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Schottland am Euphrat

Erstellt von Gast-Autor am 12. Oktober 2014

Schottland am Euphrat

ZWEI LÄNDER  wetteiferten in dieser Woche um den ersten Platz in den Nachrichten der Welt: Schottland und der islamische Staat   im Irak und in Syrien.Es könnte keinen größeren Unterschied  als zwischen diesen beiden Ländern geben. Schottland ist feucht und warm. Der Irak ist trocken und heiß. Schottland wird nach seinem Whisky genannt (oder umgekehrt), während für die ISIS-Kämpfer, Alkohol zu trinken, ein Kennzeichen der Ungläubigen ist, die (buchstäblich) ihren Kopf verlieren sollen.

Doch gibt es einen  gemeinsamen Nenner  beider Krisen:  sie markieren das nahende Ableben des Nationalstaates.

MODERNER NATIONALISMUS wurde wie jede große Idee in der Geschichte aus einer neuen Art von Umständen geboren: wirtschaftlich, militärisch, geistig u.a., die ältere Formen  überholen ließen.

Ende des 17.Jahrhunderts konnten bestehende Staaten nicht länger  mit Forderungen zurechtkommen. Kleine Staaten waren zum Scheitern verurteilt. Die Wirtschaft verlangte einen sicheren inländischen Markt, der groß genug für die Entwicklung moderner Industrien ist. Neue Massenarmeen benötigten eine Basis, die stark genug war, um Soldaten zu versorgen und  moderne Waffen  zu bezahlen. Neue Ideologien  schufen neue Identitäten.

Die Bretagne und Korsika könnten nicht  unabhängig existieren. Sie müssten viel von ihrer getrennten Identität aufgeben müssen und sich dem großen und mächtigen französischen Staat anschließen, um zu überleben. Das Vereinigte Königreich, die Vereinigung der britischen Inseln unter einem schottischen König wurde zu einer Weltmacht. Andere folgten. Jeder nach seinem eigenen Tempo. Zionismus war ein später Versuch, dies nachzuahmen.

Der Prozess erreichte  Ende des 1.Weltkrieges seinen Höhepunkt, als Reiche wie das Ottomanische Kalifat und Österreich-Ungarn aus einander brachen. Kemal Atatürk, der das islamische Kalifat in einen türkischen Nationalstaat umwandelte, war vielleicht der letzte große Ideologe der nationalen Idee.

Aber zu dieser Zeit war diese Idee schon alt geworden. Die Realitäten, die sie geschaffen hat, änderten sich schnell. Wenn ich mich nicht irre, war es Gustave Le Bon, der französische Psychologe, der behauptete, dass vor hundert Jahren jede neue Idee, die von den Massen angenommen werde,  zu dieser  Zeit schon wieder überholt sei. Der Prozess verläuft folgendermaßen: Jemand hat eine neue Idee. Es braucht eine Generation, bis sie  von den Intellektuellen angenommen wird. Es ist eine weitere Generation nötig, damit die Intellektuellen die Massen lehren. Mit der Zeit bekommt sie Macht, doch die Umstände haben sich  schon wieder verändert, und eine neue Idee ist erforderlich.

Die Realitäten ändern sich viel schneller als der menschliche  Geist.

Nehmen wir den europäischen Nationalstaat. Als er seinen Endsieg nach dem  1.Weltkrieg erreichte, hatte sich die Welt schon wieder verändert. Die europäischen Armeen, die einander mit  Maschinengewehren niedermähten, standen jetzt Panzern und Kampfflugzeugen gegenüber. Die Wirtschaft verbreitete sich weltweit .Die Luftfahrt verkürzte  große Entfernungen. Die moderne Kommunikation machte aus der Welt ein „Weltdorf“.

1926 lud ein österreichischer Edelmann, Richard Coudenhove-Kalergy zu einem pan-europäischen Kongress ein. Während Adolf Hitler, ein hoffnungslos altmodischer Denker, versuchte, dem Kontinent den deutschen Nationalstaat aufzuzwingen, propagierte eine kleine Gruppe von Idealisten die Idee einer europäischen Union, die sich nach einem weiteren  fürchterlichen (2.) Weltkrieg verbreitete.

Diese Idee, jetzt noch in ihren Anfängen, wird allgemein akzeptiert, aber sie ist schon überholt. Die multinationale Wirtschaft, die sozialen Medien, der Kampf gegen tödliche Epidemien, die Bürgerkriege und Genozide, die Umweltgefahren bedrohen den ganzen Planeten – all dies macht eine Weltregierung dringend nötig – doch dies ist eine Idee, deren Verwirklichung noch sehr, sehr weit entfernt ist.

DIE ÜBERALTERUNG des Nationalstaates hat ein paradoxes Nebenprodukt geschaffen: den Aufbruch des Staates in immer kleinere Einheiten.

Während die Welt zu immer größeren politischen und wirtschaftlichen Einheiten tendiert, um Stärke zu gewinnen, fallen Nationalstaaten auseinander. In der ganzen Welt verlangen kleine Völker Unabhängigkeit.

Dies ist nicht so lächerlich, wie es aussieht. Der Nationalstaat entstand, weil die Realitäten Gesellschaften von wenigstens einer gewissen Größe und Stärke brauchten. Aber  jetzt  bewegen sich alle bedeutenden Funktionen der Staaten zu viel größeren Vereinigungen. Warum braucht Korsika da noch Frankreich? Warum die Basken Spanien? Warum  benötigt Quebec Kanada? Warum nicht in einem kleineren Staat leben mit Menschen wie du, der die gleiche natürliche Sprache spricht?

Die Tschechoslowakei ist friedlich auseinander gebrochen.  So auch Jugoslawien- allerdings nicht so friedlich. So geschah es mit Zypern, Serbien, dem Sudan – und natürlich der Sowjetunion.

(Nebenbei bemerkt, betrifft dies auch die Idee der sogenannten Ein-Staaten-Lösung für unser kleines (? Ü) Problem in Israel/Palästina. Während der letzten drei Generationen hat die Welt nicht ein einziges Beispiel von zwei verschiedenen Völkern gesehen, die freiwillig zusammen in einem Staat leben wollen.)

Das schottische Referendum ist  eines der Eröffnungsszenen dieser neuen Epoche. Die Befürworter der Unabhängigkeit versprachen, dass Schottland sich der europäischen Union und der NATO anschließen könnte und vielleicht auch den Euro adoptieren würde. Warum sollte Schottland in der britischen Zwangsjacke bleiben?  Schließlich beherrscht Britannien die Meere nicht mehr?

Die knappe Niederlage der schottischen Patrioten ändert nicht die Richtung der Entwicklung. Sie hält sie nur etwas auf.

NATIONALISMUS WAR eine europäische Idee.

Diese Idee streckte ihre Wurzeln nie  tief in die trocknen Felder der arabischen Welt. Selbst in den Hochzeiten des arabischen Nationalismus‘ war nie ganz klar, ob z.B. ein Damaszener sich selbst zuerst als Syrer oder als Muslim betrachtete, ob ein Beiruter sich zuerst als maronitischer Christ oder als Libanese ansah oder ob ein Kairoer sich zuerst als Ägypter, Araber oder als  Muslim fühlte.

Während des algerischen Unabhängigkeitskampfes beklagte sich einmal mir gegenüber ein zorniger Franzose vom politisch rechten Flügel: „ Bevor wir Nordafrika eroberten, war Algerien nie vereinigt! Wir schufen die algerische Nation!“ Er hatte ganz Recht, nur zog er die falschen Schlüsse. Genau dasselbe hörte ich viele Male von engagierten Zionisten über die palästinensische Nation.

Die modernen arabischen Nationen wurden von europäischen Kolonialherren erfunden. In letzter Zeit ist es Mode geworden, Mark Sykes und Georges Picot zu erwähnen, zwei mittelmäßige Bürokraten, der eine ein Engländer, der andere ein Franzose, die ein geheimes Abkommen zur Teilung des Ottomanischen Reiches beschlossen. Sie und ihre Nachfolger schufen die Staaten Syrien, den Irak, (Trans)Jordanien, Palästina etc.

Diese „Nationalstaaten“ waren  ausgesprochen künstlich. Die europäischen Planer hatten  gewöhnlich sehr wenige  Kenntnisse  der lokalen Umstände, Traditionen, Identitäten und der Kultur. Sie kümmerten sich auch nicht sehr darum. Der Irak mit seinen verschiedenen Komponenten wurde geschaffen,  britischen Interessen  zu dienen. Die seltsame östliche Grenze  des Jordan wurde für eine britische  Ölleitung von Mossul nach Haifa  gezogen. Der Libanon, als Heimat für die Christen gedacht, wurde angeschlossen und sollte auch  muslimisch sunnitische und schiitische Gebiete einschließen,  nur um es größer zu machen. Al-Sham (Syrien) wurde   Jordanien weg genommen, Palästina und der Libanon wurden zu Syrien.(Später verlor es auch Alexandria/Askenderun an die Türkei).

ALL DIESE imperialistischen Manipulationen widersprachen der muslimischen Geschichte und Tradition.

Jedes muslimische Kind lernt in der Schule von den großen muslimischen Reichen, die sich vom Norden Spaniens bis an die Grenze von Burma erstreckten, von den Toren Wiens bis  zum Süden von Jemen; es sollte dann einen Blick auf die Landkarte werfen, um dort die Mini-Länder wie Jordanien und den Libanon entdecken. Das ist demütigend.

Zuerst gab es Bemühungen, die Araber unter den Schirm des Nationalismus‘ zu vereinigen. Die Ba’ath-Partei  kämpfte (wenigstens theoretisch), um einen einzigen pan-arabischen Staat zu schaffen , und der Glaube wurde von dem Helden der Massen, dem ägyptischen Gamal Abd-al-Nasser, einem säkularen Militärdiktator, aufgenommen. Ein pan-arabischer Staat  hätte auch etwas mehr Gleichheit zwischen den reichen Ölstaaten wie Saudi-Arabien und den armen Ländern wie Ägypten  schaffen können. Nasserismus schuf eine neue Ideologie. Pan-arabischer Nationalismus wurde „Kaumi“, lokaler Patriotismus wurde „Wotani“ genannt. Die Gemeinschaft aller Muslime war die „Umma“.

(Dasselbe Wort „umma“ bedeutet im Hebräischen das Gegenteil: einer modernen Nation. Die Israelis  sind so verwirrt wie ihre Nachbarn. Wir müssen unsere Priorität wählen. Sind wir in erster Linie Juden, Hebräer oder Israelis? Was genau bedeutet „der Nationalstaat des jüdischen Volkes“, wie er von Benjamin Netanjahu propagiert wird?)

DIE RIESIGE Attraktion der  Bewegung, die sich jetzt „Islamischer Staat“ nennt,  ist es das, dass sie eine einfache Idee vorschlägt: weg mit all diesen verrückten Grenzen, die von westlichen Imperialisten für ihre eigenen Zwecke  gezogen wurden, und schaffen wir den klassischen  pan-muslimischen Staat: das Kalifat.

Dies scheint wie das Gegenteil des Aufbruchs der europäischen Staaten – aber es bedeutet dasselbe:  die totale Zurückweisung des Nationalstaates.

Als solches gehört er zur Vergangenheit und zur Zukunft.

Er  glorifiziert die Vergangenheit. Muhammed und seine  direkten Nachfolger („Kalif“ bedeutet Nachfolger)  sind als makellose Personen idealisiert worden, die Verkörperung aller Tugenden, die Besitzer göttlicher Weisheit.

Dies ist sehr weit von der historischen Wahrheit entfernt. Alle drei unmittelbaren Nachfolger des Propheten wurden ermordet. Wegen des Streites über die Nachfolge teilte sich der Islam in Sunniten und Schiiten und  blieb so bis zum heutigen Tag (und jetzt mehr denn je). Aber Mythen sind stärker als die Wahrheit.

Doch während sich diese an die Vergangenheit klammert, ist die Islamische Staatsbewegung (vorher ISIS, der islamische Staat des Irak und al-Sham) sehr modern. Mit einem Schlag reinigt sie den Tisch vom Nationalstaat und seinen Abkömmlingen. Sie hat eine klare und einfache Idee, die von Muslimen überall leicht verstanden wird.  Sie scheint weithin überzeugend zu sein.

DIE WESTLICHE Antwort ist  komischerweise  unangemessen.

Leute wie Barack Obama und John Kerry und ihre  entsprechenden Gegenstücke in ganz Europa sind fast unfähig, zu verstehen, worum es hier geht. Mit der traditionellen europäischen Verachtung für die „Eingeborenen“ sehen sie außer den köpfenden Terroristen nichts anderes. Sie scheinen wirklich zu glauben, eine revolutionäre neue Idee löschen zu können, indem sie mit arabischen Diktatoren und korrupten Politikern eine Koalition bilden, Rebellen bombardieren  und den Job beenden, indem sie lokale Kapitalisten beschäftigen.

Das ist ein lächerliches Missverständnis der neuen Realität. Bis jetzt hat  IS mit nur einer Handvoll fanatischer und grausamer Militanten riesige Gebiete erobert.

WAS IST die Antwort?

Offen gesagt: ich weiß es nicht. Aber der erste Schritt für den Westen als auch für die Israelis wäre, ihre Arroganz abzuwerfen und zu versuchen, das neue Phänomen, dem sie sich gegenüber sehen, zu verstehen.

Wir stehen nicht „Terroristen“ gegenüber – das magische Wort, das alle Probleme zu lösen scheint, ohne das Gehirn zu strapazieren. Sie stehen einem neuen Phänomen gegenüber.

Die Geschichte befindet sich im Prozess

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs. vom Verfasser  autorisiert)

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DL – Tagesticker 09.08.14

Erstellt von DL-Redaktion am 9. August 2014

Direkt eingeflogen mit unserem Hubschrappschrapp

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1.) Tränengas gegen NäherInnen

Protest bei Lidl-Lieferant. Streikende seit Monaten ohne Lohn. In Bangladesch hat die Polizei mit Tränengas und Knüppelangriffen mehrere Hundert NäherInnen aus einer Textilfabrik vertrieben.

TAZ

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2.) USA im Irak: Verzweiflungsakt statt

durchdachtes Konzept

Nach George Bush senior, Bill Clinton und George W. Bush ist Obama der vierte US-Präsident, der Luftschläge im Irak anordnen muss

Der Standard

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3.) Erschießung unbewaffneter

19-Jähriger war keine Notwehr

Der Fall sorgte für Wirbel in den USA: Eine 19-Jährige klopfte nach einem Autounfall an eine Haustür – und wurde erschossen. Der Täter plädierte auf Notwehr, doch das Gericht sah das anders.

Stern

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4.) Deutsche Bauern haben keine Angst vor Putin

Russland verbannt Lebensmittel aus dem Westen. Deutschen Bauern ist nicht bange, aber die Industrie fürchtet nun eine Sanktionsspirale.

FAZ

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5.) „Ich sollte kostengünstig entfernt werden“

JUSTIZ Erstmalig äußert sich Gustl Mollath vor Gericht. Zu den Vorwürfen, die ihn siebeneinhalb Jahre in die Psychiatrie brachten, sagt er wenig. Er geißelt die „Intrige“ gegen sich. Staatsanwalt sieht diese nicht

TAZ

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6.) Lieberknecht nennt Ramelow einen »Ideologen«

CDU-Ministerpräsidentin setzt im Wahlkampf auf Stasi-Vorwürfe gegen die Linkspartei / Thüringen wolle keine Experimente – Plädoyer für Schwarz-Rot

Neues Deutschland

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Der, Die, Das – Letzte vom Tag

7.) DIE ZERLEGTE ZAHL – 100 Millionen Dollar

Gut drei Monate dauerte der Schmiergeldprozess, und noch bevor die Schuldfrage geklärt war, verließ der Formel-1-Chef das Gericht als freier Mann. Am Dienstag dieser Woche wurde das Verfahren gegen Bernie Ecclestone eingestellt.

TAZ

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Hinweise nehmen wir gerne entgegen

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Die Wacht am Jordan

Erstellt von Gast-Autor am 20. Juli 2014

Die Wacht am Jordan

DIE ARABISCHE Welt ist im Aufruhr. Syrien und der Irak brechen aus einander. Der tausend Jahre alte Konflikt zwischen den muslimischen Sunniten und den muslimischen Schiiten erreicht einen neuen Höhepunkt. Ein historisches Drama entwickelt sich um uns herum.

 Und wie reagiert unsere Regierung darauf?

Benjamin Netanjahu sagt es in knappen Worten. „Wir müssen Israel am Jordan verteidigen, bevor sie Tel Aviv erreichen.“

Einfach, präzise und idiotisch.

ISRAEL VERTEIDIGEN gegen wen? Gegen ISIS natürlich.

ISIS ist der islamische Staat vom Irak und Sham  – eine neue Kraft in der arabischen Welt. Sham ist Groß-Syrien – der traditionelle arabische Name für das Gebiet, das die gegenwärtigen Länder Jordanien, Palästina und Israel umfasst. Zusammen mit dem Irak formt es das, was Historiker den „Fruchtbaren Halbmond“ nennen, die grüne Region rund um das  nördliche Ende der trostlosen arabischen Wüste.

Den größten Teil der Geschichte war der fruchtbare Halbmond ein Land, Teil der auf einander folgenden Reiche: der Assyrer, Babylonier , Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Ottomanen  und vieler anderer hielten sie vereint, bis zwei ausländische Herren Sir Mark Sykes und M. Francois Georges-Picot, sich daran machten, sie nach ihren eigenen imperialen Interessen zu teilen. Dies geschah während des 1. Weltkrieges, der nach einem Mord anfing, der letzte Woche vor 100 Jahren geschah.

Mit unglaublicher Missachtung  gegenüber den Völkern, ethnischen Ursprüngen und religiösen Identitäten schufen Sykes und Picot Nationalstaaten, wo keine Nationen  existieren. Sie und ihre Nachfolger, insbesondere  Gertrud Bell (???), T.E. Lawrence und Winston Churchill taten drei ganz verschiedene Gemeinschaften zusammen, schufen den „Irak“, indem sie einen ausländischen König aus Mecca importierten.

„Syrien“ wurde für Frankreich bestimmt. Ein kaiserlicher Kommissar nahm eine Landkarte,  einen Stift und zeichnete eine Grenze mitten durch die Wüste zwischen Damaskus und Bagdad. Die Franzosen  schnitten Syrien damals in verschiedene kleine Staaten für die Sunniten, Alawiten, die Drusen, Maroniten etc. Später schufen sie noch Groß-Libanon, wo sie ein System schufen, das die maronitischen Christen  über die verachteten Schiiten setzten.

Die Kurden, eine wirkliche Nation, wurden in vier Teile aufgeteilt, von denen jeder einem anderen Land angeschlossen wurde. In Palästina wurde inmitten einer feindseligen arabischen Bevölkerung eine zionistische „nationale Heimstätte“ geplant. Das Land jenseits des Jordan wurde abgetrennt, um ein Fürstentum für einen andern Emir von Mekka zu errichten.

Das ist die Welt, in der wir aufwuchsen und die nun ins Wanken gerät

WAS ISIS jetzt zu tun versucht, ist einfach, all diese Grenzen auszuwischen. In dem Prozess legen sie die  alte sunnitisch-schiitische Teilung bloß. Sie wollen ein vereinigtes sunnitisch-muslimisches Kalifat.

Sie stehen gegen riesige unbeugsame Interessen und werden wahrscheinlich versagen. Aber  sie säen etwas, das viel länger anhält: eine Idee, die sich in vielen Millionen Köpfen festsetzen könnte. Es mag in 25, 50 oder hundert Jahren in Erfüllung  gehen. Es könnte die Welle der Zukunft sein.

Was sollten wir tun, nachdem wir sehen, wie sich das Bild entwickelt?

Für mich ist die Antwort ganz klar: macht schnell Frieden, solange die arabische Welt ist, wie sie jetzt ist.

„Frieden“ meint nicht  nur Frieden mit dem palästinensischen Volk,  sondern mit der ganzen arabischen Welt. Die Arabische Friedensinitiative- die sich auf die Initiative des damaligen Saudi-Arabischen Kronprinzen gründete – liegt noch immer auf dem Tisch. Sie bietet vollen und bedingungslosen Frieden  mit dem Staat Israel an im Gegenzug für das Ende der Besatzung und die Schaffung eines unabhängigen Staates Palästina. Hamas stimmte offiziell darin überein, vorausgesetzt  es wird von einem palästinensischen  Volksentscheid ratifiziert.

Es wird nicht einfach sein. Eine Menge Hindernisse müssen überwunden werden. Aber es ist möglich. Und es wäre reiner Wahnsinn, wenn man dies nicht versucht.

JETZT!

DIE ANTWORT unserer Führung ist genau das Gegenteil.

Die historischen Ereignisse und deren Hintergrund interessiert sie, „ wie die Knoblauchschale“, wie man im Hebräischen sagt – also überhaupt nicht.

Ihr ganzes Interesse ist auf die Bemühung konzentriert, die Westbank zu halten, was heißt, die Errichtung eines palästinensischen Staates zu verhindern, was heißt, Frieden zu verhindern.

Der sicherste Weg, dies zu tun, ist das Jordantal zu halten. Kein palästinensischer Unterhändler wird je mit dem Verlust des Jordantales  einverstanden sein – weder durch direkte Annexion durch Israel noch durch eine „vorübergehende“ Stationierung von israelischen  Soldaten im Tal auf unbestimmte Zeit.

Dies würde nicht nur den Verlust von 25% der Westbank bedeuten( die insgesamt 22% des historischen Palästina darstellt)  und sein fruchtbarster Teil, sondern auch  das Abgeschnittensein des zukünftigen palästinensischen Staates vom Rest der Welt. Der Staat Palästina würde eine Enklave innerhalb Israels werden, von allen Seiten von israelischem Gebiet umgeben. So wie seinerzeit die südafrikanischen Bantustans.

Als Ehud Barak dies bei der Camp David-Konferenz vorschlug, brachen die Verhandlungen ab. Die meisten Palästinenser  könnten mit der vorübergehenden Stationierung  von UN oder amerikanischen Soldaten   dort einverstanden sein.

In der vergangenen Woche  tauchte plötzlich die Jordantal-Forderung wieder auf. Die Vorstellung war einfach. ISIS  stürmt  von seiner syrisch-irakischen Basis nach Süden. Es will den ganzen Irak überrennen. Von dort will es in Jordanien einfallen und auf der andern Seite des Jordan erscheinen.

Netanjahu sagte:„Wenn sie dort nicht von der permanenten israelischen Garnison aufgehalten werden, werden sie an den Toren Tel Avivs erscheinen (nur dass Tel Aviv keine Tore hat).

Logisch? Selbstverständlich?  Unvermeidlich?  Glatter Unsinn!

Falls  ISIS in die Nähe käme so ist es eine unbedeutende Militärkraft. Es hat keine Luftwaffe, Panzer oder Artillerie.  Der Iran und die US sind  gegen es. Verglichen mit ihnen ist sogar die irakische Armee noch eine starke Kraft. Als nächstes ist  auch die jordanische Armee weit entfernt von einem Kinderspiel.

Falls außerdem ISIS in die Nähe käme und das jordanische Königreich bedrohte, würde die israelische Armee nicht am Jordanfluss warten.  Sie würde von den Jordaniern  aufgefordert werden, zur Rettung zu kommen – wie es während des Schwarzen Septembers 1970 geschah, als Golda Meir ( auf Befehl  Henry Kissingers) warnte, einer sich nähernden syrischen Armee-Kolonne zuvorzukommen und in Israel einzufallen.Das war genug.

Allein die Idee, dass israelische Soldaten die Schanzen im Jordantal besetzen, um Israel vor ISIS  (oder anderen) zu verteidigen, ist reine Idiotie. Sogar idiotischer als die berühmte Bar Lev-Linie, die dafür gedacht war, die Ägypter entlang des Suez-Kanals 1973  aufzuhalten. Sie fiel innerhalb Stunden.  Doch die Bar-Lev-„Linie“ – die an die sinnlose französische Maginot-Linie und die sinnlose deutsche Siegfried-Linie des 2. Weltkrieges  erinnerte – war weit vom Zentrum Israels entfernt.

Die israelische Armee hat Raketen, Drohnen und andere Waffen, die einen Feind auf seinem Weg lang, lang bevor er den Jordan erreicht, anhalten kann.  Die Masse der israelischen Armee könnte sich innerhalb weniger Stunden von der Meeresküste  zum Fluss bewegen und ihn überqueren.

Die Art und Weise des Denkens zeigt, dass unsere  Politiker vom rechten Flügel – wie die meisten ihrer Überzeugung in aller Welt  scheinbar noch im 19. Jahrhundert leben, wie ich vermute.  Wenn ich  weniger großzügig  wäre, würde ich sogar Mittelalter sagen. Sie könnten noch mit Pfeil und Bogen ausgerüstet sein.

(Die ganze Art zu denken, erinnert mich irgendwie an ein Militärlied des 19.Jahrhunderts: „Die Wacht am Rhein: Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein/ Wer will des Stromes Hüter sein/ lieb Vaterland magst ruhig sein/fest steht und treu die Wacht am Rhein./Der deutsche Jüngling, fromm und stark,/  beschützt die deutsche Landesmark“.)

ZURÜCK ZUR Zukunft.

Die Kreuzfahrer errichteten ihr Königreich in Palästina, als die arabische Welt zerrissen war. Ihr großer Gegner, der Kurde Saladin (Salah al-Din al Ajubi) widmete Jahrzehnte, um die arabische Welt rund herum zu einigen, bevor er sie bei der Schlacht bei den Hörnern von Hittin bezwungen hatte.

Heute scheint die arabische Welt noch zerrissener als jemals. Aber eine neue arabische Welt nimmt Gestalt an; seine Konturen können schon  schwach erkannt werden.

Unser Platz ist mitten in der neuen Realität, nicht außerhalb zum Zuschauen.

Leider ist unsere Führung  völlig unfähig, dies zu sehen. Sie leben noch in der Welt von Sykes und Picot, einer Welt ausländischer Potentaten (jetzt die Amerikaner). Für sie ist das Chaos rund um uns –  nun, nur ein Chaos. Der Gründer des modernen Zionismus schrieb vor 118 Jahren, wir sollten in Palästina als Pioniere der europäischen Kultur dienen und einen „Wall gegen die  asiatische Barbarei sein.“

Unsere Führer leben noch in dieser eingebildeten Realität, anders formuliert: „ wie in einer Villa im Dschungel“

Was also tun, wenn die großen Raubtiere des Dschungels sich uns nähern und brüllen? Natürlich höhere Mauern bauen.  Was sonst?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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DL – Tagesticker 13.06.14

Erstellt von DL-Redaktion am 13. Juni 2014

Direkt eingeflogen mit unserem Hubschrappschrapp

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Ausbeutung:

1.) SPD beschäftigt Praktikanten für 80 Euro in der Woche

Arbeitsministerin Andrea Nahles will mit der Ausbeutung von Praktikanten aufräumen. Da kann sie am besten im eignen Haus beginnen: Praktikanten im Dienst der SPD können nicht immer auf eine ordentliche Bezahlung hoffen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten

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2.) Zwischen Gottesstaat und Bürgerkrieg

KRIEG Die Erfolge der radikalislamischen Isis im Irak erklären sich nur mit der Marginalisierung der Sunniten. Denn offenbar erhält Isis von geschassten ehemaligen Armeeoffizieren Saddam Husseins Unterstützung

TAZ

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3.) Die Linke, der Tierschutz und ein Holocaust-Vergleich

Mit dem Slogan „Für Tiere ist jeden Tag Dachau“ protestierte Stefan Bernhard Eck 2006 vor der KZ-Gedenkstätte. Jetzt schloss sich der Chef der Tierschutzpartei der Linksfraktion im Europaparlament an. Das wirft Fragen auf.

Der Tagesspiegel

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4.) Waffenlieferungen für 5,8 Milliarden Euro

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat im vergangenen Jahr ihrer Amtszeit die deutschen Rüstungsexporte in Länder außerhalb von EU und Nato auf eine Rekordhöhe gesteigert. Empfänger sind oftmals Staaten, die bei den Menschenrechten durchaus noch Luft nach oben haben.

Der Tagesspiegel

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5.) Linke: Bundesregierung trägt Mitschuld

Die Linkspartei gibt der deutschen Bundesregierung eine Mitschuld an den jüngsten Gewaltausbrüchen im Irak. Für Philipp Mißfelder von der CDU sind hingegen die Amerikaner verantwortlich.

FAZ

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6.) „Hintenrum wird mit Terror-Unterstützern kooperiert“

Der außenpolitische Sprecher der Linken, Jan van Aken, wirft der Bundesregierung eine falsche Außenpolitik im Irak vor. Deutschland kooperiere mit Ländern wie Saudi-Arabien und Katar, die die islamistische Terrorgruppe ISIS im Irak unterstützten, sagte van Aken im Deutschlandfunk. Berlin müsse sofort handeln.

Deutschlandfunk

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Der, Die, Das – Letzte vom Tag

Kacke statt Waffe

Unter Leitung der Kriegsministerin

7.) CDU-Abgeordnete fordert speziellen Eltern-Führerschein

Wer dem Eltern-Dasein nicht gewachsen ist und seine Kinder vernachlässigt, soll in Zukunft eine Art Eltern-Führerschein machen. Das zumindest fordert  die CDU-Abgeordnete Christina Schwarzer zur Vorbeugung von Vernachlässigung.

FOCUS

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Söldnertruppen der USA

Erstellt von DL-Redaktion am 30. Mai 2012

Wie Ertrinkende, die sich an ein Krokodil klammern

Ein Bericht über die Söldnertruppen welche von den USA als Ausgleich für den Abzug der eigenen Truppen heute in den Irak geschickt werden. Wir sollten uns darauf einstellen in einigen Jahren gleiches auch hier zu erleben. Gerade in den letzten Tagen wurde wieder einmal gemeldet, dass sich zu wenige Freiwillige bei der Bundeswehr melden. So ist damit zu rechnen das auch unser Land in einigen Jahren Söldnertruppen ins Gefecht schicken wird. Vielleicht wird dann den besonders Verdienten als Belohnung die Deutsche Staatsbürgerschaft angeboten.

Im Auftrag des Pentagon heuerten private Sicherheitsfirmen in Uganda und anderen armen Ländern des Südens Personal für die US-Stützpunkte im Irak und in Afghanistan an

Seit Ende 2011 ist Bernard zurück in Uganda. „Als mir klar wurde, dass ich gerade dabei war, den größten Fehler meines Lebens zu machen, war es schon zu spät. Ich hatte mich für ein Jahr verpflichtet. Das musste ich nun auch durchziehen“, erzählt der junge Mann, der im Irak bei einer US-Sicherheitsfirma angestellt war. Als er im vergangenen Sommer gesundheitliche Probleme bekam, wurde er entlassen. Das vertraglich zugesicherte Krankengeld hat er bis heute nicht bekommen.

Bernard ist kein Einzelfall. Wie ihm ist es vielen „Staatsangehörigen aus Drittländern“ (Third Country Nationals, TCN) ergangen, die im Irak oder in Afghanistan krank oder verwundet wurden. Sie wurden, nachdem man sie zuvor ausgebeutet und schlecht behandelt hatte, ohne jegliche Unterstützung einfach wieder nach Hause geschickt.

Seit 2003 sind 120 Milliarden Dollar aus dem US-Verteidigungshaushalt in die Kassen privater Subunternehmen geflossen. Diese bezahlten ihren weißen Angestellten – US-Amerikaner, Israelis, Briten, Franzosen oder Serben – Monatslöhne von über 10000 Dollar, während Beschäftigte aus Südasien und Afrika oft mit falschen Versprechen in den Irak oder nach Afghanistan gelockt und statt der angekündigten 1500 oder 3800 mit nur 350 bis 700 Dollar im Monat abgespeist wurden.

Als Washington im Juni 2008 mit dem Truppenabzug aus dem Irak begann, standen den 153300 regulären Soldaten 70167 TCN-Söldner zur Seite. Ende 2010 hatte sich das Zahlenverhältnis deutlich verändert: Auf 47305 US-Amerikaner kamen jetzt 40776 Staatsangehörige aus Drittländern. Die Männer, und auch Frauen, hatten Subunternehmen des Pentagons in den ärmsten Ländern der Welt angeheuert. Über die Hälfte von ihnen arbeitete in den 25 Stützpunkten im Irak als Köche, Reinigungskräfte, Hausmeister, Elektriker oder Friseurinnen. Sie standen in Fast-Food-Ketten wie Pizza Hut am Tresen oder boten in Schönheitssalons kosmetische Behandlungen an.

Quelle: Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

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Grafikquelle   :    Patrouille der U.S. Army im Bagdader Stadtbezirk Karrada (2008)

 

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Schwule im Irak

Erstellt von DL-Redaktion am 15. August 2010

Umarmen ist erlaubt.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/18/UK_GLF_40th_anniversary_reunion.JPG/1280px-UK_GLF_40th_anniversary_reunion.JPG

„Homosexuelle aus dem Irak laufen hier immerhin nicht Gefahr, von einer islamistischen Miliz gefoltert und abgeschlachtet zu werden – für den Gesamtirak hat Amnesty international seit dem Jahr 2005 fünfhundert solche Fälle dokumentiert. Ein Pogrom auf Raten.“ Das ist die Situation in der Millionenstadt Erbil. Ein Interessanter Bericht über die Zeit nach Hussein. IE

IRAK Von der Welt unbemerkt, werden im Irak hunderte Schwule ermordet. Ein Pogrom auf Raten. Überleben kann nur, wer unsichtbar bleibt. Ein Abend unter Männern in Erbil.

Als Schwuler im Irak hat John ernste Probleme, als Vater hat er auch alltägliche: „Wenn in Erbil mal wieder der Strom ausfällt, fällt auch die Klimaanlage aus, neulich habe ich meinem Kind die halbe Nacht Luft zugefächelt, damit es schlafen kann“, erzählt er. „John the XXL“ möchte er genannt werden. Das XXL ist ein schwuler Club in London, wo er, der Exilkurde, seit seinem 15. Lebensjahr gewohnt hat. Nach dem Einmarsch der Amerikaner ist er in den Irak zurückgekehrt, um in Erbil als Lehrer zu arbeiten. Er ist verheiratet – so wie fast alle Schwulen im Irak, die das 30. Lebensjahr überschritten haben, hat zwei Kinder. John, 34 und Christ, ist einer der vielen Kurden, die in den letzten Jahren aus Westeuropa zurückgekehrt sind in die sichere, boomende Region. „Hallo, wie geht’s?“ in hessischem Tonfall zu hören ist in Erbil keine Seltenheit.

Es ist noch immer über 40 Grad heiß, doch die große Brunnenanlage spendet am Abend ein wenig Kühle. Im Sprühnebel der Sonne, die schon bald abrupt untergehen wird, schimmern fast unmerklich die Farben des Regenbogens. Auf dem Platz um den Brunnen sind nun kaum mehr jene Frauen zu sehen, die noch bis vor Kurzem verhüllt rund um die mächtige Zitadelle, die das Stadtbild von Erbil beherrscht, zum Einkaufen unterwegs waren. Der öffentliche Raum, der neue Brunnenplatz, gehört nun den Männern allein. Sie promenieren, zum Teil Hand in Hand, die Arme einander um die Hüfte geschlungen. Sie trinken Tee und rauchen Wasserpfeife, reden über Politik und über die wie irre schwankenden Preise für Importtomaten.

Quelle : TAZ >>>>> weiterlesen

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