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Tatort Fan-Kurve

Erstellt von Gast-Autor am 6. Dezember 2013

Die Massenbasis des NSU

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 05. Dezember 2013
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Buchtitel: Tatort Fankurve
Buchautor: Klaus Blume
Verlag: Rotbuch

Folgte man dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der dem Fußballspielen eine Funktion der Aggressionsabfuhr attestierte, müsste die wöchentliche Randale rund um die Bundesliga eigentlich schwächer geworden sein: Die Deutschen sind seit langem wieder an richtigen Kriegen beteiligt, könnten sich also prima in Afghanistan austoben, statt sich dem Ersatzkrieg in den Stadien zu widmen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Zahl der gewaltsamen Krawalle ist in den letzten Jahre angewachsen und sie haben sich, wie der Autor Klaus Blume in seinem Buch „Tatort Fussballkurve“ belegt, politisiert: „Inzwischen hat sich der Fußball . . . zu der Bühne für Neonazis entwickelt“, schreibt Blume und belegt das mit Zahlen der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS)“, die bei „mindestens 16 Clubs in den drei deutschen Profi-Ligen Überschneidungen zwischen gewaltbereiten Fans und der rechten Neonazi-Szene gibt.“

Blume zieht eine lange Linie einer von Nazis organisierten Politisierung der Fußballfanszene. Hatte doch schon in den 1980er Jahren der Bonner Fascho-Vordenker Michael Kühnen ein Strategiepapier vorgelegt, in dem gefordert wurde, die Fußballfans „als gewalttätiges Potential für uns einsetzen zu können.“ Und wer die Hitlergrüße vieler Fans bei den wöchentlichen Stadien-Inszenierungen sieht, wer sie „Schiri nach Ausschwitz“ skandieren hört und die Vielfalt der offenen und verdeckten Nazi-Symbole in den Fankurven wahrnimmt, der weiß um den späten Erfolg Kühnens, der weiß um die Gefahr, die aus der organisierten rechten Gewalt droht.

Als eines der herausragenden Beispiele der brutalen Auseinandersetzung mit dem staatlichen Gewaltmonopol, darf der Straßenkrieg gelten, den die rechten Hooligans nach dem Wiederaufstieg des Vereins „Eintracht Braunschweig“ lostraten. Stundenlang beherrschten sie am Pfingstmontag 2013 die Braunschweiger Innenstadt, versuchten sie in Schutt und Asche zu legen und schlugen massive Polizeiformationen immer wieder zurück. Dass der Bundesvorsitzenden der NPD, Holger Apfel aus Hildesheim, ein Fan der Braunschweiger Mannschaft ist, war bekannt. Aber Apfel, der relativ unbehelligt im sächsischen Landtag sitzt, wird mit einem Stadionverbot in Braunschweig bedacht. Ein Konzept der formierten Bekämpfung rechte Gewalt im Sport ist bisher nicht auszumachen. Eher ein Tiefhängen der Gefahr.

Während in der offiziellen Bundesrepublik eine quasi-religiöse Gedenkkultur zelebriert wird – – Denkmäler, Stolpersteine, Feiertagsreden – – braut sich rund um die Fußballvereine eine unerträglich braune Suppe zusammen, die längst internationalisiert wird: Bei Lazio Rom wird an den Wochenenden Mussolini verherrlicht, bei Feyenoord Rotterdam grölt man antisemitische Gesänge, in Madrid gibt es, so notiert der Autor und schätzen die Sicherheitsbehörden, 11.000 Fußballfans in rechtsextremen Organisationen. Klaus Blume bleibt nicht im Stadion stehen: Er erinnert an die vielen Franco-Sympathisanten in spanischen Behörden und Medien, ebenso wie an den Aufschwung rechter Bewegungen in Skandinavien, Frankreich oder Holland.

Das faktenreiche Buch endet mit einem Interview des ehemaligen DFB-Chefs Theo Zwanziger, der immerhin bekennt, dass „der Fußball den Rechtsradikalismus nicht ernst genug“ nimmt. Ob Zwanziger, eine klassische Funktionärsfigur aus der Republik der Verharmloser und Kleinredner, dazu taugt, die Schlussapotheose des Buches zu formulieren, darf bezweifelt werden. Zumal er von einem „Balanceakt“ spricht, wenn es um die Erfassung der rechten Ultras geht. Sicher bleibt, dass die rechten „Fans“ die These von den Nazi-Minderheiten widerlegen. Der NSU hat eine erkennbare Massenbasis.

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Fotoquelle: Wikipedian – Author belgraded.com from Serbia

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