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Schwarz-Weiss im Kamera-Kampf

Erstellt von Gast-Autor am Mittwoch 28. Mai 2014

Die Filme von Heynowski und Scheumann

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/99/A_vietnamese_Professor_is_pictured_with_a_group_of_handicapped_children.jpg

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 26. Mai 2014

Es muss 1968 gewesen sein, vielleicht auch 69. In einem Versammlungsraum der Außerparlamentarischen Opposition (APO) wurde ein Film gezeigt. Gesicht um Gesicht sprach von einer Bettlaken-Leinwand auf junge Westdeutsche ein. Piloten der US-Air-Force erzählten über ihre Einsätze in Vietnam. Es war ein Job, sagte der eine, meine Pflicht, ein anderer, kühl waren die Köpfe aneinander montiert, nah dran die Kamera. Unten waren die Toten zu vermuten, oben die maschinellen Mörder, unten die Vietnamesen, die ihr Land gegen einen scheinbar übermächtigen Feind verteidigten, oben die Roboter mit menschlicher Maske, unten ein verzweifeltes Land, oben Totmacher ohne jeden Zweifel. Der Film war von Heynowski & Scheumann gemacht, von Leuten, die in der DDR lebten. Sie waren zwei und sie hatten Vornamen. Und doch nannte man sie, wie man Firmen nannte, mit einem Begriff: „H&S“. Es sollten viele, viele Filme der beiden Macher noch die Leinwände erreichen. Jede Menge davon liegen uns jetzt als DVD´s in einem Schuber vor. Editiert von Ralf Schenk und der „absolut Medien GmbH“ kommen sie auf den Erinnerungstisch. Denn „H&S“ schien seit dem Ende der DDR dem Vergessen anheim gegeben. Doch wer damals vor dem flimmernden Laken saß, der konnte nur mit Mühe vergessen, der hätte daran arbeiten müssen. Wer nicht vergaß, der trägt seinen Hass auf die niedrigen, befohlenen Mörder bis heute in sich.

Natürlich war das „Verschwinden“ der H&S-Filme kein Versehen. Kaum andere Macher haben den Film als so scharfe, als so gnadenlose Waffe genutzt, immer längs der internationalen Auseinandersetzung, immer zu Themen, die heute lieber vergessen und verschwiegen werden: Filme über die westdeutschen Söldner, die in den 60er Jahren den Kongo heimsuchten, über das Massaker in My Lai, jenes Kriegsverbrechen der US-Armee dem über 500 Zivilisten zum Opfer fielen, bis zum „Krieg der Mumien“, jener filmischen Bestandsaufnahme in Chile nach der friedlichen Revolution und dem von der CIA organisierten Putsch gegen Allende am 11. September 1973. „Wer nicht hüpft, ist eine Mumie“, skandieren im strahlenden Schwarz-Weiss hüpfende, fröhlich lachende junge Chilenen, und wie die Bässe im Chor klären Arbeiter den Zuschauer auf: „Mumien? Das sind Kapitalisten!“ Die Mumien, das wussten H&S während der Filmproduktion schon, haben dann doch gewonnen, ausgehüpft hatten die jungen, friedlichen Revolutionäre. Und doch, wenn gegen Ende des Films das Lied der chilenischen Massen noch einmal aufklingt: „El Pueblo unido, jamás será vencido“, das Lied vom vereinten Volk, das niemals besiegt werden wird, dann handelt der Film von einer Hoffnung, die nur schwach noch schimmert und doch existiert.

Nicht nur das Material war schwarz-weiss, auch die Konzepte der Filme lebten, leben bis heute von klaren Frontstellungen: Dort ihr, hier wir, riefen sie und ließen das vermissen, was heute gern eingeklagt wird: Differenziertheit, das Berücksichtigen beider Seiten, das milde Altersgrau scheinbar perfekter Demokratien. Was gab es bei den US-Piloten zu differenzieren in jenem Augenblick in dem sie „Agent Orange“ versprühten, jenes Gift das heute noch Menschen und Ernten in Vietnam verkrüppelt? Welche der zwei Seiten sollten in Chile gleich berücksichtigt werden? Sollten die Opfer den Tätern gleichen? – Als H&S zu Beginn der 80er Jahre in Kambodscha ihren Film „Die Angkar“ drehten, konnten sie nicht ahnen, dass ihr gnadenloser Bericht über Folter und Mord unter dem Symbol von Hammer und Sichel das Ende ihres berühmten Studios einleiten würde: Ihre Partei, ihre SED empfand den Anti-Pol-Pot-Film als störend in einer Phase, in der die DDR sich dem chinesischen Verbündeten der Roten Khmer näherte. Gerhard Scheumann wagte es auf dem Kongress des DDR-Verbandes der Film-und Fernsehschaffenden 1982 sogar die Medienpolitik der DDR zu kritisieren: „Die Qualität der Medienpolitik ist ein Gradmesser für die soziale Kultur eines Landes.“ Und er befand die DDR-Medienpoltik als unreif in der Behandlung der Probleme des eigenen Landes. Die Obrigkeit schloss das H&S-Studio, die beiden wurden zeitweilig in die Ecke der Parteifeinde gestellt. Erst Jahre später sollten sich H&S von Scheumanns Kritik erholen, sollten sie wieder eine ähnliche Rolle in der DDR einnehmen dürfen wie vor dessen Rede.

Irgendwann in den 80er Jahren besuchte ich Gerhard Scheumann zu Hause, um ihn nach neuen Themen, nach neuen Filmen zu fragen. Auf dem Rückweg von der Ost-Berliner Lenin-Allee, nicht weit von der Kreuzung Ho-Chi-Minh-Straße, bemerkte ich im Rückspiegel einen Lada mit einer Antenne, die es nur an Autos aus der Garage der Staatssicherheit gab. Mir, dem Besucher aus dem Westen mit linker Provenienz, konnte nichts geschehen. Aber Scheumann sollte durch die demonstrative Stasi-Präsenz zumindest eingeschüchtert und Besucher abgeschreckt werden. Zwar gab es, nach einer erzwungenen Schaffenspause, neue Filme von H&S. Aber es gab keine neue, keine andere Medienpolitik. Später sollte es dann, für den kurzen Moment der „Runden Tische“ eine neue DDR geben. Spät, zu spät. Nicht zu spät liegen die neuen DVD´s der alten Filme vor: Historisches Material mit aktuellen Bezügen – auch wenn die tödlichen Flugobjekte heute nicht mehr bemannt sind, die man gegen die da unten lenkt. – Für die große Möglichkeit aus alten Filmen neue Erkenntnisse zu gewinnen ist dem Herausgeber dringend zu danken.

[youtube r7zUb95ofG0]

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Grafikquelle    :  Ho Chi Minh. Professor Nguyen Thi Ngoc Phuong, at Tu Du Obstetrics and Gynecology Hospital is pictured with a group of handicapped children, most of them victims of Agent Orange.

Gruppe von Agent Orange geschädigten Kindern; Quelle: Wikimedia Commons

  • CC BY-SA 3.0
  • File:A vietnamese Professor is pictured with a group of handicapped children.jpg
  • Erstellt: 1. Dezember 2004

 

Ein Kommentar zu “Schwarz-Weiss im Kamera-Kampf”

  1. Thomas A. Bolle sagt:

    In diesem Zusammenhang sollte auch nicht vergessen werden das die Briten unter Churchill mit Hilfe der CIA den gewählten Ministerpräsidenten des Iran gestürzt haben. Das nur um die Ölquellen zu sichern. Das Ergebnis war ein korrupter Schah und ein Unternehmen namens Britisch Petrolium „BP“. Der weitere Verlauf sollte jedem bekannt sein. Ohne die jetzigen politischen Zustände zu bewerten, kann man einem Volk einen Aufstand gegen Ausbeutung verübeln?
    Es geht den sogenannt Demokratien nie um die Verteidigung der Freiheit. Es geht um Macht, Einfluss, Rohstoffe. Und deshalb sind sich US-Amerikaner und Russen gleich.

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