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Soziale Netzwerke und Linke

Erstellt von DL-Redaktion am Freitag 2. Dezember 2022

Musk kauft Twitter, und die Benutzer fliehen.

Ein Debattenbeitrag von Ulf Schleth

Die Benutzer fliehen. Was hätten sie längst tun sollen – auch von Facebook: hin zu nichtkommerziellen Alternativen. Wer den Komfort politischer Korrektheit haben möchte, muss ein Stück Bequemlichkeit aufgeben.

Nun hat es auch die Twitter-Benutzer ereilt: Die Gesetze der Marktwirtschaft haben in Form des reichen und mächtigen, aber mit bescheidener sozialer Kompetenz ausgestatteten Elon Musk in die sozialen Netzwerke eingeschlagen. Der hat Twitter gekauft, und aus Angst vor seinen Reformen suchen Twitter-User nun verzweifelt nach Fluchtwegen.

In den vergangenen Wochen wurde viel darüber geredet und geschrieben, was kein Wunder ist, da Journalisten eine der größeren Benutzergruppen der in Deutschland eher kleinen Plattform Twitter sind. Da werden dann als Alternativen gern auch andere kommerzielle Plattformen oder einfach auch die Kneipe nebenan vorgeschlagen.

Aktivisten des Datenschutzes und der digitalen Selbstbestimmung lächeln müde angesichts dieses blinden Aktionismus. Jeder Facebook-Skandal war bisher von Fluchtreflexen begleitet, die aber nach ein paar Monaten wieder nachließen, wenn es den Flüchtigen nicht gelang, ihre Peergroup mitzuziehen. Gleichzeitig ist die Hoffnung groß, dass diesmal etwas hängen bleibt, und es scheint tatsächlich so, dass die Völkerwanderungen von Skandal zu Skandal stärker und nachhaltiger werden.

Die Einsicht in den Kern des Problems wächst: Es ist weder Musk noch Zuckerberg. Das Problem ist der Kapitalismus. Genauso wenig, wie man politische Problematiken wie Klimaschutz, Gleichstellung und soziale Verträglichkeit von Konzernen lösen lassen kann, die durch Ausbeutung Geld verdienen, kann man erwarten, dass Konzerne digitale Kommunikation anders behandeln, als auch den letzten Cent aus den Daten ihrer Nutzer zu pressen. Davon, dass das linke politische Spektrum sich die Inhalte der digitalen Graswurzelbewegung zu eigen macht und neben die anderen wichtigen Themen unserer Zeit stellt, sind wir noch weit entfernt. Möglicherweise, weil sich alles Digitale noch abstrakter und komplizierter als die Klimaerwärmung anfühlt. Es ist nichts Neues, dass die Politik der sozialen und ökonomischen Realität um Jahrzehnte hinterherhinkt.

Die Merkmale der Alternativen sind überschaubar: Sie sind dezentral organisiert; die Daten liegen nicht an einem Ort, der unter Kontrolle eines einzelnen Unternehmens ist, sondern im Idealfall beim Benutzer selbst. Sie sind transparent, sodass Menschen mit technischem Know-how nachvollziehen können, was mit den Daten geschieht: also komplett und nicht nur in Teilen Open Source. Echte Alternativen legen den Fokus darauf, dass private Daten sicher und verschlüsselt übertragen und gespeichert werden. Und zu guter Letzt: Sie sind nicht kommerziell. Nun könnte man sagen, dass doch auch Unternehmen mit einem schlüssigen Geschäftskonzept, das nicht auf dem Verkauf von Daten beruht, gute Alternativen bieten könnten. Doch Unternehmen arbeiten gewinn- und wachstumsorientiert. Die Erfahrung zeigt, dass ihre schönsten Versprechungen sich schon morgen in Schall und Rauch aufzulösen pflegen.

Die gute Nachricht: Die Alternativen sind schon da. Sie werden als Fediverse bezeichnet – das Universum der föderierten Netzwerke. Es besteht aus verschiedenen, potenziell ­weltumspannenden, nichtkommerziellen und dezentralen Plattformen. Es gibt kleine und große, und es gibt für jede kommerzielle Plattform eine oder mehrere Entsprechungen. Manche dieser dezentralen Plattformen kommunizieren zudem untereinander, manche weniger. Es gibt das ehrwürdige Diaspora, eines der ältesten Netzwerke, das sich durch elegante Schlichtheit und technisch solide Konsistenz auszeichnet, es gibt das quirlige und featurereiche Mastodon, es gibt Pixelfed, die Entsprechung zu Instagram, PeerTube, das Äquivalent zu Youtube, Friendica, das kommunikationsfreudigste von allen, und noch mehr. Eine Übersicht gibt es auf the-federation.info. Wer sich ein Zuhause im Fediverse sucht, kann dies über fediverse.observer tun.

Quelle         :         TAZ-online        >>>>>        weiterlesen

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