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Dr. Stasi

Erstellt von DL-Redaktion am 14. August 2014

Doktortitel gegen Gesinnung

Den Doktortitel abgeben? Warum? Klaus Wagenberg empfände das als Diskriminierung. Zwei Jahre habe er dafür an der Stasi-Hochschule Potsdam gebüffelt. Seine Exkollegen sehen das genauso

 AUS BERLIN HAIKO PRENGEL

Für einen, der von der Gesellschaft geächtet wird, residiert Dr. Klaus Wagenberg* recht prominent in Berlin-Mitte. Der Name des Rechtsanwalts prangt auf einem goldfarbenen Schild, spezialisiert in Straf-, Familien- und Ausländerrecht. In der Kanzlei nehmen die Mandanten auf bequemen Ledermöbeln Platz. Auf dem Glastisch steht eine Schale mit Eiskonfekt.

Klaus Wagenberg trägt einen feinen dunklen Anzug, er ist ein viel beschäftigter Anwalt. Früher war sein Fachgebiet ein anderes: das stundenlange Verhören von Menschen. Der 67-Jährige arbeitete zu DDR-Zeiten für die Untersuchungsabteilung der Stasi, und das mit großem Eifer: Wagenberg war nicht nur hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Der Major war auch so begabt, dass er an der Juristischen Hochschule des MfS in Potsdam-Golm einen Doktortitel erwarb. Das war damals nur den treuesten Anhängern des SED-Regimes vorbehalten. Wer im Machtapparat der Diktatur aufsteigen wollte, für den war der Doktortitel ein Karrierebeschleuniger

Wagenberg, ein Mann mit Fastglatze und bulliger Statur, promovierte im Sommer 1989 mit einer Dissertation zur „Öffentlichkeitsarbeit“ des MfS. Der Jurist erhielt die Note „magna cum laude“. Ein paar Monate später fiel die Mauer, und die DDR-Diktatur brach zusammen. Dass Hunderttausende auf die Straße gingen und gegen das Regime protestierten, „damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet“, sagt Wagenberg im Rückblick.

Zersetzung von innen

Man sei auf einen Angriff von außen vorbereitet gewesen und „nicht darauf, dass die Zersetzung von innen kommt“. Mit dem Ende der DDR war auch Klaus Wagenbergs Karriere bei der Stasi vorbei. Seinen von ihr verliehenen akademischen Titel aber konnte er behalten – und er führt ihn bis heute.

Damit soll nun Schluss sein. 25 Jahre nach dem Mauerfall sollen die von der Stasi-Hochschule verliehenen Doktortitel überprüft werden. Das fordert die Fraktion von Bündnis90/Grüne im Brandenburger Landtag, die die Debatte initiiert hat. Mehr als 400 Dissertationen früherer Stasi-Funktionäre will die Partei untersuchen lassen und hat sich an die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen gewandt. Die damals als geheim eingestuften Dissertationen genügten in „keinster Weise“ den wissenschaftlichen und moralischen Ansprüchen, wettert Grünen-Fraktionschef Axel Vogel. Seiner Meinung nach müssten die Doktortitel aberkannt werden. Nur gebe es dafür bislang kein Verfahren.

Die Juristische Hochschule in Potsdam-Golm war die Kaderschmiede des Ministeriums für Staatssicherheit und seine zentrale Forschungsstätte. Die meisten Doktoranden waren Offiziere des MfS und andere altgediente Mitarbeiter. Externe durften hier nur in Ausnahmefällen studieren. Auch viele Diplome wurden vergeben, insgesamt verzeichnete die Hochschule laut Stasi-Unterlagen-Behörde über 3.000 Absolventen.

Ehrendoktor für Günter Guillaume

Darunter befand sich viel DDR-Prominenz: So promovierten in Potsdam-Golm auch Gerhard Neiber und Wolfgang Schwanitz, die Stellvertreter von Stasi-Chef Erich Mielke, sowie der DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski. Dieser beschäftigte sich mit der „Bekämpfung der imperialistischen Störtätigkeit auf dem Gebiet des Außenhandels“. Andere befassten sich mit „sozialistischer Menschenführung“ oder den besten Methoden des Verhörs von Dissidenten. Günter Guillaume, Spion im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt, erhielt 1985 in Golm die Ehrendoktorwürde.

Guillaume ist seit fast zwanzig Jahren tot. Doch die noch lebenden promovierten MfS-Funktionären tragen bis heute ihren Doktortitel. Die meisten „Doktoren der Tschekistik“ leben heute in und um Berlin. So arbeitet ein ehemaliger MfS-Hauptmann als Versicherungsmakler in Ostberlin, ein anderer Dr. jur. ist im Havelland als Berater und Coach tätig. Ein Exoberleutnant, der 1987 mit einer Arbeit über den „Beitrag des MfS zur Verwirklichung der sozialistischen Friedensstrategie“ promovierte, hat sich einen Namen als Mietrechtsexperte gemacht. Auch er trägt den Titel Dr. jur.

Die Grünen im Brandenburger Landtag monieren die Art und Weise, in der die Dissertationen an der Stasi-Hochschule zustande kamen. Ein Großteil wurde in Teamarbeit erstellt. Manche Werke seien nur wenige Seiten lang gewesen. „Das entspricht vielleicht Abiturniveau, berechtigt aber nicht zum Tragen eines Doktortitels“, kritisiert Fraktionschef Vogel.

Doktortitel gegen Gesinnung

 

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Grafikquelle   :   Wappen des MfS

 

 

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