensern unterstützt. Strecken wir vorsichtige Fühler in Richtung Russland aus. Verändern wir unsere öffentliche Haltung, wie die iranischen Führer es mit solchem Erfolg tun.

Oder sind sie klüger als wir?

(aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Armer Obama

Erstellt von Gast-Autor am 13. Oktober 2013

Armer Obama

Autor Uri Avnery

ARMER OBAMA, ich bemitleide ihn.

Gleich von Anfang an seiner Begegnung mit der Geschichte, hielt er die Rede in Kairo. Eine großartige Rede. Eine aufbauende Rede. Eine erbauliche Rede.

Er sprach zu der gebildeten Jugend der ägyptischen Hauptstadt. Er sprach über die Tugenden der Demokratie, die glänzende Zukunft, die eine liberale, moderate muslimische Welt erwartet.

Hosni Mubarak wurde nicht eingeladen. Das war ein dezenter Hinweis, dass er ein Hindernis für die glänzende Welt dargestellt hat.

Vielleicht wurde der Hinweis aufgegriffen. Vielleicht hat die Rede die Saat für den arabischen Frühling gesät..

Wahrscheinlich war sich Obama nicht der Möglichkeit bewusst, dass Demokratie, die tugendhafte Demokratie, zu islamistischer Herrschaft führen könnte. Er streckte seine Hand zögernd und versuchsweise der Moslembruderschaft entgegen, nachdem sie die Wahl gewonnen hatte. Aber wahrscheinlich plante die CIA zur gleichen Zeit bereits die Übernahme durch das Militär.

So sind wir wieder genau da, wo wir am Tag vor Der Rede waren: bei einer unbarmherzigen Militärdiktatur.

 Armer Obama.

JETZT HABEN wir ein ähnliches Problem mit Syrien.

Der Arabische Frühling erzeugte einen Bürgerkrieg. Mehr als einhundert Tausend Menschen wurden bereits getötet, und die Anzahl wächst von Tag zu Tag.

Die Welt stand dabei und schaute hilflos zu. Für Juden war dies eine Erinnerung an den Holocaust, als – wie es in der Schulstunde jeder Junge und jedes Mädel lernt – „die Welt zusah und schwieg“.

Bis vor einigen Tagen etwas geschah. Eine rote Linie wurde überschritten. Giftgas wurde eingesetzt. Die zivilisierte Menschheit verlangte, dass gehandelt wird. Von wem? Von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, natürlich.

Armer Obama.

EINIGE ZEIT zuvor hielt Obama eine Rede, eine weitere jener Reden, in denen er eine rote Linie gezogen hat: keine Massenvernichtungswaffen, kein Giftgas.

Nun hat es den Anschein, als ob diese rote Linie überschritten worden wäre. Man hat Giftgas eingesetzt.

Wer würde so etwas Schreckliches tun? Dieser blutige Tyrann natürlich, Bashar al-Assad. Wer sonst?

Die öffentliche Meinung in Amerika, tatsächlich sogar die öffentliche Meinung im gesamten Westen, verlangte von Obama, dass er handelt. Er hat es gesagt, also muss er auch handeln. Andererseits würde sein Image vielerorts bestätigt, das Image eines Feiglings, eines Schwächlings, eines Hasenfußes, eines Schwätzers, der kein Täter ist.

Das würde, selbst weit von Damaskus entfernt, seinen Erfolg auf dem Gebiet von Wirtschaft, Gesundheitswesen und Klima verhindern.

Der Mann hat sich wahrhaftig selbst in die Enge geredet. Die Notwendigkeit zu handeln, wurde zur höchsten Priorität. Ein politischer Albtraum.

Armer Obama.

JEDOCH KOMMEN jetzt mehrere Fragen auf.

Vor allem, wer sagt, dass Assad das Gas freigesetzt hat?

Die reine Logik spricht scheinbar dagegen. Als es geschah, war eine Gruppe UN-Experten – keine Dummköpfe – im Begriff, den Verdacht chemischer Waffen vor Ort zu untersuchen. Warum sollte ein Diktator mit gesundem Menschenverstand ihnen den Beweis seiner Gesetzesübertretung liefern? Selbst, wenn er glaubte, die Beweise könnten rechtzeitig beseitigt werden, könnte er sich dessen nicht sicher sein. Hochentwickelte Geräte könnten es verraten.

Zweitens, was könnten chemische Waffen erreichen, was herkömmliche Waffen nicht können? Welche Strategie oder sogar welchen taktischen Vorteil bieten sie, der nicht mit anderen Mitteln erreicht werden könnte?

Das Argument, um diese Logik zu widerlegen, ist, dass Assad kein logischer Mensch ist, kein normaler, sondern ein verrückter Despot, der in seiner eigenen Welt lebt. Aber ist er das? Bis jetzt zeigte sein Verhalten, dass er ein Tyrann ist, grausam und skrupellos. Aber nicht geisteskrank, eher berechnend, kalt. Und er ist umgeben von einer Gruppe Politiker und Generäle, die alles zu verlieren haben und die eine einzigartig kaltblütige Gruppe zu sein scheinen.

Doch Obama muss entscheiden, ob er aufgrund von Beweisen, die sehr zweifelhaft sind, angreift; derselbe Obama, der die verlogenen Beweise, die George Bush jr. zur Rechtfertigung seines Angriffs auf den Iran erbracht hat, durchsah, und der zu seinem großen Verdienst, zu Recht von Anfang an sich dem Angriff widersetzte. Jetzt steht er auf der anderen Seite.

Armer Obama.

UND WESHALB Giftgas? Was ist so besonders dabei, was so „rot-liniert“?

Wenn ich getötet werde, ist es mir wirklich egal, ob ich durch eine Bombe, eine Granate, Maschinengewehre oder durch Gas umkomme.

Sicher, durch Gas, das ist etwas unheimlich. Der menschliche Verstand weicht zurück von etwas, dass die Luft vergiftet, die wir atmen. Atmen ist die elementarste menschliche Notwendigkeit.

Aber Giftgas ist keine Massenvernichtungswaffe. Es tötet wie jede andere Waffe. Man kann es nicht mit Atombomben, die von Amerika in Hiroshima und Nagasaki eingesetzt wurden, gleichsetzen.

Es ist auch keine Waffe, die einen Krieg entscheidet. Es hat den Verlauf des 1. Weltkrieges, in dem es umfangreich eingesetzt wurde, nicht verändert. Sogar die Nazis sahen keinen Vorteil darin, es im 2. Weltkrieg einzusetzen – und nicht nur, weil der Gefreite Adolf Hitler durch dieses Gas im 1. Weltkrieg vergiftet wurde (und vorübergehend erblindete)

Aber, da Obama eine Linie für Giftgas in den syrischen Sand gezogen hatte, konnte er dieses nicht ignorieren.

Armer Obama.

ABER DER Hauptgrund für Obamas langes Zögern ist ein ganz anderer: er ist gezwungen, gegen die wahren Interessen der Vereinigten Staaten zu handeln.

Assad mag ein schrecklicher Hundesohn sein, aber nichtsdestotrotz dient er den USA.

Viele Jahre lang hat die Assad-Familie den Status Quo in der Region unterstützt. Die israelisch-syrische Grenze ist die ruhigste Grenze, die Israel jemals hatte, trotz der Tatsache, dass Israel Land annektiert hat, dass unbestritten zu Syrien gehört. Sicher, Assad nutzte die Hisbollah, um Israel von Zeit zu Zeit zu provozieren, aber das war keine echte Bedrohung.

Im Gegensatz zu Mubarak gehört Assad einer Minderheitssekte an. Im Gegensatz zu Mubarak hat er eine starke und gut organisierte politische Partei mit einer authentischen Ideologie. Die nationalistische pan-arabische Ba’ath („Wiederauferstehungspartei“) wurde von dem Christ, Michel Aflaq und seinen Kollegen hauptsächlich als Bollwerk gegen die islamistische Ideologie gegründet.

Wie im Fall von Mubarak, würde der Fall von Assad höchstwahrscheinlich zu einem islamistischen Regime führen, radikaler als die ägyptische Moslembruderschaft. Die syrische Schwesterpartei der Brüder war immer radikaler und gewalttätiger als die ägyptische Mutterbewegung (vielleicht, weil das syrische Volk von Natur einen weitaus aggressiveren Charakter besitzt).

Darüber hinaus liegt es in der Natur eines Bürgerkrieges, dass die extremen Elemente die Oberhand gewinnen, weil ihre Kämpfer entschlossener und aufopfernder sind. Kein Betrag fremder Hilfe wird die moderate, säkulare Sektion der syrischen Rebellen stark genug stützen, um nach Assad die Regentschaft zu übernehmen. Wenn der syrische Staat intakt bleibt, wird er ein radikaler islamistischer Staat werden; insbesondere, wenn es freie demokratische Wahlen gibt, wie sie es in Ägypten waren.

Aus der Sicht von Washington DC würde dies ein Desaster sein. Also haben wir hier das kuriose Bild von Obama, der von seiner eigene Rhetorik getrieben wird, Assad anzugreifen, wohingegen all seine eigenen Geheimdienste Überstunden machen, um einen Sieg der Rebellen zu verhindern.

Wie jemand kürzlich schrieb: Es liegt im amerikanischen Interesse, dass der Bürgerkrieg unaufhörlich weitergeht, ohne dass irgendeine Seite gewinnt. Wozu praktisch alle israelischen politischen und militärischen Führer „Amen“ sagen würden.

Folglich muss jeder Angriff gegen Assad, vom strategischen Gesichtspunkt der USA aus, minimal sein, eine reine Stichelei, die das syrische Regime nicht gefährden würde.

Wie bekannt, schaffen Liebe und Politik seltsame Bettgenossen. Zur Zeit ist eine sehr seltsame Mischung von Mächten am Überleben des Assad-Regimes interessiert: die USA, Russland, der Iran, die Hisbollah und Israel. Doch Obama wird gedrängt, ihn anzugreifen.

Armer Obama.

INDEM ICH versuche, die Denkweise der CIA zu verstehen, sage ich, dass die ägyptische Lösung von ihrem Standpunkt aus auch die beste für Syrien ist: den Diktator stürzen und einen anderen Diktator auf seinen Platz setzen. Militärdiktatur für jeden in der arabischen Region.

Das wäre nicht die Lösung, mit der Obama in den Geschichtsbüchern identifiziert werden möchte.

Armer, armer Obama.

(Aus dem Englischen: Inga Gelsdorf und Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Triumpf und Tragödie

Erstellt von Gast-Autor am 28. Juli 2013

Triumpf und Tragödie

Autor Uri Avnery

Eine kürzere Version dieses Artikels wurde am 10. Juni am 46. Jahrestag des Endes des Sechs-Tage-Kriegs in der Jerusalem Post veröffentlicht.

KEINE OPER von Richard Wagner hätte dramatischer gewesen sein können. Es sah aus, als  sei sie von einem Genie inszeniert worden.

Es begann unauffällig. Ein kleines Stück Papier wurde in die Hand des Ministerpräsidenten Levi Eshkol gedrückt, als er die Parade zum Unabhängigkeitstag abnahm. Worauf stand,  ägyptische Truppen seien auf die Sinaihalbinsel gerückt.

Von da ab wuchs die Beunruhigung. Jeder Tag brachte drohende, neue Berichte. Der ägyptische Präsident Gamal Abd-al-Nassar gab grauenerregende Drohungen ab. Die UN-Friedensgruppe wurde zurückgezogen.

In  Israel wandelte sich die Sorge in Angst, die Angst in Schrecken. Eshkol hörte sich schwächlich an. Als er versuchte, mit einer Rede übers Radio die allgemeine Moral zu heben, stockte er und schien zu stottern. Die Leute begannen, über einen zweiten Holocaust zu reden, über die Zerstörung Israels.

Ich war einer der sehr wenigen, die ruhig blieben. Auf der Höhe der allgemeinen Verzweiflung veröffentlichte ich in Haolam Hazeh, dem von mir herausgegeben Nachrichtenmagazin, einen Artikel mit der Überschrift „Nasser ist in eine Falle getappt“. Selbst meine Frau dachte, dies  sei verrückt.

MEINE GUTE Laune hatte einen einfachen Grund.

Ein paar Wochen zuvor hatte ich in einem Kibbuz an der syrischen Grenze einen Vortrag gehalten.  Wie es üblich ist, wurde ich nach dem Vortrag  zu einer Tasse Kaffee eingeladen, und zwar mit einer ausgewählten Gruppe von Mitgliedern. Dort wurde mir erzählt, dass „Dado“ (General David Elazar) der Kommandant des nördlichen Abschnitts, vor einer Woche auch einen Vortag gehalten habe –und dann trank man Kaffee, wie jetzt mit mir.

Nachdem ich  ihnen versprochen hatte, das Geheimnis zu wahren, verrieten sie mir, was Dado ihnen gesagt hatte – nachdem auch sie versprochen hatten, das Geheimnis zu hüten –  dass  er jeden Abend, bevor er ins Bett ginge,  zu  Gott beten würde, Nasser möge seine Soldaten in den Sinai  marschieren lassen. „Dort werden wir sie vernichten“, hatte Dado ihnen versichert.

Nassar wollte keinen Krieg. Er wusste, dass seine Armee ganz unvorbereitet war. Er bluffte, um die arabischen Massen zu begeistern. Er wurde von der Sowjet Union angestachelt, deren Führer glaubten,  Israel sei dabei, Syrien, ihren Hauptverbündeten in der Region,  als Teil eines weltweiten amerikanischen Komplotts anzugreifen.

(Der sowjetrussische Botschafter Dimitri Chuvakhin, lud mich damals  zu einem Gespräch ein und verriet mir den amerikanischen Plot. Wenn es so ist, warum bittet dann ihr Botschafter in Damaskus  nicht, die Syrer möchten mit ihren Grenzübergriffen gegen uns wenigstens vorübergehend aufhören? Der Botschafter brach in ein Gelächter aus. „Glauben Sie wirklich, dass jemand in Damaskus auf unsern Botschafter hört?“)

Syrien hatte Yasser Arafats neuer palästinensischer Befreiungsbewegung (Fatah) erlaubt, kleine und ineffektive Guerillaaktionen an der Grenze durchzuführen. Die syrische Regierung  sprach auch über einen „allgemeinen Befreiungskrieg“ im Stil des algerischen Krieges. Als Antwort hatte der israelische Stabschef Yitzhak Rabin ihnen  mit einem Krieg gedroht, um einen Regimewechsel in Damaskus herbeizuführen.

Abd-Al-Nassar sah eine günstige Gelegenheit, um Ägyptens Führung in  der arabischen Welt  geltend zu machen, wenn er zur Verteidigung von Syrien anrücke. Er drohte damit, Israel ins Meer zu werfen. Er verkündete, er habe die  Straße von Tiran vermint und so Israel vom Roten Meer abgeschnitten. (Wie sich später herausstellte, hatte er keine einzige Mine gelegt.)

Drei Wochen vergingen, und die Spannung wurde immer unerträglicher. Eines Tages sah Menachem Begin mich in der Knesset-Lobby, zog mich in ein Nebenzimmer und flehte mich an:“Uri, wir sind politische Gegner, aber in dieser Notlage stehen wir doch zusammen? Ich weiß, dass dein Magazin großen Einfluss auf die junge Generation hat. Bitte, tu alles, um ihre Moral zu stärken.“

Alle Reserve-Einheiten, das Rückgrat der Armee, wurden mobilisiert. Es waren kaum mehr Männer auf den Straßen zu sehen. Noch immer zögerte Eshkol und sein Kabinett. Sie sandten den Chef vom Mossad nach Washington, um sicher zu sein, dass die USA  israelisches Handeln unterstützen würden.  Unter wachsendem, öffentlichem Druck schuf er eine nationale Einheitsregierung und ernannte Moshe Dayan zum Verteidigungsminister.

ALS DER Bogen so gespannt war, dass er fast zu brechen drohte, wurde die israelische Armee von der Leine gelassen. Die Soldaten – die meisten Reservesoldaten, die kurzerhand aus ihren Familien gerissen und mit wachsender Ungeduld drei Wochen lang gewartet hatten – flogen wie ein Pfeil voran.

Ich nahm am ersten Tag des Krieges an der Knesset-Sitzung teil. Mitten drin wurde uns gesagt, in den Luftschutzkeller zu gehen, weil die Jordanier im nahen Ost-Jerusalem damit begonnen hätten, uns zu bombardieren. Während wir dort waren, flüsterte mir ein Freund, ein hochrangiger Offizier, ins Ohr: „Es ist vorbei. Wir haben die ganze ägyptische Luftwaffe zerstört.“

Als ich an diesem Abend nach einer Fahrt durch abgedunkelte Landschaft nach Tel Aviv fuhr und nach Hause kam, glaubte mir meine Frau nicht. Das Radio hatte nichts über diesen unglaublichen Erfolg gesagt. Radio  Kairo sagte seinen Zuhörern: „Tel Aviv brennt“. Ich fühlte mich wie ein Bräutigam bei einer Beerdigung. Die israelische Militärzensur verbot jede Erwähnung von Siegen – die Radiowellen waren weiter von schrecklichen Vorahnungen beherrscht.

Warum? Die israelische Regierung war – ganz zu Recht –  davon überzeugt, dass, wenn den arabischen Ländern und der Sowjet-Union klar werde, dass sich ihre Seite einer Katastrophe nähere,  sie die UN dahin bringen würden, den Krieg sofort zu beenden. Dies geschah tatsächlich – aber  zu diesem Zeitpunkt war unsere Armee schon auf dem Weg nach Kairo und Damaskus.

Wegen dieser Reihe von Ereignissen sah der Sieg  so unglaublich aus,  dass viele tatsächlich glaubten, es  sei ein Wunder Gottes. Unsere Armee, die in dem damals so kleinen Israel aufgebaut worden war, eroberte die ganze Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, die Westbank, Ost-Jerusalem und den Gazastreifen. Vom „zweiten Holocaust“ zur wunderbaren  Befreiung – in nur sechs Tagen!

WAR ES ein „Verteidigungskrieg“ oder ein „Akt reiner Aggression“? Im nationalen Bewusstsein war  und blieb er ein reiner  Verteidigungskrieg, den „die Araber“  begonnen hatten. Ganz sachlich gesprochen war es unsere Seite, die angriff, wenn auch nach größter Provokation. Als ich Jahre später einem führenden israelischen Journalisten  so nebenbei genau dies sagte, war er so wütend, dass er aufhörte, mit mir zu sprechen.

Egal wie es war. Das ganze Land steckte in einem allgemeinen Taumel. Massenweise  gab es Siegesalbums, Siegeslieder, Sieges-dies und Sieges-das, das zu einer nationalen Hysterie wurde. Die Hybris kannte keine Grenzen. Ich muss zugeben, auch ich war nicht ganz unberührt davon.

Ariel Sharon rühmte sich, Israels Armee könne in sechs Tagen Tripoli (Libyen) erreichen. Eine Groß-Israel- Bewegung entstand mit vielen  der bekanntesten Persönlichkeiten Israels als Mitglieder. Bald kam auch die Siedlerbewegung in Gang.

Aber wie in einer griechischen Tragödie bleibt die Hybris nicht unbestraft. Das Gold wird zu Staub. Der größte Sieg in Israels Geschichte wird zum größten Fluch. Die besetzten Gebiete sind wie das Nessosgewand,(aus der Herkulessage) festgeklebt an unsern Körper, um uns zu vergiften und zu quälen.

Kurz vor dem Angriff hatte Dayan erklärt, Israel  habe absolut nicht die Absicht, neue Gebiete zu erobern, sondern wolle sich selbst nur verteidigen. Nach dem Krieg erklärte der Außenminister Abba Ebban, die Waffenstillstandslinie von vor 1967 sei  „eine Auschwitz-Grenze“.

Da Generäle „immer den letzten Krieg kämpfen“, wurde allgemein vermutet, die Weltgemeinschaft würde Israel nicht erlauben, die Gebiete, die es gerade erobert habe, zu behalten. Der „letzte Krieg“ war 1956 die israelisch-französisch-britische Absprache gegen Ägypten. Damals hatten der US-Präsident Eisenhower und der sowjetische Premier Bulgarin Israel gezwungen, die besetzten Gebiete bis auf den letzten Zentimeter zurückzugeben.

Die frühere Grenze (oder „Demarkationslinie“)  hatte eine  Ausbuchtung bei Latrun – auf dem halben Weg zwischen Tel Aviv und Jerusalem, – die die Hauptstraße zwischen beiden Städten schnitt. Unmittelbar nach dem Sechs-Tage-Krieg beeilte sich Dayan, die Bewohner der drei arabischen Orte dort zu vertreiben und  diese bis auf das letzte sichtbare Zeichen auszulöschen. Sie wurden durch einen Nationalpark ersetzt, der von der Regierung Kanadas und wohlmeinenden kanadischen Bürgern finanziert wurde. Der Schriftsteller Amos Kenan war ein Augenzeuge. Auf meine Bitte hin schrieb er einen bewegenden Bericht über die  schreckliche Vertreibung der Dorfbewohner, der Männer, Frauen, Kinder und Babies, die bei sengender Junisonne kilometerweit zu Fuß nach Ramallah geschickt wurden.

Ich versuchte zu intervenieren, aber es war zu spät. Doch gelang es mir, die  Zerstörung der Stadt Qalqilia nahe der Grenze aufzuhalten. Als ich bei mehreren Kabinettsministern, einschließlich Begin, appellierte, wurde die Zerstörung gestoppt. Ein Stadtteil, der schon zerstört worden war, wurde wieder aufgebaut, und seinen Bewohnern wurde erlaubt, zurückzukehren. Aber mehr als 100 000 Flüchtlinge, die seit 1948 in dem riesigen Flüchtlingslager bei Jericho lebten, wurden veranlasst, über den Jordan zu fliehen.

Langsam gewöhnte sich die israelische Regierung an die erstaunliche Tatsache, dass es kaum wirklichen Druck auf Israel gab, sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen. In einem langen privaten Gespräch, das ich mit Eshkol am Tag nach dem Krieg hatte, wurde mir klar, dass weder er noch seine Kollegen die Absicht hatten, irgendetwas zurückzugeben, wenn sie nicht dazu gezwungen würden. Meine Anregung, den Palästinensern zum eigenen Staat zu verhelfen, wurde von Eshkol mit sanfter Ironie erwidert.

So wurde die historische Gelegenheit versäumt. Es wird gesagt,  wenn Gott jemanden verderben will, wird er ihn erst mit Blindheit schlagen – wie er die Männer von Sodom geschlagen hat. (Genesis 19,11)
Die große Mehrheit der heutigen Israelis, jünger als 60 Jahre, kann sich ein Israel ohne die besetzten Gebiete nicht vorstellen.

Am 46. Jahrestag dieses großen Dramas können wir nur wünschen, dass es nie geschehen wäre, dass alles nur ein böser Traum war.

(Aus dem Englischen:  Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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