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Radikale Transformationen

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 14. November 2021

KLIMAPOLITIK IM ZEITALTER DER MILLIARDÄRE

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Von John Feffer

Es war als die größte Transformation der neueren Geschichte gedacht. Gleichsam über Nacht sollte ein schmutziges, ineffizientes und ungerechtes Großsystem, das sich über elf Zeitzonen erstreckte, von Grund auf umgekrempelt werden. Viele Milliarden lagen bereit, um den Prozess voranzubringen. Ein neues Team von „Transformationsexperten“ arbeitete einen Umbauplan aus, und die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung machte begeistert mit. Noch dazu sollte der große Sprung nach vorn als Vorbild für alle Länder dienen, die eine hoffnungslose Stagnation überwinden wollten. Doch es kam alles anders.

Als die Sowjetunion 1991 zusammenbrach und aus ihren Ruinen als größter Nachfolgestaat das neue Russland entstand, heuerte die frisch gewählte Regierung von Boris Jelzin eine Clique ausländischer Experten an, die den Aufbruch in ein postsowjetisches System der Demokratie und der freien Marktwirtschaft bewerkstelligen sollten. Der Westen offerierte Kredite in Höhe von vielen Milliarden Dollar, die Russen steuerten die Erlöse aus der Privatisierung staatlicher Vermögenswerte bei.

All diese Gelder hätten ausgereicht, um Russland zu einem Schweden des Ostens zu machen. Stattdessen landeten sie großenteils in den Taschen einer neu entstandenen Klasse von Oligarchen. Es folgte die ökonomische Katastrophe der 1990er Jahre, in deren Verlauf 20 bis 25 Milliarden Dollar aus dem Land abflossen, während das russische Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen 1991 und 1998 um fast 40 Prozent schrumpfte.

Die Sowjetunion war einst die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt gewesen. Das heutige Russland liegt in der globalen BIP-Rangliste – noch hinter Italien und Brasilien – an 11. Stelle; und auch das nur dank seiner Energieexporte und der in der Sowjetära aufgebauten Rüstungsindustrie. Was das BIP pro Kopf angeht, so liegt Russland auf Platz 78.

Es gab viele Gründe für das Scheitern der russischen Transformation: der Zusammenbruch eines Empires, ein jahrzehntelanger ökonomischer Niedergang, der rachsüchtige Triumphalismus des Westens, die grenzenlose Korruptheit einheimischer Opportunisten. Es wäre allerdings ein Fehler, dieses warnende Beispiel als einzigartigen historischen Unfall abzutun.

Wenn wir nicht aufpassen, könnte die Diagnose des russischen Scheiterns leicht zur Prognose für die gesamte Menschheit werden. Denn heute droht erneut ein Transformationsprozess verpfuscht, eine goldene Gelegenheit verschenkt zu werden. Die Welt ist gerade dabei, nicht Milliarden, sondern Billionen von Dollar für einen noch weit grundlegenderen Wandel auszugeben – und zwar von einer ähnlich schmutzigen, ineffizienten, ungerechten Wirtschaftsordnung in eine … ja, in was eigentlich? Falls es die Weltgemeinschaft irgendwie schafft, die Lehren aus früheren Transformationsprozessen zu ziehen, werden wir eines Tages in einer weit gerechteren, CO2-neutralen Welt leben, die ihre Energie aus erneuerbaren Quellen bezieht.

Aber darauf sollte man nicht wetten. Derzeit wird zwar dreckige nach und nach durch erneuerbare Energie ersetzt, allerdings ohne ein einziges der Probleme anzugehen, die aus der industriellen Prägung unseres Produktionssystem resultieren. Wir sollten uns daran erinnern, was die Ablösung der staatlichen Planwirtschaft durch freie Märkte in Russland hervorgebracht hat: eine Kombination aus endemischen Krankheiten der alten Wirtschaftsordnung und Strukturdefekten des Kapitalismus. Und bei der nun anstehenden globalen Transformation wäre das noch nicht einmal das Worst-Case-Szenario. Denn sie wird womöglich gar nicht stattfinden, oder die Herausbildung einer klimaneutralen Wirtschaftsweise wird sich über Jahrzehnte hinziehen.

Die Anhänger eines „Grünen New Deal“ schwärmen von einer Win-win-Bilanz: Solaranlagen und Windturbinen werden jede Menge billiger Energie produzieren, die Klimakrise wird entschärft, dreckige Arbeit durch saubere ersetzt. Und der Globale Norden wird dem Globalen Süden helfen, die Phase der „normalen“ Industrialisierung zu überspringen und in eine glorreiche grüne Zukunft einzutreten. Doch in der Realität sind so umfassende Transformationsprozesse niemals eine Win-win-Angelegenheit. Im Fall der russischen Transformation vom Kommunismus zum Kapitalismus gab es fast nur Verlierer, und unter den Folgen leidet das Land bis heute. Andere grundlegende Wandlungsprozesse – etwa die Agrarrevolution im Neolithikum oder die verschiedenen industriellen Revolutionen – sind auf jeweils eigene Art ähnlich katastrophal verlaufen.

Das entscheidende Problem liegt letztendlich vielleicht weniger bei der misslichen Ausgangslage als vielmehr im Mechanismus der Transformation selbst, denn die kann grausame Folgen haben oder gar in einen Genozid münden. Man frage nur die Neandertaler. Oh sorry, das kann man natürlich nicht, denn die wurden schon in einer großen Transformation vor 40 000 Jahren ausgelöscht, als sich der Homo sapiens durchsetzte. Und doch haben diese Hominiden nicht nur Knochen und Werkzeuge, sondern auch einen kleinen Teil ihrer DNA in der Erbmasse der heutigen Menschen hinterlassen.

Auch die Sowjetunion huldigte dem Wachstumsmythos

Die Neandertaler könnten auch infolge des Klimawandels ausgestorben sein; wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie von unseren Vorfahren getötet wurden. Damit hatten die Neandertaler ein ex­tremes, aber keineswegs einzigartiges Schicksal. Denn wann immer die Menschen einen großen Sprung nach vorn machen, hinterlassen sie in der Regel einen Riesenhaufen von Knochen.

Nehmen wir das Beispiel der Agrarrevolution, die das Ende der Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften bedeutete (von denen nur noch einige wenige in isolierten Regenwaldzonen Brasiliens überleben). Sie bescherte der Menschheit das Geschenk der Zivilisation, bis hin zu Schriftsprache, Handel und politischer Organisation. Aber dieser Habenseite steht die Schadenseite gegenüber, wie der Anthropologe Jared Diamond in einem berühmten Aufsatz dargelegt hat: Die neolithische Revolution brachte zugleich Krankheiten, Mangelernährung und krasse ökonomische Ungleichheit, was sie für Diamond zum „schlimmsten Fehler in der Geschichte der menschlichen Gattung“ macht.1

Zehntausend Jahre später hat die Menschheit womöglich einen noch weit schlimmeren Fehler begangen. Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts hat zwar dazu geführt, dass wir eine höhere Lebenserwartung und genügend Nahrungsmittel haben, um die Weltbevölkerung zu ernähren, und neuerdings auch Tiktok. Doch zugleich hat die Anwendung neuer Technologien durch „die Wirtschaft“ zu einer ruinösen Plünderung unseres Planeten geführt. Was noch bedrohlicher ist: Mit der industriellen Revolution haben die Menschen, wie uns ein Blick auf die Kurve der CO2-Emissionen lehrt, zum ersten Mal begonnen, das Erdklima auf vielleicht irreversible Weise zu verändern, indem sie fossile Brennstoffe in immer irrwitzigerem Tempo verbrennen.

Die neue Religion des Wachstums um jeden Preis kostete auch zahllose Menschenleben. In den „dunklen Teufelsmühlen“ (William Blake) der frühen Fabriken wurden Kinder verheizt; ein neues Proletariat war zu einem scheußlich harten und kurzen Leben verdammt; viele Millionen Menschen wurden Opfer des Kolonialismus, der eine riesige Schneise der Zerstörung durch den Globalen Süden schlug. Und so schufen die durch Plünderung und Ausbeutung reich gewordenen Oligarchen der Industrialisierung die Basis für ein Zeitalter, das sie das „Goldene“ nannten. Tatsächlich war es eine Epoche atemberaubender ökonomischer Ungleichheit, die heute in Gestalt unseres „Zeitalters der Milliardäre“ eine verblüffende Renaissance erlebt.

Wie sich zeigen sollte, huldigten dann aber auch die Kommunisten, bei aller Kritik an den Grausamkeiten des Kapitalismus, dem Gott des unbegrenzten Wachstums. Angefangen mit Lenin, glaubten sie, dass die neuen kommunistischen Staaten dank staatlich gesteuerter Modernisierung und Zwangsmaßnahmen mehr produzieren könnten als die kapitalistischen Länder. Doch ihr Ehrgeiz, den Prozess der industriellen Modernisierung auf wenige Jahre zu komprimieren, um den Westen zu überholen, kam die eigene Bevölkerung teuer zu stehen. Die Kollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft in den 1930er Jahren führte zu etwa 10 Millionen Toten. In China kostete der „Große Sprung nach vorn“ (1958–1962) sogar 45 Millionen Menschenleben. Und während die Leichenberge immer größer wurden, organisierte die kommunistische Ein-Prozent-Elite – eine neue Klasse von Parteifunktionären und ihrer Kumpane – ihren eigenen privaten „Sprung nach vorn“.

Für den Soziologen Peter L. Berger pflegen der Kommunismus wie der Kapitalismus ein Konzept ökonomischer Entwicklung, das auf dem „Opfer“-Gedanken beruht. Das heißt: „Fortschritt“ und „Wachstum“ sind mythische Größen, die gewisse Menschenopfer fordern – wie einst die Priester der Azteken, die mit rituellen Tötungen die Götter versöhnen und ihre Zivilisation retten wollten. In seinem Buch „Pyramids of Sacrifice“ schrieb Berger schon 1974, dass die Eliten „ihre privilegierte Position fast ausnahmslos mit angeblichen Wohltaten legitimieren, die sie für ‚das Volk‘ erbringen oder zu erbringen vorhaben“. Freilich kommen diese versprochenen Wohltaten in den meisten Fällen der Elite zugute und nicht den Massen.

New Internationalist - Alternatives to Capitalism Juli 2015, Ausgabe 484.jpg

Damit sind wir wieder bei der „großen Transformation“ der 1990er Jahre, als realsozialistische Länder kehrtmachten, um in Richtung Kapitalismus umzuschwenken. Natürlich kann man die Verluste, die Russland in dieser Zeit erlitt, nicht mit dem Schrecken der Kollektivierung in den 1930er Jahren vergleichen. Und doch musste fast die gesamte Bevölkerung – abgesehen von den wenigen, die zu Banditen wurden – Einbußen hinnehmen, weil die Transformationskosten die Rentnerinnen, die Arbeiter und Bauern weit überproportional belastet haben.

In den frühen 1990er Jahren war ein Drittel der russischen Bevölkerung unter die Armutsgrenze gesunken. Die Lebenserwartung der Männer ging zwischen 1990 und 2000 von 63 auf 58 Jahre zurück. Die allgemeine Ernüchterung über die „liberale Marktwirtschaft“ förderte den politischen Aufstieg von Wladimir Putin, der sich die enttäuschten Hoffnungen clever zunutze machte. Die Popularitätswerte des russischen Präsidenten sind nach wie vor ziemlich hoch, obwohl nur 27 Prozent der Russinnen und Russen glauben, dass es ihnen heute wirtschaftlich besser geht als zu Zeiten der Sowjetunion.

In den anderen Ländern des ehemaligen Sowjetblocks gab es ähnliche, wenn auch nicht so folgenschwere Verwerfungen. Und es gab mehr Gewinner, etwa in Polen, wo erstmals das Experiment der „Schocktherapie“ zum Einsatz kam. Von diesem schlagartigen Übergang zum Kapitalismus hat vor allem eine junge, gut ausgebildete, vorwiegend städtische Elite profitiert, die erfolgreich die Welle des Wandels gesurft hat.

Aber auch in Polen gab es die Transforma­tions­verlierer: ältere und weniger gebildete Leute vorwiegend aus ländlichen Gegenden. Die allerdings übten späte Rache mittels Stimmzettel, denn sie brachte bei den Wahlen von 2015 die entschieden antiliberale Partei namens Recht und Gerechtigkeit (PiS) an die Macht, die bis heute in Warschau regiert. Eine ähnliche Entwicklung brachte auch in anderen Ländern Osteuropas – in Tschechien, Ungarn und Slowenien – rechtspopulistische Regierungen an die Macht.

Allerdings konnten sich diese Länder, ungeachtet der Ernüchterung über das Resultat der Transformation, auf ein Fundament stützen, das Russland nicht hatte: die Europäische ­Union. Dank eines stetigen Zuflusses von Subventionen und Kapital sowie technischer Unterstützung beim Aufbau politischer und rechtsstaatlicher Institutionen konnten diese ost- und zentraleuropäischen EU-Mitglieder das vormals übermächtige Russland ökonomisch abhängen. Die Kluft, die den Osten der EU von dem reicheren Westen trennt, ist auch heute noch groß, aber vom Leben eines EU-Bürgers zweiter Klasse können die meisten Russinnen und Russen nur träumen.

Quelle       :       Le MONDE diplomatique-online       >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     — Alleestraße 144 in Bochum

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Dieses Thema ruft nach SOS: Rettet unsere Spezies. Redakteur Richard Swift glaubt, dass in unserem gegenwärtigen politischen System genau das auf dem Spiel steht. Vielleicht nicht im nächsten Jahr oder gar im nächsten Jahrzehnt, aber sicherlich in absehbarer Zeit steuern wir sozial und ökologisch einen rutschigen Abhang hinunter – dessen Boden eine sehr harte Landung verspricht. Der Hauptbösewicht des Stücks ist unser gegenwärtiges System, das sich einem außer Kontrolle geratenen Wachstum verschrieben hat, das auf ökologischer Zerstörung und sozialer Ungleichheit basiert, die noch vor 30 oder 40 Jahren unvorstellbar waren. SOS ist ein Versuch, uns zu helfen, auf die Bremse zu treten und zu zeigen, dass wir andere Optionen haben.

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