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Schlachtfeld Irak

Erstellt von Gast-Autor am 8. September 2015

Titanic im Mittelmeer für alle

Boat People at Sicily in the Mediterranean Sea.jpg

Autor: U. Gellermann
Datum: 07. September 2015
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Buchtitel: Der Verrückte vom Freiheitsplatz und andere Geschichten über den Irak
Buchautor: Hassan Blasim
Verlag: Antje Kunstmann

Schlachtfeld heißen die Felder, Straßen und Plätze, auf denen Menschen geschlachtet werden. Allerlei Sorten des Metzgerns hat Hassan Blasim in seinen Geschichten über den Irak aufgeschrieben. Auch die vom verlorenen Kopf einer Mutter, verloren auf der Flucht aus dem Irak in ein Europa, aus dem Krieger und Kriege in den Irak kamen: „Es fehlte einzig der Kopf, der einst seinen Kopf berührte und sich zärtlich über ihn geneigt hatte.“ Fast vier Millionen Iraker irren durch das eigene Land. Auf der Suche nach Sicherheit, nach Schutz vor gewaltsamem Tod. Und Blasim ist ihr Chronist. Selbst vor dem nun mehr als 30 Jahre andauernden irakischen Krieg geflohen, lebt er nun in Finnland und schreibt sich die Seele aus dem Leib.

Die irakischen Kriege der Neuzeit – begonnen mit dem Iran-Irak-Krieg von 1980, waren immer auch Kriege der USA, von den Vereinigten Staaten gewünscht oder provoziert oder begonnen – dauern an. Und sie finden auch im Exil kein Ende: In einem Aufnahmezentrum für Flüchtlinge treffen junge Sudanesen auf eine Gruppe von Irakern, die den Sturz Saddam Husseins feiern: „Die Amisoldaten werden Eure Frauen vögeln,“ sagen die Sudanesen, „Warum freut ihr Euch darüber?“ Und schon beginnt die Prügelei. Wie eine Fortsetzung der Kämpfe im eigenen Land. – Irgendwo auf einer Flucht merkt der Autor an, dass „die kollektive Ertrinkerei“ im Mittelmeer, „einen ausgesprochen unterhaltenden Filmeffekt bietet, so etwas wie eine neue Titanic für alle.“ Und wenn in diesen Tagen ein ertrunkener Junge am Strand vor Bodrum scheinbar die Welt bewegt und sogar den britischen Ministerpräsidenten zu einer arglistigen Vortäuschung von Menschlichkeit bringt, dann findet man am Bild von der Titanic fast Gefallen. Und auch an diesem drastischen Sarkasmus: „Und jetzt auch noch dies: 800 Afrikanische Kadaver pro Woche! Das sind, selbst bei durchschnittlich 65 unterernährten Kilogramm, immerhin 52 Tonnen Menschenfleisch pro Woche. Kein Wunder, dass der Blauflossenthun triumphiert und die Dorade sich fühlt wie die Made im Speck.“ So ätzt es der Bundesrichter Thomas Fischer auf die Seiten der ZEIT.

Auf einer der vielen Fluchten und Reisen, von diesem Lager zu jener Asyl-Station, lässt uns der Autor auf den Mann mit der dicken, fetten, weißen Ratte treffen. Noch während der Leser glauben mag, ein Zitat des muslimische Mystikers Rumi über die Wahrheit, die ein großer Spiegel war und vom Himmel fiel, führe zu Erkenntnissen, führt die Spur des Schriftstellers nur in eine absurdes Nichts, zur Ratte als einem Symbol für den Tod, der im Rattengift seine chemische Vollendung findet. In der Tradition orientalischer Märchen findet der Autor seine Form, und bei Kafka findet er die surrealen Bilder einer Wirklichkeit, deren Realität angesichts des Entsetzens über Krieg und Flucht fassbar geworden ist, als seien sie nicht geschrieben, nur noch beschrieben.

Im Irak wandern 3,6 Millionen Binnenvertriebene durch ein gefährliches, zerstörtes Land. Ungefähr dort wo heute Deutschland liegt, wütete vor mehr als 300 Jahren der 30jährige Krieg. Jahrzehnte brauchte das zerschundene, zerfetzte, vergewaltigte Land zur Erholung. Wie lange der Irak brauchen wird, oder Afghanistan, Libyen, Syrien, dass wissen wir nicht. Gewiss ist, dass die Erholung erst mit dem Ende des Krieges begann und beginnt.


Grafikquelle :   Ringrazio per la foto Matteo Penna.

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