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RENTENANGST

Queer-und Trans-Aktivismus

Erstellt von DL-Redaktion am Samstag 2. Mai 2020

Die Verschwörung der Verlierer

Queer-Empfang der Fraktion DIE LINKE im Bundestag im Berliner SchwuZ (8659641087).jpg

Von Paul B. Preciado

Paul B. Preciado, Kultautor des Queer- und Trans-Aktivismus, erzählt in seinem neuen Buch von der Transformation des eigenen Körpers und träumt von einem Ort der sexuellen Dissidenz. Vor Kurzem war er an Covid-19 erkrankt.

Krank wurde ich am 11. März in Paris, noch bevor die französische Regierung die Ausgangssperre anordnete, und als ich knapp eine Woche später, am 19. März, mein Bett wieder verließ, war die Welt eine andere geworden. Als ich mich hingelegt hatte, war die Welt noch nah, gemeinschaftlich, viskos und dreckig gewesen.

Als ich aufstand, war sie weit weg, vereinzelt, ausgetrocknet und klinisch sauber. Während der Krankheit war ich zunächst nicht in der Lage gewesen, die Ereignisse unter politischen oder ökonomischen Gesichtspunkten zu durchdenken, weil das Fieber und das Unwohlsein meine Lebensenergie überstiegen. Niemand ist ein Philosoph, während gerade sein Kopf explodiert. Hin und wieder schaute ich Nachrichten, aber das trug nicht gerade zu einer Verbesserung meiner Lage bei.

Die Realität glich einem bösen Traum, die Titelseiten der Zeitungen waren so verwirrend wie die Visionen, die mich während des Fiebers überfielen. Ich entschied mich, zwei Tage lang keine einzige Website zu öffnen. Wahrscheinlich war es dieses selbstverordnete Rezept gegen die Angst zusammen mit dem Oregano-Öl, das schließlich zu meiner Genesung führte.

Atemprobleme hatte ich zunächst nicht, aber es fiel mir schwer, mir vorzustellen, dass ich auch weiterhin würde atmen können. Todesangst verspürte ich nicht. Aber Angst davor, allein zu sterben.

Zwischen Fieberschüben und Angstattacken sagte ich mir, dass sich die Parameter des Sozialen für immer verändert hätten und dass es von nun an unmöglich sein würde, sie noch einmal zu modifizieren. Der Gedanke bohrte sich mit der Gewalt einer Epiphanie in meine Brust, während mir das Atmen wieder leichter fiel. Alles würde von nun an in der neuen Form verharren, die die Dinge plötzlich angenommen hatten. Wir würden Zugang zu noch exzessiveren Formen digitalen Konsums haben, aber unsere Körper, unsere physischen Organismen blieben aller Kontakte und aller Vitalität beraubt.

Die Mutation würde zu einer Kristallisation des organischen Lebens führen, zu einer Digitalisierung der Arbeit und des Konsums, zu einer Entmaterialisierung des Begehrens. Verheiratete wären von nun an gezwungen, rund um die Uhr eingesperrt zusammenzuleben, ob sie sich nun hassten oder liebten oder beides zugleich (was wohl, nebenbei bemerkt, ohnehin die häufigste Kon­stel­lation ist, werden Paare doch von einem quantenphysikalischen Gesetz regiert, gemäß dem es keine Gegensätze gibt, sondern allein die Gleichzeitigkeit dialektischer Tatsachen).

In dieser neuen Realität würden jene von uns, die die Liebe vor der großen Covid-19-Mutation verloren oder noch gar nicht gefunden hatten, dazu verdammt sein, den Rest ihres Lebens in totaler Einsamkeit zu verbringen. Wir würden überleben, aber ohne Berührungen, ohne Haut. Wer es zuvor nicht gewagt hatte, einer geliebten Person seine Liebe zu gestehen, würde diese Person auch dann nicht wiedersehen, wenn er plötzlich den Mut fände, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Er würde von nun an in der Erwartung einer physischen Begegnung leben, die sich nie realisieren würde. Wer vor der Mutation zu einer Reise aufgebrochen war, müsste für immer jenseits der Grenze leben, und die Großbürger, die sich ans Meer oder aufs Land zurückgezogen hatten, um die Tage des Ausgangsverbots in ihren komfortablen Zweitwohnsitzen zu verbringen, könnten nie in die Stadt zurückkehren (die Armen!).

File:Alexej von Jawlensky - Einsamkeit.jpg

So ziehen wir Einsam unsere Runden – fühlen uns mit Keinen mehr verbunden.

Man würde ihre Häuser beschlagnahmen, um darin Obdachlose unterzubringen, die im Gegensatz zu den Reichen auch weiterhin in der Stadt lebten. Alles bliebe bis in alle Ewigkeit in dem Zustand eingefroren, den die Dinge mit dem Ausbruch des Virus angenommen hatten. Was als vorübergehende Ausgangssperre begonnen hatte, würde für die Dauer unseres gesamten Lebens verlängert. Gut, vielleicht würden sich die Dinge doch noch einmal ändern, aber sicher nicht für jene von uns, die bereits über vierzig waren. Das war die neue Realität. Das Leben nach der großen Mutation. Und ich fragte mich, ob es die Mühe wert wäre, so zu leben.

Als ich nach der Woche, die ich mit dem Virus im Bett verbracht hatte – eine Woche, so unermesslich und sonderbar wie ein neuentdeckter Kontinent –, aufstand, stellte ich mir als Erstes folgende Frage: Unter welchen Bedingungen würde sich das Weiterleben lohnen? Und auf welche Weise sollte man weiterleben?

Quelle      :          TAZ       >>>>>         weiterlesen

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Grafikquelle       :

Oben     —       Über Politik diskutieren und durch die Nacht tanzen. Foto: Sandra Kaliga

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