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Erstellt von DL-Redaktion am 20. Juni 2015

Flüchtlingstragödie an EU-Außengrenzen

AUS CATANIA, SIRACUSA UND AUGUSTA CHRISTIAN JAKOB

WÜRDE 17 Menschen sterben auf ihrer Überfahrt in die EU. Wenige Tage später liegen sie in Müllsäcken, aufeinander-gestapelt im Kühlschrank einer sizilianischen Klinik. Wie kann so etwas passieren?

Anfang Juni reiste ein Mitarbeiter des Zentrums für politische Schönheit nach Sizilien. Der Student wollte Recherchen anstellen für die nächste Aktion der Künstler. Ein Bestatter führte ihn in die Leichenkammer des kommunalen Muscatello-Krankenhauses von Augusta, erzählt er. Der Mann wollte, dass er begreift, wie dramatisch die Lage an der Südflanke Europas ist.

Er sah dort einen Raum, in der Ecke ein kleiner Gebetsschrein, zwei Kerzen, zwei Blumenstöcke. Dahinter ein Kühlschrank, groß wie drei Telefonzellen, gefüllt mit den Leichen von 17 Afrikanern, eingewickelt in Leinentücher und Müllsäcke, aufeinander geworfen wie Schlachtabfälle. Ihr Blut ist an der Seite des Kühlschranks auf den Boden geflossen und zu einer großen, schwarzen Lache getrocknet.

Das Foto, das der Künstler davon gemacht hat, ähnelt einem Kippbild: Je nachdem, wie man darauf schaut, präsentiert es andere Einsichten.

Geht man nahe heran, scheint zwischen den Müllsäcken, dem Blut und den Schädelumrissen die Gewissheit auf, dass Tote mit weißer Hautfarbe in Europa niemals so behandelt würden.

Wenn man die Verantwortlichen damit konfrontiert, zeigt das Foto auch die Nachlässigkeit eines Staates, in dem viel improvisiert und wenig hinterfragt wird.

Und im Strom all der Bilder von Mittelmeer-Toten verweist es auf eine kleine Stadt, alleingelassen mit den Folgen der Abschottungspolitik. Es stellt ein Europa bloß, das die hässlichen Folgen seiner Verantwortungslosigkeit ignoriert.

Am Hafen

31. Mai, 1.09 Uhr. Chiara Montaldo, Medizinerin bei Ärzte ohne Grenzen, steht am Hafen von Pozzallo, ganz im Südosten Siziliens. Fast 1.000 Menschen gehen von Bord eines Schiffes, eingehüllt in die goldfarbene Wärmefolie sehen sie in der Nacht aus wie Raumfahrer. „Für uns sind es nicht 1.000, sondern es ist ein Mensch und noch einer und noch einer …“, twittert sie. Fast 100.000 Migranten sind in diesem Jahr in Italien angekommen, manchmal dauert es nur wenige Stunden, bis ein neues Schiff ankommt, beladen mit Menschen, die alles riskiert haben für die Hoffnung, in Europa leben zu können.

Sieben Stunden später ist das Ärzteteam beim nächsten Einsatz, 85 Kilometer weiter nördlich, am Hafen von Augusta. Die Militärfregatte „Fenice“ hat 454 Migranten gerettet und 17 Leichen auf dem Meer geborgen. Es ist halb neun Uhr morgens, Montaldo twittert ein Bild. „Wir versuchen, wenigstens den Lebenden zu helfen“, schreibt sie.

Um die Toten kümmert sich der Bestattungsunternehmer Concetto Cacciaguerra. Vor den Zelten des Roten Kreuzes haben er und ein Mitarbeiter die Kleinbusse geparkt, mit denen sie 17 Särge hergeschafft haben. In einer Reihe liegen sie jetzt am Kai: Hellbraunes, rotes, dunkelbraunes, schwarzes Holz, davor stehen Polizisten, Ärzte und Fotografen mit weißen Atemschutzmasken.

 Der Rechtsmediziner

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Grafikquelle    :    Flüchtlinge bei Skala Sykamineas (Lesbos)

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