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Sturm über Hebron

Erstellt von Gast-Autor am 4. März 2012

Sturm über Hebron

Autor Uri Avnery

ANSCHEINEND GIBT es keine Grenzen für das Unheil, das die Stadt Hebron verursacht.

Dieses Mal ist der Grund so unschuldig, wie er nur sein kann: die organisierten Besuche von Schulkindern zur Machpela-Höhle, in der unsere Vorfahren angeblich beerdigt wurden.

Von Rechts wegen sollte Hebron ein Symbol für Brüderlichkeit und Versöhnung sein. Die Stadt ist verbunden mit der legendären Person von Abraham, dem Vorfahren von Hebräern und Arabern. Tatsächlich bedeutet der Name selbst „Freundschaft“: der hebräische Name Hebron hat dieselbe Wortwurzel wie „haver“ – Freund, Kamerad, während der arabische Name der Stadt – al-Khalil – „Freund“ bedeutet. Beide Namen sprechen davon, Abraham sei der Freund Gottes.

Abrahams Erstgeborener, Ishmael, war der Sohn der Nebenfrau Hagar, die, als der legitime Sohn Isaak von Sarah geboren wurde, in die Wüste hinaus getrieben wurde, um dort zu sterben. Ishmael, der Patriarch der Araber, und Isaak der Patriarch der Juden, waren Feinde, aber als ihr Vater starb, kamen sie zusammen und begruben ihn: „Als Abraham seinen Geist aufgab und in einem guten Alter (175) starb , als er alt und lebenssatt war, wurde er zu seinen Vätern versammelt. Und seine beiden Söhne, Isaak und Ishmael begruben ihn in der Höhle von Machpela…“ (Genesis 25)

IN LETZTER ZEIT hat Hebron einen ganz anderen Ruf erlangt.

Seit Jahrhunderten lebte eine kleine jüdische Gemeinde dort im Frieden und guter Nachbarschaft mit den muslimischen Bewohnern. Aber 1929 geschah etwas Schreckliches. Eine Gruppe jüdischer Fanatiker inszenierte in Jerusalem einen Vorfall, als sie versuchten, den empfindlichen Status an der Klagemauer zu verändern. Religiöse Aufstände brachen im ganzen Land aus. In Hebron ermordeten Muslime 59 Juden, Männer Frauen und Kinder, ein Ereignis, das eine unauslöschliche Spur im jüdischen Gedächtnis hinterließ (weniger bekannt ist die Tatsache, dass 263 Juden von ihren arabischen Nachbarn gerettet wurden).

Kurz nach der Besetzung der Westbank im Sechs-Tage-Krieg drang eine Gruppe fanatisch-messianischer Juden mit einer List in Hebron ein und gründete dort die erste jüdische Siedlung. Diese wurde zu einem wahrhaftigen Nest von Extremisten, einschließlich einiger eingefleischter Faschisten. Einer von ihnen war der Massenmörder Baruch Goldstein, der 29 betende Muslime in der Machpelahöhle mordete – die in Wirklichkeit gar keine Höhle ist, sondern ein festungsartiges Gebäude, vielleicht von König Herodes gebaut.

Seitdem gibt es endlose Scherereien zwischen den etwa 500 jüdischen Siedlern in der Stadt, die sich des Schutzes der Armee erfreuen, und den 165 000 arabischen Einwohnern, die völlig von ihrer Gnade abhängig sind und keine Menschenrechte noch zivilen Rechte genießen.

WENN DIE Schulkinder dorthin geschickt worden wären, um beide Seiten anzuhören und so von der Kompliziertheit des Konfliktes erfahren hätten, dann wäre dies gut gewesen. Aber das ist nicht die Absicht des Bildungsministers Gideon Sa’ar.

Persönlich ist Sa’ar (sein Name bedeutet „Sturm“) eine nette Person. Tatsächlich begann er seine Karriere in meinem Magazin Haolam Hazeh. Doch ist er ein fanatischer Rechter, der glaubt, sein Job sei es, die israelischen Kinder vom miesen kosmopolitischen Liberalismus zu reinigen, in dem ihre Lehrer angeblich stecken würden, und sie in uniforme loyale Patrioten zu wandeln, die bereit sind, fürs Vaterland zu sterben. Er sendet Armeeoffiziere zum Predigen in die Klassen, verlangt von den Lehrern, dass sie den Kindern „jüdische Werte“ beibringen (d.h. nationalistische Religiosität), selbst in säkularen Schulen, und jetzt möchte er sie nach Hebron und anderen „jüdischen Plätzen“ schicken, damit ihre jüdischen Wurzeln kräftiger werden.

Die dorthin gesandten Kinder sehen die „jüdische“ Machpela-Höhle ( die 13 Jahrhunderte eine muslimische Moschee war), die Siedler, die Straßen, in denen sich keine Araber mehr bewegen dürfen, und lauschen der Indoktrinierung patriotischer Führer. Kein Kontakt mit Arabern, keine andere Seite, überhaupt keine anderen.

Als eine rebellische Schule Mitglieder der friedensorientierten Ex-Soldatengruppe „Das Schweigen brechen“ einlud, um sie zu begleiten und ihnen die andere Seite zu zeigen, kam die Polizei und hinderte sie daran, die Stadt zu besuchen. Jetzt haben etwa 200 Lehrer und Schulleiter einen offiziellen Protest gegen das ganze Projekt unterschrieben und verlangten, es zu streichen.

Sa’ar ist empört. Mit glühenden Augen hinter den Brillengläsern denunziert er die Lehrer. Wie konnte man solchen Verrätern erlauben, unsere kostbaren Kinder zu lehren?

ALL DIES erinnert mich an meine Frau Rachel. Ich mag diese Geschichte schon einmal erzählt haben, dann bitte ich um Nachsicht. Ich kann gerade nicht anders, als sie nochmals zu erzählen.

Rachel war viele Jahre lang Lehrerin in der ersten und zweiten Klasse. Sie war davon überzeugt, dass danach weiter nichts getan werden könne, um den Charakter eines Menschen zu formen.

Wie ich liebte auch Rachel die Bibel – nicht als religiösen Text oder als Geschichtsbuch (was sie ganz entschieden nicht ist), sondern als großartige Literatur – unübertroffen in seiner Schönheit.

Die Bibel erzählt, wie der mythische Abraham die Machpela-Höhle kaufte, um seine Frau Sarah dort zu beerdigen. Es ist eine wunderbare Geschichte, und wie Rachel es immer tat, ließ sie die Kinder die Geschichte in der Klasse spielen. Dies machte die Geschichte nicht nur lebendig, sondern erlaubte ihr auch, schüchterne Jungen und Mädchen, denen das Selbstvertrauen fehlte, zu ermutigen. Wenn sie in einem der improvisierten Spiele für eine bedeutende Rolle auserwählt wurden, gewannen sie Selbstrespekt und blühten auf einmal auf. Einige hatten ihr ganzes Leben verändert (wie sie mir viele Jahre später anvertrauten).

Die Bibel (Genesis 23) sagt, Abraham habe die Leute von Hebron um ein Stück Land gebeten, damit er seine Frau, die im reifen Alter von 127 Jahren starb, begraben könne. Alle Hebroniten boten ihre Felder umsonst an. Aber Abraham wollte das Feld von Ephron, dem Sohn Zohars, für so viel Geld abkaufen, wie es wert wäre.

Ephron jedoch weigerte sich, Geld anzunehmen, und bestand darauf, dem verehrten Gast das Feld als Geschenk zu vermachen. Nach dem Austausch von Freundlichkeiten kam Ephron schließlich zu dem Punkt: „Mein Herr, höret mich doch an, das Land ist vierhundert Lot Silber wert, was ist das aber zwischen mir und dir?“

Die Szene wurde aufgeführt mit einem 7Jährigen Jungen der einen langen Bart trug, der Abraham spielte. Ein anderer spielte Ephron, während der Rest der Klasse die Leute von Hebron als Zeugen der Übergabe spielten, wie Abraham gebeten hatte.

Rachel erklärte den Kindern, dass dies eine alte Art sei, Geschäfte zu machen, um nicht direkt auf die unfeine Art des Geldes zu kommen. Sondern man wechselte zunächst höfliche Worte und Proteste, und dann kam man nach und nach zu einem Kompromiss. Sie fügte noch hinzu, dass diese zivilisierte Art heute noch in der arabischen Welt besteht, besonders unter den Beduinen, sogar in Israel. Für die Kinder, die wahrscheinlich noch nie ein gutes Wort über Araber gehört hatten, war dies eine Offenbarung.

Später fragte Rachel die Kollegin der Parallelklasse, wie sie dieselbe Geschichte erzählt habe. „Was meinst du damit?“, erwiderte die Frau, „ich habe ihnen die Wahrheit gesagt, dass Araber immer lügen und täuschen. Wenn Ephron 400 Schekel haben will, warum sagt er es nicht gleich? Statt vorzugeben, er wolle es ihm schenken?“

WENN LEHRER wie Rachel ihre Kinder nach Hebron nehmen und ihnen alles zeigen könnten, den arabischen Gewürzmarkt und die Glasbläsereien, die seit Jahrhunderten das einzigartige blaue Hebronglas herstellen, so wäre das wunderbar. Wenn die Kinder mit Arabern und Juden, einschließlich den Fanatikern auf beiden Seiten, sprechen könnten, dann wäre das von hohem Bildungswert. Die Gräber der Patriarchen zu besuchen (von denen die meisten Archäologen glauben, dass es tatsächlich die Gräber von muslimischen Scheichs sind) die für Muslime und Juden heilig sind, könnte eine Botschaft übermitteln. Den Israelis ist gar nicht bewusst, dass Abraham als Prophet auch im Koran erwähnt wird.

Vor der Eroberung Jerusalems, um diese zu seiner Hauptstadt zu machen, hatte der mythische König David (auch als Prophet im Islam verehrt) seine Hauptstadt in Hebron. In der Tat erfreut die Stadt, die 930 m über dem Meer liegt, mit ihrer wunderbaren Luft und angenehmen Temperaturen im Sommer wie im Winter.

Diese ganze Episode bringt mich zurück zu einem alten Hobby von mir: die Notwendigkeit für alle israelischen Schulkinder, die jüdischen wie arabischen, die ganze Geschichte des Landes zu lernen.

Das scheint selbstverständlich, ist es aber nicht. Weit davon entfernt. Die arabischen Kinder in Israel lernen die arabische Geschichte, die mit Anfang des Islam im weit entfernten Mekka beginnt. Die jüdischen Kinder lernen jüdische Geschichte, die fast 2000 Jahre keine bedeutende Rolle im Lande spielte. Große Teile der Landesgeschichte sind der einen Seite oder gar beiden Seiten unbekannt. Die jüdischen Schüler wissen nichts über die Mamelucken und fast nichts über die Kreuzfahrer (außer dass sie die Juden in Deutschland auf dem Weg hierher mordeten). Die arabischen Schüler wissen sehr wenig über die Kanaaniter und die Makkabäer.

Die Geschichte des Landes im Ganzen zu lernen, einschließlich seiner jüdischen und muslimischen Phasen, würde eine vereinheitlichte allgemeine Ansicht schaffen, die die beiden Völker viel näher zu einander bringen und den Frieden und die Versöhnung leichter machten. Aber diese Aussicht ist heute so weit entfernt wie vor 40 Jahren, als ich dies das erste Mal in der Knesset vorbrachte. Seitdem gab mir der damalige Bildungsminister Zalman Aran von der Laborpartei den Spitznamen „der Mameluke“.

In einer anderen Atmosphäre würde Hebron anders angesehen werden: eine faszinierende Stadt, die beiden Völkern heilig wäre; die zweite heilige Stadt für das Judentum (nach Jerusalem) und eine der vier heiligen Städte für den Islam (mit Mekka, Medina und Jerusalem). Mit gegenseitiger Toleranz und ohne die Fanatiker auf beiden Seiten was wäre es für ein wunderbarer Ort, den die Schulkinder besuchen könnten!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

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Zu den Küsten von Tripolis

Erstellt von Gast-Autor am 1. September 2011

Zu den Küsten von Tripolis

Autor Uri Avnery

OBWOHL UNS die Bibel sagt „Freue dich nicht über den Fall deines Feindes“ (Sprüche 24), konnte ich nicht anders, als mich freuen.

Muammar al-Gaddafi war der Feind jeder anständigen Person in der Welt. Er war einer der schlimmsten Tyrannen in jüngster Vergangenheit.

Diese Tatsache war verborgen hinter einer Fassade von Clownerie. Er liebte es, sich selbst als Philosoph darzustellen (s. das „Grüne Buch“), als visionärem Staatsmann (Israelis und Palästinenser müssen sich zum Staat Isratin vereinen), selbst als unreifem Teenager (seine unzähligen Uniformen und Kostüme). Aber hauptsächlich war er ein erbarmungsloser Diktator, umgeben von korrupten Verwandten und Freunden, die den großen Reichtum Libyens verschwendeten.

Das war für jeden offensichtlich, der sehen wollte. Leider gab es nicht wenige, die ihre Augen verschlossen hielten.

ALS ICH meine Unterstützung für die internationale Intervention zum Ausdruck brachte, erwartete ich, von wohlmeinenden Leuten angegriffen zu werden. Ich wurde nicht enttäuscht.

Wie konnte ich nur? Wie konnte ich die amerikanischen Imperialisten und die grässliche NATO unterstützen? War mir denn nicht klar, dass es nur ums Öl ging?

Ich war nicht überrascht. Ich habe dies schon einmal erlebt. Als die Nato begann, das serbische Gebiet zu bombardieren, um den Verbrechen des Slobodan Milosevic im Kosovo ein Ende zu bereiten, wandten sich viele meiner politischen Freunde gegen mich.

War mir denn nicht klar, dass dies alles nur eine imperialistische Verschwörung war? Dass die hinterhältigen Amerikaner Jugoslawien (oder Serbien) nur auseinander reißen wollten? Dass die Nato eine böse Organisation war? Dass Milosevic, auch wenn er ein paar Fehler haben mag, eine progressive Menschlichkeit vertrat?

Dies wurde gesagt, als die grausamen Akte des Massenmordes in Bosnien für jeden offensichtlich waren, als Milosevic schon als kaltblütiges Monster bloßgestellt war. Ariel Sharon bewunderte ihn.

Wie können also anständige, wohlmeinende Linke, Menschen mit makelloser humanistischer Vorgeschichte, solch eine Person umarmen? Meine einzige Erklärung war, dass ihr Hass auf die USA und die NATO so stark, so leidenschaftlich war, dass jeder, der von ihnen angegriffen wurde, gewiss ein Wohltäter der Menschheit sein muss und alle Anklagen gegen sie reine Erfindungen waren. Sogar Pol-Pot.

Nun geschah es noch einmal. Ich wurde bombardiert mit Mails von wohlmeinenden Leuten, die Gaddafi für alle seine guten Taten lobten. Man hat den Eindruck bekommen können, dass er ein zweiter Nelson Mandela, wenn nicht gar ein zweiter Mahatma Gandhi war.

Während die Rebellen sich schon durch seine große ummauerte Anlage kämpfen, lobte ihn der sozialistische Führer Venezuelas Hugo Chavez als wahres Modell aufrichtiger Menschlichkeit, ein Mann, der es wagt, sich gegen die amerikanischen Aggressoren zu stellen.

Nun, tut mir leid, da mache ich nicht mit. Ich habe diese irrationale Abscheu vor blutigen Diktatoren, vor völkermörderischen Massenmördern, vor Führern , die gegen ihr eigenes Volk Krieg führen. Und bei meinem fortgeschrittenen Alter ist es schwierig, sich zu ändern.

Ich bin bereit, sogar den Teufel zu unterstützen, wenn es nötig ist, diese Art Grausamkeit zu beenden. Ich würde nicht einmal nach seinen genauen Motiven fragen. Was immer man auch über die USA und/oder die NATO denken mag – wenn sie einen Milosevic oder einen Gaddafi entwaffnen, dann haben sie meinen Segen.

WIE GROSS ist die Rolle der NATO bei der Niederlage des libyschen Diktators?

Die Rebellen hätten Tripolis nicht erreicht, gewiss nicht bis heute, wenn sie nicht die NATO-Unterstützung aus der Luft gehabt hätten. Libyen ist eine große Wüste. Die Offensive war auf eine lange Straße angewiesen. Ohne die technische Beherrschung der Luft, würden die Rebellen massakriert worden sein. Jeder, der während des 2.Weltkrieges lebte und den Feldzügen Rommels und Montgomery folgte, weiß dies.

Ich vermute, dass die Rebellen auch Waffen und Rat erhalten haben, der ihre Offensive erleichterte.

Aber ich bin gegen die gönnerhafte Behauptung, dass dies alles ein Sieg der NATO war. Es ist die alte kolonialistische Haltung in neuer Gestalt. Natürlich konnten diese armen, primitiven Araber nicht alles ohne den Weißen Mann machen.

Aber Kriege werden nicht mit Waffen gewonnen, sie werden von Menschen gewonnen. „Mit Stiefeln auf dem Boden“, wie die Amerikaner dies nennen. Selbst mit all der Hilfe, die die libyschen Rebellen erhielten, so unorganisiert und schlecht bewaffnet sie waren, so haben sie doch einen erstaunlichen Sieg errungen. Dies wäre so nicht ohne wirkliche revolutionäre Leidenschaft, ohne Tapferkeit und Entschlossenheit geschehen. Es ist ein libyscher Sieg, kein englischer oder französischer.

Dies ist von den internationalen Medien heruntergespielt worden. Ich habe keine einzige echte Kampf-Reportage gesehen (und ich weiß, wie das aussieht). Journalisten haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Sie zeigten exemplarische Feigheit, blieben in sicherem Abstand von der Front, sogar während des Falles von Tripolis. Im Fernsehen sahen sie mit ihren großen Helmen lächerlich aus, als sie von barhäuptigen Kämpfern umgeben waren.

Was herüber kam, war endloser Jubel über den Sieg, der scheinbar vom Himmel gefallen war. Aber das waren Heldentaten, die vom Volk begangen worden waren – ja von einem arabischen Volk.

Dies ist für unsere israelischen „Militärkorrespondenten“ und unsere „Experten von arabischen Angelegenheiten“ besonders ärgerlich. Daran gewöhnt, „die Araber“ zu verachten oder zu hassen, schrieben sie dem Sieg der Nato zu. Es scheint, dass das Volk von Libyen eine kleinere Rolle gespielt hat, wenn überhaupt eine.

Nun plappern sie endlos über die „Stämme“, die Demokratie und eine ordentliche Regierung in Libyen unmöglich machen werden. Libyen sei kein wirkliches Land. Es war ,bevor es eine italienische Kolonie wurde, nie ein geeintes Volk. So etwas wie ein libysches Volk gibt es gar nicht. (Man erinnere sich, was die Franzosen über die Algerier und Golda Meir über die Palästinenser sagten).

Nun, dafür, dass ein Volk nicht existiert, kämpften die Libyer sehr gut. Und was die „Stämme“ angeht – wie kommt es, dass es nur in Afrika und Asien Stämme gibt, niemals unter Europäern? Warum nicht ein walisischer Stamm oder ein bayrischer Stamm?

(Als ich 1986 vor dem Friedensvertrag Jordanien besuchte, wurde ich von einem sehr zivilisierten, hochrangigen jordanischen Beamten eingeladen. Nach einer interessanten Unterhaltung beim Mittagessen überraschte er mich, als er erwähnte, er würde zu einem bestimmten Stamm gehören. Am nächsten Tag, als ich mit einem Pferd nach Petra ritt, fragte mich der Reiter neben mir mit leiser Stimme, ob ich „zum Stamm“ gehören würde. Ich brauchte eine Zeitlang, bis ich verstand, dass er mich fragte, ob ich Jude sei. Es scheint, dass amerikanische Juden über sich selbst in dieser Weise sprechen.)

Die „Stämme“ von Libyen würden in Europa „ethnische Gruppen“ genannt und in Israel „Kommunen“. Der Terminus „Stamm“ hat eine herablassende Assoziation. Wir sollten diesen Ausdruck nicht mehr benützen.

ALL JENE, die die Intervention der NATO verdammen, sollten auf eine einfache Frage antworten: Wer hätte denn sonst diesen Job getan?

Die Menschheit des 21. Jahrhunderts kann keine Akte von Genoziden und Massenmorden tolerieren, egal, wo sie geschehen. Sie können nicht zusehen, wenn Diktatoren ihr eigenes Volk abschlachten. Die Doktrin des „Nicht-Eingreifens“ in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten“ gehört in die Vergangenheit. Wir Juden, die wir die Menschheit angeklagt haben, untätig abseits gestanden zu haben, während Millionen Juden, einschließlich deutscher Bürger, von der legitimen deutschen Regierung vernichtet wurden, schulden der Welt gewiss eine Antwort.

Ich habe einige Male erwähnt, dass ich für eine Art effektiver Weltregierung sei und erwarte, dass es sie am Ende dieses Jahrhunderts gibt. Dies würde eine demokratisch gewählte Welt-Exekutive einschließen, die auch militärische Kräfte zu ihrer Verfügung hat, die eingreifen können, wenn ein Weltparlament dies entscheidet.

Damit dies geschieht, müssen die Vereinigten Nationen vollkommen umorganisiert werden. Die Veto-Macht muss verschwinden. Es ist unerträglich, dass die US mit einem Veto die Aufnahme Palästinas als Mitgliedstaat verhindern oder dass Russland und China mit einem Veto eine Intervention in Syrien verhindern kann.

Gewiss sollten die Stimmen der Großmächte wie die der USA und Chinas gewichtiger sein als – sagen wir mal – Luxemburg oder die Fidschi-Inseln, aber eine Zwei-Drittel-Mehrheit in der Vollversammlung sollte die Macht haben, Washington, Moskau und Peking zu überstimmen.

Das mag Zukunftsmusik sein oder, wie andere sagen, ein Hirngespinst. Was die Gegenwart betrifft, so leben wir in einer sehr unvollkommenen Welt und müssen mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln auskommen. Die NATO ist leider eines davon. Die EU ist ein anderes, obwohl in diesem Fall das arme, ewig von schlechtem Gewissen geschlagene Deutschland sie gelähmt hat. Wenn Russland oder China sich ihr anschließen würden, wäre dies gut.

Dies ist kein fernes Problem. Gaddafi ist am Ende, aber Bashar al-Assad ist es nicht. Er schlachtet sein Volk ab, während Sie dies lesen, und die Welt sieht hilflos zu.

Gibt es Freiwillige, die bereit sind zu intervenieren?

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Quelle: Mit ausdrücklicher Freigabe durch Uri Avnery an DL

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Schreckgespenst Islam?

Erstellt von DL-Redaktion am 2. Februar 2011

Zu viel Übung im Weggucken

Ist der IMI malm allein, lädt er gern sich Gäste ein

Der Aufstand in der arabischen Welt kommt so überraschend nicht. Viele Menschen aus dem dortigen Lebensraum haben nur auf den einen Funken gewartet. Dieses Glimmen wurde in Tunesien ausgelöst und verbreitet sich langsam weiter in der arabischen Welt. Er wird auch Länder erreichen an die wir im Moment noch nicht so recht glauben können oder wollen.

Aber es ist im Leben so, die einen streben nach Freiheit, gehen dafür auf die Straßen und sind zu Opfern bereit, postwendend machen sich die selbsternannten besseren Demokraten der westlichen Welt auf den Weg um sofort nach neuen Feindschaften Ausschau zu halten. Viele glauben diese dann in der Muslimbruderschaft Ägyptens oder anderen Islamischen Verbindungen gefunden zu haben.

So beklagt die FTD als erstes dass die Proteste gegen Mubarak die ägyptische Wirtschaft lahm gelegt  haben und darum ein Rückgang des Wirtschaftswachstum von 5,5% auf 5 % zu erwarten wäre.

Könnte der FTD die Wirtschaft Ägyptens in Wirklichkeit wohl ziemlich egal sein, wenn sie nicht befürchten müsste dass eventuell  Deutsche Waffenlieferungen storniert würden da der Auftrag gebende Despot nicht mehr an der Macht ist?

Hier noch zwei weitere Kommentare aus den Deutschen Blätterwald welche sich mit dem Thema befassen:

Zu viel Übung im Weggucken

Gewiss, Außenpolitik ist immer auch Realpolitik. Doch es gibt Alternativen zum Kuscheln mit Despoten wie in Ägypten.

Es ist immer das gleiche Muster: Ein Diktator beutet das eigene Volk aus, lässt die Menschen verarmen, unterdrückt Oppositionelle brutal. Trotz alledem muss der Despot so lange keine nennenswerte Kritik aus dem Ausland fürchten, wie er den jeweiligen Regierungen nützlich erscheint. Er bleibt unbehelligt, wenn sein Land geostrategisch gut liegt, er ein wichtiger Handelspartner ist oder man in Washington, Brüssel, Berlin und anderswo fürchtet, dass seine potenziellen Nachfolger weniger handzahm wären. Das Weggucken und Wegducken lässt erst dann nach, wenn die Macht des Unterdrückers bröckelt und man sich mit denen gut stellen will, die künftig das Sagen haben.

Zum Beispiel Ägypten: Natürlich wusste die schwarz-gelbe Koalition – ebenso wie zuvor die schwarz-rote, die rot-grüne oder die frühere schwarz-gelbe –, wie sehr das Land unter seinem Herrscher Mubarak leidet. Ein Grund, ihm ernsthaft in die Parade zu fahren, war das offenbar nicht. An die „Seite derer, die nach Demokratie …, Bürger- und Menschenrechten rufen“, stellt sich der deutsche Außenminister erst jetzt, da die Tage Mubaraks gezählt sind.

Dabei kann man in Berlin oder Brüssel auch anders. Den Palästinensern etwa haben Deutschland und die EU sehr klar signalisiert, was geschehen muss, damit Hilfe fließt. Politische Unterstützung gibt es nicht ohne Fortschritte in Sachen Demokratie, Freiheit und Menschenrechte: Solche Worte wären an die Adresse Kairos genauso richtig und wichtig gewesen. (Dass Europa mit der Demokratie so seine Probleme hatte, als die Palästinenser in einer demokratischen Wahl für die islamistische Hamas votierten, steht freilich auf einem anderen Blatt.)

Quelle: Franfurter Rundschau >>>> weiterlesen

Das sollen Araber sein?

Die deutsche Linke schweigt zum Aufstand der Massen in Nahost.

Gibt es etwas Schöneres, als daheim auf dem Sofa zu sitzen, Bier bei Fuß, und aus sicherer Entfernung zuzusehen, wie sich Demonstranten Schlachten mit der Polizei liefern? Gestern in Tunis, heute in Kairo und Alexandria, morgen vielleicht in Damaskus und Riad? Rein theoretisch sollte man annehmen, dass angesichts der Bilder, die uns aus Arabien erreichen, auch in der Bundesrepublik etwas los sein müsste. Dass die verschiedenen Zweige der deutschen Demokratie- und Friedensbewegung den Menschen zu Hilfe eilen würden, die für Freiheit und Menschenrechte, für ein selbstbestimmtes Leben also, ihr Leben riskieren. Aber nichts dergleichen passiert. Es herrscht Ruhe an der deutschen Friedensfront. Claudia Roth, die eben erst nach einem Besuch in Teheran für mehr „Kulturaustausch“ eintrat, um die „Zivilgesellschaft“ im Iran zu stärken, schweigt. Konstantin Wecker, der 2003 nach Bagdad reiste, um sich dort zusammen mit Saddam Hussein fotografieren zu lassen, hat grad Wichtigeres zu tun. Auch Horst-Eberhard Richter, sonst mit friedenspolitischen Ratschlägen schnell zur Hand, hält sich bedeckt, völlig synchron mit den „Ärzten gegen den Atomkrieg“. Und der Rest der Friedensbewegung wartet auf besseres Wetter, um wieder nach Gaza segeln zu können, abgelaufene Medikamente und kämpferische Parolen im Gepäck.

Quelle: Die Welt >>>>> weiterlesen

IE

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Grafikquelle  : Niqabs mit Stirnband, deren zusätzliche Lagen nach oben geklappt sind

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Kampf gegen Araberhass

Erstellt von DL-Redaktion am 28. November 2010

Holocaust-Überlebender wirft Israel Rassismus vor

Wohnviertel in Safed

Eli Zvieli hat den Holocaust überlebt. Heute kämpft der 89-jährige Jude in der israelischen Stadt Safed gegen den Rassismus seiner eigenen Landsleute. Ein Oberrabbiner hat dazu aufgerufen, nicht mehr an arabische Studenten zu vermieten. Wer gegen die Selektion verstößt, bekommt die Wut zu spüren.

Erst drohten sie damit, sein Haus anzuzünden. Dann kamen die Beleidigungen, meist per Telefon. Verräter nannten sie ihn. Eine Schande für die Stadt. Dann klebte ein Poster an seiner Tür, darauf stand: „Zvieli bringt die Araber zurück nach Safed!! Ein schreiendes Unrecht!!“ Er riss es ab. Es folgte ein Poster an der Wand gegenüber: „Wach auf, Safed, morgen wird es zu spät sein!!!“

Eli Zvieli ist 89 Jahre alt. Er stammt aus Siebenbürgen und hat den Holocaust überlebt. Seit 60 Jahren lebt er in Israel. Der Zorn richtet sich gegen ihn, weil er seit Semesterbeginn Zimmer an drei israelische Beduinen vermietet, die am College von Safed studieren.

Quelle : Der Spiegel >>>>> weiterlesen

IE

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Grafikquelle  : Die Autorenschaft wurde nicht in einer maschinell lesbaren Form angegeben. Es wird Beny Shlevich als Autor angenommen (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben).Die Autorenschaft wurde nicht in einer maschinell lesbaren Form angegeben. Es wird angenommen, dass es sich um ein eigenes Werk handelt (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben).

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