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Gut gemeint Wohnungsbau

Erstellt von DL-Redaktion am 11. Juni 2015

Teures Lehrstück in bester Parklage

AUS BERLIN ANTJE LANG-LENDORFF

Interessenten für das Berliner Modellprojekt Möckernkiez fanden sich schnell. Die Hoffnungen und Ansprüche waren enorm. Nun brauchen die Beteiligten ganz dringend einen Geldgeber, sonst droht die Pleite. „Wieso haben die Banken so viel Macht?“, fragt eine Genossin

Eine Ökoidylle mitten in der Stadt: Die Kinder flitzen zwischen den sechsstöckigen Passivbauten herum. Sie können sich hier allein bewegen, das Viertel ist autofrei. Derweil kaufen die Eltern im Biosupermarkt für das Abendessen ein. Auf dem Platz spielen Ältere Karten – man kennt sich, man hilft sich, alle hier sind Genossen. Die Birken im angrenzenden Gleisdreieckpark wiegen sich im Wind. Nur das Quietschen der U-Bahn, die ein paar hundert Meter weiter über die Hochbrücke fährt, erinnert an die Großstadt drum herum.

 So sollte es längst sein, das Leben im Modellprojekt Möckernkiez an der Grenze zwischen Berlin-Kreuzberg und -Schöneberg. Stattdessen: Baustopp. Stillstand. Drohende Insolvenz. Bislang ragen neben den Birken nur vier trostlose Rohbauten in die Höhe. In den kommenden Monaten muss das Projekt einen Geldgeber finden, sonst ist die Genossenschaft pleite.

Ein Scheitern des Möckernkiez wäre ein kleines Drama – nicht nur für die betroffenen Mitglieder, die ihre Ersparnisse investiert haben. Der Möckernkiez ist das größte Neubauvorhaben einer Genossenschaft in Berlin. Sein Ende wäre auch ein trauriges gesellschaftliches Signal: Bauen in dieser Größenordnung, mit diesen Ansprüchen, das geht offenbar nur mit privaten Investoren, zu hohen Preisen. Und nur, wenn einige wenige dabei Profit machen können.

Oder liegt es doch an dieser einen Genossenschaft, dass sie in solchen Schwierigkeiten steckt?

2007 hatten Leute aus der Nachbarschaft die Idee, auf dem Grundstück selbst etwas zu bauen. „Anonyme Investoren oder wir?“ lautete die Parole, mit der die Initiative um Mitstreiter warb. Ein buntes Gemisch von sozial-ökologisch bewegten Interessenten, darunter viele Akademiker, kam bald zusammen. Sie trafen sich Woche für Woche, entwickelten Ideen für das Zusammenleben und gründeten die Genossenschaft.

240 Mitglieder legten im Jahr 2010 ihr Geld zusammen, ohne zu wissen, was für Wohnungen sie am Ende bekommen würden. Sie brachten 8 Millionen Euro auf und kauften gemeinsam das 30.000 Quadratmeter große Baugelände am Park.

Heute meiden manche Genossen die Grünanlage lieber, zu unangenehm berührt sie der Anblick der Rohbauten. Nicht so Petra Seitz*. „Ist doch viel zu schön hier“, sagt sie. Die 50-jährige Pädagogin wohnt in einem Altbau um die Ecke, beim Möckernkiez war sie fast von Beginn an dabei. „Das Gemeinschaftliche, nicht an Eigentum Orientierte an dem Projekt fand ich total gut“, erzählt sie. Auch die geplante Barrierefreiheit habe sie überzeugt. „Ich möchte schließlich hier wohnen bleiben, auch wenn ich älter bin und die Treppen nicht mehr laufen kann.“

In langen Diskussionen entwickelten die Genossen ein Konzept: In 17 Häusern sollen insgesamt 464 Wohnungen entstehen, ein „selbstverwaltetes, Generationen verbindendes, barrierefreies, ökologisch nachhaltiges und sozial integratives Wohnquartier für breite Bevölkerungsschichten“, heißt es auf der Homepage.

Die ersten gemeinschaftlichen Aktionen starteten lange vor dem Bau: Ein Chor wurde gegründet, eine Runde zum Kartenspielen, man beteiligte sich an einem Straßenfest. „Es sind viele Freundschaften entstanden“, erzählt Seitz.

Das Vertrauen in die Genossenschaft war riesig, der Optimismus ungebremst.

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Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Lienhard Schulz

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