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Selbstbewusste Schotten

Erstellt von DL-Redaktion am Samstag 6. September 2014

Was die Leute von Glasgow bis Pentland Firth mit der
Unabhängigkeit gewinnen können

von Neal Ascherson

Mein Onkel war Offizier bei den traditionsreichen Ro-yal Scots, dem ältesten Infanterieregiment der britischen Armee. Mit den karierten Tartan Trews an seinen langen Beinen sah er umwerfend aus.

„Aber wozu sind die Royal Scots da, wenn Frieden ist?“ – „Sie sind da, um zu verhindern, dass uns die Engländer das Ungeheuer von Loch Ness wegnehmen“, sagte seine Schwester, meine Mutter. Sie war mit einem Offizier der Royal Navy verheiratet und eine glühende Verehrerin der „White Ensign“, der britischen Seekriegsflagge. Sie sprach ein gestochen klares Englisch, das sie in London an Miss Fogarty’s Drama School gelernt hatte, und doch war sie eine überaus empfindsame schottische Patriotin. Wie oft hörten wir in unserer Kindheit die berühmten Verse von Walter Scott durch die Küche schweben: „Breathes there the man, with soul so dead / Who never to himself hath said / This is my own, my native land!“

Bei Miss Fogarty hatte sie auch die Kunst der zauberhaften, schrillen Übertreibung gelernt. Erst bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kamen mir Zweifel, ob die Royal Scots wirklich dazu da waren, im Great Glen zu patrouillieren und nach Englisch sprechenden Drachenkidnappern Ausschau zu halten.

Aber meine Mutter hatte auch politisches Gespür. Im ersten Devolutions-Referendum von 1979 stimmte sie mit „Nein“ – mit der Begründung, „ein schottisches Parlament würde Schottland englischer machen“. Diese ungewöhnliche Aussage machte mich sprachlos. Womöglich war sie der einzige Mensch in Schottland, der so dachte. Aber vielleicht war doch etwas dran an ihrer Warnung davor, die Arroganz und Selbstgefälligkeit der politischen Klasse von Westminster zu imitieren. Oder war es nur, wie ich heute glaube, ein Ausdruck ihrer zutiefst herablassenden Meinung, dass die Schotten außerstande seien, ihre eigene Demokratie zu erfinden? Dass wir liebenswert eben nur in unserer Zweitklassigkeit seien?

Quelle: Le Monde diplomatique  >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Photo by (Gebruiker:Ellywa).

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