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Die Linke und ihre Grenzen

Erstellt von DL-Redaktion am 27. Dezember 2015

Die Linke und ihre Grenzen

von Roger Behrens

Von Marx bis M.I.A. Eine pop-philoso­phische Geschichte der linken Utopie von der Abschaffung nationaler Grenzen.

»Die Arbeiter haben kein Vaterland«, heißt es im »Manifest der kommunistischen Partei«; die einzige Grenze, die das Proletariat zunächst akzeptiert, ist die Grenze zum Klassenfeind, die unterscheidet, wer über Produktionsmittel verfügt und wer nichts weiter hat als seine Arbeitskraft. Und diese Grenze gilt es durch die Revolution zu beseitigen, denn sie steht aller menschlichen Freiheit im Weg, ja dem Menschen überhaupt. So skizziert es die emanzipatorische Theorie und Praxis im 19. Jahrhundert, wo immerhin noch galt: Die nationalen Grenzen sind zum Überschreiten da, die Arbeiterklasse kämpft international – »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Erst wenn das passiert ist, wird der Blick frei für das, was wirklich hinter dem Horizont liegt. Das Reich der Freiheit liegt jenseits des Reichs der Notwendigkeit. Insofern ist der diesen Horizont und überdies sowieso alle territorialen Grenzen überschreitende Kommunismus als »Grenzbegriff« konzipiert, nämlich als Idee, die Erkenntnisse zwar umgrenzt und dennoch zugleich auf etwas hinter der Grenze Liegendes verweist.

Das war die unbegrenzte, undefinierte Utopie des 19. Jahrhunderts: Grenzen gab es damals nur als Front, als Standpunkt ganz vorne in der Geschichte oder wenigstens auf der Barrikade. Alles sollte in Auflösung begriffen sein, die bürgerliche Gesellschaft selbst machte das: »Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.« Denn, so heißt es weiter im »Kommunistischen Manifest«: »Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.«

Doch es sollte anders kommen. Zwar hat der Universalismus des kapitalistischen Warenverkehrs Verbindungen geschaffen und das Heilige – dazu gehören durchaus auch die alten heiligen Grenzen – entweiht, doch nicht zuletzt geschah das, um über die Verbindungen des Verkehrs die Grenzlinien als Mauern aufzustocken, die entweihten Grenzen mit Stacheldrahtzaun zu festigen, einzusperren und auszuschließen. Das Proletariat vereinigte sich, doch verkehrt – national – und zog begeistert in den Krieg. Die neuen Fronten hießen jetzt nicht mehr progressiv experimentum mundi – gemeint als nach vorne weisender Weg revolutionärer Selbstüberschreitung und Entdeckung des Unbekannten – sondern reaktionär-mörderisch Verdun und Marne, und einen Weltkrieg später Stalingrad. Hinter der Grenze steht der Feind. Und vor der Grenze auch. Grenzen sind Todeslinien – und bleiben es fortan auch, getarnt als Schutzwall der Festung Europas.

In dieser Zeit notierte Walter Benjamin für sein Fragment gebliebenes »Passagen-Werk«: »Die Schwelle ist ganz scharf von der Grenze zu scheiden. Schwelle ist eine Zone. Wandel, Übergang, Fluten liegen im Worte ›schwellen‹ und diese Bedeutungen hat die Etymologie nicht zu übersehen.«

Quelle: Jungle World >>>>> weiterlesen

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