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Post aus Jerusalem

Erstellt von Gast-Autor am Sonntag 10. Oktober 2010

Reuven Moskovitz

– Hotel Leonardo Inn, Nr.721, Postfach 3686 , 96100 Jerusalem, Tel. 00972 2 653 51 03, vardamos@hotmail.com

Liebe Freundinnen und Freunde!

Mag sein, dass meine Eitelkeit mich zu der Vermutung treibt, dass manche meiner Freunde sich fragen, warum ich mich nicht melde. Mit großer Zufriedenheit kann ich feststellen, dass ich in guter Gesundheit bin, kein Auto hat mich erwischt, auch keinen Herzinfarkt habe ich erlitten.

Es stimmt, dass ich diesen Brief schreibe mit einem einigermaßen gebrochenen Herzen. Bei meinem 80. Geburtstag bekam ich von der Malerin Thea Bohmer eine Aquarell „Reuven, ein Rufer in der Wüste“.  Ich habe mich immer als ein Rufer in einer großen Gewaltwüste an eine kleine Oase der Friedfertigen gewendet. Ich hoffe, dass ich mich irre, wenn ich den Eindruck habe, dass diese Oase von Hunderten Freunden am Schrumpfen ist. Es kann aber auch mit meiner kindlichen Annahme zu tun haben, dass alle Bekannten auch meine Freunde oder Gleichgesinnten sind. Was mich anbelangt, muss ich gestehen, dass auch die „Sintflut“ von Informationen, die meine Meinung bestätigen, zu meiner Schreibzurückhaltung beigetragen hat.

Was meinen gegenwärtigen Zustand anbelangt, kann ich nur betonen, dass meine Mahnungen und Befürchtungen nicht nur bestätigt, sondern im rasanten Ausmaß noch übertroffen wurden. Mit Erich Fried kann ich behaupten, dass es nicht darauf ankommt, wann die israelische Politik und die Regierenden zu Verbrechern geworden sind. Es kommt jedoch darauf an, dass diese Politik in der Gegenwart mehr und mehr verbrecherisch wird. Ich habe gegen die Unterdrückung, Einsperrung und Benachteiligung der unter Besatzung lebenden palästinensischen Bevölkerung unablässig aufgeschrien. Heute wird Israel regiert von einer nationalistischen, rassistischen und klerikalen Koalition, die nicht nur die Palästinenser im Visier hat, sondern die israelische Demokratie. Das oberste Gericht steht unter einem dauernden Angriff. Unter ähnlichem Angriff stehen auch Teile der israelischen Palästinenser.

Zum Beispiel streikte in Berlin Firas Maraghy, ein Jerusalemer Palästinenser 41 Tage lang. Er protestierte gegen den Versuch, seiner Tochter und seine Frau das Recht eines Jerusalemer Wohnsitzes zu verweigern. Inzwischen gab es ein Angebot seitens der israelischen Botschaft zur „Lösung des Problems“. Ein vorsichtiges Zeichen, dass andauernde Proteste und Solidarität – leider auch unter menschenunwürdigen Bedingungen für Firas Maraghy – eine positive Wendung nehmen können.

Ein anderes Beispiel: In Jerusalem steht ein ganzes Viertel – Sheich Jarach – unter der Bedrohung evakuiert zu werden, mehrere Familien wurden von ihren Wohnungen vertrieben und leben in Zelten. Das Wort „Judaisierung“ mag manche sensible und gut meinende Deutschen empören. Das aber ist genau die Absicht des rassistischen Bürgermeisters von Jerusalem.

Dutzende Häuser in Silwan – unmittelbares Nachbarviertel der Klagemauer –  zum Beispiel stehen unter der Bedrohung, als illegal gebaute Häuser zerstört zu werden. Wer aber kann legal in Silwan bauen, wenn niemand die Genehmigung erhält, selbst auf dem eigenen Grundstück zu bauen? Wie kann man diese nur sehr wenige von vielen Beispielen anders als mit dem Wort „Judaisierung“ bezeichnen?

Nicht nur die in Israel wohnenden Palästinensern und Beduinen werden verfolgt. Inzwischen werden auch israelische Juden boykottiert, die sich kritisch gegenüber der  israelischen Politik äußern. Zum Beispiel werden zu Zeit Künstler verleumdet, die sich weigern in der jüdischen Siedlung in Westbank, Ariel, aufzutreten. Sie wollen damit  ein Zeichen setzen gegen die Normalisierung jüdischer Besatzung in der Westbank. Theaterspielhäuser und Ticketverkäufer werden aufgerufen diese Künstler mit allen Mitteln zu boykottieren.

Ursprünglich wollte ich nicht darüber schreiben. Doch Wut und Empörung drängen mich dazu, die zu einem Zorn der Hoffnungslosigkeit zu werden drohen. Es mag der Spruch stimmen, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Im gegenwärtigen Zustand und vorausgesetzt, dass keine radikale Wende kommt, ist meine Hoffnung fast tot.

Nicht gestorben ist meine Bereitschaft,  bis zu meinem letzten Atemzug gegen diesen unsäglichen Zustand zu protestieren.

Nun möchte ich kurz ein paar persönliche Anliegen erörtern:

Im Gegensatz zu der Lage in Israel/Palästina geht es mir und meine Familie mehr als gut. Ich werde bald 82 Jahre alt und in diesem Jahr haben wir den 80. Geburtstag meiner Frau Varda gefeiert. Viele Freunde und Bekannten kennen sie – viele haben genossen ihre Gastfreundschaft und ihre künstlerischen Begabungen und ich habe ihre endlose Geduld und Unterstützung erlebt. Anlässlich ihres 80. Geburtstags haben meine Kinder und ich Varda mit der Ausgabe eines Buches, mit einer kleinen Auswahl ihrer Bilder und Gedichte, überrascht. Nun wird hiervon eine deutsch/hebräische Version gedruckt. Es ist mir ein Bedürfnis, unsere Freunde und Bekannten zu bitten, ihr als Zeichen der Anerkennung bei der Vorstellung des Buches persönlich zu begegnen. Ausnahmsweise bemühe ich mich für diese Veranstaltungen nicht zu improvisieren, sondern vorzeitig Termine festzulegen. Manche unserer Aufenthalte sind jetzt schon bekannt. In diesem Zeitrahmen werden die Buchvorstellungen stattfinden. Bitte merkt Euch diese Zeiten schon mal vor:

13.11.2010: Berlin, Niemöller Haus, Pacelliallee 61, 16 h – 20 h
16.11.2010: Berlin, Haus der Kirche, Goethestr. 27 – 30, (am Karl-August Platz) 18 h – 21 h
(ab 17 h Empfang mit der Möglichkeit zum Anschauen einiger Bilder von Varda)
18.11.2010: Stuttgart, Kulturzentrum Merlin, 19:30h
19.11.2010: Hamburg, Cafe Quo Vadis, Grendelallee 95 (im Grendelviertel)
21.11.2010: München, Club Voltaire, Matinee, Frauenhoferstr. 9  – München, 11h
29.11.2010: Gevelsberg
Genauere Angaben zu den Terminen in Gevelsberg werden die Interessierten dort von den Organisatoren erhalten können.
In der Hoffnung, möglichst vielen Freunden und Bekannten zu begegnen, verbleibe ich in tiefer und dankbarer Verbundenheit,
Euer Reuven
Berlin, September 2010
p.s. Ich werde über meine Erfahrungen auf dem jüdischen Schiff nach Gaza in den nächsten Wochen berichten, aber nur noch per e-mail verschicken.

IE

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Grafikquelle : Landeszentrale für Politische Bildung des SaarlandesLandeszentrale für Politische Bildung des Saarlandes

Alex Deutsch, die eintätowierte KZ-Nummer auf seinem linken Unterarm vorzeigend

Alex Deutsch, seine eintätowierte KZ-Nummer auf dem Arm vorzeigend (Ort: Gedenkstätte „Gestapo-Lager Neue Bremm“, Saarbrücken)

2 Kommentare zu “Post aus Jerusalem”

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