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Quer -Lutscher -Denker?

Erstellt von DL-Redaktion am Freitag 4. Dezember 2020

Demokratie aus dem Tunnel

Berlin connecting pedestrian tunnel - Maeusetunnel.jpg

Querdenker – von Kathrin Gerlof

Der soziale Friede sei durch die Corona-Proteste in Gefahr, heißt es. Doch die Probleme liegen tiefer, und das schon lange

Der soziale Friede ist gestört. Eine insofern mutige Aussage, als sie postuliert, dass es ihn gibt. Als der aufgebrachte Bürger im November laut vor dem Reichstag wütete, nannte der Bundespräsident dies einen „Angriff auf das Herz unserer Demokratie“. Sind die Parlamente das Herz oder ist es die Summe all jener, die wie Demokratinnen handeln? Corona-Gegner – so die allgemeine Einschätzung – radikalisierten sich mehr und mehr. Die Reaktion der Politik ist erst mal verständlich: Wenn das Herz angegriffen wird, muss die Verteidigung mobilisiert werden. Sich aus dem Weg gehen ist eine Möglichkeit. Aber klar ist dann auch: So lässt sich nicht mehr mit denen „draußen“ reden.

Den Abgeordneten des Bundestages war vor der Abstimmung zum Infektionsschutzgesetz im November durch dessen Sicherheitsbeauftragten geraten worden, möglichst das unterirdische Gängesystem zu nutzen. Der Bürger, vor allem der in unseren Augen „verhaltensauffällige“ oder „verhaltensoriginelle“ Bürger hatte angedroht, den Frieden des „befriedeten Bezirks“ stören zu wollen. Oben der Plebs, unten die Abgeordneten. Es sei, hatte der Sicherheitsbeauftragte geschrieben, mit einem „differenten Teilnehmerfeld“ zu rechnen. Politisch radikal und teilweise gewaltbereit. Das gebe Anlass zur Sorge.

Noch mehr Sorge mag bereiten, dass es mehr und mehr zum Mittel der Wahl wird, die vielleicht notwendige Konfrontation zu meiden. Mal ganz abgesehen davon, dass es einer Demütigung gleichkommt, sich in die Fluchttunnel zu verziehen, obwohl fast überall in grellen Neonbuchstaben der Satz „Wir sollten reden“ brüllt. Aber, so sagen viele, reden nützt gar nichts, weil wir es hier nicht mit dem Demos, stattdessen mit dem Plebs zu tun haben. Der Plebs hört nicht zu, hat ein in sich geschlossenes Weltbild, sitzt Verschwörungstheorien auf, ist gewaltbereit, verloren allemal. Den kriegen wir nicht mehr zurück. Also ab in die Tunnel, ungestört an unsere Plätze, auf die uns die Bürgerinnen gewählt haben.

Vor 47 Jahren schrieb der Psychologe Peter Brückner: „Es ist eine der Errungenschaften der nachrevolutionären Warengesellschaft, dass im wachsenden Einverständnis der Bürger die Duldsamkeit gegen gewisse, systemkonforme Abweichungen zunahm; dass eine rationalisierte Form von Herrschaft, nun Leitung, Verwaltung, Führung genannt, dass Bürokratie sich an die Stelle des utopischen Konzepts einer herrschaftsfreien Sozialordnung setzte und jedem das Seine gab und individuelle und soziale Werte nicht mehr als unvereinbar gelten durften. (…) Nach blutigen Revolutionen, nach dem Elend des Frühkapitalismus und der imperialistischen Kriege stieg aus der Perfektion sozialer Zwänge, in denen die Freiheit zu Asche verbrennt, wie ein Phönix der soziale Friede.“

Überraschung: Querfront!

Möglicherweise verordnete einer wie Brückner der Gesellschaft heute eine Kombination aus Psychoanalyse und kognitiver Verhaltenstherapie. Psychoanalyse, weil es fein wäre, die Ursachen zu ergründen, warum der parlamentarischen Demokratie nicht unerheblich große Teile ihrer Bevölkerung abhandenkommen. Und Verhaltenstherapie, weil auch oder gerade in Demokratien gilt, dass man sich selbst ändern kann, jedoch der Versuch, die anderen zu ändern – um selbst so bleiben zu können, wie man ist –, auf wackligen Füßen steht.

Querfronten gab es schon immer und gibt es hierzulande verstärkt seit Pegida und Gründung der AfD. Langer Vorlauf also, um so überraschender die Überraschung. Nun haben wir eine Krise, in der sich all das, was schon da war oder schon mal da war, paart mit diffusem Unbehagen, mit Angst, mit dem Wunsch nach Zugehörigkeit und der Möglichkeit, Kränkungen der Vergangenheit auszuagieren: zu tun, zu handeln, gegen etwas zu sein. Dazu jene, die ein Einfallstor erkennen, wenn es weit geöffnet ist – schon wird aus befriedeten Bezirken ein Schlachtfeld. Zum Glück untertunnelt.

Wir werden 2020 nicht nur als Corona-Jahr in Erinnerung behalten, sondern auch als ein Jahr, in dem die parlamentarische Demokratie zwar nicht an ihre Grenzen kam, sehr wohl aber ein Lehrstück über die nachhaltige Wirkung vergangener Versäumnisse und gegenwärtiger Fehler bot. Auch diese Liste ist lang. Wir leben in einem Land, das seinen Menschen erst ab einem Alter von 18 Jahren zutraut, eine Wahl auf Bundesebene zu treffen. Die den Menschen, die seit langem hier leben, aber den falschen Pass haben, gleich gar nicht dieses Recht einräumt. Die sich in einer peinlichen Debatte über Reförmchen des Wahlrechts zerfetzt, die nur zum Ziel haben, dass der Laden nicht zu voll wird.

Quelle       :       Der Freitag         >>>>>       weiterlesen


Grafikquellen     :

Oben         —      Passengers transferring between the Berlin U2 line and the U6 line walking through a 160-m-long connecting pedestrian tunnel, popularly known by Berliners as the “mouse route” (Mäusetunnel). In 1999, the tunnel was clad with stainless steel plates and sandstone slabs and a new lighting system was installed.

 

Ein Kommentar zu “Quer -Lutscher -Denker?”

  1. Jimmy Bulanik sagt:

    Das Grundproblem besteht darin das es durch die Bundespolitik zu viele ungerechte Gesetze bestehen. Gerade im Steuersystem. Das System der Ausbeutung per Staatsräson. Ob Fleischindustrie, Zeitarbeit, Leiharbeit, Werkverträge. Die Studien der Sozialverbände wie VdK, der Paritätische, den Gewerkschaften werden gänzlich ignoriert von AfD, CSU, CDU, FDP. Die SPD ist ebenfalls zu sozialen Themen nicht zugänglich. Es bedarf öffentlich ein neuer sozialer ökoligischer Zeitgeist. Dahingehnd eine neue Epoche. Die neoliberale Schallplatte a la Wilhelm Röpke muss zeitgemäß ersetzt werden. Nicht nur in der Gesellschaft. Gerade auch in den Parlamenten. Diese brauchen den Mut dies der Wirtschaft wie Konzerne zu vermitteln.

    Je länger dies ausbleibt wird die Gesellschaft immer mehr im Elend landen. Durch ein Plus an Entwürdigung wird die Gesellschaft immer gewalttätiger werden. Die Gewalt kennt verschiedene Firmierungen. An der Zunahme an Gewalt im Inland als auch im Ausland kann viel scheitern. Darunter innerhalb des Friedensprojektes der Europäischen Union.

    Deshalb ist es wichtig das die Menschen immer aktiver werden. Das Schreiben an Parlamente, Medien, auch Betriebe. Spendet Geld an politische Partein die ihr für gut erachtet. Das können die Grünen sein. Mir ist bekannt das es viele gibt welche Symphatien für Die Partei haben. Sie trauen sich nicht sie zu wählen. Sie haben Angst. Angst davor das Die Partei nicht über die fünf Prozent Hürde kommen würde und keine Bundestagsfraktion bilden würden. Dabei wäre eine breitere Aufstellung der Parlamente wie Landtage, als auch Bundestag durch den Wettbewerb wie Die Partei Bewegung bringen. Die Grünen welche sicher heute besser positioniert sind als zuvor würden aus einer politischen Bequemlichkeit rauskommen.

    Ganz sicher soll die Wahlbeteiligung ein Gewinner der Wahlen werden. Da kann das unterstützen der Grünen und Die Partei viel gutes Bewirken. Unabhängig davon steht es allen frei, sich mit den Sozialverbänden in Verbindung zu setzen. Deren Studien online zu beziehen und dies zu studieren. Diese Studien zum Thema Armut sind ganz sicher besser als die der Bundesregierung.

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